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4 Schicksalsromane - Diagnose unheilbare Liebe

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor) Glenn Stirling (Autor)

2017 500 Seiten

Leseprobe

Diagnose unheilbare Liebe - 4 Schicksalsromane

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Diagnose unheilbare Liebe

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Ergreifende Schicksalsromanne um Liebe und Romantik und die Wendungen des Lebens.

Dieses Buch enthält die Romane:

Alfred Bekker: Das unheimliche Schloss

A.F.Morland: Geliebter Schutzengel Christine

A.F.Morland: Von ihren Tränen wusste niemand

Glenn Stirling: Ist es denn wirklich Krebs?

Eine harte Zeit liegt hinter Barbara Wanders. Ihr Mann ist beim Baden ertrunken und sie musste ihren kleinen Sohn allein großziehen. Keine einfache Aufgabe für eine trauernde Frau. Barbara griff daher zur Flasche und nur mit viel Mühe konnte sie den Alkohol schließlich hinter sich lassen. Jetzt aber hat sie ihr Leben wieder im Griff. Sie hat zwar keinen Partner mehr, aber dafür ihren Sohn und ihren Beruf. In letzter Zeit hat ihr Sohn sich jedoch sehr verändert. Er ist nicht mehr so offen wie früher und geht Barbara mehr und mehr aus dem Weg. Außerdem ist er so dünn und blass geworden. Barbara macht sich große Sorgen.

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Das unheimliche Schloss

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

Eine junge Frau verliebt sich in den Nachkommen eines alten Adelsgeschlechts. Doch das Schloss der Familie scheint von einem dunklen Fluch erfüllt zu sein...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Hoch ragten die sandfarbenen Mauern von Schloss Eichenbach empor.

Der milchige Schein der Abendsonne tauchte das imposante, auf einer Anhöhe gelegene herrschaftliche Bauwerk mit seinen Erkern und Türmen in ein weiches Licht.

Wenn man von unten aus dem Tal hinaufblickte, konnte man gar nicht anders, als eine gewisse Ehrfurcht zu empfinden.

Von dort droben aus war jahrhundertelang über das Umland geherrscht worden. Von seiner erhabenen Ausstrahlung hatte das Schloss bis heute nichts verloren.

Dies wird also deine Heimat werden!, dachte die junge Baroness Susanne von Radvanyi nicht ohne einen leichten Schauder.

Sie saß auf dem Rücksitz einer großen Mercedes-Limousine, mit der der Chauffeur des Fürsten von Eichenbach sie abgeholt hatte, um sie auf das Schloss ihres zukünftigen Verlobten Wilfried von Eichenbach zu bringen. Er wollte sie seinen Eltern vorstellen. Susannes Herz klopfte schneller, als die Limousine nun in die schmale Straße einbog, die in Serpentinen hinauf zum Schloss führte. Zu beiden Seiten befanden sich auf Terrassen angelegte Parkanlagen.

Vor ihrem inneren Auge erschien Wilfrieds von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht. Sie hatte ihn bei der Hochzeitsfeier einer entfernten Verwandten kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Seine dunkelgrauen Augen, die ebenmäßigen Züge und das verhaltene, sympathisch wirkende Lächeln - das alles hatte sie von Anfang an verzaubert.

Ein Zauber, der auch bei weiteren Treffen nicht nachgelassen hatte.

Und nun war sie auf Wilfrieds Einladung hin hierher gekommen, auf den Stammsitz seiner Vorfahren.

Sie freute sich schon darauf. Sie und Wilfried hatten bereits Pläne für eine Verlobung...

Ein Glücksgefühl überkam Susanne bei dem Gedanken an Wilfried und die Zukunft, die vor ihnen lag. Sie konnte sich gut vorstellen, an seiner Seite dereinst das Fürstenhaus zu führen und die Mutter einer zukünftigen Generation von Eichenbachs zu werden.

Die Limousine erreichte das prächtige Rundbogentor, in welches ein kundiger Steinmetz das Familienwappen derer von Eichenbach vor Jahrhunderten mit beachtlicher Kunstfertigkeit eingemeißelt hatte. Der Wagen fuhr in den weitläufigen Schlosshof ein. Dort befanden sich ein Parkplatz sowie parkähnliche Grünanlagen. Überall fanden sich prachtvolle Blumenbeete und akkurat gepflanzte Sträucher. Die Blumenbeete hatten die Form von Dreiecken, zwischen denen gepflasterte Wege herführten.

Die Blumen blühten in den Farben rot, weiß und gelb - den Wappenfarben des Hauses Eichenbach. Springbrunnen plätscherten.

Sie waren in dem gleichen, leicht gelblichen Sandstein gehalten wie das Mauerwerk der Brüstung, die das gesamte Anwesen umgab. Das Schloss bestand aus einem imposanten, mehrstöckigen Haupthaus und mehreren kleineren Gebäuden, in denen die Wohnungen der Bediensteten zu finden waren.

Außerdem gab es Stallungen für Reitpferde und eine eigene Kapelle.

"Da wären wir, Baroness Susanne", sagte Ferdinand, der in den Diensten des Fürstenhauses Eichenbach grau gewordene Chauffeur. Er hatte den Wagen mit ruhiger Hand gelenkt, so dass man sich fast wie von einer Sänfte getragen vorkommen konnte.

Susanne lächelte.

"Ich danke Ihnen, Ferdinand."

Wilfrieds Vater, Fürst Friedrich von Eichenbach, hatte darauf bestanden, Susanne mit seiner Limousine abholen und nicht mit dem eigenen Wagen anreisen zu lassen. Und Wilfried hatte ihr geraten, dieses Zeichen freundlicher Zuwendung nicht auszuschlagen. Der Fürst zeigte damit nichts anderes, als dass die junge Baroness ihm herzlich willkommen war.

Ferdinand stieg aus und öffnete Susanne die Tür.

"Um Ihr Gepäck wird sich unser Kammerdiener Johann kümmern", erklärte er dazu.

Ein schmucker zweisitziger Sportwagen brauste in diesem Moment durch das erhabene Schlosstor und hielt neben der dunklen Limousine des Fürsten. Das Verdeck war an diesem herrlichen sonnigen Tag nach hinten geklappt. Susanne erkannte den Mann am Steuer sofort.

"Wilfried!", rief sie begeistert.

Wilfried stieg aus und kam auf sie zu. Gut sah er aus, fand Susanne. Wie man sich nur einen Märchenprinzen vorstellen konnte! Der zweireihige Blazer mit dem dezent angebrachten fürstlichen Wappen sowie dem elegant getragenen Einstecktuch saß wie angegossen.

Auch in der Verzierung der kostbaren Krawattennadel fand sich das Familienwappen wieder.

Wilfried nahm Susannes Hand, vollführte einen vollendeten Handkuss und sagte dann mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen: "Baroness Susanne, ich möchte Sie herzlich auf Schloss Eichenbach willkommen heißen..."

Und dabei zwinkerte er ihr vergnügt zu.

Sie beschloss, das Spiel mitzumachen. Aber nur für einen Moment...

"So förmlich?", fragte Susanne lächelnd.

Wilfried hielt ihre Hand eine Nuance länger, als es eigentlich notwendig gewesen wäre.

Ihrer beider Blicke trafen sich, verschmolzen für einige Momente miteinander. Susanne seufzte glücklich. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, und ihr Herz machte einen Sprung.

"Ich bin sehr froh, dass du da bist, Susanne", sagte Wilfried dann. "Und ich habe es ja auch gerade noch rechtzeitig geschafft, wieder zurück im Schloss zu sein, um dich zu begrüßen..."

"Wo bist du gewesen?"

"Du weißt ja, dass ich viel mit der Verwaltung der Familienbetriebe zu tun habe... und ausgerechnet heute hatte sich ein Steuerprüfer kurzfristig angemeldet, der die Bücher unserer Winzerei einzusehen wünschte."

"Ich hoffe, es hat keinen Ärger gegeben..."

"Nein, unsere Bücher sind in Ordnung. Aber das ist jetzt alles zweitrangig... Jetzt, da du da bist!"

Unterdessen kam der Kammerdiener die Treppen des gewaltigen Portals hinunter. Ferdinand öffnete den Kofferraum, und trug ihm Susannes Gepäck - einen Koffer und eine Tasche - ein Stück entgegen.

"Deine Räumlichkeiten sind bereits hergerichtet, Susanne", sagte Wilfried. "Ich hoffe, dass alles zu deiner Zufriedenheit sein wird..."

"Gewiss, Wilfried..." Susanne lächelte versonnen und hakte sich bei ihrem Liebsten unter. "Und eigentlich braucht es dazu auch nicht viel. Keine prachtvollen Räume oder dergleichen. Wenn ich in deiner Nähe bin, fühle ich mich wohl, Wilfried..."

Er sah sie an.

Sein Gesicht hatte jetzt einen ernsten Zug bekommen.

"Mir geht es umgekehrt genauso", erwiderte er dann.

Für einen kurzen Moment hatte Susanne den Eindruck, dass ein Schatten sich über Wilfried von Eichenbachs Gesicht legte.

Dass der zukünftige Fürst hin und wieder leicht melancholisch wirkte, hatte Susanne schon bei ihren früheren Zusammenkünften festgestellt. So, als ob irgendetwas aus der Vergangenheit hin und wieder auf seine Seele drückte. Susanne wusste nicht, was das sein konnte. Und als sie einmal direkt danach gefragt hatte, war Wilfrieds Antwort mehr oder minder ausweichend gewesen.

Eines Tages wird er mir genug vertrauen, um mir auch sei Innerstes zu offenbaren, dachte Susanne. Sie war in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich. Denn sowohl ihrer eigenen als auch der Liebe ihres zukünftigen Verlobten war sie sich vollkommen sicher.

"Lass uns reingehen", sagte Wilfried."Ich möchte dich so schnell wie möglich meinen Eltern vorstellen. Denen habe ich zwar schon so manches über dich erzählt, aber..."

Susanne blickte an sich herab.

"Ich weiß nicht - sollte ich mir nicht erst einmal etwas Standesgemäßeres anziehen?", fragte sie.

Susanne trug ein schlichtes, lindgrünes Sommerkleid. Das brünette Haar war hochgesteckt und wurde hinten mit einer Spange zusammengehalten. Eine dezente Perlenkette hing um ihren Hals.

"Du siehst bezaubernd aus, Susanne", fand Wilfried. Und der Blick, den er ihr zuwarf, sprach von ehrlicher Bewunderung.

Susanne zuckte die schmalen Schultern.

"Wenn du meinst..."

"Bestimmt!"

Gemeinsam gingen sie die Stufen des imposanten Steinportals empor. Löwenköpfe aus Marmor befanden sich am Ende der Handläufe.

Sie traten durch die zweiflügelige Tür in eine hohe, mit Barockmöbeln und kostbaren Wandteppichen ausgestattete Eingangshalle.

Kronleuchter hingen von der gewölbten Decke herab. Das Kristallglas glitzerte im Schein der Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster hereinfielen. Wie prächtig mussten diese Leuchter erst am Abend aussehen, wenn sie in ihrem herrschaftlichen Glanz erstrahlten.

"Wo sind der Fürst und die Fürstin?", fragte Wilfried ein Zimmermädchen, das gerade die Treppe hinunterkam, die in die oberen Stockwerke führte.

"Die Durchlauchten befinden sich im Augenblick im Salon..."

"Danke."

Susanne ließ sich von Wilfried durch einen langgezogenen, hohen Flur führen.

Wie erhaben und beinahe einschüchternd dieses riesige Schloss doch wirkt, dachte Susanne fast ein wenig schaudernd, als sie die großformatigen Gemälde an den Wänden sah, auf denen die Vorfahren der Fürstenfamilie abgebildet waren.

Große Meister verschiedener Epochen hatten die jeweiligen Fürsten von Eichenbach auf Leinwand gebannt. Und jetzt säumten sie als eine Art Galerie diesen hohen Flur. Die Rahmen waren mit Gold überzogen.

Susanne, die Tochter des Barons von Radvanyi, war durchaus auch großzügige Verhältnisse gewohnt und auf einem ausgedehnten Landgut aufgewachsen. Aber das hochherrschaftliche Schloss derer von Eichenbach stellte das, was sie bisher gewohnt war, doch gehörig in den Schatten. Die Last der Jahrhunderte schien auf diesen uralten Mauern zu liegen. Etwas, was Susanne als bedrückend empfand - so sehr sie es auch genoss, in Wilfrieds Nähe zu sein.

Sie erreichten den Salon. Auch der war prächtig eingerichtet. Die zierlichen Stühle und der Diwan waren mit kostbar bestickten Polstern besetzt. Die kunstvollen Stickereien stellten romantische Jagdszenen dar. Und die edlen Kronleuchter, die von der Decke hingen, glitzerten wie Diamantcolliers.

Fürst Friedrich von Eichenbach war eine imposante Erscheinung. Er trug einen ähnlichen Zweireiher wie sein Sohn. Das Haar war zwar schon ergraut, aber noch immer voll.

Und Susanne sah, dass Wilfried seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Fürstin Margarethe hatte ein gütiges, sanftes Lächeln im Gesicht. Nur ihren blaugrauen Augen war anzusehen, dass sie sicher gewohnt war, Autorität auszuüben. Sie trug ein graues Kleid von schlichter Eleganz, dazu eine mit roten Rubinen besetzte Kette sowie eine dazu passende Brosche und einen Armreifen. Die Fürstin war einige Jahre jünger als ihr Mann, aber auch ihr ansonsten dunkles Haar zeigte die ersten silbrigen Spuren.

Aber Susanne fand, dass das ihrer Schönheit keinen Abbruch tat. Es unterstrich sogar noch die Würde und Erhabenheit, die sie ausstrahlte.

Wilfried begrüßte seine Eltern sehr herzlich. Dann sagte er entschuldigend: "Verzeiht, wenn ich unseren Besuch nicht durch Johann anmelden ließ, aber unser Kammerdiener ist im Moment mit dem Gepäck dieser bezaubernden jungen Dame beschäftigt..." Er schenkte Susanne ein Lächeln, das ihr ganz warm ums Herz werden ließ. "Darf ich vorstellen? Baroness Susanne von Radvanyi... Susanne, dies sind meine Eltern, der Fürst und die Fürstin von Eichenbach!"

Susanne klopfte das Herz wie rasend, als sie mit einem traditionellen Hofknicks dem Fürstenpaar ihre Ehrerbietung erwies.

Aber sie hatte vom ersten Moment an den Eindruck, dass die beiden ihr wohlgesonnen waren.

"Mein Sohn hat uns schon viel von Ihnen berichtet", sagte die Fürstin. "Und es freut uns außerordentlich, dass wir Sie nun endlich auch einmal von Angesicht zu Angesicht kennenlernen."

"Das geht mir ganz genauso, Durchlaucht", erwiderte Susanne.

Fürstin Margarethe lächelte milde.

"Ich hoffe sehr, dass Sie sich auf Schloss Eichenbach wohlfühlen. Und falls Sie irgendetwas auf dem Herzen haben, so zögern Sie nicht, sich damit auch an mich zu wenden."

Nun meldete sich Fürst Friedrich zu Wort.

"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob wir uns nicht doch schon irgendwann begegnet sind, Baroness Susanne... Schließlich kenne ich Ihren Vater recht gut, auch wenn ich zugeben muss, dass wir uns in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren haben..."

"Nicht, dass ich mich erinnern könnte", sagte Susanne bedauernd.

Der Fürst wirkte nachdenklich.

"Es mag schon mehr als zwanzig Jahre her sein, da waren wir zur Hochzeit der Prinzessin von Sarnheim eingeladen. Es war eine prächtige Feier, von der noch jahrelang geredet wurde. Ich sah damals den Baron von Radvanyi ein kleines Kind an der Hand führen, das gerade mit wackeligen Beinen die ersten Schritte machte..."

Susanne lächelte.

"Möglich, dass ich das gewesen bin", gestand sie zu. "Aber Sie mögen verzeihen, wenn mir dieser Augenblick nicht in Erinnerung geblieben ist..."

Fürst Friedrich erwiderte das Lächeln.

"Nun, hätte ich damals geahnt, möglicherweise meiner künftigen Schwiegertochter gegenüberzustehen, hätte ich Ihnen natürlich auch mehr Aufmerksamkeit gewidmet."

Susanne hörte Schritte in ihrem Rücken.

Sie drehte sich herum.

Die Blicke aller wandten sich zur zweiflügeligen Salontür, deren dunkler Holzrahmen mit kostbaren Schnitzereien verziert war. Eine junge Frau in Susannes Alter hatte den Raum betreten. Ihr Kleid raschelte leicht. Das dunkle, beinahe pechschwarze Haar trug sie zu einer strengen Knotenfrisur zusammengefasst. Ihr Gesicht wirkte angestrengt.

"Oh, ich hoffe, ich störe nicht", sagte die junge Frau. Sie musterte Susanne in einer Art und Weise, die dieser nicht gefiel.

"Darf ich dir Baroness Susanne von Radvanyi vorstellen", sagte Wilfried, als die junge Frau sich mit misstrauischem, beinahe feindseligem Blick genähert hatte. "Susanne, dies ist Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm. Sie lebt ebenfalls auf Schloss Eichenbach..."

Das Lächeln, das nun auf Christianes Gesicht erschien, war eisig.

"Sie sind also Wilfrieds neue Verlobte", sagte sie dann mit geringschätzigem Unterton. "Oh, Verzeihung - zukünftige Verlobte muss es wohl heißen, denn soweit ich mich erinnere, hat es ja noch keine entsprechende Feier gegeben. Oder wurde ich nur nicht eingeladen?"

"Christiane, bitte!", meldete sich empört die Fürstin zu Wort. Ihre Missbilligung von Christianes Bemerkungen war unüberhörbar.

Christiane hob die Augenbrauen und tat so, als wüsste sie nicht, was den Unwillen der Fürstin erregt hatte.

"Habe ich etwas Falsches gesagt?"

"Christiane!"

"Aber es entspricht doch der Wahrheit, dass Wilfried schon einmal verlobt war", setzte Christiane noch hinzu. Sie hob dabei das Kinn etwas an. Dann wandte sie sich an Susanne.

"Hat man Ihnen etwa noch nichts davon gesagt, Baroness?"

"Jetzt reicht es!", sagte Fürst Friedrich, dem es sichtlich schwerfiel, die Ruhe zu bewahren. "Baroness Susanne ist Gast auf Schloss Eichenbach. Und ich möchte, dass sie von jedem in diesem Schloss auch so behandelt wird..."

Der Ton, den der Fürst anschlug, war streng und bestimmt, aber dennoch nicht unhöflich. Und offenbar verfehlte Friedrich damit auch nicht seine beabsichtigte Wirkung.

Christianes Gesicht wurde dunkelrot.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung, falls ich etwas Unpassendes gesagt haben sollte", murmelte sie. "Anscheinend habe ich ein Talent dazu..."

Damit drehte sie sich um und verließ den Salon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Susanne war leicht verstört.

Sie war sich nicht bewusst, wodurch sie den Zorn dieser jungen Frau erregt haben mochte.

Dass Wilfried bereits einmal verlobt gewesen war, hatte sie nicht gewusst.

Für einen kurzen Moment hatten die Worte der jungen Komtesse ihr einen leichten Stich versetzt, doch dann siegte rasch die Vernunft.

Wilfried ist kein Teenager mehr, ging es ihr durch den Kopf. Und daher kannst du auch nicht ernsthaft erwarten, dass du die erste Frau bist, auf die er ein Auge geworfen hat!

Und wenn Wilfried eine vorherige Verbindung gelöst hatte, dann hatte es dafür sicher gute Gründe gegeben.

"Christiane meint es nicht wirklich so", versuchte die Fürstin die Wogen zu glätten. "Sie müssen den Worten der Komtesse nicht allzu viel Gewicht beimessen. Eigentlich bin ich niemand, der so etwas weiterträgt, aber ich glaube es bleibt mir keine andere Wahl, als Ihnen die Wahrheit zu sagen."

"In wie fern?", fragte Susanne.

"Christiane ist psychisch krank. Sie leidet unter Wahnvorstellungen und depressiven Verstimmungen. Anwandlungen, wie Sie sie gerade bei ihr gesehen haben, zeigt sie leider nicht zum ersten Mal. Außer uns hat sie niemanden. Darum haben wir sie auf Schloss Eichenbach aufgenommen... Ich möchte Sie herzlich bitten, diesen unziemlichen Vorfall zu vergessen und sich Ihren Aufenthalt auf Schloss Eichenbach dadurch nicht verleiden zu lassen."

Susanne wandte Wilfried einen verliebten Blick zu.

"Das wird sicher nicht geschehen", sagte sie dann.

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Wilfried zeigte Susanne die Räumlichkeiten, die für die junge Baroness vorgesehen waren.

Eine weitläufige Suite im Westflügel war für sie vorbereitet worden. Und Wilfried hatte dafür gesorgt, das überall rote Rosen in den kostbaren, mit Mosaiken besetzten Vasen standen.

Ein herrlicher Blumenduft erfüllte die gesamte Suite. Er ließ Susanne für einige Augenblicke sowohl die Düsternis dieses Schlossgemäuers als auch den Vorfall mit Christiane vergessen.

Wilfried nahm ihre Hand und drückte sie zärtlich.

"Ich werde alles tun, damit du dich hier wohlfühlst", erklärte er.

"Ja, ich weiß, du hast an alles gedacht..." Sie seufzte glücklich. "Es ist alles so wundervoll..."

"Du bist wundervoll", erwiderte Wilfried mit einem charmanten Lächeln um den Lippen.

Susanne löste sich von ihm, roch an einem der prachtvollen Rosensträuße.

Ein Traum, dachte sie ergriffen. Es könnte alles so schön sein...

Und dann kam sie doch noch einmal auf das zurück, was soeben im Salon geschehen war.

"Diese Christiane scheint mich nicht zu mögen", stellte sie dann fest. "Vielleicht kannst du mir einen Rat geben, wie ich mit ihr umgehen sollte..."

