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Top Grusel Thriller #9: Lautlos tötet der Vampir

2017 120 Seiten

Leseprobe

Katy Ray stand vor dem offenen Fenster. Sie trug ein leichtes kurzes Sommerkleidchen, das sich zart an ihre gertenschlanke Figur schmiegte. Ihr Kopf war zurückgeneigt, das Gesicht war dem groß und hell über New York stehenden Mond zugewandt. Sie fröstelte leicht, während sie das silbrige Licht auf ihrer blassen Haut genoß. Ihr junges Gesicht war in den letzten Tagen schlaff geworden. Sie hatte stark abgenommen. Die Haut lag welk über den eckig hervortretenden Wangenknochen. Still hing die Nacht vor dem Fenster. Die Stadt schlief. Wieder einmal war Vollmond. Wieder einmal würde der blutgierige Vampir nach einem Opfer verlangen.

Eine kleine, kaum wahrnehmbare Bewegung ließ Katy zusammenzucken.

Buchstäblich aus dem Nichts war eine schwarze Katze auf das Fensterbrett gesprungen.

Über das bleiche Gesicht des Mädchens huschte ein müdes Lächeln. Die Katze glühte das Mädchen mit ihren bernsteinfarbenen Augen an und gab klagende Laute von sich.

Katy nickte, trat einen Schritt vor und kraulte das weiche Fell des Tieres.

»Ich dachte schon, du würdest nicht kommen«, sagte das Mädchen verträumt. Ein Lächeln umspielte Katys Lippen. Ein Lächeln, das ihre Augen nicht erhellte.

»Ich halte es kaum noch aus«, sagte Katy und schluckte die innere Erregung, die sie im Hals spürte, hinunter. »Bring mich zu ihm. Ich muß schnellstens zu ihm. Ich höre seine Stimme in mir. Er braucht mich. Wir wollen ihn nicht länger warten lassen.«

Die Katze ließ wieder ihren Klagelaut hören. Sie sprang vom Fensterbrett in die Wohnung.

Katy Ray wandte sich um und blickte dem Tier nach. Die schwarze Katze blieb in der Diele vor der Tür stehen. Sie blickte zur Klinke hinauf und begann leise zu miauen.

»Ja«, flüsterte Katy. »Ich komme schon.«

Sie sah sich noch einmal kurz in der Wohnung um. Dann trat sie zur Tür und öffnete sie.

Die Katze huschte aus der Wohnung. Sie flitzte die Treppe hinunter, wartete beim ersten Absatz. Katy folgte ihr lächelnd. Wenige Augenblicke später trat sie mit dem Tier aus dem Haus.

Die Katze lief vor ihr her, wartete immer wieder, wenn das Mädchen zu weit zurückblieb. Es schien, als würde das schwarze Tier das Mädchen tatsächlich einem bestimmten Ziel zuführen.

Katy ging wie in Trance durch die stillen, menschenleeren Straßen. Die Katze wählte schmale Seitenstraßen, wo man sicher sein konnte, niemandem zu begegnen.

Nach fünfzehn Minuten langten die beiden bei einer langgezogenen Friedhofsmauer an.

Mitten in der Mauer war ein Spalt. Etwa einen halben Meter breit.

Die Katze schlüpfte hindurch und wartete drinnen auf das Mädchen.

Katy wandte sich kurz um. Sie ließ ihren leicht glasigen Blick über das gegenüberliegende Fabrikgebäude streichen. Niemand sah sie. Niemand kümmerte sich um sie.

Geschmeidig schlüpfte sie durch den Mauerspalt. Still und finster lag der große Friedhof vor ihr. Ein leichter Wind spielte in den Baumkronen der uralten Eichen.

Hell schimmerten die unzähligen Grabsteine im silbernen Licht des Mondes.

Die Katze lief zwischen den Grabreihen hindurch. Katy folgte ihr ohne Furcht.

Sie war aufgeregt. Ihr Herz schlug wie ein heißer Hammer in ihrer Brust. Aber es war nicht Angst, die sie aufregte. Es war Freude. Grenzenlose Freude.

Die Katze blieb vor einer großen Gruft stehen. Die bernsteinfarbenen Augen funkelten das Mädchen an. Das Tier öffnete das Maul, als wollte es etwas sagen.

Ein letztes Miauen war zu hören. Dann huschte die schwarze Katze davon.

Katy blickte erregt auf das Gittertor vor der Gruft.

Sie trat an das Tor und legte ihre zarte Hand auf das kalte, verrostete Eisen. Das Tor war nicht abgeschlossen. Es ließ sich mit einem wimmernden Geräusch öffnen.

Katy blickte die steilen Stufen hinunter. Etwas in ihr befahl ihr, weiterzugehen. Erfreut kam sie diesem inneren Befehl nach.

Ihre zierlichen Füße klapperten langsam die Steintreppe hinunter.

Unten umfing sie ein seltsames Zwielicht.

Sie sah sich um.

Vor ihr stand ein steinerner Sarkophag. Ein schwerer Steindeckel lag darauf.

Außer dem Mädchen war niemand in der Gruft zu sehen.

Und doch spürte Katy, daß er da war. Sie fühlte seine Nähe und spürte ein unsägliches Verlangen nach ihm.

Auf dem Sarkophag stand der in Stein gemeißelte Name »Jeremy Price«.

Eine unheimliche Anziehungskraft ging von ihm aus.

Katy trat einen zaghaften Schritt näher.

Da begann sich der schwere Steindeckel ganz langsam zu bewegen. Millimeter um Millimeter rutschte er mit einem knirschenden Geräusch zur Seite.

Der dunkle Spalt, der sich gebildet hatte, wurde langsam größer.

Eine unnatürlich weiße Hand kam zum Vorschein. Katy sah die Hand. Ihre Augen strahlten Glück und Freude aus.

Sie war ganz ruhig...

***

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TAGS DARAUF ZUCKELTE ein uralter Leichenwagen mitten durch den dichten Straßenverkehr von New York. Vor den schwarzen Wagen waren zwei Rappen gespannt. Hinter dem spiegelnden Glas stand ein schwarzer Sarg.

Auf dem Kutschbock saß jedoch kein Kutscher.

Eben sprang das Licht der Verkehrsampel auf Rot.

Die Pferde kümmerten sich nicht darum. Sie liefen einfach weiter.

