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Grettirs Welt: Gondar #3

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Grettirs Welt

Gondar Band 3

Roland Heller

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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SCHAUPLATZ WALDVOLK

Das Waldvolk lebt in Harmonie zusammen. Gnome, Zwerge, Kobolde und Menschen leben einträchtig in dem riesigen Waldgebiet, das fast den gesamten Westteil der nördlichen Landmasse umfasst.

Und in der Hütte des Gnomen Ruby wacht eine Mächtige auf, die ohne Gedächtnis und ohne Vergangenheit lebt und sich auf die Suche nach ihren Erinnerungen macht. Die Gnome sehen in ihr die wiedererweckte Göttin Isis.

Ihre Suche nach der Vergangenheit führt Isis und die sie begleitenden Gnome zur Behausung von Hurdon, einem Gestaltwandler, der auch die Fähigkeit besitzt, andere das Erlebnis eines Körpertransfers erleben zu lassen. Als Isis den Hof von Hurdon erreicht, finden sie diesen jedoch verlassen vor, nur in den Käfigen finden sie neben Tieren auch Menschen eingesperrt.

Schauplatz Grettirs Welt

Soas und Fellahrd dringen auf ihrer Suche nach Gondar in Grettirs Welt ein und müssen sich anfangs gegen die Geschöpfe Grettirs zur Wehr setzen. Bald zeichnet sich jedoch eine Pattstellung ab und da wird Gondar endlich aktiv. Obwohl äußerlich noch in der Gestalt eines Kleinkindes, kann er bereits seine zerstörerischen Kräfte freisetzen. Grettir ist gezwungen, seine Geschöpfe zu retten...

Was bisher geschah:

Der Seher Barrak prophezeit die Geburt des Mächtigen Gondar, der ohne sein Wappentier, das seine Kräfte kanalisiert, aufwächst. Gondar soll das Reich Mo zerstören. Damit das nicht geschehen kann, will Mykos, der Herrscher von Mo, Gondar töten lassen und bereitet einen Krieg gegen Borea vor.

Die beiden Mächtigen Soas und Fellahrd – Götter für die Menschen – machen sich ebenfalls nach Borea auf, um Gondar zu suchen und um ihn für ihre eigenen Pläne einzusetzen.

Gondar wird in der Straße der Bettler geboren und von Salmon, einem Bettler, und Durfola, einer Bettlerin, aufgenommen, nachdem Gondars Mutter bei der Geburt gestorben ist. Der König der Bettlergilde will den kleinen Gott in seinen Besitz bringen, um damit ein Zeichen seiner Macht zu setzen. Er setzt die Diebesgilde auf den Bettler Salmon an mit dem Auftrag, den Bettler zu töten und Gondar zu ihm zu bringen. Salmon wird getötet, Durfola aber gelingt die Flucht. Über den Sturz in eine Gletscherspalte findet Durfola den Zugang zu Grettirs Welt.

Grettir ist der Herr des Chaos und hat eine Reihe von Welten geschaffen, in denen er mit dem Leben experimentiert. Diese Welten sind von einer Reihe skurriler Geschöpfe bevölkert, die sich untereinander ebenso bekämpfen wie sie gemeinsam gegen die eindringenden Menschen kämpfen.

Grettir hat seine Welt in Ordnung und Chaos geteilt – wie die echte Welt. Durfola und der Knabe finden bei Ordnung Unterschlupf, während sich die Menschen, die Gildenkönige vorneweg, mit den Geschöpfen des Chaos verbinden.

Als sich bereits ein Sieg des Chaos gegen Gondar abzeichnet, erscheint Grettir persönlich in seiner Welt, denn auch er hat mit Gondar  eigene Pläne.

1

Isis

Das Erwachen kam ganz langsam und erst nach und nach wurde sie sich ihres Selbst bewusst. Sie konnte denken, aber ihre Gedanken konnte sie in keinen Zusammenhang einordnen. Wie ein Schleier verhüllte etwas ihre Erinnerungen, sie konnte nicht zu ihnen vorstoßen. Sie wusste instinktiv, da war etwas, aber es war ihr nicht möglich, bis zum Grund vorzudringen.

Nach und nach wurde ihr bewusst, dass da auch noch ein Körper war. Mit diesem Bewusstsein kam auch das Empfinden dafür.

Ausgestreckt lag sie auf einer weichen Unterlage. Sie konnte ihre Hände und Füße fühlen, bewegte sie vorsichtig, bis sie ein Gefühl für die Bewegung bekam.

Wo befand sie sich?

Sie konnte es nicht sagen. Sie wusste es einfach nicht.

Undeutlich tauchten in ihrem Bewusstsein dann Erinnerungsfetzen auf, aber sie blieben seltsam verschwommen und wurden nie deutlich genug, um etwas Genaues erkennen zu können.

Wer war sie?

Auch diese Frage konnte sie nicht beantworten, so sehr sie auch darüber grübelte.

Wohin waren ihre Erinnerungen verschwunden? Ihr Gedächtnis schien gelöscht. An nichts konnte sie sich erinnern, aber seltsamerweise fühlte sie sich im Übrigen nicht unwissend, nur die Dinge, die sie persönlich betrafen, schienen komplett getilgt worden zu sein.

Ihre Körperfunktionen schienen intakt. Sie spürte ein vages Hunger- und Durstgefühl.

Sie drehte ihren Kopf und erfasste das, was in ihrem Blickfeld lag. Sie befand sich in einem nahezu quadratischen Raum, der außer ihrem Bett und einem kleinen Nachtkästchen kein weiteres Möbelstück zu enthalten schien. Ein offenes Fenster ließ genügend Tageslicht herein, damit der Raum ausgeleuchtet wurde. Ihr gegenüber konnte sie eine Tür ausmachen, die jedoch geschlossen war.

Auf ihrem Nachtkästchen entdeckte sie einen durchsichtigen Krug, der mit einer glasklaren Flüssigkeit gefüllt war, offensichtlich Wasser. Daneben stand ein Glas.

Zumindest ihren Durst konnte sie stillen.

Sie wollte sich in dem Bett aufrichten, merkte aber gleich, dass ihre Muskeln noch nicht richtig mitspielten. In einer Bewegung gelang es ihr nicht, eine aufrechte Sitzposition zu erreichen. Stückchenweise konnte sie sich jedoch aufschieben. Nach mehreren Schüben gelang es ihr, eine akzeptable Sitzhaltung einzunehmen, hoch genug jedenfalls, dass sie nach dem Krug greifen konnte. Beim zweiten Versuch konnte sie den Krug soweit heben, dass sie etwas Flüssigkeit in das Glas leeren konnte. Diese Anstrengung ermüdete sie bereits.

