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Ein Kampf auf Biegen und Brechen

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Kampf auf Biegen und Brechen

Klappentext:

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Ein Kampf auf Biegen und Brechen

Roman aus dem amerikanischen Westen

von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 206 Taschenbuchseiten.

 

Klappentext:

Nur ein wenig Geld verdienen will Larry Lane, als er ohne einen Cent ins Shoshone-County kommt. Doch es kommt anders. Ohne sein Zutun ist er plötzlich mitten drin in einer heißen Sache, in einem Kampf auf Biegen und Brechen. Es ist ein Kampf, der mit aller Härte geführt wird. Und schon bald geht es um das nackte Leben.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover: Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1.

„Es ist gut, Goat!“

Der Mann, der diese Worte sagte, beugte sich weit aus dem Sattel und blickte auf das verwitterte Schild, das mit rostigen Nägeln an den Stamm einer Rotbuche geschlagen war. Die verwaschenen Buchstaben der Anschrift waren kaum noch zu erkennen:

„Wyoming, Shoshone-County!“

Larry Lane sagte es halblaut vor sich hin, als wenn es auch sein Wallach wissen sollte. Doch das hässliche Reittier, das mit Recht den wenig stolzen Namen Ziege trug, nahm scheinbar keine Notiz davon. Das Pferd stand im prallen Sonnenlicht, dünn, mit Knochen, die überall das struppige Fell durchzustoßen drohten. Das Fell war zudem fleckig und abgeschabt und an verschiedenen Stellen völlig haarlos. Jedem Betrachter musste die abscheuliche Hässlichkeit dieses Tieres auffallen. Seine Anatomie stimmte ganz und gar nicht, angefangen von dem Ziegenbock ähnlichen Kopf mit lang heruntergezogener Hängelippe, den müden, etwas zu eng stehenden, bösartigen Augen und haarlosen Ohren, dem mageren Hals, bis zu dem ausgesprochenen Senkrücken und Hängebauch. Es besaß eine Vorderhand, die bodenweit und vorbiegig war, und einen Schweif, an dem scheinbar die Motten genagt und nur einen kümmerlichen Rest von Haaren stehen gelassen hatten. Wo dieser Klepper Goat erschien, gab es Aufsehen und Gelächter.

Goat kümmerte es nicht, dass sich vor seinen Hufen das große Shoshone-County befand. Für ihn war es ein Land gleich all den andern, durch die er seine Hufe über Staub und braungebranntes Gras geschleppt hatte. Goat interessierte es nicht, inwieweit sich sein Reiter von einem Landstrich begeistern ließ. Er ließ sich willig weitertreiben. Aber er schnaubte erschreckt auf, als nur ein paar Schritte vor seinen Hufen ein Präriehund plötzlich aufsprang und davonlief. Mit allen vier Hufen zugleich machte Goat einen Riesensatz in die Luft, eine beachtliche Leistung für ein Pferd seines Aussehens. Kenner wären sich darüber einig gewesen, dass man nur ganz selten ein Pferd diesen Kraft fordernden Sprung tun sah. Goat aber gelang es hierbei nicht einmal, seinen Reiter abzuwerfen.

„Mach dir keine Mühe, Alter, es gelingt dir nicht!“, rief nach einem kehligen Lachen der Reiter. „Immer wieder versuchst du es, Ziegenbock, immer und immer wieder. Doch warte es ab! Wenn wir an der nächsten Ziegenherde vorbeikommen, verkaufe ich dich. Man wird dir Hörner aufsetzen, oder es werden dir welche wachsen, und du wirst in einem Ziegenrudel mitlaufen bis an dein seliges Ende. Go on, vorwärts, Goat!“

Die volltönende Stimme gehörte einem hageren, lässig im Sattel sitzenden Mann, dessen Kleidung und Ausrüstung nur zu deutlich seine Armut verriet. Jacke, Hemd und Leinenhose waren mehrfach geflickt, stark abgenutzt und verwaschen. Der Stetson, von Schweiß und Sonne ausgelaugt, von unbestimmter Farbe, hatte eine wie von Ratten angenagte Krempe, die traurig gewellt herabhing. Reiter und Pferd waren von einer dicken Staubschicht wie gepudert. Nur der Himmel mochte wissen, woher sie kamen und wohin sie wollten, oder ob sie überhaupt ein festes Ziel hatten. Fest stand jedoch, dass Larry Lane einer ganz bestimmten Reiterkategorie angehörte, die man als Satteltramps kannte.

Seine Lässigkeit beim Reiten verriet, dass er im Sattel zu Hause war, dass der Himmel über ihm sein Dach und die Mutter Erde seine Schlafstatt waren. Er war erst fünfundzwanzig Jahre alt, sah jedoch viel älter und gereifter aus. Das war kein Wunder in diesem Lande der harten Männer, in einem Lande, in dem das raue Leben den Menschen alles abverlangte und sie zwang, sich durchzukämpfen.

„Schaut ihn euch an, ein Satteltramp!“

Die Worte rief nun ein schwarzbärtiger Kerl, dessen dunkel gebräunte Gesichtshaut von Pockennarben entstellt war. Der Anblick des herannahenden Reiters, dessen Pferd von so trauriger Gestalt war, hatte ihn heiter gestimmt. Er stand von der Deichsel des Küchenwagens auf und stellte seinen Essnapf mit dem Rest der Bohnensuppe auf die Erde.

Auch die drei anderen Cowboys in seiner Nähe aßen nicht mehr und schauten interessiert dem Reiter entgegen. Selbst der Koch im Küchenwagen beugte sich heraus, als Larry Lane auftauchte und direkt auf ihn zuhielt, als hätte der Duft des Essens ihn und sein mageres Pferd angelockt.

Die fünf Männer der Pfeil-im-Kreis-Crew hatten noch nie eine so abgerissene Gestalt auf ihrer Weide reiten sehen.

„Pecos-Bill kommt daher geritten!“, lachte Gale Storm, der Koch, mit breitem Grinsen. „Aber diesmal nicht auf einem Blizzard oder Tornado, sondern auf einem ganz gewöhnlichen Ziegenbock!“

Fünf Männer beobachteten Larry Lane. Sie ließen keinen Blick von ihm, die fünf Männer der Vorcamps der Pfeil-im-Kreis-Ranch. Sie alle hatten zu essen aufgehört, hatten ihr Essgeschirr und die verbeulten Näpfe weggestellt und warteten nun recht misstrauisch. Sie entspannten sich erst, als der Reiter ganz nahe herangekommen war, denn sie erkannten in ihm nun einen noch sehr jungen Mann. Sie sahen blitzende Augen in einem energischen, hübsch geschnittenen Gesicht, das trotz der Staubschicht sehr sympathisch wirkte. Aber sie sahen auch seine kümmerliche Ausrüstung, das fehlerhaft gebaute Pferd des Reiters und den alten, Rost befleckten Colt, dessen Kolben aus der Hosentasche ragte. Herr im Himmel, nicht einmal ein Cowboy würde auf diese Art seine Waffe tragen! Es gab doch genügend billige Holster. Natürlich auch außergewöhnlich teure, offene und geschlossene, Sprung- und Drehholster mit eingebauten Federn und ähnlichen Raffinessen. Ein Reiter aber, der seine Waffe in der Hosentasche trug, war eine Erscheinung, war etwas, das auf die fünf wirkte wie Schnee im Sommer.

„Du hast dich geirrt, Pfannenschwenker!“, sagte der blonde Hüne Dennis Frazer zu dem Koch. „Pecos-Bill kommt nicht auf diese heiße Weide, wo alles in die Brüche zu gehen droht. Wir haben von jetzt ab nur noch einen Tramp mehr hier!“

Die bittere, verächtliche Art, in der er diese Worte für alle deutlich hörbar aussprach, zeigte seine Verachtung für alle Männer, die keiner geregelten Arbeit nachgingen, die sich von ihren Empfindungen, vom Schicksal treiben ließen wie Spreu im Winde.

„Immer mehr Tramps und menschliches Raubgesindel stellen sich hier ein, obgleich man schon genug mit den vierbeinigen Räubern zu tun hat!“

Dennis verstummte. Ein bitterer Zug kerbte seine Mundwinkel. Er trat vor, als Larry Lane Goat mit aller Lässigkeit eines ausgewachsenen Texasmannes zum Stehen brachte. Er schwang sein rechtes Bein über das Sattelhorn und saß dann auf Goats Rücken wie auf der Stange eines Corrals. Die losen Zügelenden ließ er einfach schleifen. Auch das war etwas, was den fünf rauen Männern nicht gefiel.

Nein, so kam man nicht an einen fremden Küchenwagen. So herausfordernd schlaksig setzte man sich nicht hin und tippte sich nicht so hochnäsig an die Stetsonkrempe.

„Heh, Bohnensuppe ist mein Leibgericht, Gents“, hörten sie dann noch den Fremden grinsend sagen. „Mein Leben lang habe ich eine gute Bohnensuppe gern gemocht. Der Duft des Gerichtes lockt mich unwiderstehlich an, doch leider bin ich zumeist gezwungen, mich selbst zum Essen einzuladen!“

Bei diesen Worten löste er auch schon seinen arg lädierten Essnapf, den er zusammen mit einem Rohlederlasso am Sattelhorn aufgehängt hatte. Seine Blicke streiften nun die Männer der Reihe nach, und deren ablehnende Haltung und der unsichtbare Strom von Abwehr, der gegen ihn schlug, schienen ihm die Laune nicht verderben zu können.

Was Larry sonst noch sah, machte ihm deutlich, dass er hier auf eine Gruppe von Cowboys gestoßen war, die in einer entlegenen Ecke ihrer Weide nach dem Rechten sah. So gab es nicht mal eine Weidehütte, sondern nur zwei primitive Corrals, in denen einige Zuchtbullen standen. Der Küchenwagen, der wohl schon Jahrzehnte außer Betrieb war und keine Räder mehr besaß, war auf roh behauenen Klötzen aufgebockt und stand gleich neben dem einen Corralzaun, an den man die Pferde angebunden hatte.

„Wer essen will, muss auch arbeiten“, hörte Larry Lane den blonden Hünen sagen. „Die Pfeil-im-Kreis-Ranch gibt kein Essen an Müßiggänger, Strolche und Tramps heraus. Wer herkommt und um Essen bittet, arbeitet hier auch, oder er verschwindet!“

Das war hart. Es verstieß zwar gegen die ungeschriebenen Gesetze dieses Landes, aber es zeigte auch offen die große Bitterkeit, die in den Männern dieser Ranch stecken musste, eine Bitterkeit, die die weit gerühmte Gastfreundlichkeit der Bewohner dieses freien Landes einfach nicht beachtete. Und es war auch so deutlich, dass jeder andere Mann wortlos weiter geritten wäre oder zur Waffe gegriffen hätte, je nach Temperament und Veranlagung, denn von einem Küchenwagen zurückgewiesen zu werden, war etwas, das einer schlimmen Beleidigung gleichkam.

