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Top Grusel Thriller #12: Das Monster von Sorrent

2017 120 Seiten

Leseprobe

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A.F. Morland: Das Monster von Sorrent

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Das Monster von Sorrent

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Sie weinte, keuchte, und rang nach Luft.

Da tauchte aus den Fluten ein langer, Entsetzen einflößender Arm auf. Er hatte die Ähnlichkeit mit einem dicken Gummischlauch. An seiner Unterseite glänzten unzählige Saugnäpfe.

Dieser gefährliche Arm faßte nach dem kreischenden Mädchen. Lisa versuchte sich entsetzt dagegen zu wehren. Ein eisiger Schauer rieselte durch ihren nackten Körper, als sich die Saugnäpfe an ihren bebenden Körper schmiegten.

Und schon tauchte der nächste Fangarm der unerbittlichen, grausamen Krake auf. Sie schien Hunderte von Armen zu haben.

Für das Mädchen gab es kein Entrinnen mehr. Die Krake erdrückte sie beinahe mit ihren mächtigen Fangarmen. Sie spürte, wie ihr Blut aus ihrem Körper gesogen wurde.

Dann spürte sie nichts mehr.

Die Welt ging für sie hinter einem häßlichen, schwarzen Schleier unter.

Und sie versank in den Fluten. Im Golf von Neapel...

Leonardo Vini fuhr jeden Tag im Morgengrauen mit seinem altersschwachen Boot aufs Meer hinaus, um Fische zu fangen. Zumeist war der Fang gut. Er konnte davon leben.

Vini war beinahe siebzig. Er war ein ehrwürdiges Denkmal unter den Fischern von Sorrent. Die Touristen fotografierten ihn bei jeder Gelegenheit.

Er freute sich darüber, daß sie ihn beachteten. Sie fotografierten ihn nun schon seit... Er wußte gar nicht mehr genau, wie viele Jahre er schon in ihre Linsen lächelte.

Ab und zu bedankten sich die Touristen für sein Posieren mit ein paar Lire. Er war ihnen deshalb nicht böse. Sie hatten alle genug Geld, die hierher kamen, um Neapel zu sehen: Pompeji, Sorrent, den Vesuv oder Capri. Warum sollte er ihr Geld nicht nehmen, wenn sie es gern hergaben?

Vini hatte ein Gesicht, das aus Eichenholz geschnitzt zu sein schien.

Ein interessantes Gesicht. Jede Runzel war eine Fremdenverkehrsattraktion für sich. Er hatte einen knöchernen Körper und spindeldürre, sehnige Arme. Arme, die immer noch kraftvoll zupacken konnten. Seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt. Sie spannte sich über die hoch liegenden Wangenknochen wie hartes Leder. Sein Haar war dicht, struppig und schneeweiß. Von den Zähnen fehlten natürlich bereits einige. Wenn er lachte, konnte man die Lücken zählen.

Seit einiger Zeit wollte sein Herz nicht mehr so recht. Manchmal schlug es unruhig und machte ihm Angst.

Heute morgen war es ganz schlimm gewesen. Deshalb hatte er die Fahrt frühzeitig abgebrochen, um nach Hause zu fahren.

Leonardo Vini steuerte den Hafen von Sorrent an. Die Stadt schlief noch. Die Fremden ruhten sich noch von den nächtlichen Sightseeing-Strapazen aus. Die Sonne schickte sich eben erst an, am Morgenhimmel hochzuklettern.

Vini saß nachdenklich am Steuer seines leise dahin tuckernden Bootes.

Er nahm die dicke Leine in die Hand und richtete sich im leicht schwankenden Boot auf. Gleich war er da. Dann wollte er vorerst nach Hause gehen und sich ein wenig hinlegen. Hinterher würde er weitersehen.

Sein Blick streifte über die Steilküste, an der die Häuser und Hotels wie Streichholzschachteln klebten.

Dann suchten seine alten Augen jenen Pfosten, an dem er seinen Kahn befestigen wollte.

Er stellte den Motor ab. Das Boot glitt lautlos durch die spiegelblanken Fluten.

Vini warf das Seil über den halbverfaulten Pfosten und zurrte es mit einem Ruck fest.

In dem Moment, wo er an Land springen wollte, irritierte ihn etwas, das im Wasser schwamm. Er stutzte, streckte den alten Rücken und richtete sich neugierig auf.

Sieht aus wie ein Mensch. Ein nackter Mensch, dachte er. Und während sein Geist an diesem Gedanken noch herumnagte, befiel ihn bereits eine unerklärliche Angst.

Er nahm seinen Enterhaken und sprang an Land. Dann lief er, so schnell ihn seine dürren Beine tragen konnten, am Ufer entlang, bis zu jener Stelle, wo der nackte Körper im Wasser schaukelte.

Es war ein Mädchen.

Leonardo Vini vergaß seine Angst. Er warf den Enterhaken nach der Leiche und zog sie ächzend an Land.

Ein hübsches Mädchen lag vor ihm. Sie hatte langes blondes Haar, das an ihrem hübschen Gesicht klebte. Sie war bleich und wies seltsame Verletzungen auf.

Der ganze Körper des Mädchens war von diesen Verletzungen bedeckt. »Dio mio!« stöhnte der Alte entsetzt und bekreuzigte sich hastig. Dann eilte er zu seinem Kahn zurück, um eine alte Decke zu holen. Damit deckte er das Mädchen zu.

»Die Polizei!« murmelte er mit vor Aufregung bebenden Lippen. »Da muß sofort die Polizei her. Dieses Mädchen wurde umgebracht. Ermordet. Schrecklich!«

Er wandte sich von der zugedeckten Leiche ab und eilte aufgeregt davon.

***

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AUF DEM SCHMALEN STRANDSTREIFEN wimmelte es von Leuten. Zum größten Teil waren es Neugierige.

Sie gafften sich die Augen aus dem Kopf, ließen sich nicht entgehen, was der Polizeiarzt mit der Leiche anstellte, was der junge Kommissar machte, was die anderen Polizisten taten.

