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Top Grusel Thriller #5: Das Schweinemonster

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Leseprobe

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Al Frederic: Das Schweinemonster

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Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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Sergio Fabbrizi hörte das Geräusch und blickte sich um. Schritte schienen sich zu nähern. Das leicht abschüssige und gut zu überblickende Gelände hinter ihm war nämlich leer bis auf einen Schwarm Krähen, der sich auf dem Acker hinter der Kuhweide niedergelassen hatte. Die Erde glänzte rotbraun. Die Schleier der Dämmerung hatten sich verzogen und gaben die Sicht auf das etwa einen halben Kilometer entfernt liegende Anwesen frei. Sergio Fabbrizis Hof. Weit und breit war es die einzige menschliche Ansiedlung. Das nächste Dorf Lugagnano befand sich sechs Kilometer entfernt.

„Accidenti“, murmelte Fabbrizi, „verflixt noch mal“, und wandte sich wieder seiner Beschäftigung zu. Die Kuh, unter der er den Eimer aufgestellt hatte, wollte rasch gemolken sein. Er mußte die Milch von sechs Kühen einsammeln, bevor er auf den Hof zurückkehrte und sich anderen dringenden Arbeiten zu wandte.

Er hockte auf seinem Schemel und griff beflissen an die Zitzen des großen Tieres, beobachtete, wie die Milch in den Eimer strömte. Früher hatte seine Frau diese Arbeit erledigt. Seitdem sie tot war, wechselte er sich damit mit dem Knecht Remo ab. Seiner Tochter Maria Grazia mochte er es nicht zumuten. Sie studierte in Mailand, doch auch jetzt, während der Semesterferien, sollte sie ihre Zeit lieber auf die Bücher statt auf den Hof verwenden.

Da war es wieder!

Von neuem hielt der Bauer inne und drehte sich um. Diesmal setzte das Mahlen und Scharren nicht aus, diesmal blieb es. Trotzdem konnte er keinen Menschen in seiner Nähe ausmachen. Aber er war sicher, daß es sich um Laute handelte, die nur ein Mann oder eine Frau beim Gehen verursachen konnten.

Fabbrizi hielt plötzlich den Atem an. Es kam auf ihn zu! Ja, die Schritte klangen deutlicher.

Dann entdeckte er die Abdrücke. Ungefähr zwanzig oder auch mehr Meter entfernt, dicht vor dem Zaun, der die Weide vom Acker trennte, preßten sich Spuren in das Gras. Fabbrizi nahm die Bewegung wahr, mit der Halme knickten und sich niederlegten. Damit nicht genug, er konnte die Fährte bis an den Zaun und weiter bis über den Acker zurückverfolgen. Dort, wo das Land abfiel und eine Mulde bildete, endete die Spur für ihn hinter einer flachen Kuppe.

„Madonna Santa“, sagte er verdutzt, „heilige Mutter, ich bin doch nicht verrückt!“ Er verengte die Augen zu Schlitzen. Auf diese Weise konnte er allerdings auch nicht besser sehen, was dort unten vorging. Jetzt verharrten die Schritte. Fabbrizi starrte für einige Zeit auf die Stelle, an der sich der letzte Abdruck abzeichnete. Ringsum war wieder alles still. Doch die Spuren blieben und machten ihm deutlich, daß sich die Sache nicht nur in seiner Einbildung abgespielt hatte.

Er hatte keine Erklärung für diese Erscheinung. Es gab sie nicht.

„Ein Tier. Ja, irgendein blödsinniger Hase oder vielleicht ein Fasan“, überzeugte er sich energisch. Langsam wandte er sich wieder der Kuh zu. Er gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, und doch blieben der Zweifel und die leise Angst.

Plötzlich ereignete sich wieder etwas.

Sergio Fabbrizi stieß einen Schrei aus. Er richtete sich ruckartig auf und stieß dabei den Schemel um. Sein Blick war auf den Eimer gerichtet.

Mit einemmal hatte die Kuh angefangen, rote Milch zu geben. Ein dunkler Streifen zog sich durch die weiße Flüssigkeit. Der Bauer mußte sich überwinden vorzutreten, den Eimer hervorzuziehen und einen Finger hinein zu tauchen. Ein wenig von dem roten Naß blieb auf der Fingerspitze haften.

Fabbrizi betrachtete es. Dann schluckte er heftig. „Blut“, flüsterte er, „Blut...“

Er bückte sich und untersuchte die Kuh. An keiner der Zitzen ließ sich jedoch etwas Beunruhigendes ausmachen, keine Verletzung, kein eitriges Geschwür oder etwas Ähnliches. Es könnte höchstens von innen heraus kommen, dachte er.

Die nächste Überraschung gab es, als er wieder nach dem Eimer griff.

Verschwunden war die rote Spur in der Milch. Statt dessen glänzte nur noch weiße Flüssigkeit in dem Behälter.

Es liegt an dir, überlegte er bestürzt, es kann nur an dir selbst liegen. Vielleicht solltest du mal für einen Tag mit der Arbeit aussetzen! Verdrossen schob er der Kuh wieder den Eimer unter und melkte sie weiter.

Jäh schoß es wieder in dickem roten Strahl aus dem Euter des Tieres, färbte die Milch und bespritzte Fabbrizis Hände. Er fluchte, fuhr hoch und wischte das Blut an seiner groben Hose ab. Gleich darauf rieb er sich heftig die Augen. Aber das Bild blieb. Die Milch in dem Eimer war nun ganz rot gefärbt.

Unvermittelt war auch wieder das Geräusch von Schritten da.

Es knirschte heran, schob sich drohend auf ihn zu. Sergio Fabbrizi warf sich hastig herum und riß die Augen auf.

