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Shannon #8: Shannon und die Trail-Coyoten

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Jim Shannon ist auf der Spur der flüchtigen Bowman-Brüder. Matt, Gus und Ricky Bowman tragen die Schuld am Tod des Saloongirls Lilly. Shannon hat geschworen, die Mörder zu finden und zu bestrafen. Unterwegs trifft er auf den Rancher Tom McKay, der mit seinen Cowboys eine Rinderherde von San Antonio nach Abilene treiben will. McKays Leute geraten in eine Falle. Viehdiebe wollen die Rinder stehlen, aber Shannon kann das zum Glück verhindern. Deshalb bietet ihm der Rancher einen Job als Cowboy in der Trailmannschaft an. Shannon lehnt zunächst ab – aber dann sieht er, wer sonst noch zu der MacKay-Mannschaft gehört: es sind die gesuchten Bowman-Brüder ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

SHANNON und die Trail-Coyoten

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 8

 

SHANNON und die Trail-Coyoten

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Jim Shannon ist auf der Spur der flüchtigen Bowman-Brüder. Matt, Gus und Ricky Bowman tragen die Schuld am Tod des Saloongirls Lilly. Shannon hat geschworen, die Mörder zu finden und zu bestrafen. Unterwegs trifft er auf den Rancher Tom McKay, der mit seinen Cowboys eine Rinderherde von San Antonio nach Abilene treiben will. McKays Leute geraten in eine Falle. Viehdiebe wollen die Rinder stehlen, aber Shannon kann das zum Glück verhindern. Deshalb bietet ihm der Rancher einen Job als Cowboy in der Trailmannschaft an. Shannon lehnt zunächst ab – aber dann sieht er, wer sonst noch zu der MacKay-Mannschaft gehört: es sind die gesuchten Bowman-Brüder ...

 

 

 

 

Roman:

Hundert Meilen einsame Texas-Prärie lagen hinter Shannon, als er die rauen, heftigen Stimmen hörte. Er zügelte sein Pferd im Schutz einer hohen Buschmauer und senkte die rechte Hand auf den Kolben des tiefgehalfterten 44er Colts.

Ein Mann schrie verzweifelt: „Bindet mich los! Verdammt, Stringdale, das können Sie doch nicht zulassen! Losbinden, ihr Halunken!"

Ein blechernes Lachen mischte sich in das Scharren und Stampfen von Hufen.

„Du brauchst nur zu unterschreiben, McRay, und wir lassen euch laufen. So einfach ist das. Na?"

Shannon, der große, drahtige Reiter mit der Schussnarbe an der rechten Schläfe, bog vorsichtig einen dicht belaubten Zweig zur Seite. Was er sah, weckte ein kaltes Funkeln in seinen dunklen Augen. Härte spannte sein schmales, sonnengebräuntes Gesicht. Drei Reiter, schwerbewaffnet, mit derben, unrasierten Gesichtern, hatten alle Hände voll zu tun, einen wutschnaubenden massigen Longhornstier an ihren Lassos zu halten. Das Tier scharrte wild mit den Vorderhufen und stieß ein röhrendes Brüllen aus. Ein viertes Seil war über seinem wulstigen Nacken verknotet.

An seinem Ende waren die beiden Männer festgebunden, die zu Bündeln verschnürt im zertrampelten Gras lagen. Shannons Mundwinkel verkniffen sich bei der Vorstellung, was geschehen musste, wenn die keuchenden Reiter den Bullen freigaben. Den beiden Gefesselten stand ein grauenvoller Tod bevor.

Der eine war ein junger, blonder Bursche um die Zwanzig. Sein schweißbedecktes Gesicht war angstverzerrt. Der andere war älter, ein großer, hagerer Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Auch er schwitzte, doch seine Miene zeigte grimmigen Trotz.

Die Reiter trugen verstaubte, abgewetzte Cowboykleidung, bis auf einen vierten Mann, der sich nicht am Bändigen des wütenden Bullen beteiligte. Er thronte lässig und überheblich auf einem rassigen Fuchshengst. Er war mittelgroß, kräftig gebaut, mit fleischigem Gesicht, pechschwarzem Mongolenbart und dunklen, stechenden Augen. Zu seinem braungestreiften Tuchanzug trug er eine gelbe Seidenweste, ein weißes Hemd, hochhackige Stiefel und einen flachkronigen Hut. Er blickte mitleidlos auf die Gefangenen hinab.

„Entscheide dich, McRay. Du hast nicht mehr viel Zeit. Meine Leute können dieses verdammte Biest kaum noch halten.“

„Du bist ein Teufel, Stringdale!“, keuchte der Blonde. „Also gut, binde mich los. Ich unterschreibe.“

Sein hagerer Gefährte hob ruckartig den Kopf.

„Das wirst du nicht, Lee! Es geht hier um mehr als nur um deine Haut. Soll denn alles umsonst gewesen sein? Willst du deinen Vater endgültig ruinieren?“

„Halt die Klappe, Quinton!“, fauchte der Mongolenbärtige. „Du bist nicht gefragt. Es sind McRays Rinder, nicht deine!“

„Es sind die Rinder seines Vaters! Alles, was Tom McRay geblieben ist, nachdem du, Stringdale, ihn um die Ranch gebracht hast! Lee, zur Hölle, das kannst du dem Boss nicht antun, dass du diesem Oberschurken ’nen Schuldschein überlässt, der den Verlust der Herde bedeutet. Menschenskind, Lee, denk’ ein einziges Mal nicht nur an dich! Beiß die Zähne zusammen und beweise endlich mal, dass du ’n Mann bist!“

„Narr!“, lachte Stringdale wütend. „Hör nicht auf ihn, Lee! Dieser Dummkopf würde tatsächlich lieber krepieren, als diesem alten Dickschädel, der dein Vater ist, die Treue brechen. Und wofür? Für vierzig lausige Bucks im Monat! — Ich hoffe, du bist vernünftiger, Junge.“

„Dann bindet mich endlich los!“, schrie "der Blonde. „Ich unterschreibe alles, was Sie wollen!“

„Nicht nötig!“, mischte sich Shannon ein. Er ritt mit der Hand am Colt zwischen den Sträuchern hervor. „Stringdale wird euch auch so freigeben. Nicht wahr, Stringdale?“

Die Köpfe der Reiter flogen herum. Das fleischige Gesicht des Anführers spannte sich, während er die Anzugjacke über den Revolverkolben zurückschob. Die drei anderen schlangen hastig die Lassoenden um die Sattelhörner, um ebenfalls die Hände für die Waffen frei zu haben. Unstete Augenpaare musterten den dunkelhaarigen Fremden, der ruhig sein Pferd anhielt.