„Ich will arbeiten, Mister ...!“

„Dennis Frazer!“

„Ja, ich will arbeiten, Mister Frazer. Ich habe keinen Buck mehr in der Tasche und seit zwei Tagen keine warme Mahlzeit mehr essen können. Tatsächlich, ich sehe im Augenblick wirklich keine andere Möglichkeit mehr, als meine Zeit mit Arbeit zu vergeuden. Bevor ich weiterziehe, braucht mein Pferd noch neue Eisen, und der Sattel müsste auch mal gründlich überholt werden.“

Jetzt erst schwang er sich mit seinem Blechnapf aus dem Sattel, und jeder dachte, dass er nie einen Reiter mit einem dickeren Fell gesehen hatte als diesen Fremden hier, der leichtfüßig zum Küchenwagen ging und dem Koch seinen Essnapf hinhielt.

Pfannenschwenker Gale Storm stieß ein undefinierbares Schnaufen aus und war so von diesem sturen Verhalten beeindruckt, dass er gleich eine große Kelle voll aus dem Gemeinschaftstopf nahm. Aber bevor er sie noch in den Blechnapf entleeren konnte, wurde Larry Lane von Frazer an der Schulter herumgerissen.

„Wer sagt dir, Kerl, dass unsere Ranch überhaupt Burschen deiner Art einstellt?“, rief der Hüne erbost und fuhr schon fort: „Und wer hat dir erlaubt abzusteigen, wer?“

Frazers Hand war wie ein eiserner Schraubstock und umklammerte Larrys Schulter fest. Eigenartigerweise schrie er nicht auf und versuchte sich auch nicht loszureißen und damit aus der schmerzhaften Umklammerung freizukommen. Larry sah den Riesen an.

In diesem Augenblick spürte Dennis Frazer einen Willen, der sich gegen ihn stemmte, und er sah in zwei dunkle Augen hinein, die weder zornig aufblitzten noch unstet flackerten. In diesem Moment aber wusste Frazer auch, dass er es bei dem Fremden mit einem Manne zu tun hatte, der seine Lektion bereits hinter sich hatte und sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ. Und Dennis Frazer nahm seine Hand von Lanes Schulter, sagte heiser: „Nun gut, wir wollen nicht schlechter sein als andere Mannschaften, bei denen du gegessen hast. Aber merke dir, wir sind kein Wohltätigkeitsverein und haben auch keinen Platz für ungelernte Kräfte. Ich möchte annehmen, und das sieht man dir an, dass du selten hinter Rindern hergeritten bist und schon lange nicht mehr ordentlich gearbeitet hast!“

Bei diesen Worten sah er auf die langen, schmalen Hände von Larry Lane herab, die in der Tat geschmeidig und gepflegt aussahen. Er ließ seinen Blick weiter zu Lanes Pferd gleiten, und jetzt, da ihm das Tier die Kehrseite zeigte, sah er die tiefen, frischen Schrammen an der Hinterhand des Pferdes.

Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich in Bewegung und ging um Larrys Pferd herum. Hierbei entdeckte er auch frische Schrammen an der Kuppe und alte Narben am Kopf des Tieres, dem ein halbes Ohr fehlte. Und derweil er dreimal, immer nachdenklicher werdend, um das hässliche Pferd herumging, wurde Larry Lane vom Koch bedient.

Er nahm das Essen entgegen und hockte sich, so als sei er hier zu Hause, auf die Wagendeichsel und fing sogleich an zu essen. Weder die Verwunderung des Riesen Frazer, noch das Anstarren der anderen störte seinen Appetit. Er aß wie ein Mann, der kurz vor dem Verhungern gestanden hatte und der mit einem Schlage alle die vermissten Mahlzeiten nachholen musste.

„Da, jetzt seht ihr wieder einmal, wie gut ich kochen kann“, hörte Larry den Koch sich der Mannschaft gegenüber rühmen. „Wieder mal ein Mann, der meine Kochkünste zu würdigen weiß. Heh, Fremder, du kannst so viel nachbekommen, wie du willst, und sollte es nicht reichen, setze ich noch eine neue Portion an!“

Gale Storm, der Koch, lachte freundlich. In der Tat gefiel es ihm, dass seine Bohnensuppe ohne Murren und bissige Bemerkungen gegessen wurde. Er wurde böse, als Langfort, ein kleiner, drahtiger Cowboy, sagte: „Wer du auch immer bist, Fremder, wenn du erst einmal deinen ersten Hunger gestillt haben wirst, musst auch du herausbekommen, dass diese Suppe versalzen, verpfeffert, verwässert, mit verdorbenen Bohnen zubereitet und auch noch angebrannt ist. Wir wollten dir einen Magenkrampf ersparen, als wir dich fortschickten. Wir wollten nicht, dass auf der Weide ringsum bekannt wird, welche Art von Essen wir schlucken und ertragen müssen. Wir haben es nämlich nicht gern, dass man uns deswegen bemitleiden würde!“

Larry Lane antwortete nicht. Er kannte dies. Überall, auf allen Ranches, war es wohl so, dass die Mannschaft der Cowboys ihren Koch bis zur Weißglut zu ärgern versuchten. Es war eine Art Sport, bei dem man herausfinden wollte, wer die besseren Nerven besaß. Und dieser Koch hier hatte Nerven. Er ging sofort mit der schweren Schöpfkelle auf den Cowboy los wie ein Stier, dem man ein rotes Tuch vor die Nase gehalten hatte. Nur der Himmel wusste, wie die bevorstehende Keilerei zwischen dem ungleichen Paar ausgegangen wäre, wenn nicht im letzten Moment der riesige Frazer mit lauter Stimme und einer nicht zu überhörenden Schärfe darin gesagt hätte: „Heh, Fremder, das mit dem Pferd da, war es ein Puma?“

Larry Lane, der nur mit dem Essen beschäftigt war, hob kurz den Kopf und sagte: „Mein Ziegenbock muss auf Pumas eine ganz besondere Anziehungskraft haben. Vielleicht riecht er den Bestien zu gut, oder er scheint den Räubern eine leichte Beute abzugeben. Ja, Goat hat schon mehrere dieser Raubkatzen abschütteln müssen. Er kennt nun auch bereits die Unterschiede ihrer Gattungen.“

„Hier gibt es ganz besondere Exemplare“, unterbrach ihn der Riese Frazer. „Gerade hier in dieser Weideecke haben sich einige ausgesprochen prächtige Stücke festgesetzt, und wenn nicht nur dein Pferd besondere Erfahrung auf diesem Gebiet hat und auch du einiges davon verstehst ... äh, wie war doch dein Name?“

„Larry Lane!“

„Ja, dann, Larry Lane, könnte dein Name als Raubtierjäger in der Lohnliste der Pfeil-im-Kreis-Ranch stehen!“

Frazer rief das so laut und betonte es so eigenartig, dass der Koch seine schon zum Schlage erhobene Kelle und Cowboy Langfort seine zur Abwehr hochgerissenen Fäuste sinken ließen.

In diesem Augenblick sagte Buck Cummins, der schwarzbärtige Vormann der Pfeil-im-Kreis-Ranch: „Und damit gleich von Anfang an alles klar ist und später keine Klagen kommen, solltest du wissen, dass es hier außer dem vierbeinigen Raubgesindel auch zweibeiniges Raubzeug auf der Weide gibt.“

„Wenn ich schon zur Jagd eingestellt werden soll“, erwiderte Larry Lane kauend, „muss ich vorher wissen, gegen welche Art von Raubzeug ich anzutreten habe!“

Die fünf Männer der Ranch sahen sich gegenseitig an. Einer nach dem andern grinste.

„Nun, bei dir ist es ganz klar, Lane“, antwortete dann der schwarzbärtige Cummins lächelnd. „Du wirst zusammen mit unserm kleinen Frazer gegen vierbeiniges Raubzeug ausziehen und Wölfe, Pumas oder Bären niederkämpfen. Doch bevor du antrittst, reitest du erst mit mir in die Stadt. Man soll nicht von Pfeil-im-Kreis-Reitern sagen können, dass sie schlecht gekleidet und bewaffnet sind. Wenn du also mit dem Essen fertig bist, Lane, brechen wir auf!“

Dann stellte ihm der Vormann noch die übrigen Männer vor. Larry Lane schaute jedem von ihnen ins Gesicht und wusste, dass sie Langfort, Storm und Chapman hießen. Dennis Frazer kannte er ja bereits.

„Hm, ich bin verteufelt schnell zu einem Job gekommen“, grinste Lane Cummins an. Doch der erwiderte hart: „Die Pfeil-im-Kreis-Crew hat alle Hände voll zu tun, und hier in der Gegend wimmelt es von Raubzeug, das die Kälber unserer Zuchtherde gefährdet. Frazer wollte schon immer einen Gehilfen haben, aber du, Lane, wirst erst noch beweisen müssen, ob du der richtige Partner für ihn bist!“

Cummins blickte Larry fest in die Augen und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Wenn du willst, kannst du es dir noch mal überlegen. Die Mahlzeit da verpflichtet zu nichts. Es gibt viel Kummer auf dieser Weide.“

„Ich habe meine Erfahrung als Raubtierjäger, Vormann“, erwiderte Lane ruhig. „Ich sah schon viele Countys, gute und böse. Ich hielt mich nirgends lange auf, und wo ich arbeitete, tat ich meine Pflicht. Du selbst wirst es wissen, dass man als Gastcowboy immer außerhalb der Gemeinschaft steht. Man arbeitet und wird dafür bezahlt. Aber eines Tages reitet man weiter. Ich kam nicht hierher, um mich in irgendeine Sache einzumischen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Mir gefällt jedes Land gleich gut. Überall gibt es Sonne und Schatten. Überall gibt es auch Arbeit, durch die man so viel verdient, dass man eines Tages weiter trailen kann. Von Texas herauf war es ein weiter Weg.“

„Lane, für Langreiter gab es auf der Weide der Pfeil-im-Kreis-Ranch immer nur ganz beschränkt Arbeit. Doch noch nie wurde ein Texasmann eingestellt, als William Tray, unser Boss, noch lebte. Er hatte etwas gegen Texaner. Sein Sohn Andrew hat zwar nicht die gleichen strengen Ansichten wie der verstorbene Rancher, aber auch er vergisst nicht, dass sein Vater, der ehemalige Master-Sergeant der Union, von den Rebellen des Südens so zerschossen wurde, dass er nach dem Kriege und seiner Entlassung aus der Armee nur noch ein Wrack war, ein Mann, der nicht mehr kämpfen konnte!“

„Ich war nicht Soldat, Cummins!“, unterbrach ihn Lane ruhig.

