Lade Inhalt...

Wie eine Meute toller Hunde

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wie eine Meute toller Hunde

Klappentext:

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Wie eine Meute toller Hunde

Western von Luke Sinclair

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Klappentext:

Jäh und erschreckend zerriss das Krachen vieler Schüsse die friedliche Abendruhe auf der kleinen Farm. Ein Hagel von Bleigeschossen fegte durch das kleine Fenster. Blitzschnell stieß Horace Bannister den Tisch um und riss seine Frau und den kleinen Mike mit sich zu Boden. Nun hatten seine Feinde ihre finstere Drohung wahrgemacht. Sie hatten geschworen, ihn zu töten und die Farm dem Erdboden gleichzumachen. Wie eine Meute toller Hunde gebärdeten sie sich. Ihr raues Gelächter schallte unheilverkündend durch die Nacht, die gerade erst begonnen hatte. Horace Bannister wusste, dass ihn nur noch ein Wunder retten konnte …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von N.C.Wyeth, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„Daddy!“, schrie der achtjährige Mike und kroch ganz nahe an Bannister heran. Horace Bannister legte seine Hand auf den strohblonden Haarschopf des Jungen, aber er brachte keinen Ton heraus. Sein Hals fühlte sich an, als würde er zusammenschrumpfen.

„Komm heraus, Bannister!“, rief jemand in das Abflauen der Schüsse hinein. Es war der hohe Singsang von Big Tracy, der immer aufreizend zynisch klang, egal, was er auch sagte. „Komm raus, Bannister, und ertrag es wie ein Mann. Dann hast du es hinter dir.“ Bannister fühlte Lornas zitternde Hand auf seinem Arm.

„Du wirst das doch nicht tun, Horace.“

Er konnte seine Frau nur anschauen und leicht den Kopf schütteln. Natürlich würde er nicht da hinausgehen. Sie ließen ihm bestimmt keine Chance. Aber vielleicht würden sie Lorna und den Jungen verschonen, wenn er tat, was sie verlangten. Immerhin war auch diese Aussicht recht ungewiss. Männer, die einen anderen kaltblütig ermorden, lassen nicht gerne irgendwelche Zeugen zurück.

Doch was hatte er für eine Chance, wenn er drin blieb?

Er hörte Schritte draußen und Stimmen, die irgend etwas riefen, was er nicht verstand. Irgend jemand lachte rau. Die da draußen nahmen es offenbar ganz locker. Sie würden nur jemanden umbringen und dann wieder nach Hause reiten.

Ein Gewehr begann wieder zu krachen. Die Kugel fetzte einen Rest der Scheibe aus dem Rahmen. Andere Gewehre fielen ein, begleitet von schrillem Geschrei – Geschrei, das Bannister noch allzu gut aus dem Krieg kannte. Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. So hatten die Rebellen geschrien, als sie bei Vicksburg seine Stellungen überrannten – genau so.

„Nein!“, wimmerte Lorna und klammerte sich an ihm fest. Verdammt, er musste etwas tun. Er konnte nicht hinter diesem Tisch sitzen und warten, bis sie hereinkamen.

Langsam, aber entschieden machte er sich von Lorna los und sprang aus der Deckung, lief zur Tür, um sie mit dem Querbalken zu verriegeln. Draußen wummerte dumpf ein Gewehr. Etwas schlug durch die Tür und prallte hart gegen Bannisters Schulter. Er taumelte zurück und ging auf die Knie. Panik ergriff ihn. Verdammt, jetzt hatten sie ihn erwischt.

Sie mussten eine großkalibrige Sharps haben. Nur mit einem solchen Büffelgewehr konnte man durch die dicken Bohlen der Tür schießen.

Bannister stolperte erneut zur Tür. Er musste den Querbalken in die Halterung bringen, ehe sie dieses verdammte Gewehr nachgeladen hatten. Er fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach, und er presste die rechte Hand gegen die taube Schulter.

„Daddy!“, schrie Mike hinter dem Tisch. Auch diese Deckung bot jetzt nicht mehr genügend Sicherheit.

Bannister schaffte es, die Tür zu verriegeln, und lehnte sich erschöpft an die Wand. Die Schulter schmerzte noch immer nicht, aber sie musste verbunden werden.

Er nahm die Hand weg, aber es war kein Blut daran. Verwundert blickte er auf seine Schulter. Aber es war zu dunkel, um etwas sehen zu können. Er tastete noch einmal mit der Hand, doch er fühlte nichts Nasses, und auch kein Loch war im Hemd. Ein Holzsplitter musste ihn getroffen haben, den das Geschoss aus der Tür herausgeschlagen hatte.

„Alles in Ordnung, Junge“, sagte er leise. Erleichterung überkam ihn.

„Ihr müsst nach hinten, ins Schlafzimmer“, drängte, er. „Aber bleibt am Boden. Sie haben ein großkalibriges Gewehr.“

Dort im Schrank waren auch seine Waffen. Lorna hatte sie dort versteckt, damit sich Mike nicht an ihnen zu schaffen machte, wenn sie draußen waren. Es war ein Fehler, dass er sie nicht gestern schon hervorgeholt und bereitgelegt hatte. Er hätte Big Tracys Warnung ernster nehmen sollen. Vielleicht hätte er sich dann nicht jetzt in einer so ausweglosen Situation befunden. Aber alles, was Tracy gesagt hatte, war ihm so absurd vorgekommen, seinen eigenen Gedanken so fremd, dass er es einfach nicht glauben wollte. Jetzt, angesichts der Realität jedoch, erschien es ihm logischer. Kein Mensch reitet jahrelang herum und sucht einen anderen, um dann nur leere Drohungen auszustoßen und wieder zu verschwinden. Bei Gott, daran hätte er denken sollen!

Gestern war Big Tracy zusammen mit seinem Bruder Lewt auf der Farm erschienen. Lorna hatte ihn gerade zum Essen gerufen, und er war bereits auf der Veranda des Hauses, als er die beiden Reiter kommen hörte. Anfangs hatte er keinen der beiden erkannt immerhin war es bereits Jahre her, und Tracy hatte nie eine bedeutende Rolle in Bannisters Leben gespielt, obwohl Big Tracy noch immer Uniformrock und Mütze der Konföderierten trug.

