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Horst Friedrichs Kriminalroman - Blutiger Machtkampf

2017 240 Seiten

Leseprobe

Blutiger Machtkampf: Kriminalroman

Horst Friedrichs

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Blutiger Machtkampf

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Krimi von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 191 Taschenbuchseiten.

Leonard >Lenny< Guzzo ist Oberhaupt des Gambetta-Mobs in New York. Für die Öffentlichkeit mimt er den honorigen Geschäftsmann – was er scheinbar nicht ahnt, ist, dass aus seinen eigenen Reihen gegen ihn agiert wird. Sein engster Vertrauter Mike Fontana wird umgebracht und seine Leiche bei einer pompösen Einweihungsfeier publikumswirksam präsentiert. Zeugen dieses schaurigen Ereignisses sind die Special Agents Trevellian und Tucker, die eine FBI-Sonderkommission für die Ermittlungen gegen den Gambetta-Clan leiten. Bisher konnte Guzzo und seinen Unterbossen nichts nachgewiesen werden. Aber durch die Machtkämpfe innerhalb des Mobs lichten sich die Reihen der Gangster gewaltig ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Der Geruch durchdrang alles. Die Fasern meiner Kleidung, die Poren meiner Haut. Ich fühlte mich wie der Maschinist, der inzwischen Feierabend hatte. Mit Schmieröl in den Gelenken und Schiffsdiesel in den Adern.

Ich hockte im Maschinenraum des Hafenschleppers >Roaring Bull<, und ich war selber schuld. Denn ich hatte mir den Job ausgesucht. Freiwillig. Der Einsatz auf dem East River war meine Idee gewesen. Milo hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Das bereute er längst. Garantiert. Inzwischen wünschte er mich wahrscheinlich in den tiefsten und heißesten Höllenschlund. Diese unfrommen Wünsche beseelten ihn in seinem eigenen persönlichen Maschinenraum, dem des Schwesterschiffs >Roaring Buffalo<.

Und er hatte recht.

Es gab hundert bessere Möglichkeiten, diesen lauen Frühsommerabend zu verbringen. Ich dachte an Patricia, die bildhübsche, temperamentvolle Redakteurin, und an das, was wir verpassten: Ein Essen im Village, in einem Gartenrestaurant, mit Kerzen und Chianti und edlem Jazz vom Branford Marsalis Quintet. Aber dieser zwölfte Juni war nicht unser Tag, sollte es auch nicht mehr werden. Verabredung verschoben - auf ein beziehungsfeindliches Irgendwann.

Eine kleine, unauffällige Klappe in der Luke war für Milo und mich die einzige Frischluftzufuhr.

Wenigstens hatten wir seit einer Dreiviertelstunde Ruhe. Schon vor drei Stunden, als es noch hell gewesen war, hatten die Skipper uns drüben an den Greenpoint Piers abgeholt. Wir waren unter Deck geblieben und hatten das Dröhnen der Maschinen beim Verholen von Überseefrachtern erlebt.

Jetzt lagen beide Schlepper an ihrem Heimatpier an der Marginal Street, einen Steinwurf nördlich der Manhattan Bridge. Wenn ich den Kopf dicht unter die Luftklappe hob und nach Süden spähte, konnte ich die Wolkenkratzer des Financial District sehen. Den Lichterglanz. Doch viel wichtiger waren Achterdeck und Ruderhaus unserer jeweiligen Schlepper.

Auf einem von beiden wollten wir Mike Fontana schnappen.

Fontana, den Unterboss des Gambetta-Mobs.

Er hatte vor, an diesem Abend Nägel mit Köpfen zu machen. Die Kapitäne der Schlepper sollten ein Angebot erhalten, das sie nicht ablehnen konnten. Fontana brauchte nur noch diese beiden einflussreichen Männer auf seiner Seite, dann hatte er ihre Gewerkschaft im Kasten. Dann konnte er seinem Boss Vollzug melden: »Lenny, es ist geschafft. Die >Union of Tug Boat Men< hört auf unser Kommando. Keine Tarifabschlüsse mehr ohne unsere Beteiligung. Na, was sagst du?«

Lenny Guzzo, der Pate des Gambetta-Mobs, würde ihm krachend auf die Schulter hauen. Und er würde es als erneuten Beweis einer lange bekannten Tatsache werten. Fontana war sein wichtigster Mann. Fontana zog die dicksten Fische für ihn an Land. Fontana war durch nichts und niemanden zu ersetzen.

Ich horchte auf die Geräuschkulisse. Konzentrierte mich. Nichts hatte sich verändert. Auf dem >FDR<, dem Franklin Delano Roosevelt Drive, rauschte der Autoverkehr in Richtung Norden und Süden. Auf dem East River war es ruhiger geworden. Nur von den Kais und Piers in Brooklyn wehten die nie endenden Lösch- und Ladegeräusche herüber. In größeren Abständen als tagsüber sangen die Triebwerke startender Jets auf dem La Guardia Airport. Die Häusermeere vom Manhattan, Brooklyn und Queens steuerten ein vereintes Summen bei. Es erfüllte die Luft wie ein vibrierender Atem dieser riesigen Stadt, die selbst nachts noch vor Energie zu bersten schien.

Etwas löste sich aus den Hintergrundgeräuschen.

Ich stufte es ein. Dem satten Brummen nach musste es ein Achtzylinder sein.

Mein Walkie-Talkie krächzte.

Ich stöpselte das Kabel ein und schob das bohnengroße Mikro ins linke Ohr. Der Lautsprecher war damit ausgeschaltet. Ich vernahm die Stimme Paul Bastables. Milo erhielt die Durchsage zur selben Zeit.

»Der Besuch kommt. Zwei Fahrzeuge. Ein Jeep Grand Cherokee ...«

Das war der Achtzylinder, den ich hörte. Der schwere Geländewagen hatte einen unverwechselbaren Sound.

»... und ein Buick Park Avenue. Beide schwarz. Okay - sie halten vor dem Pier, direkt neben dem Schuppen. Jetzt rangieren sie - die Schnauze zum >FDR< ....«

Damit sie sofort lospreschen konnten, wenn eine überstürzte Abfahrt angesagt war. Logisch. Die Fahrer würden deshalb im Wagen bleiben, wie üblich.

Paul Bastable saß im Ruderhaus der >Roaring Bull<, seinem Beobachtungsposten. Die beiden Kapitäne harrten in der Kajüte aus. Paul hatte das Treffen mit Mike Fontana arrangiert.

Pauls wirklichen Namen kannten nicht mal wir vom FBI. Wir wussten nur, dass er Undercover-Cop war und der >Organized Crime Investigation Division< angehörte. Das ist jene Abteilung des New York Police Department, die für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens zuständig ist.

Milo und ich arbeiteten mit Paul zusammen, seit wir die FBI-Sonderkommission für die Ermittlungen gegen den Gambetta-Mob leiteten. Pauls Undercover Job war ein Langzeit-Einsatz. Schon seit vier Jahren lebte er in Queens und trieb sich in den einschlägigen >Hangouts< herum, den Clubs und Kneipen des Gambetta-Mobs.

Vor drei Jahren hatten sie Paul Bastable für vertrauenswürdig genug gehalten. Sie hatten ihm Jobs gegeben. Zinsen und Spielschulden eintreiben, Schutzgelder kassieren, Spielgewinne überbringen. Paul hatte gezeigt, dass er nicht zimperlich war. Ein höllisch schwieriges Unterfangen für einen Kriminalbeamten im verdeckten Einsatz. Er stand ständig mit einem Bein in der Illegalität.

Aber Paul hatte es geschafft. Er machte seine Sache so überzeugend, dass Mike Fontana ihn unter seine Fittiche nahm.

In Fontanas Auftrag hatte Paul bei den beiden Schlepperkapitänen das Verhandlungsterrain sondiert. Sie waren die letzten halsstarrigen Kerle, die einfach nicht einsehen wollten, dass ihre Gewerkschaft Vorteile davon hatte, wenn sie mit dem Mob zusammenarbeitete.

Pauls Stimme drang erneut in mein Ohr.

»Sie steigen aus. Fontana und - drei Bodyguards. Sie haben es eilig - gehen auf unseren Schlepper zu, die >Roaring Bull< ...«

Ich tastete nach meiner Waffe. Milo und ich hatten uns für den Einsatz mit Revolvern im Kaliber .357 Magnum ausgerüstet, aus dem Hause Smith & Wesson wie unsere bewährten Waffen. Mit den Magnum Geschossen erhielten wir die höhere Mannstoppwirkung, wenn es sein musste.

Ich hob das Walkie-Talkie in Sprechhöhe.

»Wie sieht die Umgebung aus?«, fragte ich leise.

»Nichts auf dem Wasser«, kam Pauls prompte Antwort. »Nichts auf der >Buffalo< und nichts auf den anderen Kähnen. An Land nur die beiden Fahrzeuge. Fontana und seine drei Kerle sind gleich da. Ich gehe ihnen jetzt entgegen.«

»Verstanden«, antwortete ich. So war es abgesprochen.

Paul würde Fontana und seinen Begleitschutz an Deck begrüßen und dann mit Fontana und einem Leibwächter zu den Kapitänen in die Kajüte gehen. Die beiden anderen Leibwächter sollten beim Ruderhaus in Stellung gehen, an Backbord und an Steuerbord. Später, wenn Paul uns das Zeichen gab, würde ich den Backbord-Bodyguard außer Gefecht setzen und Milo den an Steuerbord.

Doch selbst die schönsten Pläne haben den fatalen Haken, in dem Moment nicht mehr zu funktionieren, in dem Unvorhergesehenes passiert.

Etwas beunruhigte mich. Etwas, das ich nicht in Gedanken und nicht in Vermutungen kleiden konnte. Und es hatte nichts damit zu tun, dass mir die Geruchslast aus Schmieröl und Schiffsdiesel zunehmend auf den Geist ging.

Ich hörte Paul Bastables Schritte auf den Decksplanken. Ich versetzte mich in seine Situation.

Meine Nerven begannen zu vibrieren.

Es war der Moment, in dem ich beschloss, dem Unvorhergesehenen zuvorzukommen. Ich stieß den Plan um, bevor es ein anderer tun konnte - jemand, von dem wir alle noch nichts wussten.

Ich wartete, bis Paul das Achterdeck erreicht hatte. Dann stemmte ich vorsichtig die eine Hälfte der Luke hoch. Behutsam ließ ich sie zur Seite herab, bis sie gegen einen Widerstand stieß und festlag. Die Öffnung von einem halben Meter genügte mir, um mich hochzuziehen und hinauszustemmen.

