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Top Grusel Thriller #10: Im Würgegriff des Zyklopen

2017 120 Seiten

Leseprobe

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A.F. Morland: Im Würgegriff des Zyklopen

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Im Würgegriff des Zyklopen

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Der Mann sah aus, als hätte ihn die Hölle ausgespien. Seit dem Unfall, den er als Kind gehabt hatte, war sein Gesicht kein Gesicht mehr. Schwefelsäure hatte es zerfressen. Tiefe Narben lagen über den Knochen. Ein ewiges Grinsen verzerrte den Mund. Über den Augen wuchsen seit jenem schrecklichen Tag keine Brauen mehr.

Der Mann stieß vorsichtig und vollkommen lautlos das Fenster auf und glitt dann wie ein körperloser Schatten in die finstere Leichenhalle, die sich an das Holy-Cross-Krankenhaus anschloß. Er drückte das Fenster hinter sich behutsam zu. Er bewegte steh so vorsichtig, als fürchte er, die Toten in ihrer ewigen Ruhe zu stören.

Langsam holte der Mann eine kleine Stablampe hervor. Er knipste sie an. Der weiße Lichtfinger glitt durch die Halle. Auf kalten Marmorpritschen lagen sieben Leichen. Abholbereit für die Pathologie. Zugedeckt mit einem weißen Laken.

Der Eindringling huschte von einem Toten zum anderen. Er hob hier ein Leichentuch und da. Es schien, als suchte der Mann jemanden. Er verharrte kurz vor einem alten, faltigen eingefallenen Raubvogelgesicht.

Der zahnlose Mund war aufgeklafft und bildete eine dunkle Öffnung. Der Tote hatte schlohweißes Haar. Man hatte vergessen, ihm die Augen zuzudrücken. Er starrte mit gebrochenem Blick zur Decke.

Der Mann ließ das Leichentuch auf das alte Gesicht zurückfallen. Er begab sich zur nächsten Pritsche. Hier lag ein junges blondes Mädchen. Es lag da, als würde es schlafen. Sein Gesicht zeigte Ruhe und Zufriedenheit.

Unter dem nächsten Leichentuch lag ein kräftiger Körper. Die Gestalt des Metzgers. Er war an den Folgen eines Autounfalls gestorben.

Seinetwegen war der Eindringling gekommen. Er hob das Laken ab und ließ es zu Boden fallen. Sein Blick glitt über den nackten Körper des Toten. Grinsend starrte er den Kopf des Leichnams an. Dann bewegten sich seine vernarbten Lippen während eines kehligen Gemurmels: »Das ist die richtige Nahrung für IHN. Das wird IHN stärken. Die Kraft des Metzgers wird auf IHN übergehen!«

Der Mann legte die Stablampe so, daß ihr Schein das blasse Gesicht des Metzgers beleuchtete. Dann holte er ein langes blitzendes Messer aus seiner Jacke. Mit flammenden Augen starrte er auf den breiten Hals des Toten. Dann aber bewegte sich der Mann zu den Füßen des Leichnams und begann sein grausiges Werk...

***

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CARMILLA MORTON WAR fünfundzwanzig. Ein schönes blondes Mädchen mit wachen Augen und von der Natur mit einem hellen Verstand ausgestattet. Sie war Krankenschwester im Holy Cross Hospital. Die Schwesterntracht schmiegte sich eng an ihre makellose Figur.

Sie war noch nicht verheiratet, stand aber kurz vor diesem großen Ereignis. Ein Kaufmann war der Auserwählte, und obwohl Carmilla Morton nichts weiter als ihre atemberaubende Figur in die Ehe mitbrachte, war der glatzköpfige Kaufmann überglücklich, dieses liebreizende Geschöpf heimführen zu dürfen.

Carmilla hatte in dieser Nacht Dienst.

Seufzend warf sie die Tür des Aufenthaltsraumes für Krankenschwestern hinter sich zu. Emma Farrell, ihre Kollegin, saß an einem Schreibtisch und blätterte in einem Buch über Schmetterlinge. Nun hob sie den Blick. Emma war ein Mädchen mit einer langweiligen Figur, mit Sommersprossen und rotem Haar und mit einem Mund voll schiefer Zähne. Zu allem Unglück trug sie auch noch eine Brille, die überhaupt nicht zu ihrem Gesicht paßte.

»Also nein!« stöhnte Carmilla Morton und ließ sich auf das Bett fallen, das hier für alle Fälle stand. »So geht das wirklich nicht mehr! Wie komme ausgerechnet ich dazu... Ich meine, es gibt doch genug andere Krankenschwestern in diesem Hospital. Deshalb sehe ich absolut nicht ein, warum ausgerechnet ich so oft zum Nachtdienst eingeteilt werde. Will Dr. Westlake mich bestrafen? Oder warum tut er das sonst?«

Emma erhob sich. Sie streifte den Kittel zurecht, verschwand in der Kochnische und kam mit zwei Tassen Tee zurück.

»Hier, Carmilla. Trink erst mal. Das beruhigt.«

»Ich will mich nicht beruhigen!« sagte Carmilla ärgerlich. Ihr Busen hob und senkte sich aufgeregt. »Ich werde es ihm gleich morgen früh sagen.«

»Wem?«

»Dr. Westlake. Und wenn ihm irgend etwas nicht paßt, kann ich ja gehen. Ich bin auf diese Stellung nicht angewiesen. Der Kerl von Zimmer siebzehn war heute wieder unausstehlich. Schwester dies, Schwester das. Ich bin bestimmt die letzte, die nicht gern hilft. Aber ich lasse mich von keinem Hypochonder schikanieren! Dem Kerl fehlt doch gar nichts. Liegt fett und behäbig im Bett und läßt sich hinten und vorn bedienen. Aber da spiele ich nicht mehr mit! Der kann mich mal...«

Emma Farrell lachte, nahm die Brille ab und knetete die Nase.

»Bist heute schlecht gelaunt, wie?«

»Ach was!« gab Carmilla zurück. Sie stand auf und nahm ihre Teetasse.

Sie ging damit zum offenstehenden Fenster und blickte in den Garten hinaus.

Plötzlich glaubte sie, am Fenster der Leichenhalle einen Lichtschimmer vorbeihuschen zu sehen. Sie war nicht ganz sicher, deshalb sagte sie noch nichts. Sie rührte nervös um, während sie mit den Augen ein Fenster nach dem anderen abtastete.

»Wie oft hattest du in diesem Monat schon Nachtdienst?« hörte sie Emma hinter sich fragen.

»Siebenmal«, sagte Carmilla, ohne sich umzudrehen. Irgend etwas stimmte dort unten nicht.

