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320 PS-Jim #58: Leoparden-Jenny

©2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

Leseprobe

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W.K.Giesa

Leoparden-Jenny

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Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© Roman by Author, Titelbild Steve Mayer, Serienrechte “320 PS-JIM” by Olaf Dietsch, Erbe von Werner Dietsch

© Lebenswerk Werner Kurt Giesa durch Jörg Munsonius & Alfred Bekker

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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Kentuckys Wetter meinte es gar nicht gut. Es goß in Strömen. Der Interstate-Highway 64 wurde zur spiegelnden, nassen Rutschbahn. Die großen Scheibenwischer des Ford Cabover CL 9000 wanderten mit sattem ,Wwwuppwwwupp‘ hin und her. Die schwere 430-PS-Maschine dröhnte gleichmäßig.

Cal Byrkin hielt den mitternachtsblauen Truck mit dem Koffer ziemlich weit in der Straßenmitte, weil da die Fahrbahn nicht so ausgefahren und die Aquaplaning-Gefahr in den Spurrillen nicht so groß war. Er hielt sich an das vorgeschriebene Tempo von 55 Meilen. Andere nicht, wild hupend versuchten sie trotz schmaler Fahrbahn und schlechter Sicht an ihm vorbeizukommen. Die Wagen zogen lange Wasserschleier hinter sich her.

Cals Augen brannten, und die Nase lief. Er hatte sich bei dem anhaltendem Sauwetter eine mordsmäßige Erkältung eingefangen und hätte eigentlich gar nicht hinters Lenkrad gehört. Aber einer mußte ja fahren. Jenny O’Tyrell, genannt Leoparden-Jenny, lag im rückwärtigen Teil der Kabine auf der Koje und tankte eine Mütze Schlaf. Sie war fix und fertig vom vorangegangenen Tag.

Plötzlich tauchte sie doch auf, zwängte sich neben Cal auf den breiten Beifahrer-Sitz. Sie rümpfte die Nase. »Sag mal, was stinkt denn hier so gotterbärmlich, daß man nicht mehr schlafen kann?«

Cal zuckte mit den Schultern, deutete auf seine Nase und die fast volle Abfallbox, in der sich Papiertaschentücher stapelten. »Ich rieche nichts«, näselte er.

»Eh, da stimmt doch was nicht«, schrie Jenny. »Das riecht verbrannt. Halt die Kiste an, Mann!«

»Wir liegen schlecht in der Zeit«, ächzte Cal. »Die anderen Wagen sind schon längst nicht mehr zu sehen.«

»Egal«, schrie Jenny O’Tyrell. »Halt an!«

Da dröhnte ein heftiger Schlag durch die Maschine. Krachen und Rumpeln. Vor Cal explodierte förmlich eine Flut von Warnleuchten. Er stemmte den Fuß gegen die Kupplung und riß den Gang heraus. Weil er aber durch die Krankheit nicht mehr so ganz klar war, machte er im ersten Schreck den Fehler, gleichzeitig auf die Bremse zu steigen. Der mächtige Truck stellte sich quer.

Leoparden-Jenny schrie. »Die Tiere!« Cal kurbelte wie wild am Lenkrad und versuchte den Truck zu halten. Er rutschte schräg auf die mittlere Fahrbahnabsperrung zu und schrammte daran entlang. Wenn sie brach, humpelte er in die Gegenfahrbahnen. Cal zog den Truck wieder nach rechts. Die Nässe ließ den Bremsweg verheerend lang werden. »Ausrollen«, schrie Jenny. Sie sah im Rückspiegel, wie ein roter Plymouth um ein Haar der Kollision mit dem schlingernden Auflieger entging, dafür aber zum Ausritt ins Gelände gezwungen wurde. Ein paar Meter neben dem Highway blieb er auf dem matschigen Grund stehen und würde jetzt wohl festsitzen.

»Verdammt«, flüsterte Jenny.

Der Truck glitt jetzt nach rechts, rauschte durch tiefe Wasserlachen und ließ das Regenwasser hochschäumen. Der Gestank wurde immer fürchterlicher. Etwas brannte. Krampfhaft hielt Jenny O’Tyrell sich fest. Die Böschung sauste auf sie zu. Der blaue Truck glitt mit den Vorderrädern darüber hinweg.

Auf den Gedanken, die Bremse loszulassen, kam Cal Byrkin nicht.

Er hebelte nur immer wieder verzweifelt am Lenkrad. Der Auflieger brach wieder nach links aus und stellte sich quer. Jenny sah wie durch Schleier die verzweifelten Brems- und Schleudermanöver anderer schnell fahrender Fahrzeuge, die der Kollision zu entgehen versuchten.

Aber das Querstellen verhinderte, daß der Truck von der Fahrbahn abkam und den Zwei-Meter-Schräghang der Straßenböschung hinunterdonnerte in die vom Regen aufgeweichten Felder. Er blieb auf dem Highway, kam jetzt endlich zum Stillstand und blockierte beide Fahrbahnen dieser Richtung.

Byrkin fiel förmlich nach hinten zurück. Er riß stöhnend ein neues Taschentuch aus der Packung und versorgte seine triefende Nase. Jenny war totenbleich. Sie riß die Tür auf und sprang auf die nasse Fahrbahn hinab. Der Regen war unvermindert stark. Binnen weniger Augenblicke war Jenny durchnäßt.

Sie sah zurück. Die Insassen des roten Plymouth waren ausgestiegen; der Fahrer drohte mit den Fäusten herüber. Schulterzuckend wandte Jenny sich um. Sie konnte im Moment auch nichts ändern.

Unter der Zugmaschine qualmte es. Der Motor war aus. Fluchende und schimpfende Fahrer stiegen aus den anderen Wagen und näherten sich. Binnen Sekunden bildete sich ein langer, doppelreihiger Stau.

»Oh nein«, murmelte Jenny. »Das hat uns gerade noch gefehlt...«

*

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DER RED BARON BRUMMTE sein gleichmäßiges Highway-Lied. Wie die anderen Fahrzeuge kämpfte er sich durch den strömenden Regen, der seit Tagen anhielt. Sonnenschein wäre Jim Stonewall und Chris Morris, den beiden Insassen und Eigentümern des brandroten M.A.N 32.321 Cabover lieber gewesen, aber sie konnten sich das Wetter nicht aussuchen.

»Petrus scheint ein Reinlichkeitsfanatiker zu sein«, sagte Chris Morris, der schwarzhaarige Shotgun, und drückte kurz auf den Busen der Pin-up-Puppe am Armaturenbord. Brav spuckte die Schöne eine WEST aus. Chris setzte sie in Brand und paffte genüßliche Rauchwolken gegen das Kabinendach.

»Reinlichkeitsfanatiker?« echote Jim Stonewall am Lenkrad.