Fontana und seine Begleiter gingen an Bord. Der Schlepper schwankte nicht einmal, aber die Decksplanken übertrugen die Schrittgeräusche. Nur für einen Moment. Sie blieben auf der Plattform vor der Heckverschanzung stehen. Das war die freie Fläche, die beim Schleppen von Dickschiffen der Trosse gehört.

Ich hörte die Stimmen der Männer, als ich neben der Lukenöffnung in die Hocke ging. Windengehäuse und die Verankerung des mächtigen Hakens gaben mir Sichtschutz. Ich zog den Magnum.

Im selben Moment brach die Hölle los.

Es begann mit einem Motor, der an Land aufbrüllte.

Reflexartig federte ich hoch.

Wie von selbst lag mein Revolver im Beidhandanschlag. Die Visierlinie war eins mit meiner Blickrichtung. Und ich erfasste das Unglaubliche, ohne es begreifen zu können.

Scheinwerfer bohrten sich von der Marginal Street heran, unterhalb der Betonständer des FDR Drive.

Die drei Leibwächter wichen von Fontana und Bastable zurück. Nur einen Schritt. Der, der dem Unterboss am nächsten stand, hatte plötzlich seine Waffe draußen. Eine Glock. Das klobige Ding flog hoch.

Paul stand halb in der Schussrichtung. Einen Moment zu lange war er in das Gespräch mit Fontana vertieft. Deshalb bemerkte er die Gefahr nicht sofort. Beide waren mehr durch das Motorendröhnen irritiert, als dass sie mitgekriegt hätten, was in ihrer unmittelbaren Umgebung lief. Fontana drehte sich um, spähte zur Landseite des Piers.

Der Undercover-Cop blickte in dieselbe Richtung.

»Paul!«, brüllte ich. »Deckung!«

In diesem Moment krachte die Glock.

Fontana zuckte zusammen, in den Rücken getroffen.

Am Ufer begann der Teufelstanz.

Ein Range Rover fegte auf den Vorplatz des Piers. Maschinenpistolen hämmerten. Reifen wimmerten.

Das Geschehen überschlug sich.

Der Mann mit der Glock jagte Fontana zwei weitere Kugeln in den Rücken.

Und, verdammt, ich konnte nichts tun, ohne Paul zu gefährden.

In diesem Moment rissen die beiden anderen ihre Automatiks heraus, duckten sich.

Endlich warf Paul sich zur Seite. Er zog im Fallen.

Ich feuerte im selben Sekundenbruchteil.

Der Magnum-Revolver wummerte und ruckte in meinen Fäusten, bäumte sich auf, spie das Teilmantelblei mit Feuer und Urgewalt.

Die beiden Bodyguards hob es buchstäblich von den Füßen.

Auf der anderen Seite des Piers schnellte Milo aus seiner Luke hoch. Ich sah es aus den Augenwinkeln heraus.

Vor den Schuppen, an Land, zersplitterten die Windschutzscheiben und die Seitenscheiben des Buick und des Jeep unter den MPi-Garben. Der Range Rover schlingerte.

Der Mann mit der Glock stieß Fontana über Bord.

Er wirbelte herum.

Milo, Paul und ich feuerten gleichzeitig.

Den Glock-Schießer schüttelte es durch wie einen kranken Baum im Orkan.

Der Range Rover stabilisierte sich, jagte auf den Pier zu. Das Motorbrüllen schwoll an.

Ich sah die Kerle aus den Seitenfenster hängen.

Einer auf jeder Seite.

Die MPi-Läufe schimmerten im Licht der Peitschenmastlampen. Die ersten Mündungsblitze zuckten. Erneut geriet der Range Rover in Schlangenlinien.

Eine Kugelgarbe wanderte auf das Wasser hinaus, peitschte eine Serie von weiß gischtenden Fontänen aus dem Dunkel.

Ich wusste, uns blieben nur Bruchteile von Sekunden.

Deshalb zog ich durch und feuerte in die Mündungsblitze hinein.

Auch Milos Magnum-Revolver donnerte.

Es ging um Paul Bastables Leben. Vor allem um sein Leben. Er hatte keinen Schutz auf dem Achterdeck. Ihn würden die MPi-Schießer zuerst erwischen, wenn sie zum Zug kamen. Seine Automatik hätte ihm wenig genützt, wenn er allein gewesen wäre. Gegen die Übermacht hätte er nichts ausrichten können. Doch gemeinsam waren wir in der Lage, uns zur Wehr zu setzen. Und letzten Endes ging es auch für Milo und mich ums nackte Überleben. Pauls Automatik mischte sich mit hart hackenden Schüssen in das Wummern unserer schweren Revolver.

Das Mündungsfeuer beiderseits des Range Rover wuchs zu grellroten Flächenblitzen. Die Windschutzscheibe, eben noch glatt wie ein schwarzer Spiegel, löste sich in grau-silbrige Bruchstücke auf. Gegen die Auftreffenergie von Magnum-Geschossen ist das beste Verbundglas nicht mehr wert als Pappe.

Der Range Rover brach aus. Scherte nach links aus und fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit auf die Kaimauer neben dem Pier zu. Es sah aus, als wollte der Luxusgeländewagen zum Sprung ansetzen und auf das vier Meter entfernte Achterdeck der >Roaring Buffalo< hüpfen. Doch dazu war der Rover einfach zu schwer. So wurde aus dem Sprung ein schlappes Abtauchen über die Kaimauer.

Und krachend und berstend prallte die Schnauze des Rover auf das stählerne Heck-Schanzkleid des Schleppers.

Das kantige Hinterteil des Wagens wurde angehoben. Die Frontpartie pilzte sich auf und rutschte an der geschrägten Verschanzung hinunter. Kopfüber tauchte der Rover abwärts. Mit dem Wagendach schlug er dabei gegen das Heck des >Buffalo<. Die Luft gurgelte aus den zerschossenen Fenstern, und die Schwärze des Wassers zwischen Kaimauer und Schlepperheck schluckte das schwere Fahrzeug mitsamt Insassen. Für die Gangster hätte es ohnehin keine Rettung mehr gegeben. Mit unseren Schüssen hatten wir sie getötet. Eine andere Möglichkeit hatten wir nicht gehabt.

Stille kehrte ein.

Eine ungeheuer intensive Stille war es, obwohl die nächtlichen Geräusche der riesigen City keineswegs verstummt waren.

Ich verließ meine Deckung und lud den Smith & Wesson nach. Mit Hilfe des Speedloaders waren das nur zwei Handgriffe: Ejektor betätigen und mittels des Loaders sechs fabrikfrische Patronen auf einen Schlag in die Trommelkammern schieben.

Milo kam über den Pier und sprang auf das Deck der >Roaring Bull<. Die Kapitäne waren vernünftig genug, sich nicht blicken zu lassen. Paul hatte sich bereits aufgerappelt. Er war dabei, die Waffen der Bodyguards zu sichern und außer Reichweite zu befördern.

Die letztere Vorsichtsmaßnahme war im Grunde überflüssig. Denn keiner der drei Leibwächter hatte es überlebt.

»Warum haben die sich gegen ihren eigenen Boss gewandt?«, fragte Milo kopfschüttelnd.

Paul holsterte seine Automatik. »Es gibt ein paar Leute, die dem großen Lenny den Stuhl unter dem Hintern wegziehen wollen.«

Das war nicht neu. Aber bislang hatte Guzzo alle Anfeindungen unbeschadet überstanden. Noch war er mächtiger als alle Konkurrenten im eigenen Lager. Niemand hatte ihm bislang ungestraft ans Bein gepinkelt.

Aber jetzt hatten sie ihm seinen wichtigsten Verbündeten genommen.

Es wurde gefährlich für ihn.

Von einem Tag auf den anderen.

Wie stark Lenny Guzzos Konkurrenten mittlerweile waren, zeigte die Tatsache, dass es ihnen gelungen war, Fontanas eigene Leibwächter umzudrehen.

Sirenengeheul nahte. Kreisende Rotlichter huschten auf dem FDR Drive herbei. Autofahrer, die das Geschehen beobachtet hatten, mussten sofort die Polizei verständigt haben.

Paul Bastable war sich darüber im Klaren, dass der Undercover-Einsatz für ihn ab sofort beendet war. Er würde die Stadt verlassen und zu Verwandten in Massachusetts ziehen. Dort würde er ein Jahr in völliger Abgeschiedenheit auf dem Land verbringen, ehe er in den Polizeidienst zurückkehrte. Nicht in New York. Vielleicht in einer kalifornischen Großstadt, vielleicht in Texas, Louisiana oder Florida. Es gab genügend Möglichkeiten.

Wir begleiteten Paul ein Stück, gingen gemeinsam mit ihm den Kollegen von der City Police entgegen. Ein Streifenwagen würde ihn wegbringen. Auf Nimmerwiedersehen.

Auch für die Fahrer des Buick Park Avenue und des Jeep Cherokee gab es keine Hilfe mehr. Ich benutzte mein Handy und informierte Mr. McKee, unseren Chef, über den Stand der Dinge. Milo telefonierte ebenfalls, sorgte dafür, dass die Flusspolizei mit Tauchern anrückte.

Wir wandten uns um und kehrten zum Pier zurück, um die Kapitäne aus ihrer Ungewissheit zu erlösen. In der Mitte des nachtschwarzen Flusses setzten sich Positionslichter in Bewegung. Das Rot und das Grün gehörten zu einem Boot, das mit einer starken Maschine ausgerüstet sein musste. Denn es entfernte sich mit hoher Geschwindigkeit nach Norden.

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Marilena war die gefährlichste Frau New Yorks. Ich wusste es, und ich war ihr ausgeliefert. Wenigstens für die Dauer dieses Slowfox. Als höflicher Mensch, der ich nun mal bin, konnte ich mich nicht einfach auf der Tanzfläche von ihr verabschieden. Denn die Damenwahl hatte ihr das Recht gegeben, mich aus der Thekenschar und damit aus Milos Obhut zu entführen.

Mein Freund und Kollege konnte nichts weiter für mich tun, als mein Glas mit dem Alkoholfreien zu halten.

Der hochmoderne Sporthallenboden war eigens für diesen Abend mit einem Kunststoffbelag überdeckt worden. Dessen Muster war eine Parkettimitation. Darauf wogten etwa zweihundert Smokings und die gleiche Anzahl Ballkleider im Takt. Mindestens zweihundert weitere Leute verteilten sich auf drei Bars und die beiden Räume mit dem kalten und dem warmen Büfett.

Das Super-Sportzentrum >Woodland< wurde eingeweiht.

Schon am Vormittag hatte das Festprogramm begonnen.

Der Ball am Abend bildete den krönenden Abschluss.

Ein glanzvolles Ereignis für das Stadtviertel Woodside in Queens, New York. Eine Menge maßgebliche Leute aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft gaben sich die Ehre. Die Medienvertreter waren zur Stelle. Nicht wegen all der Maßgeblichen, sondern nur wegen eines einzigen Gangsters.

