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Horst Friedrichs Kriminalroman - Vom Mörder zum Bodyguard

2017 260 Seiten

Leseprobe

Vom Mörder zum Bodyguard: Kriminalroman

Horst Friedrichs

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Vom Mörder zum Bodyguard

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Krimi von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 174 Taschenbuchseiten.

Seit über drei Monaten sitzt FBI-Agent Jesse Trevellian als Mädchenmörder Jesse Colbert in San Quentin, der Hölle unter den Gefängnissen. Der Undercover-Job ist lebensgefährlich. Einige Insassen haben es auf ihn abgesehen – nur durch seinen geschulten Instinkt und seine Schnelligkeit konnte er mehreren Mordanschlägen entgehen. Dann endlich geht der Plan des FBI auf: Der zu lebenslänglich Verurteilte soll als Leibwächter zu Senator Jerome Grady, der ein Attentat überlebte, weil er sich für ein neues Resozialisierungsprogramm einsetzt und Häftlinge für seine Bewachung auswählt. Als Leibwächter des Senators soll Trevellian alias Colbert herausfinden, welche seiner Gegner im Verborgenen gegen den Politiker und seine Frau agieren ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Ich hielt mich dicht an der Wand des Korridors. Eine blitzschnelle Drehung genügte, und ich hatte diese Wand im Rücken. Wenn es sein musste ...

Um mich herum war Gedränge. Graue Anzüge wie in Maos Reich. Ellenbogen und Knie, die sich Platz verschafften. Gegröle, Gelächter, Flüche und heimliches Flüstern.

Leuchtstofflampenlicht, das keine Schatten warf. Irgendwo lag eine Röhre in den letzten Zuckungen. Ich sah Augen, die dieses Zeichen der Vergänglichkeit schadenfroh registrierten. Geradeso, als sei die kaputte Röhre ein defekter Teil in der Maschinerie der Unterdrückung. San Quentin, Kalifornien.

Die grauen Anzüge füllten den Korridor als brabbelnde Masse. Vollzugsmaterial aus Block D Eins kurz vor dem Auslauf. Eine Stunde Kreisverkehr zwischen Mauern, die so hoch waren wie der Himmel.

San Quentin in San Francisco — Staatsgefängnis von Kalifornien.

Ich war mittendrin. Grau in Grau. Ich war einer von denen, die ständig an die Wand im Rücken denken mussten. Denn sonst konnte es passieren, dass man etwas anderes in den Rücken bekam. Inoffizielle Todesstrafe nach San-Quentin-Gesetz.

Ich war Jesse Colbert. Registriernummer 82C7354 174. Die letzten drei Ziffern standen für Monat und Jahr der Einlieferung. Die anderen stammten aus der Aktenküche der Justizbehörden.

Der Ausgang zum Hof wurde sichtbar. Röhrenflackern wurde von Sonnenglut abgelöst. Die graue Masse geriet ins Stocken. Das Brabbeln wurde von barschen Befehlsstimmen überschrien.

»In Linie zu sechs Gliedern — raustreten!«

Anlass für die immer gleichen Zoten, die gemurmelt kursierten und bekichert wurden. Ich war in der dritten Reihe, außen links. Arme hoch, Beine gespreizt. Einer nach dem anderen. Flinke Aufseherhände klopften und tasteten Hosenbeine empor, dann Hüften, Oberkörper, Achselhöhlen.

Die immer gleiche Suche nach den inoffiziellen Vollstreckungswerkzeugen, Stichwaffen aus Schraubenziehern, Küchenmessern, Stricknadeln, Stahlnägel. In der Gefängnisverwaltung bewahrten sie eine ganze Sammlung davon auf.

Ich kam an die Reihe, erduldete die am 94. Tag meiner Haft fällige Durchsuchung. Der Aufseher, der mich bearbeitete, war klein, untersetzt und mexikanischer Abstammung. Wie die anderen trug er ein schwarzes Hemd, schwarze Dienstmütze, graue Hosen und am Koppel den Hartholz-Schlagstock, der ihm bis zu den Knien reichte. Nur die Uniformierten auf den Türmen und Wachgängen hatten Schusswaffen. Ihre Kollegen, die im Direktkontakt mit uns Grauen standen, mussten sich mit den Knüppeln begnügen. Selbst im geschlossenen Holster wäre ein Revolver bei ihnen nicht sicher gewesen.

Im Strom der Abgeklopften schwamm ich mit auf den Innenhof. Es gab keine Marschordnung, keinen Gleichschritt. Die Bosse von San Quentin hatten es längst aufgegeben, so viel Disziplin zu diktieren. Ein Aufseher für jeden einzelnen Sträfling wäre notwendig gewesen, um das durchzusetzen.

Wir schlurften über heißen Asphalt. Zwischen den Mauern lastete die Hitze des beginnenden kalifornischen Sommers wie in einem Brutkasten. Es gab auch hier keinen Schatten, da die Sonne fast senkrecht stand. Die porösen Mauersteine schienen heißen Staub auszuatmen.

Hinter unseren Mauern lag die Bucht von San Francisco, die berühmte. Adrette Vororte, weitläufige Wohnsiedlungen mit Bungalows unter Palmen, Jachthäfen und Badestrände, an denen sich jetzt die ersten Touristen zum Rösten langlegten.

Ich dachte nur an meinen Rücken, in dem ich keine Augen habe. Folglich hielt ich mich dicht an der Mauer. Oben, auf dem Kontrollgang, dröhnten die Schritte der Aufseher. Sie litten mehr unter der Hitze als wir und trugen dazu noch schwere Karabiner in den verschwitzten Händen.

Ich mimte träge Gleichgültigkeit wie die hundertzwanzig anderen aus Block D Eins. Hinter dieser Maske verbarg sich gespannte Wachsamkeit, gegenseitiges Belauern. Ich musste mich dem Teufelskreis anpassen, wenn ich nicht untergehen wollte.

Froggie war in meiner Nähe. Froggie, das Fröschchen. So nannten sie ihn wegen seiner vorstehenden Augen. Ein drahtiger kleiner Bursche mit strähnigem Haar. Seiner Statur zum Trotz kam er aus Texas, wo es angeblich nur lange blonde Kerls geben soll.

Froggie schlurfte einen halben Schritt schräg hinter mir. Wie ein treuer Hund. Seit ich die Zelle mit ihm teilte, hatte er sich mir untergeordnet. Er besaß jenes Gespür für Autorität, das hier lebenswichtig war. Denn er gehörte zu jenem Teil der Grauen von San Quentin, die sich bereitwillig erniedrigten und Demütigungen in Kauf nahmen, um ungeschoren zu bleiben.

Mich hatte Froggie von Anfang an dem anderen Teil der Grauen zugeordnet. Den Streitsüchtigen, Herrschsüchtigen und Machtbesessenen. Mir passte das ganz und gar nicht. Trotzdem hielt Froggie mich nach wie vor für einen der ganz Großen, obwohl ich nichts tat, um dieses Image zu bestärken. Vielleicht glaubte er, dass ich nur auf den richtigen Moment wartete, um meine Fähigkeiten auszuspielen.

Ich drehte keine Runden, marschierte vielmehr an der Westmauer auf und ab. Fünfzig Schritte vor, fünfzig Schritte zurück. Froggie brauchte für den gleichen Weg jedes Mal sechzig Schritte. Seine Beine waren etwas kürzer als meine.

Drüben beim Ausgang des Mitteltraktes zwischen den Zellenblocks wurden die letzten sechs Grauen abgeklopft. Der Innenhof hatte sich inzwischen gefüllt. In die flimmernde Sonnenglut mischte sich Schweißgeruch. Seit der kalifornische Staatshaushalt von drastischen Sparmaßnahmen gekennzeichnet war, wurde die graue Einheitstracht der Sträflinge nur noch alle zwei Wochen durch die Waschmaschinen gejagt.

Nach unserer dritten Kehrtwendung glitt Froggie an meine Seite.

»Aufpassen, Großer!«, nuschelte er.

»Klar doch«, brummte ich zurück. Hier in San Quentin hatte fast jeder einen Spitznamen. Wer keinen hatte, wurde beim Nachnamen gerufen. Vornamen waren nur in Ausnahmefällen gebräuchlich. Für Froggie war ich >der Große<. Schon von Anfang an.