»Na, wer so lange und ausgiebig duscht... das ist ja nicht mehr normal. Ich werde eine Beschwerde schreiben, in dreifacher Ausfertigung, und die da oben abliefern. Sauwetter, verdammtes...«

»Du sollst nicht fluchen«, belehrte ihn Jim. »Das ist sündhaft und unchristlich. Hat deine Mami dir das nie gesagt? Außerdem - wie leicht kann’s passieren, daß man dich direkt da oben behält, wenn du an die Himmelspforte klopfst und den Beschwerdebrief abgeben willst.«

»Passiert mir nicht«, wehrte Chris ab. »Ich komme in die Hölle. Erstens, weil ich zuviel fluche und sündhafte Dinge tue, zweitens, weil ich da viel mehr Bekannte habe. Unter anderem dich.«

»So, so«, murmelte Jim.

Eine halbe Meile vor ihnen rollte ein Truck mit Auflieger mit vorschriftsmäßigem Tempo dahin. Jim fuhr nicht ganz so vorschriftsmäßig und holte langsam auf. Bei diesem Regenwetter waren keine Radarfallen zu erwarten. Die Smokeys wurden auch nicht gern naß und blieben daher zu Hause. Und weil das außer Jim auch noch so ziemlich jeder andere Fahrer wußte oder ahnte, wurde ziemlich schnell gefahren - für Wetter- und Straßenlage zuweilen fast zu schnell.

Der blaue Truck voraus hielt Funkstille. Mehrmals hatte Chris den Versuch gemacht, ihn anzurufen, aber da rührte sich nichts in der CB-Box. Auch von anderen Kollegen war nichts zu bemerken. Das große Schweigen griff um sich.

Da sah Jim das Unheil kommen. Der blaue Truck, eine halbe Meile voraus, begann plötzlich zu schlingern. Bremsleuchten der voranbrausenden Wagen flammten auf. Jim ging vom Gas, schätzte die Entfernung ab und begann mit der Bremse zu spielen. Mochte der RED BARON für amerikanische Verhältnisse auch klein sein mit seinen 320PS, so war er den riesigen US-Trucks in technischer Hinsicht doch überlegen. Zumindest bremste er besser. Die hinter ihm fahrenden Verkehrsteilnehmer bekamen das zu spüren, kamen stellenweise ins Schleudern und hupten wild. Ruhig brachte Jim den brandroten M.A.N mit der auffälligen Frontbemalung zum Stillstand.

Der Blaue stand quer.

Ein Four-Wheeler lag auf dem Feld im Schlamm. Chris grinste. »Der wird ganz schön sauer sein, wird er«, sagte er. Er angelte nach der CB-Box, ging auf Kanal eins-neun und versuchte es noch einmal. »RED BARON an die Jungs in der kitschigblauen Kiste! Wollt Ihr hier ’ne Straßensperre aufbauen und Wegezoll kassieren, oder was?«

Auch jetzt kam keine Antwort. Dafür meldeten sich plötzlich auch andere Trucker, die weiter hinter dem RED BARON zum Halten gezwungen wurden und jetzt wutschnaubend ihr bisheriges Schweigen brachen. Die Interstate 64 war hier dicht befahren, und entsprechend schnell staute sich der Verkehr. Hier ging vorerst nichts mehr.

Chris hängte das Mikro wieder ein. Er schüttelte den Kopf. »Wenn du mich fragst, sind das schlicht und ergreifend einfach Verrückte. Na ja, kein Wunder. Wer seinen Truck so kitschpostkartenhimmelblau anstreicht, muß ja zwangsläufig ins Schleudern kommen.« Er tippte sich heftig an die Stirn.

»Ich seh mal nach, was da vorn ist«, beschloß Jim. »Vielleicht brauchen sie Hilfe.« Er zog die Bremse fest, schaltete die Maschine aus und schwang sich ins Freie. »He«, brüllte Chris ihm nach.

Jim kam noch mal wieder hoch. »Was denn?«

»Paß auf, daß du nicht naß wirst. Es regnet nämlich«, verkündete Chris mit wichtiger Miene.

»Idiot!« Während Jim sich durch den Regen vorwärts kämpfte, schloß er den Saum der Regenjacke und zog sich den hellen Stetson tief in die Stirn, um das Gesicht vor den Regenschauern zu schützen. Die breite Krempe ersetzte den Scheibenwischer vor den Augen. Jim schlug einen lockeren Trab ein und näherte sich dem blauen Truck.

THE GREAT RODNEY WILLIAMS’ SHOW, stand in verschnörkelten, riesigen Buchstaben sowohl am Auflieger als auch an den Seiten der Zugmaschine, um die sich jetzt aufgebrachte Autofahrer versammelten und auf eine junge Frau einschimpften. Jim sah die weißgrauen Qualmwolken, die unter dem Ford Cabover hervorquollen, sich jetzt aber verflüchtigten. Er begann etwas zu ahnen, als er auch den Gestank wahrnahm. Wasserdampf war das nicht!

Jim bahnte sich seinen Weg durch die Menge und blieb vor der Frau stehen, die wie eine nasse Katze im Regen stand. »Hallo, Ma’am«, murmelte er. »Unfall? Technische Schwierigkeiten? Ihr braucht Hilfe.«

»Klar brauchen wir die«, sagte die Frau, sichtlich froh, daß wenigstens einer nicht mit Vorwürfen auf sie einhämmerte.

»Das stinkt verdächtig nach Öl«, behauptete Jim und sah zur Kabine hinauf. Da taumelte gerade ein Mann heraus, dick vermummt und mit geränderten Augen. Unwillkürlich wich Jim ein paar Schritte zurück.

»Das ist Cal Byrkin, und ich bin Jenny O’Tyrell«, stellte die junge Frau vor. Jim murmelte seinen Namen und verlangte, daß das Fahrerhaus gekippt wurde. Dann betrachtete er den Motor.

»Gebrannt hat da nichts«, murmelte Cal.

Jim untersuchte die Maschine. »Ölverlust«, sagte er. »Ihr habt die Maschine trockengefahren. Das Öl ist an einer undichten Stelle ausgelaufen. Hier, am Öldruckschalter. Das Ding ist mehr als nur defekt. Das Öl tropfte kräftig auf ein glühendheißes Rohr, und das ist der verdammte Gestank. Hat das denn keiner von euch gemerkt?«

»Ich - aber zu spät«, sagte Jenny.

»Ich kann nichts riechen. Meine Nase ist zu«, entschuldigte sich Cal. »Und die Öldruckkontrolle hat auch nichts angezeigt. War wohl defekt.«

»Das weniger«, widersprach Jim, »aber die Dinger sind generell unzuverlässig. Wenn du dich auf deine Instrumente verläßt, bist du verlassen. Die Ölwarnlampe kannst du getrost in den Mississippi schmeißen.«

Im Hintergrund wurden die Stimmen wieder lauter. »Schafft doch endlich den Karren von der Straße! Wir müssen weiter!«

»Wir auch!« schrie Jenny.

