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Braddock #16: 13 Kerben im Colt

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

13 Kerben im Colt

Klappentext:

Roman:

BRADDOCK

 

Band 16

 

13 Kerben im Colt

 

Ein Western von U.H. Wilken

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Sie sind Banditen und gewissenlose Mörder, und Gewalt und Tod ihre ständigen Begleiter. Dreizehn Männer überfallen die abgelegene Otis-Farm und töten alle Bewohner auf bestialische Weise. Braddock und Yumah, die beiden Special Deputies verfolgen die Mörder. Ein Mann namens Van Chaparral bietet ihnen sogar eine hohe Belohnung, wenn diese Halunken erwischt und umgebracht werden. Sobald Braddock und Yumah alle Bandenmitglieder aufgespürt und erschossen haben, sollen sie zu Chaparral zurückkehren und als Beweis einen Colt mit 13 Kerben zurückbringen – und jede Kerbe steht für einen dieser Halunken, den sie überführt und erschossen haben ...

 

 

 

Roman:

Der Tod ist gekommen. Zwei Reiter halten am Stadtrand. Shirreffs und Blade.

Sie kommen immer dann in die Stadt, wenn sie untertauchen müssen.

Das ist wieder einmal der Fall.

Diesmal werden sie erwartet. Zwei Männer der Special Deputy-Schwadron sind da. Braddock und Yumah. Für sie ist es fast Routine.

Im Saloon blaken die alten Funzeln. draußen schleicht die Nacht heran.

Braddock ist nicht allein. Alexis, das Animiermädchen, sitzt ihm auf der Pelle. Und drüben in der dunklen Nische wartet Yumah.

Sie sind die einzigen Gäste.

Blei liegt in der Luft.

Gelangweilt pustet Braddock in die schwarze Mündung seines Colts. Herzhaft gähnt er die rote Alexis an.

„Braddock“, sagt sie schrill und rutscht auf seinen Knien hin und her, „was hast du eigentlich vor? Erst lockst du mich auf deinen Schoß - und jetzt fummelst du nur an deinem Colt rum! Willst du etwa jemand erschießen?“

„Frag’ mich nicht so was Schwieriges, Liebling.“

Beunruhigt blickt sie umher. Erst auf die Schwingtür, dann zum Tresen, an dem niemand ist, und jetzt in die Nische. Dort sitzt schlank und sehnig Yumah. Der sieht wie ’ne Rothaut aus, denkt Alexis. Warum starrt der mich so an wie ein Stockfisch?

Sie will vom Schoß. Sanft legt Braddock den Arm um sie, hält sie fest.

„Bleib’ sitzen, Liebling bitte. Und schön still, wenn ich noch einmal bitten darf. Sonst regt sich was bei mir auf.“

Alexis ist ein ganz entzückend dummes Geschöpf. Obwohl nur teelöffelweise mit dem Verstand einer Eintagsfliege gesegnet, blickt sie auf einmal durch.

„Du willst mich nur als Deckung benutzen, Braddock. weißt du, was du bist? Ich sag’ es lieber nicht!“

„Ein Schweinehund?“

„Ja, zum Teufel! Ich soll dein Kugelfang sein! Und wenn es zu einer Schießerei kommt, dann krieg’ ich die dicken Bleibrummer ab! Du aber überlebst. Das sehe ich nicht ein.“

„Kann schon sein, dass du es nicht überlebst, Liebling - aber was regst du dich auf, he? Vorhin hast du mir erst gesagt, dass für dich alles beschissen ist! Also - was soll’s?“

„O verdammt! Fang’ bloß nicht so an! Und außerdem - das will ich dir mal sagen: Ich bin nicht so eine, wie du denkst! Auch ich warte. So wie du. Aber auf Pinky! Der kommt mit Chappo, Barbarossa und den anderen Jungs her. Alles scharfe Burschen - sogar Barbarossa und die beiden anderen Großväterchen! Nein, ich will meinen Pinky nicht verlieren. Wenn er mich auf deinen Knien hocken sieht, sieht er rot.“

Braddock grinst.

„Wie wär’s, wenn du mal Luft holst? Und sei mal still. Dein Gezappel geht mir auf den Sack. Nein, kein Wort mehr, Liebling! Ich hör’ da was. Hufschlag. Zwei Pferde. Das müssen sie sein.“

Auch Yumah hat das leise dumpfe Pochen der Hufe vernommen. Reglos bleibt er sitzen.

„Wen meinst du mit ,sie‘?“, haucht Alexis und versteift sich wie im Dressursitz auf seinen Knien. „Verrate es mir doch, Liebling, bevor du abgeknallt wirst.“

„Wer das ist? Unwichtig, Mädchen. Das sind nur zwei Killer. Kapiert?“

Sie erblasst unter der Schminke. „Himmel! Braddock, du verdammtes Schlitzohr - ich will nicht gekillt werden! Ich will meinen Pinky haben!“

„Den bekommst du auch, Liebling. Ich glaub’, er ist auch schon unterwegs nach hier. Mit seinen Freunden, sagtest du? Ich höre nämlich mehrere Pferde.“

Schnell blickt er zu Yumah hinüber. Der nickt bedächtig. Sie beide sind unheimlich gut aufeinander eingespielt. Dieses Zusammenspiel klappt wie Schuss und Knall.

