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CHACO – Das Halbblut #31: Der letzte Verräter

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der letzte Verräter

Klappentext:

Roman:

CHACO – Das Halbblut

 

Band 31

 

Der letzte Verräter

 

Ein Western von Joachim Honnef

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Das Konzept zur CHACO-Serie wurde von Dietmar Kuegler entwickelt

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Wieder wird ein Armeetransport auf dem Weg nach Lordsburg überfallen. Der Verdacht liegt nahe, dass irgend jemand im Arizona-Department der Armee einer Banditenbande entsprechende Tipps gibt. Chaco Gates und sein Partner Tony Burgess bekommen den Auftrag, einen gewissen Jim Callum aus Lordsburg abzuholen. Er war ein Mitglied der Wachmannschaft und kennt vermutlich auch die Hintermänner dieser verräterischen Überfälle. Er sitzt im Gefängnis von Lordsburg und soll zu seiner Hinrichtung ins Fort zurückgebracht werden. Das Department hofft natürlich noch darauf, dass Callum die Namen seiner Hintermänner preisgeben wird, bevor er stirbt.

Es ist ein riskanter Job für Chaco und Burgess. Denn bereits auf dem Weg nach Lordsburg gibt es die ersten Probleme. Aber das ist erst der Anfang eines gefährlichen Abenteuers ...

 

 

 

 

 

 

Roman:

Die Fahrt nach Albuquerque führte mitten durch die Hölle. Denn nicht nur draußen im heißen Land lauerten die Killer - auch in der Kutsche saß der Tod.

Der Fahrer des Conestoga-Wagens ließ die Peitsche knallen und trieb das Gespann an.

Der schwerbeladene Wagen rumpelte die Steigung hinauf.

Besorgt blickte der Beifahrer zum Himmel, an dem sich dunkle Regenwolken ballten.

„He, Randy“, rief er dem Kutscher zu. „Mein Hühnerauge sagt mir, dass bald der große Regen kommt. Kannst du’s nicht ein bisschen schneller?“

Randy warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Ich schon, aber diese verdammten Gäule nicht. Fred, wenn du nicht mit der ewigen Meckerei aufhörst, dann kannst du fahren.“

„Ich kann es auch nicht besser als du“, antwortete Fred grinsend.

Sie waren beide keine erfahrenen Kutscher. Genauer gesagt: Es war das erste Mal, dass sie mit einem Gespann umgehen mussten.

Sie waren Soldaten.

Randolph Kinsley war Sergeant, Alfred Pelham, der Mann neben ihm auf dem Kutschbock war Lieutenant.

Der Kutscher Jake Trafford lag im Wagen. Er hatte sich einen Arm gebrochen und eine Gehirnerschütterung zugezogen. Auf Taylors Pferdewechsel-Station hatte er Taylors elfjähriger Tochter seine Reitkünste demonstrieren wollen.

Das hätte er besser nicht versucht.

Denn das Pferd hatte nicht so gewollt wie der Reiter und ihn abgeworfen.

Seither musste Sergeant Randy den Wagen fahren.

„Dieser Dummkopf von Trafford“, sagte der Sergeant zum wiederholten Mal. Und es folgten einige Flüche über Kutscher, über die Armee und über den Job.

„Lass deine Meinung über die Armee nicht einen Vorgesetzten hören“, sagte der Lieutenant grinsend. „Der könnte das in seinem Bericht erwähnen.“

Randy lachte. Denn Lieutenant Pelham war sein Vorgesetzter.

„Na und? Was juckt mich das?“, rief Randy. „In vier Wochen werde ich entlassen. Ob mit Streifen oder ohne ist mir schnurzegal. Ich sage immer: Die Uniform macht nicht den Menschen aus. Auch nicht der Dienstgrad ist entscheidend.“ Er bedachte Pelham mit einem Seitenblick. „Ich kenne zum Beispiel einen Lieutenant, der gar nicht so übel ist, solange er in Zivil rumläuft.“

Der Lieutenant lachte. „Ich kenne einen Sergeant, der in Zivil und in Uniform immer der gleiche Hurensohn ist. Wie du schon sagtest: Die Uniform macht nicht den Menschen.“

„Du bist der ekelhafteste Vorgesetzte, der mir bei dieser ekelhaften Armee je begegnet ist. Ich überlege gerade, ob ich dich überhaupt zum Abschiedsbesäufnis einlade.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein, deinen Abgang zu feiern. Aus dir wäre nie ein richtiger Soldat geworden. Die Armee dankt dir für dein Abschiedsgesuch, und ich danke dir für die nette Einladung.“

Randy nickte grinsend.

Sie kannten sich seit über zehn Jahren und waren an diesen rauen, aber herzlichen Tonfall gewohnt.

Sie waren Freunde geworden.

Eine Weile waren nur die Fahrgeräusche zu hören. Dann rief plötzlich Trafford, der verhinderte Kutscher, aus dem Wagen: „He, ihr Helden der Nation, wie weit noch bis Lordsburg? Wir müssten doch schon längst da sein. Oder habt ihr euch verfahren?“

„Halt die Klappe, du Drückeberger“, gab der Sergeant grimmig zurück. „Wenn’s dir nicht schnell genug geht, kannst du ja laufen. Wenn wir in Fort Bowie eintreffen, werden wir dich ohnehin vor ein Kriegsgericht bringen, du Meisterreiter.“

Der Kutscher fluchte mit gepresster Stimme. „Ich bin Zivilist, ihr verdammten Army-Hengste. Ihr könnt mich mal.“

„Reg ihn nicht auf, Randy“, mahnte der Lieutenant. „Er ist ein armer, kranker und gebrechlicher Zivilist.“

Randy rief: „He, Trafford, was macht deine Birne? Immer noch erschüttert?“

„Ja, verdammt“, erwiderte der verletzte Kutscher missmutig.