Leonard Guzzo.

Seinetwegen gehörten auch Milo und ich zum erlauchten Kreis der Festgäste. Ein merkwürdiger Job war das für uns, nach dem Schmieröl-Einsatz am Vortag. Nicht nur wegen des Pinguin-Kostüms, in das wir hatten schlüpfen müssen. Nein, unsere Anwesenheit sollte dem Rest der Anwesenden vor Augen führen, dass etwas nicht stimmte. Dass es nicht selbstverständlich war, was hier ablief.

Denn Leonard Guzzo war die Hauptperson der Veranstaltung.

Und alle schienen diese Tatsache für völlig normal zu halten.

Niemanden kümmerte es, dass er Oberhaupt des Gambetta-Mobs war. Für ihn und seine Leute war es allerdings die Gambetta-Familie. Sie nannten sich nicht gern >Mob<, denn das ist die Bezeichnung für das organisierte Verbrechen. In solchen Niederungen bewegte sich Leonard Guzzo schon lange nicht mehr. Zu dem Glauben verleitete er alle Welt. Halb Queens und halb New York kauften ihm ab, dass er der ehrenwerte Geschäftsmann war, den er spielte.

Und als solcher hatte er das Sportzentrum finanziert.

Woodland - Lennys neue Spende für Queens.

Leonard Guzzo finanziert ein weiteres Sportzentrum.

So schwärmte die Lokalzeitung >New York Newsday< in ihrer Ausgabe vom heutigen Freitag, dem dreizehnten Juni. Und der, so prophezeiten die Sensationsgeier, sollte als Glückstag in die Geschichte von Queens eingehen.

Sie hatten vergessen, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben soll. Weil Journalisten aber nun mal keine Hellseher sind, konnte man ihnen das nicht einmal übel nehmen.

Doch Guzzo hatte eine Menge Freunde. Das allein zählte an einem Tag wie diesem. Und alle nannten ihn begeistert >Lenny<. Alle empfanden es als eine Ehre, zu seinem Bekanntenkreis zählen zu dürfen.

Marilena war seine Frau.

Sie presste sich herausfordernd eng an mich. Ihr Kleid war kurz, rot und sündhaft. Eine goldfarbene Stola wuselte um uns herum. Die Band zog den Slowfox in die Länge, schien nie mehr damit aufhören zu wollen. So kam es mir jedenfalls vor. Die Sekunden wurden zu einem zähflüssigen Zeitsirup. Marilena praktizierte mit ihren Hüften etwas von jener kreisenden und schwingendem Art, was Bauchtänzerinnen stets nur solo vorführen. Ihre Arme hatte sie längst um meinen Nacken geschlungen.

Weil die Band so unglaublich sanft und gedämpft spielte, verstand ich sehr gut, was mir meine Tanzpartnerin ins Ohr flüsterte.

»Weißt du, dass du mit dem Feuer spielst, G-Man?« Diese rassige Schwarzhaarige, ein Lieblingsobjekt der Pressefotografen und der Kameraleute, duzte jeden. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann uns die Geier in dem Pulk aufspürten.

»Ich komme mir eigentlich ziemlich passiv vor«, erwiderte ich mit einem vorsichtigen Rundblick. Natürlich wusste ich, was sie meinte. Lenny war noch nicht im Anmarsch. Noch bildete sich keine Gasse für den Wütenden.

Marilena antwortete mit einem Schleierblick. Synchron dazu verstärkte sich das Drängen ihrer unteren Regionen. Die Mulden ihres prallen Fleisches suchten nach meiner Reaktion.

»Das nennst du passiv?«, fragte sie amüsiert.

»Nein, ich nenne es Handy.«

Ihr Grinsen erlosch. »Mach dich ruhig über mich lustig«, flötete sie, ohne den Körperkontakt zu lockern. »Es ändert sowieso nichts.«

»Woran?«

»Daran, dass ich dein Leben in der Hand habe.«

»Ich habe mich wohl verhört!«, erwiderte ich aus tiefster Überzeugung.

»Nein, hast du nicht.« Energisch schüttelte sie den Kopf. »Ich allein habe es in der Hand, ob Lenny eifersüchtig wird oder nicht.«

»Ach!«

»Ja, im Ernst. Es hat in meinem Leben genau acht Leute gegeben, auf die Lenny mit Recht eifersüchtig war.«

»Und von denen lebt keiner mehr.«

Marilena lachte gurrend. »Du weißt also, was dir blüht.«

Ich tätschelte ihr den Hintern. »Ich weiß, worauf ich zu achten habe. Wie lautet dein Erpressungsversuch?«

»Ha!«, Ihre Augen blitzten. »Du denkst, du hast mich durchschaut?«

»Ja.«

»Was fragst du dann?«

»Recht hast du«, begann ich. »Also tippe ich mal: Du würdest gern wissen, weshalb wir hier rumhängen - Milo und ich.«

»Fast ein Volltreffer.«

»Dann mach einen daraus.«

»Okay. Ich würde es nicht gern wissen, ich will es wissen.«

»Mir schlottern die Knie«, feixte ich. »Da bleibt mir wohl nichts anderes, als ein Geständnis abzulegen.«

»Exakt.« Marilena lächelte diabolisch. »Wir sind nämlich nicht mehr weit von der Bar entfernt, an der Lenny steht.«

»Oh mein Gott!«, ächzte ich und verdrehte die Augen in gespielter Todesangst. »Bitte verschone mich, liebste Marilena.«

»Dann rede!«, ging sie auf mein Gealber ein.

»Milo und ich vertreten Bürgermeister Giuliani«, behauptete ich.

»Das Arschloch?«

»Giuliani hat gesagt, er feiert nicht mit Mobstern. Das adelt ihn in unseren Augen.«

»Es dauert nicht mehr lange, und er verbrennt sich die Zunge.«

»Glaube ich nicht.« Ich machte ein überzeugtes Gesicht.

Marilena sah mich durchdringend an. »Siehst du hier irgendwo Mobster? Hast du irgendwo einen getroffen?«

Ich grinste hart. »Dein Mann ist also ein Geschäftsmann? Oder Unternehmer oder so was?«

»Allerdings.« Marilena sagte es trotzig wie ein kleines Mädchen.

»Und du glaubst, das ändert etwas?« Ich schüttelte mitleidig den Kopf. »Bitte erinnere dich: Giuliani hat Arafat hinausgeworfen, als der in die Met wollte. >In der Oper meiner Stadt dulde ich keine Mörder<, hat Giuliani gesagt. Und er lebt noch immer.«

»Dein Giuliani ist ein Opportunist«, erwiderte Marilena und sah mich dabei forschend an. »Der kann uns alle mal. Bist du auch ein Opportunist?«

»Rudy Giuliani ist nicht mein Giuliani, und wir sind beide keine Opportunisten.«

Sie lachte wieder. »Aber du kannst dich auf Situationen einstellen, selbst wenn sie noch so überraschend sind?«

»Sonst wäre ich kein FBI-Agent.«

»Gut geprahlt, Bulle. Soll ich dir verraten, was meine Spezialität ist?«

»Ich bin ja so gespannt!«, schmachtete ich.

Sie zwinkerte, als wären wir ein Verschwörerteam. »Ich bin absolut Spitze darin, Männern die Waffe rauszuziehen.«

Mir klinkte die Kinnlade aus.

Denn noch während Marilena sich das letzte Wort auf der Zunge zergehen ließ, spürte ich einen Druck.

Kreisrund.

Stahlhart.

In der Gegend über der Gürtelschnalle.

Ich starrte an mir hinab. Keine Frage, ich kann nicht besonders intelligent dabei ausgesehen haben.

Zwischen dem federweichen Gewirbel der Stolafasern erblickte ich den mattschwarzen Stahl meines Smith & Wesson. Die Laufmündung war in der Mulde verschwunden, die sie in den weißen Stoff meines edlen Smokinghemds grub. Schmal und ruhig umschloss Marilenas Hand das Nussbaumholz des Griffstücks. Ich zweifelte nicht daran, dass ihr Finger am Abzug lag.

Von diesem Moment an traute ich ihr einfach alles zu.

Auch den Irrsinn, jetzt abzudrücken.

Vielleicht hatte Marilena zu viel getrunken. Immerhin liefen die Woodland-Feierlichkeiten seit elf Uhr an diesem warmen Junimorgen. Da musste der Champagner bereits hektoliterweise geflossen sein.

Marilena Guzzos Handeln entbehrte jeglicher Logik.

Möglich jedoch, dass sie sich genau darin gefiel. Möglich, dass sie in die New Yorker Kriminalgeschichte als eine der wenigen Frauen eingehen wollte, die im Mob jemals eine Rolle gespielt hatten.

... war Marilena Guzzo an der Seite ihres berühmten Ehemanns Lenny eine exzentrische und unberechenbare Frau. So wie sie es liebte, mit Männern zu spielen, fand sie einen geradezu selbstzerstörerischen Gefallen daran, die These von der mangelhaften weiblichen Logik zu untermauern. Ihre innere Zerrissenheit und ihre äußerliche Widersprüchlichkeit erreichten den Gipfel, als sie bei der Einweihung des Sportzentrums >Woodland< in Queens, New York, den FBI-Agenten Jesse Trevellian auf der Tanzfläche erschoss.

Marilena Guzzo war die erste Frau, die seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Bundesstaat New York hingerichtet wurde. Ihre Geschichte wurde zur Legende. In den Reihen des Mobs wird sie noch heute als eine Märtyrerin gefeiert, die ihrem Mann einen Gefallen tun wollte und genau dies ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben tat.

So oder ähnlich stellte sie sich wohl die Zeitungsartikel vor, mit denen die Nachwelt über sie informiert werden sollte.

Urplötzlich stieß sie ein schrilles Lachen aus, und ich spürte den Ruck, mit dem sie meinen Dienstrevolver zurück ins Gürtelholster steckte.

Die Tanzpaare in unserer Umgebung wandten sich erstaunt zu uns um. Die meisten lächelten mild, als sie sahen, was Sache war. Marilena als Quelle der überschwänglichen Heiterkeit war nichts Außergewöhnliches. Niemand wunderte sich über diese Lady, die offenbar bei jeder Gelegenheit glaubte, ihrem Ruf etwas schuldig zu sein. Und alle schienen froh zu sein, dass es diesmal bei einem Gelächter blieb, wenn auch auffällig. Wie immer.

Die Tanzkapelle ließ mir keine Zeit, Marilena die Meinung zu sagen. Auf der großen, girlandenumkränzten Bühne an der Stirnseite der Sporthalle endete der Slowfox und ging in einen Tusch über.