Alexis zittert auf seinen Knien. Sie rückt hin und her. Das Gezappel wird noch schlimmer.

„Was ist denn?“, fragt Braddock im väterlich besorgten Ton.

„Ich - Braddock, du Blödmänn! - ich - ich muss mal!“, seufzt sie. „Ehrenwort! Das muss ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Tut mir leid.“

„Dann geh und mach schnell, Kleines. Bleib’ gleich dort und fall nicht ’rein, wenn’s kracht.“

Hastig rutscht sie von seinen langen Beinen, greift nach seinem Glas, trinkt den Whisky wie Wasser. Dann stürmt sie durch den Saloon, vorbei an den flackernden Petroleumlampen.

„Leb’ wohl, Braddock“, ruft sie schrill, „komm gut in die Urne!“

Krachend fällt die Hintertür zu. Alexis ist verschwunden.

Rügend schüttelt Yumah den Kopf. „Musst du denn immer so deutlich werden, Braddock? Die Kleine macht sich vor Angst noch in die Hose.“

„Nun halt’ du da hinten mal dein Klappergebiss“, raunzt Braddock ihn an. „Ich kann doch nichts dafür, wenn sie mal muss! Meinetwegen auch vor Angst. Das erinnert mich an meine Urgroßmutter. Die hatte einen Hund, der machte überall hin, wenn jemand kam. Schiss in alle Ecken. Vor Angst. Trotzdem starb meine Uroma vor dem Hund. Nein, nicht aus Altersschwäche, sie war ja erst hundert. Wahrscheinlich hatte sie was mit der Nase. Kein Wunder - überall stank es. Wolltest du was sagen?“

Yumah lächelt sanft.

„Eigentlich nicht. Nur, dass einige Reiter vor dem Saloon sind ...“

„Na, und?“ Braddock setzt sich bequem, steckt die langen Beine unter den runden Tisch. Ruhig legt er den Colt auf den Tisch, darauf den durchschwitzten staubigen Stetson. „Lassen wir sie kommen.“

Sie horchen. draußen stampfen und prusten Pferde. Wieviel es sind, ist nicht herauszuhören.

„Yumah“, murmelt Braddock, „das sind nicht nur Shirreffs und Blade. Pinky und seine Freunde sind auch gekommen. Und Alexis wartet auf dem Klo. Sie verpasst was.“

Yumah langt nach hinten, zieht einen Poncho vom Nebenstuhl und hüllt sich darin ein. Der Umhang verbirgt den Colt in seiner Hand.

Sie wollen sich nicht auf eine wilde und lebensgefährliche Schießerei einlassen. Das sind Shirreffs und Blade nicht wert. Die beiden Killer gehören längst an den Galgen. Ihre Steckbriefe sind schon so vergilbt, dass die Wörter „Tod oder lebendig“ fast unlesbar geworden sind. Es wird also Zeit, diese Mannstöter zu stoppen.

Gleich werden sie hereinkommen. Dann muss es geschehen. Die beiden Special Deputies sind entschlossen, jeden Widerstand zusammenzuschießen. Schließlich sind Shirreffs und Blade vielfache Mörder. Gefühlsduselei ist bei Braddock und Yumah nicht drin. Die Angelegenheit soll schnell zu Ende gebracht werden. Das haben sie vor, das wollen sie.

Zu diesem Zeitpunkt können sie nicht ahnen, dass sie vor einem langen rauen Ritt stehen.

Dieser Ritt hat mit Shirreffs und Blade nichts zu tun - vielleicht nur am Rande.

Denn draußen vor dem Saloon sind noch andere Reiter. Chappo, Barbarossa, Pinky und deren Freunde. Die meisten sind jung, wild und heißblütig. Sie kommen von weither. Shirreffs und Blade kennen sie nicht, obwohl sie schon mehrmals in dieser Stadt gewesen sind. Jedes Mal haben sie sich im Saloon und Freudenhaus ausgetobt.

Jetzt ist erst einmal der Saloon an der Reihe und Pinky will seine Alexis haben.

Sie steigen von den Pferden, leinen sie an. Blade und Shirreffs sind schon abgesessen, bewegen sich auf die Schwingtür zu.

 

*

 

Braddock langt zum Glas. Alexis hat ihm einen kleinen Rest Whisky übrig gelassen. Er setzt das Glas an und blickt über den abgestoßenen Rand hinweg auf die Tür. Das sieht alles sehr lässig aus.

Yumah scheint eingenickt zu sein. Zusammengesunken hockt er am Tisch in der Nische. Der buntbestickte mürbe Poncho umhüllt ihn wie ein sackähnliches Gewand.

Im Saloon herrscht gähnende Leere.