„Na ja, ’ne Gehirnerschütterung kann’s ja wohl nicht sein“, brüllte Randy.

„Wieso nicht? Na klar ist das eine.“

„Unmöglich“, gab Randy zurück und zwinkerte dem Lieutenant zu. „Wer weiß, was bei dir erschüttert ist, Trafford - das Gehirn jedenfalls nicht. Wo nichts ist, kann nichts erschüttert werden.“

Trafford fluchte.

Der Wagen schlingerte über felsigen Boden einen Abhang hinab.

Der Lieutenant stemmte sich gegen das Wagenbrett, zog seinen Hut tiefer in die Stirn und spähte aus engen Augen über das Land.

„In ’ner knappen Stunde müssten wir da sein!“, rief er Randy zu.

Der Sergeant nickte. „Eine gemütliche Rast, und dann reißen wir das letzte Stück bis zum Fort auf einer Backe ab. Na, ist doch alles prächtig gelaufen, abgesehen von Traffords Ausfall.“

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, sagte der Lieutenant.

„Du bist ein Pessimist“, sagte Randy. „Was soll schon noch passieren? Keine einzige Rothaut hat sich sehen lassen, und welcher weiße Bandit sollte Interesse an einem Wagen mit Mehl und Salz haben?“

Der Lieutenant lachte. Dennoch wurde er das unbehagliche Gefühl nicht los, das ihn immer wieder befiel, wenn er an den Job dachte.

Sie transportierten nicht nur Mehl und Salz, sondern Gewehre und Munition für Fort Bowie.

In den letzten Monaten waren einige größere Waffen- und Munitionstransporte der Armee überfallen worden. Von Apachen, aber auch von weißen Banditen, die ihre Beute wiederum an die Indianer verkauften.

Seit kurzem war die Armee zu einer neuen Taktik übergegangen: Statt großer Transporte, die durch auffällige Eskorten geschützt werden mussten, versuchte man es mit kleineren, unauffälligen Lieferungen.

Bisher hatte sich das bewährt.

Natürlich war ein einzelner Wagen mit nur zwei Soldaten in Zivil und einem Fahrer leicht zu kapern. Aber die Transporte wurden geheim durchgeführt und gingen über die großen Postkutschen-Strecken. Wer konnte schon ahnen, ob sich ein Überfall lohnte? Der Conestoga-Wagen trug die Aufschrift eines Stores. Und die Waffen und Munition waren gut unter der anderen Fracht versteckt.

Ein Blitz zuckte über den grauen Himmel. Donner grollte in der Ferne.

Der Trail führte eine Steigung hinauf.

„Lauft, ihr müden Möpse!“, brüllte Randy und griff wieder zur Peitsche. „Wir wollen in Lordsburg sein, bevor ...“

Der Rest ging im Krachen eines Gewehrschusses unter.

Das rechte Führpferd brach schrill wiehernd zusammen.

Randy hatte Mühe, die Kontrolle über das Gespann zu behalten.

Wieder blitzte und krachte es zwischen den Felsen am Rande des Trails.

Eine Kugel tötete das zweite Führpferd.

„Stopp!“, rief eine harte Stimme.

Die Aufforderung war im Grunde überflüssig. Die Last der beiden toten Führpferde bremste ohnehin das Gespann.

Randy tauschte einen schnellen Blick mit Pelham und knurrte: „Da haben wir den Regen!“

„Ruhe“, mahnte der Lieutenant. „Und kein Risiko eingehen.“

Als der Wagen stand, ertönte zwischen den Felsen wieder die harte Stimme: „Werft eure Waffen runter und steigt ab, oder wir schießen euch vom Bock!“

Die beiden Soldaten gehorchten. Was blieb ihnen anderes übrig? Von den Banditen war nichts zu sehen. Sie hatten sich einen günstigen Platz für ihren Überfall ausgesucht.

„Hoffentlich fallen sie auf unseren Bluff herein und begnügen sich mit Mehl und Salz“, raunte Randy.

Dann tauchten die Banditen zwischen den Felsen auf.

Vier Männer.

Alle hielten Gewehre im Anschlag.

Der Anführer des Quartetts war groß und unglaublich mager. Sein kariertes Hemd war sicherlich zwei Nummern zu groß. Die vor Schmutz starrende Hose schlotterte ebenfalls um seinen Körper.

Von weitem hätte man den Mann für einen heruntergekommenen Farmer halten können.

Heruntergekommen war er, aber er war ebensowenig ein Farmer wie die anderen drei.

Er war auch kein kleiner Strauchdieb, wie die beiden Soldaten annahmen.

Er war ein gnadenloser Killer.

Er starrte die beiden Männer aus tiefliegenden, graublauen Augen an. Sein Blick war stechend, und irgend etwas am Ausdruck dieser Augen ließ die beiden Soldaten frösteln.

Die schmalen Lippen des Banditen verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen.

„Wo ist der dritte Mann?“, fragte er ruhig, fast gelangweilt.

„Welcher dritte ...“, begann Randy.

Der Bandit hob wortlos sein schussbereites Gewehr an und drückte ab.

Sergeant Randolph Kinsley brach tödlich getroffen zusammen.

Der Lieutenant starrte fassungslos auf die Leiche seines Freundes, vor Entsetzen wie gelähmt.

Der Verbrecher hebelte eine Patrone in die Kammer seiner Winchester und sagte wie im Plauderton: „Ich hatte ihn etwas gefragt, und wenn ich frage, will ich eine vernünftige Antwort.“ Er ruckte mit dem Gewehrlauf. „Also ...?“

Der Lieutenant schluckte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er konnte nicht sprechen. Er wies zum Wagen. Seine Hand zitterte.

Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde der Verbrecher wieder schießen. Die Mündung der Winchester zielte auf den Lieutenant. Der Finger bewegte sich am Abzug.

Doch dann lachte der Bandit.

Er hatte gerade einen Menschen getötet und lachte!

„Mach dich nicht nass“, sagte er spöttisch. Dann hob er die Stimme: „Klettere vom Wagen, oder wir holen dich!“

„Nicht schießen!“, rief Trafford, und seine Stimme verriet Panik. „Nicht schießen!“

Der Lieutenant schluckte. Er stand noch unter einem Schock.

„Er ist verletzt“, sagte er zu dem Verbrecher, und er wunderte sich, dass seine Stimme so erstaunlich ruhig klang, dass plötzlich eine Eiseskälte in ihm war, wie er sie noch nie empfunden hatte.

Trafford kletterte vom Wagen. Der rechte Arm des Kutschers war von dem Stationsmann Taylor geschient worden. Um den Kopf trug er einen Verband, denn er hatte sich beim Sturz vom Pferd eine Platzwunde zugezogen.

Sein Gesicht war fast so weiß wie der Verband.

Sein Blick irrte von dem Verbrecher zu Randys Leiche, und seine Lippen begannen zu zittern.

„Na also“, sagte der Verbrecher zufrieden. Er warf einen Blick über die Schulter und rief: „Rick, sieh dich mal auf dem Wagen um!“

Einer der Banditen lief zum Heck, schwang sich auf die Ladefläche hinauf und verschwand unter der Zeltplane.

„Mister“, sagte der Lieutenant, „wir sind Händler, auf dem Weg ...“

Sein gellender Aufschrei ging im Krachen des Schusses unter.

Lieutenant Pelham wurde vom Einschlag der Kugel herumgewirbelt. Er prallte gegen das hintere Wagenrad und sackte daran herab.

Die Kugel hatte ihn in die Brust getroffen.

Er rührte sich nicht mehr, aber er war nicht tot.

„Den hatte ich nichts gefragt“, sagte der Verbrecher kalt und starrte Trafford an. Er schüttelte den Kopf und sagte in spöttischem Tonfall: „Was habt ihr nur für eine Disziplin bei der Armee?“

Der Lieutenant war am Rande einer Ohnmacht, aber er bekam diese Worte mit. Der Schwerverletzte brauchte einen Augenblick, bis er den Sinn begriffen hatte.

Armee! durchfuhr es ihn, schon halb im Unterbewusstsein. Sie wissen, dass wir Soldaten sind. Sie wissen von dem geheimen Transport...

„Was ist, Rick?“, rief der Anführer der Verbrecher ungeduldig. „Ich erwarte deine Meldung.“

„Alles klar“, ertönte Ricks Stimme vom Wagen. „Es ist der richtige Wagen.“

„Na also“, sagte der Anführer. Wieder spielte dieses triumphierend spöttische Lächeln um seine dünnen Lippen. „Wäre doch schade gewesen, wenn meine Informationen nicht gestimmt hätten.“ Er warf einen Blick zu den beiden reglosen Gestalten. „Dann wären die Leute ganz umsonst gestorben.“

Informationen! dachte der verletzte Lieutenant. Verrat! Jemand muss den Transport verraten haben ...

Dann wurde es dunkel um ihn. Eine Ohnmacht erlöste ihn von den Schmerzen, die in seiner Brust tobten.

Der Anführer der Verbrecher blickte den Kutscher an. „Was hast du denn mit deinem Arm und dem Kopf gemacht?“, fragte er wie im Plauderton.

„Ein Unfall“, beeilte sich der Kutscher zu sagen. Seine Stimme klang vor Angst wie erstickt.

„Tut das weh?“, fragte der Verbrecher.

Todesangst ließ den Kutscher würgen. Er nickte hastig und blickte in die Mündung der Winchester, die der Bandit wie unbeabsichtigt auf ihn gerichtet hielt, und die er nach dem zweiten Schuss repetiert hatte.

Der Verbrecher drückte ab.

Mitleidlos blickte er dann auf Traffords Leiche hinab.

Es herrschte Stille.

Langsam wandte sich der Mörder zu seinen Kumpanen um. „Was ist los, warum glotzt ihr mich so an?“

Sie waren hartgesottene Verbrecher, doch auch sie wirkten jetzt schockiert, betroffen.

„War das nötig, General?“, sagte einer von ihnen mit heiserer Stimme. „Ich meine, wir hätten sie auch laufenlassen können. Ich meine, wenn wir den Coup maskiert durchgeführt hätten ...“

„Was du meinst, interessiert mich nicht“, sagte der Anführer kalt. „Ich habe die Sache an Land gezogen, und ich habe das Sagen. Hat jemand etwas dagegen?“

Keiner der Banditen sagte etwas. Keiner hielt dem stechenden Blick der blau-grauen Augen stand.

„Okay. Holt die Pferde und Packtiere.“ Er blickte zum Himmel. Die ersten Regentropfen fielen. „Und beeilt euch mit dem Umladen der Beute. Ich habe keine Lust, hier im Regen rumzuhängen.“

 

*

 

Captain Mike Anderson schüttelte den Kopf. „Erwachsene Männer. Prügeln sich wie dumme Jungen! Ein Glück, dass mein Adjutant rechtzeitig eingreifen und Schlimmeres verhindern konnte.“

Chaco strich sich über die Beule am Hinterkopf und lächelte etwas gezwungen. „Er hätte ruhig etwas sanfter zuschlagen können.“

„Wir hatten die Jungs gerade so richtig im Griff“, sagte Tony, der mit Chaco im Büro des Captains saß.

