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Top Grusel Thriller #18: Die Stunde des Henkers

2017 120 Seiten

Leseprobe

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A.F.Morland - Die Stunde des Henkers

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Stunde des Henkers

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Der Henker von Wien Horror-Roman von A. F. Morland Es war kurz nach halb zwölf. Jakob Neumann führte seine Schäferhündin noch einmal aus. Wiens nächtliche Straßen waren menschenleer und wirkten wie ausgestorben. In wenigen Minuten sollte der Nacht-Western über den Fernsehschirm flimmern. Bis dahin wollte Jakob Neumann wieder zu Hause sein. Der Hund lief voraus. Er lief um die Ecke. Er fand den Nachhauseweg allein. Jakob Neumann warf sich die Leine über die Schulter und bog einige Augenblicke später ebenfalls um die Ecke. In diesem Moment sprang ihn das eiskalte Entsetzen an. Bessy, der Hund, lag vor dem Haustor und rührte sich nicht. Die Zunge hing weit aus dem Rachen.

Die Augen waren gebrochen. Blut troff aus der Schnauze.

»Bessy!« stöhnte Neumann verdattert und lief hastig zu der toten Hündin.

Plötzlich ließ ihn ein Geräusch hochzucken. Ein düsterer Schatten füllte die Haustornische. Und aus diesem undurchdringlichen Schatten trat dem entsetzten Mann eine furchteinflößende Gestalt entgegen.

Die Erscheinung war maskiert. Der kräftige Mann sah aus wie ein Henker, der sich aus dem tiefsten Mittelalter in das zwanzigste Jahrhundert verirrt hatte.

Schwarzer Lederschurz. Schwarzes Lederwams. Und eine scharlachrote Kapuze, in die zwei Löcher für ein teuflisch glühendes Augenpaar geschnitten waren.

Jakob Neumann schüttelte entsetzt den Kopf. »Nein!« preßte er mühsam hervor. »Nein!« Er wich vor der unheimlichen Erscheinung zurück.

Die muskulösen, nackten Arme des Henkers glänzten im Schein der Straßenbeleuchtung. Er riß sein scharfes, blitzendes Beil hoch.

Jakob Neumann stieß einen langgezogenen, weithin gellenden Entsetzensschrei aus.

Da schlug der unbarmherzige Henker kraftvoll und blitzschnell zu...

Paul Neumann saß etwa zur gleichen Zeit im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat.

Paul war zwanzig. Er war groß, schlank, hatte blondes Haar und himmelblaue Augen.

Auf dem Tisch stand eine Flasche Bier. Paul öffnete den Verschluß.

Es knallte. Er goß den goldenen Saft ins bauchige Glas und trank in langen, durstigen Zügen.

Das Telefon schlug an.

Paul blickte auf die Armbanduhr. Er schüttelte erstaunt den Kopf.

Wer mochte das sein? Um diese Zeit?

Paul erhob er sich und ächzte dabei. Er griff nach dem Hörer.

»Neumann!«

Ein Kichern am anderen Ende der Leitung. Dann eine helle, freundliche Mädchenstimme: »Eigentlich schickt es sich nicht für ein junges, unverheiratetes Mädchen, einen jungen, unverheirateten Mann zu so später Stunde anzurufen...«

Paul Neumann lachte. »Karin!« rief er erfreut aus. »Wo warst du heute? Ich habe dich mindestens zehnmal angerufen!«

»Ich hab’ dir doch schon vorgestern gesagt, daß wir heute einen Betriebsausflug machen, Paul.«

Paul schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, daß es klatschte.

»Ach ja. Das hab’ ich schon wieder verschwitzt.«

Er und Karin waren eng befreundet. Wenn sein Studium nicht gewesen wäre, hätten die beiden wahrscheinlich längst geheiratet.

Doch erst wollte Paul damit fertig sein. Er wollte unbeschwert in die Ehe gehen. Mit guten Aussichten für eine sichere Zukunft.

Karin Utz verstand das.

Sie waren ja beide noch jung genug, um warten zu können. Sie hatten noch ein ganzes herrliches Leben vor sich.

»Wie kommst du mit deiner Arbeit voran, Paul?« fragte das Mädchen.

»Gut. Sehen wir uns morgen?«

»Gern – wenn es dein Studium zuläßt.«

Paul rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die überanstrengten Augen.

»Ich kann ja nicht immer nur studieren.«

Karin lachte. »Jetzt sagst du genau das, was ich immer zu dir sage. Holst du mich morgen vom Büro ab?«

Paul murmelte etwas, das das Mädchen nicht verstehen konnte.

»Was hast du gesagt?« fragte sie.

»Ich habe nur ein wenig zu laut nachgedacht. Ich hätte einen anderen Vorschlag. Es macht dir doch bestimmt nichts aus, wenn du hierherkommst, Karin. Ich könnte solange arbeiten. Wir könnten dann gleich hier irgendwo in der Nähe ins Kino gehen. Anschließend machen wir einen ausgedehnten Praterbummel, und hinterher gehen wir tanzen.«

Karin lachte begeistert. »Du hast dir ein reichhaltiges Programm vorgenommen.«

»Wir haben eine Menge nachzuholen. Man kommt ja nirgends mehr hin.«

»Gut, Paul. Ich bin einverstanden. Also bis morgen dann. Grüß deinen Vater schön von mir.«

»Mach’ ich.«

»Gute Nacht, Paul.«

»Gute Nacht, Karin.«

»Träum was Schönes.«

Paul lachte. »Bestimmt. Ich liebe dich, Karin.«

»Ich dich viel, viel mehr«, kicherte das Mädchen und legte auf, nachdem sie noch drei Küsse durch die Leitung geschickt hatte.

