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Top Grusel Thriller #11: Der Wolfsmensch

2017 120 Seiten

Leseprobe

Top Grusel Thriller #11 - Der Wolfsmensch

Horst Friedrichs

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Horst Friedrichs: Der Wolfsmensch

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Wolfsmensch

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Schneidender Herbstwind fegte über das Hochland, jagte düstere Wolken über Hügel und Wälder. Blasse Lichtstreifen durchbrachen für Momente das graue Zwielicht, wenn die Wolkendecke aufriß.

Der Wind zerrte an den Baumwollkopftüchern der Frauen, drang vor bis unter ihre schweren grauen Röcke und die wattierten Jacken. Als scharf umrissene Silhouetten zeichneten sich die schwarzen Uniformen der Gefängnisaufseher von Raluch Manor über dem Acker ab. Vor ihnen war die lange Reihe der Frauen, die in den Furchen kauerten, Kartoffeln ausgruben und sie in geflochtene Körbe warfen.

Miriam Imlach wandte kaum merklich den Kopf. Vorsichtig sah sie sich um, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Die Gelegenheit schien günstig, denn die Aufseher standen gut fünfzig Schritte entfernt.

Der Feldrand war unmittelbar vor ihr. Gleich dahinter der tiefe Graben, in dem dunkles, mooriges Wasser gluckste.

Miriam zögerte nicht mehr.

Blitzschnell warf sie sich nach vorn und ließ sich fallen. Sie rutschte die feuchte grasbewachsene Böschung hinunter. Das Wasser griff nach ihr., zerrte an ihrer Kleidung. Eisige Kälte traf sie wie ein Schock. Sie biß die Zähne zusammen und schwamm. Die Strömung half ihr, voranzukommen.

Sekunden später war Halbdunkel über ihr.

Die Brücke.

Miriam atmete auf, hielt sich an einer glitschigen Bohle fest.

Erst jetzt hörte sie laute Rufe, Befehle, die von heiseren Männerstimmen gebrüllt wurden.

Sie wußte, daß sie keine Sekunde vergeuden durfte, wenn ihre Flucht glücken sollte.

In diesem Moment scholl ein langgezogenes schauriges Heulen über das Hochland. Es ließ selbst die rauhen Stimmen der Aufseher verstummen.

Miriam erstarrte. Das Blut gefror ihr in den Adern.

Es hatte wie das Heulen eines Wolfes geklungen. Und doch anders...

***

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»SAMMELN!« BRÜLLTE John Inverness. Seine Stimme übertönte das Heulen, das jetzt verstummte. »Beeilt euch, Männer, hierher!«

Der untersetzte, bullig wirkende Beamte stand breitbeinig am Rand des Feldes. Sein Gesicht lag im Schatten der schwarzen Schirmmütze. Nur seine stechenden Augen waren zu erkennen. Augen, die mit gebieterischer Strenge über die Szenerie glitten, alles erfaßten, nichts übersahen.

Und doch war er einen Moment unaufmerksam gewesen. Aber ihm war deshalb keine Wut anzusehen.

Die Männer kamen herangelaufen. Nur zwei von ihnen blieben zurück, hielten die übrigen Frauen in Schach. Keine wagte es, sich zu rühren. Alle zwölf hockten sie noch in den Ackerfurchen, die Köpfe gesenkt, die Weidenkörbe mit den Kartoffeln neben sich.

Miriam Imlach war die dreizehnte gewesen. Fast glaubte Inverness daran, daß dies der Grund war. Aber noch hatte sie es nicht geschafft. Und es würde ihr auch nicht gelingen.

Keine war ihm jemals entkommen. Viele hatten es versucht. Alle waren sie in ihr eigenes Verderben gerannt.

Aber diese Frau... Sie war gerissener als alle bisherigen. Sie war intelligent, hatte sich unterwürfig und zahm gezeigt und ihn dadurch getäuscht.

Die Beamten bildeten einen Halbkreis vor Inverness. Schweigend, devot, auf den Befehlsempfang wartend. Sie trugen die gleichen Schirmmützen wie er, die gleichen schmucklosen Uniformjacken.

Nur die Silberlitze auf seinen Schulterstücken unterschied Inverness von den anderen. Er machte eine knappe Handbewegung.

»McLean!«

Einer der Beamten trat einen halben Schritt vor.

»Sir?«

»Sie überwachen den Rückmarsch zum Hof! Die beiden Männer reichen dafür als Unterstützung aus. Sie brechen sofort auf!«

»Jawohl, Sir.« McLean machte kehrt und eilte mit schnellen Schritten davon, zurück zu der Reihe der geduckt hockenden Frauen, die alle die gleiche derbe Arbeitskleidung trugen.

Die schwarze Erde des Kartoffelackers erstreckte sich über mehr als fünf Morgen in dem Tal, das von bewaldeten Hängen umgeben war. Die tiefe, schnurgerade Furche des Grabens begrenzte den Acker im Norden. Gleich dahinter begann finsterer Wald mit dichtem Untergehölz. Der schlammige Feldweg, der die östliche Grenze des Ackers bildete, setzte sich hinter der Bohlenbrücke als Waldweg fort.

Ein knappes Kommando von McLean scholl herüber, während Inverness die restlichen sieben Beamten einteilte.

Nur wenige Minuten waren vergangen, als die Uniformierten in zwei Gruppen loszogen. Inverness hatte zwei Männer bei sich und wählte den Weg, der zur Brücke führte. Die andere Gruppe, aus vier Beamten bestehend, folgte ein kurzes Stück den Frauen, die sich bereits nach Osten in Marsch gesetzt hatten. Dann änderte die zweite Gruppe jedoch die Richtung, überquerte den Graben nach Norden und tauchte im Wald unter.

John Inverness zog den Kinnriemen seiner Schirmmütze herunter, spannte ihn unter seinen kantigen Kieferknochen fest. Die beiden Männer taten es ihm nach. Es war wie ein unausgesprochener Befehl. Und gleichzeitig die Vorbereitung auf die Suche im dichten Unterholz des Waldes.

Inverness ging voran. Wenige Schritte vor der Brücke streckte er den linken Arm schräg nach unten aus.

Sofort verlangsamten die Männer ihre Schritte.

Inverness zog den schwarzlackierten Schlagstock aus der Lederschlaufe an seinem Koppel. Dies konnten die beiden anderen ihm nicht nachtun, denn nur ihr Vorgesetzter besaß einen solchen Knüppel, der aus Hartholz gefertigt war. Schußwaffen wurden bei den Arbeitseinsätzen nicht geführt. So besagte es die Vorschrift. Trotzdem wußten die Beamten, daß Inverness und sein Stellvertreter McLean meistens eine Pistole unter ihrer Uniformjacke trugen.

Inverness pirschte sich bis zur Brücke vor. Lauernd verharrte er vor der Grabenböschung, spähte hinunter zum Wasser, das um moosbewachsene, glitschige Pfähle spülte, von denen die Bohlen der Brücke getragen wurden.

Nach wenigen Sekunden entspannte sich Inverness’ Haltung. Er winkte die beiden anderen heran. Sie waren sofort zur Stelle.

»Hier ist sie nicht mehr«, knurrte er. »Wir müssen uns in den Wald vorarbeiten. Conally, Sie bleiben diesseits des Grabens und bewegen sich langsam in südlicher Richtung! Für den Fall, daß sie wieder aus dem Wald auftauchen sollte.«

»Jawohl, Sir«, rief Conally, und seine Haltung straffte sich dabei.

»Los jetzt!« befahl Inverness und gab dem anderen ein knappes Handzeichen.

