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Auf den Spuren eines Mörders

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Was ist das für ein Land, wo Politik mehr zählt als das Leben von den Menschen, die darin Leben?
Jim Nebraska und seine beiden Partner, werden beschuldigt, Marshal William Gran getötet zu haben. Sie streiten das vehement ab– doch niemand glaubt ihnen, denn alle Beweise sprechen gegen sie. Ihnen gelingt die Flucht, auf der sie verfolgt, überlistet und Jims Partner hinterrücks getötet werden. Jim schwört sich, den wahren Mörder des Marshals zu finden, um seine Unschuld und die seiner beiden Freunde beweisen zu können und koste es sein eigenes Leben.
Immer wieder findet er eine Spur des Mörders, gepflastert mit dem Tod von Menschen, um sie kurz darauf wieder zu verlieren. Doch Jim gibt nicht auf. Eines Tages erfährt er dessen Namen und damit hat eine Fährte, der er folgen kann, die er so lange gesucht hat. Gelingt es ihm, den gnadenlosen Killer zu stellen, oder erwischt dieser am Ende ihn? Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis so einem Menschen, dem jedes Mittel und jeder Weg recht sind, seine persönlichen Ziele zu erreichen, das Handwerk gelegt werden kann?

Leseprobe

Table of Contents

AUF DER SPUREN EINES MÖRDERS

Klappentext:

Roman:

AUF DER SPUREN EINES MÖRDERS

 

Pat Urban

 

Ein Roman aus dem amerikanischen Westen

 

Eine Erstveröffentlichung

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Klaus Dill mit Steve Mayer, 2017

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

 

Was ist das für ein Land, wo Politik mehr zählt als das Leben von den Menschen, die darin Leben?

Jim Nebraska und seine beiden Partner, werden beschuldigt, Marshal William Gran getötet zu haben. Sie streiten das vehement ab – doch niemand glaubt ihnen, denn alle Beweise sprechen gegen sie. Ihnen gelingt die Flucht, auf der sie verfolgt, überlistet und Jims Partner hinterrücks getötet werden. Jim schwört sich, den wahren Mörder des Marshals zu finden, um seine Unschuld und die seiner beiden Freunde beweisen zu können und koste es sein eigenes Leben.

Immer wieder findet er eine Spur des Mörders, gepflastert mit dem Tod von Menschen, um sie kurz darauf wieder zu verlieren. Doch Jim gibt nicht auf. Eines Tages erfährt er dessen Namen und damit hat eine Fährte, der er folgen kann, die er so lange gesucht hat. Gelingt es ihm, den gnadenlosen Killer zu stellen, oder erwischt dieser am Ende ihn? Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis so einem Menschen, dem jedes Mittel und jeder Weg recht sind, seine persönlichen Ziele zu erreichen, das Handwerk gelegt werden kann?

 

 

Roman:

Einen Tag und die halbe Nacht, schleppt sich Marshal William Gran mit einer Kugel im Leib durch die Berge. Gegen Mitternacht erkennt er den schwachen Schein eines getarnten Feuers am Hang unter ihm.

Marshal Gran vermutet, den Campplatz eines illegalen Goldsuchers entdeckt zu haben.

Doch er kommt nicht als Mann des Gesetzes, er kommt, weil er Hilfe braucht. Länger wird er nicht mehr durchhalten können.

Gestern Morgen hatte er endlich den gesuchten Doppelmörder Glen Sloan, unweit der Passstraße gefunden und gestellt. Sloan bluffte den Ermatteten so gut, dass Gran darauf hereinfiel.

Als er seine Flasche vom Sattel löste, schoss Sloan ihn nieder und floh mit dem Pferd des Marshals in die Unwirtlichkeit der Berge.

Doch Gran ist nicht tot, wie Sloan annimmt. Verwundet und ohne Pferd, hatte er sich nicht aufgegeben. Doch die Berge sind wild, einsam und nicht an einem Tag in diesem Zustand, in dem sich der Marshal befindet, zu bezwingen. Er ist restlos fertig.

Und vielleicht ist er aus diesem Grunde nicht vorsichtig genug. Er nähert sich aufrecht und voller Hoffnung dem Feuer und ruft schon von Weitem: „Hallo Feuer! Darf ich näherkommen? Mein Name ist William Gran. Ich bin verwundet!“

Doch an diesem Feuer hat nur ein Mann gelegen, der schon seit Minuten aufgesprungen ist, seitdem er die ersten schwachen Geräusche eines Näherkommenden hörte und liegt nun, keine zehn Yards vom Marshal Gran entfernt, hinter einem Felsen.

Gerade hat Gran zu Ende gesprochen, da richtet der Mörder den Lauf seiner Waffe auf den Marshal und schießt ihn wortlos nieder. Sloan trifft ihn dieses Mal voll.

Gestern war Sloan kopflos und voller Angst über den Erfolg seiner Tat geflohen. Heute weiß er, dass die Berge auf ewig schweigen, denn es gibt keine Zeugen für diese Tat.

Er durchsucht den Toten gründlich und eignet sich alles an, auch den Stern und schiebt dem Marshal einen alten Brief in die Tasche, der an den Händler Glen Sloan in Nebraska City geschrieben ist.

Danach richtet er alles so her, als wenn der Tote überfallen wurde und reitet davon. Er hat noch nicht einmal die Absicht, den Stern zu benutzen. Sein Ziel ist der kleine Ort Central City, den er auf seiner Flucht vor dem Marshal, nachts durchritten hat.

 

*

 

Aber kaum ist er eine Meile talabwärts gekommen und will sich schon nach einem geeigneten Abstieg umsehen, da erschrickt er gewaltig und horcht gebannt nach links, wo einige Schüsse durch die Nacht peitschen und ein paar wilde Schreie ertönen.

Sloan zwingt seinen Gaul nach rechts, um möglichst viel Raum zwischen sich und den Kämpfenden zu gewinnen. In dem Augenblick, als er heraushört, dass es sich nur um eine etwas ausgeartete Feier handelt, fasst der Marshal-Mörder einen Plan.

Rasch reitet er zurück und holt den Toten. Langsam und sehr vorsichtig nähert er sich dem Feuer, an dem drei wilde Jungs von einer Flasche Whisky, blau wie die Veilchen, nur noch kaum verständliche Worte lallen.

Er wartet eiskalt ab, bis auch der Letzte der drei eingeschlafen ist. Glen Sloan hat wenig Mühe, diese drei Goldsucher, die ihre Misserfolge feierten, zu überwältigen. Er bindet sie und bereitet alles für einen Aufbruch vor.

Mit den drei Mördern, wie er seine Opfer nennt und dem Toten, macht er sich auf den Weg nach Central City. Er lässt sich auf kein Gespräch ein, sondern benimmt sich wie ein fanatischer Gesetzesbeamter, der nur Verachtung für Mörder kennt und unterbindet auch jedes Gespräch zwischen den drei Partnern.

Da er ein skrupelloser Bandit ist, kennt er auch keine Fairness.

In den zwei Tagen, ehe er Central City erreicht, bekommen seine Gefangenen nichts zu essen und nichts zu trinken, sondern liegen die ganze Zeit über gebunden auf ihren Pferden. Nur einmal, als er selbst eine kleine Pause macht, bekommen die drei Gelegenheit, ihren wahnsinnigen Durst zu löschen und dürfen dann anschließend lang ausgestreckt auf dem felsigen Boden liegen.

Es sind drei junge, übermütige Burschen, die noch so unschuldig und unerfahren sind, wie neugeborene Kälber. Doch hart sind sie schon. Sonst hätten sie diese unmenschliche Tortur niemals überstanden.

Seitdem sie allein auf dieser Welt sind, hat das Leben sie hart gemacht. Jim, Jubal und Bob sind Waisenkinder, die schon so manchen Stoß bekamen, ehe sie sich fanden und feststellten, dass man zu dritt viel besser durch’s Leben kommt.

Jim ist zwanzig, Bob und Jubal zweiundzwanzig Jahre alt. Obwohl Jim der jüngste ist, ist er der Boss. Er ist ein riesiger Junge und stammt aus Nebraska.

Und hier ist seine Geschichte auch schon zu Ende. Bob und Jubal haben ihre Eltern noch gekannt. Sie wurden in irgend so einem Nest bei Denver in eine Schule gegeben. Von hier aus flohen sie, als es statt Brot, Prügel gab.