»Sie haben dich im Visier«, erklärte er beharrlich, »sieht so aus, als ob sie's diesmal wissen wollen.«

Ich nickte nur, tat so, als ob ich es bereits ahnte. Doch ich wusste nur zu gut, dass Froggie einen viel schärferen Blick für die Dinge hatte, die sich zusammenbrauten. Er war schon drei Jahre hier. Mit meinen vierundneunzig Tagen war ich nichts dagegen. San-Quentin-Erfahrung brauchte ihre Zeit. Es spielte keine Rolle, dass dies nicht das erste Gefängnis war, das ich von innen sah. Was für Sing-Sing oder Fort Leavenworth maßgebend war, galt noch lange nicht in der Hölle.

Die Hölle = San Quentin. So würde es gedruckt stehen, wenn sich ein Sprachforscher der Aufgabe widmete, den Wortschatz der Gefängnisinsassen als Lexikon herauszugeben.

»Was meinst du ...«, fragte ich meinen kleinen Begleiter, »was haben sie diesmal vor?«

Wir machten die fünfte Kehrtwendung. Das Gewühl auf dem Innenhof war unüberschaubar wie zuvor. Nur wenige hockten auf den Steinbänken an der Nordmauer. Die meisten stelzten umher. Das Stimmengewirr war das gleiche wie vorhin im Korridor. Niemand in unserer unmittelbaren Umgebung schien von mir Notiz zu nehmen.

Doch dieser Schein konnte verdammt trügerisch sein.

»Weiß der Teufel«, meinte Froggie achselzuckend, »bei denen kann man nie genau ...«

Plötzlich stolperte er vorwärts, verschluckte das, was er noch sagen wollte.

Ich zuckte herum, war mit dem Rücken an den heißen Mauersteinen, noch ehe ich ausgeatmet hatte.

Bevor Froggie das Gleichgewicht wiederfinden konnte, erhielt er noch einen Tritt in die Kehrseite. Er schlug der Länge nach hin und schrammte mit dem Gesicht etwa einen halben Yard weit über den Asphalt.

Im selben Moment hatte ich vor mir eine zweite Mauer. Eine aus San-Quentin-Grau. Über dem Grau standen blasse Gesichter, die in ihrer Gleichgültigkeit erschreckend wirkten. Was mit Froggie war, konnte ich jetzt nicht mehr sehen.

Einer langte blitzartig hinter den Hosenbund.

Kojoten-Jim. Von ihm wurde erzählt, dass er mal drei Tage lang hilflos und halb tot in den Bergen gelegen hätte. Als er am Morgen des vierten Tages gefunden worden war, soll ein halbes Dutzend Kojoten neben ihm gelegen haben, mit bloßen Händen von ihm erwürgt.

Dieser Kojoten-Jim schnellte jetzt auf mich los. Ohne erkennbare Ankündigung. Metall blitzte in seiner Rechten.

Irgendwo auf den Kontrollgängen schrillte eine Alarmpfeife.

Ich stand völlig ruhig, nicht mal geduckt. Erst im letzten Atemzug glitt ich zur Seite. So blitzartig, dass Kojoten-Jim noch im Sprung einen überraschenden Knurrlaut ausstieß.

Die Alarmpfeifen gellten jetzt von allen Seiten.

Die selbst gebastelte Stichwaffe meines Gegners bohrte sich knirschend in eine Mauerfuge. Ein scharf gewetzter Löffelstiel, unten mit Heftpflaster umwickelt.

Kojoten-Jim hatte keine Freude mehr daran.

Reaktionsschnell jagte ich einen rechten Haken zwischen seinen Armen hoch.

Sein Kopf wurde zurückgeworfen, bevor er ihn sich an der Mauer einrennen konnte.

Der erste Warnschuss krachte.

Kojoten-Jim wankte seinen Freunden rückwärts in die Arme. Jetzt stand ich breitbeinig vor der heißen Mauer, erwartete die Kerle mit geballten Fäusten. Rechts neben meinem Oberkörper steckte das Mordinstrument im verwitterten Mörtel.

Hastige Schritte waren zu hören, begleitet von heiseren Befehlsstimmen.

Kojoten-Jim hatte noch nicht genug.

Während die anderen den Halbkreis dichter zogen, stürmte er von Neuem auf mich los. Offenbar hatte er vor, sein Können unter Beweis zu stellen. Möglich, dass er Anerkennung brauchte und seinen Ruf aufpolieren wollte. Anders war die Zurückhaltung seiner Kumpane nicht zu erklären.

Diesmal blieb er auf Distanz, stoppte seinen Ansturm rechtzeitig und wollte mich mit zwei nacheinander abgefeuerten Geraden festnageln.

Der ersten wich ich geschickt aus, und die zweite blockte ich ab, als er durch den eigenen Schwung vorwärts gerissen wurde.

Der zweite Warnschuss krachte.

Ich setzte Kojoten-Jim ein Ding aufs Zwerchfell. Hinter dem Hieb saß Zunder. Fast zu viel, wie ich im nächsten Moment befürchtete. Mein Gegner japste noch einmal, kippte dann hintenüber und rührte sich nicht mehr.

Im selben Augenblick zischten die ersten Schlagstöcke. Die Aufseher brüllten sich fast die Kehlen aus dem Hals. Mehr, um sich gegenseitig Mut zu machen.

Nach den ersten paar Hieben spritzten Kojoten-Jims Kumpane auseinander und tauchten in der Masse der anderen unter. Nachdem ohnehin nichts mehr zu holen war, hatten sie keine Lust, sich für nichts und wieder nichts noch Beulen einzuhandeln.

Ich blieb stehen, wo ich war und hob demonstrativ die Hände. Rechts von mir das Löffelmesser, zwei Schritte vor mir der Bewusstlose und ein Stück weiter Froggie. Er hatte sich auf den Rücken gedreht, lag aber noch am Boden. Sein Gesicht blutete. Augenbrauen, Nase, Lippen und Kinn waren aufgeschrammt.

Auf dem Kontrollgang über mir beruhigte sich das Getrappel der Schritte. Ohne hochzusehen wusste ich, dass dort oben mindestens ein Dutzend Uniformierte mit durchgeladenen und entsicherten Karabinern standen. Und die Grauen im Innenhof hatten sich an der gegenüberliegenden Mauer formiert. Stumm und regungslos. Jeder von ihnen wusste, dassß er nur eine hastige Bewegung auszuführen brauchte, um sich eine Kugel einzuhandeln.

Die Aufseher hatten ihre Erfahrungen mit Revolten.

Ich sah deutlich, dass sich Kojoten-Jims Brustkasten hob und senkte. Glück für mich. Er schien tatsächlich nur bewusstlos zu sein. Hätte ich ihn ernsthaft verletzt oder gar getötet, wäre es für mich aus gewesen. Alles. Auch meine berufliche Laufbahn.

Der Schichtführer des Aufseher-Fußvolks war ein Schrank namens O'Brien. Unter seiner Dienstmütze sträubte sich rötliches Haar. Demnach schien er von irischen Vorfahren abzustammen.

O'Brien deutete mit dem Schlagstock auf Kojoten Jim. Dann auf den scharf geschliffenen Löffel in der Mauerfuge.

»War er das, Colbert?«

Ich zog hilflos die Schultern hoch.

»Sir!«, rief ich laut genug, dass es alle hörten. »Ich kann nichts behaupten, was ich nicht huntertprozentig weiß!«

O'Brien und seine Kollegen grinsten.

»Und du, Froggie?«, wandte sich der Ire an meinen Zellenpartner. »Hast du auch nichts gesehen?«

Der kleine Texaner richtete sich halb auf, wischte sich Blut aus dem Gesicht und redete mit angeschwollenen Lippen.

»Ich hab 'nen Tritt in den Hintern gekriegt, Sir. Mehr kann ich nicht sagen. Sehen Sie sich mein hübsches Gesicht an! Genügt das als Beweis?«

O'Brien nickte bedächtig und drehte sich wieder um.

»Nimm die Arme runter, Colbert. Was ist mit Kojoten-Jim? Kreislaufkollaps?«

»Nein, Sir«, antwortete ich, »ich hab' ihm ein Ding verpasst.«

»Er hat also angefangen.«

»Kann ich nicht sagen, Sir. Wissen Sie, in dem Gedränge ... Nun, es hat sich so ergeben ...«

O'Brien trat näher an mich heran und bohrte mir die Spitze des Schlagstocks in die Brust.