Jetzt wissen Braddock und Yumah auch den Grund. Pinky, Chappo und die anderen sind der Grund, dass sich die Gäste verdrückt haben. Man weiß in dieser Stadt, dass die jungen wilden Burschen kommen. Vielleicht hat Alexis auch was ausgeplaudert. Sie gibt mit ihrem Pinky ganz schön an.

Die Gefährten sehen, wie zwei Männer an der Schwingtür erscheinen. Das ziemlich trübe Licht der Funzeln fällt auf unrasierte braungebrannte Gesichter. Staub fällt von den Stetsons. Shirreffs und Blade sind nicht mehr die jüngsten. Das sind alte, bissige und tollwütige Wölfe.

Langsam schieben sie sich durch die Schwingtür herein. Die Hände liegen auf den Colts. Mit verengten Augen starren sie auf Braddock und entdecken auch Yumah. Mit flachen Schritten nähern sie sich der Theke.

Draußen lacht einer der jungen Männer. Sporen rasseln. Schritte poltern über den Gehsteig.

Shirreffs und Blade scheinen sich um die Burschen da draußen keine Gedanken zu machen. Vielleicht halten sie sich für zu gut und treffsicher. Oder sie haben erkannt, dass die zehn jungen Kerle und die drei älteren Männer nicht weit davon entfernt sind, auch Banditen zu werden. Womöglich sind sie es sogar schon. Dann aber zweitklassige.

Jetzt haben Shirreffs und Blade die Theke erreicht, lehnen sich an, haben noch immer eine Hand am Colt. Sie warten auf den Keeper. Der soll ihnen Whisky geben. Aber der Keeper lässt sich Zeit, trinkt sich im Hinterzimmer Mut an.

Die Mannstöter fühlen sich offensichtlich nicht recht wohl. Sie wissen nicht so recht, was sie tun sollen.

Zögernd kommt der Keeper herein, geht hinter der Theke entlang, nickt Shirreffs und Blade zu.

„Wie immer?“, fragt er und greift schon nach zwei Flaschen.

Die Killer nicken kaum merklich. Sie machen einen beschränkten Eindruck, als wenn sie nicht bis drei zählen können. Ihr Kopfnicken ist steif. Mit der linken Hand langen sie nach den Flaschen.

Jetzt kommen die jungen Burschen und die drei älteren Männer herein. Wer Pinky ist, Chappo oder Barbarossa, wissen Braddock und Yumah nicht. Für sie ist das ein wilder Haufen. Lärmend bewegen sich die neuen Gäste in die Ecke neben Tür und Fenster. Dort lassen sie sich an drei Tischen nieder. Damit sind sie außerhalb der Schussbahn.

Was nun geschieht, ist ein riesengroßer Irrtum. Er beweist aber klar, dass die wilden jungen Burschen mit dem Gesetz auf Kriegsfuß stehen. Und dieser Irrtum ist nur deshalb möglich, weil sie Shirreffs und Blade nicht kennen und auch ihre Namen noch nie zuvor gehört haben.

Braddock setzt das Glas ab.

Das ist das Zeichen für Yumah.

Beide werden gleichzeitig handeln.

Während Yumah sich langsam aufrichtet, schiebt Braddock die Rechte unter den Stetson.

Dann sagt Braddock kalt: „Shirreffs, Blade - gebt auf!“

Wie von einem Peitschenhieb getroffen, zucken beide Killer heftig zusammen. Augenblicklich krallen sich die Hände um die Colts.

Beide Mannstöter haben ihren Namen deutlich verstanden - nicht aber die Burschen und Männer an den Tischen.

Für sie ist nur ein Name gefallen: Blade. Und den Namen Shirreffs halten sie für das Wort „Sheriff“.

Jäh springen sie auf. Stühle fallen um, poltern zurück. Shirreffs und Blade ziehen die Colts, schnellen herum. Aber einige der jungen Männer haben bereits die Colts gezogen und feuern sofort. Ein Bleihagel prasselt gegen die Theke. Die Killer zucken zusammen, krümmen sich. Die Colts in ihren Händen entladen sich. Blei schlägt in den Bretterboden. Die Burschen stürmen schießend zur Schwingtür hin. Braddock und Yumah haben schon die Tische umgestoßen, sind dahinter in Deckung gegangen. Wie wahnsinnig feuern die Burschen blindlings in den Raum hinein. Eine der Petroleumlampen platzt, fällt vom Tisch.

Der wilde Haufen verlässt den Saloon.

Pferde wiehern schrill unter Sporenstößen. Hufe schlagen die Straße hinauf.

Alexis kommt herein, schreit schrill: „Pinky! Warte! Komm zurück!“

Sie will an der Theke vorbei, stolpert fast über die Toten und schreit wieder auf.

Trommelnder Hufschlag entfernt sich.

Im Saloon ist es still. Der Keeper duckt sich noch hinter der Theke. Grau wölkt sich der Pulverrauch um die Lampen. Unten am Boden erstickt die Flamme der zertrümmerten Lampe.

Hustend kommt der Keeper hinter dem Tresen hervor.

Braddock steht schon draußen, blickt die Straße hinauf. Wenige Lichtbahnen fallen über die Gehsteige. Weit hinten verschwinden die Reiter in der Nacht.