Mike Anderson hatte Mühe, eine ernste Miene zu behalten.

„Das sehe ich“, sagte er und blickte von Chaco zu Tony.

Tony, mit vollem Namen Anthony Burgess, war zweiunddreißig, mittelgroß und schlank. Sein tiefgebräuntes Gesicht mit den braunen Augen, dem kastanienfarbenen Schnurrbart und dem markanten Kinn schien niemals ganz ernst zu sein. Es hatte den Anschein, als lächelte er immer leicht.

Selbst jetzt, obwohl sein linkes Auge geschwollen war und sein Gesicht zahlreiche Schrammen aufwies.

Auch seine Kleidung war ramponiert. Sein weißes Hemd war blutig und an der Brust eingerissen, von der roten Samtschleife fehlte die Hälfte, einige Knöpfe des Jacketts fehlten, und die schwarze Tuchhose hatte auch schon eleganter ausgesehen.

Chaco sah ebenfalls recht mitgenommen aus. Er hatte bei der Schlägerei nicht nur die eine Beule abbekommen. Seine rechte Wange wies eine blutige Schramme auf. Sie stammte von einem Stuhlbein.

„Falls es Sie interessiert, Captain“, sagte Tony mit einem schiefen Grinsen. „Die anderen sehen auch nicht besser aus als wir.“

Der Captain schüttelte von neuem den Kopf. „Ja, ich hörte soeben davon. Musste das denn sein?“

„Eigentlich nicht“, erwiderte Chaco trocken.

„Gegen sechs Mann hättet ihr zwei doch keine Chance gehabt. Gut, dass Winters ...“

„Doch“, unterbrach Tony den Captain. „Es ging genau auf. Drei für jeden von uns.“

Die Augen des Captains funkelten amüsiert.

„Wer angefangen hat, ist ja geklärt worden. Nach Aussage des Barmannes war es Corporal Hendrix, der Sie angegriffen hat. Er muss mit einer Disziplinarstrafe rechnen. Mich interessiert trotzdem, weshalb ihr beide euch nicht zurückgehalten habt.“

„Da war nicht viel zurückzuhalten“ sagte Tony. „Ein Wort ergab das andere, und plötzlich ging es Schlag auf Schlag. In meinem Bier schwamm ’ne tote Fliege. Der Corporal griff mit drei Fingern in mein Bierglas, manschte darin herum, so dass Bier und Schaum überschwappten und sagte: ,Da ist ’ne Fliege drin1. Ich sagte ihm: ,Das ist meine Fliege, und meine Fliege geht dich nichts an. Wenn du dir die dreckigen Finger waschen willst, dann bitte nicht in meinem Bier.“ Da schlug der Knabe gleich los. Er war ziemlich blau, und ich konnte leicht mit ihm fertig werden. Aber dann mischten sich seine Kameraden ein ...“

„Als gleich ein paar Mann über Tony herfielen, fürchtete ich um seine edlen Gesichtszüge“, warf Chaco ein.

„Und dann ging’s rund“, vollendete Tony mit einem Schulterzucken.

Captain Mike Anderson blickte noch einmal von einem zum anderen, dann erhob er sich hinter seinem Schreibtisch, schritt zum Fenster und blickte hinaus.

Als er sich wieder umwandte, war seine Miene sehr ernst.

Chaco kannte den Captain lange genug, um zu ahnen, dass Anderson sich längst mit einem anderen Thema beschäftigte.

Der Captain hatte sie nicht zu sich bestellt, um Einzelheiten über den Zwischenfall im Saloon zu erfahren. Seit Tagen hielten sie sich für einen neuen Job bereit...

Da sagte der Captain auch schon: „Ich habe einen neuen Auftrag für euch. Ihr erinnert euch, dass mit eurer Hilfe ein Verräter in der Wachmannschaft überführt werden konnte, der gemeinsame Sache mit Banditen machte und geheime Transporte der Armee verriet. Der Mann wurde zum Tode verurteilt.“

Chaco und Tony nickten und warteten darauf, dass der Captain fortfuhr.

„Wir glaubten, die undichte Stelle gefunden zu haben“, sagte Anderson. „Doch das erwies sich als Irrtum. Es muss einen weiteren Verräter geben. Denn schon wieder ist ein Waffentransport überfallen worden. Die Verbrecher gingen mit beispielloser Brutalität vor.“

Der Captain schritt zum Schreibtisch und nahm einen Aktenhefter.

„Es war ein getarnter Transport, streng geheim. Ein Wagen, zwei Soldaten in Zivil, ein Kutscher. Nur einer überlebte den Überfall wenn auch nur für kurze Zeit.“ Der Captain überflog den Bericht und sprach mit ernster Stimme weiter. „Ein gewisser Lieutenant Pelham. Die Verbrecher hielten ihn wohl für tot. Aber er lebte noch, als er gefunden wurde. Bevor er seiner schweren Verletzung erlag, konnte er noch ein paar Worte sagen, aus denen hervorging, dass der Transport verraten worden war. Zumindest zwei Morde gehen auf das Konto des Anführers. Eine Beschreibung der Verbrecher konnte der Lieutenant nicht mehr geben.“

„Wie viele Leute wussten denn außer den direkt Beteiligten von dem Transport?“, fragte Tony.

„Nur das Department in Albuquerque“, sagte der Captain.

„Und wie viele arbeiten da?“, setzte Tony nach.

„Ein halbes Dutzend Personen hat Einsicht in die Materialanforderungen der einzelnen Einheiten und in die Liefertermine.“

„Streng geheim“, sagte Tony spöttisch.

