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Top Grusel Thriller #1 - Das Menschenmonster

2017 150 Seiten

Leseprobe

Top Grusel Thriller #1 - Das Menschenmonster

Al Frederic

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Die Menschenmonster

von Al Frederic

Unheimliche Begegnungen mit den Mächten des Bösen, finstere Geschöpfe des Todes, die die Lebenden mit ihren namenlosen Schrecken heimsuchen und Dämonen, die durch einen unbedachten Gedanken gerufen wurden oder einem Ort anhaften wie ein böser Fluch – darum geht es in den Romanen der Reihe TOP GRUSEL THRILLER.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /Cover Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Karg und trostlos lagen die abgeflachten Kuppen der Berge unter der erbarmungslosen Sonne, die nahezu jede Art vegetativen Lebens vernichtete. Das Gras und das struppige Getreide an den Hängen oberhalb des Dorfes waren längst verdorrt. Fünfzehn Stunden am Tag glühte die Sonne mit fast gleichbleibender Kraft vom Himmel. Den Menschen und den Hunden und den Katzen fiel jede Bewegung schwer, und selbst die an Mühsal und Entbehrung gewöhnten Esel und Maultiere schleppten sich nur träge dahin. Ein Dorf lag in Lethargie: El Turbio, Kolumbien.

Männer, Frauen und Kinder hatten sich dicht unterhalb der Kuppe der höchsten Erhebung von El Turbio versammelt. Sie beobachteten mit verschlossenen und doch faszinierten Mienen den Mann, der ganz oben auf dem Gipfel Kräuter auslegte und Flüssigkeit aus irdenen Krügen auf dem Untergrund verteilte. Er trug ein rotes bodenlanges Gewand, und seine weißen Haare stellten sich unter dem heißen kraftlosen Wind auf, der über die Kordilleren strich.

Ein paar Männer nahmen Knüppel zur Hand und klopften mit schlaffen Bewegungen den Boden rings um die Menschengruppe ab, um Vipern zu verscheuchen. Dann hockten sie sich wieder zu den anderen. Auf ein Zeichen des Weißhaarigen hin bediente ein Knabe eine Knarre. Ein anderer begann, auf seiner Hirtenflöte eine leiernde Weise zu spielen. Ein dritter drehte eine Gebetsmühle und stieß unablässig leise unverständliche Laute aus.

Der Weißhaarige in dem roten Gewand richtete sich auf, breitete die Arme aus und stimmte einen zu der Flötenmelodie dissonanten Singsang an, in den die anderen summend einfielen. Eine Frau mit schwarzen lockigen Haaren sprang plötzlich auf und ließ einen spitzen Schrei vernehmen. Keuchend wankte sie zwischen den Menschenleibern hindurch – eine untersetzte und dralle Person, deren Augen fiebrig flackerten. Sie strebte auf die Bergkuppe zu. Oben angelangt, riß sie sich das Kleid in Fetzen, bis der gesamte Oberkörper entblößt war, und warf sich ehrerbietig vor dem immer noch singenden Weißhaarigen auf den heißen Felsboden. Er bückte sich wie in Trance und las ein blitzendes Messer auf, dessen Klinge beidseitig geschliffen war.

Die nächste größere Ansammlung von Häusern hieß Cali, eine Stadt im flachen Vorland der Kordilleren, deren Bewohner in zweifacher Hinsicht stolz auf ihre Heimat waren. Erstens hatte Cali eine lange bedeutsame Geschichte: Es war eines der frühen Handelszentren in Kolumbien. Zum anderen war über die Jahrhunderte erhalten geblieben, was einst die spanischen Conquistadores die Einheimischen gelehrt hatten: Fleiß, Gewandtheit und Einfallsreichtum. Cali bot das Bild einer modernen Stadt, die, wenn auch um etliches kleiner, sich durchaus mit Bogota messen konnte.

Jo Carmichael war schon vor seinem Eintreffen in diesem Land klar gewesen, daß er hier nicht die gleichen Maßstäbe wie in den Vereinigten Staaten anlegen konnte. Er hatte sich vorurteilslos und gleichsam unbedarft gefühlt, und doch war er vom plötzlichen Ende jeglicher Zivilisation überrascht worden, als er sich nur zehn Kilometer von Cali entfernt hatte. Die asphaltierte Straße hatte mitten im Bergvorland aufgehört.

Jo hatte seinen gemieteten Landrover zurücklassen müssen, denn auch für ein solches Fahrzeug war das Gelände unwegsam geworden.

Zum Glück hatte er ein paar Männer in zerlumpter Kleidung getroffen, die sich grinsend und gestikulierend dazu bereit erklärt hatten, sein Gepäck bis hinauf nach El Turbio zu tragen. Er hatte die Entfernung nicht messen können, aber seiner Meinung nach hatten sie mehr als zwanzig Meilen zu Fuß zurückgelegt, als sie jetzt auf einer trostlosen Anhöhe haltmachten und auf drei bis vier Dutzend Gebäude hinabblickten.

Jo Carmichaels Miene war angespannt, fast verzerrt. Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht und über den ganzen Körper. Die einst helle Kleidung klebte wie eine zweite Haut auf seinem Leib.

Er wandte sich um und ließ seinen Blick über die Gesichter der Lastträger gleiten. Sie grinsten nicht mehr. Ein schlechtes Geschäft hatten sie aber trotzdem nicht gemacht, denn er hatte für jeden zehn gute US-Dollar springen lassen. Damit halten sie sich mindestens den nächsten Monat über Wasser, dachte er. Sie waren zu dritt, hatten eine bräunliche Hautfarbe und dunkle ungewaschene Hälse und schwitzten genauso heftig wie er.

