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Top Grusel Thriller #15: Mit den Insekten kam das Grauen

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Mit den Insekten kam das Grauen

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Dort vorn", flüsterte Jossy Dean, auf» höchste erregt. „Dort ist es wieder!"

Gregg Villard nickte. „Es versucht zu fliehen."

„Mensch, wenn du nicht dabei wärst, wurde ich glauben, ich bin übergeschnappt!" zischelte Dean.

Er duckte sich hinter einen Busch und umklammerte mit feuchten Händen seine doppelläufige Jagdflinte. Der Wald war in dieser Gegend sehr dicht. Dean und Villard kannten sich hier aber trotzdem bestens aus. Kein Wunder. Sie waren Jäger, die mehrmals Im Monat durch diese Gegend strichen, um sich an Rehe, Hasen, Hirsche oder Wildschweine heranzupirschen und sie zu erlegen.

Als es in einiger Entfernung leicht im Unterholz knackte, hob Dean vorsichtig den Kopf.

Die Sonne blitzte zeltweise durch das dichte Blätterdach des Waldes. Es war schwül. Auf den Stirnen der Jäger standen dicke Schweißperlen. Es war aber nicht allein die Hitze, die Ihnen den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Es war viel mehr noch die Aufregung.

Während Dean die dünnen Zweige des Busches auseinander schob und vorsichtig in die Richtung spähte, aus der das Knacken an sein Ohr drang, murmelte er: „Sieht aus wie eine Spinne."

Gregg Villard schüttelte den Kopf. „Was soll man davon halten? Eine Spinne die eineinhalb Meter groß ist. Wo kommt dieses einmalige Exemplar bloß her?"

„Ich fühle mich direkt in die Zeit der Saurier zurückversetzt", flüsterte Dean aufgeregt. „Da hat es von solchen Riesenviechern da nur so gewimmelt. Aber heute!"

Villard richtete sich auf.

Ringsum war der Wald ruhig. Der Wind strich leicht über die hohen Baumkronen und ließ die Blätter flüstern.

„Wir müssen das Tier abknallen, Jossy!" sagte er leise. „Wer weiß, mit welcher Absicht dieses Biest durch den Wald streift."

Dean lächelte schief. „Herrgott noch mal, das wird Schlagzeilen geben, Gregg! Ich wette mit dir, daß wir wochenlang auf Seite eins sämtlicher Gazetten stehen werden."

Villard nickte beifällig. „Wir werden die ganze Sache noch ein bißchen aufbauschen, was meinst du?"

Dean lachte unterdrückt. „Ja. Wir werden den Reportern wahre Schauergeschichten erzählen."

„Es muß ihnen kalt über den Rücken laufen", grinste Villard.

„Wir werden schildern, daß uns das unheimliche Tier angefallen hat und uns töten wollte. So was zieht immer. Die Leute verschlingen solche Storys mit Begeisterung. Sie sollen ihr Gruselmärchen haben. An uns soll's nicht liegen."

„Wir sollten mit irgendeiner auflagenstarken Zeitung ein Exklusivinterview vereinbaren", meinte der geschäftstüchtige Villard. „Die Burschen sollen für unsere Story blechen. So was kriegen sie nicht alle Tage geboten, 'ne Spinne, die eineinhalb Meter groß ist."

Dean kicherte verhalten. „Mann, Gregg, ich höre jetzt schon den Rubel klimpern."

„Dann mal 'ran an die Bestie!" raunte Villard.

Mit dem Gewehr im Anschlag stapfte er durch das Unterholz.

Dean folgte ihm.

Als sie wieder das Knacken von Ästen hörten, blieben sie lauschend, mit angehaltenem Atem und offenem Mund stehen.

Dean stieß seinen Jagdfreund an.

„Hm?" machte Villard nervös.

„Paß auf, wir nehmen das Biest jetzt in die Zange!"

„Okay!" nickte Villard.

Er ging nach rechts davon.

Dean ging links.

Mit gekrümmten Rücken huschten sie zwischen den Bäumen hindurch, nützten geschickt jede Deckung und hielten das Gewehr in Anschlag, um nötigenfalls sofort zu schießen.

Der schwarze Leib der Spinne war im Augenblick nicht zu sehen. Das Riesentier kroch zwischen wild wuchernden Farnkräutern davon.

Aber die Jäger hatten geschulte Ohren.

Sie wußten genau, welchen Weg ihre Beute einschlug.

Und genau denselben Weg gingen auch sie.

***

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DER DUNKELBRAUNE MORRIS stand auf dem schmalen Waldweg.

Die Türen waren wie die Flügel eines Käfers aufgeklappt. Das Autoradio spielte leise einschmeichelnde Melodien.

Wenige Meter neben dem abgestellten Wagen lag eine blau-rot gestreifte Decke auf dem kühlen Boden. Und auf dieser Decke lagen ein junges Mädchen und ein junger Mann.

Das Mädchen war blond und etwa neunzehn Jahre alt. Sie hatte einen makellosen, straffen Busen, der im Augenblick völlig nackt war. Der Junge hatte ihr die Bluse von den zart gerundeten Schultern gestreift. Sie trug niemals einen BH. Nun streichelte er mit sanfter Inbrunst ihre schönen Brüste, während sie mit geschlossenen Augen seine Liebkosung genoß.

Ihr kurzer Rock war weit nach oben gerutscht. Es störte sie nicht.

Als er mit seiner warmen Hand an der Innenseite ihrer Schenkel hochturnte, hatte sie nichts dagegen. Im Gegenteil. Ihre Lippen kräuselten sich in diesem Moment zu einem kleinen zufriedenen Lächeln.

Sie hieß Linda Caldwell.

Sein Name war Randy Miles. Er war zwei Jahre älter als sie, und wenn es nicht gerade um so ernste Dinge wie Sex ging, war er stets zu allem möglichen Schabernack aufgelegt und war zur Zeit Lindas allergrößter Favorit.

Er sah aus wie der junge Errol Flynn ohne Bart. Ein Typ also, auf den die Mädchen ansprachen. Er konnte, ohne zu übertreiben, behaupten, daß die Girls bei ihm Schlange standen. Auch Linda hatte in dieser Schlange gestanden. Er hatte sie ausgewählt und die anderen fortgeschickt. Seither waren sie beisammen. Und sie kamen oft hierher, um ein paar schöne, ungestörte Stunden zu verbringen.