„Geheimer geht’s nun mal nicht“, konterte der Captain mit einem leichten Lächeln. „Unser oberster Boss kann schließlich nicht die Waffen selbst zu jedem Fort bringen, dessen Besatzung verstärkt oder dessen Bestände ergänzt oder erneuert werden. Das alles muss koordiniert, verwaltet, geplant und durchgeführt werden.“

Chaco holte sein Rauchzeug hervor und drehte sich eine Zigarette. „Wir müssen also davon ausgehen, dass ein Verräter in diesem Department sitzt.“

Der Captain nickte.

„Sind die in Frage kommenden Leute überprüft worden?“, fragte Tony.

„Selbstverständlich“, sagte der Captain. „Aber es gibt keinerlei Anhaltspunkt für einen Verdacht.“

Chaco blies einen Rauchring. „Könnten nicht andere von dem Transport erfahren haben? Hier im Fort zum Beispiel wusste man doch auch von der Waffenlieferung?“

Der Captain schüttelte den Kopf. „Von diesem Transport wussten nur das Department in Albuquerque und die drei Männer, die ihn durchführten.“

Der Captain blickte Chaco an, und Chaco spürte, dass Mike Anderson noch nicht alles gesagt hatte.

Mike Anderson ging zu einem Wandschrank und holte eine Flasche Bourbon und zwei Gläser.

„Gute Idee“, murmelte Tony, und als der Captain großzügig eingeschenkt hatte, sagte er: „Trinken Sie nicht mit?“

Der Captain lächelte. „Ich bin im Dienst, und im Dienst trinke ich niemals.“

„Das lobe ich mir“, sagte Tony, trank sein Glas leer und schielte zur Flasche hin. „Einen guten Tropfen haben Sie da.“

Mike Anderson verstand und schenkte Tony von neuem Whisky ein.

Chaco trank einen Schluck Bourbon und zwinkerte dem Captain zu. „Tony ist ein Whiskykenner. Er ist schließlich im Store von Luckenbach geboren worden - gleich neben den Whiskyfässern.“

„Ja, die Story kenne ich“, sagte der Captain lächelnd. „Der schönste Mann von Luckenbach und Umgebung.“

Tony zupfte an den Resten seiner Samtschleife. „Wie war das mit dem Auftrag, Captain? Bevor es losgeht, muss ich mich neu einkleiden. Vorausgesetzt, es gibt einen Vorschuss ..."

Der Captain überging diese dezente Anfrage.

„Ja, kommen wir zur Sache. Wir haben einen Mann, der den Verräter in Albuquerque kennt.“

Er genoss offensichtlich Chacos und Tonys Überraschung.

„Der Mann heißt Jim Callum und sitzt im Gefängnis von Lordsburg. Schnell zur Vorgeschichte: Eine Posse aus Lordsburg verfolgte nach einem Raubüberfall drei Banditen. Zwei konnten entkommen, einer, eben dieser Jim Callum, wurde gefasst und zum Tode verurteilt. Natürlich setzte er alles daran, um seinen Kopf zu retten. Er verpfiff seine Komplizen. Sie konnten gestellt werden und wurden ebenfalls verurteilt. Sie revanchierten sich für den Verrat, indem sie Jim Callum noch mehr belasteten, ihn weiterer Verbrechen bezichtigten. Callum drohte von neuem der Galgen. Da rückte er mit einer anderen Sache heraus. Er erzählte, dass er ein ganz großes Ding aufklären könnte. Er wisse, wer für die Überfälle auf Armeetransporte verantwortlich sei. Ein hohes Tier in Albuquerque, sagte er. Der Sheriff von Lordsburg informierte sofort die Armee. Jim Callum soll nach Albuquerque überführt werden.“

„Warum sagt er nicht in Lordsburg aus?“, fragte Chaco nachdenklich.

„Er kennt den Namen des Verräters nicht. Er hat den Mann nur einmal gesehen, als er mit der früheren Bande einen Auftrag bekam. Callum ist bereit, den Mann zu entlarven, wenn ihm das Gesetz Strafmilderung verspricht.“

„Und?“, fragte Tony. „Ist man auf den Kuhhandel eingegangen?“

„Noch nicht“, erwiderte der Captain. „Das wird erst in Albuquerque entschieden. Aber man wird wohl darauf eingehen. Dem Verräter im Department muss das Handwerk gelegt werden.“ Er blickte ernst von Tony zu Chaco. „Ihr beide bringt den Gefangenen ins Department.“

„Wenn das alles ist“, sagte Tony, und es klang fast ein wenig enttäuscht.

„Da wäre noch eine Kleinigkeit“, sagte der Captain. „Auf einem Weg können Sie die Tochter des Kommandeurs mitnehmen. Sie will nach Santa Fe.“

„Tochter?“, sagte Tony und grinste Chaco verschmitzt an. „Habe ich da richtig gehört?“

„Ja, Miss Ellen Carmichael. Seit Colonel Carmichaels Frau von Apachen getötet wurde, lässt der Colonel seine Tochter niemals ohne Begleitschutz verreisen. Er hat mich gebeten, gute und zuverlässige Leute anzuwerben

„Da haben Sie natürlich sofort an uns gedacht“, sagte Tony. Er nestelte an seiner zerrissenen Samtschleife. „Ich werde mich also in Schale werfen müssen. Sie erwähnten vorhin etwas von einem Vorschuss, Captain?“

Mike Anderson nickte lächelnd. „Über das Finanzielle werden wir uns schon einig. Ich denke ...“

Es klopfte.

Auf Andersons Aufforderung hin wurde die Tür geöffnet, und ein pausbäckiger Corporal erschien. Er grüsste zackig und meldete: „Miss Carmichael, Sir.“

Chaco und Tony wandten sich um.

