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Jede Spur endet bei einer Leiche

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Jede Spur endet bei einer Leiche

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Ein grauenhafter Mord erschüttert New York. Das Opfer ist die Tochter eines Senators, deswegen nimmt sich das FBI der Sache an. Doch jede Spur endet bei einer Leiche, nur ein Obdachloser, der Augenzeuge gewesen ist, lebt noch. Es wird zu einem Wettlauf mit der Zeit, den Zeugen vor dem Zugriff der eiskalten Mörder aufzuspüren.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ich werde sie demütigen, dachte David Catomen und stieg mit katzenhaften Bewegungen aus dem aufgemotzten Mercury Cougar, den er völlig verkehrswidrig mitten auf dem Gehsteig vor dem billigen Motel am Hudson River geparkt hatte. Ich werde sie kleinmachen, ihren Willen brechen. Dexter Declerc wird sich wünschen, sie nie gezeugt zu haben!

Dexter Declerc.

David Catomen verbannte den Namen in den hintersten Winkel seines Gehirns – gerade so weit, dass er nicht störte, aber noch gegenwärtig genug, um daraus die nötige Energie für sein schmutziges Vorhaben zu ziehen.

Als er die drei Stufen zum Eingang des schmuddeligen Flachbaues überbrückte, glättete sich sein rebellischer Ausdruck und ließ das sonnenverwöhnte, für einen Mann fast zu schöne Gesicht wieder so weich und liebebedürftig erscheinen, wie Mary-Ann es kannte.

Viele hatten diese Maske schon unterschätzt, nicht alle konnten davon noch berichten.

David Catomen lächelte still in sich hinein. Mary-Ann ahnte noch nicht, dass sie heute die andere, die dunkle Seite ihres Liebhabers kennenlernen würde. Noch glaubte sie an eine Wiederholung der hemmungslosen Spiele der letzten Tage.

Der Einarmige hockte hinter dem Empfangspult und fächelte sich die abgestandene Luft mit einer zusammengefalteten Zeitung ins narbige Gesicht.

Ohne dass ein Wort gewechselt wurde, nickt er Catomen zu und deutete mit dem verbliebenen Arm auf den leeren Schlüsselhaken der Nummer 13.

Erdgeschoss.

Catomen dachte nicht lange darüber nach, ob er der Zahl eine tiefere Bedeutung beimessen sollte.

Wenn er eines nicht war, dann abergläubisch!

Ohne Hast steuerte er in den langgezogenen, dämmrigen Korridor, in dem die Luft stand.

Nummer 13 lag ganz am Ende des Flurs.

Als er stehenblieb und das vereinbarte Klopfzeichen ansetzte, empfand er ein flüchtiges Gefühl von Bewunderung für sein Opfer. Immerhin hatte sie es gewagt, den Ausbruch aus ihrer behüteten Scheinwelt zu versuchen.

Aber jedes Mitgefühl verschwand, als Catomen sie jetzt erblickte.

Mit großen, vertrauensvollen Augen eilte sie ihm entgegen.

Das Unschuldslamm schlechthin.

Allerdings mit einem jungen, gierigen Körper ausgestattet, um den es schade gewesen wäre, hätte er weiter brach gelegen!

David Catomen stieß sie so brutal gegen die Brust, dass sie völlig verdutzt, mit rudernden Armen, rückwärts gegen das billige Bett stolperte und zu Fall kam.

Ehe er nachsetzte, drückte er die Tür hinter sich ins Schloss.

Mochte sie ein Lamm sein.

Er würde nicht zögern, sie zur Schlachtbank zu führen, wenn sie sich seinem Plan widersetzte.

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Der Abend war drückend heiß. Schwül. Wie ein öliger Schleim breitete sich der Schweiß über Trooper Ravens schorfige Haut.

Er erhob sich unsicher vom Boden. Diese schlichte Bewegung genügte, um die Schleusen seiner Poren noch weiter zu öffnen und sein Herz zum Rasen zu bringen. Er hustete und spuckte den grauen Schleim so nahe vor die eigenen Füße, dass ihm der gerade erwachende Appetit schnell wieder verging.

Schleim.

Überall Schleim.

Manchmal, vielleicht nicht in seinen wachsten Momenten, kam Trooper sich vor wie eine dieser glitschigen Nacktschnecken – eine obdachlose Schnecke, ohne Haus auf dem Rücken.