Jim Stonewall legte ihr leicht die Hand auf die Schulter. »Das kriegen wir schon irgendwie hin«, sagte er. »Nur nicht mit eurem Truck. Die Kolben haben sich festgefressen. Feierabend und Ende der Fahnenstange.«

»Aber der Truck kann doch unmöglich so hier stehenbleiben! Was machen wir denn jetzt?« fragte Jenny. »Wir verlieren hoffnungslos den Anschluß.« Als sie Jims fragenden Blick sah, erzählte sie hastig: »Wir gehören zu einem Zirkus. Wir sind mit einem Convoy von sechzehn Trucks unterwegs. Das Zirkuszelt, zerlegbare Unterkünfte, Geräte, Tiere... alles in den großen Spezialcontainern. Wir sind die letzten. Die anderen sind wahrscheinlich schon in Louisville.«

»So weit ist das doch auch nicht mehr«, winkte Jim ab.

»Louisville ist ja auch nicht Endstation. Wir müssen noch weiter. Tausend Meilen. Der Zirkus hat einen Vertrag. Wenn wir nicht rechtzeitig da sind, platzt alles, und ich kann meine Tiere verkaufen...«

Jim pfiff leise durch die Zähne, drehte sich um und sah die schon endlose Autoschlange an. Dann nickte er kurz. »Abkuppeln«, ordnete er an.

»Wie bitte?« wandte Cal Byrkin ein. »Wir können doch nicht einfach...«

»... hier stehen bleiben. Die Smokeys haben den Stau bestimmt schon spitzgekriegt und sind gleich hier, und wenn dann der Highway nicht wieder frei ist, wird’s bitter. Abkuppeln, sofort.« Er wandte sich an die nächststehenen Zuschauer. »Bitte sorgen Sie dafür, daß wir mit einer anderen Zugmaschine hierher durchkommen. Wir räumen die Straße frei.«

Erfreulicherweise gab es einige Leute mit Verstand. Während Jim zum RED BARON zurücklief, setzten sich einige der stehenden Wagen wieder in Bewegung und krochen rechts und links auf die Fahrbahnränder zu. Eine Gasse entstand, durch die der rote M.A.N mit einigem Geschick würde fahren können.

Jim schwang sich wieder auf seinen Sitz und erklärte Chris die Sachlage. Der nickte. »Wir drücken den Auflieger mit der Schleppstange herum?« fragte er. »Oh, Mann, das dauert doch Stunden, wenn nichts beschädigt werden soll. Wir...«

Jim grinste. »Nein«, sagte er. »Nicht den Auflieger - die Zugmaschine!«

Der Motor des RED BARON kam sofort. Vorsichtig lenkte Jim den Truck in die entstandene schmale Gasse. Der schwarzhaarige Shotgun neben ihm verzog das Gesicht. »Das gibt Beulen bei den Skateboards«, prophezeite er angesichts der geringen Abstände zu den Limousinen. »Da kommen wir nicht durch.«

»Wetten, daß die ganz schnell noch mehr Platz machen werden, wenn sie sehen, was da für ein ausgesucht hübscher Truck kommt?«

Jim griff nach oben und zog an der Leine. Die Signalhörner auf dem Dach brüllten und dröhnten schaurig durch den Hegen.

»Setz doch den Auflieger ab«, schlug Chris vor. »Dann können wir besser manövrieren.«

»Und hinterher rollen wir gegen den wieder fließenden Verkehr eine halbe Meile zurück, um wieder aufsatteln zu können? Wozu, wenn’s doch so auch geht?«

Langsam kroch die riesige Maschine durch den Stau. Plötzlich zuckte Chris zusammen. Er hatte einen Blick in den Spiegel geworfen.

»Smokeys«, sagte er. »Sie schieben sich in unserem Kielwasser heran. Jetzt wird es spannend.«

In der CB-Box prasselte und pfiff es, dann kam eine befehlsgewohnte Stimme durch die Störgeräusche. »Macht sofort die Straße frei, Trucker! Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?«

»Die Bears«, murmelte Chris. »Müssen wir denen antworten?«

Jim winkte ab. Er hatte Mühe, den Truck zwischen den Straßenkreuzern hindurchzuschlängeln. Meter um Meter rückten sie dem blauen Zirkustruck näher. Die Smokeys blieben im Funk. »Ihr sollt die Straße räumen! Wir müssen durch, verdammt!«

Jetzt hielt Chris es nicht mehr aus. Er langte nach dem Mikro und säuselte hinein: »Wie wär’s, wenn ihr unter uns hindurchfahrt?«

»Halt bloß die Schnauze«, schrie der Highway-Polizist zurück. »Ihr werdet eure Lizenz los. Macht Platz!«

»Wenn Sie uns sagen, wohin wir sollen, Officer, machen wir das doch gern«, gab Chris liebenswürdig zurück. »Wir haben nämlich heute unseren sozialen Tag.«

Eine laute Verwünschung folgte, dann wurde es im Funk wieder still.

Jim war inzwischen bis auf ein paar Dutzend Meter an den blauen Truck herangekommen. Er hielt an. »Auflieger ’runter«, sagte er. »Machst du das, Chris? Wir brauchen jetzt Bewegungsfreiheit.«

Chris war davon nicht begeistert. »Warum sollen eigentlich zwei Leute naß werden, wenn einer reicht?«

Jim winkte ab, zog die Bremse und sprang nach draußen. Chris kletterte auf den Fahrersitz. Jim löste die Kabel und Bolzen und winkte dann heftig. Der Shotgun ließ den roten M.A.N vorrollen und brachte ihn dicht hinter die querstehende blaue Maschine. In den Rückspiegeln sah er es rötlich hinter dem Auflieger blinken; da saß jetzt der Streifenwagen fest. Plötzlich tauchten Uniformen auf. Die Smokeys stiegen aus und kämpften sich durch den Regen zu Fuß heran. Zwei Mann waren es.

Jim Stonewall ließ sich nicht stören. Er löste die Abschleppstange aus der Halterung und ging nach vorn. Natürlich hatte Cal Byrkin den Auflieger noch nicht gelöst. Jim schüttelte den Kopf. »Müssen wir für eure Dämlichkeit eigentlich alles allein machen?« fragte er verärgert.

Der kranke Fahrer stand da wie ein Häufchen Elend. Jenny O’Tyrell dämmerte es jetzt erst, was die beiden Männer aus dem roten German Truck beabsichtigten. Sie hängte den Auflieger ab und klappte die Stützräder herunter.