„Na, schön, aber die Südstaatenrebellen haben aus Big William Tray einen Mann gemacht, dessen Leben nichts mehr taugt“, fuhr Cummins unbeirrt fort. „Der große William Tray, dem sich alle Rancher, alle Menschen im weiten Umkreis beugten, weil er gerecht und stark die Interessen des Landes wahrnahm, war nicht mehr er selbst. Die gleichen Männer und Rancher, die sich stets hinter ihn gestellt, den Schutz dieses Mannes genossen hatten, fingen noch während des Krieges an, sich Vorteile zu erobern. Sie drangen in unsere Weiden ein, besetzten Wasserstellen, nahmen sich Weidehütten und wurden noch dreister, als sie Big William Tray nach seiner Rückkehr aus dem Krieg als hinfälligen und vom Tode gezeichneten Mann wiedersahen.“

„Cummins, in diesem Falle hätte sich Andrew Tray, euer jetziger Boss und Big Williams Sohn um verschiedene Dinge kümmern sollen. Warum beklagt er sich? Andrew Tray hätte in die Fußstapfen seines Vaters treten müssen. Sicherlich hatte es der Master-Sergeant der Unionsarmee auch so gewünscht, oder …?“

„Nicht jeder Mann ist ein Kämpfer, Lane“, unterbrach ihn der Vormann rau und sagte damit alles über seinen Boss, jedenfalls genug für Larry Lane, um sich den jetzigen Besitzer der Ranch vorstellen zu können. Er wusste, dass es ein Mann war, der sich selbst bedauerte, Angst hatte zu kämpfen und sich sein Leben lang hinter seinem großartigen Vater versteckt hatte. Nur der Himmel mochte wissen, was sich zwischen diesem Sohn und dem verwundeten, aus dem Felde heimgekehrten Vater abgespielt hatte. Eins stand für Larry jetzt schon fest, dass er noch weitaus mehr hören würde. Doch er nahm sich fest vor, sich aus allem herauszuhalten, was immer auch kommen mochte. Es genügte ihm, dass er eine neue Arbeit gefunden hatte und etwas Geld verdienen konnte, das er bald zum Weiterritt nutzen würde. Später, als er gegessen hatte und schon mit Cummins der Stadt zuritt, fragte er diesen:

„Jetzt hasst Andrew Tray alle Südstaatler, weil er sie für sein eigenes Unglück verantwortlich macht. Eine einfache Art, die Bitternis und die eigene Schuld abzuschieben. Er hätte es selbst versuchen müssen, Cummins. Ich selbst besitze nichts, aber ich weiß, dass in diesem rauen Lande nur derjenige etwas behalten kann, der hart und sicher genug ist und die nötige Größe dazu hat. Hat er sie aber nicht, muss er alles verlieren!“

„Bevor William Tray starb, mochte er noch erkannt haben, wie sich alles entwickeln würde. Er übergab mir die Leitung der Ranch. Solange ich lebe, werde ich das verteidigen, was zur Pfeil-im-Kreis-Ranch gehört, aber nicht für Andrew Tray, diesen Unfähigen, der sich manchmal am liebsten verkriechen möchte, sondern für Ann, seine Schwester!“

Cummins runzeliges Gesicht straffte sich. Ein Leuchten trat in seine Augen.

„Ja, sie war schon als Kind ganz anders als ihr Bruder!“

Cummins verstummte. Er sah Larry Lane an, und sein Blick wurde wachsam.

„Doch was geht das dich an, Lane! Es genügt, wenn du Andrew fernbleibst und er an der Art deiner Sprache nicht den Texaner heraushört. Ja, ich muss dich warnen, Andrew Tray ist irgendwie närrisch und unberechenbar. In den Texanern sieht er die eigentliche Ursache seines Unglücks und seines Versagens. Ich möchte nicht, dass ihm etwas geschieht. Unerklärlicherweise hängt Ann, seine Schwester, an ihm mit unbegreiflicher Liebe und verzeiht ihm alle seine Schwächen. Andrew hat eine Menge Schwächen. Doch du wirst sie nicht erst herausfinden müssen. Du bleibst mit Frazer auf der Außenweide, und eines Tages wirst du weiterreiten wollen.“

„Genau, Cummins“, antwortete Larry trocken. „Ich habe kein Verlangen danach, den Ranchboss kennenzulernen. Mir genügt die Bezahlung nach vier Wochen Arbeit und eine Prämie für jedes Raubtierfell. Es ist wohl so, dass es auf jeder Ranch etwas gibt, das den Männern Kummer und Sorge bereitet.“

„Damit hast du recht, Lane. Kummer und Verdruss gibt es in Mengen im Shoshone-County!“ knurrte Cummins rau und schwieg dann.

Er war bereits ärgerlich über sich selbst und fragte sich, wie es dazu kommen konnte, dass er seinem verwildert aussehenden Begleiter mehr Dinge gesagt hatte, als notwendig war. Aber sicher würde Andrew Tray niemals auf den Einfall kommen, einen Ausflug in Frazers Jagdbezirk zu unternehmen. Zum Teufel, was hatte dieser Satteltramp nur an sich, dass es einem die Zunge löste und man Sachen ausplauderte, die man lieber in sich verborgen halten sollte? Cummins, der sonst so schweigsame, ja mürrische Mann mit einer tiefen Treue und Verehrung zu Ann Tray im Herzen, konnte sich nicht genug über sich selbst wundern.

Er sah Larry Lane daraufhin an, als wollten seine Blicke bis in dessen Innerstes dringen. Yeah, der Kerl hatte etwas an sich, das alle Menschen freundlich für ihn stimmte. Wer zum Teufel, war nur dieser Larry Lane, dessen komisches Pferd viele Zeichen und Narben von Kämpfen mit Raubtieren aufwies? Ein Einsamer? Ein junger Mann, der schon viele Erfahrungen gesammelt hatte und doch sein Herz noch nicht verhärten ließ und sich eisern in der Gewalt hatte, so gut, wie es hierzulande nur selten Männer schafften? — Ich werde es noch herausfinden, sagte sich Cummins. Vielleicht werde ich es herausbekommen, wenn er nur lange genug bleibt. Doch bei diesen Burschen vom langen Lasso ist es verteufelt schwierig, und er hat ein Rohlederlasso, kein gedrehtes oder geflochtenes. Es ist eins von der Sorte, wie es nur Könner handhaben. Und sein Pferd erscheint nur auf den ersten Blick als die Karikatur eines Pferdes. In Wirklichkeit hält es mit federnder Leichtigkeit mit meinem Vollblut Schritt. Ja, dieser Lane macht mir immer mehr, mit jeder Meile zunehmend, Kopfzerbrechen.

Cummins dachte an das kleine Erlebnis vor Kurzem, als ein Eichenstamm quer im Weg lag. Er hatte sein Tier um den Stamm herum gelenkt, aber Lane ließ sein Tier springen, und es sprang, als wären ihm Flügel gewachsen, und schnaubte dann so verächtlich, dass es Cummins heiß und kalt über den Rücken gelaufen war. Ja, dieses äußerlich so hässliche Tier hatte Herz, aber auch Furcht, denn als bald darauf eine auffliegende Krähe heiser zu schimpfen begann, jagte es davon, als hätte es Paprika im Blut, und jeder normale Reiter wäre von dem plötzlichen Antritt und dem Ausbrechen des Tieres heruntergeschleudert worden, doch nicht Lane. Er saß im Sattel angewachsen und lachte, als machte ihm dieser Scherz seines Pferdes nur Spaß.

Kein Wunder, dass der Vormann Cummins immer schweigsamer wurde bei seinen Gedanken über Lane. Er atmete auf, als man sich endlich nach Stunden der Stadt Shoshone näherte.

„Da, unsere prächtige Town, Lane, eine Rinderstadt, wie sie nicht sein sollte! Doch das wirst du noch herausfinden. Noch gibt jeder Store Reitern unserer Crew Kredit.“

„Das bedeutet, dass die Ranch wenig Bargeld zur Verfügung hat?“

„Genau das, Lane! Seit einem Monat gab es keine Löhnung mehr. Doch das sollte dich nicht stören. Es genügt, wenn du dich als Reiter der Pfeil-im-Kreis vorstellst. Für fünfzig Dollar sind wir immer noch gut, und das ist genau dein Lohn als Jäger. Für diese Summe kannst du einkaufen. — Das wär’s, Lane!“

„Und du hast keine Sorge, dass ich den ganzen Kredit nützen und dann einfach weiterreiten würde, Cummins?“

Beide Männer schauten sich in die Augen.

„Genau das befürchtete Frazer“, entgegnete Cummins. „Er würde dich zurückholen, Larry Lane. Schon einmal hatte es ein Satteltramp versucht. Aber er kam nicht weit. Frazer hat drei Pferde fast zuschanden geritten und brachte den Mann zurück. Er brauchte nur einen Tag, um den Mann einzubrechen und einen weiteren, um aus ihm einen vernünftigen, arbeitswilligen Mann zu machen. Am vierten Tag brauchte Frazer schon seine Stiefel nicht mehr zu putzen, sein Pferd nicht mehr zu versorgen und seine Hemden zu waschen. Das machte nun der andere alles für ihn. Doch nicht zufrieden damit, reichte Frazer ihn weiter, und jetzt putzt dieser Mann jedem von uns die Stiefel, wäscht besser als eine Waschfrau, mistet die Ställe aus und ...“

„Frazer gehört wohl zu der ganz harten Sorte, Cummins?“, unterbrach ihn Lane.

Cummins, der schwarzbärtige Vormann, konnte ein Grinsen nicht verbergen, als er jetzt Lane voll ansah, der keine Miene verzog.

„Es steht fest, dass auch du für dein Geld arbeiten wirst, Lane, dass du nichts geschenkt bekommst, und dass Frazer aus dir einen richtigen Raubwildjäger machen kann. Falls du es dir also noch einmal überlegen willst, du kannst noch reiten, denn du hast noch nicht den Kredit bekommen!“

„Warum so vorsichtig, Vormann? Ich bleibe, denn meine Aufgabe und vor allem Frazer interessieren mich zu sehr!“, entgegnete Lane.

Überrascht schaute ihn Buck Cummins an. Doch er schwieg, bis sie die ersten Häuser der kleinen Rinderstadt erreicht hatten, und jetzt, wo die beiden Männer Bügel an Bügel auf der Mainstreet ritten und die ersten Passanten erblickten, sagte der Vormann: „Es ist von jetzt an deine Sache, Texas-Boy. In einer Stunde erwarte ich dich im Sternenbanner-Saloon. Falls du es dir bis dahin anders überlegt haben solltest, nun gut, dann wird Dennis eben weiterhin allein auf Jagd gehen müssen!“

„Was gibt es da noch zu reden, ich sagte doch, dass ich bleibe!“, erwiderte Lane fest, der das Erstaunen, das die Menschen dieser kleinen Stadt beim Anblick seiner Schindmähre zeigten, offensichtlich gewohnt war und das ihn nicht mehr störte.

Er sah, dass sehr viele Leute nach Shoshone-Town gekommen waren. Überwiegend waren es wohl ganze Cowboymannschaften. Man sah nämlich ihre Pferde in langen Reihen an den Haltestangen vor den Futtertrögen stehen. Aber bei keinem der Tiere sah er das Zeichen der Pfeil-im-Kreis-Ranch.

