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Todfeinde kennen keine Gnade: Western

2017 130 Seiten

Leseprobe

Todfeinde kennen keine Gnade: Western

Heinz Squarra

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Todfeinde kennen keine Gnade

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Western von Heinz Squarra

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

Zwei Brüder gehen verschiedene Wege, seit sie von dem Rancherboss McBee betrogen wurden. Um nicht zu verhungern und zu erfrieren, will Clint sich mit anderen Cowboys an dem Rancher rächen und ihm die Rinderherden stehlen. Doch Jim will da nicht mitmachen und trennt sich von Clint. Bei einem Überfall wird ein Mann von Clint getötet. Nun ist er ein Bandit. Und jeder in der Stadt glaubt, dass Jim mit seinem Bruder gemeinsame Sache macht.

Doch Jim will nicht aufgeben und seinen Bruder wieder auf den rechten Weg bringen. Aber wird es ihm gelingen?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Eine Handvoll entlassener Cowboys steht vor der Existenzfrage. Bittere Not, eine brutal harte Natur und nackte Verzweiflung lässt sie auf die verrücktesten Einfälle kommen. Aber schon keimt auch Hass und Feindschaft, besonders zwischen den Brüdern Jim und Clint Durbin ...

Der schmetternde Hieb trifft Jim Durbin mit voller Wucht gegen die Schläfe und schleudert ihn gegen die Hüttenwand. Ty Peedy, das drahtige Halbblut, springt nach und schlägt noch einmal zu, ehe Jim Durbin eine Bewegung der Gegenwehr machen kann.

„Genug“, sagt Clint Durbin schnaufend, als Jim an der Wand niedersinkt und auf den festgestampften Boden fällt.

Ty tritt langsam zurück. Die Haltung der drei anderen Männer entspannt sich. Der vierte, der in der halbgeöffneten Tür steht, hustet dünn. An ihm vorbei weht der scharfe Wind, treibt Schnee herein und fährt ins Feuer.

„Tür zu!“, knurrt Abe Johnson.

Leat Merrill stößt die Tür zu. Das Feuer beruhigt sich. Draußen tobt der Schneesturm um die Hütte und zerrt am Dach. Im Anbau rasseln die Pferde mit den Gebissketten und stampfen mit den Hufen.

„Ty, binde ihn!“, bestimmt Clint Durbin.

Ty beugt sich über den bewusstlosen Jim Durbin und bringt ein paar kurze Rohlederriemen aus der Hosentasche.

„Kommt ihr nun mit?“, fragt Leat Merrill.

Joe Noel, der große, schmale Reiter mit dem etwas bleich wirkenden Gesicht, stößt ein raues Lachen aus.

„Verschwinde, wenn du unbedingt ein Narr sein willst!“, schnaubt Clint Durbin. „Wir haben dir oft genug gesagt, dass wir nicht mitkommen.“

„Dann werdet ihr verhungern.“

„Wir verhungern schon nicht“, erwidert Joel Noel. „Wir haben bis jetzt gewartet, weil wir dachten, der Rancher habe ein Herz im Leib. Nun warten wir nicht mehr. Mach dir keine Sorgen um uns!“

„Die Männer warten in Dodge City. Sie geben zwanzig Bucks Handgeld.“

„Ja, Leat, das hast du schon mehrmals gesagt. Anschließend schleppen sie dich nach Wyoming, wo du den Dakotas verfüttert wirst. Geh doch, wenn dir so viel daran liegt!“

Leat Merrill blickt sie alle noch einmal der Reihe nach an. Zuerst den großen Clint Durbin mit den dunkel sprühenden Augen. Dann Abe Johnson, den krummbeinigen Texaner; Joe Noel, der fast wie ein Spieler aussieht, ohne jemals einer gewesen zu sein. Dann Tyren Peedy, das Halbblut, das sie wegen seiner Schnelligkeit und wegen seiner verborgenen Messer gefürchtet und um seine Sattelkünste beneidet haben. Das Halbblut, das alle Leute hassen, ohne zu wissen, warum. Und schließlich blickt Leat auf Jim Durbin, Clints Bruder, den sie zusammengeschlagen haben; vielleicht aus Enttäuschung darüber, dass er nur fünf Dollar von der Ranch mitbrachte. Vielleicht aber auch, weil er ihren Plänen wirklich im Wege steht.

„Na geh schon“, knurrt Abe Johnson. „Und einen schönen Gruß an General Terry.“

„Kennst du ihn?“

„Ich war einmal genauso verrückt wie du, Leat. Aber darüber rede ich nicht gern.“

Leat zieht die Tür auf. Schnee weht herein. Der Cowboy schiebt sich schnell hinaus und wuchtet die Tür zu. Joel Noel setzt sich an den rohen Tisch und bringt ein Paket Spielkarten aus der Hosentasche.

„Weiter“, sagt er. „Jetzt stört uns niemand mehr.“

Sie hören, wie Leat Merrill sein Pferd im Anbau sattelt und hinausführt. Die Türangeln knarren. Dann schnaubt das Pferd. Für einen Moment ist Hufschlag schwach zu hören, dann geht er im Heulen des Schneesturmes unter.

Joe Noel hat die Karten ausgeteilt. Ty setzt sich neben ihn auf eine umgestülpte Kiste und stößt sein Messer mit einer raschen Bewegung in die Tischplatte. Sein Blick hängt an dem Fünf Dollar Stück, das auf der Platte liegt, wohin es Jim Durbin legte, als er vor einer Viertelstunde in die Hütte kam.

Joe Noel teilt die Karten aus.

„Wir spielen jetzt um vier Steaks, und in der nächsten Runde um zwei Flaschen RotaugenWhisky“, meint er. „Einverstanden?“

Die Männer nicken.

„Zwei neue“, verlangt Clint Durbin. „Und noch etwas, worauf ihr euch alle einrichten könnt: die Befehle gebe ich!“

Er wirft zwei Karten verdeckt in die Mitte des Tisches. Joe Noel schiebt ihm zwei neue Karten zu, gibt Johnson drei und nimmt sich selbst eine.