»Colbert«, zischte er, »du bist ein gerissener Bursche. Willst es dir mit keiner Seite verscherzen. Okay, von mir aus. Bei uns kommst du damit durch. Aber ich warne dich! Wir können dir keine Lebensversicherung bieten. Du stehst allein gegen die Meute. Eines Tages fliegst du auf die Schnauze!«

»Ich halte mich zurück, Sir«, entgegnete ich und produzierte ein schiefes Grinsen.

Er musterte mich noch einen Moment lang aus zusammengekniffenen Augen. Dann wandte er sich seinen Männern zu und gab knappe Anweisungen.

»Einzelzelle für Kojoten-Jim! Sein Löffeldings wird auf Prints untersucht! Colbert und Froggie gehen zurück auf ihre Zelle! Schickt den Doc erst zu Froggie und dann zu Kojoten-Jim!«

In Begleitung von einem Uniformierten gingen wir zurück. Ich stützte Froggie, der noch etwas unsicher auf den kurzen Beinen war. Wir wussten, dass uns hundertachtzehn Augenpaare mit scheinbarer Gleichgültigkeit beobachteten.

Am Ende des Mitteltrakts führte eine breite Steintreppe nach links zu den Zellen von Block D Eins hoch. Während wir die elektrisch betätigten Gitter der beiden Sicherheitsschleusen passierten, tauchte bereits der Gefängnisarzt auf. Der Aufseher wartete vor unserer Zelle, bis der Doc Froggies lädiertes Gesicht gereinigt und verpflastert hatte.

Dann klappte die Tür zu, Schlüssel rasselten, Schritte entfernten sich.

Stille.

Ich lag auf der oberen Koje und starrte die Decke an, die so dicht über mir war, dass ich die Arme nicht ausstrecken konnte.

Froggie richtete sich neben unseren Kojen auf. Ich spürte seinen Blick, wandte den Kopf und sah seine traurigen Augen, die von Heftpflastern umrahmt waren. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, zwischen den beiden Kommoden, in denen unsere wenigen Habseligkeiten verstaut waren. Zwischen Betten und Kommoden war gerade so viel Platz, dass sich ein Mann hindurchzwängen konnte. Die ganze Zelle maß nicht mehr als eineinhalb mal zweieinhalb Yards. Ein enger Schlauch, in dem man sich die Platzangst abgewöhnen musste. Aber San Quentin war gut hundertfünfzig Jahre alt. Vielleicht hatten sie Anno dazumal unterernährten, kleinen, dünnen Sträflingen die Zellen auf den Leib geschneidert.

»Geht's besser?«, brummte ich und blinzelte meinen Wohnraumteilhaber an.

Er versuchte, mein Grinsen zu erwidern. Aber es misslang, weil sich die Pflaster zu sehr spannten.

»O'Brien ist eine mitfühlende Seele, stimmt's? Aber er kann uns beide nicht für immer in die Zelle stecken. Bei der nächsten Gelegenheit werden es die Strolche wieder versuchen.«

»Mein Problem. Am besten, du hältst dich raus.«

»Tu' ich doch, Großer. Die von der Familie wissen, dass ich ihnen nicht in die Quere gerate. Sonst hätten sie mich längst durch den Fleischwolf gedreht.«

»Scheißfamilie!«, knurrte ich verächtlich.

Froggie legte den Kopf schief.

»Großer, ich weiß nicht ... Vielleicht siehst du die Sache falsch. Die Familie hat den längeren Arm. Mit deiner Bockbeinigkeit gelangst du garantiert nicht weiter. Und sie wissen verdammt genau, dass du das Zeug dazu hast, 'nen eigenen Verein zu gründen und ihnen Schwierigkeiten aufzuhalsen. Genau das wollen sie vermeiden. Wenn du mit ihnen Frieden schließt, hast du das beste Leben, das man sich ...«

»Quatsch!«, unterbrach ich ihn. »Mich interessiert weder die Familie noch irgendein anderer Club. Ich hab' lebenslänglich, Partner! Kapierst du das? Nur bei guter Führung kriege ich die Chance, nach fünfundzwanzig Jahren begnadigt zu werden. Alles andere kümmert mich einen Dreck.«

Froggie nickte verständnisvoll.

»Du bist noch nicht lange genug hier. Daran liegt's. So wie du haben schon viele gedacht. Irgendwann sind sie an ihren Gedanken krepiert. Man muss sich anpassen, Großer. Oder den wilden Mann markieren und die Macht an sich reißen. In der Mitte gibt's nichts. Hier in D Eins nicht. Und in den anderen Blocks auch nicht. Bei unserer Familie ist es nicht anders als bei der mexikanischen Mafia, bei den Guerilleros oder bei der Faschisten-Bruderschaft. Du kannst dir nicht deine eigene Richtung aufbauen. Das Schlimmste, was dir passieren könnte, wäre, dass Kojoten-Jim und seine Leute ihre Beziehungen spielen lassen. Wenn sie es schaffen, dass du in 'nen anderen Block verlegt wirst, bist du geliefert. Sie werden es so drehen, dass du als Mitglied der Familie rübergehst. Und die anderen lecken sich alle Finger danach, einen von der Familie in die Mangel zu nehmen.«

Ich winkte ab.

»Geschenkt, Partner. Du erzählst mir nichts Neues.«

Es stimmte. Ich wusste alles über die rivalisierenden Banden von San Quentin. Die Familie war eine Organisation, die sich am Vorbild der sizilianischen Mafia orientierte und in Block D Eins den Ton angab. Den Handel mit Kaffee, Lebensmitteln und auch Drogen hatte die Familie voll unter Kontrolle. Bezahlt wurde mit Zigaretten. Dann gab es noch gewisse Dienstleistungen, die einen besonderen Geschäftszweig bildeten. Draußen wurde so was Prostitution genannt. Hinter den Mauern des Staatsgefängnisses lief es ohne den weiblichen Part. Jede Bande hatte ihre >Königinnen< — Burschen, die mit den Hüften wackelten und sich lange Fingernägel wachsen ließen. Wie bei der Familie, die D Eins kontrollierte, lief es auch bei den anderen Organisationen. Und das Ganze war nur möglich, weil es eine Reihe von Aufsehern gab, die sich schmieren ließen. Ein Problem, das man nicht mit wenigen Worten vom Tisch fegen konnte. Zu viele Gesichtspunkte spielten eine Rolle. Akuter Personalmangel bei den Justizbehörden. Unterbezahlung der Vollzugsbeamten. Und tägliche Lebensgefahr, der sie in der Hölle namens San Quentin ausgesetzt waren. Es gab genügend Beispiele dafür, dass Uniformierte mit den selbst gebastelten Stichwaffen der Gefangenen schmerzhafte Bekanntschaft geschlossen hatten. Die labileren Typen unter den Aufsehern arrangierten sich also mit den Grauen. Schwer, es ihnen zu verdenken.

Froggie fischte Zigaretten aus dem Durcheinander in seiner Kommode.

»Nimm 'nen Glimmstängel«, sagte er und hielt mir die Schachei hin, »vergiss die Familie für 'ne Weile. Du kriegst noch früh genug wieder mit den Burschen zu tun.«

Eine Zeit lang rauchten wir schweigend. Der Tabaksqualm staute sich in dichten Schwaden unter der niedrigen Decke.

»Sag mal«, begann Froggie unvermittelt, »diese Susan Keamey ...«

Ich richtete mich abrupt auf, stützte mich auf den Ellenbogen.

»Was soll das?«, zischte ich.

»Reg dich nicht auf, Großer! Wir beide kennen uns doch lange genug. Brauchen uns also nichts vorzuerzählen. Es ist so, weißt du ...«, er kratzte sich oberhalb der Stirn, wo ihn keine Pflaster behinderten, »... als ich damals den Eisenbahner stumm gemacht hab, war's schlagartig aus. Ehe ich mich versah, fand ich mich hinter Gittern wieder. Aus und vorbei! Verstehst du? Man kann sich nur noch in Gedanken vorstellen, wie es so ist ... Ich meine, man weiß nur noch von Bildern, wie 'ne Frau aussieht ...«

Ich grinste. Froggie war als Tramp auf Güterzügen durch die Gegend geschaukelt. Eines Tages hatte ihn ein Rangierer erwischt. Froggie, der damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Josh Mackin bekannt war, hatte die Nerven verloren und den Rangierer mit einer Eisenstange erschlagen. Totschlag, nach Ansicht seines Pflichtverteidigers. Mord, nach Meinung des Gerichts. Das Ergebnis lautete auf lebenslängliche Hölle, sprich San Quentin.