Der Querverkehr hatte Grün. Ein Lkw, der es besonders eilig zu haben schien, überholte in voller Fahrt die eben erst anfahrende Kolonne.

In dem Moment, wo er die Kreuzung fast erreicht hatte, schob sich der schwarze Leichenwagen von links zum Kreuzungsmittelpunkt.

Der Lkw-Fahrer riß entsetzt die Augen auf. Er trat sofort auf die Bremse. Die dicken Zwillingsräder blockierten auf der Stelle und radierten schwarze Striche auf den Straßenbelag.

Der Fahrer verriß den schweren Wagen, doch er konnte den Zusammenprall nicht mehr verhindern.

Der Lastwagen bohrte sich mit ungeheurer Wucht in den Leichenwagen.

Die Rappen wieherten erschrocken auf.

Sie schnellten hoch, der Leichenwagen fiel um.

Glas klirrte. Holz brach. Durch den heftigen Aufprall wurde der schwarze Sarg aus dem Leichenwagen geschleudert.

Er schlitterte quer über die Straße und krachte in der nächsten Sekunde vor den Augen der erschrockenen Passanten gegen den Randstein.

Sofort machte sich der Deckel selbständig. Er klapperte vor die Füße der entsetzten Zuschauer.

Ein schreckliches Gekreische hob an, als die Leute das junge Mädchen im Sarg erblickten. Sie war steif und wächsern wie eine Puppe. Sie sah aus, als befände sich in ihren Adern kein Tropfen Blut mehr.

***

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AUßER GELD UND HOHEM Ansehen hatte Randy Gill so ziemlich alles, was der Mensch zum Leben braucht.

Er hatte Humor, eine kleine Wohnung, die mit billigen Mitteln zweckmäßig eingerichtet war, und einen Job, der ihn restlos befriedigte, wenn man ihm die Gelegenheit bot, ihn auszuüben, was für seinen Geschmack leider viel zu selten vorkam.

Randy Gill war Privatdetektiv.

Da es Typen wie ihn in New York wie Sand am Meer gibt, waren die Aufträge dementsprechend dünn gesät.

Zumeist verteilten sie sich auf die Spürhunde aus der obersten Schublade. Und der Weg dahin war hart und steinig. Trotzdem hatte, der junge Randy vor, ihn zu beschreiten.

Er träumte von fetten Aufträgen, die ihm eines Tages in den Schoß fallen würden. Inzwischen war er gern bereit, sich mit den kleinen Fischen zu begnügen.

Er wußte, daß seine Zeit noch kommen würde. Er mußte nur Geduld haben.

Sein Frühstück bestand aus Pulverkaffee und einer Scheibe Brot.

Er war eben dabei, dieses frugale Mahl zu verzehren, als das Telefon anschlug.

»Nicht einmal essen kann man in Ruhe«, knurrte er und starrte das Telefon verärgert an.

Mürrisch schluckte er den Bissen hinunter, den er eben im Mund hatte. Nachdem er mit Kaffee nachgespült hatte, griff er sich den Hörer.

»Hier spricht der Wetterfrosch!«

Eine sympathische Mädchenstimme ließ ihn aufhorchen. Auf Mädchen sprach sein Stimmungsbarometer jederzeit an. Sogar mitten in der Nacht.

»Spreche ich mit Mr. Gill?« fragte das Mädchen.

»Ach so«, machte Randy enttäuscht. »Sie wollen mit meinem Vater reden. Bedaure. Der ist schon ein paar Jährchen tot.«

»Bitte...«, sagte das Mädchen flehend.

»Also, schönes Kind. Wo kneift denn das Höschen?«

»Sind Sie Randy Gill, der Privatdetektiv?«

»Na, doch auf jeden Fall. Und stets zu Diensten. Darf ich gleich was vorschlagen? Kommen Sie auf dem schnellsten Weg hierher. Sie haben eine ungemein sympathische Stimme. Ich würde mich mit Ihnen gern von Mund zu Mund unterhalten.«

Das Mädchen schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie: »Sind Sie an einem Fall interessiert, Mr. Gill?«

Randy stieß ein amüsiertes Lachen aus. »Haben Sie schon mal einen Privatdetektiv gesehen, der das nicht ist? Schließlich sind Menschen meines Schlages eben auch nur... Menschen. Wir haben unsere Bedürfnisse, verstehen Sie... Ich begehre fünfundsiebzig Dollar pro Tag. Spesen extra. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, legen Sie auf.«

Randy wartete gespannt auf das Knacken in der Leitung.

Es war ein nur zu bekanntes Geräusch für ihn.

»Ich bin einverstanden«, sagte das Mädchen.

»Sagen Sie das noch mal«, verlangte Randy ungläubig.

»Ich bin einverstanden, Mr. Gill.«

Er lachte. »Dann darf man Ihnen zu Ihrer hohen Intelligenz gratulieren. Worum geht’s also?«

Das Mädchen zögerte kurz mit der Antwort. »Um Katy Ray«, sagte sie schließlich.

»Macht es etwas, wenn ich die süße Person nicht kenne?«

»Könnten Sie es einrichten, heute abend ins Babalu zu kommen, Mr. Gill?« fragte das Mädchen schnell.

Randy grinste. »Ich bin ganz verrückt darauf.«

»Kennen Sie die Bar?«

»Hören Sie, wenn Sie mich beleidigen wollen...«

»Sagen wir, um acht«, sagte das Mädchen.

»Ich werde dasein«, erwiderte Randy.

»Mein Name ist Mercedes Waters.«

»Dann sind Sie sicher ein recht schnittiges Modell«, lachte Randy. »Ich werde also um acht ins Babalu kommen und mich an die Theke setzen. Sie erkennen mich sofort an folgendem: Ich nehme immer den Kopf ab und gieße mir den Whisky direkt in den Hals, damit ich mir das Schlucken erspare.«

Das Mädchen legte auf.

Randy verzehrte das restliche Frühstück. Der Kaffee war inzwischen kalt geworden, aber das machte ihm nichts aus.

Er hatte endlich wieder mal einen Fall in der Tasche.

War schon höchste Zeit gewesen, daß sich wieder mal jemand zu ihm verirrte.

Nach dem Frühstück spielte Randy ein wenig mit dem Expander.

Anschließend widmete er sich der Morgenzeitung. Auf Seite eins fiel ihm das große Foto eines schönen Mädchens auf.

Ohne es zu wollen, las er die Bildunterschrift:

Katy Ray, 21, das vierte Opfer des Vampirs.