Dann wirbelte Ellen Carmichael in den Raum. Sie schritt nicht, sie ging nicht, sie wirbelte.

Sie war achtzehn, aber man hätte sie auch für fünfzehn halten können. Sie war klein und zierlich unterentwickelt, wie Tony es später nannte.

Sie trug eine weiße Bluse, unter der sich winzige Hügel abzeichneten, hautenge Levishosen und hochhackige Reitstiefel.

Ihr rotblondes Haar war zu Zöpfen geflochten. Das Gesicht war blass. Eine Stupsnase, grüne Augen, ein Schmollmund.

Die Augen blickten irgendwie gelangweilt.

Sie reichte Anderson die Hand und sagte: „Hallo Captain. Mein Vater sagt, Sie hätten die Leute gefunden.“

Sie sprach Texaner-Slang.

Der Captain nickte. „Ja, Miss Ellen.“ Er wies auf Chaco und Tony. „Das sind die Gentlemen, die Sie begleiten werden.“

Erst jetzt schien das Mädchen die beiden Männer überhaupt wahrzunehmen.

Sie streifte Chaco nur mit einem Blick, schaute dann Tony etwas länger an und sagte schnippisch: „Das sollen Gentlemen sein?“

Es entstand eine kleine Pause, die etwas Peinliches hatte.

Dann stellte der Captain Chaco und Tony vor.

Das Mädchen musterte Chaco von oben bis unten. Ihre Augen verrieten Ablehnung.

Über Tony rümpfte sie ebenso die Nase.

Tony lächelte sie an.

„Warum grinsen Sie so blöd?“, sagte Ellen. Dann wandte sie sich vorwurfsvoll an den Captain: „Wo haben Sie denn diese Typen aufgegabelt? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich mich denen anvertraue. Igitt, nein. Besorgen Sie andere. Nicht so einen Schläger und so einen Indianer. Da wird einer Lady ja angst und bange. Ich werde gleich mit Vater sprechen.“

Sie maß Chaco und Tony noch einmal missbilligend, wirbelte herum und verließ den Raum, ohne sich zu verabschieden.

Die Tür knallte hinter ihr ins Schloss.

Der Captain zuckte mit den Schultern. „Eine recht eigenwillige Person.“

„Persönchen, meinen Sie“, sagte Tony.

„Aus der wird wohl nie ’ne Lady“, murmelte Chaco.

Mike Anderson lächelte. „Ich werde mit dem Kommandeur sprechen. Der Colonel wird euch akzeptieren. Er vertraut mir und lässt mir freie Hand bei der Auswahl von Leibwächtern für Miss Ellen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihre Begleiter erst ablehnt und dann doch gnädig in Kauf nimmt. Um ehrlich zu sein, es ist jedesmal das gleiche Spielchen. Gut, dass sie nicht öfter verreist. Ich habe jedes Mal große Mühe, verlässliche Männer zu ihrem Schutz anzuheuern. Ich kam auf die Idee, euch anzuwerben, weil ihr ja sowieso nach Albuquerque müsst. So hätten wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können ...“

Chaco sagte: „Weiß der Colonel eigentlich, dass wir in Lordsburg einen Gefangenen abholen sollen? Dass dann ein Verbrecher mit seinem Töchterchen reist?“

„Nein, das muss ich ihm noch schonend beibringen.“ Der Captain strich sich über die Wange.

„Du meine Güte“, sagte Tony. „Ich wette, die Sache können wir vergessen. Captain, Sie sollten sich schon mal nach anderen Leibwächtern für das Trotzköpfchen umsehen.“

Er sollte recht behalten.

Der Colonel lehnte ab, als er erfuhr, dass Chaco und Tony - abgerissene Strolche hatte Ellen sie genannt - noch einen anderen Job erledigen sollten.

Mike Anderson engagierte einen Detektiv als Leibwächter für die Tochter des Kommandeurs. Der Mann gefiel Ellen zwar auch nicht, aber schließlich sprach ihr Vater ein Machtwort, und Ellen fügte sich.

Sie fuhren mit der Kutsche.

Chaco und Tony ritten am nächsten Morgen nach Lordsburg. Sie waren froh, dass sie Ellen nicht am Hals hatten. Denn es stellte sich bald heraus, dass sie mit dem Gefangenen schon genug zu tun hatten …

 

*

 

Cindys Hüften zuckten im Rhythmus der Musik.

Der Pianist verspielte sich wieder einmal, aber keiner der männlichen Zuschauer störte sich daran.

Sie waren nicht in den Starlight Saloon gekommen, um Musik zu hören.

Sie waren gekommen, um Cindy zu sehen.

Und sie kamen auf ihre Kosten.

Cindy war schön, verrucht schön.

Ihr flammendrotes Haar flog. Der Blick ihrer nachtschwarzen Augen schien jeden einzelnen Mann im Saloon einzuladen. Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihre schwellenden Lippen.

Sie raffte den Saum des langen grünen Kleides, zog es langsam hoch, aufreizend langsam, und entblößte ihre langen, schlanken Beine.

Cindy trug schwarze Strümpfe, und als sie das Kleid immer höher zog, waren Strapse zu sehen. Schließlich ein schwarzes Spitzenhöschen.

Sie erlaubte den Männern nur kurz einen Blick auf das knappe Höschen, dann ließ sie mit gespielt verschämtem Augenaufschlag das Kleid wieder hinab.

Die Zuschauer pfiffen und johlten.

„Wollt ihr noch mehr sehen?“, rief Cindy mit rauchiger Stimme und schaute herausfordernd in die Runde.