Wie lange habe ich geschlafen?, überlegte sie.

Es musste eine lange Zeitspanne gewesen sein, wenn ihre Muskeln so viel ihrer Beweglichkeit verloren hatten.

Schließlich schaffte sie es doch, das Glas an ihren Mund zu bringen und sie konnte ihren ärgsten Durst stillen.

Anschließend stellte sie ihre Beine auf den Boden und versuchte aufzustehen. Es gelang ihr nicht, alles, was sie erreichte, war ein plötzlicher Schwindel, der sie wieder zurück in das Bett sinken ließ.

Ich muss Geduld haben, sagte sie sich. Ich befinde mich in einem Zimmer in einem Haus. Also muss es hier jemanden geben, der für mich sorgt. Dieser Jemand wird bald vorbeischauen, tröstete sie sich.

Ihre Geduld wurde auf eine lange Probe gestellt. In der Zwischenzeit begann sie mit Fußdrehungen und Fingerübungen ihre Muskeln wieder in Schwung zu bringen. Sie spürte direkt, wie die kreisenden Bewegungen ihrem Körper wohltaten.

Etwa zwei Stunden nach ihrem Erwachen schaute ein Gesicht zur Tür herein.

„Du bist wach“, sagte die dazugehörige Stimme erfreut. Der Gnom schob sich ganz durch die Türe und kam auf die Frau zu, die ihn mit fragenden Blicken ansah.

„Ich weiß, dass dir viele Fragen auf der Zunge liegen“, sagte der Gnom, „aber ich fürchte, ich werde dir nicht alle beantworten können. Ich bin Ruby. Es freut mich, dass du endlich erwacht bist.“

„Wer bin ich?“

„Tja, da sind wir uns alle nicht ganz so sicher, denn du warst eines Tages einfach hier. Da schliefst du aber bereits. Manches deutet jedoch darauf hin, dass du eine Göttin sein könntest.“

„Werde deutlicher, Ruby.“

„Du trägst das Dreieck über der Stirn. Du erinnerst dich nicht an deinen Namen?“

„Würde ich sonst fragen?“ Langsam wurde die Frau ungeduldig. Sie brannte darauf, endlich über ihre Identität aufgeklärt zu werden.

„Du könntest Isis sein!“, rückte Ruby endlich mit seiner Vermutung heraus. „Es spricht viel dafür, aber wir sind uns nicht ganz sicher.“

„Wer ist wir, und wo befinden wir uns hier überhaupt?“

„Du bist beim Waldvolk. Ihr habt uns als Gnome bezeichnet, und dieser Name ist uns geblieben.“

Ruby war gerade so groß, dass er über den Bettrand und den flach daliegenden Körper blicken konnte. Sein Gesicht war verrunzelt und eine riesige Knollennase saß mitten im Gesicht, das auf einem extrem langen und biegsamen Hals saß. Sein Kopf war kahl, nur über den Augen wuchsen buschige Brauen. Seitlich am Kopf ragten zwei riesige Ohren, die Korkenziehern glichen, vom Kopf ab. Der Körper erinnerte an ein Fass, aus dem zwei stämmige Beine ragten.

„Was weißt du über Isis? Wieso könnte ich Isis sein?“

„Es gibt einige Anzeichen, die dafür sprechen. Da ist zuerst einmal das Ei, das du in deiner Hand gehalten hast. Wir haben es für dich natürlich aufgehoben. Weiters lag neben dir eine Rüstung mit sämtlichen Waffen. Isis war eine Kriegerin, eine mächtige Kämpferin. Sie war die Erste der weiblichen Mächtigen.“

„Und ich war einfach da?“

„So ist es. Wir leben seit Jahrhunderten in diesem Wald, friedlich neben den Zwergen, Kobolden und Trollen. Zusammen bilden wir das Waldvolk und kennen den Wald deshalb sehr gut. Es gibt niemanden außer uns, der hier lebt. Keine Hütte ist so verborgen, dass wir sie nicht gefunden hätten, kein Dorf liegt so abgeschieden, dass es uns nicht bekannt ist.

Hier, in meiner Hütte, bist du eines Morgens gelegen. Wie gesagt, du hast geschlafen, nur deine Rüstung lag neben dir, genau so, als hättest du sie abgelegt, bevor du in das Bett gestiegen bist. In deiner offenen Hand lag das Ei. Wir haben inzwischen zahlreiche Berichte über die Isiseier studiert und dein Ei gleicht jenen in den Berichten. Deshalb vermuten wir, dass du Isis sein könntest.“

„Wie lange habe ich bei dir geschlafen?“

„Bald würde sich der zehnte Jahrestag deiner Ankunft jähren. Es ist wie ein Wunder. Anfangs versuchten wir dir Nahrung einzugeben, aber du hast sowohl feste wie auch flüssige Nahrung verweigert. Und mit der Zeit habe ich die Angst verloren, du könntest verhungern. Dein Körper fühlte sich nie kalt und steif an. Wir wussten deshalb, dass du lebst, aber wir konnten nie sagen, wie und weshalb.“

„Wann hat Isis gelebt?“

Ruby zögerte ein wenig mit der Antwort, denn nun kam ihm seine Vermutung schier unmöglich vor. Es mussten zahlreiche Generationen in der Zwischenzeit gelebt haben, denn es gab absolut keinen sicheren Hinweis, wie viele Jahre vergangen waren.

„Ruby“, drängte Isis, „du brauchst mich nicht zu schonen. Sag es mir.“

„Es müssen mehrere Jahrhunderte vergangen sein. Aber frage mich nicht, wie das möglich ist.“

„Wenn ich zehn Jahre bei dir geschlafen habe, wo war dann ich all die Jahre davor?“

„Ich weiß keine Antwort darauf“, entschuldigte sich Ruby.

„Das habe ich auch nicht erwartet. Aber vielleicht lässt sich eine andere Schlafstelle finden, die mich vorher beherbergt hat. Hast du dich nie umgehört, ob du etwas Derartiges irgendwo gehört hast?“

„Natürlich habe ich gesucht, und nicht nur ich, das halbe Waldvolk suchte nach der Wahrheit und manche verließen sogar den Wald, um sich in der Welt draußen umzuhören, aber auch sie kehrten ergebnislos zurück.“

„Nun, ich bin aufgewacht. Ich werde mich wohl selbst auf die Suche machen müssen. Hast du etwas zum Essen im Haus?“

„Ja, Speisen, wie Gnome sie mögen. Aber sie reichen fürs Erste sicherlich. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du gerade heute erwachst.“

„Bring mir zuerst etwas zu essen, dann hilf mir, dass ich möglichst bald aufstehen kann.“

Ruby wurde plötzlich ganz verlegen und bekam hochrote Ohren, die sich eng an die Wangen anlegten. „Ich werde dir etwas zum Anziehen besorgen, wenn du aufstehen willst“, sagte er fast schüchtern.