Sein Begleiter mochte die Gedanken Larrys erkennen. Er verzog sein faltiges Gesicht zu einem spöttischen Grinsen, als er sagte: „Wenn du ein Cowboy wärst, würdest du es riechen, Lane. Es riecht nicht gut in dieser Stadt!“

Larry Lane nickte nur. Schon beim Einreiten in die Stadt hatte er ein eigenartiges Gefühl gehabt, so als wenn etwas Unangenehmes auf ihn zukommen wollte. Jetzt verstärkte sich das Gefühl und wurde noch stärker und deutlicher, als Cummins sein Pferd zu dem Bohlensteig lenkte, wo ein grauhaariger Mann lässig an einer Verandasäule lehnte und heiser zu Cummins sagte:

„Du kommst zu spät, Vormann!“

Larry Lane hatte ebenfalls Goat angehalten. Der Grauhaarige schaute den Wallach mit wachsendem Erstaunen und dann seinen Reiter an. Schließlich ließ er seinen Blick auf den Vormann zurückgleiten.

„Du kannst ruhig sprechen, Lane reitet für die Pfeil-im-Kreis-Ranch“, sagte Cummins zu dem Grauhaarigen, dessen tief dunkles, scharf geschnittenes Gesicht an einen Indianer erinnerte: „Ja, wir haben Lane als Raubwildjäger angeworben, Sheriff Vernon.“

Vernons Augen hatten einen müden Ausdruck. Schatten lagen darin. Der große, hagere Mann, der für Sekunden die Lippen fest geschlossen hatte, entsprach ganz und gar nicht dem Bilde, das sich Larry Lane von dem einst so berühmten Sheriff gemacht hatte; von einem Sheriff, der, wie man sich erzählte, in wilden Camps, in Städten und auf den Goldfeldern Ordnung geschaffen hatte. Müde, abgekämpft, wie in tiefer Resignation erstarrt, sah dieser Mann jetzt aus, dessen Rechte an dem tief geschnallten Colt mit einem Walnussholzgriff spielte.

„Man hat mir nahegelegt, meinen Orden abzulegen“, sagte der Sheriff. „Und man tat es gleich von zwei Seiten. Die Ranchers und die Rustlers waren bei mir; die ersten bei Tage, die andern in der Nacht.“

„Und?“ Nur dieses eine Wort sagte Cummins.

Er saß angespannt im Sattel. Seine Augen ließen den alten, grauhaarigen Sheriff, der keinen Orden trug, nicht los.

„Ich trage den Stern in der Tasche“, erwiderte Vernon. „Ich bleibe. Was auch kommen mag, ich bleibe.“ Er atmete tief ein und fuhr dann mit grimmigem Gesichtsausdruck fort: „Ich lasse mich nicht so einfach abschieben; auch jetzt nicht, nach Big Trays Tod. Solange der Boss von der Pfeil-im-Kreis-Ranch lebte, war er stark genug und konnte mit seiner Mannschaft für den Frieden im Lande garantieren. Doch nach seinem Tode ...“ Er lachte bitter auf. „Cummins, du weißt selbst am Besten, wie es kam. Man hat nur auf den Tod von William Tray gewartet. Von diesem Tage an drangen die ändern Ranchers in die Weidegebiete der Trays ein, und die Rustlers wurden wieder groß und stark. Selbst du, Cummins, hast das nicht verhindern können. Du hast mit den Schwierigkeiten, die dir Andrew nun bereitet, genug zu tun. Und jetzt kam es, wie es kommen musste. Drei Viehdiebe wurden von der Jury freigesprochen!“

Sheriff Vernon spie zur Seite aus. Der Gram in seinem Gesicht vertiefte sich. „Doch die drei kamen nicht weit. Ein Rudel Cowboys hat sie nach dem Verlassen der Stadt aus dem Sattel geschossen, und das bedeutet Krieg, Cummins! Wir stehen unmittelbar vor dem Ausbruch eines Weidekrieges. Doch weder die eine noch die andere Partei kann mich ausstehen. Beide wissen, dass ich ein alter Mann geworden bin. Aber ich reite nicht fort!“ sagte er trotzig.

„Sheriff, Sie haben doch in Kansas-City die berüchtigte Drei-Stern-Bande ausgehoben“, sagte Larry Lane.

Vernon hob den Kopf und nickte.

„Das war vor zehn Jahren, junger Mann. Inzwischen hat sich viel geändert. Big Tray hat mir ein Amt gegeben. Solange er lebte, stand er hinter mir und dem Gesetz für Frieden und Ordnung. Seit seinem Tode ist alles verändert. In dieser Stadt ist die Hölle los. Die guten Bürger spüren, dass die Macht der Großranchers zu zerbrechen droht. Die Rinderdiebe reiten ganz offen und sorglos in Shoshone ein. Die Tatsache, dass du, Cummins, und Andrew Tray sich feindlich gegenüberstehen, ist bereits allgemein bekannt. Wie schon gesagt, man legte mir nahe, aufzugeben und mit der nächsten Stagecoach abzureisen. Doch ich bleibe und denke nicht daran zu gehorchen.“

Ohne noch auf eine Antwort zu warten, drehte sich der Sheriff um und ging davon. Die beiden Reiter sahen ihm nach. Erst als Vernon um eine Hausecke verschwunden war, sagte Cummins „Lane, jetzt kannst du dir denken, warum ich zur Stadt ritt. Andrew Tray wohnt im Sternenbanner Saloon zusammen mit seiner Schwester Ann. Sie haben es vorgezogen, ihre Quartiere in der Stadt aufzuschlagen. Auf der Ranch gefällt es ihnen nach dem Tode ihres Vaters nicht mehr sehr. Zu deutlich ist spürbar, dass Andrew Tray versagte. Nach dem Tode ihres großen Bosses ist die einstmals so berühmte Pfeil-im-Kreis-Crew sehr unzuverlässig geworden. Ich habe alle Hände voll zu tun. Wenn nicht Dennis Frazer auf meiner Seite stünde, hätte sich die Crew gewiss schon lange aufgelöst und wäre davongeritten.“

„Das Bargeld ist wohl zu knapp, Vormann?“

Cummins gab es ohne Umschweife zu.

„Andrew Tray sorgt dafür!“, entfuhr es ihm bitter. „Ich kam in die Stadt, um ihn zu fragen, woher er das viele Bargeld bezieht. Mit dem Taschengeld, das ihm von der Bewirtschaftung der Ranch zur Verfügung gestellt wird, könnte er nicht so mit den Dollars um sich werfen, Saufgelage abhalten und ein teures Glücksspiel riskieren.“

 

2.

Vormann Cummins ritt davon. Er saß ein wenig vornübergebeugt im Sattel, als trüge er eine schwere Last auf den Schultern. Jetzt wusste Larry Lane schon weit mehr von den Verhältnissen in diesem Lande und auf der Weide.

In langsamer Gangart trieb er sein Pferd auf die andere Straßenseite hinüber, wo er einen großen Store entdeckt hatte. Dort schwang er sich behände aus dem Sattel und band Goat an die Haltestange.

„Was geht mich das hier alles an“, sagte sich Larry. „Die fünfzig Dollars Vorschuss kann ich gut gebrauchen. Vier Wochen werde ich bleiben, um den Vorschuss abzutragen, und dann geht’s weiter.“

Larrys Gedanken wurden nicht freundlicher gestimmt, als er den nach allerlei Gewürzen und anderen Dingen duftenden Laden betrat und den griesgrämigen Verkäufer erblickte, dem er unverzüglich seine Wünsche darlegte. Doch der betrachtete zunächst schweigend und spöttisch durch die unsauberen Fensterscheiben Goat.

„Sie können den Wallach haben, Mister, für zwanzigtausend Dollars!“, wandte sich Larry ungeduldig an den Alten, der weder dem Klingelzeichen bei seinem Eintritt noch dem Käufer selbst große Beachtung geschenkt hatte.

Der Griesgrämige schluckte schwer, zog die Augen eng und schob seine Nickelbrille höher. Unter den Gläsern hervor blinzelte er Larry aufmerksam an.

„Pah, behalte den Gaul, Freund, und benutze ihn als lebendigen Garderobenständer. Er wird dir noch ein Vermögen einbringen, wenn du ihn ab und zu zur Schau stellst und den gutgläubigen Leuten erzählst, er stamme von einer Elchkuh und einem Esel ab. Du wirst bald über so viel Bargeld verfügen, dass du einiges davon der Pfeil-im-Kreis-Ranch zahlen kannst. Sie wären dann in der Lage, endlich die Schulden abzutragen, die sie schon bei mir haben. Ja, Freund, du bist nicht der erste abgebrannte Satteltramp, der einen Vorschuss bekommt und einem gewissen Raubwildjäger als Gehilfe zugeteilt werden soll. Drei Mann haben es vor dir versucht, und sie alle vergaßen, dass sie für den Vorschuss auch noch arbeiten sollten. Frazer schien nur darauf gewartet zu haben. Ich warne dich, Freund, versuch es erst gar nicht mit Frazer. Es gibt wohl keinen grimmigeren, leidenschaftlicheren Kerl als ihn. Aber ohne ihn wäre es sicher längst aus mit der richtig armselig gewordenen Pfeil-im-Kreis-Ranch. Die ehemalig raue Meute der erstklassigen Crew glaubt nicht recht an Cummins und ist nur schwer zu bändigen.“

„Mit anderen Worten, Storehalter, Sie haben Angst, mir einen Kredit zu gewähren, weil Ihnen die Rückzahlung fraglich erscheint?“, unterbrach Larry den Redefluss des Alten.

Der Mann sah sich den Besucher genauer an. Er hatte wohl sein Interesse geweckt. Jetzt gebrauchte er auch das respektvolle Sie.

„Ja, genau das ist es, Stranger“, sagte er dann. „Und wenn es so weiter bergab mit der Ranch geht, wird niemand mehr Kredit geben. Außerdem sieht es sehr böse in der Stadt und auf der Weide aus. An Ihrer Stelle würde ich schleunigst weiterreiten und mich so viele Meilen wie nur möglich von Shoshone-Town entfernen.“

„Tut mir leid, ich bleibe, und es interessiert mich nicht, was hier geschieht. Ich bin völlig abgebrannt und muss etwas verdienen und darum ...“

„Na schön, noch hat die Ranch Kredit bei mir. Sagen Sie mir, was Sie brauchen. Ich verkaufe Ihnen meine Sachen für genau fünfzig Dollar. Das ist mehr, als man es einem einfachen Weidereiter zugesteht. Frazer hat das durchgesetzt. Er meint, dass die Raubwildjagd anstrengender sei, als nur hinter Kuhschwänzen herzureiten. Das wiederum hat ihm den Unwillen der ganzen übrigen Mannschaft eingebracht. Aber das interessiert wohl nicht, wie?“

„Nein“, sagte Larry Lane, der bereits bei den Regalen stand und nach einer neuen Ausrüstung suchte. „Ich werde nur meine Arbeit tun und nichts mehr und nichts weniger. Außerdem werde ich auch kaum das Vergnügen haben, die anderen Mitglieder der Crew kennenzulernen. Ich habe gar kein Verlangen danach. Mein Pferd Goat ist der beste Gesellschafter. Dieses Ross lässt einfach keine Langeweile aufkommen und offen gestanden, Mister ...“

„Pearce!“, stellte sich der Storehalter vor.