Es knackte plötzlich im Unterholz.

Linda zuckte erschrocken hoch. Sie griff hastig nach ihrer dünnen Bluse und streifte sie blitzschnell über.

Die ganze schöne Stimmung war mit einemmal wie weggeblasen.

„Da kommt jemand!" flüsterte das Mädchen verlegen.

„Ach, komm", sagte Randy ärgerliche „Das war irgendein Reh."

Linda knöpfte die Bluse mit flinken Fingern zu.

Wieder knackte es.

„Ich sag' dir, da kommt jemand!" flüsterte sie aufgeregt.

Randy zuckte die Schultern. „Na, wennschon. Es ist doch kein Verbrechen, hier auf einer Decke zu liegen. Wovor fürchtest du dich?"

Das Mädchen zuckte verlegen die Achseln. „Ich weiß es nicht."

„Komm! Leg dich wieder hin", bat Randy Mües.

„Ehrlich gesagt, mich macht es ganz nervös, wenn ich weiß, daß jemand..."

Randy, der bis jetzt auf dem Rücken gelegen hatte, schnellte nun mit einem brummigen Gesichtsausdruck hoch.

Er blickte sauer in die Runde. „Nichts."

„Doch!" flüsterte das Mädchen mit großen Augen.

Der Junge schüttelte grimmig den Kopf. „Da fährt man extra in den tiefsten Dschungel hinein, um ungestört zu sein, und dann kommt irgend so ein dämlicher Spießer, der sich mit Zuschauen ein paar schöne Stunden machen möchte, und die ganze Stimmung ist zum Teufel."

Linda drückte sich zitternd an ihren Freund. „Ich habe Angst, Randy."

„Vor einem Voyeur?" lachte Randy Miles.

„Ja."

„Sind doch lauter feige Schweine, diese Scheißer!"

Randy holte seine Zigaretten aus der Tasche und steckte sich ein Stäbchen an.

„Wenn er nun doch..."

„Er soll es nur wagen, uns zu nahe zu kommen", sagte Randy aggressiv. „Dann nehme ich ihn wie ein Puzzlespiel auseinander."

„Kann ich auch einen Zug haben?" fragte Linda leise,

„Seit wann rauchst du denn?" fragte Randy lachend.

„Ich hoffe, daß es mich beruhigt."

„Willst du eine ganze Zigarette?"

„Nein. Nur einen Zug."

Randy hielt ihr das Stäbchen hin. „Ich übernehme aber keine Verantwortung, falls dir schlecht werden sollte."

Linda sog den Rauch nicht in die Lungen. Sie blies ihn gleich wieder durch die Nase aus.

„Fühlst du dich jetzt besser?" fragte Randy ein wenig spöttisch.

„Du machst dich über mich lustig", erwiderte Linda ärgerlich und machte einen Schmollmund.

Als es wieder im Unterholz knackte, ruckten ihre Köpfe gleichzeitig herum.

„Hast du's gehört, Randy?" fragte Linda aufgeregt. „Da streicht jemand durch das Dickicht."

„Nur ruhig, Baby", flüsterte Randy Miles, machte noch einen Zug an seiner Zigarette und drückte sie dann aus. „Es kann dir doch nichts passieren. Wenn es ein Mensch ist, dann haut er früher oder später wieder ab. Und wenn es ein Tier ist, dann hast du erst recht nichts zu befürchten. Ein Ungeheuer wird's ja wohl kaum sein."

Randy lachte. Er wollte dem Mädchen mit diesem Lachen die Angst nehmen und wollte ihr gleichzeitig zeigen, daß er sich überhaupt keine Sorgen machte.

Er fürchtete sich tatsächlich nicht.

Erst als Linda mit einem gellenden Aufschrei hochschnellte, sprang ihn das eiskalte Entsetzen an.

Linda starrte mit schreckgeweiteten Augen auf ein langes, dickes, behaartes Spinnenbein, das aus dem Dickicht ragte.

Ein zweites Bein folgte.

„Randy!" schrie das Mädchen bestürzt.

Nun schnellte auch der Junge hoch.

Noch ein Spinnenbein kam aus dem Dickicht und dann noch eines.

Schließlich war die ganze riesige Spinne da.

Eineinhalb Meter groß war das Untier. Es hatte einen länglichen, schwarzen, stark behaarten Körper, ähnlich dem einer Vogelspinne. Die Eßwerkzeuge arbeiteten zuckend, als hätte das Rieseninsekt sehr großen Hunger.

Der grauenvolle Anblick machte Linda fast wahnsinnig vor Angst. Sie wich mit steifen Beinen vor der unheimlichen Erscheinung zurück. Ihre Kehle war ausgetrocknet und von der nackten Angst zugeschnürt.

Randy blickte entsetzt auf das häßliche Maul der Spinne, die sich ihm nun in unverkennbar drohender Haltung näherte.

„Schnell in den Wagen!" schrie der Junge heiser.

Er wirbelte herum und rannte zum Morris. Die Bewegungen der Spinne wurden mit einemmal schneller.

Linda und Randy sprangen fast gleichzeitig in den Wagen.

Während es Linda gelang, den Wagenschlag zuzuklappen, schaffte es Randy nicht mehr rechtzeitig, denn in dem Augenblick, wo er die Tür zuknallen wollte, war die Spinne bei ihm.

Eines der häßlichen Spinnenbeine schob sich in den Wagen und verhinderte so, daß Randy die Tür zuschlagen konnte.

Linda sah das Bein und stieß einen schrillen Schrei aus.

„Jag sie fort!" kreischte sie verzweifelt. „Jag sie fort, Randy."

Randy Miles schlug mit der geballten Faust auf das ekelerregende Spinnenbein. Es war erstaunlich hart.

Randy schaffte es trotz aller Anstrengung nicht, das Bein aus der Tür zu drücken. Wütend und keuchend, ängstlich und verzweifelt schlug er auf das Bein ein. Hinter ihm schrie Linda. Sie machte ihn mit ihrem hysterischen Geschrei wahnsinnig. Er schwitzte. Nun hatte er plötzlich entsetzliche Angst vor diesem erschreckenden Monstrum.

Als die Spinne das zweite Bein durch den schmalen Spalt schob, wußte Randy Miles, daß er verloren war.

Er kämpfte verbissen.

Die Spinne drückte mit ungeheurer Kraft die Tür auf.

