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Top Grusel Thriller #7: Diener des Satans

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Al Frederic: Diener des Satans

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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Es hätte einen anderen treffen können. Nicht unbedingt Dalton Mulkenny, den Pensionswirt. Aber er war es nun einmal, der in dieser lauen Septembernacht mit seiner Schaluppe auf den oberen der drei Killarney-Seen hinaus ruderte, um etwas Verbotenes zu tun.

Mulkenny, ein grauhaariger Mann mit vielen Falten im Gesicht, blickte sich eingehend um, bevor er das Boot in der Bachmündung anhielt. Er war zufrieden. Es befand sich kein Mensch in der Nähe. Niemand, der ihn beobachtete, wie er die Kabel an der Autobatterie befestigte und die freien Kupferdrahtenden ins Wasser gleiten ließ.

In der Mündung wimmelte es von Hechten. Mulkenny hielt es aber für viel zu anstrengend, sie zu angeln oder mit Reusen zu fangen. Er pfiff auf die Moral der Petrijünger und setzte den Bachlauf unter Strom, um zu seiner Beute zu gelangen. Er hatte eine Schwäche für Hechte.

„Dalton“, drang plötzlich eine Stimme an sein Ohr.

Er erschrak.

Verdammt, jetzt haben sie dich, schoß es ihm durch den Kopf. Er hatte zwar keine Ahnung, wer da nach ihm rief. Aber es war klar, daß dieser Unbekannte ihn anschwärzen würde. Jedem Kind in Irland wurde in der Schule beigebracht, daß es eine Teufelei war, Fische mit elektrischem Strom zu angeln.

Mulkenny holte die Kabel ein. Er griff sich eines der Ruder. Er hatte keine Lust, sich so einfach überrumpeln zu lassen. Sollte sich der Fremde zeigen, dann würde man schon sehen, wer hier der Stärkere war.

Der Grauhaarige sperrte den Mund auf. Da war wieder die Stimme, diesmal deutlicher. Das war ja eine Frau! Oder besser, ein Mädchen. Plötzlich trat es aus dem Ufergebüsch des Bachlaufes hervor. Mulkennys Verblüffung steigerte sich derart, daß er das Ruder fallen ließ.

Das Mädchen war nackt.

Denn den durchsichtigen Fetzen, den es auf dem Leib trug, konnte man doch wohl nicht als Kleidung bezeichnen! Mulkenny begriff nicht, wie man um diese Stunde in einem solchen Aufzug durch die Gegend laufen konnte. Im Nachthemd!

Natürlich erregte ihn der Anblick. Brigid, seine dicke Frau, konnte ihm so etwas wirklich nicht mehr bieten, diese jugendliche Frische, diese wohlgeformten Arme und vor allem die straffen Brüste der Schwarzhaarigen, die da im Ufergebüsch stand.

Das Mädchen war höchstens fünfundzwanzig. Sein Teint erschien Mulkenny etwas zu blaß. Das war aber auch das einzige, das man beanstanden konnte. Dem Mann fielen fast die Augen aus dem Kopf, als die Schöne sich mit aufreizenden Bewegungen zwischen Halmen und Zweigen wiegte.

„He“, rief er, „was soll das Theater? Sie haben hier nichts verloren, Miß. Verschwinden Sie. Sie verjagen mir die Fische.“ Inzwischen hatte er sein Selbstvertrauen wiedergewonnen. Das Mädchen würde ihn bestimmt nicht verraten. Er spürte das.

Es war, als habe sie seine Gedanken gelesen.

„Du brauchst wirklich keine Skrupel vor mir zu haben, Dalton. Es interessiert mich nicht, auf welche Weise du die Hechte dazu bringst, in deinem Kochtopf zu landen. Ich bin aus anderen Gründen hier. Ehrlich gesagt bin ich froh, dich endlich gefunden zu haben.“ Sie lachte. „Wer bist du?“ „Samanta ist mein Name.“ „Ich kenne dich nicht. Wer, zum Teufel, hat dir meinen Namen verraten?“

„Ich beobachte dich schon seit einiger Zeit“, antwortete Samanta. „Komm schon, Dalton, steig aus deinem Boot und vergiß die Hechte. Wir haben Besseres zu tun, oder findest du nicht?“

Mulkenny glaubte zu träumen. Ein so eindeutiges Angebot hatte ihm noch nie ein Mädchen gemacht. Erstens, weil Irland ein mehr oder weniger sittenstrenges Land war. Zweitens, weil er bestimmt kein Frauentyp war – mit seinem eckigen Bauernschädel, den vielen Falten im Gesicht und den groben Händen. Sie ist verrückt, dachte er.

Aber was spielte das schon für eine Rolle? Man mußte die Gelegenheit beim Schopf packen. „Ich fliege“, sagte Mulkenny und stellte seinen linken Fuß ins flache Wasser. Gleich darauf watete er mit seinen Gummistiefeln durch Uferschlick, so schnell er konnte.

Samanta rückte auf die Seite. Sobald der Grauhaarige in ihrer Nähe war, kicherte sie und lief ins Dickicht. Mulkenny fluchte. Er setzte ihr nach.

„Na warte“, rief er, „du willst mich wohl für dumm verkaufen!“ Wenn sie ihn schon auf den Arm genommen hatte, sollte sie wenigstens einen ordentlichen Schrecken mit nach Hause nehmen. Mulkenny war ein Bulle von Mann. Manche Leute wären ihm nicht gern im Dunkeln begegnet.

Die berückende Schwarzhaarige war stehengeblieben.

Mulkenny keuchte durch kniehohes Farnkraut auf sie zu. Mit fast fünfzig Jahren war man doch nicht mehr der Jüngste. Er verhielt in seinem Lauf, schnaufte und sah sie böse an.