Er konnte einfach nur auf die Spuren starren. Es war, als läge ein Bann auf dieser Erscheinung, der ihn nicht mehr losließ. Größer bildeten sich die Abdrücke auf dem grasbestandenen, etwas feuchten Untergrund aus. Es schien, als habe der, dem die Füße gehörten, keine Eile. Noch etwas prägte sich dem Bauern unauslöschlich ein: Es handelte sich um verschieden große Füße. Ja, einer mußte deformiert sein, denn er bildete einen fast runden Abdruck.

„Ein Unsichtbarer“, stammelte Fabbrizi, „Dio mio, ein Unsichtbarer auf meiner Weide!“ Es kostete ihn einige Anstrengung, sich von dem Anblick loszureißen. Schwer atmend wich er zurück.

Er stolperte an dem Eimer vorüber, in dem die blutige Milch schwappte. Plötzlich wurde die Kuh unruhig. Auch die anderen fünf Tiere begannen zu stampfen und dumpfe Laute von sich zu geben. Aber Sergio Fabbrizi achtete nicht auf sie, sondern hielt nur seinen Blick auf die Fußspuren gerichtet, die jetzt in immer kürzeren Zeitabständen in den Boden geprägt wurden. Der Unsichtbare war höchstens noch vier Meter entfernt.

„Nein“ ächzte der Bauer. Aber dennoch schaffte er es nicht, sich umzudrehen und fortzulaufen.

Das Geräusch war laut, kaum noch auszuhalten. Die Fußsohle, die Fabbrizi nicht sehen konnte, verursachte einen schmatzenden Ton. Aber der andere, der rechte Fuß mußte härter sein, denn er setzte jeweils mit einem dumpfen Schlag auf.

Dann stieg Fabbrizi der Geruch in die Nase. Es stank nach Schwefel oder verkohltem Haar und Horn. Dies war der Augenblick, in dem in Sergio Fabbrizi, der nur noch einen Meter Abstand zu der Erscheinung hatte, der fürchterliche Verdacht aufstieg.

„Aiuto“, kam es über seine Lippen, „Hilfe – um Himmels willen, helft mir!“ Aber mehr brachte er nicht heraus.

Die Erscheinung hatte ihn erreicht. Fabbrizi spürte keinen Griff, keinen Hieb des unheimlichen Wesens. Seine Finger faßten ins Leere, als er die Gestalt ertasten wollte. Doch in seinem Gesicht fühlte er einen eisigen Hauch. Einen Hauch, der ihn festhielt, nicht weiter nach hinten ausweichen ließ.

Fabbrizi stürzte zu Boden. Es wurde ihm aber nicht bewußt, denn er hatte den Eindruck, von einer dunklen Macht hochgehoben und über die Äcker und Weiden fortgetragen zu werden.

Er wachte auf und stützte sich auf die Ellbogen. Sein Kopf fühlte sich schwer an, sein Körper war schweißbedeckt. Langsam drehte er sich, stemmte sich hoch und stellte sich auf. Keuchend wandte er sich der Kuh zu, die er gemolken hatte. Seine Bewegungen waren ungelenk.

Sergio Fabbrizi bückte sich nach dem Eimer und hob den Melkschemel auf.

Die Kuh wandte ihm den Kopf zu. Vielleicht war es die Wut darüber, daß sie blutige Milch gegeben hatte, vielleicht ärgerte es ihn auch nur, daß ihre großen glänzenden Augen ihn verfolgten – jedenfalls hob Fabbrizi plötzlich den Schemel und schleuderte ihn nach dem Tier. Die Kuh bekam ihn auf den Rücken. Erschrocken wandte sie sich ab, lief los und gesellte sich zu ihren Artgenossen.

Der Bauer kletterte über den Zaun, dann stapfte er über den Acker. Seine Schuhe rissen Schollen rotbrauner Erde auf, als er jetzt zu dem Anwesen hinunter marschierte, ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und stoppelkurzem eisgrauen Haar.

Krähen flogen mit trägen Flügelbewegungen vor ihm davon. Fabbrizi kümmerte sich nicht darum, auch nicht um die dicken Regentropfen, die jetzt aus düsteren Wolken auf ihn herunterfielen. Lauer Wind trieb die Wolken über das Land. Es war ein trüber Herbsttag.

Er erreichte den Hof. Als er sich gerade dem hohen grauen Wohnhaus zuwenden wollte, vernahm er Laute, die aus den Stallgebäuden kamen. Fabbrizi ließ den Eimer fallen. Die blutige Milch lief über das Kopfsteinpflaster. Mit gesenktem Haupt ging der Bauer dem Schweinegrunzen nach. Er begegnete niemandem.

Der Stall war ein flaches, langgestrecktes Gebäude aus vielen mit Mörtel übereinander gemauerten rohen Steinen. Sergio Fabbrizi mußte sich bücken, um einzutreten.

Penetranter Geruch schlug ihm entgegen. Er steuerte auf eine der hinteren Boxen zu. Um das Tier sehen zu können, brauchte er sich nur über die hüfthohe Lehmmauer zu beugen.

Es war eine trächtige Sau, die mit klagenden Lauten auf und ab lief, Sie schien Schmerzen zu haben. Fabbrizi betrachtete sie. Er verzog das Gesicht, sprach aber kein Wort.

Dann öffnete er die Pforte. Langsam trat er auf die Sau zu, tätschelte sie und murmelte ein paar Sätze. Das Tier beruhigte sich, denn es hatte seinen Herrn erkannt. Schnaufend legte es sich in den Stallmist.

Plötzlich berührte Fabbrizi die Sau wieder. Es war etwas Unerklärliches in ihm, das ihn die Finger verkrampfen ließ. Die Nägel gruben sich in die dicke Haut des Tieres. Es schien die Kratzer kaum zu spüren.

Aber Sergio Fabbrizi fühlte, wie das Schwein unter seinem Griff kalt wurde. Er wußte nicht, warum er mit einemmal erregt war, warum er über die seitlich liegenden Beine hinweg stieg und sich über den Hals der Sau beugte. Sie atmete rascher, schien keine Luft mehr zu bekommen.