Randy versuchte verzweifelt, die Tür zuzuhalten, doch es gelang ihm nicht. Die Spinne war weit stärker als er. Er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Er spürte, wie etwas an seinem Arm riß. Ein heftiger Schmerz durchraste seine Hand. Er mußte den Türgriff loslassen.

Die Tür flog auf.

Die Spinne stürzte sich auf Randy.

Lindas Schrei wurde zu einem irrsinnigen Gekreische. Das schreckliche Biest war nun über Randy.

Er sah das zuckende Freßwerkzeug auf sich zukommen.

Ein verzweifelter Angstschrei entrang sich seiner Kehle.

Der Biß war furchtbar.

Die Spinne riß den Jungen aus dem Wagen. Sie legte sich auf Randy. Sie erdrückte ihn beinahe mit ihrem schweren Körper.

Randy schlug in wahnsinniger Verzweiflung um sich. Er schlug auf die Spinne ein. Er schrie wie ein Irrer.

Es nützte nichts.

Randy Miles war verloren.

Gierig biß die Riesenspinne immer wieder zu. Randy starb einen qualvollen Tod.

Er spürte einen entsetzlich stechenden Schmerz an seiner Kehle.

Dann begann die unheimliche Spinne gierig sein warmes Blut zu trinken.

***

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ALS LINDAS SCHREI AUFGELLTE, hatten sich Jossy Dean und Gregg Villard auf einer kleinen Lichtung getroffen.

„Das Biest hat jemand angefallen!" stieß Villard entsetzt hervor. Er war groß und hager. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Haut spannte sich braungebrannt über die weit hervorstehenden Wangenknochen.

„Los!" keuchte Dean.

Er machte seinem Jagdkameraden ein fahriges Handzeichen und preschte los.

Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er achtete nicht darauf.

Er hörte einen Mann schreien. Das trieb ihn zu noch größerer Eile an. Wahrhaftig, die Spinne mußte jemanden angefallen haben.

Mit weiten Sätzen hetzte Dean durch das Gestrüpp. Seine Beine verfingen sich im Wurzelwerk. Er fiel, sprang jedoch sofort wieder auf die Beine und rannte weiter.

Dicht hinter ihm keuchte Villard.

Nur noch wenige Meter trennten sie von dem Weg, auf dem der dunkelbraune Morris stand.

Sie sprangen durch das Dickicht, schlugen die dornigen Zweige der Gebüsche zur Seite und erreichten den Weg.

Was sie sahen, ließ ihre Haare grau werden. Ihre Gesichter wurden fahl. So etwas Entsetzliches hatten sie noch nicht gesehen.

Die mächtige Spinne hockte schwarz und schwer auf ihrem zuckenden Opfer.

Abscheu und Ekel ließen die beiden Jäger blitzschnell handeln.

Sie rissen ihre Gewehre hoch und feuerten auf das Untier.

Die Projektile bohrten sich in den häßlichen Insektenleib.

So, als wäre sie aufgeblasen, zerplatzte die Spinne.

Blut spritzte durch die Gegend. Dicke rote Tropfen klatschten gegen die Wagenfenster und auf die Blätter der umliegenden Büsche.

Und dann passierte etwas, das genauso unvorstellbar war wie die Tatsache, daß es eine Spinne von dieser ungeheuren Größe geben konnte.

Die gräßliche Spinne begann mit verblüffender Schnelligkeit vor den Augen der beiden Männer zu schrumpfen.

Sie wurde kleiner und kleiner.

Sie schrumpfte von eineinhalb Meter innerhalb weniger Sekunden auf ganze zwei Zentimeter zusammen.

Die Jäger blickten einander verdattert an.

Linda hatte zu schreien aufgehört. Sie war ohnmächtig geworden.

Jossy Villard schüttelte perplex den Kopf.

„Das glaubt uns keiner!" keuchte Dean.

„Nein, das nimmt uns kein Mensch ab!" nickte Villard mit weit aufgerissenen Augen.

***

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WIE JEDEN MORGEN TURNTE ich mich erst einmal gründlich fit. Ich strampelte den Schlaf aus meinen Beinen, machte mir dann ein frugales Frühstück und widmete mich während des Essens der Zeitung.

Die unglaubliche Geschichte zweier Jäger ließ mein Interesse erwachen.

Ich bin Schriftsteller. Da liest man die Zeitung an und für sich mit anderen Augen, denn ab und zu gibt sie eine recht brauchbare Geschichte her, die selbst der begabteste Phantast nicht besser erfinden könnte.

Vor etwa einem Monat hatte ich eine längere Besprechung mit meinem Verleger. Er fand meine Krimis nicht schlecht, aber er gab mir zu verstehen, daß die Leser gern mal etwas zum Gruseln haben wollten. Horrorromane würden zur Zeit ganz stark verlangt. Ich solle mich doch mal an die Schreibmaschine setzen und ein solches Ding auf die Beine stellen. Es könne ruhig haarsträubend sein. Den Leuten müsse nur auf jeder dritten Seite der kalte Schauer über den Rücken laufen. Sie müßten meinen Roman von der ersten Seite weg bis zum Schluß mit einer Gänsehaut lesen.

Das sagte sich so leicht.

Mir fiel nichts ein. Bei Krimis war das etwas anderes. Da hatte ich Routine. Horror hingegen war für mich Neuland.

Ich versprach trotzdem, die Sache einmal zu probieren. Den Lesern zuliebe. Und natürlich auch dem Verleger zuliebe. Schließlich wäscht bekanntlich eine Hand die andere.

Die Story der beiden Jäger interessierte mich aus diesem Grund. Vielleicht gab sie die Grundidee für einen Horrorroman her.

Ich las von dem Mädchen. Man hatte Linda Caldwell ins Krankenhaus gebracht. Bis zum Redaktionsschluß des Blattes war das Mädchen nicht vernehmungsfähig gewesen.

Randy Miles war nicht mehr zu retten gewesen.

Trotz meiner blühenden Phantasie fiel es mir schwer, zu glauben, daß die Spinne tatsächlich eineinhalb Meter groß gewesen war. Die Leute hatten schreckliche Angst gehabt. Sie hatten das Tier wahrscheinlich größer in Erinnerung, als es tatsächlich gewesen war.