»Ist das hier ein Unfall?« wollte einer der beiden Polizisten wissen, die herangekommen waren. Jim verzichtete auf eine Antwort. Er hängte die Schleppstange beim blauen Ford ein und winkte Chris, den RED BARON heranzulenken. Chris setzte etwas zurück; ein lauter Hupton erscholl, weil ein im Weg stehender Pontiacfahrer sich bedrängt fühlte. Wenige Zentimeter vor dem Wagen stoppte Chris, kurbelte wie ein Berserker am Lenkrad und rollte wieder vor, bedächtig und langsam, bis die Schleppstange in der vorderen Hängerkupplung einrastete. Jim sicherte und trat zur Seite.

Die beiden Smokeys sahen sich die Sache jetzt schweigend an.

Chris drehte die Scheibe herunter. »Es wird ein wenig scharren und scheuern«, rief er.

Jenny verschwand im blauen Truck, bereit zum Mitlenken, sobald die Zugmaschine einigermaßen freikam. Chris ließ wieder anrucken und setzte langsam zurück. Es knirschte und knarzte auf der Straße. Ein heftiger Ruck ging durch den Ford Cabover, dann wurde seine Heckpartie allmählich herumgezogen, seitwärts unter dem Auflieger weg.

»Ihr brecht ihm ja die Räder ab!« schrie einer der Smokeys aufgeregt. »Das geht doch nicht gut! Das...«

Der andere hatte festgestellt, daß Cal Byrkin der Zirkusfahrer war, und nahm ihn zwischenzeitlich ins Gebet. Jim achtete nicht darauf. Sorgsam beobachtete er den Ford, um eventuelle Überlastungen rechtzeitig zu erkennen. Aber es ging gut. Wenn Jenny O’Tyrell jetzt richtig mitspielte...

Der Ford selbst war hilflos. Die festgefressene Maschine ließ sich nicht mehr starten. Aus eigener Kraft rollte der Truck keinen halben Meter weit. Er wurde jetzt vom RED BARON abwechselnd gezogen und geschoben. Jenny hatte tatsächlich begriffen, worauf es ankam, und dachte und lenkte entsprechend mit, bis der Truck wieder in Fahrtrichtung stand. Die Autofahrer schufen inzwischen langsam aber sicher mehr und mehr Raum, so daß Chris weit genug zurücksetzen konnte, um den Blauen am Highway-Rand abzusetzen und sich selbst Platz zu schaffen.

Jim löste die Schleppstange und verstaute sie wieder. Chris lenkte den M.A.N zwischen dem Ford und seinem Zirkusauflieger hindurch, schob sich schräg unter den Auflieger und nahm ihn auf die Kupplung. Jetzt konnte er großzügig rangieren, weil er nach vorn jede Menge Platz hatte. Er lenkte den Auflieger ebenfalls an den Straßenrand, und Jim kuppelte wieder ab.

Die ersten Autos wollten anrollen und weiterfahren. Chris murmelte eine Verwünschung. Die wollten ihn nicht an seinen eigenen Auflieger zurücklassen!

Der .arbeitslose' Polizist zeigte sich jetzt von der brauchbaren Seite und schuf dem RED BARON Raum. Nach ein paar Minuten stand er mit Fracht hinter dem Zirkusauflieger. Chris überwand seine Wasserscheu jetzt und sprang endlich auch in den strömenden Regen hinaus.

Der Stau begann sich zäh aufzulösen. Die Wagen rauschten davon. Jenny O’Tyrell stand kopfschüttelnd vor den beiden Freunden. »Wie kann ich Ihnen nur danken?«

»Mit zwei Freikarten für diesen Zirkus«, grinste Chris. »Vielleicht kommen wir ja mal in der Nähe vorbei... aber ein strahlendes Lächeln reicht mir auch.« Jim trat dem unverbesserlichen Schürzenjäger vors Schienbein.

Die Polizisten überprüften derweil die Papiere des Blauen. »Seid ihr noch zu retten?« murmelte einer. »Leoparden im Container... das ist doch wohl das Letzte. Macht den Kasten doch mal auf.«

»Wie sollen wir die Tiere denn sonst transportieren?« ereiferte sich Jenny. »Das ist ein Spezialcontainer. Die Leoparden sind in getrennten Käfigen und bekommen genug Frischluft und Wärme von der Klimaanlage. Wir...«

Der andere Smokey winkte ab. »Schon gut. Wir können es alle nicht ungeschehen machen, diesen Beinahe-Unfall. Nächstens achten Sie besser auf den Zustand Ihres Fahrzeugs. Sie zahlen jetzt fünfzig Dollar wegen grober Verkehrsbehinderung, einigen sich mit dem Besitzer des Plymouth, der Ihretwegen im Gelände steht, und dann sehen Sie zu, daß Sie von der Straße verschwinden. Sie können hier nicht stehenbleiben.«

»Fünfzig Dollar?« schrie Jenny erbost.

»Sind Sie noch zu retten, Officer? Verkehrsbehinderung? Was können wir dafür, wenn der Staat Kentucky nicht in der Lage ist, ungefährliche Straßen zu bauen und instandzuhalten? Wir hätten glatt von der Piste rutschen können und lägen jetzt mit den Tieren auf dem Rücken...« Sie deutete wütend auf die riesigen Wasserlachen und Spurrillen auf dem Highway.

»Fünfzig Dollar«, sagte der Polizist unerbittlich. »Bei Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung ist so etwas wie Ihr Querstehen unmöglich.«

»Wir haben einen Motordefekt und...«

»Fünfzig«, beharrte der Polizist.

Chris nahm in Gedanken schon mal bedächtig Maß. Die beiden sauren Knaben waren nur zu zweit, und Chris hatte es noch nie gemocht, wenn Trucker ausgenommen wurden wie Mastgänse. Auch wenn das hier keine ›richtigen‹ Trucker waren und dieser Cal Byrkin wirklich einen groben Fahrfehler gemacht haben mußte.

»Soll ich ihm eins in die Fresse hauen?« flüsterte Chris.

Jim winkte ab. »Mach keinen Ärger. Wenn die Jungs ihre Colts ziehen, stehen wir dumm da.«

»Dazu lasse ich sie erst gar nicht kommen«, gab Chris fast unhörbar zurück. Er ballte die Fäuste.

Jenny O’Tyrell kletterte in das Führerhaus des Ford und kam Augenblicke später mit einem großen Geldschein wieder heraus. Sie preßte ihn dem Smokey in die aufgehaltene Hand. »Quittung«, verlangte sie schroff.

Sie bekam die Quittung. »Und denken Sie daran, die Maschine kann hier nicht stehenbleiben«, erinnerte der Abkassierer. Die beiden Smokeys kehrten zu ihrem Wagen zurück, der immer noch mit blinkendem Rotlicht mitten auf dem Highway stand wie der Fels in der Brandung; der fließende Verkehr schob sich vorsichtig links und rechts daran vorbei.

