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320 PS-Jim #102: Auf glühenden Reifen

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

Leseprobe

Andrew P. Dickinson stand, die Daumen in die Ausschnitte seiner Weste gehakt, mit paffender Zigarre vor Jim und Chris. Das Gesicht des Mittfünfzigers verriet hohen Blutdruck. Das Haar war stark gelichtet.

Er nahm seine Zigarre in die rechte Hand und deutete über die Schulter hinweg auf die Landkarte, die an der Wand hing. »Das Schiff«, sagte er, »fährt genau in sieben Tagen.« Er wandte sich jetzt der Landkarte zu und tippte auf die Stelle, wo auf der Karte San Franzisko eingezeichnet war. »Hier«, fuhr er fort, »liegt das Schiff.« Nun machte die Hand mit der Zigarre einen Schwenk bis hinauf nach Nebraska. Da tippte er auf den Punkt, wo Omaha stand. »Und hier sind wir«, erklärte er. »Sieben Tage also. Werdet ihr das schaffen?«

Er blickte Jim an, und der nickte. »Für uns kein Problem. Aber ich nehme an, Sie haben noch zwei weitere Fahrzeuge bestellt. Wir können ja nicht alle diese Drehautomaten laden.«

Das Gesicht von Dickinson wurde schlaff, die Hand mit der Zigarre sank nach unten. Er wirkte hilflos. »Ich bekomme so schnell keine Fahrzeuge. Es müssen ja zuverlässige Leute sein. Aber ich hätte eine Möglichkeit anzubieten. Ich habe noch zwei eigene Fahrzeuge. Sie sind nicht mehr sehr modern und auch nicht im allerbesten Zustand, aber die Fahrt nach San Franzisko schaffen sie spielend. Wir brauchten nur Fahrer dafür.«

»Soll das heißen, Sie wollen mir den ganzen Auftrag geben«, erkundigte sich Jim, »für sämtliche Drehautomaten, die Sie zu diesem Schiff bringen wollen?«

Dickinson ließ sich in seinen Schreibtischsessel sinken, lehnte sich zurück, machte einen Zug an seiner Zigarre und paffte den Rauch zur Decke. Gedankenverloren blickte er den Rauchwolken, die sich da oben bildeten, nach. Schien sich aber an Jims Frage zu erinnern und blickte Jim wieder an. »Ja, Mr. Stonewall, Sie bekommen den ganzen Auftrag. Ich weiß von Ihnen von früheren Fahrten, die Sie für mich gemacht haben, daß Sie sehr zuverlässig sind. Sie und ihr Partner. Und für meine Firma hängt eine Menge davon ab, daß diese Drehautomaten, die für Melbourne bestimmt sind, auch pünktlich am Ziel eintreffen. Wissen Sie, diese Fabrik ist zu einem Drittel abgebrannt. Die Drehautomaten der Australier fast alle vernichtet. Die Firma ist dem Ruin nah. Dem Ruin so nahe, wie ich dem Ruin nahe gewesen bin, bevor ich diesen Auftrag bekam. Ohne den Auftrag der Australier hätte ich zumachen können, und meine siebenundvierzig Leute wären arbeitslos. Hier in Omaha haben wir eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent. Sie verstehen, was ich damit sagen will, Stonewall, und wie gesagt, die Versicherung der Australier zahlt uns eine Prämie, wenn wir das Zeug auf dieses Schiff bekommen. Das bedeutet für die Australier, vier Wochen früher mit der Produktion zu beginnen. Und das ist es der Versicherung wert, eine Prämie zu zahlen. Einer der australischen Versicherungsleute hat sich sogar den Weg hierher gemacht. Er war bei mir. Wir haben ausgehandelt, daß sie um die Hälfte mehr Fracht bezahlen, wenn Sie das Zeug pünktlich zum Schiff bringen, Stonewall. Ich habe keinen Unternehmer gefunden, der mir zuverlässig erscheint und zugleich in der Lage wäre, die Drehautomaten sofort zu laden. Ich will es kurz machen, Stonewall, denn wir haben keine Zeit zu verschenken. Sehen Sie sich die beiden Lastwagen an! Finden Sie noch einen dritten Fahrer, und fahren Sie mit drei Zügen da hinunter! Ich will für die Abnützung der beiden Trucks nichts haben. Das wäre eine zusätzliche Prämie für Sie, wenn Sie so wollen. Nur für das Tanken, das Motorenöl und die Reifen müssen Sie aufkommen, Stonewall. Das ist alles. Schaffen Sie es in sieben Tagen?«

»Ich muß mir erst die Fahrzeuge ansehen. Mit unserem Truck, mit unserem RED BARON ist das überhaupt kein Problem. Aber ich weiß nicht, was mit den beiden Trucks los ist, von denen Sie geredet haben.«

»Na ja, ich sagte ja, es sind nicht mehr die besten. Der eine ist ein Mack, der andere ein Ford. Ich würde ja sagen, daß Sie das meiste auf Ihren Zug packen, die beiden anderen Sattelzüge nicht voll ausladen. Sie schaffen es bestimmt. Sie werden auch einen Fahrer finden. Arbeitslose Fahrer gibt es in Omaha genug. Vielleicht kennen Sie den einen oder den anderen...«

Eine halbe Stunde später standen Jim und Christ vor den beiden in einem Schuppen abgestellten Sattelzügen. Sie waren in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Jim und Chris nahmen sich die Zeit, die Fahrzeuge etwa eine weitere halbe Stunde lang zu untersuchen. Sie ließen die Motoren an. Die Motoren liefen. Den Kompressionsdruck zu messen, dazu war keine Zeit. Aber so gut wie die Motoren angesprungen waren, und nach der Schilderung von Dickinson, schienen die Maschinen wenigstens in Ordnung zu sein. Auch die Federung war zwar nicht mehr sehr ansehnlich, aber durchaus in Ordnung. Wie es mit den Bremsen aussah, wollten Jim und Chris noch genauer prüfen.

Die beiden waren verwöhnt von den Bremsen des M.A.N. Europäische Trucks sind in dieser Hinsicht nun eben viel besser ausgestattet als die US-Trucks, die zum Teil an den Vorderrädern überhaupt keine Bremsen haben. Und so war es auch bei diesen beiden. Dazu ließen die Bremsen noch stark zu wünschen übrig. Eine Ehrenrunde auf dem Fabrikhof und eine anschließende kurze Spazierfahrt um den Block bewies das nur.