»Ladies and Gentlemen!«, erscholl die Stimme des Bandleaders über die Lautsprecheranlage. »Der große Augenblick ist gekommen! Nebenan, in der Schwimmhalle, erwartet Sie nun die Attraktion des Abends! Das Wasserballett ist bereit für seine Vorführung! Im Namen der Veranstalter darf ich Sie bitten, sich an den Ort des Geschehens zu begeben. Bitte benutzen sie die Durchgänge, die mit den Buchstaben A, B und C gekennzeichnet sind!«

Marilena löste sich von mir und warf sich die Stola um den Hals. In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck des Triumphs, als sie mich kurzerhand stehen ließ und im Gedränge verschwand.

Unauffällig tastete ich nach meiner Dienstwaffe.

Er war an seinem Platz.

Hölle und Teufel, ich hatte ihren Taschendieb-Trick nicht mal mitgekriegt! Doch geträumt hatte ich es bestimmt nicht.

Eine Hand klopfte auf meine Schulter.

»Mach dir nichts draus«, sagte die Stimme, die zu der Hand gehörte.

Ich sah meinen Freund und Kollegen an, während wir gemeinsam im Gedränge der festlich Gekleideten losschoben. »Sag bloß, du hast es mitgekriegt«, staunte ich.

»Na klar.« Er grinste. »Wenn ich nicht auf dich aufpasse, wer denn dann?«

Ich richtete die Augen gen Himmel. Gegen so ein Argument hatte ich nun wirklich nichts mehr auf Lager.

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Das Apartment lag im vierten Stock eines Backsteinhauses an der Barnett Avenue in Woodside, Queens. Schräg gegenüber, an der Ecke 56th Street, erstrahlte das neue Sportzentrum in seinem Lichterglanz. Bertrand Oprescu hatte das Apartment schon vor einem Jahr gemietet, als mit dem Bau des >Woodland< begonnen worden war.

Damals hatte er nicht vorhersehen können, dass die Krönung seiner Aktion an einem Freitag, dem dreizehnten, stattfinden würde.

Es war ein wunderschöner Zufall.

Oprescu konnte sich darüber freuen wie ein Kind. Immer wieder musste er lachen, während er gemeinsam mit John Evans am Fenster saß, im dunklen Wohnzimmer des vollständig eingerichteten Apartments.

Oprescu war ein großer, hagerer Mann. Das schwarze Haar und die Ringe unter den dunklen Augen verliehen ihm ein düsteres Aussehen. Seine Eltern waren aus Rumänien eingewandert. Das war vor drei Jahrzehnten gewesen. Oprescu, heute dreiunddreißig Jahre alt, gestattete guten Freunden, ihn >Dracula< zu nennen.

Da drüben, in ihrem Sportpalast, hielten sie diesen Freitag für einen Festtag. Dazu hatten sie ihn ja aus eigener Machtvollkommenheit gemacht. Man freute sich auf die Zeitungen und die lokalen Fernsehnachrichten von morgen. In den Berichten würde man zumindest erwähnt werden. Das war dann wieder einmal eine nette Bestätigung dafür, dass man Rang und Namen hatte. Und wenn man dann noch von einer Kameralinse festgehalten wurde, ja, dann durfte man sicher sein, dass die Öffentlichkeit einen zu den wirklich wichtigen Zeitgenossen zählte.

»Wenn die wüssten!«, murmelte John Evans zum zehnten Mal an diesem Abend. Er ließ das Fernglas sinken, schüttelte den Kopf und kicherte leise. Er trug Kopfhörer, deren Ohrteile aus weichem, gelbem Schaumstoff bestanden. Dadurch konnte er sowohl das hören, was der Funkempfänger übertrug, als auch das, was in seiner unmittelbaren Umgebung geredet wurde.

Evans war ein unauffälliger, zuverlässiger Mann. Ein simples Gemüt. Oprescu arbeitete gern mit ihm zusammen. Im Grunde waren sie ein Team, seit sie sich auf Jay Parisis Seite gestellt hatten - gegen Lenny Guzzo.

Jay ließ Lenny nach wie vor in dem Glauben, sein Unterboss zu sein.

Wer einen solchen Eiertanz wagte wie Jay, und das nun schon seit über einem Jahr, der brauchte Männer, auf die er zählen konnte. Und Jay Parisi gehörte die Zukunft. Bei ihm stand das Geschäft an erster Stelle. Er zahlte höhere Gewinnanteile aus, und er ließ sich nicht von einem verrückten Weib wie Marilena zum Clown machen.

Joseph >Jay< Parisi war der kommende Mann.

Daran gab es für Bertrand Oprescu, John Evans und etliche andere nicht den geringsten Zweifel. Erst gestern Abend hatten sie es bewiesen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass das Ende der Aktion miserabel gelaufen war. Unter dem Strich hatte Jay Parisis Mannschaft bewiesen, zu was für Leistungen sie fähig war.

Und genau deshalb hatte das Sportzentrum >Woodland< eine besondere Bedeutung für Jay und seine Getreuen.

Lenny Guzzo hielt es indessen für sein alleiniges Prestige-Objekt. Er ahnte nicht, wie weit Jay Parisi seine Machtposition in den verschiedenen Gewerkschaften bereits gefestigt hatte. Dazu gehörte auch und vor allem die Baugewerkschaft.

Dank dieser Tatsache war es ein Kinderspiel gewesen, die Wände in einem bestimmten Bereich des >Woodland < zu bepflanzen, ohne dass es einer von Lennys Gefolgsleuten mitkriegte.

Natürlich hielt Lenny sich für außerordentlich schlau, wenn er ausgerechnet in den Funktionsräumen des Sportzentrums seinen neuen Social Club einrichtete. Direkt unter den Augen der Stadtverwaltung, so kalkulierte er, konnte die Öffentlichkeit so einen Club ja nur für eine legale Sache halten.

Er ahnte nicht, dass er in seinen schönen neuen Clubräumen von Wanzen eingekesselt war.

Und es war durchaus möglich, dass auch das FBI die Gelegenheit genutzt und sein eigenes Kontingent an Wanzen in die Wände gepflanzt hatte.

Lenny war für die einfachsten Gefahren blind geworden.

Er gierte danach, in der Öffentlichkeit als honoriger Geschäftsmann dazustehen. Das war ihm wichtiger geworden als alles andere. Marilena, das Superweib, hatte ihn zu einem geltungsbedürftigen, publicitygeilen Burschen gemacht. Zwanzig Monate war er jetzt mit ihr zusammen, und er hörte mehr auf sie als auf seine engsten Freunde und Verbündeten.

Lenny war praktisch nicht mehr tragbar.

Allein deshalb befand sich Jay Parisi auf dem richtigen Weg. Er hatte die Zeichen der Zeit früh genug erkannt. Wer mit Lenny Guzzo in einem Boot saß, würde früher oder später untergehen.

Wahrscheinlich früher.

Bertrand Oprescu betrachtete das elektronische Spielzeug. Säuberlich sortiert stand es auf dem kleinen Beistelltisch zwischen seinem und John Evans' Sessel. Der Empfänger, der Verstärker, der Lautsprecher und der Recorder waren die Herzstücke der Ausrüstung. Zwei Handys gehörten außerdem dazu und nur für diesen Abend  ein spezielles Funkgerät von der Größe eines Walkie-Talkies.

»Mann, wenn die wüssten!«, sagte John Evans zum elften Mal und kicherte.

Bertrand Oprescu stimmte lachend in die Vorfreude seines Komplizen ein. Es war schon ein erhebendes Gefühl, sich vom stillen Beobachter zum unsichtbaren Herren des Geschehens aufzuschwingen.

Alle Vorbereitungen waren getroffen, und es würde passieren.

Es war nur noch eine Frage der Zeit.

»Noch ein Bud?«, erkundigte sich Oprescu. Er sammelte das Leergut ein und stand auf. Auf Evans' erfreutes Zustimmen holte er zwei neue Dosen alkoholarmes Budweiser aus dem Kühlschrank.

Als er ins dunkle Wohnzimmer zurückkehrte, hob Evans die Hand. Es geht los, hieß das. Er hatte den Lautsprecher und den Recorder eingeschaltet und rückte die Kopfhörer zurecht.

Aus dem Lautsprecher war vorerst nichts weiter zu hören als Rauschen und Gemurmel.

»Ich hab Lennys Stimme gehört«, wisperte Evans andächtig. Er nahm die Bierdose entgegen, klemmte sie zwischen die Knie und zupfte eine Zigarette aus der Packung, die ihm sein Komplize hinhielt.

Oprescu versorgte ihn und sich selbst mit Feuer. Gespannt, ohne etwas zu erwidern, ließ er sich in den Sessel sinken. Mit den Kopfhörern kriegte Evans noch etwas besser mit, was drüben lief. Außerdem hatte er ein hervorragendes Gehör. Wenn er mitteilte, Lennys Stimme identifiziert zu haben, konnte man sich darauf verlassen.

Mr. Guzzo betrat also gerade seine neuen Clubräume.

Das Gemurmel blieb zurück.

Eine Tür fiel zu, und es wurde ausgesperrt.

Schritte nährten sich dem Minisender, der sich drüben aktiviert hatte. Schwere Schritte, begleitet vom Gestöckel hochhackiger Damenschuhe. Lenny und seine Lady gaben sich die Ehre.

Oprescu richtete die Augenbrauen steil auf, wechsele einen bedeutungsvollen Blick mit Evans.

»Hier sind wir ungestört«, sagte Lenny Guzzo. Es klang grob. Das Rauschen des Lautsprechers hatte nachgelassen. Oprescu und Evans strahlten. Oprescu streckte den rechten Arm aus, ballte die Hand zur Faust und reckte den Daumen hoch. Evans erwiderte das Erfolgszeichen.

»Muss das denn sein?«, erwiderte Marilena unwillig. Ihr war anzuhören, dass sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlte.

»Ja, verdammt, es muss sein!«

»Lenny! Lass das! Du tust mir weh!« Marilena wimmerte wie ein hilfloses kleines Mädchen.

Dabei wussten die beiden Zuhörer, dass sie alles andere als hilflos war. Und mit einem kleinen Mädchen hatte sie auch nicht das Geringste gemein. Bertrand Oprescu und John Evans grinsten sich an.

»Was sollte das mit Trevellian?«, fauchte Lenny Guzzo. »Fängst du jetzt an zu spinnen - oder was?«

»Ich kann tanzen, mit wem ich will.«

»Kannst du nicht.«

»Kann ich doch.« Deutlich war zu hören, wie sie mit dem Fuß aufstampfte.