Lächelnd legte auch Paul den Hörer auf die Gabel. Sie war ein nettes Mädchen, seine Karin. Einsichtig, ruhig, verständnisvoll – und hübsch war sie obendrein. Ein richtiger Engel. Es gab nicht viele davon.

Im Fernsehen lief inzwischen der Western.

Zwei Pistolenschützen belauerten sich. Gespannt starrten sie sich in die Augen. Langsam gingen sie im Kreis. Jeder die Hand so nah beim Colt wie möglich. Jeder bereit, den anderen zu töten...

Paul blickte ungeduldig auf seine Uhr.

Wo nur Vater mit dem Hund so lange bleibt? dachte er. Er wollte doch zu Beginn des Films wieder da sein.

In dem Moment, als die Gunmen zu ihren Waffen griffen, trommelte draußen jemand an die Wohnungstür, als wollte er sie einschlagen.

Paul sprang erschrocken auf. Die Schläge hallten durch das Haus und dröhnten durch die Wohnung.

Da war etwas passiert!

Paul rannte ins Vorzimmer und riß die Tür auf.

Der Hausmeister war käseweiß. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten.

Er schrie dem Jungen mit krächzender Stimme ins Gesicht: »Herr Neumann! Bitte kommen Sie schnell!«

»Um Himmels willen, was ist denn passiert?«

»Ihr Vater...«

»Was ist mit ihm?« fragte Paul bestürzt. Wenn der Hausmeister so aufgeregt war, mußte etwas Entsetzliches mit seinem Vater passiert sein.

»Er ist... tot!«

Paul glaubte, er würde vom Schlag getroffen. Er starrte den Mann entsetzt an.

»Vater? Tot?«

Plötzlich stieß er den Mann beiseite und hastete die Treppe wie von Furien gehetzt hinunter.

»Vater!« gellte sein verzweifelter Schrei durch das Haus.

Der Hausmeister rannte hinter dem Jungen her, konnte ihn mit seinen alten Beinen jedoch nicht einholen.

Paul hastete aus dem Haus.

Da lag der Hund. Tot.

Leute standen mit bleichen Gesichtern im Kreis. Als sie Paul erkannten, wichen sie schweigend zur Seite. Ringsherum schauten den Jungen schreckensbleiche Gesichter an.

Sie bildeten eine Gasse.

Und dann sah Paul seinen Vater. Eine eiskalte Hand krallte sich in sein Herz und drohte es zu zerdrücken.

»Vater!« kreischte der Junge.

Jakob Neumann lag auf dem Bauch. Mitten in einer dunklen, glitzernden Blutlache.

Doch das schlimmste war: Jakob Neumanns Kopf lag zwei Meter vom Körper entfernt in der Gosse!

***

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»HE, DIE WÜRSTCHEN sind aufgeplatzt!« schrie der lange betrunkene Kerl mit den dunklen Bartstoppeln im Gesicht. »Die fressen wir nicht!«

Sein Freund, ebenso betrunken, kicherte. Er war etwas kleiner als sein Zechkumpan und trug eine schmutzige Baskenmütze auf dem kantigen Schädel.

»Hast dir wohl gedacht, die beiden sind ohnehin besoffen, denen kann man servieren, was man will!« ärgerte sich der Größere.

Das Serviermädchen nagte verlegen an der Unterlippe. Allerdings.

Genau das hatte sie gedacht.

Sie war klein und zierlich. Wenn die beiden jetzt anfingen, Radau zu schlagen...

Sie näherte sich ängstlich dem Tisch mit den verärgerten Gästen.

»Es ist mir furchtbar unangenehm...«

Der Lange packte die Würstchen mit zornfunkelnden Augen und schleuderte sie quer durch das Lokal. Sie flogen bis zum Spiegelregal und verfingen sich da zwischen den bunten Schnapsflaschen.

Der mit der Baskenmütze schleuderte das Brötchen hinterher.

»Alt und steinhart!« maulte er.

Die Semmel schlug wie ein Stein zwischen den Flaschen ein und polterte dann auf den Boden.

Da erschien der Wirt. Ein schwerfälliger Mann mit einem gutmütigen Gesicht – solange sich die Gäste ordentlich aufführten. Mit Typen dieser Art machte er jedoch kurzen Prozeß.

»Jetzt reicht der Spaß aber, Freunde!« schrie er.

Niemand im Lokal sagte mehr ein Wort.

Alle blickten gebannt auf den dicken Wirt und auf die betrunkenen Gäste, die ihn feindselig anglotzten.

»Ach, leck uns doch...!« sagte der Lange.

»Du Saukerl frißt die guten Würstchen selber, und die schlechten läßt du deinen Gästen servieren!« knurrte der mit der Baskenmütze.

Der Wirt streckte den Arm aus und wies auf die Tür.