Hart polterten die eisenbeschlagenen Stiefelabsätze der Männer über die Bohlenbrücke. Wenig später wurden ihre Schritte vom weichen Waldboden verschluckt.

***

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AM GANZEN LEIB ZITTERND, verharrte Miriam Imlach zwischen kühlem Farn und den Zweigen des Buschwerks. Sie spürte nicht die Schmerzen, verursacht von den Zweigen, die ihr ins Gesicht gepeitscht waren. Sie spürte nicht die Kälte, nicht die Last der nassen Kleidung, die zentnerschwer an ihr hing.

Aber die Angst peinigte sie. Schmerzhaft hämmerte ihr Herz gegen die Rippen. Ihr Atem ging stoßweise. Sie wagte nicht, sich zu bewegen.

Nur undeutlich hörte sie die Männerstimmen.

Dann, plötzlich, das Poltern der Stiefel auf der Bohlenbrücke.

Die Verfolger waren nahe.

Miriam riskierte es nicht, ihr Versteck zu verlassen. Sie war sicher, daß das leiseste Rascheln genügen würde, um die Männer auf sich aufmerksam zu machen.

Kurz darauf waren die Schritte der Verfolger nicht mehr zu hören.

Es verstärkte Miriams Angst.

Aber noch hatte sie eine Frist. Noch war sie in Sicherheit, konnte ihren Verstand gebrauchen, um das Beste daraus zu machen.

Plötzlich hörte sie das Rascheln des Grases, begleitet von den dumpfen Lauten der Schritte auf dem moorigen Erdboden.

Sie hielt den Atem an, spähte durch die Zweige, die nur einen undeutlichen Blick ermöglichten.

Dann sah sie die Silhouette des Mannes, die schwarze Uniform.

Er ging auf der anderen Seite des Grabens, ging langsam, ließ sich Zeit, als gäbe es nichts auf der Welt, was Eile hätte.

Die Kälte ließ Miriams Körper erschauern. Sie kauerte sich noch tiefer auf den feuchtkalten Waldboden. Ihre Augen waren angstvoll geweitet.

Der Mann kam stetig näher, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und blickte aufmerksam herüber.

Miriam hatte das Gefühl, als müsse er sie schon längst entdeckt haben. Sie glaubte nicht mehr daran, daß Buschwerk und Farn Schutz vor seinen Blicken bieten konnten.

Unvermittelt stoppte der Uniformierte seine Schritte.

Deutlich sah Miriam, daß er zur Uferböschung herüberspähte.

Und im gleichen Augenblick wußte sie, daß er ihre Spur entdeckt hatte, die sie im Gras hinterlassen hatte.

Der Mann stand regungslos, schien sich an seiner Entdeckung zu weiden. Überlegte er, auf welche Weise er am meisten Gefallen daran finden würde, die Gefangene zurück in Inverness’ Arme zu treiben?

Eine eisige Faust kroch Miriams Rücken empor. Aber dann glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen. Der Uniformierte setzte seinen Weg fort. Ging einfach weiter, mit den Händen auf dem Rücken. Er stieß keinen lauten Ruf aus, um Inverness zu verständigen. Ja, er achtete nicht einmal mehr auf die Uferböschung.

Miriam begriff nicht. Welchen Grund hatte dieser Mann, der zu ihren Bewachern gehört hatte, seine Entdeckung nicht hinauszuschreien?

Eine düstere Wolkenbank schob sich von Westen herauf. Plötzlich klaffte ein Riß in dieser Wolkenbank. Ein greller Lichtstrahl schoß hervor und blendete die Frau trotz der schützenden Zweige.

Und im gleichen Augenblick tönte wieder das Heulen über das Land. Es schien von überall zu kommen, und es verklang im Nichts, als sich der Riß in der Wolkenbank schloß.

***

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DIE FRAUEN GINGEN IN Zweierreihe, schweigend, die Köpfe gesenkt.

Der schneidende Herbstwind ließ ihre langen Röcke flattern, fauchte unter ihre Kopftücher, wühlte in ihren Haaren.

Harold McLean ging am Schluß der Kolonne, mit einem Abstand von etwa fünf Schritten. Seine beiden Kollegen flankierten die Gefangenen.

»Sie muß den Verstand verloren haben«, murmelte die Dunkelhaarige am Ende der Kolonne ihrer Nachbarin zu. »Wie konnte sie nur so etwas tun! Sie mußte doch wissen, daß...«

»Du bist ungerecht«, entgegnete Muriel. »Wir alle werden an ihrem Verderben schuldig sein. Wir glaubten, ihr unsere Verachtung zeigen zu müssen, weil wir sie für eine feine Lady hielten. Vielleicht ist sie es auch, Jennifer. Aber es spielt keine Rolle. Jede von uns hätte an ihrer Stelle so reagiert, wie sie es getan hat.«

Jennifer sah die dunkelhaarige Muriel mit einem raschen Seitenblick an.

»Vielleicht hast du recht. Aber sie hätte sich anders verhalten müssen. Dann wäre es nicht erst soweit gekommen. Wenn sie uns gesagt hätte, was sie vorhatte...«

Muriel schüttelte den Kopf.

»Nein, nein. Wir hätten es ihr nicht ausreden können. Erinnerst du dich an das letztemal? Vor zwei Jahren?«

Jennifer nickte und schwieg.

»Damals war es ähnlich«, fuhr Muriel fort. »Diese Harriet Shand war eine stolze Frau, und sie fühlte sich zu Unrecht verurteilt. Sie hat es freimütig gesagt, daß sie fliehen würde. Konnten wir es ihr ausreden?«

»Nein, aber...«

»Kein aber, Jennifer. Es sind immer diejenigen, die noch nicht lange genug auf Raluch Manor sind, um es einzusehen. Sie glauben nicht an unsere Worte, weil es für sie zu unbegreiflich klingt. Erinnerst du dich, was mit Harriet Shand geschehen ist?«

»Sei still!« rief Jennifer erregt. »Beschwöre es nicht herauf, Muriel!«

Harold McLean hielt es für angebracht, einzugreifen.

»Ruhe!« brüllte er. Seine Stimme hallte weit über das Hügelland, um dann vom Heulen einer Sturmbö verschluckt zu werden.

Es genügte. Die Frauen schwiegen wieder.

McLean hatte im Grunde nichts dagegen, wenn sie redeten. Es war ein Vergnügen, das man ihnen eigentlich gönnen konnte. Aber seine Meinung zählte nicht. Was Inverness anordnete, war Gesetz. Und wenn er Inverness vertrat, war er verpflichtet, diesem Gesetz Gültigkeit zu verschaffen. Tat er es nicht, so riskierte er das Gehalt, das er für den Stellvertreterposten bezog. Immerhin sechs Pfund mehr, als die anderen pro Monat erhielten.

Sie hatten noch eine halbe Meile zurückzulegen, als der Regen einsetzte. Der Wind ließ nach, und dicke Tropfen klatschten vom düsteren Himmel herunter. Der Regen verdichtete sich zu einem heftigen Schauer. Innerhalb von Minuten waren die Frauen bis auf die Haut durchnäßt.

Als sie die letzte Wegbiegung vor Raluch Manor erreichten, ließ der Regen nach und wich erneuten Sturmböen, die den versiegenden Schauer in Schwaden über das Land peitschten.

Raluch Manor lag vor ihnen.