»Wir werden etwa vier bis fünf Stunden brauchen«, sagte Jim nachher zu Dickinson, »die Fahrzeuge auf Vordermann zu bekommen. Dennoch müßte es dann zu schaffen sein. Sie sollten die Auflieger in dieser Zeit beladen. Wir stellen sie Ihnen hin, kümmern uns um die Bobtails, das heißt, das werde ich machen. Mein Partner, Chris Morris, wird in dieser Zeit nach einem Fahrer suchen.«

Als sie miteinander allein waren, sagte Chris zu Jim: »Ich glaube, du spinnst. Das schaffen wir niemals. Diese beiden Mistkrücken. Mit denen kommen wir doch nie im Leben nach San Franzisko.«

»Die sind besser, als sie aussehen«, sagte Jim. »Natürlich müssen wir noch etwas tun. Ich werde schon damit anfangen. Und sieh zu, daß du einen findest, der nicht nur fahren kann, sondern auch weiß, wie man so einen verdammten Schlitten auf Vordermann bringt.«

»Ich werde mein Bestes versuchen auf einer Stellenagentur«, erklärte Chris. »Vielleicht hat Dickinson recht, und ich finde einen, den wir kennen.« Die nächsten zwei Stunden war Jim voll und ganz damit beschäftigt, die Bremsen des Ford so zu verbessern, daß man ihn irgendwie zum Stehen bringen konnte. Die Bremsen des Mack hingegen schienen halbwegs in Ordnung.

Inzwischen wurden die Auflieger beladen. Als Chris mit einem Taxi wiederkam, standen die Auflieger schon fix und fertig beladen da, um aufgesattelt zu werden. Auch der RED BARON war längst fertig für die Fahrt.

Jim kroch gerade unter dem Ford hervor und war so halbwegs mit den Bremsen fertig, als das Taxi vor dem Büro anhielt und zwei Männer ausstiegen. Der eine war Chris, der andere ein rothaariger, sommersprossiger Bursche mit einer Himmelfahrtsnase und einem etwas zerbeulten Gesicht. Er war kleiner als Chris, aber breit in den Schultern und machte auf alle Fälle einen ziemlich stabilen Eindruck. Fäuste hatte er wie Dreschflegel.

Dickinson kam auch gerade aus seinem Büro heraus. Die drei sprachen miteinander, dann deutete Dickinson hinüber zum Schuppen, wo Jim an dem Ford gebastelt hatte. Und dann kamen Chris und dieser Rotschopf auf ihn zu.

Der Mann, den Chris da aufgegabelt hatte, war Jim fremd. Er mochte seiner Schätzung nach etwa Mitte Dreißig sein.

»Das ist Will Broker«, sagte Chris. »Er hat vier Jahre lang Rohstahl gefahren und davor Autotransporte. Die Stahlfirma, bei der er angestellt war, ist pleite gegangen. Bei der Armee«, berichtete Chris weiter, »hat er Panzer gefahren.«

Armee-Erfahrungen waren für Jim nicht gerade sehr beispielhaft. Er kannte einige, die bei der Armee gefahren waren, ohne Rücksicht auf das Material und meistens noch wild dabei. Der Soldat schaltet, wie er spricht: Laut und deutlich.

»Wie sieht es mit deinen Kenntnissen als Mechaniker aus?« erkundigte sich Jim.

»Alles paletti«, erklärte Will und streckte Jim die Hand hin. »Erstklassige Kenntnisse.« Er blickte auf den Ford. »Besonders mit so einem da.«

»Dann kommst du genau zwei Stunden zu spät. Da hättest du die Bremsen machen können. Aber es gibt sicher noch genug zu tun. Bist du schon mal mit so einer Kiste gefahren?«

»Aber immer. Der Stahltransport, den haben wir mit dem Ford gemacht. Pensburg hatte lauter Ford. Modernere als den da. Aber ich komme damit zurecht. Soll ich alles nachsehen?«

»Ja. Tu das! Chris und ich werden uns inzwischen dem Mack widmen. Da ist bestimmt auch noch genug zu tun.«

Sie hatten nicht sechs, sie hatten acht Stunden nötig, dann standen die beiden Sattelschlepper fahrbereit, aufgesattelt mit den Aufliegern, vollgetankt, und alle beide mit neuen Vorderreifen. Dafür hatte Jim seinen eigenen Kredit aufs Spiel setzen müssen, aber die Reifen mußten sein, und Dickinson schien niemand mehr Kredit zu geben. Er hatte, wie er selbst eingestand, rundum eine Menge Schulden. Dieser Auftrag mit den Drehautomaten war seine ganz große Hoffnung. Und es sollte Anschlußaufträge geben, wenn die Sendung pünktlich nach Australien kam. Das war ihm besonders von dem Versicherungsvertreter versprochen worden. Die Automaten von Dickinson waren gut. Das wußte sogar Jim. Er hatte ja schon ein paarmal welche von Dickinson gefahren. Das war nicht das Produkt von einer Riesenfirma. Bei Dickinson gab es noch gute, solide Handarbeit. Aber gerade da lag ja bei ihm der Hund begraben. Hier hatte er seine Probleme. Er arbeitete viel zu lohnintensiv, setzte keine Automaten ein, die seine Werkzeugmaschinen zum großen Teil fertigten, wie das Großbetriebe taten. Hier wurde alles noch angefaßt, von Hand zugerichtet. Und so war die Herstellung relativ teuer.

Dickinsons Augen glänzten, als er sich verabschiedet hatte. Aber es war ausgerechnet Will, der ihm tröstend sagte:

»Machen Sie sich keine Sorgen, Chef. Wir schaffen das Zeug rechtzeitig zum Schiff. Verlassen Sie sich darauf! Ich gebe Ihnen mein Wort.« Etwas irritiert blickte Dickinson auf Jim. »Haben Sie den auch als Teilhaber aufgenommen?«

Jim lächelte. »Noch nicht. Aber er scheint sich so zu fühlen.«

Chris grinste nur. Dann kletterten jeder von ihnen auf seinen Bock. Jim auf den RED BARON, Chris hatte den Mack übernommen und Will den dunkelblauen Ford.

Der Mack war silbern gespritzt. Jedenfalls sah man es dort, wo noch nicht der Rost den Lack zerfressen hatte. Das Chassis war einmal schwarz gewesen. Jetzt allerdings gab es massenhaft rotbraune Stellen. Der Rostfraß saß überall. Darüber konnte auch nicht die Öl-Diesel-Mischung hinwegtäuschen, die Jim darüber gespritzt hatte. Auch den Ford hatte es ganz schön erwischt, was den Rost anging. Doch die Motoren liefen. Dann fuhren die Fahrzeuge vom Hof. Der RED BARON ausgeladen bis zur Obergrenze seiner Ladefähigkeit. Die beiden anderen hatten jeder zwei Drittel der Ladung drauf. Und mehr riskierte Jim bei ihnen auch nicht. Die ganze Ladung für Melbourne war unterwegs.

