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Dr. Mystery #15: Soro, das Monster

2017 120 Seiten

Leseprobe

Dr. Mystery #15: Soro, das Monster

Franc Helgath

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Soro, das Monster

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von Franc Helgath

Dr. Mystery Band 15 ‒ Der Meister des Unerklärlichen

Episoden aus den zahlreichen Leben eines Parapsychologen und Dämonenjägers

präsentiert von Steve Salomo

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Wer ist die vernarbte, unheimliche Gestalt, die den Sümpfen der Everglades entstiegen ist und mordend die Stadt Miami heimsucht? Warum kann keine Kugel sie töten? Und warum mordet sie im Auftrag eines Mafioso, der die Unterwelt von Florida erobern will? Durch Zufall stoßen der Parapsychologe Luc Morell, seine Assistentin Monique Dumas und Lucs Freund Steve Pratt auf diesen Fall. Und schon bald nimmt »Doktor Mystery« die Ermittlungen und den Kampf gegen den dämonischen Killer auf!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Bearbeitung: Peter Thannisch

Titelbild: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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»Du bist ein Scheusal«, sagte Dan Askins zu seinem Partner und über das trockene Tuckern des Außenborders hinweg. »Nun lass diese Ratte doch endlich in Ruhe. Siehst du nicht, dass der Kerl schon aus dem letzten Loch pfeift? Hör endlich auf, ihn zu treten. Er erstickt uns noch am Knebel, bevor du ihm die Kehle durchschneiden kannst.«

Mit der »Ratte« war Charley Marne gemeint, und das »Scheusal« hieß mit bürgerlichem Namen Jeff Gruber.

Der gefesselte und geknebelte Charley Marne strampelte wie wild auf dem Boden des Holzkahns. Er war sich seiner misslichen Lage durchaus bewusst, doch das half ihm nichts. Im Gegenteil: Es war ein scheußliches Gefühl, haargenau zu wissen, dass man in wenigen Minuten umgebracht wurde. Man konnte Charley Marne zwar allerhand nachsagen, aber nicht, dass die Tapferkeit zu seinen Tugenden gehört hätte.

Für einen Mann ohne Format wie ihn war es idiotisch gewesen, sich mit dem Syndikat anzulegen. Er hatte sich ein paar größere Scheiben vom Kuchen abschneiden wollen, weil er zufällig etwas aufgeschnappt hatte, was den Bossen Kopf und Kragen hätte kosten können.

Aber Charley Marne war ein miserabler Erpresser.

Deshalb lag er jetzt am Boden eines Holzkahns mit abgeblättertem Außenanstrich, dessen Farbe auch am Tage nur schlecht erkennbar gewesen wäre.

Jeff Gruber starrte auf das verschnürte Bündel hinunter. Wieder verspürte er jenes Zucken in den Beinen. Jeff Gruber schlug gern auf Hilflose ein. Es gehörte zu den kleinen, unscheinbaren Freuden, die er sich manchmal gönnte, wenn das Syndikat ihm Gelegenheit dazu bot. Auf das, was sein Partner Dan Askins gesagt hatte, antwortete er erst gar nicht.

Er mochte Askins so wenig wie all die anderen, die er kannte, weil er spürte, dass er nur Dreck für sie war. Dabei sollten die Leute vom Syndikat ruhig freundlicher zu ihm sein. Es stimmte schon: Er war nur ein bezahlter Mörder und zuständig für die Dreckarbeit, aber ein Mann wie er war eben notwendig in einem Unternehmen wie diesem.

Jeff Gruber lächelte in der Dunkelheit, als er sich dieses Umstands bewusst wurde. Es war ein schönes Gefühl für einen Mann, gebraucht zu werden, eine Aufgabe zu haben.

Der Mond schien stellenweise durch das Blätterdach des Mangrovenwaldes. Das Summen von unzähligen Mücken lag in der stillen Luft. Das Mondlicht sickerte auch herunter bis auf den trügerischen Flusslauf, unter dessen spiegelglatter Oberfläche die Kaimane noch das kleinste Übel waren. Denn darunter dehnte sich der Sumpf, der schmatzend seine Opfer einschlürfte und nie wieder freigab.

Am Tage pflügten flachkielige Touristenschiffe die Fluten, und Touristen ergötzten sich an der Fremdartigkeit dieses Sumpfwaldes mit seinen riesigen Blüten und den Luftwurzeln, die die Bäume aussehen ließen, als würden sie wie auf Krakenbeinen gehen. Sie ließen pausenlos die Verschlüsse ihrer Fotoapparate klicken, um Lianen, sich spiegelnde Astformationen, bunt gefiederte exotische Vögel und die träge in der Sonne dösenden Alligatoren auf Film zu bannen. Sie genossen dabei wohlig die kalten Schauer, die die dumpfschwül lastende Hitze ein wenig erträglicher machten. Sie genossen den Nervenkitzel, nur einen halben Meter über dem sicheren Tod dahinzugleiten.

Doch jetzt war es Nacht, und die Männer im Boot waren keine Touristen. Sie waren Mörder des Syndikats, wobei Dan Askins lediglich den Erfüllungsgehilfen von Jeff Gruber abgab. Askins mochte Aufträge dieser Art nicht, wenngleich er einsah, dass sie erfüllt werden mussten.