Isis winkte ab. „Ein Hemd genügt“, sagte sie. „Und jetzt besorge etwas zum Essen!“

Sie war wieder ganz Göttin. Kein Wort des Dankes, kein Lob dafür, dass sie zehn Jahre in Sicherheit auf ihr Erwachen hatte warten können, verließ ihre Lippen.

*

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NACHDEM SICH ISIS WIEDER satt fühlte, wies sie Ruby an, ihr beim Aufstehen zu helfen. Ruby setzte ihre Beine auf den Boden und stellte sich dann als Stütze zur Verfügung.

Aufgrund seiner Größe konnte er ihr keine weitere Hilfestellung leisten, wenn man davon absah, dass er durch zusätzlichen Druck ihre Aufwärtsbewegung unterstützen konnte. Auf diese Weise schaffte sie es tatsächlich, alleine aufrecht zu stehen und einen ersten Schritt zu wagen. Der gelang auch, aber dann verließen sie ziemlich schnell ihre Kräfte und sie musste sich erneut niederlegen.

„Du brauchst Geduld“, sprach Ruby beruhigend auf sie ein. „Deine Muskeln waren zu lange nicht gefordert. Es geht nicht von heute auf morgen, bis du deine volle Beweglichkeit wiedererlangst.“

„In einer Stunde probieren wir es wieder. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht in jeder Stunde die Schrittanzahl verdoppeln könnte. Sag einmal, Ruby. Wer wohnt außer dir noch in diesem Haus?“

„Ich lebe allein.“

„Dann hast du dich also die ganze Zeit um mich allein gekümmert?“

„Die ganze Zeit nicht, aber wohl sehr oft. Hara unterstützte mich besonders bei deiner Pflege, soweit diese möglich und notwendig war. Und von ihr ist auch das Hemd, das du trägst. Es ist das größte Kleidungsstück, das ich auffinden konnte.“

Ruby hatte Isis ein weites Kleid von Hara gebracht, das sie wortlos übergestreift hatte. Für die Göttin war es nicht mehr als ein Hemd, das ihr bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Es bestand aus einem feinen Leinenstoff, der gelb gefärbt war.

„Dann lauf und hole Hara – oder kommt sie ohnehin? Du allein schaffst es nämlich nicht.“

„Sie kommt jeden Nachmittag, aber ich kann sie natürlich jederzeit holen.“

„Dann geh, aber zuvor bringst du mir das Ei, das ich in der Hand gehalten habe.“

Dies war der eigentliche Grund, weshalb sie Ruby aus dem Haus haben wollte. Denn was würde ihr das Ei offenbaren? Eine undeutliche Erinnerung war mit diesen Eiern verknüpft, etwas für sie sehr Wesentliches. Ein sicheres Gefühl sagte ihr, dass sie mit Hilfe dieses Gegenstandes ihre Vergangenheit wieder in ihr Gedächtnis zurückholen konnte – wenn schon nicht ihre gesamte Vergangenheit, dann zumindest einen Teil davon. Auf jeden Fall sollte es ihr möglich sein, danach mit Bestimmtheit zu sagen, ob sie tatsächlich Isis war. Irgendwie glaubte sie fest daran, denn der Name klang vertraut und sie besaß ein gutes Gefühl. Sie konnte sich vorstellen, ehemals die Kriegsgöttin Isis verkörpert zu haben.

Vielleicht ließ sich auch die brennende Frage nach dem Warum klären.

Warum war sie hier ohne Erinnerung aufgewacht?

Ruby blieb nur kurze Zeit außerhalb des Raumes. Draußen hörte sie ihn herumstöbern, vernahm das Öffnung und Schließen von Schubladen und Kastentüren, dann vernahm sie einen erleichtert klingenden Ausruf und gleich kam Ruby an ihr Bett geeilt.

„Hier ist es, das Ei“, verkündete er und blieb abwartend neben ihr stehen.

„Lauf zu Hara!“ Ihr Ton klang wieder befehlend. „Ich brauche eine Stunde für mich allein“, setzte sie erklärend hinzu.

Ruby nickte verstehend und legte ihr den Beutel, in dem sich das Ei befand, auf das Bett.

Isis griff nach dem Beutel, der aus einem grob gewirkten Stoff bestand und oben mit einer Schnur verschlossen war, die sie vorsichtig löste.

Sie warf einen Blick hinein. Auch das Ei war mit einem Stofftuch umwickelt. Sie holte es heraus und ließ den Beutel achtlos neben das Bett fallen, dann widmete sie sich dem eingewickelten Ei.

Drei Lagen Stoff umschlossen das Ei. Als sie es dann endlich in der Hand hielt, fühlte es sich merkwürdig temperiert an. Lag es an der Umhüllung? Eigentlich sah es aus wie mehrere aneinandergefügte Kristalle und als solche durfte es sich eigentlich nicht erwärmt haben, so wie es aufbewahrt worden war.

Sie hielt es wieder in der offenen Hand – wie sie es gehalten hatten, als Ruby sie gefunden hatte. Als ob mehrere Kristalle ineinander verwoben waren, so sah es aus. Es bedeckte gerade ihre Handfläche, und wenn sich ihre Finger um das Ei schlossen, konnten ihre Fingerspitzen ihren Handteller nicht mehr berühren. Obwohl das Ei temperiert war, lag es reaktionslos in ihrer Hand.

Sie hatte darauf gehofft, dass es irgendeine Reaktion zeigen würde, sowie es sich in der Hand ihrer Besitzerin wiederfand, aber nichts wies darauf hin, dass das Ei sie erkannte. Hatte sie zu viel erhofft, verfügte das Ei gar nicht über jene Fähigkeiten, die sie ihm zuschrieb?

Sie hob die Hand näher an ihre Augen. Die andere Hand berührte das Ei, strich mit den Fingen über die Oberfläche, fuhr die Kanten entlang, als suchte sie etwas, eine verborgene Kerbe oder ein anderes Zeichen, das den Stein aktivieren würde. Vorerst jedoch ließ sich der Stein kein Geheimnis entlocken.

Doch, etwas fiel ihr auf. Die Temperatur stieg. Zwar kaum merklich, aber sie war sicher, einen Temperaturanstieg zu fühlen.