Als Glen Sloan für einige Minuten halbwegs einschläft, und die beiden mit den verschiedensten Fluchtplänen kommen, mahnt Jim zur Ruhe. Leise flüstert er seinen Partnern zu:

„Wenn wir wirklich den Kerl dort auf dem Gaul erschossen haben, dann aus Versehen. Ein Richter wird über unser Schicksal entscheiden. Hängen können sie uns nicht. Denn es kann nur ein Unglück gewesen sein. Und wir wollen doch nicht ewig mit einem Makel an uns durch das Land reiten. Schlucken wir es, dann haben wir es hinter uns.“

„Vorsicht, der Marshal bewegt sich!“, zischt Bob und legt sich zurück.

Glen Sloan stellt sich weiterhin schlafend und lässt die drei gewähren. Er will heraushören, wie sie zu dem Mord stehen, den er ihnen auf den Kopf zugesagt hat. Für ihn wird es leicht sein, die Gefangenen abzugeben und dann einen geheimen Auftrag vorzutäuschen, damit er sofort verschwinden kann, ehe man ihm weitere Fragen stellt.

 

*

 

Die Ankunft in Central City, wird vom ersten Moment an, da nur ein Bürger, den Marshal, die drei Gefangenen und den stark riechenden Toten sieht, ein triumphaler Einzug. Viel fehlt nicht und man würde Jim, Jubal und Bob ohne viel Federlesen aufhängen.

Doch der Ort hat einen guten Stadt-Marshal und sogar einen Richter. Wenn der Richter auch nicht vollbeschäftigt ist, jetzt bekommt er Arbeit und seine erste Anweisung ist:

„Schafft die Gefangenen ins Jail.“

Dann ermahnt er die Bürger zur Ruhe und lädt Glen Sloan ein, mit ihm zu speisen, wobei sie das Notwendigste besprechen könnten.

Dieser kleine Vorteil verschafft dem Mörder einen größeren Vorteil, als er jeh zu hoffen geglaubt hatte. Schon wenige Stunden später reitet er, vom Richter bedauert und bewundert, aus Central City hinaus, da ihn eine unaufschiebbare Aufgabe dazu zwinge.

Zurück bleibt ein nebenberuflicher Richter, der vom Gesetz und Gesetzesbeamten weniger versteht, als manch anderer pfiffiger Bürger. Da er aber von der Schuld der drei Partner völlig überzeugt ist, ordnet er gleich deren Verhandlung an.

Jim und seine Freunde erfahren es durch den Marshal dieses Ortes, Les Bartley und seinem übermütigen Deputy, der sich einen Spaß daraus macht, eine Hängepartie in Central City zu schildern.

Und wenn der vernünftige und gesetzestreue Les Bartley nicht gewesen wäre, hätten Jim, Jubal und Bob, diese anschließende Nacht nicht überstanden.

Am Morgen sind sie restlos fertig und sehen sich schon baumeln. Doch sie sind jung, mein Gott, viel zu jung, um unschuldig von einer verrückten Bürgermenge gehängt zu werden.

Nach dem Frühstück, welches ihnen der Deputy katzenfreundlich in die Zelle bringt, sind sie zu allem entschlossen. Jedoch die nächste Gelegenheit ergibt sich erst am Mittag und um fünfzehn Uhr soll ihr Prozess beginnen.

In diesen bangen und hoffnungslosen Stunden wächst Jim über sich selbst hinaus. Er ist es, der einen unfehlbaren Plan fasst und seine Partner zur Ruhe mahnt.

„Ich übernehme den Deputy“, erklärt er selbstsicher. „Bob nimmt die Waffe dieses aufgeblasenen Lümmels an sich und sichert die Tür zur Straße hin, bis ich mit Jubal bei den Pferden bin. Vergesst nicht, dass wir wenig Zeit haben und uns daher mächtig beeilen müssen, Freunde. Aber wir bleiben zusammen, was auch kommen mag.“

 

*

 

Zunächst sieht es so aus, als sollte ihr Ausbruch nur ein gefasster Plan bleiben. Der Deputy erscheint mit einem Keeper aus dem Saloon, der das Essen für die drei Gefangenen bringt.

„Verschwinde!“, befiehlt der Deputy dem Keeper, da er sich noch ohne Zeugen einen kleinen Spaß erlauben will.

Die drei Partner hocken ziemlich bedrückt in einer Ecke der Zelle und sehen kaum auf, als ihnen das Essen unter der Tür hindurch zugeschoben wird. Der Deputy wartet darauf, dass Jim und seine Freunde ihre vollen Teller holen. Sofort beginnt der Spaß dieses jungen, unkorrekten und bösartigen Deputys.

Jim hatte seinen Partnern eingeschärft, ängstlich und mutlos in der Zellenecke zu verharren, um den Deputy zu einer Unüberlegtheit zu veranlassen. Und der fällt auch prompt darauf herein.

Wütend, dass sein Spaß nicht klappt, gibt er den vollen Essenschüsseln einen Tritt, sodass sich diese rutschend und überschlagend auf dem Boden entleeren. Er schließt voller Zorn die Zelle auf, nimmt seinen Colt in die Faust und brüllt befehlend:

„Und jetzt wird gefuttert, ihr verdammten Ratten. Los, runter mit euch und schlappert den Fraß wie die räudigen Straßenköter, zum Teufel noch mal, oder ihr spart die Verhandlung und das Hängen.“

Eiskalt wartet Jim ab und mit ihm seine Partner, denn noch reicht es ihnen nicht ganz. Erst als der Deputy zwei Yards in die Zelle eingedrungen ist, seine Aufmerksamkeit einem Stück Fleisch schenkt und es mit einem gewaltigen Tritt gegen die Zellenwand schleudert, schnellt Jim hoch und stößt sich vom Rand der Pritsche ab.

Es wird ein einmaliger Flug, der mit vollem Erfolg endet. Jim schleudert mit der Linken die Colthand des Deputy zur Seite und schlägt mit der Rechten zu. Schon ist auch Jubal neben ihm, der mit einem losen Brett der Pritsche zuschlägt. Bob reißt die Waffe an sich und huscht zur Straßentür.

Gleich darauf rennen ihm Jim und Jubal hinterher, um den hinteren Ausgang zu erreichen. Jim schließt einmal den noch steckenden Schlüssel rum und ist wenige Sekunden später im Stall bei den Pferden.

Es hätte glatt gehen können. Doch dieser junge aufgeblasene Stellvertreter des Marshals kann eine Menge vertragen. Und Jim machte den großen Fehler, den Schlüssel nur einmal umzudrehen, obwohl er einige Male erlebte, dass immer zweimal geschlossen wurde.

„Bob!“, zischt Jubal seinem Partner zu und hält die Tür halb auf.

In dieser Sekunde kommt der Deputy aus der Zelle gestürmt. Wie ein Geist erscheint er Bob, dieser verliert die Nerven und schießt.

„Kommt!“, schreit Jim, der nach diesem Schuss ahnungsvoll im Türrahmen auftaucht und den zusammenfallenden Deputy erkennt. „Hast du ihn …?“

„Ich …“, zittert Bob, der zum ersten Mal auf einen Menschen schoss. „Voll getroffen, Jim.“

„Nichts wie weg!“, kreischt Jubal ängstlich und rennt los. Jim zieht den starr dastehenden Bob mit sich und sagt, als sie in die Sättel springen:

„Sei kein Narr. Ob du oder ich geschossen haben ist jetzt egal. Vorwärts, Partner! Folgt mir und bleibt zusammen!“

 

*

 

Nur wenige Bürger sind auf der Straße und von diesen hat kaum einer eine Waffe dabei. So gelingt es den dreien, den Ortsausgang ungeschoren zu erreichen. Dort angekommen blicken sie sich kurz um, geben ihren Pferden erneut die Sporen und jagen nach Osten.

Gegenüber dem Marshal-Office steht das einstöckige City Hotel. Sofort nach dem Schuss fliegt eins der oberen Fenster auf und ein gut aussehender und gepflegter Mann erscheint im offenen Viereck.

Mit einem Blick hat der Rancher John B. Carson, die Flucht von Jim und seinen Freunden erkannt und benötigt nur ein paar Sekunden, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Der Rancher ist nur zufällig hier im Hotel. Mister Carson besitzt die, Balken- und die C im Circle Ranch. Aber die Landarbeit befriedigt ihn nicht. John B. Carson hat es mit der Politik, in ihr geht er auf, für sie lebt er. Sein Ziel ist, Gouverneur von Colorado zu werden. Seit gestern wartet er auf einen Nachrichtenmann und erlebte den Einritt des Marshals mit seinen Gefangenen und einem Toten.