„Ein Satteltramp!“, schnaubte ein stämmiger Kerl, der einen schwerkalibrigen Walker-Colt an der Hüfte trug. „Verschwinde, Rumtreiber! Misch dich nicht in Dinge, die dich ’nen Dreck an gehen. Kerle wie dich brauchen wir hier nicht!“

„Danach frage ich nicht. Stringdale, ich geb Ihnen zehn Sekunden, die beiden Männer loszuschneiden.“

„Noch so ein Verrückter wie Jess Quinton!“, lachte der Stämmige rau. „Seht ihn euch an, Amigos! Er hat es nicht mal für nötig gefunden, das Schießeisen in die Hand zu nehmen. Zehn Sekunden hast du gesagt, Satteltramp? Well, wenn du nicht schleunigst abhaust, bist du in zehn Sekunden tot. Dann werden dich die Bussarde fressen, du großer Held!“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte Shannon gelassen. „Stringdale, lassen Sie es lieber nicht drauf ankommen. Ich schieß nicht gern, aber wenn’s sein muss, treffe ich.“

„Verdammtes Großmaul!“, zischte der Bursche mit dem Walker-Colt hasserfüllt.

Stringdale hob abwehrend eine Hand. „Vorsicht, Brad, du hast nicht irgendeinen harmlosen Wandervogel, sondern ’nen waschechten Revolverschwinger vor dir. Wie heißen Sie, Mister?“

„Jim Shannon. Es hat keinen Zweck, Zeit zu schinden, Stringdale. Sie haben noch fünf Sekunden.“

Der Mongolenbärtige beugte sich im Sattel vor. Seine schwarzen Augen glitzerten.

„Hören Sie, Shannon, wir werden uns sicher einigen, wenn Sie ...“

„Noch zwei Sekunden!“

Stringdale sah aus, als würde er im nächsten Moment den Revolver ziehen. Seine drei Begleiter hockten geduckt auf ihren nervös tänzelnden Gäulen. Noch immer zerrte der Bulle schnaubend und stampfend an den Lassos. Dann ließ sich Stringdale achselzuckend aufs Sattelleder zurücksinken.

„Okay, okay, Shannon, ich will keine Schießerei wegen McRays Sohn und seinem Vormann. Ich erwische McRays Herde auch so. Aber Sie, Shannon, werden sich noch wünschen, mir nie begegnet zu sein - gleich, wieviel Geld Tom McRay Ihnen auch geboten hat.“

„Ich kenne McRay noch nicht.“

Stringdale starrte Shannon aus schmalen Augen misstrauisch an, dann drehte er den Kopf zur Seite und spuckte aus. „Brad hatte also doch recht. Sie sind wirklich verrückt, Shannon.“

„Keine Komplimente“, lächelte der dunkelhaarige, schlanke Reiter. „Die zehn Sekunden sind um. Tun Sie endlich, was ich verlange!“

„Zur Hölle mit ihm, Boss!“, fauchte Brad. „Wir sind zu viert, und er ...“

„Ich treffe die Entscheidungen!“, unterbrach ihn Stringdale scharf. Er schwang sich geschmeidig aus dem Sattel - auf der von Shannon abgewandten Seite seines Pferdes.

Im selben Moment wusste Shannon, wie sich Stringdale entschieden hatte: für den Kampf!

Da schrie er auch schon: „Macht ihn fertig, Jungs!“

Stringdales Reiter bewiesen, dass sie keine gewöhnlichen Dreißig Dollar-Cowboys waren, sondern Kerle, die mit den Schießeisen vielleicht noch besser umgehen konnten als mit Lasso und Brandeisen.

Blitzschnell flogen ihre Colts hoch. Aber die Art und Weise wie Stringdale abgestiegen war, hatte Shannon gewarnt. Er hatte noch einen Sekundenbruchteil vor den Halunken reagiert.

Jetzt hielt er seinen Sixshooter bereits in der Faust, als die Waffen seiner Gegner noch nicht halb aus den Halftern waren.

Die sonnige Stille der Prärie wurde vom Krachen der Schüsse zerfetzt.

Brad, der mit seinem schweren Walker-Colt schneller als die anderen war, bekam Shannons erste Kugel in die Schulter. Aufschreiend stürzte er vom Pferd.

Den zweiten Kerl traf Shannon in den rechten Arm.

Dann blitzte das Mündungsfeuer des dritten Halunken auf, und gleichzeitig schoss Stringdale unter dem Hals seines hochsteilenden Fuchshengstes hervor.

Doch Shannon, der Mann, dessen Geschick es war, immer wieder mit der Waffe sein Leben verteidigen zu müssen, war nicht mehr am alten Platz. Ein schriller Indianerschrei gellte Stringdale und seinen Kumpanen in den Ohren.

Shannon raste auf seinem struppigen Braunen durch die wogenden Pulverdampfschleier heran, als würde ihn ein unsichtbarer Panzer schützen. Doch Shannons Trümpfe waren einzig und allein die Überraschung und seine verblüffende, kaltblütige Schnelligkeit.

Bevor Stringdales dritter Revolvercowboy die Waffe auf das sich blitzschnell bewegende Ziel richten konnte, war Shannon bereits bei ihm. Sein Hieb mit dem Coltlauf fegte den erschrockenen Reiter vom Pferd.

Stringdale schoss nochmals, aber sein scheuender Gaul behinderte ihn. Der Platz bot ein Durcheinander von ausbrechenden Tieren und sich im Gras wälzenden Männern.

Shannon blieb keine Zeit mehr, sich um den Anführer der Schurken zu kümmern. Denn der Longhornbulle, vom Dröhnen der Detonationen in Panik versetzt, hatte sich von den Lassos losgerissen. Wie ein zottiges braunes Ungetüm stürmte er an Shannon vorbei und zerrte die beiden gefesselten Männer wie Stoffpuppen hinter sich her.

Der junge McRay kreischte durchdringend. Quinton, der Vormann, gab keinen Ton von sich.

Shannon warf sein Pferd herum, stieß den 44er ins Leder zurück und jagte geduckt los. Stringdales Revolver in seinem Rücken kümmerte ihn jetzt nicht. Das Trommeln der Hufe füllte die Luft. Lee McRay schrie noch immer. Er und Quinton wurden erbarmungslos geschleift.