»Du hättest nicht bezahlen sollen, Mädchen«,-murrte Chris. »Wir hätten diesen beiden Burschen die Schnauze poliert und...«

»Aus!« knurrte Jim. »Naß sind wir jetzt, und es wird Zeit, daß wir weiterkommen. Wir haben einen Termin einzuhalten. In einer Stunde müssen wir in Louisville sein, dann macht die Agentur dicht. Diese Aktion hat uns verdammt viel Zeit gekostet.«

Chris Morris verzog das Gesicht. Dann zuckte er mit den Schultern, vergrub die Hände in den Hosentaschen und rollte in Richtung RED BARON davon. Jim sah dem Streifenwagen nach, der in der grauen Regenferne verschwand, dann tippte er grüßend an die sletsonkrempe und wandte sich ebenfalls ab. Sie hatten den Zirkustruck von der Straße geräumt, mehr konnten sie im Moment nicht tun. Sie mußten weiter, oder sie verloren Geld, wenn der Termin nicht gehalten wurde. Viel Geld.

»Ich fahre weiter«, sagte Chris und klemmte sich hinters Lenkrad. »Ich bin gerade so schön dran.«

Jim nickte. »Hüte dich vor den Bären.« Er ahnte, daß Chris auf Tempo machen wollte. Die verlorene Zeit aufholen, wenigstens ein paar Minuten davon zurückgewinnen.

Der blonde Trucker ging zur rechten Wagenseite und langte nach dem Türgriff, als er hinter sich eine Stimme hörte, Jenny O’Tyrells Stimme: »Sie müssen uns helfen. Bitte!«

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JIM STONEWALL SEUFZTE.

»Miss, wir müssen weiter. Ich möchte Ihnen gern helfen, aber wir verlieren Geld. Es gibt noch andere Trucks auf der Strecke. Funken Sie sie an, vielleicht hat einer von ihnen genug Zeit und...«

»Hör zu«, rief Chris von der Fahrerseite herüber. »Wir können die Lady doch bis zum nächsten Truck Stop mitnehmen. Von da aus kann sie telefonieren...«

»Darum geht es nicht«, ereiferte sich Jenny O’Tyrell. »Der Ford ist hin. Bis der einen neuen Motor bekommt... und ich weiß im Moment noch nicht einmal, wovon ich den bezahlen soll. Aber -meine Tiere. Die Vorstellung! Wenn wir nicht rechtzeitig ankommen, ist alles zu spät. Können Sie nicht... bitte...«

»Was denn?« Jim ahnte kommendes Unheil.

»Ich meine... daß Sie für uns fahren. Daß Sie unseren Auflieger fahren, bis der Ford wieder okay ist...«

Jim deutete mit dem Daumen über die rechte Schulter. »Wissen sie, was das da ist, Lady?«

»Ein Auflieger. Ich bin ja nicht blind!«

»Da drin«, dozierte Jim wie ein Hochschulprofessor, »befinden sich leichtverderbliche Lebensmittel. Leider Gottes hat man uns keinen Thermo King mitgegeben, daß wir das Klima im Container einigermaßen regeln könnten. Deshalb muß das ganze Zeugs noch heute ins Ziel gehen. Und zwar vor fünf Uhr, weil dann Frachthof und Agentur Feierabend machen. Und wir brauchen nicht nur unser Geld, sondern auch eine Anschlußfracht. Wir haben schon Zeit genug verloren. Was das angeht, sieht unsere Lage auch nicht gerade rosig aus. Davon haben Sie keine Ahnung, weil Sie nicht als freie Trucker ums Überleben kämpfen müssen. Wir können also nicht einfach unseren Auflieger mal eben für ein paar Tage absetzen und Ihren weiter spazierenfahren.«

»Außerdem wollen wir nicht von Leoparden gefressen werden«, rief Chris von oben.

»Meine Leoparden fressen niemanden«, ereiferte sich Jenny. »Gerechter Himmel, ist denn das so schwer zu verstehen, daß wir weiter müssen? Was ist, wenn Sie uns an die Schleppstange nehmen?«

Jim schüttelte den Kopf. »Dann kommen wir nicht schnell genug voran. Das dauert alles zu lange.«

»Ich bezahle Ihren Verdienstausfall«, schlug Jenny hilflos vor. »Wir müssen nach Pueblo, Colorado. Das sind ein wenig mehr als achthundert Meilen. Ich zahle Ihnen...« sie überlegte, kämpfte mit sich und kam schließlich zu einem Entschluß: »Vierhundert Dollar!«

Chris pfiff durch die Zähne.

»Können Sie sich das überhaupt leisten, Lady?« fragte Jim schulterzuckend. Das Angebot war annehmbar, lag sogar im Spitzenfeld. Mit einer normalen Fracht würden sie kaum mehr verdienen können. Aber...

»Verdammt, es geht doch nicht«, stöhnte er. »Wir müssen weiter.«

»Es gibt eine andere Möglichkeit«, wandte Chris ein. »Wir liefern unsere Fracht ab und kommen hierher zurück.«

Da leuchteten Jennys Augen auf. »Wenn Sie das tun würden...«

»Kann aber noch einige Zeit dauern«, warnte der Shotgun. »Bis wir wieder hier sind... drei, vier Stunden bestimmt, alles in allem.«

»Das macht nichts. Wichtig ist nur, daß wir hier wegkommen«, seufzte Jenny. »Ich bin Ihnen so dankbar...«

Jim winkte ab. »Sparen Sie sich den Dank auf bis hinterher. Wir müssen jetzt Zusehen, daß wir Land gewinnen. Aber wir kommen zurück.«

Er kletterte hoch und schloß die Tür. Der Motor sprang an. Der Truck mit der auffälligen Frontbemalung rollte an, fädelte sich in den Verkehr ein und brauste davon.

Louisville entgegen.

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JENNY O’TYRELL SAH sich um. Ihr Blick suchte den roten Plymouth. Von daher erwartete sie weitere Schwierigkeiten, und sie war auch bereit, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen. Sie hoffte nur, daß da nicht allzuviel geschehen war. Ein Achsenbruch oder Karosserieverwindungen, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen, konnten teuer kommen, wenn der Besitzer sich querstellte und meinte, sein Wagen sei ebenso wertvoll wie sein ehelich angetrautes Weiblein.

Sie wurde angenehm überrascht. Jemand spielte barmherziger Samariter, war mit einem geländegängigen Wagen an den Rand des Highway gefahren und zog den Plymouth gerade per Seilwinde aus dem Schlamm. Jenny O’Tyrell ging hinüber. Sie kam an, als der verdreckte Plymouth mit kaum wiederzuerkennenden Rädern wieder festen Boden erreichte. Die beiden Jungs vom Geländewagen lösten die Trosse und spulten sie auf.