»Raus!« fauchte er. »Aber schnell! Sonst könnt ihr Saufbrüder was erleben!«

»Diese miese Dreckbude sieht uns nie wieder!« sagte der Lange und verzog verächtlich die Mundwinkel.

»Es wird euch keiner eine Träne nachweinen!« knurrte der Wirt.

Und zu dem Mädchen sagte er herrisch: »Abkassieren!«

»Was heißt hier, abkassieren?« schrie der Lange aufgebracht. »Was wir getrunken haben, ist bezahlt. Die Würstchen haben wir ja nicht gegessen. Heb sie gut auf, du fettes Schwein. Vielleicht kommt heute nacht noch ein Trottel, dem du sie verkaufen kannst.«

Der Wirt wuchtete vor.

Der Lange schnellte hoch und zog sein Springmesser.

Der Wirt blieb wutschnaubend stehen.

»Nur keine Gefühlsausbrüche, Guter. Sonst schnitze ich dir ein Herz in deinen fetten Bauch.«

Der mit der Baskenmütze erhob sich langsam und grinste höhnisch.

Niemand hinderte die Betrunkenen daran, das Lokal zu verlassen.

Jeder war froh, als sie draußen waren.

Die Männer gingen bis zur nächsten Straßenecke.

»Was machen wir?« fragte der mit der Baskenmütze. »Gehen wir schon nach Hause? Oder heben wir noch irgendwo einen?«

»Mir ist nach einem guten Rum. Dir nicht auch?« grinste der Lange.

»Ein Gläschen könnte ich noch vertragen.«

»Dann schlage ich vor, wir gehen vor zum Praterstern und genehmigen uns da noch einen.«

»Einverstanden«, nickte der mit der Baskenmütze.

Sie marschierten los. Um schneller da zu sein, wohin sie wollten, kürzten sie den Weg ab, indem sie durch den nächtlichen Prater gingen.

Die Schaubuden, Schießbuden, Erfrischungskioske hatten bereits geschlossen.

Eine schwarze Stille brütete über dem großen Gelände.

In einiger Entfernung ragte das Riesenrad zum Nachthimmel empor. Die gespenstischen Silhouetten von Grottenbahnen und Riesenschaukeln umgaben die betrunkenen Männer.

»Kühl heute!« sagte der mit der Baskenmütze und zog die Schultern nach oben.

»Bleib mal stehen!« sagte der Lange. »Ich möcht’ mir eine Zigarette anzünden.«

»Kann ich auch eine haben?«

Der Lange holte zwei Stäbchen hervor. Sie stellten sich in eine dunkle Nische, damit der Wind ihnen die Streichholzflamme nicht ausblies.

Einen Augenblick später pafften sie an ihren Zigaretten.

Sie hörten schnelle Schritte und wandten die Köpfe.

Zwischen zwei Schaubuden huschte eine Gestalt ziemlich nahe an ihnen vorbei.

Der Spuk dauerte nur zwei Sekunden. Dann war die Erscheinung wieder verschwunden. Kurz waren noch die schnellen Schritte zu hören. Dann verstummten sie.

Der mit der Baskenmütze schüttelte verwirrt den Kopf.

»Ich muß was mit den Augen haben!« sagte er perplex. »So was gibt’s doch nicht. Der muß von einem Maskenball kommen.«

Der Lange schüttelte sich fröstelnd. »Das sind vielleicht Typen, die als Henker verkleidet auf einen Maskenball gehen!«

»Brrr!« machte der mit der Baskenmütze und schüttelte sich.

»Komm, gehen wir, ehe der Kerl noch einmal zurückkommt.«

»War richtig unheimlich, der Bursche, was?«

»Kann man wohl sagen!« nickte der mit der Baskenmütze.

Dann machten sie, daß sie schnell aus dem Pratergelände rauskamen.

»Wir – wir müssen die Polizei verständigen!« sagte der Hausmeister.

Paul Neumann kniete schluchzend neben dem Körper seines toten Vaters. Überall war Blut.

Jemand hatte diesen herzensguten Menschen bestialisch enthauptet.

Warum? Jakob Neumann hatte so ein gräßliches Ende nicht verdient.

Die Leute, die ringsherum standen, murmelten aufgeregt. Irgend jemand rief per Handy die Polizei an.

»Wer tut so etwas Schreckliches?« fragte einer.

Paul spürte die heißen Tränen über die kalkweißen Wangen rollen.

Er konnte es einfach nicht fassen, daß sein Vater tot war.

Der Hausmeister trat an den Jungen und legte ihm seine Hand vorsichtig auf die Schulter.

Paul zuckte zusammen und hob die rotgeweinten Augen.

»Es – es tut uns allen schrecklich leid um Ihren Vater, Paul.«

Paul Neumann war nicht fähig, ein Wort zu sagen. Er war so schrecklich verzweifelt. Eine wahnsinnige Wut kochte in ihm. Er haßte die Bestie, die diesen abscheulichen Mord begangen hatte.

Einen sinnlosen Mord, wie es schien.

Warum? Warum? Warum? brüllte es in ihm.

»Ich glaube, Herr Pentek hat den Kerl gesehen, der das getan hat, Paul.«

Paul Neumann erhob sich mit fieberndem Blick.