Charleys Pech war, dass er so gute Ohren hatte und so zufällig mitbekommen hatte, wie die Bosse den nächsten größeren Coup berieten.

Und wie dumm er sich dann benommen hatte! Anstatt sich in irgendeinen stillen Winkel zu verkriechen, hatte er Forderungen an das Syndikat gestellt. Glatter Selbstmord. Charley war eben ein Stümper.

»Wie lange noch?«, fragte Dan.

Jeff Gruber griff unter seine an den Ellenbogen ausgebeulte Weste. Mit einem Messer kam die Hand wieder zum Vorschein.

Kein sehr großes, aber ein sehr scharfes Messer. Das Bündel am Boden wimmerte.

»Nicht mehr lange«, sagte Jeff Gruber und sah sich um. »Kannst den Motor schon mal abstellen. Weißt du noch, wie uns letztes Mal um ein Haar so ein verrücktes Liebespaar in die Quere kam?«

»Natürlich«, antwortete Askins brummig. »So was vergisst man nicht. Es wäre nicht nötig gewesen, die beiden auch noch umzubringen. Ich glaube, dir macht das Spaß.«

Gruber kicherte. »Und wenn es so wäre? Für den Spaß, den ich mir mache, werde ich wenigstens noch bezahlt.«

Der Diesel hatte aufgehört zu tuckern. Askins wandte sich ab, als Gruber sich zu dem Bündel hinunterbeugte. Ihm war speiübel. Hoffentlich würde Gruber nicht so lange brauchen. Er ließ sich gerne etwas Zeit dabei.

»Mach’s kurz!«, sagte er deshalb gepresst und schaute auf das schwarze Wasser hinunter.

»Nur immer ruhig Blut«, kam es wohlgelaunt von Gruber. »Meine Befehle bekomme ich immer noch vom Boss. Und der hat gesagt, dass ich’s nicht so einfach machen soll mit dieser Ratte.«

»Mach, was du willst«, knurrte Dan Askins und fühlte, wie seine Kehle sich zusammenschnürte.

Eine Unendlichkeit später hörte er das Aufklatschen eines kleineren Gegenstandes im Wasser, dann schwankte das Boot, und der Rumpf von Charley Marne kippte in den Sumpf. Dan Askins hörte Blasen aus dem Wasser blubbern und drehte sich wieder zurück.

Gruber wandte ihm den Rücken zu und schaute fasziniert ins Wasser. Am liebsten hätte ihn Askins jetzt über die niedere Brüstung des Bootes gestoßen, doch er gab dieser plötzlichen Regung nicht nach.

Ein kurzer Blick über die Planken den Kahns sagte ihm, dass Gruber wie immer »sauber« gearbeitet hatte. Obwohl er ein gemeiner Schlächter war, war das Holz nicht blutbesudelt. Gruber hatte Routine. Er war stolz darauf, »sauber« zu arbeiten, wie er es nannte.

»Nun setz dich wieder«, sagte Askins in die Stille hinein. Ihm war, als wäre sogar das Summen der Insekten für Augenblicke verstummt. »Ich möchte weg hier.«

»Gib mir mal die Taschenlampe«, sagte Gruber und machte keinerlei Anstalten, wieder im Boot Platz zu nehmen. »Da unten ist etwas.«

»Was wohl schon«, meinte Askins. »Wahrscheinlich ein paar Kaimane, die sich mit dem Sumpf streiten, wer nun Charley bekommt.«

»Unsinn«, keuchte Gruber knapp. »Dann würde das Wasser sprudeln wie im Topf auf dem Herd. Gib schon endlich die Lampe her. Ich muss das sehen.«

Gruber streckte nur seine freie Hand auf den Rücken. Seine Finger krabbelten ungeduldig. Mit der anderen Hand stützte er sich am Bootsrand auf. Askins legte ihm die Lampe in die Finger.

Dann ein erschrockener Aufschrei.

Grubers Oberkörper beugte sich ruckartig weiter hinaus. Einen Augenblick zappelte ein Fuß hilflos in der Luft. Dann folgte auch er dem übrigen Körper. Die Lampe war im Boot geblieben.

Aus dem Wasser kam ein Gurgeln wie bei einer Mundhöhlenspülung nach dem Zähneputzen. Ein zufriedenes Grunzen noch, das jedoch nicht von Jeff Gruber stammen konnte. Gruber war schon verschwunden.

Er zappelte auch nicht mehr, doch das Wasser um das Boot färbte sich noch dunkler. Automatisch knipste Askins die Lampe an. Der schmale Lichtfinger fiel auf den Fluss. Das Wasser hatte die Farbe gewechselt.

Es war rot.

Jetzt schrie auch Dan Askins. Es war ein dünner, entsetzter Schrei.

Wie bei einem Tier.

Askins ließ die Taschenlampe fallen, und sie verlosch mit einem zischenden Geräusch im Bodenwasser des Kahns. Askins hatte mehr gesehen, und er ahnte jetzt schon, dass er diese Szene nie mehr aus seinem Gedächtnis würde verdrängen können.

Die kräftigen Zähne, die sich in Grubers Hals geschlagen hatten, Augen, die blicklos zu ihm ins Boot heraufgestarrt hatten. Ein kahler Kopf und ein so furchtbar zernarbtes Gesicht, dass die eigentlichen Züge dieses Wesens gar nicht mehr zu erkennen waren.