Er schlenderte an Custers in Rückenlage triefendem Körper vorbei, erwischte ihn mit dem linken Schuh und löste damit wie üblich ein völlig überzogenes Protestgeheul aus.

»Hör auf zu quieken wie ein abgestochenes Schwein!« Trooper bahnte sich unverdrossen seinen Weg entlang des schmalen Uferstreifens unter der atemberaubenden Stahlkonstruktion der George Washington Brücke.

Custer schickte ihm derbe Flüche hinterher, die jedoch bereits nach kurzer Zeit aus purer Faulheit wieder verstummten. Trooper Raven grunzte verständnisvoll.

Die Hitze lag selbst hier am Wasser wie ein schwerer nasser Schwamm auf seiner Brust und machte jede Bewegung, jeden Atemzug für ihn zur Qual.

Trooper warf einen Blick auf die Außenuhr eines Drugstores.

Es war kurz nach acht Uhr abends. Die Sonne hing nur noch als auseinanderlaufender, wässriger Klecks über der Abbruchkulisse der Bronx. Überall herrschte noch die Hektik und Aggression eines ausklingenden Arbeitstages.

Trooper mogelte sich zielbewusst aus dem Strom der Entnervten heraus. Er kannte – und nutzte – Gassen, von deren Existenz die wenigsten überhaupt wussten und die ein noch kleinerer Prozentsatz benutzt hätte. Hinterhöfe waren Trooper vertrauter als die Vorderansichten der meisten Straßenzüge. Allein anhand der unterschiedlichen Gerüche konnte er dieses Randgebiet der Bronx in bestimmte Zonen einteilen und sich selbst mit geschlossenen Augen zurechtfinden!

Als er die Rückseite von Holly’s Snack erreichte, holte er sich seinen täglichen Hot Dog und ein Glas eiskaltes Bier ab. Der abgehalfterte Hispanic, der ihm beides durch eine schießschartengroße Luke nach draußen reichte, beäugte ihn so misstrauisch und hasserfüllt wie jeden Abend. Trooper grinste ihm fröhlich in die Visage und biss herzhaft in das saftige Würstchen, das von anderer Qualität war als die vertrockneten Plombenkiller, die Holly der Laufkundschaft aufs Auge drücken ließ.

Trooper besaß trotz seiner 56 Lebensjahre und der Tatsache, dass er bereits zwanzig davon unter Brücken und auf öffentlichen Parkbänken zugebracht hatte, noch einen ganz passablen Körper. Und solange das Herz mitmachte, traute er sich zu, die gute Holly auch noch die nächsten Jahre einmal wöchentlich zwischen Plüsch und Muff ihrer Wohnung beglücken zu können – sehr zum Ärger des kränklichen Hispanic, der sich ebenfalls Chancen bei der alten Lady ausrechnete, aber bislang noch nicht hatte landen können.

Trooper leckte sich die Wurstbrühe von den Fingern, schüttete das Bier nach und reichte dem Flachgesicht das leere Glas durch die Luke zurück.

»Grüße an die schöne Holly!«, rief er noch schadenfroh, dann setzte er seinen Weg fort.

Ein wesentlicher Trieb seines Lebens war vorläufig gestillt worden.

Ein anderer würde hoffentlich ebenfalls gleich seine tägliche Ration erhalten.

Fünf Minuten später erreichte Trooper die Rückfront des Love Trap, einer vorwiegend als Stundenhotel genutzten Absteige schlimmsten Kalibers.

Wer hier »verkehrte«, kannte Begriffe wie »Moral« oder »Tabus« längst nicht mehr.

Und genau das machte das Motel so interessant für Trooper Raven, der ein leidenschaftlicher Voyeur war.

Oder ein ganz mieser Spanner, dem noch dazu das Pech an den löchrigen Sohlen klebte, wie sich bald zeigen sollte.

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Mary-Ann wusste nicht, wie ihr geschah. Die sehnige Gestalt, die sich vor ihren Augen gerade die Kleider vom Leib streifte und dabei auf widerwärtige Art die Zunge über die Lippen tanzen ließ, machte ihr Angst. Gleichzeitig hatte ihr Verstand jedoch Schwierigkeiten, diese unerwartete Wendung zu verarbeiten.

»David ...« begann sie, immer noch bereit, das Ganze als üblen Scherz abzutun und darüber hinwegzusehen.