Eben wurde Lisa Larsens Leiche in einen im Sonnenlicht blitzenden Metallsarg gelegt. Zwei hoben den Sarg hoch und trugen ihn fort.

Ein paar besonders Neugierige folgten ihnen bis zu dem Wagen, in den der Sarg dann hineingeschoben wurde.

Noch wußte die Polizei nicht, wer die Tote war. Kommissar Saro Corra vermutete, daß es sich um eine Touristin handelte.

Saro Corra war fünfunddreißig. Er war elegant gekleidet, hatte markante, typisch italienische Züge und pechschwarzes Haar. Seine Augen funkelten klug und listig. Er verstand seine Arbeit. Mancherorts wurde ihm sein rascher beruflicher Aufstieg und die erst kürzlich erfolgte Beförderung zum Kommissar geneidet.

Corra winkte einen seiner Beamten zu sich.

»Bitte, Signore Kommissar?«

»Sehen Sie zu, daß Sie die Leute wegkriegen, Como, sie machen mich nervös.«

»Ich fürchte, da läßt sich nicht viel...«

»Tun Sie, was ich sage Como!« herrschte Kommissar Corra den Beamten ärgerlich an. Er war an diesem Tag schlechter Laune. Man hatte ihn schon früh aus dem Bett geholt. Gestern war es sehr spät gewesen, als er das Büro verlassen hatte. Er war müde. Einfach überarbeitet.

Der Beamte machte hastig kehrt, winkte einem Kollegen und versuchte mit diesem, die Leute mit sanften, aber nachdrücklichen Ermahnungen zum Fortgehen zu bewegen.

Corra stand nachdenklich da und starrte auf die schimmernden Kieselsteine.

Jemand tippte ihm auf die Schulter.

Er hob den Kopf und wandte sich um.

Das Gesicht, das er am meisten haßte, grinste ihm entgegen.

Gigi Rao. Polizeireporter.

Corra konnte diesen penetranten Kerl nicht riechen.

Rao war mager und hatte das Gesicht eines Aasgeiers.

»Die Sache muß ein richtiges Fressen für Sie sein Kommissar Corra«, grinste der Reporter heimtückisch.

»Wieso?« fragte Saro Corra mit ablehnender Miene.

Gigi Rao zuckte die Achsel. »Vor zwei Tagen erst zum Kommissar befördert«, sagte er mit seiner unangenehmen Stimme »und nun schon eine so hervorragende Möglichkeit, zu beweisen, daß man genau den richtigen Mann auf diesen Platz gesetzt hat.«

Corra musterte den verschlagenen Reporter frostig. Rao war gefährlich wie eine Klapperschlange. Er verspritzte sein Gift, wo immer er auftauchte.

»Was wollen Sie, Rao?«

»Ich habe Ihre steile Karriere aufmerksam verfolgt, Kommissar Corra. Es war Zeit, daß man den alten Kommissar Trotta in den Ruhestand schickte.«

»Ich finde, das geht Sie nichts an.«

»Würde mich nicht wundern, wenn Sie da ein bißchen nachgeholfen hätten«, grinste Rao lauernd.

Saro Corra spürte eine unbändige Wut in sich aufkeimen. Er mußte sich mühsam beherrschen, um Rao nicht nur gründlich seine Meinung zu sagen, sondern ihm auch noch eine Ohrfeige zu geben.

Es waren zu viele Zuschauer da. So etwas konnte er sich nicht leisten.

»Ich will ja nichts Schlechtes über den alten Kommissar sagen«, meinte Gigi Rao mit unverkennbarem Spott in der Stimme. »Er hat seinen Dienst früher so gewissenhaft wie kein anderer versehen. Aber in den letzten Jahren war er doch ein bißchen sonderbar geworden. Das ist nicht nur meine Meinung, wie Sie wissen, Kommissar Corra. Er war in letzter Zeit... verwirrt – sagen diejenigen, die ihn immer noch schätzen. Die, die ihn nicht mögen, meinen, er sei verrückt geworden.« Gigi Rao lachte blechern. »Wer weiß, wie es um unseren Geist bestellt ist, wenn wir dreiundsechzig sind, nicht wahr?«

Corras Nasenflügel bebten. »Haben Sie endlich genügend Gift verspritzt, Rao?« knurrte er den Polizeireporter verächtlich an.

»Ich dachte, wir wären in dieser Beziehung einer Meinung, Kommissar Corra«, sagte Rao mit gespielter Unschuldsmiene.

Corra war nahe daran, den Kerl ins Wasser zu stoßen.

Er riß sich zusammen, starrte den Reporter mit haßfunkelnden Augen an und zischte mit zusammengepreßten Lippen: »Hören Sie zu, Rao! Ich bin seit genau zwei Tagen Chef der Mordkommission! Wahrscheinlich wird es sich nicht vermeiden lassen, daß Sie mir in Zukunft noch öfter über den Weg laufen! Aus diesem Grund möchte ich gleich heute einiges mit aller Deutlichkeit klarstellen: Ich mag Sie nicht! Leute wie Sie sind mir zuwider. Aber ich akzeptiere Ihren Job. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, über die Arbeit der Polizei objektiv informiert zu werden. Ich wünsche von Ihnen in Zukunft nichts als nüchterne, sachliche Fragen zu hören, die ich so beantworten werde, wie ich es für richtig befinde. Und ich warne Sie gleich heute, Rao! Sollten. Sie Ihre Berichte in irgendeiner Weise färben, werfe ich Ihnen so viele Knüppel zwischen die Beine, daß Sie sich unweigerlich das Genick brechen werden.«

Gigi Rao berührten die Drohungen Corras in keiner Weise. Er hatte keinen Charakter, deshalb konnte man ihn auch nicht beleidigen.

Er lächelte unverfroren.

»Sie sind bekannt dafür, daß Sie über beste Beziehungen verfügen, Kommissar Corra.«

»Ein Mann wie Sie kann sicherlich nicht verstehen; daß es jemanden gibt, der Freunde hat«, erwiderte Saro Corra schneidend.