Askins Schrei war noch nicht verklungen, als er auch schon am Starterzug des Außenbordmotors riss. Der Diesel kam sofort, und Askins drehte den Griff am Steuerhebel auf Vollgas.

Aber der Kahn nahm kaum Fahrt auf. Wie sollte er auch? Mit einem 5-PS-Motor hintendran. Askins hätte sich in diesem Augenblick ein Rennboot gewünscht.

Viel zu langsam tuckerte das Boot durch die Everglades. Herunterhängende Äste streiften Askins Gesicht, und es war, als hätten kalte Geisterhände ihn berührt. Die Hände des Mannes krampften sich um den Steuerhebel. Sein Körper ruckte vor und zurück, als könne er so das Boot beschleunigen.

Und im Kielwasser folgte ihm das Grauen.

Der Zernarbte hatte von Gruber abgelassen und folgte ihm mit kräftigen, lautlosen Schwimmzügen. Unablässig.

Er holte nicht auf, aber er fiel auch nicht zurück. Dabei verlor Askins nie den Eindruck, als wäre es dem Wesen ein Leichtes gewesen, ihn einzuholen.

Doch offensichtlich wollte der Zernarbte das gar nicht. Er blieb nur hinter ihm wie eine Boje, die man am Tau im Schlepp zieht. Langsam beruhigte sich Askins’ rasender Puls. Seine Gedanken wurden wieder etwas klarer.

Ihm wollte »er« nicht ans Leder. Aber warum verfolgte er ihn dann? Askins kam sich wie ein Lotse vor. Die Minuten, die er zum festen Ufer brauchte, dehnten sich zu Ewigkeiten. Und hinter ihm blieb das Narbengesicht, das sich aus dem schwarzen Wasser hob, mal ein wenig zurückfiel, doch dann den alten Abstand wieder herstellte.

Endlich blieben die Luftwurzeln der Mangroven zurück, der Wald lichtete sich und gab den Blick auf einen schmalen Streifen über dem Wasser frei.

Dort war das Schilf, und hinter dem Schilf wartete der alte Buick, mit dem Askins und Gruber ihr Opfer hergekarrt hatten. Zu einer Hinrichtung.

Und nun war Gruber selbst getötet worden. Auf grausame Art und Weise. Von einem bestialischen Wesen, vor dem Dan Askins eine mörderische Angst hatte.

Der Kiel des Bootes fürchte durch die Halme des Schilfes. Es gab einen harten Stoß, als der Kahn ans Ufer lief und noch einen halben Meter weiterrutschte, bevor er endgültig zum Stillstand kam. Askins sprang über die Planken. Er hätte das Boot noch verstecken müssen, doch nichts hielt ihn mehr an diesem Ort. Er wollte weg. Er musste weg!

Hinter ihm tauchte schon ein nackter, muskulöser Oberkörper aus den Fluten. Im lehmigen Boden schmatzende Schritte, raschelte Schilf. Askins hatte die Stelle, an der sie ihr Auto in einer sumpfigen Wiese abgestellt hatten, nur um wenige Meter verfehlt.

Der Mann vom Syndikat sprang über die Planken nach vorne heraus aus dem Kahn. Mit riesigen Sätzen hetzte er auf den Wagen zu, ohne noch mal einen Blick zurückzuwerfen. Zum Glück hatte er die Zündschlüssel an sich genommen und nicht Jeff Gruber.

Er startete. Die hinteren Räder drehten durch und schleuderten mit Sumpfgras vermengten Dreck gegen den Unterboden der Karosserie. Aber die Reifen griffen trotz des auf diesem Gelände unangebrachten Kavalierstarts.

Der Wagen machte einen gewaltigen Satz nach vorne, und dann gewann er endlich auch festen Boden unter den Pneus.

Die Tachonadel ruckte auf achtzig Meilen hoch. Das Auto sprang über die Schlaglöcher des ausgewaschenen Feldweges wie ein wild gewordenes Känguru.

Askins schaute nicht einmal mehr in den Rückspiegel. Er hätte diesen Anblick auch kaum mehr ertragen. So entging ihm, wie das Wesen hinter ihm sich allmählich in Luft auflöste. Die toten Augen verschwanden zuletzt.

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2

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Miami Beach war wie alle Küstenstädte Floridas an diesem warmen Herbstabend nur mit einem Hexenkessel zu vergleichen. Die Lichtreklamen schrien grell flackernd ihre Werbung hinaus in den Nachthimmel, und auf den Straßen herrschte ein Gewimmel wie in New York zur Rushhour.

An den Straßenrändern parkten teure Wagen mit offenem Verdeck, und in manchen gingen zurzeit noch allein stehende Playboys oder Playboy-Aspiranten ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: dem »Girl Watching«. Dem Warten auf die Mädchen in ihren kurzen Röcken, die auf den breiten Bürgersteigen vorbeiflanierten. Sie pfiffen ihnen dreist nach und luden sie zu Autofahrten ein, die meist in einer der exklusiven Bars oben auf den Hügeln und etwas später in den Wäldern, am menschenleeren Strand oder in luxuriösen Hotelzimmern endeten.