»Wer?« rief er. Seine Augen suchten Pentek. »Wer? Herr Pentek! Wer hat das getan?«

Herrmann Pentek drängte zwei Leute zur Seite und kam zu dem Jungen.

Pentek war fünfzig, grauhaarig und mager. Auf den Wangen lagen dunkle Schatten. Das Leben hatte diesem Mann so manchen üblen Streich gespielt. Oftmals enttäuscht, krank, entmutigt. Das war Herrmann Pentek heute.

Er sah Paul mit einem festen Blick in die ruhelosen Augen.

»Sie haben den Kerl...?«

Pentek nickte.

»Ich habe wieder einmal Schwierigkeiten mit meinem Herzen gehabt. Übelkeit, Schweißausbruch, das Gefühl, ersticken zu müssen... Na ja ... Scheußliche Sache ... Ich lief zum Fenster und wollte es eben aufmachen – da habe ich Ihren Vater schreien gehört, Paul.«

Pentek senkte den Blick und schaute verzweifelt auf die geköpfte Leiche. »Es war ein furchtbarer Schrei, der ganz plötzlich abriß... Und dann habe ich den Kerl gesehen. Er trug eine scharlachrote Kapuze!«

»Eine scharlachrote Kapuze?« fragte Paul Neumann ungläubig.

»Seine Augen glühten wie die eines Teufels. Ich dachte, mein Herz würde stehenbleiben. Das Beil, das er bei sich trug, hat seltsam gefunkelt. Es war voll Blut. Er lief in diese Richtung davon!« sagte Pentek und streckte den Arm aus.

»Ein Wahnsinniger!« sagte der Hausmeister kopfschüttelnd. »Das muß ein Wahnsinniger gewesen sein.«

»Ich glaube, der hat schon in der vergangenen Woche jemanden umgebracht«, sagte Herrmann Pentek. »Drüben in der Rustenschacherallee.«

Paul Neumann blickte den Nachbarn bestürzt an.

Sirenengeheul jaulte durch die Nacht. Blaulichter kamen von zwei Seiten die Straße entlanggefegt.

Immer mehr Fenster wurden aufgerissen. Immer mehr Leute blickten auf den toten Jakob Neumann hinunter.

Grauen packte die Leute.

Der unheimliche Henker hatte schon zum zweitenmal zugeschlagen.

Es war anzunehmen, daß dies der Auftakt zu einer grauenvollen Mordserie werden würde.

Ängstlich fragte man sich, wer wohl das nächste Opfer des bestialischen Henkers sein würde.

***

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KARIN HATTE DAS SCHWARZE Haar hochgesteckt und kunstvoll verknotet.

Wie verabredet, war sie gleich nach Büroschluß hierhergekommen.

Sie klingelte nicht, weil sie wußte, daß Paul das immer von seiner Arbeit hochschrecken ließ. Sie klopfte rücksichtsvoll und gerade so laut, daß es nicht zu überhören war.

Schritte schlurften drinnen heran.

Paul war wahrscheinlich wieder einmal zum Umfallen müde. Aus Kino, Praterbummel und anschließender Disco würde wohl nichts werden.

Wahrscheinlich hatte er wieder einmal die Nacht durchgearbeitet.

Die Tür ging auf.

Karin Utz erschrak.

Paul war kaum wiederzuerkennen. Er war unrasiert. Dunkelgraue Schatten lagen unter seinen glanzlosen Augen. Er schaute sie an, schien aber gleichzeitig durch sie hindurchzusehen. Seine Bewegungen waren matt und unkontrolliert.

»Um Gottes willen!« rief Karin erschrocken aus. »Paul! Du siehst ja aus wie der Tod.«

Er sah ihr in die Augen, ohne sie richtig wahrzunehmen.

Seine Stimme klang gebrochen wie die eines uralten Mannes.

»Karin, du? Dich hab’ ich ganz vergessen.«

Karin trat ein und schloß die Tür hinter sich. Er half ihr nicht aus dem Mantel. Sie schlüpfte selbst heraus und hängte ihn auf die Kleiderablage.

Er trottete mit bleiernen Füßen mit ihr ins Wohnzimmer.

Paul Neumann ließ sich auf das Sofa fallen, nachdem sich Karin gesetzt hatte.

»Mein Vater ist...« Er schaute das Mädchen verstört an. »Mein Vater ist tot!« Dieser schreckliche Satz war eine einzige große, verzweifelte Anschuldigung.

Karins Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Paul konnte den Schmerz nicht mehr länger zurückhalten. Er begann haltlos zu schluchzen.

Karin saß erstarrt neben ihm. Sie wußte nicht, was sie tun sollte.

Wie konnte sie Paul trösten? Was war passiert?

»Aber – aber wieso tot?« preßte sie mühsam hervor. »Er war doch kerngesund.«

»Er wurde umgebracht«, keuchte Paul. Er richtete sich auf, wischte sich die Tränen weg. »Während wir telefoniert haben, hat ihn jemand ermordet.«

»Wer? Hat man den Mörder schon?«

»Ein Wahnsinniger. Als Henker verkleidet. Er hat... Er hat ... meinem Vater den Kopf abgeschlagen!«

Karin fuhr sich an die bebenden Lippen.