»Ich war schon neunmal eingeteilt«, hörte sie wieder Emma sprechen.

»Und du kommst dir benachteiligt vor?«

Carmilla legte den Löffel auf die Untertasse, tastete nach dem kleinen, zarten Griff der Tasse und führte sie langsam an die Lippen.

»Neunmal?«

»Mhm.«

»Au, verflixt!«

»Was ist?« fragte Emma.

»Der Tee. Er ist so heiß. Ich habe mich verbrannt.«

Emma lachte wieder. »Also doch schlecht gelaunt.«

»Fang du nicht auch noch an, mich zu ärgern.«

»Ich bin ja schon still«, sagte Emma mit einem versöhnlichen Lächeln.

Sie hatte ihre Brille wieder aufgesetzt. »Sag mal...«

»Ja?«

»Warum siehst du eigentlich so starr aus dem Fenster, Carmilla? Gibt es da draußen irgend etwas Interessantes zu sehen?«

»Die Fenster der Leichenhalle...«

»Na, hör mal, wenn die interessant sein sollen...«

»Ich glaube, ich habe dahinter einen Lichtschimmer gesehen.«

Emma lachte nervös auf. Gleich darauf verstummte ihr Lachen.

»Unsinn, Carmilla. Die Toten brauchen kein Licht.«

»Eben.«

»Du hast dich bestimmt geirrt. Die Halle ist doch abgeschlossen, nicht?«

»Natürlich«, sagte Carmilla Morton, während ihr Blick immer noch die Fenster absuchte.

»Keinem würde einfallen, sie mitten in der Nacht zu betreten«, sagte Emma. Sie fröstelte leicht, ohne zu wissen, weshalb. »Dort unten ist es am Tag schon unheimlich genug...«

»Ob wir nachsehen sollten?«

Emma schüttelte erschrocken den Kopf. Ihr rotes Haar zitterte, und sogar die dunklen Sommersprossen verloren ein wenig Farbe.

»Kommt überhaupt nicht in Frage, Carmilla. Wir sind für die lebenden Patienten da. Nicht für die toten. Stell dir vor, jemand braucht ganz dringend Hilfe - und wir sind nicht hier, weil wir einem Gespenst in der Leichenhalle nachjagen, das es gar nicht gibt. Das hätte schlimme Folgen. Nein, nein. Wir bleiben hier. Und wir kümmern uns nur um unsere Angelegenheiten. Außerdem - außerdem würden mich zu dieser Stunde keine zehn Pferde zu den Leichen hinunterbringen. Mir graut vor Toten. Ich glaube, ich werde mich wohl nie an ihren starren Anblick gewöhnen können.«

Carmilla drehte sich um. Sie ging vom Fenster weg und zuckte die Achseln.

»Du hast recht, Emma. Wahrscheinlich habe ich mich wirklich geirrt. Es ist dieser gottverfluchte Nachtdienst. Er tut mir nicht gut.«

Emma atmete erleichtert auf. Die Spannung löste sich von ihr. Wenn Carmilla allerdings jetzt noch am Fenster gestanden und zur Leichenhalle hinübergeblickt hätte, dann hätte sie gesehen, daß sie sich nicht geirrt hatte. Eben in diesem Augenblick glitt wieder ein Lichtschein über die Fenster...

***

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DER HÄßLICHE MANN HUSCHTE mit seiner grausigen Beute zum Fenster. Ein schwarzer Nylonsack baumelte schwer an seiner Seite.

»Ich muß mich beeilen!« knurrte der Mann. »Ich muß zu IHM. ER wartet auf mich. ER hat bestimmt schon schrecklichen Hunger. Ja, mein Freund! Ja. Ich komme. Ich eile. Und ich habe DIR gute Sachen besorgt.«

Er steckte die Taschenlampe ein, zog das Fenster vorsichtig auf und spähte nach draußen. Stille. Die dunkle Nacht lag friedlich vor den Fenstern. Irgendwo balgten sich zwei kreischende Katzen. Ein Hund bellte. Es war eine Nacht wie jede andere.

Der Mann kletterte aus dem Fenster. Den Nylonsack hütete er, als wäre eine unschätzbare Kostbarkeit darin. Nun klappte er das Fenster lautlos zu.

Am Nachthimmel hing eine bleiche scharfe Mondsichel. Der Mann lauschte kurz. Dann schlich er mit kleinen Schritten das schmale Sims entlang. Er erreichte ein langes Flachdach, sprang hoch, lief geduckt darüber und sprang auf der anderen Seite in eine schmale dunkle Straße hinunter.

Er kam hart auf, federte den Sprung ab, indem er tief in die Hocke ging, und richtete sich gleich wieder auf. Ein kurzer Blick nach dem schwarzen Nylonsack. Dann verzog sich das grauenvoll verstümmelte Gesicht des Mannes zu einem teuflischen Grinsen.

Die schmale Straße war leer. Hinter einem halb offenstehenden Fenster schnarchte jemand. Der Häßliche begann wieder zu kichern. Die Heiterkeit ließ seine breiten, muskulösen, leicht nach vorn gebeugten Schultern beben.

»Ich komme, mein Freund!« sagte er heiser. »Ich beeile mich! Ich weiß, wie schrecklich DEIN Hunger ist.« Der Mann schüttelte den Nylonsack.

»Damit wirst DU DICH stärken!«

Er wandte sich um und entfernte sich eilig.

***

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»SIE SOLLTEN MIT MIR hineinkommen, Sergeant Cullen!« sagte der Betrunkene in dem Moment, als der Häßliche aus dem Fenster der Leichenhalle kletterte. »Auf ein Schnäpschen, hm? Würde Ihnen sicher guttun. Die ganze Nacht hier draußen... Muß doch scheußlich sein!« Der Betrunkene schüttelte sich wie ein begossener Pudel.

Dann stieß er den uniformierten Polizisten grinsend in die Seite.

»Braucht ja keiner was davon zu erfahren, Sergeant.«

Sergeant Cullen, ein im Dienst ergrauter Polizist, der sich keinen anderen Beruf als diesen vorstellen konnte, schüttelte den Kopf.

»Ich trinke nie im Dienst.«

Der Betrunkene lachte krächzend. Er wankte, sobald er sich vom Haustor loslöste, an dem er lehnte. Sein Gesicht war rund und rot. Die Nase schimmerte blau.

»Warum müßt ihr Polizisten immer solche Übermenschen sein? Was ist denn schon dabei...?«

Sergeant Cullen strich sich grinsend über das Doppelkinn. Seine wasserhellen Augen funkelten belustigt.