»Red weiter!«, spöttelte ich. »Hört sich interessant an, was du sagst.«

»Mach dich ruhig über mich lustig«, murrte Froggie, »aber es ist zum Verrücktwerden mit diesen Gedanken. Ehrlich, ich hab manchmal zu mir selbst gesagt, Menschenskind, warum hast du dir damals keine Puppe geschnappt, anstatt dieses Eisenbahners ... das Ergebnis war doch das gleiche gewesen. Aber ich hätte wenigstens vorher noch 'n bisschen Vergnügen gehabt, hätte mich noch jahrelang dran hochziehen können. Aber so ... Großer, ich hab vergessen, wie's mit 'nem Weib ist.«

»Okay«, sagte ich, »und was hat das mit Susan Keamey zu tun?«

Er blickte mich an.

In seinen Augen lag ein Flackern.

»Du hast nie drüber geredet«, flüsterte er, »aber wir beide brauchen doch keine Geheimnisse zu haben. Verdammt, ich würd gern wissen, wie's gewesen ist! Hast du sie ...? Ich meine, als du es ihr besorgt hast, hast du sie da ...?«

»Hör mal!«, fauchte ich ihn an. »Es war nicht so, wie du denkst! Die kleine Keamey war ein teuflisches Biest. Die konnte einen Mann zur Weißglut bringen. Und sie hat's drauf angelegt. Es war kein Vergnügen, sie gekannt zu haben. Sie hat's mit mir auf die Spitze getrieben, bis — bis ...«

Ich brach ab, drückte den Zigarettenstummel erregt an der stählernen Bettkante aus. Der Funkenregen segelte Froggie vor die Füße.

»Sorry«, murmelte er betreten, »Ich wusste nicht, dass es so war. Ich dachte ...«

»Du denkst zu viel, Froggie. Vor allem an Sachen, die dich nichts angehen. Merk dir das!«

Er zog den Kopf ein, warf seine Kippe ins Waschbecken und verkroch sich in die untere Koje.

Ich starrte die Decke an. Seit vierundneunzig Tagen hatte ich mich an meine Rolle gewöhnt. Und schon vorher war ich mir darüber im Klaren gewesen, was dieser Einsatz bedeutete. Aber in manchen Augenblicken fiel es verdammt schwer, die Beherrschung nicht zu verlieren.

Froggie, der unscheinbare kleine Killer, hatte gehofft, von dem Frauenmörder Jesse Colbert zu hören, wie es mit den in Vergessenheit geratenen Frauen war. Froggie hatte nur seine schmutzige Fantasie auffrischen wollen.

War ich glaubhaft genug gewesen, als ich ihm die Bitte abschlug?

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2

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Der Range Rover nahm die Steigung der kurvenreichen Bergstraße mühelos. Unter der Motorhaube arbeitete der Sechszylinder mit sattem Dröhnen. Hinten im Laderaum klirrten die Gerätschaften.

Zwei Meilen vor der Ortschaft Sloughhouse zog Milo den Range Rover auf den mit Schotter befestigten Seitenstreifen neben der Fahrbahn. Das Brummen des Motors erstarb, als er den Zündschlüssel nach links drehte. Nachdem er die Handbremse angezogen hatte, schnappte sich Milo die Landkarte und breitete sie über dem Lenkrad aus.

Er befand sich auf der Provinzialstraße von Sheldon nach Sloughhouse. Die Entfernung stimmte. Milo legte die Karte auf den Beifahrersitz und stieg aus.

Zu beiden Seiten der asphaltierten Straße erstreckten sich grüne Höhenzüge mit sanft ansteigenden Hängen und einzelnen Plateaus. An niedrigen Bäumen, die sich in Reih und Glied von Norden nach Süden erstreckten, schimmerte es goldgelb zwischen sattgrünen Blättern. Köstlichkeiten, die ein New Yorker meist nur als Inhalt von Konservendosen kennenlernt.

Kalifornische Pfirsiche. Nichts als Pfirsiche, so weit das Auge reichte.

Milo holte seine tragbare Ausrüstung aus dem Laderaum, schloss den Wagen ab und machte sich auf den Weg. Das optische Gerät trug er in einer olivgrünen Segeltuchtasche auf dem Rücken. Das Stativ hatte er sich über die linke Schulter gelegt.

Etwa fünfzig Yards oberhalb der Stelle, an der er den Range Rover abgestellt hatte, fand er die Schneise, die in nördlicher Richtung durch die Plantage führte. Tiefe Radspuren hatten sich in den weichen Boden gedrückt. Sie stammten von den Lastwagen, die die Ernte abtransportierten.

Am Anfang der Schneise begann Milo seine Schritte zu zählen.

Zwischen den Bäumen lag ein Duft, der dem Stadtmenschen Milo Tucker geradezu exotisch erschien. Obwohl er die Gegend inzwischen schon kannte, kam es ihm immer noch unwahrscheinlich vor, dass es noch eine derart üppige Natur gab. Dieser Hauch von Blattgrün und reifenden Früchten war geeignet, angenehme Gedanken entstehen zu lassen.

Doch im Vordergrund stand der Job. Und der war alles andere als angenehm.

Nach hundert Schritten beschrieb die Schneise einen sanften Rechtsbogen. Die ersten Fahrzeuge waren in Steinwurfweite zu erkennen. Eineinhalb-Tonner-Lastwagen mit offener Ladefläche, auf der die Pfirsichkisten gestapelt wurden. Noch waren die Trucks leer. Die morgendliche Arbeit in der Plantage hatte gerade erst vor einer Stunde begonnen.

Milo legte weitere fünfzig Schritte zurück und blieb stehen. Mit beinahe umständlicher Bedächtigkeit nahm er das Stativ von der Schulter, klappte es auseinander und stieß die spitzen Füße der drei Aluminiumbeine in den weichen Boden. Die Segeltuchtasche stellte er neben das Stativ. Er sah sich um und zündete sich eine Zigarette an.

Die Kolonnen der Pflückerinnen arbeiteten irgendwo weiter rechts in der Plantage. Nur vereinzelt waren Bewegungen zwischen den Baumreihen zu erkennen. Wortfetzen wehten herüber. Hin und wieder war auch ein Lachen zu hören.

Knapp zwanzig Yards von Milo entfernt standen die Lastwagen. Insgesamt vier Fahrzeuge waren es, mit den Motorhauben von der Provinzialstraße abgewandt.

Die Schneise sah überall gleich aus. Es gab keine markanten Punkte, die man sich einprägen konnte. Nach der Zahl seiner Schritte wusste Milo jedoch, dass er ungefähr die richtige Stelle erreicht hatte. In den Akten war die Entfernung von der Straße in Yards angegeben. Natürlich waren die Markierungen, die die Mordkommission seinerzeit angebracht hatte, längst beseitigt worden. Doch das war für Milo unwichtig. Er besichtigte den Tatort aus völlig anderen Gründen.

Er klemmte sich die Zigarette in den Mundwinkel und klappte die Segeltuchtasche auf.

In diesem Moment hörte er das Klicken eines Türschlosses. Dann Schritte auf dem weichen Boden und das Zuklappen der Wagentür.

Milo hob den Kopf.

Der Mann ging um das Heck des Lastwagens. Er trug eine hellblaue Latzhose, ein dünnes weißes Baumwollhemd, das sich über seinen Muskeln spannte, und derbe Segeltuch-Schnürstiefel mit dicker Gummiprofilsohle.

Milo wollte seine optische Ausrüstung auspacken.

Die Schnürstiefel stemmten sich in seinem Gesichtskreis in den Boden. Darüber erhob sich breitbeinig aggressiv die Latzhose. Milo blickte scheinbar arglos hoch.

»Guten Morgen!«

Der andere knurrte.

»Verschwinde!«

Milo richtete sich auf, starrte dem Fahrer verblüfft in die misstrauischen Augen. Der Mann hatte dunkelblondes, leicht gekraustes Haar und sonnengebräunte Haut, die sich über einem kantigen Gesicht spannte.