»Wie furchtbar, Paul!«

Der Junge wischte sich noch einmal über die Augen.

»Ich war die ganze Nacht bei der Kripo«, sagte ermüde. »Verhöre. Protokolle. Sie haben mir viele Fragen gestellt. Ich wußte keine Antworten darauf. Ich weiß doch nichts!« Er riß die zitternden Hände vors Gesicht und keuchte verzweifelt: »Verdammt, ich weiß doch nichts!«

Karin legte ihm ihren Arm um die Schultern. »Es tut mir so leid, Paul.«

Neumann seufzte.

»Ja, ich weiß, Karin. Ich weiß.«

»Kann ich irgend etwas für dich tun?«

Paul Neumann nickte. »Ja. Laß mich heute nicht allein. Ich ertrage diese schreckliche Einsamkeit nicht. Sie bringt mich um.«

Karin erhob sich. »Willst du etwas trinken?«

»Ja.«

Sie wußte, wo die Hausbar war. Die Tür quietschte, als sie sie öffnete.

Es war nicht viel da. Lauter leere Flaschen. In einer Flasche war noch Weinbrand für ungefähr fünf Gläser.

Sie goß zwei Gläser voll und brachte sie zum Tisch. Sie tranken schweigend.

»Die Polizei wird den Mörder unschädlich machen, Paul. Bestimmt.«

Paul Neumann stellte das leere Glas auf den Tisch.

»Vater ist sein zweites Opfer!« sagte er zähneknirschend. »Er hat schon einmal getötet. Einen alten Mann. Vergangene Woche. In der Rustenschacherallee. Die Polizei steht vor einem Rätsel.«

Er stand auf und holte die Flasche. Er brauchte noch einen Schnaps.

Als er das zweite Glas geleert hatte, schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch.

»Verflucht! Ich werde diese grausame Bestie auf eigene Faust suchen. Ich werde den Kerl finden!« Paul streckte die Hände wutentbrannt von sich. »Ich werde ihn mit diesen Händen erwürgen!«

»Das darfst du nicht!« rief Karin entsetzt.

»Er hat meinen Vater umgebracht!«

»Trotzdem...«

Paul starrte das Mädchen mit zornfunkelnden Augen an.

»Du hättest seine Leiche sehen sollen, Karin, dann würdest du anders reden. Der... Kopf lag zwei Meter von seinem Körper entfernt – in der Gosse!« Paul schüttelte sich verzweifelt. »Ich werde diesen entsetzlichen Anblick nie vergessen.«

Wütend trank Paul noch ein Glas.

»Ich kann nicht anders. Er hat mir meinen Vater genommen. Ich brauche die Rache. Sonst kann ich nicht weiterleben!«

Karin erschrak über den furchterregenden Blick Pauls. Er wollte töten. Er wollte diesen Mann töten. Sie hatte einen solchen entsetzlichen Blick noch nie bei Paul gesehen.

Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Es wirkte unpersönlich und kalt.

Karin sah eine fürchterliche Zeit auf sich zukommen.

***

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DER REST DES TAGES ging schnell herum.

Der Abend kam.

Hatte Paul bei Karins Eintreffen noch gesagt, sie solle bei ihm bleiben, denn er würde die Einsamkeit nicht ertragen können, so drängte er jetzt darauf, daß sie ging.

»Du mußt nach Hause gehen, Karin.«

»Aber du hast doch gesagt...«

»Ich will nicht, daß sich deine Eltern Sorgen machen.«

»Ich könnte sie anrufen. Sie haben nichts dagegen, wenn...«

Paul schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, Karin. Ich bringe dich nach Haus. Es ist mir lieber so.«

Karin nickte. »Wie du meinst.«

Sie verließen die Wohnung. Paul hatte seinen Wagen gleich um die Ecke geparkt. Sie setzten sich schweigend in das Fahrzeug und fuhren los.

Nach einer Fahrt von zehn Minuten waren sie am Ziel.

Paul küßte Karin flüchtig auf die Wange. Er war mit seinen Gedanken nicht bei der Sache.

Sie streichelte besorgt sein fahles Gesicht und rutschte dann aus dem Wagen.

»Bis morgen also, Paul.«

Er hörte sie kaum. Mechanisch nickte er. »Ja. Bis morgen«, sagte eine Stimme. Er wußte nicht, ob es die seine war.

Karin schlug die Tür zu.

Er wartete, bis sie das Haustor aufgeschlossen hatte. Sie winkte ihm noch einmal zu. Dann verschwand sie hinter dem Tor.

Licht flammte im Treppenhaus auf. Der Lift pendelte nach oben.

Paul gab Gas und fuhr in einem seltsamen Trancezustand davon.

Plötzlich brach Paul der Schweiß aus allen Poren. Sein Gesicht glänzte. Ihm wurde schrecklich kalt. Ein heftiger Schüttelfrost packte ihn. Was war das?

Ein Schwächeanfall?

Zufällig fiel sein Blick auf das Autoradio. Es war beleuchtet, obwohl er ganz sicher war, daß er es nicht eingeschaltet hatte.

Unheimliche Trauermusik füllte mit einemmal den Wagen. Dumpfe, schwere Töne. Sie wurden immer lauter, begannen zu dröhnen.