„Ja!“, ertönte es aus vielen Kehlen. „Weiter. Wir wollen alles sehen!“

„Aber ich bin ein armes, unschuldiges Mädchen!“, rief Cindy und hielt beide Hände vor das Oberteil des Kleides, das wie ein Mieder gearbeitet war.

Gelächter brandete auf. Die Zuschauer riefen wild durcheinander.

Cindy warf lachend den Kopf zurück, drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger und lutschte daran, als sei er eine Zuckerstange.

„Ihr Schlimmen, ihr.“

Sie hob die Rechte, und der Pianospieler beendete das Lied.

„Spiel mal was Scharfes“, forderte Cindy ihn auf.

Der Pianist ertastete die richtige Tonart und spielte „Midnight Dream“.

Der Mitternachtstraum Cindys gefiel den Zuschauern.

Cindys Bewegungen wurden immer wilder, ekstatischer. Sie begann, ihr Kleid aufzuknöpfen.

Gebannt verfolgten die Zuschauer die Darbietung.

Nur einer interessierte sich anscheinend nicht besonders für Cindys Schau.

Es war ein unscheinbarer Mann Mitte Vierzig, der einen unsäglich traurigen Eindruck erweckte. Vielleicht trug nicht nur die betrübte Miene dazu bei, sondern auch der schwarze Anzug.

Es sah aus, als käme der Mann gerade von einem Begräbnis, was natürlich pietätlos gewesen wäre.

Gerade fiel Cindys Kleid. Cindy tanzte nur noch in schwarzer Spitzenwäsche. Ihre Haut schimmerte im Schein der Kerosinlampen. Ihre Hände glitten wie streichelnd über ihren Körper.

Der Mann in dem schwarzen Anzug legte eine Geldmünze auf den Tresen, warf noch einen traurigen und irgendwie desinteressierten Blick zu Cindy, deren Tanz auf den Höhepunkt zusteuerte.

Dann verließ er den Saloon.

Komischer Typ, dachte der Bartender. Gerade wenn’s so richtig spannend wird, zahlt der und verduftet. Aber dann nahm Cindy die Aufmerksamkeit des Bartenders wieder ganz in Anspruch, und der seltsame, traurige Fremde war vergessen.

Cindys Blick hatte plötzlich etwas Selbstvergessenes, seltsam Entrücktes.

Als die Musik aufhörte, schien sie wie aus einer Trance zu erwachen. Für einen Moment hatte sie die Blicke der Männer vergessen, die ihren Körper förmlich abtasteten, und sich ganz dem Tanz hingegeben.

Jetzt blickte sie wieder aufreizend lächelnd in die Runde, und jeder einzelne Zuschauer hatte das Gefühl, das Lächeln gelte nur ihm.

Cindy posierte, stemmte die Hände in die Taille und sagte: „Hat’s euch gefallen, Gentlemen?“

Applaus setzte ein. Einige Zuschauer pfiffen und forderten eine Zugabe.

Der Bartender begann schon Bier auf Vorrat zu zapfen, denn in den Pausen zwischen Cindys Auftritten brach jedesmal der große Durst bei den Gästen aus.

„Zugabe!“, rief auch der Bartender, obwohl er wusste, dass Cindy keine geben würde. Jetzt noch nicht.

„Du bist vielleicht ein Schlingel!“, rief Cindy dem Mann hinter dem Tresen zu. „Sorg lieber dafür, dass die Gentlemen endlich etwas zu trinken bekommen.“

Der Bartender lächelte. Cindy verstand es geschickt, den Umsatz anzukurbeln.

„Okay, bei der nächsten Schau gibt’s eine Zugabe“, versprach Cindy dem Publikum. „Bis dahin seid ihr doch noch alle hier, oder?“

Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.

Und die Zurufe aus dem Publikum ließen darauf schließen, dass die meisten Gäste bleiben würden.

Cindy hob ihr Kleid auf, hauchte dem Publikum einen Kuss zu und verschwand hüftschwingend durch die Tür mit der Aufschrift PRIVAT.

Sie gelangte auf einen Gang, von dem zwei Zimmer abzweigten. Rechts die Küche, links der kleine Raum, der ihr als Garderobe diente.

Sie öffnete die Tür.

Das Zimmer war dunkel.

Nur ein schwacher Lichtstreifen fiel durch die fast zugezogenen Vorhänge.

Cindy schritt zum Garderobentisch, rieb ein Zündholz an und zündete die Lampe an.

Dann erschrak sie.

Denn sie sah im Spiegel des Frisiertisches den Mann.

Sie wirbelte herum, presste das Kleid vor ihren Körper urid starrte den Mann an.

Sie hatte ihn vorhin unter den Zuschauern gesehen. Es war der Schwarzgekleidete mit der Leichenbittermiene.

Er hockte auf dem Bettrand und blickte sie betrübt, fast sorgenvoll an.

„Was - wollen Sie?“, stieß Cindy hervor. „Wer sind Sie?“

Der Mann erhob sich langsam.

Cindy wich unwillkürlich etwas zurück.

Der Mann lächelte. Es war ein trauriges Lächeln.

„Ich“, sagte er beinahe feierlich, „bin Ihr Freund, der Killer.“

 

*

 

Der Sheriff von Lordsburg las Steckbriefe, als Chaco und Tony das Office betraten.

Er blickte nur kurz auf, musterte die beiden Besucher und vertiefte sich wieder in einen Steckbrief.

„Guten Abend“, murmelte Chaco.

Der Sheriff hob kurz eine Hand und sagte: „Alles der Reihe nach.“

Chaco und Tony tauschten einen Blick. Dann zuckte Chaco mit den Schultern, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

Tony folgte seinem Beispiel.

Der Sheriff behandelte sie weiterhin wie Luft.

Chaco musterte den Mann.