„Aufdecken!“, schnarrt er.

Als die Karten offen vor den Männern liegen, sagt Johnson: „Um die Steaks musst du dich also kümmern, Clint. Dafür darfst du jetzt selbst mischen.“

Clint Durbin zieht die Karten zu sich herüber und mischt sie. Er teilt aus, kauft drei neue und legt auf.

„So ein Pech“, sagt Joe Noel grinsend. „Aber vielleicht spielt es auch keine Rolle, wer bestellt. Willst du Revanche?“

Clint Durbin, der wieder verloren hat, schüttelt den Kopf.

„Zu was? Zwei Flaschen reichen für uns. Mehr ist ungesund, denn wir brauchen einen halbwegs klaren Kopf. Also gehen wir.“ Er steht als Erster auf und nimmt seine Mackinawjacke von dem langen rostigen Nagel, der neben der Tür in die Wand getrieben ist. Als er sie angezogen hat, bewegt sich Jim Durbin und hebt den Kopf. Clint geht zu ihm und hockt sich auf die Absätze seiner Texasstiefel.

„Es tut mir leid, dass es so kommen musste“, murmelte er gepresst. „Du weißt, dass es nirgends auf der Welt einen Menschen gibt, der mir näher steht als du. Aber so ist es besser. Wir reiten jetzt. Denke an Sharleen und vergiss, dass du einen Bruder hast! Es macht dir selbst die Entscheidung leichter, denn nun brauchst du nicht mehr für den mächtigen McBee zu reiten. Du kannst zu Alan Stewart gehen und ihm helfen. Vielleicht nützt es ihm etwas.“

„Ihr wollt also ...?“

„Ja, Jim. Wir haben lange genug davon gesprochen. Du weißt ja selbst, dass der Rancher sich nur über uns lustig macht. Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass er dir fünf Dollar Vorschuss für sechs Männer gab? Dieser Bastard! Im Sommer können wir schuften, im Winter schickt er seine Mannschaft zum Teufel.“

„Das ist überall so. Nicht nur hier. Wo ist Leat?“

„Auf dem Weg nach Dodge City. Er hat gesagt, Soldat wäre noch besser als Bandit. Das muss jeder selbst entscheiden. Wir haben ihn nicht zurückgehalten. Wir wollen auch dir keine Steine in den Weg rollen, Jim. Aber wir mussten dich binden, weil du das vielleicht willst. Du kennst ja unseren Plan.“ Clint Durbin steht mit einem heftigen Ruck auf und wendet sich der Tür zu. Als er die Hand schon auf dem Holzhebel des außenliegenden Riegels hat, schaut er noch einmal über die Schulter und sagt: „Vielleicht treffen wir uns irgendwann noch einmal, Jim. Denke daran, dass keiner von uns gern ein Bandit werden wollte! McBee hat uns dazu gezwungen.“

„Der Winter wird vorbeigehen, Clint!“

„Kann sein, Jim. In zwei Monaten vielleicht. Wenn wir Pech haben, erst in drei. Bis dahin würden wir hier verhungern. Wir haben nichts mehr! Selbst das Brennholz ist alle. Wir wollten dir gern glauben und hofften, dass ein reicher Mann nicht so unmenschlich sein kann, die Boys verhungern zu lassen, die einen langen Sommer über für ihn geschuftet haben. Aber du hast ja gesehen, dass unsere Befürchtungen stimmten. Denke daran, wenn wir uns irgendwo noch einmal treffen und die Vorzeichen sollten dann noch schlechter als jetzt sein.“ Clint Durbin zieht die Tür auf. Heulend fährt der Sturm in die Hütte herein. Einer nach dem anderen gehen die Männer hinaus. Zuletzt geht Ty, der noch einmal zurückschaut, während er sein Messer in den Stiefelschaft schiebt.

„Ty, der Weg wird euch unter den Galgen führen!“, schreit Jim.

Ty nickt, und ein wissendes, fades Lächeln erscheint um seine Mundwinkel.

„Das kann schon sein, Jim“, entgegnet er. „Aber Abe hat gesagt, dass der Strick nicht schlimmer sein kann als der Hunger, der einen Mann von innen her aushöhlt, wahnsinnig macht und dann auch tötet.“

Jim Durbin sieht die Tür zufallen. Im Anbau hört er die Männer ihre Pferde satteln.

„Hast du ihn befreit?“, hört er die Stimme seines Bruders durch die dünne Bretterwand dringen.

„Nein, Clint.“

„Das wollte ich dir auch geraten haben, mein Junge. Er wird sich selbst helfen. Aber er braucht ein paar Stunden dazu. Wir müssen Vorsprung haben, denn er geht mit dem Kopf durch die Wand.“

„Das weiß ich doch, Clint.“

Jim lässt den Kopf auf den eiskalten Boden sinken. Er weiß, dass sie keine Macht der Welt mehr aufhalten kann. Sie werden ihren Plan ausführen. Und dann werden sie gehetzt werden, wie man Wölfe hetzt.

Die Anbautür schlägt zu. Ein Pferd wiehert in das Toben des Schneesturmes hinein.

„Vorwärts!“, hört Durbin seinen Bruder rufen, und er fragt sich, ob es das letzte Wort war, das er von ihm vernahm.

Der Hufschlag verliert sich im Fauchen des Windes. Jim kriecht über den Boden auf die offene Feuerstelle auf dem abgeflachten Stein zu. Auf halbem Wege bleibt er liegen. In seinem Kopf dröhnt es immer noch. Sie haben hart zugeschlagen. Sie haben ihn auf eine Art jeder Entscheidung enthoben, mit der er nicht gerechnet hat.