»Denken Sie, ich hätte Sie nicht längst durchschaut? Denken Sie, ich wüsste nicht, weshalb Sie mir ein Schnäpschen anbieten, obwohl Sie überall als Geizkragen verschrien sind...?«

»Also - also, das dürfen Sie wirklich nicht sagen, Sergeant. Außerdem verstehe ich wirklich nicht...«

Der Sergeant winkte lachend ab.

»Ach, kommen Sie, Sie durchtriebener Halunke. Sie haben Angst vor Ihrer Frau, die da drinnen schon mit dem Nudelholz auf Sie wartet!«

Der Betrunkene schüttelte entrüstet den Kopf. »Aber Sergeant! Meine Frau würde das nie... Ich meine, sie hat es mal versucht, aber da ist sie bei mir an den Falschen geraten, verstehen Sie? Seither ist sie friedlich.«

»Na, dann haben Sie ja nichts zu befürchten«, sagte Sergeant Cullen lachend. Er tippte sich an den Helm und brummte: »Gute Nacht.«

Der Betrunkene schaute ihn enttäuscht an. »Sie wollen wirklich nicht...?«

»Wirklich nicht.«

»Ist das ihr letztes Wort?«

»Mein allerletztes«, sagte Sergeant Cullen grinsend. »Verlieren Sie aber trotzdem nicht den Mut. So schlimm wird es schon nicht werden.«

Der Mann hob seufzend die Schultern und betrat dann niedergeschlagen das Haus. Augenblicke später hörte Cullen das unangenehme Kreischen einer Frauenstimme. Dann das Scheppern von Blechtöpfen. Das Klirren von Glas. Und die beschwörenden Rufe des Betrunkenen.

Sergeant Cullen schüttelte den Kopf und bog in die nächste Seitenstraße ein. Sein Rundgang führte ihn an der Rückfront des Holy Cross Hospital vorbei.

Plötzlich nahm er eine Bewegung wahr. Er sah einen Kerl, der am Rande des Daches auftauchte. Gleich darauf sprang der Mann auf die Straße hinunter. Er trug etwas in der rechten Hand. Einen Sack. Es schien sich um einen Einbrecher zu handeln. Sergeant Cullen versteckte sich schnell in einer dunklen Hausnische. Er beobachtete den hochgewachsenen Mann, der sich nun murmelnd in seine Richtung wandte und mit schnellen Schritten näher kam. Cullen erwartete den dunkelgekleideten Kerl mit pochendem Herzen und verkniffenen Lippen.

Heute bewies es sich endlich einmal, daß die nächtlichen Rundgänge einen Sinn hatten. Wenn er seinen Dienst nicht mit der nötigen Zuverlässigkeit ausgeübt hätte und der Einladung des Betrunkenen gefolgt wäre, hätte er diesen Kerl da nicht ertappt.

Sergeant Cullen wartete mit feuchten Handflächen. Er war aufgeregt.

Mit vor Eifer funkelnden Augen starrte er auf den Nylonsack, den der Mann, der wahrscheinlich im Krankenhaus gewesen war, mit sich trug.

Was mochte wohl in dem Sack sein? Gleich würde er es wissen.

Der Mann kam schnell näher. Vier Schritte. Drei. Zwei. Einer...

Sergeant Cullen stieß sich von der Mauer ab und stellte sich dem Kerl ganz plötzlich in den Weg. Sein Auftritt verfehlte nicht die beabsichtigte Wirkung. Der Mann stieß einen erschrockenen Laut aus und blieb starr stehen.

»So, Freundchen!« knurrte Cullen grimmig. »Und jetzt zeigst du mir mal, was du da in dem Sack hast!«

***

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CULLEN HATTE DIE TASCHENLAMPE aufgedreht und leuchtete dem Häßlichen damit ins furchterregende Antlitz. Der Mann stieß schnaubende Laute aus.

Er war ungemein erregt, stampfte mit den Füßen und funkelte den Sergeant mit flatternden Augen an.

»Byron!« sagte der Sergeant erstaunt. »Byron Kells!«

Byron Kells. So hieß der Häßliche. Jedermann kannte ihn. Jedermann ekelte sich vor seinem Anblick. Als ihm das damals mit der Schwefelsäure passiert war, hatte sein Leben an einem seidenen Faden gehangen. Dr. Desmond Westlake, der Leiter des Krankenhauses, hatte das Wunder zuwege gebracht und den schwerverletzten Jungen am Leben erhalten. In der Stadt war man sich jedoch einig, daß es für Byron Kells und für die Bewohner der Stadt wohl besser gewesen wäre, wenn Dr. Westlakes Kunst versagt hätte.

»Was machst du um diese Zeit noch auf der Straße, Byron?« fragte Cullen scharf.

»Nichts, Sergeant. Wirklich nichts. Ich bin auf dem Heimweg.«

»Ich habe dich von dem Dach dort springen sehen, Byron!«

»Sie müssen sich irren, Sergeant. Ich war nicht auf dem Dach. Was sollte ich denn auf dem Dach machen? Also nein, ehrlich...«

Cullen musterte den Häßlichen mißtrauisch. »Sag mal, warum bist du denn so aufgeregt, Byron?«

Kells erschrak. »Ich? Aufgeregt? Ich bin kein bißchen aufgeregt, Sergeant. Ich bin nur schrecklich müde und möchte endlich nach Hause kommen.«

Cullen grätschte die Beine, um eindrucksvoller dazustehen.

»Wo warst du, Byron?«

»Ich war bei Freunden, Sergeant.«

»Lüg doch nicht, Byron!«

»Wieso...?«

»Du hast doch keine Freunde. Alle fürchten sich vor deinem häßlichen Gesicht. Man verachtet dich. Wo du auftauchst, verjagt man dich. Nein, mein Junge. Mir kannst du vieles erzählen, aber das nicht. Das ganz bestimmt nicht. Du hast keine Freunde. Was befindet sich in dem Nylonsack?«

Byron Kells zuckte unwillkürlich zurück. »Ein paar persönliche Dinge, Sergeant.«

Cullen schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Byron, Byron. Ich hätte nicht gedacht, daß du einmal so tief sinken würdest. Soll ich dir sagen, wie ich die Sache sehe?«

»Wie denn?« fragte Kells, hochgradig nervös. Er stampfte unentwegt mit den Füßen auf, konnte sich kaum noch beherrschen.

»Du warst im Krankenhaus und hast da die Patienten bestohlen!« sagte Sergeant Cullen hart. »Stimmt's?«

Kells schüttelte schnell den Kopf. »Nein, Sergeant. Nein! So etwas würde ich nie tun!«

Cullen nickte. »Okay. Dann laß mich mal in den Sack sehen.«

»Nein!« schrie Kells fast.