Aber schon seine nächste Reaktion ließ das Traumbild, das sie von ihm gefertigt hatte, endgültig zerbröckeln.

»Schnauze, Baby!«

Catomen kickte die Stiefel von seinen Füßen und ließ Hosen und Slip folgen.

Mary-Ann verfolgte das Geschehen wie gelähmt. In ihrem hübschen Kopf ging es drunter und drüber.

»David!«, schrie sie, diesmal schrill und in einer hysterischen Explosion, die Catomen mit einem trockenen Faustschlag in Mary-Anns Magengrube beendete.

Dem Gefühl, ersticken zu müssen, wich eine seltsame Taubheit.

Widerstandslos, ohne jede Empfindung, ließ sie es geschehen, dass Catomen ihr das Kleid vom Leib fetzte und sie dabei wie eine Ausgeburt der Hölle angrinste.

»Los, los, Baby! Jetzt zeig ich dir zum letzten Mal, wie du künftig nur noch deine zahlungskräftigen Freier zu bedienen hast!«

Das war das letzte, was Mary-Ann Declerc hörte, ehe der Film riss.

Irgendwann kehrte jedoch etwas von ihrer unterdrückten Persönlichkeit unvermittelt zurück an die Oberfläche.

Und löste das Verhängnis aus.

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Volltreffer!, dachte Trooper Raven. Er machte es sich unter dem halbhohen Fenster fast am Ende des langgezogenen Motels bequem. So wie die Sache aussah, konnte er sich für längere Zeit einrichten.

Der Gedanke verstärkte den Schweißausstoß seiner Poren um etliches und ließ das bislang noch verhaltene Pochen in seinen Lenden unaufhaltsam anschwellen.

Ein dünner Speichelfaden quoll unbemerkt aus seinem Mundwinkel, vereinigte sich mit dem salzigen Schweißsekret und lief ihm über das stoppelbärtige Kinn.

Zwar war innen ein Springrollo vor das Fenster gezogen, doch erstens hing das Ding vollkommen schief, und zweitens war es dermaßen von Motten zerfressen, dass Trooper eine Weile brauchte, um sich für den besten Durchblick zu entscheiden.

Als er ihn endlich gefunden hatte, bekam er die Show des Jahres geboten. Falsch, dachte er, des Jahrhunderts!

Und in der Tat konnte er sich nicht entsinnen, jemals solche Bilder bei seinen Streifzügen vor die trüben Linsen bekommen zu haben.

Die Kleine sah aus wie das Centerfold-Girl eines Herrenmagazins.

Top die Figur.

Top auch das puppenhaft unschuldige Gesicht, das in krassem Gegensatz zu dem stand, was sie gerade mit sich anstellen ließ!

Obwohl es für Troopers Zwecke eher nebensächlich war, versuchte er einen Blick auf das Gesicht des Freiers zu werfen, der es mit dem Mädchen auf ungewöhnliche Weise trieb.

Als könnte der Machotyp seine Wünsche erraten, drehte er ihm im nächsten Moment den Kopf zu.

Trooper zuckte zur Seite.

Der brennende Blick des Mannes hatte ihn wie ein Blitzstrahl getroffen. Dennoch hatte der Sekundenbruchteil genügt, sich das Gesicht wie eine gestochene Fotografie einzuprägen.

Verdammt!, fluchte Trooper lautlos.

Erst jetzt wurde ihm klar, dass irgend etwas an dem Treiben da drinnen nicht stimmte – nicht stimmen konnte!

Weder der Kerl mit dem lodernden Blick, noch dieses umwerfende blutjunge Ding passten ins Love Trap, wo ansonsten nur abgetakelte Nutten und ihre besoffenen Kunden verkehrten!

Die Sache stank zum Himmel!

Dennoch übte sie genügend Faszination auf Trooper aus, dass er gar nicht erst in Erwägung zog, die Darbietung Hals über Kopf zu verlassen.

Vorsichtig schob er das Gesicht wieder in Richtung Logenplatz.

Und wurde so Zeuge des Gemetzels.

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David Catomen hob in einer einzigen fließenden Bewegung zugleich Kopf und Hände.

Ungläubig starrte er auf den dünnen roten Film, der die Phantasielandkarte einer fremden Welt auf seiner Haut nachzeichnete. Die Restwärme des Blutes machte ihn halb wahnsinnig, löschte den letzten Funken klaren Verstandes in ihm aus.