"Wenn es da ein Patentrezept gäbe, dann hätten die Ärzte, bei denen Christiane in Behandlung war, das sicher schon gefunden", seufzte Wilfried. "Christiane hat ein sehr schwere Schicksal hinter sich - und wenn man das weiß, ist es vielleicht etwas leichter, ihre manchmal recht verletzende Art zu ertragen. Sie ist eine sehr weitläufige Verwandte meiner Mutter. Als sie 15 Jahre alt war, kam es zu einem furchtbaren Brand auf der argentinischen Besitzung der Buchenberg-Selms. Ihre gesamte Familie kam dabei ums Leben. Christiane war die einzige Überlebende. Seit jener Zeit ist sie krank..."

"Ich würde gerne mit ihr auskommen..."

"Ich denke, früher oder später wird sie sich an dich gewöhnen."

"Ja, das hoffe ich."

"Da ist noch etwas anderes", sagte Wilfried von Eichenbach dann nach einer kurzen Pause. Susanne sah ihn erstaunt an.

"Ja?"

"Christiane erwähnte etwas davon, dass ich schon einmal verlobt war... Ich möchte nicht, dass du denkst, ich hätte dir etwas verschweigen wollen."

"Nein, das habe ich auch nicht gedacht", entgegnete Susanne sogleich.

"Es ist nur so", fuhr Wilfried fort, "dass dieses Kapitel für mich gewissermaßen abgeschlossen war..."

"Das ist schon in Ordnung", erwiderte Susanne.

"Wirklich?"

"Wirklich!"

Wilfried nahm zärtlich ihre Hände. Ihre Blicke verschmolzen für einige Augenblicke miteinander. Dann gab er er ihr einen Kuss und sagte: "Ich liebe dich, Susanne. Und ich bin mir sicher, dass du die Frau bist, mit der ich mein Leben teilen möchte..."

"Und ich liebe dich, Wilfried", hauchte Susanne mit belegter Stimme.

Sie war in diesem Moment felsenfest davon überzeugt, dass die Verbindung zwischen ihnen viel zu stark und innig war, als dass die Missgunst einer seelisch kranken Komtesse einen Keil dazwischentreiben konnte.

In diesem Augenblick ahnte Susanne noch nichts von den bohrenden Zweifeln, die schon bald an ihr nagen würden...

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In den nächsten Tagen hing für Susanne der Himmel voller Geigen. Ein strahlender Sonnentag reihte sich an den nächsten.

Oft unternahm sie zusammen mit Wilfried ausgedehnte Spaziergänge in den weitläufigen Parkanlagen, die Schloss Eichenbach in Form von bepflanzten Terrassen umgaben. Hand in Hand führten sie dann lange Gespräche und ehe sie sich versahen, waren die Stunden nur so dahingeflogen.

Christiane schien Susanne während dieser Zeit regelrecht aus dem Weg zu gehen.

Manchmal stand die Komtesse oben an der steinernen Brüstung und schaute hinab auf die Parkanlagen; dorthin, wo Susanne und Wilfried spazieren gingen. Ihre Augen wurden schmal, ihre eigentlich so hübschen Züge bekamen etwas Hartes und Unerbittliches.

Als Susanne die Komtesse einmal dort so stehen sah, erschrak sie unwillkürlich. Wie ein böser Geist steht sie dort, durchzuckte es die Baroness.

Als Christiane den Blick der anderen bemerkte, wandte sie sich sofort um und verschwand hinter der Brüstung.

Ich muss mich mit ihr aussprechen, nahm sie sich vor. Aber das war leichter gesagt als getan.

An den Mahlzeiten nahm Christiane oft nicht teil - und wenn, dann verhinderte ihr eisiges Schweigen, dass irgendwer sie anzusprechen wagte.

Eines Abends ließen Fürst und Fürstin von Eichenbach Wilfried und Susanne zu sich rufen.

Kammerdiener Johann schenkte einen edlen Burgunder ein und im Salon erstrahlten die Kronleuchter zu festlichem Glanz, während draußen die Sonne ihre letzten Strahlen über den Horizont schickte.

Der Fürst wandte sich an Susanne.

"Mein Sohn sagte mir, dass ihr beide euch verloben wollt. Ist das richtig?"

"Ja", sagte Susanne mit bebendem Herzen und wandte kurz den Blick an Wilfried. "Das ist unser Wunsch..."

"Nun, eine Feier vorzubereiten dürfte einige Zeit in Anspruch nehmen..."

"Wir dachten an eine Feier in kleinem Rahmen", sagte Wilfried und drückte dabei kurz Susannes Hand. Während ihren langen Gesprächen im Park hatten sie unter anderem auch über diesen Punkt gesprochen. "Nur die engsten Verwandten und Freunde, vielleicht so dreißig oder vierzig Personen."

"Das ließe sich arrangieren", meinte Fürstin Margarethe.

"Die Hochzeit kann dann ja in einem um so größeren Rahmen gefeiert werden", erklärte Wilfried.

Und Susanne ergänzte: "Es geht uns eigentlich nur darum, möglichst rasch vor der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir zusammengehören..."

Fürstin Margarethe nickte verständnisvoll. "Dann sollten wir uns bei nächster Gelegenheit zusammensetzen, um die Gästeliste zu erstellen", wandte sie sich dann an die junge Baroness.

Fürst Friedrich erhob das Glas.

Er sah Susanne und Wilfried nacheinander an und sagte dann feierlich: "Auf eine glückliche Zukunft! Wir kennen Baroness Susanne zwar erst seit kurzem, aber ich glaube, unser Sohn hätte kaum eine glücklichere Wahl treffen können."

"Das denke ich auch", fügte Fürstin Margarethe hinzu, während sie das Weinglas mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand hielt und dabei lächelte.

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Wilfried geleitete Susanne später zu ihren Räumen im Westflügel. Es war sehr spät geworden. Noch lange hatten sie mit Fürst Friedrich und Fürstin Margarethe zusammengesessen.

Und Fürstin Margarethe hatte dabei nicht lockergelassen, ehe nicht wenigstens eine provisorische Gästeliste erstellt worden war.

"Ich kann sonst einfach nicht ruhig schlafen", hatte sie bemerkt.

Nun gingen Wilfried und Susanne durch die hohen Flure des fürstlichen Schlosses, bis sie schließlich die Suite erreichten.

"Ich wünsche dir eine gute Nacht", sagte Wilfried mit sonorer Stimme.

"Ich dir auch..."

Sie sahen sich an und Susanne schaute in Wilfrieds dunkelgraue Augen. Augen sind Fenster zu Seele, überlegte Susanne. Und sie fragte sich gleichzeitig, was es noch an Geheimnissen hinter diesen Fenstern zu entdecken gab.

Wilfried drehte sich um, ließ den Blick umherschweifen.

"Was ist?", fragte Susanne.

"Ich möchte nicht, dass jemand vom Personal sieht, wie ich die zukünftige Herrin von Schloss Eichenbach küsse", lächelte er.

Dann nahm er sie in den Arm. Susanne schmiegte sich an ihn und fühlte, wie sich der Schlag ihres Herzens mit dem seinen mischte. Ihre Lippen berührten sich erst vorsichtig tastend, dann voller Leidenschaft.

Nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten, strich Wilfried ihr eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, die sich irgendwie aus ihrer Frisur herausgestohlen hatte.

"Schlaf gut...", murmelte er. Und seine Stimme hatte einen angenehm vibrierenden Klang dabei.

"Du auch...." Sie strich sanft über seinen Arm. Dann wandte sie sich zur Tür. Sie drehte sich noch einmal herum und schenkte ihm einen verliebten Blick, ehe sie die Tür hinter sich schloss.

Susanne trat ans Fenster und blickte hinaus in den prächtig erleuchteten Schlosshof.

Es klopfte an der Tür.

Sie drehte sich herum. Wer mochte das sein? War Wilfried noch einmal zurückgekehrt?

"Herein", sagte Susanne mit klarer Stimme.

Die Tür öffnete sich.

Susanne erschrak im ersten Moment ein wenig. Es war nicht Wilfried, der da im hohen Türrahmen stand, sondern Christiane von Buchenberg-Selm.

"Guten Abend, Baroness Susanne", sagte sie. Ihre Stimme hatte einen harten Klang. Wie klirrendes Eis, dachte Susanne.

"Darf ich hereinkommen?"

"Sicher."

Christiane schloss die Tür hinter sich. "Ich muss mit Ihnen reden, Susanne."

"Ja, das geht mir umgekehrt auch so. Es wird dringend Zeit, dass wir miteinander sprechen", sprudelte es aus Susanne heraus. Sie war froh, dass Christiane auf sie zugekommen war.

Das enthob sie von der Notwendigkeit, umgekehrt den ersten Schritt auf die verschlossene Komtesse zuzugehen. Susanne atmete tief durch und fuhr dann fort: "Ich hatte bislang den Eindruck, dass Ihnen mein Aufenthalt auf Schloss Eichenbach nicht recht ist. Ich möchte Ihnen dazu sagen, dass mir sehr viel daran liegen würde, wenn ich Ihre Freundschaft erringen könnte..."

Christianes Gesicht blieb hart. Nur ein mattes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Ein Lächeln ohne Herzlichkeit, dessen Härte Susanne erschreckte.

"Ja, ich habe etwas gegen Ihren Aufenthalt hier... Aber nicht, weil ich irgendetwas gegen Sie hätte, Baroness Susanne!"

"Aber..."

"Sie sind gewiss eine herzensgute Person. Und der Grund dafür, dass ich es lieber heute als Morgen sehen würde, wenn Sie Schloss Eichenbach verließen, liegt nicht bei Ihnen..."

Susanne sah ihr Gegenüber verständnislos an. "Tut mir leid, Christiane, Sie sprechen in Rätseln."

"Dann muss ich vielleicht etwas deutlicher werden", erklärte Christiane. Sie rieb dabei die Handflächen nervös aneinander. Dann blickte sie Susanne an und hob die Augenbrauen. "Ich muss Sie vor Wilfried warnen, Susanne..."

"Warnen?", echote Susanne.

"Er war bereits einmal verlobt."

"Nun, das weiß ich ja inzwischen!"

"Aber was Sie noch nicht wissen ist, dass Lisa Reindorf, Wilfrieds erste Verlobte unter mysteriösen Umständen verschwand. Es hatte einen heftigen Streit zwischen den beiden gegeben. Danach tauchte die junge Frau nicht wieder auf. Eine Vermisstenanzeige bei der Polizei blieb ergebnislos..."

Christiane trat nahe an sie heran. Sie war etwas größer als Susanne, hob das Kinn einige Zentimeter und blickte auf die und Komtesse herab. Dann fuhr sie mit bedeutungsschwerer Stimme fort: "Es gibt in diesem Schloss zahlreiche Geheimgänge und unterirdische Verliese... Sie gleichen einem Labyrinth in dem sich heute kein Mensch mehr wirklich auskennt. Dort hat Wilfried sie hingelockt und umgebracht..."

Diese Worte waren für Susanne wie ein Schlag vor den Kopf.

"Das glaube ich nicht!", stieß sie spontan hervor.

"Es ist die Wahrheit..."

"Welche Beweise haben Sie dafür!"

"Beweise?" Christiane lachte. "Glauben Sie, Wilfried hätte nicht dafür gesorgt, dass alle Beweise verschwinden... Und wenn es solche noch gibt, dann tief unter dem Schloss in den grauen Verliesen..."

Christiane wandte sich zum Gehen.

Sie hatte die Tür schon erreicht, da hielt Susanne sie am Arm.

"Warten Sie!", forderte die junge Komtesse.

"Ich habe schon viel zu viel gesagt", murmelte Christiane.

"Aber Sie können jetzt nicht einfach so gehen, Christiane!"

"Gute Nacht, Baronesse..."

Mit diesen Worten öffnete Christiane die Tür und trat hinaus auf den Flur. Ohne sich noch einmal umzudrehen ging sie davon. Und Susanne blickte ihr mit wild pochendem Herzen nach. Sie war fassungslos.

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In dieser Nacht fand Susanne keinen Schlaf. Immer wieder wälzte sie sich in den Kissen herum, ohne, dass sie wirklich Ruhe finden konnte.

Christiane ist eine kranke Frau, ging es ihr durch den Kopf. An dem, was sie sagt, kann nichts dran sein!

Susanne konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Wilfried zu einem Mord fähig gewesen wäre.

Ich werde ihm morgen von dem Vorfall berichten, sagte sich die junge Baroness. Und dann würde sie ja sehen, wie er darauf reagierte.

Wahrscheinlich wird sich alles in Wohlgefallen und unbegründeten Zweifel auflösen, dachte sie. Du wirst dir völlig umsonst Sorgen gemacht haben...

Sie atmete tief durch.

Wie sehr hoffte sie darauf, dass sich alles nur als die haltlose Anschuldigung einer seelisch Gestörten herausstellte!

Und im Grunde ihres Herzens war Susanne auch überzeugt davon, dass es so kommen musste.

Aber ein Rest von Zweifel blieb, nagte an ihrem Inneren und an ihrem Vertrauen zu dem Mann, mit dem sie sich verloben wollte.

Schließlich fiel die junge Frau doch noch in einen tiefen, traumlosen Schlaf der Erschöpfung, aus dem sie erst durch die Sonnenstrahlen des nächsten Morgens geweckt wurde.

Viel zu spät, wie sie im Übrigen feststellte.

Den Wecker hatte sie glatt überhört.

Beim Frühstück war sie zunächst allein. Kammerdiener Johann servierte es ihr auf dem Balkon des Esszimmers, so dass sie eine Aussicht über die das Schloss umgebenden Parkanlagen und die Ländereien der Eichenbachs hatte. Wälder gehörten ebenso dazu wie Wiesen und ein Pferdegestüt. In der Ferne sah sie die Tiere auf den Weiden herumtollen.

Von Johann erfuhr sie dann auch, dass Wilfried am Morgen bereits einen Termin in der Winzerei zu erledigen gehabt hätte. "Eigentlich hoffte der junge Herr bis zum Frühstück wieder zurück zu sein, aber offensichtlich hat er sich etwas verspätet..."

Susanne nahm einen Schluck Kaffee. Dann fragte sie Johann nach den Geheimgängen und unterirdischen Gewölben, die es auf Schloss Eichenbach gab.

"Nun, es gibt diese Gänge tatsächlich, Baroness Susanne. Auf Geheiß von Fürst Friedrich wurde der Zugang nach Möglichkeit verschlossen, da man sich dort unten leicht verirren kann - und dann gewiss rettungslos verloren wäre!"

"Waren Sie schon einmal dort unten, Johann?"

"Einmal - wenn auch nur kurz. Es gibt nichts besonderes dort zu sehen. Und natürlich kursieren in der Umgebung einige Schauergeschichten und Legenden, was die Geheimgänge angeht..."

Wenig später sah Susanne Wilfrieds Sportwagen die schmale Serpentinen-Straße in Richtung Schloss hinauffahren.

Als er sich näherte und sie sah, winkte er ihr zu.

Sie erwiderte den Gruß.

Nur wenige Minuten später erschien er auf dem Balkon, nahm ihre Hand und begrüßte sie. Sein Blick war voller Zärtlichkeit und Liebe.

"Entschuldige, dass ich es nicht ganz rechtzeitig geschafft habe..."

"Das ist nicht so schlimm", fand Susanne. Dann berichtete sie von Christianes Besuch am vergangenen Abend und den Anschuldigungen, die sie vorgebracht hatte.

Das Gesicht des Fürstensohns verfinsterte sich.

"Ich kann nur hoffen, dass du nichts von dem, was Christiane gesagt hat, für wahr hältst."

"Ich vertraue dir, Wilfried."

"Vielleicht sollte ich dich nun doch in einige Einzelheiten einweihen, was meine frühere Verlobte angeht. Ihr Name war Lisa Reindorf und ich liebte sie sehr. Anfangs hatten meine Eltern Bedenken auf Grund ihrer bürgerlichen Herkunft. Aber das natürliche, freundliche Wesen dieser jungen Frau wischte die Bedenken rasch hinweg. Allerdings fühlte sie sich nie so recht wohl auf Schloss Eichenbach. Ich kann nicht sagen, woran dies eigentlich lag..."

"Christiane sagte, dass es einen Streit zwischen euch gegeben habe, bevor sie..." Susanne sprach es nicht aus.

"...bevor sie verschwand", vollendete Wilfried. "Ja, das ist wahr. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Am nächsten Morgen war sie nicht mehr im Schloss. Niemand weiß, wohin sie gegangen ist. Meine Mutter will damals einen Wagen gehört haben, der Lisa möglicherweise abholte. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Auch die Untersuchungen der Polizei, die wir eingeschaltet hatten, haben nichts ergeben."

Susanne sah den gequälten Gesichtsausdruck, der sich nun auf dem Gesicht des Fürstensohnes zeigte.

Johann erschien nun auf dem Balkon, um auch Wilfried ein Frühstück zu servieren.

Das Gespräch brach ab.

"Wie kommt Christiane dazu, dich in so schlimmer Weise zu beschuldigen?", fragte Susanne dann, nach einer längeren Pause des Schweigens.

"Nun, über ihre Krankheit weißt du ja inzwischen Bescheid. Sie hat Wahnvorstellungen, redet mit Personen, die es nicht gibt und lebt manchmal tagelang in ihrer eigenen Welt. Angesichts ihres schweren Schicksals kann man durchaus nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist. Aber da ist auch noch etwas anderes..."

"Was?", hakte Susanne nach.

"Sie war eifersüchtig. Schon als ich mich mit Lisa verlobte, versuchte sie immer wieder einen Keil zwischen uns zu treiben. Ich glaube, insgeheim hat sie immer gehofft, dass ich mich eines Tages ihr zuwenden würde..."

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In den folgenden Tagen begegneten sich Susanne und Christiane nicht mehr. Nur einmal, an einem späten Nachmittag, als Susanne sich in ihre Suite zurückgezogen hatte, um sich für das bevorstehende Abendessen umzuziehen, sah sie die Komtesse bei einem Blick durchs Fenster. Christiane stand gedankenverloren im Schlosshof, nahe der Kapelle. Sie wirkt beinahe wie eine Statue, dachte Susanne. So regungslos stand sie da.

Susanne hatte versucht, zu vergessen, was sie gehört hatte.

Und Wilfrieds Erklärungen, was seine erste Verlobte anging, klangen ja auch durchaus plausibel. Und doch... auch, wenn sie es sich nur schwer eingestehen mochte, so hatte es Christiane doch geschafft, den Keim des Misstrauens in ihr zu säen.

Wenn wirklich Eifersucht die treibende Kraft bei ihr ist, dann ist das vielleicht genau ihre Absicht gewesen, ging es Susanne durch den Kopf. Ich darf nicht zulassen, dass sie damit Erfolg hat...

Susanne seufzte, wandte sich vom Fenster ab und dem großen Himmelbett zu, auf das sie ein halbes Dutzend Kleider ausgebreitet hatte. Sie wusste einfach nicht, was sie anziehen sollte, geschweige denn, welchen Schmuck sie dazu anlegen würde.

Sie hielt sich ein rotes Kleid vor den Körper, trat damit vor die Spiegelwand und betrachtete sich kritisch.

Vielleicht ein bisschen zu aufgedonnert, ging es ihr durch den Kopf.

Einerseits wollte sie ihre Garderobe variieren und nicht immer dasselbe anziehen. Andererseits fand sie es aber auch wichtig, Stilsicherheit und eine gewisse, wiedererkennbare Linie in der Auswahl ihrer Sachen zu zeigen.

Die Spiegelwand wurde durch einen goldenen, mit zahlreichen Verzierungen versehenen Rahmen begrenzt, der dem Betrachter den Eindruck vermittelte, Teil eines gewaltigen Gemäldes zu sein.

Susanne trat noch etwas näher an den Spiegel heran.

Plötzlich schob sich mit einem brummenden Geräusch die Spiegelwand ein Stück zur Seite. Dahinter befand sich der Eingang zu einem dunklen Gewölbe.

Susanne erschrak, dann begriff sie.

Es musste sich hier um einen jener Geheimgänge handeln, die auf Schloss Eichenbach so zahlreich vorhanden waren.

Wie erstarrt blieb die junge Frau stehen. Jetzt blickte sie an sich herab und stellte fest, dass die Parkettleiste, auf der sie stand, deutlich dunkler war, als die übrigen...

Ihr war das zunächst nicht aufgefallen, weil sich dieser Unterschied im Rahmen ganz normaler Farbnuancen bewegte, wie man sie bei Holz immer vorfindet.

Doch jetzt glaubte sie, vielleicht eine Absicht dahinter entdecken zu können.

Sie trat von der Parkettplatte herunter.

Nichts geschah.

Rasch legte sie das rote Kleid zu den anderen und kehrte zurück zur Spiegelwand.

Auf der rechten Seite befand sich am Rahmen des Spiegels ein Knauf, der die Form eines Löwenkopfs hatte. Sie ergriff ihn und war überrascht mit welcher Leichtigkeit sich die Geheimtür wieder schließen ließ. Ein Schloss schnappte ein und und danach war es unmöglich, sie durch Druck auf den Knauf wieder zu öffnen.

Susanne trat erneut auf die dunkle Parkettplatte.

Wieder öffnete sich die Geheimtür.

Die Baumeister vergangener Epochen hatten ihr Handwerk schon verstanden. Wer immer in dieser Suite früher auch einmal residiert haben mochte - er hatte offenbar einen schnellen und sicheren Fluchtweg gebraucht. Susanne trat an den Eingang des dunklen Ganges heran. Eine schmale, gewundene Treppe führte in die Tiefe.

Christianes Worte klangen in Susannes Innerem wider. Ihre düsteren Andeutungen, dass Beweise für Wilfrieds Schuld - wenn überhaupt - nur noch dort unten, in den finsteren Gängen zu finden wären.

Susanne fühlte, wie die Neugier in ihr aufkeimte.

Sei keine Närrin, schalt sie sich selbst. Du wirst doch wohl nicht auf Grund des Geredes einer Wahnsinnigen dort hinabsteigen?