Eineinhalb Meter'.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Und danach soll das angeschossene Tier auf zwei Zentimeter zusammengeschrumpft sein. Es gehörte sicher viel Bereitwilligkeit dazu, das zu glauben, ohne an der Wahrheit dieser Erzählung zu zweifeln.

Egal.

Für mich war die Story wichtig. Sie schien mir gut. Ob sie nun der Wahrheit entsprach oder nicht, das war von zweitrangiger Bedeutung. Schließlich hatte ich nicht vor, einen Tatsachenbericht, sondern einen Roman zu schreiben.

Ein Glück, daß ich einen Freund bei der Polizei hatte. So konnte ich meine Recherchen direkt an der Quelle betreiben.

Ich setzte mich gleich nach dem Frühstück in meinen blauen Impala und fuhr zu Captain Steeby Trooger.

Steeby machte einen geknickten Eindruck. Er war ein Zweimetermann mit Holzfällerschultern und riesigen Pranken. Sein Schädel war kantig, das Gesicht zeigte zumeist einen unfreundlichen Ausdruck. Damit hielt er sich die lästigen Frager vom Leib.

Steeby sah mich mit sorgenvoller Miene an, als ich mich in den Besuchersessel fallen ließ und ihm mein Interesse an dieser haarsträubenden Geschichte, die er zu klären hatte, bekundete.

„Seltsame Sache, Jerry!" sagte Steeby ernst.

„Schlimme Sache", sagte ich. „Wegen des Toten, den es dabei gegeben hat."

„So etwas ist mir noch nie untergekommen."

„Das kann ich mir vorstellen."

Captain Trooger sah mich mit seinen durchdringenden Augen eine Weile schweigend an.

„Die beiden Jäger schwören bei allem, was ihnen heilig ist, daß die Spinne eineinhalb Meter groß war."

„Klingt sehr unglaubwürdig", sagte ich, während ich meine Zigaretten aus der Tasche holte. Steeby ließ sich ein Stäbchen aufdrängen. Ich gab uns Feuer. Wir rauchten nachdenklich.

„Das Unglaublichste daran ist aber, daß das Insekt auf zwei Zentimeter zusammengeschrumpft sein soll, nachdem Dean und Villard es erschossen hatten", sagte der Captain fassungslos. Er sah mich prüfend an. „Sag mal, willst du wirklich über so etwas einen Roman schreiben?"

„Warum nicht?"

„Die Leute werden dich für verrückt halten."

„Wieso?"

„Weil es so etwas nicht gibt."

„Bist du ganz sicher, Steeby?"

Der Captain rauchte nervös und schüttelte unwillig den Kopf.

„Ich weiß nicht, was ich denken soll, Jerry. Mir kann man bestimmt nicht so leicht einen Bären aufbinden - aber diesmal bin ich fast geneigt, den beiden Jägern zu glauben, obwohl die ganze Sache wie ein haarsträubender Blödsinn klingt."

„Habt ihr die Spinne gefunden?" fragte ich, während ich den Rauch zur weißen Decke blies.

„Ja."

„Zwei Zentimeter groß?"

„Natürlich", nickte der Captain. „Unser Polizeiarzt hat festgestellt, daß die schrecklichen Bißwunden, die der Tote aufweist, tatsächlich von einer riesigen Spinne stammen könnten. Trotzdem weigert sich meine Vernunft, diese unglaubliche Geschichte einfach als Tatsache hinzunehmen."

„Das ist klar", sagte ich. „Niemand ist bereit, so etwas Unvorstellbares auf Anhieb zu glauben."

Steeby Trooger sah mich starr an. „Es muß aber doch irgend etwas an der Sache dran sein. Das beweisen die Bißwunden."

Ich konnte Steeby sehr gut verstehen. Er wollte die Geschichte von Dean und Villard nicht glauben. Es gab aber einen Beweis, der sich nicht einfach mit einer gleichgültigen Handbewegung vom Tisch fegen ließ. Wenn die Bißwunden so groß waren, dann konnte die Spinne unmöglich nur zwei Zentimeter groß gewesen sein.

„Ich bin überzeugt, daß uns das Mädchen nichts anderes als die beiden Jäger sagen wird", sagte Trooger.

„Wie geht es ihr?" wollte ich wissen.

„Sie ist immer noch bewußtlos. Hat einen schweren Schock bekommen."

„Das kann ich mir vorstellen", meinte ich und wiegte den Kopf.

„Die im Krankenhaus haben mir versprochen, sofort anzurufen, wenn Linda Caldwell das Bewußtsein wiedererlangt."

Ich drückte nach einem letzten tiefen Zug die Zigarette in dem Reklameaschenbecher für Pirelli-Reifen aus.

„Hast du dir schon mal den Kopf darüber zerbrochen, woher dieses Untier - nehmen wir mal an, die Angaben von Dean und Villard stimmen... Äh - also, woher dieses Untier gekommen ist?"

Steeby Troogers Gesicht wurde unmutig. „Ich denke an nichts anderes." Er knallte mit der schweren Faust auf den Tisch. Das Schreibzeug tanzte. „Verdammt! Ich kann den Schlüssel zu diesem Geheimnis nicht finden, Jerry."

Das Telefon schlug an.

„Captain Trooger!" knurrte mein Freund in die Sprechmuschel.

Sein Gesicht wurde ernst. Er zog die Augenbrauen zusammen.

Plötzlich weiteten sich seine Augen. Seine Züge hellten sich auf.

Nachdem er den Hörer auf die Gabel geworfen hatte, sprang er auf.

„Das war das Krankenhaus!" sagte Trooger aufgeregt. „Linda Caldwell ist soeben zu sich gekommen. Sie redet andauernd von einer riesigen Spinne. Ich muß sofort hin. Kommst du mit?"

Ich stand mit einem Grinsen vom Stuhl auf. „Selbstverständlich. Denkst du, das lasse ich mir entgehen?"

***

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DER MANN IM WEIßEN Arbeitsmantel schien verrückt geworden zu sein. Er rannte schreiend durch den weißen, sterilen Korridor des Krankenhauses. Sein Gesicht war puterrot. Seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten. Entsetzen spiegelte sich im runden Antlitz des Mannes.

„Professor!" schrie der Mann bestürzt. „Professor!"

Professor Kelly trat mit einer wütenden Miene auf den Korridor.

Der Arzt war hager. Er war feingliedrig, hatte einen langen, dünnen Hals und weißes, schütteres Haar.

Seine Augen funkelten zornig.