Wuchtig und häßlich duckten sich die Gebäude auf eine flache Hügelkuppe. Ringsherum war das Anwesen von hohen, efeubewachsenen Mauern umgeben, die eine Einheit mit dem Grün des Hügels bildeten, seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der Landschaft waren. Im Norden grenzte dichter Hochwald an das Gut, das um die Jahrhundertwende von seinem früheren Eigentümer an die Gefängnisbehörde von Glasgow veräußert worden war.

Der Weg führte in sanften Windungen hinauf zu dem mächtigen Tor, das Raluch Manor von der Außenwelt abschirmte.

Als sich das Tor hinter den Frauen schloß, war es wie ein vorübergehender Schlußstrich.

***

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INVERNESS BAHNTE SICH den Weg, als gäbe es kein Unterholz, dessen Zweige gegen seine Uniform peitschten. Für eine systematische Suche blieb kaum noch Zeit. Denn das Licht, das vom Waldrand herüberdrang, wurde bereits trüb. Höchstens noch eine knappe Stunde dauerte es, bis die Dunkelheit an diesem Herbsttag hereinbrechen würde.

Inverness drang in nordöstliche Richtung vor. Mit seinem Begleiter brachte er die Steigung des Waldgeländes hinter sich, bis sie eine Lichtung auf der Hügelkuppe erreichten.

»Pause!« befahl Inverness und schob seinen Schlagstock in die Lederschlaufe am Gürtel.

»Jawohl, Sir«, antwortete Bruce Gordon, der Beamte, der Inverness begleitete.

Ein kurzes Lächeln umspielte Inverness’ dünne Lippen.

»Heute erwischen wir dieses Miststück nicht mehr. Conally hätte sich sonst längst gemeldet.«

»Sir, vielleicht ist sie weiter nach Norden vorgedrungen, als wir geglaubt haben.«

Inverness schüttelte den Kopf, knöpfte die Brusttasche seiner Uniformjacke auf und zog ein Zigarillo heraus. Es bedeutete für Gordon, daß auch er rauchen durfte. Dienstbeflissen gab er seinem Vorgesetzten Feuer und zündete sich dann selbst, eine Zigarette an.

»Sie ist noch südlich von hier«, stellte Inverness fest. Nach dem Klang seiner Stimme gab es an dieser Feststellung nicht den geringsten Zweifel. »Entweder drüben, westlich des Waldweges, oder hier auf unserer Seite. Aber im ersteren Fall hätten wir von der anderen Gruppe schon etwas hören müssen.«

Gordon blies fröstelnd den Zigarettenrauch in die feuchte Herbstluft.

»Wie ist Ihr Plan, Sir?«

»Wir stoßen von hier aus auf direktem Weg bis zum Graben vor. Scheuchen wir sie auch dadurch nicht auf, wird der Einsatz für heute abgeblasen.«

Gordon wollte etwas erwidern, aber er unterließ es. Zwar wunderte er sich über die seltsame Gleichgültigkeit seines Vorgesetzten.

Doch er hütete sich, daran Kritik zu üben. Gordon leistete erst seit einem Jahr seinen Dienst auf Raluch Manor. Aber in dieser kurzen Zeit hatte er es schon gelernt, wie man sich Inverness gegenüber verhalten mußte.

Nach zehn Minuten brachen sie die Pause ab. Etwa eine halbe Stunde später erreichten sie den Waldrand und sprangen hinüber auf die andere Seite des Grabens.

Inverness’ Hoffnung, die Entflohene aufzuscheuchen, hatte sich zerschlagen. Aber Gordon war nicht mehr sicher, ob Inverness überhaupt damit gerechnet hatte.

Im Dämmerlicht des späten Nachmittags war Conally zu erkennen, der herbeigeeilt kam. Er salutierte vor Inverness.

»Nun?« fragte dieser knapp.

»Keine Vorkommnisse, Sir«, schnarrte Conally militärisch.

John Inverness nickte nur. Und Conally bemühte sich, seine Miene ausdruckslos wirken zu lassen.

***

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NUR NOCH MINUTEN BIS zur schützenden Dunkelheit.

Miriam Imlach preßte die Zähne mit aller Kraft aufeinander. Die Kälte schüttelte ihren Körper durch. Sie mußte alle Beherrschung aufbieten, um sich nicht zu verraten. Schon ein Zähneklappern hätte genügt.

Denn die Männer waren ganz in der Nähe.

Doch dann wandten sich Inverness und die beiden ab, gingen zur Brücke hinunter. Minuten später sah Miriam, daß auch die zweite Gruppe der Beamten aus dem Wald aufgetaucht war.

Dann waren nur noch Schritte zu hören, denn die Dunkelheit brach herein. Aber es gab keinen Zweifel. Die Schritte entfernten sich. Kein Rascheln mehr im Unterholz, das Miriam fast um den Verstand gebracht hatte.

Inverness hatte die Suche abgebrochen.

Miriam riskierte es, aus ihrem Versteck hochzukommen. Die nassen Kleider klebten wie eine eiskalte, ekelhaft dicke Haut auf ihrem Körper. Jeder Schritt durch das Unterholz bereitete ihr unsagbare Mühe. Das Buschwerk peitschte sie, und dornige Zweige zerrten an ihr.

Bald konnte Miriam kaum noch die Hand vor Augen sehen. Zwischen den mächtigen Baumstämmen war es stockfinster. Ihre Bewegungen waren mechanisch. Schritt um Schritt brachte sie hinter sich, ohne zu spüren, daß sie immer langsamer wurde. Erst als sie die Kuppe des Hügels und den jenseitigen Hang erreichte, kam sie wieder besser voran.

Aber noch immer war sie von Wald umgeben. Nur manchmal war oben zwischen den Baumkronen fahles Mondlicht zu sehen, das jedoch in Sekundenschnelle wieder von Wolken verhüllt wurde.

Visionen begannen Miriam zu peinigen. Furchtbare Bilder, die sie die Kälte vergessen ließen. Die Dornenzweige, die immer wieder in ihre nassen Kleider hakten, ließen sie an eisige Krallen glauben, die nach ihr schlugen, sie zu packen versuchten. Vor ihrem geistigen Auge wich die Dunkelheit einem schwefligen Nebel, aus dem glühende Punkte hervorschossen, auf sie zukamen. Diese Punkte wuchsen rasend schnell an, wurden von blitzendem Weiß begleitet und huschten dann zur Seite weg. Miriam glaubte den ekelerregenden heißen Atem zu spüren, der ihr dabei ins Gesicht schlug.

Sie schrie auf, hielt sich an einem Baumstamm fest.

Die Vision schwand. Es war nur noch die Dunkelheit da.

Keuchend faßte Miriam neuen Mut. Närrin! schalt sie sich selbst.

In diesem Land konnte es keine Wölfe geben!

Miriam zwang sich, weiterzugehen. Es war völlig ausgeschlossen, daß in diesem Gebiet Wölfe lebten. Sicher gab es für das Geheul von vorhin eine plausible Erklärung, über die man befreiend lachen konnte, wenn man sie hörte.

Sie wußte nicht, wieviel Stunden vergangen waren, als sie zwei weitere Hügel überquert hatte.

Plötzlich sah sie Lichtschein durch die Bäume schimmern.

Sie blinzelte verwirrt, stolperte mit letzter Kraft auf den Waldrand zu.

Erst als sie näher an das Licht herankam, das warmgelb aus quadratischen Fenstern fiel, wußte sie, daß dies Rettung bedeuten konnte.

Dann bellte ein Hund.

Eine Farm!

Miriam stieß einen Schrei aus. Sie schrie um Hilfe, doch es klang auch wie ein Freudenschrei.

Sie hörte sich selbst nicht mehr, denn sie sank kraftlos zu Boden.