Anfangs fuhr Jim voraus. Aber dann auf dem Highway übernahm Chris die Führung.

Der Mack, den Chris fuhr, hatte 625 PS, ein Cummingsmotor, der aber seine beste Zeit schon hinter sich hatte. Von der Leistung her waren nach der Meinung von Chris höchstens noch 400 PS drin, wenn es überhaupt so viel war.

Der Ford hatte 425 PS Nennleistung. Aber auch seine Maschine war ziemlieh sauen Doch mit dem nicht voll ausgeladenen Auflieger würde er bequem mithalten können. Er war auch der schnellste der drei, jedenfalls auf ebener Strecke. Aber Jim ließ nicht zu, daß Will schneller fuhr. Dieser Highway wurde stark von der Polizei überwacht. Größtenteils von Hubschraubern. Und so ermahnte er Will, der ab und zu auf die andere Fahrbahn ging, um vorbeizufahren, hinter Chris zu bleiben. Sie waren alle drei mit CB-Funk verbunden. Jim, der jetzt am Schluß fuhr, konnte sich ungefähr vorstellen, was in Will vorging. Er wäre am liebsten an Chris vorbeigeprescht und davongezogen. Aber die nächste Radarfalle wartete ein paar Meilen von hier mit absoluter Sicherheit. Das hätte Will eigentlich wissen müssen.

»Weißt du, daß da eine Radarfalle wartet?« fragte Jim.

»Ich weiß«, erwiderte ihm Will. »Aber jetzt um die Zeit sind sie nicht mehr da. Es geht auf den Abend zu. Und die verpissen sich schon gegen vier.«

»Trotzdem fahren wir vorgeschriebene Geschwindigkeit. Wir schaffen es. Es gibt andere Strecken, wo wir frei abziehen können. Und vor allen Dingen in der Nacht. Aber nicht jetzt.«

Es herrschte sehr starker Verkehr in Richtung Westen. Das nächste Fernziel war Cheyenne.

Bis dahin ging es über die weiten Ebenen. Sie würden gut vorankommen. Die lange Geraden reizten zum Schnellerfahren, vor allem, weil es kaum Steigungen gab. Über lange Strecken führte der Highway am Platte River entlang. Gigantische Getreidefelder seitlich des Highways, wo vor hundert Jahren noch riesige Rinderherden geweidet hatten.

Blutrot versank die Sonne im Westen. Die Motoren brummten, die Reifen rauschten, alles schien großartig zu gehen. Jim bekam von Chris, aber auch von Will, nur positive Botschaften über CB-Funk. »Keine Probleme«. Oder wie Will sagte: »Alles paletti.« Als die Sonne versunken war, kam ziemlich rasch die Dunkelheit. Noch immer starker Verkehr. Sehr viele Trucks, die in beiden Richtungen fuhren. Aber auch massenhaft PKW.

In regelmäßigen Abständen fragte Will, ob sie nicht mehr aufdrehen sollten. »Immerhin«, meinte er, »ist es ja eine Terminfracht. Ich komme mir wie eine Schnecke vor.«

»Fünfzig Meilen und nicht schneller«, befahl Jim, und er sah, daß Will mitunter ganz dicht an den Mack heranfuhr, als könnte er seine Ungeduld nicht mehr zügeln.

Sie näherten sich dem Truck Stop von Barber’s Hill.

Mittlerweile war es nach zehn. »In Barber’s Hill«, verkündete Jim über Funk, »machen wir einen kurzen Stop für eine Tasse Kaffee.«

»Wenn wir so weitermachen«, meinte Will, »erreichen wir das Schiff nie rechtzeitig.«

Doch schon kurz danach, und sie hatten den Truck Stop immer noch nicht erreicht, schlug Will schon andere Töne an: »Eh«, rief er in sein Mikrofon, »bei mir stimmt was nicht. Der zieht gar nicht mehr richtig.«

»Das kann ich auch gut sehen«, meinte Jim, der hinter ihm fuhr. »Der bläst ja reinen Sprit ab. Blaue Wolken.«

»Muß irgendwas mit der Düse sein. Naja, wir sind ja gleich am Truck Stop. Bis dahin wird er’s wohl schaffen.« Jim hielt jetzt mehr Abstand. Wills Ford räucherte ihn regelrecht ein, so daß Jim zeitweise wie durch eine Nebelwand fuhr. Das wurde immer schlimmer. Schließlich blinkte Will rechts und fuhr auf die Standspur. Er hielt an, Jim hinter ihm. Chris wurde von Jim über Funk aufgefordert ebenfalls anzuhalten.

»O heiliges Kanonenrohr«, schimpfte Jim, »jetzt fängt das mit der ersten Mistkarre schon an. Ein Glück, daß wir nicht schneller gefahren sind, sonst wäre dem seine Maschine noch mehr im Eimer. Mal sehen, was ist. Vielleicht wirklich nur eine Düse.« Als Jim nach vorn kam, kippte Will schon das Führerhaus weg und kletterte auf die Maschine.

»Sieh dir das an«, rief er Jim zu, als der neben das Fahrzeug trat. »Muß wohl die Zylinderkopfdichtung sein. Die linke. Er bläst ja ab,«

Der Ford hatte einen V-Motor und besaß zwei Zylinderköpfe. Die Dichtung des linken war defekt.

»Es trieft da raus«, meinte Will nach kurzer Begutachtung. Dann löste er vorsichtig die Verschraubung des Kühlers. Als der Dampf abgeblasen war, machte er den Deckel ganz auf.

»Die reine Milchsuppe. Er schmeißt das Öl ins Wasser. Ist wirklich die Zylinderkopfdichtung.«

»Laß ihn mal laufen!« sagte Jim. Will startete wieder, und schon nach kurzer Zeit konnte er wieder abstellen. Die Zylinderkopfdichtung war völlig hin. Der Motor blies nach der Seite ab.

»Vielleicht hat der Macker«, meinte Will, »am Truck Stop eine neue.«

»Vielleicht«, erwiderte Jim nur lakonisch.