Samanta schlug die Seiten ihres Nachtgewandes zurück. Herausfordernd winkelte sie ein Bein an, streckte es aus und zog es wieder zu sich heran. „Nun, Dalton? Du dachtest schon, ich meinte es nicht ernst – sag die Wahrheit!“ Sie kam auf ihn zu. Ihr heißer Körper drängte sich gegen ihn. „Worauf wartest du?“

Sie brachte ihn fast um den Verstand. Aus diesem Grund stellte er auch keine der vielen Fragen, die er auf der Zunge hatte, sondern packte sie mit seinen großen Händen. Brutal warf er sie zu Boden. Sie lachte, als er sich mit tolpatschigen Bewegungen über sie beugte.

Plötzlich schrie Mulkenny auf.

Ein unbeschreiblicher Schlag hatte ihn im Rücken getroffen. Es war, als hätte ihn ein Pferd getreten. Der grauhaarige Mann fühlte eine Welle des Schmerzes durch seinen ganzen Körper branden. Gaukelte ihm dies jetzt nur die halbe Betäubung vor – oder wurde er wirklich von Geisterhand hochgehoben und durch die Nacht getragen? Er spürte den Schmerz in sich toben, hörte Wind in seinen Ohren rauschen und gleichzeitig Samantas höhnisches Gelächter. Dann wurde Mulkenny um die eigene Achse gewirbelt. Er riß vor Pein wieder den Mund auf und brachte keinen Laut heraus.

Das ist das Ende, trommelte es in seinem Hirn.

Ein Hieb traf Dalton Mulkenny.

„Ich will nicht länger gequält werden“, wimmerte er.

Ungläubig starrte er auf das Kerzenlicht, das dicht vor seinen Augen flackerte. Gleich dahinter thronte Samanta. Sie hatte sich jetzt einen schwarzen Mantel übergeworfen und trug einen Zylinder auf dem Kopf. Wie sie so auf ihrem Stuhl hockte, ein Bein hoch gestemmt und das Knie mit gefalteten Händen umschlungen hatte, erinnerte sie an eine Kabarettistin.

Was sie sagte, war jedoch alles andere als amüsant: „Das hast du nun davon, Dalton. Du bist in der Hölle gelandet.“

Der Grauhaarige schluckte.

„Nein“, stammelte er, „ich will nicht...“

Wieder zuckte ein Hieb auf ihn nieder. Mulkenny bäumte sich vor Angst und Schmerz auf. Er drehte aber wenigstens den Kopf herum und blickte das Wesen an, das mit einer kurzen Peitsche auf ihn einschlug.

Mulkenny bedeckte die Augen mit den Fingern.

Sein Peiniger konnte kein Mensch sein! Sein Körper war über und über behaart, der linke Fuß schien verkrüppelt zu sein. Das schlimmste war aber der Kopf. Das Gesicht erinnerte an einen Bluthund, oder an eine Hyäne, oder an eine andere widerwärtige Bestie. Und auf dem Kopf, dort, wo man ein Paar Ohren vermutet hätte – dort saßen wirklich Hörner.

„Der Satan“, heulte Mulkenny.

Sollte das wirklich der grausige Abschluß seines Lebens sein? Er konnte es nicht glauben.

„Du kannst dich noch retten“, hörte er Samanta sagen. Wieder schien es, als habe sie seine Gedanken gelesen. „Du mußt nur versprechen, alles zu tun, was er dir vorschreibt.“

Die Peitsche sauste erbarmungslos auf den Rücken des Pensionswirtes nieder.

„Ich schwöre“, kreischte der Gepeinigte, „wenn ich nur erlöst werde!“

„Sieh mich an“, rief das Satanswesen aus.

Mulkenny wandte sich zitternd um. Es kostete ihn erheblichen Mut, dem Ungeheuer in die Augen zu schauen. Täuschte er sich, oder glühten seine Pupillen? Mulkenny war nur froh, daß er endlich die Peitsche sinken ließ.

„Ich bin Nedo, der Höllenfürst, der Herr der Nacht“, versetzte der Schreckliche. „Du bist mir ausgeliefert, Dalton Mulkenny. Überlege dir gut, wie du dich verhältst. Ein Widerwort, und du wirst ewigen Qualen ausgesetzt. Hast du mich verstanden?“

„Ja“, würgte der Grauhaarige hervor, „aber warum! Warum nur dies alles? Was habe ich getan. Es ist doch wohl nicht wegen der Hechte? Ich schwöre, daß...“

Die Peitsche zischte vor seiner Nase durch die Luft. „Hechte! Schweig, du Narr! Ich will, daß du mein Diener wirst, mein treuer Diener.“ Der Schreckliche griff hinter sich und führte einen metallenen Kelch auf Mulkennys Mund zu. „Trink dies! Das Elixier macht dich stark und unverwundbar.“

Mulkenny roch den fauligen Geruch des Gebräus. Es ekelte ihn an! Aber er wagte es nicht, sich zu widersetzen. Der Behaarte hatte ihm Fürchterliches angedroht, und er war davon überzeugt, daß es sich um keine leeren Reden handelte.

Mulkenny lag in einer schäbigen Steinhütte. Hätte er sich in diesem Augenblick noch im Vollbesitz seines Verstandes befunden, so hätte er festgestellt, daß es sich um eine jener Katen handelte, die früher den Schäfern in den Bergen von Killarney als Unterschlupf gedient hatten.

So aber kam dem Grauhaarigen die Umwelt wie die Hölle vor. Das Elixier hatte Feuer in ihm entfacht. Er fühlte sich ermattet, gleichzeitig aber auf eigentümliche Weise zu Taten bereit, die er sich selbst nicht erklären konnte.

Nedo ließ seine Krallenpranke einen Kreis beschreiben.

„Dies ist nicht die Wohnung, die Satan gebührt. Ich werde mir einen Palast bauen. Dafür brauche ich Geld. Du wirst es mir besorgen, Dalton, denn du hast die Gelegenheit dazu.“

„Kilkea House wirft nicht viel ab“, sagte Mulkenny.

Kilkea House war seine Pension. Samanta lachte schrill.

