Lade Inhalt...

320 PS-Jim #69: Auf's Kreuz gelegt

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

Leseprobe

image
image
image

Glenn Stirling

Auf's Kreuz gelegt

image

Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© Roman by Author, Titelbild Steve Mayer, Serienrechte “320 PS-JIM” by Olaf Dietsch, Erbe von Werner Dietsch

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Roman

image

Hegen trommelte gegen die großen Fenster des feudalen Büros in der Chefetage.

An einem dieser Fenster stand ein vornehm gekleideter älterer Mann und schaute über die Dächer der Häuser hinweg, wippte dabei auf den Absätzen und machte ein äußerst nachdenkliches Gesicht. , Plötzlich drehte er sich um und blickte auf seine drei Besucher, die wie aufgereiht auf der anderen Seite des wuchtigen Schreibtisches nebeneinander saßen.

»Ihr habt euch benommen wie Dilettanten. Wie absolute Anfänger«, stieß der Mann am Fenster hervor und machte einen Schritt auf seinen Schreibtisch zu, stemmte die Arme in die Hüften und meinte kopfschüttelnd: »Ich kann es nicht fassen. So bewegen sich Vorstadtganoven. Marco, was haben Sie dazu zu sagen?«

Er blickte auf einen Mann, der sich in etwa in seinem Alter befand, aber klein und korpulent war. Hinter einer dicken Brille wirkten die Augen dieses Mannes unruhig. Auch seine Hände verrieten Nervosität.

»Aber Ernest«, sagte dieser Marco, »wir konnten doch nicht ahnen, daß' das FBI schon die Hände drin hatte.«

»Ich habe euch von Anfang an gesagt, Marco«, erklärte Ernest, »daß wir damit rechnen müssen. Wir können von Glück sagen, daß sie relativ spät darauf gekommen sind und nicht sofort eine große Aktion gestartet haben. Ir habt euch wirklich wie Anfänger benommen. Und es sollte mich nicht wundern, wenn sie uns auf die Sprünge kommen. Aber das verantworten Sie, Marco. Sie ganz allein. Das können Sie nicht auf andere abwälzen. Sie hatten die Leitung des gesamten Unternehmens.«

Neben Marco saß ein Mittvierziger, schlank, drahtig, elegant gekleidet im dunkelblauen Nadelstreifenanzug, dessen verwegen wirkendes Gesicht ein wenig von dem verriet, was diesem Manne zuzutrauen war.

»Mister Tafting«, sagte er, »Sie tun Marco Conelli unrecht. Von seiner Seite aus ist alles genaustens geplant gewesen. Und es hat auch funktioniert. Der Geldtransporter gelangte in unseren Besitz, ohne daß die Polizei überhaupt dahintergekommen ist, bevor wir ihn in Sicherheit hatten. Und es ist uns auch gelungen, ihn aus der Stadt zu bringen. Und dies dazu so unverdächtig, wie man so etwas nur machen kann. Selbst das FBI war sich seiner Sache nicht sicher. Sonst hätten sie tatsächlich einen Großeinsatz losgelassen. Statt dessen sind nur zwei Leute eingesetzt worden. Okay, Mister Tafting, daß sich der Geldtransporter auf diesem Sattelzug befindet und...«

Mit einer herrischen Handbewegung unterbrach Ernest Tafting diese Rede. »Hören Sie zu, Lewis! Wenn Sie mir das schon erzählen, dann sollten Sie das korrekt tun. Dieses Spielchen, sich einen Sattelzug zu kapern, einen der beiden Fahrer wie eine Geisel halten zu wollen und den anderen völlig unbedeckt mit zwei Millionen in einem Geldtransporter loszuschicken, ist für mich, nachdem ich davon erfahren habe,der perfekte Schwachsinn. Ich würde es noch deutlicher formulieren. Was habt ihr euch dabei gedacht, irgindeinen Fremden mit seinem Lastzug loszuschicken, auf den ihr den Geldtransporter geladen habt und in dem wiederum sich mehr als zwei Millionen Dollar an Geld und Werten befinden.«

»Aber er ist nicht allein gefahren. Wir haben einen Wagen in Begleitung gehabt. Dieser Bursche war ständig überwacht«, beteuerte Lewis.

Tafting lachte spöttisch. »Natürlich, Lewis, ihr habt ihn ständig überwacht. Und was ist mit dem zweiten Mann?« Er seufzte. »Hören Sie zu, Lewis, und das gilt auch für Sie beide, Marco und Mister Maxwell. Ich werde wohl die ganze Sache noch mal so wiederholen müssen, wie sie mir bekannt ist. Vielleicht auch, um sie Ihnen ins Gedächtnis zu rufen, damit Sie endlich begreifen, was Sie hier losgelassen haben. Und das betrifft Sie, Marco, Sie hatten die Verantwortung. Gehen wir doch einmal ganz nüchtern die Sache durch.«

»Aber, Ernest«, rief Marco Conelli, »wir kennen doch die Story,«

»Offenbar aber nicht«, widersprach Tafting. Er hob den Daumen hoch, als wolle er abzählen. »Erstens«, sagte er, »gelingt planmäßig die Inbesitznahme des Geldtransportes. So weit, so gut. Das klappt. Das Fahrzeug wird in eine vorbereitete Autolackiererei gebracht. Das klappt auch.« Er tippte sich an seinen Mittelfinger. »Und drittens«, fuhr er fort, »steht ein Lastzug bereit, der diesen Geldtransporter auf laden soll. Und hier wird der erste Kardinalfehler begangen. Da nimmt man nicht irgendeinen Truck, wie es Tausende in Amerika gibt, nein, nein, man sucht sich ein auffälliges Fahrzeug aus, auch noch rot, ein deutsches Fabrikat, ein Lastzug also, der in Amerika bekannt ist wie ein bunter Hund.«

Lewis unterbrach ihn heftig. »Aber genau das ist ja der Grund, Mister Tafting. Wir wollten ja diesen Lastzug nehmen, weil ihn sogar der größte Teil der Fernstraßenpolizei kennt. Und die beiden Jungs darauf haben einen guten Namen bei den Bullen.«

Tafting winkte ab. »Hören Sie doch auf! So etwas macht man nicht. Guter Name hin, guter Name her. Das ganze Unternehmen ist zum Scheitern verurteilt, weil Sie schon einmal diesen auffälligen Truck gewählt haben. Einen roten Ausländer, der sogar einen Namen hat: RED BARON. Und nicht nur die Polizisten kennen ihn, sondern auch die meisten der Trucker kennen ihn. Und somit besteht die Möglichkeit, daß das ganze Unternehmen auf fallen muß. Aber das Blödsinnigste, was ihr euch leisten konntet, war dann dieser Schwachsinn, einen der beiden Fahrer und dessen Tochter als Geisel zu nehmen, ihn in die taxanische Wüste zu unserem Camp in die Sperrzone zu bringen. Und nun kommt es. Wie ich bisher weiß, ist es dem Manne gelungen, sich irgendwie zu befreien und dieses Camp, trotz der Minen und der Blindgänger, die rundum liegen, zu verlassen. Da sind zwei Bewacher gewesen. Und trotzdem scheint dieser Mann die beiden Bewacher überwältigt zu haben. Mister Maxwell, erzählen Sie mir doch noch mal ganz genau, was wir als neueste Meldung haben.«

Tafting schaute auf den dritten Mann der Besucher: ein breitschultriger hellblonder Athletentyp mit stahlblauen Augen und blondem Haar. Sein Alter war schwer zu schätzen. Er konnte Anfang Dreißig oder auch vierzig sein, wirkte sehr durchtrainiert wie auch sein Nachbar Lewis, war aber im Gegensatz zu dem lässig gekleidet. Hemdkragen offen, braunes Lederblouson, beigefarbene Hosen. Ein sportlicher Typ, der nicht bloß so aussah.