Langsame, behäbige Takte. Eine ungeheuer melancholische Melodie. Schwermütig, traurig.

Paul Neumann starrte verwirrt auf das Autoradio. Die Musik drang ihm bis in die Knochen und erzeugte in seinem tiefsten Inneren ein unerklärliches Gefühl.

Noch mehr Schweiß brach Paul aus den Poren. Das glänzende Naß rann in kleinen Bächen an seinen Wangen herunter. Hemd, Unterhemd, alles klebte an seinem Körper. Eine Gänsehaut spannte sich über seinen Rücken. Angst und Verzweiflung packten ihn. Und die Kälte wurde immer unerträglicher.

Wütend raffte er sich auf, das Radio abzudrehen. Er griff hastig nach dem Knopf.

Es war abgeschaltet.

Trotzdem drang weiter diese unheimlich schwermütige Musik aus dem Lautsprecher.

Paul konnte sich das nicht erklären.

Entsetzt drehte er an dem Knopf des Radios herum.

Das Radio spielte weiter.

Paul zitterte. Er hätte anhalten sollen, hätte aussteigen sollen, doch irgend etwas zwang ihn, im Wagen sitzenzubleiben und weiterzufahren. Irgend etwas. Er vermochte nicht zu sagen, was es war.

Die Trauermusik fesselte ihn irgendwie. Sie zog ihn in ihren Bann, machte ihm Angst, füllte seine Brust mit grenzenloser Verzweiflung.

Allmählich ebbte die Musik etwas ab.

Ganz langsam erstarb sie. Und dann fraß sich ein eisiges Entsetzen in die Glieder des erschütterten Jungen.

Eine Grabesstimme.

Die Stimme seines Vaters!

»Paul!« rief die unheimliche Stimme. »Paul!«

Dem Jungen rieselte es kalt über den Rücken.

»Paul!« Die Stimme klang hohl und weit weg.

»Vater!«

»Mir geht es gut, Paul.«

Der Junge riß verblüfft die Augen auf. »Aber du bist doch... tot, Vater!«

»Es ist schön, tot zu sein, Paul.«

Paul schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich will nicht, daß du tot bist, Vater!«

»Du darfst nicht so egoistisch sein, mein Sohn. Du sagst, du willst nicht, daß ich tot bin.«

»Ja.«

»Das willst du doch nur deinetwegen.«

»Das ist nicht wahr, Vater.«

»Weil du mich brauchst. Weil du nicht allein sein willst.«

»Doch nicht deshalb, Vater.«

»Ich soll nur für dich leben.«

»Das ist doch nicht wahr, Vater!« schrie Paul Neumann verzweifelt. »Ich liebe dich. Ich bin dein Sohn! Es ist doch ganz natürlich, daß mich dein Tod schmerzt.«

»Ich habe dir gesagt, daß es mir gutgeht, Paul«, sagte die hohle Stimme.

Paul schüttelte trotzig den Kopf. »Das glaube ich nicht!«

»Es ist so.«

»Wer hat dich umgebracht, Vater? Wer?«

»Es war der Meister, Paul. Er hat mich zu sich geholt.«

Paul schaute verblüfft auf das Radio. »Der Meister? Welcher Meister?«

»Mehr darf ich nicht sagen, Paul.«

»Wo bist du? Ich will dich sehen, Vater! Ich will zu dir. Wo bist du? Ich will zu dir!«

Eine kleine Weile schwieg der Lautsprecher. Paul schrie ängstlich:

»Vater! Bist du noch da?«

»Willst du wirklich zu mir, mein Sohn?« fragte die Grabesstimme ernst.

»Ja, Vater! Ich will zu dir!«

»Also gut, Paul.«

»Was muß ich tun?«

»Fahr los, mein Sohn!«

Paul Neumann nickte. Eifer und Hoffnung glänzten in seinen Augen. Er wollte zu seinem Vater. Er wollte ihn sehen. Er mußte schnell machen.

»Ja, Vater!«

»Schneller, Paul.«

Der Junge befolgte den Befehl des Vaters. Der Wagen wurde schneller. Immer schneller. Die Häuserfronten glitten vorüber. Paul litt noch immer unter heftigem Schüttelfrost. Sein Gesicht war klatschnaß. Er klammerte sich verbissen an das Lenkrad.

»Schneller, Paul!«

»Ja, Vater!«

»Und jetzt paß auf, Paul!«

»Ja.«

»Das Lenkrad, mein Sohn! Reiße es blitzschnell nach rechts! Jetzt!«

Bedenkenlos machte Paul, was die Stimme von ihm verlangte.

Der Wagen brach hinten aus. Das Fahrzeug schoß raketengleich auf einen der dickstämmigen Bäume zu, die die Straße säumten.

Paul sah den Baum auf sich zurasen.

Ein Knall. Der Wagen kippte mit heulendem Motor zur Seite, überschlug sich einmal und fiel wieder auf die Räder.

Paul Neumann verlor jedes Gefühl für oben und unten.

Er wurde im Wagen wild hin und her geschleudert.

Eine unsichtbare Faust riß ihn plötzlich vorwärts. Er knallte mit dem Kopf gegen das Dach und verlor augenblicklich das Bewußtsein.