Dann war Shannon heran, halb aus dem Sattel hängend, ein blitzendes Messer in der Faust. Er ritt wie ein Comanche, schien verwachsen mit dem wild galoppierenden Pferd. Sein Schatten fiel über die verzerrten Gesichter der beiden Gefangenen. Zwei schnelle Schnitte durchtrennten die Lassos. Der Schwung trieb Shannons Pferd an dem blind dahinstürmenden Bullen vorbei. Shannon lenkte es in einem Bogen herum, zügelte es und wischte sich mit dem Jackenärmel den Schweiß vom Gesicht.

Lee McRay lag wie betäubt im Gras. Sein hagerer, ledergesichtiger Gefährte hatte sich herumgewälzt.

„Achtung, Shannon, der Stier kommt zurück!“

Der Bulle war stehengeblieben, hatte sich umgedreht und schien nun mit seinen geschwungenen, messerspitzen Hörnern den sehnigen Reiter anzuvisieren. Im nächsten Moment stürmte er mit tief gesenktem Schädel los. Shannon griff hastig zum zusammengerollt am Sattelhorn hängenden Lasso.

„Nehmen Sie das Gewehr, Mann!“, schrie Quinton, der wild an seinen Fesseln zerrte. „Knallen Sie ihn ab, bevor er Sie auf die Hörner nimmt! Das ist das gefährlichste Biest aus McRays Herde.“

Shannon schien nicht zu hören. Er hatte noch nicht mal die Schlinge ausgeschüttelt, da war das röhrende Ungeheuer schon so dicht vor ihm, dass die mächtigen Hörner im nächsten Augenblick den Leib von Shannons Pferd aufschlitzen mussten.

„Aus dem Sattel, Mann, aus dem Sattel!“, brüllte Quinton.

Zu spät!

Es sah aus, als hätte der Stier den Gaul samt Reiter bereits auf den Hörnern. Doch im letzten Moment riss Shannon seinen Braunen vorn hoch. Der Bulle rannte unter den in der Luft wirbelnden Hufen durch.

Shannons Wurfschlinge sauste pfeilschnell hinter ihm her, legte sich genau dort auf die Erde, wo im nächsten Sekundenbruchteil die Hinterhufe des Stiers aufsetzten, und zog sich mit einem Ruck zusammen.

Alles ging so schnell, dass es fast wie ein Zaubertrick aussah. Das Seil, geistesgegenwärtig um Shannons Sattelhorn geschlungen, straffte sich. Shannons Brauner stemmte hart die Hufe ein, und da krachte das massige Rind zu Boden. An Shannons Lasso liefen blitzschnell zwei, drei Spiralen entlang, die sich um die schlegelnden Vorderhufe des Bullen schnürten. Shannon ritt zu ihm, knotete das Seil fest, und hilflos brüllend blieb der Longhornstier im Gras liegen.

Bevor Shannon sich um die Gefangenen kümmerte, hielt er nach Stringdale Ausschau. Doch der hatte es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen. Von einem Hügel schüttelte er drohend die Faust gegen Shannon, ehe er mit seinen arg blessierten Revolvercowboys in den Dunstschleiern des Horizonts eintauchte.

Quinton und der junge McRay waren bis auf einige Abschürfungen und blaue Flecken noch einmal gut davongekommen. Sie schüttelten Shannon die Hand.

Der hagere Vormann mit dem grimmigen Gesicht musterte ihn forschend.

„Wir treiben zweitausend Longhorns zur neuen Bahnlinie in Kansas hinauf. Abilene ist unser Ziel. Verdammt will ich sein, wenn uns dieser Hundesohn Ed Stringdale mit seinen Schießern aufhalten kann. Wollen Sie nicht mitkommen, Shannon? Ein Mann wie Sie ist dem Boss sicher ’ne anständige Summe wert, gleich, ob Sie als Cowboy oder Revolvermann für ihn reiten.“

„Ich suche keinen Job.“

Lee grinste verzerrt.

„Er kennt Stringdale jetzt. Er ist schlau genug, sich nicht für ’ne Handvoll Dollars nochmals mit diesem Schurken anzulegen. Ich wünschte, ich könnte es ebenfalls so halten.“

„Sei still!“, fuhr ihn Quinton an. „Stringdale hat uns nur erwischt, weil wir nicht damit rechneten, dass er jetzt schon zuschlagen würde, sondern erst, wenn wir im Indianerland nördlich des Red River sind. Wir hatten ja nur die entlaufenen Rinder im Kopf. Unser Fehler. Aber ein zweites Mal wird es Stringdale nicht gelingen, uns in ’ne Falle laufen zu lassen. Hören Sie nicht auf Lee, Shannon. Sein Vater, Tom McRay, ist ein guter Boss, ein Mann, der es verdient, dass man ihn nicht im Stich lässt. Na, was ist?“

Shannon schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ich hab’ bereits ein festes Ziel. Ich bin hinter einem Mann her.“

Quintons Brauen schnellten hoch. „Sind Sie Marshal?“

Shannon lächelte freudlos. „Ich hatte schon ’ne Menge Jobs, aber für den Stern tauge ich nicht. Nein, es geht um eine persönliche Sache ...“

Er wandte sich ab. Die Erinnerung krampfte wieder seinen Magen zusammen und trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, wie damals, als Lilly in seinen Armen gestorben war — getroffen von der Kugel, die ihm gegolten hatte. Shannon war weder ein Gerechtigkeitsfanatiker noch ein Mann, der den Kampf suchte. Aber seit jenem denkwürdigen Abend in dem kleinen Prärienest Wagonhill war er auf Menschenjagd, auf der Fährte eines skrupellosen Mörders.

Jetzt, als er Quinton und Lee McRay half, die Pferde wieder einzufangen, ahnte er nicht, wie nahe er ihm bereits war.

 

*

 

Tom McRay war der typische texanische Viehzüchter, ein Mann, groß und breit wie ein Schrank, mit flachsblondem Haar und hellen durchdringenden Augen. Sein breitflächiges, wettergebeiztes Gesicht verriet eine Mischung aus Offenheit, Härte und Sturheit. Sicherlich war McRay einer jener Texaner, die man zwar besiegen, aber nicht zerbrechen konnte. Ein Mann, den nichts vom Weg abbringen konnte, wenn er einmal ein Ziel vor Augen hatte.

McRays Ziel hieß Abilene.

Der Trail: Achthundert Meilen einsame Prärie, Flüsse, Hochwasser, Treibsand, Gewitterstürme. Steppenfeuer, Rustler und Indianer.