Sie überlegte einen Moment, schwankte innerlich hin und her. Aber dieser Gang übte auf sie eine starke Anziehungskraft aus, und sie war sich gar nicht sicher, ob das wirklich nur mit Christianes düsteren Andeutungen zu tun hatte. Susanne sah auf die Uhr. Bis zum Abendessen hatte sie noch Zeit genug. Und im Moment wusste sie ohnehin nicht, was sie anziehen sollte. Warum also nicht ein bisschen auf Entdeckungsreise gehen und sich umsehen?

Ich brauche eine Lichtquelle, erkannte Susanne. Sie blickte sich um. Eine Taschenlampe besaß sie nicht. Aber auf einer antiken Kommode befand sich ein kostbarer silberner, dreiarmiger Kerzenleuchter. In einer der oberen Schubladen fand Susanne auch Streichhölzer. Sie entzündete die Kerzen und trat dann durch die Geheimtür. Vorsichtig schritt sie die rutschigen Stufen der Steintreppe hinab, die nach unten führte. Der Schein des Kerzenlichtes flackerte an den massiven Steinwänden.

Schließlich erreichte sie einen Absatz, von wo eine weitere Treppe hinunterführte.

Nachdem sie auch diese Stufen hinter sich gebracht hatte, befand sie sich in einem gewölbeartigen Raum. Kühl war es hier unten und eine leichte Gänsehaut überzog Susannes Unterarme.

Vorsichtig schritt sie den dunklen Gang entlang, der von diesem Raum ausging und sich schließlich teilte.

Susanne entschied sich für die rechte Abzweigung.

Vorsichtig ging sie weiter voran.

Dann spürte sie plötzlich einen kühlen Luftzug. Die Kerzen des Leuchters flackerten auf und erloschen.

"Nein!", entfuhr es Susanne, und der Pulsschlag raste ihr bis zum Hals.

Aber es war zu spät.

Um sie herum war es vollkommen dunkel.

Susanne tastete vorsichtig an den kalten Steinwänden entlang. Wie dumm ich war, hier hinabzusteigen, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt würde es sehr schwer sein, aus diesem Labyrinth wieder zurückzufinden - ohne Licht!

Susanne konnte nicht die Hand vor Augen sehen.

Um Hilfe zu rufen hatte keinen Sinn, denn wer konnte sie hier schon hören? Und die Mauern waren so massiv, dass bestimmt kein Ton nach außen drang.

Angst stieg in Susanne auf, je länger sie in der Dunkelheit umherirrte.

Zunächst glaubte sie, sich am Verlauf der Wände orientieren zu können. Doch dann wurde sie unsicher. Lief sie überhaupt noch in die richtige Richtung? Hatte sie die richtige Abzweigung genommen oder verirrte sie sich in Wahrheit nur immer tiefer in diesem steinernen Labyrinth. Warum war da keine Treppe, die hinaufführte?

Susanne zitterte leicht.

Tränen rannen ihr über das Gesicht.

Sie hatte inzwischen nicht einmal mehr die leiseste Ahnung, wo sie sich eigentlich befand. Irgendwo, tief unter den Mauern von Schloss Eichenbach, dachte sie. Aber das Schloss war so groß...

Die Zeit verstrich quälend langsam.

Was soll ich nur tun?, dachte Susanne. Verzweiflung hatte sie gepackt.

Sie erreichte eine weitere Abzweigung und tastete sich um die Mauerecke herum.

Dann sank sie schluchzend zu Boden.

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Susanne hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. In der absoluten Dunkelheit hatte sie das Gefühl dafür verloren. Aber irgendwann hörte eine Stimme zwischen den uralten Mauern widerhallen. Eine Stimme, die ihren Namen rief.

"Susanne!"

Sofort erwachten in ihr wieder die Lebensgeister.

"Wilfried!", rief sie. "Ich bin hier!"

Sie erhob sich. Dann hörte sie Schritte und wenige Augenblicke später sah sie den Schein einer Taschenlampe.

Der Lichtkegel wanderte suchend den Gang entlang.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Stimme.

"Oh, Wilfried, ich hatte solche Angst..."

Wilfried nahm Susanne in den Arm und sie schmiegte sich an ihn.

"Susanne, was um alles in der Welt suchst du hier unten?"

"Ich weiß, was für eine Närrin ich war, aber..."

"Was glaubst du, was für Sorgen ich mir gemacht habe, als du nicht zum Essen erschienst..."

"Es tut mir leid, Wilfried. Aber als sich plötzlich die Geheimtür hinter dem Spiegel öffnete, da konnte ich einfach nicht widerstehen."

Ihre Blicke begegneten sich.

"Ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte", murmelte Wilfried dann. "Johann hatte die Anweisung, sämtliche Zugänge zu den Geheimgängen zu verschließen... Die Gefahr ist doch viel zu groß, dass sich jemand verlaufen kann!" Wilfried nahm ihre Hand. "Komm jetzt", fuhr er dann sanfter fort. "Wir wollen froh sein, dass nichts passiert ist!"

Sie ließ sich von ihm den Gang entlangführen.

Warum hat er so heftig reagiert?, fragte sich Susanne. Nur aus Besorgnis um mich? Oder fürchtete er am Ende gar, dass man hier unten etwa finden konnte. Etwas, das Christianes Anschuldigungen vielleicht weitere Nahrung gab?

Susanne erschrak über ihre eigenen Gedanken.

"Was ist los?", fragte Wilfried, der ihre Verkrampfung durchaus wahrnahm.

"Nichts", behauptete sie.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie, dann stellte Wilfried plötzlich fest: "Du hast über Christianes Anschuldigungen nachgedacht, nicht wahr?"

"Nun, vielleicht ein bisschen..."

"Bist du deswegen hier unten gewesen? Um zu überprüfen, ob nicht doch etwas an ihren Worten dran ist?"

"Wilfried!", stieß Susanne hervor. Sie wollte noch etwas sagen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Hat er nicht im Grunde genommen recht?, ging es ihr durch den Kopf.

Wilfrieds letzte Worte hatten ungewohnt scharf geklungen.

In deutlich sanfterem Tonfall fuhr er nun fort: "Ich kann es dir nicht verdenken, Susanne. Vielleicht würde ich an deiner Stelle genauso handeln..."

"Ich vertraue dir!"

"Aber du zweifelst auch! Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um dich wirklich zu überzeugen..."

"Das brauchst du nicht, Wilfried."

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Später hörte Susanne zufällig ein Gespräch mit an, das Wilfried mit dem Kammerdiener Johann führte.

"Wie konnte es passieren, dass die Geheimtür hinter dem Spiegel zu öffnen war?", fragte Wilfried.

"Durchlaucht, ich habe keine Erklärung dafür. Ich war der Überzeugung, dass sämtliche Zugänge zu den Gewölben verschlossen sind!"

"Aber das waren sie ganz offensichtlich nicht!"

"Ich bin untröstlich!"

"Überprüfen Sie bitte noch einmal alle Geheimtüren... Ich möchte nicht, dass irgendjemand zu Schaden kommt."

"Sehr wohl..."

In den nächsten Tagen sprachen Wilfried und Susanne nicht mehr über den Vorfall. Wilfried und Susanne flogen nach Mailand, um für ein Kleid maßnehmen zu lassen, dass ein mit dem Haus Eichenbach befreundeter Modeschöpfer eigens für die Verlobungsfeier anfertigen würde.

"Hatten wir uns mit deinen Eltern nicht darauf geeinigt, dass wir eine Feier im kleinen Rahmen bevorzugen?", fragte Susanne später, als sie gemeinsam durch die Straßen Mailands schlenderten.

"Nun, der kleine Rahmen bezog sich doch nur auf die Zahl der Gäste - nicht auf die Qualität der Garderobe!", erwiderte Wilfried lächelnd. "Oder gefällt dir der Entwurf für das Kleid nicht?"

"Es ist ein Traum, Wilfried."

Er sah sie an.

"Du bist ein Traum, Susanne..."

Die junge Baroness genoss die Zeit, die sie in Mailand verbrachten. Sie fühlte sich freier und unbeschwerter, als in den Mauern von Schloss Eichenbach. Woran mag das nur liegen?, überlegte sie. Die Antwort lag eigentlich auf der Hand.

Der Grund für das Unbehagen, das sie auf Schloss Eichenbach mitunter empfand, trug einen Namen.

Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm.

Ihre Anwesenheit wirkte wie ein dunkler Schatten, der Susannes Glück verdunkelte.

Sie kann nichts für das, was sie getan hat, hatte Susanne sich oft genug gesagt. Christiane war schließlich krank...

Aber der Keim des Zweifels war gelegt - und seine Saat drohte langsam aufzugehen.

Doch hier, in Mailand, konnte Susanne all das vergessen.

All das, was sich an düsteren Andeutungen um das Schicksal von Wilfrieds erster Verlobten herumrankte.

Als sie von dieser Kurzreise zurückkehrten, empfand sie ein Gefühl der Beklemmung, während sie die Mauern von Schloss Eichenbach in der Ferne auftauchen sah. Ferdinand, der getreue Chauffeur des Fürsten, hatte sie vom Flughafen abgeholt. Und als die dunkle Limousine nun in den Schlosshof einfahren wollte, da stand eine Gestalt unter dem Torbogen und versperrte den Weg.

Es war niemand anderes als Christiane.

Starr wie aus Stein gemeißelt stand sie da.

So als wollte sie verhindern, dass ich je nach Schloss Eichenbach zurückkehre!, durchzuckte es Susanne. Ferdinand stieg aus. Er versuchte die Komtesse mit beruhigenden Worten dazu zu bewegen, den Weg freizumachen.

Doch Christiane beachtete ihn nicht.

Ihr Blick war starr auf Susanne gerichtet.

"Kehren Sie nicht zurück, Susanne!", schrie sie dann. "Sie werden hier Ihr Unglück finden!"

Damit drehte sie sich um und ging eiligen Schrittes davon.

"Du darfst dem keine Bedeutung zumessen, Susanne... Sie ist nunmal so, wie sie ist - und daran wird vermutlich niemand etwas zu ändern vermögen. Die Ärzte, die sie bisher behandelten, haben in dieser Hinsicht jedenfalls wenig Hoffnung gemacht..."

Susanne atmete tief durch und nickte.

"Ja, ich weiß, Wilfried. Und dennoch... was diese Frau sagt, nagt an meinen Nerven."

"Das verstehe ich nur zu gut", gab der Sohn des Fürsten von Eichenbach zurück. "Ich habe versucht, mit Christiane zu reden, sie zur Vernunft zu bringen... Aber das war alles vergeblich. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, Susanne."

"Ja, ich weiß, Wilfried."

Ferdinand fuhr die Limousine jetzt in den Schlosshof hinein und hielt sie vor dem Portal an.

Er öffnete den beiden jungen Leuten die Türen. Und während sie die steinernen Stufen des Portals hinaufschritten, spürte Susanne, wie ein kalter Wind die Schlossmauern umwehte.

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Die Vorbereitungen für die Verlobung liefen auf Hochtouren.

Susanne kehrte zwischendurch für ein paar Tage auf das heimatliche Gut des Barons von Radvanyi zurück, allerdings nur, um so bald wir möglich wieder nach Schloss Eichenbach zurückzukehren.

Denn erstens wollte sie nicht zu lange von Wilfried getrennt sein und zweitens war auf Schloss Eichenbach auch noch einiges im Hinblick auf die Verlobung zu tun - selbst wenn es sich nur um eine Feier im bescheidenen Rahmen handelte.

Wilfried begleitete Susanne auf Gut Radvanyi, stellte sich beim Baron und der Baronin vor und machte einen überaus positiven Eindruck auf Susannes Eltern.

Leider musste er schon am nächsten Tag zurückkehren, da seine Anwesenheit in den verschiedenen Unternehmungen seines Vaters vonnöten war.

"Bist du glücklich?", fragte Baronin Viola von Radvanyi ihre Tochter, während eines sonnigen Nachmittags, den sie im Schatten hochgewachsener Platanen an einem Teich verbrachten, der zu den Gartenanlagen von Gut Radvanyi gehörte.

"Oh, ja, ich bin sehr glücklich. Wilfried ist ganz bestimmt der richtige Mann für mich..."

"Ja, das glaube ich auch. Auf mich hat er einen ganz ausgezeichneten Eindruck gemacht..." Die Baronin musterte aufmerksam das Gesicht ihrer Tochter und fuhr dann fort: "Und dennoch scheint da irgendetwas zu sein, was du mir noch nicht gesagt hast... Als ob irgendein Schatten auf deinem Glück liegt..."

Susanne erschrak.

Ihre Mutter kannte sie gut. So gut, dass es ihr immer sehr schwer gefallen war, irgendetwas vor ihr geheimzuhalten. An kleinsten Regungen ihres Gesichts, am Klang ihrer Stimme und anderen, für andere kaum wahrnehmbaren Anzeichen konnte sie ihre Stimmung ablesen. Manchmal grenzte das beinahe an Telepathie.

Susanne wich dem Blick ihrer Mutter aus.

Was sollte sie ihr antworten?

Ihr vielleicht von den gemeinen Verdächtigungen einer seelisch Kranken berichten?

"Es ist nicht so wichtig", behauptete sie.

Aber das ließ die Baronin natürlich nicht durchgehen.

"Wenn es dich bedrückt, dann ist es auch wichtig", stellte sie klar.

Susanne seufzte schwer. Und dann berichtete sie ihrer Mutter schließlich von Christianes Anschuldigungen und der Ablehnung, mit der die junge Komtesse sie geradezu verfolgte.

"Und es gibt keine Beweise dafür, dass das, was Christiane sagt, der Wahrheit entspricht?", hakte die Baronin nach.

Susanne schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Dann solltest du dich von dem Gerede dieser Komtesse nicht beirren lassen..."

"Das werde ich auch nicht", sagte Susanne entschlossen.

"Mein Glück werde ich mir nicht zerstören lassen - auch nicht von dieser eifersüchtigen Kranken."

"Wenn wirklich etwas an den Anschuldigungen dran wäre, würde Wilfried kaum so gelassen reagiert haben", gab die Baronin zu bedenken. Und in dem Punkt musste Susanne ihr recht geben.

Aber da war die Szene, unten in den Kellergewölben, zu denen man über die Geheimgänge gelangen konnte...

Einen kurzen Augenblick lang tauchte bei Susanne wieder die Frage auf, ob es wirklich nur ehrliche Besorgtheit gewesen war, die Wilfried zu seiner recht heftigen Reaktion veranlasst hatte...

Natürlich war es das!, wies sich die Baroness sofort selbst zu recht. Was soll es dort unten noch für Beweise geben? Und hätten dann nicht die Nachforschungen der Polizei etwas ans Tageslicht bringen müssen?

Ein etwas gezwungen wirkendes Lächeln zeigte sich nun um ihre vollen Lippen herum.

"Lass uns von etwas anderem reden", schlug sie dann vor.

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Als Susanne nach Schloss Eichenbach zurückkehrte, war inzwischen das Kleid eingetroffen, das in Mailand in Auftrag gegeben worden war.

Susanne fand es in ihrer Suite vor und probierte es gleich an.

Es war ein Traum in weinrot, besetzt mit kostbaren Spitzen. Und es passte wie angegossen. Susanne trat vor die große Spiegelwand in ihrer Suite, hinter der sich die Geheimtür befand...

Ja, so würde sie dem Anlass entsprechend gekleidet sein, wenn sie und Wilfried einander die Ehe versprachen.

Es klopfte an der Tür zu ihrer Suite.

Wilfried konnte es nicht sein.

Er würde erst in ein oder zwei Stunden von einem geschäftlichen Termin zurückkehren.

Zögernd ging Susanne von Radvanyi zur Tür.

"Wer ist da?", fragte sie.

"Ich bin es, Christiane", kam die Antwort von der anderen Seite der massiven Holztür.

Was mag sie von mir wollen?, fragte Susanne sich und spürte dabei, wie ein mulmiges Gefühl sich in ihrer Magengegend breitmachte. Sie öffnete. Christiane musterte sie mit einem abschätzigen Blick von oben bis unten. Die sehr strenge Knotenfrisur, die die junge Komtesse trug, verstärkte den abweisenden Ausdruck ihres eigentlich sehr hübschen und feingeschnittenen Gesichtes noch.

"Ist das das Kleid, das Wilfried für Sie hat anfertigen lassen?", erkundigte sie sich mit klirrend kalter Stimme.

"Ja."

"Es steht Ihnen..."

Susanne atmete tief durch. Sie musste sich sehr beherrschen um ihre Fassung zu behalten. "Was wollen Sie von mir, Christiane?"

Christiane sah ihr Gegenüber beschwörend an. "Ich muss mit Ihnen reden, Susanne. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie sich befinden..."

"Wenn Sie Ihre abstrusen Anschuldigungen gegenüber Wilfried nur wiederholen wollen, gehen Sie besser. Ich möchte mir das nicht noch einmal anhören müssen..."

"Baroness Susanne..."

"Ich meine es ernst. Was auch immer Sie versuchen, Sie werden Wilfried und mich nicht auseinanderbringen. Gleichgültig, wie viel Misstrauen Sie auch zu streuen versuchen."

"Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück, Susanne. Es könnte Ihnen genauso ergehen, wie Lisa Reindorf..."

"Warum sollte das geschehen?"

"Wilfried ist ein Mörder!"

"Das behaupten Sie - ohne auch nur den Hauch eins Beweises dafür vorbringen zu können!" Susanne fixierte Christiane mit einem durchdringenden Blick. "Warum verfolgen Sie ihn und mich mit Ihrem Hass, Christiane. Was habe ich Ihnen getan? Kann ich etwas dafür, dass er mich liebt und nicht Sie?"

Christianes Gesicht wurde dunkelrot.

"Wissen Sie, wer dafür gesorgt hat, dass sich die Geheimtür hinter dem Spiegel öffnen ließ?"

"Sie waren das?", entfuhr es Susanne von Radvanyi.

Christiane nickte.

"So ist es."

"Aber warum das alles?"

"Um Ihnen die Augen zu öffnen, Susanne. Sie sollen erkennen, wer der Mann wirklich ist, dessen Namen Sie tragen wollen... Die Wahrheit liegt dort unten, in den alten Gewölben, in den dunklen, kalten Verliesen unter dem Schloss..."

Damit drehte sie sich herum und ging.

"Und was sollte ich dort finden?", rief Susanne der Komtesse hinterher.

Diese drehte sich noch einmal kurz um. Ihr Lächeln wirkte mechanisch. "Das müssen Sie schon mit eigenen Augen sehen, Baroness. Mir glauben Sie ja ohnehin nicht!", und damit wandte sich um und ging. "Seien Sie keine Närrin und verschließen Sie nicht die Augen vor der Wahrheit!", rief sie noch.

Schnelle Schritte waren jetzt von der anderen Seite her zu hören und hallten in dem hohen Flur wider.

Mit fragendem Gesichtsausdruck eilte Wilfried von Eichenbach herbei.

Er sah erst Susanne an, dann die davoneilende Komtesse Christiane.

Diese blieb vor einem großformatigen, goldgerahmten Gemälde stehen, das den Flur zierte. Es zeigte eine Landschaft in sturmdurchtoster Nacht.

"Was ist passiert?", wandte sich Wilfried an Susanne.

Christiane drehte sich zu ihm herum. Die dezenten Ohrringe, die sie trug, bewegten sich dabei, so dass sie in dem gedämpften Licht des Flures glitzerten.

"Die Wahrheit kommt ans Tageslicht, Wilfried", sagte sie leise. "Du wirst es nicht verhindern können... Es sei denn, du tust mit mir dasselbe, was du mit dieser armen jungen Frau getan hast."

"Das ist alles nicht wahr, Christiane!", erwiderte Wilfried, sichtlich um seine Fassung bemüht.

"Ach, nein?"

"Was du behauptest, ist nie geschehen. Vielleicht glaubst du sogar selbst an das, was du sagst, Christiane. Aber es ist eine Einbildung. Eine fixe Idee, von der du besessen bist!"

"Lisa Reindorf wollte zu einer Freundin in Köln. Aber dort ist sie nie angekommen, denn zuvor verschwand sie..."

"Das ist doch nur Gerede!"

"Sie hatte es mir zuvor gesagt, Wilfried! Soll ich dir Einzelheiten sagen? Die damalige Adresse dieser Freundin? Ihr Name war Carina Mehler und sie wohnte..."

Wilfried trat auf Christiane zu. "Ich glaube nicht, dass Lisa dir erzählt hat, was sie vorhatte... Jetzt hast du den Bogen wirklich überspannt, in dem du eine so aberwitzige Behauptung aufstellst!"

"Verzeih mir bitte, wenn ich dir nicht so recht zu folgen vermag, Wilfried!"

"Lisa und du - ihr habt euch von Anfang an nicht besonders gemocht. Warum sollte sie ausgerechnet dich über ihre Pläne informiert haben, Christiane? Das ist doch lächerlich!"

Christiane seufzte.

"Wie groß muss ihre Verzweiflung wohl gewesen sein, dass sie sich an mich wandte - einen Menschen, der ihr zugegebenermaßen alles andere als nahe stand..."

Wilfried machte noch einige Schritte auf die junge Komtesse zu und blieb dann stehen. "War es nicht in Wahrheit ganz anders, Christiane?", fragte Wilfried dann in einem Tonfall, der sehr ruhig und gefasst klang. "Wenn Lisa verzweifelt gewesen ist und sich auf Schloss Eichenbach nicht so recht wohlzufühlen vermochte, so lag dies doch wohl daran, dass du sie von Anfang an mit deinem Hass verfolgt hast!"

"Nein!"

"Jede Gelegenheit hast du wahrgenommen, um ihr das Leben schwer zu machen?"

"Sie war eine Bürgerliche und passte einfach nicht hier her, Wilfried. Wahrscheinlich hat sie das irgendwann auch selbst erkannt." Sie wandte sich mir zu, musterte mich einige Augenblicke lang und sagte dann: "Ich habe mir Sorgen um Lisa Reindorf gemacht - so wie ich mir jetzt Sorgen um Sie mache, Baroness." Dann begann Christiane zu schluchzen. "Ich weiß doch, was ich gesehen habe... Den Schrei... Mein Gott, es ist so gegenwärtig, als wäre es erst gestern gewesen. aber mir glaubt ja niemand. Mich nimmt man nicht für voll, weil ich angeblich ein seelisches Leiden habe..."

