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Top Grusel Thriller #8: Das Beinhaus der Bluthexe

2017 120 Seiten

Leseprobe

Horst Friedrichs: Das Beinhaus der Bluthexe

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

Roman

Züngelnder Flammenschein einer Pechfackel erhellte das Verlies. Modrige Feuchtigkeit und beißender Gestank vermischten sich in dem engen Raum. Verwesungsgestank.

Das Kichern der Hexe hallte schaurig hohl von den Wänden zurück. Gebieterisch und beschützend streckte sie die Hände aus. Sie erhob ihre Stimme, die so brüchig wie welkes Herbstlaub klang. »Ruhet in Frieden! Ihr, die ihr vergeblich versucht habt, mir das Glück zu bringen...«

Die leeren Augenhöhlen der Totenschädel schienen sie anzustarren. Desgleichen die blicklosen Augen der halbverwesten Leichen. Lodernde Glut wuchs in den Augen der Hexe, als sie den Blick über die angehäuften Gebeine kreisen ließ, die das Verlies fast bis zur Hälfte füllten.

Sie beugte sich hinab. Ihre knochigen Finger mit den krallenförmigen Nägeln strichen zärtlich über ausgebleichte Totenschädel und Skelettreste.

»Ihr braucht nicht mehr lange zu warten!« kicherte sie. »Schon bald werden neue Gefährten kommen, die ihr in eure Gemeinschaft aufnehmen könnt...«

Sie strich noch einmal über einen der kalten rauhen Schädel. Dann wandte sie sich ab.

Von Unrast getrieben, eilte die Hexe durch das Gewirr der unterirdischen Gänge von Château Chauveron.

Der Waldboden ließ den Citroën sanft schaukeln. Es gab dumpfe Geräusche, wenn die Reifen über Baumwurzeln rollten.

In einer Schneise brachte Charles Durand den Wagen zum Stehen. Seine Finger vibrierten, als er die Handbremse anzog und den Zündschlüssel nach links drehte.

Das Mädchen wandte ihm den Kopf zu.

»Ein romantisches Plätzchen, nicht wahr?« Veroniques Stimme war so rein wie Glockenklang.

Er erwiderte ihren Blick. Sofort klopfte sein Herz schneller. Das Blau ihrer Augen erinnerte an einen verträumten See, in den man stundenlang hinabblicken konnte.

Nichts anderes las er in diesen Augen – am allerwenigsten die unausgesprochene Drohung, die irgendwie tief in den Pupillen des Mädchens glomm.

Charles war zu sehr in den Bann ihrer Schönheit gezogen, um es wahrzunehmen. Er legte den Arm um ihre Schultern, strich über ihr seidenmattes Blondhaar. Er wollte sie an sich ziehen, denn er konnte dem Drang kaum noch widerstehen.

»Sei nicht so ungestüm!« protestierte sie mit entwaffnendem Lächeln. »Komm, mon Cher, es gibt hier einen viel schöneren Ort!«

Ehe er antworten konnte, stieß sie die Beifahrertür auf, löste sich aus seinem Griff und schwing sich behende ins Freie.

Charles atmete tief durch.

Dann zog er den Zündschlüssel ab und folgte ihr.

Lachend lief sie voraus, durch das Buschwerk, das in hellem Grün stand. Das Laub filterte die Sonnenstrahlen zu unwirklichem Zwielicht.

Am Waldrand hatte er sie eingeholt. Diesmal sträubte sie sich nicht, als er den Arm um ihre Taille schlang.

»Komm weiter!« flüsterte sie verlockend. »Dort hinauf!«

Er blickte in die Richtung, die ihr ausgestreckter Arm anzeigte. Unwillkürlich öffnete er den Mund vor Überraschung.

»Donnerwetter!« murmelte er. »Das ist ja...«

Er sprach nicht weiter.

Ein Hügel erhob sich unmittelbar vor ihnen. Auf der Kuppe ragten die Umrisse einer verwitterten Burg in den strahlenden Frühlingshimmel. Hohe Mauern aus mächtigen Bruchsteinquadern, Türme und Zinnen, die von Efeu überwuchert waren.

Der Gedanke war für den jungen Mann faszinierend. Dieses bezaubernde Mädchen an seiner Seite... die Verschwiegenheit und Stille des uralten Gemäuers... Das war schon eine aufregende Sache. Ganz anders als das Übliche... Auto, Liegesitze, schaler Beigeschmack...

Veronique brauchte ihn nicht zu drängen, als sie Hand in Hand mit ihm den gewundenen Pfad hinauflief, der durch hüfthohes Gras führte.

Sie erreichten die dunklen Eichenbohlen des Burgtores.

Charles keuchte jetzt. Doch es war weniger die Anstrengung, die das bewirkte.

»Gedulde dich noch zwei Minuten«, flüsterte Veronique verlockend. »Hinter diesen Mauern erwartet uns das Paradies!«

Sein Blick hing voll grenzenloser Bewunderung an ihren makellos reinen Gesichtszügen. Es erschien ihm noch immer wie ein Traum, daß es ausgerechnet ihm gelungen sein sollte, diese Schönheit für sich zu gewinnen.

Ihm fiel nicht auf, daß sie das schwere Tor mit spielerischer Leichtigkeit öffnete. Kein Riegel war vorgelegt. Die Angeln knarrten leise.

Irritiert spähte Charles Durand in den Burghof, der jetzt dem Blick freigegeben war. Fast mannshohes Unkraut wucherte ringsherum, an den Mauern unter dem Wehrgang, vor den Gebäuden und an dem Ziehbrunnen, der in der Mitte des Hofes stand. Die Fenster-hohlen gähnten düster. Die Holztreppen, die zum Wehrgang hinaufführten, waren teilweise eingestürzt.

Etwas raschelte im Unkraut, als Veronique und Charles das brüchige Kopfsteinpflaster des Hofes betraten.

Ein fettes Rattenpaar ergriff mit schrillem Pfeifen die Flucht.

Veronique musterte ihren Begleiter forschend.

»Findest du es noch immer einladend hier?« fragte sie leise.

Er hörte nicht den Unterton in ihrer Stimme. Ihre sinnlichen Lippen, ihr Körper, der sich unter dem hautengen Kleid aufreizend abzeichnete – all das wirkte zu berauschend auf ihn, als daß er noch etwas anderes wahrgenommen hätte.

»Für mich zählt nur, daß du bei mir bist«, entgegnete er heiser.

Der Druck ihrer feingliedrigen Hand ließ einen Schauer durch seinen Körper rinnen, als sie ihn zum verwitterten Säulenportal des Haupthauses führte.

Wieder öffnete sich die Tür erstaunlich leicht. Allein die Berührung durch Veroniques Hand schien zu genügen, um ihnen Einlaß zu gewähren. Diesmal bewegten sich die Angeln völlig geräuschlos.

Jahrhundertealter Modergeruch und trübes Halbdunkel lastete in der Halle. Wie aus weiter Ferne strahlte das Tageslicht herüber, das durch die drei Bogenfenster in der gegenüberliegenden Wand hereinfiel. Riesige Spinnweben hingen wie Schleier von der Balkendecke herab.

»Nun?« wandte sich das Mädchen dem jungen Mann zu. »Wie gefällt dir mein Zuhause?«

Er lachte amüsiert, erschrak im nächsten Moment über den hohlen Nachhall seiner eigenen Stimme.