»Ich fange gerade erst mit meiner Arbeit an«, erklärte Milo höflich, »mein Chef hätte wenig Verständnis dafür, wenn ich ...«

»Quatsch keine Romane!«, schnauzte der Sonnenbräune. »Verschwinde, Mann! Bevor ich dir Beine mache ...«

Milo schüttelte verständnislos den Kopf.

»Sie scheinen die Angelegenheit falsch zu verstehen, Mister. Ich führe einen dienstlichen Auftrag aus. Ich bin Vermessungsingenieur des Katasteramtes von Sacramento. Ich weiß zwar nicht, welche Position Sie hier bekleiden, aber ich bin gern bereit, Ihnen meine Legitimation zu zeigen.«

Der andere stemmte die Fäuste in die Hüften, zog die dünnen Lippen zurück uns entblößte ein blitzendes Raubtiergebiss.

»Mann, du kannst mir viel erzählen! Du faselst mir viel zu kariert! Erstens gehört dieser Grund und Boden der Growers' Association. Zweitens ist keiner angemeldet worden, der hier herumschnüffeln darf. Und drittens möchte ich wissen, was es hier zu vermessen geben soll! Ich sag's jetzt zum letzten Mal — verschwinde! Pack deinen Krempel zusammen und hau ab, Mann!«

»Sie begehen einen Fehler, Mister. Ich warne Sie.« Milo ließ seine Zigarette fallen und trat sie aus. Er tat es mit einer demonstrativen Entschlossenheit, die sein Gegenüber nur noch mehr herausforderte. Haargenau das war Milos Absicht.

»Okay«, zischte der Lastwagenfahrer, »du hast es nicht anders gewollt, Mann.«

Er stieß einen scharfen Pfiff aus. Im selben Atemzug walzte er auf den unerwünschten Eindringling los.

Milo glitt einen Schritt zur Seite. Mit der Linken packte er das Stativ und schleuderte es dem anderen vor die Füße.

Der Bursche konnte nicht mehr ausweichen. Seine Beine verhedderten sich in den Aluminiumstelzen. Er geriet ins Stolpern, fluchte lästerlich und schlug der Länge nach hin.

Milo blieb auf Distanz und wartete gelassen, bis er sich aufrappelte.

Hinter der Ladefläche des letzten Truck schoben sich die drei anderen Fahrer heran. Sie zögerten noch. Sie trugen die gleichen hellblauen Latzhosen wie ihr angriffslustiger Kollege. Offenbar versuchten sie die Situation zu taxieren, ehe sie eingriffen.

Wutschnaubend setzte der Sonnengebräunte zum zweiten Ansturm an. Es irritierte ihn sichtlich, dass Milo ihn seelenruhig erwartete und keine Anstalten erkennen ließ, die Flucht zu ergreifen.

Aus der Vorwärtsbewegung heraus feuerte der Fahrer eine rechte Gerade ab, der fast im selben Sekundenbruchteil ein linker Aufwärtshaken folgte.

Reaktionsschnell wich Milo der Gefahr aus. Die Faust schrammte über seine linke Schulter. Den Haken blockte er fast mühelos ab. Der Mann konnte seinen Schwung nicht mehr bremsen und prallte gegen Milos Oberkörper. Mein Freund stieß ihn von sich und setzte sofort mit zwei blitzartig herausgestochenen Hieben nach. Zu schnell für den anderen, um noch eine Deckung aufzubauen.

Beide Schläge trafen voll auf den Punkt. Es lag jene Brisanz dahinter, die das Ergebnis einer harten Schulung auf der FBI-Akademie und langjähriger Praxis ist.

Der Fahrer stolperte rückwärts und griff verzweifelt mit den Händen in die Luft, wo es keinen Halt gab.

Milo war mit einem Satz bei ihm und verpasste ihm eine brettharte Handkante, die ihm den Rest gab.

Mit einem letzten Seufzer legte sich der Mann flach.

Vor dem Reglosen blieb Milo geduckt stehen. Jeder seiner Muskeln war gespannt.

Die drei anderen Fahrer verharrten an der Heckklappe der Ladefläche und zögerten jetzt noch mehr. Was ihnen der Fremde eben vorgeführt hatte, war Anlass genug, unschlüssig zu werden.

»Okay«, sagte Milo grimmig, »es ist besser so, Gentlemen. Aber dieser Zwischenfall wird ein Nachspiel haben. Darauf können Sie sich verlassen. Sagen Sie es ihm!« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Bewusstlosen und wandte sich ab, um seine Sachen einzusammeln.

Keiner riskierte es, ihn noch zu behelligen. Er hatte ihnen ein zu großes Rätsel aufgegeben. Diese Typen wagten nichts, wenn sie nicht genau wussten, woran sie waren. Und dieser angebliche Vermessungsbeamte war ein zu großes Fragezeichen für sie. Für einen Behördenkriecher hatte er verdammt viel Mumm in den Fäusten.

Milo ging zur Straße zurück und lud seine Ausrüstung in den Range Rover. Er wurde nicht verfolgt. Doch er konnte sich ziemlich gut vorstellen, wie sie sich jetzt drüben in der Plantage die Köpfe heiß redeten.

Er hatte sich nicht getäuscht. Ein Fremder, der herumschnüffelte, reizte sie bis auf den Nerv.

Denkbar, dass sie ihre Gründe für dieses Verhalten hatten.

Denn in der Schneise, die Milo besichtigt hatte, war ein Mädchen ermordet worden. Eine Pflückerin namens Susan Keamey.

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3

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Die Mittagsglocke dröhnte durch Block D Eins.

Schlagartig wurde es in den Zellen lebendig. Das Klappern der Essgeschirre wurde vom Stimmengewirr der Häftlinge begleitet. Wie die anderen, bauten auch Froggie und ich uns hinter der Tür auf und warteten darauf, dass die Riegel von den Beamten bei den Sicherungsschleusen per Knopfdruck elektrisch geöffnet wurden. Der Weg zur Kantine war an 365 Tagen im Jahr immer vom gleichen Ritual geprägt. Essgeschirre fassen, raustreten, Abmarsch ... Und doch war es eine Abwechslung für die Grauen von San Quentin. Sie sorgten selbst dafür. Jedes Mal, wenn sie aufeinander losgelassen wurden, knisterte es in der Luft. Denn nur dies war die Gelegenheit, um Feindseligkeiten auszutragen und sich abzureagieren.

»Kojoten-Jim bleibt in der Einzelhaft«, murmelte Froggie düster, »ich denke, du hast es auch gehört, Großer.«

»Ja, und?«, entgegnete ich achselzuckend.

»Du weißt, was das bedeutet. Bislang waren sie nur wütend auf dich. Aber jetzt werden sie nicht mehr versuchen, dich zu überzeugen.«

»... sondern nicht eher ruhen, bis sie mir ein Stück Stahl in den Rücken gejagt haben.«

»Richtig.«

»Das wird nicht passieren, Froggie.«

»Das haben schon viele gesagt. Um dich würde es mir allerdings verdammt leid tun, Großer.«

Der Riegel sprang klickend zurück.

Ich zog die Tür auf und trat als Erster hinaus auf den Gang.

Froggie folgte mir. Er war der Einzige, den ich in meinem Rücken duldete.

Zu beiden Seiten quollen die grauen Einheitstrachten hervor. In drei Stockwerken. Wie bei allen anderen Blocks befanden sich auch hier die Zellen lediglich auf der einen Seite. An der gegenüberliegenden Wand zogen sich drei stählerne Gänge entlang, die untereinander mit Treppen verbunden waren. In Stockwerkshöhe wachten auf jedem einzelnen Gang jeweils vier Uniformierte mit entsicherten und durchgeladenen Karabinern sowie schweren 45er Colts in Gürtelholstern. Die Entfernung von den Zellengängen bis zu den Wachgängen betrug in Luftlinie etwa fünf Yards. Die Beamten brauchten sich nicht sonderlich anzustrengen, um im Ernstfall hundertprozentig präzise Schüsse abzugeben.

Und die Grauen wussten das. Hier riskierten sie nichts.

Trotzdem war ich höllisch auf der Hut. In der Hölle von San Quentin konnte man es sich nicht leisten, auf Gewohnheitsregeln zu vertrauen.