Der massige Rancher stellte seinen leeren Kaffeebecher auf die zu einem Tisch herabgeklappte Heckwand des Küchenwagens. Er warf einen kurzen Blick auf den brüllenden Stier, der von zwei Cowboys zur dunklen Hauptmasse der ruhenden Herde gejagt wurde, dann hefteten sich seine Augen wieder auf den dunkelhaarigen Satteltramp.

Nacht umhüllte das Herdencamp. Die Flammen des Kochfeuers überschwemmten die Wagenplane und McRays eckiges Gesicht mit rotem Licht. Vertraute Geräusche erfüllten die Dunkelheit: Hufgestampfe, Hörnergeklapper, raue Stimmen, Rindergebrüll, McRay zündete sich umständlich eine Zigarre an.

„Also gut“, brummte er. „Ich erhöhe mein Angebot, Shannon. Ich brauche jeden Mann, um die Herde durchzubringen, und was Sie geleistet haben, macht Ihnen so leicht keiner nach. Well, Shannon, hundert Bucks bar auf die Hand, hundert weitere, wenn wir an der Bahn sind und die Herde verkauft ist.

Für mich hängt alles davon ab, dass ich in diesem Jahr die ersten Texasrinder in Abilene abliefere. Die erste Herde auf dem Markt bedeutet einen Spitzenpreis von dreißig Dollar pro Rind. Alle, die nachher kommen, werden mit weniger zufrieden sein müssen, mit zwanzig, im Höchstfall vielleicht noch fünfundzwanzig Bucks. Aber für mich kommen nur sechzigtausend Dollar für meine Herde in Frage - oder gar nichts! Nicht, weil ich ein geldgieriger Hundesohn bin, Shannon, sondern weil es um meine letzte Chance geht, Stringdale, diesem Bastard, meine Ranch wieder abzujagen.

Es ist nun mal nicht zu ändern, dass ich Texas mit ’nem Berg von Schulden verlassen werde. Ich bin nicht der einzige, den der verdammte Krieg an den Rand des Ruins getrieben hat. Aber die neue Bahn in Kansas, der Rindermarkt, der dort oben aufgeblüht ist, seit Chisholm die erste Herde hinaufbrachte, das sind Dinge, die uns neuen Auftrieb geben. Stringdale freut sich zu früh, meine Ranch und meine Weide für ein Butterbrot kassiert zu haben. Noch ist sein Geschäft mit der Bank, bei der ich verschuldet bin, nicht perfekt. Noch habe ich Zeit bis zum Herbst, und verdammt will ich sein, wenn ich dann nicht mit den Taschen voll Geld nach San Antonio hineinreite und auch den letzten Schuldschein in Fetzen reiße!

Well, Shannon, jetzt wissen Sie, um was es geht. Für Sie sind zweihundert Bucks drin, wenn Sie mit mir und meiner Mannschaft über den Red River trailen!“

Shannon seufzte. Tom McRay war von seinen Plänen so durchdrungen, dass er taub für die Probleme eines anderen Mannes sein würde. Vielleicht mussten Männer wie McRay so sein, wenn sie nicht vor die Hunde gehen wollten.

Shannon trank den Becher aus, den Jess Quinton ihm gereicht hatte. „Ich will keine hundert und auch keine zweihundert Dollar, McRay“, antwortete er ungewollt schroff. „Ich reite morgen früh weiter, um den Kerl zu schnappen, der...“

McRay und Quinton warteten darauf, dass Shannon weitersprechen würde. Doch Shannons Blick war auf den Reiter gefallen, der neben dem Feuer aus dem Sattel glitt und die Zügel einem Kaffee schlürfenden Cowboy zuwarf.

Shannon stand nur einen Augenblick wie versteinert. Dann ging er mit hölzernen Schritten los. McRay und sein Vormann waren vergessen.

Shannon sah nur noch den sehnigen, schnurrbärtigen Mann in der abgetragenen Lederkleidung, der ihm den Rücken zukehrte.

„Na, Gus, schon zurück?“, fragte ein kleiner rothaariger Weidereiter, der von den anderen Rusty genannt wurde. „Alles in Ordnung vor uns auf dem Weg?“

„Blöde Frage! Wär ich sonst hier?“ Der Neuankömmling spuckte ins Feuer. „He, Pancake-Joe, du schwarze Seele, wo steckst du? Ich bin hungrig und durstig. Wenn du mir nicht gleich was Anständiges zu futtern bringst, zieh ich dir das Fell ab!“

Der Mann lachte rau, aber niemand stimmte ein.

Die Cowboys starrten auf Shannon, der acht Schritte hinter dem Schnurrbärtigen stehengeblieben war. Shannons kantiges Gesicht glich einer Bronzemaske. Seine Hände, die so höllisch flink mit dem Colt, dem Lasso und den Karten umgehen konnten, hingen lässig herab.

„Hallo; Bowman“, sagte er mit spröder Stimme.

Auf einmal war es still im Camp. Nur die Flammen knisterten, und aus der Finsternis kam der monotone Gesang der Herdenwächter, deren Stimmen die zweitausend halbwilden Longhornrinder einlullen sollten.

Der ledergekleidete Mann am Feuer drehte sich langsam um. Für die anderen war es ein Zeichen, aufzuspringen und hastig aus dem Lichtkreis der Flammen zurückzuweichen. Shannon starrte in ein verkniffenes, von zwei tiefen Falten durchfurchtes Gesicht, in dem die tückisch blickenden Augen eng beieinander standen. Nicht nur der Kleidung nach unterschied sich Gus Bowman von den übrigen Männern der McRay-Crew. Sein Colt baumelte so tief auf dem Oberschenkel, dass er jedem hart arbeitenden Cowboy hinderlich gewesen wäre. Ein hässliches Grinsen huschte über Bowmans halb vom Schnurrbart verdeckte Lippen.

„Hey, Shannon, das ist aber eine Überrraschung! Hat McRay dich etwa ebenfalls angeheuert, um seine Herde nach Abilene zu begleiten? Das ist ja toll. Darauf müssen wir einen trinken. He, Jungs, hat keiner von euch ’nen Schluck Brandy übrig?“

Er machte eine Bewegung, als wollte er sich umdrehen, aber Shannon wusste, dass er nur seine rechte Hand außer Sicht bringen wollte, jene Hand, die schon in Wagonhill so tödlich schnell gewesen war.