Nur noch einen Steinwurf vom Farmhaus entfernt, verlor sie das Bewußtsein. Sie hörte auch nicht mehr die Stimmen und sah nicht den matten Lichtkreis der Laterne, der bald darauf auf sie zutanzte.

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DER SCHWERE WOLSELEY Six rollte mit mäßiger Geschwindigkeit durch die Dunkelheit. Das satte Brummen der Sechszylindermaschine wurde übertönt vom Heulen des Windes, der jetzt mit zunehmender Stärke über das Hochland fegte.

Sean Pharnon hielt das Lenkrad mit beiden Händen. Er riskierte es nicht, die Tachonadel höher als bis zur Dreißigmeilenmarke klettern zu lassen. Die Straße war schmal, kurvenreich und mit Schlaglöchern übersät. Die gleißenden Lichtkegel der aufgeblendeten Scheinwerfer halfen nicht viel. Sie enthüllten nicht die Schwierigkeiten, die hinter jeder neuen Kurve warteten.

Sean Pharnon fühlte sich unbehaglich trotz der Wärme, die das Heizgebläse im Wageninnern verteilte. Der junge Rechtsanwalt fluchte auf sich selbst. Warum hatte er nicht gewartet? Bei Tageslicht hätte ihm die lange Fahrt von Glasgow bis in diese Einöde weitaus weniger Mühe bereitet.

Aber die Zeit war knapp, jede Stunde kostbar. Wenn er sein Vorhaben erfolgreich durchführen wollte, mußte er schneller sein als der Gesetzesapparat, der nicht nach Einzelschicksalen fragte.

Pharnon atmete auf, als er den Wegweiser an der nächsten Straßengabelung im Scheinwerferlicht auftauchen sah.

Kerhonkton, 2 Miles

Reflexartig betätigte er den Blinker nach rechts, obwohl dies völlig überflüssig war. Denn sein Wolseley war das einzige Auto weit und breit.

Die Straße wurde jetzt noch schlechter. Pharnon verringerte das Tempo bis auf zwanzig Meilen pro Stunde. Dennoch konnte er es nicht verhindern, daß die Flüssigkeitsfederung der Limousine mehrmals bis auf die Gummiblöcke durchschlug. Die mit Steinen gepflasterte Fahrbahn mußte noch aus der Vorkriegszeit stammen.

Der Anwalt atmete auf, als er nach einer letzten Anhöhe die Häuser des Dorfes im Tal unter sich erblickte. Es war kein einladender Anblick. Die Häuser flach, gedrungen und finster, die Hauptstraße unbeleuchtet. Nur an einer Stelle brannte in dem kleinen Ort noch Licht.

Das Licht kam aus einer Gaststätte, wie Pharnon kurz darauf feststellte. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Eineinhalb Stunden vor Mitternacht. Nun, nach den geltenden Bestimmungen mußten Schankwirtschaften um diese Zeit längst geschlossen sein. Aber hier in Kerhonkton, weit entfernt von größeren Ansiedlungen, galt vermutlich mehr das Gewohnheitsrecht als das Gesetz für Restaurationsbetriebe.

Sean Pharnon parkte seinen Wolseley unter dem Metallschild, das die Aufschrift Highland Inn trug. In die roten Quadersteine der Außenwand waren zu beiden Seiten der Tür Fenster eingelassen, deren beschlagene Scheiben das Licht filterten.

Pharnon nahm seinen flachen Aktenkoffer und betrat das Gasthaus.

Als er die knarrende Tür hinter sich zuzog, verstummten die Gespräche schlagartig.

Der Anwalt fühlte sich von einem halben Dutzend Augenpaaren abgetastet. Sekundenlang blieb er vor dem Türrahmen stehen. Dann steuerte er zielstrebig auf die Theke zu, hinter der ein großer Mann in Hemdsärmeln das Gläserpolieren unterbrochen hatte.

Pharnon legte seinen Aktenkoffer auf die Theke und wandte sich dem Wirt zu. Der junge Anwalt hatte schon des öfteren auf dem Land zu tun gehabt. Er wußte, daß es nicht einfach Neugier war, die die Leute hier jedem Fremden gegenüber an den Tag legten. Die Eintönigkeit ihres Lebens war der Grund, daß sie allem Neuen gegenüber unverhohlenes Interesse zeigten. Deshalb war es besser, von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Um so eher erwarb man das Vertrauen dieser Menschen.

»Ich hätte gern ein Zimmer für die Nacht«, sagte der Anwalt laut genug, daß es alle mitbekamen. »Mein Name ist Sean Pharnon. Ich bin Rechtsanwalt und komme aus Glasgow.«

Es schien noch stiller zu werden in dem kleinen Schankraum, in dem Schwaden von Tabakrauch lasteten.

Der Wirt zog seine buschigen Augenbrauen hoch.

»Aus Glasgow, Sir? Und da verirren Sie sich ausgerechnet in unser Dorf? Noch dazu mitten in der Nacht?«

Pharnon lächelte. Er wußte, was der Mann mit der Frage bezweckte.

»Ich habe mich nicht verirrt«, erklärte er daher. »Ich will gleich morgen früh nach Raluch Manor. Aus beruflichen Gründen...«

Die Stille in dem engen Raum wurde bedrückend. Den Männern, die noch eben laute Gespräche geführt hatten, schienen die Lippen versiegelt zu sein.

»Soso«, brummte der Wirt und nickte geistesabwesend. Sein Blick huschte zu den Männern an den Tischen, heftete sich dann wieder auf den Anwalt.

»Sie können das Zimmer bekommen, Sir. Aber... Gestatten Sie mir eine Frage: Was wollen Sie auf Raluch Manor?«

Pharnon war im ersten Moment verblüfft. Dies war schon mehr als Neugier. Aber er erinnerte sich rechtzeitig an seinen Grundsatz, mit offenen Karten zu spielen.

»Es handelt sich um ein Wiederaufnahmeverfahren«, antwortete er. »Ich muß mit einer Frau reden, die ich vor Gericht vertreten habe. Ich bin der Auffassung, daß sie zu Unrecht verurteilt wurde.«

Die Spannung löste sich. Leises Gemurmel setzte ein.

»Dann wünsche ich Ihnen Glück, Sir«, sagte der Wirt mit einem seltsamen Lächeln.

Sean Pharnon begriff nicht. Oder war er nur zu müde und irritiert?

Hörte er nur deshalb einen Unterton in den Worten des Mannes?

Egal. Er hatte wichtigere Dinge im Kopf.

»Geben Sie mir ein Bier«, bat Pharnon. »Das Zimmer können Sie mir anschließend zeigen.«

Der Wirt nickte wortlos und betätigte den Zapfhahn. Der Anwalt drehte sich um und bemerkte, wie die übrigen Männer sofort ihre Blicke von ihm abwandten. Er setzte sich an den noch freien Ecktisch neben der Theke. Den Aktenkoffer stellte er neben seinem Stuhl ab.

Der Wirt brachte das Bier, schob es auf die rohe Tischplatte. Er zögerte.

»Mein Name ist McCulloch, Sir. Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohl fühlen.«

Pharnon deutete auf den freien Stuhl. McCulloch setzte sich sofort.

Verlegen wischte er sich die Hände an der Schürze ab. Für den Anwalt schien es eindeutig, daß er ausgehorcht werden sollte.

Er nippte an seinem Bier und zündete sich eine Zigarette an. Dann sah er McCulloch offen an. Er beschloß, den Spieß umzudrehen.