Das interessierte ihn wenig. Doch jetzt war ein Verbrechen unter seinen Augen geschehen. So vermutete er es, und die drei bestätigten es mit ihrer Flucht.

Präzise und gut hörbar ertönt seine Stimme über die Straße und erreicht jedes Ohr in Central City.

„Holt den Marshal und benachrichtigt jeden Bürger, der im Besitz einer Waffe ist. In zwanzig Minuten will ich vierzig Männer vor dem Hotel sehen. Wir reiten sofort in zwei Gruppen. Beeilt euch, Leute!“

Danach zieht er seinen guten Rock aus und wählt seine Tagesjacke. Er eilt hinab in den Hof und gibt dem dort wartenden Boy den Befehl, sein Pferd zu satteln. Rancher Carson ist der Erste vor dem Hotel, der ungeduldig auf die herbeireitenden und herbeieilenden Bürger wartet.

Auch Marshal Les Bartley erscheint gleich darauf und sagt zu den Anwesenden: „Sie haben meinen Deputy erwischt. Schaden tut es dem Bengel nicht, die Kugel bringt ihn nicht um. Ich bin fertig. Reiten wir, Mister Carson. Bis zum Abend haben wir alle drei Ausbrecher gefasst.“

Der Rancher teilt noch schnell die Bürger in zwei Gruppen und bestimmt, dass der Marschal als Ziel, die Grenze nach Nebraska nimmt.

Er selbst will mit den übrigen Männern die Spur von Jim und seinen Partnern verfolgen. Treffpunkt sei bei Misserfolg, die Grenze nach Wyoming, an der Straße nach Cheyenne.

 

*

 

Seit zwei Stunden befinden sich die drei Partner in der bizarren Felswildnis des Goshen Hole. Jedes Yard muss erkämpft werden, denn hier gibt es keinen Weg.

Dieser Teil des Hole gleicht einer zerstörten Festungsanlage aus der klassischen Altzeit. Nach Norden zu, bestimmen nur ein paar Felsenkegel, die Zwillinge, die Drillinge und der Doty Butte, die Gegend. Dort ist das Gelände auch freier.

Nur ein Narr würde hier in der Nacht einreiten oder Menschen wie sie, die auf der Flucht sind. Hat man dreißig Schritt nach Norden gewonnen, so muss man ganz bestimmt vierzig nach Westen und dann zehn nach Süden in Kauf nehmen, will man weiterkommen.

Im Laufe des Tages hatten sie erkennen müssen, dass ihnen der direkte Weg nach Nebraska schon abgeschnitten war, denn Marshal Les Bartley kennt sich hier gut aus.

Als junger Mann war er einige Jahre Sheriff in der großen und bekannten Bruderstadt, dem Goldgräberort Central City, siebzig Meilen vom kleinen Central City entfernt gewesen und war schon so manchem Banditen gefolgt.

Jim ist mit seinen Freunden nach Norden eingeschwenkt und will versuchen, über Wyoming nach Nebraska zu kommen. Plötzlich ging der Weg bergab, als sie schon mitten im Hole sind und gleich darauf ein Weiterkommen nicht möglich ist.

Jim hält vor einer unüberwindbaren Felsenmauer und drängt sein Pferd zur Seite, damit auch Jubal und Bob aufrücken können.

„Freunde, wir legen hier eine Pause ein, Wasser gibt es dort drüben. Schnallt die Gurte locker und tränkt die Tiere. Ihr könnt euch für drei Stunden hinlegen, dann geht es weiter.“

Jim ist der Boss. Er denkt und bestimmt. Bob und Jubal haben immer auf ihn gehört, doch heute Nacht ist es anders.

„Das kommt gar nicht in Frage, Jim“, antwortet Bob mit greller Stimme. „Wenn einer wacht, dann bin ich es. Und überhaupt, was habt ihr mit dem Schuss auf den Deputy zu tun? Ich werde mich stellen, Partner!“

„Die Pferde!“, mahnt Jim und rutscht aus dem Sattel. Er steht einen Moment wankend da und holt saugend Luft, bevor er wütend sagt:

„Du Narr, hier stellt sich keiner, solange ich der Boss bin. Wir sind drei Partner und bleiben zusammen.“

„Genau!“, mischt sich Jubal ein. „Wenn wir schon Partner sind, dann wollen wir auch gemeinsam sterben oder durchkommen.“

Doch Bob will nichts davon hören. Er möchte seine Partner in diese Sache nicht reinziehen und benimmt sich daher ziemlich hysterisch. Jubal ist darüber ärgerlich und verhöhnt den Freund, dann würde er eben zweimal aufgeknüpft. Einmal für den Toten Händler aus den Bergen und dann für den Deputy.

„Schont eure Kräfte“, mahnt Jim. „Ich sagte, die Pferde sollen getränkt werden und dann legt ihr euch hin! Schluss jetzt, kein Wort mehr!“

Nun, da sie etwas Ruhe haben, spürt wohl jeder, wie zerschlagen er ist und wie notwendig jetzt ein kräftiges Essen wäre. Aber sie haben nichts dabei.

Ihre letzte Mahlzeit hatten sie gestern früh gehabt. Denn als der Deputy mit dem Mittag kam, stürzten sie aus der Zelle, rissen ihre Sachen aus dem primitiven Schrank im Sheriff-Office und rannten über den Hof zu ihren Pferden.

Alles war so schnell gegangen und doch nicht schnell genug. Denn der Deputy wachte zu früh auf und schlug Alarm. So blieb ihnen keine Zeit mehr, auch noch nach etwas Essbarem für ihren bevorstehenden Weg zu suchen.

Ganz von selbst strecken sich Jim, Bob und Jubal in das dürftige Gras und legen den Kopf zurück, keiner beschwerte sich über einen knurrenden Magen. Über ihnen strahlen die Sterne an einem klaren Nachthimmel. Nur von der Felswand tropft es, sonst ist es still – unheimlich still.

Bob und Jubal schlafen fast sofort ein. Nur Jim hält sich mit Mühe wach. Er kämpft vehement mit dem übermächtigen Gefühl, alles sei nur halb so schlimm. Der Wunsch in ihm, nur für Sekunden die Augen schließen zu dürfen, wird von Minute zu Minute immer stärker.

Ihn hält es nicht länger auf seinem Lager, steht daher leise, um die beiden nicht zu wecken, auf und geht ein Stück an der Wand entlang. Verblüfft überspringt er den kleinen Creek und weiß in diesem Moment, dass hier ein Durchgang ist. Vorsichtig geht er weiter, denn zu leicht kann man sich in diesem Wirrwarr von Felsen und Felsgebilden verlaufen.

Seine Erkundungen enden an einer halbhohen Mauer, die steil abfällt. Der Mond steht mittlerweile hoch am Himmel und lässt mit seinem Licht die Umgebung in einem silbrigen Glanz erstrahlen.

Er schaut nach unten und kann ganz deutlich den breiten Sandstrand sowie den kleinen Fluss erkennen. Doch was er dort noch erblickt, lässt ihn fast erstarren; auf diesem sandigen Uferstreifen reitet eine Gruppe schwer bewaffneter Männer an ihm vorbei.

Der Wind steht günstig, daher kann Jim jedes Wort, das dort gesprochen wird, verstehen. Meist sind es Flüche, die sich aber ausnahmslos auf ihn und seine Partner beziehen. Er bekommt mit, dass diese Männer da unter ihm zu einem der Aufgebote gehören, die sie jagen.

 

*

 

Unruhig wartet Jim noch eine Zeit lang, bis er es nicht mehr aushält und leise zum Lager zurückläuft. Er weckt seine Partner und treibt sie zur Eile an. Beide sind schnell wach, denn wer mit dem Gedanken einschläft, verfolgt zu werden, rechnet mit jeder Möglichkeit.

„Hast du etwas gehört, Jim, dass du uns jetzt schon weckst?“, fragt Jubal.

„Leise!“, zischt Bob. „Zum Teufel, Jim, wo sind sie?“

„Es ist nichts, Freunde“, versucht Jim seine Partner zu beruhigen. „Aber wir müssen weiter. Seht ihr den hellen, schmalen Streifen im Osten? In zwei Stunden ist schon Tag.“

„Dann haben wir ja … Jim, du hast doch nicht etwa die vier Stunden wachgelegen?“

Ohne auf die Frage seines Freundes weiter einzugehen, spricht er leise weiter: „Beeilt euch! Eins der Aufgebote muss hier ganz in der Nähe sein. Beruhigt euch aber, denn in diesem Irrgarten kann man aneinander vorbeireiten, ohne sich zu sehen. Nehmt die Pferde am Zügel! Wir gehen besser zu Fuß.“

Wie schon vor ungefähr vier Stunden, beginnt Bob auch jetzt wieder mit dem Vorschlag, die beiden Freunde sollen allein weiterreiten, er wolle sich stellen.