"Christiane!", rief Wilfried.

Aber die Komtesse wandte sich - immer wieder aufschluchzend - um und lief den Flur entlang. Hinter der nächsten Biegung verschwand sie.

Susanne stand wie betäubt da.

Christianes Worte hatten Wunden in ihr aufgerissen, von denen sie geglaubt hatte, dass sie gerade dabei waren, zu verheilen. Susanne nahm sich fest vor, dem Rat ihrer Mutter zu folgen. Sie wollte sich ihre Liebe zu Wilfried nicht zerstören lassen. Durch nichts - auch nicht durch die nagenden Zweifel, die die junge Komtesse gesät hatte.

Andererseits konnte sie die Möglichkeit wirklich ausschließen, dass doch etwas an Christianes Worten dran war.

Eigentlich hielt Susanne das für ausgeschlossen. Aber ein Rest von Unsicherheit blieb.

Wilfried berührte Susanne sanft bei den Schultern.

"Es tut mir leid, dass es zu dieser hässlichen Szene gekommen ist", sagte er dann. "Aber Angesichts dieses perfiden Spiels, das Christiane treibt, fällt es zunehmend schwerer, die Contenance zu bewahren..."

Susanne blickte zu ihm auf, studierte genau den Blick seiner grauen Augen. "War es bei Lisa Reindorf genauso?", fragte sie dann, fast flüsternd.

Wilfried nickte.

"Christiane blickte von Anfang an auf sie mit außerordentlicher Geringschätzung herab. Sie ließ Lisa spüren, dass sie nicht von adeliger Herkunft war..." Ein angestrengter Zug machte sich jetzt im Gesicht des Fürstensohnes bemerkbar. Seine Augen blitzten entschlossen.

"Christiane ist krank - das mag vieles entschuldigen und ich bin sicher der Letzte, der ihr schweres Schicksal nicht anzuerkennen wüsste. Aber irgendwo gibt es eine Grenze... und ich finde, Christiane hat sie eindeutig überschritten."

Dann blickte Wilfried an seiner zukünftigen Frau herab.

Die Bewunderung, die er empfand, war ihm deutlich anzusehen.

"Dies ist also das Kleid aus Mailand..", murmelte er.

"Ja. Gefällt es dir?"

"Wie du schon in Mailand sagtest: Es ist ein Traum. Aber zu diesem Traum wird es erst, wenn du es trägst, Susanne..."

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Am Abend suchte Wilfried von Eichenbach seinen Vater auf, der sich in der Schlossbibliothek aufhielt.

Fürst Friedrich war in die Lektüre eines ledergebundenen Bandes vertieft. Er war ein leidenschaftlicher Sammler von wertvollen Erstausgaben, die sich in großer Zahl in den langen Regalreihen befanden.

Im Kamin prasselte ein Feuer, denn es war etwas kühler geworden.

Der Fürst blickte von seiner Lektüre auf und sah seinen Sohn etwas erstaunt an.

"Hast du ein Anliegen?", erkundigte er sich. "Jedenfalls glaube ich kaum, dass es die alten Bücher sind, die dich heute hier her locken..."

Wilfried druckste etwas herum.

Einige Augenblicke lang blickte er dann nachdenklich in die prasselnde Kaminglut. Noch suchte er nach den richtigen Worten, um dem Fürsten sein Anliegen vorzutragen.

"Du hast recht", gestand er schließlich ein. "Es gibt da etwas, worüber ich unbedingt mit dir sprechen muss..."

"Nur zu", ermunterte Fürst Friedrich seinen Sohn. Dabei legte er das Buch nun endgültig zur Seite.

Wilfried atmete tief durch, nahm den gusseisernen Schürhaken und stocherte etwas in der Glut herum.

Dann drehte er sich herum und sagte: "Es geht um Komtesse Christiane... So geht es einfach nicht weiter, Vater. Sie streut haltlose Verdächtigungen und macht meiner zukünftigen Verlobten das Leben hier zur Hölle..."

Fürst Friedrich hob die buschigen Augenbrauen.

"Übertreibst du nicht vielleicht ein wenig?", meinte er.

"Ich war immer sehr duldsam ihr gegenüber. Schließlich weiß ich nur zu gut, was für ein schweres Schicksal Christiane hinter sich hat. Ganz gewiss kann man es ihr nicht anlasten, dass sie seelisch krank geworden ist... Aber nun hat sie den Bogen entschieden überspannt!"

"Wilfried..."

Die Stimme Fürst Friedrichs klang ruhig und besonnen.

"Vater, es ist wie damals... bei Lisa!" Wilfried setzte sich in einen der großen Sessel und beugte sich etwas vor.

"Was meinst du damit?"

"Christiane versucht systematisch, mein Glück zu zerstören. Aber ich bin nicht gewillt, das hinzunehmen..."

Der Fürst machte ein nachdenkliches Gesicht. "Und was sollte deiner Meinung nach getan werden? Du weißt, dass deine Mutter es nicht zulassen würde, Christiane in einem Sanatorium unterbringen zu lassen..."

"Und wenn man ihr dort besser helfen könnte, als dies auf Schloss Eichenbach möglich ist?"

"Niemand kann ihr im Moment helfen, Wilfried. Das ist leider die traurige Wahrheit. Wenn es eine Heilung für sie gibt, dann dauert sie sehr lange. Du weißt doch, was die Ärzte darüber gesagt haben..."

"Aber es geht nicht an, dass diese Person versucht, mein Leben zu zerstören. Sei sie nun krank oder nicht!"

"Deine Mutter kann ja noch einmal mit ihr reden. Auf sie hört sie noch ehesten..."

Wilfried seufzte. "Gut", sagte er schließlich. "Man kann es ja wenigstens versuchen..." Die Schatten des lodernden Feuers tanzten auf dem Gesicht des Fürstensohnes. Er wirkte nachdenklich und in sich gekehrt. Sein Vater bemerkte die düstere Stimmung seines Sohnes sehr wohl. Er beugte sich etwas vor.

"Worüber denkst du nach, Wilfried?", fragte er schließlich vorsichtig.

Wilfried fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Haar.

Sein Gesicht bekam einen beinahe verzweifelten Ausdruck.

"Christianes Verhalten geht mir ziemlich an die Nieren", erklärte er dann. "Einerseits natürlich, weil es um das Wohlbefinden meiner zukünftigen Frau geht. Und das ist mir sehr wichtig. Aber andererseits..."

Er stockte und sprach nicht weiter.

"Was?", hakte Fürst Friedrich nach.

Er musterte seinen Sohn sehr aufmerksam.

"Jedesmal wenn Christiane ihre absurden Anschuldigungen ausstößt, dann reißt das alte Wunden wieder auf. Wunden, die ich längst vernarbt glaubte..."

"Ich verstehe dich gut, mein Sohn. Und ich kann auch nachvollziehen, dass du dir eher heute als morgen wünschen würdest, dass Christiane Schloss Eichenbach verlässt...."

"So habe ich das nie gesagt!", unterbrach Wilfried sogleich seinen Vater.

Dieser hob beschwichtigend die Hand. "Ja, gewiss. Aber ich bin sicher, dass du es gedacht hast. Dafür brauchst du dich nicht zu schämen, das ist nur natürlich. Aber du solltest auch bedenken, dass wir eine Verantwortung gegenüber Christiane haben. So schwierig sie manchmal sein mag - sie gehört zur Familie." Fürst Friedrich atmete tief durch und fügte dann nach kurzer Pause hinzu: "Aber natürlich hat alles seine Grenzen..."

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Wirre Träume plagten Susanne in der folgenden Nacht. Sie konnte einfach keine Ruhe finden und wand sich immer wieder in den Kissen. Am Morgen fühlte sie sich wie gerädert.

Eigentlich war für den Vormittag ein Ausritt geplant, aber Susanne war nicht sicher, ob sie das nicht lieber absagen sollte. Die junge Baroness machte sich frisch und zog zunächst ein schlichtes blaues Sommerkleid an. Vielleicht weckt das Frühstück ja deine Lebensgeister wieder, dann kannst du dich ja hinterher noch passend zum reiten umziehen, dachte Susanne.

Das Frühstück sollte an diesem Morgen im Salon serviert werden.

Auf dem Weg dorthin hörte Susanne zufällig Bruchstücke eines Gesprächs mit an, als sie die Treppe zur Eingangshalle erreichte. Ein Mann und eine Frau unterhielten sich. Der Mann war Johann, der Kammerdiener der Eichenbachs.

Bei der Frau handelte es sich um eines der Zimmermädchen, die jeden Vormittag die Räume des Schlosses in Ordnung brachten.

"Ich kann Wilfried von Eichenbach verstehen, wenn er Komtesse Christiane so schnell wie möglich loswerden will", tuschelte das Zimmermädchen. "Er wäre dann doch auch endlich diese Anschuldigungen los, mit denen die Komtesse ihn immer wieder behelligt..."

"Nadine, woher wissen Sie denn, dass Wilfried solche Pläne hegt?", fragte Johann mit empörtem Unterton.

"Ich sage nur, was ich so gehört habe... und die Gerüchte des Personals sind doch oft verlässlichere Informationsquellen als die offiziellen Verlautbarungen eines Fürstenhauses!"

Susanne hielt an und wartete. Die beiden konnten sie noch nicht sehen. Eigentlich war es nicht ihre Art, andere bei privaten Gesprächen zu belauschen. Aber in diesem Fall konnte sie einfach nicht widerstehen. Sie hatte das Gefühl, einem düsteren Geheimnis, ganz nah auf der Spur zu sein.

Einem Geheimnis, das vielleicht besser nicht aufgedeckt wurde...

Susanne hielt den Atem an.

"Etwas eigenartig sind die Umstände ja schon, unter denen die erste Verlobte des jungen Fürsten verschwand. Wie hieß sie doch noch gleich? Lisa Reindorf oder so ähnlich..."

"Nun Tatsache ist, dass nie wieder jemand etwas von ihr hörte..."

"Sie waren doch damals schon hier, auf Schloss Eichenbach..."

"Ja, das ist richtig..."

"Ein Wagen soll Lisa Reindorf abgeholt haben..."

"Ich war in jener Nacht sehr lange auf, weil ich wegen des Vollmondes nicht einschlafen konnte. Aber von einem Wagen habe ich nichts bemerkt..."

"Die Fürstin hat ihn gehört!"

"Das ist richtig."

"Vielleicht wollte sie mit ihrer Behauptung ihrem Sohn unangenehme Fragen der Polizei ersparen und die Ermittlungen von ihm ablenken."

"Ich glaube, Sie gehen jetzt zu weit, Nadine!"

"Wirklich?"

Eine Pause entstand.

Susanne erwog bereits, nun endlich die Treppe zur Eingangshalle hinabzusteigen und sich bemerkbar zu machen. Einen Moment später war sie froh, es nicht getan zu haben.

Das Zimmermädchen Nadine sprach jetzt sehr gedämpft. Ihre Worte waren kaum lauter als ein Wispern. "Haben Sie schonmal über die Möglichkeit nachgedacht, dass Wilfried vielleicht doch etwas mit dem Verschwinden seiner ersten Verlobten zu tun haben könnte?"

"Nadine!", entfuhr es Johann geradezu empört.

"Hat Christiane sich mit ihren Behauptungen irgendwann einmal an die Polizei gewandt!"

"Natürlich. Aber..."

"...auf Grund Ihrer Krankheit hat man sie dort nicht ernst genommen, nicht wahr?"

"So ist es", bestätigte Johann.

"Vielleicht hätten die Ermittlungen einen ganz anderen Lauf genommen, wenn man das getan hätte!"

Ein Geräusch ließ die beiden augenblicklich verstummen.

Es war Fürstin Margarethe, die aus einem der Flure in die Empfangshalle trat.

"Johann, gut, dass ich Sie treffe. Haben Sie eine Ahnung, wo sich Baroness Susanne befindet?"

"Leider nein, Durchlaucht..."

Dies war für Susanne das Stichwort, nun endlich die Treppe hinunterzuschreiten.

Die Fürstin begrüßte sie sehr herzlich, aber es entging Susanne nicht, dass sie ihr gegenüber etwas angespannt wirkte. "Nun, das Frühstück wartet bereits auf Sie, Susanne... aber ich möchte vorher kurz mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen."

"Gewiss", sagte Susanne.

"Dann lassen Sie uns ins Musikzimmer gehen."

Fürstin Margarethe führte Susanne in einen Raum, in dem sie zuvor noch noch nie gewesen war. Angesichts der Vielzahl der Zimmer auf Schloss Eichenbach war das alles andere als verwunderlich. Immer wieder gab es in diesem ausgedehnten Bauwerk neue Räumlichkeiten zu entdecken.

Das Musikzimmer wurde farblich von Holztönen beherrscht.

Durch die hohen Fenster fiel Sonnenlicht und tauchte die Einrichtung in ein mildes Licht. Ein Flügel aus Nussbaum befand sich in der Mitte des Raumes und an den Wänden waren mehrere Dutzend alter Instrumente aufgehängt. Geigen, Bratschen und verschiedene Querflöten.

"Hierher ziehe ich mich für gewöhnlich zurück, wenn ich etwas Erholung brauche", berichtete die Fürstin. "Spielen Sie ein Instrument, Susanne?"

"Ich hatte Klavierunterricht - allerdings ohne sagen zu können, dadurch eine Virtuosin geworden zu sein!"

Fürstin Margarethe lächelte.

"Nun, ob Virtuosin oder nicht - vielleicht können Sie mich bei Gelegenheit ja beim Geigenspiel begleiten..."

"Gerne..."

Mit den Gedanken war Susanne ganz woanders. Das, was sie soeben von dem Gespräch zwischen Johann und Nadine mitbekommen hatte, wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Wenn kein Wagen Lisa Reindorf abgeholt hatte - wie hatte sie dann verschwinden können? Etwa zu Fuß. Das war absurd.

Und wenn sie Burg Eichenbach nie verlassen hat?, ging es Susanne schaudernd durch den Kopf. Wenn sie dort unten, in den schrecklichen Verliesen dieses Schlosses einen jämmerlichen Tod fand, so wie Christiane es behauptete?

Susanne versuchte, diese Gedanken zu verscheuchen.

Aber das war vergeblich.

"Susanne, ich muss über etwas sehr ernstes mit Ihnen reden....", begann Fürstin Margarethe dann. Sie trug ein grauweißes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen, was sie sehr vornehm erscheinen ließ. Auf ihrer Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet. Sie schien verzweifelt nach den richtigen Worten zu suchen. "Sie wissen von Komtesse Christianes Krankheit", begann sie dann.

"Ja", nickte Susanne.

"Ich möchte, dass Sie etwas mehr darüber wissen, damit Sie ihre Äußerungen besser einschätzen können. Schließlich ist es Ihnen wohl nicht verborgen geblieben, dass Christiane Ihnen von Anfang an nicht gerade mit Sympathie begegnete..."

"Das ist leider wahr, obwohl ich mich sehr darum bemüht habe, wenn schon nicht ihre Freundschaft, so doch wenigstens ihre Achtung zu gewinnen. Leider waren meine Bemühungen vergebens."

"Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Susanne. Sie können nichts dafür. Die Schuld liegt einzig und allein bei einem ungnädigen Schicksal, das aus Christiane das gemacht hat, was sie heute ist..." Fürstin Margarethe rieb die Handflächen gegeneinander und wandte sich dann einem der hohen Fenster zu. Einen kurzen, gedankenverlorenen Blick warf sie hinaus auf die imposante Parklandschaft, die Schloss Eichenbach umgab. "Christiane lebt in ihrer eigenen Welt. Sie erfindet sich das Leben so, wie es ihr passt. Und es gibt nichts, was sie von der Wahrheit überzeugen könnte. Für sie zählt nur ihre eigene Wirklichkeit. Sie glaubt an das, was sie sagt und es hat keinen Sinn, sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen..."

"Ich verstehe, was Sie meinen", erklärte Susanne.

"Ich sage Ihnen das, damit Sie sich nicht von den wüsten Anschuldigungen beirren lassen, die Komtesse Christiane gegen meinen Sohn verbreitet..." Fürstin Margarethe seufzte hörbar.

"Christiane ist eine Verwandte und da ich ihr einziger Halt bin, fühle ich mich ihr gegenüber verpflichtet. Ich kann sie nicht einfach davonschicken... Das brächte ich nicht übers Herz."

"Und ich würde es niemals von Ihnen verlangen, Durchlaucht."

"Ich sehe, dass Sie mich verstehen, Susanne." Fürstin Margarethe lächelte matt. "Es wird Zeit, dass wir etwas weniger förmlich miteinander umgehen", erklärte sie.

"Und nun gehen Sie bitte endlich zum Frühstück. Wilfried wartet sicher schon sehnsüchtig auf Sie..."

"Das will ich hoffen!", sagte Susanne.

Fürstin Margarethe trat auf die junge Frau zu und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt.

"Sie müssen mir glauben, dass Wilfried niemals dazu im Stande wäre, einen Mord zu begehen."

"Ich habe an diese Möglichkeit nicht einen einzigen Gedanken verschwendet", hörte Susanne sich selbst sagen. Es war eine glatte Lüge. In ihr herrschte in Wahrheit ein unerbittlicher Kampf, dessen Sieger noch keineswegs feststand.

"Es freut mich, dass Sie das sagen, Susanne", hörte sie die Stimme der Fürstin. "Es freut mich vor allem auch für meinen Sohn. Er braucht in seiner Position, eine Partnerin der er absolut vertrauen kann. Eine, die zu ihm hält, auch wenn es mal ein bisschen stürmisch wird."

"Und da halten Sie mich für die Richtige?"

"Ich glaube schon, Susanne..."

Susannes Lächeln wirkte ein wenig verkrampft. Die Fürstin würde unter allen Umständen zu ihrem Sohn halten, dachte sie.

Aber war das verwunderlich? Die junge Baroness fragte sich, wie weit die Treue der Fürstin zu ihrem Sohn wohl gehen mochte...

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Als Susanne den Salon erreichte, wartete Wilfried dort noch immer. Er begrüßte sie liebevoll und ohne ein Wort über ihre Verspätung zu verlieren. Sie stellte fest, dass er mit Rücksicht auf sie, noch nicht mit dem Essen begonnen hatte.

Wilfried trug bereits einen engsitzenden Reiteranzug.

Er musterte Susanne mit skeptischem Blick.

"Was ist?", fragte Susanne. "Gefalle ich dir etwa nicht?"

Ein sympathisches Lächeln umspielte seine Lippen, während er erwiderte: "Natürlich gefällst du mir... Das Kleid steht dir hervorragend, aber..."

Susanne hob die Augenbrauen.

"Aber was?"

"Es scheint, als ob du mir durch die Blume zu verstehen geben wolltest, dass dir unser Reitausflug heute nicht passt!"

"Du meinst, weil ich noch nicht entsprechen angezogen bin?"

Susanne war perplex, wie genau er sie beobachtete. Sie musste unwillkürlich lächeln.

Wilfried beugte sich etwas vor. Er schien überhaupt nicht ungehalten darüber zu sein. "Vergessen wir den Ausritt, Susanne. Wir können ihn jederzeit nachholen - oder auch nicht. Ganz wie du willst."

Er nahm zärtlich ihre Hand. Das Timbre seiner Stimme hatte einen vibrierenden Klang. Wie sensibel er ist, dachte Susanne ergriffen. Und in diesem Moment erschienen ihr Christianes Verdächtigungen um so absurder.

"Ich habe nichts gegen einen Ausritt", sagte die junge Baroness dann. "Auch wenn ich allenfalls eine mittelmäßige Reiterin bin!"

"Ich habe nicht vor, ein Turnier zu veranstalten", lächelte Wilfried.

"Dafür wäre ich auch sicher nicht die Richtige. Meine ältere Schwester Verena war immer diejenige bei uns, die sich für Pferde interessierte. Sie ist oft mit einem Vater ausgeritten. Da spielten Wind und Wetter keine Rolle... Aber ich denke nicht, dass ich aus dem Sattel fallen werde!"

"Dann wäre es mir ein Vergnügen, dich aufzufangen... Wenn du keine passenden Sachen dabeihaben solltest, so haben wir hier auf Schloss Eichenbach gewiss etwas Passendes..."

"Nein, das ist kein Problem", erwiderte Susanne. Dann sah sie Wilfried einige Augenblicke lang nachdenklich an. Ihre Lippen waren halb geöffnet, so als wollte sie noch etwas sagen. Wilfried erwiderte diesen Blick.

"Was ist?", fragte er. "Hast du noch etwas auf dem Herzen?"

Ich muss mehr wissen, dachte sie. Mehr über Lisa Reindorf und die Dinge, die damals geschehen sind.

Aber Susanne zögerte, Wilfried jetzt darauf anzusprechen.

Es ist vielleicht nicht der richtige Moment, entschied sie.

Und so sah sie ihn nur lächelnd an.

"Es ist nichts", behauptete sie.

Alles hätte so schön und harmonisch sein können, ging es ihr währenddessen durch den Kopf. Warum musste dieser düstere Schatten der Ungewissheit auch gerade über ihrem Leben und ihrem Glück liegen?

Eine Stunde später half Wilfried ihr auf den Rücken eines ruhigen Apfelschimmels, den der Stallbursche für sie gesattelt hatte. Anschließend bestieg Wilfried den Rappen, der für ihn bestimmt war und ritt es im gemäßigten Trab über die befestigten Wege, die die Schloss Eichenbach umgebende Parklandschaft durchzogen. Schließlich ließen sie das erhrfurchtsgebietende Schloss hinter sich, ritten über weite Wiesen und durch kleine Waldstücke hindurch, die ebenfalls noch zum Besitz des Fürsten von Eichenbach zählten. Es waren gut gepflegte Forstwälder, deren Erhalt besonders Fürst Friedrich am Herzen lag, wie Wilfried berichtete.

Schließlich erreichten sie einen idyllisch gelegenen Teich.