In diesem Moment ging ihm ein Licht auf. Sicher hatte Mercedes Waters vor ihm schon eine ganze Reihe von Detektiven angerufen.

Vielleicht war er Nummer zweiundvierzig gewesen. An einem Job wären sie alle interessiert gewesen. An jedem anderen. Aber nicht an diesem.

Mit dem Vampir wollten sie sich nicht anlegen.

Das konnte nur allzu leicht danebengehen.

***

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RANDY LAS DEN TEXT neben dem Bild:

»Wie wir in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe berichteten...«

Es stand ein langer Bericht über jenen Leichenwagen, der ohne Kutscher durch die Stadt gefahren war, beladen mit einem Sarg, in dem Katy Ray gelegen hatte.

Bei dem Leichenwagen handelte es sich laut Zeitungsbericht um ein Modell, das seit fünfzig Jahren nicht mehr zum Einsatz kam.

Die Polizei zerbrach sich den Kopf, woher der Leichenwagen stammte. Es war in der ganzen Stadt keiner gestohlen worden.

Randy warf die Zeitung weg.

Er griff nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer des Blattes.

Eine piepsende Telefonistinnenstimme meldete sich.

»Das Büro von Oscar, Caine«, verlangte Randy. »Einen Moment«, sagte das Mädchen.

Randy wartete eine Weile. Endlich meldete sich eine mürrische Stimme.

»Schon gut«, lachte Randy amüsiert. »Du mußt mir ja nicht gleich das Ohr abbeißen, oder?«

»Randy!« schrie Caine am anderen Ende der Leitung erfreut. »Altes Haus.«

»Nicht älter als du«, schoß Randy sofort zurück.

»Freut mich ehrlich, wieder mal von dir zu hören«, lachte Oscar Caine. Er war plötzlich kein bißchen mürrisch. Es war wohl nur ein Schild, den er sich umhängte, wenn er mit fremden Menschen telefonierte.

»Freut mich wirklich«, beteuerte Caine noch einmal.

»Und mich erst«, gab Randy zurück.

»Was liegt denn an?«

»Sag mal, hast du den Knüller vom vierten Vampiropfer verbrochen?«

»Klar doch.«

»Dachte ich mir«, lachte Randy.

»Wieso?«

»Weil er hundsmiserabel geschrieben ist.«

»Was verstehst denn du davon?« bellte Oscar Caine.

Randy lachte. »Dein Grammatiklehrer rotiert wahrscheinlich in seinem Grab, Freund.«

»Rufst du mich bloß an, um mich zu ärgern?« fragte Caine. Seine Freude war nun merklich abgekühlt.

»Ich rufe an, weil ich will, daß du ein bißchen Leim auf deinen Stuhl schmierst, damit du für die nächste Stunde darauf klebenbleibst.«

»Was soll ich?« fragte Caine brummig.

»Begriffsstutzig bist du immer noch, eh? Ich will, daß du dich eine Stunde nicht aus deinem Käfig rührst. Läßt sich das machen?«

»Und warum?« fragte Oscar Caine zurück.

»Weil ich dich in deinem Büro heimsuchen werde, alter Freund.«

»Bring was zu trinken mit, Randy. Hier ist die Luft so trocken, daß dir die Bronchien aus der Nase fliegen.«

Randy lachte. »Ich werde dich mit einer Flasche Wasser verwöhnen.«

»Du willst mich wohl ins Grab bringen?« entsetzte sich Caine.

»Wenn mir das gelänge, würden sicher viele Leser erleichtert aufatmen«, kicherte Randy und legte den Hörer schnell auf die Gabel, denn was jetzt kam, war für das härteste Trommelfell schädlich.

***

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NACHDEM SICH OSCAR Caine ein wenig beruhigt hatte, riß er das dichtbeschriebene Blatt aus der Schreibmaschine.

Er überflog die Zeilen noch einmal, holte seinen grünen Filzschreiber hinterm Ohr hervor und korrigierte das Manuskript, soweit dies erforderlich war.

Hinterher wanderte der Filzschreiber wieder an seinen Platz hinter dem Ohr.

Caine erhob sich von seinem Schreibtisch.

Er war fünfunddreißig Jahre alt, hatte schütteres Haar und das Gesicht einer Maus. Was er aussehensmäßig nicht zu bieten hatte, machte er geistig wett. Er hatte Charme, kleidete sich sehr salopp und rauchte viel.

Eben gesellte sich wieder eine Kippe zu dem riesigen Berg, der bereits im Aschbecher lag.

Caine ging zur Tür und öffnete sie.

Im Vorzimmer seines Büros trommelte ein hübsches Mädchen mit flinken Fingern auf ihrer Schreibmaschine herum.

Sie erschrak, als er sie ansprach.

»Miß Joan, ich hätte einen Traumjob für Sie.«

Etwas strich an Oscar Caines Beinen vorbei und glitt in sein Büro.

Es war eine schwarze Katze. Er beachtete das Tier nicht.

Miß Joan erhob sich. Sie trug eine große Brille, die sie nicht unbedingt brauchte. Sie hatte einen roten, sinnlich aufgeworfenen Mund und eine herrliche Figur, die sich aufregend unter dem knallroten Pulli abzeichnete.

Ihre schwellenden Hüften schaukelten auf ihn zu.

»Was kann ich für Sie tun, Mr. Caine?« fragte das blonde Mädchen mit einem gekonnten Augenaufschlag.

Oscar Caine blickte auf ihren Busen. Er wiegte den Kopf und sagte beeindruckt: »Ganz schöne Brocken sind das.«

»Aber Mr. Caine!« stieß das Mädchen hervor und wurde rot, während sie den Blick verlegen senkte.

Caine grinste. »Wenn Sie sich deswegen genieren, können Sie sie gern mir überlassen. Ich hätte eine tolle Verwendung dafür.«

»Aber Mr. Caine. Ich muß Sie bitten...«

Caine lachte. »Okay. Sie wollen wissen, was für einen Traumjob ich zu bieten habe.« Er reichte ihr das beschriebene Blatt. »Bringen Sie das Manuskript in die Setzerei. Die Sache ist nicht nur brandeilig, sondern auch top secret. Es darf also gelaufen werden.« Joan wandte sich schwungvoll um. Caine holte schwungvoll aus und klopfte ihr mit der flachen Hand auf den strammen Hintern.