„Das sind Banditen“, murmelt Braddock, als Yumah neben ihm stehenbleibt. „Sie sind wie junge Hunde. Jetzt haben sie Blut geleckt. Die Alten konnten das nicht verhindern. Das ging zu schnell. Aus diesen Hunden können Wölfe werden. Vielleicht sind sie noch zu retten.“

Im Saloon schluchzt Alexis. Auf der Straße legt sich der aufgewirbelte Staub. Unruhig zerren zwei Sattelpferde an den angeleinten Zügeln.

Yumah horcht nach hinten, hört Alexis’ Stimme. Sie streitet sich mit dem Keeper. Um was es geht, versteht er nicht.

Zögernd kommen wenige Bewohner auf die Gehsteige. Jeder hat die Schüsse im Saloon gehört.

„Jetzt in der Nacht ist es schwer, ihnen zu folgen“, meint Yumah.

„Warten wir auf den Sonnenaufgang.“ Braddock zieht ein Zigarillo aus der Brusttasche und raucht es an. „Vielleicht überlegen sich die Burschen, dass Flucht sinnlos ist, und kommen zurück.“ Er sieht zum Himmel empor. „Bewölkt. Kein Stern zu sehen. Ja, wir brauchen die Sonne.“

Er wendet sich der Schwingtür zu, stakst in den verräucherten Saloon und vermisst Alexis.

„Wo ist sie?“

„Dieses Weib ist verrückt!“, grollt der Keeper. „Verrückt nach ihrem Pinky! Ich versteh’ das nicht. Sie kennt den Burschen doch kaum. Der war drei, viermal hier. Das reicht doch nicht für ’ne dicke Freundschaft!“

Braddock will sich erkundigen, wo ihr Zimmer ist - da jagt ein Pferd über den Hinterhof.

Er läuft nach hinten. Der Keeper folgt. Sie kommen auf den Hof, stehen im aufgewirbelten Staub. Ein Reiter jagt davon. Langes rotes Haar flattert im Reitwind.

Der Keeper flucht. „Sie haut ab!“, ruft er. „Sie reitet hinterher!“

Braddock schweigt, kehrt um und sieht Yumah neben Shirreffs knien.

„Drei Kugeln im Balg. Da ist ihm die Luft ausgegangen. Alles, was recht ist, Braddock die Burschen haben uns ’ne dreckige Arbeit abgenommen. Blade hat es zweimal erwischt.“

„Sorgen wir dafür, dass sie unter die Erde kommen. Hier gibt es einen Coroner. Der Totengräber wird sich freuen. Was die Kerle in den Taschen haben, gehört ihm.“

Yumah richtet sich auf, blickt zur Tür hinaus. Fernes dumpfes Grollen zieht durch die Nacht. Wind kommt auf und bewegt die.Türflügel. Leise knarrend schlagen sie hin und her.

Ein Unwetter tobt dort, wohin die dreizehn Männer geritten sind.

„Alexis wird es schwerhaben, sie zu finden.“ Yumah bleibt kühl.

„Wenn sie mitten ins Unwetter hineingerät, wird sie vielleicht absaufen wie eine Katze.“

„Sie ist aber auch zäh wie eine Katze, Yumah. Jedenfalls sorgt das Unwetter dafür, dass alle Spuren nicht mehr zu erkennen sind. Du wirst es schwer haben mit der Spurensuche, Yumah.“

„Wir müssen ja nicht hinterher, Braddock. Nur wenn wir wollen.“

Sie wollen.

Denn die jungen wilden Burschen haben zwei Männer erschossen, die sie für einen Sheriff und seinen Begleiter hielten.

Und vielleicht halten sie Braddock und Yumah für zwei hartgesottene Gesetzlose.

Wenn es Alexis gelingt, ihren Pinky zu erreichen, dann wird sich der große Irrtum aufklären. Dann ist es jedoch schon zu spät.

Sie haben zwei Mörder ermordet.

Das ist erst der Anfang.

 

*

 

Die Otis-Farm liegt sieben Tagesritte entfernt.

Schon seit zwei Tagen treiben sich dreizehn Männer in der Gegend nahe der Farm herum.

Die Hügel im Westen glühen im Feuer des Sonnenuntergangs.

Weitab der Passhöhe tauchen Reiter auf. Reglos verhalten dreizehn Mann am Talrand. Schwarz heben sie sich vor dem roten Abendhimmel ab.

Nur einer spricht. Das ist Chappo.

„Wir schießen nur, wenn es sein muss. Dann aber satt!“

Barbarossa schweigt. Weil auch die beiden anderen älteren Männer nichts sagen, widerspricht niemand dem Anführer Chappo.

Goldgier macht hemmungslos.

Jetzt reiten sie an. Die Pferde gehen im Schritt. Kaum wallt Staub am Talrand auf.

Noch immer glauben sie, einen Sheriff und seinen Deputy erschossen zu haben. Jeder von ihnen hat schon mehr als ein heißes Ding gedreht. Darum fühlen sie sich vom Gesetz verfolgt. Dies war ein Irrtum. Jetzt ist es Tatsache.