Die Kantine befand sich in einer riesigen Halle am östlichen Ende des Mitteltraktes. Der Bau erinnerte an die Architektur eines Kleinstadtbahnhofs aus der Zeit der Jahrhundertwende. Bogendecke und gusseiserne Säulen waren weiß gestrichen, um einen Eindruck von Sauberkeit zu vermitteln. Abfälle und Papierreste auf dem Fußboden bewirkten das Gegenteil.

Von Aufsehern mit Schlagstöcken flankiert, marschierten wir durch die Tischreihen und bogen zu unseren nummerierten Plätzen ab.

Die Gefangenen aus den einzelnen Zellentrakten wurden nacheinander abgefüttert. Im Kantinensaal reichten die Tische gerade für einhundertzwanzig Mann aus. Hinzu kam, dass die Gefängnisverwaltung nicht riskieren wollte, Sträflinge aus verschiedenen Blocks aufeinander loszulassen.

Froggie und ich hatten unsere Plätze etwa in der Mitte der bahnhofsähnlichen Halle. Ich saß an der äußersten rechten Seite des Tisches, Froggie links von mir. Neben meinem Zellenpartner rückten Churchill und Apache-Kid ihre Stühle zurecht. Churchill war ein harmloser Mitläufer, der seinen Spitznamen einer entfernten Ähnlichkeit mit dem früheren britischen Premier verdankte. Apache-Kid gehörte dagegen zu den tonangebenden Typen in der Familie. Ein verschlagener Bursche, der behauptete, ein direkter Nachfahr des berühmt-berüchtigten Apachenhäuptlings Geronimo zu sein.

Das allgemeine Stühlerücken ging zu Ende. Die Aufseher nahmen ihre Positionen ein. Vier Mann im Mittelgang, jeweils einer zwischen den Tischreihen. Ihre Schlagstöcke trugen die Uniformierten einsatzbereit an Lederschlaufen, die sie über die Handgelenke geschoben hatten.

Es mochte ein Zufall sein, dass O'Brien ausgerechnet in meiner Tischreihe patrouillierte.

Bei den Männern, die mir gegenübersaßen, handelte es sich um keinen Zufall. Sie hatten ihre angestammten Plätze.

Fargo starrte mich aus kleinen grauen Augen hasserfüllt an. Er zählte zu den Bossen der Familie von D Eins. Ein hünenhafter Muskelberg mit Stoppelhaar und Messernarben im grobporigen Gesicht. Neben Fargo feixte Smiling Harry. Ein dunkelhaariger, schlanker Bursche, der ewig lächelte. Nur seine Augen waren kalt wie Gletschereis. Smiling Harry gehörte zur selben Kategorie wie Kojoten-Jim. Einer, der Exekutionen ausführte, Vergeltungsaktionen und ähnliche Maßnahmen, die von den Bossen der Familie beschlossen wurden. Die übrigen Burschen an unserem Tisch zählten zur Masse der folgsamen Dulder wie Froggie und Churchill.

Die gummibereiften Wagen mit den Warmhaltekübeln rollten heran, geschoben von Privilegierten — Häftlingen, die sich durch gute Führung Verdienste erworben hatten und in einem gesonderten Zellentrakt untergebracht waren. Sie leisteten die Arbeit, für die die Vollstreckungsbehörden von Kalifornien kein teures Personal bezahlen konnte.

Bohnensuppe wurde aus großen Kellen in die Plastikteller unserer Essgeschirre gefüllt.

O'Brien baute sich an der Stirnseite des Tisches auf, zwischen Fargo und mir. Die Hände hatte O'Brien auf dem Rücken verschränkt. Das Ende des Schlagstockes pendelte hinter seinen Kniekehlen.

Nach etwa fünf Minuten standen sämtliche Suppenteller gefüllt auf den Tischen. Erst auf ein Zeichen der Aufseher wurden die Löffel verteilt, für jeden Tisch abgezählt und jeder Löffel mit einer eingestanzten Nummer versehen. Die Küchenhilfen waren dafür verantwortlich, dass nachher beim Einsammeln keiner fehlte.

»Wir wissen jetzt übrigens, wie Kojoten-Jim es angestellt hat«, sagte O'Brien beiläufig, »seine Fingerprints waren auf der Waffe. Er hatte das Ding im Hosenbund hinter der Gürtelschnalle versteckt. Bei der Durchsuchung wurde es deshalb nicht gefunden. Eine neue Erkenntnis, die wir dir verdanken, Colbert.«

Ich brummte Unverständliches und löffelte scheinbar teilnahmslos meine Bohnensuppe. Doch ich ließ meine unmittelbare Umgebung keinen Sekundenbruchteil lang aus den Augen.

O'Brien wandte sich ab und nahm wieder seinen Patrouillengang in der Tischreihe auf.

Fargo starrte mich unentwegt an und aß mit mechanischen Handbewegungen.

Smiling Harry grinste und schmatzte über seinem Teller.

Froggie blieb stumm. Wie immer, wenn die anderen in unserer unmittelbaren Nähe waren.

O'Brien war nur noch wenige Schritte vom anderen Ende des Tisches entfernt. Fargo legte seinen Löffel beiseite, nahm den Plastikteller mit beiden Händen und schlürfte die restliche Suppe.

Ich kannte das. Es war eine Angewohnheit von ihm.

O'Brien war kurz vor seiner Kehrtwendung am Tischende.

Als Fargo den leeren Teller absetzte, hielt er ihn nur noch mit der Linken. Mit der Rechten zog er eine kleine Taschenflasche aus der grauen Jacke und schraubte den Verschluss ab, nachdem er den Teller hingestellt hatte.

Es geschah so blitzschnell, dass ich erst reagieren konnte, als bereits eine grüne Flüssigkeit aus der Flasche in Fargos Suppenteller plätscherte.

Weit entfernt vollführte O'Brien seine Kehrtwendung.

Ich fuhr mit einem Satz hoch.

Fargo ließ die Flasche fallen, packte den Teller mit beiden Händen.

Meine Rechte stieß vor. Ich war einen Atemzug schneller als er.

Ich bekam Fargos linkes Ohr zu fassen. Gnadenlos packte ich zu, zog seinen Kopf herunter.

Er brüllte vor Schmerzen auf und schaffte es nicht mehr, mir den Inhalt seines Tellers entgegenzuschleudern.

Schlagartig wurde es totenstill in der Kantinenhalle.

Fargos Schrei ging in ein Stöhnen über.

Ich zog sein Gesicht bis dicht über die grüne Suppe.

Er wagte nicht, sich zu rühren. Die kleinste Bewegung hätte höllische Schmerzen in seinem Ohr verursacht.

O'Brien und zwei weitere Aufseher eilten heran. Die anderen Uniformierten hielten die restlichen Häftlinge mit drohend erhobenen Schlagstöcken in Schach. Eine Alarmpfeife gellte. Am Ausgang der Kantine tauchten wie hingezaubert Beamte mit Karabinern auf. Fargo hustete.

Auch ich spürte den beißenden Geruch der Dämpfe, die aus dem Teller aufstiegen.

Säure.

Mochte der Teufel wissen, wie er sich das Zeug beschafft hatte. Bemerkenswerter war eine andere Tatsache: Nur um mich fertigzumachen, nahm mein Gegenüber die Einzelzelle auf sich, die auch ihm jetzt absolut sicher war.

Smiling Harry und Apache-Kid saßen wie erstarrt. Sie wussten, dass es zu spät war, noch einzugreifen.

O'Brien war zur Stelle. Noch im Laufen hob er die Rechte, um Fargo einen Hieb mit dem Schlagstock überzuziehen.

»Stopp!«, brüllte ich, ohne meinen fast brutalen Griff zu lockern.

O'Brien begriff, als er das grüne Zeug im Teller sah. Er ließ den Stock sinken.

Fargo röchelte, schnappte nach Luft. Die Dämpfe setzten ihm höllisch zu. Seine Nase schwebte nur um Fingerbreite über dem Grün.

»Was, zum Teufel, ist das?«, fauchte O'Brien.

»Säure, Sir«, antwortete ich, »jedenfalls vermute ich das. Soll ich ihn loslassen?«

Der Aufseher-Boss lief rot an. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er Fargo doch noch zusammenschlagen. Denn die Gefängnisverwaltung buchte einen Minuspunkt auf O'Briens Konto, sobald sich in seinem Zellenblock ein Zwischenfall ereignete. Doch er riss sich zusammen.