Sein Kopf sinkt auf den Boden zurück. Er fühlt sich müde und zerschlagen. Alles war umsonst. Er hätte sich die langen Reden sparen können, mit denen er tagelang versucht hatte, ihren bereits gefassten Entschluss rückgängig zu machen. Und er konnte sich auch die Demütigung ersparen, zu dem mächtigen, arroganten McBee zu reiten, der im Winter für seine Reiter nichts erübrigt, weil es keinen Gewinn dafür gibt.

Er schiebt den Arm unter den Kopf, um die Kälte abzuhalten. Er denkt, dass er sich befreien und ihnen folgen müsste, obwohl er weiß, wie sinnlos das ist.

„Clint, bleib da!“, schreit er, obgleich er genau weiß, dass die Reiter ihn nicht mehr hören können und auch nicht hören wollen.

Jim Durbin kriecht weiter auf das Feuer zu. Er wird die Rohlederriemen durchbrennen und ihnen doch folgen. In Wichita kann er sie einholen. Als er die Hände ausstreckt, schieben sich die Ärmel seiner Wolfsfelljacke zurück. Die Hitze der Flammen erreicht seine Handgelenke. Er presst die Zähne aufeinander, um die Schmerzen zu töten. Kalter Schweiß bricht ihm aus allen Poren und brennt auf seiner Haut. Er denkt an Sharleen Stewart, die hübsche Tochter des Smallranchers, die ein Jahr lang darauf gewartet hat, dass er sich entschließt, aus McBees Mannschaft auszutreten. Er hat es nie getan, weil Stewart nicht in der Lage gewesen wäre, auch Clint und die anderen aufzunehmen. Sie hatten immer fest zusammengehalten. Und natürlich hatten sie vor Tagen gedacht, dass er auch diesmal an dem Spiel teilnehmen würde.

Die Riemen werden brüchig. Schwarzer Rauch steigt von ihnen auf. Jim zieht die Hände zurück und reibt den Riemen über die stumpfe Kante des Steines. Als er die Riemen mit einem knirschenden Geräusch zerreißt, befreit er sich die Beine und steht auf. Die Schmerzen an den Handgelenken werden schlimmer, aber er zwingt sich, nicht daran zu denken.

Jim Durbin verlässt die Hütte und geht zum Anbau. Als er die Tür aufzieht, kann er sein Pferd nicht sehen. Enttäuscht kehrt er um. Clint hat an alles gedacht. Und er hat gründlich dafür gesorgt, dass Jim ihnen wirklich nicht nachreiten kann. Vielleicht war er selbst nicht davon überzeugt, dass Jim mehrere Stunden brauchen würde, um sich zu befreien.

Er schiebt sich durch die meterhohe Schneewehe zur Hüttentür zurück. Der eisige Wind sticht wie mit tausend spitzen Nadeln sein Gesicht. Drinnen setzt er sich an der Wand neben dem Feuer nieder und vergräbt das Gesicht in den Händen. Natürlich hat er keine Chance, Wichita zu Fuß schneller zu erreichen, als sie die Stadt verlassen werden. Müdigkeit überkommt ihn mit elementarer Gewalt. Er streckt die Füße aus und stößt den Kupferkessel damit zur Seite. Diesen Kessel haben sie seit Tagen nicht mehr gebraucht. Genauso lange nicht mehr, wie sie nichts zwischen die Zähne bekamen.

Seine Gedanken verwirren sich. Er träumt. Plötzlich ist es um ihn glühend heißer Sommer, und wallender Staub hängt in der Luft ...

Im Traum erlebt er das noch einmal:

Das falbe Pferd bricht so jäh nach der Seite aus, dass er es nicht mehr halten kann und die Steigbügel verliert. Er wird nach links geschleudert und schrammt auf den Rücken. Er sieht den gewaltigen weißgesichtigen Stier auf sich zukommen.

„Nicht!“, ruft er.

Da schiebt sich von links ein Pinto dazwischen. Hart prallen die Körper der beiden Tiere zusammen. Clint Durbin wird durch die Luft gewirbelt und ebenfalls mit dem Rücken auf die Erde geschmettert. Der Stier rast weiter. Noch drei Längen! - Noch zwei!

Jim spürt, dass er unfähig ist, sich zu bewegen. Jetzt wird der Stier über ihn hinweggehen.

Da dröhnt ein Schuss auf. Urgewaltig wird der Lauf des Stieres gebremst. Er fällt wie ein schwerer Sack zur Seite, und der Staub, den er selbst aufwirbelt, senkt sich auf ihn.

Jim Durbin richtet sich auf, blickt zu seinem Bruder hinüber, der sein Leben für ihn wagte, ohne damit etwas zu erreichen. Und dann schaut er auf Ty Peedy, das Halbblut. Ty schiebt eben eine frische Patrone in den Lauf des noch rauchenden Sharpsgewehres und grinst.

„McBee wird traurig sein, wenn er hört, dass sein prächtigster Stier tot ist, Jim“, meint er. „Vielleicht hat er dann etwas gegen den, der ihn erschoss.“

Jim schlägt sich den Staub von seinem Flanellhemd.

„Vielleicht will er ihn davonjagen“, redet das Halbblut weiter.

„Da müsste er eine ganze Menge Reiter davonjagen“, sagt Clint Durbin und hebt seine siebenschüssige Spencer auf. „Nicht wahr, Jim?“

„Ja, Bruder. Danke, Ty. Du brauchst keine Angst zu haben. Wir sind doch Freunde. Ich werde dir das nie vergessen!“

Gedämpfter Hufschlag ist zu hören. Das Schnauben eines Pferdes erreicht Jims Ohren. Er wirft den Kopf hoch und stößt sich hart an der Wand.

Jäh ist er munter. Ein fader Geschmack liegt auf seiner Zunge. Das Feuer ist fast erloschen. Die Kälte dringt durch jede Ritze in die Hütte herein. Benommen streicht er sich über den Kopf.

Da ist wieder das Schnauben eines Pferdes zu hören. Er richtet sich auf und tastet nach dem Frontiercolt. Das gehörte also nicht mehr zu seinem Traum.