Langsam reiten sie hinab in die Schattenfelder. Gespenstisch lautlos. Die Hufe ihrer Pferde sind mit Leder umwickelt. Das dämpft den Hufschlag, erstickt ihn im Bodennebel.

Fern im weiten Tal versinken Haus und Stallungen der Otis-Farm in der Dämmerung.

Kein Reiter spricht. Mancher fiebert, kann den Augenblick gar nicht erwarten. Zehn sind zu allem bereit. Sie wissen nicht, wohin mit der Kraft. Und sie sind scharf auf junge Mädchen.

Die haben sie auf den Feldern gesehen. Auch Burschen und ältere Leute. Feldarbeiter der Otis-Farm.

Doch niemand hat die Ernte eingebracht. Trotzdem haben alle gewühlt und was eingesammelt. Wie Kartoffeln. Aber das waren keine Erdäpfel.

Das waren Nuggets - groß wie dicke Bohnen.

Gold.

So liegen vor den Reitern verwüstete Felder, wie von riesigen Maulwürfen heimgesucht.

Mondschein sickert durch die Lücken dahintreibender Wolken. Lichtteppiche wandern durch das Tal.

Die Reiter nähern sich einer Baumgruppe. Das sind Eichen. Hart rascheln die Blätter im Wind. Tiefer Schatten nimmt die Reiter auf.

Dicht vor ihnen liegt die Farm.

In den Unterkünften flackern noch einige Talglichter. Im Haus brennt eine Petroleumlampe. Der anheimelnd gelbe Schein sickert durch das verhangene Fenster.

Niemand ist auf dem Hof.

Zwischen Haus und Baumgruppe erhebt sich ein Heuschober. Der ist leer. Das ist erkennbar an den hellen Bretterfugen, durch die das Mondlicht sticht.

Die Männer sitzen ab.

Acht Mann schleichen geduckt zum Heuschober hinüber. Kein Hund schlägt an. Kein Posten hält Nachtwache.

Die Männer glauben sich unbeobachtet. Sie irren sich. Am Pass oben haust jemand mit seinem Sohn. Gewöhnlich gehen beide auf die Jagd. Das tun sie nun schon seit Tagen nicht mehr. Auch nachts nicht; Und in dieser frühen Nachtstunde beobachtet der ältere Chaparral die fremden Männer im Tal.

Hinter Felsen und windzerzausten Bäumen gut versteckt, steht die Hütte der Chaparrals. Der Sohn Riff liegt faul auf der Haut. Riff weiß nichts von den Fremden im Tal. Und sein Vater sagt ihm nichts.

Van Chaparral macht sich allein auf den Weg. Er verzichtet auf sein Maultier. Zu Fuß ist er so gut wie nicht zu sehen. Mit großen Schritten geht er in das Tal hinunter.

Was er vorhat, ist nicht erkennbar.

Chappo, Barbarossa und die anderen sind im Heuschober.

Gleich werden sie aus dem Heuschober hervorschleichen und dann gibt es keinen Weg mehr zurück. Dann werden sie zuschlagen und dadurch die letzte Brücke hinter sich zerstören.

Denn sie werden auf Widerstand stoßen. Gold macht nicht allein hemmungslos - es macht die Besitzer zu verbissenen Kämpfern, die vor keinem Mittel zurückschrecken, um das Gold zu behalten.

Während die Feldarbeiter in den Unterkünften erschöpft auf ihre Lager kriechen, sitzt Farmer Otis mit seiner Frau noch im Wohnraum, glaubt sich sicher vor allem. Seit den Goldfunden auf seinen Feldern ist er schwerreich - und misstrauisch gegenüber den eigenen Leuten. Zwar haben auch sie Gold, doch längst nicht soviel wie er. Das kann sie auf höllisch dumme Gedanken bringen!

Seine um viele Jahre jüngere Frau sieht das anders. Sie hält die Männer, Frauen, Jünglinge und Mädchen, die drüben in den Baracken hausen, für nicht so schlecht, durchtrieben und habgierig.

„Lasst uns zu Bett gehen, wir müssen morgen früh hoch“, sagt sie. „Du hast heute wieder schwer gearbeitet.“

Otis nickt, wenn auch zögernd. Er sitzt auf viel Geld und möchte gemeinsam mit seiner Frau von einer goldenen Zukunft träumen.

Noch einmal blickt er auf das Versteck des Goldes im Kaminzimmer, dann sagt er: „Du hast recht, Maid Marie. Dann komm.“ Er erhebt sich, überlegt. „Geh schon voraus ich will noch mal kurz nach draußen.“

Maid Marie hört auf ihren Mann. Sie ist eine schöne Frau, zu zart eigentlich für dieses raue Leben im Tal. Aber das soll schon bald anders werden. Auch sie träumt. Von langen Kleidern, Theaterbesuchen und Kaffeekränzchen in einer großen schönen Stadt.