Lennys Stimme senkte sich zu einem Zischen. »Ich warne dich! Wenn wir jetzt allein wären, würde ich dir eine runterhauen.«

»Lenny!« Sie schluchzte, verlegte sich offenbar auf eine neue Taktik. »Sei doch nicht so gemein zu mir! Ich hab doch nichts Böses getan. Ich wollte Trevellian doch nur aushorchen. Für dich!«

»Aushorchen!« Er lachte prustend. »Wir spielen hier nicht Cowboy und Indianer, Kleines. Die raue Wirklichkeit funktioniert ein bisschen anders, als du es dir zurechtbastelst. Kapiert?«

»Ja, Lenny.«

»Da bin ich mir aber nicht so sicher. Du siehst noch ziemlich begriffsstutzig aus. Also hämmere es dir noch mal in deinen süßen kleinen Schädel: Ich darf nicht mit FBI-Bullen tanzen. Sprich mir nach: Ich darf nicht mit FBI-Bullen tanzen!«

»Ich darf nicht mit FBI-Bullen tanzen«, wiederholte Marilena folgsam.

Die Zuhörer am Funkempfänger lachten glucksend.

»Und was noch viel wichtiger ist: Ich darf FBI-Bullen nicht aufgeilen. Wiederhole!«

»Ich darf FBI-Bullen nicht aufgeilen.«

»Na also. Hoffentlich bleibt das wenigstens für die Dauer des heutigen Abends hängen.«

»Ich verspreche es dir, Lenny. Ich schwöre es.«

»Das hoffe ich in deinem Interesse, Baby. Wenn ich mich noch mal über dich ärgern muss, verbringst du den Rest des Abends im Hospital - und die nächste Woche auch.«

»Lenny, Darling, was ist denn los mit dir?« Marilena schnurrte wie eine läufige Tigerin. »Warum bist du denn bloß so gereizt?«

»Das fragst du? Denk mal nach!«

»Da komme ich bestimmt nicht drauf. Also klär mich auf.«

»Worüber sollte man dich denn noch aufklären?« Lenny lachte rumpelnd.

»Du weißt, wie ich es meine.«

»Okay, okay. Also, du kommst nicht drauf, was?« Lenny holte schnaufend Luft. »Hast du Mike im Laufe der letzten halben Stunde schon mal gesehen? Hast du ihn heute überhaupt schon mal irgendwann gesehen?«

»Nein. Aber ich habe auch nicht auf ihn geachtet. Ich habe ihn auch nicht gesucht.«

»Klar«, knurrte Lenny. »Und wenn du ihn suchen würdest, Baby, dann würdest du ihn nicht finden. Begriffen? Weißt du, was das bedeuten kann?«

»Hm - das ist es also, was dir Sorgen bereitet?«

»Donnerwetter! Ich staune, wie schnell du das gepackt hast.« Lenny schnaufte erneut. »Verdammt, ja! Ich mache mir Sorgen um Mike.«

Oprescu und Evans sahen sich an.

Und brachen in schallendes Gelächter aus.

»Darling«, ließ sich Marilena erneut vernehmen, »ich glaube, wir müssen wieder raus. Das Wasserballett kann doch nicht ohne dich anfangen.«

»Wird es auch nicht«, brummte er. »Bevor ich nicht da bin, fangen sie nicht an. Bemerkst du den feinen Unterschied?«

»Ja, Darling«, hauchte Marilena ergeben.

Geräusche, die nach Keuchen und Küssen klangen, ließen vermuten, dass sie Lenny mit Hilfe ihrer weiblichen Waffen besänftigte.

John Evans kicherte. Er konnte nicht mehr aufhören damit.

»Ich mache mir Sorgen um Mike«, imitierte er Lenny Guzzo und krähte dabei wie Woody Woodpecker, der Specht aus der Kindersendung. Er keuchte in seiner Heiterkeit. »Mann, Dracula, hast du das gehört? Der arme Lenny macht sich Sorgen um den armen Mike!« Bertrand Oprescu konnte nicht anders, er musste wiehern. Einerseits über seinen Kumpel John, andererseits über Lenny Guzzo. Dessen Ahnungslosigkeit war wirklich herzerfrischend.

Der Lautsprecher blieb still. Die Minisender hatten sich deaktiviert. Die Dinger entsprachen dem neuesten Stand der Technik. Daran würde man noch viele Jahre seine helle Freude haben.

John Evans beruhigte sich und schaltete Lautsprecher und Recorder aus.

Oprescu drückte die Zigarette aus, nahm das Handy seines Komplizen und wählte die Nummer des >Allegheny Social Clubs<, in dem sich Jay Parisi an diesem Abend aufhielt. Das war in Little Italy, Manhattan, an der Grand Street. Es gab dort unten noch ein paar alte sizilianische Gentlemen, die die Traditionen ihrer Heimat pflegten. Sie verstanden sich vor allem auch als Bollwerk gegen das überbordende Chinatown, den asiatischen Moloch, der seine Nachbarn fraß. Little Italy an erster Stelle.

Die Gentlemen schätzten strebsame junge Männer.

Deshalb war Joseph Parisi bei ihnen ein gern gesehener Gast. Er akzeptierte es, dass er mit seinen neunundvierzig Jahren für sie noch ein junger Bursche war. Nicht unbedingt ein Greenhorn, aber eben doch - jung.

Jay schätzte seinerseits die Ratschläge der weisen Alten. Sie würden ihm auf seinem Weg nach oben helfen.

Ein Angestellter des Clubs meldete sich mit dem üblichen unverbindlichen »Hallo«.

»Gib mir mal den Meister aller Klassen«, verlangte Oprescu. Es war zugleich ein Code; damit gab er sich selbst zu erkennen und benannte auch den, den er sprechen wollte.

Es knackte ein paarmal in der Leitung. Das Gespräch wurde in ein Zimmer umgelegt, in dem Jay Parisi ungestört war. Der Allegheny Club galt überdies als wanzenfrei. Allerdings musste man sich dabei auf die derzeit verfügbare Technik verlassen.

»Wie sieht's aus?«, erkundigte sich Parisi statt einer Begrüßung.

»Er macht sich Sorgen«, sagte Oprescu.

»Wegen seines verloren gegangenen Freundes?«

»Genau das.« Oprescu lachte leise. Er sah Jay vor seinem geistigen Auge, wie er in einem der alten Plüschsessel saß und schmunzelte.

Jay Parisi war ein Schrank von einem Kerl - breitschultrig, groß und knochig. Mit seinem dunklen Haar und dem Vollbart wirkte er irgendwie einschüchternd. Das war beabsichtigt. Sein Fußvolk sollte ihn nicht lieben, sondern Respekt vor ihm haben.

Mike Fontana, einer von Lenny Guzzos Unterbossen, hatte schon immer zu Jay Parisis verbissensten Konkurrenten gehört. Im Laufe des zurückliegenden Jahres waren sie zu Feinden geworden, ohne dass es allerdings jemals offen ausgesprochen worden wäre.

»Wie hat sich das geäußert?«, wollte Jay wissen.

»Wir haben ihn und seine bessere Hälfte belauscht. Er hat ihr was vorgejammert, weil jetzt gleich die große Vorführung kommt und sein Kumpel noch immer nicht da ist.«

»Na, fein«, freute sich Jay Parisi. »Gelungene Überraschungen sind die schönsten Überraschungen. Haltet mich auf dem Laufenden. Und seht zu, dass es nicht wieder so eine Katastrophe gibt wie gestern Abend.«

Oprescu versprach es und schaltete das Handy aus.

Jetzt konnte es sich nur noch um Minuten handeln.

Dann würden sie was erleben.

Drüben im Sportzentrum.

Die Luft roch nach Chlor und Urwaldfrische. Ersteres lag eindeutig an dem aufbereiteten Wasser. Durch die Fliesen erhielt es einen himmelblauen Glanz. Letzteres rührte von den Dschungelpflanzen her, die wirkungsvoll unter den teilverglasten Kuppeldächern aufragten.

Die festliche gekleideten Gäste verteilten sich auf die Trockenflächen des Bades. Es war eine Mischung zwischen Sportarena und Erlebnisbad, zwischen Hallenbad und Troparium. Die Wasserflächen verzweigten und verwinkelten sich; sogar Kaskaden rauschten in einigen der Verbindungsbäche. Unter Palmen und großblättrigen Philodendren gab es lauschige Sitzecken. Mittelpunkt aber war das große Schwimmbecken, dessen Abmessungen den internationalen Wettkampfrichtlinien entsprachen.

Milo und ich ergatterten einen Tribünenplatz an der einen Längsseite des Beckens. Erwartungsfrohes Stimmengewirr umgab uns, und edle Parfüms femininer Duftnoten hüllten uns ebenso ein wie die herberen maskulinen Kreationen.

Die meisten Besucher hatten ihre Champagnergläser mitgebracht. Nur geraucht werden durfte in dem Wasser-Glas-Palast nicht. Die Leute in unserer unmittelbaren Umgebung, so folgerten Milo und ich aus den Gesprächen, waren leitende Angestellte der Bezirksverwaltung von Queens. Weiter unten saßen Mitglieder des Stadtrats.

Alle hatten nur das eine Thema.

Wir hörten die Gesprächsfetzen.

»Bestimmt hält er jetzt eine Rede.«

»Aber er hat doch schon heute Morgen gesprochen.«

»Lenny ist nicht der Typ, der im Hintergrund bleibt.«

»Wenigstens hier im Schwimmband muss er ein paar Takte sagen.«

»Da kennst du aber Lenny schlecht. Der macht, was er will. Immer. Und meistens ist es das, was keiner erwartet.«

»Er kann es sich leisten.«

»Wer so viel für die Allgemeinheit tut, braucht sich nicht zu verstecken.«

Milo und ich sahen uns an. Keine der schmuckbehängten Ladys und keiner der Gents mit Smokingfliege kannten uns. Doch wenn es anders gewesen wäre, hätten sie vermutlich genauso drauflos geredet. Man musste sich nicht zurückhalten, was Lenny Guzzo betraf. Im Gegenteil. Ihn zu kennen, war bereits eine Zier. Ihn so gut zu kennen, dass man ihn >Lenny< nannte, wenn man von ihm sprach, hatte den Hauch einer persönlichen Auszeichnung.

Ein Mobster hielt Hof.

Das hatte es in New York zuletzt 1991 gegeben. Bei John Gotti, bevor er lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt wurde. Gotti galt als der zweite Al Capone, als der zweitgrößte amerikanische Mobster aller Zeiten.

Und Lenny Guzzo wollte werden wie Gotti.

Mindestens.

An der Schmalseite des großen Beckens, hinter den Startblöcken, war ein Rednerpodium aufgebaut worden. Beiderseits des Podiums standen diejenigen, auf die es an diesem Abend ankam. Bekannte Gesichter. Ihr Bekanntheitsgrad entsprach der Häufigkeit, mit der sie auf Zeitungsfotos oder in den Lokalnachrichten der Fernsehsender erschienen.