„Sind Sie wahnsinnig geworden, Mann!" fauchte der Professor den Mann im weißen Kittel an. „Unsere Patienten brauchen Ruhe! Wieso schreien Sie so?"

Der Mann japste nach Luft. Sein schwerer Bauch hatte die Eile zu einer großen Kraftanstrengung gemacht.

„Unten!" sagte der Mann und wies mit zitternder Hand nach hinten - in jene Richtung, aus der er gekommen war. „Unten! Unten, Professor Kelly!"

Der Arzt blickte den aufgeregten Mann durchdringend an.

„Was ist denn mit Ihnen los? Reißen Sie sich zusammen. Sie zittern ja am ganzen Körper."

„Unten, Professor..."

„Verflucht noch mal, was ist denn unten?"

„In der Leichenkammer!"

„Jetzt sagen Sie bloß, Sie würden sich plötzlich vor unseren Toten fürchten. Wie lange sind Sie nun schon bei uns?"

„Zehn Jahre."

„Na, also. Sie haben doch nicht etwa Angst vor den Toten?"

„Nein, Professor. Es ist - es ist etwas anderes. Etwas Schreckliches!"

Kelly verlor die Geduld. Wenn er etwas auf den Tod nicht leiden konnte, dann war es Hysterie.

„Was ist nun, Mann? Reden Sie doch endlich so, daß ich Sie verstehen kann. Was ist in der Leichenkammer?"

„Zwei Männer!" stieß der dicke Mann aufgeregt hervor.

„Fremde?" fragte der Professor aufhorchend.

„Sie haben statt eines Menschenkopfs einen riesigen Fliegenkopf auf den Schultern, Professor!"

Kelly blickte den Dicken wütend an. „Sie sind ja betrunken."

Der Mann im weißen Kittel schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nein, Professor. Ich habe keinen Tropfen Alkohol in mir. Ich schwör's Ihnen. Ich habe die beiden mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie haben riesige Fliegenköpfe. Sie sehen schrecklich aus!"

Kelly warf dem Dicken einen erzürnten Blick zu. „Sagt Ihnen denn Ihre spärlich vorhandene Vernunft nicht, daß es so etwas gar nicht geben kann?"

Der Mann tänzelte nervös vor dem Professor hin und her.

„Natürlich ist das verrückt, Professor. Aber denken Sie mal an die Riesenspinne, die die beiden Jäger gestern erschossen haben. Wenn es die gibt... oder gegeben hat, dann kann es auch Männer mit Fliegenköpfen geben!"

Der Arzt musterte den Dicken mit einem verächtlichen Blick.

„Ihre Logik ist umwerfend."

„Kommen Sie, Professor. Überzeugen Sie sich, daß ich die Wahrheit sage."

„Es ist doch lächerlich, auch nur einen Moment an so etwas zu glau..."

„Sie sind unten in der Leichenkammer. Kommen Sie, Professor. Sehen Sie sich die beiden an. Wer weiß, was die vorhaben!"

Kelly winkte ärgerlich ab. „Den Teufel werde ich..."

„Bitte, Professor. Bitte! Sie sind der Leiter dieser Anstalt. Sie müssen der Sache nachgehen. Im Interesse der Patienten!"

Der Arzt seufzte.

Der Dicke würde wohl nicht eher Ruhe geben, bis er mit ihm in die Leichenkammer gegangen war. Er würde das ganze Krankenhaus auf den Kopf stellen, würde Personal und Patienten verrückt machen, wenn man ihm nicht bewies, daß er sich geirrt hatte, daß seine panische Angst völlig unbegründet war.

„Also, meinetwegen", sagte Professor Kelly frostig. „Gehen wir!"

Sie gingen den langen Korridor entlang, erreichten die Treppe und gingen die Stufen hinunter.

Dem Dicken ging der Professor viel zu langsam. Doch Kelly fand, daß keine Eile nötig war. Im Gegenteil. Sie wäre lächerlich gewesen.

An der Tür stand:

Eintritt verboten!

Der Mann im weißen Kittel öffnete die Tür. Sie traten ein.

Eine dicke Karbolschwade legte sich auf die Atemwege der beiden Männer.

Auf den fahrbaren Betten lagen mehrere Tote. Ihre Körper waren mit weißen Laken vollkommen zugedeckt.

Kelly blieb bei der Tür stehen.

Der Dicke hielt den Atem an.

Stille umfing sie.

„Niemand da!" sagte Professor Kelly ärgerlich. Er sah den Mann mit dem weißen Mantel zornig an. „Wie ich es erwartet habe!"

Der Dicke schüttelte aufgeregt den Kopf. „Ich schwöre Ihnen, Professor Kelly, die waren da. Ich bin ganz sicher. Ich bin doch nicht verrückt, Professor."

„Man könnte es fast glauben", gab Kelly gallig zurück.

„Ich habe die beiden gesehen!" sagte der Dicke beharrlich. „Sie befinden sich jetzt irgendwo in unserem Hospital. Wenn das nur keine Katastrophe gibt. Sie sollten die Polizei alarmieren. Sie sollten das auf jeden Fall tun, bevor etwas passiert, Professor."

Kelly blitzte den Dicken wütend an. „Wollen Sie mir neuerdings Vorschriften machen, was ich zu tun habe?"

Der Dicke zuckte wie ein getretener Hund zusammen. „Ich meine es doch nur gut..."

„Das mit der Polizei schlagen Sie sich aus dem Kopf. Ich werde sie nicht alarmieren. Und wenn ich erfahre, daß Sie es ohne meine ausdrückliche Erlaubnis getan haben, fliegen Sie in hohem Bogen aus dem Hospital. Haben Sie das verstanden?"

Der Dicke nickte ängstlich. „Ja, Professor."

Kelly verließ die Leichenkammer.

„Polizei! Männer mit Fliegenköpfen!" murmelte er kopfschüttelnd. „Ich mache mich doch nicht lächerlich."

***

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IM VIERTEN STOCK VERLIEßEN die Männer mit den Fliegenköpfen den Lift. Sie sahen furchterregend aus. Der Schädel war behaart, war schwarz, war so häßlich anzusehen wie der Kopf einer Fliege, wenn man sie unter das Vergrößerungsglas hält.

Sie liefen den Korridor entlang.

Hinter einer weißen Tür schrien kleine Kinder.