»Zuhause ist gut!« grinste er. »Aber du kennst dich hier aus, stimmt’s?«

»Allerdings«, antwortete sie. »Nehmen wir das Kaminzimmer, Cheri? Da ist es besonders gemütlich.«

»Wenn du es sagst...« Er nickte. Allmählich hatte er Mühe, seine Ungeduld zu bezwingen.

Das Kaminzimmer lag nur wenige Schritte rechts vom Eingang.

Als Charles Durand dem Mädchen durch die geöffnete Tür folgte, prallte er unwillkürlich zurück.

»Mon Dieu!« stieß er hervor. »Das gibt es doch nicht!«

Veronique lächelte nur. Die rätselhafte Glut in ihren Augen verstärkte sich, wuchs zu einem verzehrenden Feuer an, das dem jungen Mann entgegenzüngelte.

Zum erstenmal, seit er mit ihr in den Wald gefahren war, empfand er leises Unbehagen.

Dieses Kaminzimmer stand im krassen Gegensatz zu dem übrigen Zustand der Burg. Kostbare Möbelstücke mit zerbrechlich wirkenden Beinen, ein mächtiger Kerzenleuchter, der von der Decke herabhing, ein breiter Diwan an der Wand neben dem Kamin und ein kunstvoll verschnörkelter Schrank, hinter dessen Glastüren langstielige Kristallgläser funkelten.

Charles Durand wischte sich verblüfft über die Augen.

Nein, es war Realität. Keine Halluzination.

Auch Veronique war Wirklichkeit.

»Ah!« rief er plötzlich. »Du hast dir diese Liebeslaube hier oben eingerichtet, Cher! Muß eine ziemliche Stange Geld gekostet haben...«

»Vielleicht...«, hauchte sie.

Dann nahm sie wieder seine Hand und zog ihn zum Diwan hin.

Ihr Blick traf den seinen.

Charles Durand zuckte zusammen. Plötzlich ging eine eisige Kälte von ihrer Berührung aus. Wie elektrisiert wollte er seine Hand zurückziehen.

Es gelang ihm nicht.

Veronique schien nicht die geringste Kraft anzuwenden. Aber dennoch schaffte Charles es nicht, sich ihrem Griff zu entwinden.

Im nächsten Atemzug erstarrte er, als er ihren Blick bewußt spürte. Die Kraft ihrer Augen durchbohrte ihn wie eine glühende Lanze, traf schmerzhaft sein Innerstes und entblößte seine geheimsten Gedanken vor ihr.

Er war nicht mehr fähig, sich zu bewegen. Regungslos stand er vor dem Diwan, von der magischen Gewalt festgehalten, die in Veroniques Händen und in ihren Augen lag.

»Du möchtest mich besitzen«, hauchte sie. »Aber es wird umgekehrt sein, Cheri! Du wirst mir gehören, mir allein! Und du wirst mich lieben, wann immer ich es will! Ich habe die Kraft dazu, hörst du! Ich befehle dir, mich zu lieben...«

Charles’ Augen weiteten sich. Er verstand jedes Wort, das sie sagte. Und doch begriff er den Sinn nicht.

Jäh berührte ihre Rechte seine Brust. Dort, wo der Hemdkragen offenstand.

Eisige Pfeile schienen von ihren Fingerspitzen auszugehen, sich in seine Haut zu bohren.

Doch er war zu keiner Reaktion imstande.

Dann packte ihn das Grauen.

Diese Hand, die über seine Brust tastete, verfärbte sich, welkte wie eine Blume, die von der Glut eines heißen Sommertages versengt wurde.

Plötzlich war die Hand faltig, von dunklen Flecken übersät. Die Finger krümmten sich unter der Gicht, und die Fingernägel wuchsen zu Krallen.

Charles wollte schreien.

Aber er hörte keinen Laut, der über seine Lippen kam.

Vor ihm verzerrte sich Veroniques Gesicht in satanischer Wut.

Doch da war noch ein Rest von Verstand in ihm, der ihm sagte, daß diese Wut nicht auf ihn gerichtet war.

Ein Hoffnungsschimmer, der so rasch versiegte, wie er aufflackerte.

Die sanfte, seidig schimmernde Haut des Mädchens veränderte sich in der gleichen Weise, wie es eben mit ihrer Hand geschehen war. Die Haut schrumpfte zusammen, legte sich in unzähligen Falten dichter um die Knochen.

Ihre Brüste, die sich noch vor Sekunden unter dem Kleid wölbten, fielen in sich zusammen. Der dünne Stoff des Kleides hing unvermittelt wie ein Sack an ihrem Körper herunter, der nun einem Skelett glich.

Ebenso rasch verfielen Veroniques Gesichtszüge. Die Wangenknochen traten hervor, die Nase verformte sich scharf und hakenförmig. Ihre sinnlichen Lippen wurden zu einem blutleeren Strich.

Ein wildes Feuer brannte dagegen in ihren Augen.

Jäh entrang sich ein gellender Schrei ihrer Kehle – ein Schrei, der nichts Menschliches hatte.

Dann setzte ihr Kichern ein, das schaurig von den Wänden des engen Raumes zurückhallte.

Veronique wich einen Schritt von dem jungen Mann zurück.

Flieh! schrie es in ihm. So flieh doch!

Aber sein Gehirn und seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Er stand wie zur Salzsäule erstarrt und hatte auf einmal das Gefühl, diese Situation nicht selbst zu erleben. Es war zu unfaßbar für seine Sinne, die auf die Wirklichkeit fixiert waren und auf nichts sonst.

»Du hast versagt!« keifte die Hexe, die nun durch nichts mehr an das Mädchen Veronique erinnerte. »Du kannst mich nicht lieben! Du hast nicht die Kraft dazu!« Ihre Stimme senkte sich zu einem bösartigen, haßerfüllten Zischen. »Dir verdanke ich es, daß ich nicht von dem Fluch erlöst werde. Deshalb wirst du sterben, du Narr!«

Sie kicherte wieder, als sie den Schrank mit den gläsernen Türen öffnete. Mit gichtgekrümmten Fingern nahm sie eines der langstieligen Gläser heraus und stellte es auf den Tisch. Dann goß sie das Glas aus einer bauchigen Karaffe halb voll.

Es war eine dunkelrote Flüssigkeit, die in geheimnisvollem Feuer leuchtete.

Die Hexe nahm das Glas und hielt es dem hilflosen jungen Mann an die Lippen.

»Trink!« befahl sie schrill. Ihre Stimme klang jetzt brüchig wie welkes Herbstlaub.

Er gehorchte. Dem unerklärlichen Zwang, der ihn befallen hatte, konnte er nicht widerstehen.

Mit zwei, drei langen Schlucken leerte er das Glas. Wohlige Wärme breitete sich in ihm aus, erfaßte jeden Winkel seines Körpers.

Dann erloschen seine Sinne so plötzlich wie eine Kerze im Wind.

Charles Durand starb, ohne daß er es spürte. Von einem Atemzug zum anderen hörte er auf zu existieren.

Sein seelenloser Körper sank auf den Diwan. In den blicklosen Augen lag noch das Grauen, das er während der letzten Minuten seines Lebens empfunden hatte.

Veronique de Chauveron kniete vor dem Leichnam nieder.

Ihr magerer Skelettkörper erzitterte wie unter Krämpfen. Sie begann zu schluchzen, weinte hemmungslos. Verzweifelt schlug sie die faltigen Klauenhände vor das Gesicht.