„Ja, offen gesagt, Mister Pearce, Weidekriege interessieren mich nicht. Ich halte nämlich nichts davon, meine Haut für andere Leute durchlöchern zu lassen, damit diese die Unzahl ihrer gehörnten Viecher behalten können und sie schließlich doch in einer einzigen Nacht verkaufen und den Erlös dann verspielen können. Die Werte, Mister Pearce, Menschenleben und Geld, sind zu unterschiedlich. Nein, ich denke nicht daran, mein Leben für anderer Leute Wohlergehen in die Waagschale zu werfen!“

„Himmel, und dann wollen Sie Raubzeug jagen?“

Larry Lane gab nicht sogleich Antwort. Er hatte neue Kleidung, einen Gurt mit offenem Holster, einen noch guten 45er Colt, einen bunten Schal, einen neuen Stetson, sowie Stiefel mit Sporen, Munition, Tabak und andere Kleinigkeiten mehr mit sicherem Gefühl ausgesucht und dann alles auf die Thekenplatte gelegt.

„Sie wollen ausgerechnet Dennis Frazers Partner werden, junger Mann? Sie kennen Frazer noch nicht, oder ...?“

„Doch, es ist ein blonder Hüne, den der Teufel selbst gut vorm Höllentor als Wächter aufstellen könnte.“

„Junger Mann, Sie können glauben, dass Frazer zum Teufel wird, wenn er Sie in diesem Aufzug sehen wird. Sie haben nämlich ausgerechnet die Reithose und das Baumwollhemd gewählt, wie einer der davongelaufenen Gehilfen. Und der Colt da, es ist derselbe, den der letzte dieser Kerle noch in der Hand trug, als er schon tot war. Reicht es Ihnen jetzt, Texas-Mann?“

Larry lächelte. Ganz deutlich sah es der erfahrene Storehalter und glaubte doch, dass er sich darin täusche, und beugte sich näher. Doch Larrys Lächeln wurde noch deutlicher.

„Sie sind zu meiner Beerdigung schon jetzt herzlich eingeladen, Pearce. Aber jetzt rechnen Sie erst mal zusammen. Ich möchte den Vorschuss nicht überziehen. Mein altes Zeug können Sie gleich im Tausch einbehalten!“

Das war, offen gesagt, etwas unverschämt. Aber der Mann aus Texas fuhr schon fort: „Sollten Sie aber keine Verwendung mehr dafür haben, dann werfen Sie das Zeug auf den Abfallhaufen.“

Er wartete nicht auf die Antwort, packte seine Sachen und zog sich damit hinter einen Vorhang zurück, um sich umzukleiden.

Unterdessen betrat ein neuer Käufer den Laden. Am Schritt erkannte Larry, dass es eine Frau sein musste. Der Storehalter begrüßte sie unterwürfig, und dann hörte Larry ihre Stimme. Sie war volltönend und glockenklar.

Sie verlangte die neuen Stoffe zu sehen, die Pearce bestellt hatte.

Während sie noch aussuchte, wurde Larry mit dem Umkleiden fertig. Die alten Sachen ließ er samt seinem rostigen Colt in einem Abfalleimer verschwinden. Er bedauerte es nicht, denn nicht eine Patrone war mehr in der Trommel der uralten Waffe, die sicher beim ersten Schuss auseinandergeplatzt wäre.

Doch dann prüfte er sorgfältig den neuerworbenen Revolver, den er in der Hand auswog wie ein Kenner. Und wer ihn jetzt so hinter dem Vorhang hätte stehen sehen und in seine Augen geblickt hätte, würde nicht mehr an den heruntergekommenen Satteltramp geglaubt haben. In der neuen Kleidung, mit tief geschnalltem, offenem Coltholster, wirkte er ganz anders.

Es hielt ihn nun auch nicht länger in seiner Deckung. Pantherhaft leise trat er hinter dem Vorhang hervor und blieb stehen, als er das dunkelrote, leuchtende Haar der Lady sah, die ihm den Rücken zuwandte und, interessiert über einen Stoffballen geneigt, gerade die Qualität der Ware prüfte. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Die Welt ist klein, Hannah Beenter!“, sagte er dann so laut, dass sie es hören musste.

Ihre Reaktion war seltsam genug. Sie wirbelte nicht zu ihm herum, nein, sie blieb über den Ballen gebeugt stehen, aber ihre Hände zitterten. Ihr Atem ging in schnellen und deutlich hörbaren Stößen. Sie brauchte fast eine volle Minute, um sich zu fangen. Dann wandte sie sich langsam zu ihm um. Larry Lane sah in ihr bleiches Gesicht, in dunkle Augen, die weit offen standen. Sie sah ihn an, als hätte sie ein Gespenst gesehen.

„Ja, die Welt scheint wirklich für uns beide zu klein zu sein, Hannah.“

Ihre Lippen bewegten sich. Es fiel der Frau sichtlich schwer, Worte zu finden. Das Wiedersehen schien sie mehr zu erschrecken, als ihr Freude zu bereiten.

„Du, Larry?“

Er spürte, dass sie innerlich weit von ihm Abstand hielt, und dass sich vieles geändert hatte, dass nicht mehr die Bindungen von früher zählten.

„Es gefällt dir nicht?“, fragte er offen heraus.

„Ich bin ... überrascht, Larry. Gerade hier hätte ich dich nie erwartet. Aber wir müssen uns wohl immer wieder begegnen, gleich ob es im Süden oder weiter im Westen ist, es muss wohl so sein. Ich

wohne im Sternenbanner-Saloon, Larry. Besuche mich bald. Ich denke, wir sollten uns richtig aussprechen!“

„Ich habe bereits vergessen, was bei unserer letzten Begegnung geschah, Hannah“, antwortete er ruhig. „Du hast Geld gebraucht, und ich war dir dabei im Wege. Nun gut, ich trage dir nichts nach.“

Larry konnte offen sprechen, denn der Storehalter hatte sofort den Raum durch eine Nebentür verlassen, und beide waren im Augenblick allein.

„Diebstahl muss man das nennen, Hannah, und du hast es zum dritten Mal getan, mich dreimal hintergangen. Doch ich nehme es dir nicht mehr übel. Wir hatten unseren Spaß, und jetzt ist es gleichgültig, dass dadurch das Transportgeschäft meines Vaters zum Teufel ging, die Ersparnisse meiner harten Arbeit auf den Goldfeldern draufgingen, und der Lohn, den ich als Zureiter in fünf Jahren verdiente, in einer einzigen Nacht verschwand. Das alles ist vorbei, Hannah.“

„Soll das heißen, dass du nicht zu mir kommen wirst?“

„Ja, wir werden uns aus dem Wege gehen müssen. Ich weiß nicht, was dich hierher trieb und welche Männer diesmal hinter dir stehen. Aber eins weiß ich gewiss, dass ich dich nicht noch einmal loseise, gleich wie sehr du auch in Druck sein wirst. Es liegt wohl in deinem ganzen Wesen, immer wieder Männer zu finden, die dir das Leben zur Hölle machen, oder solche, denen du das Leben vergällst. Ich kam darüber hinweg und bin dabei, wieder einmal ehrliche Arbeit aufzunehmen. Halte mich nicht auf, Hannah!“

Sie sah ihm fest in die Augen, und die Farbe in ihrem Gesicht kehrte zurück. Mit fester Stimme sagte sie: „Diesmal habe ich, was ich wollte, Larry. Ich warne dich, wenn du auch nur eine Silbe von dem verlauten lässt, was ich dir einmal war und was wir beide gemeinsam erlebten! Ich würde dich leicht als einen Lügner brandmarken können, denn hier wird man mir alles glauben. Hier gelte ich als Lady. Du aber bist ein Fremder. Darum reite lieber weiter, Larry! Dieser Ort ist zu klein für uns beide!“

„Ich hatte vor, weiterzureiten. Vor einem Jahr noch wäre ich auch deinem Rat gefolgt. Vor einem Jahr waren es nur zwei Enttäuschungen, die du mir bereitet hattest, und ich hätte einer Lady nicht zu widersprechen gewagt. Inzwischen weiß ich jedoch, dass dies mit der feinen Lady nicht ganz stimmt!“

Er brach ab, unangenehm berührt von ihrem hysterischen Auflachen, überrascht davon, dass dieses Lachen ihre Schönheit verwehte und ihr Gesicht zur Maske werden ließ. Er spürte auch ihre kalte Ausstrahlung und fragte sich, was ihn eigentlich über Jahre an dieser Frau genarrt hatte. Ihre körperlichen Vorzüge waren noch genauso reizvoll herausfordernd, sinnverwirrend wie einst, doch für ihn, Larry, setzten sie nichts mehr in Verwirrung. Das zu spüren und zu erkennen war mehr, als er sich erhofft hatte.

Ja, er konnte sie nun anschauen, ohne sie zu begehren, obwohl sie attraktiver als je zuvor angezogen war, und anhand ihrer Kleidung und ihres Gesamtauftretens festzustellen war, dass sie sich zur Zeit kostbaren Luxus erlauben konnte. Ja, sie hatte einen weiten Weg hinter sich. Angefangen als Bar-Sängerin in einem verlausten Armeefort im Westen, wo sie vor unrasierten Waldläufern singen musste und wo whiskyhungrige Trapper und Soldaten sie unverschämt anstarren konnten, ging ihr Aufstieg weiter als Tanzhallengirl, Tänzerin in einer besseren Truppe weiter im Osten und Bardame in den besten Saloons der großen Rinderstädte und der wilden, aber reichen Silberstadt Tombstone. Dreimal war er in seinem jungen Leben schon mit ihr zusammengetroffen, und er war immer erneut so verliebt in diese Frau gewesen, dass die Ernüchterung erst kam, wenn sein Geld, alle Ersparnisse verschleudert waren. Und das dauerte jeweils nicht allzu lange.

Nein, die schöne Hannah beeindruckte ihn nicht mehr, obgleich sie jetzt ganz nahe an ihn herantrat, so nahe, dass ihr Körper ihn fast berührte und er den bezaubernden Duft ihrer Haare bemerkte. Eine Strähne aus den dunkelroten Locken berührte seine Wange. Das schwere Seidenkleid knisterte und rauschte bei ihrer leichten Bewegung, und deutlich hörte er die goldenen Armreifen an ihrem Handgelenk klirren.

Es half nichts, irgend etwas stieß ihn ab; gewiss nicht der halboffene Mund mit den voll geschwungenen Lippen und die großen, von einem Kranz langer, dunkler Wimpern eingefassten Augen. Nein, da war etwas, das unsichtbar von Mensch zu Mensch schwang.