„Jim!“, ruft eine helle Stimme unsicher und fragend, „Jim, bist du hier?“

Durbin lässt den kalten Kolben des Revolvers los und geht zur Tür. Er stößt sie auf, sieht den Kopf des Pferdes und darüber das schmale, vor Frost glasige Gesicht des Mädchens.

„Sharleen ... Was willst du hier?“

Die Tochter des Smallranchers versucht zu lächeln, aber es gelingt ihr nicht.

Jim ist mit zwei Schritten an ihrer Seite, hebt sie aus dem Sattel und schiebt sie zur Hütte. Er zieht das Pferd hinter sich her. Als er die Tür schließt, sagt das Mädchen: „Mein Vater, Jim. Es geht ihm schlecht. Ich wollte den Doc aus der Stadt holen, verfehlte aber den Weg.“

Jim drängt das zitternde Pferd gegen die Wand und greift nach der Hand des Mädchens.

„Er liegt seit gestern im Bett“, meint Sharleen.

„Der Doc wird Geld haben wollen.“

„Fünfzig Dollar habe ich mit, Jim.“

„Gib sie her! Ich reite in die Stadt. Warte hier auf mich!“

„Ich komme mit, Jim.“

„Nein, Sharleen. Ich muss dein Pferd nehmen.“

„Mein ...“ Sie blickt sich in der Hütte um und scheint erst jetzt zu bemerken, dass sie allein sind. „Wo ...?“

„Sie sind fort“, unterbricht er sie rau. „Ich weiß nicht, wohin.“

„Haben sie dein Pferd mitgenommen?“

„Ja, Sharleen. Wir hatten uns nicht mehr einigen können. Vor vier Tagen aßen wir den Rest des Maisbrotes. Zuerst hatten sie ein Rind fangen wollen. Dann sagten sie, dass es danach unmöglich sein würde, McBee zu entkommen, und es wäre sinnlos. Und nun sind sie fort.“

Das Mädchen kauert sich neben dem Feuer nieder und schiebt die spärlichen Holzreste in die Flammen.

„Du wirst hier warten“, sagt Jim Durbin. „In ein paar Stunden bin ich mit dem Doc zurück.“ Er gibt ihr seine Winchester 66 in die Hand und zieht den Sattelgurt des Pferdes nach.

„Jim, du weißt, was sie vorhaben!“, ruft das Mädchen, als er das Pferd hinausführen will.

„Nein, ich habe keine Ahnung.“

„Doch, du weißt es! Ihr habt darüber gesprochen!“ Sie steht plötzlich neben ihm und greift nach seinem Arm. „Sie haben dich gefesselt.“

„Unsinn.“

„Dort neben dem Feuer liegen noch die Riemen. Einen hast du durchgebrannt. Nicht wahr, du wusstest nicht, dass sie dein Pferd mitgenommen haben?“

„Sharleen, es ist sinnlos, darüber zu reden. Jeder muss den Weg selbst wählen, den er gehen will.“

Ihre Hand sinkt von seinem Arm. Sie wendet sich um und kauert sich wieder neben dem Feuer nieder.

„Ja, du hast recht“, hört er sie leise sagen. „Hoffentlich kommen sie nie zurück. Die Leute hier vergessen nicht, dass Clint dein Bruder ist.“

Er zieht das Tier hinaus und wirft die Tür hinter sich zu. Als er in den Sattel steigt, fragt er sich, ob er um den Doc zu holen nach Wichita reiten wird, oder um etwas anderes zu versuchen, von dem er weiß, dass es sinnlos ist.

„Los, verdammt!“, presst er durch die Zähne, weil das Pferd nicht gegen den Sturm laufen will. Er hilft mit seinen mexikanischen Sternsporenrädern nach, und da gehorcht das Tier.

Heulender Wind, stäubender Schnee und beißende Kälte kommen aus der Niederung des Arkansas River und wehen in die Stadt hinein. Hier und da ist der Boden der ausgefahrenen Frontstreet blankgefegt. Und hier und da haben sich Schneewehen vor den Kistenholzhäusern auf gebaut.

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Die vier Reiter tauchen wie aus dem Nichts des erstarrten Prärielandes auf. Sie lenken die Pferde in den Hof des Mietstalles hinein und steigen ab. Ty hämmert mit der Faust gegen die Tür.

„Aufgemacht!“, brüllt er.

Kreischend dreht sich die Tür in den Angeln. Ein sommersprossiger, schmaler Junge wird sichtbar. Er greift nach den Zügeln, die Clint Durbin ihm hinhält. Zugleich streckt er die linke Hand geöffnet aus. Die vier Männer sehen sich gegenseitig an. Der strenge Frost hat rosige Farbe auf ihre rauen, stoppelbärtigen Gesichter gelegt.

„Ich glaube, der will etwas von uns“, sagt Ty zu den anderen.

„Sieht fast so aus“, meint Abe Johnson.

„Wir haben kein Geld, Kleiner“, brummt Durbin. „Das weißt du doch. McBee beschäftigt im Winter nur ein paar Wächter für seine Herden. Zu denen gehören wir nicht.“

Die Hand des Jungen sinkt nach unten, während die andere die Zügel fahren lässt. Ty legt die Hand auf den Colt, und es scheint ihn nicht zu stören, dass seine Finger daran festkleben und zu erstarren drohen.

„Der hat ein verdammt dickes Fell“, sagt Noel. „Offenbar gehört er jetzt schon zu den Leuten, die einen anderen erfrieren oder verhungern lassen, wenn er nicht bezahlen kann. Sogar ein Pferd, das bestimmt nichts dafür kann.“

Ty hat den Colt nun aus der Halfter gezogen, und Abe Johnson sagt: „Was meinst du, Clint, ob der Coroner jetzt ein Loch in den Boden hacken kann?“

„Kaum.“

Ty zieht den Hammer zurück. Das scharfe, schnappende Geräusch erreicht die Ohren des Stallburschen und lässt ihn zusammenzucken.