„Wartet doch noch eine Minute“, fährt er ärgerlich fort, als sich Jim und Jubal nicht um seine Worte kümmern. „Ihr verdammten Narren! Jetzt passt mal genau auf: Sobald wir feststellen, dass eine Flucht unmöglich wird, bleibe ich zurück und halte die Kerle auf. Ihr seht zu, dass ihr Meilen gewinnt, und kümmert euch nicht um mich! Kapiert!“ Seine letzten Worte schreit er fast.

„Wenn du auch nur den Versuch machst, zurückzubleiben, wende ich meinen Gaul und stelle mich den Männern des Gesetzes als der Mörder des Deputys. Du kennst mich, Bob. Ich bluffe bei meinen Partnern nie.“ Jim wirkt bei diesen Worten gefährlich ruhig. Nur wer ihn genau kennt, weiß, dass der Schein trügt.

Noch einen Moment flucht Bob vor sich hin und folgt dann seinen Freunden, die schon um die nächste Felsennase gebogen sind.

Sie bleiben stehen und Jim zeigt den beiden den kleinen Creek und wo er die Männer des Aufgebotes gesehen hat.

Es sieht wirklich so aus, als wäre die Welt hier zu Ende. Doch was Jim vorhin nicht sehen konnte, das entdeckt jetzt Jubal, als er sich bei zunehmendem Tageslicht etwas umsieht.

Nur ein paar Yards weiter nach links, führt eine natürliche Treppe hinab. Ein Spaziergang wird es nicht, das erkennen alle drei ganz schnell. Im Gegenteil, ihr Vorhaben kann sehr leicht schiefgehen. Sie werden dafür den Pferden die Augen verbinden müssen, denn kein Gaul steigt dort freiwillig hinab.

Jubal ist, trotz der zu erwartenden Schwierigkeiten, von seiner Entdeckung begeistert. Er kommt noch einmal auf ihr altes Thema zurück und sagt überzeugt:

„Es wird immer Möglichkeiten wie diese hier geben, sodass wir es schaffen werden. Wir sind drei Partner und haben uns Treue geschworen. Für mich ist diese Partnerschaft erst vorbei, wenn ich tot bin. Ja, wenn ich als Letzter sterbe, nur dann.“

Es wird ein glatter Abstieg. Jim ist mit seinem Gaul vorn und findet immer wieder die beste Gelegenheit, um ein Stück weiter nach unten zu kommen.

Sie führen die Pferde gleich in den Creek, sitzen hier auf und reiten nach Westen im Bachlauf weiter. Von Westen her kam das Aufgebot, also können sie es unmöglich treffen.

Als es schon auf Mittag zugeht, verengt sich das Bett des Creeks, und die Strömung fließt merklich schneller.

„Ein Wasserfall, zum Teufel noch mal“, flucht Jubal und sieht nach links und rechts die steilen Wände hoch.

„Wir könnten auch den Bach verlassen“, sagt Jim nachdenklich.

„Aber seht euch nur genau um! Überall das Gleiche: Steine in allen Größen. Ein richtiger Irrgarten. No, ich schlage vor, wir bleiben im Wasser.“

„Jim, wir reiten seit heute Morgen stur nach Westen. Nebraska liegt südöstlich. Denkst du auch daran?“

„Könnt ihr euch vorstellen, dass uns die Aufgebote an der Grenze erwarten? Nur im Schutze der Nacht können wir durchbrechen und bis dahin ist noch viel Zeit.“

Nach einer dreiviertel Stunde scheinen die Wände zusammenzuwachsen und ein Weiterkommen wird unmöglich. Sie müssen zurück, so bitter wie es ihnen auch schmeckt.

Sie verlassen den Creek sobald es möglich ist und dringen in das Gewirr der Felsen ein, um möglichst die nördliche Richtung zu halten.

Nach einer grausamen Kletterpartie, können sie endlich wieder in den Sattel steigen. Es geht zwar abwärts, aber sie haben die Prärie erreicht. Alle drei sind erleichtert, glauben sie doch, den schlimmsten Teil des Weges hinter sich zu haben.

„Da seht nur!“, ruft Jim fast euphorisch aus, „der Doty Hill! Drei Meilen weiter liegt die Doty-Ranch. Ich war mal als kleiner Junge dort. Freunde, wisst ihr, wie weit Nebraska noch entfernt ist? Heh, sperrt nur eure Ohren auf! Keine fünfundzwanzig Meilen mehr.“

„Jim“, zischt Jubal plötzlich erschrocken, „sieh nach rechts.“ Alle Blicke gehen in die angegebene Richtung. „Das eine Aufgebot!“, ergänzt er mit matter Stimme.

„Dann nichts wie weg“, schreit Bob ängstlich und setzt bei seinem Pferd die Sporen ein. „Jim, bring uns zur Doty-Ranch!“

Bob jagt unüberlegt los. Mit der aufwirbelnden Staubwolke lenkt er die Männer des Aufgebotes unnötig auf sich und seine Partner. Er hofft, auf einer Ranch sicher zu sein, weil er glaubt, ein Weidereiter würde ihn schützen und helfen, denn Bob und Jubal sind manchen Sommer für manche Ranch geritten.

Doch Jim hat ihn bald eingeholt und greift im Vorbeiritt seinem Partner in die Zügel und zwingt den Gaul zum Stehen.

„Bist du toll?“, fragt er gefährlich. „Ausgerechnet auf die Ranch reiten zu wollen? Welcher Cowboy wird einem Mörder helfen? Und wir haben sogar einen Mann des Gesetzes erschossen, du Narr. Komm jetzt, wir verschwinden im Hole, diesen Unsinn hättest du uns ersparen können.“

Jim bringt es fertig, dass ihm Bob folgt und als sie beide Jubal erreichen, drehen sie alle noch einmal auf und fliehen zurück in das hitzeflimmernde Gewirr von Felsen und irreführenden Felsgebilden.

Nur ganz knapp entkommen sie dem heranjagenden Aufgebot. Schon krachen eine Salve und mehrere Schüsse, abgefeuert im vollen Galopp. Und vielleicht haben sie nur deshalb Glück, denn keine Kugel trifft.

Sie klettern, reiten und gehen den ganzen Weg zurück, den sie gekommen sind. Gegen Abend haben sie die natürliche Treppe erreicht, jene Abstiegsstelle, die nur ein spielender Riese gebaut haben kann.

Die Furcht, vor dem Hinaufklettern ist so groß, dass sie verzweifelt wenden und ihre Pferde nach Süden drängen.

Sie sind vielleicht nur eine halbe Stunde auf dem breiten Sandstrand, entlang des Creeks, in dieser Richtung geblieben, als sich ihnen eine Abzweigung nach Osten zeigt.

„Ha, ha, das hätten wir geschafft“, lacht Bob übermütig und drängt sich zwischen Jim und Jubal.

Einige Minuten können sie so nebeneinander her reiten. Alle drei scheinen das Gefühl zu genießen, wie schön es ist, zwei zuverlässige Partner zu haben. Ganz wie in alten Zeiten kommen sie sich vor, als sie Bügel an Bügel reiten. Sie sind jung. Herrgott, warum sollten sie es nicht schaffen?

Dann wird es wieder enger und ganz plötzlich hören die Felsen auf. Vor ihnen, im Schein der Sterne, liegt die freie Prärie. Erleichtert setzen sie zeitgleich die Sporen ein, ohne, dass Jim es bestimmt. Ihre Pferde preschen los. Auch sie scheinen erleichtert zu sein, dass die unwegsame Strecke nun hinter ihnen liegt. So geht es lachend und scherzend über einige Meilen dahin.

Wie weit kann Nebraska noch sein? Aber ist das in diesem Moment nicht egal? Was unmöglich schien, sie haben es geschafft.

Wenige Minuten später müssen sie leider erkennen, dass sie Nebraska niemals erreichen werden und wenn es hell wird, werden sie auf eine harte Probe gestellt. Denn dann muss sich jeder entscheiden: Partnerschaft oder Freiheit. Leben oder Tod.

