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Top Grusel Thriller #13: Die toten Augen

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Leseprobe

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Die toten Augen

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»Neiin!«, schrie Graf Richard Kranstein verzweifelt.

Er riss die Arme hoch und hielt sie vor das Gesicht.

»Geh weg, du verdammtes Biest!«, brüllte er das Pferd an, das ihn soeben aus unerklärlichen Gründen abgeworfen hatte. »Geh weg, du verfluchter schwarzer Teufel!«

Wiehernd und schnaubend hatte sich das starke, hochgewachsene Tier aufgerichtet. Die Hufe schimmerten matt im fahlen Mondlicht. Im selben Augenblick fuhren sie auf den jungen Grafen nieder.

Ein Huf riss die Arme des schreienden Grafen herunter. Der andere traf die linke Stirnhälfte des Zwanzigjährigen. Die Haut zerriss wie nasses Papier. Eine zehn Zentimeter lange blutende Wunde klaffte auf.

Richard von Kranstein wollte in panischer Angst aufspringen und fliehen. Doch das Pferd stampfte ihn sofort wieder zu Boden.

Der junge Mann schrie verzweifelt um Hilfe. Hufschlag um Hufschlag traf sein Gesicht. Bald war die Wange nur noch eine zuckende, blutige Fleischmasse. Und das Tier gebärdete sich immer noch wie toll.

Als aus dem blutverklebten Mund des Grafen nur noch gurgelnde Laute kamen, ließ das Pferd von ihm ab, wieherte noch zweimal nervös und jagte dann in die Nacht hinein.

Richard Kranstein fühlte den Tod kommen. Er kämpfte verzweifelt dagegen an. Er nahm all seine Kräfte zusammen und versuchte sich ächzend zu erheben. Aus unzähligen Wunden quoll das Blut. Er stöhnte und röchelte. Doch niemand hörte ihn. Er schaffte es nicht, sich zu erheben. Deshalb kroch er auf allen vieren den ersten Häusern des Dorfes entgegen. Seine linke Wange zuckte hektisch.

»Hilfe!«, presste er mühsam hervor. »Hilfe!«

Er fühlte, wie er schwächer wurde. Irgendetwas in seinem Rücken musste gebrochen sein. Er konnte sich kaum noch bewegen.

»Hilfe!«, gurgelte es zwischen zwei Blutstürzen aus seinem aufgerissenen Mund. »Helft mir! So helft mir doch.«

An einem der Fenster erschien der Schatten eines Mannes. Der Graf war sicher, dass ihn der Mann sah. Mühsam hob er den gebrochenen Arm, um den Mann aus dem Haus zu winken.

»Hilfe! Bitte...«

Der Schatten verschwand vom Fenster. Doch niemand trat aus dem Haus.

Verzweifelt kippte Richard Kranstein zur Seite. Er rollte in den Straßengraben. Sein entsetzlich entstelltes Gesicht klatschte in eine kalte dreckige Wasserlache.

Beim nächsten Atemzug drang ihm das Wasser in die Luftröhre.

Er schluckte, hustete. Sein zerschlagener Körper bäumte sich auf.

Ein einziges Mal hatte er noch die Kraft, den Kopf zu heben.

»Ich will nicht sterben«, rief er heulend. »Ich will nicht...«

Das Pfeifen des über die Baumwipfel streichenden Windes war lauter als Richard Kransteins verzweifelter Schrei.

Als sein Körper erschlaffte, fiel sein blutbesudeltes Gesicht erneut in die Wasserlache.

Ein zweites Mal kam Richard Graf Kranstein nicht mehr hoch.

Er starb in dieser für ihn so schicksalsschweren Nacht im Alter von zwanzig Jahren...

***

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RICHARD GRAF KRANSTEINS Beerdigung fand an einem nebelfeuchten Herbsttag statt. Fast das ganze Dorf war auf den Beinen, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Nahezu niemand war gern gekommen. Man hatte Richard Kranstein nicht sonderlich gemocht. Deshalb sah man auf dem Dorffriedhof auch statt der üblichen Trauermienen eher unwillige Gesichter.

Man war nicht wegen des toten Kranstein gekommen.

Man war hier, weil man den lebenden Kranstein fürchtete.

Philip Graf Kranstein war Richards vierzigjähriger Bruder. Mit verkniffener, eiskalter Miene stand er vor dem aufgebahrten Eichensarg in der Aufbahrungshalle des kleinen Dorffriedhofs. Die kondolierenden Dorfbewohner defilierten an ihm vorbei. Er drückte mit starrem Gesicht unzählige Hände, ohne jemals den Blick zu heben.

Philip Kranstein war mittelgroß, ein wenig schmächtig, mit bleichen, leicht eingesunkenen Wangen. Seine Augen waren grau und kalt wie Stahl.

Nahezu das ganze Dorf war auf irgendeine Weise von ihm abhängig. Deshalb war man zur Beerdigung erschienen. Philip Kranstein besaß riesige Ländereien, die ihm nun ganz allein gehörten. Er hatte sie an die Dorfbewohner verpachtet, und viele Leute aus dem Dorf arbeiteten in seinen Weingärten oder züchteten für ihn Schafe.

Als der junge Dorfpriester kam, hoben die vier kräftigen Träger den schwarzen silberbeschlagenen Eichensarg hoch und trugen ihn aus der Halle. Vier weitere Männer beluden sich mit den zahlreichen Blumen und Kränzen, die die Dorfbewohner mitgebracht hatten.

Dann setzte sich der lange Trauerzug in Bewegung. Philip Kranstein ging gramgebeugt hinter dem Sarg seines Bruders. Von den vielen Kransteins, die es einmal gegeben hatte, war nur noch er übrig geblieben, und obwohl er wusste, dass das Geschlecht mit ihm aussterben würde, hatte er nicht die Absicht, zu heiraten und für legitimen Nachwuchs zu sorgen.

Während der Trauerzug den Friedhof durchschritt, begann es zu nieseln. Die Feuchtigkeit und die Kälte krochen in die Glieder der Leute.

Philip Graf Kranstein spürte von alldem nichts.

Er trauerte um seinen geliebten Bruder.

Ein kühler Wind kam auf und fegte über den im düsteren Licht liegenden Gottesacker. Er peitschte dunkelgraue Wolkenbänke über den nahezu schwarzen Himmel.

Auch der Himmel schien um den jungen Grafen zu trauern.

Früher hatten die Kransteins einen eigenen Friedhof gehabt. Jetzt nicht mehr. Ein Erdrutsch hatte ihn verwüstet.

Philip Kranstein trug sich zwar mit dem Gedanken, einen neuen Friedhof nahe seinem Schloss anzulegen, doch er hatte sich noch nicht dazu entschließen können.

Der Trauerzug erreichte das offene Grab. Der aufgeworfene Erdhaufen schimmerte nass und lehmig.

Die Träger stellten den Sarg ab, und der Pfarrer begann mit der Ansprache, die relativ kurz ausfiel, denn er wollte sich bei diesem scheußlichen Wetter hier draußen nicht den Tod holen. Keiner konnte ihm das verdenken.

Während der Priester sprach, durchbohrte Philip Kranstein die Leute, die ihn umgaben, mit seinen Blicken. Er hasste sie abgrundtief. Am liebsten hätte er sie alle mit bloßen Händen erwürgt und zu seinem Bruder ins Grab geworfen. Seiner Meinung nach hatten sie nichts anderes verdient.

Keiner wagte ihm in die Augen zu schauen.

Als der Pfarrer den schwarzen Eichensarg, auf dem Millionen Tröpfchen glitzerten, eingesegnet hatte, bekreuzigten sich die Leute.