Der Bezirksbürgermeister, seine beiden Stellvertreter, die Abteilungsleiter der Bezirksverwaltung, die Fraktionssprecher des Stadtrats, die gewählten Abgeordneten für Albany und Washington, D.C., sowie die Vorsitzenden und Trainer der Sportclubs, die ab sofort die Einrichtungen des >Woodland< nutzen würden. Alle schmückten sich mit ihren besseren Ehehälften.

Die Hauptperson des Abends hatte zusätzlich noch vier Bodyguards dabei. Bullige Kerle, denen die Muskelpakete fast die Dinnerjacketts sprengten.

Lenny und Marilena Guzzo strahlten wie ein Herz und eine Seele. Lennys Leibwächter hatten das vermutlich angeordnete Lächeln aufgesetzt, doch es wirkte eher wie ein mühevolles Grinsen.

Nur ein paar Meter entfernt hatten die Ehrengäste eine Gasse freigelassen. Sie führte direkt auf einen offenen Durchgang zu, hinter dem jedoch in einiger Entfernung ein weißer Vorhang den Blick auf die dortigen Räume versperrte.

Die Pressefotografen und die Kameraleute des Fernsehens waren vorläufig auf ihre Teleobjektive angewiesen, denn sie mussten an der gegenüberliegenden Schmalseite des Beckens ausharren. Erst später, nach dem Wasserballett, würden sie den großzügigen Lenny direkt vor die Linse bekommen.

Nicht zuletzt die Berichte der Medien waren es, die ihn in den Augen der Bevölkerung zu einer Art Robin Hood machten.

Offenbar wollte niemand begreifen, dass der Vergleich auf beiden Beinen hinkte. Lenny selbst war der Schweinehund, der sich an der Bevölkerung bereicherte - indem er ihnen Wucherzinsen abknöpfte, sie bei illegalen Spielen abzockte, sie in den Gewerkschaften maßregelte, Schutzgelder von den Kleingewerbetreibenden unter ihnen kassierte und ihre heranwachsenden Kinder zu Drogensüchtigen machte. Doch die Leute bewunderten Lenny. Sie, die sich selbst gern >die kleinen Leute< nannten, blickten zu ihm auf, weil er früher mal genauso weit unten gewesen war wie sie selbst.

Er hatte eine Frau, um die ihn alle beneideten, und er sah blendend aus. Beileibe nicht so, wie man sich einen Gangster vorstellte. Dunkelhaarig, schlank und topfit. Lenny hatte das Äußere eines Hollywoodstars. In seinem Smoking und mit seinem strahlenden Lächeln machte er den Eindruck, als sei er auf direktem Weg von der Oskar-Verleihung zurück nach Queens gekommen.

Zeitungsleser und Fernsehzuschauer wussten, dass Lenny Guzzo erst zweiundvierzig Jahre alt war. Noch ein Grund, ihn zu bewundern. Er hatte sich also gegenüber etlichen älteren Mobstern durchgesetzt und den Spitzenplatz im Gambetta-Clan eingenommen.

»Fällt dir was auf?«, fragte Milo halblaut, sodass nur ich es hören konnte.

»An wem?«

»An Lenny.«

Ich brauchte nicht lange zu überlegen, um zu wissen, was mein Freund und Kollege meinte. »Sein ständiger Begleiter fehlt, und darunter leidet er.« Ich sah Milo an. »Vielleicht denkt Lenny, Mike sei in der Garderobe hängen geblieben. Bei den Wasserbaletteusen. Das würde doch zu ihm passen.«

Milo lächelte hart. »Wie es aussieht, haben sie sich erst für den Abend verabredet. Lenny dürfte also tatsächlich ziemlich ahnungslos sein.«

»Stimmt«, erwiderte ich, »wenn er nicht doch Informationsquellen hat, von denen wir nichts wissen.« Jonathan D. McKee hatte über die Geschehnisse des gestrigen Abends eine absolute Nachrichtensperre verhängt. Es hatte nicht mal die Andeutung einer Presseverlautbarung gegeben. Auch das Police Department hatte sich daran gehalten.

Wahrscheinlich hatte Lenny Guzzo also nicht die leiseste Ahnung, wo sein Lieblings-Unterboss steckte. Zu weiteren Mutmaßungen über Guzzos Unterboss kamen wir nicht. Denn das Stimmengewirr verstummte, als hätte jemand einen Schalter betätigt.

Ralph J. Fitzgerald, der Vorsitzende des Schwimmclubs, trat ans Podium und rückte das Mikrofon zurecht. Er gehörte zu denen, die Lenny Guzzo in Interviews mit Lob und Dankbarkeit überschüttet hatten.

»Ladies and Gentlemen!«, rief Fitzgerald feierlich. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Doch keine Angst, ich werde Sie nicht mit einer Rede langweilen, wo Sie doch alle wissen, dass die große Attraktion des Abends unmittelbar bevorsteht. Deshalb gebe ich ohne großes Hin und Her das Startzeichen für unser Wasserballett - >The Mermaids<.«

Beifall setzte ein. Nebenan spielte die Band leise Begleitmusik, die durch Lautsprecher in die Schwimmhalle übertragen wurde.

Aus dem offenen Durchgang, der zu den Umkleideräumen führte, liefen die Girls in die Gasse.

Es wurde still, bis auf die Hintergrundmusik.

Die >Mermaids< trugen bunte Bikinis. Alle waren so gut gewachsen, dass der männliche Teil des Publikums glänzende Augen bekam. Die Ladys auf den Zuschauerrängen wahrten vornehme Zurückhaltung. Der sportlich künstlerische Teil der Darbietung würde genug bieten, wofür man sich auch als Frau begeistern konnte.

Die erste Bikininixe erreichte den Beckenrand zwischen zwei Startblöcken und tauchte mit elegantem, federleicht wirkendem Kopfsprung ins kristallblaue Nass.

Die anderen folgten in kurzen Abständen.

Die Blicke aus unmittelbarer Nähe zeigen unverhohlenes Lechzen. Ich bemerkte, wie Lenny Guzzos Bodyguards tuschelten, sich anstießen und feixten.

Einer von ihnen riss plötzlich den Mund auf. Ein stoppelhaariger Riesenkerl, der sich offenbar an den Rand eines Footballstadions versetzt fühlte, wo statt Champagner nur Bier strömte.

»Hey, Girls!«, grölte er, dass es unter der Glaskuppel nachhallte. »Na los, zeigt eure Titten!«

Die Girls gerieten fast ins Stolpern.

Gegenseitig hielten sie sich fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ungläubig blickten sie in die Richtung, aus der die Unverschämtheit gekommen war. Doch sie überwanden sich und liefen weiter.

Jäher Schock stand in den Gesichtern der Zuschauer. Fassungslosigkeit breitete sich aus. Unter den männlichen Gästen gab es nur wenige, die sich ein Grinsen nicht verkneifen konnten. Lediglich die Musiker, nebenan, hatten noch nicht mitbekommen, dass die Situation eigentlich keine heitere Begleitmusik mehr verdiente.

Der Schwimmclub-Vorsitzende, noch auf dem Podium, musste sich festhalten. Er sperrte den Mund auf, kriegte aber offenbar kein Wort heraus. Die übrigen Ehrengäste sahen nicht weniger entgeistert aus.

Natürlich kannte jeder die rauen Sitten in den Stadien. Die Frauen unter den Fans wussten, dass sie dort in bestimmten Zonen mit der rüden Aufforderung zu rechnen hatten. Und dass es durchaus Frauen gab, die ihren Spaß daran hatten.

Der Stoppelhaarige verstand den Unterschied zwischen hier und dort nicht. Er sah stolz aus. Wohl deshalb, weil es ihm gelungen war, die Bikininixen aus dem Takt zu bringen. Seine Leibwächter-Kollegen belohnten ihn mit einem anerkennenden Grinsen.

Doch alle anderen waren wie erstarrt.

Nur Lenny Guzzo bewegte sich.

Er löste sich von Marilena und drehte sich um.

Es war der Moment, in dem sich der Stoppelhaarige zu neuen Taten ermuntert fühlte. Was da in bunten Oberteilen vorbeiwippte, konnte er einfach nicht kommentarlos entschwinden lassen.

Diesmal trompetete er, dass es auch die hintersten Publikumsreihen mitbekamen.

»Hey, ihr Süßen! Na los, zeigt eure Titten!«

Diesmal war der Schock total.

Selbst die Band setzte aus.

Die Bikinimädchen schienen stehen bleiben zu wollen, schienen zu überlegen, ob sie wegen der Unverschämtheit den kompletten Auftritt abbrechen sollten. Doch sie liefen weiter, tauchten ins Wasser und wahrten ihre Eleganz.

Unterdessen war Lenny Guzzo mit zwei schnellen Schritten bei dem Kerl, der ihn vor aller Öffentlichkeit lächerlich machte.

Möglich, dass die Öffentlichkeit es sogar so betrachtete, wie es ihm am allerwenigsten gefiel: Diese Leibwächter, mit denen er sich umgab, zeigten allzu deutlich, woher er kam und wer er wirklich war.

Die Ehrengäste wichen zur Seite.

»Lenny!«, rief Marilena. »Nun hör doch ...«

Zu spät.

Es klatschte und krachte.

Viermal hintereinander schlug Lenny zu.

Dem Stoppelhaarigen fiel das Grinsen aus dem Gesicht.

Er sackte in sich zusammen, ohne noch einen Laut von sich zu geben. Mit einer herrischen Geste veranlasste Lenny Guzzo die übrigen Bodyguards, den Mann hinauszuschaffen. Sie gehorchten sofort, packten den Bewusstlosen und schleiften ihn auf einen Durchgang zu.

Lenny rieb sich die Handknöchel und nickte den Umstehenden zu. Es war eine eher hochmütige Geste. Er bat nicht etwa um Verzeihung. Vielmehr hatte er klargemacht, wie man in seinen Kreisen ungehöriges Verhalten ahndete. Das, so meinte Lenny Guzzo, brachte ihm den meisten Respekt ein.

Ich wusste es, denn ich kannte ihn. Eine andere Denkweise hatte er nie gelernt. Er konnte noch so viele Millionen spenden und stiften, er würde nie zu denen gehören, in deren Mitte er sich hier wohl zu fühlen versuchte. Und sie würden ihn fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, wenn er eines Tages seine Macht und sein Geld verlor. Entweder hatte er die Hollywoodschinken zu eben diesem Thema noch nicht gesehen, oder er glaubte ernsthaft, dass die ungeschriebenen Gesetze des menschlichen Miteinanders für ihn nicht galten.

Die letzten Bikinigirls waren inzwischen vorbeigelaufen und ins Wasser gesprungen. Das Team war vollständig. Mit zielstrebigen Schwimmzügen formierten sich die Girls, und das Wasser schlug glitzernde kleine Wellen wie flüssiges Kristall.