„Ich warne dich, Larry! Vielleicht sind wir beide noch nicht zu Ende miteinander. Vielleicht kann noch alles gutgehen. Ich erwarte dich in meinem Zimmer im Sternenbanner-Saloon, morgen, übermorgen. Ja, ich lasse dir Zeit, um nachzudenken. Es könnte ja sein, dass ich alles wiedergutmachen möchte, Larry, und es liegt jetzt bei dir, ob wir Freunde oder Feinde sind!“

Sie ging, und die Tür schlug mit dem Geläut der Ladenglocke hinter ihr zu. Larry sah sie stolz aufgerichtet zu einem Einspänner schreiten, wo zwei Männer ihr hilfsbereit das Einsteigen erleichterten. Nachdem sich die beiden Begleiter auf den Bock geschwungen hatten, fuhr das leichte Gefährt an.

Hinter Larry sagte der Storehalter Pearce beinahe feierlich: „Das war Madam Beenter, eine meiner verwöhntesten Kundinnen. Sie ist Andrew Trays Braut. Der junge Tray hat sie nach Shoshone kommen lassen. Aber es scheint so, als ob sie sich noch nicht endgültig für Tray entschlossen hätte. Man sieht sie zu oft mit Mauree Rains, einem Rancher. Man meint sogar, dass es nicht nur diese beiden sind, die sich um Lady Beenter bewerben. Wenn ich Andrew Tray wäre, würde ich mir das nicht bieten lassen und ein für allemal mich bei ihr durchsetzen. Heh, Raubtierjäger, beinahe hätte ich Sie gar nicht mehr erkannt! Aus der schäbigen Satteltramplarve entpuppte sich ein schneidiger Cowboy. Hm, Sie kennen die Lady?“

„Wenn Sie gelauscht haben, Pearce, wäre es besser, Sie würden Ihr Testament machen!“

Pearce nickte kummervoll.

„Ich habe es bereits gemacht, als ich den Laden hier übernahm und hätte es ganz gewiss getan an dem Tage, als der große William Tray von einem hinterhältigen Schützen durch einen Rückenschuss aus dem Sattel geholt wurde.“

„Was, und ich dachte, Big Tray starb an den Folgen seiner Kriegsverletzungen?“

„Wer das sagt, Freund, hat Ihnen einen Bären aufgebunden. Nein, man hat den Ranchboss auf ganz üble Art erledigt, und nur so konnte man ihn ausschalten. Viele Leute hatten ein Interesse daran, die Ranchers, die neidvoll zu ihm aufblickten, und die Rustler, die sich kaum noch aus ihren Verstecken hervorwagen konnten. Es ging um die Weiden, Wasserstellen und Rinder, sowie andere Vorteile. Doch was geht das mich an. Ich werde schon zur rechten Zeit wissen, auf welche Seite ich mich zu schlagen habe. Es ist aber schlimm genug, dass Sheriff Vernon keinen Anhaltspunkt hat, der ihn zu dem hinterhältigen Mörder führen könnte. Er hat alles versucht, die Mordstelle tagelang beobachtet und nach Spuren gesucht. Doch dort, wo es geschah, ist der Boden hart wie Granit und hinterlässt keine Ritze. Sheriff Vernon tat alles für seinen Freund, Big William Tray, Boss der Pfeil-im-Kreis, doch alles blieb vergeblich. Sheriff Vernon ist verzweifelt, ein Mann, der einsam wurde wie ein Grauwolf. Doch in dieser Stadt ist mancher einsam, und mancher hat schon sein Testament gemacht, junger Mann. Drei Rustler wurden von Cowboys aus den Sätteln geschossen. Was das bedeutet, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu erklären.“

Larry Lane nickte ruhig und zog den Revolvergurt enger. Der Storehalter sah verwundert auf die tief geschnallte Waffe und sagte: „Wer seine Waffe so trägt, muss eines Tages sein Können beweisen!“

Und Larry entgegnete prompt: „Lassen Sie sich nicht täuschen, Pearce, vielleicht bin ich nur ein Bluffer.“

Dann sah er zu, wie der Storehalter die Summe des Vorschusses in seinem Buch eintrug und hörte ihn dabei sagen: „Bis auf den letzten Cent haben Sie Ihren Vorschuss ausgegeben, wenn das kein böses Omen ist!“

Larry Lane gab keine Antwort, denn er hatte den Raum bereits verlassen. Pearce aber wunderte sich, dass er nicht einmal die Türglocke und nicht die Tür zuschlagen gehört hatte. Er pfiff leise vor sich hin.

 

 

3.

Vormann Cummins erwartete den Angeworbenen Raubwildjäger bereits. Larry Lane entging die bedrückte Stimmung des Vormannes nicht. Er bekam von ihm einen Drink und stand im Saloon an der nickelbeschlagenen Theke, an der sich durstige Männer drängten.

Cummins Düsterheit wuchs, als der Besitzer des Saloons, Mauree Rains, sich sehen ließ. Der Vormann schob seinen doppelstöckigen Whisky von sich, als wäre ihm beim Anblick des Saloonbesitzers der Appetit vergangen.

„Sein Einfluss auf Andrew Tray gefällt mir von Tag zu Tag weniger“, sagte er zu Larry, ohne ihn jedoch anzublicken. „Er ist Saloon- und Ranchbesitzer. Seine Ranch liegt in den Flügeln außerhalb des Shoshone-Countys. Er soll dort eine verteufelt raue Mannschaft stationiert haben.‟

Danach sah Mauree Rains auch aus. Er war nicht sehr groß, dafür aber um so breiter, dicker und massiger, ein Mann, der zu plump schien, um sich noch bücken zu können. Doch das mochte täuschen, denn er bewegte sich auffallend geschmeidig, und daran erkannte Larry Lane, dass diesem Manne nicht nur Fettpolster anhafteten, sondern starke Muskeln und straffes Fleisch sich über einen unerhört stabilen Knochenbau zogen. Selten hatte Larry einen ähnlich schwer gebauten und kräftigen Mann gesehen. Der Stiernacken, die buschigen Brauen, die unheimlich großen haarigen Hände verstärkten noch den Eindruck.

Mauree Rains wurde Platz gemacht, und man begrüßte ihn, wie man nur einen besonders harten Mann grüßt. Er kam direkt auf den schwarzbärtigen Vormann der Pfeil-im-Kreis-Ranch zu und blieb vor ihm stehen, nachdem er sich eine Gasse durch die an der Theke stehenden Männer geschaffen hatte.

„In diesem Saloon, Vormann, hat von nun an kein Cowpuncher der Pfeil-im-Kreis-Crew mehr etwas verloren“, sagte er so zynisch leichthin, als spräche er keine Beleidigung, sondern eine Tatsache aus, die schon lange bestand und allgemein bekannt war. „Ich dulde es nicht, dass Sie meinem Freund Andrew in meinem Lokal Vorschriften machen wollen. Trinken Sie Ihr Glas aus, und dann verschwinden Sie mit Ihrem Cowboy!“

Das war deutlich und ließ an Hohn nichts zu wünschen übrig. Vormann Cummins drehte sich gemächlich und auffällig langsam zu dem schweren Mann um. Er lehnte dabei mit seinem Rücken gegen die Theke. Sofort wichen die Umstehenden zurück, als hätte jemand ein geheimes Warnsignal gegeben.

Angestarrt von vielen Männern, blieben nur noch Cummins und Larry Lane an der Theke stehen. Larry bemerkte, dass ihn der prächtige Rains so wenig beachtete, wie ein Elefant eine Maus. Aber nicht nur das sah er, sondern vor allem die Leibwache des Muskelmannes, drei düstere Kerle, die wohl die Saalordner und die Rauswerfer abgeben mochten. Er erkannte, dass es Burschen waren, die nach ihrem Äußeren zu rechnen ihr Handwerk verstehen mussten und jetzt wie gut dressierte Hunde nur auf ihr Zeichen warteten.

„Andrew Tray hat das Recht, sich seine Freunde selbst auszuwählen, Vormann. Daran können weder Sie noch seine Schwester etwas ändern. Es ist schon schlimm genug, dass Ann versucht, ihn zu überwachen. Doch unerträglich ist es, dass Sie, Cummins, ihn wie einen kleinen Jungen behandeln und ans Gängelband nehmen wollen. Bleiben Sie bei Ihrer Arbeit. Leiten Sie die Ranch, aber stören Sie sich nicht an Andrew. Und jetzt verschwinden Sie!“

„Warum kommt Andrew nicht selbst, um mir das zu sagen, Rains?“, fragte Cummins rau.

Rains zuckte die massigen Schultern. Seine unter buschigen Brauen fast verborgenen Augen blitzten.

„Vielleicht weil er als junger Bursche zu oft von Ihnen zusammengeschlagen wurde. Sie müssen sich daran gewöhnen, dass er erwachsen ist und sich seine Freunde aussuchen kann, und daran, dass nicht alle Männer Kämpfer sein können, und dass Andrew nicht einfach hinnehmen wird, was sein Vater testamentarisch festlegte. Es wäre besser, wenn Sie den Posten als Verwalter der Ranch und Vormann niederlegen würden, Cummins. Denken Sie mal darüber nach! Und jetzt ’raus! Ihr habt mir schon zu viel von meiner knapp bemessenen Zeit genommen!“

Cummins wollte auffahren, doch Larry Lane legte ihm fest die Hand auf die Schulter und sagte zu ihm: „Es sind vier, Vormann. Sie haben die bessere Ausgangsposition und schon die Eisen gelüftet. Es hat also keinen Sinn, gehen wir!“

Der Muskelmann Rains wurde erst jetzt auf Larry aufmerksam und musterte ihn scharf. Ein leichtes Grinsen überzog sein Gesicht, als er zu Larry sagte: „Du hast gute Augen, Freund, und einen schnellen Verstand.“

„Das sollte Sie wenig stören. Außerdem bin ich nicht Ihr Freund“, unterbrach Larry Lane den hochnäsigen Saloonbesitzer so sanft, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Rains, dem zum ersten Mal widersprochen wurde, brauchte einige Sekunden, um richtig zu erfassen, was der junge Bursche ihm antat.

Plötzlich sah er in die wie von Zauberhand gezogene Waffe Larry Lanes hinein, und er hörte den Fremden lässig sagen: „Das dürfte wohl im Augenblick den Ausschlag geben, Mister Rains. Sie bekommen eine Kugel, wenn Ihre netten Mitspieler im Hintergrund nicht ganz artig bleiben. Es tut mir wirklich leid, denn ich mische mich ungern in fremde Spiele ein. Doch ich sehe gerade, dass sich einer Ihrer Saalordner an meinem Pferd zu schaffen macht. Ich möchte den Narren warnen, und nur darum muss ich hier heraus. Drehen Sie sich um, Mister Rains, und gehen Sie voraus!“

Mit einiger Verwunderung hatte Vormann Cummins die unwahrscheinlich schnelle Reaktion seines Mannes gesehen. Sein Blick wanderte hin und her und blieb an dem jetzt bleich werdenden Gesicht von Rains haften. Er hörte ihn heiser sagen: „Diese Überraschung, Cummins, ist dir geglückt. Aber du wirst mit der Anwerbung von Revolvermännern nicht sehr weit kommen. Es ist nämlich bereits zu spät für die Pfeil-im-Kreis-Ranch, viel zu spät!“

„Nicht einmal dann, wenn dieser junge Andrew an Sie die Ranch verkauft hätte“, erwiderte Larry Lane, der mit gezogener Waffe auf Rains eindrang, so unerschütterlich fest entschlossen, dass Rains’ Schießer im Hintergrund sicher merken mussten, dass ein ganz besonderer Mann auftrat, einer von der Sorte, die man nicht aufhalten konnte, die ihren Willen eisern durchsetzten. Auch das spürte der schwergewichtige Rains und merkte, wie wenig sich dieser Fremde beeinflussen ließ.