Maxwell machte ein ernstes Gesicht. »Nach den Informationen, die ich seit einer Stunde habe, ist folgendes passiert: Als unsere Funksprüche nicht mehr beantwortet wurden, hat Bingo den Hubschrauber auf den Weg geschickt. Außer dem Piloten flog Han’ mit, ein sehr zuverlässiger Mann. Bingo und Hank wären sowieso zum Camp geflogen, aber als die Funksprüche nicht mehr beantwortet wurden, entschloß sich Bingo, den Hubschrauber früher zu starten. Er selbst konnte aber nicht mitfliegen, und ich betrachte das mittlerweile als Glücksfall. Der Hubschrauber ist, sobald es halbwegs hell war, losgeflogen. Erst zum Camp, das verlassen wirkte, und dann auf der Spur, die sie entdeckten, bis zu diesem Truck, der sich in die Wüste hineinbewegte.«

»Was für eine Spur?« wollte Tafting wissen.

»Die Spur des Trucks. Das kann man da im Sand ziemlich gut sehen. Und dann wollten sie den Truck angreifen. Jedenfalls war das der letzte Funkspruch. Und dann wurden sie beschossen. Danach haben wir keine Meldung mehr bekommen. Bingo geht davon aus, daß der Hubschrauber abgeschossen worden ist.«

»Aber wieso wissen wir das nicht mit Sicherheit?« fragte Tafting erregt.

»Weil wir dort zur Zeit keinen anderen Hubschrauber haben. Von mir ist Anweisung erlassen worden, mit einem Charter-Helikopter zu dieser Stelle zu fliegen, um zu sehen, was passiert ist.«

»Und mehr nicht?« fragte Tafting.

»Natürlich noch mehr, Mister Tafting. Wir werden diesen Truck vernichten.«

»Wer ist dieser Mann, den wir da hops genommen hatten und dem es gelingen konnte, sich zu befreien? Und wen hat er da bei sich?«

Maxwell zog die Stirn kraus. »Ich muß zugegen, daß Bingo sich da einen üblen Scherz erlaubt hat. Auf diesem Camp war die ganze Zeit ein alter Mann, ein Goldsucher, wie sie ihn genannt haben, ein Digger. In Wahrheit hat er von dieser vielen Munition, die da herumliegt, die Edelmetallteile gesammelt und wohl verkauft. Dieser kauzige Alte hätte von Bingo entfernt werden müssen. Aber weil der Alte alle Wege dort kennt, die durch die Minenfelder führen, hat das Bingo nie getan. Hat wohl gedacht, er braucht ihn noch irgendwann. Ich glaube, daß das ein Fehler war. Nach meiner Einschätzung konnte Stonewall nur mit Hilfe des Alten fliehen. Vielleicht haben sie gemeinsam die Bewacher überwältigt.«

»Mal der Reihe nach«, rief Tafting ungeduldig. »Wer ist die Bewachung, und wer ist dieser Bursche, den wir gefangengenommen hatten, diese Geisel, ich meine Stonewall?«

»Stonewall, um damit anzufangen«, erklärte Maxwell, »ist einer der beiden Trucker, denen der RED BARON gehört. Jim Stonewall ist ein Mann Ende Dreißig, geschieden und Vater eines Kindes. Zur Sicherheit hatten wir ja auch dieses Kind gekidnappt und...«

»Und das war der zweite Kardinalfehler«, rief Tafting. »Ein Mädchen zu kidnappen bringt uns die gesamte Bundespolizei auf die Beine. Und die ist ja schon hinter uns her. Daß sie noch am falschen Platz sucht, ist reiner Zufall. Aber das wird nicht mehr lange so sein. Wie konnte man nur so verrückt und verblendet sein, dieses Kind in die Sperrzone zu bringen? Auch noch dahin, wo man den Vater dieses Kindes festhält. Und jetzt?«

Maxwell richtete sich auf und machte ein trotziges Gesicht. »Jetzt haben wir keine andere Wahl mehr.«

»Wie, keine andere Wahl? Was soll das heißen?« fragte Tafting zornig.

»Wir müssen sie erledigen, allesamt. Wir können keine Rücksicht nehmen. Nach der Information, die wir von Hank haben, bevor der Hubschrauber abgeschossen worden ist, wie wir vermuten, sind fünf Personen mit diesem alten Amy-Truck unterwegs. Einmal Stonewall und seine Tochter, dann der Alte, aber schließlich auch noch Janet und Toby.«

»Diese Namen sagen wir nichts. Was sind das für Leute?«

»Janet und Toby gehören zu uns. Janet war unsere Funkerin und Toby bewachte Stonewall.«

»Das muß sich einer überlegen. Einen einzigen Mann zur Bewachung. Ihr habt diesen Trucker total unterschätzt. Wieder ein Fehler. Dann das Kind noch dort. Dann der rote Lastzug, der RED BARON, wie er genannt wird. Ein auffälliges Fahrzeug. Aber damit ist die Kette der Unzulänglichkeiten noch nicht beendet. Was ist mit dem anderen? Der, der mit dem Sattelzug unterwegs ist? Wie sind da die neuesten Meldungen? Das wissen Sie doch, Lewis!« Henry Lewis, der in der Mitte saß, nickte. »Da ist es eigentlich ganz gut gelaufen, Mister Tafting. Als wir merkten, daß sich da einer vom FBI an den Truck geklemmt hat, ist es uns gelungen, am Ball zu bleiben. Und der Bursche vom FBI war nicht allein. Ein zweiter Mann folgte in einem Buick. Wir haben sie noch durch Loving fahren lassen und hatten ursprünglich vorgehabt, achtundzwanzig Meilen hinter Loving die Sache zu starten, doch da kam uns der Zufall noch vorher zu Hilfe. Einer der beiden FBI-Agenten saß, wie ich schon sagte, mit in dem Truck. Er hatte sich da bei einer Polizeikontrolle hineingesetzt. Offensichtlich waren sie sich ihrer Sache noch nicht sicher. Die wollten diese Sicherheit, vermute ich, indem einer von denen mitfuhr. Aber dann hat Morris, das ist der zweite von den beiden Truckern, denen der RED BARON gehört, diesen Kerl aus seinem Führerhaus geworfen. Und von nun an mußten wir handeln. Die Sache hat sich so abgespielt: Während der eine FBI-Agent bei Morris im Führerhaus saß, ist ein zweiter mit einem Buick in weitem Abstand hinterhergefahren. Der hat dann seinen Freund auch aufgelesen. Aber inzwischen mußten wir eingreifen. Wir ließen Morris noch ein Stück weit fahren, dann stoppten wir ihn. Und als sich von hinten der Buick näherte, haben wir ihn zusammengeschossen. Das Ding ist in die Luft geflogen.«

»Und die beiden FBI-Agenten?«

»Die nicht. Die waren aus dem Wagen raus. Jedenfalls haben wir dann den RED BARON übernommen. Er ist jetzt unterwegs und wird von unseren Leuten gefahren.«

»Jetzt endlich«, meinte Tafting. »Jetzt habt ihr das begriffen. Aber zu spät. Natürlich hängt euch das ganze FBI am Hals.«

»Nicht so eilig, Mister Tafting«, meinte Lewis. »Die Sache ist noch nicht über die Bühne. Zwei von unseren Leuten, getarnt als Handwerker, haben mit einem alten Karren die beiden FBI-Agenten aufgelesen und zurück nach Loving gebracht. Und das ist besser, als wenn sie gewartet hätten, um mit irgendeinem anderen mitzufahren. Kurz und gut, für uns ist ein ziemlicher Vorsprung dabei herausgekommen, und der genügt, um die Sache jetzt sicher zu Ende zu bringen.«

»Sicher zu Ende zu bringen?« fragte Tafting ungläubig und beugte sich ein wenig vor, während er Lewis fixierte. »Was wollen Sie mit ,sicher zu Ende bringen’ sagen?«

Lewis warf einen hilfesuchenden Blick auf Marco Conelli.