Es war wie ein Rausch, der ihn befiel – ein Rausch, der alle Gier, alle unterdrückten Aggressionen plötzlich und mit Macht aus ihm hervorbrechen ließ.

Dexter Declerc!

Der Name löste eine weitere, nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung der Blutorgie aus Töten!, dachte Catomen. Töten! Töten! Töten!

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Der bestialische Mörder hatte längst den grausigen Ort seiner Tat wieder verlassen, als Trooper Raven noch immer wie paralysiert auf seinem Lauschposten kauerte und nach Luft schnappte.

Wer ihn jetzt gesehen hätte, wäre überzeugt gewesen, sein letztes Stündchen habe geschlagen.

Und viel fehlte auch tatsächlich nicht.

Seine blutunterlaufenen Augen hätten in diesem Moment mit jedem Albino konkurrieren können.

Erst als die Tür des Mordzimmers neuerlich von der Korridorseite aus geöffnet wurde und eine platinblonde Haarmähne in Begleitung eines hübschen Puertoricaner-Jungen erschien, geriet wieder Leben in die erstarrte Szenerie.

Trooper hielt den Atem an.

Vielleicht hatten sie sich im Zimmer geirrt.

Vielleicht ...

Der Raum lag immer noch im Halbdunkel und war für jemanden, der von draußen eintrat, nicht auf Anhieb zu überblicken. Deshalb zog der Stricher seine Kundin noch bis kurz vor das in Blut förmlich schwimmende Bett, ehe beide fast gleichzeitig die Überbleibsel des Gemetzels entdeckten ...

... und losschrien!

Troopers Mund wurde pulvertrocken, und sein Puls raste.

Dann geschah etwas, wofür er sich später hundertfach verfluchte, denn sein Zaudern, das ihn weiterhin an seinen Fensterplatz bannte, brachte ihn in beträchtliche Schwulitäten.

Anders als der Puertoricaner, dessen Schrei rasch wieder abbrach, und der wie gestochen aus dem Zimmer raste, verlor die Blondine völlig die Orientierung.

Die Faust vor den Mund gepresst, taumelte sie vom Bett weg, blickte sich orientierungslos nach dem Stricher um, schlug dann einen unerwarteten Haken und prallte gegen das Fenster, hinter dem Trooper immer noch in mittlerweile krankhaftem Starrsinn auf jede neue Entwicklung lauerte.

Ihre fuchtelnden Arme bekamen das Springrollo zu fassen und rissen es herunter!

Für eine ewigkeitslange Sekunde war das Gesicht der Blondine auf gleicher Höhe wie Troopers.

Ihre beiden Augenpaare schienen sich gegenseitig verschlingen zu wollen.

»Oh, verdammt!«, stöhnte Trooper, stieß sich endlich an der Wand ab und ließ sich unkontrolliert in den dunklen Schlund der Gasse treiben. »Verdammt ...«

Er verstand immer noch nicht, was eigentlich passiert war.

Diese Eskalation der Gewalt im Anschluss an eine Szene, die jedem professionellen Pornofilm zur Ehre gereicht hätte, überstieg sein Begriffsvermögen.

Trooper floh zum Ende der Gasse und hatte es auch noch nicht einmal annähernd erreicht, als bereits der erste Streifenwagen mit Sirenengeheul und zuckender Lichtschiene vorfuhr.

Der Rest war Formsache und fügte sich nahtlos in die Qualität dieses Tages ein:

Trooper wankte geradewegs einem Cop in die Arme.

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Stretter Catomen reagierte auf das kurze Klopfen gegen die Tür seines Arbeitszimmers in der ihm eigenen Art und Weise. Zeitlupenhaft hob sich zunächst das eine und schließlich – mit irritierender Verspätung – das andere Augenlid. Diese Aktion ließ seine gewaltigen Tränensäcke erst richtig zur Geltung kommen und auf seinem großporigen Gesicht wie aufgeblähte, erdige Kröten erscheinen.

Die Gestalt, die in das Herz von Catomens »Reich« eindrang, hatte keine äußerliche Ähnlichkeit mit ihm.

Und dennoch war David Catomen ganz seines Vaters Sohn.

Seelenverwandtschaft, nannte man so etwas.

Während Stretter Catomen gut seine drei Zentner auf die Waage brachte und fest wie ein Fels in der Brandung mit seinem Stuhl verwurzelt schien, hatte David die drahtige Figur eines professionellen Dressmans.