Jo betrachtete wieder die Bauten dort unten und stellte fest, daß es sich ausnahmslos um Lehmhütten handelte, die zum größten Teil mit Stroh bedeckt waren. Nur zwei oder drei trugen stark gekrümmte Dachpfannen aus hellem Material. Vielleicht eine Art von Privileg oder Statussymbol, ging es ihm durch den Kopf. Wie er so dastand und die ärmlichen Behausungen ins Auge faßte, war es mit seiner Unvoreingenommenheit vorbei.

Er verfluchte den Tag, an dem er beschlossen hatte, seinen Urlaub ausgerechnet in El Turbio zu verbringen. Er hatte sich durch Beschreibungen dazu verleiten lassen, die geradezu kriminell übertrieben gewesen waren. Denn das, was er da vor sich sah, entsprach keineswegs seinen Erwartungen.

Er hatte die Abgeschiedenheit eines kühlen und gepflegten Bergdörfchens gesucht. Er wollte sich erholen, um sich für seine Arbeit inspirieren zu lassen. Statt dessen war er an einem mörderisch heißen und verkommenen Platz gelandet. Ihm wurde schwindlig bei dem Gedanken, wie wohl die Menschen aussehen mochten, die in jenen Häusern lebten. In der glühenden Hitze vermehrten sich Krankheitserreger jeder Art. Jo Carmichael stammte aus Ochos Puertos in Florida, lebte jedoch seit Jahren in Miami Beach. Er war ein hagerer, hochgewachsener und nicht übel aussehender Mann über dreißig. Außer seinem Beruf hatte er eigentlich nur eine Leidenschaft, und das waren Frauen.

„Das ist El Turbio, Senor“, bemerkte einer der Träger überflüssigerweise.

„Macht einen sehr verwahrlosten Eindruck. Sind Sie sicher, daß es bewohnt ist? Ich meine, die Bewohner könnten die Hütten verlassen haben oder durch eine Epidemie dahingerafft worden sein.“ Jo sprach ausgezeichnet spanisch, wenn auch mit leichtem nordamerikanischem Akzent.

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Glaube ich nicht. Gehen wir runter, dann werden wir ja sehen, was los ist.“

Sie schritten weiter über die Anhöhe, die in einer Art Kamm auslief und bald den Blick auf die höchste Erhebung in der Umgebung des Dorfes freigab. Jetzt bemerkte Jo die vielen Menschen unterhalb der sonnendurchglänzten Kuppe, und er sah auch den Weißhaarigen in dem roten Gewand, der die Arme ausbreitete. Als die Frau nach oben lief und sich das Kleid vom Leib zerrte, drehte sich Jo entrüstet zu den drei Trägern um.

„Du lieber Gott, was hat denn das zu bedeuten? Ich habe den Eindruck, denen bekommt die Hitze nicht. Was machen die Leute auf dem Berg?“

Die drei Männer blickten zu der Gruppe hinauf und machten einige symbolische Gesten, die Jo nicht zu deuten wußte. Erst dann antwortete einer von ihnen: „Es ist der Wunderheiler Ludovigo, der dort oben zelebriert. Er ist ein großartiger Mann. Er wird es schaffen.“

„Was wird er schaffen?“

„Daß der Regen kommt, natürlich. Seit Monaten warten die Menschen aus den Bergen auf Wasser. Die Quellen sind versiegt. Auf den Boden der Brunnen liegt Staub.“

„Ich schätze, man wird auch in diesem Land etwas von künstlicher Bewässerung gehört haben. Die dürfte wirksamer sein als eine Beschwörung.“ Jo verzog das Gesicht. Aberglauben haßte er fast ebenso wie Schmutz und Bakterienherde.

„Künstliche Bewässerung kostet Geld“, sagte ein anderer Träger. „Und Geld haben die Leute von El Turbio nicht. Bis Hilfe aus der Provinzhauptstadt eintrifft, kann es bereits zu spät sein.“

„Zu spät? Warum gehen diese Menschen nicht nach Cali, um wenigstens in den Sommermonaten zu arbeiten?“

„Sie würden das Dorf niemals verlassen.“

„Auch nicht, wenn es um ihr Leben ginge?“

„Vielleicht nicht. Aber das verstehen Sie nicht, Senor. Die Menschen in dieser Gegend denken anders als Leute wie Sie. Sie hängen an ihrer Erde und ihren Tieren und würden sich in einer anderen Welt überhaupt nicht zurechtfinden.“

Jo Carmichael wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick stieß die schwarzhaarige Frau oben auf dem Berg wieder einen spitzen Schrei aus. Jo sah sie zu Boden fallen und beobachtete entsetzt, daß das Messer in der Hand des Wunderheilers aufblitzte.

„Himmel, er sticht sie tot“, rief er. Er konnte nicht genau verfolgen, was vor sich ging. Jo hob die Hand schützend über die Augen, doch immer noch wurde er geblendet.

„Es ist ein Blutopfer“, erklärte einer der Träger. „Nicht umsonst heißt dieser Berg der Bluthügel.“

„Also bringt er sie wirklich um!“ Jo schrie es. „Warum unternehmen wir nichts? Man muß hinaufrennen und ihm das Messer entreißen, bevor es dazu kommt.“

„Sie wird nicht sterben.“

„Wie können Sie da so sicher sein, Mann?“

„Sie verliert nur ein wenig Blut. Das ist alles.“

Jo stand mit geballten Händen da. Erschütterung und Abscheu spiegelten sich in seinem Gesicht. Er vernahm die eigentümliche Musik, die von Flöte, Knarren und Menschenstimmen erzeugt wurde. Ihre Atonalität beleidigte sein geschultes Ohr. Wütend verfolgte er, wie das Zeremoniell beendet wurde und die Menschengruppe sich zu einer Art Prozession formierte. Jemand führte zwei Maultiere herbei, zwischen deren Leibern eine Trage schwankte. Eine Gestalt, höchstwahrscheinlich die schwarzhaarige Frau, wurde daraufgehoben. Nun schritten die Männer, Frauen und Kinder talwärts, dem V-förmigen Einschnitt entgegen, in den sich das Dorf duckte. Allen voran marschierte Ludovigo, der Wunderheiler. Jo musterte die Träger aus zusammengekniffenen Augen. Er griff in die Tasche und holte ein paar Dollarnoten hervor.