»Es gelingt mir nicht!« stöhnte sie. »Er läßt es nicht zu! Aber eines Tages werde ich stärker sein als er! Ja, dann werde ich mich selbst übertreffen! Er kann mich nicht ewig bezwingen!«

Die letzten Worte klangen wie ein wilder Aufschrei.

Doch unvermittelt verstummte sie.

Hohngelächter ertönte, schien von allen Seiten aus den angrenzenden Räumen der Burg zu kommen.

Veronique zuckte herum.

Sie duckte sich wie unter einem Peitschenhieb. Abwehrend streckte sie die Arme aus.

Die Silhouette erschien im Türrahmen, formte sich aus grellfarbig schimmernden Schwaden zu festen Konturen... Und im gleichen Moment erschien das Bild vor Veroniques geistigem Auge.

***

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»... ÜBERGEBEN WIR deine Seele, Jean de Chauveron, der Gnade des allmächtigen Herrn, dem es gefiel, dich schon so früh aus unserer Mitte zu rufen!« Der Priester brach kurz ab, um dann in monotonem Singsang fortzufahren: »Erde zu Erde... Asche zu Asche...«

Seine Stimme wurde vom Schluchzen der Frauen übertönt.

Den Dorfbewohnern, die vom Waldrand aus zuschauten, lief ein Schauer über den Rücken.

Es war ein gespenstisches Bild, das sich ihnen bot.

Dichte Nebelschwaden wallten aus den Waldniederungen auf, umhüllten die Silhouetten der schwarzgekleideten Menschen, die auf dem Familienfriedhof am Hang dem Begräbnis beiwohnten.

Unmittelbar über ihnen ragte die Burg wie eine düstere Drohung in den feuchtkalten Morgenhimmel.

Nur fünf Menschen waren es, die den Worten des Priesters in stummer Ergriffenheit zuhörten.

Comte Jerome de Chauveron stand starr und ohne erkennbare Regung in seinem bärtigen Gesicht. Neben ihm seine Frau, die ihren Tränenstrom vergeblich zu bekämpfen suchte. Dann die beiden Töchter, ebenfalls von ohnmächtiger Trauer gerührt.

Veronique de Chauveron stand ein Stück abseits. Ihre Lippen bewegten sich kaum merklich. Doch keine Träne rann über ihre Wangen. Der schwarze Schleier, feucht von der Morgenluft, preßte sich gegen ihr Gesicht.

Sie spürte die Blicke, die sie hin und wieder trafen. Auch die Blicke des Priesters, der eine unausgesprochene Anklage gegen sie zu richten schien.

Ahnte er, weshalb die Trauerfeier nur im engsten Familienkreis stattfand? Ja, er mußte es wissen. Denn er war der engste Vertraute des Comte.

Veronique begann zu zittern. Sie spürte plötzlich die Bedrohung, die sich aus den Gedanken dieser Menschen gegen sie richtete. Wie würde es enden? Konnte sie mit der Gnade des Comte rechnen?

Nein.

Jerome de Chauveron war von Anfang an gegen sie gewesen. Sie, die Bürgerliche, hatte sich in diese Familie eingeschlichen. Nur seinem geliebten Sohn zu Gefallen hatte Comte Jerome in die Heirat eingewilligt. Nun war dieser Sohn gestorben. Keine vier Jahre nach der Eheschließung.

Nein, der Comte würde keine Gnade kennen. Es konnte nur die Rachsucht sein, die ihn beseelte.

Aber Veronique hatte eine geringe Hoffnung. Nach menschlichem Ermessen konnte Comte Jerome die wahren Zusammenhänge nicht ahnen. Er mußte das glauben, was nach den Umständen beim Tod seines Sohnes unwiderlegbar war: Jean de Chauveron hatte Selbstmord begangen.

Veronique wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich die kleine Trauerprozession in Bewegung setzte. Niemand beachtete sie. Niemand forderte sie auf, zu folgen.

Dennoch schloß sie sich der Familie an, in der sie sich selbst im vierten Ehejahr noch als Fremdkörper gefühlt hatte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, daß sie jetzt keinen Verdacht erregen durfte. Gerade jetzt mußte sie das tun, was man am allerwenigsten von ihr erwartete.

Der Priester ging mit würdevollen Schritten voraus. Ihm folgte Comte Jerome. Dann die Frauen, die sich gegenseitig stützten.

Veronique ging allein, aufrecht und gefaßt.

Sie überquerten das glitschige Pflaster des Burghofes, betraten die Halle. Kerzenleuchter erhellten die gedeckte Tafel. Schwarzgekleidete Diener standen ehrerbietig im Hintergrund.

Der Comte forderte den Priester und die Frauen auf, sich zu setzen. Dann trat er auf Veronique zu. In seinen dunklen Augen glühte tödlicher Haß.

Sie spürte diese Drohung in seinem Blick stärker denn je, hatte Mühe, ihre Fassung zu bewahren.

»Ihr werdet nicht am Leichenschmaus teilnehmen, Veronique!« sagte Comte Jerome heiser. »Begleitet mich! Es gibt etwas, das zuvor zu erledigen ist!«

Er deutete auf die Tür, die rechts neben dem Treppenaufgang in die unterirdischen Gewölbe führte.

Veronique erschauerte. Plötzlich spürte sie die Blicke der anderen, die lauernd auf ihr hafteten.

»Geht voraus!« bestimmte der Comte. Es war keine Aufforderung mehr, sondern ein eisiger Befehl.

Veronique wußte, daß sie sich nicht widersetzen konnte.

Sie gehorchte.

Lodernde Pechfackeln zeigten den Weg durch die unterirdischen Gänge. Zuckende Schatten, hervorgerufen durch das flackernde Licht, tanzten über die glitschigen Quadersteine.

Kurz darauf erkannte Veronique, wohin Comte Jerome sie führte. Die Tür zur Folterkammer stand offen. Auch drinnen brannten die Fackeln.

Veronique zögerte einen Moment, wandte sich mit zusammengepreßten Lippen zu ihrem Schwiegervater um. Sie erschrak, als sie in sein verzerrtes Gesicht blickte.

»Tritt ein!« befahl der Comte, und ein höhnischer Unterton lag in seiner Stimme.

Sie gehorchte auch jetzt.

Zuerst nahm sie den Folterknecht wahr, der mit nacktem schweißtriefendem Oberkörper vor dem Streckbett stand.

Dann fiel ihr Blick auf den Mann, der darauf festgebunden war. Er trug keine Kleidung mehr. Seine Gelenke schienen kurz vor dem Zerreißen. Er konnte Veronique nicht sehen, denn er hatte nicht mehr die Kraft, den Kopf zu heben.

Sie erkannte ihn erst jetzt.

Die furchtbare Gewißheit lähmte sie einen Atemzug lang.

Dann hörte sie sich selbst schreien. Gellend hallte ihr nicht enden wollender Schrei durch die unterirdischen Gänge. Ohnmächtiges Entsetzen und grauenhafte Seelenqual lagen in ihrer Stimme.

Sie geriet ins Taumeln, fand Halt an der feuchten Wand aus Bruchsteinquadern. Ihre Mundwinkel zuckten wie unter Krämpfen, als sie Comte Jerome anblickte, der hohnlächelnd in der Tür stand.