Allerdings war er auch vierzig Jahre jünger!

»Dad!«, stieß er jetzt hervor und kam mit unkontrollierten Schritten auf den Schreibtisch zu. »Dad, ich ...«

Er verstummte.

Der Blick seines Vaters hatte etwas Zwingendes angenommen, das alle Ausflüchte, die er sich auf dem Weg hierher zurechtgelegt hatte, im Nichts verpuffen ließ.

Catomen senior bot ein nicht gerade ästhetisches Bild. Mit entblößtem Oberkörper kauerte er hinter seinem Schreibtisch, und nun winkte er mit einer müden, fast endlos anmutenden Bewegung ab.

»Was ist passiert?«, fragte er und machte endgültig deutlich, dass er nur am Kern von Davids Rechtfertigung interessiert war.

Die mickrige Gestalt, die plötzlich hinter Catomens massigem Rücken zum Vorschein kam, brachte David endgültig aus der Fassung.

Sein Vater spürte es sofort. Er hatte alle ihm zur Verfügung stehenden Antennen auf seinen Sohn ausgerichtet und empfing dabei Schwingungen, die ihm nicht gefallen konnten.

»Lass uns allein«, forderte er Oppenheimer auf.

David hatte noch nie verstanden, welchen Narren sein Vater ausgerechnet an diesem hinterlistigen Quacksalber gefressen hatte, der ihm tagein, tagaus die abstrusesten Heilmethoden aufschwatzte. Es gab nur eines, das man ihm positiv anrechnen konnte: Eloise!

Oppenheimers Gestalt war in gleichem Maße grotesk, wie die von Catomen fett war. Das ölige dunkle Haar des Greises hing wie nasses Kraut weit auf seine schmalen Schultern herab. Und die Tatsache, dass er keinen einzigen, weder einen echten noch einen falschen, Zahn mehr im Mund trug, hatte ein spinnwebenartiges Runzelmuster um seinen Mund entstehen lassen, dessen Mittelpunkt jeden in sich einzusaugen drohte, wenn Oppenheimer sprach oder – was seltener vorkam – lachte.

Als er endlich den Raum verlassen hatte, fragte Catomen senior noch einmal, diesmal aber wesentlich schärfer: »Zum Teufel, was ist passiert?«

David stützte sich auf der schweren Granit-Schreibtischplatte ab.

»Dieses Luder!«, stieß er hervor.

Catomens Miene verdüsterte sich um eine weitere Nuance.

»Von wem redest du?«, grollte er. »Soll das ein Quiz werden?«

Sein Sohn schüttelte dumpf den Kopf.

»Ich ...« Er wischte sich etwas vom Gesicht, das Catomen erst jetzt als Blut identifizierte. »Ich habe sie ... umgebracht!«

Catomens ungewöhnliche Reaktion bestand eigentlich im Fehlen einer solchen.

Er zeigte keine Regung. Mit plötzlicher stoischer Gelassenheit sparte er sich jede Frage nach dem Warum und Wer. Seine Hauptsorge drückte er in einem einzigen, präzisen Satz aus.

»Hat dich jemand gesehen?«

David schüttelte heftig den Kopf, um gleich darauf die Schultern zu zucken.

»Pepe«, flüsterte er schließlich mit gesenktem Kopf.

Nun verlor Catomen doch einen Großteil seiner falschen Gelassenheit. Aufbrausend schrie er: »Du warst im Love Trap? In diesem miesen Schuppen? Was ...?«

Diesmal unterbrach ihn sein Sohn.

»Ich wollte dir helfen!«, verteidigte er sich.

»Helfen?«, echote Catomen mit hochrotem Gesicht. Seine Schläfen traten wie Taue hervor. »Mir?«

David nickte. Stockend weihte er ihn in seine gescheiterten Pläne ein.

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»Name?«, fragte der Cop zum dritten Mal. Er wurde allmählich lästig. Die Art, wie er den Kugelschreiber auf den Protokollbogen ticken ließ, verriet unzweifelhaft, wie es um seine Geduld bestellt war.

Zum dritten Mal zuckte auch Trooper Raven die Achseln. Der Schock war etwas abgeklungen. Nun kehrte die schlichte, stinknormale Angst zurück.

Er war Zeuge eines Mordes geworden – einer bestialischen Hinrichtung!