Raos penetrantes Grinsen wurde noch breiter, noch herausfordernder. »Ich schätze Ihre Offenheit, Kommissar Corra.«

»Das ist mir egal.«

»Okay. Ich werde versuchen, mit Ihnen auszukommen, Signore Kommissar. Es wird nicht leicht sein. Aber ich werde es versuchen. Ich werde sachliche, nüchterne Fragen stellen. Wie Sie es wünschen. Wer war die Tote?«

»Wir wissen es noch nicht«, knurrte Corra.

»Was sagen Sie zu den seltsamen Verletzungen?«

»Es sind Verletzungen. Sie sind nicht seltsam.«

»Wohin wird die Leiche gebracht?«

»Ins Leichenschauhaus. Was soll die Frage?«

»Wird man sie obduzieren?«

»Natürlich.«

»Werden Sie mir dann mehr sagen können, Signore Kommissar?«

»Vielleicht«, erwiderte Corra ausweichend.

»Es war fast kein Blut mehr in der Leiche«, sagte Gigi Rao lauernd.

Corra starrte ihm wütend in die Augen. »Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Rao! Und ich sage Ihnen auch gleich meine Meinung dazu: Es ist Unsinn!«

Gigi Rao lächelte versöhnlich. »Ich denke an die drei Mädchen vom vorigen Sommer, Kommissar.«

»Und?«

»Sie hatten genau die gleichen Verletzungen. Kommissar Trotta war es nicht gegönnt, ihren Mörder zu fassen. Das hat ihn selbstverständlich schwer getroffen. Man sagte...«

»Ich kenne das blöde Gerede!« schnitt Saro Corra dem Reporter das Wort ab. Er blickte Rao eiskalt in die unsteten Augen und zischte gefährlich: »Sie werden diesen verrückten Unsinn mit keiner Silbe erwähnen, verstanden? Sonst...«

Rao lachte meckernd. »Sie halten wohl nicht viel von Pressefreiheit, Signore Kommissar?«

»Ich halte nichts davon, daß ein berechnender Schmierfink wie Sie die Bevölkerung verrückt macht!«

Rao hob grinsend die Schultern. »Ich glaube, für heute haben Sie mich oft genug beleidigt, Corra.«

»Keine Zeile über die Krake, verstanden?« sagte der Kommissar mit zusammengekniffenen Augen. »Es ist mit nichts bewiesen...«

Gigi Rao trat einen Schritt näher. Er holte seine Zigaretten heraus und zündete sich ein Stäbchen an. Dann lächelte er tückisch.

»Mir können Sie nichts vormachen, Kommissar Corra. Soll ich Ihnen verraten, wie ich über die Sache denke? Sie haben Angst. Sie wissen so genau wie ich, daß dieses bedauernswerte Mädchen ein Opfer der Krake wurde. Aber Sie wollen sich Ihre Angst nicht eingestehen. Insgeheim befürchten Sie nämlich, daß Sie an diesem rätselhaften Mord genauso scheitern könnten wie Jaco Trotta. Ich werde Ihnen den Gefallen tun. Sie sollen Ihre Chance haben. Ich werde nichts über die Krake schreiben. Nicht aus Angst vor Ihnen und Ihren einflußreichen Freunden. Sie alle können einen Gigi Rao nicht abschrecken. Ich werde diesen Mordfall im Auge behalten. Und wen irgendwann in diesem Sommer wieder eine Mädchenleiche an Land gespült werden sollte, die diese seltsamen Verletzungen aufweist, werden auch Sie und Ihre guten Beziehungen mich nicht davon abhalten können, der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen!«

***

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LANGSAM GLITT DIE BAHRE aus der Kühlbox des Leichenschauhauses.

Kommissar Corra nickte dem kleinen Beamten kurz zu. Der Mann im weißen Mantel griff nach dem Laken, das über die Leiche gebreitet war, und schlug es bis unter die Brüste der Toten zurück.

»Ist sie das Signorina Larsen?« fragte der Kommissar mit gedämpfter Stimme.

Marion Larsen stand zitternd neben Paul Berger, ihrem Verlobten.

Sie starrte mit flatternden Augen, auf das bleiche Gesicht ihrer toten Schwester.

Plötzlich zuckte sie herum und warf sich schluchzend gegen Bergers Brust, wo sie ihr Gesicht verbarg.

Paul legte seinen Arm um die zuckenden Schultern seiner Verlobten. Er drückte das Mädchen fest an sich, um ihr jene Geborgenheit zu vermitteln, die sie im Augenblick, so dringend brauchte.

Paul blickte scheu auf die Leiche. Lisas hübsches Gesicht war selbst im Tod noch von grenzenlosem Entsetzen gezeichnet. Sie mußte etwas Fürchterliches erlebt haben.

Paul fragte sich, was es gewesen war.

»Ist sie das?« fragte Kommissar Corra noch einmal.

»Ja«, kam es zitternd aus Marions Mund, während sie ihr Schluchzen zu unterdrücken versuchte. »Ja, Kommissar. Es ist meine Schwester Lisa.«

Corras Blick wanderte zu Paul. Berger nickte. »Sie ist es, Kommissar.«

»Vielen Dank«, sagte der Polizeibeamte. Er nickte dem Beamten im weißen Mantel wieder zu.

Der Mann zog das Laken nach oben und schob die Tote in die Kühlbox zurück. »Es ist besser, wir gehen«, sagte Corra.

Paul Berger drehte seine Verlobte an den Schultern um und führte sie aus dem Saal, in dem ihre Schritte laut widerhallten.

»Ich muß Sie leider bitten, noch mit mir in mein Büro zu kommen«, sagte der Kommissar. »Der Papierkrieg«, fügte er entschuldigend hinzu. »Er ist wohl auf der ganzen Welt gleich.«

Sie traten auf die sonnenüberflutete Straße. Die Hitze flimmerte über den Häusern.

Corra öffnete die Türen des grünen Dienstwagens. Marion setzte sich mechanisch in den Fond. Paul setzte, sich zu ihr.