„Hat ziemlich lange gedauert, bis wir Sie gefunden haben, Lieutenant Bannister“, verkündete Big Tracy in seinem zynisch singenden Tonfall, der Bannister bekannt vorkam, den er aber momentan nirgendwo einzuordnen vermochte. „Wer konnte denn auch ahnen, dass ein so stolzer Lieutenant plötzlich Farmer geworden ist.“

Big Tracys Augen zogen sich leicht zusammen. „Aber wir hätten Sie gefunden, und wenn es noch zehn Jahre gedauert hätte.“

Bannister forschte in dem breiten Gesicht mit der groben Nase, den wulstigen Lippen und den kleinen, fanatischen Augen. Ein Gesicht, das irgendwie nicht zu dieser hohen Stimme passte.

„Denken Sie mal ein paar Jahre zurück, Mann, bis zum Ende des Krieges“, forderte Big Tracy ihn auf. „Sie haben damals unseren lieben Bruder erschießen lassen, als Sie noch Ihre schöne Yankee-Uniform anhatten.“

„Tracy“, entfuhr es Bannister tonlos, und er musste plötzlich schlucken.

„Sie erinnern sich also doch noch. Obwohl es nur ein dreckiger Südstaatenrebell war, den Sie umlegen ließen. Welch ein Wunder.“

Jetzt fiel Bannister diese Geschichte von damals wieder ein. Es war etwa eine Woche, nachdem die Nachricht an alle Truppenteile ergangen war, dass General Lee bei Appomatox kapituliert hatte.

„Ihr lieber Bruder“, sagte er, „wurde erwischt, nachdem er ein Munitionsdepot in die Luft gesprengt und einen Captain erschossen hatte.“

„Wir waren Soldaten, du Arsch! Und es war unsere verdammte Pflicht, gegen euch zu kämpfen“, fauchte Lewt ihn an. Sein pockennarbiges Gesicht drückte nur ein einziges Gefühl aus, aber dafür besonders intensiv: Hass!

Bannister nickte davon unbeeindruckt mit dem Kopf. „Nur war der Krieg da schon seit ’ner Woche zu Ende.“

„Das wusste Earl nicht.“

„Das war eben sein Pech. Und euer Glück war es, dass ihr da schon in Gefangenschaft wart. Aber mir scheint, für euch ist der Krieg bis heute noch nicht vorbei.“

„Ganz richtig, Lieutenant Bannister“, sagte Big Tracy gedehnt. „Für uns ist der Krieg erst zu Ende, wenn wir Sie umgelegt haben. Und da wir jetzt wissen, wo Sie sind, ist das nur noch eine sehr kurze Zeit. Wir werden Sie abknallen, Lieutenant Bannister. So, wie man es auf Ihren Befehl mit unserem Bruder gemacht hat.“

Sie zogen ihre Pferde herum und ritten ohne ein weiteres Wort davon.

„Das werden sie doch nicht wirklich im Sinn haben?“, fragte Lorna besorgt von der Tür her.

Bannister schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er, „sicher nicht. Wenn sie es hätten tun wollen, dann hätten sie es doch gleich getan.“

Er sagte es, um Lorna zu beruhigen. Aber er war sich nicht ganz so sicher, wie er tat.

 

 

2

Dunkle Wolken schoben sich über den Himmel und machten alles noch finsterer. Auch wenn sich Bannisters Augen mittlerweile an diese dürftigen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte er hier drinnen kaum noch etwas erkennen. Er hörte, wie Mike und Lorna auf dem Boden in den Schlafraum robbten. Bannister folgte ihnen und tastete nach dem Schrank. Es kam ihm albern vor, seine Waffen in einem Schrank aufzubewahren. Es war etwas, was man in diesem Land zur Hand haben musste. Aber Lorna hielt nicht viel von Waffen und hatte darauf bestanden.

Draußen brüllte wieder die schwere Sharps, und ein Stück Blei klatschte irgendwo in die Wand. Bannister öffnete die Schranktür und wühlte mit den Händen zwischen Bettwäsche und Kleidern herum, während sein Unmut über Lorna wuchs. Warum stürmen sie nicht das Haus, dachte er. Bisher waren sie auf keinerlei Widerstand gestoßen.

Er fand seine Waffen im obersten Fach unter einigen alten Wolldecken, die er herauswarf. Die Decken ließen einen Entschluss in ihm reifen.

Sie mussten weg von hier. Flucht war ihre einzige Chance. Und dabei würden sie Decken brauchen. Das Gewehr erschien Bannister zu unhandlich. So entschied er sich für den Revolver. Ein 44er Remington, den er noch aus seinen Kriegstagen besaß.

Mit den Fingerspitzen fühlte er, ob noch Kugeln in der Trommel steckten und Zündhütchen auf den Nippeln waren. Dabei fühlte er klebriges Blut an seiner Hand. Erschrocken fuhr er mit dem Kinn über das Hemd an seiner Schulter. Aber von da kam es nicht. Er musste sich an den Glasscherben am Boden die Hand verletzt haben.

Draußen begannen erneut die Gewehre loszudonnern. Ein wildes Stakkato von Schüssen brandete gegen das Haus. Bannister warf sich zu Boden. Glas splitterte erneut, und Querschläger jaulten entnervend durch das Haus.

Bannister kroch hastig zu Lorna, die hysterisch zu schreien anfing.

„Wir müssen weg hier“, sagte er schnell.

Lorna schlug nach ihm. Ihre Hand traf ihn am rechten Auge und ließ einige Funken durch die Dunkelheit sprühen. „Es ist nur deine Schuld, dass wir alle sterben müssen!“, schrie sie hysterisch.

Bannister packte sie bei den Schultern und schüttelte sie so heftig, dass ihr Kopf hin und her flog.

„Sei still, verdammt!“

Sie presste die Lippen zusammen. Ihre Schultern bebten, bis sie unterdrückt zu schluchzen begann.

„Wir müssen fliehen“, sagte Bannister eindringlich. „Das ist das einzige, was wir tun können.“

„Ich will nicht von hier weg!“, weinte Lorna, aber es war nur die Angst, die sie das sagen ließ.

„Ma!“, schrie Mike weinerlich.