Sie sucht das Schlafzimmer auf. Das ist klein, recht bescheiden. Seufzend setzt sie sich auf die Bettkante, löst den Haarknoten. Lang fällt das Haar auf Schultern und Rücken. Träumerisch summt sie vor sich hin. Das Fenster ist bereits verhangen. Das Zimmer liegt zu ebener Erde. Vorn klappt jetzt die Tür, knarrt in den Holzangeln. Ihr Mann stapft hinaus. Wie immer, wird er auch diesmal das Gewehr mitgenommen haben.

Mondschein liegt auf dem Hof. Drüben in einer Unterkunft erlischt gerade wieder ein Talglicht. Leises Rumoren dringt aus den Baracken. Einmal lacht jemand auf. Das ist eins der Mädchen.

Sie waren arm, alle da drüben. Jetzt haben auch sie ausgesorgt. Um die Ernte auf den Feldern kümmert sich niemand mehr. Nach dem Regen wird alles verfaulen. Die Wasser des Himmels haben sogar viel Gold bloßgespült. Otis’ Acker sind Goldfelder. Jetzt ist da draußen so gut wie nichts mehr zu finden.

Otis verharrt auf dem Hof. Sein Blick schweift umher. Über die flachen Dächer der Unterkünfte, über Stallungen und Schuppen. Empor zum Pass. Er weiß, dass dort oben Van Chaparral und dessen junger Sohn Riff hausen. Die Chaparrals sind Jäger, Fallensteller, Pelzhändler. Zweimal im Jahr bringen sie die wertvollen Felle und Pelze zum Verkauf in die Stadt. Das sind hundert Meilen Weg. Jedes Mal kommen sie dann durch ein riesiges fruchtbares Tal. Dann träumt Van Chaparral von Rinderzucht, von einer Riesenranch. Otis weiß das.

Sie kennen sich gut. Sie lächeln über ihre Träume. Für Otis wird es nun nicht mehr lange ein Traum bleiben.

„Er weiß noch nichts von meinem Gold“, murmelte Otis vor sich hin. „Sonst wär’ er längst hier.“

Otis entdeckt Van Chaparral nicht. Dabei ist Chaparral gar nicht mehr weit entfernt.

Plötzlich hört der Farmer ein schwaches Geräusch. Er kann es nicht deuten, doch er weiß, dass es hier draußen verursacht worden ist.

Sofort hebt er das Gewehr an.

„Ist da jemand?“, ruft er halblaut. „Ich bin’s - Otis.“

„Nimm die Hände hoch!“, dringt es leise, scharf und drohend herüber. „Und weg mit der Knarre! Wird’s bald? Du bist ein toter Mann, Otis, wenn du es nicht tust!“

Otis steht wie erstarrt.

Der ihn leise angerufen hat, kennt seinen Namen. Das bedeutet, dass er sich in der Gegend auskennt.

Und das stimmt. Chappo und seine Leute sind in einem Umkreis von hundert Meilen zu Hause. Sie kennen das Land. Sie wissen, wo Farmen, Ranches und Ortschaften liegen. Vieles kennen sie beim Namen. Und dieser riesige Landstrich reicht über die Grenze nach Mexiko hinein.

Der Farmer Otis gehorcht noch immer nicht. Er versucht, den Anrufer im Dunkel eines offenen Stalls zu erkennen. Dabei übersieht er die anderen, die sich bereits verteilt haben. Alle stehen bereit. Zwei befinden sich sogar hinter ihm, lauern an den Ecken des Farmhauses.

Tief und flatternd atmet Otis ein.

„Was willst du auf meiner Farm?“, ächzt er.

„Gold.“

Die einsilbige Antwort lässt Otis zusammenzucken. Er begreift, dass mit Hinhaltetaktik nichts zu machen ist. Auch ist es sinnlos, abstreiten zu wollen, dass es hier Gold gibt.

„Du hast richtig gehört, Otis.“ Chappo hat ihn genau vor dem Lauf seines Colts. „Wir wollten bei dir nur unseren Proviant auffrischen - da sahen wir euch alle das Gold einsammeln. Das wollen wir jetzt haben, Otis. Und jetzt lass das Gewehr endlich los, sonst leg’ ich dich um!“

Chappo spricht so gedämpft, dass Otis’ Frau Maid Marie kein Wort hören kann. Auch die Leute in den Unterkünften hören nichts.

Otis sieht zwei dunkle Gestalten. Sie bewegen sich vor einer Unterkunft entlang. Einer duckt sich jetzt unter dem Fenster. Die Fensterscheibe ist von innen feucht beschlagen. Der andere erreicht die Tür. Was die beiden vorhaben, ist Otis klar.

Er hat die Chance, sich zu ergeben - doch er nutzt diese Chance nicht. Er ist verrückt!Zwar wirft er das Gewehr hin, doch dann wirft er sich hinterher, packt das Gewehr erneut und reißt es hoch.

Chappo schießt.

Otis sackt zusammen.

Ob er tödlich getroffen ist, ist nicht erkennbar.