Ja, der Tod kam hier auf ihn zu. Ein so erfahrener Mann wie Rains wusste das ganz genau zu beurteilen. Sein ganzes Leben war danach ausgerichtet, und er hatte immer mit harten Männern zu tun gehabt.

Er tat also das, was in dieser Situation am besten war, er drehte sich, wenn auch betont langsam, herum, wobei er über die Schulter seinem Gegner zuwarf:

„Du blamierst dich, denn du hast übersehen, dass ich keine Waffe trage!“

„Lass nur, denn dafür hatten gleich drei deiner Helden dort hinten ihre Waffe in den Fäusten, Rains. Los, vorwärts!“

Beide, Cummins und Larry schritten dann langsam hinter dem Saloonbesitzer her, der dem Ausgang zuging.

In der Vorhalle hob der Schreiber, der hinter seinem Pult stand, den Kopf und gleich darauf auch die Waffe, die er hinter dem Pult versteckt hatte, denn er wollte im sofortigen Erkennen der Situation seinem Boss zu Hilfe kommen. Doch schon hatte Larry Lane so blitzschnell explosiv und genau reagiert, dass dem Manne am Pult die Schrotflinte mit abgesägtem Lauf von der Kugel Lanes aus der Hand geprellt wurde und mit einem harten Poltern auf den Boden schlug. Zum Glück löste sich kein Schuss aus der gefährlichen Waffe.

Rains war stehengeblieben, ebenso Cummins und Larry Lane. Alle drei schauten sie auf den Mann am Pult, der mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen auf seine leeren Hände sah, als könnte er die unheimliche Tatsache, durch einen einzigen Schuss waffenlos geworden zu sein, nicht fassen. Zum weiteren Entsetzen des Mannes klang von außen, durch die offenstehende Schwingtür herein das tierisch gellende Geschrei eines Mannes, der eben die Satteltaschen an Goats Flanken untersuchen wollte.

Man sah, wie das hässliche Pferd, das erst lammfromm dastand, sich bei dem Nahen des Fremden wie eine geschmeidige Katze krümmte, halb herumfuhr und den Kopf vorschnellte, so dass die langen, gelben Zähne den ungebetenen Fremden an Hemd und Jacke erwischten. Goat stieg auf die Hinterhand und schleuderte dabei den Kerl empor. Sein wütendes, trompetenartiges Schnauben und Wiehern, die zurückgelegten Ohren und die gebleckten Lippen boten einen geradezu furchterregenden Anblick.

Stoff riss. Der Hochgeschleuderte fiel genau vor den Vorderhufen des Wallachs nieder und schnellte von Entsetzen gepackt hoch, als die Hufe des wild gewordenen Tieres auf ihn zufliegen wollten. Eben konnte er noch unter dem Holm hindurch entwischen, worauf er schreiend davonrannte.

„Man darf uns nicht reizen, Rains“, sagte Larry Lane ruhig, „weder meinen Goat, noch mich. Wir sind im Grunde genommen sehr friedliebend, sanftmütig und ... heh, Goat, ruhig!“

Die letzten Worte rief er seinem Pferd zu, das an dem Holster riss, um sich wie ein gut dressierter Hund an die Verfolgung des Flüchtenden zu machen.

„Es ist eine Warnung, Rains, für dich und deine Männer. Noch ist niemandem die Haut geritzt worden, und so sollte es auch sein. Aber merkt euch, in meiner Gegenwart wird niemand von der Pfeil-im-Kreis angegangen!“

Cummins, der Vormann, staunte. Aber auch Rains war völlig überrascht, wenn er das auch besser als Cummins verbergen konnte.

„Versuchen Sie, höflich zu bleiben. Höflichkeit hat noch niemandem geschadet, Mister Rains“, fuhr Larry Lane fort.

Er musste sich unterbrechen, denn gerade hatte sich sein hässliches Pferd losgerissen und setzte mit einem mächtigen Satz über den Holm und landete mit polternden Hufen auf dem Bohlensteig. Schon kam es die Stufen zu dem Vorbau herauf und durch die Schwingtür herein.

Das war für den Mann am Pult zu viel. Er schrie gellend auf und flüchtete in den Schankraum, wo die durch den Schuss alarmierten Gäste die Tür belagerten und versuchten, durch einen Türschlitz neugierig hinauszublicken. Der stürmische Anprall des Schreibers ließ die Schanktür gegen einige der Köpfe nach innen knallen.

Geschrei, wüstes Geschimpfe und wilde Flüche waren die Folge. Hände reckten sich nach dem Übeltäter und zogen ihn rasch in den Schankraum hinein. Zur rechten Zeit wurde aber auch die Tür zum Schankraum hinter dem Schreiber geschlossen, denn schon polterten Goats Hufe dagegen, dass es laut krachte und im ganzen Bau widerhallte.

„Mein guter Goat kann flüchtende Kerle nicht leiden“, wandte sich Larry grinsend an Rains, der sich nicht mehr zu rühren wagte. „Sie können von Glück sagen, dass dieser Saloon so fest erbaut wurde. Es gab kleinere Bars, die Goat mit seinen Hufen fast völlig zertrümmerte. Heh, komm her, Goat!“

Das Pferd folgte sogleich dem Ruf, doch so, dass es mit seinem Körper die Schussbahn zwischen seinem Herrn und Rains nicht durchkreuzte. Auch das schien Rains ein weiteres Zeichen mehr dafür zu sein, dass dieser Satansgaul mit einem schier menschlichen Verstand ausgerüstet sein musste. Man sah Rains nun deutlich an, dass er etwas aus der Fassung geraten war. Aber nicht nur er war verblüfft, denn dem Vormann Cummins erging es wohl ähnlich.

Er fragte sich, wie weit es der neu Angeworbene wohl noch treiben wollte, doch war er von dem ganzen Auftritt so fasziniert, wie die Menschen, die auf der Balustrade der Vorhalle standen und herunterblickten.

„Larry, du kommst zu mir?“

Die Stimme ließ Larry aufblicken. Er sah Hannah Beenter, die sich weit über das Geländer gebeugt hatte und mit großen Augen auf ihn niederschaute.

„Oh, Larry, du hättest dich nicht so rau bei meinen Freunden einführen sollen. Ich stelle dich ihnen gern vor. Komm nur herauf!“

Sie winkte ihm hoheitsvoll und dennoch freundlich zu, als hätte es zwischen ihnen nie eine Verstimmung gegeben, und als hätte sie ihm nicht vor einer Viertelstunde noch gedroht.

„Ich besuche dich später einmal, Hannah!“, erwiderte er. „Ich möchte mich heute nicht aufhalten. So long, Hannah!“

Mit diesen Worten gab er Cummins ein Zeichen. Der verstand und schritt durch die Schwingtür. Larry Lane, dessen Colt Rains auf den Vorbau trieb, sagte zu ihm: „Wenn Sie Rancher sind, Mister, dann sollten Sie daran denken, dass die Rustler in dieser Gegend zu stark wurden. Einer von den großen Ranchers sollte den Anfang gegen die Banditen wagen. Sie sollten sich lieber nicht gegen reguläre Mitglieder von Mannschaften irgendeiner Ranch stellen!“

„Es hat sich bereits ein anderer Rancher an die Spitze der Genossenschaft gestellt, einer der glaubt, so stark und mächtig zu werden wie Big Boss Tray. Es ist ein Mann, der ehrgeizig, aber rau genug ist, um vielleicht Erfolg zu haben. Lane, ich stehe hierbei wie du außerhalb. Vielleicht sollten wir uns verständigen.“

„Ich sagte es schon, ich bin immer für den Frieden, Rains!“

„Immer?“

„Immer!“, betonte Larry Lane hart.

„Das wird aber dem Ranchboss und Rudelführer von der Hackmesser kaum gefallen. Bill Roger war es, der die freigesprochenen Rustler von seinen Cowboys aus den Sätteln holen ließ. Er ist dabei, von jedem eine Entscheidung zu verlangen. Er glaubt, dass er der rechte Mann ist, um der Rustlerplage Einhalt zu gebieten. Doch ich meine, dass er bereits das Gegenteil bewirkt hat; und so halte ich mich raus.“

„Warum erzählst du mir das, Rains?“

Beide standen sie auf dem Vorbau, beide schauten sich fest an. Hinter Larry stand sein Pferd Goat mit tiefhängendem Kopf in einer Haltung, als wollte es umfallen. Und nichts erinnerte mehr an sein vorher gezeigtes, aufbrausendes Temperament.

„Ich habe eine Schwäche für besondere Männer und wittere sie einige Meilen gegen den Wind. Nur in dir habe ich mich getäuscht. Na, schön, das war ein Fehler. Ich hoffe dennoch, dass wir uns noch einigen können. Vielleicht hilft uns auch unsere gemeinsame Bekannte, Hannah Beenter, dabei?“

„Hannah? — Nun, sie ist eine ehrgeizige Frau. Wann wird sie Andrew Tray heiraten?“

Es war, als zucke Rains wie unter einem Peitschenschlag getroffen zusammen. In seinen Augen flackerte es gefährlich auf. Sein Blick glitt unwillkürlich zur Schwingtür hin, so als ob er von dort jeden Augenblick das Auftauchen der Genannten befürchtete. Aber weder sie noch sonst jemand kam. Nur Vormann Cummins hatte sein Pferd von der Haltestange gelöst und schaute vom Sattel her den beiden Männern zu. Aber er erkannte, dass zwischen den beiden etwas Besonderes lag, eine Spannung, die jeden Moment zu zerreißen drohte.

„Ja, Hannah ist sehr ehrgeizig. Warum sollte sie es auch nicht sein. Jeder versucht, aus seinem Leben etwas zu machen. Warum sollte sie nicht versuchen, ihre Vergangenheit endgültig abzustreifen? Doch das wiederum kann sie nur, wenn sie Geld und Macht gewinnt. Wer sollte ihr das übelnehmen? Sie singt in meinem Saloon, und sie verdient großartig, denn sie leitet auch den Saloon, wenn ich auf der Ranch bin. Man kann sich auf sie verlassen.“

„Und ich wünsche ihr Glück, Rains!“, erwiderte Larry trocken.

Sein Revolver verschwand. Im nächsten Augenblick war er im Sattel und ritt mit Cummins davon. Beide waren bald darauf in Richtung der Pfeil-im-Kreis-Weidegründe verschwunden.

Aber kaum waren sie außer Sichtweite, als ein Reiter vor Rains am Saloon anhielt.

„Hast du den Neuen aus der Pfeil-im-Kreis-Crew gesehen?“, fragte der Saloonbesitzer, ohne dabei den Reiter anzublicken.