Doktor Luc Morell, seine Sekretärin Monique Dumas und sein bester Freund Steve Pratt schauten dem quirligen Treiben zu. Sie taten das von den bequemen Plastiksesseln ihrer Hotelterrasse aus, die genau am Sunrise-Boulevard lag und zum »Miami Ambassador« gehörte. Das Ambassador war eine der Nobelbleiben dieser Touristenstadt, diesem »Las Vegas des Südens«, wie sich die Stadt in ihren Werbeprospekten nannte.

Sie hatten alle drei Truthahnschnitzel zu Abend gegessen. Mit Curryreis und Bananen sowie Käse überbacken. Dementsprechend fühlten sie sich mit sich und der Welt zufrieden. Ein lauer Wind, der die Auspuffgase davontrug, tat wohl auf der Haut.

Im Goldfischbecken neben der Sitzgruppe spiegelte sich der fast volle Mond, und sein Bild flimmerte und flirrte nur dann, wenn einer der Fische über die Wasseroberfläche schnappte, um einen der spinnenbeinigen Wasserflöhe zu erhaschen, die scheinbar schwebend über den künstlichen Teich huschten.

»Was unternehmen wir heute?«, fragte Monique Dumas über das Zirpen irgendwelcher Insekten hinweg, die in einem Busch musizierten, dessen Blüten einen schweren Duft verströmten. Ihre Stimme klang froh und gar nicht müde.

Steve Pratt schaute Monique an. Bewunderung lag in Doktor Steve Pratts Blick und auch ein Hauch von Verliebtsein, einer platonischen Verliebtheit, denn Monique gehörte zu Doktor Luc Morell, mit dem sie mehr verband, als nur das Angestelltenverhältnis. Es lag eine erotische Spannung zwischen ihnen, ja, sogar ein gewisser Grad an Intimität.

»Worauf hättest du Lust?«, fragte Luc Morell schmunzelnd. »Miami bietet für alle etwas. Gehen wir ins Casino, oder willst du dein Geld an die einarmigen Banditen verlieren? Besuchen wir eine finstere Spelunke oder den Nightclub vom Holiday Inn?«

Monique nippte an ihrem Sherry. »Eigentlich wäre mir etwas Handfestes lieber«, meinte sie mir rauchiger Stimme. Neben dem Schalk blitzte plötzlich ein guter Schuss Verruchtheit in ihren gesprenkelten Augen. »Eine finstere Spelunke wäre heute Abend genau das Richtige. Was meint ihr?«

Steve Pratt wechselte einen schnellen Blick mit Luc Morell und stellte das Glas ab, in dem er den Bourbon wie immer mit Eis verwässert hatte.

»Ich denke, ich bin überstimmt«, sagte er dann, als er die Zustimmung in den Augen des Freundes erkannt hatte. »An und für sich haben wir es schon oft genug mit lichtscheuem Gesindel zu tun gehabt, aber diesmal ist es wenigstens aus Fleisch und Blut. Ich denke, wir stürzen uns ins Abenteuer.«

Luc Morell hatte sich schon erhoben. »Ich bin mit allem einverstanden, wenn mir nur nichts dieses Wochenende verdirbt. Wir haben es bei Gott verdient, ein paar Tage auszuspannen.«

»Das meine ich doch auch«, antwortete Steve Pratt, und sie nahmen das Mädchen in ihre Mitte. »Dann werde ich euch mal das Nachtleben von Miami zeigen. Vermutlich geht es hier zivilisierter zu als in eurem Paris.«

Luc Morell grinste spöttisch. »Ich weiß, dass ihr Amerikaner inzwischen die Mafia als Ordnungsmacht anerkannt habt. Werden eigentlich schon Orden an die Spitzenleute der Cosa Nostra verteilt?«

Steve Pratt überhörte die Anspielung auf das organisierte Verbrechertum geflissentlich. Eine Diskussion darüber wäre auch fruchtlos verlaufen. Außerdem war das kein Abend, um zu diskutieren, sondern um sich zu amüsieren. Der letzte Fall hatte doch mehr an ihren Nerven gezerrt, als sie sich das eingestehen wollten.

Doktor Luc Morell war Parapsychologe und eine Kapazität auf diesem Gebiet. In Fachkreisen nannte man ihn halb spöttisch, halb bewundernd »Doktor Mystery«,  und das schon, bevor er das Château Lamatime im Loiretal geerbt hatte, den Sitz seiner Väter.

Doch er war durch dieses Erbe auch in eine Verantwortung gezogen worden, mit der er nicht gerechnet hatte. Denn er war dadurch auch der Besitzer eines Amuletts geworden, das ihm Macht über böse Geister und Dämonen verlieh.

Und der Kampf der Untoten mit den Menschlichen fand überall und alle Tage statt. Luc Morell hatte sich mit seinem Amulett auf die Seite der Gefährdeten gestellt. So war er zu einem der Gladiatoren in diesem gnadenlosen Kampf geworden, den die Kräfte der Dämonenwelten mit den Irdischen führten.

Steve Pratt kannte sich in Miami von zahlreichen Aufenthalten her aus. Miami ist nicht nur ein mondäner Badeort, sondern auch Stätte zahlloser Kongresse und Versammlungen. Als Historiker hatte er schon öfter hier zu tun gehabt.