Der Coltschuss jagt die Feldarbeiter von den Lagern hoch. Sie greifen nach den Waffen. Frauen und Mädchen kreischen. Männer brüllen, fluchen. Sie stürmen an die Tür. Nur ein Schuss ist gefallen. Das macht sie leichtsinnig. Auch hinter anderen Türen poltert es laut. Auch dort drängen sich Männer und Burschen zusammen. Jeder will wohl der erste sein ...

Chappo macht mit der linken Hand eine wilde und heftige Bewegung. So schlägt man mit einer Sichel zu. Diese Geste besagt, dass er alles tun will, um an das Gold heranzukommen.

In seiner Nähe brüllt der bärtige,grauhaarige Hüne Barbarossa: „Los, drauf!“

Der Farmer Les Otis ist noch nicht tot. Er hört Barbarossas Stimme wie aus der Ferne. Dann fallen Schüsse. Das Aufpeitschen verdichtet sich zu ganzen Salven. Was im einzelnen geschieht, kann er nicht mehr wahrnehmen. Er hört kaum die gellenden Schreie der Frauen und Mädchen, das Röcheln niedergeschossener Feldarbeiter, das Aufheulen junger Burschen. Die Salven überdecken Stöhnen und Seufzer. Pulverdampf zieht über den mondhellen Hof, treibt in Schwaden über Les Otis hinweg.

Plötzlich spürt Otis eine Hand, die sich in seinen linken Oberarm krallt. Jemand zerrt ihn herum. Über sich erkennt Otis das Gesicht des Jägers Van Chaparral.

„Meine Frau“, röchelt er. „Maid Marie - im Haus. Rette sie, Chaparral! Bring’ sie - in Sicherheit.“

Van Chaparral nickt, richtet sich halb auf und rennt geduckt zum Haus hinüber. Unbemerkt kann er verschwinden.

 

*

 

Maid Marie Otis hat sich im Haus verkrochen. Sie hört die Schüsse, das Gebrüll und die Todesschreie - und dann Van Chaparral rufen.

Draußen stirbt ihr Mann.

In den Unterkünften flammen Mündungsfeuer auf. Draußen vor den Türen und zerschossenen Fenstern liegen Tote.

Die wilden jungen Burschen kennen keine Hemmungen, keine Gnade mehr. Sie geraten in einen furchtbaren Blutrausch. Sie oder die Feldarbeiter - ob Mann, Frau, Mädchen oder Jüngling. Sogar die Kinder werden nicht verschont. Das alles geschieht in Raserei. Die Banditen sind tollwütig. Der Widerstand der Feldarbeiter reizt sie noch mehr. Keiner denkt mehr darüber nach, was er tut. Das Gold wird schon fast zur Nebensache. Sie töten wie unter Zwang.

Niemand sieht, wie Van Chaparrals Sohn Riff herangeschlichen kommt, wie er durch ein Fenster in das Innere des Farmhauses steigt.

Drei Banditen dringen durch die Vordertür ein.

Im Haus gellt die Stimme der jungen Frau.

Chappo läuft über den Hof, erreicht den leblosen Farmer Otis, steht geduckt im Pulverrauch.

Aus den Unterkünften kommen mehrere Komplizen. Sie haben Leinenbeutel an sich gerafft. Die Beutel sind prall gefüllt und sehr schwer. Darin ist Rohgold.

Im Heuschober wiehern die Sattelpferde. Spreustaub wallt hervor. Banditen hasten zu den Pferden, tragen die Beutel mit Gold in den Heuschober.

Im Farmhaus kommt es zu einer Schießerei. Van Chaparral treibt die drei Banditen in dunkle Ecken zurück. Sein Sohn Riff steht im Schlafraum. Mit geweiteten Augen blickt er starr auf das Bett.

Van Chaparral kann gut schießen. Er erwischt einen Banditen. Der junge Bursche bricht zusammen, quiekt dabei wie ein verängstigtes Schwein. Seine beiden Komplizen feuern, was die Colts hergeben. Van Chaparral weicht zurück, flüchtet.

Der angeschossene junge Bandit bringt sich auf die Beine, schwankt durch das Haus, torkelt hinaus auf den Hof.

Dort sackt er Chappo in die Arme.

Chappo zerrt ihn hoch, trägt ihn auf dem Rücken davon - hinein in den Heuschober.

„Das ist Arrow“, ruft er den Komplizen zu. „Ihn hat’s erwischt! Kümmert euch um ihn!“

Er lädt ihn ab, rennt hinaus, sieht Feuer aus einer Unterkunft hervorlodern. Brandgeruch breitet sich aus, durchdringt den beißenden Pulverqualm. Barbarossa steht abseits vom Hof und senkt gerade das Gewehr.

Der letzte Schuss ist verhallt.

Feuer schlägt zum Himmel empor. Die Unterkünfte werden um Mitternacht Schutt und Asche sein.

Chappo streicht sich die schwarze Haarmähne aus der Stirn. Langsam nähert er sich Barbarossa.

Der ergraute Hüne will was sagen, doch er schweigt. Denn erst jetzt ist erkennbar, was sie alle angerichtet haben.

Darum schweigt Barbarossa und schüttelt nur den Kopf.