Da entblößte der Bauer die Zähne. Mit bösem Knurren näherte er den Mund der Haut des Tiers. Hart schlugen die Zähne zu. Es war erstaunlich, wie kraftvoll er zubiß. Jäh richtete er sich wieder auf, denn er hatte ein Stück Fleisch losgerissen. Die Zähne hatten keinen Widerstand mehr. Blut schoß aus der Wunde.

Ein unartikulierter Laut löste sich aus Fabbrizis Mund. Er stand jetzt da und verfolgte, wie das Muttertier zuckte und mit den Beinen schlug. Zum Schluß bäumte es sich etwas auf – dann war es aus. Er hatte es getötet.

Fabbrizis beugte sich über das Tier. Seine Arme baumelten, der Oberkörper pendelte kaum merklich hin und her. Als die Augen des Schweins brachen, nahm sein Gesicht einen verstörten Ausdruck an. Er faßte den Kadaver an und zuckte zurück. Das Tier war eisig kalt und hart, hart wie Stein.

Plötzlich knackte es in dem Tierleib. Etwas später zeichneten sich Risse auf der Haut ab, ganze Körperpartien klafften auseinander. Doch nirgends trat Blut aus. Fabbrizi beobachtete aus weit aufgerissenen Augen, wie die Masse weiter und weiter zerbröckelte und schließlich gänzlich zu Staub zerfiel. Von der Sau war nicht mehr als ein kleiner Haufen heller, ascheähnlicher Substanz übriggeblieben.

Verwirrt verließ der Bauer die Box.

Er glitt fast auf dem glitschigen Gang aus, stieß mit einer Schulter gegen die Mauer, bevor er ins Freie taumelte. Ihm war schwindlig. Er fühlte sich nicht wohl. Gern hätte er sich übergeben, aber er brachte es aus irgendeinem Grund nicht fertig.

Der Eimer lag unverändert auf dein Hof. Aber das Blut und die Milch waren verschwunden. Nirgends zeichnete sich auch nur eine Spur der rot gefärbten Flüssigkeit ab.

Sergio Fabbrizi merkte, daß ihm die Knie weich wurden. Er knickte ein und fiel. Doch trotz des Sturzes verspürte er den körperlichen Schmerz kaum. Was ihm zu schaffen machte, war ausschließlich sein Innenleben, Unvermittelt fing auch sein Kopf an zu schmerzen. Das war ungefähr so, als habe man Reißzwecken in seinem Hirn verteilt.

Mühselig richtete er sich wieder auf und torkelte auf das Wohnhaus zu.

Maria Grazia Fabbrizi drehte die Brause ab. Das Wasser perlte über ihren Körper und lief durch das Duschbecken in den Ausguß ab. Maria Grazia besaß weiche, gut ausgebildete Formen, vielleicht ein etwas zu breites Becken und zu kurze Beine, kleine Mankos, die sie durch geschickt gewählte Kleidung auszugleichen wußte. Die Männer in Mailand sprachen ihr wegen der vollen Bardot-Lippen und der herrlichen blonden Haare, die jetzt unter einer Kappe versteckt waren, ein herausforderndes, laszives Wesen zu. Das Gegenteil war der Fall. Ihre moralische Einstellung war fast so puritanisch wie die ihres Vaters.

Als sie das Poltern vernahm, zuckte sie zusammen. Das Geräusch kam aus dem Erdgeschoß. Maria Grazia zog die Augenbrauen hoch, schüttelt verwundert den Kopf und stieg aus der Badewanne.

Das Poltern hielt an.

Sie streifte die Badekappe ab, trocknete sich schnell ab und warf einen Morgenmantel über. Ein Blick auf die Uhr im Schlafzimmer nebenan zeigte ihr, daß es kurz nach sechs war. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß ihr Vater oder der Knecht Remo um diese Zeit einen solchen Krach machten.

Maria Grazia zog vorsichtig die Tür auf. Langsam näherte sie sich der Treppe. Sie hatte Angst, aber die Sorge um das Haus war größer. Falls sich ein Fremder da unten befindet, schlage ich ihn durch Schreien in die Flucht, dachte sie entschlossen.

Sie erkannte die Gestalt von der Treppe aus. Sergio Fabbrizi stand in der Küche, gebückt, abwartend. Er hatte zwei Stühle umgekippt und den Tisch hochgehoben, so daß er jetzt schief gegen die Wand gelehnt stand.

„Vater“, sagte Maria Grazia.

Er drehte sich zu ihr um. Offensichtlich hatte er sie erst jetzt bemerkt, denn die Überraschung war in seinen Zügen zu lesen.

Erschrocken nahm sie den Arm hoch, „Vater – wie siehst du aus? Du hast dich verändert. Deine Haare sind so borstig. Wie ist das nur möglich?“ Sie ging auf ihn zu. „Was ist geschehen? Es hat Ärger gegeben, nicht wahr?“

„Ärger?“ entgegnete er.

„Wer hat dich so zugerichtet?“

Fabbrizi verzerrte das Gesicht. „Maledizione, maledizione“, brummte er. „Verdammt, verdammt – zur Hölle mit allen, die Schlangen sollen euch fressen.“

„So zornig habe ich dich noch nie gesehen“, sagte sie. „Meine Güte, so erkläre mir doch, was los ist!“ Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, wollte seinen Arm greifen.

Er zog sich vor ihr zurück. Dabei stieß er mit einem Bein gegen einen Stuhl. Knurrend drehte er sich danach um, packte ihn und hob ihn hoch. Dann schleuderte er ihn quer durch die Küche. Der Stuhl prallte gegen die Wand und zerbrach mit trockenem Geräusch.

„Vater!“ schrie Maria Grazia.

Er beachtete sie nicht mehr. Fluchend wankte er bis zum Herd, hielt sich daran fest. Der Verwünschungen, die er fortwährend ausstieß, waren lästerlich.