Dort stiegen sie ab. Das Sonnenlicht glitzerte im Wasser.

Das Quaken von Fröschen mischte sich mit den Geräuschen der Wasservögel.

"Man hat hier das Gefühl sehr weit weg von allem zu sein", murmelte Susanne, nachdem sie dem Konzert der Natur eine Weile lang gelauscht hatte.

Wilfried nickte. Er legte zärtlich einen Arm um sie.

Und Susanne ließ es geschehen.

"Ja", sagte er dann. "Wenn ich nachdenken muss, dann komme ich oft hier her..."

"Das kann ich gut verstehen..."

"Aber diesmal bin ich nicht deswegen hier", erklärte Wilfried.

Susanne sah ihn erstaunt an.

"Weshalb hast du uns dann hier her geführt?"

"Weil ich denke, dass dies der richtige Ort ist..."

"Der richtige Ort wofür?"

Wilfried griff in die Innentasche seiner Reiterjacke und holte ein kleines Kästchen hervor. Es war in schlichtem blauschwarzem Samt eingeschlagen.

"Das ist für dich", sagte er und gab es ihr. Etwas zögernd ergriff sie das Kästchen. Es ließ sich leicht öffnen. Darin blinkte ihr ein goldener Ring entgegen. Der eingefasste Stein schimmerte rötlich. Er war klein und dezent, wirkte in keiner Weise protzig, sondern sehr elegant. Der Ring selbst war mit kunstvollen Gravuren versehen.

Susanne steckte ein Kloß im Hals. Sie war unfähig, auch nur eine einzigen Ton herauszubringen, so gerührt war sie.

Wilfried nahm den Ring aus dem Kästchen heraus und steckte ihn ihr an den Ringfinger der linken Hand.

"Dies ist ein kleines Zeichen meiner Liebe", sagte er. "Ich möchte, dass wir für immer beisammen bleiben. In guten und in schweren Zeiten..."

Susanne konnte nichts gegen die Tränen machen, die ihr über die Wangen liefen. Sie schlang ihre Arme um ihn, und er drückte sie zärtlich an sich.

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"Du bist so schweigsam", stellte Wilfried fest, als sie sich schon auf dem Rückweg befanden. Sie ließen die Pferde im langsamen Schritt gehen. Beide hatten sie keine Eile, sich den in der Ferne aufragenden Mauern von Schloss Eichenbach allzu schnell zu nähern.

Den Ring trug Susanne am Finger. Die Sonne ließ den Stein funkeln.

"Ich möchte dich etwas fragen, Wilfried", brachte Susanne schließlich heraus.

"Nur zu", erwiderte dieser.

"Hast du diese Lisa Reindorf sehr geliebt?"

"Ich wollte, dass sie meine Frau wird", erklärte er. Ihre Blicke trafen sich. Dann ging ein Lächeln über sein Gesicht.

"Ich bin deiner Frage ausgewichen", gab er dann zu.

"Aber das war nicht richtig. Nach allem, was geschehen ist, hast du das Recht auf eine ehrliche, vorbehaltlose Antwort. Auch, wenn es mir nach wie vor schwerfällt, darüber zu reden." Ein Schatten fiel über Wilfrieds Gesicht. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Ich habe Lisa geliebt. Und lange Zeit konnte ich es kaum verwinden, sie verloren zu haben... Sie wurde einfach aus meinem Leben gerissen. Jedenfalls habe ich das so empfunden. Oft habe ich mich gefragt, wo sie wohl sein mag. Was wohl aus ihr geworden ist... Besonders belastete mich die Tatsache, dass wir einen ziemlich heftigen Streit hatten, als wir uns zum letzten Mal sahen..."

"Und du hast wirklich keine Ahnung, wo sie geblieben ist?"

"Ich erhielt nie wieder eine Nachricht von ihr. Es scheint, als habe sie damals alle Verbindungen zu ihrem früheren Leben abgebrochen."

"Wollte sie nicht zu einer Freundin in Köln?"

"Möglich, aber dort ist sie nie aufgetaucht. Jedenfalls nicht meines Wissens..." Er sah sie an. seine Augenbrauen zogen sich etwas zusammen. Dann seufzte er. "Wie kann ich dich nur überzeugen, Susanne..."

"Aber..."

"Nein, widersprich mir nicht", unterbrach er sie, noch ehe sie ihren Satz auch nur halbwegs hatte beginnen können.

"Christianes Gift hat seine Wirkung gründlich getan. Du denkst noch immer darüber nach, ob ich nicht doch etwas mit Lisas Verschwinden zu tun haben könnte. Vielleicht willst du dir diese Zweifel nicht einmal selbst eingestehen. Aber sie sind da. Ich sehe sie in deinen Augen, ich höre sie in deinen Fragen mitschwingen... Du kannst es nicht leugnen. Nicht, wenn du so ehrlich zu dir selbst bist, wie ich es zu dir bin..."

"Wilfried..."

Susanne fühlte sich unbehaglich. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Sie atmete schwer. Was sollte sie ihm sagen? Hatte er nicht recht? Hatte er nicht mit großer Klarsicht genau das in Worte gefasst, was in ihrem Inneren vorging?

"Ich habe Lisa Reindorf nicht umgebracht", erklärte Wilfried unterdessen. "Und damit du siehst, das an Christianes Behauptungen nichts - aber auch wirklich gar nichts! - dran ist, möchte ich, das du mit mir in die unterirdischen Verliese von Schloss Eichenbach steigst. Damit du siehst, dass es dort unten keinerlei Beweise für Christianes Verdächtigungen gibt..."

Susanne schüttelte den Kopf.

"Nein", sagte sie sehr schnell und sehr entschieden. "Ich möchte auf keinen Fall noch einmal dort hinabsteigen... Mein letzter Aufenthalt dort unten verfolgt mich jetzt noch hin und wieder bis in meine Träume..."

"War es so schlimm?"

"Ja."

"Aber ich wäre bei dir... sieh dir an, was dort unten ist. Ich glaube, dass dir das helfen wird..."

"Nein!", erwiderte Susanne etwas heftiger, als sie es eigentlich geplant hatte. Dann schränkte sie ein: "Vielleicht später..."

"Du solltest noch einmal darüber nachdenken, Susanne..."

"Vielleicht... Aber fürs erste werden mich keine zehn Pferde dazu bekommen, noch einmal diese finsteren Gänge zu betreten..."

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Sie ritten zurück zum Schloss.

Nachdem der Stallbursche ihnen die Pferde abgenommen hatte, standen sie sich gegenüber und ihre Blicke verschmolzen für einige Momente miteinander.

Wilfried lächelte.

"Du bist eine viel bessere Reiterin, als du mich hast glauben machen wollen..."

"Und du weißt genau, wann eine Frau ein Kompliment hören möchte!"

Wilfried nahm ihre Hand.

"Ich habe diesen Ausritt sehr genossen."

"Das habe ich auch", erwiderte Susanne. "Auch wenn ich morgen wahrscheinlich schrecklichen Muskelkater in den Oberschenkeln haben werde..."

Wilfried nahm jetzt auch ihre andere Hand. Sein Blick wurde etwas ernster. "Ich bin in meinem Leben noch nie so glücklich gewesen, wie seit dem Tag, als du auf Schloss Eichenbach eintrafst. Um ehrlich zu sein, ich könnte mir ein Leben ohne dich kaum noch vorstellen, Susanne... Und ich werde dich nicht wieder gehen lassen!"

Susanne zuckte bei dieser letzten Bemerkung förmlich zusammen. Die Gedanken rasten nur so durch ihren Kopf. Es ist nur ein freundliches Kompliment, sagte die eine Stimme in ihr. Ein Kompliment, das nicht mehr und nicht weniger besagen soll, als dass du die Frau seines Lebens bist.

Aber konnte man das nicht auch anders verstehen?

Schwang da nicht etwas mit, vor dem man sich vielleicht sogar fürchten musste?

Vielleicht hat er das einst auch zu Lisa Reindorf gesagt, ging es Susanne durch den Kopf. Und dann war der Tag gekommen, an dem sie Schloss Eichenbach hatte verlassen wollen...

Und ich werde dich nie wieder gehen lassen!, echoten Wilfrieds Worte in Susannes Innerem wider. Bekam dieser Satz in diesem Zusammenhang nicht eine ganz andere, unheilvolle Bedeutung?

"Lass uns reingehen", sagte Susanne. "Ich möchte mich vor dem Essen noch frischmachen."

"Natürlich."

Und während sie auf das Portal zustrebten, blickte Susanne zufällig zu den Zinnen des hohen Turms auf der Westseite des Schlosses. Christiane stand dort und blickte auf sie herab.

Sie hat uns die ganze Zeit beobachtet, ging es Susanne durch den Kopf. Die ganze Zeit, da wir auf dem Heimritt waren...

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Susanne zog sich zunächst in ihre Suite zurück, um sich für das Essen umzuziehen. Schließlich wollte sie nicht in verschwitzten Reitsachen an der Tafel sitzen. Als sie die Tür zu ihrer Suite öffnete, stellte sie fest, dass bereits jemand dort war.

Es handelte sich um das Zimmermädchen Nadine, die gerade damit beschäftigt war, die Suite in Ordnung zu bringen.

Nadine zuckte etwas zusammen, als sie Susanne sah.

"Entschuldigen Sie, ich hatte angenommen, dass Ihr Ausritt etwas länger dauert und..."

"Es ist schon gut", erwiderte Susanne. Nadine war in etwa im selben Alter wie sie und hatte dichtes, dunkles Haar, das zu einem Zopf zusammengefasst war.

"Sie wollen sich jetzt sicherlich umziehen, Baroness. Ich werde dann nachher weitermachen..."

Sie war bereits im Begriff zu gehen.

Aber Susanne hielt sie zurück.

"Bleiben Sie, Nadine", forderte die junge Baroness.

Nadine sah Susanne fragend an. "Was ist?"

Die Baroness wusste nicht so recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Sie wollte auf das hinaus, was Nadine mit dem Kammerdiener Johann besprochen hatte. Aber das ging nur, indem sie zugab, das Gespräch belauscht zu haben.

Um überhaupt einen Anfang zu haben, stellte Susanne ihrem Gegenüber eine unverfängliche Frage.

"Sie wohnen hier auf Schloss Eichenbach, Nadine?"

"Ja."

"Seit wann?"

"Seit anderthalb Jahren."

"Und Sie sind zufrieden mit Ihrer Stellung hier?"

Nadine nickte und schien nicht so recht zu wissen, wohin das Ganze führen sollte. "Gewiss", sagte sie. "Ich bin mit allem sehr zufrieden..."

"Sie haben Wilfried von Eichenbachs erste Verlobte niemals kennengelernt, nehme ich an - wenn sie erst seit anderthalb Jahren hier auf dem Schloss sind."

"Das ist richtig, aber..."

Nadine brach plötzlich ab. Sie stockte, sprach nicht weiter.

"Aber was?", hakte Susanne nach.

Nadine presste die Lippen zusammen. Ihr Gesicht verlor etwas an Farbe. Sie schüttelte energisch den Kopf. "Nichts", behauptete sie.

Susanne blickte ihr Gegenüber einen Moment lang nachdenklich an, legte erst die Reitgerte zur Seite und fragte dann: "Verzeihen Sie mir bitte, Nadine, aber ich wurde heute Morgen zufällig Zeuge eines Gespräches zwischen Ihnen und dem Kammerdiener Johann."

Eine leichte Röte überzog das Gesicht des Zimmermädchens.

Sie wurde sichtlich nervös. Es schien ihr unangenehm zu sein, dass Susanne die Dinge mitangehört hatte, die eigentlich nur für Johanns Ohren bestimmt gewesen waren.

"Seien Sie versichert, dass ich nicht mit Absicht gelauscht habe. Aber es war einfach unvermeidlich, dass ich einen Teil des Gesprächs mitanhörte..."

Nadine drehte nervös an einer verirrten Haarlocke herum, die sich aus ihrem Zopf herausgestohlen hatte.

"Ich weiß nicht genau, worauf Sie hinauswollen, Baroness, aber..."

"Es ging um das Schicksal von Wilfrieds erster Verlobten!", stellte Susanne fest. "Sie äußerten, dass niemand außer der Fürstin selbst in der entscheidenden Nacht den Wagen gehört hat, der Lisa Reindorf angeblich abgeholt hat..."

"Nun, ich..." Nadine schluckte."Ich habe nur ein paar Vermutungen geäußert... Sie sollten das, was ich gesagt habe, nicht so ernst nehmen..."

"Ach, nein?", versetzte Susanne. "Das klang heute Morgen aber ganz anders..."

"Es tut mit leid, aber ich kann nicht weiter darüber reden. Wenn Sie ansonsten keinen Wunsch mehr haben, möchte ich Sie bitten, mich gehen zu lassen."

"Was Sie wissen, ist vielleicht sehr wichtig für mich, Nadine..."

"Es tut mir leid", sagte Nadine eilig und verließ mit schnellen Schritten die Suite.

Susanne atmete tief durch.

Ihr Blick fiel auf den Ring an ihrem Finger. Mit den Fingern der rechten Hand berührte sie ihn leicht. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Was soll ich von all dem halten?, dachte sie. Mache ich mich am Ende selbst zur Närrin?

Sie ging in das zur Suite gehörende Schlafzimmer und trat vor die große Spiegelwand, hinter der eine der zahlreichen Geheimtüren dieses Schlosses lag.

Vielleicht hat Wilfried recht, dachte sie in diesem Moment.

Möglicherweise war es wirklich das Beste, wenn sie ihre Angst überwand und noch einmal dort hinunter ging, in die düsteren, kalten Gänge unter dem Schloss.

Aber sie scheuchte diesen Gedanken sogleich wieder fort.

Zu lebendig war noch die Erinnerung an ihr erstes Erlebnis dort unten, in der Tiefe.

Susanne zog ihre Reitsachen aus und entschied sich für ein graues Kleid aus einem leichten Wollstoff. Es war elegant, aber nicht überzogen, und es war etwas wärmer als die anderen Kleider, die sie dabei hatte. Und das war auch gut so, denn mittlerweile war ein kühler Wind aufgekommen.

Schon auf dem Heimweg zum Schloss hatte sie ihn bemerkt.

Jetzt war er noch etwas heftiger geworden. Bei einem Blick durch eines der hohen Fenster stellte Susanne fest, wie Sträucher und Bäume der Parkanlagen geschüttelt wurden.

Dunkle Wolken waren am Horizont aufgezogen.

Ein Wetterwechsel schien unmittelbar bevorzustehen.

Susanne legte noch eine Kette an, die sehr gut mit dem Ring harmonierte, den Wilfried ihr am Teich geschenkt hatte.

Einige Augenblicke lang hing sie noch der Erinnerung an diesen romantischen Augenblick nach.

Kann es sein, dass ein Mensch zwei Gesichter hat?, ging es ihr durch den Kopf. War es möglich, dass jemand, der so liebevoll sein konnte, zu einem Mord fähig war?

Deine Gedanken sind töricht!, schalt sie sich selbst. Und sie führen zu nichts...

Wie sehr sie die Zweifel auch verwünschte, die die junge Baroness innerlich schier zerrissen, so konnte sie doch nichts dagegen tun, dass sie immer wieder an ihr nagten.

Beim Essen wurden letzte Details der bevorstehenden Verlobung besprochen, die in wenigen Tagen stattfinden sollte. Fürstin Margarethe hatte bereits einen Vorschlag für die Sitzordnung ausgearbeitet und eine Gruppe von Musikern engagiert, die dem Fest einen stilvollen Rahmen geben sollten.

Christiane erschien nicht zum Essen.

Johann meldete, die Komtesse habe angegeben, dass sie sich nicht wohl fühle und keinen Appetit habe.

Niemand am Tisch nahm diese Erklärung mit besonderem Bedauern zur Kenntnis. Es schien eher so, als wären alle Anwesenden im Grunde froh darüber, dass Komtesse Christiane nicht am Tisch saß und mit ihrer säuerlichen Art die Stimmung verdarb.

"Der Tag eurer Verlobung soll für euch unvergesslich sein", sagte die Fürstin. Und dabei legte sie ihre Hand auf die des Fürsten und setzte hinzu: "So, wie es bei uns auch der Fall gewesen ist, nicht wahr?"

Fürst Friedrich nickte leicht.

"Ja, du hast recht, Margarethe... Ich erinnere mich immer wieder gerne daran zurück. Du hattest ein entzückendes Kleid an... Aber ich muss sagen, dass du seitdem nur noch schöner geworden bist!"

"Du bist ein Schmeichler", erwiderte die Fürstin. Dann wandte sie sich an Susanne und fuhr fort: "Ich hoffe nicht, dass unser Sohn diese Eigenschaft geerbt hat!"

"Oh, wäre das wirklich das schlimmste Erbe?", entgegnete Susanne.

Fürstin Margarete hob die Augenbrauen.

"Nun, ich gebe zu, dass man manchmal ganz gerne eine liebevolle Übertreibung zu Ohren bekommt."

Johann servierte unterdessen den ersten Gang. Es war etwas Leichtes mit viel Salat - aber sehr kunstvoll arrangiert.

"Ich muss sagen, unser neuer Koch versteht sein Handwerk", sagte Fürst Friedrich recht angetan. Dann setzte er an Susanne gerichtet hinzu: "Sein Vorgänger diente siebenunddreißig Jahre lang dem Haus Eichenbach, bevor er sich in den verdienten Ruhestand zurückzog - und ich dachte schon, dass es unmöglich wäre, je einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden. Aber wie mir scheint, habe ich mich da geirrt..."

Das Gespräch plätscherte so dahin.

Susanne ertappte sich dabei, dass sie manchmal gar nicht hinhörte. Äußerlich versuchte sie den Anschein zu erwecken, mit den Gedanken dabei zu sein. Aber ihre Gedanken waren ganz woanders. Es waren immer dieselben quälenden Fragen, die sie bedrängten.

Sie waren bereits beim Dessert, als Christiane von Buchenberg-Selm den Raum betrat. Sie trug ein schlichtes dunkles Kleid ohne jeglichen Schmuck. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Ein Lächeln erschien auf ihrem blassen Gesicht. Sie schien die Aufmerksamkeit, die sie im Augenblick bekam regelrecht zu genießen.

"Nun", fragte sie dann und stemmte dabei provozierend den Arm in die Hüfte, "hat man sich in diesem kleinen Kreis bereits darüber geeinigt, wie man mich loswerden will?"

Sie ging auf die Tafel zu, musterte alle Anwesenden kurz und sagte dann schneidend: "Das ist es doch, was ihr euch alle wünscht, dass die Wahrheit unter den Teppich gekehrt wird!"

"Was soll dieser Auftritt!", unterbrach nun der Fürst den Redefluss der Komtesse. "Das ist absolut unwürdig, Christiane. Du solltest..."

"...schweigen?", Christiane lachte. "Das könnte euch so passen. Vor allem dir, Wilfried..." Ihr Gesicht versteinerte.

"Aber diesen Gefallen werde ich euch nicht tun. Niemals. Ihr könnt mich vielleicht in einem fernen Sanatorium einsperren. Aber in euren Gedanken werdet ihr immer mein Gesicht vor euch sehen."

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Beinahe wäre sie dabei mit dem herein eilenden Johann zusammengestoßen. Der Kammerdiener wich ihr im letzten Moment aus.

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An diesem Tag war Susanne sehr erschöpft und so zog sie sich bereits früh am Abend in ihre Suite zurück. Sie schlief rasch ein.

Als schließlich ein heftiges Klopfen an der Tür sie weckte, war es bereits dunkel. Das Mondlicht schien durch die hohen Fenster herein.

Susanne fuhr auf.

"Ja, wer ist dort?", rief sie, schlug die Bettdecke zur Seite und ging auf den Eingang der Suite zu. Von der anderen Seite her hörte sie Schritte auf dem Flur.

Schritte, die sich rasch entfernten.

Wer mochte das sein?

Susanne dachte an die Möglichkeit, dass es vielleicht Komtesse Christiane war, die ihr wieder einen ihrer Besuche hatte abstatten wollen. Susanne öffnet die Tür, trat dann barfuß hinaus auf den Flur. Es war niemand zu sehen. Dann entdeckte sie den Brief auf dem kalten Steinboden. Er war offenbar unter der schweren Holztür hindurchgeschoben worden. Susanne trat zurück in die Suite, schloß die Tür und machte Licht.

Dann hob sie den Brief auf.

Das Kuvert war unverschlossen.

Sie öffnete es und entfaltete den darin enthaltenen Bogen Papier. In hastig dahingeschriebenen Zeilen stand dort: Kommen Sie zum Westturm. Nadine.

Susanne ging zum Fenster und blickte zum hoch aufragenden Westturm von Schloss Eichenbach hinüber. Nichts Ungewöhnliches schien sich dort zu tun.

Susannes Herz raste.

Was mochte das Zimmermädchen jetzt, um diese Zeit da draußen von ihr wollen? Ob sie doch mehr wusste, als sie zunächst vorgegeben hatte.

Susanne blickte angestrengt hinaus. Aber beim Turm war weder eine Bewegung, noch irgendein Licht zu sehen. Der größte Teil des alten Gebäudes lag im Moment ohnehin im Schatten des Mondlichts und war daher ziemlich dunkel. Das Gebäude selbst war nur im Umriss zu sehen. Es hob sich beinahe schwarz gegen den Nachthimmel ab, der etwas wolkenverhangen war.

Was soll ich jetzt tun?, fragte sich Susanne einen Augenblick lang, aber dann obsiegte ihre Neugier.

Sie musste einfach wissen, was hier vor sich ging...

So drehte sie sich um und zog sich etwas Praktisches über.

In Windeseile geschah dies, denn Susanne dachte gar nicht daran, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Als sie fertig war, trat sie ans Fenster und warf noch einen Blick zum Westturm. Groß und gewaltig stand er da. In früheren Zeiten war er wohl so etwas wie die letzte

Rückzugsmöglichkeit für den Fall gewesen, dass Angreifer den Rest des Schlosses bereits eingenommen hatten. Susanne blickte hinauf zu den Zinnen, aber dort war niemand. Sie atmete tief durch.