Ihr Kopf flog herum. Sie wußte nicht, ob sie ihm böse sein sollte oder ob es besser war, zu lachen.

»Mr. Caine«, sagte sie verlegen. »Ich muß schon sagen...«

Oscar Caine deutete eine entschuldigende Verbeugung an.

»Verzeihen Sie, Miß Joan. Das war mir ein Herzensbedürfnis. Ich konnte einfach nicht anders. Können Sie das verstehen?«

Miß Joan beeilte sich, von ihm fortzukommen. Er schloß lachend die Tür hinter ihr und wandte sich um, um zu seinem Schreibtisch zurückzugehen.

Die schwarze Katze saß mitten auf dem Tisch und funkelte ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen an.

Caine schüttelte grimmig den Kopf.

»Also, bei aller Tierliebe«, knurrte er, »gegen Katzen bin ich allergisch, sobald sie mehr als zwei Beine haben.«

Caine öffnete die Tür und wies mit dem Daumen nach draußen.

»Los, du Luder. Hau ab! Verschwinde, du schwarzer Teufel. Ich bin abergläubisch.«

Die Katze stellte die Rückenhaare auf und fauchte ihn feindselig an.

»Na, wird’s bald?« sagte Caine ärgerlich.

Die Katze ging nicht.

Da packte den Redakteur die Wut. »Na, wir wollen doch mal sehen, wessen Büro das ist!«

Er lief zum Schreibtisch und scheuchte das fauchende Tier hinunter.

Die Katze wandte sich blitzschnell um und schlug ihm ihre Krallen in die Hand.

Dann sauste sie davon.

»Verdammtes Biest!« rief Caine dem Tier nach.

Er führte die verletzte Hand zum Mund und leckte ärgerlich das Blut ab.

***

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VOR IHNEN STANDEN ZWEI reichlich gefüllte Whiskygläser.

Eine halbvolle Flasche stand daneben.

»Bisher hat der Vampir viermal zugeschlagen«, sagte Oscar Caine, drückte eine Zigarette aus und zündete sich die nächste an.

»Immer noch derselbe Kettenraucher«, grinste Randy Gill.

»Laß mich doch. Was habe ich denn sonst noch für Laster?«

»Erspar mir, sie jetzt alle aufzuzählen, sonst dauert unsere Sitzung bis morgen früh.«

Caine paffte ein paarmal. Dann sagte er: »Der Vampir hat sich alle vier Opfer in Vollmondnächten geholt.«

»Wie geholt?« fragte Randy.

»Wenn du darauf eine exakte Antwort haben willst, fragst du am besten den Vampir selbst.«

Randy grinste. »Gern. Und wo finde ich ihn?«

»Das kannst du ihn bei der Gelegenheit auch gleich fragen... Die vier Opfer verschwanden nachts aus ihren Wohnungen. Es hat keinen Kampf in der Wohnung gegeben. Gar nichts. Sie sind einfach fortgegangen und nicht mehr nach Hause gekommen. Tags darauf sind sie dann wiederaufgetaucht. Immer auf dieselbe Art. Immer in einem solchen schwarzen Leichenwagen, dessen Herkunft niemand feststellen kann. Er fährt durch die Straßen, mit einem Sarg, in dem das Opfer des Vampirs liegt. Die Leichen sehen alle gleich aus. Ihre Haut ist wächsern. Kein Tropfen Blut ist in ihren Adern.«

»Es waren drei Mädchen und ein Mann, nicht wahr?« fragte Randy Gill.

»Ja.«

»Besteht irgendein Zusammenhang zwischen den Opfern?«

Oscar Caine nickte. »Sie haben alle ungefähr in derselben Gegend gewohnt oder gearbeitet.«

»Wo?« wollte Randy wissen.

»Wenn du unsere Redaktion als Zentrum annehmen willst, würde ich sagen – im Umkreis von einem Kilometer.«

Randy staunte. »In diesem Kreis befindet sich auch das Babalu.«

Caine jagte sich einen Schluck in die Kreisbahn und lächelte.

»Du sagst es.«

»Was ist mit dem Leichenwagen?« fragte Randy. »Wo kann ich sie mir ansehen?«

»Nirgends.«

Randy schüttelte ärgerlich den Kopf. »Komm, Oscar, laß die blöden Witze.«

Oscar Caine zuckte die Achseln und lachte meckernd. »Wirklich nirgends, Randy. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Man hat selbstverständlich die Leichenwagen in Verwahrung genommen.«

»Das ist ja wohl klar.«

»Aber spätestens zwei Tage danach waren sowohl Pferde als auch Wagen spurlos verschwunden«, sagte Caine.

»Spürst du manchmal einen starken Druck im Kopf, Kleiner?« fragte Randy mit besorgtem Blick.

»Es ist so, wie ich’s dir sage, Randy«, beteuerte der Redakteur. »Du kannst dich bei der Polizei erkundigen. Pferde und Wagen hatten sich jedesmal buchstäblich in Luft aufgelöst.«

Randy trank einen kräftigen Schluck. »Das gibt’s doch nicht, Oscar. Erzähle solche Märchen deinen Lesern, aber nicht mir.«

»Ich belüge dich nicht, Randy«, sagte Caine ernst. »Ich weiß ja selbst, daß es unfaßbar klingt. Kein Mensch will so etwas glauben. Aber es ist passiert. Viermal schon. Es gibt eben Dinge, die zwar passieren, die man aber nicht erklären kann.«

»Hat man die Pferde und den Wagen denn nicht bewacht? Ich meine – so etwas kann einmal passieren. Bei aller Toleranz zweimal. Aber doch nicht viermal.«

Oscar Caine nickte aufgeregt. »Man hat die Pferde und den Wagen eingeschlossen. Man hat Doppelposten davor aufgestellt. Trotzdem waren am anderen Tag die Tiere und der Wagen fort.«

»Und die Doppelposten haben geschworen, kein Nickerchen gemacht zu haben?«

»Die Leute sind über jeden Zweifel erhaben, Randy.«

Gill nippte wieder am Whisky. Er ließ den Saft über die Zunge nach hinten rollen, schluckte und schnalzte dann laut.