„Ich habe ihn gesehen“, erwiderte leise der Mann aus dem Sattel. „Ich werde ihn noch heute Nacht näher kennenlernen, denke ich. Soll er dabei ausgeschaltet werden?“

„Versuche es“, erwiderte Rains nur und wandte sich dem Eingang seines Saloons zu.

Der Reiter trieb sein Pferd wieder an und ritt weiter. Mauree Rains aber traf im Vorraum Hannah Beenter. Sie fragte leise: „Ich verstehe dich nicht. Du hast ihm doch eine Aussprache angeboten?“

Rains’ Lippen pressten sich zusammen. So leise, dass es niemand von den herbeiströmenden Gästen, die erregt diskutierten, hören konnte, erwiderte er: „Ich vertrage es nicht, wenn man versucht, mich lächerlich zu machen. Dieser Lane trat mir etwas zu großspurig auf. Mir kann sein dressiertes Pferd nicht imponieren, auch nicht die Art, wie er zieht und schießt. Er hatte eben Glück, dass sein Zufallstreffer niemanden verletzte. Doch du kennst ihn gewiss noch besser als ich?“

„Ja“, antwortete sie mit nachdenklich verzogenem Gesicht. „Ich habe ihn einige Male voll ausnehmen können und brannte mit seinem Geld durch. Wenn er herausfindet, dass du mein Halbbruder bist und ich das Geld für dich ausgab und dass du mich auf ganz bestimmte Männer angesetzt hattest und deine Ranch und dieser Saloon hier ... “

„Halt deinen Mund!“, unterbrach er sie schroff. .„Wir haben beide im Sumpf gelebt und sind nun etwas geworden. Wir werden das Erworbene auch halten, Schwester. Dieser Lane kann sich einen Narren schimpfen, wie all die andern auch, die dir vertrauten.“

„Doch er verlor alles, zweimal ein großes Vermögen“, nahm sie ihm das Wort. „Sein Geld war der Grundstein für unseren Beginn, und jetzt, wo wir endlich am Zuge sind, wo wir immer reicher und mächtiger werden, kommt er und taucht plötzlich hier auf. Ich kann einfach nicht daran glauben, dass nur der Zufall ihn hierher führte. Als ich ihm heute im Store gegenüberstand, wurde mir das klar, und ich habe ihm zu drohen versucht, doch ohne Erfolg. Wirklich, ich habe Angst, Bruder, dass er schneller als all die andern durchschaut, weshalb ich diesem Saloonlöwen Andrew Tray schöne Augen mache.“

„Er wird glauben müssen, wie alle hier, dass du Andrew heiraten willst. Schließlich sieht dieser Andrew auch aus wie ein wahrer Adonis. Jede Frau im Osten würde dich um einen solchen Mann beneiden, und er ist dir bereits so ergeben, so sehr, dass selbst seine Schwester ihn nicht mehr beeinflussen kann, obwohl sie es immer wieder versucht. Auch heute wollte sie ihn davon überzeugen, dass unsere Gesellschaft doch nicht das richtige für ihn sei. Sie hat sich auch nur seinetwegen in unserem Hotel einquartiert. Sie tut alles, um ihn von uns fernzuhalten. Doch je mehr sie sich ereifert, um so widerspenstiger wird Andrew. Ich hatte recht, als ich dir sagte, dass sie ruhig ins Hotel kommen könnte. Ihre Ungeduld stößt Andrew nun mehr und mehr ab, und sein Zorn gegen Cummins wächst. Wenn dieser Kerl erst mal ausgeschaltet ist, wird Andrew Tray wieder der Herr auf der Pfeil-im-Kreis-Ranch sein. Rede es ihm immer und immer wieder ein, Schwester. Es muss ihm immer erneut eingetrichtert werden, bis er schließlich selbst überzeugt davon ist, dass es sein eigener Wille und seine eigene Überzeugung ist, dass Cummins im Wege ist, und dass das Testament des Alten die Tat eines geistig Verwirrten war, der aus Gram und Zorn darüber, dass sein Sohn nicht ein Kämpfer ist, die Leitung der großen Ranch dem Vormann Cummins übertrug. Wenn man Andrew nur genügend den Rücken stärkt, muss es klappen. Gerade jetzt dürfen wir nicht die Nerven verlieren. Vielleicht ist dieser Lane in Wirklichkeit aber auch gar nicht so groß, wie er es uns weismachen wollte. Du sollst sehen, wir werden sehr stark und mächtig werden, so stark, dass eines Tages Ann Tray zu uns aufsehen wird und froh ist, wenn ich um ihre Hand anhalte. Sollen die Ranchers sich doch Teile der Pfeil-im-Kreis-Weide nehmen. Soll doch Bill Roger gegen die Rustler kämpfen. Für uns heißt es noch abwarten. Die ersten Schüsse fielen schon und holten die von der Jury freigesprochenen Rustler aus den Sätteln. Mit dem Urteil hat die Jury den Bürgern dieser Stadt ein schweres Kreuz aufgeladen. In wenigen Stunden schon muss etwas geschehen. Ich sehe es kommen. Und nur keine Angst vor Larry Lane. Man gab ihm den schwierigsten Partner, den die Tray-Mannschaft überhaupt in ihren Reihen hat, Dennis Frazer!“

„Dieser Frazer war dir immer unbequem, Bruder?“

„Schon, doch in diesem Falle nicht“, erwiderte Rains mit einem schiefen Grinsen. „Frazers explosiv unduldsame Art, sein Jähzorn und seine Starrköpfigkeit werden gegen Lane anprallen und sie beide gegeneinander aufbringen. Es war Cummins’ Fehler, Feuer und Wasser vereinigen zu wollen. Es kann mit den beiden einfach nicht gut ausgehen. Es muss zu einem bitteren Ende kommen. Frazer hat schon einiges zustande gebracht, was an Wildheit nichts zu wünschen übrig ließ. Ich frage mich nur, warum Cummins diesen Lane nicht in die reguläre Stammmannschaft der Ranch steckte.“

„Weil er als Raubwildjäger getarnt sich viel besser bewegen kann“, beantwortete seine Schwester Hannah die Frage. „Unterschätze ihn nicht, Bruder, es wäre dein größter Fehler. Glaube ja nicht, dass sein Schuss vorhin nur ein Zufallstreffer war. Nimm die Tatsachen, wie sie hegen und mach keine Bagatelle daraus!“

„Es wäre vielleicht ganz gut, dass du Andrew einiges in die Ohren flüstern würdest, was ihn gegen Lane einstellt. Es muss doch ein Leichtes für dich sein, seine Eifersucht anzustacheln!“

Inzwischen waren sie beide durch einen Korridor gegangen und im Büro angekommen. Jetzt schloss Rains die Tür hinter sich und fuhr fort, wobei sich sein Gesicht zur höhnischen Maske verzog.

„Dir ist das alte, eiskalte Spiel doch vertraut, nicht?“

Sie fuhr so schnell herum, dass ihr rotes Haar wie eine Feuerlohe flatterte. In ihren Augen blitzte es auf.

„Was weißt du eigentlich?“, rief sie hart und rau. „Du hast dich immerzu nur auf mich verlassen. Meine Gefühle wurden nie beachtet. Ich sage dir also, Larry Lane hat mir einmal sehr viel bedeutet. Ich habe ihn gern gehabt. Vielleicht hätte ich ihn sogar richtig lieben können, wenn mein Herz nicht schon verhärtet gewesen wäre und wenn du nicht hinter mir gestanden hättest mit deinen Forderungen. Ja, ich habe dir vieles geopfert, Mauree. Aber verlange nicht noch mehr von mir. Ich denke nicht daran, Andrew Tray aufzuhetzen, ihn in den sicheren Tod zu schicken. Denn nur so würde es für ihn enden müssen. Mein Verlobter ist Larry Lane nie gewachsen, und auch das ist dir wohl bekannt!“

Beide Geschwister betrachteten sich lange. Sie brauchten sich gegenseitig nichts mehr vorzumachen, dafür kannten sie sich zu gut und konnten fast die Gedanken des andern lesen.

„Wie ich dich kenne, Mauree, müsste dir jedes Mittel recht sein, um gegen Lane anzugehen: Verleumdungen, Anschüren von Hass, Neid, wenn du dadurch nur von einem eventuellen Zweikampf freikommst. Vielleicht denkst du auch schon daran, wie man Frazers schlechte Eigenschaften gegen ihn nutzen könnte?“

„Kein dummer Gedanke, Schwester, Larry Lanes Partner als Werkzeug zu benutzen. Alle Achtung, Schwester! Da, schau auf die Fahrbahn, wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er auch schon!“

Er setzte sich sogleich eilends in Bewegung. Noch bevor er die Tür erreichte, hörte er Hannah fragen: „Wo willst du hin?“

„Frazer einen kleinen Floh ins Ohr setzen, Schwester. Ich liebe es, gleich immer mehrere Eisen im Feuer zu haben. Man kann nie wissen, wofür es gut ist!“

Die Tür schlug zu. Wenig später beugte er sich über das Geländer des Vorbaus, als der riesige Raubwildjäger der Pfeil-im-Kreis-Ranch gerade vorbeireiten wollte.

„Auf ein Wort, Frazer!“, rief Rains dem Reiter zu,, der auf einem kräftig gebauten Wallach daher geritten kam. „Wenn du den von euch neu angeworbenen Reiter Lane suchst, Cummins musste ihn mit vorgehaltenem Eisen daran hindern, mit dem Vorschuss abzuziehen. Eure Ranch hat wirklich Pech mit den Neueinstellungen. Aber was soll man auch von den Neuen verlangen, wenn schon die Stammcrew mehr und mehr aufgibt und alle Felle davonschwimmen sieht!“

Frazers großes Pferd kam mitten auf der Fahrbahn zum Stehen. Ja, Reiter und Pferd passten zusammen.. Beide schienen etwas klobig und aus besonderem Holz geschnitzt zu sein. Beide waren sie staubbedeckt, Zeichen eines schnellen Ritts, und da Frazer aus einer ganz anderen Richtung gekommen war, konnte man annehmen, dass er dem Vormann Cummins und Larry Lane nicht begegnet war.

In Dennis Frazers braungebranntem Gesicht zuckte kein Muskel. Doch seine Augen blickten fast starr auf den Saloonbesitzer, den er wohl zwei Köpfe überragen mochte. Es gab keinen größeren Mann als Frazer weit und breit im Lande, keinen, der so wie er Schrecken verbreitete, wenn er gereizt wurde und der nicht nur seine Arme und Fäuste zu gebrauchen wusste, sondern auch unwahrscheinlich schnell ziehen konnte.

Wortlos, ohne eine Antwort zu geben, nahm er sein gewaltiges Pferd herum und ließ es antraben.

In dem Augenblick, als sich Rains in den Saloon zurückziehen wollte, sagte eine heisere Stimme vom Gehsteig her: „Hat die Pfeil-im-Kreis wieder einmal Schwierigkeiten, Mauree?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914542
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380733
Schlagworte
kampf biegen brechen

Autor

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Titel: Ein Kampf auf Biegen und Brechen