Die seltsamen Männer hasteten weiter. Sie hatten ihr Ziel beinahe erreicht, da klappte eine der zahlreichen Türen auf, und eine junge, zierliche Krankenschwester trat auf den Korridor.

Für die beiden Männer blieb keine Zeit mehr, sich zu verstecken.

Die Krankenschwester wandte sich ihnen zu. Als sie die häßlichen Köpfe der beiden sah, wollte sie einen gellenden Schrei ausstoßen.

Die Männer stürzten sich blitzschnell auf sie. Während der eine das Mädchen mit kräftigen Armen festhielt, faßte der andere mit beiden Händen nach dem schlanken Hals der Krankenschwester.

Brutal drückte er die junge Kehle zu.

Das Mädchen starrte fassungslos auf den abscheulichen Kopf, der sich dicht vor ihrem Gesicht befand.

Die Atemnot versetzte sie in Panik. Sie schlug mit den Beinen aus, wand sich wie ein Wurm, doch die beiden grausamen Mörder waren unerbittlich.

Ohne die geringste Gemütsbewegung löschten sie das junge Leben dieses Mädchens aus.

Als die Krankenschwester sich nicht mehr rührte, warf sie sich einer der beiden seltsamen Gestalten über die Schulter.

Der andere öffnete die Tür eines Abstellraumes. Sie schoben das Mädchen hinein und drückten die Tür schnell zu.

Dann setzten sie ihren Weg fort...

***

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LINDA CALDWELL WARF den Kopf hin und her. Sie keuchte aufgeregt. Sie hatte Angst. Schweiß bedeckte ihr hübsches gerötetes Gesicht. Sie war nicht richtig da. Sie merkte anscheinend nicht, daß sie in einem weißen Krankenhausbett lag. Sie fürchtete die grauenvolle Spinne, die ihren Freund getötet hatte.

„Die Spinne!" stöhnte sie verzweifelt. Eine riesengroße Spinne!"

Die Krankenschwester, deren Obhut Linda anvertraut war, trat an das Bett des Mädchens. Sie tupfte Linda den Schweiß von der Stirn und sprach beruhigend auf sie ein.

Doch Linda schien sie weder zu hören noch zu sehen.

„Ein Untier!" jammerte das Mädchen verzweifelt. „Es kommt. Es reißt Randy aus dem Wagen! Raaandy!"

Sie schrie schrill und begann gleich darauf heftig zu schluchzen.

Sie bäumte sich wild auf. Die Schwester hatte Mühe, sie zu beruhigen.

„Die Bestie stürzt sich auf Randy! Entsetzlich! Grauenvoll! Ich kann ihm nicht helfen! Hilfe! Zu Hilfe! Ist denn niemand da, der uns hilft?"

Die Krankenschwester schielte nach<sup> </sup>dem Medikamententischchen. Ob sie der Patientin ein Beruhigungszäpfchen geben sollte?

Sie versuchte wieder auf das verzweifelt um sich schlagende Mädchen einzureden.

„Beruhigen Sie sich, Linda. Sie sind in Sicherheit. Es ist alles vorbei. Es ist überstanden. Das Ganze war nichts weiter als ein böser Traum!"

Die Schwester brachte es nicht übers Herz, diesem halbverrückten Mädchen schonungslos die Wahrheit zu sagen.

Sie glaubte, es wäre besser, in diesem kritischen Stadium zur Lüge zu greifen.

„Nichts weiter als ein... böser Traum?" fragte Linda plötzlich zweifelnd. In ihrem Gesicht zuckte es ungläubig. Sie hatte doch alles so real erlebt. Das konnte doch kein Traum gewesen sein.

„Nur ein furchtbar böser Traum", nickte die Krankenschwester.

„Aber Randy...?"

„Ein Traum!"

„Wo ist Randy?" fragte Linda ungläubig.

„Es geht ihm gut."

„Nein,"

„Doch."

„Er ist tot. Randy ist doch tot."

„Unsinn", sagte die Schwester und lächelte. „Er hat Sie schon zweimal besucht. Er kommt heute nachmittag wieder, Linda."

Das Mädchen blickte die Krankenschwester benommen an.

„Wo bin ich?"

„Im Hospital."

„Aber wieso... Ich meine...?"

„Sie sollten nicht soviel reden, Linda. Später. Wenn Sie sich kräftiger fühlen, dann werden wir über alles reden. Nicht jetzt. Sie sind müde. Sie müssen erst wieder neue Kräfte sammeln."

„Randy ist nicht...?"

„Ich sagte doch, er kommt heute nachmittag wieder", lächelte die Krankenschwester gütig.

Linda fuhr sich über die flackernden Augen. Sie fühlte sich nicht gut. Eine unerklärliche Angst quälte sie.

„Randy kommt wieder", sagte sie nachdenklich, während sie zum großen hellen Fenster blickte. Die Sonne meinte es gut.

Die Krankenschwester nickte. „Mit einem riesigen Blumenstrauß kommt er."

Linda seufzte und schloß die Augen. Sie wollte nachdenken.

Doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Die Krankenschwester zuckte erschrocken herum.

Linda fuhr im Bett hoch.

Zwei Männer stürmten in den in Weiß möblierten und ausgemalten Raum. Zwei Männer mit überdimensionalen Fliegenköpfen auf den Schultern.

War das auch noch ein Traum? Begann dieser entsetzliche Alptraum schon wieder?

Die Schwester starrte mit angstgeweiteten Augen auf die häßlichen Köpfe. Ihr Mund war weit aufgerissen. Sie schrie so laut, daß ihr die Adern weit aus dem Hals traten.

Die Männer mit den Fliegenköpfen machten mit ihr kurzen Prozeß.

Sie packten sie und schleuderten sie durch das geschlossene Fenster. Schreiend stürzte die Krankenschwester in die Tiefe.

Noch ehe sie unten angekommen war, erfaßten die beiden unheimlichen Männer das starr im Bett sitzende Mädchen.

Linda wollte einen verzweifelten Schrei ausstoßen.

Doch da stürzte sich plötzlich eine riesige schwarze Wolke auf sie und begrub sie unter sich.

Sie sackte ohnmächtig nach hinten.

Einer der unheimlichen Eindringlinge lud sich das bewußtlose Mädchen auf die Schulter und lief hinter dem anderen her, der inzwischen den Fluchtweg sicherte.