Shannon rief: „Bleib stehen, Bowman! Du weißt genau, warum ich hier bin.“

„Wenn du nicht auch für McRay reitest - keine Ahnung!“

Bowman grinste falsch. Seine sehnige Gestalt war leicht nach vorn geneigt, gekrümmt wie eine Stahlfeder, die jeden Moment losschnellen konnte.

Tom McRays Tritte malmten hinter Shannon. „Zum Teufel, was geht hier eigentlich vor?“, rief der Treibherdenboss aufgebracht. „Bowman steht als Revolvermann auf meiner Lohnliste, Shannon. Sie haben kein Recht...“

„Halten Sie sich da raus, Rancher“, unterbrach ihn Shannon, ohne Bowman aus den Augen zu lassen. „Bowmann ist der Mann hinter dem ich her bin, ein Mörder.“

„Lüge!“, schrie Bowman.

„Lilly ist tot, und du hast sie auf dem Gewissen, du Lump!“, sagte Shannon schwer. „Ich will mich nicht zum Richter machen, deshalb lass ich dir die Chance, dein Eisen abzunschnallen und mich zum nächsten Sheriff zu begleiten. Wenn dir das nicht passt, dann musst du kämpfen!“

„Er wird weder das eine, noch das andere tun“, meldete sich eine hämische Stimme von der Seite. „Wenn hier einer zur Hölle fährt, dann bist du es, verdammtes Großmaul! Ich halte den Finger am Drücker, Shannon oder wie du heißt. Eine falsche Bewegung genügt, und du wachst beim Teufel auf. Hier ist keiner, der dir helfen wird. Denn wir haben nur ein Ziel: McRays Herde für gutes Geld nach Kansas hinaufzubringen! Und wenn du jetzt noch wissen willst, wer ich bin, dann brauchst du nicht lange raten. Ich heiße nämlich auch Bowman. Ich bin Gus’ Bruder Matt. So was von Pech, Shannon, was?“

Ein untersetzter, derbgesichtiger Mann mit einem 45er Colt in der klobigen Faust tauchte links von Shannon am Rand des Feuerscheins auf. Sein breites Grinsen täuschte nicht über seine Gefährlichkeit hinweg. Shannon deutete das Funkeln in seinen Augen richtig. Es war die blanke Mordlust.

Gus begann glucksend zu lachen. Dann zischte er plötzlich: „Leg ihn um, Matt! Egal, was er sagt und tut, wir werden nicht eher Ruhe vor ihm haben, bis er tot ist.“

„Bowman, wenn einer von euch schießt, bist du fällig!“, drohte Jess Quinton vom Küchenwagen her. „Der Boss hat euch zum Kampf gegen Stringdale und seine Bande angeworben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich einem Mord zusehen werde.“

Matt Bowman spuckte aus. „Ich wette, bevor du dein Schießeisen in der Hand hast, bist du tot, Cowboy. Wir Bowmans halten nämlich zusammen, wie Pech und Schwefel. Rick, bist du da?“

Ein Kichern erklang im Dunkeln. „Nur keine Bange, Matt, ich hab’ ihn genau im Visier! Kümmert ihr euch nur um Shannon!“

„Siehst du, Quinton, gelernt ist gelernt“, spottete Matt. „Du verdienst dein Geld mit dem Lasso, wir mit der Kugelspritze. Besser, keiner versucht dem anderen ins Handwerk zu pfuschen. Meinst du nicht auch?“

Sein langläufiger 45er deutete nach wie vor auf Shannon. Aber dieser war viel zu wütend, um sich zu fürchten. Er hoffte jetzt nur, dass er irgendwann Gelegenheit erhielt, seine Faust in Matt Bowmans aufreizend grinsendes Gesicht zu pflanzen. Quinton dachte sicher etwas Ähnliches, denn er antwortete Bowman mit einem geknirschten Fluch.

Matt gab Gus ein Zeichen mit dem Kopf.

„Worauf wartest du noch? Shannon hat es auf dich abgesehen. Er gehört dir. He, McRay, wohin wollen Sie denn? Stehenbleiben! Mischen Sie sich da nicht ein! Das ist ’ne Sache, die jetzt nur noch Gus und Shannon angeht. Nein, sagen Sie nichts, McRay. Natürlich sind Sie der Boss. Aber denken Sie dran, dass Sie die Herde durchbringen wollen und der Ärger mit Stringdale erst richtig losgeht. Sie brauchen uns noch!“

McRay schwieg, und Gus Bowman kam mit drohend glühenden Augen langsam auf Shannon zu. Er hatte seinen Revolver gezogen, einen 38er Remington. Die Mündung deutete auf Shannons Bauch.

„Na, noch immer scharf auf meinen Skalp, Freundchen? Wenn ich dich jetzt über den Haufen knalle, dann wehre ich mich nur meiner Haut. Ich riskiere nämlich keine Kugel in den Rücken oder ein Messer zwischen die Rippen. Notwehr, Shannon, jawohl!“

Gus’ krächzendes Lachen war der blanke Hohn auf alles, was Recht und Fairness bedeutete.

Plötzlich, ohne dass ein Ansatz der Bewegung zu erkennen war, schlug er mit dem Revolver zu. Der Lauf traf Shannon quer über das Gesicht. Shannon drehte sich halb und stürzte mit einem dumpfen Stöhnen zu Boden. Es dauerte nur Sekunden, bis er wieder zu sich kam. Die Szene ringsum hatte sich nicht verändert. Als Shannon sich mühsam herumwälzte, erwartete er, wieder Gus Bowmans hasserfülltes Gesicht über sich zu sehen. Eine magere Hand schob sich unter seinen Nacken, und das faltige, hohlwangige Gesicht über ihm war schwarz wie Ebenholz.

„Trink, Compadre, es wird dir helfen!“, sagte der Schwarze kehlig. Seine Gestalt schien nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen. Er war der dürrste und dunkelhäutigste Bursche, dem Shannon je begegnet war. Sein Schädel war kahl wie eine Christbaumkugel. Die fleckige, ehemals weiße Schürze, die er umgebunden hatte, verriet, dass er einer der wichtigsten Männer in Tom McRays Treibherden-Crew war: der Pfannenschwenker. Er hielt Shannon eine nach Rum duftende flache Flasche an den Mund.

Gus Bowmans Gestalt wuchs hinter ihm vor dem zuckenden Flammenschein hoch.