»Es wäre interessant, zu erfahren, nach welchen Gesichtspunkten der Vampir seine Opfer auswählt.«

Caine zog die Schublade seines Schreibtisches auf und zeigte dem Freund einige Bücher, die sich mit Vampiren und Vampirismus beschäftigten. »Wenn das mit den Pferden und dem Wagen nicht wäre, würde ich sagen, wir haben es mit einem verrückten Mörder zu tun. So eine Art Peter Kürten, verstehst du. Vampir von Düsseldorf hatten sie ihn genannt. Er hat ebenfalls das Blut seiner Opfer getrunken«, sagte Oscar Caine und zeigte ein in hellbraunes Schweinsleder gebundenes Buch, das diesen grausigen Fall behandelte. »Diese geheimnisvollen Umstände beweisen aber, daß wir es mit einem echten Vampir zu tun haben. Er wird äußerst schwer zur Strecke zu bringen sein. Er hat übernatürliche Fähigkeiten, gegen die ein normal Sterblicher nicht an kann.«

Randy schauderte leicht. Er trank hastig und stellte das Glas dann hart auf den Tisch.

»Ich habe mich noch nicht viel mit diesen ekligen Blutsaugern befaßt, aber ich weiß immerhin, daß auch diesen Kerlen Grenzen gesetzt sind.«

Caine lächelte und nickte. »Er kann zum Beispiel Knoblauch auf den Tod nicht leiden. Damit kannst du ihn verjagen. Das hält ihn dir vom Leib. Mit Weihwasser oder mit einem Kreuz jagst du ihm den größten Schrecken ein. Diese beiden Dinge fürchtet er am meisten.«

Randy schüttelte ärgerlich den Kopf. »Zum Teufel damit. Ich will nicht wissen, womit man ihn schrecken kann. Ich will wissen, wie man ihn töten kann.«

»Er verträgt kein Tageslicht«, sagte Caine. »Deshalb treibt er sein Unwesen auch erst bei Einbruch der Dunkelheit. Ein einziger Sonnenstrahl kann ihn vernichten. Die zweite Möglichkeit ist folgende: Man muß ihm, während er schläft, einen Holzpfahl durch das Herz stoßen. Eine gefährliche Angelegenheit. Wenn er erwacht, bist du verloren.«

Die Freunde schwiegen eine Weile.

Jeder hing seinen Gedanken nach. Der Gedanke an den Vampir ließ sie aber alle beide nicht los.

»Sag mal«, begann Randy Gill wieder, »welche Verletzungen hat man bei den Vampiropfern festgestellt?«

»Zwei Bißwunden am Hals. Das ist typisch.«

»Sonst nichts?« fragte Randy.

Caine rauchte seine Zigarette fertig und schüttelte dann den Kopf.

»Sonst nichts... Oder doch!« Er hob den Kopf und blickte den Freund mit geweiteten Augen an. »Jetzt, wo du mich danach fragst, fällt es mir auf, Randy. Alle vier Opfer hatten geringfügige Kratzer an der Hand.« Caine hielt dem Detektiv seine Hand hin. »So wie die hier«, meinte er und erzählte von dem schwarzen Biest, das sich auf seinen Schreibtisch gesetzt hatte.

Kratzwunden von einer Katze, dachte Randy Gill. Das konnte doch keine Bedeutung haben. Es mußte sich zufällig ergeben haben, daß alle vier Opfer solche Kratzer gehabt hatten.

Randy erhob sich.

Er verabschiedete sich von seinem Freund.

»Den Whisky lasse ich dir da. Wenn du ihn nicht trinken willst, kannst du damit gurgeln.«

Er ging zur Tür.

»Du willst die Vampirmorde aufklären, nicht wahr?« fragte Caine mit einem besorgten Gesichtsausdruck.

Randy Gill zuckte die Achseln. »Ich glaube, ich werde darum nicht herumkommen.«

»Dann gebe ich dir einen guten Rat, Freund«, sagte Caine fast feierlich.

»He, Oscar, was ist denn mit dir los? So schrecklich steif kenne ich dich ja gar nicht«, lachte Randy.

Caines Miene wurde noch eine Spur ernster. »Wir sind beide keine frommen Menschen, Randy. Deshalb würde es mich nicht stören, worin du mich jetzt auslachst...«

Randy Gill lachte bereits im voraus. »Junge, du machst es aber spannend, das muß ich schon sagen.«

»Wenn du auf Vampirjagd gehst, Randy, mußt du stets ein geweihtes Kreuz bei dir tragen. Sonst macht dich der Blutsauger fertig.«

Gill lachte unbekümmert. Er tippte sich dankend auf die Stirn.

»Werd’s mir merken.«

»Ich höre doch wieder von dir, Randy?« fragte Caine besorgt.

Gill nickte. »Spätestens dann, wenn ich in einem kutscherlosen Leichenwagen durch die Stadt fahre.«

Caine erschrak. »Mach keine blöden Witze, Randy. Die Sache ist ernst. Verdammt ernst.«

***

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KURZ VOR ACHT LIEß Randy Gill seinen schilfgrünen Chevrolet auf dem Parkplatz ausrollen, der sich schräg gegenüber dem Babalu befand.

Er hatte sich ein wenig in Schale geworfen.

Schließlich hatte die Stimme am Telefon recht sympathisch geklungen. Das war den dunklen Anzug und die schwarze Schleife garantiert wert.

Randy überquerte die Straße.

Ein rotes Neonmädchen blinzelte ihm zu. Es war drei Meter groß und hatte die überdimensionierten Maße von Raquel Welch. Das Girl saß auf einer Reihe von Buchstaben, die von links nach rechts gelesen das Wort Babalu ergaben.

Neben dem Eingang der Bar stand ein uralter blinder Hausierer.

Er hatte seinen Bauchladen an einem alten Lederriemen hängen. Auf dem breiten Brett befanden sich Schnürsenkel, Krawatten, Zigaretten und Rasierklingen.

Der Mann wirkte eingetrocknet wie eine Mumie. Siebzig war er bestimmt schon. Vielleicht sogar älter.

Sein Gesicht war schmal. Die Wangen waren eingefallen. Bartstoppeln deckten die vielen Furchen teilweise zu.

Über den Augen trug er runde schwarze Gläser. Er lehnte an der Wand wie ein Stück Holz und bewegte nicht einmal den kleinen Finger.

Der Alte tat Randy leid.

Deshalb griff der Detektiv nach einer Zigarettenpackung, obwohl er ohnedies noch genügend Zigaretten in der Tasche hatte.

Der Blinde zuckte zusammen.

Er schien geschlafen zu haben.