Also hatte er keinen Namen.

Durfte er keinen Namen haben!

Er saß auf der harten Pritsche im Innern des kastenförmigen Einsatzwagens, der vor wenigen Minuten aufgetaucht war. Auf der Straße hatten sich tumultartige Menschenaufläufe gebildet. Gaffer, für die Mord eine Abwechslung zum tristen Fernsehprogramm war.

Dabei war dies nur ein relativ harmloses Viertel in der West-Bronx – so richtig auf der Gewaltschiene war man unten in der South!

»Haben Sie Papiere bei sich?«

Trooper schüttelte den Kopf. Er starrte den Cop mit treuem Dackelblick an.

»Wenn Sie keine besitzen, muss ich Sie mit aufs Revier nehmen!«, wurde der Uniformierte deutlich. »Ich habe eine Zeugin ...« er nickte in Richtung der Platinblonden, die unweit von ihnen vernommen wurde, »... die behauptet, sie am Fenster des Tatzimmers erkannt zu haben! Was sagen Sie dazu?«

Trooper Raven schniefte verkatert. Er hatte tatsächlich das Gefühl, einen Eimer Fusel allein leer gesoffen zu haben.

»Haben Sie was zu trinken?«, fragte er.

»Auf dem Revier ja!«, nickte der Cop vieldeutig und versuchte, Troopers Augen mit seinen eigenen soweit zu bannen, dass er im Hintergrund all das lesen konnte, was der Obdachlose ihm nicht freiwillig anvertrauen wollte.

Trooper hielt dem Blick eine ganze Weile stand.

Schließlich bückte er sich und zog den linken Schuh aus. Die Duftnote, die dabei freigesetzt wurde, konnte durchaus mit den Schweißausdünstungen konkurrieren, die Trooper wie eine unsichtbare Wolke umgaben.

Als er endlich den in Plastik eingeschlagenen Papierfetzen zwischen selbstgebastelter Einlage und Schuhsohle herausgepult und an den Cop übergeben hatte, zappelte der Gesetzeshüter wie das Opfer eines heimtückischen Giftgasangriffes.

Mit spitzen Fingern faltete er das Papier auseinander, das Trooper Ravens Identität preisgab und ihm bescheinigte, dass er existierte.

Immerhin.

Der Cop machte sich ein paar Notizen.

»Ich nehme jetzt zu Protokoll, was Sie beobachtet haben«, sagte er genervt. »Also?«

»Nichts«, erklärte Trooper lahm. »Ich habe geschlafen. Da hinten zwischen ein paar Mülltonnen. Bin erst wachgeworden, als die Alte ihren Hysterischen bekam. Wollte nur nach dem Rechten sehen. Deshalb war ich am Fenster! Anschließend bin ich runter zur Straße. Und seitdem halten Sie mich fest! Was’n überhaupt abgegangen?«

»Das wissen Sie nicht?«

Trooper schüttelte das verfilzte Zottelhaar. Treuherzig fragte er: »Würde ich sonst fragen?«

Der Cop wurde etwas blasser um die Nasenspitze.

Ein schlechtes Zeichen.

Trooper fürchtete schon, den Bogen überspannt zu haben.

Doch dann gab es Entwarnung.

»Wo ist Ihr Platz?«

Trooper begriff sofort, was er meinte.

»George Washington Brücke«, sagte er kaum verständlich – was hauptsächlich daran lag, dass er sich weigerte, seine Lippen beim Sprechen zu bewegen. »Bronx-Seite.«

»Okay.« Überraschend schnell legte der Cop Trooper das Protokoll zur Unterschrift vor. »Lesen Sie Ihre Angaben genau durch und bestätigen Sie alles mit Ihrem Namen. Sie werden sich zu unserer Verfügung halten müssen. Möglich, dass wir auf Sie zurückkommen.«

Einen Scheiß werd’ ich!, dachte Trooper, nickte jedoch loyal.

Dann machte er die drei Kreuze unter sein Todesurteil.

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Zwei Tage später

Das Geschoss klatschte nur einen Daumen breit über meiner linken Schulter gegen die trockene Rinde des Zedernbaumes. Ich ließ mich fallen, rollte mich auf dem laubgedämpften Boden ab und feuerte noch in der Aufwärtsbewegung!