Die Sargträger wollten den Sarg langsam ins Grab sinken lassen, da gebot ihnen Philip Kranstein mit einer herrischen Handbewegung Einhalt.

Er wandte sich an die erstaunten Leute. Niemand hatte damit gerechnet, dass er eine Rede halten würde.

Vom kleinen Kirchturm wimmerte das Totenglöckchen zu der Trauergemeinde herüber. Der Wind trug den zarten klagenden Schall und ließ die Leute erschauern.

Voller Hass und Verachtung schaute Philip Kranstein die Dorfbewohner an.

»Nun?«, fragte er, beinahe höhnisch. »Seid ihr zufrieden?«

Keiner sagte etwas.

»Zufrieden, dass mein Bruder tot ist?«, fragte Philip Kranstein anklagend.

Der Pfarrer hüstelte hinter dem Grafen. Philip beachtete ihn nicht.

»Ihr habt ihn nicht sehr gemocht!«, rief Kranstein über die vielen Köpfe hinweg. »Er war in euren Augen ein Taugenichts. Ein verwöhnter, reicher Junge, der nichts als sein Vergnügen im Kopf hatte. Teure Pferde. Weite Reisen. Schöne Mädchen. Ihr habt es ihm geneidet. Er hatte alles, was ihr euch eurer erbärmlichen Armut wegen nicht leisten könnt. Deshalb habt ihr ihn gehasst.«

Die Leute schwiegen betreten.

»Er hat mit euren Töchtern, Schwestern, Bräuten und Frauen geschlafen, wenn er Lust dazu hatte«, fuhr Philip Kranstein höhnisch fort. »Ihr habt es nicht verhindern können. Alle Mädchen dieses Dorfes waren verrückt nach ihm. Sicher habt ihr ihm allein deshalb hundertmal oder sogar tausendmal den Tod gewünscht.«

Philip Kranstein wies mit verbitterter Miene auf den Sarg, in dem die sterbliche Hülle seines Bruders lag.

»Seht her! Seht nur! Euer Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Richard Kranstein ist tot! Durch eure Schuld!«

Die Leute erschraken unwillkürlich. Dieser Vorwurf traf sie wie ein Peitschenhieb.

»Jawohl!«, nickte Philip Kranstein eiskalt. »Durch eure Schuld. Ihr habt ihn indirekt getötet.«

Der Pfarrer schüttelte unwillig und besorgt den Kopf. Seiner Meinung nach war das keine Grabrede.

»Graf Kranstein!«, sagte der Priester deshalb mit fester Stimme.

»Sie sind aufgeregt. Der Tod Ihres Bruders geht Ihnen sehr nahe. Wir verstehen das alle sehr gut. Aber Sie dürfen so etwas trotzdem nicht sagen...«

Philip Kranstein wandte sich mit einem schnellen Ruck um und funkelte den Pfarrer wütend an.

»Seien Sie still!«, zischte er. »Seien Sie ja still! Sonst beziehe ich Sie und Ihre Kirche in meine Rede mit ein!« Kranstein kniff die Augen böse zusammen. »Ich warne Sie! Ich weiß Dinge zu erzählen, die Ihren Gläubigern ganz und gar nicht gefallen würden.«

Der Pfarrer straffte seinen Rücken und schob das Kinn beinahe trotzig vor.

»Sagen Sie, was Sie wissen!«, gab er schroff zurück. »Ich habe die Wahrheit nicht zu fürchten!«

Philip Kranstein nickte grimmig. »Ich werde reden! Zu gegebener Zeit. Verlassen Sie sich darauf. Im Augenblick will ich jedoch nur zu den Bewohnern dieses Dorfes sprechen, denn sie trifft die Schuld am Tod meines Bruders Richard. Sein Pferd hat ihn abgeworfen und halbtot getrampelt. Er hat sich mühsam den Häusern entgegengeschleppt. Er hat erbärmlich um Hilfe gewimmert. Doch niemand hat ihm geholfen! Niemand!«

»Woher wissen Sie...?«, fragte der Pfarrer erstaunt.

»Jemand hat es mir verraten!«, knurrte Philip Kranstein. »Ich nenne keine Namen. Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass ich es weiß.« Er wandte sich wieder den ängstlich dreinschauenden Leuten zu. Der Wind war heftiger geworden. Er fuhr den Leuten in die dunklen Kleider, trieb ihnen den Nieselregen ins Gesicht und ließ sie frieren. »Mein Bruder musste sterben, weil das Dorf ihm seine Hilfe verweigert hatte.«

Der Graf schaute in die Runde.

Die Leute wussten, dass er die Wahrheit sagte.

Erneut wies er auf den nass glänzenden Eichensarg. »Durch eure Schuld liegt mein Bruder nun hier in diesem Sarg. Ihr habt ihn auf dem Gewissen! Und ich wünsche mir nur eins: euer Gewissen soll euch bis an euer Lebensende quälen! Ihr habt eine furchtbar schwere Schuld auf euch geladen! Eine Schuld, die euch niemand anders als mein Bruder nehmen kann.«

Nun schauten die Leute den Grafen zum ersten Mal an. Erschrocken. Ängstlich. Verwirrt.

Der Nieselregen verdichtete sich.

Philip Kranstein verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, das kein Lächeln mehr war.

»Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, Philip Graf Kranstein wäre verrückt geworden. Aber ihr irrt euch. Ich bin vollkommen normal. Mein Geist war noch nie so wach und so scharf. Hört genau zu, was ich euch hier am offenen Grab meines armen Bruders zu sagen habe: Richard Kranstein wird wiederkommen. Seit seinem Tod lastet ein schwerer Fluch auf eurem Dorf. Mein Bruder wird eines Tages zurückkehren, um sich an euch und euren Kindern zu rächen! Er wird euch töten... oder in den Tod treiben! Er wird euch vernichten, wie ihr ihn vernichtet habt! Und glaubt ja nicht, ihr hört jetzt einem Wahnsinnigen zu! Es wäre euer größter Fehler, wenn ihr meine Worte als verrücktes Geschwätz abtun würdet.«

Die Leute wichen unwillkürlich zurück.

Der Pfarrer wollte etwas sagen.

Philip Kranstein schnitt ihm das Wort mit einer herrischen Handbewegung ab.

»Ich bin noch nicht fertig«, zischte er den Priester an. Und der Priester schwieg, während sich Kranstein wieder an die Trauergemeinde wandte. »Glaubt mir, dieses Dorf geht schlimmen Zeiten entgegen! Und keiner von euch kann seinem Schicksal entrinnen!«

Das war das Ende der Rede.

Die Leute schauderten.

Der Sarg wurde langsam in die Tiefe des Grabes gesenkt. Man bekreuzigte sich hastig und trachtete, so schnell wie möglich den Friedhof zu verlassen und nach Hause zu kommen.

In der darauf folgenden Nacht und in den kommenden Nächten verbarrikadierten die Dorfbewohner die Türen ihrer Häuser.

Sie hatten Angst vor dem Fluch, von dem Graf Philip gesprochen hatte.

Es vergingen Monate und Jahre, ohne dass sich der Fluch erfüllte.

Einige Dorfbewohner lebten nicht mehr. Andere kannten den Fluch nur vom Hörensagen.

Man hatte den jungen Richard Kranstein vergessen. Man hatte auch Philip Kranstein und seine Drohungen beinahe vergessen.

Nur manchmal flüsterte man über das, was vor langer, langer Zeit passiert war.

***

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ES WAR DREIßIG JAHRE später.

Philip Kranstein war inzwischen siebzig Jahre alt geworden. Er hatte nach dem Tod seines Bruders eine Gruft gleich neben dem Schloss bauen lassen. Der Leichnam des jungen Grafen wurde nach Fertigstellung der Gruft dort beigesetzt. Seither ruhten seine Gebeine in einem mächtigen Sarkophag, den niemand zu besuchen wagte.