 

*

 

Als die Drei wieder einmal einen kleinen Hügel hinaufpreschen, zügeln sie überrascht ihre Pferde und blicken besorgt nach vorn. Sie gehen schnell hinter einem Gebüsch in Deckung, um im Schein des Mondes nicht gesehen zu werden. Drei Feuer blinken durch die Nacht.

„Es kann nur eins der Aufgebote sein“, sagt Jim überzeugt. „Drei Feuer bedeuten ungefähr zwanzig Männer. Aber das wäre noch nicht einmal so schlimm. Doch sie haben die Furt am Cherry Creek besetzt. Dort kommen wir nicht durch.“

Jim war als Kind in dieser Gegend. Er weiß also Bescheid und kennt sich hier aus. Als ihn seine beiden Partner kurze Zeit später verbittert und ungläubig auffordern, doch nach Süden auszuweichen, antwortet Jim erklärend:

„Ja, wenn wir jenseits des Cherry Creek wären, dann hätten wir diese Möglichkeit. Aber es gibt weit und breit nur diesen einen Übergang über den Creek und wer nach Nebraska will, muss diese Furt benutzen. Wir müssen zurück, durchs Hole und dann erst südlich abbiegen, um später nach Osten einzuschwenken Partner. Es hört sich zwar schlimm an, aber was ist schon ein Umweg von fünfzig Meilen. Morgen …“

Doch Bob und Jubal wollen nicht bis morgen warten. In ihren Eingeweiden wühlt der Hunger. Ihre Pferde sind zwar noch nicht am Ende, doch wer mit Pferden lebt, weiß, wie lange ein Tier ohne Futter durchhalten kann. Und Jubal trifft den Nagel genau auf den Kopf, als er antwortet:

„Ich gebe den Pferden noch zehn Meilen, Jim. Dann brauchen wir andere Tiere, wollten wir uns nach deinem Vorschlag richten. Ich bin für einen Durchbruch. Stimmen wir ab, Partner, wir wollen keinen Fehler machen.“

„Ich denke wie Jubal“, pflichtet Bob seinem Partner bei. „Immer nur hin und zurück und wieder hin …“ Damit ist Jim überstimmt und muss sich dem Wunsch seiner Freunde fügen.

„Reiten wir! Doch kurz vor den Feuern führen wir die Pferde zu Fuß bis an die Furt und dann müssen Sekunden entscheiden. Vielleicht haben wir Glück.“

Zum letzten Mal hat Jim seinen Partnern einen Befehl gegeben. Denn nun reiten sie an und reiten in den Tod. Ganz bestimmt fühlen sie die Gefahr, der sie entgegenreiten und vielleicht wissen sie auch, dass dort hinten an der Furt, der Tod lauert.

Aber sie wollen nicht mehr zurück. Sie haben es satt, gejagt zu werden, vorsichtig sein zu müssen, wie ein Stück Wild.

Sie sind jung und haben noch nie erfahren, was es heißt, das Leben zu verteidigen und Unrecht zu ertragen. Und darum sind sie auch jetzt so verzweifelt und suchen die Entscheidung, ohne zu überlegen.

 

*

 

Die Nacht vertuschte die Entfernung. Es geht zunächst einige Hügel rauf und runter und dann noch eine größere Strecke über flaches Land, Jetzt führen sie schon ihre Pferde an den Zügeln. Das ist ganz gewiss zu früh geschehen, denn schon beginnt dort hinten, wo Nebraska liegt, ein neuer Tag sich anzumelden.

Mit dem ersten hellen Schimmer des neuen Morgens sind sie an der Furt. Als sie aufsitzen sehen sie sich noch einmal an und nicken sich tapfer zu. Keiner weiß, wie die nächsten Minuten verlaufen werden und keiner weiß, ob er es ist, der durchkommt oder sterben muss.

„Ich nehme die Spitze, Jim“, sagt Bob leise. „Das müsst ihr mir schon erlauben, schließlich habe ich geschossen.“

„Eine schöne Zeit liegt hinter uns“, entgegnet Jim ernst. „Denkt an meine Worte: Gleich an der Furt nach links und nicht schießen! Bob, du bist und bleibst ein Narr. Sei vorsichtig, Freund. Und nun los!“

Da reiten sie an. Noch dreißig Yards sind es bis zu den Feuern, siebzig bis zur Furt. Deutlich kann man die Männer rings um die niedergebrannten Feuer erkennen. Und weil die drei noch zu jung und unerfahren sind, fällt ihnen nicht einmal auf, dass kein Posten zu sehen ist. Sie reiten genau in eine gestellte Falle.

Wie Schatten sind sie an den Feuern vorbei, da erhebt sich längs des Flussufers, hinter jedem Stein ein Mann mit einem angeschlagenen Gewehr.

Bob lebt nur noch wenige Sekunden. Er stirbt im Sattel und fällt leblos zur Erde, von acht Kugeln getroffen.

Jubal erwischt es nicht minder schwer. Sein Pferd bricht unter ihm zusammen und er selbst hat eine Kugel im Leib. Kreischend vor Schmerz kriecht er im Kreise umher und sucht den entfallenen Colt.

Nur Jim entkommt dieser schrecklichen Salve. Sein Pferd steigt von seinem harten Zügelruck und wendet auch noch halb. Aber mitten in dieser Bewegung bricht es in die Knie.

Jim springt rechtzeitig ab. Er kommt gut auf und rennt auf Jubal zu. Und jetzt greift er zur Waffe. Es ist eine Reflexbewegung in der Panik und er glaubt, den Partner noch retten zu können.

Aber dann schießt er doch nicht. Er steht nur über Jubal und hält den Lauf gesenkt. Seine Augen fliegen in die Runde, zu jedem Mann des Aufgebotes und jetzt weiß er auch, dass sie in eine gestellte Falle geritten sind. Er hatte es anders gewollt.

Jim steht einige Sekunden, ohne, dass auch nur ein weiterer Schuss fällt, sie warten darauf, dass er den Coltarm hebt.

Da berührt Jubal seine Stiefel und sagt schreiend:

„Jim, sie haben mich im Bauch getroffen. Mein Gott, diese Schmerzen.“

Da lässt Jim den Colt fallen und beugt sich nieder. Seine Arme umschließen den Partner und hörbar, auch für jeden Mann des Aufgebotes sagt er tröstend:

„Sie werden dich schnell zu einem Arzt schaffen. Du musst keine Angst haben. Ganz bestimmt wirst du es überstehen.“

Sie sehen sich an und ihr Blick gleitet weiter, bis zu jenem Punkt, wo Bob verkrampft und leblos liegt.

„Genug gesehen?“, dringt eine harte Stimme an ihr Ohr. „Ein leichter und schneller Tod. Euch wird man hängen und das geht nicht so glatt wie eine sichere Kugel. Vorwärts nun! Nehmt die Arme hoch!“ „Mein Partner hat einen Bauchschuss, er muss zu einem Arzt. Ich habe keine Waffe außer meinem Colt“, entgegnet Jim und zeigt mit dem Kopf zu seinem Revolver.

 

*

 

Hier an der Furt sind nur die Männer aus Central City, jenem kleinen Ort am Rande der Rocky Mountains, der im Schatten seines großen Bruders ein kümmerliches Dasein fristet.

Die Männer liegen hier ohne Aufsicht des Sheriffs und sind natürlich besonders stolz über ihre Leistung. Den Wortführer macht der Besitzer des Saloons, ein ehemaliger Spieler und Revolverheld.

Der Marshal ist unterwegs und sucht Rancher John B. Carson. Da sich kein Bürger aus dem Aufgebot zu diesem Auftrag benennen ließ, musste Les Bartley schon allein reiten, nachdem er noch schnell ein paar Anweisungen gegeben hatte, falls die drei Flüchtenden hier durchkämen. Dann hätte Bob noch gelebt und Jubal hätte keinen Bauchschuss.

Aber auch für Jim wird das Fehlen des Marshals für einige Stunden die Hölle. Der Salooner bestimmt und die Bürger gehorchen diesem skrupellosen und als gewalttätig bekannten Mann.

„Ihr sollt aufstehen und die Flossen hochnehmen!“, brüllt der Salooner und schießt Jim mit einer Präzision eine Kugel so dicht über den Kopf, dass noch seine Haare berührt werden.