Etwas merkwürdig war das ganze schon? Warum machte Nadine so ein Geheimnis aus der Sache?

Natürlich wollte sie es sich auf keinen Fall mit ihrer Herrschaft verderben. Das konnte Susanne verstehen. Aber war es deshalb notwendig, einen derart ungemütlichen Treffpunkt zu wählen?

Susanne verließ das Zimmer, ging über die langen, hohen Flure des Schlosses. Schließlich erreichte sie die Eingangshalle. Alles war ruhig. Im Schloss schien jeder zu schlafen.

Susanne öffnete die Haupttür und trat hinaus ins Freie.

Sie stieg die steinernen Stufen des Portals hinab. Es war eine mondhelle Nacht. Und der Schlosshof war wie immer gut beleuchtet. Das Schloss wirkte bei Nacht beinahe noch prächtiger als am Tag.

Susanne blickte sich um.

Nirgends war jemand zu sehen.

Aber ein kühler Wind strich um die Mauern herum.

Susanne fröstelte leicht.

Ich hätte mir etwas Wärmeres anziehen sollen, ging es ihr durch den Kopf. Dann trat sie auf den Turm zu. Die hölzerne Tür war verschlossen. Aber eine schmale Treppe führte außen am Gemäuer des Turms empor. Seitlich war eine brusthohe Mauer. Die Stufen waren schmal und rutschig.

Susanne ging hinauf. Immer höher, bis sie schließlich die von einer steinernen Brustwehr umrandete Turmspitze erreicht hatte. Von hier aus hatte man einen überwältigenden Ausblick über das gesamte Schloss und die umliegenden Ländereien.

Aber es war niemand hier oben.

Niemand, der auf Susanne gewartet hatte, um mit ihr zu sprechen.

Den Brief, den man ihr unter der Zimmertür hindurchgeschoben hatte, hielt sie in der Hand. Immerhin ein Beweis dafür, dass ich mir das nicht alles nur eingebildet habe, dachte Susanne.

"Nadine?", fragte die junge Baroness schließlich laut.

In der Mitte des Turms befand sich ein kleiner steinerner Aufbau. Die Tür stand offen und das Mondlicht fiel genau so, dass Susanne die Treppe sehen konnte, die hinab ins Innere des Turms führte.

Sie glaubte ein Geräusch gehört zu haben und zuckte zusammen.

"Ist da jemand?", rief sie.

Oder hatten ihre überreizten Sinne ihr einen Streich gespielt?

"Nadine!", rief Susanne noch einmal.

Aber niemand gab ihr Antwort. Sie ging auf die Tür zu.

"Nadine, sind Sie dort?"

"Kommen Sie!", wisperte eine Stimme. "Kommen Sie die Treppe hinunter..."

"Aber..."

"Man darf uns nicht sehen, Baroness! Sonst verliere ich meine Stellung..."

"Machen Sie doch Licht, Nadine!"

"Das könnte man im ganzen Schloss sehen, wenn es durch die Fenster dringt... Nein, das kommt nicht in Frage. Nun machen Sie schon!"

Susanne hatte Mühe, die Worte zu verstehen. Der Wind verschluckte einen Teil des Wisperns. Nun bist du schon so weit gegangen, jetzt kannst auch die Treppe in den Turm hinabsteigen, dachte Susanne. Aber es dauerte einen Moment, bis sie sich überwunden hatte. Diese Treppe in die Tiefe erinnerte sie doch sehr stark an jene Treppen, die in die unterirdischen Verliese führten. Und allein die Erinnerung an das, was sie bei ihrem letzten Abstieg erlebt hatte, ließ sie unwillkürlich zittern. Sie versuchte, diese Erinnerung zu verdrängen. Einfach nicht daran denken, sagte sie zu sich selbst.

Und dann setzte sie den ersten Schritt in die Dunkelheit.

Man musste sehr vorsichtig sein. Die Steinstufen waren noch glatter und abgenutzter als jene der äußeren Treppe. Es gab ein hölzernes Geländer. Susanne klammerte sich am Handlauf fest. Vom Inneren des Turms konnte sie nicht viel sehen.

Sternenlicht fiel durch eines der Fenster und sorgte dafür, dass sie einige schattenhafte Umrisse ausmachte. Mehr nicht.

"Nadine, wo sind Sie?"

Die Baroness bekam keinerlei Antwort. Sie hielt einen Augenblick lang inne, tastete sich dann noch etwas weiter vor und zögerte schließlich.

Sie hörte Schritte.

Jemand steigt die äußere Treppe empor! erkannte sie schlagartig. Susanne erstarrte. Wer auch immer das sein mochte, er durfte weder Nadine noch Susanne hier finden...

"Susanne?"

Es war Wilfrieds Stimme.

Susannes Herz klopfte wie wild. Woher wusste er, dass sie hier im Turm war? Hatte er sie beobachtet? Hatte er auf irgendeine Weise mitbekommen, dass Nadine sich mit ihr zu treffen beabsichtigte...

Vielleicht wollte er genau dieses Treffen verhindern!

Der Gedanke raubte Susanne beinahe den Atem. Wenn man davon ausging, dass Wilfried doch etwas mit dem Tod seiner ersten Verlobten zu tun gehabt hatte, dann ergab das Sinn. Ansonsten war es absurd...

Die Gedanken jagten nur so durch Susannes Kopf. Ihr Inneres war in diesem Augenblick ein einziges Chaos. Sie wusste ebenso wenig, was sie von Wilfrieds Auftauchen zu halten hatte, wie ihr Nadines Vorgehensweise reichlich eigenartig erschien.

Vorsichtig machte sie ein paar Schritte weiter die schmale Wendeltreppe hinab, die ins Innere des Turms führte. Ihre rechte Hand krampfte sich um den Handlauf, die Linke hielt den eigenartigen Brief, mit dem dieser nächtliche Ausflug begonnen hatte. Sie wollte verhindern, dass Wilfried sie sehen konnte, sobald er die obere Brustwehr des Turms erreicht hatte. Schritt um Schritt ging es tiefer. Dann durchschnitt ein durchdringendes, hartes Geräusch die Stille der Nacht.

Etwas brach. Holz splitterte. Der Handlauf, um den sie sich geklammert hatte gab nach. Susanne rutsche ab und stieß einen kurzen, schrillen Schrei des Entsetzens hervor.

"Susanne!"

Die schnellen Schritte in ihrem Rücken bemerkte sie kaum.

Bevor sie ins Bodenlose stürzen konnte, hatten starke Hände sie an den Schultern gefasst und zurückgerissen, während das Geländer in die Tiefe krachte. Die Dunkelheit verschluckte es. Polternd kam es auf dem Boden an.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Stimme. Sie atmete schwer, drehte sich halb herum. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Es hob sich als dunkler Schatten gegen das hereinfallende Mondlicht ab.

"Susanne, was machst du hier?"

Er hielt sie fest. Sie zitterte.

Allmählich wurde ihr klar, dass nicht viel gefehlt hätte und sie wäre hinabgestürzt.

"Weißt du, wie tief das ist? Da kann man sich den Hals brechen!", sagte Wilfried. "Das Geländer ist uralt und völlig morsch. Es hätte schon längst renoviert werden müssen, aber dazu ist es bislang nicht gekommen..."

Wilfried ergriff ihre Hände.

Sie wollte etwas sagen, öffnete halb den Mund und schwieg dann doch. Ihr Hals war wie ausgedörrt. Sie war unfähig auch nur irgendeinen Laut herauszubringen. Wilfried führte sie die Stufen hinauf. Wenige Augenblicke später befanden sie sich auf dem Turm. Der kühle Wind fuhr ihr durch die Haare und trocknete den kalten Angstschweiß, der ihr auf der Stirn stand.

"Alles in Ordnung, Susanne?"

Susanne nickte.

Sie sah zu Wilfried empor, blickte in seine Augen, in denen sich das Mondlicht spiegelte.

"Ich glaube schon", brachte sie schließlich heraus. "Mir ist nichts passiert...."

"Das war ganz schön knapp!"

"Du hast mir das Leben gerettet, Wilfried!"

"Sag mal, was machst du eigentlich hier oben? Ich habe dich durch das Fenster gesehen. Irgendwie konnte ich nicht schlafen. Muss wohl am Vollmond liegen. Und da sah ich dich den Turm hinaufsteigen..."

"Ich... Ich weiß auch nicht!" Susanne überlegte einen Moment. Sie wollte nichts von ihrem Treffen mit Nadine sagen.

Wenn sie das tat, dann würde das Zimmermädchen ihr nichts mehr von dem verraten, was sie vielleicht wusste. Susanne wandte einen kurzen Blick zu der Tür, von wo aus die Treppe hinabführte.

"Ist dort irgendetwas?", erkundigte sich Wilfried.

Er ließ sie los und machte ein paar Schritte zurück zur Tür. Aber Susanne hielt ihn geistesgegenwärtig am Arm.

"Wilfried", sagte sie. "Da ist nichts..."

Er sah sie an. In seinen Zügen stand deutlich der Zweifel geschrieben. "Aber es muss doch einen Grund dafür gegeben haben, dass du hier hinaufgegangen bist! Und dann noch zu dieser nachtschlafenden Zeit..."

Wilfried durfte Nadine nicht finden. Das wollte Susanne auf jeden Fall verhindern. Sie nahm Wilfrieds Hand. "Lass uns hier weggehen", sagte sie dann. "Bitte..."

"Wie du willst..."

Sie gingen die Außentreppe hinunter. Einmal drehte sich Susanne noch kurz um, blickte nach oben, so als erwartete sie, dort jemanden zu sehen. Jemanden, der ihnen beiden nachblickte... aber da war niemand.

In diesem Moment wurde Susanne bewusst, dass sie Nadines Brief verloren hatte. Er war ihr in dem Moment entglitten, als das Geländer brach und war dann in die Tiefe gesegelt.

Jetzt habe ich noch nicht einmal einen Beweis, für das, was wirklich geschehen ist, dachte sie.

Morgen würde sie Nadine auf die Sache ansprechen, wenn sich eine Gelegenheit ergab. Morgen...

Und je nach dem, was dieses Gespräch dann ergab, würde sie Wilfried einweihen.

Er hat dich gerettet!, rief Susanne sich in Erinnerung. Das solltest du nicht vergessen - bei all den Verdächtigungen, die in deinem Kopf herumspuken!

Gemeinsam gingen sie auf das große Portal zu.

Als sie die Stufen hinaufschritten, blickte Susanne noch einmal kurz zurück zum Turm.

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Am nächsten Morgen fuhr Wilfried bereits früh in die Stadt.

Er hatte einen Termin bei einem Notar. Es ging um den Verkauf eines Landstücks. Wilfried hatte nicht viel Zeit. Beim Frühstück erläuterte er Susanne knapp, worum es ging.

Susanne hörte kaum zu.

Schließlich nahm Wilfried ihre Hand und sagte: "Tu mir einen Gefallen, Susanne."

"Und der wäre?"

"Komm nicht wieder auf den Gedanken, den Turm auf eigene Faust zu erforschen. Ein Schloss wie dieses ist ein Anwesen, dass nur mit großem Aufwand erhalten werden kann. Ständig ist irgendetwas zu renovieren oder in Stand zu setzen. Der Zahn der Zeit nagt manchmal schneller, als man dagegen an arbeiten kann. Der Turm ist nicht umsonst abgeschlossen. Es ist gefährlich da drinnen. Aber das hast du ja wohl gemerkt..."

"Ja."

"Ich hatte bereits mehrfach mit Vater über die Renovierung der Turmtreppen gesprochen, aber fürs erste hatten andere Dinge Vorrang. Ich werde mich allerdings jetzt schnellstmöglich darum kümmern..."

Wilfried musste dann ziemlich eilig aufbrechen. Susanne frühstückte allein zu Ende.

Als Johann die Gedecke abräumte, fragte sie: "Haben Sie eine Ahnung, wo Nadine ist?"

Johann sah sie etwas verwundert an und schüttelte dann den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Ich denke, sie wird mit den Zimmern beschäftigt sein."

"Wenn Sie sie sehen, dann richten sie ihr doch bitte aus, dass ich sie unbedingt sprechen muss."

"Sehr wohl, Baroness Susanne. Sind Sie mit irgendetwas nicht zufrieden oder was ist der Anlass dieser Bitte?"

"Nein, nein... ganz im Gegenteil."

Bis zum Mittag begegnete Susanne dem Zimmermädchen nicht.

Fast hatte sie den Eindruck, dass Nadine ihr regelrecht aus dem Weg ging. Einmal sah sie sie kurz um eine Flurecke huschen.

Schließlich sah Susanne das Zimmermädchen dann, als sie von einem kleinen Spaziergang zurückkehrte. Sie kam gerade die Stufen des Portals hinunter und hielt mitten in der Bewegung inne, als sie Susanne bemerkte. Aber jetzt konnte Nadine nicht zurück. Das wäre zu offensichtlich gewesen. Sie trat die Stufen hinab. Wahrscheinlich hatte sie jetzt Pause und wollte zu ihrer Unterkunft in einem der Nebengebäude.

Sie grüßte die Baroness knapp und strebte dann genau dorthin.

"Nadine! So warten Sie doch!", rief Susanne.

Nadine blieb stehen.

Sie drehte sich etwas zögernd herum.

Es dauerte einige Augenblicke, bis Susanne das Zimmermädchen erreicht hatte. Dieses wich den Blicken der Baroness aus.

"Nadine, ich bitte Sie: Sagen Sie mir jetzt, was Sie gestern Nacht im Turm von mir wollten."

"Im Turm?", erwiderte sie.

"Wir sollten das Versteckspiel aufgeben. Ich habe mir dort beinahe den Hals gebrochen... Und wenn Wilfried nicht gekommen wäre, um..."

"Verzeihen Sie, Baroness, aber ich weiß nicht, wovon Sie sprechen."

"Aber Sie haben mir doch einen Brief zukommen lassen und unter der Tür meiner Suite hindurchgeschoben!"

"Tut mir leid, das muss ein Irrtum sein!"

Susanne sah ihr Gegenüber vollkommen fassungslos an. "Soll das heißen, Sie leugnen, sich mit mir gestern Nacht verabredet zu haben!"

"Natürlich leugne ich das! Warum sollte ich das auch tun? Es ist Wahnsinn, den baufälligen Turm bei Nacht zu betreten. Schon am Tag dürfte es gefährlich genug sein. Was glauben Sie, warum die Türen verschlossen sind?"

Die Blicke der beiden jungen Frauen begegneten sich.

Am liebsten hätte Susanne ihr jetzt den Brief präsentiert.

Aber das war ja nicht mehr möglich, denn der befand sich jetzt irgendwo im Turm.

"Es tut mir wirklich leid, Baroness, aber sie müssen sich irren. Ich habe mich niemals mit Ihnen dort treffen wollen und Ihnen auch keinerlei Briefe geschrieben..."

"Aber..."

"...und wenn Sie ansonsten keinen Wunsch an mich haben, dann bitte ich Sie, mich jetzt zu entschuldigen..."

Susanne sah Nadine noch einige Augenblicke mehr oder minder fassungslos nach, während das Zimmermädchen davonging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nadine beschleunigte ihren Schritt noch etwas.

Was geht hier nur vor sich?, fragte sich Susanne. Wollte ihr jemand einen üblen Streich spielen.

Sie wandte sich noch einmal dem Turm zu.

Und dann entschloss sie sich dazu, sich einmal bei Tageslicht anzusehen, wo sie in der Nacht gewesen war. Sie lief zum Turm, stieg die äußere Treppe hinauf. Es dauerte nicht lange, bis sie die obere Brustwehr erreicht hatte.

Susanne sah sich um. Sie fand alles so vor wie in der letzten Nacht.

Mit einem einzigen Unterschied.

Die Tür, die ins Innere des Turms hinabführte, war verschlossen.

Die Erinnerungen der letzten Nacht erschienen Susanne mit einem Mal so unwirklich. Was war wirklich geschehen?

Ich habe doch mit ihr gesprochen!, durchzuckte es sie.

Aber was hatte sie wirklich gehört, außer einem undeutlichen Flüstern. Sie hatte geglaubt, Nadines Stimme zu hören - aber konnte es nicht auch jemand anderes gewesen sein?

Das ist absurd!, sagte sie sich selbst.

Noch ein anderer Gedanke kam ihr und begann, an ihrer Seele zu nagen.

Alle außer mir wissen, was mit den Treppen im Turm los ist!, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Was, wenn man mich absichtlich dorthin gelockt hat?

Susanne hatte ein Gefühl, als ob sich eine eiskalte Hand um ihr Herz legte und es nicht wieder losließ.

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Am Nachmittag begleitete Susanne die Fürstin auf dem Flügel.

Fürstin Margarethe spielte Violine und war hoch erfreut, jemanden gefunden zu haben, der mit ihr musizierte.

Die Fürstin hatte extra ein einfacheres Stück ausgesucht und so gelang das Zusammenspiel recht gut. Während des Musizierens war Susanne von ihren düsteren Gedanken abgelenkt. Und das tat ihr gut.

"Ich muss sagen, es hat mir große Freude gemacht, mit Ihnen zu musizieren, Susanne", ließ sich Fürstin Margarethe anschließend vernehmen, während sie seufzend die Violine wieder an ihren Ort hing.

"Mir geht es umgekehrt genauso..."

"Ich würde das gerne bei Gelegenheit wiederholen, Susanne."

"Gerne."

Die Fürstin sah die junge Baroness fragend an. "Sie sehen etwas abgespannt aus, Susanne..."

"Das muss das Wetter sein..."

"Möglich. Nun, die bevorstehende Verlobung wird Sie sicher auch gedanklich nicht loslassen. Mir geht das zumindest so, schließlich habe ich nur einen Sohn. Mehr Kinder sind uns leider nicht vergönnt gewesen."

Susanne hob den Kopf.

Ihr Blick traf sich mit dem ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Eine entschlossene, entscheidungsfreudige Frau, überlegte Susanne. Sie war es gewohnt, Anweisungen zu geben und die Dinge - oft auch aus dem Hintergrund - in ihrem Sinne zu lenken. Zweifellos musste die Frau an der Seite des Chefs eines Fürstenhauses über solche Eigenschaften verfügen.

Das war unabdingbar.

"Sie würden alles für Ihren Sohn tun, nicht wahr?", sagte Susanne dann plötzlich.

"Natürlich würde ich das. Ich verstehe Ihre Frage nicht so recht..."

"Es ist nicht so wichtig!", erwiderte Susanne schnell.

Alles?, fragte sie sich dabei. Auch einen Wagen erfinden, der Schloss Eichenbach nie erreicht hatte? - Nur, um den Sohn zu entlasten?

"Würden Sie für Ihr Kind nicht auch alles tun, Susanne?", hörte die Baroness dann die Stimme der Fürstin. Susanne war in ihre eigene Gedankenwelt versunken. Sie vernahm die Stimme der Fürstin wie aus weiter Entfernung. "Ich finde das nur natürlich", setzte Margarethe dann noch hinzu, als Susanne nicht sofort reagierte.

"Ja, das ist es auch", nickte die Baroness dann.

Sie ließ einen letzten Akkord im Appeggio auf dem Flügel erklingen und schloss dann die Klappe, die die Tasten schützte.

Was mache ich nur?, fragte sich Susanne in diesem Moment.

Sie konnte Wilfried nichts von dem verschwundenen Brief und dem gescheiterten Treffen mit Nadine sagen.

Das war unmöglich.

Was würde er sonst denken?, ging es ihr durch den Kopf. Wenn sie ihm davon erzählte, würde sie ihm dadurch gleichzeitig signalisieren, dass ihr Misstrauen weiterhin übermächtig war.

Was auch immer in der Vergangenheit gewesen sein mag - soll es deine Zukunft vergiften?, durchfuhr es sie siedend heiß.

Aber das war nur eine Seite der Medaille.

Die andere Seite war, dass sie niemanden würde lieben können, der einen anderen Menschen kaltblütig ermordet hatte...

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Die nächsten Tage standen ganz im Zeichen der kommenden Verlobung. Einige der Gäste reisten von sehr weit an, etwa Wilfrieds Patenonkel Carl von Eichenbach, ein jüngerer Bruder des Fürsten, der eine Karriere als Archäologe beschritten hatte und für die Verlobungsfeier seine Ausgrabungen in der syrischen Wüste unterbrach. Er quartierte sich ebenso auf Schloss Eichenbach ein, wie Susannes ältere Schwester Madeleine, die in Princeton studierte.

Der Baron und die Baronin von Radvanyi reisten erst am Tag des großen Ereignisses an.

Nach und nach wurden immer weitere Räume in den weitläufigen Flügeln von Schloss Eichenbach mit Gästen belegt. Aber trotz einer immer größer werdenden Zahl von Gästen hatte man weder den Eindruck, dass das Personal dadurch in Schwierigkeiten kam, noch, dass Schloss Eichenbach dadurch einen übervölkerten Eindruck machte.

Ganz das Gegenteil war der Fall.

Die Gäste verloren sich mehr oder minder in dem gewaltigen Anwesen.

Und da ihre Zahl insgesamt nur etwa vierzig betrug, konnte man kaum einen Unterschied zum gewohnten Leben im Schloss feststellen. Vielleicht einmal davon abgesehen, dass jetzt hin und wieder ein paar Fahrzeuge mehr im Schlosshof zu finden waren.

"Wir hatten ja eine Verlobung in bescheidenem Rahmen verabredet - aber ich muss sagen, dass mir der Trubel bereits völlig genügt", gestand Susanne Wilfried einmal während dieser Zeit.

"Bei unserer Hochzeit werden wir um ein wirklich großes Fest nicht herumkommen", erwiderte Wilfried lächelnd.

Susanne seufzte.

"Ja, da wirst du wohl recht haben..."

Der große Tag kam. Die Feier fand nicht im Salon statt, sondern im großen Festsaal von Schloss Eichenbach. Die Kronleuchter tauchten den Raum in ihr funkelndes Licht.