Seine Hand schoß vor. Sie war knöchern. Die Finger waren lang und zitterten.

Randy legte den fünffachen Betrag für die Zigaretten in die Hand des Blinden.

»Der Rest ist für dich, Kumpel«, sagte Gill.

Das alte Gesicht verzog sich zu einem dankbaren Lächeln. Ein zahnloser Mund tat sich vor Randy auf.

»O danke, Mister. Sie sind großzügig, Mister!« sagte der Alte.

»Und berechnend«, lachte Randy. »Ich will nämlich für mein Geld eine Gegenleistung von dir.«

Der Blinde nickte. »Und zwar?«

»Nichts, was für dich unmöglich wäre.«

»Ich helfe Ihnen gern, wenn ich kann, Mister.«

»Du hast sicher Katy Ray gekannt.«

Der Blinde zuckte unwillkürlich zusammen. Dann sagte er: »O ja, Sir.«

»Sie ist tot«, sagte Randy Gill. »Weißt du das?«

Der Blinde nickte. »Ja. Der Vampir hat sie geholt.«

»Weißt du etwas über den Vampir?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Nur was ich von den Leuten gehört habe. Und die haben ihre Informationen wiederum aus den Zeitungen.«

Diese Informationen hatte Randy selber. »Hat sich jemand in letzter Zeit stärker für Katy interessiert?« fragte der Detektiv.

Der Blinde schüttelte wieder seinen Kopf. »Nicht, daß ich wüßte, Mister.«

»Hat dich niemand nach ihr gefragt?«

»Nein. Niemand.«

»Würdest du mir eine Nachricht zukommen lassen, wenn dir etwas über das Mädchen zu Ohren kommt? Du weißt, was ich meine.«

Der Blinde verzog das Gesicht zu einem breiten zahnlosen Grinsen.

»Gibt’s dann einen Hunderter für mich, Mister?«

»Wenn die Information gut ist, können wir darüber reden«, erwiderte Randy.

»Wie ist Ihr Name, Sir?«

»Randy Gill. Ich bin Privatdetektiv.«

»Ein lausiger Job, wie?«

»Es geht.«

»Wo wohnen Sie, Mr. Gill?«

Randy nannte seine Adresse.

Der Alte nickte. »Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann, Mr. Gill.«

***

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WIE IN ALLEN BARS WAR auch hier die Luft zum Schneiden.

An den Wänden herrschte Rot vor. An den Tischen drängten sich Vergnügungssüchtige.

Randy enterte einen freien Hocker an der Theke. Er wandte dem Spiegelregal den Rücken zu und ließ seinen Blick durch das Lokal schweifen.

Die Bar war zum Bersten voll. Zwischen den Tischen huschten Zigarettenmädchen und Kellner hindurch. Während die Zigarettenmädchen leicht geschürzt waren und ein anzügliches Lächeln auf den Lippen hatten, trugen die Kellner Tabletts und hatten verschwitzte Gesichter.

Auf der gläsernen Drehbühne tanzten gut gebaute Revuegirls. Die Folies Bergeres konnten sich hier ein Scheibchen abschneiden.

Als Randy hinter sich eine rauchige Mädchenstimme hörte, wandte er sich interessiert um.

»Was möchten Sie haben?« hatte die attraktive Blondine gefragt.

Randy ließ seinen Blick in ihren tiefen Ausschnitt turnen und meinte lächelnd: »Erst mal Ihre Telefonnummer.«

»Und dann?« fragte die Blondine kühl.

»Dann Ihre Maße.«

»Sonst möchten Sie nichts?« fragte Blondy.

Randy blieb bei seinem verwegenen Lächeln. »Wäre es unverschämt, einen Kuß zu verlangen?«

Die Blonde schenkte ihm ein bedauerndes Lächeln. »Mit dieser Frage kriegen Sie die Nummer siebenhundertachtundneunzig.«

Randy zuckte die Schultern. »Ich kann warten – wenn es sich lohnt. Abwarten und Schnee trinken, das haben schon die alten Eskimos gesagt.«

Als Randy merkte, daß die Blonde ungeduldig wurde, bestellte er einen Highball für sich und ein Getränk nach freier Wahl für das Mädchen.

Von diesem Moment an war zumindest ein Teil des Eisbergs gebrochen.

Sie hatte sich mit einem Sherry bedient.

Randy wies mit dem Daumen nach den Revuegirls.

»Welches von den Kätzchen ist Mercedes Waters?«

Die Blonde zog ein Schmollmündchen. »Verlieren Sie immer so schnell das Interesse?« fragte sie beleidigt. Sie hatte erwartet, einen größeren Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

»Nicht immer«, sagte Randy und schüttelte den Kopf.

»Ich habe Sie doch noch gar nicht abblitzen lassen«, säuselte die Blonde.

Randy blickte ihr tief in die grünen Augen. »Ich bin sehr sensibel, Baby. Wenn ich einen Korb kriege, muß ich immer heulen. Deshalb drehe ich den Hahn immer kurz vorher zu.«

Das Girl nippte am Sherry und räkelte sich. »Ich bin Lucy Jones«, sagte sie träge und brachte ihre Rundungen ins rechte Licht. »Und meine Telefonnummer ist mit meinen Maßen identisch.« Sie kicherte. »Ist das nicht komisch?«

»Sehr komisch«, nickte Randy. »Ich rufe Sie sicher bald an. Welche ist nun Mercedes?«

»Die Schwarze in der ersten Reihe«, sagte Lucy ärgerlich und verzog den Mund. »Können Sie mir sagen, warum Sie ausgerechnet auf die so scharf sind?«

Randy nickte. Er winkte das Mädchen zu sich und flüsterte ihr ins Ohr: »Man hat mir gesagt, sie hätte einen Holzfuß. Da ich ein Holzwurm bin, ist mein Interesse für sie wohl verständlich.«

Ein Betrunkener rief nach Lucy. Er klopfte energisch mit dem Glas auf die Theke und verlangte nach einem neuen.

Randy konzentrierte sein Augenmerk auf die Schwarzhaarige.

Sie trug ein dürftiges Kostümchen aus Federn, das nur ganz wenig von dem bedeckte, was man unter Männern mit zweideutigen Bemerkungen bedachte.

Einmal noch warf die ganze lange Mädchenreihe die Beine hoch.

Dann traten die Girls ab.

Randy widmete sich wieder seinem Highball.