Im Verlaufe dieser dreißig Jahre zog sich Philip Kranstein immer mehr von der Öffentlichkeit zurück. Man sah ihn immer seltener.

Er war ein sonderlicher, alter Kauz geworden. Sein Besitz war verfallen, weil er sich nicht mehr darum gekümmert hatte. Er hatte fast sämtliche Ländereien verkauft, und es hatte beinahe den Anschein, als wollte er alle irdischen Brücken, die zu ihm führten, abbrechen.

Schloss Kranstein gehörte allerdings immer noch ihm. Es begann langsam zu verkommen. Doch niemand kümmerte das. Die Dorfbewohner mieden das Schloss ängstlich. Und es jährte sich Richard Graf Kransteins Todestag zum dreißigsten Mal...

Man hatte es im Dorf inzwischen zu einem schönen Theatersaal gebracht. Sogar mit einigen Logen. Natürlich waren die Dorfbewohner stolz auf dieses Prunkstück.

Und man lud laufend Schauspieler ein, um auch Geld in die Kasse des Theaters zu bekommen.

Für heute war die Vorstellung eines bekannten Wandertheaters angekündigt.

Die schaurigste Szene des Stückes, das aufgeführt werden sollte, stellten ein Henker im prähistorischen Kostüm und ein unglückliches Mädchen dar, das der Henker allabendlich etwa zehnmal Köpfen musste. Mit einem echten Richtbeil. Und mit einem verblüffenden Trick, der die Zuschauer immer wieder beeindruckte.

Eben diese Szene war auf sämtliche Plakate gedruckt, die man im ganzen Dorf an jeder freien Holzwand angeschlagen hatte.

Das Stück selbst war von Anfang bis zum Ende Schund. Es war von einem Dilettanten verfasst worden, der von Dramaturgie nicht die leiseste Ahnung hatte.

Trotzdem war das Stück ein großer Erfolg. Es fand in jedem Dorf Gefallen. Es wurde vom Publikum mit frenetischem Beifall bedacht und musste mehrmals gespielt werden. Nur wegen dieser schrecklichen Szene, deren schauriger Ruf dem Wandertheater weit vorauseilte.

Wohin das Wandertheater auch kam, der Saal, in dem gespielt wurde, war jedes Mal bis auf den letzten Notsessel ausverkauft.

Es war auch heute nicht anders.

Eben war große Pause.

Der Henker – mit bürgerlichem Namen Hilary Davies – stand hinter dem geschlossenen Vorhang und blickte durch ein kleines Guckloch in den Theatersaal.

Er war groß, kräftig, wirkte brutal und war eine Idealbesetzung für diese Rolle.

Neben ihm stand ein zierliches Mädchen im blütenweißen Gewand. Sie hieß Deborah Hoss und war Hilary Davies’ Partnerin in diesem Stück. Ihr Haar schmiegte sich in weichen Wellen um das ausdrucksstarke Gesicht.

Davies wandte sich lachend vom Vorhang ab und seiner Partnerin zu.

»Sie können es kaum noch erwarten, deinen Kopf rollen zu sehen, Deborah. In jedem von ihnen schlummert eine kleine mordgierige Bestie, die hier auf ihre Kosten kommt. Deshalb hat unser Stück überall so großen Erfolg. Abscheulich, was?«

»Man gewöhnt sich daran«, meinte Deborah achselzuckend.

Sie hatte die Rolle anfangs nicht spielen wollen. Sie hatte eine gewisse Angst und sehr viel Abneigung dagegen gehabt, allabendlich mehrmals geköpft zu werden. Doch wie sie schon sagte: Man gewöhnt sich daran.

Heute machte es ihr zwar immer noch keinen Spaß, den Kopf auf den kalten Richtblock zu legen, aber es ekelte sie wenigstens nicht mehr so davor wie früher.

Draußen läutete die Glocke.

Die große Pause war zu Ende. Das Spiel sollte weitergehen.

Der Theaterdirektor, der zugleich Regisseur, Dekorateur und Requisiteur war, winkte die Schauspieler mit fahrigen Gesten an ihren Platz.

Dann öffnete sich der Vorhang.

Das Gemurmel im Theatersaal verstummte augenblicklich.

Das Spiel begann wieder. Die zumeist noch sehr jungen und zum Teil auch sehr unbegabten Schauspieler sprachen die banalen Texte.

Sie trugen sie noch dazu schlecht vor und unterstützten ihre heruntergeleierten Worte mit eckigen Bewegungen.

Und endlich hatte Hilary Davies, seinen erschreckenden Auftritt.

Das Publikum hielt unwillkürlich den Atem an. Er war die einzige Persönlichkeit in diesem Stück. Mit einer ungeheuren Ausstrahlung, die das Publikum in ihren Bann schlug. Sein Anblick machte den Leuten Angst und zauberte ihnen die Gänsehaut auf den Rücken, deretwegen sie ja hierher gekommen waren.

Deborah kreischte schon hinter der Bühne.

Sie wurde in dickgliedrigen Ketten auf die Bühne geschleift. Sie schrie. Die beiden Henkersknechte zerrten sie an den Haaren. Sie jammerte und flehte um Gnade. Sie warf sich vor dem unerbittlichen Henker auf die Knie. Sie weinte und bettelte um ihr Leben.

Das Publikum folgte dem Schauspiel mit gebanntem Blick.

Auf ein Zeichen des Henkers schleiften die beiden muskulösen Knechte das Mädchen zum bereitstehenden Richtblock.

Deborah schlug wie verrückt um sich. Ihre spitzen, schrillen Schreie drangen einem durch Mark und Bein. Ihre wahnsinnige Todesangst schien echt zu sein.

Hinter der Bühne wurde die Anklageschrift verlesen. Grollend hallte die Stimme durch den Theatersaal.

Das Mädchen hätte mehrere Leute behext und in den Tod getrieben. Deshalb sollte sie nun geköpft werden.

Hilary Davies stand hoch aufgerichtet da. Er stützte sich auf das schwere Richtbeil, das er jeden Abend mehrmals zu schwingen hatte.

Er war eine eindrucksvolle, Furcht erregende Erscheinung.

Mit festem Blick betrachtete er die Gesichter des Publikums, die ihm bleich entgegenleuchteten. Sie waren gespannt, erschrocken, gebannt.

Einer der beiden Henkersknechte fegte Deborahs blondes Haar vom Nacken und trat dann schnell zurück. Das Mädchen lag wimmernd auf dem schaurigen Richtblock.

Davies wartete geduldig und reglos auf sein Stichwort.

Es kam. Die Stimme hinter der Bühne rief gnadenlos: »Henker, walte deines Amtes!«

Davies nickte grimmig und trat einen Schritt vor.

Plötzlich zwang ihn irgendetwas, zur linken Bühnenloge hinaufzusehen. Er hatte das Gefühl, sein Blick würde von einem Magnet dort hingezogen.

Zwei ältere Leute saßen in der Loge. Doch nicht sie war Davies gezwungen anzusehen, sondern die Gestalt, die hinter diesen beiden stand und von ihnen anscheinend nicht bemerkt wurde, weil sie sich zu sehr für die Vorgänge auf der Bühne interessierten.

Hilary Davies erschrak zutiefst.

Ein eiskalter Schauer fuhr durch seine Glieder.

Von der Gestalt war nur das Gesicht zu sehen.

Was für ein Gesicht! Es war furchtbar entstellt. Es war grauenvoll anzusehen. Die ganze linke Gesichtshälfte war eine einzige blutige Masse!