Der antwortete dann prompt an Lewis’ Stelle:

»Der Geldtransporter ist unmittelbar nach dem Zwischenfall mit den beiden FBI-Agenten umgeladen worden.« Tafting zog die Schultern hoch, als sei ihm unbehaglich zumute. »Und was passiert mit dem roten Sattelzug?«

»Ich habe Anweisung erteilt«, erklärte Marco Conelli, »einen Unfall vorzutäuschen. Da ist ein Stück entfernt eine Brücke. Es soll bei Tag geschehen. Solange wird man noch Zeit Jiaben.«

»Was?« fragte Tafting fassungslos. »Noch Zeit haben? Sobald diese beiden Burschen in Loving eingetroffen waren, haben die doch den ganzen Apparat der Polizei in Bewegung gesetzt.« Conelli nickte. »Haben die auch. Aber unsere Jungs sind eine andere Strecke gefahren. Ünd die werden diesen roten Lastzug von einer Brücke stürzen lassen.«

»Und das sollte das FBI abhalten, nach dem Geldtransporter zu suchen?« fragte Tafting kopfschüttelnd.

Conelli grinste überlegen. »Wir haben einen zweiten Geldtransporter beschafft, und der befindet sich vermutlich gegenwärtig auf dem MAN-Truck. Der wird leider jetzt noch ein Stück fahren müssen, und ich bin sicher, wir bringen ihn durch, bis zu der Brücke über den White Canyon. An dieser Stelle ist er neunhundert Fuß tief. Er ist sehr schwer zugänglich. Es wird Stunden dauern, bis man dahintergekommen ist, was tatsächlich passierte. Ich will damit sagen, sie werden lange brauchen, bis sie wissen, daß in den Trümmern ein Geldtransporter liegt, nach dem sie gar nicht suchen.«

»Und wer soll den Truck in die Tiefe fahren?«

Conelli grinste und schaute Tafting triumphierend an. »Das wird dieser Morris besorgen. Und bei der Gelegenheit sind wir ihn auch quitt. Denn das überlebt er ja wohl kaum, neunhundert Fuß Tiefe...«

»Und unser Geldtransporter, was geschieht damit?« erkundigte sich Tafting.

»Die Berge sind dort ziemlich unwegsam«, erklärte Conelli. »Wir haben eine Stelle, wo wir den Geldtransporter aufschweißen beziehungsweise den Tresor abmontieren. Alles ist vorbereitet.«

»Dann möchte ich auch noch etwas sagen«, erklärte Tafting. »Erstens dürfen diese Leute beide nicht überleben, weder dieser Stonewall noch Morris. Ich will keine Zeugen. Aber auch dieser komische Alte, der mit Stonewall in diesem alten Mack geflohen ist, darf nicht entkommen. Bedauerlicherweise muß das auch für diese Janet und für Toby gelten. Die sind ganz einfach viel zu sehr in die Geschichte verwickelt, wissen Dinge, die sie besser nicht wüßten. Also, erledigen Sie das, Conelli. Und dasselbe gilt für Morris. Wenn er den Zug in die Tiefe stürzt, ist die Sache ja ausgestanden. Ihr wißt sicher, wie ihr so etwas macht. Und ich möchte keine Spuren, keine Hinweise.«

»Spuren werden sich nicht völlig vermeiden lassen. Wir bringen das Geld jedenfalls, sobald wir den Tresor des echten Geldtransporters geknackt haben, mit einem-Hubschrauber weg. Der ist mittlerweile schon auf dem Marsch dahin. Er wird die Sachen abholen und in Sicherheit bringen. Ich gebe zu, Ernest, es ist einiges schiefgelaufen, aber wir haben keinen Grund, schwarzzusehen.«

»Wer hat die Aktion in der Hand? Bingo?« wollte Tafting wissen.

Conelli nickte.

»Dann hat er auch viel verbockt. Dieser Bingo wird einen Unfall erleiden. Sobald wir das Geld in Sicherheit haben, möchte ich diesen Bingo erledigt wissen. Und das gilt auch für alle, die dabei sind. Ich meine, die dort mitgeholfen haben, den Tresor auszubauen und was dazu gehört. Haben Sie mich verstanden, Marco? Es dürfen keine Zeugen Zurückbleiben. Wenn der Hubschrauber abhebt' mit diesem Geld, da muß es dort so tot sein wie auf einem Friedhof. Keine Zeugen, die überleben. Niemand.«

»In Ordnung, Ernest«, erwiderte Marco Conelli lächelnd und wandte sich dann an seinen Nachbarn Lewis. »Ich nehme an, Henry, du und Joseph, ihr werdet das übernehmen.«

»Das geht in Ordnung«, sagte Maxwell, und auch Lewis nickte.

»Keine Überlebenden. Wenn der Hubschrauber abhebt«, wiederholte Tafting noch einmal eindringlich, »sind nur die Leute im Hubschrauber noch am Leben. Ich hoffe, ich habe mich ganz klar ausgedrückt.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Jetzt ist es kurz vor neun. Spät genug. Ich hoffe, die Aktion mit diesem roten MAN-Truck dürfte inzwischen gelaufen sein.«

Marco Conelli nickte. »Ich denke auch. Aber das läßt sich feststellen. Prüf das mal nach, Henry!« wandte er sich an Lewis. Der erhob sich und ging nach draußen ins Vorzimmer. Es dauerte eine ganze Weile, bis er zurückkam. Und als er dann bei den drei Zurückgebliebenen stand, sagte er:

»Es ist bis jetzt alles glatt gelaufen, was den Geldtransporter angeht. Die Umladung hat funktioniert, und die Jungs, die den echten Geldtransporter wegbringen, sind inzwischen auf dem Weg zum Ziel. Sie werden nicht verfolgt.«

»Und der andere Zug, dieser rote MAN-Truck?« wollte Tafting erfahren.

»Da habe ich noch keine Nachricht«, erwiderte Henry Lewis kleinlaut.

»Ja, verdammt noch mal, dann bringen Sie das endlich in Erfahrung!« sagte Tafting scharf.

»Sehr wohl, Mister Tafting. Ich tue mein Möglichstes. Aber die haben sich noch nicht gemeldet.«

»Wer ist denn bei diesem Morris?«

»Zwei von uns. Cyd und Bingo selbst.«

»Die haben sich noch nicht gemeldet?«

»Leider nicht. Aber ich habe da keine Sorge. Wahrscheinlich ist die ganze Aktion schon gelaufen. Ein Fahrzeug, daß wir als Service-Wagen der Telefongesellschaft getarnt haben, folgt ja diesem MAN-Truck.«

»Und haben die da keinen Funk?« fragte Tafting.

»Ja, die haben Funk«, entgegente Lewis. »Ich verstehe es ja auch nicht. Die müßten sich wirklich gemeldet haben. Vielleicht tun sie es noch. Ich bleibe am Ball, Sir.«

»Macht mir bloß keinen Mist, verdammt noch mal!« sagte jetzt Conelli zu Lewis. »Das darf nicht schiefgehen. Und du, Joseph, kümmerst dich darum, daß dieser Stonewall und alle, die bei ihm sind, zum Teufel gehen.«

Tafting blickte kopfschüttelnd von einem zum anderen. »Meine Herren, ich kann überhaupt nicht verstehen, und das betrifft ganz besonders dich, Marco, daß diese Aktion auf diese Weise gelaufen ist. Ich bin sicher, daß jetzt ein ganzer Schwarm von Polizei zu Lande und in der Luft um diesen auffälligen roten Sattelzug herumschwirrt. Wer ist nur auf diese Wahnsinnsidee gekommen, den Fahrer ohne jede größere Begleitung einfach loszuschicken. Ich meine diesen, diesen, diesen...« Er suchte noch den Namen, und Conelli sagte:

»Er heißt Morris, der Partner von Stonewall.«

»Ja, Morris«, meinte Tafting und warf einen wütenden Blick in Conellis Richtung. »Es war auf alle Fälle Wahnsinn, wie .das gelaufen ist. Richtig anfängerhaft. Gibt es dafür eine einzige Begründung, Marco?«

Conelli nickte und lächelte siegessicher. »Natürlich gibt es dafür eine Begründung. Dieser auffällige Lastzug war deshalb besonders geeignet, weil die Fahrer einen guten Namen bei den meisten der Polizisten haben. Und nicht nur das. Auch unter ihren Kollegen gelten sie als hervorragende Partner. Und das war der Grund. Wir wollten es eben gerade nicht so machen wir normalerweise große Coups ausgeführt werden.«

»Und jetzt haben wir die Quittung«, meinte Tafting.