»Wie Ihr seht...«, erklärte er eisig, »gibt es für mich kein Geheimnis mehr, verehrte Schwiegertochter. Der erbärmliche Wicht, den Ihr vor Euch seht, hat alles gestanden. Er war Euer Liebhaber, und gemeinsam mit ihm habt Ihr meinen geliebten Sohn in den Tod getrieben.«

»Nein!« schrie Veronique auf. »Das ist nicht wahr! Es ist nicht...«

»Widersprecht nicht!« herrschte sie der Comte zornig an. »Zeigt angesichts des Todes wenigstens soviel Ehrgefühl, Euch nicht in Lügen zu verstricken! Ihr beide habt Jean auf dem Gewissen. Denn er war euch im Weg. Nun soll euch beide die Vergeltung treffen!«

Veronique schluchzte. Sie konnte nicht mehr sprechen, war einer Ohnmacht nahe.

Comte Jerome gab dem Folterknecht ein Zeichen.

Wortlos ergriff der breitschultrige Mann das Rad, das die Ketten des Streckbettes langsam weiter auseinanderzog.

Einen Moment lang war Veronique versucht, sich auf den gemarterten Körper ihres Geliebten zu werfen. Ihre gepeinigten Sinne gaukelten ihr vor, sie könne ihm dadurch helfen.

Doch ihre Glieder gehorchten ihr ohnehin nicht mehr. Sie stand unter einem unerklärlichen Zwang, das Grauenvolle hilflos mit ansehen zu müssen.

Ein tierischer Schrei kam tief aus der Brust des Gefolterten. Seine Augen drohten aus den Höhlen zu quellen. Die Adern an seinem Hals traten wie Stränge hervor.

Comte Jerome lachte höhnisch. Er gab dem Folterknecht ein erneutes Handzeichen.

Teuflisch grinsend drehte dieser das Rad schneller.

Der Schrei des Mannes auf dem Streckbett erstarb.

Ein Knirschen war zu hören, dann ein trockenes Knacken, das Veronique durch Mark und Bein ging. Diese Geräusche setzten sich fort, nahmen an Intensität zu.

Der Kopf ihres Geliebten fiel kraftlos zur Seite. Er spürte die furchtbaren Schmerzen nicht mehr.

Eine Ohnmacht erlöste nun auch Veronique von den Qualen.

Als sie wieder zu sich kam, war sie von Dunkelheit und modriger Feuchtigkeit umgeben. Nur ein blasser Lichtstreifen fiel schräg von oben auf sie herab.

Sie hob den Kopf, stellte fest, daß sie auf einer steinernen Bank lag.

Comte Jerome stand dort oben in der Tür des Verlieses.

»Dein Geliebter ist tot!« erscholl seine zornige Stimme. »Doch dir werde ich die Erlösung durch den Tod nicht gönnen, Mörderin! Du sollst verflucht sein, über das Ende deiner fleischlichen Hülle hinaus! Auf alle Ewigkeit soll deine Seele keine Ruhe finden, und auf Ewigkeit sollst du nach Erlösung suchen, die dir niemals ein Liebhaber geben wird! Ich, Comte Jerome de Chauveron, verfluche dich, Mörderin!«

Krachend flog die Tür des Verlieses zu.

***

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VERONIQUE SPÜRTE DAS dumpfe Geräusch beinahe körperlich.

Sie zuckte zusammen.

Als sie den Kopf wieder hob, war die Silhouette des Comte verschwunden.

Sie atmete auf. Doch sie konnte nur geringe Erleichterung empfinden. Denn sie wußte, daß sie jedesmal wieder von dieser Vision verfolgt werden würde. Immer von neuem erlebte sie jene Augenblicke, die ihr Verderben eingeleitet hatten. Sie konnte sich nicht dagegen auflehnen.

Denn auch das war ein Teil des Fluches, der auf ihr lastete.

Langsam, müde richtete sie sich auf. Ihre ausgemergelten Glieder zitterten unter der Anstrengung. Mit unsicheren Schritten ging sie zur Tür.

Die Spinnweben bewegten sich im Luftzug, der von dem noch offenen Eingang in die Halle wehte.

Veronique öffnete den Mund.

»Necrofor! Komm zu mir, Necrofor!« Ihre schrille Befehlsstimme drang bis in den letzten Winkel der Burg vor.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis schlurfende Schritte herannahten. Die Spinnweben begannen wie Schleier zu wallen, als der Seiteneingang der Halle aufschwang.

Veroniques Knecht erschien.

Seine schweren Stiefel scharrten bei jedem Schritt über den staubbedeckten Fußboden. Die Beine, die den schweren Leib trugen, waren krumm, deformiert. Die Arme des Mannes pendelten überlang von den breiten Schultern herab. Sein Hals war auf merkwürdige Weise angeschwollen.

Necrofor trug derbe Leinenhosen über den Stiefeln. Ein schwarzer Umhang, der in der Hüfte von einem Strick zusammengehalten wurde, bedeckte seinen mächtigen Oberkörper. Seine großen Hände wirkten schaufelförmig. Bei jedem Schritt, den er machte, schien er diese Schaufeln als Ruder zu benutzen, um die ihn umgebende Luft zu verdrängen.

Den kantigen Schädel hielt Necrofor leicht gebeugt. Sein Haar war kurz geschoren. Unter den buschigen dunklen Brauen standen seine glanzlosen Augen, die keine Gefühlsregung mehr auszudrücken vermochten. Die dünnen Lippen bildeten einen blassen Strich unter der platten, eingedrückten Nase.

Vor Veronique blieb er mit pendelnden Armen stehen.

»Ja, Herrin?« Seine Stimme klang wie das Knarren rostiger Türangeln.

»Es gibt Arbeit für dich«, kicherte die Hexe. »Bringe meinen unglückseligen Liebhaber recht behutsam zu seiner letzten Ruhestätte! Und kümmere dich auch um sein Auto, Necrofor! Du weißt schon, was du zu tun hast.«

»Ja, Herrin«, grunzte der Knecht. »Ich werde alles zu Ihrer Zufriedenheit besorgen.«

Veronique trat beiseite.

Mit starrem Gesichtsausdruck schlurfte Necrofor in das Kaminzimmer. Mechanisch steuerte er auf den Diwan zu, wo die Leiche des jungen Mannes lag.

Veronique kicherte wieder, als ihr treuer Diener den leblosen Körper mit beiden Fäusten packte und ihn sich so spielerisch leicht über die Schulter warf, als handelte es sich um eine Stoffpuppe.

»Geh nur!« rief Veronique schrill. »Laß dir Zeit, Necrofor! Denn auch ich brauche Zeit...«

»Ja, Herrin«, brummte er im Vorbeigehen.

Der bleiche Kopf des Toten wippte vor Necrofors Brust auf und ab. Die Beine schwangen hinter seinem Rücken.

Zielstrebig trat der Knecht durch die Tür, die in die unterirdischen Gewölbe von Château Chauveron führte. In schlafwandlerischer Sicherheit fand er seinen Weg durch das Gewirr der gerade mannshohen Gänge.

Dann erreichte er die Folterkammer. Es bereitete ihm nicht die geringste Anstrengung, den schweren Leichnam auf der Schulter zu tragen.

Necrofor entzündete die Pechfackeln, die rechts an der Wand in gußeisernen Halterungen staken. Der zuckende Lichtschein erhellte die Marterinstrumente: Eiserne Jungfrau, Kohlenbecken, Daumenschrauben, Garotte... Und das Streckbett.

Ein Befehl, der aus der Tiefe seines Unterbewußtseins kam, ließ Necrofor vor dem Streckbett verharren. Den Leichnam ließ er kurzerhand hinter sich zu Boden gleiten.

Dann ging er in die Knie, den Blick unverwandt auf das Streckbett gerichtet.

Die Worte, die er sprach, klangen wie ein Gebet.

