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Callahan #10: Mit Phil gegen Tod und Teufel

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Phil hatte mir das Leben gerettet. Das war auf unserem letzten Trail geschehen,
als wir mit Rindern nach Norden unterwegs waren. Phil war auch sonst ein prima Junge.
Aber er hatte eine Sache vor, die für ihn viel zu groß war. An der er kaputt gehen würde. Zudem war es eine Abrechnung.
Er hatte nicht die mindeste Chance dabei. Doch das sah er nicht. Deshalb blieb ich bei ihm, ritt mit ihm nach Texas. Und außerdem hatte mir Phil das Bild seiner hübschen Schwester gezeigt.
Ich war wieder einmal dabei, in eine wahnsinnig gefährliche Geschichte einzusteigen. Und nichts konnte mich aufhalten ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Mit Phil gegen Tod und Teufel

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 10

 

Mit Phil gegen Tod und Teufel

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Hansen mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Phil hatte mir das Leben gerettet. Das war auf unserem letzten Trail geschehen,

als wir mit Rindern nach Norden unterwegs waren. Phil war auch sonst ein prima Junge.

Aber er hatte eine Sache vor, die für ihn viel zu groß war. An der er kaputt gehen würde. Zudem war es eine Abrechnung.

Er hatte nicht die mindeste Chance dabei. Doch das sah er nicht. Deshalb blieb ich bei ihm, ritt mit ihm nach Texas. Und außerdem hatte mir Phil das Bild seiner hübschen Schwester gezeigt.

Ich war wieder einmal dabei, in eine wahnsinnig gefährliche Geschichte einzusteigen. Und nichts konnte mich aufhalten ...

 

 

 

 

Roman:

„Ich bin jetzt drei Jahre von zu Hause weg“, sagte Phil, als wir nebeneinander südwärts ritten. „Ich werde zurück nach Texas gehen und alles in Ordnung bringen.“

Ich sah ihn an. Schlank war er, blond, zwanzig Jahre jung. Ein prächtiger Bursche, nicht nur, weil er mich aus dem Cimarron River gefischt hatte. Ohne ihn wäre ich ertrunken. Der Stier hatte mir mit dem Horn eine zackige Nuss versetzt. Bewusstlose können nicht gut schwimmen. Phil sorgte dafür, dass ich die Löffel nicht abzugeben brauchte.

„Was heißt, du willst alles in Ordnung bringen? Einen neuen Zaun setzen oder was?“, fragte ich ihn.

Er starrte in Gedanken geradeaus und presste die Lippen zusammen. Ruckartig wandte er sich mir wieder zu, sah mich an, als wollte er durch mich hindurchsehen und fragte dann mit einer eigenartigen Schärfe in der Stimme: „Reden wir nicht weiter davon. Was treibst du eigentlich? Was sind deine Pläne?“

Ich zuckte die Schultern. Vielleicht würde ich im nächsten Jahr wieder ein Treiben mitmachen. Vielleicht schaute ich mich wieder in Arizona um, wo es massenhaft Wildpferde, aber auch rebellische Apachen gab. Ich war auf die Wildpferde aus. Aber General Crook, der die Apachen befrieden wollte, sah in jedem Mustangjäger, der in der Wildnis herumstreifte, so etwas wie ein rotes Tuch. Bislang hatte mich das nicht gestört.

Aber der Junge hatte schon unterwegs immer Andeutungen gemacht, dass irgend etwas bei ihm zu Hause nicht stimmte. Und ich wollte der Sache einmal auf den Grund gehen.

„Wenn ich mit dir nach Texas ginge, was wäre da für mich drin?“, wollte ich wissen.

„Willst du mitkommen?“ In seinen Augen leuchtete es auf. Der Gedanke, ich könnte ihn begleiten, gefiel ihm sichtlich. „Du hast doch das Foto von meiner Schwester gesehen? Vielleicht gefällst du ihr auch?“

„Hm“, machte ich. Laura hieß sie. Ja, sie war hübsch auf diesem Bild, das Phil mit sich herumschleppte. Aber eigentlich hatte ich Frauen lieber in natura und nicht auf vergilbten Fotos. Außerdem war ich um einen Kontakt mit einer Schönen bislang nie verlegen gewesen, ganz gleich, aus welchen Kreisen sie stammte.

Übrigens wusste Phil, dass ich ganz gut mit dem Gewehr und dem Colt umgehen konnte. Und mit den Spielkarten. Das hatte ihn am meisten fasziniert.

„Komm einfach mit nach Texas, Callahan!“, forderte er mich auf.

Ich lachte, aber es klang nicht echt. „Was sollte ein Mann wie ich in Texas anfangen?“

„Das Spielen ist in Texas nicht gesetzlich verboten.“ Er grinste und warf mir einen Seitenblick zu. „Natürlich könnte das Spielen für dich schwerer sein als in den Saloons im Norden. Die Texaner haben die Gewohnheit, alles im großen Stil zu tun - auch das Spiel.“

Er sah mich an, lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.

Ich wusste nicht, woran Phil dachte. Ich jedenfalls dachte an seine Schwester - an das Mädchen, das ich nie gesehen hatte, das ich aber nicht vergessen konnte.

Nach einer Weile fragte Phil: „Callahan, habe ich dir je von meinem Vater erzählt?“

„Was ist mit deinem Vater?“

„Ich habe dir nie diesen Teil unserer Familiengeschichte erzählt, aber ich habe viel darüber nachgedacht. Mein Vater ist tot.“

Ich wusste das, es gab also nichts, was ich dazu sagen konnte.

„Man hat ihn in einem Arroyo gefunden - eine Seite seines Kopfes war durch eine 44er Kugel zerschmettert. Er hatte die Waffe noch in der Hand.“

Ich konnte keinen Laut hervorbringen. Ich hätte nie gedacht, dass der Junge mit einer echten Tragödie so nahe in Berührung gekommen war.