„Scher dich zum Teufel, Pancake-Joe! Niemand hat dich gerufen! Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Bastard! Der braucht nichts mehr zu trinken. Los, verschwinde!“

Bowman stieß mit dem Fuß nach dem dürren Mann, aber dieser wich blitzschnell aus, wirbelte herum und zog plötzlich einen halb verrosteten, altmodischen Patersoncolt unter der Schürze hervor. Er kniete noch immer neben Shannon. Grinsend zeigte er ein prächtiges weißes Gebiss.

„Damit du auf keine falschen Ideen kommst, Gus; das Ding funktioniert noch.“

Gus starrte in die auf ihn gerichtete Mündung und war sprachlos. Vom Rand des Lichtkreises kam Matts wütende Stimme. „Mach keinen Quatsch, Joe sonst blas’ ich dich um!“

Der dunkelhäutige Cowboykoch richtete sich langsam auf, ohne dass das klobige Schießeisen in seiner Faust auch nur einen Zoll aus der Richtung kam.

„Das würde deinen Bruder aber gar nicht freuen, Matt. Denn ich wette, er würde mindestens gleichzeitig mit mir ans Höllentor klopfen. Und das willst du doch nicht, oder?“

„Hölle und Verdammnis! Was geht es dich an, was wir mit Shannon abzumachen haben? Hau ab, du verrückter ...“

„Schluck runter, was dir auf der Zunge liegt!“, grinste Pancake-Joe, aber seine Stimme klang jetzt eine Spur schärfer. „Manche Worte kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Steckt eure Waffen weg, und alles ist in bester Ordnung. Shannon, das gilt auch für dich! Wir von der McRay-Crew sind nämlich wirklich eine Gemeinschaft, wie Matt vorhin geprahlt hat. Nur mit dem Unterschied, dass kein berufsmäßiger Revolverschwinger jemals richtig dazu gehören wird. Wir wollen keine Schießerei im Camp, erst recht keinen Mord. Außerdem gibt hier nur ein Mann die Befehle, und das ist der Boss. Na, Bowman, wollt ihr nicht endlich eure Bleispritzen verschwinden lassen, oder muss ich noch deutlicher werden?“

Shannon erhob sich und wischte mit dem Handrücken das Blut von der Stirn. Jetzt sah er, dass die Cowboys ringsum keineswegs untätig geblieben waren. Sie hatten die Bowman-Brüder eingekreist. Sieben oder acht Revolverläufe funkelten an der Lichtgrenze. Der kleine rothaarige Rusty lachte begeistert.

„Joe, der Pfannenschwenker, in voller Aktion! Endlich hat er die Gelegenheit, nicht nur seinen Töpfen und Kochlöffeln ’ne Ansprache zu halten. Bravo, Joe! Mach nur so weiter, und eines Tages wirst du als Gouverneur in die Hauptstadt einziehen!“

„Pass auf, dass ich dir dein nächstes Steak nicht mit einer Prise Zyankali würze!“, brummte Joe. „Boss, jetzt sind Sie dran!“

Murrend hatten die Bowman-Brüder ihre Waffen gehalftert. Rick, der Quinton bedroht hatte, tauchte zusammen mit Matt am Feuer auf. Er war der Jüngste des Trios, etwa so alt wie McRays Sohn, der mit ein paar anderen Männern Herdenwache ritt. Rick Bowmans junges, gebräuntes Gesicht zeigte ebenfalls schon die ersten Linien von Verschlagenheit und Brutalität, die die Mienen seiner älteren Brüder so deutlich zeichneten. Er starrte den breitschultrigen Rancher wütend an.

„Entweder Sie lassen uns mit Shannon freie Hand, oder wir verschwinden! Dann können Sie zusehen, wie Sie mit Stringdales Killerhorde fertig werden!“

McRay biss sich auf die Unterlippe. Er war in der Zwickmühle. Seine Cowboys waren zwar harte Burschen, die auch schon mal zum Revolver griffen, wenn Rustler und Indianer es auf die Herde abgesehen hatten. Andererseits war McRay überzeugt, dass er bei dem unausweichlichen Kampf gegen seinen Widersacher Stringdale auf Männer vom Schlag der Bowmans nicht verzichten konnte.

Doch McRays Ehrgefühl siegte. „Es bleibt dabei: keine Schießerei im Camp!“

„Wie Sie wollen!“, knurrte Gus. „Matt, Rick, her mit den Pferden! Wir reiten!“

„Langsam!“, rief der Rancher. „Wir haben einen Vertrag. Ich habe euer Wort, meiner Herde Begleitschutz bis Abilene zu geben. Dafür zahle ich fünfhundert Dollar.“

„Und Shannon? Verdammt, wollen Sie ihn einfach reiten lassen und riskieren, dass er sich auf Ed Stringdales Seite schlägt, um vielleicht auf diese Weise meinen Skalp zu erwischen?“

„Dafür brauch’ ich keine Helfer“, erklärte Shannon kalt.

„Hundesohn!“, fauchte Gus. „Zum Teufel, McRay, da hören Sie’s selber, dass er nicht dran denkt, aufzugeben! Wenn ich für Sie kämpfen soll,.dann ist es mein gutes Recht, dass Sie auch auf meiner Seite stehen, wenn mir so ein verrückter Kerl ans Leben will! Entscheiden Sie sich, McRay! Er oder wir!“

Quinton kam mit grimmiger Miene vom Chuckwagon herüber. „Wie ist das eigentlich mit dem Mord, den Shannon dir vorwirft?“

„Fängst du jetzt auch noch damit an, Vormann! Mord! So ein Blödsinn! Es war ganz einfach ein Unfall. Ich bekam beim Pokern Streit mit Shannon. Schüsse fielen. Ich kann nichts dafür, dass dieses Weibsstück dazwischen geriet und ...“

„Pass auf, was du redest!“, knirschte Shannon. Das Krachen der Schüsse, die damals in dem kleinen, verräucherten Saloon in Wagonhill gefallen waren, klang wieder in seinen Ohren, vermischt mit Lillys gellendem Aufschrei, den er nie vergessen würde. Er wandte sich entschlossen an McRay. „Solange Ihre Cowboys den Finger am Drücker halten, habe ich keine Chance, Bowman gegen Ihren Willen mitzunehmen. Aber ich spiele mit offenen Karten. Ich komme wieder und hol’ ihn mir!“

„Ich habe ’ne bessere Idee“, meinte der breitschultrige Rancher zögernd. „Schließen Sie mit Bowman einen Waffenstillstand, bis wir in Abilene sind. Dann könnt ihr beide tun und lassen, was ihr wollt. Mein Angebot mit den zweihundert Dollar gilt noch immer.“

Shannon starrte ihn ungläubig an. McRay meinte es ernst. Er war besessen von der Idee, die Herde unbeschadet als Erster in diesem Jahr in Abilene auf den Markt zu bringen. McRays Augen leuchteten erwartungsvoll, aber vielleicht spiegelte sich auch nur der Widerschein der Flammen in ihnen.