Sie sah genauer auf das Ei. Da bemerkte sie, wie sich eine Art Nebel innerhalb der Kristalle ausbreitete. Die Schwaden strebten an den Rand und ließen in der Mitte eine glatte Fläche zurück, die auch durch die Kanten der Außenwände der Kristalle nicht getrübt und das Licht nicht gebrochen wurde.

Was zeigte dieses Bild?

Einmal vermeinte Isis die Wellen des Meeres zu erkennen, doch die überwiegende Zeit blieb das Bild trübe und zeigte keine weiteren erkennbaren Einzelheiten. Das dauerte vielleicht zwei Minuten, dann verschwand nach und nach auch das letzte Anzeichen eines Bildes.

Enttäuscht ließ Isis die Hand sinken. Das Ei behielt sie aber noch in der Hand, und so bekam sie auch mit, dass sich seine Temperatur wieder normalisierte.

Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass ihre Kräfte noch nicht vollständig zurückgekehrt waren. Sie musste es nur weiterhin versuchen.

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02

Grettir

Wenn man die Ausdehnung von Grettirs Welt in Borea in etwa räumlich bestimmen wollte, konnte man von einem Kreis mit einem Durchmesser von dreieinhalb Kilometern ausgehen. Hier hatten etliche Quadratkilometer Platz Damit besaßen seine Geschöpfe einen genügend großen Lebensraum, in dem sie sich eigenständig entwickeln konnten, wie es sein ursprünglicher Plan gewesen war. Irgendwann im Laufe der Zeit hatte er sein Interesse an dieser Welt verloren und die Beobachtung eingeschränkt. Seit damals hatten sich seine Geschöpfe unbehindert von äußeren Einflüssen entwickelt und zu ihrer momentanen Form des Zusammenlebens gefunden.

Grettir hatte sich zurückgezogen, aber das hieß nicht, dass er diese Welt ganz aus den Augen verloren hatte. Der bereits ursprünglich eingesetzte Statthalter blieb ebenso wie Ordnung ein dominanter Faktor in dieser Welt. Ellinor übte dieses Amt des Statthalters aus. Über sie und ihre Empfindungen blieb er ständig in Kontakt mit der Welt, ebenso mit Ordnung, die er auch aus der Ferne lenken konnte.

Anders verhielt es sich mit Orac, dem Chaosfürsten. Er hatte sich neben Ellinor und Ordnung zu einem dominanten Wesen entwickelt und brachte nach und  nach die Chaosgeschöpfe unter seine Herrschaft.

Die Wiederkehr Grettirs behagte ihm ganz und gar nicht.

Ebenso verhielt es sich mit der Anwesenheit von Gondar.

Beide zählten zu den Mächtigen. Einer war der Herrscher des Chaos, einer nur ein kleiner Gott – beide aber störten sie Oracs Pläne, die darauf hinausliefen, Ellinor und Ordnung endgültig aus dieser Welt zu verbannen und sich selbst als alleinigen Herrscher zu etablieren. Mit der Rückkehr Grettirs konnte er dieses Ziel vorerst vergessen.

Ziemlich im Zentrum dieser Welt hatte Grettir einst seine Burg errichten lassen. Umgeben war die Burg von einem etwa fünfzig Meter breiten baumlosen Streifen aus gepflegter Parklandschaft. An diesen Streifen schloss sich eine dichte Hecke an, die als Zaun diente. Die Schutzfunktion dieses dichtbewachsenen Rings war aber eher symbolisch, denn tatsächlich wirksam. Keines seiner Geschöpfe wäre von sich aus auf den Gedanken gekommen, ungebeten seine Burg zu betreten, denn was Grettir seinen Geschöpfen seit jeher bei ihrer Schöpfung mitgegeben hatte, war die absolute Unterwürfigkeit ihm gegenüber. Dieser Gehorsamszwang traf all jene Geschöpfe, deren Intelligenzgrad eine bestimmte Stufe nicht überschritt. Für die anderen Geschöpfe hatte es sich als nützlicher erwiesen, wenn sie eine größere Meinungs- und Entscheidungsfreiheit ihr eigen nannten. Dies kam Orac zugute.

Als Eingang in den inneren Bereich durch die Hecke diente ein Torbogen, den dornenbewehrte Rosen bildeten, die in ihrer Üppigkeit und ihrem Duft fast so etwas wie einen Anachronismus in dieser Welt darstellten. Tatsächlich hatte sich Grettir damals schon jedes Mal amüsierte, wenn seine Geschöpfe durch diesen Bogen zu ihm kamen und selbst bemerkten, dass hier ein anderes Flair herrschte, dass etwas anders war als gewohnt, dass hier eine Harmonie mitschwang, die sie nicht kannten.

Die Statthalterin Ellinor hatte gleich vor der Hecke, ziemlich nahe dem Tor, ihre Behausung errichtet. Es handelte sich dabei um nicht viel mehr als einen aufgeworfenen Erdhaufen, den Laub und Äste tarnten. In seinem Inneren bot der Bau etwa zwei Quadratmeter Platz. Ellinor benötigte nicht mehr, ebenso auch kein irgend geartetes Einrichtungsstück. In ihrer Hütte konnte sie sich wie eine Schlange auf engstem Raum gemütlich einrichten. Nur wenn sie draußen auftrat, nahmen ihre Formen das Erscheinungsbild einer jungen hübschen Frau an. Ihre von Natur aus goldene Haut ließ im Normalzustand ein lose fallendes Kleid erscheinen, das sich im Gefahrenfall blitzschnell an ihren Körper anschmiegte und sie in keiner Bewegung behinderte. Es sah aus wie eine zweite Haut, die sie trug. Eigentlich bestand Ellinor aus zwei Teilen, ihrem wandelbaren Hauptkörper und einer geflügelten Schlange, die ebenfalls ihre Größe variieren konnte.

Grettir befand sich zusammen mit Ellinor, Ordnung und Orac in seiner Burg.

Ordnung trug Gondar in seinen Armen.

„Du bist schwach geworden“, beschwerte sich Grettir bei Ordnung. „Jedes Mal, wenn ich in diese Welt blicke, hast du dich ohne viel Gegenwehr töten lassen.“

„Ich verfüge nur über jene Kräfte, die du mir gegeben hast, Herr“, wagte Ordnung einen schwachen Versuch einer Verteidigung. Seinen Rüssel hielt er bei diesen Worten halb erhoben, damit er seinen Mund nicht abdeckte und seine Stimme nicht gedämpft wurde. Wenn man von dem Rüssel absah, besaß Ordnung ein menschliches Gesicht. Der Kopf saß auf einem Rumpf, der dem Körper eines Schweins glich, von dem seine Glieder ausgingen.