„Aber ich dachte ...“, murmelte ich.

„Dass mein Vater sich selbst getötet hat?“ Er saß steif da und starrte ins Feuer. „Es kommt alles darauf an, wie man es sieht. Du erinnerst dich doch an unsere Ranch, von der ich dir erzählt habe?“

Ich erinnerte mich sehr gut. Er hatte viel davon gesprochen.

„Es war die beste Ranch bei Sabina.“ Seine Stimme klang rau. „Die beste Ranch in Südwest-Texas. Wenn man von der Camey-Ranch sprach, wusste jeder Bescheid. Unser Brandzeichen war ein C. Ich liebe die Ranch, Callahan, und Laura liebt sie auch.“ Dann fügte er hinzu: „Aber sie gehört uns nicht mehr: Vater hat sie an einen Spieler verloren.“

Das war die ganze Geschichte. Der alte Camey war in ein Pokerspiel gelockt worden, und in einer Nacht hatte er alles verloren, was er in einem ganzen Leben aufgebaut hatte. Später, in seiner tiefen Depression, hatte er sich dann getötet. Das war nichts, was einen Spieler auf seinen Beruf stolz machen konnte.

Trotzdem konnte ich für Phils Vater nicht viel Sympathie aufbringen. Ein Mann musste meiner Meinung nach schon sehr schwach sein, wenn er einen solchen Ausweg wählte. Und er konnte nicht sehr schlau gewesen sein, denn schlaue Männer spielten nicht mit Berufsspielern.

Nur etwas unterschied diese Geschichte ein wenig von den anderen, die ich schon gehört hatte, und das war die starke Liebe, die Phil immer noch für die verlorene Ranch empfand.

„Ich habe mir nicht erlaubt, darüber nachzudenken“, sagte Phil, gerade vor sich hinstarrend. „Ich war lange weg und dachte nicht, dass ich Texas je wiedersehen würde. Aber jetzt ist diese Zeit vorbei, und mir bleibt nur eines.“

„Und das wäre?“

„Ich werde einen Spieler töten.“

Das war kein wirrköpfiger Junge, der diese Worte sprach. Es war ein Mann, der alle Gesichtspunkte eines schlimmen Falles durchdacht hatte und zu dieser Lösung gekommen war. Ich wusste, dass ich es ihm nicht ausreden konnte, aber ich versuchte es jedenfalls.

„Die Jagd auf einen Spieler wäre Selbstmord für dich. Jeder Spieler weiß, dass er früher oder später einmal in eine Situation kommt, in der er mit stärkeren Argumenten antworten muss als mit Karten. Ein Berufsspieler muss also jedem Revolvermann überlegen sein. Sein Beruf erfordert das. So einem Mann wärst du nie gewachsen.“

„Ich habe drei Jahre darüber nachgedacht. Es gibt keinen anderen Weg.“

„Ist es eine Lösung, wenn du dich umbringen lässt?“

„Mein Vater wurde um seine Ranch betrogen - um sein Leben“, sagte er starrsinnig.

„Hast du den Betrug gesehen?“

„Ich habe das Spiel nicht gesehen, aber man spricht in Sabina davon. Laura hat mir darüber geschrieben.“

Reden war da zwecklos, aber was konnte ich sonst tun? Er hatte sich drei Jahre hart herumgeschlagen, und er war am Leben geblieben. Und jetzt wollte er auf diese Weise sterben?

„Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg“, sagte er langsam. „Aber ich schätze, das steht bei dir.“

„Wieso?“

„Ich habe viele Tote gesehen“, sagte er. „Aber ich habe nie gesehen, dass einer von ihnen noch vor Schmerz oder Zorn aufschrie. Man kann Tote nicht mehr verletzen. Es gefällt mir aber nicht, dass dieser Spieler in einer Position sein könnte, in der ich ihn nicht mehr verletzen könnte. Ich glaube, wenn man einen solchen Mann treffen wollte, müsste man ihn in seinem Stolz treffen. Man müsste ihm alles rauben, was ihm wertvoll ist. Ich glaube, man könnte ihn am tiefsten treffen, wenn man ihn im Spiel schlagen würde.“

In diesem Augenblick begriff ich, welche Falle für mich aufgestellt wurde. Ich hatte sie erkannt - und ich hätte nicht hineinzulaufen brauchen. Ich tat es aber doch.

Als wir lagerten, führten wir das Gespräch fort.

„Was soll ich dabei tun?“, fragte ich. „Ich könnte nicht versprechen, einen anderen Spieler zu schlagen, falls du das im Sinn hast.“

„Ich bitte dich nicht, meine Kämpfe auszutragen.“

„Dazu kenne ich dich auch zu gut.“ War das aber wirklich der Fall?

„Es war auch nur so ein Einfall“, sagte er nach langer Pause. „Ich weiß, dass alles seinen Preis hat. Ich habe in Sabina etwas Geld liegen. Du kannst es haben.“

„Ich will dein Geld nicht“, sagte ich ärgerlich. „Ich meine eben wirklich nur, dass ich dir nicht helfen kann.“

Ich glaubte ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen, aber es musste wohl das Spiel von Feuerschein und Schatten sein, das mir einen Streich spielte. Er ließ das Thema fallen, und wir breiteten unsere Decken für die Nacht aus.

„Wir sprechen morgen weiter“, sagte er, als er sich in seine Decke rollte. „Übrigens würde meine Schwester sich freuen, wenn du mit mir kämst. Ich habe viel über dich geschrieben.“

Ich hatte nichts dazu zu sagen. Mir kam es so vor, als wisse Phil Carney alles über meinen kleinen Traum.