»Abwarten, Ernest, wir sind noch nicht fertig. Alle Maßnahmen, die ich getroffen habe, kommen jetzt voll zum Zuge. Auch wenn wir noch keine Nachricht haben. Das alles funktioniert. Ich bin sicher, die Sache geht gut über die Bühne. Es ist uns gelungen, den Polizeiapparat in ganz Texas durcheinander zu bringen. Für mich steht fest, daß nur zwei oder drei vom FBI eine Ahnung hatten und auf der richtigen Fährte waren. Das dürfte mittlerweile ausgestanden sein. Natürlich schwärmen sie jetzt los, kommen sie von allen Seiten. Aber wiederum zu spät, und sie jagen dem falschen Wild nach. Wenn sie am White Canyon stehen und den zerschmetterten roten Sattelzug unten liegen sehen, sind sie überzeugt, daß sie gesiegt haben. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sie in der Lage sind, herauszufinden, daß sie die falsche Beute ergattert haben. Das ist der Vorsprung, den wir benötigen.«

Tafting machte ein verbissenes Gesicht. »Da bin ich aber gespannt. Und was ist mit diesem Burschen, der in den Minenfeldern des Sperrgebietes herumkurvt?«

Conelli machte eine lässige Handbewegung. »Aber Ernest, das ist doch überhaupt kein Problem. Der ist doch schon tot und weiß es noch nicht. Der ist doch fix und fertig. Genau wie sein Partner. Und wir haben die Beute. Keiner von unseren Leuten weiß, was noch alles in diesem Geldtransporter ist. Die glauben ja, es ist ein 2-Millionen-Coup. Aber von den Fotos weiß ja keiner etwas.«

Tafting nickte. »Wissen die beiden Bescheid?« Er blickte auf Lewis und Maxwell.

»Ja«, bestätigte Conelli, »die wissen Bescheid, daß es sich um die Fotos aus dem Sex-Club handelt. Und wenn wir die haben, ist das letztlich viel, viel mehr wert als 2 Millionen Dollar. Dann lassen wir Senator Bladfield tanzen wie eine Puppe. Er wird alles tun, was in seiner Macht steht, und er hat ziemlich viel Macht, um uns zu helfen. Schließlich möchte er ja nicht, daß irgendwelche Zeitungen die Bilder veröffentlichen. Auf so was reagiert die Öffentlichkeit ziemlich allergisch, zumal der Senator verheiratet ist.«

»Ja, solche Sex-Spielchen haben schon manchem Politiker das Genick gebrochen«, meinte Tafting nachdenklich. »Und jetzt sorgt dafür, daß die Sache glatt über die Bühne geht! Und wie gesagt, keine Zeugen! Dafür müssen wir auch Leute von uns opfern. Es geht nun mal nicht anders, so leid es mir tut...«

*

image

DER SCHEIN DER AUFGEHENDEN Sonne fiel durch das Dornengestrüpp in die Tunnelöffnung hinein. Der grelle Scheint blendete Chris Morris, der auf einer Kiste saß und in die Helligkeit blinzelte.

Chris drehte sich eine Zigarette, und als er sie anzündete, wandte er sich um und blickte in den etwa eine dreiviertel Meile langen Tunnel hinein. Weiter hinten stand der RED BAKON. Trotz des Sonnenlichts, das in den Tunnel fiel, hatte Chris Mühe, seinen Sattelzug zu erkennen.

Die drei Männer, die den Rest der Nacht bei ihm geblieben waren, lungerten in der Nähe herum. Alle drei waren schwer bewaffnet. Cyd vor allem, der ein großkalibriges Polizeigewehr besaß, mit dem er Chris Morris bedrohte.

Seit Stunden befanden sie sich hier im Tunnel. Einem Tunnel, der einmal für eine neue Straße errichtet worden war, um dann doch nie seiner Bestimmung übergeben zu werden. Die Zugänge waren von Dornengestrüpp so gut wie verdeckt. Dort, wo es Cyd und seine Männer beseitigt hatten, um den Sattelzug in den Tummel fahren zu lassen, war es von ihnen wieder mühsam ausgebreitet worden, ebenso sorgfältig, wie sie alle Spuren beseitigt hatten, die vom RED BARON hinterlassen worden waren.

Schon vor Aufgang der Sonne, als es nur ein wenig hell zu werden begann, waren die Hubschrauber aufgetaucht. Gleich mehrere. Und ihr Brummen erfüllte die Luft seit Einbruch der Dämmerung. Und das war jetzt eine halbe Stunde her.

Vorhin hatte Chris ein paar Schritte zum Tunnelzugang gemacht, um weiter unten die Straße sehen zu können, die sich in Serpentinen hinüber zu der Brücke über den White Canyon talwärts wand.

Chris hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Er erinnerte sich nur daran, was im zweiten Teil der letzten Nacht passiert war. Und da hatte sich eine ganze Menge ereignet, was ihn und den RED BARON anbetraf.

Die Gangster, die Chris bewachten, hatten jeden Funkverkehr eingestellt. Vermutlich aus Sorge, daß sie irgendwie angepeilt werden konnten.

Chris hatte vorhin auf der Straße Polizeifahrzeuge gesehen, die ständig in beiden Richtungen patrouillierten. Und dann die Hubschrauber. Aber jetzt durfte er nicht mehr weiter nach vorn. Selbst das Sprechen war verboten worden.

Chris hatte kein gutes Gefühl bei all dem. Am Ende, dachte er, bekomme ich noch eine verpaßt. Die Burschen sind nervös geworden. Besonders dieser Cyd, der ständig mit diesem Polizeigewehr herumfuchtelte und keinen Zweifel aufkommen ließ, daß er es auch benutzen würde, sollte Chris nur den geringsten Widerstand leisten.

Vergangene Nacht hatten sie ihn gestoppt. Das war kurz nach dem Hinauswurf von Harrison gewesen, diesem FBI-Agenten, der nach der letzten Polizeisperre in den RED BARON gestiegen war und von Chris verlangt hatte, daß er ihm helfen sollte. Aber Chris hatte dabei an Jim Stonewall, seinen Partner gedacht. Nein, am Ende sagte sich Chris, bringen Cyds Ganoven Jim um, nur weil ich Harrison unterstütze.

Als sie ihn gestoppt hatten, war Cyd zu ihm ins Führerhaus gestiegen. Beinahe im selben Augenblick begann eine wilde Schießerei, von der Chris nur das Geknalle hörte und nachher von Cyd erfuhr, daß es ihnen gelungen war, einen Wagen in Brand zu schießen, in dem sich ganz sicher zwei FBI-Agenten befanden. Vielleicht war Harrison einer von ihnen. Aber angeblich sollte den beiden Männern nichts passiert sein.

Und dann hatte Chris weiterfahren müssen. Zunächst einmal ein Stück weit die Straße entlang, dann von ihr herunter. Und er war gezwungen worden, das Licht auszumachen.