Dieser erschrickt mächtig und hebt langsam die Arme. Dabei muss er den halb liegenden Jubal fallenlassen, der mit einem tierischen Schrei zu Boden geht und kreischend brüllt:

„Jim, lass mich nicht im Stich!“

Da vergisst Jim alles um sich herum und beginnt seinem Partner die Kleidung abzustreifen. Auch wenn der Salooner den wilden Mann spielt, es sind einige Bürger dabei, die ihn ermahnen, den Verwundeten zu verbinden und auf eine Trage zu legen.

„Ihr redet mir zu viel“, antwortet der Saloonner kalt. „Macht euch nur nicht in die Hosen, weil die Burschen noch so jung und unschuldig aussehen. Es sind Mörder, verdammt, oder was glaubt ihr?“

Man einigt sich halbwegs. Jubal wird verbunden und Jim gefesselt. Aber eine Schleppe wird nicht gebaut. Einer der Bürger nimmt Jubal zu sich in den Sattel. Jim aber muss laufen und seine Qual endet erst, als Marshal Les Bartley und der Rancher mit dem zweiten Aufgebot auf die heimkehrenden Männer unter dem Salooner Zusammentreffen.

Das ist vier Stunden später. Jim bricht sofort zusammen, als die Reitergruppe anhält. Auch wenn der Rancher sowie der Marshal jetzt bestimmen, sofort eine Schleppe für den Verwundeten zu bauen, für Jubal ist es zu spät.

Rancher John B. Carson ist besonders entrüstet. Als kommender Politiker braucht er einen unbefleckten Lebensweg. Er kann noch so schöne Reden halten, jeder seiner Gegner, die es ja in jedem Wahlkampf gibt, werden ihm Vorhalten können, in einem Aufgebot geritten zu sein, wo es zwei Tote gab.

Es wird ein missmutiger Abend. Die Bürger von Central City liegen an zwei verschiedenen Feuern. Die einen wollen unbedingt das Gesetz sein, die anderen wollen Menschen bleiben.

Als man Jim die Hände löst und zu essen geben will, gibt es schon wieder Streit. Zornig stößt Jim das Angebotene zurück und sagt verächtlich:

„Ich soll essen, als wäre nichts geschehen? Ihr habt meine Partner getötet, gemordet! Jawohl, es war Mord. Wir haben keinen Mann in den Bergen getötet, wie man uns vorwirft und euer Deputy …war das noch ein Mensch?“

„War?“, fragt Marshal Les Bartley. Verdammt Leute, warum lasst ihr den Jungen in dem Glauben er sei tot? No, Boy, mein Deputy lebt noch und ich werde ihn fragen ob er seinen Spaß mit euch getrieben hat.“

„Nun brechen Sie nur nicht in Tränen aus, Marshal, wer ist ein Mörder und wer hat geschossen?“, schimpft der Salooner los.

„Ruhe!“, mahnt der Rancher. „Leute, nun gebt doch endlich Ruhe und ein jeder beherrsche sich. Wir bringen diesen jungen Mann, über den der Richter entscheiden wird, zurück. Und nun legt euch schlafen! Morgen wird wieder ein harter Tag.“

 

*

 

„Dann kann ich dir nicht helfen“, sagt der Richter übelgelaunt, da Jim nichts zugibt und immer wieder beteuert, er und seine Partner hätten keinen Mann erschossen. Auch wenn sie noch so blau gewesen wären, das hätten sie noch erkannt, wenn sich ein Mann ihrem Camp genähert hätte.

„Ich habe hier das Protokoll. Unterschrieben vom Staaten-Marshal William Gran. Und dieser gibt an, den Toten, wenige Yards von eurem Feuer entfernt, gefunden zu haben. Weiter steht hier, dass er bei eurer Festnahme eure Waffen prüfte und angibt, jeder hatte ungefähr drei Kugeln verschossen. Der Tote lag da, als wäre er ausgeplündert.

Ich bitte jetzt die Jury sich zu besprechen und ihren Spruch zu fällen. Dreißig Minuten Pause, Ladies und Gentlemen!“

„Komm Jim“, sagt Marshal Les Bartley leise zu dem Angeklagten und führt ihn hinaus auf den hinteren Flur des Saloons, wo heute die Verhandlung abgehalten wird.

„Hier, Junge, steck dir eine ins Gesicht und wenn du noch irgendetwas zu sagen hast, dann rücke damit heraus. Bevor der Richter seinen Spruch tut, ist noch nichts verloren.“

Doch Jim schüttelt nur starrsinnig den Kopf. Jetzt, da er weiß, dass ihn nichts mehr retten kann, freut er sich fast, sterben zu müssen.

Sie waren drei prima Partner. Für Jim waren Bob und Jubal alles, was er auf dieser Welt besaß. Und Jim glaubt, seine Partner hätten alle Kugeln aufgefangen, nur um ihn zu schonen.

Er kann sich kaum an die wenigen Sekunden an der Furt erinnern.

Es ging zu schnell. Er war der Letzte, das weiß er noch. Und jetzt schämt er sich, weil er noch lebt. Er nennt sich untreu.

Jim nimmt die dargebotene Zigarette und raucht ruhig und gelassen. Nur der Marshal, der ein guter Menschenkenner ist und Jim für einen prächtigen Jungen hält, tritt unruhig von einem Bein auf’s andere. Die Minuten verrinnen und er kann nichts tun.

Und jetzt muss auch noch ausgerechnet der Salooner über den Flur laufen. Er sieht Jim ohne Fesseln und rauchend. Da wird er böse. Bis Marshal Les Bartley ihn abschütteln kann, hört man schon den Ausrufer im Saloon schellen. Die Verhandlung geht weiter.

Aber ganz ohne Erfolg will Les Bartley nicht gehen. Er packt Jim an den Aufschlägen seiner Jacke und sagt wütend:

„Verdammt, du Narr. Ich will dir helfen, Jim, verstehst du das nicht? Rede doch endlich! Was weißt du noch?“

„Nichts“, antwortet Jim. „Und trotzdem weiß ich genau, dass wir den Händler nicht erschossen haben. Wenn man den Marshal William Gran fragen könnte, wüssten wir mehr, Mister Bartley.“

Doch nun drängt die Zeit. Noch bevor die Mitglieder der Jury von dem Richter gefragt werden können, hebt Marshal Bartley den Arm und bittet etwas sagen zu dürfen.

Aber er schafft es nicht mehr. Aufgeputschte Bürger, Narren, die es in jedem Ort gibt, verlangen, dass man endlich den Mörder verurteile.

Da auch einige Bürger, die mit in der Jury sitzen zu diesen Narren gehören, werden die Vernünftigen übertönt und man befindet Jim als schuldig. Der Richter setzt allem die Krone auf, als er Jim zum Tode durch den Strang verurteilt.

 

*

 

Zwei Tage später beginnen die örtlichen Festtage und man beschließt auch allen auswärts wohnenden Leuten Gelegenheit zu geben, der Hängepartie beizuwohnen. Man will Jim, zur Anregung der Festtage, als außerordentliche Schau, aufhängen.

An diesem Morgen strömen die Bürger zum Platz am Friedhof, wo ein richtiger Galgen aufgebaut ist. Man hat nichts unterlassen, die dreizehn Stufen fehlen ebenso wenig wie eine einwandfreie Klappe und der Strang wurde schon von einem Fachmann geprüft.

Von den Ranchen sind viele Wagen zum Fest gekommen. Kinder und Frauen, Cowboys, Damen und Herren, alles hat sich eingefunden und marschiert den kurzen Weg in der prallen Sonne zum Schauplatz.

Marshal Les Bartley und zwei Bürger haben die unangenehme Aufgabe, Jim vom Jail zum Galgen zu begleiten. Es wird ein bitterer Weg.

Nur mit Mühe verschafft sich der anständige Marshal Platz um Jim unbeschadet abzuliefern. Denn am Galgen übernehmen zwei andere Bürger unter einer dunklen Kapuze den Verurteilten. Sie sind die Henker.

Einen Moment bleibt Jim vor der ersten Stufe stehen, die jene Treppe bilden, welche oben auf der kleinen Plattform endet. Erst jetzt kommt ihm zu Bewusstsein, dass er in wenigen Minuten tot ist.

Aber um ihn herum wogt das volle Leben, bunt und herrlich und noch scheint die Sonne. Da wird er weich. Nur mit Mühe schafft er die dreizehn Stufen. Doch gegen jede Vorschrift, ist auch Marshal Les Bartley mitgekommen.

Er hebt den Arm, als die Menge johlt und schreit und löst Jim die Handschellen.