»Sind Sie Mr. Gill?« fragte kurz darauf hinter ihm jene Stimme, die er schon am Telefon so sympathisch gefunden hatte.

Er drehte sich langsam um und zeigte die makellosen Zähne.

»Und wie ich der bin.« Er wies einladend auf seine Knie und sagte: »Wollen Sie sich nicht setzen?«

»Dort drüben wäre ein Tisch frei«, erwiderte Mercedes Waters.

Sie trug ein opalblaues Chiffonkleid, das an ihrem attraktiven Körper klebte wie ein Sonnenbrand.

Randy rutschte vom Hocker und ging mit dem Mädchen zum Tisch.

Sie war um einen ganzen Kopf kleiner als er, hatte lange, makellose Beine und einen weißen schlanken Hals. Ihr schwarzes Haar, das sie zuvor auf der Bühne offen getragen hatte, trug sie jetzt zu einer wirren Frisur hochgesteckt.

Sie setzten sich.

»Die Show war prima«, sagte Randy und bestellte zwei Drinks beim vorbeikommenden Kellner.

Er blickte dem weißbejackten Burschen im Wandspiegel nach und sah ihn gleich darauf im Spiegel mit zwei gefüllten Gläsern wiederauftauchen.

Randy bezahlte sofort.

Dann wandte er sich ganz seiner Gesprächspartnerin zu, die seinen Erwartungen voll und ganz entsprach.

»Vor ein paar Tagen hat Katy Ray in dieser Show noch mitgetanzt«, sagte das Mädchen mit einem Beben in der Stimme.

Heute rot, morgen tot, dachte Randy. So etwas geht manchmal unerwünscht schnell.

Er sprach seine Gedanken jedoch nicht aus.

Irgendwie stieg ein seltsames Gefühl in ihm hoch. Er glaubte, beobachtet zu werden.

Da er den Kopf nicht wenden wollte, blickte er in den Wandspiegel und musterte die Leute, die er darin sah.

Kein Mensch kümmerte sich um ihn.

Und trotzdem war dieses unerklärliche Gefühl da, das ihm signalisierte, daß sich jemand für ihn interessierte.

Sie sprachen weiter von Katy.

»Sie war ein lebenslustiges Mädchen«, sagte Mercedes und nippte an ihrem Drink. »Sie war immer gut gelaunt. Man mochte sie überall. Wohin sie auch kam, sie war stets binnen weniger Minuten der Mittelpunkt.«

»Manche Menschen haben diese beneidenswerte Gabe«, nickte Randy Gill.

Er langte in die Tasche und holte seine Zigaretten hervor.

Mercedes lehnte dankend ab, als er ihr die Packung hinhielt.

Randy zündete sich ein Stäbchen an und rauchte nachdenklich.

Mercedes holte ihn aus seinen Gedanken zurück, als sie sagte: »Seit Katys Tod habe ich so schreckliche Beklemmungen. Ich schlafe nachts furchtbar schlecht. Ich leide an Depressionen, die ich mir nicht erklären kann. Alpträume quälen mich. Ich bin ganz durcheinander. Ich glaube, ich komme nicht zur Ruhe, ehe Katys Mörder zur Strecke gebracht ist. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt, Mr. Gill.«

»Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Mercedes?« fragte Randy.

»Wenn ich kann...«

»Nennen Sie mich nicht immer Mr. Gill. Das macht mich um mindestens zwanzig Jahre älter. Ich bin Randy.«

Mercedes nickte. »Okay.«

»Der wievielte Detektiv war ich auf Ihrer Liste, Mercedes?« fragte Randy.

»Der dreiundfünfzigste.«

»Es hätte mir nichts ausgemacht, wenn Sie gelogen hätten«, sagte Randy enttäuscht. »Ich wäre gern der erste gewesen.«

»Tut mir leid, Randy.«

»Macht nichts. Ich bin Kummer gewöhnt... Wie haben die Kollegen auf Ihr Angebot reagiert?«

»Sie wären prinzipiell an einem Job interessiert gewesen«, sagte Mercedes. »Als ich dann aber den Namen Katy Ray erwähnte, schalteten sie sofort ab.«

Randy nickte. »Die hatten vor Ihrem Anruf schon die Morgenzeitungen gelesen. Ich nicht. Mit welchen Begründungen lehnten sie ab?«

»Zumeist sagten sie, daß sie furchtbar gern in den Fall einsteigen würden, daß sie aber im Moment mit Aufträgen überhäuft wären...«

Randy lachte. »Die Masche kenne ich. Die häkle ich selbst immer, wenn mir was nicht ganz geheuer vorkommen will. Und vor den Knaben hat ein Terminkalender gelegen. Mit gähnend leeren Feldern. Alter Hut.«

Mercedes schenkte Randy einen dankbaren Blick. »Ich bin froh, daß Sie sich bereit erklärt haben, diesen Fall zu übernehmen, Mr. Gill – äh – ich wollte sagen... Randy.«

»Ich tu’s, weil Sie so eine furchtbar sympathische Stimme haben«, grinste Randy Gill und zog an seiner Zigarette.

Mercedes’ Blick verdüsterte sich wieder. »Es ist furchtbar, wenn man weiß, daß die beste Freundin von einem Vampir getötet wurde.«

»Kann ich verstehen«, erwiderte Randy. »Erzählen Sie ein bißchen mehr über Katy. Was hat sie getrieben, wenn sie nicht hier auftrat?«

Mercedes nahm einen kleinen Schluck vom Whisky. »Katy hatte eine Menge Freunde.«

»Verstehe. Zu was anderem kam sie aus diesem Grund wohl nicht.«

»In letzter Zeit hatte sie aber niemanden mehr«, fuhr Mercedes nachdenklich fort. »Katy hatte sich vor ihrem Tod stark verändert. Sie blieb sehr oft von ihrer Arbeit fern. Oft schloß sie sich tagelang zu Hause ein, wollte niemanden sehen, ging mit niemandem aus. Sie war gereizt, nervös, sah schlecht aus und fühlte sich sehr krank.«

»Haben Sie eine Erklärung für diese Veränderung?« fragte Randy.

Mercedes zuckte die Achseln. »Leider nein. Sie hat nicht mit mir darüber gesprochen.«

»Seit wann war sie so verändert?« wollte Randy wissen.