»Warum nicht?« fragte Cullen zornig.

»Es sind persönliche Sachen drinnen.«

»Ich will sie sehen!«

»Nein, Sergeant!« Kells sog die Luft pfeifend durch die verstümmelte Nase ein.

»Byron!« schnarrte Cullen jetzt gereizt. »Wenn du nicht sofort... Also, ich verlange zum letztenmal, daß du mich in den Sack sehen läßt! Wenn du dich weiter weigerst, bin ich gezwungen, dich zum Police Office zu schleppen. Da mußt du mich dann hineinschauen lassen! Also, sei vernünftig und mach keine Geschichten! Ich habe jetzt wirklich genug Geduld mit dir gehabt! Her mit dem Sack!«

Kells zuckte zurück. Seine Augen glitzerten haßerfüllt.

»Wird's bald?« bellte Cullen.

Kells gab ihm den Sack zögernd.

»Ganz schön schwer!« sagte Cullen. »Na, wollen mal sehen, was das für persönliche Dinge sind, die du da drinnen aufbewahrst.«

Er öffnete den Sack. Süßlicher Leichengeruch stieg ihm in die Nase. Er verzog das Gesicht und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Da faßte eine eiskalte Hand nach seinem Herzen. Das bleiche Gesicht des toten Metzgers schimmerte ihm grauenerregend entgegen. Außerdem befanden sich noch zwei Hände und zwei Füße in dem schwarzen Nylonsack.

Angeekelt und entsetzt ließ Sergeant Cullen den Sack fallen.

Da sprang ihn Byron Kells mit gezücktem Messer an. Cullen wollte den gewaltigen Hieb mit beiden Händen abfangen. Es gelang ihm nicht.

Ratschend schlitzte die lange scharfe Klinge seine Uniform auf und fügte ihm eine tiefe Schnittwunde an der rechten Brustseite zu. Nun wollte Cullen entsetzt um Hilfe rufen. Doch Byron Kells packte ihn blitzschnell an der Kehle. Er drückte kraftvoll zu. Sein Messer sauste erneut herab.

Und diesmal drang dem Sergeant die Klinge tief in die Brust. Röchelnd brach er zusammen. Kells stach immer wieder zu. Erst als der zuckende Körper still lag, ließ er für einen Augenblick von dem Polizisten ab.

Keuchend schaute er sich um.

Niemand hatte den Mord beobachtet.

Seine Augen glitten über den toten Sergeant. Blut floß dunkel unter dem Körper hervor.

Kells kicherte teuflisch. »Du hättest nicht so neugieirg sein sollen, Sergeant. Ist nicht gut, wenn man alles wissen möchte. Deinetwegen ist der Hunger meines Freundes nun noch größer geworden. Weil du mich solange aufgehalten hast. Ich muß SEINEN Riesenhunger stillen, sonst wird ER sehr, sehr böse.«

Byron Kells kniete neben dem Toten nieder und griff nach dessen rechter Hand...

***

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DER WIND PFIFF UND heulte über die von der Zeit zerfressene Klosterruine, Unkraut wucherte aus den Mauerritzen. Gesteinsbrocken, einstmals zu Mauern aufgeschichtet, lagen im hohen Gras.

Ein Käuzchen rief klagend und wehmütig. Wolken zogen sich dicht und schwer am Nachthimmel zusammen. Sie führten Regen mit sich. Ein fernes Donnergrollen lief über die weite Ebene, die vor der Ruine lag, Ab und zu erhellte ein greller Blitz die schaurige Szene. Gemäuer erwachten scheinbar zum Leben, tanzten und zuckten im Licht des Blitzes und erstarrten dann wieder zu leblosen Gebilden, die furchteinflößend aufragten.

Byron Kells erreichte die Klosterruine, bevor die ersten schweren Tropfen vom Himmel auf die Erde klatschten. Er schwitzte, denn er war schnell gegangen. Sein Atem rasselte. Sein häßliches Gesicht zeigte einen Ausdruck der Zufriedenheit, der Freude.

»Der Sergeant und der Metzger werden IHM schmecken!« flüsterte Kells begeistert. »Sie werden IHN stark machen. Und groß. Und unsterblich.«

Kells strebte einem hohen schmalen Loch zu, das wie der Eingang in die Unterwelt wirkte. Ein finsteres, weit aufgerissenes Maul, das alles und jeden zu verschlingen drohte. Kells hatte keine Furcht. Er war hier sozusagen zu Hause. Er kannte jeden Winkel dieser Ruine. Und in letzter Zeit kam er kaum noch in seine Wohnung. Er verbrachte bereits die meisten Nächte hier in dieser schaurigen Umgebung, und er fühlte sich wohl hier.

Mit schnellen Schritten lief er den schrägen Abgang hinunter. Die Schritte hallten von den Wänden zurück. Ratten pfiffen aufgeregt und fegten über den schwarzglänzenden feuchten Boden.

Der schräg abwärts führende Gang machte einen Knick. Plötzlich tauchte ein Lichtschimmer auf. Unzählige kleine und größere Gänge zweigten ab. Es war ein wahres Labyrinth hier unten. Man konnte sich leicht verirren, wenn man nicht ortskundig war. In dicken rostigen Eisenringen steckten brennende Fackeln. Ihre Flammen zuckten nervös und warfen Byron Kells' langen schwarzen Schatten an die Wand.

Kells schaute auf den glänzenden Nylonsack. Das war Nahrung.

Nahrung für IHN!

Ein schauderhaftes Röhren und Winseln zitterte grauenvoll durch das weitverzweigte Kellergewölbe. Je näher er kam, desto lauter wurden die schrecklichen Geräusche, die von keinem Menschen hervorgebracht werden konnten. Aber auch ein Tier konnte zu solchen Geräuschen unmöglich fähig sein.

Es waren Laute, die einem furchtbare Angst machten. Laute, die einen erschreckten. Laute, hinter denen eine geballte Gefahr versteckt zu sein schien. Kells hatte sich daran gewöhnt. Er fürchtete sich nicht. Ihm waren die schrecklichen Töne, die ein wahnsinniges Wesen hervorzubringen schien, vertraut.

Das Gewölbe erzitterte unter dem Heulen und Brüllen.