»Ja, Gebieter, ich büße meine Schuld. Als willfähriger Diener tue ich alles, um deinen Willen zu vollstrecken... Der Fluch des Comte von Chauveron wird erfüllt, heute, wie in allen Zeiten. Ich, Necrofor, leiste meinen bescheidenen Anteil dazu – wie es dein Wille ist, Gebieter...«

Necrofor hockte noch minutenlang stumm da. Endlich löste er sich aus dem tranceähnlichen Zustand und richtete sich auf.

Diesmal machte er sich nicht mehr die Mühe, die Leiche hochzuheben. Er packte den Jackenkragen des Toten und schleifte ihn über den moosbewachsenen Steinboden aus der Folterkammer hinaus.

Der Weg war nur kurz. Hinter einer rechtwinkligen Biegung des Ganges tauchten zu beiden Seiten die Türen der Verliese auf. Jenes Verlies, das sich gleich vorn rechts befand, stand offen.

Necrofor riß ein Streichholz an und entzündete die Fackel im niedrigen, bruchsteinumrahmten Eingang.

Ein hohles Lachen kam tief aus seiner mächtigen Brust.

Der grauenvolle Anblick, der sich im züngelnden Flammenschein bot, wirkte auf Veroniques Knecht erheiternd.

Fünf Treppenstufen führten in das Verlies hinunter. Der vier Quadratmeter große Raum war fast zur Hälfte gefüllt.

Dort, wo sonst der Steinfußboden war, schimmerten blanke Knochen. Ausgebleichte Skelette. Grinsende Totenschädel starrten dem Knecht hohläugig entgegen.

Über dem Berg der Skelette lagen halbverweste Leichen, denen noch Kleidungsreste und pergamenttrockene Muskelfasern an den Knochen hingen.

Drei, vier der Leichen waren erst Wochen und Monate alt.

Necrofor packte den toten Charles Durand und schleuderte ihn hinab in die Wolke von Verwesungsgeruch, die ihm entgegenströmte.

Es gab ein trockenes Knacken und Bersten, als der Aufprall des Körpers die Skelette ein weiteres Stück in sich zusammensinken ließ.

Eine erste Regung zeigte sich nun in Necrofors bislang ausdrucksloser Miene, als er die Treppenstufen hinabstiegt Während er in das Zentrum des beißenden Verwesungsgestanks vordrang, verzogen sich die Lippen des Knechts von Château Chauveron zu einem genüßlichen Grinsen.

Denn zu einem erheblichen Teil war dies hier auch sein Werk. Ohne ihn war Veronique de Chauveron nicht imstande, sich ihre Opfer zu suchen.

Knochen zersplitterten krachend unter Necrofors derben Stiefeln. Er stieg den Berg der Totenschädel und Skelettreste hinauf zu der frischen Leiche von Charles Durand.

Rasch durchwühlte Necrofor die Taschen des jungen Mannes. Nur den Zündschlüssel und das Geld aus der Brieftasche nahm er an sich. Alles weitere interessierte ihn nicht. Bevor er die Banknoten einsteckte, leckte er sich die Fingerspitzen mit der Zunge und blätterte die knisternden Scheine durch.

Einhundertzwanzig Franc.

Necrofors Grinsen wurde noch zufriedener. Seine Herrin war auf Geld nicht angewiesen. Doch er brauchte es, um seine Aufgabe erfüllen zu können.

Nach einem letzten Blick auf die Stätte des Grauens wandte sich der Knecht ab. Wieder splitterten Knochen unter seinen Stiefeln. Er löschte die Fackeln im Hinausgehen.

Dunkelheit lastete jetzt schwarz und undurchdringlich in den Gewölben der Burg.

Necrofor wählte den geheimen Gang, der am östlichen Hang des Burghügels ins Freie führte. Nach dem Wagen des jungen Mannes brauchte er nicht lange zu suchen. Er kannte die Stelle, an der Veronique ihre Liebhaber auf den entscheidenden Moment vorzubereiten pflegte.

Der Citroën stand noch unverändert in der Waldschneise, wie ihn sein Eigentümer zurückgelassen hatte. Der dunkelgrüne Lack der schweren Limousine funkelte im zunehmenden Sonnenlicht.

Als Necrofor die Tür auf der Fahrerseite aufzog, roch er den Duft der teuren Lederpolster. Ein Blick auf den Tacho zeigte ihm, daß der Wagen erst wenige Wochen alt sein konnte.

Mit glänzenden Augen warf Necrofor seinen schweren Körper hinter das Lenkrad. Beinahe liebevoll streichelte er die mattschwarzen Armaturen, den verchromten Automatikwählhebel, das weiche Polster des Beifahrersitzes...

Ein wehmütiges Grunzen kam tief aus seiner Brust. Schöne Dinge, wie diese Limousine, machten ihm deutlich, welche angenehmen Seiten er in seinem Dasein entbehren mußte. Doch er wußte nur zu gut, daß er am Leben der heutigen Menschen niemals vollkommen teilhaben konnte.

Leise Wut packte Necrofor daher, als er den Zündschlüssel betätigte und den Wagen in Gang brachte. Aber er bezwang sich. Dem Einfluß seiner Herrin konnte er sich nicht entziehen. Niemals. Er mußte dieses Fahrzeug vernichten, wie all die anderen, mit denen er es zuvor getan hatte.

Geschickt lenkte er den Citroën aus der Schneise und rangierte ihn in den breiten Waldweg, der vorüberführte, in einem Bogen um die Burg herum. Necrofor wußte mit Autos umzugehen. Er hatte es sich selbst beigebracht. Und es machte ihm unbändige Freude.

Mit glucksendem Lachen lenkte er den schweren Wagen in westlicher Richtung durch das ausgedehnte Waldgebiet.

Betrübt verzog er das Gesicht, als er schon nach zehn Minuten am Ziel war. Die Bäume lichteten sich, gaben den Blick frei auf die spiegelblanke Oberfläche eines Sees. Die Ufer waren von dichtem Schilf umsäumt. Keine Welle kräuselte das Wasser, obwohl eine spürbare Brise über die Baumkronen wehte.

Aufgescheuchte Sumpfhühner nahmen schnatternd Reißaus, als der Knecht von Château Chauveron die Limousine unmittelbar vor dem Ufer zum Stehen brachte und ausstieg.

Seine Arbeit erledigte er im Handumdrehen. Er schaltete die Getriebeautomatik aus, löste die Handbremse und kurbelte sämtliche Scheiben des Wagens herunter. Dann legte er seine mächtigen Fäuste auf den linken Heckkotflügel und begann zu schieben.

Es bereitete ihm nicht die geringste Mühe. Necrofor verfügte über Bärenkräfte. Zügig rauschte die Limousine ins Wasser, teilte das Schilf. Necrofor watete noch bis zu den Knien in den Uferschlamm, bis der Wagen freikam und nach einem letzten Stoß auf der Wasseroberfläche zu schwimmen schien.

Doch das dauerte nur Sekunden. Gurgelnd stiegen Luftblasen auf, umgaben die Karosserie wie ein perlender Kranz. Der Wagen sackte ab. Strudel bildeten sich. Das Gurgeln nahm zu. Im nächsten Moment erreichte das Wasser die offenen Fenster. Ein tosender Schwall ergoß sich ins Innere. Unsichtbare Kräfte schienen den Citroën zu packen und jetzt rascher in die Tiefe zu ziehen.