 

*

 

Wir verließen Kansas und machten uns auf den Weg nach Texas. Phil hatte es also geschafft, mich zu überreden. Und ich ging gern mit, weil ich von meinem Traumbild einfach nicht loskam.

Es war an einem späten Nachmittag, als die Postkutsche polternd und ratternd wie immer bei der Einfahrt in eine Stadt Sabina erreichte. Es war etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, aber die Sonne strahlte immer noch in unbarmherziger Hitze aus dem Westen, als ich Phils Heimatstadt zu Gesicht bekam.

Es war nicht viel daran. Vor allen Dingen konnte ich wirklich nichts Besonderes entdecken. Es gab nur eine von Radspuren zerfurchte Straße, die an beiden Seiten von baufälligen Holzhäusern flankiert war. Der Wagenhof und die Corrals befanden sich etwas abseits von der Stadt; wir konnten sie aber schon Minuten zuvor riechen. Schließlich hielt die Postkutsche vor der Postagentur, die zugleich ein Gemischtwaren-Store war. Der Fahrer kletterte vom Bock und holte unsere Gepäckstücke aus dem Frachtverschlag.

Wir nahmen unsere Deckenrollen - das ganze Gepäck, das wir besaßen und gingen die Straße entlang. Als wir an einem Barbierladen vorüberkamen, sagte ich:

„Du könntest eigentlich zu deiner Schwester vorausgehen, während ich mich ein wenig saubermachen lasse. Sag mir, wo es ist, dann komme ich nach.“

Eigentlich störte es mich nicht, wie ich aussah; ich wollte nur das Erwachen aus meinem Traum noch ein wenig hinausschieben.

Phil lachte.

„Du kannst dich im Charleston House waschen.“

„Ich bin durchaus nicht in der Verfassung, einer Lady vorgestellt zu werden“, sagte ich.

„Laura? Sie ist doch nur meine Schwester.“

Ich konnte mich also nicht herausreden, und so gingen wir weiter.

Bald hatten wir die hauptsächlisten Geschäftshäuser hinter uns, und soweit ich sehen konnte, waren sie gut mit Waren ausgestattet. Am Ende der Straße sah ich ein großes, zweistöckiges Holzhaus mit einer von Pfeilern gestützten Veranda und der verwitterten Aufschrift:

Charleston House Zimmer und Verpflegung Mahlzeiten fünfundsiebzig Cent pro Tag!

Zwei Männer, die wie Cowboys aussahen, saßen am Ende der Veranda und warteten plaudernd auf das Abendessen. Wir blieben am Zaun stehen und nahmen unser Gepäck fester unter die Arme. Phil sah mich an und zuckte mit den Schultern, was wohl nichts Besonderes zu bedeuten hatte. Er grinste jetzt nicht mehr, stellte ich fest.

Er stieß die Zauntür auf, und wir gingen auf dem staubigen Pfad zur Vorderveranda. Die beiden Cowboys sahen sich nicht einmal um. Die Tür stand offen, und wir traten ein. Das Zimmer war wohl einmal eine Art Salon gewesen, stand aber jetzt fast leer. Essensgeruch wehte uns entgegen, und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich merkte erst jetzt, dass ich seit zwölf Stunden nichts gegessen hatte.

Einen Augenblick standen wir mit den Deckenrollen mitten im leeren Zimmer und fühlten uns unbehaglich. Aus einem anderen Raum war das Klappern von Pfannen und Geschirr zu hören.

„Bei Gott, hier könnte ein Regiment. Kavallerie durchreiten, und niemand würde es bemerken“, sagte Phil. Dann rief er laut: „Laura!“

Aus dem Nebenraum ertönte eine Stimme:

„Wer ist es?“

Erst der Schmerz in meiner Brust erinnerte mich daran, dass ich den Atem angehalten hatte. Und dann sah ich sie. Sie stand im Türrahmen und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Ihre Augen waren groß, und ihr Blick war verwirrt.

„Hallo, Laura!“ Er ließ das Gepäck zu Boden fallen und trat einen Schritt vor. „Lass dich anschauen! Du hast dich nicht sehr verändert, Laura.“

„Ich habe dir gesagt, du solltest nicht hierher zurückkommen.“ Ihre Augen waren zornig.

„Das ist ein feiner Empfang“, sagte Phil trocken.

„Ich habe dir gesagt, du solltest nicht zurückkommen“, wiederholte sie.

„Laura, ich tue nicht immer, was man mir sagt, wenn ich mich auch in den drei Jahren gebessert habe. Ah, ich hätte es fast vergessen: das ist Jed Callahan. Ich habe dir von ihm geschrieben.“

Sie sah mich nicht an und schien überhaupt nicht zu bemerken, dass ich anwesend war. Ihr Blick ruhte noch auf ihrem Bruder.

„Phil, du musst aus Sabina verschwinden!“

Der Junge zuckte mit den Schultern. Das Grinsen auf seinem Gesicht wirkte wie eingefroren.

„Wäre es möglich, dass ich zuerst zu Abend esse? Das würde dich doch nicht zu sehr belasten.“

Ihr Blick begann zu funkeln.

„Du weißt, was ich meine.“

„Jed“, sagte Phil über die Schulter hinweg. „Das ist meine Schwester Laura.“ Als sie sich immer noch nicht zu mir hinwandte, fügte er hinzu: „Nicht wahr, Jed, hier hat sich viel verändert. Manches ist nicht mehr so, wie man es erwartet.“

„Das Viehtreiben hat deine Manieren nicht gebessert“, sagte sie.