Gus Bowmans rissiges Lachen wehte über den Lagerplatz. „Habt ihr das gehört? Wir sollen mit Shannon Bügel an Bügel gegen Stringdale und weiß der Teufel wen noch antreten! Ein Witz! Aber einer von der Sorte, bei der mir die Galle hochkommt! Verdammt noch mal, ich hol’ jetzt die Pferde, und dann will ich nichts mehr von diesem verrückten Texaner und seinen Kühen sehen!“

Matt, der gedrungene, ein paar Jahre ältere Revolvermann, griff rasch nach seinem Ärmel. „Immer mit der Ruhe, Gus! Irgendwann wirst du Shannon ja doch gegenüberstehen. Warum nicht in Abilene?“

„Und warum nicht gleich heute oder morgen?“, fauchte Gus wütend.

Matt setzte wieder sein breites Grinsen auf. „Weil wir uns auf dem langen Weg nach Abilene fünfhundert hübsche runde Bucks von Mister Tom McRay verdienen werden, auf die ich nicht gern verzichte.“

Rick kicherte. „Du musst zugeben, Gus, Bruderherz, das hat was für sich. Für fünfhundert Bucks würde ich schon noch ’ne Weile warten, Shannon voll Blei zu pumpen.“

Gus starrte seinen dunkelhaarigen, schlanken Feind gehässig an. Die beiden tiefen Falten über seinem buschigen Schnurrbart wirkten wie Narben. „Die Frage ist, ob er den Mumm hat, mitzukommen ...“

„Nicht für zweihundert Dollar“, erwiderte Shannon hart, „aber gern für die Gewissheit, in Abilene mit dir abzurechnen. Well, McRay, ich bin Ihr Mann. Ich bleibe, wenn auch nur, um Bowman nicht aus den Augen zu verlieren und zu verhindern, dass er sich irgendwann heimlich verdrückt.“

„Pah, du bist der Letzte, vor dem ich davonlaufen würde!“, höhnte Gus zornig. „Das wirst du in Abilene noch früh genug merken.“

 

*

 

Mitten in der Nacht schreckte Shannon aus dem Schlaf. Nach alter, in der Wildnis und in einem gefahrvollen Leben erworbener Gewohnheit war er sofort hellwach. Er wusste, dass ihn nicht der monotone Singsang der Herdenwächter oder das Brüllen eines Rindes geweckt hatte, sondern ein Geräusch, das nicht in die vertraute Umgebung passte. Shannon machte nicht den Fehler, sich hastig aufzusetzen und zur Waffe zu greifen. Er blieb reglos in den Decken liegen, mit dem Sattel als Kopfkissen wie die anderen Trailmänner auch. Er war ganz Misstrauen und Konzentration, angespannt bis in die Fingerspitzen.

Da hörte er es wieder, näher als zuvor: ein leises Schaben, als streife Leder über Sand. Shannon bewegte sich wie im Schlaf auf die Seite, und das Geräusch brach sofort ab. Unter der Decke umspannte Shannons Rechte den Hickorykolben seines 44er Colts. Es war auf einem Rindertrail üblich, dass die Männer in voller Kleidung und in den Stiefeln schliefen, um in kürzester Zeit in den Sattel zu kommen, wenn eine Stampede oder sonstige Gefahr drohte.

Shannon war seit Jahren gewohnt, immer auf dem Sprung zu sein, egal, ob er nun unter dem Sternenhimmel, in einem Hotelbett oder einem Indianerzelt übernachtete. Seit der Bürgerkrieg zu Ende war und der große Aufbruch nach Westen begonnen hatte, steckte dieses Land mehr denn je voller Gefahren, und Shannons Verhängnis war es, dass er den Verdruss anzog wie ein Magnet.

Eine halbe Minute verstrich, bis jenes schabende Geräusch wieder einsetzte. Vorsichtig öffnete Shannon ein Auge und blinzelte über die Schulter. Das Feuer war nur noch ein matt glimmender Aschehaufen. Der zitronengelbe Halbmond tauchte den Lagerplatz mit den in ihre Decken gerollten Schläfern und den hochbordigen Küchenwagen in geisterhaftes Licht. Das Geräusch war schon so nahe, dass Shannon versucht war, den Kopf zu drehen. Er bezwang sich. Manchmal kostete schon die geringste Leichtfertigkeit einem Mann das Leben, und zwei Sekunden später wusste Shannon mit Sicherheit, dass es tatsächlich wieder einmal um seinen Skalp ging!

Gus Bowman tauchte in seinem Blickfeld auf. Er bewegte sich auf Händen und Knien. Ein breitklingiges Bowiemesser glänzte, vom Mondlicht versilbert, zwischen seinen Zähnen. Bowmans schweißbedecktes, schnurrbärtiges Gesicht glich einer Teufelsfratze, ganz der Spiegel seines Hasses und seiner wilden Entschlossenheit, Shannon zu töten. Er war bis auf drei Yard an den vermeintlich schlafenden Satteltramp herangekommen.

Shannon rührte sich nicht. Gus warf einen argwöhnischen Blick auf die schlafenden Cowboys. Ein Mann schnarchte. Drüben bei der Herde muhte eine Kuh. Bowman kroch weiter, nahm das Messer aus dem Mund und griff mit der linken Hand vorsichtig nach der Winchester, die neben Shannon auf der Erde lag.

Shannons rechter Stiefel zuckte unter der Decke hervor. Mit einem Aufschrei stürzte Bowman auf die Seite, ließ das Messer aber nicht los, sondern stach blindlings zu. Shannon rollte aus seinen Decken. Wo er eben noch gelegen war, bohrte sich Gus’ Klinge bis zum Heft in die Erde. Shannon ließ dem Mörder keine Zeit mehr, das Messer wieder herausziehen. Wie ein Puma warf er sich auf den knienden Gegner, riss ihn um und wälzte sich mit ihm über den Lagerplatz.

Ringsum gellten Rufe. Männer fuhren von ihren Schlafplätzen hoch und griffen auf geschreckt zu den Waffen.