„Ich bleibe auf keinen Fall hier. Wenn Sie mich zurück zum Landrover begleiten, Senores, zahle ich noch mal das gleiche.“

Sie hatten die Gepäckstücke abgesetzt. Einer von ihnen trat vor und fragte: „Wann? Etwa heute?“

„Natürlich.“

„Das wäre reiner Selbstmord“, erklärte der erste Träger. „Die Hitze würde uns alle umbringen. Sie wissen ja nicht, wie tückisch die Sonne ist. Nein, für keinen Preis der Welt gehen wir heute noch wieder zurück.“

„Und was wollen Sie tun?“

„Wir bleiben die Nacht über hier in El Turbio“, meinte der dritte Träger. „Die Leute sind sehr gastfreundlich. Einen Platz zum Schlafen finden wir bestimmt und etwas zu essen auch. Und eine Flasche Schnaps treiben wir auch auf, wenn wir mit Dollar bezahlen.“ Er lachte und nahm seine Bürde wieder auf.

Alle drei gingen nun über einen flachen ausgedörrten Hang dem Dorf entgegen, und Jo Carmichael blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Er war äußerst ungehalten über das dreiste Verhalten der Männer, aber er wußte, daß er sie nicht umstimmen konnte. Die Vorstellung, in El Turbio nächtigen zu müssen, war für ihn alles andere als reizvoll. Aber auch der Gedanke, mit den drei Trägern zu streiten und schließlich irgendwo mit einem Messer im Kreuz liegenzubleiben, schreckte ihn ab.

Vor dem Dorf begegneten sie der Prozession. Die Träger blieben stehen und verbeugten sich devot. Niemand sprach ein Wort, doch die Menge summte ihre wirre Melodie, und die Musikanten spielten auf ihren simplen Instrumenten. Voran ging der Wunderheiler Ludovigo. Sein Kopf war stolz erhoben und seine effekthascherischen Bewegungen waren gut einstudiert. Jo studierte seine Züge. Ludovigo hatte eine sonnengegerbte lederne Gesichtshaut. Ein Jüngling war er nicht mehr. Das zeigten die Falten und Krähenfüße unter den Augen. Sein weißes Haar bildete einen auffälligen Kontrast zu der dunklen Haut. Unter dem roten Gewand zeichnete sich ein Spitzbauch ab.

Hinter ihm ging ein Mädchen, dessen Äußeres Jo sofort fesselte. Sie trug ein buntes, altmodisches Kleid in der Art, wie sie Jo einmal während eines Europaurlaubs bei spanischen Zigeunerinnen gesehen hatte. Das Mädchen ging barfuß. Sie hatte zierliche Fußknöchel und hübsche gerade Gazellenbeine. Ihr Körper mußte verführerisch schön sein, und ihr Gesicht wirkte wie gemalt. Ihre ebenmäßigen Züge waren fein und zerbrechlich, und die großen Augen hatten einen sehnsüchtigen Ausdruck. Groß war auch ihr Mund, doch er harmonierte mit ihren Gesichtszügen. Ihre glatten schwarzen Haare fielen bis auf die Schultern hinab. Die Prozession zog vorüber. Jo entdeckte nun auch die Frau auf der Trage zwischen den beiden Maultieren. Sie regte sich nicht. Ihre Kleidung war blutbesudelt. Wieder fühlte Jo Zorn und Ekel.

Die Menschen wanderten durch das Dorf. In einigem Abstand folgten die Träger, zuletzt Jo, der die Hände auf dem Rücken gekreuzt hatte. Einer der Träger drehte sich kurz um.

„Wohin?“ sagte er nur.

„Ich suche einen gewissen Celo“, gab Jo zurück. „Ein Mann, bei dem ich gern länger geblieben wäre, wenn dieser Ort meinen Vorstellungen entsprochen hätte.“

Wenig später standen sie vor einer flachen Hütte mit Strohdach und glaslosen Fensteröffnungen, die wie Geisteraugen glotzten. Im Eingang baumelten Schnüre, in die Glasperlen eingeflochten waren. Daneben hockte ein Mann auf einem winzigen Schemel. Er war mager und hatte eine schlechte Körperhaltung. Sein Alter ließ sich nicht bestimmen. Ob er bei der Prozession dabeigewesen war, vermochte Jo nicht zu sagen. An sein Gesicht konnte er sich nicht erinnern.

„Wir haben bei einigen Leuten nach Celo gefragt, und man hat uns hierher geschickt“, sagte einer der Träger.

„Man hat euch gut beraten. Ich bin Celo.“ Der Mann auf dem Schemel kicherte und legte den Kopf schief. „Was wollt ihr?“

Jo machte zwei Schritte auf ihn zu. „Ich suche ein Zimmer für die Nacht.“

„Ich kenne dich nicht.“

Jo beobachtete, wie sich der Mund des Mannes beim Sprechen öffnete und schloß. Er hatte höchstens noch ein halbes Dutzend Zähne – kariesbefallene Zähne. Jo bemühte sich, seine Abneigung zu verbergen, was ihm nicht ganz gelang.

„Ich komme aus Miami Beach ...“ sagte er.

„Was, von so weit her? Wo liegt das? In Mexiko, oder?“

„In Florida. In meiner Combo war ein Trommler namens Paco Pegolo. Er erzählte mir immer wieder von seinem Heimatort El Turbio und gab Sie, Senor als seinen Onkel an. Ich komme auf seine Empfehlung.“

Celo hatte plötzlich Tränen in den Augen.