Davies hatte das Gefühl, dieses Gesicht würde in der Dunkelheit der Theaterloge leuchten. Zwei glutrote und doch irgendwie tote Augen starrten ihn so durchdringend an, dass er tief in seinem Inneren einen heftigen Schmerz verspürte.

Er konnte sich diesem unheimlichen Blick nicht entziehen.

Er fühlte, wie eine seltsam eisige Kälte auf ihn übergriff.

Schaudernd stellte er fest, dass er mit einemmal den schrecklichen Wunsch hatte, Deborah wirklich zu köpfen.

Er zitterte und war auf eine unerklärliche Weise aufgeregt. Seine Augen nahmen einen Glanz an, als hätte er Fieber.

Plötzlich verschwand die schaurige Gestalt. Von einer Sekunde zur anderen. Wie wenn man das Licht der Deckenbeleuchtung ausschaltet.

»Henker, walte deines Amtes«, echote es in Hilary Davies. »Walte deines Amtes...«

Er senkte den eiskalten Blick.

Zu seinen Füßen kreischte Deborah Hoss herzzerreißend. Sie gebärdete sich halb wahnsinnig. Wie jeden Abend flehte, bettelte und heulte sie um ihr Leben.

Davies starrte gebannt auf den weißen schlanken Nacken seiner Partnerin.

Der Henker sollte seines Amtes walten. Er war der Henker. Er musste dieses Mädchen köpfen. Aber richtig.

Mit einem schnellen Ruck riss er das blitzende Richtbeil hoch.

Ein erschrockener Seufzer ging durch den Theatersaal. Dann war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Deborah schrie schrill auf.

Davies schlug mit dem hochgeschwungenen Richtbeil mit aller Kraft zu.

Die Klinge durchdrang Fleisch und Knochen.

Blut spritzte.

Deborahs Schrei brach jäh ab. Der Kopf des Mädchens rollte über die Bühne, fiel den entsetzten Zuschauern vor die Füße.

Der Mund des abgehackten Kopfes war weit aufgerissen, die Augen zwinkerten sogar noch einmal.

Immer noch herrschte lähmende Totenstille im Saal. Die Zuschauer wollten nicht glauben, was sie soeben gesehen hatten. Sie glaubten an einen verblüffenden Trick. Man hatte ihnen davon erzählt.

Das Mädchen war nicht wirklich tot. Ihr Kopf war im Richtblock verschwunden. Irgendwie. Und irgendwie war ein Kopf aus Wachs über die Bühne gerollt.

Aber das Blut. Das viele Blut.

Konnte das denn alles so echt gespielt werden? So schauderhaft echt?

Noch immer sprudelte das Blut aus dem offenen Halsstumpf des Torsos.

Eine Frau fiel vor Entsetzen mit einem wimmernden Schrei in Ohnmacht.

Ein Mann in der ersten Reihe starrte entsetzt und verdattert auf das verzerrte Mädchengesicht zu seinen Füßen.

Plötzlich schnellte er in panischem Schrecken hoch.

»Der Kopf ist echt!«, brüllte er. »Der Kopf ist... Er hat sie wirklich geköpft!«

***

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NACHDEM SICH DIE ERSTARRUNG der entsetzten Zuschauer in wahnsinnigen Hass verwandelt hatte, brach das Inferno los.

Ein mächtiges Wutgeheul, ein Geschrei, ein Toben füllten den Theatersaal. Die hysterischen Leute stürmten die Bühne.

Die Henkersknechte brachten sich bestürzt in Sicherheit.

Nur Hilary Davies blieb mit seinem blutbesudelten Richtbeil steif und starr auf der Bühne stehen. Ohne zu reagieren, sah er die aufgebrachte Meute auf sich zustürmen.

Rings um ihn wurde geschrien, getrampelt. Zahllose Hände streckten sich ihm entgegen. Er wurde brutal gepackt und hin und her gerissen. Er wurde geschüttelt und gestoßen. Jemand entriss ihm das Richtbeil.

Andere Leute brachten den toten Körper des jungen Mädchens weg, aus dem noch immer Blut sickerte.

Die Meute packte den Henker. Man schlug mit Fäusten auf ihn ein. Er spürte die Schläge zwar, aber sie schmerzten ihn nicht. Er erlebte die ganze Raserei wie aus weiter Ferne. Er sah, was die Leute mit ihm machten, doch er war geistig daran nicht beteiligt.

Der Theaterdirektor wollte Davies zu Hilfe eilen. Er riss mehrere Männer zur Seite und brüllte, die Leute sollten den Schauspieler in Ruhe lassen.

»Lasst ihn, um Himmels willen! Lasst ihn doch!«

Zwei bärenstarke Kerle versperrten ihm den Weg.

»Es war ein Unfall!«, schrie der Direktor. »Er kann nichts dafür. Lasst ihn! Er hat das doch nicht absichtlich getan! Um alles in der Welt, Leute – lasst ihn doch in Ruhe!«

Der Theaterdirektor, ein kurzatmiger, dicker älterer Herr, wollte die beiden großen Kerle zur Seite stoßen. Doch die Männer standen wie Felsen.

Und sie starrten nun auch ihn feindselig an.

»Du nimmst diese Bestie auch noch in Schutz?«, knurrte der eine grimmig.

»Er hat das Mädchen geköpft!«, fauchte der andere.

»Es war ein Unfall.«

»Ich habe in der ersten Reihe gesessen! Willst du mir etwas erzählen? Ich habe sein Gesicht gesehen, als er es getan hat. Er hat eiskalt gegrinst. Und seine Augen haben teuflisch gefunkelt.«

»Das war einstudiert!«, schrie der Theaterdirektor verzweifelt. Er rannte erneut gegen die beiden an. Sie ließen ihn nicht durch. »Er hat nur seine Rolle gespielt. Er hat das jeden Abend gemacht. Es war ein Unfall!«

Einer der Kerle versetzte dem Direktor einen derben Stoß. Der Mann taumelte zwei Meter zurück, strauchelte und fiel.

Die Meute schleppte den Schauspieler von der Bühne. Hilary Davies machte nicht die geringsten Anstalten, sich zur Wehr zu setzen.

Er ließ alles mit sich geschehen. Wie eine leblose Puppe.

»Was habt ihr mit ihm vor?«, brüllte der Theaterdirektor hinter den Leuten her.

»Er hat das Mädchen vor unseren Augen umgebracht«, schrie jemand zurück. »Er muss sterben!«

»Ihr wollt ihn lynchen?«, kreischte der Direktor mit schriller Stimme.

»Ja – lynchen!«, riefen die Leute hysterisch.

»Das – das dürft ihr nicht!«

»Er hat den Tod verdient!«

»Ihr müsst ihn der Polizei übergeben!«, keuchte der Direktor außer Atem. »Die Polizei muss die Sache untersuchen Die Polizei muss die Sache klären.«

Die Dorfbewohner waren selbst in den Bann Schwarzer Magie geraten, die nun ihre schrecklichen Handlungen bestimmte, doch das war ihnen nicht klar. Eine böse Macht hatte sie voll im Griff und lenkte sie.

Die Leute schleppten den Schauspieler zum Ausgang. Er schien es nicht zu merken.

»Seid doch vernünftig!«, stieß der Direktor bestürzt hervor.

Er sprang von der Bühne und lief den Leuten nach. Er wollte sich mitten in das Getümmel stürzen.

Da traf ihn eine Faust. Er wurde zurückgerissen und zu Boden geschleudert, wo er benommen liegen blieb.

Sie zerrten den Henker aus dem Theater.

Schreiend schleppten sie ihn fort. Dem Tod entgegen.

***

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DIE SCHLINGE, AUS EINEM dicken Seil geknüpft, baumelte vom Ast.