***

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DIE BEIDEN SAHEN GRAUENERREGEND aus!" stöhnte der Dicke im weißen Arbeitsmantel mit furchtgeweiteten Augen. Immer wieder wischte er sich den in Bächen über sein Gesicht fließenden Schweiß ab. „Fliegenköpfe!" sagte er bedeutungsvoll. „Riesige Fliegenköpfe hatten sie!" Er schüttelte den Kopf. „Daß es so etwas geben kann. Zwei Krankenschwestern haben sie ermordet. Linda Caldwell haben sie entführt."

Captain Troogers Augen wurden schmal. Er blickte Professor Kelly, in dessen Büro wir uns befanden, ärgerlich an.

„Wie ist denn das möglich, Professor? Wurde das Mädchen denn nicht bewacht?"

Kelly fuhr sich erschöpft über die Augen. Er machte sich Gewissensbisse, weil er die Angst des Dicken und seine haarsträubende Mitteilung einfach ignoriert hatte.

„Wer denkt denn daran, daß die Patientin entführt wird! Wer tut denn so etwas Verrücktes, Captain Trooger. Und warum?"

Ich saß neben meinem Freund. Der Dicke stand neben dem Schreibtisch, an dem der Professor Platz genommen hatte.

„Hat niemand beobachtet, wie das Mädchen fortgeschafft wurde?" fragte ich.

„Nein", sagte der Professor.

„Niemand", fügte der Dicke kopfschüttelnd hinzu.

Steeby Trooger seufzte. „Das gibt einen fürchterlichen Skandal. Ich höre den Blätterwald schon mächtig rauschen."

„Können Sie sich diese seltsamen Wesen erklären, Professor Kelly?" fragte ich.

Kelly hatte abgeschaltet. Er brauchte eine Weile, bis er meine Frage verarbeitet hatte. Seine Lider zuckten. Er schüttelte den Kopf.

„Ich betone noch einmal, daß ich diese Wesen - wie Sie sagen, Mr. Baker - nicht gesehen habe." Der Professor wies auf den Dicken. „Nur dieser Mann hat sie gesehen."

„Wenn ich Ihnen sage - sie hatten Fliegenköpfe. Nur viel größer!" begehrte der Dicke sofort wieder auf.

Kelly zuckte die Achseln. „Wenn ich ehrlich sein soll... Ich kann mir Menschen, die einen riesigen Fliegenkopf auf den Schultern tragen, einfach nicht vorstellen. Das ist mir einfach zu phantastisch."

Der Dicke lief rot an. „Wollen Sie damit sagen, daß ich lüge, Professor?"

Der hagere Professor warf dem Mann einen Vernichtenden Blick zu.

„Ich will damit lediglich sagen, daß ich es mir nicht vorstellen kann, weil es einfach zu unwahrscheinlich ist."

Der Dicke nagte nervös an seiner Lippe herum. „Sie glauben mir doch, Mr. Baker?" fragte er mich.

„Ich glaube Ihnen", nickte ich. „Obgleich es mir nicht minder schwerfällt als dem Professor."

„Und wie steht es mit Ihnen, Captain Trooger?" fragte der Dicke, während er wieder mit einer fahrigen Bewegung den Schweiß von seinem Gesicht entfernte.

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Natürlich glaube ich Ihnen gern, daß Sie uns nicht belügen. Andererseits aber... Männer - ausgewachsene Männer - mit Fliegenköpfen..."

„Was werden Sie nun unternehmen, Captain?" fragte Professor Kelly dazwischen.

Troogers Gesicht wurde hart wie Stein. „Zwei Krankenschwestern und ein Mann namens Randy Miles wurden ermordet. Für mich ist nicht maßgeblich, wie die Mörder aussehen. Deshalb werde ich diese drei Morde genau wie jedes andere Kapitalverbrechen behandeln."

Steeby hatte recht. So kam er wahrscheinlich noch am weitesten.

Er wies auf das vor ihm stehende Telefon und fragte den Professor, ob er mal telefonieren dürfe.

„Aber gern", sagte Kelly und machte eine einladende Handbewegung.

Steeby trommelte die Leute von der Mordkommission zusammen.

Innerhalb kürzester Zeit würden sie im Krankenhaus eintreffen.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, überflüssig geworden zu sein. Deshalb verabschiedete ich mich, um anderswo fruchtbringendere Arbeit zu leisten als hier.

In mir war ein Plan gereift. Er hatte noch viele Fußangeln, die ich erst umgehen mußte, aber im großen und ganzen stand das Gerippe, von dem ich mir eine ganze Menge versprach.

Eine riesige Spinne war plötzlich aufgetaucht und hatte einen Menschen getötet.

Nun hatte dieses grauenvolle Ereignis ein erstes Nachspiel gehabt. Zwei Männer mit Fliegenköpfen waren aus dem Nichts gekommen und hatten Linda Caldwell in das Nichts entführt.

Zwei Dinge, die ich bereits als Basis für meinen Horrorerstling verwenden konnte.

Ich wollte weiterschürfen. Ich wollte mehr wissen.

Die Sache begann mich mit einemmal nicht bloß wegen meiner Arbeit ungemein zu interessieren.

Deshalb nahm ich mir vor, die beiden Jäger aufzusuchen und mit ihnen ein ernstes Wort unter vier Augen zu reden.

Als ersten setzte ich Jossy Dean auf meine Liste.

Dean wohnte in einem kleinen Fertighaus am Rande der Stadt.

Ich ließ meinen blauen Impala vor dem niedrigen Gartentor ausrollen, faltete mich aus dem Fahrzeug und schlenderte über den geharkten Kiesweg auf die Eingangstür zu.

Vor dem Haus standen zwei junge Birken, die wenig Schatten spendeten. Irgendwo ganz in der Nähe kläffte ein Hund, den ich nicht sehen konnte. Das Gekläffe betraf mich nicht.

Ich drückte auf den Klingelknopf.

Drinnen im Haus schlug eine blecherne Glocke an.

Ich wartete.

Niemand kam, um mich nach meinen Wünschen zu fragen.

Ich läutete noch einmal und wartete wieder.

Jossy Dean schien nicht zu Hause zu sein. Mir war heiß. Die Sonne knallte mir auf den Kopf und trieb mir den Schweiß aus den Poren. Ich war mürrisch und gereizt. Es ärgerte mich, daß ich den Weg hierher umsonst gemacht hatte.

Ich klingelte noch einmal.