Es gab gar keine andere Möglichkeit, wenn sie nicht alles ruinieren wollten. Entweder fuhr Will ganz langsam, oder sie schleppten ihn bis zum Truck Stop. Sie entschlossen sich auf der Ebene zu schleppen. Chris holte die Schleppstange, zog ein Stück vor, Jim fuhr an dem Ford von Will vorbei, setzte vor den Ford, und sie hängten den Ford an. Dann ging es im Schleppverfahren die letzten drei Meilen bis zum Truck Stop.

Kaum hielten sie, schoß Will wie ein Wiesel zur Werkstatt auf dem Truck Stop, um eine Dichtung zu ergattern.

Jim hielt sich nicht auf, Chris kam schon mit der Werkzeugkiste, und dann gingen sie daran, den Zylinderkopf loszumachen.

Ein Glück war, daß man beim Ford . gut an den Motor heran kam. Und Glück war auch, daß Will eine Zylinderkopfdichtung bekam. Nun, so selten waren die Ford Trucks nicht, und noch weniger selten die Defekte an der Zylinderkopfdichtung. Deshalb schien sich der Mann im Wertkstattlager solche Dichtungen zu halten.

Als sie die alte Dichtung säuberlich entfernt hatten und die neue auflegen konnten, war schon wieder eine Stunde vergangen. Eine weitere halbe Stunde brauchten sie, um alle Schrauben gleichmäßig anzuziehen. Zum Glück hatte Jim in seinem Werkzeugkasten einen tadellosen Drehmomentschlüssel. Öl nachfüllen war dann nur noch Routine.

Als sie das Fahrerhaus wieder zurückklappen konnten, leisteten sie sich dennoch eine Tasse Kaffee.

Dann ging es weiter. Zum Essen war keine Zeit gewesen. Sie hatten sich nur jeder ein paar Sandwiches geholt und aßen jetzt während der Fahrt.

Noch war es eben, noch ging die Straße schnurgerade. Hinter Cheyenne würden die Berge beginnen, die Rocky Mountains, und dann kamen unwahrscheinliche Steigungen.

Doch von Cheyenne waren sie noch weit entfernt. Und wieder war es der Ford, der ihnen ein Problem bereitete und dafür sorgte, daß sie einen erneuten Aufenthalt hatten. Will meldete so gegen drei Uhr morgens, daß seine Kühltemperatur bedrohlich angestiegen war. Schließlich hielt er an. Das Kühlwasser kochte.

Noch bevor Jim ausgestiegen war, und bis dahin nur Wills Angaben über Funk kannte, machte er sich schon Gedanken, woran es diesmal liegen konnte. Hatten sie zu wenig Wasser eingefüllt nach dem Ausbau des Zylinderkopfes? Vielleicht liegt es daran, sagte sich Jim. Aber es lag nicht daran.

Will hatte schon wieder das Fahrerhaus weggeklappt. Chris kam von vorn. Er war diesmal ein gutes Stück weitergefahren, bis er zum Halten gekommen war, und meinte, als er mit Jim zusammentraf;

»Ich sollte mir einen Fallschirm einbauen. Und vielleicht auch einen Schleudersitz. Die Bremsen von dem Mack sind das letzte. Wenn wir in den Rockys bergab fahren, kann es heiter werden. Irgendwann muß ich vor den Bergen noch danach sehen.«

Jim sagte nichts, trat neben den Ford und leuchtete mit der Taschenlampe zum Motor hin. Will kletterte schon darauf herum, hatte ebenfalls eine Taschenlampe und sagte:

, »Er kocht und sprudelt. Vielleicht haben wir zu wenig Wasser reingetan.«

»Kann ich mir nicht vorstellen«, erklärte Chris, der neben Jim getreten war, »das habe ich gemacht, und ich habe ordentlich nachlaufen lassen.«

»Laß mal laufen!« meinte Jim. Will tat es, und dann sagte er sofort:

»Die Wasserpumpe. Da läuft es raus. So ein Mist. Aber das ist kein Problem. Das kenne ich schon vom Ford. Wißt ihr was, Jungs? Ich brauche dazu eine halbe Stunde. Länger nicht. Das ist nicht die Pumpe selbst. Das ist die Dichtung. Ich mache das. Da bin ich geübt. Fahrt ihr schon voraus! Ich komme euch nach. Ihr braucht ja nicht wie die Verrückten zu fahren. Wenn ihr so weitermacht wie bisher, hole ich euch schnell ein!«

»Das ist nicht gut«, entschied Jim. »Wir bleiben bei dir.«

»Macht doch keinen Quatsch! Ihr könnt schon mal fahren. Und wenn ich euch nicht gleich einhole, dann macht ihr mal eine Pause. Dann hab ich euch schon!«

»Und wenn du es nicht in einer halben Stunde schaffst? Vielleicht brauchst du Hilfe.«

»Wie wollt ihr mir helfen? Hier vorn habe ich nur allein Platz. Da paßt nur ein Hintern herein, und keine zwei und drei. Also, Jungs, fahrt! Macht euch keine Gedanken! Ich krieg’ das hin.«

»Na wenigstens du solltest fahren«, sagte Jim zu Chris.

Chris nickte nur, ging nach vorn, ließ an und fuhr.

Jim blieb noch eine Weile und sah, daß Will ganz gut zurechtkam. Er überlegte schon, ob er Will nicht weiterfahren lassen sollte, um selbst die Sache hier fertig zu machen, aber er sah, daß Will vom Ford etwas verstand. Er war ein hervorragender Mechaniker. Sehr sicher und routiniert arbeitete er, und Jim sah keinen Grund, da eingreifen zu müssen. Schließlich sagte er:

»Ich fahre langsam weiter. Dreh aber nicht zu sehr auf! Auch wenn es Nacht ist. Daß die Bullen dich nicht kriegen.«

»Mach dir keine Gedanken, großer Häuptling. Ich seh noch mal nach dem ganzen Zug! Alles durchschecken. Vielleicht vergeht eine Stunde, aber ich hole euch schon ein. Ich verspreche dir, daß ich nicht rase. Aber das Ding kann viel schneller, als wir bisher gefahren sind. Und in der Nacht sind die Bullen in ihren Betten und pennen.«

Jim fuhr dann weiter, machte sich aber doch Gedanken, ob das nicht ein Fehler gewesen war, Will allein zu lassen.

Als sich der Himmel im Osten lichtete, und die Nacht zu Ende ging, glitzerte der Tau im Getreide rechts und links des Highways. Dunst lag über den Feldern. Aber dafür hatte Jim kein Auge. Er war dabei, einmal gegen die eigene Müdigkeit anzukämpfen und zum anderen auszurechnen, ob sie es überhaupt bei diesem Tempo schaffen konnten oder nicht. Noch ein paar solche Aufenthalte, und der ganze Plan fiel durcheinander.