„Vater, hast du dein Gesicht gesehen?“ rief das Mädchen aus. „Schau doch einmal in den Spiegel, dann merkst du selbst, wie es um dich bestellt ist. Du mußt mir sagen, wer oder was dir so zugesetzt hat.“

Er horchte auf. Plötzlich drehte er sich, riß die Verbindungstür auf und eilte mit eckigen Bewegungen in die Wohnstube, von dort aus in die kleine Toilette.

Sergio Fabbrizi starrte sein Spiegelbild über dem Waschbecken an. Fassungslos stöhnte er auf. Das, was ihn da anglotzte, schien nicht zu ihm zu gehören, mußte etwas Fremdes sein, denn er konnte sich nicht erinnern, jemals eine solche Fratze besessen zu haben. Häßlich waren die borstigen Haare, die die Ohren verdeckten, scheußlich die feucht schimmernden kleinen Augen. Falten hatten sich gebildet, unter den Augen gab es breite düstere Ränder. Ein Frauentyp war er nie gewesen, aber er hatte sich trotz der anstrengenden Arbeit ein ebenmäßiges und glattes Gesicht erhalten, hatte große, ernst blickende Augen besessen, nicht diese – diese Schweinspupillen.

Auch der Mund kam ihm anders vor. Waren die Lippen nicht größer, stärker aufgeworfen?

Als ihm dies deutlich wurde, stieß er einen ängstlichen Ruf aus. Der Vorgang war nicht abgeschlossen. Sein Gesicht war immer noch dabei, sich auf grausige Weise zu verwandeln. Borken und Wülste bildeten sich inmitten der Falten, die immer tiefer in die Haut schnitten. Gleichzeitig schien die Haut härter zu werden. Er betastete sich. Es stimmte. Das Gesicht fühlte sich schorfig an, wie der Kopf eines...

„Schweins“, murmelte er. Es fiel ihm schwer, das Wort auszusprechen. Die Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen. Er brachte kaum mehr heraus als häßliche, unverständliche Laute. Und die Lippen wuchsen weiter. Fabbrizi konnte den Vorgang nicht stoppen. Er mußte mit ansehen, wie sich dieses widerwärtige lange Maul formte, das sich vorn rüsselähnlich aufstülpte.

Er öffnete die Lippen, nein, das Maul. Es war eine runde, schlundartige Öffnung mit abscheulichen Zähnen. Oben standen vier, unten zwei, alle klein, aber spitz.

„Vater!“ Das war Maria Grazia. Sie war in der Wohnstube, kam näher, betrat die kleine Toilette.

Fabbrizi stieß einen ärgerlichen Knurrlaut aus. Er duckte sich, zog sich etwas hinter das Waschbecken zurück und nahm die Hände hoch. Sie waren weißlich behaart.

Maria Grazia stand jetzt auf der Schwelle. Fassungslos schaute sie auf den hochgewachsenen Mann, schien nicht zu begreifen, was da mit ihm vorging. „Papa, cosa fai – was machst du?“

Grunzend schlug er nach ihr. Dabei nahm er die Pranken vom Gesicht und gab dem Mädchen den Blick frei auf die verwüstete Haut, auf die tiefliegenden, wäßrig glitzernden roten Augen.

Maria Grazia stieß einen schrillen Schrei aus. Sie wich zurück und prallte heftig gegen den Türrahmen. Fabbrizi, durch ihr Schreien noch mehr gereizt, kam hinter dem Waschbecken hervor. So sehr er das hübsche blonde Mädchen auch anglotzte, er verstand nicht mehr, weshalb es den Mund immer wieder aufriß und schrie, weshalb ihm die Augen aus den Höhlen zu quellen schienen, weshalb es die Hände ballte und nach ihm hieb.

Sein Knurren klang aufgebracht.

Rasch griff er wieder nach ihr. Er wollte sie zum Schweigen bringen. Aber es kam anders. Schweigend vor Angst rannte sie vor ihm weg, drehte sich um und lief in die Wohnstube.

„Aiuto“, schrie sie, „Hilfe, Hilfe!“

Fabbrizi lief aus der kleinen Toilette, fiel fast über den Teppichsaum, stolperte hinter ihr her. Es war erstaunlich, was für eine Geschwindigkeit er jetzt entwickelte. Zwar benahm er sich ungestüm, riß in der Küche Teller vom Leckbrett, die auf dem Boden zerklirrten, aber er holte seine Tochter hinter der glasverzierten Tür ein, die auf die Diele führte.

Als Maria Grazia seinen heißen Atem im Nacken spürte, verlor sie voll und ganz ihre Selbstbeherrschung. Außer sich vor Panik und Grauen riß sie die Hände hoch und verkrampfte sie vor dem Gesicht. Jäh brach sie zusammen und schlug auf den Dielenboden.

Sergio Fabbrizi bückte sich nach ihr. Fest packten seine weiß behaarten Pranken zu. Sie schlossen sich um ihren Hals, aber das Schreien wurde dadurch immer noch nicht erstickt.

„Vater, tu es nicht!“ flehte sie.

Sein Maul, das große Ähnlichkeit mit einem kurzen Rüssel aufwies, öffnete und schloß sich erregt. Dann aber, als er sie endgültig in der Gewalt hatte, blähte es sich etwas und klaffte vollständig auf. Die spitzen Zähne waren zu sehen. Fabbrizis Schweinerüssel näherte sich Maria Grazias Kehle.

Die Tür wurde aufgestoßen.

Die Gestalt, die breitbeinig in der Öffnung stand, wurde vom Sonnenlicht hinter malt und erschien als drohende graue Silhouette. Auf Maria Grazias neuerlichen Schrei hin löste sie sich aus ihrer Erstarrung und kam herüber gerannt.

Remo, der Knecht, beugte sich über den Bauern. Seine starken Hände öffneten den Klammergriff der Pranken, rissen Fabbrizi hoch. Der dunkelhaarige, untersetzte Remo holte aus und versetzte ihm einen Hieb, daß er zurück taumelte und auf einen Strohballen sackte.