Ohne Licht waren sie einem wüsten Pfad gefolgt, der in die Berge führte. Chris hatte alle Hände voll zu tun, den RED BARON nicht irgendwo umzuwerfen. Stellenweise war die Schräglage beängstigend. Und schmal war der Pfad auch. Vor allen Dingen dann, wenn er durch Schluchten führte.

Schließlich hatten sie ein Plateau erreicht, wo ein zweiter Truck und ein Lieferwagen standen. Erst bei genauem Hinsehen entdeckte Chris, daß der Lieferwagen sich als Geldtransporter entpuppte, der genauso beschriftet war wie jener, der bei Beginn des ganzen Unternehmens in der Autolackiererei auf den Hof gefahren worden war.

Zunächst sah es aus, als sollte der auf dem RED BARON befindliche Geldtransporter abgeladen werden. Aber dann war jemand aufgetaucht, den sie alle Bingo nannten. Ein Bursche, groß und breitschultrig, weit über die Vierzig, aber offenbar eine Respektsperson unter den Gangstern. Die tuschelten miteinander, und Cyd, der die ganze Zeit über Chris bewacht hatte, wurde von einem anderen abgelöst, sprach dann lange mit jenem Bingo, und schließlich luden sie den anderen Geldtransporter auf jenen Truck auf, der dort stand. Es war ein Freightliner, höchstens ein paar Wochen alt und dunkelgrün. Offensichtlich waren die Aufbauten umgespritzt. Aber Chris sah doch, daß es sich um ein neues Fahrzeug handelte.

Während ein Teil der Männer den Geldtransporter über eine provisorisch aufgebaute Rampe auffahren ließ, beschäftigten sich jener Cyd und Bingo mit dem Fahrzeug, das sich auf dem Auflieger des RED BARON befand.

Zu jenem Zeitpunkt herrschte noch lebhafter Funkverkehr. Und einmal wurde sogar eine Verbindung zu jenem Camp hergestellt, in dem sie Jim gefangen hielten. Offensichtlich hatte sich da nicht viel verändert.

Aber dann erlebte Chris eine Überraschung. Er hörte ein Gespräch über Sprechfunk mit, das Bingo mit irgend jemand führte. Und da erklärte Bingo, man habe die Fahrzeuge umgetauscht, die Aktion könne, wie besprochen, weiterlaufen. Jener, mit dem Bingo sprach, hieß offensichtlich Maxwell. Manchmal nannte Bingo ihn auch Joseph.

Nach diesem Funkgespräch fuhr der Freightliner mit zwei Mann in der Kabine ab. Auch dieses Fahrzeug wurde ohne Licht gefahren.

Zu langen Überlegungen kam Chris nicht. Denn jener Bingo stieg jetzt zusammen mit Cyd vorn in die Kabine. Aber es war wieder Chris, der fahren mußte. Sie verlangten von ihm, während Cyd ihm die Mündung des großkalibrigen Polizeigewehres zeigte, den selben Weg zurückzukehren.

Chris war sicher, daß er diesen Weg niemals mehr wiedergefunden hätte, den er da in der späten Nacht gefahren war. Aber Cyd schien hier jeden Meter Boden zu kennen. Und so gelangten sie dann bis hierher in diesen Tunnel. Danach wurde das Gestrüpp wieder vor die Öffnung gelegt, und zwei Männer, die mit einem Personenwagen nachgefahren waren, bemühten sich, sämtliche Spuren draußen zu verwischen.

Danach verbot dieser Bingo jedweden Funkverkehr. Anfangs waren die Geräte noch auf Empfang geschaltet, später mußten sie völlig abgeschaltet werden. Und als die Dämmerung hereinbrach, erlebte Chris, daß es in diesem menschenleeren Land von Polizei wimmeln konnte, wenn es darauf ankam. Soviel Hubschrauber wie in der letzten halben Stunde hatte Chris bisher nur in Vietnam gesehen.

Später kamen dann sogar Militärlastwagen vorbei. Auf jedem von denen saßen mindestens dreißig Mann Nationalgarde. Eine ganze Kette rollte vorüber. Und Chris konnte sich denken, daß sie irgendwo ein Gelände absuchen wollten.

Eine weitere halbe Stunde verging, ohne daß sich hier oben im Tunnel etwas ereignete. Schließlich tauchte Bingo auf, winkte Chris, zu ihm zu kommen, und sie stellten sich neben das Führerhaus des RED BARON. Bingo war einen halben Kopf größer als Chris, dazu breit. Ein richtiger Bär. Daß mexikanisches Blut in seinen Adern floß, ließ sich nicht verleugnen. Chris hatte nichts gegen Mexikaner. Aber das hier waren Gangster. Und er hätte sie alle miteinander in die Hölle gewünscht.

»Hör mir zu, Bruder«, sagte Bingo mit seiner tiefen Baßstimme. »Wir haben eben für eine Viertelstunde riskiert, mit unserem Funkgerät auf Empfang zu gehen. Es sind da ein paar interessante Neuigkeiten durchgekommen, die auch dich interessieren werden. Zunächst einmal dein Freund Stonewall. Er ist ein cleverer Bursche. Ich glaube, ich habe ihn ein wenig unterschätzt oder zumindest haben es die getan, die auf ihn achten sollten. Es wird dich freuen, wenn du hörst, daß er sich befreien konnte. Nur, frage ich mich, was ist das für eine Freiheit?«

Verdammt, dachte Chris, Jim hat es geschafft. Und jetzt habe ich die Hände frei. Aber er spürte, daß das noch nicht alles war. Vielleicht hätte es ihm Bingo sonst gar nicht erzählt.

Bingo lächelte. »Du denkst, du bist aus dem Schneider.« Er schüttelte den Kopf. »Du schon, wenn wir nicht auf dich aufpassen. Aber dein Freund nicht. Weißt du, wir haben ihn in einem Sperrgebiet eingesperrt gehabt. Ein militärisches Gebiet, von der Armee nicht mehr benutzt. Früher haben da Schießversuche mit neuen Waffen und neuer Munition stattgefunden. Man hat Minen ausprobiert. Hat ganze Minenfelder angelegt. Und so genau weiß eigentlich niemand mehr, wie man unbeschadet dorthin kommt. Als die Armee das gemerkt hat, hat sie zuletzt nur noch Bomben da abgeworfen. Und schließlich wurde das ebenfalls aufgegeben. Es ist ein riesiges Gebiet, und wer es betritt, wandelt auf einem Höllenpfad. Jeden Augenblick kann man auf eine Mine treten. Ich selbst habe deinen Freund dahingebracht. Ich kenne den Weg. Ich kenne ihn zu Fuß. Dein Freund und ein komischer Alter, der Edelmetalle gesucht hat und den wir nie ganz ernst genommen haben, sind auf dem Weg durch die Minenfelder. Aber nicht zu Fuß, Morris. Sie haben sich dazu ein Fahrzeug ausgesucht. Einen der Lastwagen, die seinerzeit bei den Bombenversuchen als Versuchskaninchen gedient haben. Der einzige, der übrig geblieben ist. Das sind alles Fahrzeuge aus dem zweiten Weltkrieg, uralt. Aber der hier, der ging noch. Und er geht offensichtlich auch jetzt noch. Ich kann dir noch mehr erzählen. Vor einer Viertelstunde haben Leute vori uns versucht, Stonewall von einem Hubschrauber aus außer Gefecht zu setzen. Es scheint ihnen irgendwie nicht gelungen zu sein. Mit dem Hubschrauber haben wir keine Verbindung mehr. Und das letzte, was unsere Zentralstelle durch den Äther aufgefangen hat, war ein Hilferuf. Ich vermute, Stonewall und der Alte haben den Hubschrauber abgeschossen. Waffen sind ja genug dort. Vielleicht haben sie dazu irgendein altes Maschinengewehr benutzt oder sonst etwas. Aber es wird ihnen nichts nutzen. Sie müssen noch etwa zwanzig oder dreißig Meilen durch dieses Sperrgebiet hindurch, das heißt durch Minen, durch Blindgänger und zum Teil auch durch Gebiet, das von chemischen Kampfstoffen verseucht ist.«

Für Chris war es dennoch keine Hiobsbotschaft. Im Gegenteil. Er hatte plötzlich die Hoffnung, daß Jim es schafft. Ja, er war beinahe sicher, Jim würde es schaffen. Der Gedanke erfüllte ihn mit Schadenfreude. Die Gangster hatten Jim nicht festhalten können. Und vielleicht habe ich auch eine Chance, sagte er sich.