»Vielleicht«, sagte sich Jim, »sollte ich Chris und Will wirklich fahren lassen so schnell sie können, wenn das möglich ist, damit sie Vorsprung gewinnen. Mit dem M.A.N bekomme ich sie am Ende doch immer wieder. Aber wenn sie rasen, besteht auf der anderen Seite die Gefahr, daß sie einfach von den Bullen geschnappt werden, und zum anderen wieder irgend etwas zu Bruch geht. Vielleicht war es ein Fehler, sich auf die zwei alten Kutschen einzulassen. Aber bis jetzt hat es geklappt. Vielleicht klappt es bis San Franzisko.«

Selbst am späten Vormittag hatte sie Will noch nicht erreicht. Sie machten sich Sorgen, weil sie verabredet hatten, daß Dickinson angerufen werden sollte, um miteinander Verbindung zu bekommen. Jim rief von einer Tankstation aus bei Dickinson an, denn eine Funkverbindung zu Will hatten sie nicht mehr.

Dickinson war selbst am Apparat, wußte aber nichts von Will. Statt dessen hatte er eine andere und nicht gerade angenehme Überraschung für Jim.

»Ein Konkurrent, Burger, ist in das Australiengeschäft eingestiegen«, berichtete er. »Das will heißen, daß dieser verdammte Mistkerl von der Versicherung Burger davon gesagt hat. Und jetzt will er uns ausstechen. Der Versicherung ist das völlig gleich, ob Burger die Automaten liefert oder wir.«

»Was heißt das im Klartext?« fragte Jim, der schon etwas ahnte.

»Ganz einfach«, erwiderte Dickinson. »Er hat drei Lastzüge auf den Weg geschickt. Und wie Sie wissen, Stonewall, hat Burger seine Firma nicht in Omaha, sondern in Kansas City. So wie ich gehört habe, sind sie heute morgen um fünf losgefahren. Sie haben einige Meilen weniger als ihr. Ihre Fahrzeuge sind so gut wie neu. Wenn es denen glückt, kann ich meinen Laden zumachen. Die Australier nehmen auf Druck der Versicherung, was sie kriegen können. Und Burgers Maschinen sind nicht schlechter als meine. Das wissen die auch. Mit dem Preis konnte er nichts machen. Da habe ich schon die niedrigste Summe angeboten, die überhaupt drin ist. Nur um mein Geschäft zu halten. Ich setze alle Hoffnungen auf Sie, Stonewall. Wie läuft es denn?«

»Wie läuft es?« meinte Jim mit mürrisch klingender Stimme. »Der Ford scheint eine Katastrophe zu sein.«

»Ach was, so schlimm ist der gar nicht. Haben Sie’s denn mit dem Mack geschafft?«

»Mit dem Mack schon. Warum fragen Sie das?«

»Na ja, der Mack war immer eine einzige Krankheit. Freut mich für Sie, daß es klappt. Freut mich auch für mich. Menschenskind, Stonewall, ich habe über vierzig Leute, die ich auf die Straße schicken muß. Und für mich selber gibt es auch keine Chance. Wenn ich zumache, ist es aus. Den Laden hier kauft mir keiner mehr ab. Da haben neuere ihre Betriebe aufgegeben mit modernsten Maschinen. Und niemand hat sie ihnen abgekauft. Die Europäer sind einfach zu billig. Und dann die Japaner. Ich habe Glück gehabt mit meinem Auftrag. Aber wenn Burger mir den jetzt wegschnappt, indem er früher mit seinen Maschinen beim Schiff ist, dann bin ich geschmissen, Stonewall. Sie müssen einfach schneller sein. Und wenn Ihnen ein Wagen verreckt, besorgen Sie sich einen anderen. Sie müssen es schaffen«, sagte er noch einmal.

»Ich will mein Bestes versuchen. Aber Wunder dauern bei mir ein paar Tage länger. Das Unmögliche versuche ich mit einem gewissen Anlauf zu schaffen. Dieser Ford ist wirklich eine verdammte Krücke.«

Als Antwort schnaufte Dickinson nur, und darin lag alle Verzeiflung, die diesen Mann beherrschte.

Als Jim die Telefonzelle verließ, brauste draußen mit unwahrscheinlichem Tempo der Ford vorbei. In einem Überholmanöver, bei dem sich Jim am liebsten die Augen zugehalten hätte, flog Will mit dem Ford förmlich an einem Möbeltransport vorbei, gerade noch rechtzeitig, um einem entgegenkommenden Tanklastzug auszuweichen.

»Du lieber Gott«, stöhnte Jim, »der fährt ja wie vom Affen gebissen.«

Er rannte zum RED BARON, Chris fuhr schon an, und dann versuchten sie, Will einzuholen.

Der Mack war schneller als der RED BARON, aber Chris riskierte nicht allzuviel. Er wollte ans Ziel kommen und den Wagen nicht im ersten Drittel der Strecke zu schänden fahren. So ließ er Jim vorbei.

Ein Renner war der RED BARON nicht, und Jim fuhr wie der Teufel. Aber Will einzuholen, schien unmöglich. Der war einfach verschwunden.

Sie fuhren einfach weiter. Jim und Chris blieben in Kontakt. Und Will war so weit, daß der CB nicht mehr direkt zu erreichen war. Aber dann erfuhren Jim und Chris von entgegenkommenden Truckern, daß ihnen ein Wahnsinniger mit einem Ford begegnet war, der wie ein Wahnsinniger über die Staatsstraße schoß, die hier nicht mehr vierspurig war. Er hätte an den unmöglichsten Stelle überholt. Die Kurven, wie einer der Trucker sagte, beinahe auf zwei Rädern genommen. Und es gab hier Kurven. Dieser Teil bis Cheyenne war stellenweise noch nicht neu ausgebaut. Der bessere Highway führte weit in den Norden. Es wäre ein Umweg gewesen. Sie hatten diese Abkürzung genommen. Und die wurde von beinahe allen Truckern befahren. So herrschte entsprechender Verkehr. Ein langsamer Lastzug, entsprechender Gegenverkehr, und das Überholen wurde unmöglich. Aber offenbar nicht für Will. Will überholte. Sie erfuhren es, wie oft er halsbrecherisch überholt hatte, so daß Jim insgeheim wilde Flüche auf Will ausstieß. Und er sagte es auch zu Chris, was er von Will hielt.