Das Spezialprojektil traf Milo Millimeter über dem Rand der Schutzbrille mitten auf der Stirn und setzte sich schmatzend fest.

Er bekam Augen wie Wagenräder!

Ich steckte die Nachbildung unserer Dienstwaffe in die Schulterhalfter zurück und richtete mich grinsend auf.

Den zerknirschten Gesichtsausdruck meines Freundes konnte ich gerade so lange genießen, bis die Lautsprecherdurchsage unser kurzes Heldenidyll zerstörte.

»Trevellian und Tucker sofort zum Chef!«

Milos Miene entspannte sich augenblicklich, getreu dem Motto »Geteiltes Leid ist halbes Leid«.

Frotzelnd verließen wir den Übungsraum und stellten uns noch rasch unter die Dusche, ehe wir das Allerheiligste unseres Chefs aufsuchten.

Wenig später flanierten die »saubersten G-men, die es je gab« selbstbewusst an Mr. McKees Vorzimmerdame vorbei und orderten absichtlich großspurig zwei große Tassen Kaffee.

Die bezaubernde Mandy verzieh uns.

Sie kannte uns lange genug, um uns gelegentliche Anwandlungen und Eskapaden nachzusehen.

»Kommt sofort!«, rief sie uns lachend nach. »Ein paar Plätzchen dazu?«

Während Milo die Frage ernst nahm und noch überlegte, schob ich ihn kurzerhand durch die bereits geöffnete Tür.

Es war, als würden wir eine andere Welt betreten. Das Schmunzeln auf unseren Lippen erlosch wie ausgeblasen.

Mr. McKee stand am Fenster – erfahrungsgemäß kein guter Anfang für ein entspanntes Gespräch. Meist hatte der Leiter des New Yorker FBI besonders heikle Fälle auf Lager, wenn uns der grauhaarige, künstlerisch wirkende Mann schwer zu schätzenden Alters nicht gewohnt souverän hinter seinem Schreibtisch empfing.

Nach einer ebenfalls ungewöhnlich knappen Begrüßung, bot er uns Platz auf den Besucherstühlen an. Erst als wir saßen, ließ er sich ebenfalls nieder.

Drei Zeitungen lagen aufgeschlagen mit der Titelseite nach oben auf seinem Schreibtisch.

Drei absolut identische Blätter, deren Schlagzeile uns förmlich ins Gesicht schrie:

»Opfer des bestialischen Bronx-Mordes identifiziert – Senator Declercs Tochter von Ripper zerstückelt!«

Die Tat an sich war uns bekannt.

Bereits die Zeitungen und Nachrichtensendungen von gestern hatten über den spektakulären Mord nach Ripper-Manier berichtet.

Ich las flüchtig das Kleingedruckte, und als ich merkte, dass Mr. McKee auf unsere Reaktion wartete, zuckte ich mit den Schultern.

»Eine überraschende Wendung«, gestand ich ein, »dennoch denke ich, dass dies nicht in unser Ressort fällt. Die City Police ...«

Mr. McKee unterbrach mich mit einer kühlen Handbewegung.

»Sie wissen, dass ich Ihre Einwände respektiere, wann immer es möglich ist.«

Milo hob die Brauen. »Aber diesmal ist es nicht möglich?«, fragte er.

»Erraten«, nickte unser Chef. »Diesmal sind andere Interessen vorrangig. Senator Declerc, der sich, wie Sie wissen, in der Vergangenheit sehr aktiv und nachdrücklich für die Verbrechensbekämpfung speziell in der Bronx einsetzte, hat sich persönlich an mich gewandt und um Hilfe bei der Aufklärung am Tod seiner einzigen Tochter gebeten.« Mr. McKee räusperte sich und fuhr dann fast verlegen fort: »Wobei gebeten noch sehr schwach für das formuliert ist, was sich tatsächlich hier zugetragen hat. Der Mann hat mich förmlich angefleht, den Verantwortlichen der Bluttat zu stellen – und zwar schnell!«

»Sehr viel Zutrauen zur City Police scheint er ja nicht gerade zu besitzen«, warf Milo ein.

»Stehen nicht demnächst neue Senatswahlen an?«, fragte ich, mit den Gedanken schon ganz woanders.

Mr. McKee setzte sich auf seinem Sessel zurück, streckte den Arm aus und tippte auf das schaurige Bild des Mordopfers.