„Du hast mir sehr viele Aufgaben aufgehalst. Ich bin allein gegen alle deine Geschöpfe“, sagte er unterwürfig.

„Du beherrscht zahlreiche Abwehrmechanismen. Bislang hast du immer dein Auslangen gefunden.“

„Gegen die Geschöpfe des Chaos, ja. Aber gegen die Menschen ist meine Kraft zu gering. Und nicht nur die Kraft, auch die Waffen, die du mir mitgegeben hast.“

„Ich hätte dir mehr zugetraut. Setzt deinen Kopf ein. Wozu habe ich dir das Denken gelernt.“

„Du hast mich zu schwach bewaffnet, Herr. Ich kann nicht die Aufgaben der Schmiede, Denker und Politiker übernehmen. Du hast mich als Aufsicht über deine Welt eingesetzt, aber ich kann nur darüber wachen, worüber ich Macht habe.“

„Ich werde mir überlegen, wie ich dich stärken kann“, meinte Grettir abschließend zu Ordnung, ehe er sich Orac zuwandte.

„Soas und Fellahrd befinden sich bereits auf der Reise in meine Welt. Sie wollen natürlich den Knaben. Das heißt, wir müssen Vorsorge treffen, dass es ihnen nicht gelingt.

Du hast dich gut entwickelt, Orac. Chaosfürst nennst du dich mittlerweile. Meine Geschöpfe folgen dir also bereits?“

„Ja, Grettir“, sagte Orac. Er vermied die Bezeichnung „Herr“, die Grettir eigentlich gebührte. Grettir zuckte leicht mit den Augenbrauen, als er die Nennung seines Namens anstelle der gebührenden Anrede vernahm.

„Du hast diese Welt verlassen, jemand musste sich ihrer annahmen. Und jetzt kehrst du zurück. Willst du mir meine Macht wieder nehmen?“

Lauernd wartete Orac auf die Antwort. Er verhielt sich alles andere denn unterwürfig. Er stand aufrecht, so dass sein eigentlich kugelrunder Körper nun mehr einer Ellipse glich. Sein ebenfalls kugelrunder Kopf, der wie der Rest des Körpers von einem feinen blauen Flaum überzogen war, blickte zu Grettir auf und harrte darauf, was Grettir als nächstes sagen würde.

„Niemand spricht davon. Du beweist mir, dass du die Macht gefunden hast, aber gib acht, gegenüber wem du deine Macht ausspielst. Behalte deine Macht über meine Geschöpfe, aber du wirst mir bei den Vorbereitungen helfen. Soas und seine Freunde sollen nicht so leicht in unsere Welt eindringen können. Wir werden ihnen einige Fallen stellen müssen. Dazu benötige ich dich und meine Geschöpfe.“

„Und was bleibt mir über?“ Ellinor fühlte sich offensichtlich übergangen.

„Du bist natürlich dabei. Du bist mein Statthalter.“

Orac gab sich aber nicht so schnell zufrieden. „Was geschieht, wenn wir Soas vertrieben haben. Wirst du dann ebenfalls wieder diese deine Welt verlassen?“

Aus Ellinors Mund drang ein gefährliches Zischen. „Was erlaubst du dir!“

„Halte dich da heraus!“, gab Orac an ihre Adresse zurück. „Gondar gehört nicht in unsere Welt!“, sagte der Chaosfürst in Richtung Grettir. „Er stört unsere Ordnung. Es wäre vielleicht besser, wenn Soas den Jungen mitnimmt.“

Bevor Grettir darauf etwas erwidern konnte, stellte sich Ellinor breit vor Orac hin und schickte ihre geflügelte Schlange in die Luft. Rasend schnell schwirrte sie zweimal um Ellinors Kopf, dann hatte sie ihre Größe verdreifacht. Ihr Maul öffnete sich und zeigte die spitzen Zähne. Sie zielte auf den Chaosfürsten. Sie setzte zum Sturzflug an.

Bevor die Schlange jedoch den Chaosfürsten erreichte, packte Grettir mit der linken Hand das fliegende Geschöpf. Es wurde so abrupt abgebremst, dass sich der Rest des Körpers nur mehr in wilden Zuckungen erging.

Wie ein lästiges Insekt schüttelte Grettir den Schlangenkörper ab, der benommen zu Boden taumelte und dort fürs Erste liegenblieb. Auch mit Ellinor ging eine erstaunliche Veränderung vor. Sie vergaß anscheinend auf ihr äußeres Erscheinungsbild, ließ die Konturen des weiblichen Körpers verfließen, während sie selbst ebenfalls zu Boden sank und instinktiv auf die geflügelte Schlange zu kroch. Jetzt glich sie ebenfalls mehr einer Schlange. 

Kaum hatte Ellinor die geflügelte Schlange berührt, als diese plötzlich schrumpfte und ihren angestammten Platz auf ihrer Schulter einnahm. Gleichzeitig wandelte sich auch Ellinor wieder zu einer jungen Frau.

Sie rappelte sich hoch und starrte den Chaosfürsten hasserfüllt an.

„Verschiebt euren Streit auf später!“, befahl Grettir, „und dir, Orac, kann ich nur sagen, dass ich nicht weiß, was in Zukunft geschehen wird. Vielleicht erfülle ich deinen Wunsch und kehre dieser Welt wieder den Rücken, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall rate ich auch dir zur Zurückhaltung. Meine Geduld ist endlich, aber nicht unendlich. Und glaube nicht, dass ich auf dich angewiesen bin!“

Der Chaosfürst nickte verstehend und warf einen bösen Blick auf Ellinor. „Halte dieses Gezücht von mir fern“, rief er. „Ich kann mit jedem zusammenarbeiten, wenn es sein muss, selbst mit Ordnung, aber nicht Ellinor!“

„Ellinor ist mein Statthalter!“, bekräftigte Grettir streng. „Ihr Befehl gilt wie meiner! So, und wenn euer kleiner Disput jetzt beendet ist, können wir mit der Planung beginnen.“

Er wartete nicht ab, ob er von beiden eine bejahende Antwort bekam, sondern legte ihnen seinen ersten Plan vor.