»Hallo«, sagte Jenny spröde. »Tut mir leid, daß Sie diese Schwierigkeiten hatten. Unser Truck hat Sie bestimmt nicht böswillig in den Acker geworfen. Ist der Wagen noch okay?«

, Der Fahrer desselben musterte Leoparden-Jenny von oben bis unten und stemmte die Arme ein. Kopfschüttelnd sah er zu dem blauen Truck hinüber.

»Wir werden sehen«, knurrte er und stieg wieder ein. Dann gab er dem Plymouth kurz die Sporen. Dreckklumpen flogen nach allen Seiten. Der Fahrer stieg voll in die Eisen und vollführte eine Katastrophenbremsung. Dann kurbelte er die Fensterscheibe herunter.

»Nichts passiert, wie ich das sehe. Aber wenn Sie das Spielchen noch einmal machen, prügele ich Sie durch, auch wenn Sie ’ne Lady sind.«

Mit kreischenden Rädern jagte er davon.

Die beiden Männer vom Geländewagen sahen sich an. »Der spinnt«, knurrte der Fahrer. »Nicht mal bedankt hat er sich. Muß ein Verrückter sein.«

»Er sieht das alles eben ganz locker«, sagte der andere.

»Was bin ich Ihnen für die Hilfsaktion schuldig?« fragte Jenny.

Die beiden Männer schüttelten die Köpfe. »So was machen wir täglich dreimal«, sagte der Beifahrer. »Ist ein toller Ausgleichssport. Wenn Sie mal mit Ihrer blauen Kiste im Dreck liegen - Anruf genügt. Wir ziehen auch Sie ’raus.« Sprach’s, stieg ein und wartete darauf, daß der Fahrer durchstartete. Jenny blieb sprachlos zurück.

»Eingebildet ist der wohl gar nicht«, sagte sie nach einer Weile. »Mit dem kleinen Wägelchen einen Truck schleppen zu wollen... nee...«

Sie stiefelte zurück zu ihrer Maschine, in der sich Cal Byrkin vor dem Regen verschanzt hatte. Das Warten begann. Hoffentlich vergaßen die beiden Trucker in dem roten M.A.N ihr Versprechen nicht...

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»BEFREMDLICH, SEHR befremdlich«, sagte Chris Morris nach einer Weile. Der RED BARON fraß die Meilen förmlich. Das nasse Band der Straße glitt unter dem brandroten Truck hinweg. Chris fuhr schneller als erlaubt, aber seine Ahnung bewahrheitete sich: Bei diesem Sauwetter holten sich auch die Smokeys nicht gern nasse Füße. Die waren heilfroh, wenn sie nicht in den Regen hinausmußten.

»Was ist befremdlich?«

»Na, dieser Zirkus-Truck in kitschpostkartenblau! Wenn du den in Florida an den Mittagshimmel nagelst, fällt er gar nicht auf... wie kann man nur ein so optimistisches Blau an eine so heruntergekommene Karre pinseln, die unterwegs den Geist aufgibt?«

»Sieh nur zu, daß unser RED BARON nicht den Geist aufgibt«, murmelte Jim dumpf. Er drückte auf den Busen der Pin-up-Puppe am Armaturenbrett und ließ sich zwei WEST in die Hand spucken. Jim setzte sie in Brand und reichte ein Stäbchen an Chris weiter. »Die große Hodney Williams’s Show... noch nie was von gehört.«

»Ich wußte gar nicht, daß es überhaupt noch so etwas wie einen Zirkus gibt. Ich dachte, die wären längst alle ausgestorben, weil die Leute nur noch vor der Flimmerröhre sitzen. Den Videoten gehört die Welt.«

Jim grinste. »Irrtum, mein Lieber. Uns gehört die Welt. Sie liegt uns zu Füßen, und wir rollen mit unserem Truck darüber hinweg.«

»Wo du Recht hast, hast du Recht. Aber ich stelle fest, daß wir kulturell restlos verkümmern. Wir sollten uns wirklich mal um eine oder zwei Freikarten bemühen.«

Jim zuckte mit den Schultern. »That’s life.« So spielt das Leben. Trucker-Leben. Tagaus, tagein saßen sie auf dem Bock und fuhren. Für andere Dinge blieb keine Zeit. Daran war auch Jims Ehe zerbrochen. Aber das lag lange zurück, und er verdrängte den Gedanken wieder.

»Vierhundert Dollar«, überlegte Chris laut. »Und das klingt nicht mal schlecht. Ob das Mädchen das Geld überhaupt aufbringen kann, so, wie sie herumlamentierte?«

»Lassen wir uns überraschen«, sagte Jim. »Da drüben taucht Louisville auf. Hoffentlich läßt der verdammte Regen bald nach.«

Chris verlangsamte die Geschwindigkeit. Die Zeit war knapp, aber sie konnten es gerade noch schaffen. Er schaltete herunter, als die Ausfahrt kam, zwang den Wagen vom Highway herunter und seinem Ziel entgegen. 'Eine Viertelstunde später rollten sie auf den Frachthof. Jim schnappte sich die Papiere und sprang aus dem Wagen. »Setz du die Kiste schon mal ab«, rief er und hastete zu dem Flachbau hinüber, in dem sich die Büros befanden.

»Immer auf die Kleinen«, maulte Chris. Er dachte an Jenny O’Tyrell und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, ob sie nicht die gleiche Augenfarbe wie der kitschpostkartenhimmelblaue Truck besaß.

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KNAPP HINTER DEM ROTEN M.A.N rollte ein mit auffälligen rot-silbernen Streifen bemalter Chevrolet Bison-Truck auf das Frachthof-Gelände. Er fuhr ›nackt‹, also ohne Auflieger, und vor dem mächtigen Kühlergrill prangte ein überdimensionaler Fuchskopf. Der ,Silver Fox‘, wie die Aufschrift an den Türen rechts und links verriet, reihte sich neben dem RED BARON ein und kam schnaufend und zischend zum Stehen. Chris Morris stieg aus, löste die Aufliegerkupplung und hängte den Container mit den verderblichen Lebensmitteln, ab. Der Shotgun im SILVER FOX kurbelte die Fensterscheibe herunter.

»Spät, was?« schrie er nach unten.

»Möglich«, knurrte Chris. Den SILVER FOX hatte er bisher noch nicht gesehen. Der mußte wohl stets in einer anderen Ecke der Staaten herumschwirren. Normalerweise hatte Chris nichts gegen neue Bekanntschaften einzuwenden, aber sie hatten Leoparden-Jenny versprochen, sich um sie zu kümmern, und das hatte jetzt Vorrang. Deshalb winkte er den beiden Männern nur kurz zu und kletterte wieder in den RED BARON, um ihn langsam auf die flachen Bürogebäude zu rollen zu lassen. Der Dauerregen hatte endlich aufgehört, aber der Himmel war nach wie vor trübe. Das würde er wohl auch bis zum Sonnenuntergang bleiben.