Johann hatte das kostbarste Geschirr aufgedeckt und eigenhändig arrangiert. Susanne hatte zusammen mit der Fürstin letzte Hand an die Sitzordnung gelegt, damit es nicht durch unglückliche Gäste-Kombinationen zu Missstimmungen kam.

Susanne glänzte in ihrem maßgeschneiderten Mailänder Kleid und ließ nicht nur Wilfried, sondern auch einige der anwesenden Gäste den Atem anhalten.

"Du siehst bezaubernd aus", flüsterte Wilfried ihr zu, während sie den Festsaal betraten und im Hintergrund die Musiker ein Menuett zu spielen begannen, als das Verlobungspaar durch die großen Flügeltüren trat.

Die Gäste erhoben sich für das Paar, das einen Ehrenplatz an der Tafel bekam.

Die Musik verstummte und Fürst Friedrich begann mit einer kurzen, aber bewegenden Rede, bevor Wilfried seiner Verlobten schließlich den Verlobungsring an den Finger stecken konnte.

Die Gläser wurden gehoben und man stieß auf das junge Paar an.

"Auf euer Wohl", sagte Fürst Friedrich an Wilfried und Susanne gewandt. "Euer Wohl, das - wie ich überzeugt bin - auch das des Hauses Eichenbach sein wird..."

Die Musik spielte während des Essens wieder im Hintergrund.

Susanne bemerkte, dass Christiane von Buchenberg-Selm nicht zugegen war. Fürstin Margarethe entschuldigte sie. "Es geht ihr nicht gut. Sie hat sich wohl eine Infektion zugezogen. Jedenfalls liegt sie jetzt im Bett. Der Arzt hat nach ihr gesehen..."

Für Susanne stand ziemlich fest, dass diese angebliche 'Krankheit' nur vorgeschoben war.

Vielleicht ist es so am besten, dachte Susanne. Niemand wäre damit gedient gewesen, wenn die Komtesse dieses Fest zum Anlass genommen hätte, eine Szene zu liefern.

Susanne hielt es sogar für möglich, dass die Fürstin selbst dafür gesorgt hatte, dass es nicht dazu kommen konnte.

Susanne sah den Verlobungsring an ihrem Finger blinken.

Ein schlichter Ring aus Gold, nicht zu dünn und nicht zu breit.

"Wie lange soll die Verlobungszeit denn dauern?", fragte Carl von Eichenbach, dessen dunkel braun gebrannter Teint davon zeugte, dass er noch vor wenigen Tagen in der syrischen Wüste nach den Überresten vergangener Kulturen gegraben hatte. Susanne wurde durch seine Worte aus ihren Gedanken herausgerissen.

Sie war etwas verlegen und wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte.

"Allzu lang jedenfalls nicht", antworte Wilfried an ihrer Stelle. Er wandte Susanne ein Lächeln zu. "Ich hoffe, dass das auch deine Meinung ist - andernfalls würde meine Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt!"

Das Fest zog sich dahin.

Die Gespräche wurden im Laufe des Abends lockerer. Susanne lernte einige Personen aus Wilfrieds Familie kennen, die sie bislang nur aus Erzählungen gekannt hatte. Umgekehrt unterhielt sich Wilfried sehr angeregt mit seinem zukünftigen Schwiegervater. Der Baron von Radvanyi äußerste sich später sehr anerkennend über Wilfried und meinte, er sei überzeugt davon, einen geradezu wunschgemäßen Schwiegersohn zu bekommen.

Es wurde ein gelungenes Fest und als Susanne sich später, als getanzt wurde in Wilfrieds Armen im Walzer-Rhythmus drehte, hatte sie ein Gefühl der Leichtigkeit, dass sie schon lange nicht mehr so empfunden hatte.

In diesen Armen konnte man sich sicher und geborgen fühlen, dachte sie.

Das Fest dauerte bis tief in die Nacht.

Als die meisten Gäste sich längst auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, und nur noch einige Nimmermüde sich von Johann einen Mitternachtsimbiss im Salon servieren ließen, gingen Susanne und Wilfried ins Freie, um ein wenig frische Nachtluft zu schnuppern. Die Sterne blinkten am Himmel, während sie die Stufen des Portal in den Schlosshof hinunterschritten. Es war angenehm kühl.

"Es war ein wunderbares Fest", sagte Susanne. "So schön, wie man sich eine Verlobung nur vorstellen kann..."

Hand in Hand gingen sie durch den hell erleuchteten Schlosshof.

Immer wieder blickte Susanne zu dem Westturm hin.

Es war einfach nicht zu vermeiden, dass er, dass dieser Anblick sie wieder an jenes verhinderte Treffen mit Nadine erinnerte, bei dem sie beinahe zu Tode gestürzt war. Wilfried bemerkte ihre Blicke.

Sie blieben stehen.

Wilfried sah sie an. "Vielleicht sagst du mir jetzt, was du dort gesucht hast, in jener Nacht", sagte er dann.

Warum eigentlich nicht?, dachte Susanne. Sie fühlte sich Wilfried so nahe wie selten zuvor. Wenn ich mich jetzt ihm nicht anvertraue, dann finde ich vielleicht niemals den Mut!, sorgte sich die junge Baroness. Und sollte ihre Verbindung mit Wilfried von Eichenbach etwa auf einem Fundament aus Lügen aufgebaut werden.

Du musst es ihm sagen, sagte sie zu sich selbst.

"Ich muss dir ein Geständnis machen", brachte sie heraus.

Er hob die Augenbrauen. Ein sympathisches, wohlwollendes Lächeln spielte um seine Lippen, während er sie verliebt ansah. "So dramatisch?"

"Ja."

Und dann berichtete sie ihm alles. Von dem Gespräch, das sie zwischen Nadine und Johann belauscht hatte und über den Brief, den ihr das Zimmermädchen zukommen ließ bis hin zu den dramatischen Ereignissen im Turm.

Wilfried hörte ruhig zu.

Er unterbrach sie nicht ein einziges Mal.

"Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee war, dir das alles zu sagen," meinte sie schließlich. "Was musst du nun von mir denken? Dass das Misstrauen mich innerlich zerfrisst und ich dir nicht vertraue..." Sie seufzte.

"Aber das ist doch nur zu verständlich", sagte Wilfried. "Nach all dem, was passiert ist, wäre es ein Wunder, wenn es anders wäre..."

"Ich weiß nicht..."

"Hast du Nadine zur Rede gestellt?"

"Sicherlich. Sie hat natürlich abgestritten, diesen Brief geschrieben zu haben. Und ich habe ihn dort oben im Turm verloren, so dass ich dir jetzt nicht einmal mehr einen Beweis liefern kann..."

"Ich habe keinen Grund, dir nicht zu glauben", erklärte er.

"Und vielleicht können wir bei Tag mal im Turm nachsehen, ob er sich dort irgendwo findet!"

"Nadine hatte alle Zeit der Welt, um ihn verschwinden zu lassen."

"Das ist natürlich wahr..."

"Wilfried..."

Sie sah ihn an. Er hob die Augenbrauen. Sie zögerte, ehe sie weitersprach.

"Ja?", fragte er.

"Gehst du mit mir in die Verliese unter dem Schloss."

"Jetzt?", fragte Wilfried. Er machte einen ziemlich erstaunten Eindruck. Susanne nickte.

"Ja, jetzt. Ich habe lange über das nachgedacht, was du mir während unseres Ausrittes gesagt hast. Ich glaube, wenn ich dort unten bin und sehe, dass dort nichts ist, was irgendetwas mit Lisa Reindorf zu tun hat, nichts von den Dingen, die ich mir in meinen Alpträumen ausmale, dann hört dieser Spuk endlich auf und ich muss nicht dauernd darüber nachdenken, ob mein zukünftiger Mann vielleicht..."

"Ein Mörder ist? Du kannst es ruhig aussprechen."

"Verstehe mich nicht falsch, Wilfried. Ich möchte, dass dieser Schatten, der sich über mein Lebensglück gelegt hat, endlich verschwindet... und ich weiß nicht, wann ich je wieder den Mut finden würde, dort hinunterzusteigen... wenn nicht jetzt!"

Wilfried nickte.

"Also gut", meinte er. "Ich hatte es dir angeboten und ich bin jemand, der zu seinem Wort steht. Auch wenn es zu nachtschlafender Zeit von ihm eingefordert wird..."

Aus den Augenwinkeln heraus sah Susanne eine Gestalt. Sie schrak zusammen, denn sie hatte diese Gestalt nicht kommen hören. Vielleicht hatte sie schon eine ganze Zeit im Schatten der hohen Sträucher gestanden, die eine kleine Grünfläche mit Springbrunnen inmitten des Schlosshofs umsäumten.

"Christiane!", entfuhr es Wilfried, der die Gestalt auch gesehen hatte.

Christiane von Buchenberg-Selm trat aus dem Schatten. Im Schein der Schlossbeleuchtung wirkte ihr Teint blass.

"Ich wollte niemanden erschrecken", sagte sie.

Susanne atmete tief durch.

"Ich hoffe, es geht Ihnen inzwischen etwas besser!"

"Es geht so. Der Arzt hat mir etwas Bettruhe verschrieben, aber wenn ich mich immer an das gehalten hätte, was Ärzte mir geraten haben..." Christiane von Buchenberg-Selm machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann fuhr sie nach kurzer Pause fort: "Ich wollte etwas an die frische Luft und da sah ich euch beide ... Ich möchte euch zu eurer Verlobung gratulieren."

"Danke", sagte Wilfried etwas reserviert.

Dann drehte Christiane sich um und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Was mag sie nur im Schilde führen?, dachte Susanne von Radvanyi dabei.

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"Es ist also wirklich dein Ernst?", vergewisserte sich Wilfried von Eichenbach noch einmal. "Du willst hinab in die alten Verliese und Gänge unter dem Schloss?"

"Ja", flüsterte Susanne.

Wilfried hatte inzwischen für sie beide zwei starke Taschenlampen besorgt.

In der Eingangshalle gab es eine verschlossene Tür, die hinunter in die unterirdischen Gänge führte. Wilfried schloss diese Tür auf. Sie stiegen eine schmale Wendeltreppe hinab. Dann erreichten sie einen gewölbeartigen Gang, der sich nach einigen Metern schließlich verzweigte.

"Du kennst dich hier unten aus?", fragte Susanne.

"Ein wenig", erwiderte Wilfried. "Als Junge bin ich manchmal hier unten herumgestromert, obwohl mein Vater mir das eigentlich strikt verboten hatte, weil es natürlich viel zu gefährlich war... aber das war mir gleichgültig." Wilfried zuckte die Achseln. "Heute bin ich natürlich ein bisschen klüger - hoffe ich zumindest!"

"Wie begraben fühlt man sich hier unten!", meinte die junge Baroness ergriffen, während sich der Gang erneut verzweigte.

Der feuchte Modergeruch stieg ihr in die Nase.

"Vor sehr langer Zeit, hat man hier unten Gefangene eingesperrt. Sie mögen sich wirklich lebendig begraben gefühlt haben", sagte Wilfried. "Hier unten gibt es ein regelrechtes Labyrinth aus verschiedenen Gängen. In der Bibliothek gibt es sogar einen Plan davon, der aber nur die Hälfte stimmt. Ursprünglich gab es von hier unten aus wohl auch mal einen Fluchttunnel, der im Falle einer Belagerung benutzt werden konnte. Aber der ist in späteren, friedlicheren Zeiten zugemauert worden..."

Wie viel er über die Katakomben weiß, ging es ihr durch den Kopf. Und auf einmal war die Leichtigkeit, die sie noch vor kurzem empfunden hatte, wie weggeblasen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Und insgeheim bereute sie bereits, hier her gekommen zu sein....

Was dachtest du, hier zu finden?, fragte sie sich selbst.

Du bist von einer fixen Idee besessen. Sie ist es, die dein Glück zu zerstören droht, Susanne! Sie - und nichts anderes!

Dieser Gedanke hämmerte geradezu in ihrem Kopf. Sie konnte nichts dagegen tun.

Währenddessen wanderten die Lichtkegel ihrer Lampen an den kahlen Steinwänden entlang, die vor vielen Jahrhunderten errichtet worden waren.

Dann hielt Susanne plötzlich inne.

Blankes Entsetzen packte sie, als der Schein ihrer Lampe einen Armreif beleuchtete, der auf dem feuchten Boden lag.

Das Schmuckstück einer Frau!, ging es Susanne schaudernd durch den Kopf. Sie bückte sich und hob den Reif auf.

"Was hast du da?", fragte Wilfried.

Susanne beleuchtete die Innenseite des Armreifs.

Dort war eine Gravierung. In schwungvollen Buchstaben stand dort: Lisa. In Liebe.

Susanne sah Wilfried an.

Einen Augenblick lang wurde sein Licht durch den Schein der Lampen beleuchtet, bevor es im Schatten versank. Aber dieser eine Augenblick reichte Susanne. Er weiß ganz genau, was ich in der Hand halte!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf.

Ein Schmuckstück der unglücklichen Lisa Reindorf...

Sie war hier unten!, durchzuckte es Susanne. Welch eine andere Erklärung konnte es dafür geben, dass dieses Schmuckstück hier unten zu finden gewesen war?

Susanne wich einen Schritt vor Wilfried zurück.

Das Glück, das noch vor kurzem so überwältigend gewesen war, dass Susanne es kaum hatte fassen können, war nun wie fortgeweht...

Nichts schien davon übrig geblieben zu sein.

"Susanne, gib mir den Armreif", sagte Wilfried ruhig.

Er streckte die Hand aus.

"Nein", flüsterte Susanne.

"Aber, warum nicht? Komm, sei vernünftig..."

"Sie war hier unten, nicht wahr?"

"Susanne!"

"Wilfried, was hast du mit ihr getan?"

Wilfried näherte sich noch einen weiteren Schritt.

"Bleib, wo du bist!", rief Susanne, während sie ein Stück den Gang entlangstolperte. Angst hatte sie erfasst. Ich habe Christiane Unrecht getan, dachte sie. Die Komtesse mochte unter einer psychischen Erkrankung leiden, so dass sie kaum jemand für voll nahm. Aber offensichtlich war die Geschichte, die sie erzählt hatte, nicht bloß ein Produkt der reinen Fantasie.

Den Beweis halte ich hier in der Hand, dachte Susanne.

"Susanne, bleib hier!", rief Wilfried, als sich die junge Baroness noch weiter in den dunklen Gang hinein flüchtete.

"Was hast du jetzt vor, Wilfried? Jetzt, da ich die Wahrheit erkannt habe..."

"Susanne!"

"Soll ich auch verschwinden? So wie Lisa Reindorf?"

"Susanne! So sei doch vernünftig!"

Doch längst schon regierte die Panik in der jungen Baroness.

Sie stolperte weiter vorwärts, den Gang entlang. Sie begann zu rennen und hörte hinter sich Schritte. Wilfrieds Schritte. Er folgte ihr offenbar. Niemals hätte ich hier hinabsteigen sollen!, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt, da ich die Wahrheit kenne, bleibt ihm eigentlich nichts anderes übrig, als auch mich umzubringen - wenn er nicht riskieren will, überführt zu werden.

Susanne rannte um ihr Leben.

Die Kraft der Verzweiflung verlieh ihr mehr Atem, als sie je in sich gespürt hatte.

Der Gang teilte sich.

Sie rannte kurz entschlossen eine der Abzweigungen entlang.

Er teilte sich erneut. Längst schon hatte sie die Orientierung völlig verloren. Sie fühlte sich ähnlich verzweifelt wie in jener Situation, als sie in vollkommener Dunkelheit gewesen war, nachdem ein Luftzug ihren Kerzenleuchter gelöscht hatte.

Nur diesmal war es noch schlimmer.

Denn sie wurde verfolgt.

"Susanne!", hörte sie Wilfrieds Rufe.

Seine Schritte halten in den dunklen Mauern wider. Sie machte die Lampe aus, damit man sie nicht sofort sah. Es war stockdunkel um sie herum.

Susanne tastete sich vorwärts. Nur, wenn sie allzu unsicher geworden war, machte sie kurz die Lampe an, um sich einigermaßen orientieren zu können.

Was soll ich nur machen?, hämmerte es in ihr.

Sie hörte Wilfrieds Stimme noch immer, aber sie schien sich von ihrem Standort zu entfernen.

Susanne atmete tief durch.

Wie habe ich mich nur täuschen können!, ging es ihr durch den Kopf. Ihre Linke umklammerte noch immer den Armreif mit der Gravur. Der einzige handfeste Beweis, den es bislang dafür gab, dass Lisa Reindorf wirklich hier unten gewesen war. Susanne nahm sich vor, diesen Reif deswegen auch auf keinen Fall aus der Hand zu geben. Es sollte nicht ein zweites Mal so gehen, wie mit dem Brief.

Wie habe ich mich in Wilfried nur so täuschen können!, ging es ihr durch den Kopf.

Sie ging weiter, ohne zu wissen wohin.

In diesem unterirdischen Labyrinth war man tatsächlich wie lebendig begraben. Selbst wenn Susanne aus Leibeskräften geschrien hätte, so wäre das durch das dicke Gemäuer kaum in den oberen Etagen zu hören gewesen.

Susanne fühlte sich so allein und verloren wie nie zuvor in ihrem Leben. Aber es half nichts. Sie durfte jetzt einfach die Hände in den Schoß legen.

Immer weiter tastete sie sich in den dunklen Gängen voran.

Als sie Wilfrieds Stimme eine Weile überhaupt nicht mehr gehört hatte, wagte sie es auch, die Lampe wieder anzumachen.

Sie folgte einem langen Gang, der schließlich eine Biegung machte.

Es muss hier irgendwo auch einen Weg hinaus geben!, ging es Susanne durch den Kopf, während ihr Herz wie wild pochte.

Schließlich erreichte Susanne eine Tür aus fingerdickem Eisengitter. Sie ließ sich leicht öffnen und knarrte etwas dabei. Zu ihrer Überraschung gab es hier etwas Licht. Es fiel von draußen herein, durch vergitterte Fensteröffnungen, die sich vielleicht einen halben Meter über dem Boden auf der Ostseite des Schlosses befanden. Susanne hatte sie bei den ausgedehnten Spaziergängen, die sie mit Wilfried unternommen hatte, hin und wieder bemerkt. Das Licht selbst wurde wohl durch die üppige Außenbeleuchtung von Schloss Eichenbach verursacht.

Ein gespenstischer Ort, dachte Susanne.

Wahrscheinlich ein uraltes Gefängnis.

Ein Verlies, dessen vergitterte Fenster so hoch lagen, dass es unmöglich war, durch sie hinauszusehen. Trotzdem sah Susanne jetzt eine Chance. Sie rief, so laut sie konnte.

"Hilfe!", schrie sie, in der Hoffnung, dass da draußen irgendjemand in der Nähe war oder einer der im Ostflügel des Schlosses untergebrachten Gäste vielleicht sein Fenster geöffnet hatte. "Hilfe!" Ihre Stimme hallte zwischen den Mauern des Verlieses wider und dröhnte dadurch so laut, dass Susanne darüber erschrak.

Aber sie bekam keine Antwort.

Zu dieser nachtschlafenden Zeit war sie hier unten verloren.

Sie schritt in Richtung jener Wand, in der sich die hochgelegenen, vergitterten Fenster befanden.

Ein dumpfer Klang ließ sie stoppen. Der Untergrund, auf dem sie ging, hatte sich verändert. Zunächst war es - wie sonst überall in diesen düsteren Kellern - glatter Stein gewesen. Aber jetzt stand sie auf einer staubbedeckten Holzplatte.

"Niemand wird Ihnen helfen", sagte eine kalte Stimme aus dem Hintergrund. Susanne fuhr herum.

Christiane von Buchenberg-Selm trat aus dem Schatten. Das von außen hereinfallende Licht beleuchtete ihr blasses Gesicht. Sie lächelte überlegen. Triumph stand in ihren Zügen.

"Christiane!", entfuhr es Susanne.

"Was ist es, was Sie da in der Hand halten und so krampfhaft umklammern, als hinge Ihr Leben davon ab. Ein Armreif?"

"Ja. Er gehörte Lisa Reindorf."

"Ich weiß. Schließlich habe ich ihn dorthin gelegt, wo Sie ihn schließlich auch gefunden haben..."

"Was?" Susannes Stimme klang tonlos. Langsam begriff sie, welch furchtbarem Irrtum sie anheimgefallen war... "Nicht Wilfried hat Lisa Reindorf umgebracht, sondern Sie!", entfuhr es ihr.

"Ich liebe Wilfried", sagte Christiane mit einem entschlossenen Unterton. "Und ich werde nicht gestatten, dass irgendwer mir den Mann wegnimmt, der für mich bestimmt ist. Glauben Sie an das Schicksal, Susanne? Ich tue es..."

Christiane lachte auf eine Weise, die Susanne schaudern ließ. "Niemand wird Sie hier unten finden, Susanne. In hundert Jahren nicht - so wie auch niemand die arme Lisa Reindorf gefunden hat. Ihre Spur verliert sich hier unten so wie sich auch die Ihre verlieren wird... Wer weiß, vielleicht wird wieder jemand glauben, einen Wagen gehört zu haben... So etwas lässt sich leicht arrangieren."

"Sie wollen mich auch umbringen?", flüsterte Susanne.

Christianes Blick blieb kühl.

Triumph leuchtete in ihren Augen.

"Sie haben mir keine andere Wahl gelassen... genau wie Lisa..."

Susanne trat einen Schritt zurück, während Christiane sich zur Seite bewegte und mit der Rechten eine schnelle Bewegung vollführte. Undeutlich sah Susanne etwas Dunkles schattenhaft aufragen. Es wirkte wie eine Art Hebel. Im nächsten Moment bewegte Christiane diesen Hebel.

Susanne schrie, als sich unter ihr der Boden teilte.

Eine mörderische Fallgrube öffnete sich mit einem durchdringenden, knarrenden Geräusch...

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Susanne stürzte in die Tiefe, als von einem Augenblick zum anderen kein Boden mehr unter ihren Füßen war. Genau dasselbe war vermutlich mit Lisa Reindorf geschehen, damals, in jener Nacht, als sie spurlos verschwunden war.