Er schätzte Sheriff Baldwyn auf Anfang Vierzig. Er hatte ein schmales Gesicht mit asketischen Zügen. Schwarze, fettige Haare, streng zurückgekämmt. Schuppen auf dem Kragen der braunen Jacke.

Chaco holte den Tabaksbeutel hervor und drehte sich eine Zigarette.

Der Sheriff wedelte ohne aufzublicken unmutig mit der Rechten und sagte mit seiner tiefen Stimme: „Hier wird nicht geraucht.“

„Dann eben nicht“, murmelte Chaco und steckte die Zigarette in seine Hemdtasche.

Der Sheriff nahm den nächsten Steckbrief und las angestrengt. Seine Augen waren anscheinend nicht mehr die besten, denn er beugte sich weit über das Papier und kniff die Augen zusammen, um die ein Kranz von Fältchen in Bewegung geriet.

Chaco räkelte sich.

„Er könnte uns wenigstens einen Drink anbieten“, raunte Tony.

„Hier wird nicht getrunken“, sagte der Sheriff entschieden.

Tony schaute Chaco an. „Sollen wir nicht erst mal einen im Saloon zwitschern?“, fragte er unternehmungslustig.

„Alles zu seiner Zeit“, murmelte der Sheriff und nahm den nächsten Steckbrief.

Tony verdrehte die Augen.

Lauter sagte er: „Bis der mal zu Potte kommt, sind meine Mandeln vertrocknet.“ Er seufzte und warf dem Sheriff einen giftigen Blick zu.

Chaco lächelte. „Du hast nur Angst, er könnte deinen Steckbrief erwischen.“

Der Sheriff blickte auf. Er hatte braune Augen. Sein Blick war hart und durchdringend. Er musterte erst Chaco, dann Tony. Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte: „Wenn das ein Scherz sein soll, so kann ich nicht darüber lachen.“

„Wir sind nicht zum Scherzen gekommen“, sagte Tony, der nun doch etwas ungeduldig wurde. „Wir sind gekommen, um ...“

Der Sheriff winkte ab.

„Nicht so ungeduldig, junger Freund. Alles der Reihe nach. Sie sehen doch, dass ich beschäftigt bin.“

Er blätterte weiter Steckbriefe durch.

Ein pedantischer Typ, dachte Chaco.

„Ich kannte mal einen Mann“, sagte Tony, „der war so beschäftigt, dass er darüber seine Arbeit vergaß.“ Sheriff Baldwyn nahm sich den letzten Steckbrief vor.

Tony zupfte an seinem Schnurrbart. „Weißt du was, Chaco? Ich schau mich mal ein bisschen in dieser freundlichen Stadt um. Du kannst derweil abwarten, bis jener ..er wies auf den Sheriff und tippte sich an die Stirn, „... Zeit und Muße für eine Audienz hat.“

„Du bleibst hier“, sagte Chaco grinsend. „Du siehst doch, wie sich Mr. Baldwyn abhetzt.“

Der Sheriff ordnete pedantisch genau den Steckbriefstapel, strich ihn glatt und legte ihn in die Schreibtischlade. Nachdem er die Schublade verschlossen hatte, heftete er seinen Blick auf Chaco und sagte: „Sie sind dieser Chaco Gates?“

„Welchen meinen Sie mit diesem?“, konterte Chaco.

Der Sheriff ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Dann ist Ihr ungeduldiger Freund ein gewisser Anthony Burlesk.“

„Burgess“, korrigierte Tony. „Und besonders ein gewisser.“

Der Sheriff zog eine andere Schreibtischlade auf, kramte darin herum und brachte ein Schriftstück zum Vorschein. Er überflog es und nickte.

„Sie haben recht, Mister Burgess. Sie heißen tatsächlich so.“ Er hob die schmalen Schultern. „Ich hab einfach kein Gedächtnis für komplizierte Namen. Chaco kann ich gerade noch behalten.“

Die braunen Augen musterten das Halbblut plötzlich etwas interessierter. „Sagen Sie mal, waren Ihre Vorfahren ...“

Chaco hatte keine Lust, dem Mann seine Geschichte zu erzählen. Er sprach nicht gern über seine Vergangenheit. Schon gar nicht gegenüber einem Mann, der nicht gerade ein Vorbild an Freundlichkeit und Höflichkeit war.

„Alles der Reihe nach“, sagte Chaco. „Wir sind hier, um den Gefangenen Jim Callum zu übernehmen.“

„Ich weiß.“ Der Sheriff nickte. „Ich erhielt die Nachricht von einem gewissen Captain Anders aus Fort Bowie.“

„Anderson“, korrigierte Tony.

Zusammenfassung

Wieder wird ein Armeetransport auf dem Weg nach Lordsburg überfallen. Der Verdacht liegt nahe, dass irgend jemand im Arizona-Department der Armee einer Banditenbande entsprechende Tipps gibt. Chaco Gates und sein Partner Tony Burgess bekommen den Auftrag, einen gewissen Jim Callum aus Lordsburg abzuholen. Er war ein Mitglied der Wachmannschaft und kennt vermutlich auch die Hintermänner dieser verräterischen Überfälle. Er sitzt im Gefängnis von Lordsburg und soll zu seiner Hinrichtung ins Fort zurückgebracht werden. Das Department hofft natürlich noch darauf, dass Callum die Namen seiner Hintermänner preisgeben wird, bevor er stirbt.
Es ist ein riskanter Job für Chaco und Burgess. Denn bereits auf dem Weg nach Lordsburg gibt es die ersten Probleme. Aber das ist erst der Anfang eines gefährlichen Abenteuers ...

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738914153
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
chaco halbblut verräter

Autor

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Titel: CHACO – Das Halbblut #31: Der letzte Verräter