Kells durchquerte mit sicherer Ortskenntnis mehrere Kammern, die zur Zeit der Inquisition schreckliche Dinge gesehen hatten. Gerippe von toten Tieren lagen auf dem Boden. In den Ecken und Winkeln hingen dicke Spinnweben. Über den Boden kroch ekelhaftes Kellergetier. Und immer schauderhafter wurde das Geschrei,' das jedem anderen außer Kells die eiskalte Gänsehaut über den Rücken jagen mußte.

Byron Kells verzog sein gräßliches Gesicht, diese fürchterliche Fratze, zu einem schiefen Grinsen.

»Ich komme ja schon, mein Freund! Ich bringe DIR gute Sachen mit. Kannst wirklich froh sein, daß ich mich um DICH kümmere.«

Kells öffnete eine Tür. Sie knarrte und wimmerte schrecklich in den Angeln. Schwer krachte sie mit einem dumpfen Knall, der vibrierend durch die Gänge lief, gegen die hohe Wand.

Nun schwoll das Gebrüll ohrenbetäubend an. In dem Raum, den Kells betrat, befanden sich Tische mit Reagenzgläsern. Zahlreiche elektrische Apparaturen, die von einem eigenen Generator mit Strom versorgt wurden. Eprovetten. Bunsenbrenner. Alle Einrichtungsgegenstände, die in ein gut ausgerüstetes Laboratorium gehörten.

Kein Lebewesen war zu sehen. Und das Geschrei, Gebell und Getöse schwoll zu einer Intensität an, die kaum zu überbieten war. Es schien, als wären Mensch, Tier und Teufel eine schreckliche Verbindung eingegangen. Es schien, als würde dieses fürchterliche Wesen grauenhafte Schmerzen zu ertragen haben. Jeden anderen Menschen mußten die grauenvollen, unbeschreiblichen Geräusche wahnsinnig machen. Kells jedoch schienen sie völlig kaltzulassen.

Er drückte auf einen Knopf.

In der Mitte des Raumes öffnete sich eine breite Falltür. Nun wurden die grauenerregenden Geräusche durch nichts mehr gedämpft. Das Geheul, Gebell, Gebrüll kam aus der schwarzen Tiefe wie das Geschrei des Satans.

Ein Stöhnen und Röcheln mengte sich den anderen Geräuschen bei. Es war schrecklich anzuhören, und ein bestialischer Gestank stieg aus der Öffnung hoch.

Byron Kells trat an den Rand der Öffnung. Er hob den Nylonsack hoch, drehte ihn um und ließ die grausigen Dinge, die er darin aufbewahrte, in die Tiefe fallen.

»Hier, mein Freund, das ist für DICH!«

Für einen Moment verstummten die fürchterlichen Geräusche.

Ein grauenerregendes Schmatzen, Würgen und Schlingen war zu hören.

ER befriedigte seine Gier.

***

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GROLLEND FEGTE DAS schwere Gewitter über die kleine Stadt hinweg.

Heftige Donner rollten durch die pechschwarze Nacht. Blitze schienen die Welt zerfetzen zu wollen.

Klatschend prasselten die dicken, schweren Regentropfen gegen die geschlossenen Krankenhausfenster. Die Luft im Aufenthaltsraum für Nachtschwestern war schwül, fast unerträglich stickig.

Allmählich wanderte das Gewitter nach London weiter. Der Morgen begann zu grauen.

Kurz vor Dienstschluß sagte Carmilla Morton zu Emma Farrell: »Ich weiß nicht, die Sache mit der Leichenhalle läßt mir keine Ruhe. Je mehr ich darüber nachdenke, desto fester glaube ich, daß es kein Irrtum war. Ich habe dort unten wirklich einen Lichtschimmer gesehen.«

Emma Farrell zuckte unbehaglich die Achseln. Sie dachte an die Toten in der Leichehalle und schauderte.

»Ist auch eine Art von Verfolgungswahn«, sagte sie, um Carmillas Bedenken zu zerstreuen.

Carmilla erhob sich. Emma schaute sie erschrocken an.

»Ich seh' mal nach«, sagte Carmilla. »Bin gleich wieder zurück.«

Emma nahm die Brille ab und nickte gleichgültig. »Tu, was du nicht lassen kannst! Sonst verfolgt dich die Geschichte bis in die tiefsten Träume hinein.«

Carmilla gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Dann verließ sie den Raum. Sie ging den langen weißen Korridor entlang. Es roch nach Karbol, und das sterile Weiß der Wände und Türen verliehen dem Gang eine Kälte, die einen ansprang wie der kalte Hauch des Todes.

Carmillas Schritte hallten von den Wänden wider. Die Kranken schliefen noch, obwohl die Nacht bereits dem Tag zu weichen begann. Es war eine anstrengende Nacht gewesen. Carmilla war froh, daß sie endlich vorbei war.

Sie erreichte den Lift. Die Kabine stand eine Etage höher. Carmilla drückte auf den Rufknopf. Leise surrend kam der Aufzug herunter.

Augenblicke später stand sie im Lift. Sie betrachtete sich im Spiegel. Die Ringe unter den Augen gefielen ihr nicht. Sie müßte sich endlich einmal ausschlafen können. Carmilla gelangte unten an.

Wieder ein Korridor. Mehrere Türen. Dann stand sie vor einem kleinen Blechkasten, der an der Wand hing. Sie öffnete ihn mit dem Universalschlüssel, den sie bei sich trug, und entnahm dem Kasten den Schlüssel für die Leichenhalle. Kein anderer als dieser paßte.

Nun trat sie an die schwere Metalltür.

Mit einem metallenen Klicken schnappte das Schloß auf. Carmilla öffnete die Tür, hielt den Atem an und zögerte einen ganz kleinen Moment.

Dann trat sie ein. Sie tastete nach dem Lichtschalter. Das Neonlicht verbreitete eine aufdringliche Helligkeit in der Leichenhalle.

Carmilla schaute nach den Fenstern. Sie waren alle geschlossen.

Sie ging von einer Leiche zur anderen und hob überall ganz kurz das Laken an. Das Gefühl, das ihr im Nacken und im Magen saß, war unbeschreiblich. Angst, Erregung, Schauder lagen darin.

Nun hatte sie die Marmorpritsche erreicht, auf der der tote Metzger lag.

Ohne etwas Böses zu ahnen, hob sie auch dieses Laken. Da sprang sie ein grauenvoller, panischer Schrecken an. Ihre Augen weiteten sich in grenzenlosem Ekel, während sie sich mit einem heiseren Aufschrei die Hände vor die nun grau gewordene Stirn schlug.

Bestürzt starrte sie auf den blutigen Halsstumpf.

Das Leichentuch rutschte vom toten Körper des Metzgers. Hände und Füße der Leiche fehlten ebenfalls. Mit einem krächzenden Schrei, einer lähmenden Ohnmacht nahe, wandte sich Carmilla um und wankte kreidebleich aus der Leichenhalle.