„Der gute Paco! Ja, er ist mein Neffe. Wo steckt er jetzt? Warum ist er nicht mitgekommen?“

Weil er wußte, wie ich ihm den Marsch geblasen hätte, dachte Jo. Laut erwiderte er: „Ich weiß es nicht. Ich habe auch keine Ahnung, wo er sich zur Zeit aufhält, denn in meiner Gruppe spielt er bereits seit einem Vierteljahr nicht mehr. Damals verließ er Miami Beach mit unbekanntem Ziel. Wie ist es, bekomme ich nun das Zimmer?“

Celo stand schwerfällig auf und reichte Jo die Hand. Jo übersah das geflissentlich. Er dachte an eine Liste von ansteckenden Krankheiten, deren Erreger sich auf der Handfläche des Mannes tummeln konnten.

„Pacos Freunde sind auch meine Freunde“, versicherte Celo mit krächzender Stimme. „Kommen Sie, Senor. Ich kann Ihnen nicht viel bieten, doch was ich habe, das gebe ich gern.“

„Dann wäre ja alles klar“, sagte einer der Lastträger. Er setzte Jos Gepäck vor der Hausmauer ab, und die anderen beiden folgten seinem Beispiel. Kopfnickend verabschiedeten sie sich. Kaum waren sie hinter der nächsten Ecke verschwunden, konnte Jo ihr hämisches Lachen vernehmen.

Celo richtete seinen Blick auf Jo Carmichaels Ausrüstung.

„Santa Maria, was Sie alles bei sich haben! Sie sind reich, Senor.“

„Ich bin Musiker. Die meisten Stücke sind Instrumente.“

„Bleiben Sie länger?“

„Ich hatte die Absicht. Inzwischen habe ich meine Pläne geändert. Ich kehre morgen früh nach Cali zurück“, entgegnete Jo.

Celo nickte träge.

„Sie tun gut daran. Das ist ein verfluchtes Dorf. Wenn nicht bald etwas geschieht, stirbt auch das letzte Vieh. Und wenn die Schafe eingehen, verenden auch die Menschen. Hitze und Trockenheit bringen uns um.“

Das von Celo als Zimmer bezeichnete Quartier entpuppte sich als düsteres, stickiges Loch an der Rückseite der Hütte. Nur durch ein kleines Fensterloch drang Sonnenlicht herein. Jo schluckte seinen Abscheu hinunter und machte sich daran, ein Gepäckstück nach dem anderen hereinzutragen. Celo konnte er es nicht zumuten, ihm zu helfen. Der Mann sah aus, als würde er jeden Augenblick entkräftet zusammenbrechen.

Jo kramte schwitzend in seinen Sachen herum und fand schließlich die Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel. Während er es in dem dunklen Raum verteilte, glaubte er, die Kehle würde ihm zugeschnürt, so heiß und sauerstoffarm war die Luft. Er mußte schleunigst wieder hinaus. Schwer atmend durchquerte er den Hauptraum, in dem seine empfindliche Nase Gerüche von Schweiß, kalter Asche, Knoblauch, Olivenöl und Schnapsdunst wahrnahm. Durch den Perlschnürenvorhang trat er ins Freie. Neben Celo hockte er sich in den Schatten der Mauer.

„Drinnen hält man’s nicht aus, wie?“ Celo blickte ihn aus feuchten, trüben Augen an. Jo las darin und verspürte zum erstenmal seit seinem Eintreffen so etwas wie Mitleid mit den Dorfbewohnern. Er nickte abwesend und dachte voller Verachtung an den Wunderheiler Ludovigo. Spontan fragte er: „Diesen Ludovigo – wo finde ich ihn?“

„Es gibt drei Häuser mit Ziegeldach in El Turbio. Das letzte am Ende des Dorfes gehört Ludovigo. Bist du krank? Brauchst du Hilfe?“

„Nicht direkt. Vielleicht einen Ratschlag.“ Jo richtete sich wieder auf und wandte sich zum Gehen. Plötzlich beugte er sich jedoch noch einmal zu dem ausgemergelten Mann hinab und steckte ihm eine Zehndollarnote zu. „Als Anzahlung für Übernachtung und Essen“, murmelte er. Celo erhob zwar schwachen Einwand, doch Jo ging seines Weges.

Die Hitze wirkte lähmend, obwohl es bereits Nachmittag war. Jo schritt schwerfällig aus. Er gab sich Mühe, nicht darüber nachzusinnen, wie hoch wohl die Temperatur sein mochte, denn das verstärkte noch das beklemmende, der Klaustrophobie vergleichbare Gefühl. Vor den Hütten saßen oder lagen die Menschen, und ihre Blicke verfolgten Jo Carmichael mit geringem Interesse. Kinder mit Blähbäuchen und dürren Gliedmaßen malten Zeichen in den Staub oder kauten auf irgend etwas – wahrscheinlich Getreideschrot – herum. Ihre Köpfe waren groß, und die Gesichter hatten einen senilen und trübsinnigen Ausdruck.

Das Gebäude, in dem der Wunderheiler hauste, war größer als alle anderen Hütten und konnte fast schon als stattlich bezeichnet werden. Eine Treppe führte zum Eingang hinauf, der aus einer richtigen Holztür bestand. Das Dach aus gekrümmten roten Ziegeln reichte weit bis über die Mauerkanten hinaus und spendete Schatten.

Ein paar verkrüppelte Bäume umstanden das Gebäude. Sie trugen längst keine Blätter mehr – die waren vertrocknet und zerbröselt. Vielleicht handelte es sich um Akazien.

Ein paar Männer und Frauen kamen aus dem Haus. Sie hielten die Köpfe gesenkt. Jo beachteten sie überhaupt nicht. Er strich an ihnen vorüber und trat in das Innere des Lehmbaus.