Nur noch das Wagendach hielt sich länger an der Oberfläche. Dann war auch das vorbei. Das brodelnde Wasser schlug über dem dunkelgrünen Lack zusammen.

Necrofor stand noch minutenlang wie fasziniert da und schaute zu. Der See beruhigte sich rasch. Die beiseitegedrückten Schilfblätter richteten sich wieder auf, wie von geisterhaften Kräften erfüllt. Das dunkle Wasser des Sees glättete sich.

Als der Knecht sich schließlich abwandte, stiegen nur noch vereinzelte Luftblasen hoch.

Geschickt kletterte Necrofor den Stamm einer Tanne hinauf. Trotz seines Körperumfanges bewegte er sich mit katzenhafter Gewandtheit. Er brach einen armdicken Zweig mit dichten Nadelbüschen ab und kehrte zur Erde zurück. Es war eine mühevolle Arbeit, die Reifenspuren zu beseitigen.

Necrofor erledigte es mit stoischer Gelassenheit.

Als er in die Burg zurückkehrte, war seit Charles Durands Tod eine Stunde vergangen.

Der Knecht begab sich durch die Halle in das Kaminzimmer.

Seine Herrin hockte mit krummem Rücken in einem der stelzenbeinigen Sessel. Vor ihr auf dem Tisch stand die bauchige Karaffe. Daneben das langstielige Glas, mit dessen Inhalt sie ihren Liebhaber getötet hatte.

Necrofor blieb in der Tür stehen, verbeugte sich devot und richtete den Blick zu Boden.

»Es ist getan, Herrin«, murmelte er mit seiner knarrenden Stimme.

Sie kicherte erfreut. Ihre farblose, ausgedörrte Zungenspitze fuhr über die blutleeren Lippen.

»Sehr gut, Necrofor!« kicherte sie. »Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann. Nun geh, und verliere keine Zeit! Du kennst meine Unrast. Sorge also dafür, daß ich meinem Zorn nicht nachgeben muß!«

Der Knecht duckte sich.

»Ja, Herrin«, antwortete er unterwürfig. Abrupt machte er kehrt. Seine schlurfenden Schritte entfernten sich durch die Halle.

Veronique de Chauveron nahm von neuem die Karaffe und goß das Glas mit der dunkelroten Flüssigkeit voll. Ein feuriges Leuchten strahlte durch die hauchdünnen Kristallwände des. Glases.

Veronique leerte es mit einem Zug. Mit einer ruckhaften Handbewegung setzte sie es ab.

Minutenlang saß sie regungslos. Dann schien neue Kraft unter ihrer pergamentenen Haut zu pulsieren. Ihre Augen flackerten lebhaft. Entschlossen richtete sie sich aus dem Sessel auf.

Schon ein Tropfen der geheimnisvollen Flüssigkeit hatte für Menschen tödliche Wirkung.

Dagegen bedeutete dieses Getränk für Veronique eine Stärkung, ein neues Erwachen.

***

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DICHTE RAUCHSCHWADEN lagen unter der niedrigen Decke des Gasthauses. Grölende Männerstimmen und das helle Lachen der Mädchen erfüllten den Raum. Aus einem uralten Radio hinter der Theke erklang Musik, die jedoch den Lärm nicht zu übertreffen vermochte.

Flaschen mit Rotwein und Anisschnaps standen dicht gedrängt auf den Tischen. Leise klirrten die Gläser, die der Wirt mit geübten Handbewegungen polierte und in das Regal hinter der Theke stellte.

Die Kneipe, die sich schlicht und einfach »Chez Michel« nannte, war brechend voll. Insbesondere waren es die Männer von den Bauernhöfen in der Umgebung, die hier das Vergnügen nach einem harten Arbeitstag suchten.

Niemand achtete auf den untersetzten Mann, der bei einem Glas Rotwein in der dunkelsten Ecke saß.

Necrofor trug einen dunkelbraunen Kordanzug, dessen Hose an den Knien und am Gesäß abgewetzt war. Der Anzug saß schlecht, schlug Falten an seinem unförmigen Körper. Dennoch war er auf diese Kleidung angewiesen, um unter den Menschen der kleinen Stadt nicht aufzufallen.

Condrieu, im romantischen Tal der Rhone gelegen, zählte knapp fünftausend Einwohner. Die alteingesessenen Bürger kannten sich untereinander ebensogut wie die Bewohner der umliegenden Bauernhöfe.

Trotzdem waren Fremde nichts Ungewöhnliches in Condrieu. Auch in der heutigen Zeit gab es häufig genug Männer, die von den Wogen eines unbarmherzigen Lebens an den Rand der modernen Gesellschaft gespült wurden. Im Rhonetal suchten sie Zuflucht, denn die Landwirtschaft dieses Gebiets war für ihren Wohlstand bekannt. Vor allem zur Erntezeit gab es hinreichend Arbeit für Tagelöhner.

Necrofor konnte es aus diesen Gründen wagen, sich in der Öffentlichkeit blicken zu lassen. Niemand kümmerte sich um Fremde. Und das finstere Aussehen des Knechts von Château Chauveron störte keinen.

Hier, in der überschwenglichen Feierabendstimmung des Gasthauses, hatten die Männer ohnehin andere Gedanken im Kopf.

Necrofor konzentrierte seine Blicke auf den ovalen Tisch, der an der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand. Ein halbes Dutzend junger Burschen saß dort und widmete sich ohne Hemmungen dem Rotwein. Dralle Mädchen, die unter dünnen Kleidern freigiebig ihre Reize zur Schau stellten, leisteten den jungen Männern Gesellschaft.

Necrofor sah die Hände, die unter der Tischplatte auf Wanderschaft gingen, um straffe Schenkel und noch mehr zu erforschen. Immer wieder mischte sich das Lachen der Mädchen in die rauhen Männerstimmen. Derbe Scherze und plumpe Zweideutigkeiten machten die Runde.

Bereits von Anfang an widmete Necrofor seine Aufmerksamkeit einem der jungen Burschen.

Pierre Montfour war sein Name. Er stammte von einem großen Bauernhof, der fünf Kilometer östlich der Stadt lag. Es gab keine Genüsse, denen Pierre abgeneigt gegenüberstand. Einige Leute wollten sogar wissen, daß der Erbe des Hofes allzu leichtfertig mit dem Vermögen umging, das seine Eltern erwirtschaftet hatten.

Immerhin hatte Necrofor inzwischen selbst festgestellt, daß Pierre Montfour dem Alkohol zusprach, ohne sich dabei Grenzen zu setzen.

Auch Pierres Äußeres erschien Necrofor passend. Der junge Bauernsohn war groß und athletisch gebaut. Seinen kantigen Schädel mit der stets leicht geröteten Gesichtshaut bedeckte krauses rötliches Haar. Pierres Fäuste sahen ganz danach aus, als ob er fest zupacken könnte.

Ja, dachte der Knecht von Château Chauveron, dieser Bursche wird meiner Herrin gefallen.

Es bereitete ihm keinerlei Mühe, stundenlang in dem Gasthaus auszuharren. Was die Geduld anbetraf, so war Necrofor jedem Menschen überlegen. Hast und Eile waren Eigenschaften, die er nicht kannte. Ohnehin war der Zeitbegriff für ihn etwas Unerfaßbares – für ihn gleichermaßen wie für seine Herrin.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit wuchs die Stimmung im »Chez Michel« zu einem Höllenlärm an. Irgendwann drehte der Wirt das Radio zu voller Lautstärke auf. Unter dem johlenden Beifall der Männer begann sich eines der Mädchen in wilden Rhythmen auf der freien Fläche zwischen den Tischen zu drehen. Drängende, teilweise obszöne Rufe forderten sie auf, sich nicht zu zieren. Das Mädchen was nicht prüde, hatte überdies genügend Alkohol im Blut. Gekonnt löste sie das Oberteil ihres Kleides. Ihre prallen Brüste wogten matt schimmernd im gedämpften Licht. Der Beifall schwoll zum Orkan an. Bald begannen auch die anderen Mädchen, ihre körperlichen Vorzüge noch freigiebiger zu präsentieren.