»Was willst du«, meinte Chris darauf, »er kommt durch.«

»Wir werden ihn an irgendeinem Baum kleben sehen. Warte nur ab!« Aber dann sahen sie Will wieder. Er klebte an keinem Baum, lag in keinem Straßengraben, er stand einfach ein Stück neben der Straße, das Führerhaus nach vorn geklappt und turnte auf seinem Motor herum.

»Da siehst du«, meinte Jim, als er Will gewahrte und den blauen Ford dazu, »jetzt hat er den Motor zur Semmel gemacht.«

Sie hielten neben Will an, Jim stieg langsam aus, reckte sich und ging dann zu Will hinüber. Der startete gerade den Motor und war dabei, das Führerhaus zurückzuklappen.

»Was ist los?« fragte Jim.

Wills sommersprossiges Gesicht mit der Stupsnase reckte sich ihm entgegen, die Schweinsäuglein blinzelten. »Was soll sein?« meinte Will. »Das Gasgestänge hat etwas gehakt. Es geht wieder. Was ist mit euch? Wieso kommt ihr jetzt erst?«

Jim gab ihm darauf keine Antwort, sondern sagte:

»Ich habe schon von allen, die mir entgegen kamen, gehört, daß du zum Cannon-Ball-Preis angetreten bist. Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Wenn dich die Bullen schnappen...«

»Hat mich aber kein Bulle geschnappt. Auf der Strecke sind nicht viele. Das kenne ich doch.«

»Du wirst dich wundern. Kurz vor Cheyenne lauern sie auf uns, und wenn wir über die Staatsgrenze kommen, werden wir auch gewogen. Du hast nichts zu befürchten, aber fall denen bloß nicht auf den Wecker! Die sind richtig affengeil auf einen Trucker, der ihnen Widerworte gibt. Du glaubst gar nicht, was denen alles einfällt, was sie an deinem Karren untersuchen können. Also, spiel hier nicht den großen Max!«

»Ist schon gebongt. Alles paletti. Und jetzt können wir weiter schaufeln. Ich mache den Vorschlag, Jim, daß jeder für sich fährt und sieht, so schnell wie möglich voranzukommen.«

»Vorschlag abgelehnt«, erklärte Jim. »Wir bleiben möglichst auf Funkkontakt, damit wir uns gegenseitig helfen können. Fahr du nicht mehr wie ein Wahnsinniger! Bleib hinter Chris!«

Will machte ein Gesicht, als würde ihm das Kinn auf die Erde fallen. »Ich schaffe es doch, Mensch. Es klappt doch alles. Was willst du eigentlich? Das Zeug muß so rasch wie möglich zum Schiff«, meinte er zornig.

»Du brauchst hier nicht den Rennfahrer zu markieren. Wir müssen das Zeug rasch zum Schiff bringen, das ist richtig. Aber es nützt mir gar nichts, daß du in vier Stunden in Cheyenne bist, und die Karre dann irgendwo zerbolzt neben der Straße liegt. Wir müssen in San Franzisko im Hafen ankommen bei diesem Schiff. Etwas langsamer wäre am Ende schneller, auch wenn das nicht in deinen verdammten Irenschädel hineingeht.«

»Ich bin kein Ire, Stonewall«, fauchte Will.

»Dann bist du eben ein Schotte. So wie du aussiehst, mußt du ein Schotte sein.«

»Verdammt, ich bin kein Schotte und kein Ire, und ich weiß, was ich sage. Ich bringe das Zeug rechtzeitig ans Ziel. Und ich komme auch durch mit dem Ford. Wenn einer von uns dreien den Ford kennt, dann bin ich das.«

»Das kann gut sein. Aber deshalb mußt du nicht Flugzeug spielen.«

»Flugzeug?« Will schüttelte den Kopf. »Wieso Flugzeug?«

»Wenn du so weitermachst, dann brauchst du keine Brücken mehr, um in den Rockys über die Schluchten zu kommen. Du wirst wahrscheinlich hinüber fliegen wollen. Aber manchmal sind die Schluchten breiter, als dein Wagen schnell ist. Und wie gesagt, einen Schleudersitz hast du auch nicht.«

»Also gut«, knurrte Will, »kriechen wir wie die Schnecken dahin, so wie ihr bis jetzt gefahren seid.«

»Wir sind doch auch hier, und du bist noch nicht weiter.«

»Abwarten.« knurrte Will. »Nur abwarten!«

»Laß ihn doch vorausfahren!« meinte Chris. »Laß ihn fahren! Wir holen ihn immer wieder ein. Und wenn gar nichts mehr hilft, besorgen wir uns einen Leihzug.«

»Vorausgesetzt, daß die Drehautomaten, die er geladen hat, dann noch brauchbar sind«, meinte Jim spitz. »Ihn können wir ersetzen und den Lastzug auch, aber die Drehautomaten nicht. Du kannst vorausfahren, Will, aber wehe dir, du machst mit der Karre Bruch. Ich würde dich in die Eier treten, daß du dich dreimal überschlägst.«

Jim grinste, und Will tat es auch. Das war genau die Sprache, die er verstand. »Du brauchst dir die Hosen nicht zubinden«, meinte er. »Ich bringe das Gerät sauber nach Frisko, verlaß dich darauf! Tipptopp sauber. Und jetzt fahrt ruhig los! Ich hole euch schon ein.«

»Nein, nein. Wir warten, bis zu losgefahren bist«, entschied Jim. »Und außerdem müssen wir irgendwie mal schlafen. Sonst haben wir uns abgewechselt. Jetzt fährt jeder seinen Zug. In Cheyenne ist eine Pause. Da pennen wir erst einmal ein paar Stunden. Wir können nicht bis Frisko in dem Tempo durchfahren. Das ist völlig unmöglich.«

Gegen zehn Uhr abends hatten sie den Truck Stop von Cheyenne erreicht, fuhren die Wagen nebeneinander auf, nachdem sie getankt hatten. Während Will noch einmal alles nachsah, beschäftigten sich Jim und Chris mit den Bremsen des Mack.