»Sagen Sie, Mr. McCulloch, was ist so außergewöhnlich daran, wenn jemand nach Raluch Manor will?«

Der Wirt blickte verlegen auf die Tischplatte, knetete die Finger.

»Es kommt selten vor«, sagte er dann. »Und soweit wir es beurteilen können, gibt es auch höchst selten einen Grund, daß jemand die Gefangenen besucht.«

Deutlich stand jetzt die Frage in McCullochs Blick.

Der Anwalt lächelte matt.

»Ich habe einen Grund«, erklärte er. »Einen sehr triftigen, wie gesagt. Meine Klientin wurde wegen Mordes verurteilt. Aufgrund von Indizien. Bislang konnte ich das Gegenteil nicht beweisen. Nämlich, daß ihr Ehemann Selbstmord begangen hat. Inzwischen stehen die Chancen für meine Klientin entschieden besser. Sie wird nicht mehr lange auf Raluch Manor bleiben.«

»Sind Sie sicher?« Der Wirt sah ihn nachdenklich an.

»Absolut. Natürlich kann ich Ihnen die Einzelheiten nicht erklären. Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren.«

»Sicher«, brummte McCulloch. »Trotzdem werden Sie auf Raluch Manor Schwierigkeiten bekommen.«

»Wie bitte?« entgegnete der Anwalt überrascht. »Wie kommen Sie darauf?«

Sein Gegenüber beugte sich vor.

»Sir«, flüsterte McCulloch, »auf Raluch Manor lastet ein Fluch!«

***

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STRÖMENDER REGEN EMPFING John Inverness, als er seine Wohnung durch die Hintertür des ehemaligen Herrenhauses von Raluch Manor verließ. Das Unwetter kümmerte den großen Mann nicht. Er trug einen schweren Regenmantel, der bis hinab zu den Stiefelschäften reichte. Über den Schirm seiner Dienstmütze perlten die Wassertropfen.

Alle Lichter waren auf Raluch Manor inzwischen erloschen. Bei den früheren Gesindehäusern, wo jetzt die Gefangenen untergebracht waren, herrschte Stille. Nur der Regen war zu hören, dessen dicke Tropfen auf die Schindeldächer trommelten.

Mit langen Schritten stapfte Inverness auf die Nordmauer des Gutes zu. Er brauchte keine Taschenlampe, um sich zu orientieren. Seine scharfen Augen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit, und überdies kannte er jeden Quadratyard des Anwesens.

Er war jetzt froh, daß er doch noch Suchtrupps losgeschickt hatte.

Sollten sie sich die Nacht um die Ohren schlagen! Wenigstens konnte ihm niemand vorwerfen, daß er etwas unterlassen hatte, was nach den Vorschriften unternommen werden mußte. Und außerdem hatte Inverness freie Hand. Niemand kam ihm in die Quere. Nur die Mindestsollstärke an Aufsichtspersonal war auf Raluch Manor zurückgeblieben. Fünf Beamte. Sie hielten sich in den Diensträumen auf, die den Gefangenenschlafsälen vorgelagert waren.

Inverness erreichte die düster aufragende Einfriedigungsmauer.

Vor einer Bohlentür blieb er stehen und zog den Schlüssel aus der Tasche. Es gab keinen Zweitschlüssel für diese Tür. Nur Inverness war imstande, sie zu öffnen.

Mit ganz leise quietschenden Angeln schwang die Tür auf. Inverness schlüpfte hindurch. Er schloß von außen ab und wurde im nächsten Moment von der Finsternis des angrenzenden Waldes verschluckt.

Ein bösartiges Lächeln lag in seinen kantigen Gesichtszügen. In seinen Augen glomm ein Feuer, das aus der Tiefe seiner unergründlichen Gedankengänge kam.

Es war nur ein schmaler Pfad, der durch das dichte Unterholz führte. Inverness stapfte den Weg entlang und erreichte nach etwa fünf Minuten eine Lichtung.

Wie auf ein geheimes Kommando riß die Wolkendecke auf, und bleiches Mondlicht erhellte sekundenlang die Szenerie.

Im Zentrum der Lichtung stand ein Gebäude, dessen Fachwerkmauer nur etwa vier Yard breit waren. Efeu überwucherte die Wände, die bis zu den Baumkronen emporragten und in einem spitzen Strohdach endeten. Der alte Speicher war schon seit langen Jahren in Vergessenheit geraten. Und die Menschen aus dem Dorf und von den umliegenden Höfen hüteten sich, überhaupt bis in dieses Waldstück vorzudringen.

Inverness stieß bei dem Gedanken ein heiseres Lachen aus. Er hatte ein übriges getan und dafür gesorgt, daß seine Untergebenen auf Raluch Manor nie Gelegenheit bekamen, den Speicher zu untersuchen.

Inverness fingerte einen zweiten Schlüssel aus der Tasche. Das leise metallische Klirren blieb nicht ungehört.

Wie zur Antwort ertönte ein durchdringendes Geheul, das jeden anderen hätte vor Schreck erstarren lassen.

Nicht so John Inverness.

Die Stimme des Wolfes ließ ihn lächeln. Ein gütiges, väterliches Lächeln war es, das jetzt über sein Gesicht glitt.

»Ich komme, mein Kleiner!« flüsterte er. »Gleich bin ich bei dir! Ich weiß, wie lange du auf diese Gelegenheit gewartet hast!«

Er näherte sich der Tür, die nur äußerlich verwittert und altersschwach aussah. Dahinter befanden sich solide Planken, die Inverness eigenhändig angebracht hatte.

Er schob den Schlüssel ins Schloß und drehte ihn.

Bei dem Geräusch erstarb das Heulen, das weit über das Hochland getönt war.

Beißender Raubtiergeruch schlug Inverness entgegen. Er atmete tief durch, pumpte den bestialischen Gestank von Kot und verfaulten Fraßresten genußvoll in seine Atemwege.

Inverness schloß die Tür hinter sich ab, riß ein Streichholz an und zündete eine Petroleumlampe an, die von der niedrigen Decke herabhing. Das blakende Licht erhellte einen winzigen Vorraum, dessen Fußboden aus festgestampftem Lehm bestand. In der Wand, die dem Eingang gegenüberlag, befand sich eine massive Stahltür.

Ein tiefes Grollen war jetzt aus dem dahinterliegenden Raum zu hören. Nur John Inverness wußte, daß es kein zorniges Grollen war.

Der breitschultrige Mann näherte sich der Stahltür und stieß einen kurzen Pfiff aus.

Augenblicklich brach das Grollen ab.

Lächelnd schob Inverness den Riegel der Stahltür zurück. Sofort nahm der Gestank zu. Jeder andere wäre davon betäubt worden.

Für Inverness gab es jedoch nichts Schöneres als diesen Geruch seines Schützlings. Darin symbolisierte sich die ganze Macht, über die er verfügte.

Zwei blutrote Punkte glühten in der Dunkelheit des Raumes hinter der Stahltür auf.

»Komm, Cyrus!« lockte Inverness.

Cyrus gehorchte. Seine glühenden Augen kamen näher auf den offenen Türrahmen zu, der ihm vorübergehende Freiheit bringen sollte.

Kehlige Knurrlaute waren zu hören.

Inverness verstand die Freude, die Cyrus in diesem Augenblick empfand.

»Ja, mein Kleiner«, sagte Inverness, und es kam tief aus seinem mächtigen Brustkasten empor. »Ich weiß, du hast lange ausharren müssen. Aber jetzt ist es soweit.«

Die glühenden Augen tauchten empor. Zottiges grauschwarzes Fell wurde im Schein der Petroleumlampe sichtbar. Cyrus hatte sich aufgerichtet. Seine mächtigen Vorderläufe, die so muskulös wie Menschenarme waren, legte er auf Inverness’ Schultern.