„Da wir gerade von Manieren sprechen“, - auf Phils Zügen war immer noch das steife Grinsen - „sind wir nun zum Abendessen eingeladen?“

„Wann wirst du Sabina verlassen?“

„Sie denkt sehr stur, habe ich dir das erzählt, Jed?“

„Phil, antworte mir!“

„Ich habe nicht die Absicht, Sabina je wieder zu verlassen.“ Er schrie es fast, aber dann wurde seine Stimme fast wieder normal. „Wo ist Old Lady Lorring?“

Sie stand wie eine Statue da, während Phil sie mit diesem eingefrorenen Lächeln ansah. Dann wandte er sich ab und ging in den Nebenraum, wahrscheinlich das Speisezimmer, und ich hörte ihn rufen:

„Mrs. Lorring! Mrs. Lorring!“

Wie in weiter Ferne hörte ich Phils schwere Infanteriestiefel durch das Haus stapfen. Unbehaglich und schwitzend stand ich in der Mitte des leeren Zimmers. Aber was hätte ich auch sagen sollen?

Ich starrte das Mädchen Laura an, und sie schien es mir nicht übelzunehmen - einfach, weil sie es nicht bemerkte. Sie war mir fremd, und sie hatte wenig mit dem Bild gemeinsam, das Phil mit sich herumtrug. Ihre Augen waren dunkel und standen weit auseinander. Ihr Haar war dunkelbraun, und sie trug es nicht nach der Tagesmode über die Ohren gelegt, sondern hatte es straff zurückgekämmt und im Nacken zu einem ordentlichen Knoten geflochten. Sie trug ein grau-weißes Baumwoll-Hauskleid und eine verwaschene Schürze. Sie war keine Schönheit, und man konnte sie bestimmt nicht mit einem Traum von Frau vergleichen, aber es war etwas Sauberes, Klares an ihr, das man leicht bewundern konnte. Wenn sie zornig war - wie eben jetzt -, zeigte sich das in jeder ihrer Bewegungen, bis in das Zucken der Augenlider.

Phil kam zurückgestapft und führte eine dicke Frau am Arm.

„Mrs. Lorring, das ist der Mann, von dem ich gesprochen habe: Jed Callahan.“

„Callahan!“ Die dicke Frau strahlte. „Ich erinnere mich. Willkommen in Sabina, Callahan.“

„Vielen Dank“, sagte ich.

Mrs. Lorring war fast die Karikatur einer dicken Frau mit runden Wangen, einem wackelnden Doppelkinn und hellen lebendigen Augen. Sie sah atemlos und erregt aus. Phil hatte sie offenbar geneckt. Er konnte mit Frauen umgehen, wenn er eine fand, die ihm gefiel. Das war nicht oft der Fall. Als sie lächelte, verschwanden Mrs. Lorrings Augen fast in den Speckfalten ihrer Wangen. Sie wandte sich an Laura.

„Laura, bist du nicht begeistert, den jungen Teufel wieder daheim zu haben?“

Ich sah, wie Laura sich wieder in die Gewalt bekam und sich zu einem Lächeln aufraffte. Phil musste etwas gesagt oder getan haben, was ich nicht bemerkt hatte, denn Mrs. Lorring begann zu kichern.

„Bekommen wir nun ein Zimmer?“, fragte er grinsend.

„Natürlich“, sagte sie. „Laura, deck du den Tisch, und ich werde ...“ Sie kicherte wieder. „Phil, du wirst dich auch nie ändern.“

„Das Zimmer“, erinnerte er sie.

„Ich habe gesagt, dass du es bekommst.“

„Und ein Bad. Zwei Bäder. Sobald es dunkel wird, musst du Wasser aufsetzen.“

„Du siehst so aus, als brauchtest du ein Bad.“

Sie schwatzte weiter, als wir die Deckenrollen aufnahmen und ihr eine Treppe hinauf folgten. Laura blieb in der gleichen starren, zornigen Haltung zurück. Ich fragte mich, wann wohl die nächste Postkutsche nach Norden fuhr. Ich hatte jetzt schon genug von Sabina, und der Traum war tot - endgültig.

Unser Zimmer war groß; es war eines der besten, das Mrs. Lorring hatte. Es enthielt zwei eiserne Bettstellen, eine große Mahagonikommode mit Marmorplatte und zwei Schaukelstühle mit hohem Rücken und ohne Armlehnen.

Wir begannen auszupacken, und die Wirtin verließ uns.

Phil legte sich mit den Stiefeln aufs Bett und sagte:

„Du hast dich wohl gewundert, was für eine Familie die Cameys sind?“ Er lag da und grinste starr vor sich hin. „Ich habe mich auch schon darüber gewundert. Soll ich dir etwas verraten?“

„Wenn du willst.“

„Ich wünsche mir die Ranch, die mein Vater verloren hat, mehr als alles andere in meinem Leben. Ich glaube, ich würde auch alles tun, um sie zu bekommen. Ich werde sie Jay McCain wegnehmen - oder bei dem Versuch dazu sterben.“

McCain war der Spieler, und Phil erwähnte ihn seit einem Monat zum ersten Mal wieder. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also wartete ich.

„Was hältst du von meiner Schwester?“, fragte er unvermittelt.

Um meine Hände zu beschäftigen, spielte ich mit dem Revolver, den ich gerade putzte.

„Sie ist ganz nett.“

Er lachte rau.

„Aber nicht so nett, wie du gedacht hast, nicht wahr?“ Er legte sich auf den Rücken, drehte den Kopf zur Seite und sah mich an. „Vergiss sie. Du hast jetzt wahrscheinlich schon erraten, dass ich schon lange geplant habe, dich nach Sabina mitzunehmen. Ich wusste, dass mehr als Freundschaft nötig war, dich an einen Platz zu locken, den du nicht kanntest.“ Er lachte plötzlich rau. „Das meiste, was ich dir erzählt habe, waren Lügen. Auch aus den Briefen habe ich dir zumeist Geschichten vorgelesen.“

Ich saß nur da und spielte mechanisch mit dem Revolver. Ein anderer Mann hätte die Situation vielleicht amüsant gefunden, aber mein Sinn für Humor hatte wohl gelitten. Ich konnte nur auf mich selbst zornig werden.