Der Höllenfürst brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. „Dalton, du bist ein Schwachkopf. Überlege genau. Morgen früh treffen in Kilkea House Gäste ein, weibliche Gäste. Du wirst sie mir gefügig machen, sie werden in Hexen verwandelt. Später werden sie mir die Personen zuführen, mit denen sie in Verbindung stehen, denn die haben Geld – viel Geld. Ich habe dich als meinen Diener auserkoren, weil ich selbst nicht überall auftreten kann.“

Mulkenny lächelte selig. Er nickte.

Er sah alles wie durch einen Schleier. Der schreckliche Nedo – er besaß plötzlich ein vertrauenerweckendes Gesicht. Dem Pensionswirt kam es so vor, als kenne er dieses Wesen schon seit Jahren und sei mit ihm befreundet.

„Ich habe begriffen“, sagte er.

„Steh auf“, befahl Nedo.

Mulkenny richtete sich auf. Er staunte, wie leichtfüßig er mit einem Mal war, wie behende er sich bewegen konnte. Was vorgefallen war, wurde mehr und mehr aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Der Behaarte reichte ihm einen kleinen Korbbehälter. Er enthielt eine Flasche, die wiederum mit Elixier gefüllt war. „Achte gut darauf“, mahnte das Satanswesen, „du bist darauf angewiesen, solange du nicht den ersten Teil meines Planes ausgeführt hast. Höre jetzt auf meine Worte.“

Dann erklärte er dem Grauhaarigen, wie er sich zu verhalten hatte.

Mulkenny nickte begeistert.

Nedo deutete zum Schluß auf Samanta: „Sie ist meine Gefährtin und unsere Assistentin, Dalton. Aber für den Fall, daß du Kleinigkeiten zu regeln hast, brauchst du nicht gleich Samanta zu rufen. Ich zeige dir die Dämonenvögel.“ Er klatschte mit den Pranken.

Jäh glitten zwei große schwarze Schatten durch den Raum. Normalerweise hätte sich der Pensionswirt vor Angst geduckt. So aber stieß er nur kurze Freudenrufe aus, als sich die beiden Nachtfalken auf Nedos Schultern setzten.

Nedo sagte ihm, wie er mit den Dämonenvögeln umgehen mußte.

„Geh jetzt“, knarrte die Stimme des Satanswesens zum Abschluß, „Samanta wird dich führen.“

„Ich danke dir, Herr“, erwiderte Mulkenny. Er bemerkte gar nicht, wie leicht ihm das Wort „Herr“ über die Lippen ging.

Eine Holztür schwang auf. Mulkenny taumelte ins Freie. Er sah die Mondsichel über sich und wußte: das Leben hat mich wieder. Vergnügt lachend lief er der Schwarzhaarigen nach. Samanta hob sich vor ihm in den Nachthimmel empor und schwebte mit ausgebreiteten Armen vor ihm her. In ihrem schwarzen Mantel sah sie wie ein riesiger Rabe aus.

Mulkenny wunderte es nicht, daß die Gefährtin des Satanswesens fliegen konnte. Nichts überraschte ihn. Er stand völlig unter dem Einfluß des Elixiers.

So wußte er auch nicht, in welcher Gegend er sich befand. Die Mangerton-Berge, in denen die Hütte des Unheimlichen stand, lagen in unmittelbarer Nachbarschaft des oberen Killarney-Sees.

Der Grauhaarige durchquerte eine Schlucht und kam zu dem Platz zurück, an dem Samanta ihn aus dem Boot gelockt hatte. Ruhig stieg er in die Schaluppe.

„Mach deine Sache gut“, rief die schöne Schwarzhaarige ihm zu. Damit verschwand sie. Sie löste sich vor seinen Augen in Nichts auf.

Mulkenny stieß die Schaluppe mit dem einen Ruder ab. Fast mechanisch betätigte er die Riemen. Er kannte den Heimweg, so wie ein Pferd, das auch unter schwierigen Umständen oder mit einem lahmen Lauf in den Stall zurückkehrt.

Die Dämmerung zog herauf. Fahles Licht breitete sich aus und ließ das Gebäude mit den beiden Stockwerken wie eine Burg erscheinen.

Kilkea House war ein irisches Landhaus, aus rötlichen, verwaschenen Backsteinen gemauert, mit hohen Fenstern und Erkern in Höhe der Mansarde. Die charakteristischen Kamine und die von Efeu bewachsene Westfassade gaben ihm ein bäuerliches Aussehen.

Dalton Mulkenny legte an.

Der Bootssteg – er hatte ihn selbst gezimmert – lag nicht mehr als fünfhundert Meter von Kilkea House entfernt. Der Park, den der stämmige Mann nun durchquerte, gehörte ebenso zu der Pension wie der Golfplatz direkt am Seeufer.

Mulkenny wäre ein Glückspilz gewesen, hätte das Anwesen ihm gehört. Er war jedoch nur Pächter. Er mußte eine hohe Jahresmiete zahlen. Im Sommer kamen so viele Touristen, daß er die Arbeit mit seiner Frau Brigid zusammen nicht allein bewältigen konnte. Dann mußte er Personal einstellen, das ihn zusätzliches Geld kostete.

Brigid erwartete ihn.

Sie stand im Haupteingang. Der Grauhaarige hätte es niemals geschafft, sich an ihr vorüberzudrängen. Sie füllte mit ihren Körpermassen den Eingang völlig aus. Zudem hatte sie die Fäuste in die Seiten gestemmt. Sie machte den Eindruck einer ziemlich gewöhnlichen und aufdringlichen Person. Das war sie auch wirklich, und sie zeigte deutlich, daß sie sich ihr Leben anders vorgestellt hatte als es sich mit dem grauhaarigen irischen Dickschädel Dalton abspielte.

„Wo warst du?“ keifte sie. „Und wo sind die Hechte, wenn du schon wagst, mir nach so vielen Stunden mit einem dämlichen Grinsen unter die Augen zu treten?“

„Hechte? Was für Hechte?“ erkundigte ihr Mann sich abwesend.