Chappo errät seine Gedanken. In ihm sträubt sich alles. Er will keine düstere Zukunft sehen. Dazu fühlt er sich zu stark, verwegen und jung.

„Nein!“, stößt er scharf, fast wütend hervor. „Sie kriegen uns nie! Keiner von uns wird hängen, Barbarossa! Wir kennen das Land zu gut. Ein Dutzend Schlupfwinkel in den Bergen - und in jeder Stadt haben wir Freunde! Und unsere Mädchen, die halten dicht!“

Barbarossa atmet geräuschvoll ein und hebt die breiten Schultern an.

„Bist du dir da so sicher, Chappo?“

„Und ob!“, sagt Chappo in wildem Trotz. „Wer uns zu nah auf den Pelz rückt, den legen wir um! Du wirst das auch tun, Barbarossa, das weiß ich. Denn wir alle wollen leben!“

„Überleben, Chappo - das ist es.“

Wenig später reiten sie alle über die verwüsteten Felder davon. Der Bandit Arrow schwankt im Sattel.

Staub weht über die Äcker.

 

*

 

Das Pferd keucht, lahmt auf der rechten Vorderhand. Sicherlich nur eine kleine Verstauchung. Nicht weiter schlimm.

Die rothaarige Alexis hat ihr Pferd nicht geschont. Es ist abgetrieben, fast zuschanden geritten. Das Animiermädchen kennt sich mit Pferden nicht gut aus.

Dafür hat Alexis Glück gehabt. Nach dem Unwetter fand sie die Spuren wieder. Das war reiner Zufall.

Jetzt nähert sie sich der Otis-Farm.

Noch liegt Brandgeruch auf den Feldern. Unter grau-weißer Asche glüht noch Holz. Rauchspiralen steigen aus den Aschenhaufen empor. Von den Unterkünften ist nichts übriggeblieben. Ein paar eiserne Bettgestelle ragen aus den Trümmern hervor.

Das Grauen packt Alexis.

Auf dem Hof sieht sie Tote liegen. Drüben dreht sich knarrend das Windrad des kleinen Brunnens. Im Stall abseits der heißen Aschenhaufen brüllt Vieh. Dort bewegt sich gerade das Stalltor. Das kann nicht der Wind sein; soviel Kraft hat er nicht, um das Stalltor aufzudrücken. Aber niemand ist dort zu sehen. Noch nicht.

Das Farmhaus ist erhalten geblieben. Die Tür steht weitauf. Die Angeln knarren auch. Blei hat die Fensterscheiben zertrümmert. Dahinter bewegen sich Vorhänge, blähen sich etwas im schwachen Wind.

Zögernd sitzt Alexis ab.

Sie hat keine Waffe bei sich. Unruhig reibt sie die Hände am Kleid. Vorsichtig nähert sie sich der Tür. Sie wagt nicht, sich durch Rufe bemerkbar zu machen. Lautlos überquert sie die Schwelle des Hauses.

Überall, in allen Räumen, ist gesucht, gewütet und gehaust worden. Nichts liegt und steht mehr auf seinem alten Platz. Sogar die halb verkohlten Holzscheite sind aus dem offenen Kamin gerissen.

Alexis weiß selber nicht, was sie hier sucht.

Sie kommt in den Schlafraum.

Der Anblick der jungen Farmersfrau lässt Alexis erstarren. Wie gebannt blickt sie auf Maid Marie Otis.

Draußen wiehert das Pferd.

Dann schlägt das Stalltor auf. Das Gebrüll der Milchkühe ist deutlicher zu hören. Federvieh flattert hervor, macht Spektakel.

„Nein“, haucht Alexis, „nein - das haben sie nicht getan! Das nicht. Das bringen sie nicht fertig, die Jungs. Niemals Pinky! Nein, Pinky schon gar nicht...“

Sie weicht rückwärts gehend zurück. Dann wirft sie sich herum, rennt aus dem Haus, erreicht ihr Pferd.

Kaum sitzt sie im Sattel - da sieht sie einen Mann. Er ist noch jung. Sein Körperbau ist grobknochig. Lange Arme baumeln unter breiten Schultern. Er trägt lederne Kleidung. Vielleicht ist er ein Trapper.

Alexis sieht den jungen Riff Chaparral näherkommen.

Als er grinst, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Grausam hart treibt sie das Pferd an. Stark lahmend trägt es sie im schwerfälligen Galopp davon.

Riff Chaparral flucht.

Enttäuscht verlässt er die Farm des Todes.

Am hohen Talrand hält Alexis an.

Unter den Hufen ihres Pferdes führt die Spur der Bande davon.

Irgendwo am Horizont liegt eine Stadt. Hundert Meilen von hier entfernt.

Davor, auf halbem Wege, steht ein einsam gelegenes Rasthaus.

Bis dahin sind es also fünfzig Meilen.

Und auf diesen fünfzig Meilen wird Alexis die wilden jungen Männer und die drei älteren Reiter eingeholt haben.

Sie wird damit ein Wunder vollbringen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913835
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378642
Schlagworte
braddock kerben colt

Autor

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Titel: Braddock #16: 13 Kerben im Colt