„Nun sei kein Narr“, brummt Clint. „Vielleicht bezahlen wir später irgendwann dafür. Hörst du nicht das Heulen der Wölfe? Sie sind überall in der Nähe. Sie haben Hunger. Was soll denn der Coroner machen, wenn er die Erde nicht aufhacken kann?“

„Das dauert mir viel zu lange“, schnauft Johnson. „Dir nicht auch, Ty?“

Da greift der Junge erneut nach den Zügeln und führt die Pferde in den Stall.

„Los!“, kommandiert Durbin und wendet sich ab.

Als sie über die Straße gehen, sagt Johnson: „Wir hätten doch hier schön eine Probe machen können, Clint.“

„An einem Jungen, der gar nicht richtig versteht, um was es geht? - Abe, ich will in der Stadt so wenig wie möglich Krach. Wir stillen hier unseren Hunger, trinken uns Mut an und verschwinden. Wegen vier Steaks und zwei Flaschen Whisky verfolgt uns bei dem Wetter niemand. Wegen eines toten Mannes bestimmt!“ Clint Durbin steigt die Stufen zum Stepwalk hinauf. Er sieht, dass der Keeper des Saloons eine durchlöcherte Pferdedecke über der Schwingtür befestigt hat. Er stößt die Tür mit einem Tritt auf und duckt sich unter der pendelnden Decke hinweg. Mit den vier Männern fährt ein Windstoß in den Saloon und lässt das Feuer im Kanonenofen aufsprühen. Ty kommt als Letzter. Hinter ihm klappt die Tür zu.

Der Raum ist leer; nur der Keeper Matt Cook steht hinter der Theke. Es ist so dunkel, dass der Mann eine Lampe angezündet hat. Aber sie spendet nur wenig Licht.

Clints Sporen rasseln leise, als er zur Theke geht und den linken Ellenbogen auf das schimmernde Messingblech stützt. Er grinst, als er den Keeper anschaut. Und er sieht, wie das Gesicht des Mannes langsam weiß wird und er eine verstohlene Bewegung macht.

Ty steht schon an der Seite des Tresens.

„Lass doch die Flinte!“, sagt er. „Du kennst uns doch. Weißt doch, was wir für gute Menschen sind.“

Abe lacht leise. Es ist ein scharfes, grollendes Lachen, das den Keeper zusammenzucken lässt.

„Ihr hattet schon vor acht Tagen kein Geld“, knurrt Cook. „Ich kann mir nicht denken, dass sich daran etwas geändert hat.“

„Hat sich auch nicht“, sagt Durbin. „Aber unser Hunger ist schlimmer geworden. Und unser Durst auch. Wir wollen vier Steaks. Und wir haben uns ausgerechnet, dass wir in ein paar Stunden nicht mehr so jämmerlich frieren werden, wenn wir zwei Flaschen Whisky getrunken haben. Du kennst ja unsere Sorte.“

Der Keeper zieht sich bis zu dem Regal an der Wand neben der Küchentür zurück.

„Ty ist ein wunderbarer Koch“, redet Durbin weiter. „Er wird sich in der Küche um die Steaks kümmern, damit du hierbleiben kannst. Wir sind nicht daran interessiert, dass du durch die Hintertür verschwindest. Wo der Marshal wohnt, wissen wir selbst. Wir brauchen ihn nicht.“

Ty schiebt sich an Cook vorbei und geht in die Küche. Clint Durbin legt seinen Revolver auf die Theke und dreht ihn mit dem Zeigefinger so, dass die dunkel gähnende Mündung auf den Leib des Salooners zeigt. Abe Johnson steht an einem der Fenster und schaut auf die Straße hinaus. Noel geht hinter die Theke und langt eine Flasche aus dem Regal, an dem Cook lehnt.

Der Salooner wirft sich plötzlich herum. Joe Noel lässt die Flasche aus der Hand fallen. Während sie klirrend auf dem mit Sägespänen bestreuten Boden zerschellt, trifft der Schwinger des Reiters Cook und wirft ihn zu Boden. Noel stößt die Scherben mit dem ausgefransten Stiefel zur Seite und greift nach der nächsten Flasche.

„So ein Narr“, meint er. „Man könnte meinen, dass diese Sorte mehr am Geld als am Leben hängt.“ Noel schlägt auf den Boden der Flasche, bis der Korken aus dem Hals schnellt. Er trinkt zwei Fingerbreit und schiebt sie Clint zu.

„Es gibt hier auch Gläser“, meint der. Noel füllt Gläser und trägt für Ty eins in die Küche.

Keuchend kommt der Keeper wieder auf die Beine.

„Hoffentlich bist du nun vernünftiger“, sagt Clint Durbin. „Du musst dir eines merken: Ein hungriger Mann ist wie ein hungriger Wolf.“ Dabei dreht er den Colt etwas, so dass die Mündung wieder auf den Keeper gerichtet ist.

„Ihr seid verrückt!“, stößt der Mann hervor. „Ihr seid so verrückt, dass ihr dem Satan direkt ins Maul springt. Dafür werdet ihr eines Tages hängen!“

„Vielleicht, Cook. Du brauchst dir darüber keine Gedanken zu machen. Oder weißt du einen besseren Weg für uns?“

„Kehrt um!“

„Wohin sollen wir umkehren? In die Hütte, in der es keinen Kanten Brot, keinen Tee, keinen Kaffee, kein Fleisch und nichts mehr gibt? Willst du uns zwanzig Dollar geben, damit wir im Store einkaufen können?“

„Ich ... habe kein Geld. Nicht so viel. Das Geschäft geht schlecht.“

Clint grinst verächtlich.