Vom Sunrise-Boulevard war es nicht weit zum künstlich angelegten Hafen, der wie ein Bollwerk dem flach abfallenden Sandstrand abgerungen wurde. Dort verkehrten die Matrosen der US-Navy im halbseidenen Milieu neben Schmugglern und Damen vom horizontalen Gewerbe, die hier ungehindert ihrem Verschleißjob nachgingen, obwohl die Prostitution im Bundesstaat Florida verboten ist.

Die Augen des Gesetzes blieben in diesem Fall fast geschlossen.

Steve führte die Gäste aus Europa in eine Bar, die sich »Green Cacadoo« nannte. Grell bemalt wie ein Kakadu waren auch die Mädchen, die die lange Theke bevölkerten, und grün war das schummerige Licht in der Spelunke.

Die rot geschminkten Lippen sahen hier schwarz wie Pech aus, und sie leuchteten wie klaffende Löcher aus den fahlen Gesichtern. Drei Farbige spielten lustlos Dixieland.

Das Geschnatter an der Theke verstummte für einige Sekunden, als die drei neuen Gäste die wenigen Stufen ins Lokal hinunterkamen, doch die unterbrochenen Gespräche wurden wieder aufgenommen, als die Mädchen gesehen hatten, dass die beiden gut aussehenden Herren bereits reizende Begleitung hatten, mit der sie ohnehin nicht konkurrieren konnten.

Luc und Steve wurden als Geldsäcke taxiert, die sich nur verlaufen hatten und wohl bald wieder verschwinden würden, wenn sie erst einmal bemerkt hatten, dass sie sich bei der Wahl des »Green Cacadoo« als Aufenthaltsort vergriffen haben mussten.

Umso überraschender war es dann, als die beiden Männer zielstrebig die Bar ansteuerten, hinter der ein mexikanischer Mixer gepanschte Getränke servierte. Am Kopfende der Theke waren noch einige Hocker frei. Die Drei-Mann-Combo spielte »You are on the way«. Steve half Monique galant auf den Hocker. Luc Morell bestellte drei Drinks aus einer Flasche, deren Schraubverschluss noch unerbrochen schien.

Monique blickte etwas enttäuscht. Sie hatte sich die Halbwelt Miamis ein bisschen verwegener und nicht so amerikanisch vorgestellt. Das hier war ein Neppschuppen, wie man sie ähnlich in aller Welt findet, wo amerikanische Matrosen verkehren.

Das ist alles? Die Frage lag in ihren Augen.

»Trinken wir erst einmal«, schlug Steve vor. »Vielleicht gibt es noch etwas Spaß. Wir können ja später noch wo anders vorbeischauen.«

Sie prosteten sich zu. »Aber«, schränkte Steve gleich nach dem ersten Schluck ein, »echte folkloristische Milieus werdet ihr hier nirgends entdecken. Die Kneipen sind hier alle so geschäftsmäßig steril wie eine Klinikwäscherei.«

Es wurde trotzdem ein recht netter Abend, denn zumindest bei den Getränken hatte Steve eine gute Wahl getroffen. Auch war wider Erwarten kein Drink gepanscht. Monique war leicht tipsy, als sie die Stufen wieder hinaufgingen. Jetzt waren die Stühle im »Green Cacadoo« dicht besetzt.

Die Band strengte sich mehr an und brachte etwas Stimmung in den Laden.

»Die Kneipen sind doch nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte«, meinte Monique beschwipst. Die frische Luft tat ihr Übriges, um ihre Laune noch um etliche Grad ausgelassener werden zu lassen. »Hab’ ich wirklich nicht gedacht, dass...«

Luc Morell hörte nicht mehr zu. Schon in der Kneipe waren ihm die drei Männer aufgefallen, die so offensichtlich gelangweilt immer wieder in ihre Ecke gestarrt hatten, dass es schon wieder auffällig war.

Jetzt kamen sie in geschlossener Front auf die beiden Männer und das Mädchen zu. In ihren Gesichtern stand jene Entschlossenheit, die man auch in den Mienen jener Helden entdeckt, die in den Kriegsfilmen die Hauptrollen spielen. Es waren grimmige Gesichter, voll ungebändigtem Tatendrang.

Zwischen Luc und Steve genügte ein kurzer Blick der Verständigung. Beide trugen sie Doktortitel. Verknöcherte Wissenschaftler waren sie deshalb nicht. Die drei Burschen bekamen es zu spüren.

Die Radaubrüder hatten nicht damit gerechnet, plötzlich von zwei geballten Ladungen Energie angegriffen zu werden.

Zwei der Männer lagen schon wenige Sekunden später am Boden, der dritte war geistesgegenwärtig genug, sich zwischen den beiden Angriffen nach vorn zu werfen.

Dass er dabei Moniques Handtasche zu fassen bekam, war reiner Zufall. Er sprang mit der Tasche auf einen roten Chevy zu und saß schon hinter dem Steuer, während Luc und Steve noch seine Kollegen verarzteten. Der Motor brüllte auf, und mit heulenden Pneus kreischte der Wagen um die nächste Ecke.

»Mein neuer Lippenstift!«, rief Monique voller Entrüstung. »Er hat meinen neuen Lippenstift geklaut.« Schon rannte sie los.