„Verdammt, seid endlich still!“, zischte Horace. „Alle beide!“

Das heftige Schießen war wieder abgeflaut. Nur ein paar einzelne Schüsse fielen noch.

Bannister eilte nach hinten.

„Schließt die Tür hinter mir“, sagte er nach rückwärts, „und öffnet erst wieder, wenn ich mit den beiden Pferden zurückkomme.“

„Und wenn hinter dem Haus auch welche lauern?“, fragte Lorna besorgt.

„Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.“

Bannister wartete, bis der Junge bei ihm war, öffnete dann vorsichtig die Tür und spähte hinaus. Aber selbst wenn sich dort jemand versteckte, hätte er ihn wohl kaum sehen können.

„Mach gleich wieder zu, hörst du?“

„Sei vorsichtig, Daddy“, sagte der Junge mit vor Angst zittriger Stimme.

„Mir passiert schon nichts.“ Nach dieser üblichen Phrase glitt er rasch hinaus und duckte sich neben der Wand des Hauses.

Er konnte niemand sehen, aber das beruhigte ihn nicht. Hier konnten sich mindestens fünfzehn Mann verstecken, ohne dass er sie bemerken würde. Aber wenn welche hier wären, hätten sie bestimmt schon geschossen. Oder wollten sie warten, bis er ein besseres Ziel abgab?

Nur undeutlich konnte er Einzelheiten des Gartens erkennen, den Lorna angelegt hatte, um frisches Gemüse und etwas Obst zu haben. Weiter hinten glaubte er den Zaun auszumachen, mit dem Lorna versuchte, die Rehe und Wildschweine von ihren Pflanzen fernzuhalten. Und noch ein Stück weiter war der Stall, in dem die beiden einzigen Pferde standen, die sie besaßen. Eine Fuchsstute, der Mike den Namen Candy gegeben hatte, weil sie so verrückt auf Süßigkeiten war, und ein fahlgelber Wallach, den sie wegen seiner pfirsichähnlichen Färbung Peach nannten.

Bannister verließ den Schutz der Hauswand und bewegte sich auf die Büsche zu. Die Schnittverletzungen an seiner Hand begannen zu brennen, als hätte er Essig darüber gegossen, und er wechselte die Waffe in die linke Hand. Mit links war er ein miserabler Schütze. Aber wenn ihm zwischen den Büschen jemand auflauerte, würde er ihn ohnehin erst bemerken, wenn er eine Kugel zwischen die Rippen bekam.

Er erreichte die Büsche und schob sich zwischen ihnen hindurch. Das Streifen der Zweige an seiner Kleidung machte solchen Lärm, dass er innehielt, um zu lauschen. Aber er hörte nur die Stimmen der Männer vor dem Haus, die wieder nach ihm riefen und unter Hohngelächter durch das kaputte Fenster schossen.

Bannister konnte recht gut den dicken Stamm der einzelnen Pappel erkennen, die auf halbem Weg zum Stall stand. Es war ein gewaltiger alter Baum, der die umliegenden Erhebungen überragte und von weitem ein guter Orientierungspunkt war.

Ein plötzlich aufkommender Wind ließ die Büsche rascheln. Bannister schaute nervös um sich. Überall war mit einem Mal Bewegung, und er nahm den Revolver wieder in die rechte Hand. Geduckt bewegte er sich auf den Baum zu. Plötzlich bemerkte er, wie dessen Stamm dicker wurde und seine Form veränderte. Die Konturen einer menschlichen Gestalt hoben sich von ihm ab.

Bannister blieb augenblicklich stehen und hob die Hand mit der Waffe. Aber er zögerte. Wenn er feuerte, würde der andere zurückschießen. Und für ihn gab es hier keinerlei Schutz vor Kugeln.

Von Panik ergriffen rannte er zurück und hetzte durch die Büsche.

„He, du! Stehenbleiben!“, rief jemand hinter ihm. Der Mann schien nicht ganz sicher zu sein, ob es sich um Bannister oder einen seiner eigenen Kumpane handelte. Dann krachten Schüsse, und Bannister warf sich flach auf den Bauch.

Über ihm prasselten die Kugeln durch das Gezweig der Büsche. Mit zusammengebissenen Zähnen wälzte er sich herum und feuerte seinen Revolver ab. Eins, zwei, drei Schüsse jagte er zu dem Stamm der Pappel hinüber. Dann hielt er inne.

Der Schatten des Mannes war nicht mehr da, und es gab nichts mehr, auf das er hätte schießen können. Im Haus hörte er Lorna aufschreien.

„Horace! Horace! Gott im Himmel ...“

Hoffentlich blieb sie drin. Er konnte sich nicht melden, ohne seine Gegner auf sich aufmerksam zu machen. Er kam auf die Knie und hockte sich dann auf die Absätze seiner Stiefel. Vor dem Haus waren trampelnde Schritte und heiseres Geschrei. Aus dem Innern des Hauses hörte er Lornas haltloses Schluchzen.

Aber er konnte ihr jetzt nicht helfen. Er starrte noch immer zu dem Baum hin, bis er sich einbildete, er bewege sich hin und her. Er fühlte, wie ihm die Knie zu zittern begannen.

Warum kamen die anderen nicht um das Haus herum, um nachzusehen? Oder war es ihnen egal, ob er floh oder nicht? Spielten sie nur Katz und Maus mit ihm? Wer jahrelang hinter jemand her ist, dem kommt es vielleicht nicht auf ein paar Meilen Verfolgung an, der will nicht, dass alles so schnell zu Ende ist.

Aus der Richtung des Hauses hörte er ein leises Stöhnen. Hatte eine seiner Kugeln doch ihr Ziel gefunden?

Das Stöhnen wiederholte sich. Oder war es nur ein raffinierter Trick, um ihn aus der Deckung zu locken?

Wie dem auch sei, er hatte keine Zeit, um hier lange herumzusitzen und zu überlegen, was er tun sollte. Wenn er sich und seine Familie retten wollte, dann musste er etwas tun.

Auf allen Vieren kroch er auf den Baum zu. Als er ihn erreichte, fand er eine Gestalt, die am Boden lag. Schnell ließ er seinen Blick noch einmal die Runde machen. Den. Revolver hielt er schussbereit in der Hand.

Er hörte, wie die Hintertür des Hauses geöffnet wurde.