„Siehst du, McBee hat auch kein Geld für uns. Er hat auch kein Fleisch für uns, kein Brot ... nichts. Für ihn haben wir fünftausend Rinder nach Abilene getrieben. Es ist jetzt fünf Monate her, dass er dort für jedes Tier zweiundzwanzig Dollar bekam. Wir haben jeder vierzig im Monat bekommen. Und jeder zwanzig Dollar Prämie an der Bahnlinie. Wir waren zwanzig Reiter. Du kannst dir selbst ausrechnen, ob er für uns noch einen Sack Proviant übrig haben sollte.“

„Verdammt, hör auf!“, schreit Noel, der aus der Küche zurückkommt. „Das interessiert den doch nicht! Der ist genauso wie McBee!“

„Deshalb kann man es ihm ja mal sagen, Joe. Wie weit ist Ty?“

„Es dauert noch eine Weile. - Kommt jemand, Abe?“

„Nein. Die Leute sitzen alle hinter dem warmen Ofen. Der Stallbursche scheint auch nicht zum Marshal gelaufen zu sein.“

Johnson lässt sein Fleisch aus der Hand fallen, als Jim Durbin den Saloon betritt und hinter der Schwingtür und der vom Sturm aufgebauschten Decke stehenbleibt.

„Hallo, Jim“, meint Clint. „Das ist aber eine Überraschung!“

Ty zieht das Messer aus dem Stiefelschaft und wiegt es in der Hand, während er mit der anderen weiter isst. Jim kommt ein paar Schritte näher und bleibt wieder stehen.

„Sie haben mich bestohlen!“, keift der Keeper. „Hörst du, Durbin! Dein Bruder hat mich bestohlen!“

Jim beachtet den Mann nicht. Er schaut Clint an und schüttelt den Kopf.

„Zum Teufel, das hast du doch gewusst!“, schreit Clint und springt auf.

„Was, Clint?“

„Dass wir ...“

„Wo ist mein Pferd, Clint? Ich habe es im Mietstall nicht finden können.“

„Es ist doch umgekehrt.“

„Nein. Sharleen kam zur Hütte. Ihr Vater ist sehr krank. Ich bin auf ihrem Pferd gekommen.“

„Wir ... verdammt, wir hatten uns ausgerechnet, dass es Aufsehen erregt, wenn wir einen ledigen Gaul mitbringen. Deshalb ließen wir es laufen. Ich dachte, es wäre umgekehrt.“

„Du lügst. Ihr habt nicht gedacht, dass es umkehrt. Ihr habt gewusst, dass überall hungrige Wölfe herumstreichen, die es anfallen werden.“

„Als du gekommen bist, dachte ich ...“

„Clint, du bist ein Schwein“, unterbricht Jim seinen Bruder kalt. „Kein guter Cowboy überlässt im Winter ein Pferd seinem Schicksal.“

„Und kein guter Rancher lässt seine Reiter verhungern“, wendet Abe ein.

„Mit dir rede ich nicht, Abe. Außerdem braucht ein Mann nicht schlecht zu werden, nur weil ein anderer es schon ist. - Clint, du hast doch gewusst, dass die Wölfe überall lauern?“

Clint Durbin steht auf, als würde er in die Länge gezogen. Ein kaltes, gefährliches Leuchten spiegelt sich in seinen Augen. Seine Hände schließen sich zu stahlharten Fäusten.

„Vielleicht habe ich es gewusst“, murmelt er. „Und vielleicht interessieren sich Männer in unserer Lage nicht mehr dafür. Natürlich hätten wir das Pferd auch selbst schlachten können. Daran dachten wir nicht. Ein Cowboy denkt vielleicht nie daran.“

„Du redest zu viel, Clint. Komm her!“

Clint macht einen Schritt vorwärts. Als Jim ihn anfällt, schlägt er gnadenlos zu. Er trifft Jim gegen die Wange, bekommt selbst einen Schwinger und wird auf den Tisch geschleudert. Jim springt nach und reißt seinen Bruder an den Beinen zurück. Clint kracht auf den Boden. Sägespäne wirbeln in die Höhe.

Da trifft Abe Jim von links gegen die Schulter, und im gleichen Moment geht das Parkergewehr des Keepers mit einem furchtbaren Knall los, und der Hagel aus gehacktem Blei fährt in die Decke, von der Staub rieselt. Abe springt zurück, während Jim herumwirbelt und zuschlägt. Seine Faust hämmert Abe gegen die Stirn und lässt ihn umfallen. Der Keeper stößt einen Schrei aus, als sich Ty über die Theke wirft, ihn anspringt und das Messer hochwirbelt.

Da wird Jim von hinten getroffen. Ehe er herumfahren kann, bekommt er noch einen schmetternden Hieb gegen den Hinterkopf. Für einen Moment erkennt er noch Noels verzerrtes Gesicht, dann fällt er, und unter ihm scheint sich eine bodenlose Tiefe zu öffnen.

„Aufhören!“, kreischt Clint, der wieder auf den Beinen steht. „Ty, zurück! Ihr wisst genau, dass es in dieser Stadt nicht so viel Krach geben darf, dass sie uns verfolgen. Abe, ans Fenster!“

Abe ist noch nicht halb durch den Saloon, als die Schwingtür aufgestoßen wird und der große Marshal Brad Raine hereinkommt. Raine hat seinen Colt in der Hand und richtet die Mündung auf Abe. Er sieht den auf dem Boden liegenden Jim.

„Was ist hier los?“, fragt er scharf.

„Sie sind Banditen geworden!“, keift der Keeper.

Dafür schlägt ihm Ty die Faust ins Gesicht, dass er hinter der Theke verschwindet. Noel steht plötzlich schräg hinter dem Marshal und presst ihm den Lauf seines Revolvers in die Hüfte.

„Was soll denn hier los sein?“, fragt er zurück. „Wir hatten Hunger, Marshal. Sonst ist alles in bester Ordnung. Willst du ihn fallenlassen?“

Raine senkt den Colt, lässt ihn aber nicht los.

„Fallenlassen!“, sagt Noel noch einmal.