Brigid Mulkenny explodierte. Sie wußte genau, daß niemand sie hören konnte. Gäste waren nicht im Haus, Personal auch nicht, also nahm sie kein Blatt vor den Mund und beschimpfte den Grauhaarigen in ihrer altüberlieferten gälischen Landessprache.

Ihr Mann rührte sich nicht.

„Gib es zu“, zischte sie schließlich, „du hast es mit einer Hure getrieben! Sei wenigstens ein Mann und gib es zu!“ Sie schaute in seine Augen. „Du hast getrunken. Hauch mich an!“

Der Pensionswirt öffnete den Mund.

„Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, deine Fahne wegzukriegen“, ereiferte sich Brigid, „aber ich bekomme es noch heraus. Erschlagen sollte ich dich, du Betrüger.“ Sie hob die fleischige Rechte.

Mulkenny hatte sie plötzlich im Klammergriff. Dann schob er sie in die Empfangshalle der Pension, drängte sie gegen das Eichenholzpult und brachte seinen Mund ganz dicht vor ihr Gesicht.

Brigid kreischte. Sie war seit über zwanzig Jahren mit ihm verheiratet und daran gewöhnt, die wütende Matrone zu spielen. Echten Widerstand hatte der Grauhaarige noch nie geleistet. Sie hatte auch nicht gewußt, daß er über derartige Kräfte verfügte.

„Du erdrückst mich“, jammerte sie.

Dalton Mulkenny kicherte verächtlich. Er hielt sie mit einer Hand. Geschickt zog er den kleinen Korbbehälter aus seiner Windjacke. Als er die Flasche mit den Zähnen entkorkte und sie seiner Frau hinhielt, wurde sie kreidebleich.

„Trink“, schrie er.

„Was ist das? Du willst mich vergiften!“

Seine Stimme senkte sich. „Wenn du nicht trinkst, Brigid, bringe ich dich um. Tu, was ich dir sage, oder du leidest Höllenqualen!“

„So hast du noch nie mit mir gesprochen“, klagte sie. „Dalt, du kennst mich doch. Ich... ich übertreibe gern. Hab’s nicht so gemeint, glaube mir. Am besten, wir vergessen unseren Zank!“

„Trink“, sagte er nur.

Seine Linke hatte sich um ihre Kehle gelegt. Brigid stöhnte vor Entsetzen und vor Widerwillen: der Gestank des Tranks stieg ihr in die Nase. Aber sie mußte sich fügen. Als sie Todesangst in sich aufsteigen fühlte, nahm sie die Korbflasche bereitwillig an die Lippen und sog daran.

Alles mußte sie austrinken.

Brigid starrte ihren Mann an. Noch war ihr aufgeschwemmtes Gesicht von Furcht gezeichnet. Der Geschmack des Elixiers erinnerte sie an das, was sie einmal in einem Roman als Schwedentrunk bezeichnet gefunden hatte. Das Gebräu gärte heftig in ihrem Inneren. Ihre Zunge hatte kein Gefühl mehr.

Plötzlich aber waren diese Empfindungen wie weggewischt. Brigids Miene wurde verzückt.

Dalton Mulkenny lockerte seinen Griff.

„In die Küche“, sagte er.

Seine dicke Frau hüpfte vor ihm her. Sie breitete dabei sogar die Arme aus, was höchst albern aussah. Brigid gab sich keine Mühe, ihre Massen unter Kontrolle zu halten. Wie Pudding wackelten ihre riesigen Brüste. Sie war vergnügt und ließ sich auf einen der Stühle in der Pensionsküche fallen.

Es hatte sie genauso erwischt wie Dalton.

Erwartungsvoll schaute sie ihn an.

„Ich bin der Diener des Satans“, sagte der Grauhaarige. Dann wiederholte er, was der schreckliche Nedo ihm aufgetragen hatte. Zum Abschluß fügte er hinzu: „Wir müssen es gut machen, Brigid, damit er keinen Grund hat, sich über uns zu ärgern.“

„Natürlich“, erwiderte sie, „wir werden brav sein.“

„Aber ... das Elixier“, fiel Mulkenny plötzlich ein, „ich habe dir alles zu trinken gegeben. Ein paar Schlucke hätten genügt. Du Gierige!“ Er lief aufgeregt um den Herd herum und schlug mit der Hand auf die Eisenplatte. „Was sollen wir jetzt machen? Der Herr hat mir befohlen, sparsam mit dem Trunk umzugehen.“

Er jammerte. Brigid fiel mit lautem Schluchzen ein. Wer sie jetzt beobachtet hätte, hätte sie für verrückt gehalten.

Plötzlich blieb der Pensionswirt stehen.

„Die Dämonenvögel – warum habe ich nicht gleich daran gedacht“, murmelte er.

„Die Dämonenvögel?“ echote die Dicke.

„Sie werden uns helfen. Komm schon, wir laufen in den Park!“

Sie stürmten ins Freie. Zwischen Park und Golfplatz lag ein Pappelhain. Hier blieben sie stehen. Mulkenny reckte die Arme empor, spreizte die Finger und rief flehentlich nach Nedo.

„Herr, ich habe einen Fehler gemacht“, bekannte er, „ich bitte um Verzeihung.“

Minuten verstrichen.

„Sie lassen uns im Stich“, klagte Brigid.

„Es darf nicht sein.“

Die Dicke war es, die unvermittelt einen Freudenlaut ausstieß und mit ausgestrecktem Finger auf die beiden Schatten deutete, die hoch aus der Luft auf sie niedergekreist kamen. Der Flug der Nachtfalken hatte etwas Majestätisches, gleichzeitig aber etwas Unheimliches, das sich nicht zuletzt durch die Lautlosigkeit ihrer Bewegungen erklärte. Sie verursachten nicht das geringste Flügelgeräusch, als sie sich auf Brigids Schultern setzten.

Zwei kalte Augenpaare beobachteten Dalton Mulkenny.