Hilary Davies stand auf dem rasch herbeigeschafften Stuhl. Aufrecht. Immer noch im Kostüm des Henkers. Mit bleichem Gesicht.

Mit ausdruckslosen Zügen.

Er zuckte mit keiner Wimper, als ihm jemand die Schlinge um den Hals legte. Er wehrte sich auch nicht dagegen, obwohl er weder an Armen noch an Beinen gefesselt war.

Wie in Trance stand er auf dem Stuhl. Der unbarmherzigen Welt, die nach Rache schrie, vollkommen entrückt.

»Macht Schluss mit dem Schwein!«, schrien die Leute.

»Tötet ihn!«

»Hängt ihn auf! Er muss hängen! Er ist ein bestialischer Mörder!«

»Warum stößt denn keiner den Stuhl um, damit er endlich baumelt?«

Hilary Davies hörte von alldem nichts. Er starrte gebannt auf eine verwitterte Hausruine, und seine schmalen bleichen Lippen formten mühsam die Worte »Der Teufel...! Dort ist der Teufel!«

»Was sagt er?«, fragte einer.

»Er redet vom Teufel.«

»Pah. Vom Teufel. Er ist selbst der Teufel. Jawohl, das ist er selbst.«

Hilary Davies starrte immer noch auf die Ruine. »Der Teufel!«, sagte er nun lauter. »Dort ist der Teufel!«

»Macht ein Ende!«, brüllte jemand ungeduldig.

»Der Teufel!«, schrie Hilary Davies mit glänzenden Augen.

»Hängt ihn endlich!«, brüllten die Leute.

Einer fand sich, der den Stuhl wegriss, auf dem der Schauspieler stand.

Davies fiel. Die Schlinge zog sich mit einem schnellen Ruck um seinen Hals zusammen. Der Strick spannte sich.

Davies’ Beine suchten nach Halt. Sie zuckten und zappelten wenige Augenblicke. Dann hing der Körper des Henkers still.

Die begeisterte Menge brach in ein zufriedenes Geheul aus. Sie hatten es geschafft. Der Mörder hatte seine gerechte Strafe bekommen.

Plötzlich ließ sie ein unheimliches, teuflisches Gelächter, das direkt aus der Hölle zu kommen schien, jäh erstarren.

Mit schreckgeweiteten Augen wandten sie sich der verwitterten Ruine zu.

Ein Raunen ging durch die Menge.

Auf der höchsten Mauer stand eine Gestalt. Sie hob sich kaum vom Nachthimmel ab. Nur das grauenvoll entstellte Gesicht war deutlich zu sehen. Es schien zu fluoreszieren.

Die schaurige Erscheinung hatte den Mund weit aufgerissen und lachte diabolisch.

Ein alter Mann bekreuzigte sich.

»Das ist Richard Graf Kranstein!«, presste er mit zittriger Stimme hervor. »Er ist zurückgekehrt! Gott sei unseren armen Seelen gnädig.«

***

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IN DER NACHT, DIE DEM nächsten Tag folgte, fegte ein Sturm über das kleine englische Dorf hinweg. Er riss und rüttelte an hölzernen Fensterläden, schepperte gespenstisch mit alten, schlecht schließenden Türen und heulte klagend wie ein unseliger Geist.

Martin Franklin befand sich in seinem kleinen, stickigen engen Zimmer.

Martin war nicht ganz richtig im Kopf. Man nannte ihn den Dorftrottel.

Er war harmlos, tat keiner Fliege etwas zuleide, wurde von Kindern und Erwachsenen gehänselt und verspottet, doch das machte ihn nicht traurig. Er begriff ja größtenteils gar nicht, wie es um ihn bestellt war.

Martin Franklin wohnte beim Dorfschlosser. Der Mann hieß Rob Reeves und gab ihm zumeist mehr Hiebe als Essen. Martin war dem Schlosser trotzdem dankbar, dass er ihm Obdach gewährte. Die Schläge nahm er geduldig hin.

Der Dorftrottel war mager und hässlich. Da er sich nur selten wusch, stanken sein Körper und seine Kleider penetrant. Jeder rümpfte die Nase, wenn er ihm begegnete.

Martin schielte außerdem stark, und zumeist troff ihm auch Speichel aus dem fast immer offen stehenden Mund.

Murmelnd öffnete er die quietschende Tür des einzigen Schrankes in seinem Zimmer. An der Innenseite der Tür klebten die Bilder einiger nackter Mädchen. Er hatte sie aus Illustrierten ausgeschnitten.

Sie waren sein Heiligtum. Niemand wusste, dass er solche Bilder besaß.

Mit heißen, gierigen Blicken starrte der arme Kerl auf die Mädchen mit den puppenhaften Gesichtern, den großen, prallen Brüsten, den schwellenden Hüften, den prallen Schenkeln.

Martin atmete schwer.

Zitternd streckte er die Hand aus und ließ seine Finger über die nackten Körper der Mädchen gleiten. Es störte ihn zwar, dass sie nur aus Papier waren, aber er hatte noch nie das weiche, warme Fleisch eines lebenden Mädchenkörpers berührt.

Verwirrt kratzte er sich. Er hatte wegen dieses etwas zu stark ausgeprägten Triebes schon öfter Ärger mit Rob Reeves gehabt.

Einmal hatte er Mrs. Reeves beim Baden zugesehen. Damals wäre er beinahe über sie hergefallen. Sie hatte ihn aber rechtzeitig entdeckt und gellend um Hilfe geschrien.

Martin erinnerte sich kaum noch daran. Er wusste nur, dass ihn Rob Reeves damals beinahe erschlagen hätte. Seither wich er Mrs. Reeves immer aus. Weil er befürchtete, wieder so furchtbare Hiebe zu kriegen.

Martin stöhnte tief auf. Noch einmal wischten seine Finger über die leblosen Mädchen. Dann schloss er die quietschende Schranktür schnell.

Traurig ließ er sich auf die Matratze fallen, die auf dem dreckigen Boden lag und sein Bett darstellte. Er starrte zur dunkelgrauen, spinnwebenverhangenen Decke hinauf und murmelte: »Ein Mädchen. Ich möchte einmal ein Mädchen haben. Für mich ganz allein. Ein richtiges Mädchen. Eines, das lebt. Keines aus Papier. Nein. Eines, das wirklich lebt. Ich muss mir eines holen. Ich brauche ein Mädchen. Keines aus Papier. Ein richtiges. Eines, das ich küssen kann. Eines, das ich anfassen kann. Es darf nicht aus Papier sein. Nein. Nicht aus Papier. Die aus Papier sind so kalt. So ekelhaft. Ich kann mit ihnen nichts anfangen.«

Martin wälzte sich auf der Matratze unruhig hin und her. Draußen heulte der Sturm. Er hörte ihn kaum.

Wie im Fieber sprach er: »Ich werde mir ein Mädchen holen. Ein kleines Mädchen. Ganz klein. Es wird mit mir gehen. In den Wald vielleicht. Ja, in den Wald. Da sind wir allein. Sie wird sehr lieb zu mir sein. Bestimmt. Und ich werde sehr lieb zu ihr sein. Und ich werde sie anfassen. Ganz sanft. Ganz vorsichtig. Morgen hole ich mir ein Mädchen. Gleich hinter der Schule. Ja – morgen... Und dann... gehe ich mit ihr in ... den Wald.«

Martin Franklin nickte zufrieden. Er verzog sein hässliches Gesicht zu einem Grinsen. Morgen. Morgen! Er freute sich schon darauf.

Ein schabendes Geräusch holte ihn aus seinen Gedanken zurück.

Das war nicht der Wind.

Es kam vom Fenster. Von draußen. So als ob jemand an der Hausmauer entlangrutschen würde. Ganz langsam.