„War das alles, was du mir sagen wolltest?“, fragte ich schließlich.

„Nicht ganz.“ Er schien nicht zu wissen, wie er das übrige sagen sollte. „Du bist jetzt wahrscheinlich wütend.“ Er sah mich nicht an. „Ich kann es dir nicht übelnehmen.“

„Sag mir nur eines: warum hast du dir all die Mühe gemacht?“

„Ich will, dass du meine Ranch von Jay McCain zurückholst.“ Er richtete sich auf. „Hör noch zu, ehe du wütend wirst. Es ist eine lange Geschichte, und ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“

„Warum fängst du nicht mit der Wahrheit an?“, fragte ich barsch. „Das wäre einmal etwas anderes.“

„Also gut, wir wollen da anfangen, wo man meinen Vater mit zerschossenem Kopf in einer Schlucht fand. Es stimmt, dass man ihn in der Schlucht fand, aber es war nicht so, wie ich gesagt hatte. Niemand hatte ihn erschossen. Er war vom Pferd gefallen. Das war vor etwa vier Jahren, und damals gehörte die Ranch noch uns - oder mir, denn mein Vater hat sie mir hinterlassen.“

Die Wahrheit traf mich wie ein kalter Wasserguss.

„Du hast also die Ranch an McCain verloren?“

„Ja.“

Die ganze Last des Lügengebäudes stürzte über mir zusammen, und ich war wie betäubt.

„Nun möchte ich nur noch eines wissen“, sagte ich bitter. „Warum hast du mir nicht gleich die Wahrheit gesagt?“

„Die Wahrheit hätte dich nicht hierher gelockt.“

 

*

 

Es wurde allmählich dunkel in dem Zimmer. Die Zeit zum Abendessen war gekommen, und unten hörte man die Schritte der ankommenden Gäste.

„Ich habe so viel gelogen, dass du mir jetzt wahrscheinlich nicht glaubst. Aber du warst der beste Freund, den ich je hatte, Jed. Können wir nicht so weitermachen?“

Mein Zorn flammte auf, schwand aber gleich.

„Es hat keinen Sinn“, sagte ich.

„Du hast meinen Vorschlag noch nicht gehört. Ich bitte dich nur, dass du dir diesen McCain einmal ansiehst und mit ihm sprichst. Wenn du mir dann immer noch nicht helfen willst, kaufe ich dir eine Fahrkarte nach Denver.“

„Nein.“

„Jed, ich kann verstehen, dass du wütend bist“, sagte er beschwörend. „Aber nicht alles, was ich dir in Kansas gesagt habe, war gelogen. McCain hat mich tatsächlich um meine Ranch betrogen. Ich kannn es nicht beweisen, aber ich weiß es. Ich möchte dich nur bitten, ihn beim Spiel zu beobachten, und wenn du dann meinst, dass er nicht betrügt, kaufe ich dir trotzdem die Fahrkarte.“

„Selbst wenn ich so dumm wäre, dir zu glauben“, sagte ich, „und selbst wenn ich den Spieler hassen würde was könnte ich schon tun?“

„Du könntest mir die Ranch zurückgewinnen“, sagte er fest. Ich stand auf und begann meine Deckenrolle zusammenzupacken. „Was machst du?“

„Ich nehme die nächste Postkutsche, die Sabina verlässt“, sagte ich. „Inzwischen werde ich mir ein Unterkommen suchen müssen.“

„Jed, du hast meinen Vorschlag nicht gehört“, sagte er hastig. „Hör zu: ich habe zweitausend Dollar, die mein Vater mündelsicher angelegt hatte, bis ich volljährig war. Du kannst sie als Kapital benutzen.“

„Ich bin nicht interessiert.“

„Hör zu: ich will nur die Ranch wiederhaben. Alles andere Geld kannst du behalten.“

Ich wollte lachen. Er wollte nichts weiter als fünftausend Acres Land, die zweifellos voll von Vieh standen und sehr ertragreich waren. Ein Spieler konnte sein Leben lang arbeiten und nie einen solchen Coup machen. Ich ahnte aber irgendwie, dass es um mehr als um die Ranch ging. Seine Methoden waren zu verzweifelt gewesen. Doch es sollte mir gleichgültig sein. Mit meiner Deckenrolle wandte ich mich zur Tür.

„Nun, das ist also der Abschied, Phil.“

Er sagte nichts. In diesem Augenblick sah er sehr jung aus und völlig besiegt. Aus irgendeinem Grunde fragte ich:

„Noch etwas?“

Er holte tief Atem und schien dann noch mehr in sich zusammenzusinken.

„Etwas habe ich dir noch nicht gesagt: Laura will Jay McCain heiraten.“

Mehrere Sekunden verstrichen, ohne dass einer von uns einen Laut von sich gab. Unten klapperte Geschirr. Das Abendessen war auf dem Tisch.

Ich weiß nicht, warum es mir einen Ruck gab, als ich hörte, dass Laura den Spieler heiraten wollte. Ich verstand nicht, dass mich das noch überraschen konnte, aber es war tatsächlich der Fall.

„Dann kannst du mir ja auch noch das übrige sagen“, antwortete ich müde.

„Du weißt jetzt wohl, dass Laura und ich nicht in allen Dingen übereinstimmen“, sagte Phil ernst. „Wir haben uns schon als Kinder gezankt, und wir werden das auch weiterhin tun, weil die Menschen hier eben so aufwachsen. Wir kämpfen und streiten hart, hauptsächlich um unsere Gefühle zu verbergen. Du wirst mich verstehen, wenn du McCain siehst. Sie heiratet ihn, damit ich die Ranch zurückbekomme.“ Sein Blick wurde hell. „Ich ahnte, dass so etwas im Gange war, als sie mir schrieb, ich solle mir keine Gedanken machen.“

„Ich verstehe es nicht recht. Wie könnte Laura ihn heiraten, um die Ranch für dich zurückzubekommen?“

Er lachte kurz.