„So eilt es nun doch nicht“, ruft er hinunter, wo einige ganz Gesetzestreue, den sofortigen Beginn des Hängens fordern. „Jeder, der hier oben steht, darf noch einen Wunsch äußern. Und dieser Junge möchte noch eine Zigarette rauchen.“

Er überhört jeden Vorwurf oder gutgemeinten Ratschlag kluger Leute und dreht Jim eine recht dicke Zigarette. Umständlich gibt er Feuer.

„Man hat dir arg mitgespielt, Jim. Wenn ich an der Furt am Cherry Creek gewesen wäre …“

Aber es kommt alles ganz anders. Und aus dem Hängen wird heute nichts.

 

*

 

Vor dem Saloon stehen die Pferde dichtgedrängt an den Haltebalken. Auch der Mietsstall ist überfüllt. Noch schlimmer ist es, einen Platz für seinen Wagen zu bekommen.

Nur der offene Kastenwagen von der Balken-Ranch, der die Familie Carson und das Hauspersonal in die Stadt gebracht hat, bildet eine Ausnahme. Er steht herausfordernd vor dem City Hotel.

Die Bremsen sind zwar angezogen und die Leinen straff an das Wagenbrett gebunden. Aber sonst ist der Wagen mit den vier Füchsen fahrbereit.

Das Personal ist zum Schauplatz gegangen. Der Rancher und seine Gattin aber sitzen in der Kühle der Hotelbar und führen mit einem Herrn aus Denver ein angeregtes Gespräch.

Drei Kinder sitzen artig auf dem Wagen. Constance, die fünfzehnjährige Ranchertochter, ihr Bruder Billy und ein Nachbarkind.

Doch bald wird es den Kindern zu langweilig, nur herum zu hocken und zu warten. Die beiden Knaben beginnen sich als Erwachsene zu fühlen und spielen Postkutschenüberfall.

Es dauert nicht lange, da macht auch Constance mit. Man löst die Zügel und dreht auch an der Bremse und mitten im Spiel greift Billy zur Peitsche.

Die Füchse haben noch nie die Peitsche geschmeckt. Als Billy sie ihnen vor Begeisterung um die Ohren haut, da werden sie wild und rennen los.

Und weil die Kinder schreien, erschrecken die Pferde noch mehr. Sie kommen so richtig in Fahrt. Wie eine wilde Jagd rennen sie die Straße abwärts und diese Straße endet am Friedhof. Dann ist dort der Hang und wo dieser endet, beginnt das freie Land.

Ein paar beherzte Bürger erkennen die heranbrausende Gefahr und da sie rechte Narren sind, fuchteln sie mit den Armen herum, reißen ihre Waffe heraus und versuchen die Tiere mit Schüssen, zu stoppen.

Aber nun reicht es den vier Füchsen gänzlich. Jetzt drehen sie erst recht auf und weil die Menge entsetz zur Seite springt, wird eine breite Gasse frei. Am Galgen vorbei, den steilen Hang hinunter, nehmen die Pferde den Weg in die Prärie.

Aber in jener kleinen Sekunde, da der Wagen am Gerüst des Galgens vorbeischießt, springt Jim von der Plattform in den Kasten des Wagens.

Warum er springt, kann er in diesen Sekunden wohl kaum sagen. Er will die Kinder retten. Aber auch der Gedanke, eine Fluchtmöglichkeit bekommen zu haben, lässt ihn handeln.

Er lässt die Zigarette fallen und macht nur einen Schritt. So, wie jeder Bürger, sehen auch die beiden Henker und der Marshal nur auf das heranbrausende Fahrzeug. Und dann stößt sich Jim schon ab.

Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Menge. Aber sie schreien wohl mehr, weil in diesem Augenblick die Pferde den Hang nehmen.

Jims Körpergewicht gibt den Ausschlag. Der Wagen rollt für Sekunden nur auf zwei Rädern, fällt aber doch zurück und ganz gewiss, weil Jim in der entgegengesetzten Ecke liegt.

Der Wagen ist schon einige Meilen von Central City entfernt, ehe es Jim gelingt, die Tiere unter Kontrolle zu bringen. Er lenkt den Wagen nach Süden, wo, wie ein drohender Finger, der Gipfel des Park Mountain im bläulichen Dunst der Weite, noch zu erkennen ist.

Nur ganz langsam beruhigt er sich selbst. Die Pferde greifen weit aus, der Wagen ist so schnell, dass er es mit jedem Rennen aufnehmen könnte. Und Jim hat einen gewaltigen Vorsprung. Denn ehe die meisten der Bürger und Weidereiter in diesem Durcheinander Pferde, Sättel und Waffen beieinander haben, ist wertvolle Zeit verstrichen.

Heute ist der gewaltige Rancher Carson nicht so schnell mit ein paar Befehlen bei der Hand. Es sind seine Kinder und da muss man schon etwas mehr nachdenken.

Was kann alles geschehen? Würde nicht jeder zum Tode Verurteilte jede Chance nutzen? Mister Carson denkt daran, dass dem Fliehenden die Kinder eine Last bedeuten und er gibt deshalb bekannt, man solle zunächst die Kinder suchen und den Mörder sausen lassen. Ganz bestimmt hocken sie nun allein in der wilden Einsamkeit, bald ist der Tag vorbei und Kinder bekommen Hunger, werden müde und wollen nach Hause.

Drei Gruppen jagen aus Central City, die nur nach den Kindern suchen sollen. Und da es eine unwirtliche Gegend ist, braucht man viel Zeit, um jeden Hang, jede Spalte, jeden Hügel und jeden Busch zu prüfen.

Das alles gibt Jim einen guten Vorsprung. Nach etlichen Meilen lenkt er den Wagen westwärts und hält auf die Berge zu.

 

*

 

Mister Carson und seine Gattin würden diese Nacht ruhig schlafen, ja, wenn sie sehen könnten, wie gut es ihren Kindern geht.

Nach dem überstandenen Schreck und der Angst vor Strafe, sehen sich die drei vorsichtig den Mann an, der die Zügel in den Händen hat und den Wagen sicher über Stock und Stein leitet.

Dann wagt es Billy, sich an den Mann heranzumachen. Er zieht den anderen Jungen und das Mädel nach. Und bald stehen die drei Kinder hinter Jim und lassen sich den scharfen Fahrtwind um die Nasen wehen.

„Haltet euch nur gut fest“, sagt Jim sich umdrehend und lächelt wie ein guter Freund. „Die Pferde müssen sich erst mal richtig auslaufen, ehe es mir gelingt, sie wieder in Richtung Central City zu lenken.“

„Das hat doch Zeit, Mister …“

„Sagt Jim zu mir, denn ich bin euer Freund“, antwortet er den Kindern. „Habt ihr vielleicht Angst, nach Hause zu kommen?“

„Vater ist sehr streng“, entgegnet Constanze und Billy fügt hinzu:

„Ausgerechnet heute kam er von einer Reise zurück. Wenn er morgen gekommen wäre; Mutter sagt ihm nichts, die hält dicht, Jim.“

Doch nun erinnert sich der Jüngste, dass auch er Eltern hat und er denkt dabei an den Stock, den sein Vater immer benutzt. Er ist erst sieben Jahre alt. Jetzt weint er, denn eben lenkt Jim den Wagen ziemlich hart im Bogen nach Süden zurück.

Olly glaubt, jetzt würden sie nach Hause fahren. Aber es ist nur eine sandige Mulde, der Jim ausweichen muss.

Er beruhigt die Kinder, denn schließlich ist er ja auch noch da und er wird mit den Eltern reden. Nein, Olly solle nicht weinen, das könnte man immer noch.

Gegen Abend erreicht Jim mit dem Wagen den East Plum Creek nahe des Castle Rock. Er durchfurtet den Fluss und dringt in ein Gebiet ein, wo der Sand die Landschaft beherrscht.

Doch bald findet er einen günstigen Platz und macht erst einmal Halt. Jim versorgt zuerst die Pferde. Billy und Olly dürfen ihm dabei helfen. Und die beiden tun es gern. Aber dann steht Jim vor dem größten Problem, er kann kein Feuer machen. Zum Glück befindet sich im Wagen noch ein Vesperpäckchen, welches wohl für mittags gedacht war. Da es für Kinder gerichtet wurde, ist es sehr knapp. Aber die drei geben nicht eher Ruhe, bis auch Jim sein Teil nimmt.

Anschließend wäscht Jim den kleinen Olly, und sieht angestrengt in eine andere Richtung, um nicht erleben zu müssen, dass sich Billy und Constance mit einer Katzenwäsche begnügen.