Martin schaute zum Fenster, nachdem er sich aufgesetzt hatte. Der Sturm drückte gegen das Glas. Das Fenster knackte leise.

Martin hatte keine Angst.

Obwohl er immer noch das schabende Geräusch hören konnte, konnte er niemanden sehen.

Das verwirrte seinen dummen Geist noch mehr. Er schüttelte den Kopf und zog die Mundwinkel nach unten.

Plötzlich begann er grundlos zu zittern. Er hatte nach wie vor keine Angst.

Dieses Zittern hatte einen anderen Grund. Martin kannte ihn nicht.

Er reagierte lediglich auf irgendetwas.

Eine seltsame innere Aufregung befiel den Verrückten. Seine dürren Hände wischten über die schielenden Augen und strichen über die schmutzigen, bleichen, bartstoppeligen Wangen.

Sein Blick wurde starr und glasig Er schien plötzlich nicht mehr er selbst zu sein. Seine Stimme klang anders. Schroffer.

Er murmelte, ohne die Lippen zu bewegen.

»Ja, Meister«, flüsterte er erstarrt »Ja, Meister. Hier! Hier bin ich, Meister! Komm!«, stöhnte er gebannt »Komm, Meister. Ich will dich sehen. Martin will dich sehen! Zeige dich. Bitte, Meister. Zeige dich!«

Ein blasser Schein erhellte mit einemmal das schmutzige Fenster.

Und inmitten dieses Scheins sah Martin Franklin das hässlichste Antlitz, das man sich vorstellen kann. Blutkrusten. Lippen, die die schneeweißen Zähne der Erscheinung nicht bedecken konnten.

Die toten Augen des Meisters starrten Martin an. Der Irre verfiel immer mehr in eine Art Schlaf.

Er nickte und keuchte. Sein Brustkorb hob und senkte sich rasch.

Die eingefallenen Wangen bekamen rötliche Flecken. Das Zittern, das seinen Körper erfasst hatte, wurde immer stärker.

»Ja, Meister!«, presste Martin mühsam hervor, während seine Zähne hart aufeinanderklapperten. »Ja, ich will dir gehorchen!«

Das grausame Gesicht am Fenster verfärbte sich ein wenig. Die verwüstete linke Gesichtshälfte nahm einen grünlichen Schimmer an.

Martin nickte wieder. »Ja, Meister. Ich werde es tun. Jetzt gleich werde ich es tun. Jetzt gleich...«

Er sprang hoch.

Das schauderhafte Gesicht verschwand. Martin verließ sein Zimmer hastig...

***

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DAS KLEINE LEICHENHAUS grenzte an den Dorrfriedhof. Man hatte den gelynchten Schauspieler und die geköpfte Schauspielerin dort untergebracht.

Die polizeilichen Ermittlungen gestalteten sich äußerst schwierig.

Niemand wollte Hilary Davies gelyncht haben. Niemand wollte dabei gewesen sein. Nicht einmal im Theater wollte man gewesen sein.

Die Polizeibeamten bissen sich bei den zahlreichen und pausenlos durchgeführten Verhören die Zähne aus.

Niemand bekannte sich schuldig.

Man stand vor dem Rätsel, warum Hilary Davies seiner Partnerin tatsächlich den Kopf abgeschlagen hatte.

Man vermutete einen Anfall von Sinnesverwirrung. Zumindest war das die Ansicht des Polizeiarztes und einiger Beamter.

Dass das ganze Dorf im Griff einer bösen Magie gewesen war, die auch dazu geführt hatte, dass der Schauspieler so grausig ermordet worden war, konnten sie nicht ahnen.

Der Sturm fegte mit unangenehmer Heftigkeit über den nächtlichen Gottesacker. Er zerfetzte die tanzenden Nebelschleier, die sich wie Geister um die hohen Grabsteine zu schlingen versuchten.

Eine dunkle Gestalt durchquerte den Friedhof. Die Nebelschwaden umtanzten sie, hüllten sie ein, wurden vom Wind vertrieben, machten anderen bizarren Gebilden Platz.

Die Gestalt huschte zwischen den Grabsteinen hindurch. Sie versteckte sich hinter Grüften, lief an Grabkreuzen und Gedenksteinen vorüber.

Der Sturm zerrte an den Kleidern des Mannes, der geduckt über die Gräber sprang und dem Leichenhaus zustrebte.

Eine schwarze Katze, die auf dem Friedhof auf Rattenjagd war, nahm kreischend vor dem Mann Reißaus.

Die Gestalt erreichte die schmale Hintertür des Leichenhauses.

Der Sturm rüttelte an den Dachschindeln und fauchte durch die Ritzen der schweren Eichentür, die mit breiten Eisenbändern beschlagen war.

Der Mann holte aus einem schwarzen Stoffbeutel, den er bei sich trug, einen rasselnden Schlüsselbund hervor.

Er schob nach und nach an die fünfzehn verschiedene Schlüssel ins Schloss. Endlich fand er den richtigen. Ein leises Schnappen war zu hören. Dann ließ sich die schwere Tür knarrend öffnen.

Ein süßlicher Leichengeruch schlug dem Eindringling entgegen.

Der Mann schloss hastig die Tür hinter sich und machte einige zaghafte Schritte.

Im schwarzen Stoffbeutel klimperte das Werkzeug, das er mitgebracht hatte. Das fahle Mondlicht fiel silbern durch die beiden schmalen Fenster herein und lag kalt auf den zwei Särgen, die auf zwei Tischen in der Mitte des Leichenhauses standen.

In einer Ecke lagen verwelkte Kränze. Darunter lagen rostige Grabkreuze. Draht lag darauf. Spaten und Spitzhacken lehnten neben dem breiten Tor.

Der Eindringling näherte sich murmelnd den beiden Särgen. Ihretwegen war er hier eingedrungen. Seine Schuhe schlurften über den unebenen Betonboden.

»Ich mache alles, was du von mir verlangst, Meister«, flüsterte der Mann.

Es war Martin Franklin, der Narr.

»Alles mache ich für dich!«

Er erreichte die Särge. Draußen sang der Sturm ein unheimliches Lied. Blätter raschelten um das Haus. Es hörte sich an, als würden sie aufgeregt flüstern und tuscheln.

Beide Särge waren schwarz. Martin Franklin hatte keine Ahnung, welche Leiche in welchem Sarg lag. Deshalb wandte er sich dem rechten Sarg zu. Er öffnete seinen schwarzen Beutel und entnahm ihm einen Hammer und ein Stemmeisen.

Er arbeitete schnell und verbissen. Bald hatte er den Deckel des Sarges ein wenig angehoben. Ein schrilles Quietschen fegte durch das Haus, als Martin die langen Nägel aus dem Holz zog.

Er lief rund um den Sarg. Der Eifer hatte sein Gesicht gerötet. Seine rote Zunge huschte immer wieder über die speichelnassen Lippen.

Als er den letzten Nagel aus dem Holz gezogen hatte, leistete er sich eine kurze Erholungspause und einen kleinen Seufzer.

Dann griff er nach dem Deckel, um ihn hochzuheben. Der Geruch von eingetrocknetem Blut stieg ihm in die Nase.

Im Sarg lag Deborah Hoss. Man hatte ihren abgehackten Kopf zum Rumpf gelegt. Ihr Gesicht war immer noch schrecklich verzerrt.

Martin kicherte. Seine schielenden Augen leuchteten voller Freude. Er rieb sich die Hände und wischte sich dann aufgeregt über den Mund.