„Tür zu!“, zischte er durch die Dunkelheit. Dann huschte er um den Baum herum, um seinen Standort zu verändern.

Der Mann lag auf dem Rücken und schien zum Himmel hinaufzustarren.

Das spärliche Licht reichte gerade aus, um zu erkennen, wie mit dem Stöhnen eine dunkle Flüssigkeit über seine Lippen kam und als dünnes Rinnsal an seiner Wange herunterlief.

Neben der kraftlos ausgestreckten Hand lag ein Revolver im Gras, den Bannister an sich nahm und hinter den Hosenbund schob. Er spannte den Hahn seiner eigenen Waffe und richtete sie auf den Kopf des Mannes am Boden. Aber er schoss nicht. Vielleicht würde er die Kugel noch für jemand brauchen, der ihm gefährlicher werden konnte als der hier. Außerdem war es überflüssig. Das Stöhnen hatte aufgehört, und die Augen des Mannes starrten blicklos nach oben.

Sie kamen noch immer nicht zur Rückseite des Hauses. Das irritierte Horace Bannister. Es war nichts mehr von ihnen zu hören.

Hatten sie das Weite gesucht?

Diese Möglichkeit erschien ihm sehr unwahrscheinlich. Aber vielleicht hatten die Schüsse sie zu der Annahme gebracht, die Bannisters wären geflohen. Vielleicht holten sie jetzt ihre Pferde, die sie irgendwo zurückgelassen hatten. Sie mussten die Tiere zurückgelassen haben. Sonst hätte Bannister sie gehört, als sie sich dem Haus näherten.

Rasch lief Bannister zum Stall und zog das Tor auf. Er machte kein Licht, denn er kannte jeden Zentimeter hier drinnen. Er sattelte zuerst Peach und dann die Fuchsstute, die ihre Nüstern an seiner Schulter rieb, wohl in der Hoffnung auf etwas Süßes. Aber Bannister hatte keine Zeit, um auf so etwas zu reagieren. Er führte die Tiere ins Freie und zerrte sie im Laufschritt hinter sich her.

Im Haus hatte man ihn schon kommen gehört. Lorna stieß die Tür auf und kam mit Mike heraus.

„Die Decken!“, keuchte er und rannte an ihnen vorbei ins Haus.

„Wohin willst du denn?“, fragte Lorna verständnislos. „Reiten wir nicht nach Muleskin?“

Bannister kramte im Schrank nach der Schachtel, in der sie ihr Bargeld aufbewahrten.

„In Muleskin würden sie uns sofort finden.“

„Aber wir könnten dort zu Sheriff Parker gehen und ...“

„Parker ist ein alter Mann, der früher vielleicht mal ganz gut mit ’ner Waffe umgehen konnte. Aber das ist lange her. Sie würden zuerst ihn erschießen und dann uns.“

Bannister hatte die Schachtel gefunden und riss den Deckel auf. Er nahm das Geld heraus und stopfte es hastig in die Tasche der Jacke, die er von einem Haken an der Wand genommen und angezogen hatte. Die leere Schachtel ließ er achtlos zu Boden fällen.

„Unsere einzige Chance besteht darin, dass sie uns nicht finden.“

Als er an Lorna vorbei wollte, hielt sie ihn am Arm fest.

„Diese Männer haben Jahre damit zugebracht, uns zu finden, Horace. Sie werden uns immer wieder finden.“

„Nicht, wenn wir es wissen und uns dementsprechend verhalten.“

„Wir können uns doch nicht unser ganzes Leben lang verstecken.“ Tränen erstickten wieder Lornas Stimme. „Denk doch an unseren Sohn.“

„Das tue ich doch die ganze Zeit“, schrie er lauter, als er es wollte. „Mir gefällt es genauso wenig wie dir. Aber wir haben im Moment keine andere Wahl. Glaube mir!“

Er drängte sie nach draußen und half Lorna auf den pfirsichfarbenen Wallach. Mike saß hinter ihr auf, und Bannister selbst bestieg die Fuchsstute. Es schien noch dunkler zu sein als vorher. Dicke Wolken hatten sich vor den Mond geschoben.

„Wohin reiten wir?“, wollte Lorna wissen.

„Erst mal weg von hier“, wich Bannister ihr aus. Er hatte bereits eine Vorstellung über ihr Ziel. Aber jetzt war keine Zeit für irgendwelche Erklärungen.

Irgendwo polterte dumpfer Hufschlag, aber Bannister konnte nicht ausmachen, woher das Geräusch kam.

„Ich habe Angst“, rief Mike.

Bannister trieb Candy vorwärts, ohne darauf zu antworten. Was hätte er dem Jungen auch sagen sollen? Dass er selbst Angst hatte?

Die Luft war kühl, und als sie etwa zweihundert Yard weit gekommen waren, klangen hinter ihnen wieder Schüsse auf. Danach war es still.

Der Wind wehte ihnen kalt von den Bergen entgegen, und nach einer Weile begann es zu regnen. Weiter oben wusste Bannister eine alte Weidehütte. Sie hatte früher einmal zu einer Ranch gehört, die sich, so wie die Leute in Muleskin erzählten, nördlich der Berge befunden hatte. Aber ob ihr Besitzer im Krieg umgekommen oder weggezogen war, wusste niemand. Die Rinder waren jedenfalls nicht mehr da, und die Hütte oben in den Bergen wurde seit Langem nicht mehr benutzt und verfiel.

Er hatte sie einmal auf einem Jagdausflug entdeckt und in ihr Schutz vor einem Gewitter gesucht. Sie würden auch diesmal dort Schutz finden, dessen war er sicher. Nicht sicher war er allerdings, ob er bei dieser Dunkelheit den Weg dorthin fand. Auf jeden Fall würden sie alle durchnässt sein, bis sie dort ankamen.

„Schau mal, Dad“, rief Mike plötzlich.

Bannister hielt an, zog die Fuchsstute halb herum und blickte nach rückwärts. Dort, wo sich ihre Farm befinden musste, erhellte rötlicher Feuerschein den düsteren Himmel. Riesige Flammen leckten empor, und Funken stoben in die Nacht.

„Oh, Gott im Himmel!“, flüsterte Lorna verzweifelt. Das Farmerleben war nicht gerade ihre große Sehnsucht gewesen. Aber immerhin war das ihr Heim, was dort brannte.