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ALS DER ALTE WECKER, der auf einem Teller stand, scheppernd läutete, zuckte die alte Mrs. Moss hoch. Dieses Läuten hätte Tote aufwecken können. Mrs. Moss strich sich das eisengraue zerzauste Haar aus der niederen Stirn, rieb sich die schmale Nase und suchte nach ihrem Gebiß, nachdem sie den Wecker abgestellt hatte. Dann kroch sie mit ihren spindeldürren Gliedern aus dem warmen Bett. Das Nachthemd hing an ihrem dürren Körper wie auf einem Kleiderhaken. Mit schleppenden Schritten, immer wieder gähnend, ging sie ins Bad.

Danach zog sie sich mit der für ihr Alter gerade noch zumutbaren Eile an. Sie mußte schnell machen, wenn sie den Bus noch erwischen wollte.

Ihre Schwester war krank und hatte gestern nacht angerufen. Sie hatte sie gebeten, für ein paar Tage zu ihr zu kommen und ihr den Haushalt zu führen. Warum nicht? Mrs. Moss machte das nichts aus. Sie war hier sowieso allein. Nachdem sie angezogen war, griff sie sich den kleinen Handkoffer, den sie bereits gestern, gleich nach dem Anruf, gepackt hatte.

Mrs. Moss verließ das Haus, als das Gewitter weitergezogen war. Die Straßen glänzten noch naß. Aber vom Himmel kam kein Wasser mehr herab. Die Luft roch rein, würzig, herrlich. Mrs. Moss atmete tief ein. Das tat ihr gut. Sie prüfte noch einmal gründlich, ob alle Türen und Fenster gut verschlossen waren. Dann machte sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Sie bog in die nächste schmale Straße ein. Schon von weitem sahen ihre alten, aber keineswegs schwachen Augen eine Gestalt in einer schattigen Hausnische lehnen. Sie dachte kopfschüttelnd an einen Betrunkenen, der die Suche nach seinem Zuhause vorübergehend aufgegeben hatte, um hier mal gründlich seinen Rausch auszuschlafen.

Als sie näher kam, erkannte sie, daß die Gestalt eine Polizeiuniform trug. Und als sie noch näher kam, drohte ihr altes Herz vor Schreck und Grauen beinahe stehenzubleiben. Da lag Sergeant Cullen. Sein Kopf, seine Hände und seine Füße fehlten. Sie konnte ihn nur an seiner Uniform erkennen.

Seine Schuhe standen neben ihm. Die Strümpfe waren ordnungsliebend in die Schuhe gelegt worden. Dieser makabre Anblick raubte Mrs. Moss beinahe den Verstand. Sie hörte jemanden schrill und verzweifelt schreien und wußte nicht, daß sie selbst es war, die schrie, schrie, schrie!

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DR. DESMOND WESTLAKE saß in seinem Büro. Der Raum war spartanisch eingerichtet. Es waren nur jene Möbel vorhanden, die unbedingt erforderlich waren. Auf dem Boden lag nicht einmal ein Teppich. An den Wänden standen Regale mit Fachliteratur. Auf dem Schreibtisch, an dem Dr. Westlake nun saß, standen zwei Telefone und eine Sprechanlage.

Westlake war ein großer Mann, etwa fünfzig. Sein Haar war an den Schläfen grau. Sein Gesicht war markant geschnitten, die Augen lagen unter dunklen buschigen Brauen und blickten zumeist streng und ernst.

Dr. Desmond Westlake war der Leiter des Holy-Cross-Krankenhauses.

Er rieb sich die müden Augen und schüttelte mehrmals den Kopf.

»Unvorstellbar. Es ist in höchstem Maße unvorstellbar.«

Sein junger Stellvertreter, Dr. Harry Bellman, sagte: »Wir müssen die Polizei verständigen!«

Dr. Westlakes Kopf ruckte hoch. Er schaute Bellman entsetzt an.

»Sie sind wohl nicht bei Trost, Dr. Bellman! Wir werden diesen unangenehmen Vorfall selbstverständlich nicht melden!«

»Aber... wie stellen Sie sich das vor?« fragte Harry Bellman mit flammendem Blick. Er war vital, war klug, hatte eine sportliche Figur, hellblaue Augen, blondes Haar und schneeweiße Zähne. »Wir können doch nicht einfach so tun, als wäre überhaupt nichts passiert!«

»Doch, Dr. Bellman! Das können wir. Ich will, daß dieses Krankenhaus sauber bleibt, verstehen Sie? Wenn der Vorfall an die Öffentlichkeit dringt, gibt es einen Skandal! Ein Krankenhaus, aus dem Hände, Füße und Köpfe von Leichen gestohlen werden, ist wenig attraktiv. Wir können uns eine solche Blamage einfach nicht leisten!«

»Der Kerl wird vielleicht wiederkommen, wenn er merkt, daß wir nichts unternehmen, Dr. Westlake!«

Der Leiter des Krankenhauses preßte die Lippen fest aufeinander. Sie wurden zu schmalen Strichen. Er schüttelte energisch den Kopf.

»Keine Polizei, Dr. Bellman! Haben Sie mich verstanden?«

Bellman holte tief Luft. Er war alles andere als ein Feigling, deshalb machte es ihm auch nicht das geringste aus, zu widersprechen.

»Tut mir leid, Dr. Westlake! Das läßt sich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren!«

Desmond Westlake warf ihm einen vernichtenden, verächtlichen Blick zu.

»Immer der geradlinige, aufrichtige, ehrliche Leisetreter, wie? Niemals anecken! Immer genau nach den Buchstaben des Gesetzes leben! Das ist Dr. Harry Bellman!«

Bellman schob sein Kinn trotzig vor, Da Westlake ihn nicht gebeten hatte, Platz zu nehmen, stand er immer noch.

»Ich sehe darin absolut keinen Fehler, Dr. Westlake!«

Desmond Westlake winkte ärgerlich ab. Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zu einem grimmigen Ausdruck über der Nasenwurzel zusammen.

»Ach, hören Sie doch auf, mir eine Komödie vorzuspielen. Jeder von uns hat schon irgendwann einmal das Gesetz in irgendeiner Form übertreten, selbst wenn er nur mal ein Bonbon beim Kaufmann stiebizt hat. Ich hasse Leute, die sich einbilden, päpstlicher sein zu müssen als der Papst!«

Bellman starrte Westlake zornig an. Er brauchte sich solche Dinge von niemandem sagen zu lassen. Auch von Westlake nicht.