„Du unterschätzt Lauras Fähigkeiten zu planen. Als sie sich bereit erklärte, ihn zu heiraten, tat sie das unter der Bedingung, dass er die Ranch an mich zurückverkauft. Er sollte die zweitausend Dollar als Anzahlung nehmen und den Rest in Raten, wie ich sie bezahlen konnte.“

„Und McCain macht das mit?“, fragte ich ungläubig.

Phil lächelte dünn. „Vielleicht liebt er meine Schwester, aber das ist nicht der Hauptgrund. Er will den Namen heiraten und die Achtbarkeit, die der Name Camey ihm einbringt. Außerdem ist er kein Rancher, und er verbringt die meiste Zeit in der Stadt.“

Ich fühlte mich so unbehaglich, als hätte ich einem intimen Familiengespräch gelauscht.

„Und das ist der einzige Grund, weshalb Laura McCain heiratet?“

„Sieh ihn dir an und entscheide dann selbst.“ Er trat vor mich. „Jed, ich glaube, mehr habe ich nicht zu sagen.“

Er hätte noch vieles sagen können. Zum Beispiel, dass er, um die Ehe zu verhindern, mit dem Revolver auf McCain losgehen würde., Er hätte auch den Grund für seine Lügen noch eingehender erklären können, aber er tat es nicht. Er sah mich nur mit einem Hauch seines vertrauten Grinsens an. Schließlich atmete er lange aus.

„Mann, es tut mir leid. Hast du keinen Groll mehr gegen mich?“

„Nein.“

„Es wird wieder eine Post nach Osten fahren - morgen früh. Ich schulde dir die Fahrkarte.“

„Ich komme schon zurecht.“

„Sicher.“

Dabei warf ich die Deckenrolle auf das Bett und fluchte: „Ach, zum Teufel!“

Jetzt entspannte sich Phils Gesicht, und er grinste wirklich. Ich fühlte den Impuls ihn niederzuschlagen. In Wirklichkeit öffnete ich aber die Deckenrolle wieder und sagte:

„Glaubst du, dass wir jetzt baden können?“

 

*

 

So kam es, dass ich in Sabina blieb. Nicht aus einem bestimmten Grund, sondern wegen einer Anzahl von kleinen Gründen, von denen jeder einzelne für sich betrachtet unwichtig war. Die Entscheidung besserte meine Laune nicht gerade. Der Junge fühlte das; er ging hinunter, um sich nach dem heißen Wasser zu erkundigen.

Nach einem erquickenden Bad und einem reichlichen Abendessen entschloss ich mich, mir einmal Sabina anzusehen. Das reizte mich um so mehr, als ich gehört hatte, dass McCain in der Stadt wäre.

In Gedanken versunken, ging ich auf der von Wagenspuren durchfurchten Straße auf die Stadtmitte zu. In Sabina gab es nur zwei Saloons. Einer hieß Silver Spur und war eine schäbige Hütte in der Nähe des Wagenhofes. Dort sammelten sich die Fahrer, und die Cowboys kippten in der Spelunke den letzten Drink, ehe sie weitere sechs Wochen zu einer entlegenen Weidehütte aufbrachen. Der andere Saloon hatte an der Tür nur ein Schild mit der Aufschrift „Bar“.

Als ich das Klicken von Pokerchips hörte, wusste ich, dass ich hier an der richtigen Stelle war. Der Saloon glich anderen Saloons dieser Art, nur dass hier eine Frau hinter der Theke stand, was eine gewisse Überraschung für mich bedeutete. Im Hintergrund spielten zwei Cowboys Billard. Ein Tisch war leer. Von den beiden Pokertischen war nur einer interessant. Sechs Männer schauten dort in ihre Karten, und ein rothaariges Mädchen saß etwas abseits von ihnen und beobachtete. Ich trat an die Bar und verlangte Whisky.

Die Frau hinter der Theke brachte die Flasche und ließ mich selbst einschenken.

„Sie sind doch mit dem jungen Camey gekommen?“

„Das ist richtig.“

„Dann haben Sie Vieh nach Kansas getrieben mit dem jungen Camey?“

„Ja, hauptsächlich.“

Ich beobachtete die Pokerspieler, ohne auf das Mädchen zu achten. Vier von den Männern waren sicherlich örtliche Rancher oder Geschäftsleute. Einer der beiden anderen war ein sehr großer, hagerer Mann, der wie eine Schaufensterpuppe dasaß - den Hut tief in die Stirn gezogen. Der andere war auch groß, aber keineswegs hager. Er war wie ein Bulle gebaut, mit breiten Schultern und fast ohne Taille. Alle Männer waren ziemlich gleich gekleidet; sie trugen abgetragene Hosen, Stiefel und kragenlose Hemden. In Sabina hielt man anscheinend nicht viel von Tuchanzügen und feinem Leinen.

Wenn ich hätte wählen dürfen, hätte ich den hageren, gebrechlich aussehenden Mann für McCain gehalten. Alle trugen Revolver in offenen Halftern - so selbstverständlich, wie ein Mann sein Hemd trug.