„Das Elixier“, stöhnte er, „Brigid hat alles ausgetrunken. Dabei brauchen wir es doch noch. Was sollen wir tun?“

Die Vögel sahen einander an. Ihre Augen leuchteten, ihre Schnäbel öffneten sich. Sie verständigten sich mit Zischlauten, die jeden Ornithologen in Staunen versetzt hätten.

Mulkenny faltete die Hände. „Bitte, wir...“

Die Nachtfalken stießen sich ab und verschwanden in Sekunden aus dem Blickfeld des Ehepaars. Der Grauhaarige hatte nur wahrgenommen, daß sie sich in Richtung Berge gewandt hatten.

„Ich habe Angst vor der Strafe“, flüsterte Mulkenny.

Die dicke Brigid unterstützte sein Klagen.

„Dalton“, ertönte plötzlich eine vertraute Stimme.

„Samanta“, schrie Mulkenny.

„Du Tölpel. Sei froh, daß Nedo dir vergeben hat. Los, ihr beiden, macht nicht so klägliche Gesichter. An die Arbeit!“ Samanta erschien aus dem Nichts vor ihren Augen. Dieses Mal trug sie einen hautengen schwarzen Anzug, der sie bekleidete und doch keine Einzelheit ihres atemberaubenden Körpers verhüllt.

„In die Küche“, befahl sie, „ich erkläre euch, was ihr zu tun habt.“

Das Ehepaar beeilte sich. Diensteifrig nahm Mulkenny große Töpfe vom Wandbord. Brigid warf den Gasbrenner des Herdes an. Nedos Gefährtin dirigierte, sie nannte die Ingredienzien, die sie in kochendes Wasser werfen mußten...

„Frisches Hühnerblut“, sagte die schöne Schwarzhaarige, „du mußt eben eine deiner Hennen schlachten, Dalton. Holzkohlenasche, Spinnenbeine und Froschaugen. Lauf, Dalton, damit du alles zusammenbekommst. Vergiß nicht, etwas Katzendreck mitzubringen. Und Nieswurz, Rosmarin und Majoran!“

Der Grauhaarige war heilfroh, das Verlangte auftreiben zu können. Hühner und Katzen hielt er in selbstgebauten Ställen am Rand des Parks. Spinnen und Frösche gab es zwischen Kilkea House und dem See zur Genüge. Und auch an Pflanzen mangelte es nicht: Brigid hatte in jahrelanger Arbeit einen eigenen Gewürzgarten angelegt.

Samanta war zufrieden.

Das Ehepaar mußte einen Sud brauen, ihn durch ein feines Sieb gießen und auf diese Weise einen ziemlich dickflüssigen, übelriechenden Extrakt herstellen. Damit war das scheußliche Werk allerdings nicht beendet.

Samanta griff mit der Hand in die Luft. Eine Ampulle erschien zwischen ihren Fingern. Der Inhalt, eine dunkle Flüssigkeit, schüttete sie in den Topf, der den Extrakt enthielt. Das Zeug begann zu gurgeln und Blasen zu werfen, es schäumte bis an den Rand hoch – das Ehepaar trat einen Schritt zurück.

Die Schwarzhaarige lachte. Wieder bewegte sie die Finger in der Luft. So zauberte sie zehn Ampullen herbei, die sie Brigid reichte. Die Dicke schaute auf die Glasbehälter und wußte nicht recht, was sie damit anfangen sollte. Eine Ampulle fiel ihr aus der Hand. Sie schrie auf.

Die Ampulle zersplitterte nicht auf dem Steinfußboden der Küche.

„Das Glas ist unzerbrechlich“, erläuterte Samanta. „Füllt das Elixier ab und bewahrt die Ampullen an einem sicheren Platz auf. Noch einmal wird Nedo nicht so gnädig sein.“

Der Grauhaarige und seine Frau bemühten sich eifrig, das Gebräu in die Behälter zu füllen. Schließlich mußten sie die Ampullen auf eine Tonbank unter dem Wandbrett legen und sich neben Samanta aufstellen.

„Herr der Nacht“, rief sie aus, „mach deinen Einfluß geltend. Wir sind bereit!“

Sie schwiegen. Flüstern füllte mit einem Mal die Küche aus und wuchs zu lautem Sprechen an. Es war die Stimme des Satanswesens, die jetzt ohne Unterbrechung ertönte: „Feadfaith tu toaiocht a fhail ar ghnath-thruncghlaonna...“

Die Mulkennys verstanden jedes Wort. Die Beschwörungsformeln waren auf Gälisch gesprochen.

Atemlos verfolgten sie, wie sich das bisher dunkle Gebräu in den Ampullen unter Spritzen und Sprudeln in eine helle Flüssigkeit verwandelte. Nach zwei oder drei Minuten riß Nedos Stimme ab – das Elixier war fertig.

„Ihr kennt euren Auftrag“, sagte Samanta noch, „seid gehorsame Diener. Nedo wird euch belohnen.“

Damit verschmolz ihre Gestalt mit dem Glas des großen Küchenfensters. Die Mulkennys hörten noch ihr Lachen, als sie bereits nicht mehr zu sehen war.

Der September hatte noch schöne Tage. Besonders an den Killarney-Seen, wo die Wälder und Wiesenlandschaften besonders üppig waren. An diesem Morgen schickte die Sonne ihre Strahlen auf Südwest-Irland herab.

Die Stimmung der vier Mädchen entsprach dem Wetter. Sie saßen in dem hellgelben Regent und unterhielten sich mit der Unbefangenheit von Teenagern, obwohl sie aus dem Alter heraus waren. Der Fahrer des Taxis ließ das Wortgeplätscher mit unbewegter Miene über sich ergehen.

Louisa Valremy hatte ihren Platz gleich neben dem Fahrer. Mit ihren achtundzwanzig Jahren war die temperamentvolle Französin die Reifste unter den vieren – obwohl die Irin Ginny Pearse, die zwischen den beiden anderen Mädchen auf dem Fondsitz eingekeilt saß, nur ein Jahr jünger war.