Der Kasten des Wagens dient den Kindern als Bett. Jim legt sich erst viel später abseits in das dürftige Gras und schläft bald darauf ein.

 

*

 

Schon früh ist Jim auf. Er bringt gerade die Pferde an den kleinen Creek und überlegt sich schon, den Kindern die volle Wahrheit zu sagen. Er muss fliehen, aber die Kinder müssen wieder zurück zu ihren Eltern, nur wie?

Da, jetzt hört er es wieder, Hufschlag nähert sich ihrem Camp. Verzweifelt überlegt Jim, wohin er fliehen soll, als aus der Morgendämmerung zwei Reiter auftauchen, die der Spur des Wagens gefolgt waren.

Es sind zwei hartbeinige Burschen, die mit einem Blick feststellen dass Jim ohne jede Waffe ist und dass außer ihm, nur noch drei Kinder anwesend sind.

Sie halten sich stur auf ihren Pferden und sehen uninteressiert zu Jim und die Kinder. Und Billy, der doch überhaupt nicht ahnt, dass Jim eigentlich ein Mörder sein soll und schon unter dem Galgen stand, sagt, kaum, dass er wach geworden ist:

„Vorsicht Jim, das sind zwei Banditen.“

Das weiß er selbst. Aber man sagt so etwas nicht, besonders nicht in einer so aussichtslosen Lage wie hier.

„Banditen?“, lächelt der jüngere der beiden und schwingt sein rechtes Bein über den Sattel. Dann rutscht er hinab und steht so schnell vor Jim, dass dieser nicht einmal reagieren kann, als ihn ein gemeiner Tiefschlag trifft.

„Roy!“

Die Fäuste des Jüngeren sinken herab und wie ein geprügelter Hund geht er zu seinem Pferd zurück.

Nur das eine Wort hat dieser hagere und schon ältere Bandit gebraucht, um den Jüngeren zurückzupfeifen.

Er grinst Jim wie entschuldigend an und lüftet nun seinen Hut.

„Nanu, Mister, gibt es hier kein Frühstück? Kein Feuer und keinen Becher heißen Kaffee? Was sagst denn du, Roy, ist das höflich?“

„Soll ich ihn bestrafen, Boss?“, fragt der Jüngere hellwach und der unstete Blick seiner hellen Augen löst sich von Constance.

„Sie Schuft“, sagt das Mädchen angewidert zu Roy, „für was wollen Sie Jim denn bestrafen? Wir haben selbst Hunger. Aber wir tragen dies Missgeschick mit Würde, Bandit!“

So schnell kann nur noch eine Ratte sein. Der Junge ist einmalig wendig und flink. Er taucht so plötzlich vor Jim auf, dass dieser nur noch eine halbe Drehung schafft. Die in den Magen gezielte Faust fegt ins Leere. Und als er sich wirbelnd dreht, erkennt Jim die einzige Chance. Er springt vor und greift Roy an.

Er trifft den eben zum Stillstand gekommenen Jungen mit zwei raschen Schlägen genau an den Kopf. Aber als Jim den dritten landen will, peitscht ein Schuss auf und die Kugel fährt ihm sengend heiß über die ausholende Hand.

„Stopp, mein guter Gastgeber!“, höhnt der Hagere. „Das ist genug. Roy, wer hatte dir befohlen den Bullen anzugreifen?“

„Bandit?“, kreischt Roy wütend und wischt sich fahrig über den Mund. „Wir sind keine Banditen! Boss, gib mir nur drei Minuten, dann ist er so klein wie ein lausiger Präriehase.“

Aber der Hagere winkt ab. Er betrachtet Jim aufmerksam und sagt dann zu seinem Partner:

„Nachher, Roy. Das hat doch Zeit.“

Und dann fragt er so plötzlich wer die Kinder sind und wie es kommt, dass Jim hier übernachtet, ohne etwas zum Essen dabei zu haben.

Er stellt noch einige Fragen und auch die Kinder beantworten diese mit.

„Central City?“, dehnt der Boss fragend. „Von der Balken-Ranch? Ha, Roy, hast du das gehört? Die Kinderchen sind von der Balken-Ranch. Weißt du noch, wo das ist? Erinnerst du dich, Roy?“

Wie weggeblasen ist das freundlich vorgetäuschte Lächeln. Mit einem Schlag wird der Hagere blass und seine Augen werden hart. Er holt scharf Luft und zischt wütend:

„Los, Roy, mach ihn fertig!“

Der fliegt schon herum und hat seinen Colt in der Faust. Langsam, wie ein angreifender Puma rückt er auf Jim zu und sagt in Erinnerung an böse Prügel, voller Zorn:

Balken-Ranch, ha, wenn ich das höre, dann schmerzen mir alle Glieder, Gejagt haben sie uns, nicht wahr, Boss? Und dann haben sie uns bekommen, ja ich erinnere mich. Aber wir überlebten auch diese Prügel und nun gebe ich sie zurück, jeden Schlag und gleich mit Zinsen, nicht wahr, Boss?“

„Mach es langsam!“, bestimmt dieser nur und steigt endlich von seinem Gaul.

 

*

 

Wenn man Prügel bekommt, so hat man normalerweise immer die Chance, auch seine Fäuste zu gebrauchen. Was diese beiden Banditen aber nun mit Jim machen, steht in keinem Ehrenkodex geschrieben.

Roy, der jüngere der beiden. nimmt nicht seine Fäuste, er schlägt mit dem Colt auf Jim ein oder er gebraucht seine Stiefel. Der ältere, den Roy nur Boss nennt, bedroht Jim mit seiner Waffe, sich nicht zu wehren. Schon wenn er sich abdecken will, rammt der Boss den Lauf seines Colts in Jims Rücken und sagt dann hasserfüllt:

„Lass die Arme unten, Freund, oder ich drücke ab.“

Eine Zeit lang sehen sich die Kinder dieses unfaire Spiel voller Angst an, dann siegt bei ihnen der Zorn und sie kommen angerannt, um Jim vor den gezielten Schlägen zu retten.

In ihrem Zorn sind die Kinder mit gewissen Ausdrücken nicht gerade wählerisch. Da fliegt Roy herum und geht hemmungslos auf die Kleinen zu. Er schlägt sie alle drei, wo er nur treffen kann. Aber sie wehren sich. Und manchen Tritt muss Roy schon einstecken, was seinem älteren Partner großen Spaß zu machen scheint, denn er lacht sich schier tot und sagt kreischend:

„Du, du musst tiefer halten, Roy, du schlägst ja in die Luft.“

Und dann lacht er wieder wild auf. Ohne Übergang hebt er den Colt und schlägt ihn Jim über den Kopf.

„Schluss jetzt, Roy!“, bestimmt er dann und lässt die Kinder gewähren, die sich jetzt um Jim kümmern, nachdem ihr größter Zorn verrauscht ist.

Nicht nur Jim blutet. Billy hat eine böse Platzwunde und Constance hält sich nur noch mit Mühe aufrecht, da ein gemeiner Tritt in den Magen sie traf.

Der Boss schaltet nach diesem grausamen Spiel sofort auf den guten Onkel um und beginnt, die Kinder auszuhorchen.

Etwas später, als Jim wieder bei Besinnung ist, rückt der Boss mit einem Vorschlag heraus. Gerade, wie er es sagt, zeigt Jim, wie ernst seine Lage und die der Kinder ist.

„Steh auf!“, faucht der Boss Jim an. „Los, hoch mit dir! Das war nur zur Begrüßung und weil du von der Balken-Ranch bist.“

Zum Glück schweigen die Kinder und für Jim wird es wohl besser sein, wenn man von ihm glaubt, Reiter auf der Balken-Ranch zu sein.

„Du bekommst einen Auftrag, Freund Jim. Nimm dir eins der Gespannpferde und reite nach Central City.“

„Ich …“, sagt Jim schluckend und holt vorsichtig Luft. Alles an ihm scheint kaputt zu sein und schmerzt gewaltig. Aber er versucht den Worten des Banditen zu folgen.

„Ich verstehe. Ihr wollt Lösegeld?“

„Hörst du Roy? Ja, Jim ist schon ein schlauer Junge, oder? Ja, du bringst dreitausend Dollar und du bringst sie allein! Hast du das auch begriffen, mein Junge? Allein, sagte ich, wenn dir das Leben der Kinder etwas bedeutet. Und noch etwas. Du hast nur zwölf Stunden Zeit.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913811
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (April)
Schlagworte
spuren mörders

Autor

Zurück

Titel: Auf den Spuren eines Mörders