Marion war im Moment nicht ansprechbar. Sie starrte mit einer Miene aus Entsetzen und Bestürzung vor sich hin und schien ihre Umgebung nicht wahrzunehmen.

Paul schwieg. Es war ein großer Schock für sie gewesen, die Schwester im Leichenschauhaus wiederzufinden. Sie brauchte einige Zeit, um damit fertig zu werden.

Corra fuhr zum Polizeigebäude zurück.

Sie begaben sich in Corras Büro.

Marion setzte sich kreidebleich auf einen Stuhl. Paul nahm neben ihr Platz.

Corra hob entschuldigend die Schultern. »Tut mir aufrichtig leid, daß ich Ihnen diesen Anblick nicht ersparen konnte, Signorina Larsen.«

Marion hörte ihn kaum. Sie nickte geistesabwesend.

»Ist Ihnen nicht gut, Signorina Larsen?« erkundigte sich Saro Corra besorgt.

»Es geht«, sagte Marion gequält.

»Möchten Sie vielleicht einen Kognak haben?«

»Vielen Dank, nein«, flüsterte das Mädchen mit bebenden Lippen. »Ich möchte nichts trinken.«

»Wie Sie wollen, Signorina.« Corra schaute Paul an. »Darf ich Ihnen vielleicht einen Kognak anbieten, Signore Berger?«

Auch Paul lehnte dankend ab.

Er war groß, muskulös und schlank. Sein Gesicht hatte einen jungenhaften Ausdruck. Die Augen waren stahlblau. Sein Haar war strohblond.

»Ich schlage vor, wir bringen die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter uns, Kommissar«, meinte Paul. »Marion braucht dringend zwei Schlaftabletten. Und dann muß sie unbedingt ins Bett.«

Corra nickte. »Das ist sicher das beste für sie. Sie und Signorina Larsen sind verlobt?«

»Ja«, antwortete Paul Berger.

»Sie machen Urlaub in Sorrent?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Sechs Wochen.«

»Wie lange sind Sie schon hier?«

»Eine Woche. Ursprünglich wollten wir zu viert Urlaub machen. Aber Lisa hatte kurz vor unserer Abreise Krach mit Ihrem Freund.«

»Das, kann schon mal vorkommen«, nickte Saro Corra verständnisvoll. »Sie wohnen in der Villa Regina, nicht wahr?«

»Ja.«

»Allein?«

»Ja.«

»Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind, Signore Berger?«

»Ich bin Architekt.«

Corra lächelte. »Ach, deshalb die sechs Wochen Urlaub.«

Corra nahm Marions Personalien auf. Er stellte seine Fragen behutsam. Wenn Marion nicht antwortete, tat Paul es für sie.

Nachdem Corra mit seinen Notizen fertig war, legte er den Kugelschreiber weg und lehnte sich zurück. Er verschränkte die Finger und fragte: »Wie war das nun mit Lisa?«

»Sie hat jemanden kennengelernt«, erzählte Marion mit heiserer Stimme. »Lisa war ein... Mädchen, das sich nicht leicht für etwas begeistern konnte. Es dauerte immer eine Weile, bis sie entflammte. Diesmal schien es sie aber wie ein Keulenschlag getroffen zu haben. Sie war vollkommen verändert, wie ausgewechselt. Ich kannte sie kaum wieder. Ich habe sie vor so einer flüchtigen Urlaubsbekanntschaft gewarnt. Sie hörte nicht auf mich. Der Mann, den sie kennengelernt hatte, mußte ungemein attraktiv sein und über eine unglaubliche Ausstrahlung verfügen.«

»Hat sie keinen Namen genannt?« fragte der Kommissar interessiert. »Ich nehme an, daß sie seinen Namen gar nicht kannte.«

»Sie sagte nur, er sei ein echter Graf«, fügte Paul hinzu.

Marion nickte. »Er hat sie auf seine Jacht eingeladen. Sie ging am frühen Abend aus dem Haus und kam nicht wieder. Wir haben zwei Tage gewartet. Dann wandten wir uns an die Polizei.«

»Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, Signorina Larsen, aber Sie hätten schon früher zu uns kommen sollen:«

»Wer denkt denn an so etwas Schreckliches?« erwiderte Marion verzweifelt. »Wir dachten, der Graf hätte mit Lisa eine Kreuzfahrt gemacht.«

Paul leckte sich über die trockenen Lippen. »Gestatten Sie mir eine Frage, Kommissar Corra.«

»Selbstverständlich, Signore Berger.«

»Was sind das für seltsame Verletzungen, die Lisas Körper aufweist?«

Corra senkte schnell den Blick.

»Wissen Sie, was diese Verletzungen hervorgerufen hat?« fragte Paul.

»In diesem Punkt tappt unser Arzt noch im dunkeln«, erwiderte Saro Corra ausweichend. »Ich habe den Eindruck, daß es sich bei dem Mörder um einen Verrückten handelt, der irgendein neuartiges Mordinstrument erfunden hat. Sie haben ja keine Ahnung, was so einem kranken Verbrecherhirn alles entspringen kann.«

Saro Corra erhob sich seufzend.

Damit war das Gespräch beendet.

Er reichte Marion Larsen und ihrem Verlobten die Hand.

»Werden Sie vorläufig noch in Sorrent bleiben?« erkundigte er sich bei den beiden.

»Ja«, nickte Paul Berger.

»Wenn ich noch irgendwelche Fragen haben sollte...«

»Sie treffen uns jederzeit in der Villa an, Kommissar. Und Sie sind immer willkommen.«

Corra deutete eine leichte Verbeugung an.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Kommissar«, sagte Paul.

»Signorina Larsen«, sagte Corra und blickte Marion ernst in die traurigen Augen. »Ich möchte noch einmal betonen, daß es mir aufrichtig leid tut, was Ihrer armen Schwester zugestoßen ist.«

Marion nickte dankbar.

Sie hakte sich bei Paul ein. Dann gingen sie.

***

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EINSAM UND VERWAIST lag das Leichenschauhaus zu dieser Stunde da. Ein Gebäude, dessen Nähe man mied, wenn man nicht gezwungen war, hinzugehen. In dem Saal, in dem, die zahlreichen Kühlboxen untergebracht waren, war es totenstill.