Hübsch waren sie alle vier: Louisa mit ihrem schulterlangen dunklen Haar auf fast exotische Weise, Ginny durch ein makelloses Gesicht, zu dem die brünette Afro-Frisur ausgezeichnet paßte. Die fünfundzwanzigjährige Marion Dowling stammte wie Ginny aus Dublin. Ihr Blondschopf widerlegte ein Vorurteil, daß nämlich alle Iren rothaarig seien.

Rotes Haar besaß Patricia Hemphill. Sie galt als das „Küken“ des Quartetts und war dreiundzwanzig Jahre alt. Sie bemühte sich, erwachsen zu erscheinen und konnte dank ihres Auftretens und ihrer Figur durchaus als reife Frau gelten.

Das war der Wunsch all dieser Mädchen, sich überlegen zu geben. Sie nahmen am Sekretärinnen-Seminar in Faha Court teil, um in ihrem Beruf schnell aufzusteigen. Das Seminar in Faha Court besaß einen guten Ruf und wurde fast ausschließlich aus den Geldbeuteln der Teilnehmerinnen finanziert. Marion, Ginny, Patricia und Louisa hatten wie alle anderen Absolventinnen hohe Beiträge gezahlt, um sich die drei Wochen Intensivkursus ermöglichen zu können.

Zwölf Mädchen waren außer ihnen an diesem Morgen mit dem Zug aus Cork eingetroffen. Die Gruppe war auf fünf Pensionen verteilt worden. Ein Kleinbus würde sie an jedem Morgen abholen und nach Faha Court bringen.

Der Regent rollte an einem Schild vorüber.

„Welcome at Kilkea House“, las Louisa. Sie beherrschte Englisch perfekt und sogar Gälisch, denn sie stammte aus der Bretagne, wo diese komplizierte Sprache auch im Gebrauch war. „Willkommen im Kilkea House. Hört endlich mit dem Gekicher auf, wir wollen einen seriösen Eindruck machen. Als angehende Spitzensekretärinnen können wir uns dieses alberne Benehmen im Grunde nicht leisten.“

„Na, na“, gab Marion zurück. Sie hielt sich fest, weil der Fahrer den Wagen in eine enge Kurve lenkte, um auf den Pensionspark einzubiegen.

„Der Filmproduzent, dessen rechte Hand du wirst, wünscht sich bestimmt kein ernstes strenges Gesicht im Vorzimmer seines Büros. Da ist ja sogar mein Chef, dieser millionenschwere Industrieboß Leon O’Connell, eine frivolere Natur.“

„Frivol ist gut“, sagte Ginny und lachte. „Das muß ich meinem Verlobten erzählen. Ich glaube, ich bin die einzige von allen Teilnehmerinnen, die gleichzeitig Frau und berufliche Stütze ihres Vorgesetzten wird. Dazu noch die eines Journalisten wie Gerard Maccallion.“

Patricia rümpfte die Nase. „Gib bloß nicht so an. Versetze dich lieber mal in meine Lage. Wenn Thomas Feeney, der Staranwalt aus London, nicht ein Bombengehalt geboten hätte, hätte ich den Job in seiner Kanzlei nie angenommen. Der Mann ist ja eine wandelnde Mumie!“

Sie lachten über den Ausdruck.

„Wir sind da“, sagte der Fahrer.

Die Mädchen sahen das Gebäude an. Kilkea House mit seiner efeubewachsenen Seite machte einen einladenden, gepflegten Eindruck.

„Ein richtiges altes irisches Landhaus“, rief Louisa erfreut.

„Ich habe gehört, in solchen Gemäuern soll es spuken“, sagte Patricia. „Gerade vor kurzem habe ich einen Roman gelesen, in dem ein Lampengeist über eine im Bett lesende Jungfrau herfiel und...“

Ihre Begleiterinnen lachten fröhlich.

Der Taxifahrer wandte sich zu den Mädchen um. „Sie kommen aus Dublin und London und sonst woher, da spottet man über Gespenstergeschichten. Wir Leute von den Killarney-Seen nehmen die Dinge jedoch ernst. Glauben Sie nicht, daß es in den Mangerton-Bergen immer mit rechten Dingen zugeht. Ich rate Ihnen, die Gegend zu meiden. In Kilkea House sind Sie sicher. Die Inhaber, Dalton und Brigid Mulkenny, sind aufrichtige und nette Leute.“

„Sie machen mir Angst“, äußerte sich Marion.

„Unsinn“, versetzte Ginny, „er sagt das aus Gewohnheit. Was meint ihr, wie sich die Touristen im Sommer über seine Geschichten freuen. Besonders die Amis sollen ja geradezu nach Horror lechzen.“

Der Fahrer stieg beleidigt aus dem Regent.

„Ärgert ihn nicht“, meinte Louisa. „Hört mit der Sprücheklopferei auf, nehmt eure Koffer und kommt mit, die Pension ansehen.“

Sie gaben dem Taxichauffeur ein Trinkgeld. Er nahm es wortlos an und wartete noch, bis die Mädchen in der kleinen Empfangshalle verschwunden waren. Dann wendete er und fuhr ab und verwünschte dabei die überheblichen Stadtmenschen.

Dalton Mulkenny tauchte als erster vor dem Pult mit dem Gästebuch auf. Er lächelte, verbeugte sich linkisch und schaute das Quartett forschend an, bevor er „Guten Morgen“ sagte und sich bekannt machte.

„Wir nehmen an dem Kursus in Faha Court teil“, sagte Louisa Valremy.

„Ich weiß, ich weiß“, entgegnete der Grauhaarige, „das Seminar hat die Zimmer reserviert und auch bereits eine Vorauszahlung geleistet. Sie brauchen nichts zu tun, als mir Ihre Ausweise zu überlassen, damit ich die Namen und Adressen ins Gästebuch eintragen kann.“

Die Mädchen gaben ihre Personalausweise ab.