Der große Mann blickte gerührt in die flammenden Wolfsaugen.

Er sah die blitzenden Reißzähne und spürte Cyrus’ stinkenden Atem. Dann ließ er es geschehen, daß die rauhe Zunge liebkosend über seine Wangen fuhr.

Inverness streichelte ihm den zottigen Rücken, kraulte ihm das Fell im Nacken, wo das verhaltene Spiel seiner gewaltigen Muskeln zu spüren war.

»Schon gut«, sagte Inverness und klopfte ihm auf den Rücken.

Cyrus knurrte zustimmend und ließ von seinem Herrn ab. Inverness hockte sich ihm gegenüber auf den Boden. Er wußte zwar, daß sein Schützling aufrecht stehen konnte. Doch Cyrus bevorzugte es, die Last seines muskulösen Körpers auf den vier Läufen ruhen zu lassen – so, wie es die Art seiner Vorfahren war.

Cyrus konnte nicht wissen, daß Menschenblut in seinen Adern floß. John Inverness’ Vater hatte ihn vor Jahrzehnten in der Einsamkeit des schottischen Hochlandes aufgelesen, als noch zahlreiche Wolfsrudel die Wälder und kahlen Höhenzüge durchstreift hatten.

Die Wölfe hatten Cyrus verstoßen. Sein Leben verdankte er Inverness’ Vater – jenem Mann, der das gleiche Amt auf Raluch Manor ausgeübt hatte, wie es heute sein Sohn tat. Und kurz vor dem Tod des Vaters hatte John Inverness ihm das Vermächtnis abgenommen, sich um Cyrus zu kümmern.

Cyrus glich äußerlich mehr einem Wolf als einem Menschen. Doch unter seinem mächtigen Wolfsschädel verbarg sich ein Gehirn, das zwar nicht zu menschlichen Gedankengängen fähig war, dafür aber einen verfeinerten, ausgeprägteren wölfischen Instinkt als seine Vorfahren entwickelt hatte.

Inverness zog einen Fetzen Stoff aus seiner Manteltasche und warf ihn Cyrus hin.

Der Wolfsmensch nahm begierig die Witterung auf.

Es war ein Stück von Miriam Imlachs Bettlaken.

Cyrus knurrte heiser. Vor seinem geistigen Auge erschien das Weiß eines weiblichen Körpers, der mit diesem Stück Stoff in Berührung gekommen war. Er spürte die Gier in sich wachsen. Die Gier nach Blut und noch warmem Fleisch. Es war ein wohliges Gefühl, bei dem sich seine Nackenhaare sträubten.

Cyrus stieß ein freudiges Knurren aus, als Inverness die vordere Tür des Speichers öffnete.

Der Wolfsmensch sah seinen Herrn noch einmal aus glutroten Augen an. Dann jagte er mit langen Sätzen davon, hinaus in die Dunkelheit und in die Freiheit, die für ihn bedeutete, daß er seine Blutgier endlich stillen konnte. Sein Herr ermöglichte ihm dies. Dafür empfand Cyrus so etwas wie Dankbarkeit, auch wenn er dieses Gefühl nicht deuten konnte.

Schon nach wenigen Sekunden war nichts mehr von Cyrus zu hören. Sorgfältig schloß Inverness die Tür des Speichers ab, nachdem er die Petroleumlampe gelöscht hatte. Er setzte sich in Marsch, zurück zum Gutshof. Seine Abwesenheit hatte’ nicht mehr als eine halbe Stunde gedauert. Niemand konnte etwas bemerkt haben.

Es regnete noch immer in Strömen.

Als Inverness die Mauer von Raluch Manor erreichte, hörte er aus der Ferne das Heulen. Inverness blieb stehen, bis es verklang. Nur er vermochte den frohlockenden Unterton in Cyrus’ mächtiger Stimme zu erkennen.

Allen anderen Menschen jagte das Geheul einen furchtbaren Angstschauer über den Rücken.

John Inverness wußte das, und es erfüllte ihn mit unbändigem Stolz. Dank Cyrus besaß er grenzenlose Macht. Eine Macht, über die sicherlich nicht einmal die früheren Herren von Raluch Manor verfügt hatten.

***

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MÜHSAM SCHLUG MIRIAM die Augen auf. Sie erfaßte die Wirklichkeit nicht sofort, glaubte im ersten Moment, aus einem tiefen Schlaf zu erwachen.

Sie hörte das Prasseln der Flammen. Als sich die wallenden Schleier vor ihrem Blick verflüchtigten, erkannte sie das Kaminfeuer, das behagliche Wärme ausstrahlte. Der Baum hatte eine niedrige Decke, die von mächtigen Eichenbalken getragen wurde. Die Einrichtung war einfach, aber blitzsauber.

Miriam schaffte es, sich halb aufzurichten. Man hatte sie auf ein Sofa gebettet, wie sie feststellte.

Dann sah sie den Mann, der stumm neben der Tür stand und zu ihr hinüberschaute.

Miriam erschrak.

»Wo bin ich?« rief sie ängstlich. »Wer sind Sie?«

Der Mann hatte ein sympathisches, fast jungenhaftes Gesicht, als er jetzt lächelte. Mit einer großen Hand, die von harter Arbeit gezeichnet war, fuhr er sich durch das flachsblonde Haar.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, Madam. Niemand tut Ihnen etwas. Sie sind in Sicherheit.«

»In Sicherheit?« echote Miriam ungläubig. »Aber...«

Die Erinnerung setzte ein und lähmte ihre Stimmbänder.

»Ich heiße Rory McDonnel«, erklärte der Mann. »Ich habe Sie draußen vor meiner Farm aufgelesen, Madam. Meine Frau bereitet gerade ein heißes Bad für Sie. Das wird Ihnen guttun. Und dann können Sie schlafen, damit Sie wieder zu Kräften kommen.«

Miriam schluckte. Unvermittelt wurde sie sich der Situation bewußt.

»Ich bin...«, setzte sie stockend an.

McDonnel unterbrach sie mit einer Handbewegung.

»Sie brauchen mir nichts zu erzählen, Madam. Man sieht es an Ihrer Kleidung, woher Sie kommen. Aber ich will Ihre Geschichte nicht hören. Ich weiß nur, daß ich einem Menschen helfe, der in Not geraten ist. Alles andere interessiert mich nicht.«

»Kennen Sie denn Inverness nicht?« hauchte Miriam mit großen Augen.

Der Farmer lachte leise.

»Ich habe lediglich von ihm gehört, denn ich habe dieses Anwesen erst vor einem Jahr gepachtet. Die anderen erzählen Schauergeschichten über diesen Inverness und Raluch Manor. Mir jagt so schnell keiner Angst ein. Das ist keine Prahlerei, Madam.«

»Ich glaube es Ihnen«, flüsterte Miriam tonlos. »Aber dennoch darf ich Ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen. Ich kann es nicht. Es wird schlimme Folgen für Sie haben, wenn man herausfindet, daß Sie einer entflohenen Strafgefangenen geholfen haben.«

»Reden Sie keinen Unsinn«, entgegnete McDonnel beinahe schroff.

»Ich weiß nicht, wer Sie sind und woher Sie kommen. Für mich sind Sie einfach ein Mensch, der ohne meine Hilfe zugrunde gehen würde.«

Der Farmer machte eine Handbewegung, die verdeutlichte, daß er das Gespräch damit als beendet betrachtete.