Diesmal klang es sehr aggressiv.

Dean war nicht da. Oder war er nur nicht im Haus? Wenn er sich hinten im Garten befand, konnte er mein Klingeln vielleicht nicht hören.

Ein schmaler, mit Natursteinen ausgelegter Pfad führte hinter das Haus.

Ich lud mich selbst ein und begab mich nach hinten.

Die breite Wiese leuchtete in saftigem Grün. Sie war sehr gepflegt, war weich wie ein Hochflorteppich. Gab bestimmt viel Arbeit, das Gras von Unkraut sauberzuhalten.

Die schattige Terrasse war leer.

Trotzdem irritierte mich etwas.

Ich ging näher hin und entdeckte Glasscherben. Jemand, der seinen Rasen so schön in Schuß hält, läßt sicherlich keine Glasscherben herumliegen.

Die Scherben stammten von der breiten Terrassentür.

Die Tür stand einladend weit offen.

Ein seltsames Gefühl beschlich mich. Ich wurde den Verdacht nicht los, daß hier etwas passiert war.

Ich betrat die kühle Wohnhalle.

Ein Sofa war umgeworfen.

Und hinter dem Sofa lag Jossy Dean. Er war tot. Das war unschwer zu erkennen. Ein Mann, der so verkrümmt dalag wie er, konnte nur tot sein. Sein Gewehr lag neben ihm.

Ich dachte sofort an einen Einbrecher und stellte mir die Situation vor.

Dean hatte den Einbrecher überrascht, hatte ihn möglicherweise mit seinem Gewehr bedroht und hatte ihm angekündigt, er werde ihn der Polizei übergeben.

Da mußte es dann passiert sein.

Der Einbrecher hatte die Nerven verloren, hatte Dean überwältigt und getötet.

Ich beugte mich über den Toten. Plötzlich zog sich meine Kopfhaut zusammen. Klirrende Kälte fuhr mir in die Glieder. Fassungslos starrte ich auf die Leiche, die zu meinen Füßen lag.

Jossy Dean war von keinem gewöhnlichen Einbrecher überfallen und getötet worden.

Er hatte von einer Riesenspinne Besuch gehabt.

Captain Steeby Trooger hatte die Bißwunden, die Randy Miles' Körper aufgewiesen hatte, genau beschrieben.

Genau die gleichen Bißwunden konnte ich nun an diesem toten Jäger feststellen. . Eisiges Grauen befiel mich.

Es gab also mehr als eine Riesenspinne.

Und plötzlich packte mich panisches Entsetzen. Die Spinne war gekommen, um diesen Mann zu töten. Vielleicht war es ein Racheakt, weil Dean und Villard eine ihrer Artgenossinnen erschossen hatten. Ich wußte es nicht. Noch nicht.

Ich wußte nur eines: Die Spinne hatte Dean getötet.

Meiner Meinung nach war nun Gregg Villard in höchster Lebensgefahr.

Wie von Teufeln gehetzt jagte ich aus dem Haus, warf mich in meinen Impala und raste los.

***

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UNWEIT VON JOSSY DEANS Fertighaus bewohnte Gregg Villard einen nicht allzu großen, aber wohnlich eingerichteten Bungalow.

Über eine kleine Veranda gelangte man in einen Garten, in dem mehrere Zierbüsche ein kleines Schwimmbecken umsäumten.

Villard hatte sich einen Drink mit viel Eis gemacht und trat nun in den Garten.

Er genoß die Ruhe und die erholsame Stille. Er lauschte dem Zwitschern der Vögel, nippte ab und zu an seinem Whisky, genoß die Einsamkeit und die herrliche Stille.

Während er nachdenklich auf seinen kurzen, dunklen Schatten blickte, kam eine unerklärliche Unruhe in ihm auf. Er hatte das Gefühl, von jemandem beobachtet zu werden, deshalb hob er den Kopf und blickte langsam in die Runde.

Er konnte niemanden sehen. Die Nachbarn waren in den Ferien. Die einen in Spanien, die anderen auf Sylt.

Er kippte seinen Whisky mit einem schnellen Ruck in den Mund und schüttelte dann den Kopf, während er die Eiswürfel im Glas kreisen ließ.

Er war sicher, sich nur einzubilden, beobachtet zu werden. Er war nicht so interessant. Wen kümmerte schon ein zweitklassiger Jäger, wie er einer war.

Ein leises Rascheln in den Büschen ließ ihn aufhorchen.

Das war nun aber doch seltsam. Dieses Rascheln konnte keinesfalls der Wind hervorgerufen haben. Es rührte eindeutig von einem Lebewesen her, für so etwas hatte Gregg Villard ein feines Gehör.

Er spähte vorsichtig zu den Büschen. Das Geräusch ließ ihm keine Ruhe. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Mit zögernden Schritten näherte er sich den Ziersträuchern.

Er kam bis auf zwei Meter an sie heran.

In diesem Augenblick teilte sich das Gebüsch und spie ihm eine häßliche, riesige Spinne entgegen.

Villard prallte entsetzt zurück. Sofort fiel ihm das furchtbare Erlebnis des vergangenen Tages, wieder ein. Er wirbelte herum und rannte zu seinem Bungalow zurück.

Die Spinne setzte ihm sofort nach.

Villard knallte die Tür hinter sich zu. Er stürzte sich auf den Gewehrständer, riß eine Flinte heraus und hastete in sein Arbeitszimmer.

Keuchend schlug er auch diese Tür zu. Mit einer schnellen Drehung schloß er ab und warf sich, völlig außer Atem, gegen das glatte Holz.

Zitternd umklammerte er die Flinte. Fiebernd lauschte er.

Das Ungetüm schlug mit seinen kräftigen Beinen die Verandatür ein.

Möbel fielen um. Alles, was dem Rieseninsekt im Wege war, wurde entweder vernichtet oder zur Seite geschleudert.

Dann war die Bestie vor der Arbeitszimmertür. Villard schlotterte am ganzen Körper. Er war noch nie in seinem Leben so schrecklich aufgeregt gewesen.

Um Hilfe zu rufen hatte nicht den geringsten Sinn. Die Nachbarn waren nicht da. Und sonst konnte ihn niemand hören.

Die Spinne knallte mit ihren häßlichen Beinen gegen die Tür.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914665
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller insekten grauen

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #15: Mit den Insekten kam das Grauen