„Reiten wir weiter“, sagte Bannister nur.

Lorna schaute erregt auf den dunklen Klecks seiner Gestalt. Konnte so ein Mann reagieren, dessen Zuhause man gerade vernichtet hatte, dessen Familie man bedrohte und in eine kalte, regenverhangene Nacht jagte?

Bannister lenkte Candy über den schlüpfrig gewordenen Grund und wich im letzten Moment einem Baum aus. Es war gefährlich, in dieser totalen Finsternis zu reiten. Aber es blieb ihnen keine andere Wahl. Noch viel gefährlicher waren diese Männer, die da hinten ihr Haus verbrannten.

Das Feuer bewies, dass sie ihnen nicht sofort gefolgt waren, und der Regen löschte ihre Fährte aus. Aber sie würden kommen, das war sicher.

Bannister war es noch immer nicht ganz klar, weshalb man sie hatte entkommen lassen. Es waren genug Männer gewesen, um das zu verhindern. Trotzdem war dieser Versuch nur halbherzig gewesen. Warum?

Es fiel ihm nur eine Erklärung ein. Sie hatten lange gebraucht, um ihn zu finden, und jetzt wollten sie seinen Tod genießen. Sie wollten ihn in die Enge treiben und seine Angst sehen, sie wollten ihn an die Wand stellen wie einen Delinquenten, der vor den Läufen des Erschießungskommandos keine Chance mehr zu entkommen hatte. Und sie wollten ihn so lange wie möglich dort stehen lassen, ehe sie ein Ende machten.

Nur ein paarmal hatten sie während der Nacht angehalten, wenn der Regen stärker wurde, und unter dichten Bäumen Schutz gesucht. Jetzt waren sie durchnässt und müde. Zu ihrer Linken stiegen steile Hänge auf, bewachsen mit Ahorn, Espen und vereinzelten Pappeln, die weiter oben durch düstere Nadelbäume abgelöst wurden. Darüber erhob sich majestätisch der nackte Fels gezackter, schneebedeckter Gipfel in den blauen Himmel.

Es war ein sonniger, aber kühler Morgen, und die Luft roch nach dem Hegen, nach feuchtem Laub und modrigem Holz. Als die Bäume sich lichteten, hielt Bannister kurz sein Pferd an und ließ seinen Blick, misstrauisch über ein fast ebenes Weideland gleiten, in dessen hohem Gras der Morgenwind wühlte. Die Grasfläche wurde nur von vereinzelten, Felsbrocken und Salbeibüschen unterbrochen, aber, so wie es schien, von keinerlei lebenden Wesen bevölkert.

„Wie weit ist es noch?“, fragte Mike dicht hinter Bannister. Sein Gesicht war blass, und er fror unter der feuchten Decke, in die er und seine Mutter sich gehüllt hatten.

Bannisters Blick kehrte zu dem Jungen und Lorna zurück.

„Es muss hier ganz in der Nähe sein.“ Seine Stimme klang nicht sehr sicher, aber Lorna war zu müde, um etwas zu sagen. Sie hatte nur den einen Wunsch, endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und ein trockenes Lager, auf dem sie schlafen konnte.

Am Ende der weiten Grasfläche mussten die Pferde einen Hang erklimmen, der immer steiler wurde.

Als sie oben waren, sahen sie die Hütte. Sie stand auf einer ebenen Fläche, ein Stück weit hinter dem Kamm der Böschung, so dass man sie von unten nicht sehen konnte. Sie war solide und fest aus ineinander verfugten Stämmen erbaut, und die ungenutzten Jahre hatten ihr offenbar nichts anhaben können. An der Vorderfront hatte man das Dach zu einer Art Veranda vorgezogen. Weiter hinten standen vereinzelte Bäume, die allmählich in dichten Wald übergingen, der sich einen Hang hinaufzog. Ein Bach sprudelte daraus hervor und ergoss sich plätschernd über die Wiese.

Bannister hörte, wie Lorna erleichtert aufseufzte. Er blickte sich um. Die Lage der Hütte war ideal gewählt. Man hatte von hier oben einen freien Blick auf das weiter unten liegende Weideland und konnte jeden sehen, der sich näherte, ehe man selbst entdeckt wurde. Nur die Bäume hinter dem Haus gefielen Bannister nicht. Sie boten Angreifern zu viel Deckung.

Aus dem Innern schlug ihnen leichter Modergeruch entgegen, der sie jedoch nicht abschrecken konnte. Es befand sich ein gusseiserner Ofen in der Hütte, auf dem man kochen konnte, ein wackliger Tisch und ebensolche Holzschemel. An der rechten Seite befanden sich doppelstöckige Lagerstätten, die für zwei Cowboys vorgesehen waren. Nicht gerade komfortabel das Ganze, aber das hatte auch keiner von ihnen erwartet.

Da nach der Regennacht vorerst nicht mit Verfolgern zu rechnen war, konnten sie zunächst einmal den versäumten Schlaf nachholen. Sie entledigten sich ihrer nassen Kleidung und hängten sie zum Trocknen auf. Mit dem vorhandenen Holzvorrat machte Bannister Feuer. Dann legten sie sich hin und deckten sich alle drei mit der Decke zu, die am wenigsten nass geworden war.

Sie schliefen bis zum Mittag. Horace Bannister wachte als erster auf. Er stand leise auf, um die anderen nicht zu wecken. Die Ruhepause hatte Hunger in ihm geweckt, und den anderen würde es genauso ergehen, wenn sie wach wurden. Es wurde ihm klar, dass ihre weitere Flucht einiger Vorbereitungen bedurfte, für die sie gestern Abend keine Zeit gefunden hatten.

Muleskin war der einzige Ort weit und breit, an dem er sich mit Vorräten versorgen konnte, nachdem ihr Haus abgebrannt war. Aber das wussten natürlich auch Big Tracy und seine Brüder.

Es war für ihn äußerst gefährlich, dorthin zu reiten, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Er konnte nur die Augen offenhalten und hoffen, dass er die anderen zuerst sah und sich rechtzeitig verstecken konnte.