»Wenn Sie die Polizei nicht verständigen, werde ich es tun!«

Westlakes Gesicht lief von einer Sekunde zur anderen rot an. Die Wut ließ seine Augen wie Eiskugeln glitzern. Er knallte mit der Faust auf den Tisch. Die Hörer der beiden Telefone klapperten, und das Schreibzeug in der schwarzen Plastikdose geriet in Unordnung.

»Das verbiete ich Ihnen, Dr. Bellman!« brüllte er den jungen Arzt mit wutverzerrtem Gesicht an. »Solange ich dieses Krankenhaus leite, geschieht das, was ich anordne. Sonst gar nichts! Merken Sie sich das endlich, junger Mann!«

»Sie vergessen anscheinend Schwester Carmilla und Schwester Emma!«

gab Harry Bellman heftig zurück. »Die beiden wissen ebenfalls von der Sache.«

»Ich werde mit ihnen reden«, sagte Westlake knurrend.

»Glauben Sie nicht, daß sich die beiden darüber Gedanken machen werden, warum Sie so viel Wert darauf legen, daß die Sache vertuscht wird?«

Westiake schüttelte zornig den Kopf. Seine Stirn glänzte. Er schwitzte.

»Was die beiden denken, interessiert mich nicht! Auf jeden Fall werden Schwester Carmilla und Schwester Emma genauso schweigen wie Sie, Dr. Bellman! Ich hoffe, wir haben uns verstanden!«

Harry Bellman musterte Westlake lange, ohne ein Wort zu sagen. Er überlegte noch, in welcher Form er die Worte bringen sollte, die ihm brennend auf der Zunge lagen. Er wußte, daß es eine Ungeheuerlichkeit war, die er sich Desmond Westlake gegenüber herausnahm, aber er schreckte davor trotzdem nicht zurück, zu sagen: »Ich kann mich kaum des Eindrucks erwehren, daß Sie mit dieser Geschichte etwas zu tun haben, Dr. Westlake! Anders ist für mich Ihre erstaunliche Erregung nicht erklärbar!«

Westlake schnellte hoch, als wäre ein Stromstoß durch seinen Stuhl gefahren. Er wies mit dem ausgestreckten Arm zur Tür und brüllte, daß ihm die Adern weit aus dem Hals traten: »Scheren Sie sich aus meinem Büro, Dr. Bellman. Diese Bemerkung wird für Sie ein Nachspiel haben. Gehen Sie an Ihre Arbeit! Und wenn Sie noch einmal - noch ein einziges Mal - eine solche Unverschämtheit von sich geben, werden Sie Ihr blaues Wunder erleben!«

***

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DR. BELLMANN STIEß auf dem Korridor mit Jill Russell zusammen. Sie arbeitete im Holy Cross Hospital als Krankenschwester. Doch für Bellman war sie nicht nur eine von vielen Schwestern. Bellman und Jill verbanden auch enge private Beziehungen.

Jill war gertenschlank. Sie hatte die schmalste Taille von allen Krankenschwestern. Trotzdem war ihr Busen geradezu üppig. Sie hatte blondes Haar, das sie kurz geschnitten und mit Stirnfransen trug, die bis fast vor die Augen hingen.

»Guten Morgen, Harry.«

Bellman nahm sie gar nicht wahr. Sein Gesicht war grau, die Augenbrauen waren grimmig zusammengezogen, über der Nasenwurzel kerbte sich eine tiefe Falte in die Stirn.

»Sag mal, was ist denn dir über die Leber gelaufen?« fragte Jill erstaunt.

»Rennst mich beinahe um und siehst mich immer noch nicht. Ich bin es. Deine Jill! He! Wach auf!«

Bellman klimperte ein paarmal mit den Wimpern. Es schien, als kehrte er aus weiter Ferne zurück. Er schaute Jill so an, als würde er sie erst jetzt bemerken.

»Hast du kurz Zeit, Jill?«

Das Mädchen lächelte. »Für dich immer. Fast immer. Jetzt nicht. Ich muß dringend...«

Harry Bellman schüttelte nervös den Kopf. »Nichts mußt du! Komm mit!«

Jill schaute ihn erstaunt an. »Was ist denn pass...«

»Komm! Wir gehen in den Garten!«

Er wollte sie beim Arm nehmen. Sie wich seinem Griff aus und sagte:

»Also nein, Harry. Das geht wirklich nicht. Ich habe dringend...«

»Komm schon!« brummte Bellman drängend. »Es ist sehr wichtig!«

Wieder faßte er nach ihrem Arm. Diesmal wich sie nicht aus. Er zog sie mit sich den Korridor entlang zur Treppe, diese hinunter und in den gepflegten Anstaltsgarten hinaus. Sie gingen über den geharkten Kiesweg, kamen an blühenden Rosenhecken vorbei. Harry Bellman erzählte dem Mädchen, was in dieser Nacht in der Leichenhalle vorgefallen war und wie Dr. Westlake sich zu dieser Sache stellte.

»Findest du dieses Verhalten richtig, Jill?«

»Natürlich nicht, Harry.«

»Er will die Sache vertuschen. Will einfach nichts von Polizei wissen.«

»Dr. Westlake ist der Leiter dieses Krankenhauses, Harry. Er muß wissen, was er tut.«

Bellman knirschte mit den Zähnen, »Ich habe ihm gesagt, ich hätte den Eindruck, daß er mit der Sache etwas zu tun hat.«

Jill Russell blieb erschrocken stehen.

Sie schaute Bellman mit aufgerissenen Augen an.

»Das hast du...? Das hast du wirklich...?«

»Ja.«

»O Harry! Das hättest du nicht sagen dürfen! Dr. Westlake ist im allgemeinen doch ein netter Mensch. Zudem ist er ein hervorragender Arzt. Es ist einfach absurd, ihm so etwas zu unterstellen!«

Bellman zuckte die Achseln. »Ich weiß. Aber ich hatte eine solche Wut auf ihn...«

»Du mußt dich bei ihm entschuldigen, Harry!«

Bellman schüttelte erregt den Kopf. »Das erlebt er nie! Nie!«

»Aber Harry! Du kannst doch nicht einfach...«

Bellman schaute das Mädchen gereizt an. »Du bist also auch der Meinung, man sollte die Angelegenheit einfach vertuschen?«

»Natürlich nicht, Harry«, lenkte Jill ein. »Aber es ist nicht deine Aufgabe, dir den Mund zu verbrennen. Dr. Westlake leitet die Anstalt. Nicht du! Er weiß, was passiert ist. Wenn er die Polizei nicht benachrichtigt, ist das seine Sache. Das hat er selbst zu verantworten.«

Bellman faßte das Mädchen bei den Schultern. Er schaute ihr tief in die Augen.