Ralph J. Fitzgerald versuchte, die Situation ins Lot zu bringen. Er schaltete das Mikrofon wieder ein. Betont fröhlich rief er: »Ladies and Gentlemen, wie Sie sehen, haben unsere >Mermaids< inzwischen ihr ureigenes Element erreicht - das Wasser! Und wo könnte es besseres und klareres Wasser geben als hier bei uns  im >Woodland<!« Beifall brandete auf. Fitzgerald brachte ihn mit dämpfenden Handbewegungen wieder zum Verstummen. »Liebe Gäste, ich darf jetzt ausdrücklich den Mann aufs Podium bitten, dem wir das großartige neue Sportzentrum zu verdanken haben - Mr. Leonard Guzzo!«

Diesmal wuchs der Beifall zum Donnern an.

Lenny wirkte besänftigt. Lächelte.

Marilena blickte zu ihm auf und lächelte ebenfalls.

Ich stieß Milo an.

Mein Freund und Kollege nickte.

Er wusste, was ich dachte. Wir arbeiteten lange genug zusammen. Wir vermochten unsere Einschätzungen bestimmter Situationen gegenseitig zu erkennen, ohne dafür Worte brauchen zu müssen. In diesem Fall ging es um das Verhältnis der Menschen zu diesem Mann, der sich aus der Rolle des Mobsters in die des Publikumslieblings zu katapultieren versuchte.

Ralph J. Fitzgerald hatte es höflich formuliert. Man verdankte dem ehrenwerten Mr. Guzzo derart viel, dass man ihm einfach nicht böse sein durfte. Was konnte er schließlich dafür, wenn einer seiner Untergebenen den Bikinigirls zotige Sprüche hinterhergrölte?

Gemessen an dem schönen neuen Sportzentrum war das eine Bagatelle, die man getrost vergessen konnte. Ohne Gewissensbisse. Das funktionierte ganz einfach. Man brauchte nur daran zu glauben, dass Lenny Guzzo wirklich das war, was er der Welt vorspielte. Der hochanständige Multimillionär, der sich seiner Verantwortung für die Allgemeinheit bewusst war. Einer, der den Menschen das Gefühl gab, dass er sie an seinen geschäftlichen Erfolgen teilhaben ließ.

Milo sah es genauso wie ich. Wenn es uns demnächst gelingen sollte, Lenny wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu bringen, würden wir vom FBI eine verdammt schlechte Publicity haben. Dann würden wir als die bösen Jungs dastehen, die den Wohltäter Leonard Guzzo daran hinderten, weiter Gutes zu tun.

So war es mit John Gotti bereits gelaufen. Noch heute gab es Bürgerinitiativen in New York, die Gottis Freilassung forderten. Allen Ernstes.

Nachdem Lenny das Podium betreten hatte, verstummte der Beifall und wich gespannter Erwartung.

»Ich will keine großen Worte machen«, sagte er mit einer knappen Handbewegung. »Was gesagt werden musste, ist ja alles schon heute Vormittag gesagt worden. Jetzt steht unser großartiges Wasserballett im Vordergrund! Also - Start frei für die >Mermaids<!«

Erneut klatschten die Zuschauer, doch diesmal wurde es rasch wieder still. Denn Musik vom Band setzte ein, und schon bei den ersten Takten wurde deutlich, dass auch die Tontechnik des >Woodland< zur Spitzenklasse gehörte. Lenny Guzzo hatte dafür gesorgt, dass an nichts gespart werden musste.

Während die ersten sanften Klänge eines Symphonie-Orchesters aus dem Nichts hereinschwebten, hob Lenny die rechte Hand und bewegte sie ein paarmal hin und her. Eine sparsame Geste, etwa so, wie sie die europäischen Monarchen praktizierten, wenn ihnen ihr Volk zujubelte.

Graziös und elegant glitten die >Mermaids< durch das flimmernde Wasser. Das scheinbare Durcheinander, das sie verursachten, erzeugte sprudelnde Wasserblasen.

Die Klänge aus der Superstereoanlage entpuppten sich als Teil einer Ballettmusik aus der Oper >Orpheus< von Christoph Willibald Gluck.

Das Chaos der Nixen begann sich zu ordnen. Fotografen und Kameraleute kämpften noch um die besten Plätze am Beckenrand. Doch die ersten Elektronenblitze zuckten bereits auf, erzeugten flächiges Gleißen auf dem Wasser. Einer der Fotografen benutzte statt seiner Kameras ein Handy. Das Gerangel der Zeitungs- und Fernsehleute wirkte störend. Über kurz oder lang würde einer von ihnen ins Wasser stolpern und die Show vollends zerstören. Als interessierter Zuschauer hätte ich mich gern voll auf die >Mermaids< konzentriert.

Aus dem vermeintlichen Chaos ihrer Schwimmbewegungen formte sich nun das vollkommene Bild.

Großbuchstaben.

»Oh verdammt!«, hörte ich Milos Murmeln neben mir.

Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Magen auf den Kopf stellte. Was zu viel war, war einfach zu viel. Der Personenkult, den sie hier in Queens um einen Gangster trieben, überstieg langsam die Grenzen des guten Geschmacks.

Milo hielt mich am Arm fest. Er merkte, dass ich drauf und dran war, aufzuspringen. Wahrscheinlich hätte ich es auch getan, wenn er mich nicht gebremst hätte. Hölle und Teufel, ich hätte dieser Veranstaltung ein vorzeitiges Ende bereitet! Ohne Rücksicht darauf, was für Schlagzeilen uns das eingebracht hätte.

Denn die Buchstaben, zu denen sich die >Mermaids< formiert hatten, bildeten den ebenmäßigen Schriftzug:

THANK YOU, LENNY!

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John Evans hatte einen anderen Minisender im Empfänger. Die Wanze saß in einer Innenwand, die unmittelbar an die Schwimmhalle grenzte. Der Lautsprecher war eingeschaltet. Bertrand Oprescu hatte sich bereits über die gute Übertragungsqualität gefreut, als Lenny Guzzo dem Wasserballett das Startsignal gegeben hatte.

Auch die Ballettmusik war gut zu hören.

Oprescu drückte seine Zigarette aus.

Evans spähte noch einmal durch das Fernglas. Nach einem kurzen Moment ließ er es wieder sinken.

»Das Becken kann ich zwar nicht sehen«, berichtete er. »Aber sie sitzen alle ganz andächtig da. Scheint also losgegangen zu sein.«

Ein vielstimmiges Raunen drang aus dem Lautsprecher. Es übertönte die Ballettmusik für einen Moment.

Oprescu nickte. »Hört sich ganz so an.« Er nahm das Funkgerät, zog die Antenne heraus und schaltete es ein. Ein Akku lieferte die Energie, die für die Fernzündung erforderlich war. Das Gerät wurde in gleicher Bauweise von den Pioniereinheiten der US Army verwendet. Oprescu checkte die Stromversorgung mit der dafür vorgesehenen Taste. Ein grünes Kontrolllämpchen leuchtete auf. Der Akku war absolut frisch.

Oprescu stellte das Gerät zurück auf den Tisch.

Im selben Moment schlug das Handy an.

»Siehst du!«, rief Evans begeistert. »Es geht tatsächlich ...«

Oprescu brachte ihn mit einer Handbewegung zum Verstummen. Er brauchte nicht noch eine Bestätigung dafür, dass der entscheidende Moment gekommen war. Während er sich meldete, sonnte er sich in der Gewissheit, alles richtig gemacht zu haben. Das Handy war nicht sein eigenes. So hatte er es immer gehalten, und er war stets gut damit gefahren.

Schmatzende und klickende Geräusche von motorgetriebenen Kameras drangen als Erstes aus der kleinen Lautsprechermembran am Ohr des Rumänen. Er wusste, es waren die Pressefotografen.

Der Mann am anderen Ende der drahtlosen Verbindung sagte nur ein einziges Wort. »Jetzt!«

So und nicht anders war es vereinbart.

Oprescu drückte auf die Trenntaste und legte das Handy weg.

Evans riss das Fernglas hoch.

Er richtete es auf die große Glaskuppel der Schwimmhalle.

Oprescu legte Zeigefinger und Mittelfinger auf den großen Kipphebel des Funkzündgeräts.

»Jetzt pass auf«, sagte er knapp.

Evans' Fingerknöchel traten über dem Fernglas weiß hervor.

Oprescu legte den Kipphebel flach.

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Sie lösten die Buchstabenformation auf. Mir wurde etwas wohler. Die Musik wechselte. Der Blumenwalzer aus >Der Nussknacker< von Peter I. Tschaikowsky erklang. In ihrer quirligen Behändigkeit strebten die >Mermaids< auseinander, um sich für ein neues Bild zu sammeln.

Ein lautes Klatschen war plötzlich zu hören.

Im ersten Moment glaubte ich, dass ein Fotograf oder ein Kameramann ins Wasser gefallen war.

Doch das Klatschen war ein Knall gewesen.

Im ersten Moment änderte sich nichts.

Die Zuschauer, ebenso wie die >Mermaids<, sahen sich verdutzt um. In dieser Sekunde begriff niemand, was geschehen war.

Doch dann ein Schrei.

»Da oben!«

Ich war sicher, dass es einer der Fotografen gewesen war, der da geschrien hatte.

»Sieh dir das an!«, stieß Milo hervor.

Alle Blicke richteten sich zur Glaskuppel.

Atemloses Entsetzen breitete sich aus.

Ein Oberlicht war aufgeklappt.

Etwas Großes, Schwarzes segelte herab.

Die >Mermaids< schrien vor Angst, als sie es sahen. In wilder Flucht versuchten sie, den Beckenrand zu erreichen.

Das Schwarze war schwer, fiel schnell.

Nur zu Anfang flatterte es mit fledermausartigen Seitenkanten, groß wie ein Türblatt. Dann, nach den ersten Metern freien Falls, wurde es von dem Schwarz eingehüllt.

Ein Laken.

Trauerfarben.

Wie das fallende Laken seine Last einhüllte, zeichnete es die Konturen eines menschlichen Körpers.

Schreie gellten. Die Nixen hatten den Beckenrand fast erreicht. Immer mehr Schreie wurden laut. Jemand hatte die Stereoanlage ausgeschaltet.

Ich sprang auf, bemühte mich, außer dem Herabsausenden auch die Schar der Fotografen und Kameraleute im Auge zu behalten.

Ihr Gedränge und Geschiebe war schwer überschaubar. Jeder wollte das Sensationsbild von dem schwarzen Ding, das da ins Wasser fiel.