Hoffentlich brauchte Jim nicht zu lange, um die Papiere loszuwerden. Danach stand ein kurzer Aufenthalt draußem im Truck Stop auf der Liste, und anschließend zurück auf den Highway, um Leoparden-Jennys Leoparden aufzunehmen.

Leoparden im Auflieger! Chris schüttelte den Kopf. Das hatten sie auch noch nicht gehabt. Alligatoren schon, die sie im Rahmen einer Wettfahrt zu transportieren hatten. Aber diese hungrigen Katzen waren neu.

»Man muß alles mal gemacht haben«, murmelte Chris und brachte den RED BARON vor dem Flachbau zum Stehen. Prompt schoß ein bebrillter Angestellter ins Freie. »He, Mann!« schrie er und winkte wild. »Hier kannst du nicht stehenbleiben! Dein Parkplatz ist drüben bei den anderen Trucks!«

»Die lassen mich aber nicht«, log Chris mit weinerlicher Stimme. »Die haben gesagt, sie hauen mir die Jacke voll, weil sie keinen Feuerwehrwagen zwischen sich stehen haben wollen, und so einen kleinen erst recht nicht.«

Sprachlos starrte der Angestellte ihn an. Inzwischen stiefelten die beiden Jungs vom Silver Fox heran. »Sagt mal, ist das wahr?« fuhr der Brillenträger sie an. »Wollt ihr den da wirklich nicht bei euch parken lassen, nur weil er...«

»Was redest du denn da für’n Wellblech?« knurrte der größere der beiden. »Schieb zur Seite und putz deinen Kugelschreiber, Salzmann.« Er schob den Bürohengst zur Seite und ging mit knallenden Stiefelabsätzen weiter. Sein Shotgun sah Chris fragend an. »Hat der sie nicht mehr alle auf der Latte, von wegen euch nicht parken lassen?«

»Er muß was mit den Ohren haben«, lästerte Chris. »Hat wohl was falsch verstanden. Seht zu, daß er euch nicht auch ’ne falsche Fuhre andreht.«

»Mann, jetzt fahren Sie endlich hier zur Seite«, drohte der Angestellte, der sich allmählich wieder faßte und erkannte, daß er auf den Arm genommen wurde. Chris schaltete seine Ohren auf Durchzug und ließ die Schimpfkanonade links ’rein - und rechts wieder ’rausgehen. Er lehnte sich im Fahrersitz so gemütlich wie möglich zurück.

Die beiden ›Silberfüchse‹ waren im Flachbau verschwunden. Chris ließ sich von der Pin-up-Puppe eine WEST spendieren, setzte sie in Brand und dachte an Leoparden-Jenny.

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»IHR SEID SPÄT DRAN«, sagte der junge Bursche hinter dem Schreibtisch. »Aber ihr habt Glück. Da ist noch eine Fracht. Maschinenteile nach Detroit. Die paar Meilen bringen euch hundertneunzig Dollar. Der metallicgrüne Auflieger hinten am Platzende. Der Auftrag ist sehr spät hereingekommen, sonst wären längst schon andere damit unterwegs.« Jim Stonewall verzog die Lippen. Für hundertneunzig Dollar nach Detroit... und da gab es garantiert jede Menge Anschlußaufträge! Das waren so Sachen, die meist nur dann vorkamen, wenn der Weihnachtsmann seinen großen Sack ausleerte. Wenn sie den Rest des Abends fuhren, konnten sie vor Detroit ein Schläfchen machen und waren morgen die ersten auf dem Frachthof...

Hinter ihm wurde die Tür geöffnet. Zwei hochgewachsene Männer in großkarierten Jacken, einer fünf Zentimeter länger als der andere, stiefelten herein. Der Angestellte sah auf die Uhr. Dann blätterte er seine Liste durch. »Pech für euch, Feierabend und auch keine Aufträge mehr. Der letzte geht gerade ab.«

»Ich höre nicht gut«, sagte der Größere. »Das kannst du doch nicht machen, Mann!«

»Es ist Feierabend«, wiederholte der Angestellte.

»Verdammter Dreck«, knurrte der Kleinere. »Haut denn in diesem verdammten Jahr gar nichts mehr hin?« Jim Stonewall nickte bedächtig. Er schob die Frachtpapiere, die ihm der Angestellte vor die Nase gelegt hatte, zur Seite. Im Grunde war es strohdumm, was er tat. Aber sie hatten Jenny O’Tyrell versprochen, ihr aus der Klemme zu helfen. Und Jim und Chris waren dafür bekannt, daß sie ihre Versprechen hielten.

Egal, was es vielleicht kostete. Aber Ehrlichkeit und Vertrauen hatte sich bisher noch immer irgendwie ausgezahlt.

»Ich habe schon eine Fahrt«, sagte Jim. »Nach Pueblo, Colorado.«

»Aber nicht von uns«, fuhr der Angestellte auf.

»Natürlich nicht.« Der blonde Trucker lächelte dünn. »Tja, Mister... gib den Job an die beiden da.«

»Sag bloß, du verdienst bei der Fahrt nach Colorado mehr als bei dem Detroit-Job«, sagte der Angestellte. »Das gibt’s nicht. Du mußt verrückt sein, Mann. Überleg mal. Gerade, freie Strecke. Ihr seid um Mitternacht in Detroit, wenn ihr zügig fahrt, und morgen früh seid ihr die ersten...«

»Darüber habe ich schon nachgedacht. Sorry«, sagte Jim. Er nickte den beiden Kollegen grüßend zu und ging zur Tür.

»Daß es Trucker gibt, freie Trucker, die es sich leisten können, lukrative Aufträge abzulehnen, ist mir auch neu«, brummte der Angestellte. »Mal nur so aus privater Neugier, was ist das für eine Sache?«

Jim zuckte mit den Schultern. »Wir übernehmen von einer Maschine, die festliegt. Draußen auf der 64 zwischen Lexington und Louisville. Und dann geht die Post ab. So long.«

Schon war er draußen.

Die beiden Männer vom SILVER FOX sahen sich an. Der Fahrer faßte seinen Shotgun am Arm und zog ihn mit sich zur Tür. »Wir sind sofort wieder da«, rief er. »Halte die Bude noch einen Moment offen. Wir haben da noch was an unserer Maschine und...«

Schon waren sie draußen.