»Das ist ein springender Punkt, weshalb mich der Senator auch bat, die Ermittlungen nicht nur schnell, sondern vor allem diskret abzuwickeln.«

»Andere Sorgen hat er wohl nicht?«, erkundigte ich mich sarkastisch. Vor Mr. McKee brauchten wir uns nicht zu verstellen. Ich war sicher, dass er im Stillen bereits ähnliche Gedanken gewälzt hatte.

Mandy kam herein und servierte uns augenzwinkernd unsere »Bestellung«.

Während wir das Privileg genossen, den mit Abstand besten Kaffee von ganz New York  –zumindest aber innerhalb des FBI-Gebäudes an der Federal Plaza, Manhattan Süd – zu schlürfen, erläuterte uns Mr. McKee Einzelheiten des Falles, die bislang nicht an die Presse und damit auch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen waren.

Auch zu Senator Declercs Person schenkte er uns reinen Wein ein. Dexter Declerc mochte es an manchem mangeln. An zweierlei jedoch gewiss nicht: an Geld und Feinden! Erst kürzlich hatten er und seine Mitsenatoren sich in einer Nacht- und-Nebel-Aktion die jährlichen Diäten um fünfundzwanzig Prozent auf sage und schreibe 125 100 Dollar erhöht. Nicht gerade ein Ruhmesblatt, um den schwer schuftenden Normalbürger auf ihre Seite zu bringen. Und Declerc war einer der insgesamt zweiunddreißig Senatoren, die sich zur Wiederwahl stellen mussten.

Als wir nach einer geschlagenen Stunde mit schwirrenden Köpfen aufbrachen, gab uns Mr. McKee noch einen gutgemeinten Rat mit auf den Weg:

»Denken Sie daran, bei allem, was sie unternehmen, diskret vorzugehen. Sehr diskret!«

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Unser erster Weg führte uns – diskret, versteht sich – zu Senator Dexter Declerc selbst. Milo und ich waren uns einig, dass wir uns am dringlichsten ein Bild dieses sorgenden Vaters machen sollten, der seine politische Karriere auch nicht durch den außerplanmäßigen Mord an seiner Tochter gefährdet sehen mochte.

Wie gesagt, unsere Marschroute führte uns geradewegs aus Mr. McKees Office in die Park Avenue, eine von Manhattans nobelsten Adressen.

Die Polizeiakten hatten wir noch nicht vollständig durchstöbert. Wichtiger erschien uns. Declercs Version zum gewaltsamen Tod seiner Tochter zu hören.

Das Eintauchen in einen Fall, bei dem andere schon etliches an Vorarbeit geleistet hatten, war nicht unbedingt nach unserem Geschmack. Erfahrungsgemäß verstellten einem die niedergeschriebenen Protokolle mit dem bunten Cocktail vorgefasster subjektiver Meinungen den Blick auf das Wesentliche.

Aber den Idealfall gab es ohnehin nicht – also fügten wir uns unserem Schicksal. Declerc residierte in einer als Prunkbau viktorianischen Stils getarnten Festung. Überall wimmelte es nur so von Sicherheitskräften. Die junge Dame am Eingang erklärte uns ebenso bereitwillig wie freundlich den Weg. Wir waren angemeldet. Alle Türen standen uns offen.

Ein seltenes Gefühl und durchaus gewöhnungsbedürftig.

Der supermoderne Lift, in dem nicht der geringste Magenstülpeffekt auf trat, trug uns in den vierten Stock – die Büroebene des Senators, der auch am Tag der öffentlichen Identifizierung seiner toten Tochter die Geschäfte nicht ruhen ließ.

Meine Erwartungen in Bezug auf Dexter Declerc waren nicht sehr hochgeschraubt. Einiges an den im vorbeireitenden Gespräch mit Mr. McKee zutage getretenen Charaktereigenschaften dieses Mannes hatte mir nicht gefallen.

Eine Mrs. Declerc gab es bereits seit fünf Jahren nicht mehr. Die Frau des Senators, Mary-Anns Mutter, war bei einer Routineoperation ums Leben gekommen.

Ein mit Kupferlettern auf teuren Marmorgrund gesetzter Spruch fiel mir im Vorzimmer des Senators auf:

»Aufgeber gewinnen nie – Gewinner geben nie auf«

Kurz darauf wurden wir vorgelassen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913897
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
jede spur leiche

Autor

Zurück

Titel: Jede Spur endet bei einer Leiche