„Die erste Front werden die Gedankenvampire bilden. Einige hundert Vampire wird es doch wohl noch in dieser Welt geben, hoffe ich. Du Orac, wirst diese erste Streiterschar von uns lenken. Ein guter Teil von ihnen muss in das Höhlenlabyrinth eindringen. Sie müssen all jene Gänge blockieren, die Soas nicht nehmen darf. Wir müssen sie zu einem bestimmten Eingang in unser Reich locken. Dort kann die zweite Hälfte der Gedankenvampire ihr Glück versuchen. Gegen die Mächtigen werden sie wahrscheinlich verlieren, aber ein Gutteil ihrer Begleiter wird den Verstand verlieren. So können wir ihre Streiterschar dezimieren, bevor es überhaupt zum ersten Kontakt kommt.“

Die Gedankenvampire waren im Prinzip kleine, körperlich schwache Wesen, die sich einer offenen Auseinandersetzung nur ungern aussetzten. Erst wenn sie feststellten, dass ihre geistigen Kräfte den Gegner bezwungen hatten, getrauten sie sich offen zu zeigen. Ein Vampir alleine war relativ harmlos, so richtig gefährlich machte sie die Masse, deshalb kalkulierte Grettir gleich mit Hunderten von Vampiren. Je mehr, desto besser. Sie potenzierten ihre Kräfte, wenn sie als Gruppe auftraten.

Vom Körperwuchs her glichen sie verwachsenen Gnomen. Sie besaßen einen extrem schlanken Körper, dem man kaum zutraute, den relativ großen Kopf auf den Schultern sicher zu tragen. Das Gesicht wirkte im Großen und Ganzen menschlich, die Augen, die wie glühende Kohlen wirkten, stachen besonders hervor. Ein weiteres Merkmal waren ihre klauenbewährten Hände mit den spitzen, leicht eingerollten Nägeln, die sich durch jeden Knochenplatte bohren konnten.

Wer ihnen alleine begegnete, hatte kaum eine Chance zum Entrinnen, denn ihre Gedanken überfielen die Gegner so schnell, dass ihnen meist keine Zeit mehr zur Abwehr blieb. Zudem erkannten die meisten die Gefahr erst viel zu spät, denn nahezu jeder hielt die Gedanken, die plötzlich in seinem Gehirn auftauchten, für seine eigenen.

Orac stimmte dem ersten Schritt von Grettir zu. Das klang erfolgsversprechend, wenn man die Vampire soweit disziplinieren konnte, dass sie eine ihnen einmal gegebene Aufgabe genau so ausführten wie besprochen.

„Das könnte funktionieren“, bestätigte Orac deshalb.

„Was heißt hier könnte. Es wird funktionieren.“

„Wenn sich die Vampire an den Plan halten“, schränkte Ellinor ein. Also hatte auch sie den Schwachpunkt erkannt, sinnierte Orac.

„Hol mir einen der Vampire her. Am besten einen, der etwas zu sagen hat in ihrer Gruppe“, befahl Grettir dem Chaosfürsten.

Orac widersetzte sich nicht.

Gut zwanzig Minuten später näherte er sich bereits wieder mit einem Gedankenvampir an seiner Hand. Der Vampir begleitete ihn nur widerwillig zu der Burg Grettirs und je näher sie dem Gebäude kamen, um so mehr Kraft musste Orac aufwenden, den Vampir vom Weitergehen zu überzeugen. „Wenn du nicht bald freiwillig mitkommst, schlage ich dir deinen Kopf zu Brei“, drohte Orac, als sie vor dem Roseneingang standen.

„Will nicht hinein!“, stammelte der Vampir. „Böser Ort. Macht Kopf ganz krank und leer.“

„Das bewirkst wohl du. Los, komm jetzt, dein Herr und Meister wartet da drinnen auf dich.“

„Ich will ihn nicht kennenlernen. Ich will wieder frei sein.“ Diese letzte Äußerung bezog sich darauf, dass Orac seinen Geist im Augenblick unterdrückte. Nur auf diese Weise besaß der Chaosfürst nämlich Gewalt über die Gedankenvampire.

„Du wirst bald wieder frei sein, aber zuerst müsst ihr alle eine Aufgabe für ihn erledigen. Er wird dir genau erklären, was du zu tun hast.“

Orac zog den Vampir mit seinen überlegenen Kräften einfach durch das Tor. Der Vampir hatte sich in der Minute, die das Gespräch angedauert hatte, etwas beruhigt und in seinem Widerstand etwas nachgelassen, darum übertölpelte ihn nun der überraschende Vorwärtsschwung und, einmal in Bewegung, stolperte er Orac hinterher, der seine Hand nicht losließ.

Gleich darauf standen sie Grettir gegenüber.

Grettir saß am Kopfende eines wuchtigen Tisches und hatte offensichtlich auf Orac und den Gedankenvampir gewartet. Ellinor ließ sich nirgends blicken. Vielleicht hatte sie Grettir mit einer ähnlichen Aufgabe losgeschickt. Auch Ordnung war nicht zu sehen.

Das war vielleicht gut so, denn alle Feinde der Gedankenvampire auf einem Platz versammelt zu sehen, hätte die Entscheidungsfreude des Chaosgeschöpfes vermutlich nicht erhöht, sondern eher gesenkt.

Der Vampir bemühte sich um eine gerade Haltung, aber er konnte das Zittern, das seinen Körper schüttelte, nicht verbergen.

Grettir nahm darauf keine Rücksicht.

„Jetzt hör' mir gut zu“, sagte er mit einem befehlenden Tonfall, „und behalte alles, was ich dir nun sage, denn ich mache dich persönlich verantwortlich dafür, wenn unser Vorhaben scheitert. Wir heißt du übrigens?“

„Sieben, Herr, ich bin Nummer Sieben,“ kam mit schwacher Stimme die Antwort.

„So, so, das heißt, es gibt noch sechs Vampire, die mehr als du zu sagen haben?“

„Ja, Herr!“

„Nein, Herr!, muss das heißen. Du bist jetzt Eins! Du führst die Gedankenvampire in die nächste Aufgabe. Und jetzt horch gut zu ...“

Grettir klärte Eins darüber auf, was er von ihnen erwartete. Als der Vampir den Plan begriffen hatte, beruhigte er sich, denn das, was sie zu erledigen hatten, war genau das, was sie eigentlich immer taten. Eins stellte sich das nicht schwer vor und getraute sich auch zu, diesen Plan über einen längeren Zeitraum im Gedächtnis zu behalten.

Mehr Sorge bereitete ihm dabei nur der Gedanke, was die Nummern eins bis sechs dazu sagen würden, dass er plötzlich über ihnen stehen sollte.

Ihm entrang sich ein Seufzer, der von Grettir nicht unbemerkt blieb.

„Du hast Einwände gegen meinen Plan?“, erkundigte er sich scheinheilig. Sollte Eins etwas einzuwenden haben, sollte ihm das schlecht bekommen.