Der Angestellte sah ihnen verwundert nach. »Kurz vor Feierabend brennen denen alle Sicherungen durch«, murmelte er und lehnte sich zurück. »Daß ich aus dieser verdammten Glasbetonwellblechhütte auch mal’ raus will, daran denkt keiner.«

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»WAS HAST DU PLÖTZLICH?« fragte Al Whestler, der Shotgun, draußen auf dem Durchgang leise. »Der Knabe schließt die Tür gleich ab, und wir stehen dumm'' da mit nichts auf der Hand...«

»Paß auf«, brummte Bart Mendstone. »Ein Trucker, der eine lukrative Kurzfahrt mit hervorragender Gewinnspanne sausen läßt, um eine ungewisse Fernfahrt zu übernehmen, ist entweder so dumm wie Bohnenstroh - oder es springt noch mehr heraus. Al, ich ahne etwas. Da war doch vorhin so ein dicker Stau auf der Interstate 64. Wir sind doch fast auch noch hineingerasselt.«

»Und?«

»Hast du nicht den blauen Truck am Straßenrand gesehen? Diese Kiste mit abgekoppeltem Auflieger? Das war das Ding. Da haben sich doch noch ein paar Leute fürchterlich darüber aufgeregt. Wetten, daß Stonewall diesen Auflieger übernehmen will?«

»Na und? William’s Show... das ist ein Zirkus, soweit ich weiß.«

»Klar doch«, zischte Mendstone. »Hör zu, die stecken knietief in der Scheiße. Sie müssen den Anschluß halten. Mit ihrer Maschine packen sie das nicht, sonst würden sie nicht fremde Hilfe annehmen. Und diese fremde Hilfe werden wir sein.«

Whestler tippte sich an die Stirn. »Laß uns nach Detroit fahren, Mann!« Mendstone grinste. »Wozu? Bei diesem Zirkus wird mehr herausspringen. Sonst hätte Stonewall den Detroit-Job doch nicht sausen lassen! Außerdem läuft unser SILVER FOX schneller als dieser kleine German Truck. Die Zirkusleute müßten dumm sein, wenn sie uns nicht den Vorzug gäben.«

»Und wie willst du das arrangieren?« fragte Whestler skeptisch.

»Indem wir sofort losbrausen und früher da sind. Stonewall sieht ziemlich durchnäßt aus. Die beiden werden sich im Truck Stop auffrischen und umziehen. Das nutzen wir aus. Und dann machen wir unseren goldenen Schnitt. Nötig genug haben wir’s.«

Der Shotgun preßte die Lippen zusammen. »Das schon...« gestand er. Bart Mendstone hatte Recht. Durch ein paar unglückliche Zufälle hatten sie mit ihrem SILVER FOX drei mittelschwere Unfälle kurz nacheinander gehabt, entsetzlichster Alptraum eines jeden freien Truckers. Die Reparaturen gingen entsetzlich ins Geld. Aber die beiden gaben nicht auf und fuhren weiter. Dabei waren sie durch diese Unfälle jetzt hochverschuldet. Und die Aufträge kamen spärlich. Seit der Unfallserie haftete ihnen ein schlechter Ruf an; man zog die Unfallfreien vor. Entsprechend wenig wurde der SILVER FOX ausgelastet - so wie jetzt, wo er ›nackt‹ nach Louisville gekommen war.

Und wo es wenig Aufträge gibt, kommt auch wenig Geld herein. Es reichte gerade, um die hohen Kreditraten abzutragen; zum Leben blieb da nicht viel. Es reichte vorn und hinten nicht. Und wenn noch ein paar Ausfälle kamen, konnten sie selbst die Raten nicht mehr bezahlen und würden ihren Truck aufgeben müssen. Die Verschuldung würde sie ohnehin nach dem Stand der Dinge noch über ein Jahrzehnt begleiten.

Truckerschicksal. Das war die Kehrseite der Medaille, der Preis der fast unbegrenzten Freiheit auf den Highways. An diesem Leistungsdruck scheiterten viele Trucker. Auf diese Weise war seinerzeit auch der RED BARON zum Verkauf gekommen, und Jim Stonewall und Chris Morris hatten ihn aus der Konkursmasse eines bankrotten Kollegen günstig erwerben können.

Ein solches Schicksal, den Truck und damit die Freiheit aufgeben zu müssen, wollten aber weder Mendstone noch Whestler hinnehmen. Sie kämpften zäh und verbissen.

»Ich weiß aber nicht, ob mir die Art und Weise gefällt«, murmelte Whestler. »Das ist doch ein faules Ei... ein Pokerspiel mit unsicherem Ausgang. Wissen wir denn, ob wir richtig liegen? Laß uns nach Detroit fahren, die Fracht ist uns sicher und auch die hundertneunzig Dollar!«

»Das ist kein faules Ei und kein Pokerspiel, sondern Marktwirtschaft«, sagte Mendstone. »Verlaß dich auf meine Nase. Und wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Los, wir fahren die Interstate 64 ab.« Er stieß die Tür zum Büro wieder auf. »Du kannst Feierabend machen, Mister. Wir haben es uns anders überlegt. So long!«

»Ihr verdammten Irren«, knurrte es von drinnen. »Na ja, Idioten muß es geben, sonst heben wir Genies uns ja von niemandem mehr ab... die spinnen, die Trucker...«

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CHRIS MORRIS FUHR WIEDER hammer down. Er brachte den RED BARON auf die Interstate und erreichte wenig später den Truck Stop. Er rollte zum Ende der Fahrzeugschlange, die sich vor den Zapfsäulen der Tankstelle gebildet hatte. Erst der Truck, dann der Trucker, das war ungeschriebenes Gesetz, auch wenn den beiden Männern immer noch die nasse Kleidung am Körper klebte und ein unangenehmes Gefühl hinterließ. »Konnte der verdammte Regen nicht zwei Stunden früher aufhören?« maulte Chris.

»Warum beschwerst du dich eigentlich?« fragte Jim trocken. »Du wolltest doch ohnehin duschen.«

Chris brummte etwas Unverständliches. Jim stieg aus, erklärte, daß er ein kärgliches Mahl bestellen wolle, und eilte davon.

Eine Viertelstunde später war Chris mit dem Truck fertig, fuhr ihn auf den Parkplatz und suchte nach den sanitären Einrichtungen des Truck Stops. Jim kam ihm wieder entgegen. »Die Würstchen brützeln schon«, verkündete er, »und ich habe auch in Erfahrung gebracht, wo hier die Duschen sind.«

Jim sah zum Highway hinüber. Sekundenlang glaubte er den SILVER FOX auf der Piste zu sehen, der mit hoher Geschwindigkeit ostwärts rollte -aber ohne Auflieger, und das konnte ja eigentlich nicht sein, so wie die Jungs sich um die Fracht drängten. Es mochte noch ein oder zwei andere Maschinen in den Staaten geben, die ähnlich aussahen, und die Entfernung täuschte auch über einiges hinweg.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913880
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
leoparden-jenny

Autor

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Titel: 320 PS-Jim #58: Leoparden-Jenny