„Jesus, wer - was ist das?“ schrie Remo.

Maria Grazia wimmerte, aber das Wesentliche war ihren hastig und unkontrolliert ausgestoßenen Worten doch zu entnehmen. „Vater, Vater, er hat sich verwandelt.“

Der Knecht blickte auf das abstoßende Wesen. „Ich kann es nicht glauben, Mädchen. So etwas wie das da habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“

Das Monster erhob sich mit Schnaufen. Zornig verzerrte es die ohnehin schon abscheuliche Fratze, rückte näher.

„Fabbrizi!“ herrschte Remo es an.

Die kleinen Augen des Monsters funkelten tückisch. Schnell machte es einen Satz nach vorn und riß dabei den Schlund auf, um den Gegner zu erschrecken. Remo sprang auch tatsächlich zur Seite. Täuschte er sich oder gab das Schweinemonster wirklich glucksende, höhnische Laute von sich?

Maria Grazia hatte sich aufgerichtet. Langsam ging sie bis an die Wand zurück und flüsterte unablässig: „Das ist Satans Werk, Santa Madonna. Der Böse ist in ihn gefahren. Oh Himmel, hilf mir doch!“

„Ich schlage es nieder“, stieß der Knecht hervor, „dann bringen wir es ins Dorf und lassen es vom Veterinär untersuchen.“

„Er ist stark, Remo.“

„Ich habe keine Angst“, sagte Remo mehr zu sich selbst als zu dem blonden Mädchen. Ehe das Monster wieder einen Ausfall machen konnte, griff er es an. Seine rechte Faust traf die Partie, in der bei Menschen Leber und Galle sitzen – aber war dies noch ein Mensch? Remo war kein Schläger, hatte sich aber mehrfach bei dörflichen Auseinandersetzungen, in die er durch Zufall geraten war, als Herr der Lage zeigen können. Der Leberhieb, mit dem er große Kerle besiegt hatte, verfehlte jedoch jetzt seine Wirkung. Das Monster krümmte sich nicht einmal.

Plötzlich schoß es auf ihn zu.

Remo fühlte sich gepackt und hochgehoben. Im nächsten Moment flog er durch die Luft. Er hatte gerade Zeit, den Kopf einzuziehen und Arme und Beine von sich zu strecken, um den Fall abzufangen. So prallte er krachend gegen die Futterkisten.

„Lauf weg, Mädchen“, rief er Maria Grazia zu. „Sieh zu, daß du Hilfe holst. Allein werde ich nicht mit dem Biest fertig. Beeil dich doch. Worauf wartest du?“

Aus den Augenwinkeln nahm er noch wahr, wie sie zur Tür hetzte. Dann war das Schweinemonster wieder bei ihm. Remo suchte sich mit einem Tritt in seinen Unterleib einen Vorteil zu verschaffen. Aber wieder war es, als habe er es mit einem Wesen zu tun, das keinen Schmerz empfand.

Das Monster hieb nach ihm und wollte ihn beißen.

Remo wehrte sich mit Erfolg, mußte aber bis an die Wand zurückweichen. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß er sich in einer Falle befand. Der Gegner konnte ihm nach beiden Seiten den Weg abschneiden, und die Tür war viel zu weit entfernt, als daß er sie noch erreichen konnte.

„Wenn du wirklich der Bauer Fabbrizi bist, mußt du mich anhören“, schrie er. Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit, denn er hatte eingesehen, daß er sich in dieser Lage keine Minute mehr halten konnte. „Der Teufel und seine Dämonen sitzen in dir fest, Fabbrizi! Sag ihnen, sie sollen abhauen!“

Das Schweinemonster ließ einen heiseren Laut hören. Für einen Augenblick sah es so aus, als fände ein Gedanke oder eine Einsicht Einlaß in sein Hirn. Dann aber senkte es das Haupt.

Remo sah es kommen, wollte weglaufen. Doch es faßte ihn und hielt ihn fest. Plötzlich bewegte sich der zahnbewehrte Rüssel auf seinen Kopf zu. Und der Knecht hörte sich schreien.

Maria Grazia rannte, so schnell sie ihre Beine trugen. Über die beiden Kohlfelder, die sich hinter dem Wohnhaus ausdehnten, gelangte sie direkt auf den Sommerweg. Er führte in einer Schleife auf das Anwesen zu. Sie hatte eine Abkürzung benutzt, Ihre Füße waren von rotbraunem Erdreich verschmutzt, aber das kümmerte sie nicht. Unter dem Morgenmantel war sie nackt. Die frische Morgenluft ließ sie frösteln. Doch auch das spürte sie kaum. Der Morgenmantel öffnete sich vorn etwas Maria Grazia machte keine Anstalten, ihn wieder zu schließen.

Ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Haare flatterten wild im Wind. Hin und wieder schrie das Mädchen. In dieser Gegend gab es jedoch niemanden, der sie hören konnte.

Sie bog in einen anderen Weg ein, der sie über die Brücke führte. Ein kleiner Fluß plätscherte unter der Brücke dahin. Maria Grazia hatte das Gurgeln und Sprudeln des Wassers immer gern gehört. Jetzt aber erschien es ihr wie ein Werk der Hölle. Sie preßte die Hände gegen die Ohren und hetzte weiter.

Endlich erreichte sie die Asphaltstraße, die zwei Dörfer miteinander verband: Chiavenna und Lugagnano. Lugagnano lag näher. Es war sechs Kilometer entfernt.

Maria Grazia lief in Richtung Lugagnano. Vergeblich hielt sie nach Fahrzeugen Ausschau. Kein Mensch war zu sehen, der auf ihr Gestikulieren hin hätte anhalten können, um sie mitzunehmen.