„Auseinander!“, brüllte Tom McRay. „Zum Teufel, hab’ ich nicht gesagt, ihr sollt bis Abilene Ruhe halten?“

Weder Bowman noch Shannon hörten ihn. Bowman keuchte, fluchte und versuchte immer wieder, Shannon an der Kehle zu packen. Shannon umklammerte seine Handgelenke, und die Erinnerung an den Tod jener hübschen jungen Frau, von der er nur den Vornamen kannte, verlieh ihm Bärenkräfte. Er zwang Bowmans Arme auseinander und presste den Halunken mit seinem eigenen Gewicht rücklings auf die Erde.

„Rede!“, knirschte er. „Sag ihnen, wie es war in Wagonhill! Sag ihnen, dass du auf Lilly geschossen hast, du Lump!“

Er sah die schreckliche Szene wieder vor sich: Die bärtigen Gesichter im Lichtkegel der tief über den Pokertisch herabgezogenen Petroleumlampe, die verstreuten Karten und umgestoßenen Gläser, und Gus Bowman, der mit wutverzerrter Miene aufgesprungen war, als Shannon wieder mal den vollen Gewinn einstreichen wollte. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Shannons Kartenglück zum Anfang einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten und Abenteuern wurde. Aber es war das erste Mal, dass eine Frau starb - an der Kugel, die eigentlich Shannon hätte töten sollen.

Lilly!

Shannon hatte keine Ahnung, welches Schicksal die junge, rothaarige Frau mit den strahlend blauen Augen in jenes öde Prärienest verschlagen hatte. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt als Sängerin in dem einzigen armseligen Saloon von Wagonhill.

Und sie war anders gewesen als viele andere Saloongirls, die Shannon vor ihr kennengelernt hatte, heiter, natürlich und von einer manchmal verblüffenden Aufrichtigkeit. Shannon hatte sie an jenem Abend eingeladen. Sie küsste ihn gerade, um ihn zu seinem Gewinn zu gratulieren, als Bowman zum Revolver griff. Shannon wollte Lilly noch zur Seite stoßen, da raste die Feuerlanze schon über den Tisch heran.

Bowman schoss ohne Anruf, ohne Warnung. Aufspringen, ziehen und schießen waren eins. Shannon wäre verloren gewesen, hätte Lilly sich nicht ausgerechnet in diesem Augenblick zwischen ihn und den flammenden Revolver des Schurken geschoben. Ihr Schrei, das Blut an seinen Händen, die ihren erschlaffenden Körper festhielten, das waren Dinge, die Shannon nie mehr vergessen würde.

„Rede!“, wiederholte er heftig und starrte auf das verzerrte Gesicht des Mannes hinab, das er sich damals im Saloon von Wagonhill unauslöschlich eingeprägt hatte.

Eine Faust packte Shannons Schulter und riss ihn zurück. Er fuhr hoch, drehte sich, und ein Messer wischte an seinem Hals vorbei. Vor ihm war Rick Bowmans junges, verkniffenes Gesicht. Shannon schlug noch aus der Drehung zu. Es war ein Hieb wie ein Huftritt, der Rick mehrere Yards entfernt zu Boden schleuderte. Der Kerl verlor sein Messer, aber im Kampf schienen alle Bowmans gleich wild und gefährlich. Noch am Boden versuchte Rick seinen Colt zu ziehen.

Quinton schnellte aus dem Schatten, die Waffe in der Faust. Sein Fußtritt warf Rick auf die Seite. „Bevor du eine Kugel abfeuerst, bist du dran!“

„Danke, Vormann“, sagte Shannon heiser.

Jess Quinton zuckte die Achseln. „Ich will nur, dass die Abmachung eingehalten wird, die der Boss getroffen hat. Wenn ihr euch in Abilene gegenseitig voll Blei pumpt, werd’ ich keinen Finger rühren.“

„Schon gut, Quinton, schon gut!“, mischte sich Matt ein. Er kam schwerfällig näher. Aber sicher war es eine Schwerfälligkeit, die sich der gedrungene Mann als passende Tarnung zugelegt hatte. Shannon hätte darauf gewettet, dass Matt noch schneller als seine Brüder war, wenn es darauf ankam.

Matt grinste beschwichtigend, während er Rick hochzog.

„Nur keine Aufregung, Amigos“, sagte er mit einem wachen Rundblick auf die Cowboys. „Gus und Rick, diese beiden Narren, wollten Shannon nur ’nen kleinen Denkzettel verpassen. Von Wortbruch keine Rede! Ein Bowman verträgt es nun mal nicht, wenn man so mit ihm spricht, wie Shannon es getan hat. Los, Gus, komm her und sei friedlich. Denk an die fünfhundert Bucks, die wir in Kansas kassieren werden. Shannon kommt früh genug an die Reihe.“

Gus richtete sich auf, klopfte mürrisch den Staub von seiner Kleidung und ging über den Platz. Als er auf gleicher Höhe mit Shannon war, blieb er stehen und bückte sich, als wolle er etwas aufheben.

Shannon, der selbst eine Menge Tricks auf Lager hatte, wenn es mit dem schnellen Griff zur Waffe nicht mehr getan war, durchschaute die Finte. Als Gus im nächsten Moment aus seiner gebückten Haltung heraus auf ihn zu hechtete, drehte er sich halb und knallte dem vom eigenen Schwung an ihm vorbeigerissenen Angreifer die Faust in den Nacken.

Gus krachte auf die Erde.

Der kleine Rusty musste wieder mal seiner Begeisterung lauthals Ausdruck verleihen.

„Olé!“, jubelte er und schleuderte seinen verbeulten Stetson hoch in die Luft.

Zähneknirschend, mit zerschrammtem Gesicht, rappelte sich Gus auf. Rusty hüpfte wie eine aufgeregte Krähe von einem Fuß auf den anderen.

„Los, Toro! Nur nicht so lahm! Vorwärts, Toro, arriba, arriba!“, feuerte er Bowman wie einen mexikanischen Kampfstier an.

Gus kam geduckt auf Shannon zu. „Na warte, du Bastard, diesmal lass ich nichts von dir übrig!“

Matt war plötzlich bei ihm, schnell und geschmeidig, genau wie es Shannon geahnt hatte. Im ersten Moment war Shannon darauf gefasst, es wieder mit zwei Gegnern zu tun zu haben. Doch der älteste Bowman krallte seine Hand in Gus’ abgewetzte Lederjacke.

„Ich hab’ gesagt, es ist Schluss! Hast du Dreck in den Ohren?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914306
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
shannon trail-coyoten
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Titel: Shannon #8: Shannon und die Trail-Coyoten