„Abe, sieh nach, ob noch mehr kommen!“, meint Clint.

Abe Johnson geht zur Schwingtür und schlägt die durchlöcherte Pferdedecke zurück.

„Es kommt niemand“, sagt er über die Schulter.

„Ich zähle bis drei“, meint Noel. „Eins ... zwei ...“

Raines Colt poltert auf den Boden.

„Ty, hol die Pferde!“, kommandiert Clint. „Es wird Zeit für uns!“

„Wohin wollt ihr?“, schnarrt der Marshal.

„Irgendwohin“, meint Clint und grinst vage. „Was kann Sie das schon interessieren, Marshal. Übrigens, wenn Sie mal wieder zu McBee kommen, dann sagen Sie ihm, dass wir ihm für alles danken. Für die schadhafte Hütte, die modrigen Decken und für den Hunger, dem er uns überantwortete. Aber vielleicht bedanken wir uns selbst eines Tages dafür.“

„Und Ihr Bruder?“

„Der will ein Narr sein, Marshal. Natürlich behauptet er umgekehrt, wir wären Narren. Jeder hat eben seine eigene Meinung von den Dingen in der Welt. Joe wird Sie jetzt ein wenig einschläfern. Ich muss Sie um Verständnis bitten. Wir sind das unserer Sicherheit schuldig.“

Der Marshal will herumwirbeln, als ihn der Schlag auf den Kopf trifft und augenblicklich zu Boden schickt. Clint geht um die Theke herum und langt noch eine Flasche aus dem Regal.

„Für unterwegs“, meint er. „Es kommt ja nun nicht mehr auf die Menge an, nicht wahr?“

„Durbin ...“

„Schon gut, Cook. Weißt du, Jim hat auch Hunger. Schon genauso lange wie wir anderen. Du solltest ihm etwas zu essen geben, wenn er aufwacht. Natürlich kann er es auch nicht bezahlen.“ „Da bist du aber im Irrtum“, mischt sich Noel ein, der sich gebückt hat und jetzt einen Geldschein hochhält. „Sieh dir den mal an, den hatte er in der Tasche! Fünfzig Dollar!“

„Die hat er von Stewarts Tochter, Joe. Alles was er von McBee bekam, waren die fünf Dollar, die ich jetzt habe.“

Joe Noel besieht sich den Schein von allen Seiten und beginnt zu grinsen.

„Steck es ihm wieder in die Tasche, Joe!“

„Was?“

„Du sollst es ihm wieder in die Tasche stecken! Schnell!“

„Bist du verrückt, Clint?“

„Mach schnell, Joe! Und merke dir, dass es auf der ganzen Welt niemanden gibt, der besser ist als er!“

„Das hast du schon oft gesagt!“

„Dir kann ich es vielleicht nicht oft genug sagen. Los!“ Clint legt die Hand auf den Kolben.

„Du würdest es wirklich tun“, murmelt Joe und schiebt den Geldschein in Jims Tasche zurück.

„Los, verschwinden wir!“, zischt Clint und geht auf die Tür zu.

Draußen kommt Ty gerade mit den Pferden über die Straße. Sie steigen auf und jagen aus der Stadt hinaus und in den tobenden Schneesturm hinein.

„Wozu brauchen wir eigentlich die fünf Dollar?“, will Joe wissen, als sie sich über den Hügel im Osten gekämpft haben.

„Wir übernachten heute in einer Poststation, darüber sprachen wir doch.“

„Schon, Clint. Aber wir haben doch gesehen, wie einfach ein Mann zu allem kommen kann. Auf einer einsamen Poststation ist doch alles noch viel leichter.“

„Nicht für uns, Joe. Wir werden für die Übernachtung bezahlen. Und zwar fünf Dollar. Dafür bekommen wir noch ein Essen. Ich will, dass wir friedlich von dem Stationer scheiden. Er wird dann nicht vermuten, dass wir in der Nähe bleiben und auf die Kutsche warten, die morgen kommen muss.“

„Wenn sie bei dem Wetter überhaupt kommt!“

„Sie wird kommen. Verlass dich darauf!“

Jim Durbin taumelt noch, als er an die Theke tritt.

„Männer, kommt heraus!“, hört er die Stimme des Marshals draußen auf der Straße brüllen.

„Raine hat einen harten Kopf“, knurrt der Salooner. „Sie haben ihn mit dem Colt niedergeschlagen.“

Draußen kracht ein Schuss.

„Und doch war er drei Minuten später schon wieder munter. Dich haben sie nur ...“

„Vielleicht ist bei einem hungrigen Mann alles anders, Cook. Kann ich jetzt ein Steak bekommen?“

„Ja. Das heißt, wenn du ...“

„Ich habe Geld“, unterbricht Jim ihn schroff und greift in die Tasche. Er bringt seine Hand leer zurück.

„Noel hat dir fünfzig Dollar aus der Tasche genommen“, brummt der Keeper.

„Noel?“

„Ja.“

„Hat das mein Bruder gesehen?“

„Sicher.“

„Er muss doch gewusst haben, dass es Stewarts Geld ist!“, ruft Jim. „Das ... das kann doch nicht sein!“

Der Keeper zuckt die Schultern. Er sieht immer noch sehr weiß um die Nase aus.

„Tut mir wirklich leid“, murmelt er. „Einen Whisky gebe ich dir umsonst.“

Jim Durbin wendet sich langsam ab und geht auf die Tür zu. Als er auf den Stepwalk tritt, springt ihn die Kälte mit elementarer Gewalt an und drückt ihn gegen die Hauswand.

„Nein“, sagt er zischend. „Nein, Clint, den kranken Stewart durftest du nicht in dieses Spiel hineinziehen!“

Der Marshal steht immer noch mitten auf der Fahrbahn neben einer ausgefahrenen Rinne.

„Es kommt niemand“, sagt er.