Bingo war ein guter Menschenkenner. Er blickte Chris nachsichtig lächelnd an und sagte: »Du denkst, du kannst jetzt bei der ersten Gelegenheit die Platte putzen, nicht wahr? Aber ich will dir, bevor du diesen Gedanken weiter verfolgst, noch ein paar Worte sagen. Das Kommando hier habe ich jetzt. Und ich habe es nicht nur für diesen Auftrag. Meine Freunde und ich werden auf eigene Kappe arbeiten. Wenn du begreifst, was ich damit meine. Wir haben uns von den großen Bossen getrennt. Wir arbeiten jetzt auf eigene Rechnung, und weil das so ist, geht es um alles oder nichts. Verstehst du, was ich meine?«

»Ich begreife immer«, sagte Chris, »daß ihr auf eigene Faust handelt. Ich weiß nicht, welcher Organisation ihr angehört, aber ich könnte mir vorstellen, daß die euch zerquetschen wie eine Laus, wenn ihr nicht nach deren Pfeife tanzt.«

Bingo blickte ernst. »Das kann passieren, wenn wir nicht aufpassen. Aber wir haben einen unerhörten Vorsprung. Die denken nämlich, wir hätten das Fahrzeug umgeladen, den Geldtransporter meine ich. Das war unser Auftrag. Und der Truck, den du heute nacht gesehen hast, sollte die Ladung auf geheimnisvollen Wegen zur Küste bringen.«

»Was ich nicht begreife«, meinte Chris, »wenn ich mich in eure Lage versetze, kann ich nicht kapieren, wieso ihr diesen verdammten Geldtransporter nicht einfach knackt, das Zeug im Tresor einfach herausholt und damit verschwindet. Statt dessen schleppt ihr dieses Monstrum überall herum.«

»Die Sache ist ganz einfach«, erklärte Bingo. »Bei diesem Geldtransporter ist ein neues Sicherheitssystem eingebaut. Sobald versucht wird, den Tresor, der sich im Wagen befindet, aufzuschweißen oder gar anderswie unsachgemäß zu öffnen, wird automatisch der Inhalt des Tresors vernichtet. Wenn wir dann den Tresor offen haben, finden wir nur noch verbranntes Geld, verbrannte Wertpapiere und sogar geschmolzenes Metall vor. Diese Tresore sind das modernste, was es auf der ganzen Welt gibt. Man kann sie nur ganz vorschriftsmäßig mit zwei Schlüsseln und dem richtigen Code öffnen. Wir haben aber weder die Schlüssel, noch kennen wir den Code. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, das Sicherheitssystem zu knacken. Dazu muß das gesamte Fahrzeug in ein starkes Magnetfeld gebracht werden. Und so ein Magnetfeld besitzen wir nicht. Das steht nicht irgendwo herum. Das ist nämlich fast so etwas wie dieser Tunnel, wenn auch nicht ganz so groß, eine Röhre, in die der ganze Geldtransporter hinein muß. Von diesen Magnetfeldröhren gibt es nicht allzu viele. Nur drei in den Staaten. Eine davon auf einem Schiff. Ein Spezialschiff. Ein japanisches Schiff, das wir zu diesem Zweck extra besorgt haben. Und hier liegt das Problem. Mittlerweile scheint das FBI von diesem Schiff zu wissen. Irgendwo ist etwas durchgesickert. Da hat es eine Stelle in der Organisation gegeben, die nicht dicht gewesen ist.«

»Und jetzt?« fragte Chris.

»Die Bosse wissen noch nichts. Die denken, daß der andere Truck mit dem richtigen Geldtransporter unterwegs ist. Die wollen es immer noch auf diesem japanischen Schiff machen. Aber wir werden die Sache in eigene Regie nehmen. Und das bedeutet, daß wir den Geldtransporter von hier wegbringen, aber nicht an die Küste, sondern an eine andere Stelle, wo es ebenfalls so eine Magnetfeldröhre gibt. Du hast die Möglichkeit, Morris, viel Geld zu verdienen, wenn du bei uns mitmachst. Du hast sogar die Möglichkeit, den Truck zu retten, denn den ließen wir hier stehen.«

»Den laßt ihr stehen? Was soll das heißen?«

»Wir fahren nur mit dem Geldtransporter. Und ich weiß, daß du ein hervorragender Fahrer bist. Wir haben keinen, der so gut fährt wie du. Dieanderen haben da ihre Zweifel, aber ich sehe das so. Du kannst den Geldtransporter fahren. Und wie gesagt, du wirst gut dabei verdienen. Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit.«

»Und die wäre?« wolte Chris wissen.

Bingos Gesicht verzog sich zu einer geringschätzig wirkenden Miene. »Wir können das noch machen, was die Bosse verlangt haben: dich mitsamt dem Truck die Brücke über den White Canyon hinunterzujagen. Das ist nämlich der Auftrag, der neueste Auftrag. Er ist vorhin durchgekommen. Die denken ja immer noch, wir hätten umgeladen. Such es dir aus! Entweder fährst du für uns den Geldtransporter und läßt den RED BARON hier stehen, oder aber du darfst deinen RED BARON fahren und dies etwa zwei Meilen weit. Von hier aus die Serpentinen herunter bis zur Brücke. Und dann wirst du das Geländer durchbrechen und mit deinem Truck in die Tiefe stürzen. Was hältst du davon?«

»Ich wollte schon als Kind immer Flieger werden«, meinte Chris spöttisch. »Vielleicht probiere ich es diesmal aus?«

»Du bist ein Narr«, sagte Bingo kopfschüttelnd. »Du hältst das für einen Witz. Aber das ist kein Witz. Das ist eine blutig-ernste Angelegenheit. Wir jagen dich wirklich die Brücke hinunter. Schon deshalb, weil das die Freunde von Polizei und FBI ein wenig beschäftigt, weil es sie ablenkt. Und danach können wir in aller Ruhe von hier weg, während die in den Canyon hinunterklettern und nach ihrem Geldtransporter suchen. Verstehst du, was ich meine?«

»Wie willst du mich zwingen, daß ich freiwillig das Geländer durchbreche?« fragte Chris.

»Auch das kann ich dir erklären«, erwiderte Bingo geduldig und lehnte sich an die Fahrerkabine des RED BARON. »Du wirst natürlich nicht selbst fahren. Du wirst nur hinter dem Steuer sitzen. Leicht betäubt, könnte man sagen. Einer von unseren Leuten steuert den RED BARON und springt dann rechtzeitig ab.«

»Ich kenne Fälle, wo das nicht geglückt ist, Versicherungsfälle, wenn man so sagen will«, meinte Chris. »Leute, die ihren Truck loswerden wollten, um von der Versicherung einen neuen bezahlt zu bekommen. Die sind dann irgendwie an der Tür hängengeblieben, und es hat sie mit in die Tiefe gerissen.«

»Der Mann, dem ich dazu den Auftrag gebe, hat das schon öfter gemacht, auch für Versicherungszwecke, wie du es nennst. Er wird nicht an der Tür hängenbleiben. Er hat da ein besonderes System. Überlege es dir gut! Es ist wirklich kein Spaß. Und du hast auch absolut keine Chance, denn du wirst nicht bei dir sein, wenn du die Brücke hinunterfährst. Du wirst es gar nicht merken. Wir haben für solche Zwecke die geeigneten Mittel. Du kannst darauf wetten, daß du nicht die geringste Gelegenheit hast, irgendwie aus dem Führerhaus herauszukommen. Du wirst nicht einmal merken, wie du dort hinunter fährst.«

Chris war sich darüber klar, was sie vorhatten. Er konnte es sich lebhaft vorstellen. Dazu reichte seine Phantasie aus. Sie würden ihm eine Spritze geben oder ihn niederschlagen, und irgendeiner, vielleicht Cyd, fuhr den Truck bis zur Brücke. Dann hielt er an, band das Lenkrad fest, daß es leicht nach rechts oder links zog, startete den Wagen, legte einen Stein aufs Gaspedal und sprang dann ab, sobald der Truck anfuhr. Um durch das Geländer zu brechen, brauchte so ein schweres Fahrzeug nicht viel Schwung. Vielleicht hatten sie sogar vorgesorgt, das Geländer angesägt oder sonst etwas. Nein, da brauchte er sich keinen Illusionen hinzugeben. Das würde schon so sein wie Bingo sagte. Und ganz sicher war es sein Tod.