Die Grube war tief genug, um sich bei einem Sturz den Hals zu brechen.

Doch Susanne hatte Glück im Unglück, da sie am Rand der Fallgrube gestanden hatte. Mit letzter Kraft gelang es ihr, sich an der Kante festzuhalten. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen. Ihr Blick ging hinauf, während sie tief unter sich die Taschenlampe und den Armreif aufschlagen hörte, die sie in den Händen getragen hatte.

Christianes Gestalt tauchte über ihr an der Kante der Fallgrube auf.

"Es gibt kein Entrinnen für Sie, Susanne", sagte die Komtesse mit vibrierender Stimme.

Der Wahn ließ ihre Worte verzerrt klingen.

"Bitte!", rief Susanne keuchend.

"Sie werden einen leichten Tod haben, Susanne...", war Christianes kalte Erwiderung.

"Ich kann mich kaum noch halten..."

"Quälen Sie sich nicht, Susanne!"

Dann beugte Christiane sich nieder, um Susannes zitternde Hände von der Kante zu lösen und sie endgültig in den Abgrund zu stürzen.

"Nein!", schrie Susanne in höchster Verzweiflung.

Das Geräusch schneller Schritte ließ Christiane sich umdrehen. Wilfried lief im Laufschritt durch die offenstehende Gittertür. Er rannte auf die Fallgrube zu.

"Susanne!", rief er.

"Wilfried! Hier bin ich!", schrie die Baroness in höchster Verzweiflung.

Nur noch Augenblicke würde sie sich mit der Kraft ihrer Hände halten können. Und selbst diese kurze Zeitspanne konnte sich noch dadurch verkürzen, dass Christiane sie einfach in die Tiefe stürzte.

Christiane blickte Wilfried entgeistert an.

Wilfried blickte hinab in die Fallgrube. Er sah Susannes verzweifelten Blick.

"Ich kann nicht mehr!", rief Susanne.

Wilfried schnellte vor, wollte sich niederbeugen, um Susanne seinen Arm entgegenzustrecken. Aber Christiane stellte sich ihm in den Weg.

"Lass mich vorbei!", rief dieser. Er ergriff sie bei den Schultern, um sie zur Seite zu schieben. Er wusste, dass jede Sekunde zählte.

"Lass sie sterben! Sie hat den Tod verdient!", rief Christiane mit verzerrter Stimme.

Christiane versuchte, sich Wilfrieds Griff zu entwinden.

Sie stieß ihn von sich, setzte dabei alles ein, was sie an Kraft mobilisieren konnte und schaffte es tatsächlich Wilfrieds festen Griff abzuschütteln.

Sie taumelte zurück, versuchte verzweifelt das Gleichgewicht zu halten und stolperte dann rückwärts in die offene Fallgrube. Mit einem Schrei verschwand sie in dem finsteren Abgrund.

Susanne schlug der Puls bis zum Hals.

Ihre Kräfte waren erschöpft.

Ihre Finger fanden an der glatten Kante nicht länger halt.

Sie spürte, wie sie abrutschte. Langsam, aber unaufhaltsam.

Ihr Atem ging schneller.

Sollte es wirklich so sein, dass auch sie dort unten, in dem düsteren Schlund ihr kaltes Grab fand?

Und dass, kurz bevor die Rettung möglich gewesen wäre?

So hätte Christiane am Ende doch noch triumphiert...

Dann verloren Susannes Finger den Kontakt mit der Steinkante...

Jetzt ist es aus, dachte Susanne.

Da spürte sie einen Augenaufschlag später einen festen Griff um ihr linkes Handgelenk.

Sie blickte hinauf. Wilfried kniete am Rand der Fallgrube.

Seinem Gesicht war die Anstrengung anzusehen. "Du musst durchhalten!", rief er. "Hörst du?"

"Ja..."

Und dann begann Wilfried, sie Stück für Stück emporzuziehen. Susanne half dabei so gut es ging mit. Ihr erschien es, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis sie endlich oben angelangt war.

Erschöpft sank sie in Wilfrieds Arme. Er strich ihr über das Haar und ersuchte sie zu beruhigen.

"Es ist jetzt alles vorbei", sagte er.

"Es war so schrecklich!", schluchzte Susanne.

"Ja, ich weiß..."

"Ich habe dir großes Unrecht getan, Wilfried. Erst hier, im Verlies, habe ich erkannt, dass Christiane all das eingefädelt hat, was sie dir zu Last legte..."

Wilfried nickte.

"Sie war ein verwirrter Geist", sagte er ruhig.

Susanne sah ihren Liebsten an. "Christiane hat Lisa umgebracht. Genau hier, an diesem Ort. Sie hat es mir selbst gestanden..."

"Komm", sagte Wilfried und half Susanne auf die Beine. Sie warf einen kurzen Blick in die Tiefe. Nichts war dort zu sehen, außer Finsternis.

"Ich habe Christiane einiges zugetraut, aber nicht das", gestand Wilfried dann. Er sah Susanne in die Augen. "Ich hoffe, jetzt wird alles gut, Susanne." Sie schmiegte wortlos den Kopf an seine Schulter und Wilfried legte den Arm um sie.

"Lass uns diesen furchtbaren Ort verlassen", murmelte Susanne.

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Es gab eine polizeiliche Untersuchung der Ereignisse auf Schloss Eichenbach.

Unter anderem kamen die Tagebücher der Komtesse Christiane von Buchenberg-Selm dabei zu Tage, in denen sie akribisch über alles Buch geführt hatte.

Über Lisas Tod berichtete sie ebenso ausführlich wie über ihre Pläne, was Susanne anging.

Unsterblich war sie in Wilfried verliebt gewesen und mit ihrer wahnhaften Eifersucht hatte sie jede Frau verfolgt, die sich den Platz an der Seite des Fürstensohnes zu erobern drohte.

Lisa Reindorfs Überreste wurden geborgen und der Familie übergeben.

Christiane von Buchenberg-Selm wurde in aller Stille in der Familiengruft beigesetzt.

Die Tage gingen dahin.

Es brauchte eine Weile, bis Susannes Stimmung sich wieder aufhellte. Auch wenn sie erleichtert darüber war, dass der Schrecken nun ein Ende hatte und sich all ihre Ängste und Befürchtungen nicht bewahrheitet hatten, so hatten sie die jüngsten Ereignisse auf Schloss Eichenbach doch mehr mitgenommen, als sie es sich zunächst hatte eingestehen wollen.

Wilfried schlug vor, eine kleine Reise zu unternehmen, um etwas Abstand von den Dingen zu gewinnen, die geschehen waren.

Susanne zögerte zunächst, doch dann gelang es Wilfried, sie zu überzeugen. Ein paar Wochen waren sie unterwegs: Mailand, Venedig, Paris... Schon in den ersten Tagen merkte Susanne, wie gut Wilfrieds Vorschlag gewesen war. Und nach und nach gewann sie ihre ursprüngliche Fröhlichkeit und Unbeschwertheit zurück. Als sie dann zurückkehrten, stellte Susanne überrascht fest, dass Schloss Eichenbach jetzt keinen bedrohlichen oder einschüchternden Eindruck mehr auf sie machte.

"Ich wollte die Wahrheit erfahren", sagte Susanne einmal, als sie mit Wilfried zusammen ausritt und sie ganz in der Nähe jenes Teiches, an dem Wilfried ihr einen Ring geschenkt hatte, ein Picknick machten. "Aber ich ahnte nicht, was dabei herauskommen würde... und es schmerzt mich noch immer, dir nicht genug vertraut zu haben, obwohl du es sicher verdient gehabt hättest."

Wilfried lächelte.

Dabei ergriff er zärtlich Susannes Hand und sagte dann: "Lass uns das, was geschehen ist, so gut es geht vergessen. Es ist von nun an Vergangenheit. Und unser Leben sollte der Zukunft gewidmet sein und nicht im Schatten der Dinge stehen, die hinter uns liegen."

"Ja, du hast recht, Wilfried."

Und dabei blickte sie verträumt auf den Teich hinaus, auf dem einige Enten und Schwäne elegant dahinglitten. Eine traumhafte Hochzeit lag vor ihr und für einige Momente malte sie sich aus, was sie in der Zukunft erwartete. Sie sah sich und Wilfried inmitten einer fröhlichen Kinderschar durch den Hof von Schloss Eichenbach schreiten.

"Wir sollten wirklich das Vergangene vergessen und an das vor uns liegende denken", sagte Susanne schließlich, nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hatten. "Und ich finde, wir sollten die Verlobungszeit nicht allzu lang ausdehnen..."

ENDE

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Von ihren Tränen wusste niemand

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Arztroman von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 97 Taschenbuchseiten.

Eine harte Zeit liegt hinter Barbara Wanders. Ihr Mann ist beim Baden ertrunken und sie musste ihren kleinen Sohn allein großziehen. Keine einfache Aufgabe für eine trauernde Frau. Barbara griff daher zur Flasche und nur mit viel Mühe konnte sie den Alkohol schließlich hinter sich lassen. Jetzt aber hat sie ihr Leben wieder im Griff. Sie hat zwar keinen Partner mehr, aber dafür ihren Sohn und ihren Beruf. In letzter Zeit hat ihr Sohn sich jedoch sehr verändert. Er ist nicht mehr so offen wie früher und geht Barbara mehr und mehr aus dem Weg. Außerdem ist er so dünn und blass geworden. Barbara macht sich große Sorgen.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

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Barbara Wanders - nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes fiel die junge Frau in ein tiefes Loch. Wochenlang war sie so verzweifelt, dass sie sich kaum um ihren Sohn kümmern konnte. Sie ließ ihn in einer Zeit allein, als er mütterlichen Trost dringend gebraucht hätte. Doch inzwischen ist sie aus dem Tal der Tränen herausgestiegen, hat ihr Leben wieder fest im Griff.

Karsten Wanders - der Siebzehnjährige lebt unbekümmert in den Tag hinein. Seine Mutter sorgt für ihn, er hat ein gemütliches Zuhause und Geld genug für das so dringend benötigte Rauschgift. Doch dann, eines Tages, nimmt er zu viel von dem teuflischen Gift. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden.

Dr. Sören Härtling - der engagierte Klinikchef hat Barbara schon einmal geholfen. Jetzt, da sie um ihr Kind bangt, versucht er wieder zu helfen. Aber... kann er den Kampf gegen Heroin und Kokain gewinnen?

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Dana Härtling, bildhübsche achtzehn Jahre jung, sah ihre Mutter an und fragte: „Darf ich eine Party geben?“

„Für wie viele Personen?“, fragte Jana Härtling zurück.

Es war Abend. Die Familie hatte sich vollzählig im Wohnzimmer versammelt und wartete auf Ottilies: „Bitte zu Tisch“. Ottilie war die langjährige Haushälterin der Härtlings. Eine treue Seele, eine zuverlässige Person und eine ganz hervorragende Köchin mit unerschöpflichen Einfällen, wenn es darum ging, den Speiseplan abwechslungsreich zu gestalten.

Dana schürzte die Lippen. „Dreißig? Vierzig?“, schätzte sie.

„Und wo sollen wir die alle unterbringen?“, wollte ihre Mutter wissen.

Chefarzt Dr. Sören Härtling mischte sich nicht ein. Die Entscheidung dieser Dinge überließ er gern seiner Frau. Als Leiter der bekannten Paracelsus-Klinik hatte er Tag für Tag genügend Entscheidungen zu treffen. Da musste er sich nicht unbedingt auch noch zu Hause im Kreise seiner Familie profilieren.

„Platz ist in der kleinsten Hütte“, sagte Dana.

Ben, ihr achtzehnjähriger Zwillingsbruder, saß neben ihr. Wenn die Party genehmigt wurde, war er selbstverständlich mit eingeladen.

Jedenfalls rechnete er fest damit, weil er Dana auch so gut wie immer einlud, wenn er für seine Freunde ein kleines Fest auf die Beine stellte.

„Darf ich bei der Fete mitmachen?“, wollte der vierzehnjährige Tom wissen.

Dana warf ihm einen befremdeten Blick zu. Welch ein Ansinnen. „Natürlich nicht.“ Ihre Stimme klang abweisend.

Tom lehnte sich grinsend zurück. „Dann bin ich dagegen.“

„Ich kann mich nicht entsinnen, dich gefragt zu haben“, sagte Dana kühl.

Josee, das zehnjährige Nesthäkchen der Familie, hob spontan die Hand. „Ich bin dafür.“

Tom nickte griesgrämig. „Klar bist du dafür.“

„Wieso ist das klar?“, wollte Josee wissen.

„Weil ich dagegen bin“, sagte Tom. „Du bist ja immer gegen alles, was von mir kommt.“

„Du bist ja auch gegen alles, was von Dana kommt“, konterte Josee, deren Widerspruchsgeist sehr ausgeprägt war.

Tom schüttelte den Kopf. „Nicht gegen alles. Nur gegen diese Party. Weil ich mich nämlich nicht mehr wohl fühle, wenn hier lauter fremde Typen herumhängen.“

Ben lachte. „Was dich aber nicht stören würde, wenn du dabei sein dürftest.“

„Niemand würde hier herumhängen“, sagte Dana entschieden. „Die Party würde im Keller stattfinden. Man würde hier oben überhaupt nichts mitkriegen.“

„ Wer’s glaubt, wird selig“, kommentierte Tom. „Das Haus würde bis zu den Dachziegeln hinauf dröhnen. Es wäre so wie, wie bei den Klarinetten von Jericho. Äh, Trompeten, wollte ich sagen.“

Ben schmunzelte. „Posaunen.“ Tom warf ihm einen irritierten Blick zu. „Was?“

„Posaunen, wolltest du sagen.“ Tom nickte. „Ja, richtig. Posaunen.“

Dana wandte sich wieder an ihre Mutter. „Geht das mit der Party in Ordnung?“

Jana Härtling nickte. „Ja, aber nur, wenn du dich auf zwanzig bis dreißig Gäste beschränkst. Es muss ja nicht halb München zu uns kommen.“

„ Zwanzig bis dreißig.“ Dana wiegte den Kopf. „Das wird eng. Da muss ich einige Leute vor den Kopf stoßen.“

Jana Härtling tätschelte die Hand ihrer Tochter. „Du wirst es mit ein bisschen Diplomatie schon irgendwie hinkriegen, dass niemand auf dich sauer ist.“

Die grauhaarige Wirtschafterin erschien im Wohnzimmer. Aber nicht, um die Familie zu Tisch zu bitten, sondern um Dr. Härtling ans Telefon zu holen. „Herr Doktor“, sagte sie hastig. „Ein Anruf für Sie. Aus der Klinik. Schwester Annegret.“

Sören Härtling stand rasch auf. Wenn die alte Pflegerin ihn um diese Zeit anrief, war irgend etwas nicht in Ordnung. Er eilte ans Telefon und nahm den Hörer auf, der neben dem Apparat lag. „Ja, Annchen, was gibt’s?“

„Frau Wanders, Chef...“

„Was ist mit ihr?“

„Sie blutet sehr stark“, berichtete Schwester Annegret, die seit mehr als vierzig Jahren in der Paracelsus-Klinik arbeitete. Dr. Härtling hatte Barbara Wanders heute operiert. Er hatte ihr ein Uterusfibrom, einen gutartigen Tumor, entfernt.

„Ich komme sofort.“ Der Klinikchef warf den Hörer auf den Apparat, informierte seine Familie, dass er noch einmal fort müsse, weil bei einer Patientin Komplikationen aufgetreten wären, und verließ in großer Eile die Villa.

Jana Härtling, selbst promovierte Ärztin, hatte Verständnis dafür. Ein engagierter Arzt hat nun mal keinen geregelten Acht-Stunden-Tag. Wenn seine Patienten ihn brauchen, muss seine Familie zurückstehen.

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Hast du was für mich?“, fragte Karsten Wanders. Der Siebzehnjährige sah krank aus. Er trug eine abgewetzte schwarze Lederjacke, ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans. Dadurch wirkte er noch blasser.

Er war nervös, zitterte, nagte an seiner Unterlippe und tänzelte vor dem Tisch, an dem Heiko Rossmann saß, von einem Bein aufs andere, als müsse er aufs Klo.

Rossmann blickte zu ihm hoch und fragte grinsend: „Hast du was für mich?“ Er hatte ein Glas Bier vor sich stehen, befand sich in seiner Stammkneipe, einem schäbigen Lokal mit klebrigen Tischen, schmutzigem Boden und einer dicken, faulen Serviererin mit strähnigem Haar.

„Ich bin im Augenblick blank“, ächzte der magere Karsten Wanders.

„Dann komm wieder, wenn du flüssig bist.“

„Hör mal, kannst du nicht mal ’ne Ausnahme machen?“

Heiko Rossmann schüttelte den Kopf. „Kann ich nicht. Du kennst die Geschäftsgepflogenheiten. Hier Geld, hier Ware.“

„Ich habe morgen ganz bestimmt wieder Geld.“

„Dann sehen wir uns morgen.“

„Aber ich brauche heute was.“

„Tut mir leid.“

Karsten Wanders presste die Arme gegen seinen Leib, als hätte er starke Schmerzen. „Mir geht es dreckig, Mann.“

Rossmann hatte kein Mitleid mit ihm. „Ich kann’s nicht ändern, und jetzt hau ab. Ich möchte in Ruhe mein Bier genießen.“

Vor Wanders stand ein Stuhl. Er umklammerte die Lehne. Die Fingerknöchel schimmerten weiß durch die Haut. „Soll ich einer alten Frau die Handtasche klauen oder was?“

„Ist mir egal, wie du zu Knete kommst. Von mir kriegst du nur was, wenn ich die Scheine knistern höre. Die Leute, von denen ich die Ware beziehe, haben dieselbe Einstellung. Die geben mir auch nichts, bloß weil ich so ein hübscher Junge bin.“ Karsten Wanders verließ die Kneipe. Geld. Geld. Er brauchte dringend Geld. Die Entzugserscheinungen waren sehr schlimm, wenn man „auf Turkey“ war, wie man das in seinen Kreisen nannte. Gepeinigt lief er die Straße entlang. Er sah einen Mann, der vor einer Frittenbude stand und soeben seine Geldbörse in die Gesäßtasche schob.

Ob er ihm die stehlen konnte? Mit seinen zitterigen Fingern? Niemals. Der vierschrötige Mann hätte es gemerkt und ihn windelweich, vielleicht sogar krankenhausreif, geschlagen. Karsten versuchte sein Glück erst gar nicht, lief weiter, und die Entzugserscheinungen wurden immer schlimmer. Verflucht noch mal, wie hatte es mit ihm nur so weit kommen können?

Okay, er hatte keinen Vater mehr, aber er hatte eine Mutter, die ihn über alles liebte und die immer für ihn da war, wenn er sie brauchte.

Er hatte keinen Grund gehabt, zu Drogen zu greifen, hatte es aus Neugier getan, und aus Langeweile. Nur mal probieren. Nur mal was Harmloses.

Die anderen hatten es ja auch getan, um mal so richtig gut drauf zu sein. Sie hatten sich großartig gefühlt. Stark wie Bären. Unbesiegbar.

Und das Leben war auf einmal irre bunt und aufregend und glitzernd gewesen. Herrlich, dieses euphorische Gefühl, das von den Zehen bis in die Haarspitzen reichte, wenn man high war. Karsten Wanders hatte es immer wieder erleben wollen, und immer öfter. Und als die vielen verschiedenfarbigen Pillen nicht mehr gereicht hatten, war was anderes dran gekommen.

Und wieder etwas anderes. Die gesamte Palette hatte Karsten durchprobiert. Wo andere gesagt hatten, „Nee, das lieber nicht!“, war er weitergegangen.

Die andern hatten rechtzeitig haltgemacht und waren umgekehrt. Er nicht. Er hatte alles ausgekostet, den ganzen trügerischen Drogenhimmel, der eigentlich die Hölle war, und sein Weg nach unten war noch nicht zu Ende.

Vor ihm ging eine weißhaarige Frau. Klein, vom Alter gebeugt, armselig gekleidet. Er starrte auf ihre Handtasche. Wie viel Geld mochte sie wohl bei sich haben?

Karsten erschrak. Mein Gott, so tief bin ich schon gesunken, dass mir solche Gedanken kommen, dachte er entsetzt und angewidert von sich selbst.

Er wechselte schnell zur anderen Straßenseite hinüber, bog um die nächste Ecke und war fünf Minuten später zu Hause. Er öffnete hastig die Hausbar und griff nach irgendeiner Schnapsflasche, um sich zu betäuben.

Dieses Ziehen, Bohren, Stechen, Schneiden und Glühen in seinem Leib war grauenvoll. Er trank gierig und erhoffte sich eine rasche Wirkung.

Seine Mutter befand sich zur Zeit in der Paracelsus-Klinik. Eine Unterleibsgeschichte. Sie war heute operiert worden. Er hatte sie kurz davor besucht und ihr Mut zugesprochen.

Morgen würde er sie wieder besuchen. Er war schließlich ein anständiger Sohn. War er tatsächlich, bis auf die Sache mit den Drogen,

Er liebte seine Mutter, hätte alles für sie getan. Nur eines nicht: die Finger vom Rauschgift zu lassen. Das schaffte er einfach nicht.

Ein Glück, dass sie nichts von seiner Sucht wusste. Wenn er nicht gut drauf war, ging er ihr aus dem Weg, und wenn sie hin und wieder feststellte, er würde immer dünner und durchsichtiger werden, so machte er dafür die viele Arbeit verantwortlich, die er zu leisten hatte.

Er war in einem großen Baumarkt als Verkäufer beschäftigt. Auch da ahnte niemand, dass er drogenabhängig war, und er hoffte, dass das auch in Zukunft so blieb.

Geld. Geld... Seine Gedanken kreisten wieder um den Mammon. Es gab eine Schatulle mit mehreren Etagen in Mutters Schlafzimmer. Erste Etage: Ringe, Ohrclips, Broschen. Zweite Etage: Halsketten. Dritte Etage: Armbänder.

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914276
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380393
Schlagworte
schicksalsromane diagnose liebe

Autoren

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Titel: 4 Schicksalsromane - Diagnose unheilbare Liebe