Luc Morell und Steve mussten ihr folgen. Deshalb bekamen sie auch mit, wie der rote Chevy schon am Ende der nächsten Querstraße in eine Toreinfahrt bog.

Die beiden Gangster wälzten sich stöhnend am Boden. Sie hatten ihre Lektion erteilt bekommen. Luc hatte nicht vor, die Angelegenheit noch durch eine Anzeige bei der Polizei zu dramatisieren.

»Kümmer dich um Monique«, sagte er deshalb knapp zu Steve und spurtete auch schon los, dem roten Chevy hinterher. Steve und seine Sekretärin ließ er stehen.

Die von einem Bogen aus Bruchsteinquadern überspannte Einfahrt mündete in einen weiträumigen Hof. Der Chevy stand mit offener Tür da.

Luc sah das Mündungsfeuer im letzten Augenblick.

Mit einem Aufschrei warf er sich zur Seite. Gegen den hell glänzenden Asphalt hatte er eine gute Zielscheibe abgegeben, doch der Schütze hatte in der Aufregung nicht genau genug gezielt. Zum Glück von Luc Morell.

Der Hof war staubig und von piekenden, spitzen, kleinen Steinen übersät. Luc fuhr wieder hoch. Er war hinter einem alten Edsel gelandet und streckte vorsichtig den Kopf über die Motorhaube.

Kein weiterer Schuss mehr.

Doch in der Front des rückwärtigen Gebäudes öffnete sich eine Tür. Und im ersten Stock wurde ein Fenster aufgerissen. Der Lauf einer MPi lugte dort hervor, und plötzlich hatte Luc keine übertriebene Lust mehr, hier an diesem Platz zu bleiben.

Er arbeitete sich in der Deckung des Wagens zurück zur Einfahrt.

Und wieder musste er springen.

Diesmal wegen eines alten Buick, der wie gejagt um die Ecke geschossen kam und in den Hof bretterte. Ein Mann mit vor Angst verzerrten Gesichtszügen saß am Steuer.

Dan Askins sah den Mann im Dunkel des Torbogens nicht, als er ihn passierte. Er fixierte nur zum x-ten Male den Rückspiegel.

Und trotzdem sah er nicht das, was Luc Morell zu sehen glaubte und wogegen sich Lucs Sinne sträubten.

Mitten auf der Straße materialisierte ein Mann. Beeindruckend an ihm waren der nackte Oberkörper und sein zernarbtes Gesicht.

Zielstrebig stapfte die Gestalt dem Buick nach.

Luc Morell hatte jegliches Interesse an der Verfolgung des Handtaschenräubers verloren. Gebannt beobachtete er von seinem Versteck aus, wie die Gestalt wenige Meter an ihm vorbeitrottete und in der Dunkelheit verschwand. Sie verschluckte ihn so schnell, wie er plötzlich aus der Helligkeit der Straße gekommen war.

Wie betäubt schritt Luc auf die Straße zurück.

»Hast du die Tasche wieder?«, fragte Monique bestürzt. »Um Himmels willen, wir haben auch einen Schuss gehört. Bist du verletzt?«

Luc schüttelte den Kopf und klopfte sich die spitzen Steine von der Kleidung.

»Weder noch. Die Handtasche ist weg, und geschossen wurde auch. Wie ihr seht, hat man mich nicht getroffen. Aber da ist noch etwas anderes, worüber ich mit euch sprechen muss. Wir erledigen das am besten bei einem Drink. Meine Kehle ist ausgedörrt wie ein toter Brunnen in der Sierra.«

Steve Pratt und Monique Dumas fragten nicht weiter. Sie wussten, wann sie zu schweigen hatten. Das war so einer dieser Augenblicke.

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Dan Askins verließ den Wagen fluchtartig. Er bemerkte nicht einmal, dass dieses Wesen wieder hinter ihm aufgetaucht war. Die Panik saß ihm auch so noch in den Knochen, obwohl er mehr als eine Stunde Autofahrt hinter sich hatte.

»Ich muss sofort zum Boss«, rief er zum erleuchteten Fenster hoch, aus dem der Lauf der Maschinenpistole verschwunden war und ein Kopf vorsichtig herauslugte.

»Ach, du bist es«, sagte eine raue Stimme.

Auch der Gangster Larry tauchte hinter dem roten Chevy hervor und machte ein überraschtes Gesicht, weil er das am besten konnte. Die Sache mit den drei Fremden war schiefgelaufen. Aber an die dachte er nicht mehr, als er das Wesen sah, das durch die Toreinfahrt marschierte.

»Hinter dir, Dan!«, brüllte er.

Dan Askins fuhr herum, und auch die MP wurde wieder sichtbar.

Der Narbengesichtige war neben der Toreinfahrt stehen geblieben und machte keinerlei Anstalten, näher zu treten. Man konnte seine Gestalt nur unklar wahrnehmen.

Der Vernarbte war für den Augenblick gesättigt. Ihn dürstete nicht nach neuen Opfern.