Es roch nach Karbol und anderen Desinfektionsmitteln. Eine unnatürliche Kälte lastete in diesem Raum.

Der Saal war leer. Keine Menschenseele war zu sehen.

Und doch war ein seltsames Geräusch zu hören. Ein Ächzen und Stöhnen. Ganz leise, aber doch wahrnehmbar.

Es hatte den Anschein, als wäre eine der hier untergebrachten Leichen zu neuem Leben erwacht. Schaurig geisterte das Ächzen und Stöhnen durch die kühle Stille.

Und plötzlich begann sich eine der in den Kühlboxen steckenden Bahren zu bewegen.

Zentimeter um Zentimeter rollte sie auf den Kugellagerrädern heraus. Wie von Geisterhand gezogen.

Es war Lisa Larsens Bahre. Schlagartig wurde es im Saal kälter.

Noch lag die Tote reglos auf der Bahre. Aber nun war ihr schauriges Ächzen und Stöhnen ganz deutlich zu vernehmen.

Ihre Hand rutschte unter dem Laken hervor. Sie war weiß wie Schnee. Ohne Blut in den Adern. Von diesen schrecklichen Verletzungen entstellt. Der Arm der Toten baumelte kraftlos hin und her. Dann hing er schlaff und bewegungslos herab.

Die Finger begannen zu zucken: Ganz langsam. Dann schneller, heftiger. Man konnte die angespannten Sehnen deutlich sehen. Immer mehr Kraft schien in diesen toten Arm zu fließen.

Mit einemmal war der Arm nicht mehr schlaff. Die Tote konnte ihn heben.

Langsam und vorsichtig schwebte Lisas Hand zum Kopf. Die weißen Finger faßten nach dem Laken, und plötzlich riß sie es sich mit einer schnellen Bewegung vom Körper.

Das Laken flatterte auf den glänzenden Steinboden.

Lisa starrte mit kalten Augen zur Decke. Ihr weißes Gesicht hatte einen grausamen Ausdruck angenommen. Das Entsetzen, das Paul Berger in diesem toten Gesicht gesehen hatte, war verschwunden.

Allmählich kam Leben in die kalten Augen des Mädchens.

Sie bewegte den Kopf und blickte nach links und rechts.

Als sie merkte, daß sie allein war, richtete sie sich blitzschnell auf.

Daß sie vollkommen nackt war, schien sie nicht zu stören. Sie schien es gar nicht zu wissen. Ihr Mund formte sich zu einem grausamen Lächeln. Sie mußte etwas Furchtbares vorhaben.

Das war nicht mehr das hübsche Mädchen. Mit ihr war eine erschreckende, eine unerklärliche Wandlung vorgegangen.

Sie war eine Tochter des Teufels geworden. Und sie hatte nun einen Auftrag zu erfüllen.

Lautlos glitt sie von der Bahre. Ihre nackten Füße berührten den glatten Boden. Sie schob die Bahre in die Box zurück und ging mit raschen Schritten durch den Saal.

An der breiten Schwingtür blieb sie stehen.

Sie drückte die Tür vorsichtig auf und sah sich in dem dahinter liegenden Korridor mit diabolisch funkelnden Augen um.

Lisa huschte durch die Tür und den stillen Korridor entlang.

Sie hörte ein Geräusch, und wieder erschien dieses schreckliche Lächeln in ihrem Gesicht.

Am Ende des Korridors befand sich das Büro jenes Mannes, der hier im Leichenschauhaus seinen keineswegs schweren Dienst versah, um den ihn jedoch die Menschen trotzdem nicht beneideten.

Lisa schlich knapp an der Wand entlang.

Ziel des nackten Mädchens war das Büro jenes Mannes.

Ihre Brust hob und senkte sich aufgeregt: Sie konnte es kaum noch erwarten, das Büro ihres Opfers zu betreten.

Drei Meter trennten Lisa noch von der offenstehenden Tür.

Zwei Meter! Ein Meter!

Dann stand Lisa mit eiskalt funkelnden, mordlüsternen Augen in der Tür.

Der Mann bemerkte sie nicht. Er saß an einem Schreibtisch und hatte der Tür den Rücken zugekehrt.

Lisa setzte einen nackten Fuß vor den anderen. Sie starrte mordgierig auf den Hinterkopf des Mannes im weißen Arbeitsmantel.

Der Beamte holte eben eine Schnapsflasche aus der Schreibtischlade; er verzichtete auf ein Glas, schraubte den Verschluß ab und trank gleich aus der Flasche.

»Aaah!« machte der Mann und schmatzte zufrieden. Er wischte sich mit dem Handrücken über den feuchten Mund, schraubte den Verschluß wieder auf die Flasche und ließ sie im Schreibtisch verschwinden.

Dann widmete er sich wieder den Sportberichten der Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag. Es gab noch einen zweiten Schreibtisch in diesem Raum. Darauf stand ein graues Telefon.

Lisa Larsen näherte sich diesem Tisch mit behutsamen Schritten, während sie ihr Opfer nicht aus den Augen ließ.

Während der Mann über ein Fußballergebnis den Kopf schüttelte, griff Lisa vorsichtig nach dem Telefonkabel.

Sie hob es mit ihren weißen Händen hoch und spannte es. Dann passierte es.

Lisas Arme schnellten vor. Sie warf dem Mann das Kabel über den Kopf und zog es im gleichen Augenblick blitzschnell zusammen.

Der Mann zuckte entsetzt vom Stuhl hoch. Seine Hände fuhren an die abgeschnürte Kehle. Er versuchte verzweifelt, die Finger unter das Kabel zu schieben.

Lisa Larsen hatte unglaubliche Kräfte. Weit mehr als zu Lebzeiten.

Sie tötete den Mann beinahe mit spielerischer Leichtigkeit. Sie preßte sich an ihn und zerrte keuchend an dem Kabel.