Etwa eine Viertelstunde war vergangen, da hörte sie ein Motorengeräusch. Ein Personenwagen tauchte hinter der nächsten Kurve auf. Er kam ihr entgegen. Verzweifelt winkte das blonde Mädchen. Die Antwort des Autofahrers bestand aus empörtem Hupen. Dann raste er vorüber und drehte sich nicht einmal nach ihr um.

Maria Grazia schluchzte auf. Keuchend eilte sie weiter. Es war feucht und kühl.

Etwas später vernahm sie wieder das Brummen eines Motors. Diesmal aus der anderen Richtung. Das Fahrzeug fuhr in Richtung Lugagnano, mußte jeden Moment da sein.

„Santo Cielo“, stammelte sie. „Gütiger Himmel, laß ein Wunder geschehen!“

Der Wagen näherte sich. Ein grüner Laster war es, der auf sie zurollte und keineswegs langsamer zu werden schien. Maria Grazia stellte sich auf die Mitte der Straße und fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Der Fahrer mußte sie sehen. Sie befand sich auf einer langgestreckten Geraden.

Die Hupe ertönte. Irgendwie schien dem Fahrer die Sache nicht geheuer zu sein, denn er drückte pausenlos darauf. Nun ging er aber doch mit der Geschwindigkeit herunter, und Maria Grazia verließ ihren Platz erst, als er dicht vor ihr war.

Das typische Zischen der Bremsdruckverstärker war zu vernehmen. Maria Grazia lief hinter dem Fahrzeug her. Es handelte sich um einen Viberti-Camion, mit dem Steuer auf der rechten Seite, wie es die meisten italienischen Laster wegen der engen Straßen hatten.

Der Schlag schwang auf. Ein Mann, etwa Mitte Dreißig, steckte den Kopf heraus. Trotz des Stoppelbartes sah er gut aus. Seine blauen Augen musterten die Gestalt des Mädchens. Er stieß einen anerkennenden Pfiff aus.

„Bitte, helfen Sie mir“, rief sie händeringend. „Kommen Sie, kommen Sie, mein Vater ist... ich tue alles für Sie, wenn Sie mir helfen.“ Die Ereignisse hatten sie derart unter Schock gesetzt, daß sie keinen klar verständlichen Satz formulieren konnte.

„Moment mal – was willst du?“ wunderte sich der Fahrer.

„Helfen Sie mir!“ Sie trat unruhig auf der Stelle.

„Du kannst mitfahren“, erwiderte er, denn er hatte das Ganze völlig falsch aufgefaßt. „Ich hab einen Terminauftrag, muß nach Lugagnano. Also schön, geh vorne um den Kühler und steig links ein, va bene?“

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann, als er Anstalten machte, den Schlag zu zu ziehen, lief sie um das Führerhaus herum. Sie glitt aus und fiel fast hin.

Er sagte etwas Unverständliches. Als sie neben ihm auf dem Beifahrerplatz hockte, trat er auf die Kupplung und legte den ersten Gang ein, daß es im Getriebe krachte. Der Viberti-Camion fuhr langsam an. Die ganze Zeit über starrte der Fahrer das Mädchen unverhohlen an, denn er hielt ihren offenstehenden Morgenmantel für eine Herausforderung. Den angstvoll aufgerissenen Augen und der bleichen Gesichtsfarbe Maria Grazias schenkte er weniger Beachtung.

„Wohin willst du, Kleine?“ fragte er sie.

„Zur Polizei, bitte!“

„Polizei? Hast du was ausgefressen?“

„Mein Vater...“ Sie zitterte und hatte Mühe, die Hände stillzuhalten.

„Du kannst von Glück sagen, daß du mich gefunden hast. Bei dem nassen Wetter holst du dir ja den Tod“, meinte der Fahrer. „Da, jetzt fängt’s wieder an zu regnen. Na los, Kleine, nun pack mal richtig aus: Warum läufst du in diesem Aufzug durch die Gegend? Von zu Hause ausgerissen, was? Ich kann mir schon vorstellen - Vater hat kräftig auf den Tisch gehauen, es hat gefunkt, wie man so schön sagt. Da hat dich nichts mehr gehalten, oder? Trotzdem würde ich nicht zur Polizei laufen.“ Er lachte dröhnend und wartete darauf, daß sie einfiel. Doch sie sah ihn nur stumm an.

„Na, viel los ist mit dir nicht“, bemerkte er enttäuscht. „Übrigens, ich heiße Paolo. Auf Paolo kannst du dich verlassen. In jeder Beziehung.“ „Wie weit noch?“ wisperte sie.

„Wie weit wohin?“

„Nach Lugagnano.“

„Na, so fünf Kilometer.“

Maria Grazia kauerte sich zitternd auf den Sitz. Sie nagte auf der Unterlippe. Der Morgenmantel war noch ein Stück weiter aufgegangen.

Paolo, der Fahrer, nahm die Hand vom Schalthebel und schob sie nach links über den Sitz. „Ich seh schon, mit euch jungen Dingern kann man bloß eine Sprache reden. Sag mir, wo ich anhalten und abbiegen soll. Von mir aus können wir’s auch gleich an der Straße machen. Um diese Zeit ist hier nicht viel los, oder?“

Maria Grazia zuckte zusammen, als seine Hand ihr Knie berührte. Sie schrie auf und schlug nach seinen Fingern. Schluchzend rückte sie ab.

„Jetzt zier dich bloß nicht“, sagte er heiser, „das kommt bei mir nicht an. Ich bin für ganze Sachen.“

Der Lastwagen wurde immer langsamer. Schließlich kam er ganz zum Stehen. Paolo, der Fahrer, verließ seinen Platz und drängte sich an das blonde Mädchen.

„Nein, nein“, rief sie. Ihre Fingernägel zerkratzten seine Hände. Sie bäumte sich auf und warf sich gegen die Tür. Es gelang ihr, sie zu öffnen, und sie rappelte sich aber auf und rannte wie von Sinnen davon.