»Nein!«, ächzte Dan Askins, und seine Hände fuhren zur Kehle. Noch mehr Schweiß brach ihm aus den Poren der Stirn, die seit dem Sumpf trotz des Fahrtwindes durch das offene Fenster nicht mehr trocken geworden war. »Nein...«

Es war ein dumpfes Stöhnen, ein Röcheln. »Schnell weg von hier!«, brachte er krächzend heraus. »Schnell weg. Verzieht euch.«

»Wieso?«, fragte Larry dümmlich. »Wer ist der Kerl?«

»Er hat Jeff auf dem Gewissen. Plötzlich kam er aus dem Sumpf, als Gruber ...«

»Du spinnst«, unterbrach ihn Larry halblaut und trat aus seiner Deckung hervor. Die Gestalt im Torbogen bewegte sich immer noch nicht.

Im Treppenhaus wurden Stimmen und das Getrappel von Schritten laut, die schnell die Holzstufen herunterkamen. Dann wurde die Tür aufgerissen, und ein langer, rechteckiger Lichtbalken fiel auf das Innere des Hinterhofes.

»Was ist denn eigentlich los?«, fragte eine Stimme unwirsch. »Zum Teufel. Sind wir hier im Kindergarten, oder...?«

Dann hatte auch der Sprecher die Gestalt gesehen. Und die so seltsam stumpfen und doch glühenden Augen.

»Hey, Kerl! Was hast du hier zu suchen? Verschwinde, oder du erntest blaue Bohnen!«

Keine Regung. Keine Reaktion.

»Er hat Jeff umgebracht«, stöhnte Askins. »So wahr mir Gott helfe. Er hat Jeff umgebracht und aufgefressen.«

»Und dann ist er dir von den Everglades nachgelaufen, eh?«, äffte der Mann mit der MPi.

Mittlerweile standen um die fünf Männer auf dem Hof. Sie alle hatten ihre Waffen auf den Fremden gerichtet, der sich immer noch nicht bewegt hatte, seit er in den Hof getreten war.

Ein anderer Mann, oben am Fenster, rief: »Wollt ihr im Hof übernachten? Dringt den Gast doch herauf. Ich hab noch nie einen Kannibalen gesehen!«

Das sollte spöttisch klingen, doch selbst Aldo Terzano, einer der oberen Chargen des Syndikats angehörig, konnte nicht verhindern, dass seine ölige Stimme ins Wanken geriet. Sie vibrierte leicht. Nur seine besten Bekannten wussten das als ein Zeichen von Unsicherheit und Unruhe zu deuten.

»Nun macht endlich! Bringt ihn herauf!«

Aldo Terzano hatte die Gestalt nur in ihren Umrissen erkennen können. Er wusste noch nicht einmal genau, was eigentlich vorgefallen war. Zweimal scharf vorfahrende Autos, dazwischen ein Schuss.

Ein paar Wortfetzen. Die Lage würde sich klären.

Unten im Hof sagte der Mann mit der MPi: »Sie haben die freundliche Einladung gehört, Mister.« Er unterstrich seine Aufforderung mit der entsprechenden Bewegung des MPi-Laufes. »Hier geht’s lang.«

Es war, als würden sich die Lippen des Fremden leicht verziehen.

Wenn das ein Grinsen sein sollte, flößte es einem Grauen ein.

Gelbe Zähne lagen bloß, und ein Atem wie aus einer Gruft schlug dem Mann entgegen. Unwillkürlich trat er ein paar Schritte zurück, als der Fremde sich in Bewegung setzte.

Sein Gang war nur schwer zu beschreiben. Er ging so, als bewege er sich auf schwankendem Grund. Er schritt wie einer, dem man nach einem langen Krankenhausaufenthalt den Gips von beiden Beinen abgenommen hatte, und der jetzt seine ersten, zögernden Gehversuche wagte.

Dan Askins stürzte mit grauem Gesicht voraus. Schweiß rann ihm in die Augen und ließ sie tränen. Schweiß rann ihm in den Mund und schmeckte bitter.

Er hatte das Büro von Aldo Terzano als Erster erreicht und drückte sich dort sofort an eine mit roten Seidentapeten bespannte Wand.

Terzano selbst saß in einem hochlehnigen Polsterstuhl und starrte gespannt in den nur mäßig erleuchteten Gang hinaus. Auch bei Terzano machte sich jetzt eine gewisse Nervosität bemerkbar, doch behielt er sich eisern im Griff.

Askins warf er einen schnellen Blick zu, denn er war es, der behauptet hatte, jemand hätte Gruber »aufgefressen«. Es war ein Blick, wie man ihn einem Irren schenkt.

Doch Askins war durcheinander. So viel stand fest. Irgendetwas musste ihm schwer an die Nieren gegangen sein. Na ja, er würde es bald erfahren.

Aldo Terzano zwang sich zur Ruhe. Was sollte ihm schon passieren? Schließlich befand sich eine kleine Streitmacht mit ihm unter einem Dach. Er würde sich diesen seltsamen Vogel aus der Nähe betrachten und dann entscheiden.

So wartete er ab, bis er unsichere Schritte den Gang entlang tappen hörte, gefolgt von den festen Schritten des Mannes mit der MPi.

Vor Terzano auf dem Schreibtisch stand eine Sofortbildkamera. Er wollte sie gerade zur Seite räumen, als die Gestalt hereinkam und er versehentlich den gespannten Auslöser betätigte. Es klickte, und der automatische Bildauswerfer spuckte das elfenbeinfarbige Blättchen aus, auf dem in etwa sechzig Sekunden das Bild in seiner vollen Buntheit erscheinen würde.