Bei diesem Gedanken wurde ihm klar, dass er nur Big Tracy und dessen Bruder Lewt kannte. Die anderen, die noch dabei gewesen waren, hatte er nie gesehen. Aber vielleicht kannten sie ihn auch nicht. Auf keinen Fall wollte er hier warten, bis sie ihn aufgespürt hatten.

Sein Blick fiel auf die beiden Revolver, die er auf den Tisch gelegt hatte. Der eine war sein alter Remington, in dem noch drei Kugeln steckten, und er hatte weder weitere Kugeln noch Pulver bei sich. Der andere Revolver, den er dem Toten abgenommen hatte, war ein moderner Colt Peacemaker, für den ihm aber ebenfalls Patronen fehlten. Er hoffte, diese Waffen niemals gebrauchen zu müssen, aber darauf wollte er sich lieber nicht verlassen.

Horace Bannister war niemals das gewesen, was man eine Kämpfernatur nannte. Die Uniform eines Lieutenants der Unionstruppen hatte er nur getragen, weil seine Familie das von ihm erwartete. Und damals, als er sie angezogen hatte, war ja noch kein Krieg, und somit war dieser Schritt nicht unbedingt mit Kämpfen verbünden gewesen.

Aber dann war alles anders gekommen, und der Krieg mit all seiner Grausamkeit hatte seine Abscheu gegen gewaltsame Auseinandersetzungen derart vertieft, dass er beschloss, nach dem Ende des Krieges Farmer zu werden. Die Tatsache, dass die Armee nur noch einen Bruchteil ihrer Offiziere benötigte, machte Bannister diesen Entschluss nur leichter.

Lorna hatte vergeblich versucht, ihren Mann von diesem unglückseligen Schritt abzubringen, und sich schließlich gefügt. Aber sie hatte es nie ganz verwunden, und der Verlust des glanzvollen Lebens als Offiziersgattin in zivilisierten Landesteilen hatte sie oft gegen Horace Bannister verbittert.

So war auch jetzt ihr Blick nicht ganz frei von Vorwurf, als sie Bannister von ihrem Lager aus beobachtete.

„Und was jetzt?“, fragte sie. Bannister erschrak leicht. Er hatte nicht bemerkt, dass sie aufgewacht war.

„Wollen wir hier warten, bis diese Leute, die unser Heim verbrannt haben, an Altersschwäche gestorben sind?“

„Nein.“ Bannister schüttelte nicht sehr zuversichtlich den Kopf. „Wir müssen weiter in die Berge fliehen, ehe sie uns hier finden.“

„Warum reitest du nicht irgendwohin und holst Hilfe?“

„Wir brauchen nicht wieder darüber zu reden“, erklärte Bannister geduldig. „In Muleskin würde ich keine zwei Männer finden, die bereit wären, mir zu helfen.“

„Dann reiten wir eben irgendwo anders hin, aber nicht in diese schrecklichen Berge, wo wir uns außerdem noch gegen Bären, Wölfe und Indianer wehren müssen.“

„Die Wahrscheinlichkeit, dort auf Indianer zu stoßen, ist mehr als gering. Und Bären und Wölfe ...“

„Um die geht es doch gar nicht!“, schrie sie dazwischen.

Bannister schaute sie besorgt an. Ihre Stimmung war schlechter, als er befürchtet hatte. Um so mehr bemühte er sich, Ruhe zu bewahren.

„Wir kämen nirgendwo anders hin, weil sie uns bis dahin längst eingeholt hätten“, versuchte er ihr klarzumachen.

„Ich habe Hunger“, sagte Mike und wischte sich gähnend in den Augen her um.

Bannister nahm den Peacemaker vom Tisch und schob ihn hinter seinen Hosenbund.

„Ich reite nach Muleskin und kaufe ein paar Vorräte ein.“

Lorna rutschte von dem Bettgestell herunter.

„Und wenn sie dort auf dich warten?“, fragte sie plötzlich besorgt.

„Wenn sie mich haben, werden sie bestimmt nicht mehr nach euch suchen.“ Er ging hinaus und sattelte Candy. Lorna folgte ihm.

„Vielleicht habe ich Glück, und sie suchen noch irgendwo nach unseren Spuren.“

Als er aufsitzen wollte, legte Lorna ihm ihre Hand auf den Arm. Keine Spur von vorwurfsvollem Unmut oder hysterischer Gereiztheit war mehr in ihren braunen Augen zu erkennen. Er würde wohl nie ganz aus dieser Frau klug werden. Ihre Stimmungen konnten schneller umschlagen als das Wetter in den Bergen.

„Komm zurück, Horace Bannister“, sagte sie nur.

 

 

3

Er erblickte sie in dem Moment, als er aus dem Store heraustrat. Sie lümmelten auf der anderen Straßenseite an der Hauswand herum und schauten zu ihm herüber. Vielleicht wären sie ihm gar nicht aufgefallen, wenn nicht der eine der beiden den anderen leicht angestoßen hätte, als er herauskam.

Bannister hatte in dem Laden einen Gurt mit Holster gekauft für die Waffe, die er gestern dem Toten hinter seinem Haus abgenommen hatte. Die Waffe war geladen, und die Schlaufen in seinem Gürtel steckten voller glänzender Patronen. Noch mehr davon befanden sich in dem Leinensack mit den eingekauften Lebensmitteln, den er auf der linken Schulter trug. Er war also nicht wehrlos. Aber diese Burschen da drüben trugen ebenfalls Waffen, und bestimmt waren sie den Umgang damit besser gewohnt als er.

Bannister kannte diese Männer nicht. Er konnte sich nicht entsinnen, ihre Gesichter jemals zuvor gesehen zu haben. Und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass die Männer ihn kannten. Vielleicht kannten sie ihn auch nicht. Vielleicht hielten sie nur nach einem Mann Ausschau, der hierher kam und Vorräte einkaufte.

Der eine der beiden war ziemlich groß und dünn, hatte ein schmales Gesicht und kurzes, struppiges blondes Haar. Der andere war wesentlich kleiner und kräftig, hatte dunkles Haar und einen ebensolchen Stoppelbart, der seinem Gesicht etwas Finsteres gab. Beide trugen an ihren Gürteln Koppelschnallen der Konföderiertenarmee, mit den Buchstaben CSA. Der kleinere von ihnen trug außerdem noch graue Kavalleriehosen mit gelben Seitenstreifen, die in derben Stiefeln steckten.