Jim stemmt sich von der Wand los und steigt die beiden hölzernen Stufen hinunter. Als er neben dem Marshal ist, fragt er: „Haben Sie gesehen, dass Noel mir fünfzig Dollar aus der Tasche gezogen hat?“

„Nein, mein Junge. Dazu ging es mir in dem Moment wohl nicht gut genug.“

Jim geht weiter. Er blickt auf das kleine Haus, in dem Doc Lynn Arien wohnt. Als er davorsteht, schlägt er mit der Faust gegen die Türfüllung. Es dauert eine Weile, bis geöffnet wird. Im Rahmen, aus dem behagliche Wärme weht, steht der kleine, ewig unzufrieden dreinschauende Arzt mit dem runzligen Gesicht, das wie ein von glühender Sonne ausgedörrter Schuh aussieht.

„Was wollen Sie, Durbin?“, schnauft der Mann abweisend. „Sagen Sie dem Marshal, dass ich nicht daran denke, an einer Verfolgung teilzunehmen!“

„Ich komme nicht von Raine, Doc. Es ist wegen Stewart, dem Smallrancher. Er ist krank.“

„Kommen Sie herein, zum Teufel! Ich kann nicht die Straße heizen.“

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Es ist schon dunkel, als Jim die Umrisse der Hütte in der wehenden Schneewand auftauchen sieht. Das Pferd stößt mit dem Kopf gegen die Tür.

„Sharleen, ich bin es!“, schreit Jim mit heiserer Stimme.

Die Tür wird geöffnet. Jim duckt sich so tief auf den Hals des Pferdes, dass er hineinreiten kann. Drinnen lässt er sich seitlich aus dem Sattel gleiten und muss sich am Horn festhalten, um nicht von den steif gefrorenen Beinen gerissen zu werden.

Sharleen blickt noch einen Moment nach draußen, dann wendet sie sich um. Wie ein Nebelstreifen leuchtet ihr bleiches Gesicht durch die fahle Dunkelheit. Jim sieht, dass ein Brett in der Wand zum Anbau fehlt. Sharleen wird es gelöst haben, um das Feuer weiter unterhalten zu können. Er taumelt zu der Bank, in der er die letzten Wochen geschlafen hat, und setzt sich.

Sharleen hat die Tür geschlossen.

„Warum kommt der Doc nicht?“, fragt sie.

Jim weiß nicht, wie er ihr alles erklären soll. Er vergräbt das Gesicht in den eisigen Händen. Er hört ihren leichten Schritt und sieht den verzerrten Schatten, der sich auf dem festgestampften Boden abzeichnet, als sie stehenbleibt. Langsam hebt er den Kopf, bemerkt die Tränen in ihren Augenwinkeln und würde am liebsten in den Boden versinken.

„Du bist geschlagen worden“, sagt sie. „Sie haben dich überfallen, nicht wahr?“

„Nein, Sharleen. Ich muss das Geld verloren haben.“

Sie setzt sich ihm gegenüber auf die Bank, in der Clint immer geschlafen hat. Clint ... Er fragt sich, ob er ihn dafür töten würde, wenn er jetzt hier wäre. Ja, vielleicht. Aber irgendetwas in ihm sträubt sich dagegen, das zu glauben, was geschehen ist. Der Keeper hat es gesehen.

„Der Doc sagte, er würde ohne Geld keine Meile aus der Stadt hinausreiten“, fährt er fort. „Er meint, er würde das im Sommer nicht tun und im Winter gleich gar nicht. Und dann hat er noch gesagt, dass das in allen Branchen genauso wäre. Hier draußen hätte keiner etwas zu verschenken und würde ohne Lohn nichts riskieren.“

Eine Weile herrscht Schweigen. Nur hin und wieder unterbricht ein dünnes Knacken im Feuer die Stille.

„Du sagst nicht die Wahrheit“, stellt das Mädchen schließlich fest. „Du hast sie wiedergetroffen, Jim! Du hast Clint und die anderen in der Stadt getroffen, nicht wahr?“ Ihr forschender Blick scheint bis in sein Herz zu dringen, und er nickt, ohne es zu wollen.

„Sie waren im Saloon“, gibt er zu. „Sharleen, ich werde das Geld besorgen.“

„Woher?“

„Ich weiß, wohin sie geritten sind. Vielleicht sind sie gar nicht sehr überrascht, wenn sie mich im Morgengrauen sehen.“

„Nein, Jim! Wenn sie dir das Geld geraubt haben, werden sie dich auch töten. Hast du Clint nicht gesagt, dass mein Vater krank ist und wir den Doc brauchen?“

„Doch.“

„Dann ... dann müsste ich Angst um dich haben, Jim. Bitte, verfolge sie nicht! Auf unserer Ranch ist noch Geld. Vielleicht ist es wichtiger, wenn du im Morgengrauen wieder in der Stadt sein kannst.“

Jim Durbin weiß, dass er nicht mehr seinem Willen folgt, als er aufsteht und zur Tür geht.

„Setz du dich auf das Pferd!“, meint er. „Ich werde es führen.“

Mitternacht ist vorbei, als sie die Gebäude von Stewarts winziger Ranch in der Nähe des Arkansas River erreichen. Ein ohrenbetäubendes Krachen schlägt an ihre Ohren. Nur wenig vor ihnen donnert etwas zu Boden, und Schnee stiebt in die Höhe. Jim sieht einen kahlen Flügel aufragen, an dem sich sofort der wehende Schnee fängt.

„Was war das?“, fragt das Mädchen.

„Das Windrad, Sharleen. Du musst keine Angst haben. Das Gerüst scheint morsch gewesen zu sein.“ Er hebt sie aus dem Sattel und schiebt sie zur Tür. Als sie das Haus betreten, liegt der Rancher auf den Dielen neben dem Tisch. Ein Stuhl ist umgestürzt.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914214
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380340
Schlagworte
todfeinde gnade western

Autor

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Titel: Todfeinde kennen keine Gnade: Western