Necrofor sah kaum hin. Die Szene interessierte ihn nicht, erweckte nicht die geringste Regung in ihm. Doch andererseits war er auch nicht erstaunt. Er kannte die rauhen Sitten, die in dieser Gegend herrschten. Denn er stammte selbst aus diesem Land.

Noch vor Mitternacht ebbte der Trubel ab. Gähnend und mit unsicheren Schritten verließen die ersten Männer das Gasthaus. Einige wurden von den Mädchen begleitet, die größtenteils als Mägde auf den Bauernhöfen arbeiteten.

Necrofor wartete ruhig, bis sich auch Pierre Montfour von seinem Stuhl erhob. Der rothaarige junge Mann brauchte geraume Zeit, bis er einigermaßen das Gleichgewicht fand und zum Gehen imstande war.

Mit teilnahmslosem Gesichtsausdruck zupfte Necrofor einen der Geldscheine aus der Jackentasche und ging damit zur Theke.

Der Wirt gab ihm eine Handvoll Münzen zurück.

»Guten Heimweg, Monsieur!«

Necrofor nickte nur und stopfte das Hartgeld achtlos in die Tasche. Das Gasthaus war bereits fast leer, als er ins Freie trat.

Auf dem Vorplatz stand noch die Gruppe der jungen Männer, mit denen Pierre Montfour gezecht hatte. Johlend stritten sie sich darüber, wem die beiden Mädchen zugedacht werden sollten, die sich lachend in ihrer Mitte befanden.

Kurz darauf stand es fest, daß Pierre Montfour an diesem Abend leer ausging.

Necrofor wartete im Schatten der Hauswand, bis sich der Bauernsohn mit müden Schritten in Bewegung setzte. Seine Freunde verstreuten sich in alle Richtungen.

Als Pierre Montfour eine Seitengasse ansteuerte, die nach Osten aus der Stadt führte, folgte ihm der Knecht von Château Chauveron.

Montfour bemerkte es erst, als der untersetzte Mann unmittelbar hinter ihm war. Überrascht blieb der Bauernsohn stehen. Er mußte sich gegen eine Hauswand lehnen, als er sich umdrehte.

»He!« knurrte er. »Was schleichst du mir nach, Bursche! Suchst du Streit... oder eine Brieftasche, mit der du verschwinden willst? Komm her, damit ich dir zeigen kann, wie ich mit deinesgleichen umgehe!«

»Pardon, Monsieur«, entgegnete Necrofor ruhig, »ich habe keine Absichten dieser Art. Verzeihen Sie, daß ich mich Ihnen auf diese Weise nähere. Ich hätte es schon eher wagen können. Doch ich wollte nicht vor allen Leuten...«

»Gefasel!« unterbrach ihn Montfour unwirsch. »Wenn du Arbeit suchst, sag es gleich! Ich bin müde.«

»Nein, nein. Keine Arbeit, Monsieur. Ich möchte Ihnen vielmehr ein Angebot machen.«

»Hä? Ein was?« Montfours Zunge war schwer.

»Ein Angebot, Monsieur«, wiederholte Necrofor. Seine Augen waren ausdruckslos wie immer. »Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen ein Rendezvous verschaffen. Mit einer...«

»... Hure!« fiel ihm Montfour lachend ins Wort. »Das ist es, wie? Du bist ein Zuhälter, stimmt’s? Für so einen Kerl scheinst du mir verdammt zurückhaltend. Aber egal...« Er atmete tief durch. »Laß hören! Vielleicht kommen wir ins Geschäft...«

»Meine Herrin ist keine Hure«, stellte Necrofor richtig, »ihr fehlt vielmehr der Mut, sich aus eigener Kraft um eine Bekanntschaft zu bemühen. Deshalb besorge ich das für sie.«

Montfour lachte dröhnend.

»Bist schon ein sonderbarer Bursche! So, wie du es ausdrückst, klingt es mächtig vornehm – aber komm endlich zur Sache! Wann, wo, und... wie hoch ist der Preis?«

»Jetzt gleich, Monsieur«, antwortete Necrofor, »und den Preis werden Sie noch früh genug erfahren...«

Pierre Montfour war viel zu sehr vom Alkohol benebelt, um noch den lauernden Unterton in der Stimme des anderen mitzubekommen.

***

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VERONIQUE BRAUCHTE weder Laterne noch Pechfackeln, um sich in den unterirdischen Gewölben der Burg zurechtzufinden. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und voller Energie. Für ihre Augen, die wie glühende Punkte leuchteten, gab es keine Dunkelheit.

Zielstrebig drang sie in die feuchte, modrige Luft der aus Quadersteinen zusammengefügten Gänge vor.

Schließlich erreichte der Verwesungsgestank ihre Nase.

Augenblicklich beschleunigte Veronique ihre Schritte. Tief sog sie den Geruch ein, der wie eine Erquickung für sie war.

Kurz darauf erreichte sie den Eingang zum Verlies. Leichtfüßig eilte sie die fünf Treppenstufen hinunter.

Die Glut ihrer Augen verstärkte sich, als sie den Blick über die angehäuften Skelette und halbverwesten Leichen kreisen ließ.

Wie beschützend streckte sie beide Arme aus. Der dünne Stoff des Kleides hing lose von der faltigen Haut herab, die ihre Knochen umgab.

Krächzend hallte ihre Stimme von den Wänden zurück. Ihre blassen Lippen bewegten sich kaum merklich.

»Unter meiner Obhut ruht ihr in Frieden! Ja, eure Seelen gehören mir! Ihr, die ihr vergeblich versucht habt, mir das Glück zu bringen – Ihr werdet mir auf ewig treu bleiben. Ihr habt versagt, doch ich gab euch die Ruhe, die eure armen Seelen verdient haben...«

Veronique beugte sich herab. Ihre knochigen Finger mit den krallenförmigen Nägeln strichen zärtlich über ausgebleichte Totenschädel und Skelettreste.

Dann erreichte ihre Hand den kalten, erstarrten Körper von Charles Durand.

»Auch du hast die ewige Ruhe gefunden«, flüsterte sie. »Dir wird es im großen Kreis meiner treuen Gefährten gefallen! Schon bald gehörst du zu ihrer Gemeinschaft – und schon bald werden neue Gefährten zu euch stoßen...«

Sie kicherte schrill.

»Denn ich folge meiner Pflicht«, fügte sie hinzu, »so, wie Comte Jerome es will...«

Sie strich noch einmal über die kalten rauhen Schädel. Mit einem entschlossenen Ruck erhob sie sich dann und wandte sich ab.

Von Unrast getrieben, eilte Veronique de Chauveron durch das Gewirr der Gänge zurück in die Burg.

In der Halle schritt sie die Treppe hinauf, die ins Obergeschoß führte. Fetzen von Spinnweben legten sich um ihre mageren Schultern. Sie achtete nicht darauf.