Die Bewegungen des Mannes wurden fahrig. Seine Arme wirbelten haltsuchend durch die Luft, sanken jedoch schon sehr bald kraftlos herunter.

Seine Knie knickten ein.

Die Beine versagten ihren Dienst. Er kippte zur Seite.

Lisas Augen glühten vor Begeisterung.

Sie leckte sich gierig über die Lippen. Noch war nicht beendet, was sie sich vorgenommen hatte.

Ihr Leben in der Verdammnis quälte sie mit einem furchtbaren Hunger. Sie lechzte nach dem Zentrum jedes menschlichen Körpers. Nach dem Motor jedes Lebens. Nach dem Herzen.

Sie wollte das Herz dieses Mannes haben. Sie brauche es, um in ihrem schrecklichen, zweiten Leben nicht elend zugrunde gehen zu müssen.

Bekam sie es nicht, würde sie einen qualvollen Tod zu erleiden haben.

Sie wußte das.

Ihr Blick irrlichterte durch den Raum. Zu ihren Füßen lag die noch warme Leiche.

Sie riß keuchend mehrere Schreibtischladen auf und fand ein Messer...

***

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»STÖR’ ICH?« FRAGTE der pensionierte Kommissar Jaco Trotta seinen Nachfolger. Er stand in der Tür von Saro Corras Büro und lächelte verschmitzt.

Corra lächelte müde zurück. »Sie stören niemals, Signore Trotta. Kommen Sie herein.«

Jaco Trotta war ein im Polizeidienst ergrauter Mann mit listigen Augen, eingefallenen Wangen und einem leicht verkniffenen Mund.

Er trug einen alten Sommeranzug und einen leichten Strohhut in der Hand.

Lächelnd zuckte er die Achseln. »Ich hatte zufällig in der Nähe zu tun – und da dachte ich, ich sehe gleich mal nach Ihnen.«

»Sehr nett, Signore Trotta.«

Der Altkommissar ließ sich ächzend auf den Besuchersessel fallen.

»Ich wollte mir eine Angelausrüstung kaufen. Was soll man denn als Pensionär den ganzen lieben langen Tag machen.« Er lachte und wies auf Corra. »Sie machen sich gut an meinem – äh – an Ihrem Schreibtisch, Kommissar. Nur Ihre Augen, die gefallen mir nicht. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel. Sie sehen müde aus, Corra.«

»Ich bin müde.«

»Sie haben Kummer, nicht wahr?«

»Ja.«

»Wegen dieses toten Mädchens, oder?«

Corra nickte. »Ich habe mit Ihrem Besuch gerechnet, Trotta. Sie hatten nicht zufällig in der Nähe zu tun. Sie wollten ausschließlich zu mir.«

Der alte Jaco Trotta lachte verhalten. »Ich gebe zu, Sie haben mich durchschaut. Hoffentlich verzeihen Sie einem alten Mann seine Schwäche...«

»Machen Sie mir nichts vor, Trotta. Sie sind immer noch der schlauste Fuchs, den ich kenne. Ich nehme an, Sie wissen, was mit diesem Mädchen los ist.«

»Ja. Ich weiß Bescheid.«

»Von wem?« fragte Corra ärgerlich. »Ich habe Anweisung gegeben, daß nichts davon an die Öffentlichkeit dringen darf.«

»Sie wollen verhindern, daß die Leute hysterisch werden«, nickte Trotta verständnisvoll.

»Können Sie mir einen Grund nennen, weshalb ich die Sache an die große Glocke hängen sollte? Zur Zeit wimmelt es in Sorrent von Touristen. Ich will nicht schuld daran sein, daß sie alle Hals über Kopf abreisen.«

»Sie werden nicht verhindern können, daß es publik wird, Corra.«

Saro Corra schaute den alten Fuchs durchdringend an.

»Wer hat Sie informiert, Signore Trotta?«

Der Alte lächelte. »Es war ganz bestimmt keiner von Ihren Leuten.«

»Dann weiß ich, wer Sie eingeweiht hat«, sagte Corra zähneknirschend. »Gigi Rao! Ich breche ihm sämtliche Knochen im Leib...«

»Warum stört es Sie, daß ich weiß, wem dieses deutsche Mädchen zum Opfer gefallen ist? Vor ein paar Tagen wäre es noch mein Fall gewesen.«

Corra schüttelte ärgerlich den Kopf. »Es stört mich nicht im geringsten, daß Sie Bescheid wissen. Aber Rao wird auch anderen Leuten gegenüber den Mund aufmachen.«

»Das ist zu erwarten«, mußte der alte Mann zugeben.

Corra beruhigte sich nach und nach wieder. Er erzählte Jaco Trotta von seinen Maßnahmen, von seinen Ermittlungen, von seinen Befürchtungen.

»Erinnern Sie sich noch an die drei Mädchen vom vorigen Sommer, Kommissar Corra?« fragte Trotta, als sein Nachfolger geendet hatte.

Corra nickte.

»Alle drei waren eindeutig Opfer der Krake«, sagte Trotta. »Erinnern Sie sich daran, was mit ihren Leichen passiert ist?«

»Sie wurden aus dem Leichenschauhaus gestohlen«, sagte Saro Corra nachdenklich.

»Das steht im offizielles Bericht«, erwiderte Jaco Trotta. »Ich aber sage Ihnen, daß diese Mädchen das Leichenschauhaus auf ihren eigenen Beinen verlassen haben. Ich weiß, daß das verrückt klingt, Corra. Aber ein alter Mann wie ich kann es sich leisten, wirres Zeug zu reden. Erinnern Sie sich bitte weiter, Kommissar Corra. Jedesmal, wenn eine solche Mädchenleiche verschwunden war, haben wir in den Tagen danach Tote gefunden, denen das Herz aus dem Leib gerissen worden war. Ein verrückter alter Mann sagt Ihnen, daß diese grausamen Morde auf das Konto dieser Mädchen gehen.«

Corra lachte nervös, obgleich ihm nicht zum Lachen zumute war.

»Wenn man Ihnen zuhört, kriegt man entweder die Gänsehaut, oder man kommt zu der Erkenntnis, daß Sie tatsächlich verrückt sind, Signore Trotta.« Der Alte kniff die Augen zusammen.