»Das Mädchen!«, presste er begeistert hervor. »Es ist das Mädchen! Ich möchte ein Mädchen haben. Ich habe noch nie ein Mädchen gehabt. Ich möchte dieses hier haben! Sie kann sich nicht wehren, wenn ich sie küsse.«

Der Idiot lachte begeistert. Sein Atem ging schnell. Sein Herz klopfte aufgeregt. Seine Finger griffen nach dem Kleid, das Deborah während der Vorstellung getragen hatte und in dem sie auf so grausame Weise gestorben war.

Plötzlich erhellte sich der Raum auf eine unnatürliche Weise.

Wie ein bei einer Unart ertapptes Kind wandte sich der Verrückte um.

Am Fenster war Richard Kransteins Grauen erregendes Gesicht erschienen. Grenzenlose Wut lag in seinen toten Augen. Sein Antlitz war zu einer bösen Fratze verzerrt.

Martin ließ den Deckel erschrocken auf den Sarg fallen.

»Verzeih, Meister. Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich weiß, dass ich es hätte nicht tun dürfen. Aber sie ist ein Mädchen. Und ich habe doch noch nie... Sie ist so schön. So wunderschön.«

Martin spürte in seinem Kopf einen stechenden Schmerz und schrie gellend auf.

»Nein, Meister! Nein! Ich werde ihr nichts tun. Ich verspreche es. Ich weiß, dass ich nicht ihretwegen hier bin. Ich bin wegen des Mannes hier. Ich muss mir seinen Kopf holen. Ja, Meister. Ich werde es tun.«

Er erhob sich mit schlotternden Knien. Einmal wagte er noch den Sarg des toten Mädchens anzusehen.

Mit weinerlicher Miene sagte er: »Sie ist so schön. Schade...«

Er hatte nicht den Mut, den Deckel noch einmal hochzuheben.

Kranstein verschwand wieder.

Martin öffnete hastig den zweiten Sarg. Er schwitzte.

Hastig warf er den Deckel zu Boden. Der dumpfe Knall dröhnte durch die Halle. Das fahle Mondlicht fiel auf den schlanken starren Leichnam.

Deutlich war noch die Spur der Schlinge an Davies’ Hals zu erkennen.

Martin griff unerschrocken nach dem prähistorischen Kostüm des Schauspielers. Der Verrückte hob den Toten hoch und bettete ihn so in seinem Sarg, dass der Kopf über den Rand des Sarges ragte.

Dann holte der Idiot eine matt schimmernde Säge aus seinem schwarzen Stoffbeutel...

***

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VOR SICH HINMURMELND, betrat der Verrückte einige Zeit später Rob Reeves’ Schlosserwerkstatt. Den erbeuteten Kopf des gelynchten Schauspielers trug er unter dem Arm.

Martin grinste vergnügt. Seine Augen leuchteten vor Freude.

»Ich werde den Kopf bearbeiten«, sagte er begeistert. »Ja. Bearbeiten. Aufmachen. Ich will sehen, was in diesem Kopf drinnen ist. Ich wollte immer schon mal sehen, was in einem solchen Kopf ist. Gleich werde ich es erfahren.«

Martin legte seinen schwarzen Stoffbeutel auf die Werkbank. Das Werkzeug klimperte leise. Danach legte der Verrückte auch den Kopf auf die Werkbank und machte Licht in der Werkstatt.

Der Raum war nicht groß. Sägen, Feilen und Zwingen lagen herum.

Martin stieß gegen einen leeren Benzinkanister, der auf einigen gefüllten abgestellt war. Der Behälter fiel dumpf scheppernd zu Boden. Martin versetzte ihm einen ärgerlichen Tritt.

Dann rieb er sich grinsend die Hände. Viel Arbeit wartete jetzt auf ihn.

»Das Geheimnis des menschlichen Lebens«, sagte er, während er den mitgebrachten Kopf nachdenklich betrachtete. »Ich werde es nun erfahren. Es ist in diesem Kopf.«

Speichel troff aus seinem Mund. Er war so aufgeregt, dass er es nicht merkte.

Mit einer schnellen Bewegung riss er sich die Jacke von den Schultern und warf sie achtlos in eine Ecke. Dann krempelte er sich die Ärmel seines zerschlissenen, dreckigen Hemdes nach oben.

Er trat an den Schraubstock, der an die Werkbank festgemacht war.

Er drehte die Backen so weit auseinander, dass der Kopf des Gehenkten dazwischenpasste.

Er klemmte den Kopf hinein.

Dann griff er wieder zur Säge, setzte die Zacken an – und...

Er begann, dem Kopf die Stirnhöhle aufzusägen!

***

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IN DIESER NACHT SCHLIEF Rob Reeves sehr unruhig. Alpträume quälten ihn. Er wurde von Furien, Teufeln und Höllenhunden gejagt und schreckte schweißgebadet hoch, als der leere Benzinkanister in der Werkstatt, über der er wohnte, zu Boden polterte.

»Verdammt!«, sagte Reeves benommen.

Er rieb sich den kantigen Schädel. Sein rotes kurz geschnittenes Haar war feucht und zerzaust.

Das ist wieder mal dieser verfluchte Verrückte, dachte Reeves ärgerlich. Der stellt wieder mal irgendetwas an.

Reeves sprang aus dem Bett. Er blickte auf seine Uhr. Es war elf.

Er war heute früh zu Bett gegangen, weil morgen eine Menge Arbeit auf ihn wartete.

Reeves war groß, breitschultrig, hatte ein breites Kinn, das ihm ein energisches, immer ein wenig mürrisch wirkendes Aussehen verlieh. Seine Hände waren wahre Pranken.

Ich hätte ihn nicht ins Haus nehmen sollen, dachte Reeves ärgerlich, während er sich wütend ankleidete. Dann stampfte er zur Schlafzimmertür.

Er machte sich Vorwürfe, weil er auf seine Frau gehört hatte. Sie war Schuld daran, dass Martin Franklin hier wohnen durfte. Sie hatte mit diesem Trottel Mitleid gehabt. Und seither gab es fast jeden Tag Ärger mit diesem Irren.

Ich werde ihn vor die Tür setzen!, dachte Rob Reeves, während er die Stufen hinunterlief.

Die Gelegenheit war günstig. Seine Frau war zur Wallfahrt in Lourdes. Wenn sie zurückkehrte, würde Martin einfach nicht hier sein.

Unter der Tür, die vom Haus direkt in die Werkstatt führte, sah Reeves einen schmalen Lichtbalken. Und er hörte jemanden kichern und murmeln.

Verdammt, was hat er mitten in der Nacht hier unten zu suchen?, dachte der Schlosser ärgerlich. Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass er in meiner Werkstatt nichts verloren hat. Reeves nickte grimmig. Na, der kann heute was erleben!

Mit entschlossenem, schnellem Schritt erreichte der Schlosser die Tür. Seine schwere Hand fiel auf die Klinke. Er stieß die Tür mit Schwung auf.

Sie krachte donnernd gegen die Wand.

Martin stand bei der Werkbank. Vor dem Schraubstock. Er wandte sich erschrocken um.

Rob Reeves kam mit wütendem Blick auf ihn zugerannt. »Sag mal, du verrückter Mistkerl, was hast du mitten in der Nacht hier...?«

Martin machte unwillkürlich einen Schritt zur Seite und schielte den Schlosser feindselig an.

So einen Blick hatte Reeves bei dem Idioten noch nie gesehen.

Doch es war nicht der Blick des Verrückten, der den Schlosser jäh verstummen ließ. Es war der grauenvolle Anblick, des Kopfes zwischen den Schraubstockbacken. Des geöffneten Kopfes!

Rob Reeves glaubte, einen entsetzlichen Albtraum zu erleben.

»Das ist ja...«, stammelte er. »Das ist ...«

Reeves rang nach Luft. Ein Grauen würgte ihn.