„Na so was“, sagte Paolo, zog den Schlag wieder zu und setzte sich hinter das Steuer.

Irgendwie plagte ihn das schlechte Gewissen, die plötzliche Einsicht, diesem Mädchen Unrecht getan zu haben. Deshalb fuhr er hinter ihr her. Er beugte sich aus dem Fenster und schrie ihr nach: „Nun steig schon ein, ich tu dir ja nichts!“

Kurz darauf trafen sie in Lugagnano ein. Paolo lieferte Maria Grazia bei den Carabinieri ab. Nachdem er erklärt hatte, sie habe sich über den Grund ihrer Flucht nicht ausgelassen, hatte er es ziemlich eilig, das Stationsgebäude zu verlassen.

„Beruhigen Sie sich“, sagte der Maresciallo, der Marschall, väterlich zu dem blonden Mädchen. „Versuchen Sie tief durchzuatmen und Ihre Gedanken zu ordnen. Kommen Sie!“ Er holte sie zu sich ins Dienstzimmer.

„Vater... mein Vater“, keuchte Maria Grazia, „Sie müssen ihm helfen – bitte!“

„Was ist mit Ihrem Vater?“

„Ein Ungeheuer“, schrie sie auf. „Er hat sich in... in ein Schwein verwandelt!“ Aufschluchzend schlug sie die Hände vors Gesicht.

Der Marschall trat auf sie zu und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Aber dadurch wurde es nicht besser. Maria Grazia weinte und schüttelte sich wie in einem hysterischen Anfall.

„Sergente!“ rief der Marschall.

„Maresciallo?“

„Holen Sie den Amtsarzt. Aber schnell!“

Als das Monster das Haus verließ, war der Knecht Remo ein toter Mann. Er lag mit zerbissener Kehle auf dem Pflaster der Diele.

Das Schweinemonster lief über den Hof. Es bot einen grotesken Anblick mit den Stoppelhaaren, der grauenhaften Schnauze und dem aufgedunsenen Leib, der noch in Fabbrizis Hemd und Hose steckte. Aber das Bild dieses geduckt laufenden Wesens hatte nur aus der Entfernung diesen Aspekt. Aus der Nähe wurde seine Grausamkeit durch die fürchterliche Fratze und die kampfbereit ausgestreckten Pranken offenbar.

Es verließ das Anwesen. Zuerst wollte es zur Kuhweide hinauf laufen. Dann aber änderte es sein Vorhaben aus unerfindlichen Gründen und hetzte über den Acker.

Daß das Monster nicht zur Asphaltstraße kam, war reiner Zufall, Planlos streifte es durch die Gegend. Dabei näherte es sich immer mehr dem winzigen Dorf Chiavenna. Kurz vor acht Uhr stand es auf einer Anhöhe und glotzte auf die eng nebeneinanderstehenden Häuser hinunter. Es hätte sich ja bereits auf dem Fabbrizihof mit Nahrung versorgen können, verspürte jedoch erst jetzt heftigen Hunger und lief, dem inneren Antrieb gehorchend, auf das Dorf zu.

Chiavenna bestand aus nicht mehr als zwei Dutzend Häusern. Es hatte deshalb auch keine eigene Verwaltung und keine eigenen öffentlichen Einrichtungen wie Polizeiposten, Schule, Feuerwehr, sondern war von Lugagnano abhängig. Nur eine Kirche gab es. Ihr Turm ragte hoch über die Häuserdächer hinaus.

Das Schweinemonster näherte sich den Häusern von der Rückseite. Es folgte dabei seinem scharf ausgeprägten Geruchssinn. So gelangte es an ein zweistöckiges Gebäude, aus dessen Lagerräumen ein feiner Duft von Schinken, Salami und Parmesankäse strömte. An der Vorderfront hing ein modernes Leuchtschild mit der Aufschrift „Alimentari“ Lebensmittel. Der Besitzer war soeben dabei, die Rollläden zu öffnen.

Das Monster schnupperte an der rückwärtigen Mauer herum. Bald fand es die Tür. Ein dickes Vorhängeschloß machte hier den Zutritt für jeden Menschen unmöglich. Aber dem Monster fiel es nicht schwer, den Eisenbügel mit seinen Hauern zu knacken. Das Schloß fiel zu Boden. Leise knarrend schwang die Tür auf, als das Monster mit den Pfoten daran zerrte.

Der Duft war stärker geworden. Als das Schweinemonster einen kleinen Flur durchquert und noch eine Tür aufgestemmt hatte, konnte es sich in den Lagerraum schleichen.

Es gab Kühlzellen, und auf mächtigen Regalen lagen die riesigen Parmesankäse. Das, was das Monster jedoch am meisten interessierte, baumelte direkt vor seiner Nase: Schinken, Salami und gesalzener Speck- Spezialitäten der Region Emilia-Romagna.

Gierig griff das Monster nach den Waren. Es bekam einen Schinken zu fassen, riß ihn herunter und grub die Zähne in das saftige Fleisch. In kaum mehr als fünf Minuten fraß es den Schinken bis auf den Knochen ab.

Der Besitzer des Lebensmittelgeschäftes hatte die Rollläden hochgeschoben und die Ladentür aufgeschlossen. Danach hatte er sich durch einen Rundgang vergewissern wollen, ob auch im rückwärtigen Teil des Gebäudes alles seine Ordnung hatte. Dabei entdeckte er die offene Hintertür.

Die Tür knarrte. Der Besitzer hatte ein bleigefülltes Stahlrohr geholt, das er ständig unter dem Ladentisch aufbewahrte, um es notfalls als Waffe zu gebrauchen.

Er sah nicht mehr als eine gebückte Gestalt, die ihm den Rücken zu wandte. Ein aufgedunsener Körper mit borstigen Haaren. Hose und Hemd waren zu eng und schnürten den Leib ein.

„He da!“ schrie der Besitzer und hob vorsichtshalber das Stahlrohr.