»Würden Sie mir einen Gefallen tun, Kommissar Corra?«

»Welchen?«

»Rufen Sie im Leichenschauhaus an.«

»Weshalb?«

»Der Beamte soll nach Lisa Larsen sehen.«

Saro Corra schüttelte energisch den Kopf. »Ich denke nicht daran. Ich mache mich doch nicht lächerlich.«

»Bitte«, sagte Trotta ernst. »Oder können Sie es verantworten, daß ein verstoßener Polizist, der wegen seiner verrückten Ideen in Ungnade gefallen ist, heute nacht keinen Schlaf findet?«

Saro Corra lachte gequält. »Madonna mia. Können Sie hartnäckig sein.«

Er hob ab und wählte die Nummer des Leichenschauhauses.

Es meldete sich niemand.

Corra wurde unruhig. Er sah Jaco Trotta mit besorgter Miene an und schüttelte den Kopf.

»Wir sollten hinfahren«, sagte der alte Mann eindringlich. »Es braucht ja niemand zu wissen, weshalb auch.«

Sie verließen schnell das Büro des jungen Kommissars.

Trotta setzte sich zu Corra in den Dienstwagen. Sie fuhren aus dem Innenhof des Gebäudes und, waren zehn Minuten später beim Leichenschauhaus.

Saro Corra blickte den Exkommissar verstohlen an. Der alte Bursche hatte ihn mit seiner Geisterseherei richtiggehend angesteckt.

Corra drückte auf den Klingelknopf. Niemand kam, um zu öffnen.

»Wir können auch so hinein«, sagte Trotta und wies auf den kleinen Spalt. Die Tür war nicht ins Schloß gefallen.

Corra wischte sich nervös über den Mund. Unter seiner Nase war ein glänzender Schweißfilm zu sehen.

»Sie sollten lieber hier draußen auf mich warten, Trotta.«

»Ich komme mit«, erwiderte Jaco Trotta entschlossen.

Corra drückte die Tür auf.

Ein seltsames Gefühl beschlich ihn. Sie gingen nebeneinander den langen Korridor entlang.

Als sie das Büro des Beamten betraten, bot sich ihnen ein grauenhaftes Bild.

Der Mann war vollkommen nackt. Der Boden war voll Blut.

Corra bückte sich kurz.

Als Saro Corra sich benommen wieder aufrichtete, war sein Gesicht so fahl wie eine Kalkwand.

»Dio mio!« stöhnte der hochgewachsene Mann. »Mein Gott!«

»Beginnen Sie jetzt endlich zu begreifen, Kommissar Corra?« fragte Jaco Trotta mit versteinerter Miene.

***

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LISA LARSEN WÄHLTE für ihre Flucht menschenleere Seitenstraßen.

Sie fühlte sich in den Kleidern des Mannes nicht wohl. Sie wußte, daß sie neue Kleider brauchte, um nicht aufzufallen.

Aus diesem Grund lenkte sie ihre Schritte zu einer kleinen, versteckten Boutique, die etwas abseits vom Fremdenverkehrstrubel lag.

Ein Glöckchen schlug an, als Lisa die Boutiquetür öffnete.

Sie starrte das Glöckchen feindselig an.

Ein Perlenvorhang rasselte. Lisa erschrak und blickte in diese Richtung.

Eine rundliche Verkäuferin kam aus dem Nebenraum.

»Buona Sera, Signorina.«

Lisa erwiderte nichts.

Die Verkäuferin wunderte sich über die komische Aufmachung des Mädchens. Verrückt, diese Touristen, dachte sie bei sich.

Lisa wandte sich um und schloß die Ladentür ab. Die Verkäuferin erschrak.

»Was machen Sie da?« fragte die Italienerin auf Deutsch. Sie vermutete, daß dieses blonde Mädchen Deutsch verstand.

Lisa sagte immer noch nichts.

Als sie sich nun erneut der Verkäuferin zuwandte, hatte ihr Gesicht wieder jenen grausamen Ausdruck. Aus ihren Augen sprühte Mordlust.

Ihre Hand glitt in die Hosentasche. Sie holte ein Messer hervor.

Nun erkannte die Verkäuferin die drohende Gefahr. Ihre Augen weiteten sich in grenzenlosem Schrecken. Sie wandte sich schreiend um und fetzte den Perlenvorhang zur Seite. Sie stürmte in die dahinter liegende Werkstatt, wollte das Geschäft fluchtartig verlassen.

Doch Lisas furchtbarer Trieb verlangte bereits wieder nach neuer Befriedigung. Lisa spürte eine unbezähmbare Gier nach dem Herzen dieses Mädchens. Sie hetzte mit schnellen Schritten hinter dem Mädchen her. Die Verkäuferin erreichte den Hinterausgang der Boutique.

Doch bevor sie die Tür aufreißen konnte, war Lisa bei ihr und hinderte sie daran, indem sie nach dem Arm des Mädchens faßte und sie brutal von der Tür wegriß.

Die Verkäuferin taumelte durch den kleinen Raum. Sie kreischte ohrenbetäubend. Ihre Augen starrten entsetzt auf das bleiche Gesicht dieser grausamen, gnadenlosen Mörderin.

Lisa ließ ein wütendes Fauchen hören. Sie sprang auf das Mädchen zu.

In ihrer Angst wußte sich die Verkäuferin nicht anders zu helfen, als Lisa die Schneiderpuppen, die hier herumstanden, in den Weg zu werfen.

Lisa verlor das Messer.

Sie ballte die Fäuste und schlug auf das um Hilfe schreiende Mädchen ein.

Die Verkäuferin stolperte über die umgeworfenen Puppen und fiel. Lisa wer bereits über ihr.

Das Mädchen warf sich zur Seite. Lisa packte sie an der Kehle und begann sie wütend zu würgen.

Sie wollte endlich ihren Hunger stillen.

Irgendwie schaffte es das verzweifelte Mädchen aber doch noch, sich von Lisas eiskaltem Würgegriff zu befreien.