Ich wusste nicht, welcher Wochentag es war - jedenfalls war das Geschäft flau. Einer der Spieler hörte auf, und kein weiterer Gast kam. Die beiden Cowboys spielten immer noch Billard. Ich setzte mich in die Nähe des rothaarigen Mädchens. Der Mann mit den bulligen Schultern sah mich an und sagte:

„Ein Platz ist frei. Wenn Sie mitmachen wollen?“

„Nein, danke. Heute Abend nicht.“

Er zuckte mit den Schultern, schaute seine Karten an und warf sie weg. In dem Spiel war sehr wenig Geld eingesetzt. Sie spielten nur zum Zeitvertreib. Ich war aber trotzdem zu bankrott, um mitmachen zu können. Ich schaute ihnen zwei Runden lang zu und konnte nichts feststellen. In einem solchen Spiel kann man einen Spieler nicht erkennen. Nach einer Weile bemerkte ich, dass die Rothaarige mich beobachtete.

„Mister, stehen Sie für einen Drink gerade?“

Sie hatte eine sehr kleine Nase, einen großen Mund und sehr viele Sommersprossen, die selbst durch mehrere Schichten Reispuder nicht verdeckt werden konnten. Sie war ein richtiges Saloon-Mädchen, und ich wollte sie eben abweisen, als mir einfiel, dass ich von ihr vielleicht etwas über den Spieler erfahren könnte.

„Also gut, aber nehmen Sie sich nichts zu Teures.“

„Wollen Sie dem Spiel zuschauen?“

„Ich habe kein besonderes Interesse“, sagte ich.

Wir setzten uns an den Wandtisch, und das Barmädchen brachte einen Whisky für mich und ein Glas rosafarbenen Wein für sich. Sie nippte an dem Getränk und sah mich über den Rand des Glases an.

„Sie müssen Jed Callahan sein“, sagte sie. „Ich hörte, dass Sie heute mit dem jungen Camey angekommen sind. Ich bin Kate Masters.“

Wenn sie lächelte, sah sie gar nicht so übel aus. Ohne das viele Reispuder im Gesicht wäre sie sogar hübsch gewesen. Ihr Kleid war tief ausgeschnitten und mit gelben Quasten an den Schultern und einer riesigen Schleife an den Hüften versehen. Es war die Uniform der Saloon-Mädchen von San Francisco bis zur Battery. Sie konnte nicht älter als zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre sein. Immer noch beobachtete sie mich, und dann fragte sie: „Callahan, warum sind Sie nach Sabina gekommen?“

Ich hätte vieles sagen können, aber ich sagte nur: „Ich weiß es nicht genau. Ich wollte, ich wüsste es.“

Sie lehnte sich zurück und lachte. „Ich kann Sie verstehen. Ich bin selbst vor zwei Jahren hier angekommen, und ich wundere mich immer noch, warum ich geblieben bin.“

„Arbeiten Sie seit zwei Jahren hier?“

„Ungefähr.“

Da sie jung war und noch einen Hauch von Unverdorbenheit an sich hatte, sagte ich halb ernsthaft: „Könnten Sie nicht etwas Besseres finden?“

Sie zuckte mit den Schultern und schaute in ihr Glas.

Ich hatte halbwegs erwartet, dass Phil mir folgen würde, aber in fast einer Stunde zeigte er sich nicht, und aus dem Spiel der Männer war nichts zu lernen. Gleichgültig döste ich vor mich hin.

Und dann war auch schon der Streit am Pokertisch im Gange. Ich weiß nicht, wie er angefangen hatte, aber plötzlich stand das rothaarige Mädchen dicht am Spieltisch, und ich hörte sie sagen:

„So kannst du nicht mit mir reden. Das lasse ich mir nicht gefallen.“

Einen Augenblick sah es so aus, als sei es damit zu Ende. Sie hatte mit dem Bullen von Mann gesprochen, aber er schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Das Mädchen stand einen halben Schritt von ihm, und ich sah, wie der Zorn in ihren blauen Augen aufflammte. Ohne sich umzudrehen, zog der Spieler zwei Karten und warf dann alle seine Karten weg. Schließlich wandte er sich im Stuhl um, ohne das Mädchen anzuschauen.

„Bleib mir fern. Wenn ich ein Mädel haben will, werde ich rufen.“

Sie wollte ihn wohl ohrfeigen, aber sie kam nicht mehr dazu. Der Spieler hob sich halb aus dem Stuhl, machte eine Bewegung, als wollte er nach einer Fliege schlagen, und das Mädchen flog krachend gegen den Billardtisch zurück. Es geschah so schnell, dass niemand es verhindern konnte, selbst wenn jemand es gewollt hätte. Anscheinend war mit dem bullenartigen Spieler nicht zu spaßen.

Das Mädchen prallte gegen den Billardtisch und schnellte wie ein Gummiball wieder zurück. Ihre Augen glühten vor Zorn. Diesmal machte der Spieler keinen Spaß. Er schlug ihr mit dem Handrücken mit voller Wucht ins Gesicht.

„Verdammt!“ Er schrie das Wort geradezu heraus.

Das Mädchen war auf die Knie gesunken, und er stapfte auf sie zu, um wieder zuzuschlagen. Niemand schien ihn aufhalten zu wollen, bis ich sagte: „Das ist genug!“

Ich sah, wie die Frau hinter der Bar mich ansah, und dann schauten mich auch die Männer am Pokertisch und am Billardtisch an, und die zum Schlag erhobene Hand des Spielers blieb mitten in der Luft hängen. Er drehte sich ganz langsam um und sah mich ebenfalls an.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte er heiser.

„Ich habe gesagt, es sei genug.“

„Wollen Sie sich einmischen, Mister?“, fragte er sehr sanft.