Wieder zuckte das Mädchen die Achseln. »Das kann ich nicht so genau sagen... An eines kann ich mich erinnern: Eines Tages kam sie in unsere Garderobe und schimpfte furchtbar über eine schwarze Katze, die durch das Fenster in ihre Wohnung gekommen war und sie gekratzt hatte, als sie sie streicheln wollte. Aber diese Kratzer können doch nicht diese Veränderung hervorgerufen haben.«

»Der Meinung bin ich auch«, sagte Randy.

Es fiel ihm ein, daß sein Freund Oscar von den Kratzern erzählt hatte, die die Toten aufwiesen. Im Fall Katy Ray war es also geklärt, wie es dazu gekommen war.

Wieder stellten sich seine Nackenhaare merkbar quer.

Ein untrügliches Zeichen, daß er sich immer noch beobachtet fühlte.

Wieder wanderte sein Blick zum Spiegel, aber es war nach wie vor niemand zu sehen, der ein Interesse für ihn bekundet hätte.

Seltsam, dachte Randy. Wer mag da bloß so glotzen, daß man seinen Blick wie einen klebrigen Finger im Nacken spürt?

Mercedes bekam von einem hageren Mann einen kaum merkbaren Wink.

»Entschuldigen Sie mich, Randy«, sagte das Mädchen sofort, trank den Whisky aus und erhob sich. »Ich habe wieder einen Auftritt.«

»Dann treten Sie«, lächelte der Detektiv. »Wir sehen uns ganz bestimmt wieder.«

»Werden Sie mich über Ihre Ermittlungen auf dem laufenden halten?«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Das Geld...«

»... kriege ich, bis ich es verdient habe, okay?« grinste Randy.

Mercedes nickte dankbar. Dann wandte sie sich schnell um und ging mit wiegenden Hüften fort.

Randy sah ihr verträumt nach. Seine Gedanken gerieten in Bewegung, als er das Spiel ihrer langen Beine beobachtete.

»Ein wunderschönes Mädchen, nicht wahr?« fragte plötzlich jemand neben ihm.

Randy hob den Kopf und blickte in das schlanke Gesicht eines etwa vierzigjährigen Mannes.

Der Mann war von aufrechtem Wuchs. Kein Gramm Fett haftete ihm an. Er war groß, hatte funkelnde schwarze Augen und etwas blasse Wangen. Das Haar war pechschwarz und an den Schläfen leicht angegraut.

Er deutete eine kleine Verbeugung an und sagte: »Gestatten – Jeremy Price. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Randy nickte.

Price setzte sich. Seine langen, schlanken Finger hielten ein hohes Glas, das mit Wodka gefüllt war.

Randy drückte seine Zigarette aus. Während er sein Gegenüber musterte, fragte er sich, ob ihn dieser Kerl vorhin so intensiv beobachtet hatte, daß er beinahe Löcher in den Anzug gekriegt hätte.

»Katy Ray war noch viel hübscher als sie«, sagte Price mit einiger Begeisterung.

Randy horchte auf.

»Sie war ein herrliches Geschöpf. Ein von heißem Blut durchpulstes Kunstwerk«, sagte Price.

Randy musterte den Mann neugierig. »Sie haben Katy gekannt?«

Jeremy Price lächelte. »O ja. Das kann man wohl sagen... Ich hörte vorhin, daß Sie über sie sprachen.«

Randy setzte ein schiefes Lächeln auf. Leute, die fremde Gespräche belauschten, mochte er nicht sonderlich.

»Sie scheinen gute Ohren zu haben, Mr. Price«, sagte Randy spöttisch.

»Waren Sie mit Katy befreundet?« fragte Jeremy Price und nippte an seinem Wodka.

Randy schüttelte den Kopf. »Ich kannte sie nicht mal. Ihr Schicksal geht mir nahe.«

Price blickte Randy mit einem seltsamen Blick an.

»Ich glaube, sie braucht Ihnen nicht leid zu tun. Sie hatte einen schönen Tod. Viele Menschen, die monate- und jahrelang in Krankenhäusern dahinsiechen, hätten bestimmt gern mit ihr getauscht.«

Randy blickte Price skeptisch an. »Da bin ich nicht so sicher.«

»Verlassen Sie sich darauf«, erwiderte Jeremy Price. Er erhob sich, lächelte Randy kühl an und sagte: »Auf Wiedersehen, Mr. Gill.«

Dann ging er.

In Randy begannen die Relais zu klicken. Woher kannte Price seinen Namen? Er hatte sich dem Kerl nicht vorgestellt.

Randy blickte in den Spiegel. Price war nicht zu sehen, obwohl er noch nicht einmal die Theke erreicht hatte.

Plötzlich fiel es Randy wie Schuppen von den Augen.

Es hieß, daß Vampire kein Spiegelbild haben. Also war dieser Jeremy Price ein Vampir!

Randy spritzte augenblicklich hoch.

Price war inzwischen verschwunden.

Er hatte das Lokal verlassen. Randy hastete sofort hinterher. Randy stieß alle möglichen Personen, die ihm im Weg waren, zur Seite und erreichte aufgeregt den Ausgang des Babalu.

Eben verschwand der hochgewachsene Mann um die Ecke.

Randy rannte los. Er erreichte die Ecke. Der Mann ging ohne Eile durch die menschenleere dunkle Straße.

Randy spurtete los.

Wenige Augenblicke später hatte er den Kerl erreicht. Er legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Einen Moment, Freundchen. Warum so hastig? Sie haben vergessen, mir die Hand zu drücken!«

Randy riß den Mann herum.

Ein fremdes Gesicht blickte ihn wütend an.

Randys Augen weiteten sich in grenzenlosem Staunen. Er hätte geschworen, daß dieser Mann Jeremy Price war.

»Was erlauben Sie sich!« schrie der fremde Mann mit schriller Stimme und funkelte den Detektiv böse an.

Randy zuckte die Achseln. »Entschuldigen Sie. Ich habe Sie mit jemandem verwechselt.«

Der Mann glaubte Randy nicht. Plötzlich schien er sich bewußt zu werden, daß er sich in einer dunklen, menschenleeren Straße befand.

Er bekam Angst und begann zu schreien: »Hilfe! Überfall! Hilfe! Überfall!«

Randy hätte dem Kerl am liebsten die Faust unters Kinn geknallt.

»Sie werden so lange schreien, bis die Polizei kommt!« sagte er wütend.

Zusammenfassung

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914481
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller lautlos vampir

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #9: Lautlos tötet der Vampir