»Abführen!«, befahl er seinen beiden Kollegen. »Nach C Zwei!«

Ich ließ Fargo los. Er fasste sich an den Hals, holte pfeifend Luft. Die beiden Aufseher packten ihn und verpassten ihm Handschellen, bevor er klar denken konnte. Dann brachten sie ihn weg.

C Zwei waren die Einzelzellen, jener Block, der neuerdings >Anpassungszentrum< genannt wurde.

O'Brien schnupperte nur kurz an dem Teller. Er nickte, wie um meine Vermutung zu bestätigen. Die Flasche lag ebenfalls noch auf dem Teller. Ein Teil der restlichen Flüssigkeit war ausgelaufen, bildete einen scharf gezeichneten Rand und fraß sich ins Holz.

»Es wird eine Untersuchung geben«, knurrte der Aufseher-Boss, »man wird herausfinden, wie Fargo an das Zeug gelangt ist. Und du wirst eine Aussage zu Protokoll geben müssen, Colbert. Diesmal kommst du nicht drum herum.«

»Es war Notwehr, Sir«, antwortete ich, »ich konnte nicht anders.«

»Das weiß ich.« O'Brien nickte. »Wenn ich dir nicht glauben würde, hätte ich dich gleich mit abführen lassen. Aber eines sage ich dir, Colbert ...« Er deutete mit dem Schlagstock auf Fargos Teller. »Du hättest besser daran getan, ihn mit der Nase in seine verdammte Suppe zu tunken!«

Alle Köpfe ruckten herum.

Apache-Kid war aufgesprungen. Hinter ihm polterte sein Stuhl zu Boden.

»Elendes Schwein!«, schrie er mit geballten Fäusten. »Von Gerechtigkeit hast du noch nie was gehört, wie?«

Apache-Kid schnellte vom Tisch weg und wollte sich auf O'Brien stürzen.

Der Aufseher-Boss reagierte mit einer Gewandtheit, die bei seiner Körpergröße erstaunlich war.

Apache-Kid dachte nicht daran, zurückzuweichen. Bei ihm musste eine Sicherung durchgebrannt sein.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass Smiling Harry zum ersten Mal nicht mehr lächelte.

Apache-Kid hatte nicht den Hauch einer Chance. Noch bevor er auf Tuchfühlung geriet, schmetterte ihm O'Brien den Schlagstock auf die Unterarme. Sein Schmerzensgeheul jaulte sirenengleich durch den Kantinensaal.

O'Brien brauchte kein zweites Mal zuzuschlagen. Zwei seiner Kollegen waren zur Stelle, packten den Schreienden und schleiften ihn weg. Ich sah noch, wie er sich in ihrem Griff krümmte. Dann verschwanden sie mit ihm durch den Ausgang.

Noch minutenlang herrschte Stille.

Unvermittelt begannen die ersten Teller zu klappern. Stimmen wurden laut. Das Geklapper nahm zu. Füße begannen zu trampeln.

O'Brien spürte die Woge der Aggressivität, die ihm entgegenbrandete. Seine Alarmpfeife schrillte.

Die bewaffneten Aufseher stürmten in den Mittelgang, bauten sich mit ihren Karabinern drohend auf.

Nur allmählich nahm der Lärm ab. Die Häftlinge hatten ihrem Protest Luft verschafft. Jetzt sahen sie ein, dass es keinen Sinn mehr hatte. Sie alle riskierten verschärfte Haft, wenn sie weiter rebellierten. O'Brien knurrte grimmig, als endlich Ruhe eingekehrt war.

Das Essen ging weiter. Die Aufseher passten wie die Schießhunde auf, dass alle nummerierten Bestecke anschließend lückenlos wieder vorhanden waren.

Der Rückweg in die Zellen verlief ohne Zwischenfälle. Keiner von Fargos Leuten erhielt mehr die Gelegenheit, unerlaubt auch nur einen Finger zu krümmen.

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4

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Eineinhalb Stunden später wurde ich aus dem schönsten Mittagsschlaf gerissen.

Es war O'Brien persönlich, der in der offenen Zellentür stand.

»Beweg dich, Colbert! Du wirst erwartet!«

Verschlafen richtete ich mich auf und schwang mich mit einem Satz von meiner Koje. Froggie schlief weiter. Oder er tat so.

»Schon wieder Almeida?«, fragte ich gähnend.

»Doktor Almeida«, verbesserte O'Brien. »Los, wasch dir die Elefanten aus den Augen, zieh deinen Smoking an, und dann komm!«

Betont brummig folgte ich der Aufforderung. Auf dem Weg zum Besuchsbüro des Gefängnispsychologen erfuhr ich von O'Brien, was Fargo mir ins Gesicht zu klatschen versucht hatte. Irgendein Säurezeugs, das aus einem Mittel zur Abflussreinigung gewonnen worden war. Die Familie musste einen Burschen in ihren Reihen haben, der sich mit Laborpraktiken auskannte. Die Spürhunde der Gefängnisverwaltung waren noch dabei, den Verantwortlichen aufzustöbern.

»Schon wieder 'ne neue Erkenntnis, die ich euch verschafft habe«, sagte ich grinsend.

»Allerdings«, entgegnete O'Brien, »sie werden bald alle höllisch auf Fargo fluchen. Denn ihm verdanken sie es, dass sie die Klos künftig nur mit Wasser schrubben müssen.«

Ich erwiderte nichts darauf. Genau genommen war es mir nicht sonderlich angenehm, dass sich O'Brien so offensichtlich für mich einsetzte. Ich war überzeugt, dass ich nichts getan hatte, um ihn in diesem Verhalten zu bestärken. Trotzdem erleichterte er mir das Leben. Und die anderen kriegten es mit. Apache-Kids Reaktion hatte das gezeigt.

Aber dank seiner Diensterfahrung hatte O'Brien eine feine Nase. Er witterte unausgesprochene Zusammenhänge. Daran lag es vermutlich. Es konnte nur die Tatsache sein, dass ich häufiger als die anderen zum Gefängnispsychologen gerufen wurde. Und O'Brien bemerkte, wie sich Doc Almeida mir gegenüber verhielt.

Ich stand in einer gewissen Gunst. O'Brien fühlte das. Deshalb tat er nichts, um mir Schwierigkeiten zu bereiten. Ich hoffte inständig, dass O'Brien mir dadurch nicht alles erschwerte. Denn ich konnte ihn nicht zwingen, mir gegenüber ein anderes Verhalten an den Tag zu legen.

Das Büro des Seelendoktors befand sich im Verwaltungstrakt. Nur ein paar Türen weiter residierte der Direktor von San Quentin.

O'Brien geleitete mich in den spartanisch eingerichteten Raum, wartete, bis ich mich in den mit Lederimitat bespannten Sessel gesetzt hatte und baute sich dann selbst an der Tür auf.

Die beiden Fenster des Raumes waren außen vergittert, ermöglichten jedoch einen Blick auf die Bucht von San Francisco. Man konnte Gefühle dabei kriegen, wie sie nur ein Häftling kennt.

Und als solcher musste ich mich betrachten. Mit jeder Konsequenz. Es war die unabdingbare Voraussetzung für meinen Auftrag.

Doktor Almeida erschien aus dem Nebenzimmer, dem Büro, in dem er arbeitete. Doktor Marinho Almeida, brasilianischer Staatsbürger. Im Rahmen eines Abkommens zwischen den USA und Brasilien arbeitete er für fünf Jahre im kalifornischen Strafvollzug, um Erfahrungen zu sammeln, die er später in seinem Heimatland verwerten konnte. Eines Tages würde er auch herausfinden, was es in Wahrheit mit dem Mädchenkiller Jesse Colbert auf sich hatte. Zweifellos würde das die ungewöhnlichste Erfahrung werden, die er in den Staaten sammelte.

Er begrüßte mich mit einem freundlichen Lächeln, setzte sich hinter den Schreibtisch, auf dessen blank polierter Platte nichts als ein Stapel Papier lag. Notizpapier. Almeida zückte seinen Kugelschreiber und sah mich aus seinen dunklen Augen väterlich an.

»Sie haben Schwierigkeiten, Jesse«, stellte er fest, »es freut mich zu hören, dass Sie so gut damit fertigwerden.« Von O'Briens Anwesenheit nahm er keine Notiz.