Patricia Hemphill entdeckte als erste die dicke Frau, die aus einer Verbindungstür kam. Patricia konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken. Sie wurde aber sofort von Ginny angestoßen.

Brigid Mulkenny hätte nicht komischer aussehen können. Ihr Gesicht war auf übertriebene Weise geschminkt und sie trug auch noch ein Kleid, das seit Jahren unbenutzt in einem Schrank gehangen hatte. Es war weit ausgeschnitten, viel zu weit. Außerdem war es jetzt zu eng, weil Brigid ständig zugenommen hatte. So gerieten die Massen der Frau auf die unvorteilhafteste Weise ins Blickfeld.

„Meine Frau Brigid“, sagte Mulkenny, „der gute Geist des Hauses.“

„Geist?“ echote Patricia ungewollt.

„Sie werden also für uns kochen, wenn ich nicht irre, Madam“, fiel Ginny Pearse schnell ein. Sie reichte der Dicken die Hand. „Ich hoffe, wir werden uns verstehen. Wir werden uns Mühe geben, Ihnen keine allzu großen Umstände zu bereiten.“

Brigid lachte. „Ich werde euch hüten wie eine Henne, Mädchen, das verspreche ich euch. Dalton, hast du ihnen die Zimmernummern genannt?“

Der Grauhaarige schaute verwirrt vom Pult auf. „Ach ehm, ich...“

„Ich erledige das schon“, unterbrach ihn seine bessere Hälfte, „wenn Sie mir folgen wollen? Ihre Räume liegen im ersten Stock.“ Sie setzte sich in Bewegung, um dem Quartett den Weg zur Treppe zu zeigen.

Marion, Ginny, Patricia und Louisa gingen hinter der Dicken her. Daß sie ihr Gepäck selbst tragen mußten, nahmen sie ohne Kritik in Kauf. Sie wußten ja, daß sie sich in einer Familienpension befanden und nicht in einem Luxushotel.

Die Zimmer entsprachen der Beschreibung des Taxifahrers. Sie waren sauber und gemütlich. Brigid Mulkenny erklärte die Bedeutung der Kordeln, die in jedem Raum auf die Kopfenden der Betten herab baumelten.

„Ziehen Sie daran, falls Sie etwas benötigen“, sagte sie, „dann klingelt es bei mir und ich komme rauf.“

„Vielen Dank, Mrs. Mulkenny“, erwiderte Louisa.

Die anderen drei schlossen sich mit ähnlichen Worten an. Erst als Brigid über den Flur verschwunden war und die Mädchen sich in Louisas Zimmer versammelt hatten, prustete Patricia von neuem los.

Marion zog einen Schmollmund. „So habe ich mir das nicht vorgestellt. Dieser faltige alte Kerl und sein fettes Weib – glaubt ihr denn, die sind noch ganz normal? Wie der uns angestarrt hat! Ich schätze, Mulkenny ist ein Lustmolch. Es wäre besser, wir schliefen alle zusammen in einem Raum. Ich habe Angst.“

„Quatsch mit Soße“, sagte Ginny. „Ganz ehrlich, Marion, ich muß mich wundern. Du kennst doch unsere Landsleute. Besonders hier im Südwesten sind sie als kauzig verschrien. Ich gebe ja zu, daß die beiden da unten ein bißchen vulgär sind. Aber hinter der Fassade steckt ein guter Kern. Wir werden uns wohl fühlen. Und wenn wir abfahren, wird’s uns sogar leid tun, wetten?“

„Ich bin ganz deiner Meinung“, erklärte Louisa.

Patricia nickte. „Ginny als Irin muß es wissen. Außerdem sollten wir uns schon deswegen nicht so ängstlich aufführen, weil wir als emanzipierte, zeitbewußte Frauen anerkannt werden wollen und...“

„Schon gut“, winkte Marion ab. „Ich sage ja nichts mehr. Kommt aber nachher nicht an und beschwert euch bei mir, wenn was passiert.“

„Themawechsel: ich habe Hunger“, rief Ginny.

„Ich auch“, meldeten sich die anderen wie aus einem Mund.

Sie hatten zu Mittag gegessen und sich den Park, den Golfplatz und den See angesehen. Mulkenny hatte es sogar erlaubt, daß sie abwechselnd in Zweiergruppen mit der Schaluppe aufs Wasser hinaus ruderten. So war der Nachmittag schnell vergangen. Das Seminar sollte erst am nächsten Tag beginnen. Marion, Ginny, Patricia und Louisa waren froh, sich ein wenig von der Reise erholen zu können.

„Eigentlich ist es hier ideal“, gestand Marion, als sie langsam zum Kilkea House zurückkehrten, „nur etwas fehlt.“

Patricia las aus ihrer Miene, was sie meinte. „Ja, das finde ich auch. Was meint ihr, Leute? Sollten wir heute abend nicht tanzen gehen? Ich habe gehört, daß die Iren gar keine Dickschädel sind, was das Vergnügen betrifft.“

„Ohne mich“, sagte Ginny, „ich bin verlobt und gehöre nicht zu den Typen, die bei jeder Gelegenheit untreu sind.“

„Tanzen heißt doch nicht Hörner aufsetzen“, wandte Louisa ein. „Du kannst ja auch mitkommen und am Tisch sitzenbleiben. Auf jeden Fall fände ich es schade, wenn du dich ausschließen würdest. Unsere Freundschaft ist doch prima, seitdem wir uns im Zug kennengelernt haben.“

„Einverstanden“, sagte der Krauskopf und lächelte, „ich will kein Spielverderber sein. Fragen wir Mulkenny, ob er ein Tanzlokal in der Nähe kennt.“

Sie trafen den Grauhaarigen in der Empfangshalle.

„Hat jemand für mich angerufen?“ erkundigte sich Ginny.

Dalton Mulkenny schüttelte langsam den Kopf. „Niemand.“

Sie machte ein enttäuschtes Gesicht.