„Das hängt von Ihnen ab.“

Etwa sechs Sekunden waren nach dem letzten Schlag vergangen. Einen Augenblick sah es so aus, als ob wir nur nach den Revolvern greifen könnten - dass wir alles, was wir hatten, auf diese eine Karte setzen müssten. Wahrscheinlich hätten wir es auch getan, wenn wir nicht beide Spieler gewesen wären. Ein Spieler will den Gegner kennenlernen und die Chancen abwägen. Wir waren einander fremd und nur eine schnelle Bewegung vom Tod entfernt. Der Einsatz war zu groß.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass die anderen Männer aus der möglichen Schusslinie zurückwichen. Nur das rothaarige Mädchen bewegte sich nicht. Sie kniete noch am Boden und stützte sich mit einer Hand auf. Ihre Lippen waren geschwollen, und aus einem Mundwinkel lief ein dünner Blutfaden.

Die Frau hinter der Theke hatte sich hinter die Flaschen geduckt. Ich sah auch, dass der große, gebrechlich aussehende Mann verstohlen lächelte. Er sah mich an und schüttelte den Kopf, als sehe er mich in Gedanken schon in einem Fichtensarg. Der Gebrechliche war dann auch sehr überrascht, als er sah, wie die Sache endete. Er traute seinen Augen nicht, als er bemerkte, dass der andere Mann sich entspannte und nicht nach dem Revolver griff. Das enttäuschte den gebrechlichen Mann, denn er hatte großes Zutrauen zu seinem Freund. Auch die anderen hatten gedacht, dass dieser Spieler mich einstecken würde. Sie sperrten die Mäuler auf, als sie sahen, dass der große Spieler den Revolver nicht zog.

„Mister, das war ein Fehler“, sagte er mit einer Stimme, die vor Wut bebte.

Ich konnte nichts sagen. Es war durchaus möglich, dass er recht hatte.

„Ich kann es nicht leiden, wenn die Leute ihre Nasen in meine Angelegenheiten stecken“, sagte er.

„Und ich kann es nicht leiden, wenn Ladies geschlagen werden.“

„Mister, wollen Sie einen Rat annehmen?“ Er machte drei lange Schritte in meine Richtung, aber die Drohung lag in seinem Blick und nicht in der gekrümmten Hand, die über dem Revolvergriff schwebte. „Hören Sie gut zu: morgen fährt die Postkutsche aus Sabina weg. Sie sollten mit ihr fahren.“

Er hoffte noch, dass er etwas von seiner verlorenen Würde zurückgewinnen könnte. Er brauchte nur zu beweisen, dass er mich zum Kneifen zwingen oder aus der Stadt jagen könnte. Aber eine alte Spielerregel lautete: lass nie einen Mann den ersten Pott mit einem Bluff gewinnen.

„Ich fürchte, dass mein Besuch morgen noch nicht vorbei sein wird.“

Ich hatte gesteigert, und jetzt musste er bieten oder aufgeben. Er wusste nicht, wie gut ich war, ehe er es nicht ausprobiert hatte. Und ich wusste jetzt, dass er sich auf nichts einlassen würde, bis nicht alle Chancen auf seiner Seite waren. Ich hörte, wie er pfeifend den Atem ausstieß.

„Wie Sie wollen. Aber sagen Sie nicht, dass ich Sie nicht gewarnt hätte.“

Das war das Ende. Es gefiel ihm nicht, aber er konnte nichts mehr tun. Mit einem Nicken befahl er dem gebrechlichen Mann, ihm zu folgen, und die beiden verließen den Saloon.

Ich machte drei schnelle Atemzüge. Ich hatte das Gefühl, als sei ich mehrere Minuten lang unter Wasser gewesen.

„Nun ja“, sagte jemand.

Ein anderer Mann lachte nervös, und es kam wieder Leben in den Saloon. Das Pokerspiel hatte aufgehört. Die Spieler strichen ihre Chips ein. Sie waren erleichtert und enttäuscht zugleich, weil es keinen Kampf gegeben hatte. Die Frau tauchte mit ihrer abgesägten Schrotflinte hinter der Bartheke auf. Als sie sah, dass sie die Waffe nicht brauchte, wischte sie sich das Gesicht mit einem Tuch ab...

„Mister, ich glaube, Sie wissen gar nicht, in welche Schwierigkeiten Sie beinahe geraten wären.“ Sie trat kopfschüttelnd hinter der Bar hervor. „.Warum haben Sie das getan?“

„Ich wollte, ich wüsste es, Miss.“

Wir sahen einander an. Sie war fett, aber ihr Körper bestand aus festem hartem Fett, und sie war fast so groß wie ich. Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Wissen Sie, wer der Mann war?“

„Jay McCain?“, fragte ich.

„Wollen Sie damit sagen, Sie hätten sich so benommen, obwohl Sie wussten, wer er war?“

Aus der Art, wie Sie das sagte, konnte ich entnehmen, was für einen Ruf McCain hatte. Wir hatten fast das Mädchen vergessen, das dies alles verursacht hatte. Jetzt erinnerte ich mich an sie und ging zu der Stelle hin, wo sie immer noch kniete und ausdruckslos zu Boden starrte. Die dicke Frau brachte das Tuch und wischte dem Mädchen das Blut vom Mund. Sie sah mich an, und ich konnte sehen, wie ihre Pupillen sich verengten und wieder erweiterten.

„Fehlt Ihnen etwas?“ fragte ich.

„Sie hätten nicht versuchen sollen, mir zu helfen“, sagte sie. „Jay wird Sie töten. Ich weiß, wie er ist. Er wird über die Sache nachdenken, und dann wird er Jagd auf Sie machen.“ „Darüber mache ich mir keine Sorgen“, sagte ich. „Wo wohnen Sie? Ich bringe Sie heim.“

„Sie wohnt bei mir“, sagte die dicke Frau. „Ich habe ein kleines Haus an der Querstraße hinter dem Saloon. Aber ich kann jetzt nicht weg.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914610
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
callahan phil teufel

Autor

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Titel: Callahan #10: Mit Phil gegen Tod und Teufel