»Es beginnt bei dir im Kopf zu klickern, nicht wahr?« meinte Bingo. »Du fängst an, es zu begreifen.«

»Warum fahren wir nicht so wie wir sind weiter, lassen das Ding auf dem Auflieger und...«

Bingo schüttelte den Kopf und sah Chris mitleidig an. »Sag mal, bist du so blöd oder tust du bloß so? Hast du nicht gesehen, wie es hier von Bullen nur so wimmelt? Sie fliegen wie die Hornissen herum. Auf den Straßen wimmelt es von ihren Autos. Und die Nationalgarde wird irgendwo weiter unten, wo sie uns vermuten, das ganze Gelände abkämmen. Wieso also kommst du auf diese Wahnsinnsidee, daß wir mit deinem rot angestrichenen Truck durchkommen?«

»Und du glaubst, ihr schafft es mit dem Geldtransporter?« wollte Chris wissen.

»Ja, damit schaffen wir es. Und zwar in der Nacht. Wir werden noch die Nacht abwarten. Nachts richten Hubschrauber nichts aus. Und du hast gesehen, wie wir hierhergekommen sind. Genauso fahren wir wieder weg. Mit dem Geldtransporter sind wir viel beweglicher.«

»Im Gelände taugt der nichts«, sagte Chris. »Mein RED BARON hat Allradantrieb. Der Geldtransporter nicht. Für das hohe Gewicht ist er untermotorisiert. Es wäre viel klüger, wir würden so, wie wir sind, weiterfahren. Ganz gleich auf welchen Wegen. Aber nur so gibt es eine Chance.«

Chris war von dem, was er sagte, überzeugt. Auf der anderen Seite hoffte er, daß sich irgendwie eine Gelegenheit bot, um aus der ganzen Geschichte aussteigen zu können. Oder, was er noch für viel besser hielt, der Polizei voll in die Arme zu fahren. Auf der anderen Seite kam ihm, als er darüber nachdachte, ein nicht gerade guter Gedanke, die Furcht nämlich, daß es irgendwie zu einer Schießerei kommen könnte, die für seinen RED BARON das Ende bedeutet hätte.

»Ich habe da noch eine Idee«, sagte Bingo zu Chris’ Überraschung. »Meine Männer prüfen gerade, ob es möglich ist, das ganze Tresorsystem aus dem Tresor auszubauen. Gelingt das, würden wir den Anlieger von deinem Sattelschlepper ' trennen, den Tresor auf den Sattelschlepper laden und dann damit über Bergpfade verschwinden. Immerhin hat dein Truck Allradantrieb. Ohne Auflieger ist er fast so geländegängig wie ein Panzer.«

»Worauf du wetten kannst«, erwiderte Chris, der sofort neue Hoffnung schöpfte.

»Willst du damit sagen«, fragte Bingo, »daß du uns unterstützt?«

»In dem Falle, wo. ihr diesen dritten Weg gehen wollt, ja.«

»Du hältst ihn also für besser, als mit dem Geldtransporter abzuhauen.«

»Entschieden besser«, erklärte Chris. »Fragt sich nur, ob wir dieses schwere Ding mit normalen Mitteln auf den Sattelschlepper laden können. Dafür müßten wir auch irgendeine Plattform darauf bauen.«

Bingo nickte. »Das müßten wir. Aber ich sehe darin kein Problem. Das größte Problem wird sein, den Tag heute zu überstehen und auf die Nacht zu warten. Bis dahin müßten wir allerdings mit unserer Arbeit fertig sein.«

»Völlig geräuschlos?« fragte Chris zweifelnd.

Bingo nickte. »Völlig geräuschlos.« Chris mußte an Jim denken, von dem er nun wußte, daß der mit irgendeinem uralten Truck durch Minenfelder und blindgängerverseuchtes Gebiet fuhr. Wenn ich nur wüßte, ob Jim eine Chance hat? Wenn ich ihm nur helfen könnte. Statt dessen sitze ich hier herum. Aber ich stecke ja selbst bis zum Hals im Dreck.

Da kam ihm ein Gedanke. Was würde denn sein, wenn er jetzt einfach eine Gelegenheit nutzte, sobald der Auflieger gesattelt war, Gas gab und aus dem Tunnel herausfuhr, gleichzeitig das Lufthorn aufbrüllen ließ und durch das Gestrüpp hindurchpreschte und diesen wahnwitzigen Pfad hinunter zur Straße fuhr, in der Hoffnung, daß die Polizei auf ihn aufmerksam würde?

Der Gedanke fraß sich regelrecht in ihm fest. Er begann ihn auszuschmücken, bis es ein richtiger Plan würde.

Bingo indessen kontrollierte, wie weit seine Männer bei der Untersuchung fortgeschritten waren, den Tresor auszubauen.

Als Chris sich wieder eine Zigarette rollte, trat Bingo neben ihn und sagte: »Es klappt. Wir können es so machen.«

»Und wie bekommen wir den Geldtransporter vom Auflieger herunter? Wir haben hier keine Kampe«, sagte Chris.

»Dann werden wir eine bauen. Wir müssen dann einen Schlitten fertigen, mit dem wir den Tresor nach vorn zu deinem Fahrzeug bringen.«

»Es gibt noch eine andere Möglichkeit«, erklärte Chris, der innerlich frohlockte. »Wenn ich den Auflieger abhänge, und dann aber nicht auf den Stützen stehen lasse, sondern wir ihn vorn zu Boden niederlassen, und wenn ich dann die Zugmaschine etwas vorziehe, wir die Stirnwand abschrauben, könnten wir den Geldtransporter regelrecht herausfahren. Und dann stünde er auch noch direkt hinter der Zugmaschine. Es wäre dann viel einfacher, den Tresor aufzuladen.«

Bingo war auf der Stelle von dem Vorschlag begeistert. Er schlug Chris auf die Schulter, daß der das Gefühl hatte, ihm würden die Knochen gebrochen. »Gute Idee von dir. Menschenskind, du machst ja wirklich mit. Prächtig. Das sollten wir sofort in die Tat umsetzen. Hol dein Werkzeug und fang an, die vordere Wand abzuschrauben!«

»Ich allein?« fragte Chris.

»Na ja, die anderen helfen dir. Komm, wir müssen uns beeilen! Und leise, sag ich! Es wimmelt draußen immer noch von Bullen.«

Daß da draußen soviel Polizei war, leider zu weit weg, gab Chris ein gutes Gefühl. Seine Hoffnung, gut aus der Sache herauszukommen, wuchs ständig. Und er half mit, die Stirnwand zu lösen. Cyd hätte ja am liebsten die Schrauben mit einem Meißel abgeschlagen, wenn sie nicht sofort los gingen. Aber dabei wäre zuviel Lärm entstanden. Und da blieb auch Cyd und den anderen nichts weiter übrig, als jede Schraube einzeln mit dem Schraubenschlüssel loszudrehen. Und wenn sie noch so verrostet waren und festsaßen.