Im Gegensatz zu Celos Hütte oder den anderen Unterkünften in El Turbio hatte das Haus des Wunderheilers viele Fenster. Jo wußte nicht warum. Doch im Flur regte sich eine Art Wind, so daß der Aufenthalt hier erträglich war. Es roch angenehm nach Gewürzkräutern. Die Zimmer, an denen Jo vorüberging und in die er hineinsehen konnte, machten einen sauberen Eindruck.

Jo hörte Stimmen, aber sie kamen nicht aus dem Haus. Der Flur führte durch den gesamten Bau hindurch, und als er ihn durch eine schmale Tür verließ, fand er sich auf einer Terrasse wieder, über der sich an einer krummen Stangenkonstruktion ausgedörrtes Gesträuch emporrankte. An der Wand standen ein paar einfache Stühle. Ludovigo hockte auf einem davon, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ließ sich von dem schönen Mädchen, das Jo in der Prozession beobachtet hatte, mit einem Fächer Luft zuwedeln. Ludovigos schneeweiße Haare standen wirr von seinem Haupt ab. Sein Gesicht wirkte verlebt. Soeben sagte er zu ein paar Männern und Frauen, die vor ihm standen: „Geht jetzt. Heute kann ich mich nur noch mit denen befassen, die sich bereits angemeldet hatten.“

Die Leute – hagere Gestalten in sackähnlichen und farblosen Kleidern – blickten ihn flehend an und rangen die Hände. Aber das nützte ihnen nichts.

Ungerührt wiederholte Ludovigo: „Genug. Geht jetzt.“

Sie stahlen sich wie geprügelte Hunde davon Jo blieb unter der Türöffnung stehen und sah zu, wie Ludovigo sich einem Mann und einer Frau zuwandte, die links von ihm saßen. Sie richteten sich auf und wollten sich verneigen, aber er winkte ihnen knapp zu. Da blieben sie hocken. Zuerst schien es Jo, als habe ihn niemand bemerkt. Dann stellte er fest, daß das schöne schwarzhaarige Mädchen seinen Blick auf ihn gerichtet hielt. Er lächelte ihr zu. Sie verzog keine Miene, betrachtete ihn aber weiterhin. Unentwegt hob und senkte sie den Fächer.

„Also gut“, sagte der Wunderheiler zu der Frau. Er trug noch sein rotes Gewand, hatte jedoch den Saum hochgeschlagen, so daß man seine nackten behaarten Beine sehen konnte. „Was plagt dich? Fasse dich kurz, ich habe heute nicht viel Zeit.“

Sie erwiderte etwas, das Jo nicht verstand. Noch beim Sprechen zog sie unaufgefordert ein unscheinbares Bündel unter dem Stuhl hervor. Ludovigo nahm es an sich, warf einen Blick hinein und nickte gnädig. Mit lässiger Bewegung reichte er es an das Mädchen weiter. Darauf rückte er näher an die Frau heran, betastete ihren Körper und stellte allerhand Fragen, die sie leise beantwortete. Unterdessen hatte das schöne Mädchen den Fächer aus der Hand gelegt und kam über die Terrasse auf Jo zu. Er spielte mit dem Gedanken, sich davonzumachen, verwarf ihn aber rasch wieder. Warum sollte er nicht ein paar Worte mit ihr wechseln?

Stumm schlüpfte sie an ihm vorüber. Er spürte die Wärme und Weichheit ihres Körpers und fühlte unwillkürlich Hitze in sich aufsteigen. In ihm wuchs das Verlangen, sie näher kennenzulernen. Sie kehrte zu ihm zurück.

„Wer bist du?“ fragte er.

„Ich heiße Manola. Manola Dominguin.“ Der Klang ihrer Stimme hatte die Sanftheit eines Mezzosoprans und zugleich den leicht heiseren Beiklang einer Altstimme. „Du bist ein guter Mann. Ich spüre, daß du nicht schlecht bist.“

„Hast du mich deswegen nicht dem Wunderheiler gemeldet?“

„So ist es. Ich kann ihn nicht gut leiden, aber ich muß bei ihm bleiben, denn er ist der einzige Mensch, der sich um mich kümmert.“

„Du bist seine – Dienerin?“

„Seine Stieftochter.“ Sie lachte verhalten auf. „Meine Erzeuger haben mich in den Bergen ausgesetzt, Americano, und Ludovigo hat mich aufgelesen. Ich bin von klein auf bei ihm. Er gibt mir zu essen und zu trinken.“

„Und sonst?“

„Sonst nichts. Ich wehre mich dagegen.“

„Wann sehe ich dich wieder, Manola?“

„Wann du willst.“ Ihre Stimme wurde drängender, verlangend.

„Heute Abend?“

„Sobald ich hier fortkann. Du heißt Jo Carmichael, nicht wahr? Ich habe deinen Namen von den drei Männern erfahren, die dein Gepäck heraufgetragen haben. In El Turbio spricht sich alles schnell herum.“

„Ich erwarte dich vor dem Dorf, Manola.“

„Gut.“

„Manola“, ertönte die Stimme des Wunderheilers. „Manola, wo bleibst du?“

„Ich muß fort“, flüsterte sie Jo zu.

„Moment noch – was ist eigentlich in dem Bündel, das er der Frau abgenommen hat?“

„Brot, Kaffeebohnen und Schnaps als Bezahlung für die Behandlung.“

Sie sagte es und entzog sich seinen Händen, die sich inzwischen sanft auf ihre Unterarme gelegt hatten. Jo blickte ihr fast träumerisch nach. Er hatte viele Frauen gehabt, aber einem so phantastischen, zärtlichen, unverfälschten Wesen war er im Dickicht der Städte nie begegnet. Die Frau und der Mann erhoben sich gemeinsam, grüßten den Wunderheiler unterwürfig und machten sich davon. Ludovigo blieb auf seinem Stuhl sitzen, streckte die Beine aus und fixierte über den Rand der Terrasse hinweg irgendeinen Punkt in der sonnendurchglänzten Landschaft. Manola bewegte wieder den Fächer über seinem Kopf.