Hinter den oberen Balustraden erstreckte sich ein Korridor, der die ganze Länge des Haupthauses einnahm. Die Fußbodendielen waren morsch und zum Teil zersplittert. Doch den Schritten der Hexe hielt das altersschwache Holz stand. Es schien, als schwebte sie schwerelos darüber hinweg.

Ihr Zimmer befand sich am äußersten östlichen Ende des Korridors. Obwohl die Tür schief in den Angeln hing, bewegte sie sich geräuschlos, als Veronique eintrat.

Eine handtellergroße schwarze Spinne kauerte in der oberen rechten Ecke des Türrahmens. Aus dunklen Knopfaugen, die die Größe von Stecknadelköpfen hatten, beobachtete das riesige Insekt jede Bewegung der Hexe.

In der Mitte des Raumes stand ein hölzerner Badezuber. An der einen Wand gab es einen Diwan, ähnlich wie im Kaminzimmer. Die gegenüberliegende Wand wurde von einem zwei Meter langen Frisierschrank mit hohen Klappspiegeln eingenommen. Fläschchen, Tiegel, Porzellandosen, Schatullen, Mörser und Porzellanbecher standen in unübersehbarer Zahl in den Fächern des Schranks.

Veronique ließ sich in den Sessel zwischen Badezuber und Frisierschrank sinken. Sorgfältig wählte, sie zwei Fläschchen aus, von denen sie mit ihren Krallenfingern die Korken löste.

In beiden Fläschchen befand sich sirupähnliche Flüssigkeit, die eine ockergelb, die andere dunkelgrün. Veronique ließ diese Flüssigkeiten gleichzeitig in den Badezuber rinnen.

Kaum trafen beide Lotionen aufeinander, setzte ein Brodeln ein. Blasen quollen glucksend auf, Schaum bildete sich und stieg bis zum Rand des Zubers empor.

Zufrieden beobachtete Veronique, wie sich kurz darauf der Schaum legte und den Blick freigab auf eine giftgrüne, dünnflüssige Lotion, die den Zuber zu drei Vierteln füllte.

Nun begann Veronique mit der langwierigen Prozedur, die ihr auferlegt war.

Sie streifte sich das Kleid von ihrem knochigen Körper und stieg in den Badezuber. Sofort begann die giftgrüne Flüssigkeit wieder zu brodeln. Veronique tauchte bis zum Hals ein. Ein wohliger Laut entrang sich ihrer Kehle. Sie wartete, bis sich das Brodeln legte. Dann stieg sie heraus und ging einigemal im Zimmer auf und ab, ohne sich jedoch abzutrocknen.

Das Giftgrün schien ihre Haut förmlich getränkt zu haben. Schon nach wenigen Minuten war es getrocknet und begann zu verblassen.

Während sie die Tinktur einwirken ließ, öffnete Veronique eine der Porzellandosen und streute sich das darin befindliche weiße Puder über die strähnigen Haare. Anschließend wusch sie die Haare in einer Schüssel mit klarem Wasser aus.

Es folgte ein weiteres Puder, mit dem sie sich den ganzen Körper einrieb. Es verlieh ihrer welken Haut ein aschfarbenes Aussehen.

Veronique legte nun eine Pause ein. In einem der unteren Fächer des Schrankes befand sich eine Karaffe mit dem gleichen dunkelroten Getränk, das sie auch im Kaminzimmer verwahrte.

Sie trank ein randvolles Glas davon, um sich neue Stärkung zu verschaffen. Dann machte sie es sich im Sessel gemütlich und wartete.

Schon nach wenigen Atemzügen setzte der geheimnisvolle Prozeß ein. Ihre Haut begann sich zu straffen. Die kläglichen Reste der Muskelfasern schwollen zu neuer Blüte an.

Veronique stand auf, reckte sich. Sie spürte die unbändige Kraft, die jetzt ihren Körper füllte. Eilig holte sie eine Flasche mit farblosem Öl aus dem Schrank und rieb ihre Haut ein. Unter dem matten Glanz des Öls beschleunigte sich der Prozeß noch.

Innerhalb von Minuten nahm der Körper der Hexe jene mädchenhaften Formen an, die einst den Sohn des Comte de Chauveron verzaubert hatten. Veroniques Brüste wuchsen zu voller Schönheit hervor, und ebenso vervollkommnten sich ihre übrigen Körperteile zu berückender Weiblichkeit.

Geschickt arbeitete sie jetzt mit Lotionen der verschiedensten Farben weiter, um auch noch ihr Gesicht und die Hände in jugendlicher Schönheit erblühen zu lassen.

Ihre Fingernägel schrumpften ein, die Finger streckten sich zu neuer Geschmeidigkeit, und die Hautflecken auf ihren Handrücken verschwanden. Auf ähnlich rätselhafte Weise erhielt ihr Gesicht wieder jene makellos reinen Züge, die ihre Liebhaber in Faszination versetzten.

Schließlich wich auch die lodernde Glut in ihren Augen und machte dem strahlenden Glanz Platz, der noch jeden Mann über die unausgesprochene Drohung hinweggetäuscht hatte, die tief auf dem Grund ihrer Pupillenschächte glomm.

Veronique zog sich das leichte Sommerkleid über. Der Stoff umgab ihren formvollendeten Körper jetzt wie eine zweite Haut. Zufrieden lächelnd betrachtete sie sich in den Spiegeln.

Sie war bereit, dem Zwang zu folgen, den ihr der Fluch des Comte auferlegt hatte.

Ein Gefühl unendlichen Glücks erfüllte sie, als sie den Raum verließ. Sie empfand dieses Glück, obwohl sie wußte, daß es ihr niemals gelingen sollte, es voll auszukosten.

Als sie die Burg verließ, lag draußen bereits die Dunkelheit des Abends. Der Vollmond ergoß sein fahles Licht über die Wälder rings um Château Chauveron.

***

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DIE BEIDEN MÄNNER WAREN die einzigen, die um diese Zeit noch die Rhonebrücke überquerten. Auch Fahrzeuge waren weit und breit nicht mehr zu sehen.

»Komisch«, brummte Pierre Montfour, »wenn deine Madame wirklich so nobel ist, wie du sagst, dann verstehe ich eines nicht...«

»Ja, Monsieur?« Necrofor sah ihn von der Seite an.

Montfours Gesicht war schweißnaß. Der Fußmarsch bereitete ihm Mühe.

»... daß sie für ihr – hm, Gewerbe kein Auto benutzt«, erklärte er mit schwerer Zunge. »Das gehört doch heutzutage dazu, oder?«

Necrofor antwortete ohne zu zögern.

»Ich sagte schon, Monsieur, daß Sie meine Herrin falsch einschätzen.«

Montfour zuckte die Achseln.

»Weiß der Teufel! Vielleicht hab’ ich zuviel getrunken, daß ich’s nicht’ begreife. Aber eigentlich kenne ich doch alle wohlhabenden Nymphomaninnen in dieser Gegend...«

Necrofor hörte diesen Ausdruck zum erstenmal. Er wußte nichts damit anzufangen. Deshalb gab er keine Antwort.

Sie erreichten das Westufer der Rhone. Im fahlen Licht des Vollmondes schob sich die düstere Wand der Wälder vor dem Nachthimmel empor. In der Ferne wurden die Baumkronen von einzelnen Hügelkuppen überragt.

Die wenigen Lichter von Condrieu blieben hinter Pierre Montfour und seinem finsteren Begleiter zurück.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914474
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380726
Schlagworte
grusel thriller beinhaus bluthexe

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #8: Das Beinhaus der Bluthexe