Miriam schwieg. Sie war sich darüber im klaren, daß sie in viel zu großer Not war, als daß sie die Hilfsbereitschaft dieses aufrechten Mannes ablehnen konnte. Dennoch war ihr der Gedanke unerträglich, daß sie durch ihre Flucht anderen Menschen, Unbeteiligten, möglicherweise Verdruß bereiten würde. Aber was konnte sie tun?

Sollte sie wieder hinaus in die Kälte der Herbstnacht? Es würde das Ende bedeuten. Auch’ darüber war sich Miriam im klaren.

Eine lähmende Apathie befiel sie. Sie war nicht mehr imstande, einen Entschluß zu fassen. Ihre Gedanken überschlugen sich, und je mehr sie sich mit Überlegungen plagte, desto weniger kam sie zu einem Ergebnis.

Als dann die Ehefrau des Farmers das Zimmer betrat, fand Miriam keine Gelegenheit mehr, sich Gedanken zu machen. Tina McDonnel bestimmte mit Nachdruck, was zu geschehen habe. So fand sich Miriam Imlach kurz darauf in einem großen hölzernen Badezuber wieder, der bis an den Rand mit dampfendem, heißem Wasser gefüllt war. Die Wärme strömte in wohltuenden Wogen durch ihren gepeinigten Körper, und sie konnte nichts anderes empfinden als Dankbarkeit.

Tina McDonnel war eine zarte, schlanke Frau. Auf den ersten Blick schien es, als würde sie nicht in diese Einöde und auf diese kleine Farm passen. Aber die Art, wie sie sich um Miriam kümmerte, zeigte, daß Tina McDonnel zupacken konnte, wenn es darauf ankam.

Und daß sie ihrem Mann so zur Seite stand, wie es von einer Farmersfrau verlangt wurde.

Miriam Imlach hatte nun keine Wahl mehr. Sie konnte nicht mehr zurück. Vielleicht war es ein großes Glück, daß sie gerade auf Tina und Rory McDonnel gestoßen war und nicht auf andere Leute in dieser Gegend, die Inverness zur Genüge kannten.

Miriam gab sich mit der Erklärung zufrieden, daß es ein Glück war, als sie von Tina McDonnel auf eine der kleinen Kammern vor dem Dachboden gebracht wurde, wo ein frisch bezogenes Bett wartete.

»Leider haben wir nichts Besseres zu bieten«, erklärte die Ehefrau des Farmers. »Früher haben hier oben die Mägde geschlafen.«

Miriam konnte nur noch ein ›Danke‹ hauchen.

Minuten später war sie bereits eingeschlafen – mit der Gewißheit, daß sie in ihren Träumen von der Frage gequält werden würde, was der nächste Tag bringen mochte.

***

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SEAN PHARNON WAR DRAUF und dran, den Wirt des Highland Inn tatsächlich für verrückt zu erklären.

Aber er kam nicht mehr dazu.

Auf der Dorfstraße klangen plötzlich Schritte auf. Harte Schritte von eisenbeschlagenen Stiefeln.

Die Gespräche der Männer im Schankraum verstummten wieder.

Sekunden später flog die Tür auf. Uniformierte drängten sich herein.

McCulloch warf den Kopf herum.

»Entschuldigung«, murmelte er dem Anwalt zu. Dann sprang er auf und eilte hinter die Theke.

Pharnon begriff sofort, daß das Auftauchen der Uniformierten ungewöhnlich war. Er sah es an den erstaunten Blicken der Dorfbewohner. Auch waren dem Rechtsanwalt die Dienstmützen der insgesamt sechs Männer nicht unbekannt. Justizbeamte, Strafvollzug.

Die langen Mäntel der Beamten waren triefnaß vom Regen. Feuchte Kälte wehte herein, ehe der letzte von ihnen die Tür schloß.

»Guten Abend, Mr. McLean!« rief der Wirt dem Anführer der Gruppe zu. »Es wird doch keine unangenehmen Neuigkeiten geben?«

»Leider ja«, antwortete der, den der Wirt mit McLean angeredet hatte. Er zog die Schirmmütze vom Kopf und gab seinen Kollegen einen Wink, sich an der Theke aufzustellen.

Sean Pharnon zündete sich eine neue Zigarette an. Dann nahm er einen langen Schluck aus seinem Bierglas.

»Heißes Wasser zum Whisky?« fragte McCulloch dienstbeflissen.

Aus seiner Stimme war deutlich die Neugier zu hören.

»Ja, bitte«, antwortete McLean, »wir müssen uns aufwärmen. Bei dem Wetter jagt kein anständiger Mensch seinen Hund vor die Tür. Und wir haben bereits das ganze Gelände zwischen Raluch Manor und Kerhonkton durchkämmt.«

Aufgeregtes Raunen setzte ein. Auch Pharnon mußte sich eingestehen, daß er neugierig geworden war.

McCulloch, der bereits die Tür zu einem der hinteren Bäume geöffnet hatte, wandte sich um. Seine Stimme klang belegt, als er fragte: »Ein Fluchtversuch, Mr. McLean?«

»Ja«, antwortete der Beamte gedehnt. »Ein Versuch...«

Der Wirt hatte es jetzt eilig, im Hinterzimmer zu verschwinden.

Durch die offene Tür hörte man ihn mit Töpfen hantieren.

Sean Pharnon wurde von einer bösen Ahnung beschlichen. Es widerstrebte ihm, die gleiche Neugier an den Tag zu legen wie die Leute von Kerhonkton. Aber in seinem Fall war es schließlich etwas anderes. Er stand auf und ging auf McLean zu, fühlte sich dabei von den Blicken der Dorfbewohner verfolgt.

»Entschuldigen Sie«, begann Pharnon, »kommen Sie von Raluch Manor, Mr. McLean?«

Die Beamten wandten sich zu ihm um. McLeans Augen ruhten prüfend auf dem Anwalt.

»Richtig«, nickte McLean. »Weshalb fragen Sie, Sir? Gehört Ihnen der Wolseley, der draußen steht?«

Der Anwalt bejahte die Frage und stellte sich vor.

»Ich fahre morgen früh nach Raluch Manor«, fügte er hinzu. »Es handelt sich um ein Wiederaufnahmeverfahren, das ich anstrebe.«

McLean zog die Augenbrauen hoch.

»So? Wie heißt denn Ihre Klientin?«

»Miriam Imlach«, entgegnete Pharnon.

Als er sah, wie der Unterkiefer des Beamten herunterklappte, spürte er eine eisige Faust, die seinen Magen durchwühlte.

***

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CYRUS LIEß SEINE MUSKELN spielen, schnellte mit kraftvollen Sprüngen über die Unebenheiten des Bodens hinweg.

Schon bald erreichte er den Kartoffelacker, auf dem die dreizehn Frauen am Tag gearbeitet hatten. Die Körbe aus Weidengeflecht standen noch in den tiefen Furchen der Erde, die jetzt feucht und glitschig vom Regen war.

Cyrus verharrte und nahm die Witterung auf, die deutlicher als alles andere in seinen Sinnen stand. Mit geschmeidigen Bewegungen glitt er über den aufgeweichten Boden und erreichte bald den Korb, der dem Graben am nächsten stand.

Der Wolfsmensch nahm den Geruch jener Frau wahr, die sein Opfer werden sollte. Wind und Regen hatten diesen Geruch nicht fortspülen können. Nicht für Cyrus, dessen Witterungsvermögen unübertrefflich war.

Nun nahm er die Fährte auf. Die Blutgier trieb ihn zur Eile an.

Noch niemals war ihm eine entflohene Gefangene entkommen.