Das Monster zuckte erschrocken zusammen. Rasch ließ es die dicke Wurst fallen, die es in den Pfoten hielt, und drehte sich dem Störenfried zu. Dabei verlor es jedoch das Gleichgewicht und taumelte grunzend durch den Raum.

Beim Anblick des scheußlichen Wesens stimmte der Besitzer ein Angstgeheul an. Er fühlte seinen Mut schlagartig schwinden. Aber er wußte nicht, wie nahe er dem sicheren Tod war.

Plötzlich stieß das Monster gegen eines der Regale. Wegen seines Körpergewichtes und der damit verbundenen Wucht des Aufpralls kam der große Ständer ins Schwanken, und dann rutschte einer der riesigen Parmesankäse über die Kante eines hoch liegenden Brettes.

„Verflucht noch mal“, schrie der Besitzer. Er warf sich herum und stürmte aus dem Raum.

Das Monster wollte ihm nach. Aber der Parmesankäse fiel ihm auf die Schultern und riß es zu Boden. Mit wütendem Schnauben kämpfte es sich frei. Der zentnerschwere Käse hatte es nicht erschlagen. Mit dumpfem Poltern rollte er zur Seite. Immerhin war das Schweinemonster so verwirrt, daß es sofort über den kleinen Flur ins Freie raste.

Der Besitzer des Lebensmittelgeschäftes hatte es aus sicherer Entfernung beobachtet. Jetzt nahm er allen Mut zusammen, schlich zur Hintertür und verrammelte sie.

Die beiden Carabinieri Santini und Ariston befanden sich an diesem Morgen auf Streifenfahrt mit dem dunkelblauen Dienst-Jeep, der für das unwegsame Hügelland um Lugagnano, Chiavenna und die Provinzhauptstadt Fiorenzuola eigens angeschafft worden war.

Sie suchten einen Wilderer, der angeblich einen Rehbock geschossen hatte. Ariston war ausgestiegen, um im Unterholz nach Spuren zu forschen. Santini wartete auf dem Feldweg, wo sie den Jeep abgestellt hatten.

Ariston kehrte zurück und zuckte die Achseln. „Nichts, Santini. Das gleicht der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.“

„Kommen Sie und setzen Sie sich ans Steuer.“ ordnete Santini an. „Ich habe einen Funkspruch von der Zentrale bekommen. Alles weitere erzähle ich während der Fahrt.“

Wenig später rollte der Jeep über eine Schotterpiste auf die Asphaltstraße zu. Santini holte eine Zigarette aus einem Päckchen, gab auch dem Kollegen eine und zündete beide an. Er stieß den Rauch aus.

„Da ruft ein gewisser Gino Masini aus Chiavenna an und bittet uns um Hilfe.“

„Der Lebensmittelhändler?“

„Richtig. Er hat dem Maresciallo versichert, in oder vor seinem Laden befinde sich ein Monster.“

„Ein was?“

„Sie haben schon verstanden, mein Bester. Der Maresciallo hat uns alarmiert, weil er heute morgen schon so etwas Ähnliches von einem Mädchen gehört hat. Das Mädchen scheint verrückt zu sein. Jedenfalls hat der Amtsarzt es in eine Anstalt eingewiesen.“

„Masini muß ebenfalls beschränkt sein“, meinte Ariston. „Entschuldigen Sie, aber ich kann an so einen Blödsinn überhaupt nicht glauben, Monster! Womöglich noch mit roten, glühenden Augen, was?“

Santini lachte knapp. „Sehen wir uns den Laden mal an. Vielleicht steckt was anderes dahinter. Ein Besuch kann auf jeden Fall nicht schaden. Außerdem ist es ja ein dienstlicher Befehl.“

Kurz darauf brummte der Jeep durch die Hauptstraße von Chiavenna. Es war acht Uhr, aber auf der Straße war kaum jemand zu sehen. Wer nicht schon früh aufs Land hinausgefahren war, hielt sich bis kurz vor neun im Haus auf. Das war der eigentliche Beginn des Tagesrhythmus.

„Das ist der Laden“, sagte Santini.

Ariston lenkte den Jeep zu dem schmucken zweistöckigen Gebäude hinüber. Kurz vor der Eingangstür brachte er das Fahrzeug zum Stehen. „Komisch, daß der die Rollläden zu hat“, meinte er.

Santini stieg aus. Er war ein mittelgroßer, resoluter Mann mit Oberlippenbärtchen. Rasch ging er bis an die Tür, hob die Faust und klopfte an. Sekunden darauf erschien das bleiche Gesicht eines Mannes hinter dem Glas der Tür.

„Sind Sie Masini?“ erkundigte sich Santini laut.

„Ja, ja“, kam es dumpf zurück. Der Lebensmittelhändler machte eigenartige Handzeichen.

„Ich glaube, bei dem ist wirklich eine Schraube locker“, sagte Santini zu Ariston. „Kommen Sie mal her und bringen Sie die Maschinenpistole mit. Vorsichtig ist die Mutter der Porzellankiste.“

Während Ariston die Mitra Beretta aus dem Fond des Jeeps nahm und sich in Bewegung setzte, wurde innen die Tür aufgemacht. Gino Masini tauchte jetzt dicht vor dem Tenente auf. Nur das Gitter des eisernen Rollladens trennte sie noch.

„Haben Sie das Monster nicht gesehen?“ fragte Masini mit bebender Stimme.

„Hören Sie doch damit auf, Mann“, gab Santini unwirsch zurück.

„Es sieht aus wie ein Schwein“, beharrte Masini. Seine Stimme zitterte. „Glauben Sie mir, es läuft hier herum und wartet auf eine Gelegenheit, mich zu fassen zu kriegen. Ich habe alles dichtgemacht und Barrikaden gebaut. Aber ich habe große Angst.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914382
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
grusel thriller schweinemonster

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Titel: Top Grusel Thriller #5: Das Schweinemonster