Der Gedankenvampir schüttelte schnell den Kopf. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass es seiner Gesundheit zuträglicher war, wenn er nicht widersprach. Deshalb rang er sich zu einer ehrlichen Antwort durch. „Ich war Nummer sechs. Wie soll ich das jetzt Eins erklären?“

„Überhaupt nicht. Du wirst sehen, dass das absolut kein Problem darstellt. Ich bin dein Herr – und ich schaue auf meine Leute.“

Tatsächlich bekam Eins keine Schwierigkeiten.

Als er nämlich bereits in der Nacht zu seiner Horde zurückkehrte, fand er diese in heller Aufregung vor. Kurioserweise erwiesen sie ihm bereits alle Ehren, obwohl sie noch gar nicht wissen konnten, dass er jetzt Eins war.

„Was ist geschehen?“, erkundigte er sich.

„Tot, Eins bis Sechs sind tot. Sie haben sich gegenseitig umgebracht, einfach so. Aus einem nichtigen Grund sind sie aufeinander losgegangen, und plötzlich waren alle sechs tot. Nun bist du Eins.“

Dann setzte sich Eins nieder und erzählte von Grettir und von der Aufgabe, die er ihnen übertragen hatte.

Manchen von ihnen lief nach der Erzählung ein kalter Schauer über den Rücken, denn der Streit der alten Führung erschien nun manchem in ganz neuem Licht, und einige begannen bereits zu ahnen, was geschehen könnte, wenn sie nicht gehorchten.

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3

Soas

Tilor schwebte mit weit ausgebreiteten Flügeln hoch über der SEEWOGE. Geschickt nutzte er die immer wieder aufsteigenden Luftströmungen aus und konnte so ohne viel Kraftaufwand seine Kreise drehen. Wie ein kleiner Punkt schwamm die SEEWOGE unter ihm. Seine scharfen Augen konnten die einzelnen Männer an Bord ausmachen.

Gute zweitausend Meter unter Tilor ritt Oby auf einem Sonnenstrahl und blickte nach Norden, wo sich eine gewaltige Wolkenfront näherte. Er musste rechtzeitig zurückkehren, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, seinen sicheren Halt in der Luft zu verlieren. Anders als Tilor, der mächtige Adler, war er auf ein helfendes Medium angewiesen, das ihm das Fliegen ermöglichte. Die Front hatte sich schnell genähert. Wie ein Turm ballten sich die Wolken, voraus eine noch weiß in der Sonne glitzernde Wolkenformation, dahinter türmten sich aber bereits dunkler werdende Wolkenberge auf, die zum Hintergrund hin ihre Farbe zu Schwarz färbten.

Tilor, Fellahrds Wappentier, genoss die Aufwinde, welche der Wolkenformation voran eilten. Er schraubte sich weiter in die Höhe. Er wollte die Ausmaße der Gewitterfront erkunden.

An Deck der SEEWOGE stand Fellahrd an der Heckreling. Fast regungslos stand er da, die Augen geschlossen, als blicke er in sein Inneres. Und in der Tat verhielt es sich auch so. Er sah mit den Augen Tilors die Gewitterfront herannahen.

An Deck war die Wolkenformation natürlich ebenfalls auszumachen, konnte in ihren gewaltigen Ausmaßen jedoch nicht überblickt werden.

Fellahrd löste sich von Tilor. Augenblicklich entspannte sich seine Haltung und er öffnete seine Augen.

„Was sieht dein Adler?“, erkundigte sich Ustra D'Ar.

„Der Sturm hat eine ganz schöne Ausdehnung. Aber es ist ein natürliches Wetterphänomen. Diesen Sturm schickt uns auf jeden Fall nicht Grettir entgegen. Er hat damit nichts zu tun.“

„Dann werden wir ihn auch mit Geschick überstehen können“, zeigte sich Ustra erleichtert.

„Eine gute Stunde bleibt uns noch“, sagte Fellahrd.

„Das Schiff ist bereit. Aber wie steht es um Tilor? Wird er zurückkehren?“

„Vermutlich nicht. Er kann sich hoch hinauf schwingen und den Sturm in sicheren Höhen überfliegen und abwarten, bis er abklingt.“

Oby landete in diesem Augenblick neben ihnen. Er setzte sich auf die Reling und strich seine Haut glatt, die ihn wie ein Ballon umgab.

„Tilor hat es gut“, meinte er. „Er kann dem Sturm entgehen. Mich zwingt er, an Bord zu bleiben.“ Als Treiter, genau ausgedrückt als Troll-Reiter, besaß er die Fähigkeit, Sonnenstrahlen als Reittier zu benutzen. Solange die Sonne schien, besaß er eine Bewegungsfreiheit, um die ihn viele beneideten. Blieb die Sonne allerdings aus oder hielt sich gar hartnäckig eine Schlechtwetterperiode, dann konnte Oby schnell in Trübsinn verfallen. Die lange Gefangenschaft in Mo, die Oby zusammen mit seinem Meister Soas in Mykos' Kerker eingesperrt gehalten hatte, hatte ihn fast in eine Depression gestürzt. Dementsprechend empfand er es nun als schmerzlich, wenn er wieder zur Unbeweglichkeit verdammt war, wenn auch ein natürlicher Grund dafür verantwortlich zeigte.

Oby war ungefähr einen Meter groß. Als einziges Kleidungsstück trug er eine Wildlederhose, die ihm knapp bis zu den Knien reichte. Das Zuviel an Haut, die er wie ein zusätzliches Kleidungsstück trug und die er manchmal einrollte, war von zahlreichen Runzeln durchfurchtet. Diese Überfülle an Haut machte ihn so ziemlich temperaturunabhängig. Er genoss die brütende Hitze ebenso wie die stärksten Regengüsse, wenn er auch die Sonne aus naheliegenden Gründen bevorzugte.

„Sei nicht ungerecht, Oby“, meinte Fellahrd schmunzelnd. „Ich bin fast sicher, Tilor würde mit dir tauschen, wenn er dazu fähig wäre.“

*

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ALS DIE SEEWOGE IN Atlantis in See stach, brannte die Sonne heiß vom Himmel herab. Das Meer lag ruhig und ein steter Wind trieb das Schiff rasch vorwärts. Es segelte in fast direkter Linie Richtung Norden. Eine gute Woche blieb das Wetter konstant. Dass sie sich den nördlichen Gefilden näherten, merkten sie am ehesten daran, dass die Tage merklich kürzer wurden.