»Reiner Selbsterhaltungstrieb, Doc.« Ich grinste verlegen.

Almeida nickte und strich sich mit der flachen Hand über das schwarze, leicht gewellte Haar. Er legte den Kugelschreiber beiseite.

»Wir werden heute keines unserer üblichen Gespräche führen, Jesse ...«

Mir schwante etwas.

»Nein?«, entgegnete ich dennoch voller Ahnungslosigkeit.

»Nein. Es handelt sich um etwas anderes. Etwas, das für Sie außergewöhnlich wichtig sein dürfte ...« Er zögerte noch. Vielleicht war es einer von seinen kleinen Psycho-Tricks, mit denen er meine Reaktion testete.

»Reden Sie nicht um den Brei herum, Doc«, sagte ich daher gelassen, »Sie wissen, ich schlucke alles.«

Er nickte wieder.

»Es könnte sein, dass Sie San Quentin verlassen dürfen«, sagte er unvermittelt.

Ich beugte mich ruckartig vor.

»Eh, Doc! Was ist das für eine neue Methode? Machen Sie sich jetzt über unsereins lustig, um das Innenleben wachzukitzeln?«

»Es ist kein Scherz, Jesse.«

Ich lehnte mich zurück und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Vielleicht gibt es noch 'nen anderen Colbert in dieser Herberge. Der, der vor Ihnen sitzt, kann nicht gemeint sein, Doc. Lebenslänglich! Aufgrund von Indizien verurteilt! Dagegen ist nichts zu machen. Und ob ich mit dem Wiederaufnahmeverfahren rechnen kann, ist verdammt ...«

»Man gibt Ihnen eine Chance, Jesse«, unterbrach mich Doktor Almeida, »Sie sollen eine Aufgabe übernehmen, die Sie außerhalb der Mauern von San Quentin erfüllen müssen.«

»Hä?«, äußerte ich. Inzwischen war ich so gut in meine Begriffsstutzigkeit hineingewachsen, dass ich schon absolut echt auf die Worte Almeidas reagierte. Obwohl ich nur zu gut wusste, auf was er hinauswollte.

»Haben Sie von einem Mann namens Jerome G. Grady gehört?«

»Grady — Grady ... Moment mal, ein Bonze, stimmt's? Ziemlich hohes Tier ...«

»Senator.«

»Senator — ah, jetzt klingelt's bei mir, Doc! Senator Grady! Das ist der arme Kerl, den sie vor zwei Jahren in Los Angeles fast umgelegt haben.«

»Richtig, Jesse. Und Senator Grady ist seitdem gelähmt. Er hat das Attentat lebend überstanden, doch er zahlte einen sehr hohen Preis dafür. Umso bemerkenswerter ist der eiserne Wille, mit dem er auch weiterhin für seine politischen Ziele eintritt.«

»Lobenswert. Aber ich verstehe nicht, was ein lausiger Kerl wie ich mit einem so noblen Gentleman zu tun haben soll.«

Doktor Almeida lächelte sanft.

»Sie werden es gleich verstehen, Jesse.« Er blickte zur Tür. »Mister O'Brien, erklären Sie es ihm bitte!«

Sichtlich geschmeichelt trat der Aufseher-Boss neben den Schreibtisch.

»Senator Grady hat in den letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt«, schnarrte er, als lese er den Text von einem Redemanuskript ab. »Sie haben davon wahrscheinlich nichts mitgekriegt, Colbert, weil Sie zu der Zeit schon in den kalifornischen Bergen ...«

Auf einen Wink Almeidas unterbrach er sich und fuhr nach einer Kunstpause fort.

»Senator Grady setzt sich besonders für ein völlig neues Resozialisierungsprogramm ein. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hat er selbst den Anfang gemacht, um zu zeigen, dass sich seine Ziele verwirklichen lassen. Kurz gesagt: Er holt sich Häftlinge aus den Staatsgefängnissen und lässt sie für sich als Leibwächter arbeiten. Bei Senator Grady ist es natürlich verständlich, dass er auf seinen persönlichen Schutz bedacht ist.« O'Brien und Doktor Almeida schwiegen, sahen mich an und warteten meine Reaktion ab.

Ich lehnte mich zurück und kriegte für eine Weile den Mund nicht mehr zu.

»Leibwächter!«, stieß ich dann hervor. »Okay. Aber ausgerechnet Kerle aus dem Bau? Das ist doch verrückt!« Ich richtete mich plötzlich auf und tat, als begriffe ich erst jetzt. »Soll ich etwa ...?«

»Erraten, Jesse«, sagte Almeida in seinem väterlichen Tonfall, »der Senator hat festgelegt, dass er ständig sieben Leibwächter für sich arbeiten lassen will. Jetzt musste er einen seiner Männer gehen lassen, der vom Gouverneur begnadigt und auf Bewährung freigelassen wurde. Für Grady ist es ein erster Erfolg. Aber er braucht einen neuen Mann. Sie wurden dafür vorgeschlagen. Ich habe ein Gutachten über Sie abgegeben, Jesse. Es bestehen keine Bedenken, Ihnen den Posten zu geben.«

Ich sank kopfschüttelnd in den Sessel zurück.

»Doc ...«, murmelte ich entgeistert, »das muss ich erst verdauen ...«

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Auf dem National Airport von Washington D.C. verließ Jonathan D. McKee den zweistrahligen Kurzstrecken-Jet, der ihn mit einer Flugzeit von fünfzig Minuten aus New York herübergebracht hatte. Mister McKee benutzte eine der Telefonboxen in der großen Abfertigungshalle und ließ sich anschließend für eine Viertelstunde bei Sandwich und Kaffee im Flughafenrestaurant nieder.

Als er das Hauptportal verließ, rollte die schwere Dienstlimousine des FBI-Direktors vor der untersten Steinstufe aus. Der in Zivil gekleidete Fahrer gab sofort Gas, nachdem Mister McKee seine Aktentasche und sich selbst im Fond untergebracht hatte.

Strahlender Sonnenschein lag über der Hauptstadt. Die Limousine rollte über die Arlington Memorial Bridge ins Zentrum. Auf der glitzernden Wasserfläche des Potomac River kreuzten Segelboote in einer sanften Brise.

Jonathan D. McKee nahm die Umgebung nur im Unterbewusstsein wahr. Seine Gedanken waren weit entfernt — bei jenem komplizierten Gerüst, das das FBI im Zusammenhang mit dem Mordfall Susan Keamey in Kalifornien aufgebaut hatte.

Der Fahrer bog von der Pennsylvania Avenue in die Neunte Straße ab, stoppte vor dem schmiedeeisernen Portal, das beim Anblick der Dienstlimousine von den Wachhabenden sofort geöffnet wurde. Im Innenhof stieg Mister McKee aus und betrat den Eingang, der zu den Direktionsbüros des FBI-Hauptquartiers führte.

Fünf Minuten später saß er dem Mann gegenüber, der an der Spitze des FBI steht.

Direktor Clarence M. Kelley.

»Der Einsatz San Quentin tritt in sein entscheidendes Stadium«, eröffnete Direktor Kelley das Gespräch, »es ist wichtig, dass wir etwa noch vorhandene Unsicherheitsfaktoren sofort ausmerzen. Schon in ein oder zwei Tagen dürfte dazu keine Zeit mehr sein. Deshalb unsere Besprechung,  McKee.«

Mister McKee nickte.

»Ich stehe in Verbindung mit Spezialagent Tucker, Sir. Wie vereinbart, schickte er einen täglichen Lagebericht. Ein direkter Erfolg ist noch nicht zu verzeichnen. Aber ich bin sicher, dass dieser Teil der Aktion weniger Risiken in sich birgt als Trevellians Einsatz in San Quentin.«

»Vermutlich haben Sie recht«, antwortete Clarence M. Kelley, »und gerade für Jesse Trevellian beginnt jetzt der schwierigste Teil der Aufgabe. Womit nicht gesagt sein soll, dass die letzten Monate ein Zuckerlecken für ihn waren.«

»Die Weichen zu Senator Grady wurden also gestellt?«

Details

Seiten
260
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914207
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v380339
Schlagworte
horst friedrich kriminalroman mörder bodyguard

Autor

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Titel: Horst Friedrichs Kriminalroman - Vom Mörder zum Bodyguard