Will kam dann, und Jim hatte gerade ein Problem erkannt. Sie mußten für den Mack an einer der beiden Triebachsen die Bremsbeläge völlig erneuern. Aber sie bekamen im Ersatzteilshop des Truck Stops keine passenden. Da sägte Will welche vom Kenworth zurecht und nietete sie auf die -Bremsen. Er zeigte sich dabei so geschickt, daß Jim eine Anerkennung nicht zurückhielt. Will steckte das ein und quittierte das mit der Bemerkung:

»Meine Großmutter hat schon immer gesagt, man darf dumm sein, aber man muß sich zu helfen wissen.«

In der nächsten Zeit sollten Jim und Chris noch mehr von Wills Sprüchen zu hören bekommen. Aber das sollte erst in den Bergen passieren, in dem Augenblick, als ihr ganzes Unternehmen in Frage gestellt war.

Während Chris und Will aßen, telefonierte Jim mit einem befreundeten Transportunternehmer in Wichita, der auch den Truck Stop dort bewirtschaftete. Und von ihm erfuhr Jim, daß die drei Züge, die Burger auf den Weg geschickt hatte, schon vor einer Stunde in einem Wahnsinnstempo durchgebraust waren. Alle drei hintereinander.

»Hoffentlich passen die Bullen auf die besser auf als auf uns«, meinte Jim zum Abschluß. Dann rief er einen anderen Bekannten in Amarillo an und machte den auf die drei Trucks von Burger aufmerksam.

»Sie sind alle drei gelb. Sie müssen dir auf fallen«, sagte Jim. »Achte ein bißchen darauf! Vielleicht kannst du mir morgen, wenn ich anrufe, mehr sagen. Denn morgen werden sie bei dir durchrauschen, wahrscheinlich am Nachmittag.«

Der Tankstellenbesitzer, mit dem Jim gesprochen hatte, versprach es und fragte:

»Warum willst du das wissen, Jim?«

Jim erklärte es ihm und sagte ihm auch, was für Dickinson davon abhing, und daß der über vierzig Mann in die Arbeitslosigkeit schicken mußte, wenn es ihm nicht gelang, diesen Auftrag auszuführen.

»Du kannst dich auf mich verlassen, Jim. Mir fällt schon was ein. Mach es gut! Und viel Glück auf dem Weg.«

»Wie meinst du das, auf dich verlassen?«

Jim hörte den anderen lachen. Und dann sagte der Tankstellenbesitzer: »Fahr du nur deine Strecke! Laß mich das andere regeln! Sie werden jedenfalls einen kleinen Aufenthalt haben, darauf kannst du dich verlassen.«

»Mach bloß keinen Scheiß!« meinte Jim.

»Ich mache nie Scheiß, Jim Stonewall«, meinte der andere und lachte. »Alles Gute! Ich habe zu tun.«

Jim legte auf und ging in das Restaurant des Truck Stops zurück. Er hatte wenig Hunger, aber müde war er wie ein Hund. Nach dem Essen legten sie sich alle drei schlafen. Und keiner ahnte, was sie später in den Bergen erwarte.

*

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Auf Burgers Lastzügen saßen jeweils zwei Mann. Die gelben Sattelschlepper und Auflieger waren fast neu. In blauer Schrift stand der Name Burgers und dahinter außer der Adresse der Hinweis auf die Fabrikation von Werkzeugmaschinen.

Burgers’ Fahrer trugen Uniform. Graue Anzüge und graue Mützen. Ein ungewöhnlicher Anblick im Land der freien Trucker. Irgendwie sahen sie in ihren Breecheshosen beinah wie Polizisten aus Nevada aus.

Burgers Fabrik war größer als die von Dickinson; weitaus größer. Aber auch ihm stand das Wasser bis zum Hals, was wenige wußten. Und keiner, der diese moderne Fabrik von außen sah und den Luxus betrachtete, in dem Burgers lebte, ahnte das.

Aber die Probleme auf dem Werkzeugmaschinenmarkt waren gewaltig. Auch Burger mußte sehen, daß er seine Maschinen an den Mann brachte. Zu Preisen, die für ihn an der unteren Grenze lagen und trotzdem höher waren, als die Maschinen der Japaner und der Europäer.

Daß er sich die Möglichkeit an Land gezogen hatte, mit Hilfe der Versicherung dieser zum Teil abgebrannten Firma in Melbourne, Werkzeugmaschinen nach Australien zu exportieren, war für ihn so etwas wie eine Rettung. Und Burger war kein Handwerker, der es zu einem kleinen Betrieb gebracht hatte wie Dickinson. Burger war Unternehmer, Kaufmann. Die Handwerker, die er brauchte, die stellte er sich ein. Ingenieure, Mechanikermeister. Weil für ihn sehr viel auf dem Spiel stand und er auch einen Anschlußauftrag in Australien erhoffte, war er entschlossen, mit seinen modernen Lastzügen schneller am Ziel zu sein, als Dickinson, von dem er nun schon wußte, daß der eigentlich nur einen einzigen intakten Zug auf die Reise schicken konnte, die beiden anderen mehr oder weniger besserer Schrott zu sein schienen, jedenfalls hatte ihm das der Versicherungsvertreter gesagt. Burger setzte aber nicht auf sein besseres Material. Er wollte es ganz genau wisse'n. Aus diesem Grunde beauftragte er einen Privatdetektiv damit, ein wenig in der Geschichte mitzumischen. Dem Mann versprach er ein Erfolgshonorar.

»Es ist mir gleich, was Sie machen, und wie Sie es machen. Wichtig ist nur eins«, sagte er zu dem Detektiv, »die Züge von Dickinson dürfen nicht rechtzeitig in San Franzisko sein. Das ist die einzige Bedingung. Wenn das Schiff ablegt, müssen meine Drehautomaten auf dem Schiff sein, und die von Dickinson nicht. Alles andere ist Ihre Sache.«

Der Privatdetektiv war ein junger Mann von 27 Jahren, noch hungrig auf Aufträge, und bisher war es bei ihm nicht sonderlich gut gelaufen. Er schuldete dem Eigentümer des Hauses noch die Miete für sein Büro und dem Mädchen, das er als Telefonistin und Sekretärin beschäftigte, das Gehalt des letzten Monats. Er bekam eine Anzahlung, sozusagen ein Garantiehonorar, das Burger mit ihm ausgehandelt hatte. Es war nicht hoch, aber es reichte, um die Miete zu bezahlen und das Mädchen, um den Tank seines Wagens zu füllen und für ein paar Tage zu leben. Dann machte sich Hank Triffel, so hieß der blonde, hagere Mann, auf den Weg. Mit seinem nicht mehr taufrischen Dodge fuhr er los. Sein Ziel war Cheyenne. Denn nach seiner Berechnung würde er etwa zur gleichen Zeit dort sein wie die drei Fahrer, die mit den Drehautomaten von Dickinson unterwegs waren. Die Beschreibung der drei Lastzüge war nicht sehr präzise, aber er war sicher, er würde die drei Wagen finden.