Jo ging zielstrebig auf ihn zu. Ärgerlich wandte Ludovigo den Kopf. Zum erstenmal hatte Jo Gelegenheit, Ludovigos Augen aus der Nähe zu sehen. Sie waren klein und gerötet und ließen auf einen ungesunden Lebenswandel schließen. Er machte einen ungepflegten Eindruck. Jo setzte sich einfach dem Wunderheiler gegenüber und blickte ihn mit unverhohlenem Argwohn an.

„Sie werden erfahren haben, wer ich bin“, begann er.

„Was hat Sie in diese gottverlassene Gegend verschlagen? Kummer?“

„Nein, die Suche nach Inspiration. Ich bin Combomusiker und Arrangeur und außerdem noch Komponist und reise durch die ganze Welt, um geeignete Plätze zu finden. Es ist nicht einfach, das kann ich Ihnen versichern – und El Turbio scheint mir auch nicht der richtige Ort zu sein.“ Jo hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden und beschloß, seinen Unmut über die Entwicklung der Dinge in einem Streitgespräch mit diesem Mann zu kompensieren. „Ich bin schlecht beraten worden“, fügte er noch hinzu.

„Haben Sie mich aufgesucht, um mir das zu erzählen?“

„Nein. Ich möchte Sie in Ihrer Eigenschaft als Wunderheiler befragen.“

Ludovigo verzog den dünnlippigen Mund.

„Tut mir leid, Senor Carmichael, aber die Sprechstunde ist heute beendet. Die letzten beiden Patienten habe ich soeben entlassen. Sie hatten sich übrigens vorher angemeldet.“

„Mit so fortschrittlichen Methoden arbeiten Sie?“ Jo gab sich keine Mühe, den Hohn in seiner Stimme zu verbergen. Rasch griff er in die Tasche seiner verschmutzten Jacke und holte ein paar Dollarnoten hervor. „Bedenken Sie, daß ich ein zahlungsfähiger Privatpatient bin, Ludovigo. Bei mir könnten Sie schon mal eine Ausnahme machen.“

Ludovigo seufzte und machte eine entsagungsvolle Miene.

„Also gut, ich bin dazu bereit. Was tut man nicht alles für seine Mitmenschen.“

„Das habe ich mir gedacht“, entgegnete Jo und steckte die Scheine wieder zu sich, was der Wunderheiler mit einem Hochziehen der Augenbrauen quittierte. Jo wich seinem Blick nicht aus. Er sah keinen Moment zu Manola hinüber, wußte aber, daß sie der Unterhaltung gespannt folgte und insgeheim guthieß, wie er sich ihrem Stiefvater gegenüber verhielt. „Sie nutzen die Gutgläubigkeit Ihrer Mitmenschen skrupellos aus. Der Nährboden für Ihr unverantwortliches Treiben ist die Rückständigkeit dieser Leute, denn wenn hier ein Arzt auch nur einmal im Jahr eine Reihenuntersuchung vornehmen würde, wäre es vorbei mit Ihrem Erfolg. Ich möchte nicht wissen, was Sie den armen Teufeln aufgeschwatzt haben, die vor mir an der Reihe waren.“ Ludovigo machte schmale Augen. Seine Stimme senkte sich fast zu einem Flüstern.

„Das Paar möchte ein Kind. Ich habe den Leib der Frau besprochen und ihr Mut gemacht. Sie wird es bekommen.“

„Beschwörung, Handauflegen, Kräutermixturen! Damit kurieren Sie hier alles, wie? Und Sie machen den Leuten in so schlimmen Zeiten wie jetzt auch noch Hoffnung! Und Sie geben den Rat, sich fleißig zu vermehren! Ich habe ausgehungerte Erwachsene gesehen, Senor, aber was mich in El Turbio am meisten berührt, ist der erbärmliche Zustand der Kinder. Sie sind samt und sonders rachitisch. Können Sie das verantworten?“

„Wollen Sie mich beleidigen?“

„Ich sage Ihnen auf den Kopf zu, daß Sie ein Scharlatan sind.“

„Die Leute verehren und lieben mich.“

„Weil sie ahnungslos sind! Es ist Ihr Glück, daß es in diesem Dorf nie ernstzunehmende Infektionskrankheiten gegeben hat. Eine Epidemie hätte wahrscheinlich allen den Garaus gemacht, weil Sie eine Massenimpfung verhindert hätten. Nur sich selbst hätten Sie wahrscheinlich rechtzeitig in Sicherheit gebracht.“ Ludovigo war am Siedepunkt angelangt. Er sprang auf und schrie Jo an: „Was wollen Sie? Warum kümmern Sie sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten? Verlassen Sie mein Haus und wagen Sie nicht, es jemals wieder zu betreten!“

„Gern. Trotzdem sprechen wir uns wieder.“

„Was haben Sie vor, Sie Narr?“

„Ich werde Sie in Cali denunzieren.“

„Sie riskieren viel, Amigo.“

„Sie wollen mir drohen?“

Ludovigo ließ die Arme hängen, atmete tief durch und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn, um den Schweiß abzuwischen.