***

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DER FAHRER IN DEM FORD riß entsetzt die Augen auf.

Der Wagen vor ihm hatte ganz plötzlich und vollkommen unmotiviert einen Haken geschlagen. Bei diesem Tempo! Der Wagen hatte einen Satz zur Seite gemacht und war gegen einen Baum gedonnert.

Der Fahrer trat blitzschnell auf die Bremse. Eben überschlug sich der andere Wagen.

Als er wieder auf die Räder fiel, sprang der Fahrer schon aus seinem Ford und rannte zu dem verunglückten Fahrzeug.

Er riß die Tür auf der Fahrerseite auf.

»Vater!« stöhnte Paul Neumann. Er kam eben wieder ganz langsam zu sich.

»Sind Sie verletzt?« fragte der Fahrer des Ford besorgt.

Paul schlug benommen die Augen auf.

»Sind Sie verletzt?« fragte der Mann noch einmal. Diesmal eindringlicher.

Paul schaute ihn verwirrt an. »Nein. Ich glaube nicht.«

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen beim Aussteigen.«

Der Mann griff zu und zerrte Paul aus dem völlig deformierten Fahrzeug. Die gesamte Vorderseite war durch den Aufprall zerdrückt worden.

»Das war einmal ein Auto«, sagte der Mann.

Paul nickte benommen und lehnte sich an das Fahrzeug.

»Sagen Sie, Sie sind ja ganz verschwitzt«, sagte der Mann besorgt.

»Sie haben hohes Fieber. Es ist verflucht leichtsinnig von Ihnen, in diesem Zustand Auto zu fahren. Abgesehen davon, daß Sie selbst hätten tot sein können, hätte womöglich auch ein Unschuldiger dran glauben müssen.«

Tot sein können, echote es in Pauls Innerem. Er hätte tot sein können!

Hatte er nicht tot sein wollen? Warum hatte er das Steuer herumgerissen?

Er hatte sich das Leben nehmen wollen!

»Ich – ich bin nicht in dieser Verfassung losgefahren«, sagte Paul zu dem Mann. »Das müssen Sie mir glauben. Mir ist ganz plötzlich schlecht geworden. Das kann jedem passieren.«

»Haben Sie das öfter?«

»Nein. Ich hatte das noch nie.«

Der Mann drängte Paul zur Seite und stemmte sich gegen den Wagen. Er schob ihn an den Straßenrand.

»So!« sagte er. »Kommen Sie. Steigen Sie bei mir ein. Ich bringe Sie ins Krankenhaus.«

Paul schüttelte erschrocken den Kopf. Er wußte selbst nicht, warum. Er wollte nicht ins Krankenhaus. Man würde ihn zu lange dabehalten. Das wollte er nicht. Er fühlte sich trotz allem gesund.

Die Kälte war aus seinem Körper gewichen. Der Schüttelfrost hatte aufgehört.

Wozu also ins Krankenhaus?

Er mußte in den nächsten Tagen frei und ungehindert agieren können, wenn er den Mörder seines Vaters aufstöbern und zur Rechenschaft ziehen wollte.

»Nein!« stieß Paul deshalb hastig hervor. »Nicht ins Krankenhaus.«

»Aber Sie können sich irgendeine innere Verletzung zugezogen haben«, sagte der Mann verwundert. »Immerhin haben Sie sich mit Ihrem Wagen überschlagen.«

»Nicht ins Krankenhaus. Mit mir ist alles in Ordnung. Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Sie können ganz beruhigt sein.«

Der Mann sah Paul nachdenklich an. Er war unschlüssig.

Er wiegte den Kopf und meinte: »Na, ich weiß nicht...«

»Es ist nichts passiert«, beeilte sich Paul zu sagen. »Der Wagen ist kaputt. Das ist alles.«

»Sollten wir nicht wenigstens zur Polizei...?«

»Wozu? Ich werde den Unfall morgen melden. Morgen ist immer noch Zeit dazu.«

»Na, meinetwegen«, sagte der Mann. »Ist schließlich Ihr Unfall. Soll ich Sie nach Hause bringen?«

»Das wäre nett von Ihnen.«

»Also gut. Kommen Sie.«

Paul Neumann stieg in den Ford.

Der Fahrer gab ihm seine Visitenkarte. Unter dem Namen stand sein Beruf: Bauingenieur.

»Wo wohnen Sie?«

»Die vierte Straße links. Nicht weit.«

Der Wagen rollte an. Wenige Augenblicke später bog er in die von Paul angegebene Straße. Noch hundert Meter. Dann war Paul Neumann zu Hause.

Er stieg aus.

»Soll ich Sie noch hinaufbegleiten?« fragte der Mann fürsorglich.

Paul schüttelte dankbar den Kopf. »Nein. Vielen Dank. Es geht schon wieder. Das Ganze war wohl nur eine vorübergehende Schwäche.«

»Sie sollten sich von einem Arzt untersuchen lassen«, riet der Mann.

Paul lächelte und nickte. »Das werde ich tun. Nochmals vielen Dank für die Hilfe.«

Er schlug die Wagentür zu. Der Ford fuhr los. Paul ging über die Straße und verschwand im Haus.

Um ein Haar wäre er nicht mehr heimgekommen.