Das alles hatte Bannister mit einem schnellen Blick festgestellt. Er war nur kurz stehengeblieben, als sei er sich nicht ganz über die Richtung schlüssig, die er nehmen sollte, und schaute die einzige Straße von Muleskin entlang. Von Big Tracy oder Lewt war nichts zu sehen. Aber Bannister zweifelte nicht daran, dass diese Burschen da drüben zu ihnen gehörten.

Eine Sekunde lang spielte er mit dem Gedanken, seinen Revolver zu ziehen und es mit ihnen aufzunehmen. Und vielleicht hätte er sie sogar damit überrumpeln können, dann wären es immerhin schon zwei weniger.

Aber abgesehen davon, dass er es hasste, Menschen umzubringen, würde er damit ziemliches Aufsehen in der Stadt erregen, und möglicherweise tötete er zwei Unschuldige, die zufällig den Eindruck erweckten, ihn zu beobachten.

Immerhin konnte er sich irren. Außerdem wusste er nicht, ob sich die anderen nicht doch hier irgendwo herumtrieben und ihm dann den Garaus machten.

Nein, es war besser, er tat so, als hätte er die beiden nicht bemerkt.

Langsam ging er die Straße entlang in Richtung Mietstall, wo er für Mike noch ein drittes Pferd nebst Sattel gekauft und seine Fuchsstute untergestellt hatte. Dabei überlegte er fieberhaft, wie er den beiden Männern entkommen konnte. Auf keinen Fall durfte er sie zu Lorna und Mike führen.

Als er an Mary Hopkins’ Schneidergeschäft vorbeikam, blieb er zögernd stehen. In der reflektierenden Scheibe des kleinen Schaufensters konnte er erkennen, dass die Männer über die Straße gingen und ihm langsam folgten. Bannister betrat den Laden.

Mary Hopkins war eine strohdürre, ältliche Jungfer mit einer dünnen Knotenfrisur, deren Haarfarbe man weder als aschblond noch grau identifizieren konnte. Obwohl Bannister nur sehr selten nach Muleskin kam, erkannte sie ihn sofort wieder.

„Mr. Bannister“, sagte sie leicht verwundert darüber, dass er allein in ihren Laden kam. „Haben Sie Ihre Frau nicht mitgebracht?“

„Nein, sie hatte zu tun“, log Bannister und setzte den Leinensack auf der Ladentheke, ab. „Ich wollte nur unsere Vorräte ergänzen, und als ich hier vorbeikam, da dachte ich plötzlich an einen Kleiderstoff für Lorna.“

Er schielte durch das Fenster nach draußen. Noch war von den beiden Männern nichts zu sehen.

„Es ist nett, dass Sie so denken.“ Mary Hopkins redete ziemlich schnell. „Die meisten Farmer glauben, ihre Frauen seien nur zum Arbeiten da. Ich habe hier einen sehr schönen Wollstoff. Beste Qualität. Und ich glaube, auch die Farbe würde Ihrer Frau sehr gut stehen.“

Bannister warf nur einen flüchtigen Blick auf den Stoff. Er befühlte ihn mit den Fingern, während er unter dem Hutrand hervor verstohlen nach draußen spähte.

Da waren die beiden. Sie drückten sich vor dem Laden herum und versuchten hereinzuschauen.

„Ich weiß nicht …‟, sagte Bannister unsicher. Jetzt war er überzeugt, dass die Kerle da draußen hinter ihm her waren. Aber weshalb hatten sie ihn dann nicht einfach auf der Straße erschossen und das Weite gesucht? Oder hatte sich Big Tracy diese Tat selbst vorbehalten? Ja, so musste es sein. Tracy wollte es irgendwo da draußen tun, in aller Ruhe und ohne Zeugen.

„Und außerdem kann ich ihn noch zu einem recht günstigen Preis anbieten“, sagte Mary Hopkins.

Und bei dieser Gelegenheit würden sie dann gleich noch Lorna in ihre Gewalt bringen, dachte er.

„Mister Bannister“, schreckte ihn Mary Hopkins’ vorwurfsvolle Stimme aus seinen Gedanken, „ich habe den Eindruck, Sie hören mir gar nicht zu.“

„Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung“, sagte er rasch und strich abwesend mit der Hand über den Stoff. Die beiden Männer draußen waren nicht mehr zu sehen.

„Ein sehr schöner Stoff. In der Tat. Aber ich glaube, ich komme doch besser noch einmal mit Lorna her. Sie hat einen sehr eigenen Geschmack, müssen Sie wissen.“

„Ja, das scheint mir auch besser“, stimmte Mary Hopkins reserviert zu. „Aber wenn Sie lange warten, weiß ich nicht, ob ich dieses günstige Angebot noch habe.“

Bannister hörte ihre letzten Worte gar nicht mehr. Er hatte sich den Leinenbeutel wieder auf die Schulter gewuchtet, und während er zur Tür ging, beschäftigte sich sein Geist bereits wieder mit der Möglichkeit, ungesehen aus Muleskin verschwinden zu können.

Die beiden Männer hatten in der Nähe auf ihn gewartet, und sie gaben sich nicht allzu viel Mühe, das zu verbergen.

Bannister wusste, dass der Saloon einen Hinterausgang hatte. Aber er bezweifelte, dass die beiden davon wussten. Von ihm aus konnten sie da draußen stehen und auf ihn warten, bis der Mond aufgegangen war.

Es war ein warmer, sonniger Nachmittag, und Bannister blinzelte zuversichtlich zum blauen Himmel hinauf, als er zielstrebig auf den Saloon zusteuerte.

Es war nicht viel los um diese Tageszeit in einem so kleinen Nest wie Muleskin. Der Barkeeper musste neu sein, denn Bannister kannte ihn nicht, und das empfand er als weiteren Vorteil.

„Whisky“, sagte er beinahe fröhlich und stellte seinen Beutel vor dem roh gezimmerten Bartresen ab. Aber seine Zuversicht schwand rasch, als er die beiden Fremden hinter sich hereinkommen hörte. Sie blieben am Ende der Bar stehen und verlangten ebenfalls Whisky.

Verdammt! Damit hätte er rechnen müssen.