„Es ist nicht gut, sich in der Hitze zu erzürnen. Warum versuchen wir nicht, uns in aller Ruhe zu verständigen, Carmichael? Sie sprechen hervorragend spanisch und scheinen ein intelligenter Mann zu sein. Ist es denn möglich, daß Sie sich nicht in meine Lage versetzen können? Sehen Sie die Dinge doch einmal von einer anderen Warte aus.“

„Mich lullen Sie nicht ein“, gab Jo verächtlich zurück. „Ich finde es kriminell, daß Sie den armen Schafhirten und Bauern einreden, durch den Mummenschanz, den Sie oben auf dem Bluthügel veranstaltet haben, würde die Trockenperiode beendet werden.“

„Der Regen wird kommen.“

„Glauben Sie am Ende selbst daran?“

„Die magische Konstellation der ausgelegen Kräuter war günstig.“

„Magie? Daß ich nicht lache!“

„Was verstehen Sie schon von den okkulten Geheimwissenschaften?“

Ludovigo machte eine vieldeutige Geste mit den Händen. „Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen. Sie werden Augen machen.“

Er führte Jo ins Haus, und Manola folgte ihnen mit leisen Schritten. Im Flur drehte sich Jo zu ihr um und zwinkerte ihr zu. Sie lächelte zaghaft. In einer düsteren Kammer blieb Ludovigo neben einem einfachen Lager stehen, auf dem die untersetzte, dralle Frau ruhte, die das Blutopfer dargebracht hatte. Er berührte ihre Schulter. Da schlug sie die Augen auf und ließ ein gutturales Lachen vernehmen.

„Sie sprachen von halb verhungerten Menschen, Carmichael.“ Der Wunderheiler fixierte Jo herablassend. „Diese Frau straft Ihre Anschuldigungen Lügen. Sehen Sie sie an! Ich habe sie in langwierigen Sitzungen trotz Nahrungs- und Wassermangels dank geheimer Rezepte hochgepäppelt. Sie ist reich an Blut, und das, was sie oben auf dem Bluthügel gelassen hat, hat sie bereits wieder regeneriert.“ Er wies mit dem Finger auf mehrere Narben an Oberarm und Schultern der Frau. „Da! Die Wunden sind auch schon wieder verheilt. Was sagen Sie jetzt?“

„Alles Bauernfängerei. Leben Sie wohl, Ludovigo, so lange Ihnen noch Zeit dazu bleibt.“

Jo betrat mit angewidertem Gesichtsausdruck den Flur und steuerte auf die vordere Tür zu, durch die er das Haus betreten hatte. Der Wunderheiler hastete hinter ihm her.

„Sie haben Ihre Absichten also nicht geändert?“

„Keineswegs. Morgen früh kehre ich nach Cali zurück.“

„Sie werden es bereuen, wenn Sie mir am Zeug flicken, Amigo. Das schwöre ich Ihnen!“

„Mir machen Sie keine Angst“, erwiderte Jo seelenruhig. Er verließ das ziegelbedeckte Gebäude und wanderte zurück ins Dorf.

Es war eine halbe Stunde vergangen, nachdem die Sonne untergegangen war. Der Nachthimmel, von silbrig glänzenden Sterntupfern durchsetzt, spannte sich über El Turbio. Ein erfrischender Wind wehte, und das Dorf erwachte zu reger Tätigkeit. Vor vielen Hütten brannten kleine Feuer, und Jo Carmichael konnte die menschlichen Gestalten erkennen, die sich zwischen den Mauern bewegten. Schnaubende Esel und Maultiere wurden versorgt. Mütter liefen hinter greinenden Kindern her. Männer zogen schwatzend vorüber. Mit der Sonne waren auch Lethargie und Mutlosigkeit verschwunden.

Jo sah sich vor der armseligen Hütte nach Celo um, sah ihn aber nirgends. Er zuckte die Achseln und ging in das Innere des Baus. In seinem Zimmerloch ließ es sich aushalten. Das Desinfektionsmittel hatte den Mief vertrieben, und er konnte sich nun daranmachen, seine Kleidung zu wechseln und die Instrumente auszupacken. Dabei dachte er an die Szene in Ludovigos Haus. Es überraschte ihn selbst, daß er so viel Mut gehabt und dem Kerl klipp und klar die Meinung gesagt hatte. Hatte er den Mund zu voll genommen? Würde Ludovigo Mörder ausschicken, die ihn erdolchten und seinen Leichnam in den nächsten Abgrund warfen?

Jo gab sich den grausigsten Vorstellungen hin. Fast bereute er es, sich so herausfordernd verhalten zu haben. Natürlich mußte er zugeben, daß er sich vor Manola Dominguin hatte aufspielen wollen. Vielleicht, so redete er sich ein, hält sie ihn davon ab, eine Torheit zu begehen und mich aus dem Weg zu räumen. Jo holte ein paar Dosen aus seinem Gepäck. Sie enthielten Rindfleisch, weiße Bohnen in Tomatensoße und Thunfisch. Er ging damit in den Hauptraum der Hütte und öffnete sie mit einem Patentgerät, das er ebenfalls mitgebracht hatte. Nachdem er eine Zeitung, die er am Morgen in Cali erstanden hatte, auf dem wackligen Holztisch ausgebreitet hatte, holte er auch sein Eßbesteck und begann, eine kalte, aber wohlschmeckende Mahlzeit einzunehmen. Die ganze Zeit über war er peinlich darauf bedacht, nicht die Tischplatte zu berühren.

Für Celo ließ er die Hälfte des Thunfisches, eine Portion Bohnen und eine weitere Dose Rindfleisch auf dem Tisch zurück. Es war fast neun Uhr, aber der Mann ließ sich immer noch nicht blicken. Jo machte sich daran, in seinem Zimmerloch die Instrumente einzustimmen. Er hatte nur das Allernötigste auf die lange Reise von Miami Beach hierher mitgenommen: eine Trompete, ein Paar Bongo- Trommeln, eine spanische Gitarre und eine B-Klarinette. Jo war ein agiler und vielseitiger Musiker, dessen Schaffensdrang ihm nie Ruhe ließ. In den Staaten hatte er vor kurzem die erste Langspielplatte herausgebracht, und das renommierte Fachmagazin „Downbeat“ hatte ihm einen mehrseitigen Artikel gewidmet, der positiv, ja am Ende sogar überschwenglich ausgefallen war. In der Tat sagte man Jo Carmichael und seiner Combo eine steile Karriere voraus, weil Jo einen neuen, einzigartigen Sound geschaffen hatte, in dem sich Jazz-Elemente mit mittel- und lateinamerikanischen sowie südeuropäischen Einflüssen vermischten.