Diesmal kämpften sie mit harten Bandagen, hieben sich die Ellenbogen in die Seite, packten sich gegenseitig an den Schultern und rissen sich aus der Schussrichtung. Der Sekundenbruchteil, der ihnen blieb, ließ ihnen kaum noch Chancen. Nur wenige von ihnen würden das Sensationsfoto oder den Sensationsfilm in den Kasten kriegen.

Und einer hatte überhaupt kein Interesse daran.

Er wühlte sich frei, von dem Pulk weg.

Ich stutzte.

Er war mir schon einmal aufgefallen.

Im selben Moment klatschte das schwarze Riesenpaket ins Wasser. Es klang hell wie das Peitschen eines Gewehrschusses. Schäumendes Wasser stieg hoch.

Die Schreie der Bikinigirls überschlugen sich. In panischer Angst krabbelten sie die gerundete Fliesenkante hinauf. Die ersten sprangen am Beckenrand auf. Und rannten los. Irgendwohin. Eines der Mädchen warf sich einfach in die Zuschauerreihen.

Hinter den >Mermaids< senkte sich die Gischtfontäne.

Durch den Aufschlag hatte ich das schwarze Laken ausgebreitet.

Für einen Moment, wie zögernd vor dem Untergehen, lag es mit seiner Last auf der Wasseroberfläche.

Ein Laut des Entsetzens lief durch das Tribünenrund, vor allem von den weiblichen Zuschauern.

Lenny Guzzo wurde kalkweiß im Gesicht.

Marilena schlug sich beide Hände vor den Mund.

Ralph J. Fitzgerald und der Rest der Honoratioren standen wie versteinert.

Auf dem Laken lag ein Mann.

Gefesselt.

Blutüberströmt.

Das Gesicht leblos und wächsern.

Die toten Augen starrten zur Glaskuppel empor.

Ich erkannte den Mann sofort.

Mike Fontana.

Der wichtigste Unterboss im Gambetta-Mob.

Er sank unter die Wasseroberfläche, und wieder hüllte ihn das Laken ein. Lenny Guzzo brüllte wie ein angeschossener Stier. Er schrie seinen Zorn und seinen Schmerz hinaus. Etwas anderes konnte er in diesem Augenblick seiner Ohnmacht nicht tun.

Mein Blick fiel wieder auf den Fotografen, der nicht fotografieren wollte.

Er war endgültig freigekommen, hatte schon vier, fünf Meter zurückgelegt. Der Fliesenweg, auf dem er lief, führte zu einem der Durchgänge. Buchstabe F.

Ich stieß Milo an. Und schon waren wir unterwegs. Raus aus der Sitzreihe, den Gang hinunter. Kopfschütteln und missbilligende Blicke begleiteten uns.

Der Fotograf war blond und mittelgroß. Er trug eine dieser grauen Knitterjacken mit tausend Taschen. Wegen der vielen Kleinteile, die er berufsbedingt mit sich herumschleppen musste.

Er merkte noch nicht, dass er verfolgt wurde.

Lenny Guzzo rief nach seinen Leibwächtern. Fitzgerald und die anderen zerrten ihre Handys heraus. Alle >Mermaids< hatten das Becken inzwischen verlassen.

Die Leiche lag auf dem Fliesenboden - schwarz umrahmt.

Schwaden von Blut stiegen in dem kristallklaren Wasser auf.

Jemand hatte Guzzo treffen wollen, und das war voll gelungen. In der Hierarchie des Mobs spielen Unterbosse eine wichtige Rolle. Manche von ihnen steigen bis zur Nummer zwei auf. So auch Fontana. Er war praktisch Guzzos Stellvertreter gewesen.

Jemand hatte Lenny eines Teils seiner Macht beraubt.

Der blonde Fotograf hatte den Durchgang F erreicht. Verschwand darin.

Ich legte Tempo zu. Milo folgte mir dichtauf. Noch harrte das Publikum auf seinen Plätzen aus, noch war der Zeitpunkt für eine Panik nicht gekommen. Denn noch wusste niemand, was weiter geschehen würde. Blieb es bei dem vom Himmel gefallenen toten Unterboss? Oder war das nur der Auftakt zu einem noch größeren Paukenschlag gewesen?

Es war unglaublich: Zum zweiten Mal hatte ich Mike Fontana ins Wasser fallen gesehen. Und schon beim ersten Mal war er nicht mehr am Leben gewesen.

Wir umrundeten die Medienmeute, stürmten auf dem Fliesenweg voran. Durchgang F führte in einen hell erleuchteten, lang gestreckten Korridor.

Die Schritte des Fliehenden hallten weit und laut.

Er hatte nur zwanzig Meter Vorsprung. Den Ausgang mit seinen breiten Glastüren hatte er schon fast erreicht. Der Korridor befand sich an der Außenseite des Gebäudes. In der Innenwand gab es eine Reihe von Türen, die zu den verschiedenen Funktionsräumen führten.

Unser Mann musste sich entscheiden, welchen Weg er nehmen wollte.

Er tat es in dem Moment, in dem er unsere Schritte hörte.

Deutlich sah ich, wie er langsamer wurde und zu überlegen schien. Beim nächsten Atemzug, als er erschrocken den Kopf herum warf und uns sah, sprintete er mit doppeltem Tempo los - auf die Glastüren zu.

Ich drehte mich nur kurz zu Milo um.

»Ruf den Chef an«, bat ich halblaut, dann spurtete ich ebenfalls.

Milo zog das Handy hervor und verlangsamte sein Tempo.

Vor mir stieß der Fotograf einen der gläsernen Türflügel auf und schnellte ins Freie. Die schwere Kamera klatschte ihm gegen den Bauch und behinderte ihn stark.

Aber er konnte sich von dem wertvollen Stück nicht trennen.

Ich holte auf.

Der Türflügel pendelte noch, als ich hinter dem Kerl her ins Freie stürmte.

Draußen erstreckte sich der Parkplatz - weitläufig, unter hohen Lampen und voll vom Lackglanz nobler Schlitten.

Der Vorsprung des Fliehenden war geschrumpft. Höchstens zehn Meter hatte er noch.

»Stehen bleiben!«, rief ich schneidend. »FBI!«

Im Laufen zuckte er zusammen.

Ich sah es deutlich, bemerkte auch, wie er unschlüssig wurde. Und noch einmal beschleunigte ich. Noch war der Mann auf der Hauptfahrspur, in der Mitte zwischen den Reihen der parkenden Wagen.

Er versuchte, seine Chancen abzuwägen.

Ich folgerte es aus der Tatsache, dass er noch langsamer wurde. Selbst wenn er seinen Wagen erreichte, konnte er mir nicht mehr entkommen. Und er wusste, dass wir zu zweit waren. Milo würde in kürzester Zeit ebenfalls zur Stelle sein.

»Bleiben Sie stehen!«, wiederholte ich. »Seien Sie vernünftig, Mann!« Ich brauchte meine Stimme nicht mal mehr anzustrengen, denn nun war ich schon auf fünf Meter heran. Er hätte mich nicht klarer und deutlicher gehört, wenn ich neben ihm gestanden hätte.

Und es wirkte.

Mit einem resignierenden Schnaufen gab er auf. Seine Schritte erschlafften, seine Schultern sackten. Als er sich umdrehte, sah er aus, als würde er jeden Moment in sich zusammensinken.

»Wieder mal alles Scheiße«, murmelte er niedergeschmettert.

Ich zeigte ihm meinen Dienstausweis, nannte meinen Namen. »Wer sind Sie?«, fragte ich rau. »Warum laufen Sie weg?«

»Ollie Charters«, antwortete er dumpf. »Freier Journalist. Bild und Text bei allen Gelegenheiten. Ständig verfügbar, da fast immer ohne Aufträge.«

»Ach, du liebe Güte«, seufzte ich. »Bei so viel Selbstmitleid kommen einem ja die Tränen.« Milos Schritte näherten sich.

»Danke, Sir«, sagte er und schaltete sein Handy aus.

Ollie Charters grinste müde. »Brauchen Sie meinen Presseausweis?«

»Ja«, antwortete ich. »Aber vorher nehmen Sie die Hände hoch.«

»Warum denn das? Ich bin nicht bewaffnet.«

»Nehmen Sie trotzdem die Hände hoch.«

»Meinetwegen«, brummte er und gehorchte.

»In welcher Tasche steckt Ihr Handy?«, fragte ich.

Milo war bereits neben ihm.

»Mein Handy?«, echote Charters verblüfft. »Ich denke, Sie wollen ...«

»In welcher Tasche?«, unterbrach ihn Milo.

Charters holte tief Luft, wie vor einer schweren Anstrengung. »Unten rechts, in der Jacke.«

Da die entsprechende Außentasche stark beulte, brauchte Milo nicht lange zu suchen. Er sicherte das Handy in dem Zustand, in dem Ollie Charters es ein gesteckt hatte. Die Nummer, die er aus der Schwimmhalle angerufen hatte, musste also gespeichert sein.

»Okay, und dann noch den Presseausweis«, sagte ich. Charters antwortete, aber ich hörte nichts.

Er hatte den Mund geöffnet, und seine Augen wurden starr, als er mich ansah.

Jemand schien ihm in den Rücken zu boxen.

Aber da war niemand.

Ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel.

»Deckung!«, brüllte ich.

Ich hätte Milo nicht aufzufordern brauchen. Er schnellte sofort nach links weg - als ich mich abrollte. Ich packte Charters, riss ihn von den Beinen, obwohl ich wusste, dass es nichts mehr nützte. Ich tauchte rechts in die Gasse zwischen den parkenden Wagen. Hinter der ersten erreichbaren Stoßstange kam ich halb hoch. Meine Waffe war schussbereit.

Milo kauerte drüben in Deckung, die Kanone ebenfalls im Anschlag.

Für Charters konnten wir nichts mehr tun.

Er war auf die Seite gefallen, und ich konnte die Einschüsse in seinem Rücken sehen. Mindestens drei Kugeln hatten ihn getroffen - wahrscheinlich aus großer Entfernung. Und wahrscheinlich benutzte der Heckenschütze ein Präzisionsgewehr mit Schalldämpfer.

Ich war entschlossen, den Killer zu schnappen.

»Milo!«, rief ich und wollte hinzufügen, dass er mir Feuerschutz geben sollte.

Doch es blieb mir im Hals stecken.

Denn in diesem Moment geschah das Unfassbare.

Krachend flogen die Glastüren der Schwimmhalle auf. Schnelle Schritte folgten, ein knapper Befehl.

Dann hämmerten Maschinenpistolen.

Es dauerte nicht länger als zwei Sekunden.

In den Nachhall der verstummenden Waffen gellte ein markerschütternder Schrei.

Details

Seiten
240
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914290
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380457
Schlagworte
horst friedrichs kriminalroman blutiger machtkampf

Autor

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Titel: Horst Friedrichs Kriminalroman - Blutiger Machtkampf