Schließlich war die Stirnwand heraus, wurde von allen Männern gemeinsam zur Seite gehoben. Und nun war der Augenblick da, um den Auflieger abzusatteln. Dec Augenblick, auf den Chris die ganze Zeit gewartet hatte. Denn wenn es jemals eine Chance für ihn gab, dann jetzt.

Vorhin war er für ein paar Augenblicke noch einmal zum Tunnelzugang getreten, aus dem sie später herausfahren wollten. Dichtes Dornengestrüpp, aber dahinter ein Pfad, der nach unten führte. Zugewachsen, dieser Pfad. Kaum zu sehen und schmal. Stellenweise gerade so breit, um mit einem Truck darauf zu fahren. Und ganz sicher voller Schotter, losem Geröll. Niemand konnte vorher sagen, ob dieser Pfad überhaupt hielt. Ob nicht ein Teil davon abbrach, wenn ein schwerer Truck darauf fuhr. Und das hätte bedeutet, daß Chris mit seinem RED BARON in die Tiefe stürzen würde, bis unten zur Straße. Die lag etwa achthundert Fuß tiefer. Diesen Höhenunterschied galt es zu überwinden auf einem schmalen, kaum zu sehenden Pfad, den Chris von hier aus nicht einmal völlig überblicken konnte. Er wußte auch nicht, ob die Spitzkehre, die etwa in halber Höhe lag, für den Truck passierbar war. Selbst wenn er nur mit der Zugmaschine fuhr, schlug der MAN nicht so ein, daß man so eine Spitzkehre auf so einem derart schmalen Weg auf einen Zug herauskam.

Doch Chris sah nur diese eine Möglichkeit, um sich zu befreien. Das Risiko war ihm klar. Aber er war entschlossen, es zu wagen.

»Nun häng deinen Bobtail endlich ab!« sagte Bingo.

»In Ordnung«, erklärte Chris. »Aber ich muß den Motor anlassen, um vorzuziehen.«

»Augenblick«, rief Cyd und lief zum Tunnelausgang. Er spähte durchs Gebüsch und kam nach einer Weile zurück.

»Weiß der Kuckuck, wo die jetzt alle sind. Aber die Straße unten ist wie tot.«

»Also los! Halten wir uns nicht mit der Vorrede auf! Sattle ab und zieh vor!« erklärte Bingo.

Chris hatte die Nachricht von Cyd gehört. Und die gefiel ihm nicht. Im Augenblick wäre es ihm lieber gewesen, die Straße unten wimmelte von Polizei.

Bingo hatte einen Wachposten aufgestellt, der sich allerdings auf der anderen Tunnelseite befand. Auch der wurde befragt. Es war Cyd, der zu diesem Manne hinging und nach einer Weile zurückkam.

Indessen hatte Chris abgesattelt. Er brauchte nur noch mit der Zugmaschine vorzuziehen.

»Hinten ist auch alles klar. Die Hubschrauber sind wie weggescheucht«, meinte Cyd. »Weiß der Teufel, wo die uns suchen.«

Das macht meine Chance nicht größer, dachte Chris. Wenn ich jetzt durchbreche, werden sie mir nachlaufen. Aber ich muß es einfach versuchen. Vielleicht überlebe ich es nicht. Die werden das Führerhaus zersieben mit Schüssen.

Als Chris sich ins Führerhaus hochzog und hinter dem Lenkrad Platz nahm, meinte er das Brummen eines Hubschraubers zu hören. Dieses Gebrumm schien näher zu kommen.

Plötzlich blicke Cyd zu ihm hoch, und Chris hörte, wie Cyd zu Bingo sagte:

»Moment mal. Er soll noch nicht fahren.«

Bingo hob die Hand, daß Chris warten sollte.

Cyd riß von außen die Tür wieder auf und sagte zu Chris:

»Los, raus mit dir. Ich werde selbst fahren. Hast du gehört? Komm raus da!«

Jetzt oder nie, dachte Chris. Wenn ich ihn fahren lasse, habe ich meine Chance verspielt...

*

image

DIE LUFT FLIMMERTE in der Hitze. Wohin Jim Stonewall auch blickte, überall Sand, da und dort verdorrte Mesquite und manchmal ein braungrauer Kaktus, der dem Regen entgegendürstete. Aber hier in diesem Wüstengebiet hatte es seit zwei Jahren kaum geregnet. Ein paar Tropfen vielleicht und sonst nichts als Wind, der alles ausdörrte. Und Sand, Staub. Die Luft war voll davon. Denn der Wind wehte stetig von Süden.

Der Motor des vierzig Jahre alten Militärlastwagens lief, rauh, aber gleichmäßig. Der ganze Wagen erzitterte unter der Vibration der Maschine. Ein Dreiachsen-Mack mit Allradantrieb. Mochten die Aufbauten von Wind und Temperaturschwankungen verwittert sein, Rost war kaum zu sehen. Das Dasein in der Wüste hatte diesen Oldtimer konserviert. Hatte ihn erhalten. Sogar die Reifen. Aber die waren nicht vierzig Jahre alt. Die hatte man kurz vor der Aufgabe dies riesigen Landstriches als Munitionsübungsgebiet noch neu bereift. Doch das war auch schon ein paar Jahre her.

Der Motor des Mack lief, und Jim dachte keine Sekunde daran, ihn nur einen Moment lang auszustellen. Denn niemand wußte, ob er noch einmal anspringen würde.

Jims Fäuste lagen auf dem vibrierenden Lenkrad. Der Scheibenwischer hatte etwas von dem Staub von der Windschutzscheibe gewischt, so daß Jim nach vorn blicken konnte, wo der alte Barny mit einem zur Wünschelrute gebogenen Schweißdraht Schritt für Schritt vorausging.

Hier wimmelte es vor Blindgängern und Minen. Und Barny schien nicht mehr sicher zu sein, wo sie genau langfahren konnten, ohne plötzlich in die Luft zu fliegen. So hatte er einen Schweißdraht so geformt, daß er wie ein Bügel aussah, mit einer nach vorn gebogenen Spitze. Er hielt den Draht mit beiden Händen, ging Fuß für Fuß, sehr bedächtig. Und die Gefahr, daß ein Blindgänger doch hochging, ohne daß die Wünschelrute ausgeschlagen war, bestand so sehr, daß Jim die Fäuste ganz fest ums zitternde Lenkrad krampfte und gespannt nach vorne blickte.

Dann plötzlich sah er, wie dieser Draht wie auf geheimnisvolles Zeichen nach unten schlug.

Sofort trat Barny einen Schritt zurück. Er ließ sich auf die Knie sinken und begann vorsichtig mit bloßen Händen im Sand zu graben.

Die Oberfläche war ziemlich fest. Das hatten Wind und Hitze, aber auch die Nachtkälte bewirkt. Doch nachdem die oberste Schicht freigelegt war, ging es rascher. Und dann auf einmal zog Barny etwas vorsichtig aus dem Sand heraus: eine Landmine.

Behutsam hob er sie höher, blies den Sand mit dem Mund herunter, und der Wind trieb eine kleine Staubwolke davon.

Bedächtig, ohne jede Hast, ging der Alte ein Stück nach rechts und setzte die Mine vorsichtig ab. Rund wie eine Pfanne sah sie aus oder wie eine Wasserflasche.

Der Gedanke an Wasser machte Jim fast verrückt. Sie hatten nicht genug Wasser. Und der Kühler verlor es. Das Trinkwasser, daß sie besaßen, hatten sie bis jetzt dem Mack geben müssen, statt es selbst zu trinken.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913941
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
ps-jim kreuz

Autor

Zurück

Titel: 320 PS-Jim #69: Auf's Kreuz gelegt