Sie raffte sich auf und floh durch die Werkstatt zum Fenster. Sie riß das Fenster auf und schrie gellend um Hilfe.

Lisas Blick fiel auf einen handlichen Hammer. Ihre Finger schlossen sich blitzschnell um den Griff. Mit vier Schritten war sie hinter dem schreienden Mädchen.

Der Hammer sauste durch die Luft.

Die Verkäuferin brach wie vom Blitz getroffen zusammen.

Lisa begann zu kichern. Sie hatte es geschafft. Sie hatte gewußt, daß sie es schaffen würde. Sie würde es immer wieder schaffen. Die Menschen waren schwächer als sie. Sie waren ihr unterlegen. Alle. Sie konnte sich aussuchen, wen sie wollte.

Ihr fiebernder Blick suchte das Messer, das sie zuvor verloren hatte.

Als sie es entdeckte, nahm sie es hastig an sich.

Sie kniete neben dem reglosen Körper ihres zweiten Opfers nieder.

Sie hob langsam das Messer, um kraftvoll zuzustechen.

In diesem Moment rüttelte vorn jemand an der abgeschlossenen Ladentür.

Lisa Larsen fuhr mit einem wütenden Fauchlaut hoch. Sie wollte jetzt nicht gestört werden: Sie wollte ihr grauenvolles Werk in Ruhe beenden.

Zornig lief sie zum Perlenvorhang.

Ein junger Mann stand an der Tür. Er klopfte aufgeregt gegen das Glas. Er starrte immer wieder nervös in die Boutique herein.

Lisa überlegte, ob sie ihn einlassen sollte. Dann hätte sie zwei Herzen.

Der junge Mann rüttelte ungeduldig an der Tür.

Er mußte die Verkäuferin um Hilfe schreien gehört haben. Nun wollte er helfen.

Lisa wandte sich um und starrte feindselig auf das Mädchen. Sie war nicht tot. Nur bewußtlos. Lisa sah das Pochen der Halsschlagader und war verzückt.

Langsam wandte sie sich um und näherte sich wieder ihrem wehrlosen Opfer.

Sie wollte mit dem Messer zustechen, doch der Mann an der Tür machte einen solchen Lärm, daß Lisa nervös wurde.

Wütend richtete sie sich wieder auf.

Sie wollte sich ein anderes Opfer suchen. Gleich hier in der Nähe.

Sie blickte an sich herab. Mit den Männerkleidern wollte sie nicht weiter herumlaufen.

Sie ging zu einem Kleiderständer, wählte ein Kleid in ihrer Größe aus, zog die Männersachen aus und schlüpfte in die neue Garderobe.

An der Tür stand immer noch der Mann.

Lisa kletterte aus dem offenstehenden Fenster und lief die Straße entlang, ohne daß sich jemand um sie kümmerte.

Sie lief zum Hafen.

Lebhaftes Treiben umbrandete sie hier. Touristen mit Fotoapparaten um den Hals, mit lachenden Urlaubsgesichtern. Unbeschwert. Heiter.

Manchmal sah sie der eine oder andere etwas länger an, als ihr lieb sein konnte.

Sie wandte sich dann immer rasch ab. Sie wußte, daß sie auffallen mußte. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide. Und der Hunger nach einem neuen Opfer lag so offensichtlich in ihren Augen, daß sie befürchtete, erkannt zu werden.

Sie lief von der Anlegestelle des Tragflächenbootes, das die Touristen nach Capri brachte, zurück zu den wartenden Taxis.

Als sie den jungen, lachenden Taxifahrer sah, der mit seinem Fahrzeug an der Spitze der Wagenschlange stand, wußte sie, daß sie ein Opfer gefunden hatte.

Sie ging auf ihn zu.

Er musterte sie mit wachem Interesse.

Als er jedoch ihre ungesunde Gesichtsfarbe bemerkte, wandte er sich gleichgültig ab. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Er schwang sich hinter das Lenkrad. »Wohin?« fragte er ohne sie anzusehen.

»Villa Regina«, sagte sie, wobei sie bemüht war; ihn ihre Gier, die in ihrer Stimme mitschwang, nicht merken zu lassen.

»Villa Regina«, nickte er und fuhr los.

Lisa war aufgeregt. Sie starrte den jungen Mann von der Seite an. Er dachte wohl, er würde ihr gefallen. Er sah gut aus. Doch das interessierte sie nicht. Sein Aussehen war von zweitrangiger Bedeutung.

Wichtig war für Lisa nur eines: daß er ein Herz hatte.

Und das hatte er wie jeder Mensch.

Sie wollte es sich holen. Sehr bald schon.

Vorsichtig schob sie ihre Hand unter das Kleid. Sie schob den Saum des Kleides ein Stück nach oben. Sie hatte im Slip das Messer versteckt.

Er interessierte sich so wenig für sie, daß es ihr nicht schwerfiel, das Messer aufzuklappen, ohne daß er es merkte.

In ihrer Brust brannte die Gier, die sie schon fast nicht mehr bezähmen konnte.

Sie mußte noch ein bißchen warten. Nur noch wenige hundert Meter, dann lag Sorrent hinter ihnen. Dann fuhren sie die Küstenstraße hoch.

Dort sollte es passieren.

Ungeduldig biß sie sich auf die blassen Lippen. Die Hand, die das Messer hielt, zitterte vor Aufregung.

Eine Verkehrsstauung.

Der Fahrer hupte und schimpfte zum Seitenfenster hinaus.

Dabei traten ihm die Adern weit aus dem Hals. Herrliche Adern. Gefüllt mit frischem Blut.

Lisa Larsen lechzte danach.

Endlich fuhren sie weiter. Sie verließen Sorrent. Die Häuser der Stadt blieben zurück.

Nun konnte sich Lisa nicht mehr länger beherrschen. Ihre Hand schnellte zum Hals des jungen Mannes. Sie setzte ihm das Messer an die Halsschlagader.

Zusammenfassung

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914528
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller monster sorrent

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #12: Das Monster von Sorrent