Jetzt, nach gut eineinhalb Wochen Fahrt, näherten sie sich Borea, und Borea begrüßte sie gleich mit einem aufkommenden Sturm.

Die Temperatur sank jeden Tag um einige Grade und die Matrosen waren froh um jedes Kleidungsstück, das sie anlegen konnten. Der Wind brachte eine schneidende Kälte mit sich, der kaum Herr zu werden gelang. Dies trübte zwar die Gemütslage vieler an Bord, aber insgesamt herrschte noch eine positive Stimmung.

Dann war es für mehrere Matrosen das erste Mal, dass sie Schneeflocken sahen. Anfangs bestaunten sie noch das Wunder, doch bald gewöhnten sie sich daran und nahmen die Flocken einfach hin, später jedoch sollten sie den Schnee richtig hassen.

Aber noch war es nicht so weit.

Das Unwetter kam mit ursächlicher Gewalt über das Schiff. Meterhohe Wellen ließen es manchmal gefährlich schaukeln und drückten es nahezu unter Wasser, aber immer wieder richtete sich das Schiff auf. Fast drei Stunden kämpften Ustra und seine Matrosen, bis sie spürten, dass der Sturm an Kraft verlor.

Das Meer zeigte sich nach wie vor aufgewühlt und mächtige Brecher wogten gegen die Schiffswand, aber Ketan am Steuer hielt die SEEWOGE auf Kurs. Der orkanartige Wind ließ mehr und mehr nach. In seinem Gefolge brachte er ein dichtes Schneetreiben, das die Sicht mehr und mehr einschränkte. Als der Wellengang es zuließ, die erforderliche Richtung wieder einzuschlagen, hatte Ketan die Orientierung längst verloren und das dichte Schneetreiben ließ nicht zu, dass man auch nur ungefähr die momentane Position bestimmen konnte.

Fellahrd war es, der sich zu dieser Stunde neben Ketan an das Steuer begab.

„Tilor soll uns den Weg weisen“, sagte er und konzentrierte sich.

Seine Gedanken schweiften aus und bald hatte er den Adler gefunden. Ihre Gedanken verlinkten sich. Schnell begriff Tilor, worauf es ankam. Das Schneegestöber behagte zwar auch ihm nicht, aber gehorsam sank er herab, bis seine scharfen Augen das Schiff wahrnehmen konnten. Fellahrd sah durch die Augen des Adlers und gab diese Informationen an Ketan weiter.

So kam es, dass mitten in ärgsten Schneegestöber ein fremdes Schiff zielsicher den Hafen von Borea ansteuerte.

Als schemenhaft die Hafenküste vom Ausguck erspäht wurde, ließ Ustra das Großsegel einholen. Mit der Restgeschwindigkeit hielt er weiterhin auf den Hafen zu, wenn auch das Schiff ständig an Geschwindigkeit verlor, aber das Kleinsegel trieb das Schiff sicher der Hafen entgegen.

Dann war der Hafen undeutlich auch vom Schiff aus zu sehen. Für Sekunden öffnete sich der Vorhang aus Schneeflocken und gab dann jedes Mal den Blick nach vorne frei.

Der Leuchtturm ragte finster vor ihnen auf. Kein Leuchtfeuer warnte die Seefahrer oder diente als Orientierungshilfe.

Bei diesem Wetter hatte vermutlich selbst der Leuchtturmwächter es für unmöglich gehalten, dass jemand so verrückt sein konnte und die Fahrt fortsetzte, deshalb kam kein Lichtzeichen vom Leuchtturm, keine Warnung vor weiteren Unwägbarkeiten, die einem Schiff drohen konnten.

„Vorsicht! Eisdecke voraus!“, meldete der Ausguck.

„Segel runter!“, befahl Ustra sofort. Dieses Befehls hätte es nicht bedurft, denn nahezu gleichzeitig mit der Meldung stiegen die ersten Matrosen in die Höhe und lösten das Kleinsegel aus seiner Halterung.

Ustra nickte befriedigt, dann eilte er selbst an den Bug und spähte in das Schneegestöber voraus. Er blickte nur in eine graue Masse, die ständig in Bewegung war und keinen klaren Blick zuließ.

Das Schiff verlor immer mehr Geschwindigkeit, doch immer noch schob es sich unaufhaltsam auf den Hafeneinschnitt zu, in den es Fellahrd und Tilor geleitet hatten.

Viel zu schnell für das Empfinden von Soas.

Dann machte Ustra die Eisdecke selber aus.

In der verlängerten geraden Linie, wenn man zum Hafen blickte, musste es eine Fahrtrille gegeben haben, denn die Eisdecke schien hier dünner und machte einen ebenen Eindruck. Hier hatten sich noch keine Eisschollen gegeneinander geschoben. Aber auch hier lag viel Neuschnee auf der Eisdecke.

„Wird das Eis das Schiff nicht aufschlitzen?“, erkundigte sich Soas besorgt.

„Wir peilen die ehemalige Fahrtrille an. Dort wird das Eis nicht zu dick sein. Das müsste die SEEWOGE bewältigen können. Außerdem verfügt die SEEWOGE über einen mit Eisen verstärkten Kiel und Bug, aber sicher kann man sich natürlich nie sein.“

Die Stimme Ustras klang beruhigend. Soas verstand nun, weshalb Ustra das Schiff weiterhin Richtung Hafen lenkte und nicht bereits hier in Sichtweite des Hafens Anker setzte.

Nur mehr langsam trieb das Schiff nun vorwärts. Bald schon konnte selbst Soas die Eisfläche ausmachen und erkannte auch die einstige Fahrtrinne als solche, da sie sich in ihrer Farbe deutlich von der Umgebung unterschied. Der Schnee hatte eine monotone weiße Decke gebildet. Links und rechts bildeten zahlreiche Eisbrocken eine unregelmäßige Fläche.

Dann gab es plötzlich einen heftigen Stoß.

Die SEEWOGE war gegen die Eisdecke gestoßen.

Ein Laut ertönte, der wie das Klagen von einer Weiberrunde bei einem Begräbnis klang. Eine Wolke von Eissplittern löste sich und breitete sich nach allen Seiten aus. Dann klang ein Knirschen auf, das Geräusch von brechendem Eis. Die SEEWOGE legte noch einige Meter zurück, sie schaffte es bis circa zwanzig Meter vor den Hafen.

„Los Männer!“, rief Ustra, „bewaffnet euch mit allen möglichen schweren Gegenständen, die letzten Meter bis zur Hafenmauer schaffen wir auch noch.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738914184
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
grettirs welt gondar

Autor

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Titel: Grettirs Welt: Gondar #3