Der Barkeeper füllte das Glas, das er vor Bannister hingestellt hatte, und ging dann zu den anderen.

Eine dumpfe Wut stieg in Bannister hoch. Er kippte seinen Whisky in einem Zug hinunter und drehte sich dann herum.

„Ich an eurer Stelle würde es genug sein lassen“, sagte er laut.

Der kleinere der beiden machte ein verwundertes Gesiegt, während der lange Blonde, der an der Stirnseite der Bar stand, ihn nur mit einem kalten Blick musterte.

„Was sollen wir?“

„Ihr habt auf mich und meine Familie geschossen und unser Haus niedergebrannt.“

„He, weißt du, wovon der redet?“, fragte der mit dem dunklen Stoppelbart seinen Kumpan. „So heiß war es doch heute gar nicht.“

Der Blonde musterte Bannister noch immer unverwandt.

„Mister“, sagte er mit Nachdruck, „wenn Sie keinen Whisky vertragen können, sollten Sie auch keinen,trinken.“

Die Augen des Barmannes huschten besorgt und wieselflink zwischen ihnen hin und her.

„Sie wissen genau, wovon ich, rede“, sagte Bannister. „Ihr seid mit Big Tracy zusammen.“

„Tracy?“, fragte der Kleine mit gespielter Verwunderung. „Wer ist denn das? Hast du den Namen schon mal gehört, Mel?“

Der große Blonde antwortete nicht. Er starrte Bannister immer nur an, als wollte er sich dessen Gesicht einprägen.

„Ich könnte den Sheriff holen und feststellen lassen, wer ihr seid“, drohte Bannister und wusste sogleich, wie einfältig seine Worte waren.

„Der Sheriff?“, fragte der Stoppelbart Scheinbar erschrocken. „Hast du gehört, Mel? Er droht uns mit dem Sheriff. Muss ’n mächtig gefährlicher Mann sein, der Sheriff von diesem Nest hier.“

„Der wird auch nur dumm daherreden“, knurrte Mel. „Scheint hier so üblich zu sein.“

„Ich möchte hier drinnen keinen Streit haben, Gentlemen“, mischte sich der Barkeeper ein.

„Aber wir streiten doch gar nicht“, grinste Stoppelbart. „Sie haben wohl noch nie gesehen, wie das ist, wenn wir streiten, wie?“

„Gehen Sie zu Big Tracy, und sagen Sie ihm, er soll sein wahnwitziges Vorhaben aufgeben.“

„Sagen Sie es ihm doch selbst“, forderte Mel Bannister auf. „Wir kennen keinen Big Tracy.“

„Sie lügen, Mann!“

Die Stimme von Mel wurde schneidend. „Mister“, sagte er langsam. „Ist wohl besser, wenn wir uns draußen weiter unterhalten. Wir schießen nicht gern Löcher in Saloonwände.“

„Nun“, nickte Bannister, „ich bin mir zwar ziemlich sicher, nicht die Wände zu treffen, aber aus Ihrer Sicht scheint mir das eine gute Idee. Ihr erlaubt aber, dass ich vorher noch einen Whisky trinke.“ Bannister nickte dem Barmann zu, der sich beeilte, noch einmal einzugießen. Er schien heilfroh zu sein, dass sich der Rest der Auseinandersetzung nach draußen verlagerte.

Bannister spürte, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug, aber er hatte sich vollkommen in der Gewalt. Das war immer schon seine Stärke gewesen, auch in heiklen Situationen nicht die Fassung zu verlieren.

„Meinetwegen“, sagte Stoppelbart. „Aber wenn daraus ’ne ganze Flasche werden sollte, kommen wir wieder rein.“

Bannister trank gemächlich seinen Whisky und wartete, bis die beiden den Saloon verlassen hatten. Dann legte er einen halben Dollar auf den Tresen und zog seinen Revolver.

„Los, verschwinde nach hinten, und steck deinen Kopf nicht mehr heraus!“, befahl er dem Barkeeper und wies auf die Tür hinter der Bar, die in einen angrenzenden Raum führte. „Wenn ich in den nächsten fünf Minuten was von dir sehe, schieße ich dir ein Loch in die Birne.“

Der Barmann bekam große, erschrockene Augen. Er schien Bannister in diesem Moment tatsächlich für verrückt zu halten.

„Ich ... ich dachte ...“, stotterte er.

„Denk lieber nicht. Davon bekommst du nur Kopfschmerzen.“

Nachdem der Barmann sich eilig verdrückt hatte, lud sich Bannister seinen Sack auf die Schulter und glitt durch die Hintertür. Durch einen engen, halbdunklen Flur gelangte er auf den Hof hinter dem Saloon, wo er zwischen halb zerbrochenen Kisten und Abfällen hindurch in Richtung Mietstall lief.

 

 

4

Die Sonne stand bereits tief, als er Candy den steilen Hang hinauf jagte. Er musste sich nach vorn beugen und sich am Sattelhorn festhalten. Verbissen zog er den kurzbeinigen Grauen hinter sich her, dem er seinen Vorratssack aufgeladen hatte.

„Lorna!“, rief er mit heiserer Stimme. „Lorna! Mike!“

Er gab sich nicht der Illusion hin, seine Verfolger abgeschüttelt zu haben. Er hoffte nur, dass sein Vorsprung groß genug war, Lorna und den Jungen in Sicherheit zu bringen, bevor sie hier auftauchten.

Candy glitt auf dem oberen Steilstück des Hanges aus, und er wäre beinahe aus dem Sattel gerutscht, wenn seine Hand nicht das Sattelhorn fest umklammert gehalten hätte.

„Lorna!“, keuchte er.

Er war ziemlich sicher, dass sie ihn nicht gesehen hatten, als er sich mit den beiden Pferden vom Mietstall aus davonmachte. Und er hatte es auch vermieden, so gut es ging, Staub aufzuwirbeln. Aber immer war das nicht möglich gewesen. Irgendwann hatten sie bestimmt seine Spuren gefunden oder sich in Muleskin umgehört, wo man hier in der Nähe Unterschlupf finden konnte. Jedenfalls war es besser, wenn er sich auf ihr baldiges Auftauchen einstellte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914566
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380735
Schlagworte
meute hunde

Autor

Zurück

Titel: Wie eine Meute toller Hunde