»Martin!«, presste er bestürzt hervor. »Was machst du da?«

Der Verrückte stellte sich schnell wieder vor den Kopf, als wollte er seinen Besitz mit seinem Leben verteidigen.

»Der Kopf gehört mir!«, fauchte Martin wütend.

Reeves hatte ihn noch nie in einer solchen Verfassung erlebt.

»Der Meister hat ihn mir geschenkt.«

»Wer?«, fragte Reeves entsetzt.

»Der Meister.«

»Was für ein Meister?«

»Richard Graf Kranstein.«

»Hör mal, du bist ja noch verrückter, als ich gedacht hätte.«

»Niemand darf mir meinen Kopf wegnehmen!«, schrie Martin Franklin aufgebracht. »Niemand. Er gehört mir. Ich kann damit machen, was ich will.«

Reeves ballte die Fäuste.

In diesem Moment passierte etwas, was es noch nie gegeben hatte.

Martin kam in drohender Haltung auf den muskulösen Schlosser zu.

Bisher war Martin immer hündisch unterwürfig gewesen. Wenn Reeves ihn verprügelt hatte, dann hatte er die Hiebe zumeist stumm, manchmal winselnd eingesteckt. Ohne jemals zurückzuschlagen. Ohne sich zu wehren.

Martin war um einen ganzen Kopf kleiner als Reeves. Er war schmächtig und unterernährt. In seinen Knochen steckte keine Kraft.

Was fiel ihm plötzlich ein? Woher nahm er den Mut, auf Reeves loszugehen? War er nun vollkommen übergeschnappt?

Rob Reeves war so erstaunt über die unerwartete Handlungsweise des Idioten, dass er unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

Doch dann riss er sich zusammen.

Lächerlich, dachte er. Du wirst dich doch vor dieser halben Portion nicht fürchten.

Um dem Narren gleich mal zu zeigen, wer auch in dieser Nacht der Herr war, drosch ihm Reeves die geballte Rechte mit aller Kraft ins hagere Gesicht.

Der gewaltige Schlag, der Martin normalerweise sofort umgeworfen hätte, zeigte fast keine Wirkung. Martin blieb stehen, als wären seine Füße im Erdboden verwurzelt.

Nur sein Kopf war zurückgeschnellt.

Nun kam er in noch drohenderer Haltung näher.

Rob Reeves machte die Erfolglosigkeit seines Schlages konfus.

Er schlug erneut zu. Und noch einmal.

Martin verkraftete jeden Schlag spielend.

Reeves konnte das nicht begreifen. Martin verkraftete nicht nur die Hiebe, die ihn trafen, er schlug nun auch zurück.

Der Schlosser flog durch die halbe Werkstatt und krachte schwer auf den Boden.

Reeves rappelte sich hastig wieder hoch. Martin setzte ihm sofort nach. Noch einmal drosch er mit der Faust zu.

Reeves ging wieder zu Boden.

Martin packte ihn knurrend und riss ihn hoch. Er hob ihn wie eine leichte Schaumstoffpuppe hoch und schleuderte ihn gegen die Wand.

Ein rasender Schmerz durchzuckte den breiten Rücken des Schlossers.

Martin wartete nicht, bis sich Reeves erhob. Ehe der Schlosser sich aufrichten konnte, schlug er erneut zu. Hart. Zielsicher. Und beinahe vernichtend.

Reeves spürte ein Brennen im Gesicht. Er sah den schielenden, hassglühenden Blick des Wahnsinnigen vor sich, er kassierte Treffer um Treffer, ohne sich dagegen wehren zu können.

Wieder riss ihn Martin fauchend hoch. Wieder flog der schwere Schlosser durch die Werkstatt.

Reeves krümmte den Rücken und spannte die Muskeln, um die Wucht des Aufpralls abzuschwächen.

Etwas polterte neben ihm zu Boden.

Ein Hammer.

Reeves griff hastig danach. Wutschnaubend kämpfte er sich hoch.

Martin stürzte sich erneut auf ihn. Reeves riss den Hammer blitzschnell hoch.

Er schlug mit dem Hammer zu. Mitten auf Martins Kopf.

Normalerweise hätte dieser Hieb den Verrückten erschlagen müssen.

Doch nichts dergleichen geschah.

Martin brach lediglich mit einem markerschütternden Gurgellaut ohnmächtig zusammen.

Reeves warf den Hammer angewidert auf den Boden. Er zitterte am ganzen Körper und musste sich an die Wand lehnen, um nicht umzukippen.

Als er sich nach mehreren Atemzügen ein wenig erholt hatte, wandte er sich hastig um und rannte keuchend aus der Werkstatt und aus dem Haus.

Er lief wankend die Dorfstraße entlang. Sein Ziel war die Kneipe.

Er brauchte jetzt dringend einige Whiskys und die Gesellschaft normaler Menschen.

***

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IN DER DORFKNEIPE, in der man auch Zimmer mieten konnte, herrschte knapp vor Mitternacht noch viel Betrieb. Dicke blaue Rauchschwaden hingen in der großen Gaststube.

Ian Price war der Wirt.

Ein fünfzigjähriger Mann. Hager. Mit hellen Augen, schmalen Lippen, leicht abstehenden Ohren und einer weißen Schürze vor dem Bauch.

Er brachte Whisky an den Stammtisch, der von Marshal Ogilvy, Fred Francis, Henry Kerr und Jack Hough besetzt war.

»Na«, sagte der Wirt in die Runde und stellte die Gläser ab. »Hat man euch schon verhört?«

»Klar«, grinste Marshal Ogilvy, ein drahtiger Bursche mit dichtem Haar, rundem Gesicht und frechen Augen. »Ich war einer der Ersten. Dabei war ich überhaupt nicht im Dorf, als man diesen Schauspieler gelyncht hat.«

»Niemand war im Dorf«, sagte Ian Price.

»Verdammt, ich war aber wirklich nicht hier. Ich war in London.«

»Hat man dir das geglaubt?«, fragte der Wirt.

Ogilvy zuckte die Achseln. »Man wird der Sache nachgehen, haben sie gesagt.«

»Mich haben sie heute drangenommen«, erzählte Fred Francis, der Automechaniker des Dorfes. Er besaß in der Nähe der Kneipe eine kleine Werkstatt.

»Und?«, fragte der Wirt.

»Was und?«, fragte Francis zurück.

»Was ist dabei herausgekommen?«

»Dass ich mit der Sache nichts zu tun habe«, grinste der Automechaniker. »Was dachtest du denn?«

»Ich war auch heute dran«, sagte Henry Kerr, ein schmächtiger Brillenträger, dessen hervorstechendstes Merkmal seine große gebogene Nase war. »Ich habe natürlich auch nichts mit der Sache zu tun.«

»Ich hatte noch nicht das Vergnügen, zur Polizei gebeten zu werden«, grinste Jack Hough, ein fetter Kerl, den die anderen noch nie ohne Zigarre gesehen hatten.

Fred Francis schob sein Glas nervös hin und her. »Wenn ihr mich fragt, wieso es dazu gekommen ist, dass dieser Schauspieler plötzlich durchdrehte und das Mädchen wirklich köpfte, will ich es euch sagen: Für mich steht es fest, dass Graf Kranstein im Theater war. Er hat den Schauspieler behext. Der Mann hat unter dämonischem Zwang gehandelt. Man hätte ihn für das, was er getan hat, nicht verantwortlich machen dürfen...«

Marshal Ogilvy lachte spöttisch auf. »Hat dich etwa auch schon diese komische Dämonenhysterie angesteckt?«

»Es ist keine Hysterie, Marshal.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914535
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller augen

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #13: Die toten Augen