Beim Klicken des Auslösers war die Gestalt zusammengezuckt, als hätte sie in diesem Augenblick ein kurzer, heftiger Stromstoß durchfahren.

Terzano merkte das nicht, denn er war viel zu sehr mit dem eigenen Schrecken beschäftigt. Etwas Grauenhafteres hatte er nie zuvor gesehen. Dan Askins wimmerte und zog wie ein Kind die Knie an den Körper.

Die Gestalt blieb stehen, als wäre jede Energie aus ihr gewichen.

Der Blick aus den toten Augen heftete sich an den dünnen Karton, auf dem die Konturen langsam Gestalt annahmen.

Proportional der Zeitspanne, die das Foto zum Entwickeln brauchte, sanken die breiten, nackten Schultern des Fremden ein und fiel allmählich das energische Kinn auf die breite Brust. So irrsinnig der Vergleich auch war, Terzano wurde an einen Luftballon erinnert, dem langsam durch ein winziges Loch die Füllung entweicht.

Als das Bild fertig war, endete auch der Vorfall dieses seltsamen, mit Narben übersäten Körpers.

Terzano warf einen kurzen Blick auf das Foto, das er versehentlich geschossen hatte. Die Kamera war aus der Horizontale gekippt gewesen. Die Türbalken mit dem Wesen waren verkantet, doch der Fremde war deutlich darauf zu erkennen.

Auf dem Bild sieht er scheußlicher aus, schoss es Terzano kurz durch den Kopf. Was hat mich nur so erschreckt? In Gedanken steckte er das Bild ein und legte beide Fäuste auf die glatte Oberfläche des Schreibtisches.

»Was war, Askins?«, fragte Terzano. »Der da soll Jeff aufgefressen haben?«

Dan Askins schluckte. Der Fremde sah mit einem Male nicht mehr so grauenerregend aus. Fast normal sogar, wenn diese fürchterlichen Narben nicht gewesen wären.

»He, Askins? Ich habe dich etwas gefragt!«

Askins schniefte und zog verlegen die linke Schulter hoch, als würde ihn sein Hemd kratzen. »Ich bin mir jetzt nicht mehr so sicher«, sagte er.

»Und was ist dann mit Jeff geschehen?«

»Er ist aus dem Boot gekippt, nachdem er, nachdem er...«

»Halten wir uns nicht mit Einzelheiten auf«, unterbrach ihn Terzano.

»Aber das Wasser war dann sehr rot, und ich habe gedacht, dass er hier...«

»... Gruber gefressen hat«, ergänzte Terzano geringschätzig. Er fühlte sich bereits wieder als Herr der Lage.

»Aber ich habe ganz bestimmt nicht...«, kam es verzweifelt aus Askins Ecke, aber Terzano schien den Entschluss gefasst zu haben, ihn heute nicht ausreden zu lassen.

»Das weiß ich«, sagte er und grinste hämisch. »Auch wenn Gruber nicht gerade dein Typ war, du brächtest es nicht fertig, ihn deswegen um die Ecke zu bringen. Haben Alligatoren ihn geschnappt? Um diese Zeit sind sie besonders bissig.«

Dan Askins hielt es inzwischen für das Beste, nur zustimmend zu nicken, was immer Terzano auch sagte. Wenn er unbedingt Recht haben wollte, dann sollte er doch Recht haben, verdammt noch mal.

Vielleicht hatten ihm auch wirklich nur die Nerven einen Streich gespielt.

Askins fuhr sich durch die schütter werdenden Haare. Es hatte ihn immer aufgeregt, wenn er dabei sein musste, bei so einem ... Auftrag, eben.

Unsicher schielte er den Fremden an. Ihre Blicke trafen sich nicht.

Konnte schließlich auch gar nicht sein, dass der Mann draußen im Sumpf gewesen war und jetzt hier, nach einer Stunde rasender Autofahrt.

»So wird es wohl gewesen sein«, sagte er tonlos. »Jeff haben die Alligatoren erwischt. Er hat nicht aufgepasst.«

»Und warum hast du dann auf den da geschossen?« Terzanos Zeigefinger wies auf den Fremden.

Askins fuhr entrüstet hoch. »Das weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts von einem Schuss.« Er schaute fragend zum Mann mit der MPi. »Was war da los, Ben?«

»Das war anders, Boss«, sagte der wuchtige Mann mit der MPi. »Larry muss da Bescheid wissen.«

Hinter ihm trat Larry ins Zimmer. »Ist was schiefgelaufen, heute«, erklärte er umständlich. In der Hand trug er eine Damenhandtasche. »Unser Team wollte Geldsäcke ausnehmen. Vor dem Cacadoo. Hat leider nicht geklappt, Boss. Einer ist mir nach, und da habe ich geballert. Hab ihn aber nicht erwischt, glaub ich.«

»Idiot!«, brüllte Aldo Terzano los und sprang hinter seinem Schreibtisch hoch, als säße er auf einem Schleudersitz. »Bin ich denn von lauter Idioten umgeben?«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913965
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v379082
Schlagworte
mystery soro monster

Autor

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Titel: Dr. Mystery #15: Soro, das Monster