„Das Telefon ist kaputt“, ergänzte der Pensionswirt. „Sie werden verstehen, Miß. Ich rechne damit, daß man die Leitung bis morgen wieder instand gesetzt hat.“

„Gerard wird sich Sorgen machen.“

„Gerard?“

„Mein Verlobter, Mr. Mulkenny.“

„Das nächste Telefon befindet sich in Faha Court, Miß.“

„Wie weit ist es bis dorthin?“

„Zehn Kilometer.“

„Kilkea House liegt etwas weit ab vom Schuß“, stellte Louisa Valremy fest. Sie ordnete ihre langen Haare, bevor sie fragte: „Sagen Sie, Mr. Mulkenny, gibt es in Faha Court eine Diskothek, einen Night Club, eine Tanzdiele oder etwas Ähnliches?“

Der Grauhaarige zögerte. „Warten Sie mal... ich kenne mich eigentlich nur in den Kneipen aus, aber ich glaube, das ‚Seven Apples’ ist ein Lokal, das Ihren Ansprüchen genügen würde. Moment mal – welcher Tag ist denn heute? Dienstag? Tut mir leid, aber da haben die Lokale Ruhetag. Bis auf den Bürgerkeller, aber das ist eine Wirtschaft, in der es Ihnen bestimmt nicht gefallen würde.“

„Trübe Aussichten“, seufzte Patricia, „mit anderen Worten, Faha Court hat heute abend nichts zu bieten. Und wenn Ginny zum Telefonieren in den Ort will, muß sie sich auf Schusters Rappen begeben, weil wir von hier aus kein Taxi bestellen können.“

„Zehn Kilometer sind mir zu viel“, sagte der Krauskopf zerknirscht.

„Haben Sie denn kein Auto, Mr. Mulkenny?“ erkundigte sich Marion.

„Schon“, gab er zurück, „aber es ist in der Werkstatt. Zur Zeit habe ich nur das Boot.“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Sie können aber den Text eines Telegramms aufschreiben, Miß Pearse. Morgen früh um sieben Uhr kommt der Postbote. Dem könnte ich den Zettel mitgeben.“

„Sehr freundlich“, erwiderte Ginny, „ich nehme Ihren Vorschlag gern an. Gerard wird sich eben etwas gedulden müssen.“

„Du hast ihn doch vom Bahnhof in Cork aus angerufen“, versetzte Marion Dowling, „er weiß wenigstens, daß du gut angekommen bist.“

Ginny nickte ein wenig traurig. „Das war aber vor acht Stunden.“

„Wer lieben will, muß leiden“, kommentierte Patricia.

Sie beratschlagten, wie sie den Abend gestalten könnten. Schließlich gab es doch nur eine Möglichkeit: im Kilkea House zu bleiben, ein bißchen zu plaudern und früh zu Bett zu gehen.

Brigid Mulkenny servierte zum Abendessen Pfeffersteaks und frische Erbsen. Es schmeckte den Mädchen vorzüglich. Sie fühlten sich wieder etwas aufgemuntert und ließen sich von dem Pensionswirt vier große Gläser Guiness-Bier abzapfen. Louisa und Ginny versuchten ein Gespräch mit dem Grauhaarigen, aber er antwortete einsilbig und zog sich zurück. Wieder ein Grund mehr für Marion, über die Leute vom Land zu spotten. Und Patricia bemerkte, sie sei eine schlechte Irin. Daraufhin entbrannte eine Diskussion über Patriotismus. Louisa brachte es jedoch sehr geschickt fertig, das Gespräch auf das Thema Mode zu lenken.

Am Ende war es zehn Uhr. Die Mädchen wünschten Mulkenny eine gute Nacht und gingen hinauf in den ersten Stock. Die Zimmer von Louisa und Ginny lagen auf der linken Seite. Sie hatten die Nummern drei und fünf, während die Räume, die Marion und Patricia genau gegenüber belegt hatten, mit den Ziffern vier und sechs versehen waren.

Die Mädchen verabschiedeten sich wortreich voneinander. Louisa und Ginny plauderten noch fast eine halbe Stunde lang im Zimmer der Französin. Die beiden Jüngeren zogen sich sofort zurück. Patricia fielen die Augen fast zu. Sie fühlte sich so müde, daß sie sich entkleidete und gleich in die Federn kroch.

Marion Dowling packte ihren Koffer aus. Pedantisch verstaute sie ihre Kleider und Unterwäsche im Schrank und legte die Bücher, die sie mitgebracht hatte, auf den Tisch.

Sie begann zu lesen.

Merkwürdig, sie spürte keine Müdigkeit, obwohl sie die Nacht über im Zug verbracht hatte. Die blonde Marion war eine der wenigen Kursteilnehmerinnen gewesen, die auf den Liegewagenpritschen geschlafen hatte.

Das Buch hieß „Geschäftsbriefe – der perfekte Stil“. Marion legte es nach einer Viertelstunde wieder aus der Hand. Der Stoff war ihr zu trocken. Sie versuchte es mit einem Kafka-Roman, den sie als Freizeitlektüre mitgebracht hatte. Aber auch darauf konnte sie sich nicht konzentrieren. Außerdem war Kafka ihr zu düster.

Marion atmete tief.

Das Ehepaar Mulkenny ging ihr nicht aus dem Kopf. Hatten die anderen denn nicht die abwesenden Blicke bemerkt, mit denen die Dicke und der Grauhaarige sie angesehen hatten? Es schien, als seien sie ständig mit den Gedanken woanders. Doch das war nicht alles, was Marion bedrückte. Kein Telefon, kein Auto, die Abgeschiedenheit dieses Platzes – sie schüttelte sich.

Warum hatten sie bloß keine Doppelzimmer genommen?

Sie knipste das Licht aus und sah aus dem Fenster. Draußen war alles ruhig. Marion Dowling machte die Beleuchtung wieder an.

Sie öffnete die Zimmertür.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914467
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller diener satans

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #7: Diener des Satans