Triffel fuhr nonstop von Kansas City in Richtung Cheyenne. Er fuhr wie der Teufel, hielt nur zum Tanken und gönnte sich sonst keine Rast.

Er kam auf dem Truck Stop in Cheyenne an, als die Fahrer der drei Lastzüge, die hier auf dem Parkplatz waren, und die er rasch gefunden hatte, gerade aßen. Danach legten sie sich schlafen. Auch Triffel war müde und parkte seinen Wagen direkt hinter den drei Lastzügen, schlief selbst etwa eine Stunde. Er hatte sich seinen kleinen Wecker gestellt, und als der läutete, und Triffel übermüdet aufwachte und das Gefühl hatte, gerade eingeschlafen zu sein, standen die drei Sattelzüge noch vor ihm.

Triffel startete seinen Doge und fuhr los, machte sich auf den Weg nach Westen in die Rockys hinein. Direkt hinter Cheyenne begannen die Steigungen. Triffel brauchte sich nicht zu beeilen, aber sein Plan war gefaßt. Wenn es irgendwo eine Chance gab, diese drei Lastzüge aufzuhalten, dann in den Bergen. Und er wußte auch schon wie. Mit Triffel ging es im Grunde nicht anders als Dickinson und Burger. Auch ihm stand das Wasser im Grunde noch mehr als bis zum Hals. Das Erfolgshonorar wollte er um jeden Preis kassieren. Und nicht nur das. Hatte er Erfolg, würde Burger ihn weiterempfehlen. Auch für ihn gab es so etwas wie Anschlußaufträge, wenn ihm das Glück beschieden war. Denn nur daran dachte er. An sonst nichts. Um die drei Männer am Steuer der drei Sattelzüge für Dickinson und seine 47 Arbeiter, interessierte er sich einen Dreck. Ihm, Hank Triffel, war das Hemd näher als die Jacke. Deshalb war er wild entschlossen, seinen üblen Plan auch auszuführen. Die Stelle, wo er das tun wollte, hatte er sich vorher auf der Landkarte angesehen und war jetzt dabei, dahin zu fahren und das alles in natura zu betrachten.

Während er fuhr, und sein Motor die Steigungen hinaufschnurrte, teilte er die 1.500 Dollar schon auf, die er als Erfolgshonorar bekommen würde. Für ihn gab es keinen Zweifel, daß er dieses Geld erhalten würde. Er wußte, daß der Auftrag für Burger sicher war, wenn nur ein einziger von Dickinsons Sattelschleppern auf der Strecke blieb. Die Lieferung hatte komplett zu erfolgen. In anderen Worten: Alle drei Lastzüge von Dickinson mußten das Ziel rechtzeitig erreichen, mit allen Drehautomaten darauf, und die hatten unversehrt zu sein. »Wenn ich also einen«, sagte sich Triffel, »von den drei Dickinson-Trucks ausschalte, ist die Sache für mich schon gelaufen. Das Erfolgshonorar gehört mir.«

»Und ich werde es bekommen«, murmelte Triffel fest überzeugt vor sich hin...

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Bei den starken Steigungen hinter Cheyenne kam die Stunde der Wahrheit für den Mack. Der Motor war sauer, die Lagerschalen ausgeschlagen, und der rumpelnde Motor quälte sich mühsam bergauf. Mit der Kompression war es ohnehin nicht mehr weit her. Die vielen PS waren eine reine Illusion. Der Öldruck sank. Zu allem Überfluß stieg die Temperatur der Kühlung steil an, und Chris fuhr im kleinsten Gang eine Steigung, die der M.A.N überladen spielend im dritten geschafft hätte.

Der Highway war hier vierspurig. Die rechte Fahrspur diente als Kriechspur für die schweren Fahrzeuge. Und von dieser Spur kam Chris auch nicht herunter. Andere Trucks überholten ihn. Wo es nicht möglich war, hatte er mitunter eine ganze Schlange hinter sich.

»Diese Mistmühle«, schimpfte Chris ins Mikrofon, »bringt überhaupt nichts. Mit der schaffen wir es nicht, Jim. Darüber mußt du dir klar sein. Den kannst du glatt auf den Sperrmüll werfen. Wenn ich wirklich bis oben auf die Wasserscheide komme, fallen die Lager als Stücke unten in die Ölwanne.«

»Nimm ihn nicht zu sehr ran!« antwortete Jim über Funk. »Laß ihn im mittleren Drehbereich laufen!«

»Was glaubst du, was ich tue?« bellte Chris ins Mikrofon. »Bildest du dir ein, ich kann ihn noch hochjagen? Da kann ich die Kolben mit dem Hut auffangen, das sag’ ich dir.«

»Du hast ja gar keinen Hut«, frotzelte Jim. »Sieh zu, daß du es schaffst! Schleppen können wir ihn jedenfalls nicht.«

»Du solltest sehen, daß du rechtzeitig einen Leihwagen bekommst. Dieser Mistkarren hier sieht Frisko nie. Das kann ich dir schwören.«

»Schwöre nicht, sieh zu, daß du es schaffst«, ermunterte ihn Jim.

Jim hatte sich entschlossen, Will fahren zu lassen. Der Ford war offenbar etwas besser instand und schaffte die Steigungen erheblich besser als der Mack. Will zog also an Chris vorbei und war bald wieder verschwunden wie schon einmal. Jim hätte es leicht gehabt, auf und davon zu fahren. Aber er wollte Chris nicht allein lassen. So blieb er dahinter. Der M.A.N hätte die Steigungen mit links gemacht. Aber es ging nicht anders. Jim mußte auf Chris achten und damit rechnen, daß der Motor des Mack seinen Geist endgültig aufgab.

Noch hatten sie Funkverbindung zu Will. Er war etwa drei Meilen vor ihnen. Sie hörten, wie er sich wieder meldete und sagte:

»Es gibt eine Abkürzung. Sollen wir die nehmen? Die Straße ist zwar schmal, aber wir gewinnen glatt vierzehn Meilen.«

»Gut«, sagte Jim, »Nimm die Abkürzung! Aber prügle ihn nicht zu sehr! Die Maschine ist auch nicht mehr das größte.«

Chris, der mitgehört hatte, fragte: »Soll ich diese verdammte Abkürzung etwa auch fahren? Das schafft die Kiste nie.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913910
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
ps-jim reifen

Autor

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Titel: 320 PS-Jim #102: Auf glühenden Reifen