In mäßigem Wolfstrab, den er von seinen Vorfahren übernommen hatte, lief Cyrus am Graben entlang. Er überquerte die Brücke, unter der sich Miriam Imlach vor den Blicken der Aufseher verborgen hatte. Kurz darauf erreichte er die Stelle, an der sie aus dem Graben gekrochen war. Dann die Stelle im Unterholz, wo sie sich versteckt hatte. Hier war ihr Geruch besonders deutlich.

Cyrus entblößte sein mächtiges Gebiß. Es war wie das Grinsen eines menschlichen Gesichts.

Ein triumphierender Schrei entrang sich der Kehle des Wolfsmenschen.

Es war nun leicht für ihn, der Fährte zu folgen. Nur einmal hörte er auf seinem Weg eine Gruppe von Männern, die den Wald durchkämmten. Doch er war zu schnell und zu geräuschlos. Sie bedeuteten keine Gefahr für ihn.

Er erreichte die Hügelkuppe, von der auch Miriam Imlach die Lichter der Farm erblickt hatte. Sein Instinkt und seine scharfen Sinne sagten ihm, daß die Fährte dort unten bei der Farm endete.

Cyrus verharrte am Waldrand. Seine Augen glühten in der Dunkelheit. Sein Atem ging rasch. Doch es war keine Erschöpfung. Der Weg hierher hatte keine Anstrengung für ihn bedeutet. Es war die Gier, die jetzt stärker in ihm erwachte.

Nur hinter einem einzigen Fenster brannte unten noch Licht.

In dem Wolfsmenschen erwachte das wahnsinnige Verlangen, weibliches Fleisch zu reißen, in warmem Blut zu schwelgen.

Cyrus verließ die schützenden Bäume und pirschte sich an die Farm heran, flach auf den Boden gepreßt, völlig geräuschlos.

Vielleicht fand er sein Opfer gleich dort, hinter diesem erhellten Fenster. Aber auf jeden Fall befand sich die Entflohene in diesem Haus.

Das spürte Cyrus in dem Moment, als er die Stelle erreichte, wo die Frau bewußtlos zusammengebrochen war. Ein fremder Geruch kam hinzu. Der Geruch eines Mannes. Cyrus entblößte seine blitzenden Zähne zu einem bösartigen Grinsen.

Dann näherte er sich dem Fenster.

Von irgendwo waren Geräusche zu hören. Aus den Stallgebäuden vermutlich. Das Scharren von Hufen. Ein Pferd vielleicht. Oder eine Kuh. Cyrus achtete nicht darauf, diese stupiden Lebewesen bedeuteten keine Gefahr für ihn.

Langsam schob sich Cyrus an der Hauswand empor.

Die Fensterscheiben waren beschlagen. Doch die Vorhänge waren nicht zugezogen, und seine scharfen Augen ermöglichten Cyrus einen Blick in den dahinterliegenden Raum.

Sofort pulsierte das Wolfsblut heftiger in seinen Adern.

Eine Frau. Jung und schlank, nur mit einem Nachthemd bekleidet, das bis auf den Fußboden reichte.

Cyrus witterte sofort, daß es nicht die entflohene Gefangene war.

Er hörte das leise Weinen eines Kindes und wußte, daß sich dieses Kind in dem kleinen Bett befand, über das sich die Frau beugte. Ihre Handbewegungen waren liebevoll und voller Fürsorge.

Unbändige Gier packte Cyrus bei diesem Anblick. Es war sein Haß auf alles Weibliche. Cyrus konnte nicht wissen, woher dieser Haß kam. Er war damit aufgewachsen, mußte damit leben. Vielleicht empfand er diesen tiefverwurzelten Zorn auf alle Frauen, weil er die Geschichte seiner Entstehung nicht kannte. Er, der Wolfsmensch, kam aus dem Nichts.

Aber sein Instinkt spürte, daß eine Frau dafür verantwortlich war.

Es mußte ein Weib gewesen sein, das ihm dieses Leben eingebrockt hatte.

Cyrus konnte nur existieren, wenn er seinen Haß von Zeit zu Zeit befriedigte, seine Blutgier stillte. John Inverness gab ihm die Möglichkeit dazu. Von Zeit zu Zeit...

Bei dem Anblick der jungen Frau vergaß Cyrus den Befehl seines Herrn, sich nur ein einziges Opfer zu holen.

Seine Gier war stärker als alles andere.

Niemand konnte ihn daran hindern, sich diese Frau zu holen! Er allein bestimmte darüber.

Unvermittelt verengten sich seine glutroten Augen, als er sah, wie die Zimmertür aufschwang und den Blick auf einen Mann freigab.

Der Mann trug etwas Längliches in der Hand. Für Cyrus sah es aus wie ein großer schwarzer Knüppel. Er wußte nicht, was es wirklich war. Es interessierte ihn nicht.

Er wartete nur darauf, daß der Mann wieder verschwand. Er wollte allein die Frau. Gegen einen Mann kämpfte Cyrus nur dann, wenn er sich zur Wehr setzen mußte. Männliches Blut war für ihn unangenehm, fast ekelerregend.

Cyrus wartete.

Seine Ungeduld wuchs von Sekunde zu Sekunde.

***

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RORY MCDONNEL STELLTE die Schrotflinte neben der Tür ab und trat auf das Bett zu, in dem seine dreijährige Tochter lag. Seine Augen leuchteten, als er sich über das Bett beugte.

Die kleine Laura schluchzte nur noch matt. Durch die Anwesenheit der Mutter war sie beruhigt.

»Sie wird geträumt haben«, sagte Tina McDonnel leise. Ihre Worte klangen geistesabwesend, denn ihr Blick haftete auf der Schrotflinte.

Rory McDonnel richtete sich auf. Er las die stumme Frage in den Augen seiner Frau.

»Das Vieh ist unruhig«, sagte er. »Vielleicht ein Fuchs, der es auf unsere Hühner abgesehen hat. Ich werde draußen nach dem Rechten sehen, Darling. Bleib du bei unserem kleinen Engel, bis sie wieder eingeschlafen ist.«

»Geh nicht hinaus!« bat Tina McDonnel. »Bitte, tu es nicht, Rory! Du weißt, wen wir im Haus haben. Vielleicht sind es Bluthunde von Raluch Manor, die die Spur bis hierher verfolgt haben.«

»Unsinn«, entgegnete der Farmer mit sanftem Lächeln. »Wären es Hunde, hätten wir sie schon gehört. Aber wenn es dich beruhigt, sehe ich nach, ob die Frau noch auf ihrem Zimmer ist, bevor ich hinausgehe.«

Tina McDonnel senkte den Kopf.

»Ich weiß, daß ich dich nicht hindern kann. Und ich möchte mir auch nicht vorwerfen müssen, daß wir durch meine Bedenken unter Umständen wertvolles Geflügel verlieren.«

»Siehst du«, lächelte der Mann und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange. »Ich weiß doch, daß du vernünftig bist. Sei unbesorgt, ich bin in wenigen Minuten zurück.«

Es gelang Tina McDonnel nicht recht, das Lächeln ihres Mannes zu erwidern. Bestimmt war ihre Besorgnis unbegründet.

Doch sie konnte sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren.

Möglicherweise hing es aber auch nur mit der entflohenen Gefangenen zusammen, die sie bei sich aufgenommen hatten. Tina McDonnel zwang sich, nicht mehr daran zu denken. Sie wandte sich wieder ihrer Tochter zu.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914511
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380730
Schlagworte
grusel thriller wolfsmensch

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #11: Der Wolfsmensch