Und er hatte es selbst so gewollt.

***

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»ER HAT AUS DEM AUTORADIO zu mir gesprochen. Es war unverkennbar seine Stimme. Ich bin doch nicht verrückt!«

Paul lief im Wohnzimmer auf und ab.

Karin war tags darauf zu ihm gekommen. Er hatte ihr seine unglaubliche Geschichte erzählt.

»Aber das kann es doch nicht geben, Paul«, sagte das Mädchen.

»Er war es.«

»Dein Vater ist tot, Paul! Du selbst hast ihn vor dem Haus liegen gesehen. Er kann nicht mit dir gesprochen haben. Es war eine Halluzination. Das furchtbare Erlebnis hat deinen Geist verwirrt. Du kannst im Moment einen Traum nicht von der Wirklichkeit unterscheiden.«

»Ich weiß, was ich gehört habe, Karin!«

»Du hattest wahrscheinlich den Wunsch, mit deinem Vater zu reden. Du hast dir das so stark gewünscht, daß du geglaubt hast, ihn wirklich zu hören.«

Karin konnte sagen, was sie wollte. Paul war nicht davon abzubringen, daß sein Vater wirklich mit ihm gesprochen hatte. Sicher, es war nicht zu erklären. Aber es gibt viele Dinge, die man nicht erklären kann.

Es war etwas Übernatürliches passiert.

»Du wolltest deinen Vater sehen«, sagte Karin eindringlich.

»Nachdem du ihn zu hören glaubtest, wolltest du ihn sehen. Du wolltest zu ihm. Dein Unterbewußtsein weiß, daß es nur eine Möglichkeit gibt zu einem Toten zu kommen. Deshalb wolltest du dir das Leben nehmen. Deshalb hast du das Lenkrad herumgerissen und bist gegen den Baum gerast. Oh, Paul! Ich will dich nicht verlieren. Ich habe Angst um dich.«

Paul hatte schon wieder abgeschaltet.

Er hatte seinen Vater reden gehört. Vater hatte mit ihm gesprochen. Er hatte ihm auf seine Fragen geantwortet. Es war kein Traum gewesen.

Und die Trauermusik?

Woher war die gekommen? Hatte er sich die etwa auch eingebildet?

»Hör auf, so intensiv an deinen Vater zu denken, Paul!« warnte Karin ihren Freund. »Das bringt dir kein Glück.«

Paul schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht anders, Karin. Ich habe meinen Vater sehr geliebt. Sein Tod hat mir eine tiefe Wunde zugefügt. Ich muß immer an ihn denken. Immer. Jederzeit. Versteh das bitte.«

Sie schwiegen eine Weile.

Paul setzte sich zu Karin auf das Sofa.

Er blickte zur gegenüberliegenden Wand. Seit sein Vater tot war, ging die Pendeluhr nicht mehr. Sie war genau zu der Stunde stehengeblieben, als es passierte.

»Was ist mit dem Wagen?« fragte Karin.

»Totalschaden.«

»Steht er noch dort?«

Paul Neumann schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn heute vormittag abschleppen lassen.«

»Warst du bei der Polizei?«

»Ja.«

»Hast du ihnen die Wahrheit gesagt?«

»Nein.«

»Wieso nicht?«

Paul knirschte mit den Zähnen. Seine Backenmuskeln zuckten.

»Ich konnte nicht. Sie hätten mich ausgelacht.«

»Ich bleibe heute nacht bei dir«, sagte Karin und legte ihre Hand auf Pauls Arm. Ihre Blicke suchten und fanden sich. »Meine Eltern wissen Bescheid. Ich soll dir sagen, daß auch ihnen der Verlust sehr nahegeht. Sie sagten, es wäre besser für dich, wenn ich bei dir bleiben würde.«

Als der Abend kam, ging Karin in die Küche. Paul hörte sie mit dem Geschirr hantieren. Sie kochte irgend etwas. Er hatte keine Ahnung, was sie im Kühlschrank gefunden hatte. Er hatte nicht nachgesehen. Er wollte nichts essen.

Karin hatte heiße Würstchen mit gemischtem Salat auf den Teller gezaubert.

Er lehnte ab. Sie duldete jedoch keine Widerrede.

Lustlos schlang er die Mahlzeit hinunter.

Danach verschwand Karin wieder in der Küche, um die Teller zu spülen.

Immer wieder kehrten seine Gedanken zu seinem Vater zurück. Er konnte machen, was er wollte.

Ab und zu dachte er auch an den Mörder. Ein Henker!

Seltsam. Wieso hatte es ein Henker getan? Maskiert. Mit einem scharlachroten Tuch über dem Kopf. Mit teuflischen Augen.

Nachdem Karin mit ihrer Arbeit fertig war, gingen sie zu Bett.

Er berührte sie nicht.

Der Schmerz um seinen Vater ließ keinen derartigen Gedanken aufkommen.

Das Bett war breit genug. Sie hatten beide Platz darin.

Schon sehr bald hörte Paul die regelmäßigen Atemzüge des Mädchens.

Sie schlief tief und fest.

Er beneidete sie. Er konnte nicht einschlafen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon wach auf dem Rücken lag und zur Decke blickte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914696
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller stunde henkers

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #18: Die Stunde des Henkers