»O nein, Jill. So einfach, wie du dir das vorstellst, ist die Sache nun auch wieder nicht. Ich bin Westlakes Vertreter. Ich kann doch nicht einfach den Kopf in den Sand stecken!«

Jill hielt Bellmans Blick stand. Ihre Augen drückten Besorgnis aus, als sie fragte: »Was hast du vor, Harry?«

Bellman ließ sie los und wandte sich von ihr halb ab. Er kickte einen kleinen Stein fort und knurrte dann: »Wenn Dr. Westlake die Polizei, aus welchen Gründen auch immer, nicht informieren will, werde ich es eben tun!«

»Harry! Sei vernünftig!« sagte Jill erschrocken.

»Ich bin vernünftig.«

»Denk doch an deine Stellung. Wie lange hast du darauf gewartet, Dr. Westlakes Stellvertreter zu werden? Das ist eine ganz große Auszeichnung, die dich über alle deine Kollegen stellt. Willst du eine solche Stellung wirklich aufs Spiel setzen?«

Bellman scharrte mit dem Fuß über den Boden. »Ich muß es tun, Jill. Ich kann das einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Heute mittag suche ich Jack auf.«

»Jack?«

»Inspektor Jack Torry. Ich werde ihn informieren, falls sich Dr. Westlake bis dahin immer noch nicht dazu entschlossen haben sollte, selbst die notwendigen Schritte zu unternehmen.«

***

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DIE PSYCHIATRISCHE Abteilung des Holy-Cross-Krankenhauses war sozusagen hermetisch abgeschlossen. Überall waren dicke Gittertüren aufzuschließen. Die Schlafsaalfenster waren ebenfalls vergittert. Die Wärterinnen waren ausgesucht kräftige Frauen, die so hart wie Männer zupacken konnten, wenn es nötig war.

Selbstverständlich waren Männer und Frauen getrennt. Die Männer waren einen Stock höher untergebracht. Man konnte sie schreien und grölen hören. Ab und zu vernahm man auch das Gebrüll der Wärter.

Zehn Mädchen wurden zum Duschen geführt.

Zehn Mädchen, drei Wärterinnen.

Im Duschraum mußten die Mädchen die Kleider ausziehen. Sie waren nicht alle auf dieselbe Art verrückt. Zwei von ihnen - Clare Wilson und Lorelli Biggle - hatten sogar ziemlich oft sehr helle Momente. Da waren sie ganz normal.

Man hatte sie hierhergebracht, weil sie versucht hatten, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Zuvor hatten sie gemeinsam Clares Mutter beinahe zu Tode geprügelt. Ohne Grund.

Die zehn Mädchen mußten sich in die Duschkojen stellen. Das warme Wasser wurde aufgedreht. Die Mädchen bekamen Seife, und die Wärterinnen achteten darauf, daß sie sich gründlich wuschen.

Plötzlich stieß eines der Mädchen einen schrillen Schrei aus. Ihre schwammigen Hüften zitterten. Das Mädchen kreischte, verdrehte die Augen, schlug mehrmals mit dem Kopf gegen die gekachelte Wand und ließ sich dann blitzschnell fallen. Ihr dicker Körper sackte auf den gefliesten Boden, Sie wand sich schreiend, als würden sie schreckliche Krämpfe plagen. Sie warf den Kopf hin und her, setzte sich die Nägel ins Fleisch und riß sich tiefe, blutige Wunden. Es schien, als wollte sie sich die Haut vom Körper reißen. Ehe die Wärterinnen etwas unternehmen konnten, leckte die Verrückte hechelnd über die tiefen Kratzwunden.

»Blut!« schrie sie schrill. »Blut! Ich will Blut! Warum gebt ihr mir denn kein Blut?« Sie warf sich zuckend unter den nadeldünnen Wasserstrahlen hin und her. Dabei stöhnte und wimmerte sie. »Seht ihr denn nicht, daß ich vom Teufel besessen bin? Satan! Saataaan! Komm zu mir! Komm doch, Satan. Satan. Komm, Höllenfürst! Sei mein Geliebter!« Sie warf sich wild hin und her, keuchte, jammerte und schrie. Sie lachte. »Ja!« kreischte sie begeistert. »Ja! So ist es gut! So... Ja...«

Nun packten sie zwei Wärterinnen. Sie machten kurzen Prozeß mit der Irren. Sie griffen nach ihren Beinen, zerrten sie aus der Duschnische und schleiften sie einfach über den Boden.

Das Mädchen warf sich brüllend hin und her. Sie schlug wild um sich.

Schaum stand auf ihren bebenden Lippen. Sie spuckte die Wärterinnen an und keifte ihnen haßerfüllte Schimpfnamen zu.

»Laßt mich! Laßt mich! Ihr verfluchten Weiber gönnt mir meinen Geliebten nicht! Laßt mich! Ich gehöre ihm! Er wird euch töten! Alle, die mich anfassen, wird er töten! Er wird euch umbringen und mir euer Blut zu trinken geben!«

Die Wärterinnen rissen das Mädchen hoch. Sie warfen ihr ein Badetuch über den Körper und frottierten sie ab.

»Verschwindet!« kreischte das Mädchen und trat mit den Füßen nach den Frauen. Eine Wärterin verlor die Beherrschung. Sie gab dem tobenden Mädchen eine schallende Ohrfeige.

»Ich bringe euch um!« schrie das Mädchen. »Ich erwürge euch! Ich kratze euch die Augen aus! Laßt mich baden.«

»Du hast für heute genug gebadet, Rosie.«

Die Wärterinnen hatten mit der Tobenden so viel zu tun, daß sie das andere Mädchen nicht sofort bemerkten, das aus der Duschkabine kam und mit gefletschten Zähnen und einem furchterregenden Funkeln in den Augen auf Rosie zuging.

Ehe es jemand verhindern konnte, biß die Verrückte zu. Rosie stieß einen irren Schmerzensschrei aus, doch die Verrückte verbiß sich immer fester in Rosies Schulter. Die Wärterinnen schlugen schimpfend auf das andere Mädchen ein. Es gelang ihnen schließlich, die beiden Mädchen zu trennen. In diesem Augenblick sprang ein anderes Mädchen zum Fenster hoch. Sie riß es auf und rüttelte kreischend an den Gitterstäben. Ihre Brüste wippten hin und her.

Zusammenfassung

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914504
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller würgegriff zyklopen

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #10: Im Würgegriff des Zyklopen