Jo war überzeugt, daß er dieses Erfolgsrezept zu einem großen Teil den auf seinen Reisen gewonnenen Eindrücken verdankte. Die Aura einer urwüchsigen Umgebung stimulierte in seinem Inneren Tongebilde und rhythmische Impulse. Er wußte, daß er kreativ sein würde, solange er suchend durch die Welt streifte. Probeweise setzte er die Klarinette an und versuchte, eine zusammenhängende Tonfolge zu finden. Aber in der Enge des Raumes wollte dies einfach nicht gelingen. Jo nahm seine Instrumente und begab sich damit vor das Haus und setzte sich auf den Hocker.

Mit der Klarinette hatte er keinen Erfolg. Auch auf den Bongo-Trommeln brachte er nichts zustande. Ein wenig verdrossen nahm er die Trompete in die Hände, drückte die Lippen in das Mundstück und improvisierte ein Thema, das in der Phrasierung sehr südländisch anmutete. Die Melodie war verschlungen und melancholisch. Zufrieden spielte Jo weiter und wiederholte das Stück in einer höheren Tonlage. Er beschloß, die Noten später aus dem Gedächtnis aufzuschreiben.

In einiger Entfernung zogen die drei Lastträger vorüber. Jo bemerkte ihre hämischen Mienen, ärgerte sich aber nicht darüber. Ein paar Kinder kamen zaghaft näher. In ihren ernsten Augen war Neugier, vielleicht auch Verwunderung. Einige Männer gesellten sich zu ihnen und starrten den Trompete spielenden Mann verständnislos an. Nur einer zeigte Begeisterung – in ihm erkannte Jo den Flötenspieler aus der absonderlichen Prozession vom Nachmittag wieder.

Etwas später gewahrte Jo vor einer der Lehmhütten Manolas Gestalt. Sie gab ihm ein Zeichen und verschwand dann zwischen zwei Bauten. Offenbar wagte sie es nicht, sich direkt mit ihm in Verbindung zu setzen. Unter den Zuhörern befand sich gewiß jemand, der ihre Zusammenkunft Ludovigo gemeldet hätte. Der Wunderheiler hatte seine Stieftochter dann zur Rechenschaft gezogen. Jo beendete seinen Vortrag, und der Flötenspieler klatschte Beifall. Als Jo die Instrumente außer der Gitarre in das Zimmerloch zurückgetragen hatte und wieder ins Freie trat, erschien auch Celo. Jo bat ihn, auf seine Sachen aufzupassen. Dann entfernte er sich mit seiner spanischen Gitarre.

Ungefähr einen halben Kilometer von El Turbio entfernt traf er das schöne Mädchen. Sie hockte auf einem flachen Felsblock an einem Hang, von dem aus man vom Dorf nur noch einen schwachen Lichtschein erkennen konnte. Jo setzte sich neben sie, als gerade eine Fledermaus vorüberflatterte.

„Hier sind wir ungestört“, sagte Manola mit ihrer weichen, schmeichelnden Stimme. „Niemand ist dir gefolgt. Wir können Sprechen, Americano.“

„Ich heiße Jo.“

„Jo“, wiederholte sie lächelnd. Dann wies sie auf die Gitarre. „Du kannst darauf spielen?“

Er stellte das Instrument mit der Zarge auf sein linkes Knie, griff in die Saiten und ließ ein sauber einstudiertes Tremolo vernehmen. Er wußte, wie es auf Frauen wirkte, und tatsächlich schien es auch bei Manola Erfolg zu haben. Während er verhalten weiterspielte, sprach er.

„Hat Ludovigo noch auf meinen Besuch reagiert? Hat er seine Wut doch etwa an dir ausgelassen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das würde er niemals tun. Ich halte von seinen angeblichen Wunderkräften dasselbe wie du, aber ich muß dir doch sagen, daß er nicht die Bestie ist, für die du ihn hältst. Nie würde er mich schlagen. Und nie würde er irgendeinen anderen angreifen. Er liebt die Menschen auf seine Art.“

„Trotzdem ist er ein Gangster.“

Jo musterte sie scharf, als er es sagte. Aber sie verzog keine Miene. Sicherlich hatte sie Respekt vor Ludovigo, aber der würde sie wohl kaum davon abhalten, bei der ersten Gelegenheit El Turbio zu verlassen und sich davon zu überzeugen, daß die Welt noch mehr zu bieten hatte. Sie brauchte jemanden, der ihr Mut machte. Ihn.

„Im Dorf hast du keine Chance“, fuhr er fort. „Ein Mädchen wie du muß hier verkümmern. Noch ist es nicht zu spät. Wie alt bist du?“

„Zwanzig.“

So unumwunden hätte das ein denkender Teenager aus Miami Beach niemals zugegeben.

„Hast du eine Schule besucht?“

„In El Turbio gibt es keine Schule.“

„Du sprichst aber im Gegensatz zu den Bauern perfektes Spanisch.“

„Ludovigo hat es mir beigebracht. Er hat mich auch in Schreiben und Lesen unterrichtet. Ich kann rechnen, kenne mich ziemlich gut in Geschichte und Geographie aus und beherrsche einigermaßen die englische Sprache.“

„Donnerwetter! Du könntest weitermachen, einen Schulabschluß erlangen und ein College besuchen. Warum nimmst du deine Zukunft nicht in deine eigenen Hände?“

Details

Seiten
150
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914283
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380454
Schlagworte
grusel thriller menschenmonster

Autor

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Titel: Top Grusel Thriller #1 - Das Menschenmonster