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Das Irrenhaus des Grauens

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Irrenhaus des Grauens

Klappentext:

Roman:

Das Irrenhaus des Grauens

 

Walter G. Pfaus

 

Unheimlicher Roman

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Sergiy Tryapitsyn/123RF, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

 

Von einem Wahnsinnigen erdacht – von einem Dämon in die Tat umgesetzt.

Clair Garden soll zum Opfer eines verfluchten Testaments werden. Auf dem Spiel stehen vier Millionen Dollar, ein Betrag, bei dem so manch einer schwach werden kann. Ihr Gegenspieler: Brad Staiger, ihr nicht sonderlich gemochter Vetter, der die die gleiche Summe erbt.

Es gibt nur einen Haken; um wirklich erben zu können, müssen beide in das Haus der verstorbenen Tante einziehen und dort ihr restliches Leben verbringen. Nichts leichter als das? Weit gefehlt, denn es gibt auch eine Klausel, und die hat es in sich …

Clair passieren fortan unerklärlich schreckliche Dinge, die sie an den Rand des Wahnsinns treiben und zu ihrem völligen Zusammenbruch führen. Auch träumt sie von Dingen, Gestalten, Ereignissen die es nicht geben kann. Sie wird in eine nahegelegen Klinik eingewiesen, wo sie sich anfänglich gut erholt – bis sie eines Tages Laura, ihre Zimmergenossin, tot in ihrem Bett auffindet. Damit nimmt das unfassbare Grauen seinen Anfang. Nichts scheint es aufhalten zu können. Was geht in diesem Haus vor sich, das vorgibt eine Klinik für psychisch Kranke zu sein? Ein dramatischer Kampf zwischen Gut und Böse lässt das Blut in den Adern gefrieren. Wer steckt hinter all diesen Gräueltaten und wer wird am Ende diesen Kampf überleben?

 

 

Roman:

Der Zug kam mit tosendem Lärm und mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.

Claires Augen weiteten sich. Entsetzen zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab sowie Angst und Panik.

Das entfernte Rollen der Räder wurde immer lauter. Die Umrisse der Lokomotive wurden deutlicher, größer, wuchsen langsam aber stetig zum stählernen Ungetüm. Das harte, schlagende Rattern übertönte jetzt fast alle Nebengeräusche. Das schrille Pfeifen der Lokomotive brachte sie fast zum Wahnsinn.

Das Unheil war nicht mehr aufzuhalten.

Claire stand wie erstarrt. Sie wollte sich lösen, wollte wegrennen. Aber sie konnte nicht. Wie hypnotisiert starrte sie auf das Ungeheuer, das immer näher auf sie zukam.

Renn weg!, signalisierte ihr Gehirn. Bleib nicht einfach stehen. Lauf oder wirf dich flach auf den Boden. Aber ihre Beine, ihr Körper gehorchten ihr nicht. Sie war wie gelähmt, so, als ob an ihren Beinen zentnerschwere Bleiklötze hängen würden.

 

*

 

Mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund starrte sie dem nahenden Tod entgegen.

Der Lärm stieg ins Unerträgliche. Er zerrte an ihren Nerven. Ihr Körper zitterte, bebte, wurde von den aufgepeitschten Nerven hin und her geschüttelt.

Noch knapp zehn Meter war der Zug entfernt. Noch fünf. Noch vier. Noch zwei …

Ein markerschütternder Schrei übertönte selbst das schrille Pfeifen.

Und dann trat völlige Stille ein.

Nur das leise, abgehackte Wimmern erfüllte den Raum.

Claire lag am Boden, als zuckendes, zusammengekrümmtes Nervenbündel.

Ihr Wimmern ließ langsam nach. Sie richtete sich zitternd halb auf. Ihr tränennasses Gesicht war immer noch von der ausgestandenen Todesangst gezeichnet.

Sie blickte sich um, stand auf und hielt sich an einem Sessel fest, weil ihre Knie zitterten.

Aber sie konnte nichts entdecken. Das Wohnzimmer war wie immer.

Kein Zug. Kein Pfeifen. Kein Lärm.

Mein Gott, ich bin doch nicht wahnsinnig. Ich habe es doch ganz deutlich vor mir gesehen. Es war eine dieser riesigen, neuen Lokomotiven. Und das Pfeifen und der Krach … Das kann ich mir doch nicht alles eingebildet haben. Der Zug ist ja direkt über mich …

Sie sah an sich hinunter. Keine Schramme, keine schmutzigen Kleider, nichts.

Aber verdammt noch mal, da war doch …

Sie sah sich gehetzt im Wohnzimmer um, rannte von einer Wand zur anderen, suchte, wusste aber nicht, nach was sie suchen sollte. Und sie fand auch nichts.

Was wollte sie eigentlich finden? Einen Zug im Wohnzimmer? Einen fahrenden Zug? Und dazu noch so ein riesiges Ungetüm, das genau auf sie zukam und sie überfahren wollte.

Ich bin ja verrückt. Nichts habe ich gesehen. Überhaupt nichts. Und auch nichts gehört.

Ob Brad …

Aber das ist ja Blödsinn. Wie sollte er einen Zug ins Wohnzimmer zaubern.

Es gibt Filme. Projektoren, die solche Filme in einen Raum projizieren.

Aber dann müsste irgendwo ein Projektor stehen. Sie sah aber keinen. Vielleicht von außen …

Sie öffnete die Tür, suchte den Korridor ab, dann im angrenzenden Zimmer.

Nichts!

Ratlos stand sie im Korridor. Es war unheimlich still. Nur aus dem Wohnzimmer hörte sie das laute Ticken der alten Standuhr. Dazu kam dann noch das leise Quietschen und Knarren im Gebälk des alten Hauses.

Bei jedem Schritt knarrte es unter den Füßen. Aber auch wenn sie ruhig stand und den Atem anhielt, hörte sie es irgendwo im Hause knistern.

Claire erschauerte. Sie schüttelte sich. Dieses verdammte Haus. Sie hatte es nie gemocht. Sie würde auch nie in diesem Haus wohnen, wenn nicht dieses verfluchte Testament wäre, das sie dazu zwang, ihr ganzes Leben lang darin zu verbringen. Ansonsten müsste sie auf vier Millionen Dollar verzichten.

Ihrem Vetter schien es gar nichts auszumachen, in so einer Bruchbude zu wohnen. Er hatte sich sogar darauf gefreut.

Ob er deshalb so entzückt war, weil er wusste, dass ihr dieses Haus unheimlich ist?

Sie dachte an die Klausel im Testament.

 

… sollte einer meiner beiden Haupterben länger als ein Jahr in einer Irrenanstalt zubringen müssen, so ist er enterbt, sein Teil geht auf den anderen über. Dasselbe gilt beim Tod eines der Erben.

 

Umbringen kann er mich ja nicht. Das wäre zu auffällig. Die Polizei würde besonders intensive Nachforschungen anstellen …

Aber beim Wahnsinn …

Plötzlich rannte Claire die knarrende, alte Treppe hinauf. Vor einer Tür verharrte sie. Ihr Atem ging schnell und rasselnd. Dann drückte sie die Klinke nieder.

Brad Staiger saß in einem alten Schaukelstuhl mit hoher Lehne. Zwischen seinen Lippen qualmte eine Zigarette. Auf seinen Knien lag ein Buch.

„Was hat dich denn gebissen?“, fragte er überrascht.

Claire blieb stehen und starrte ihn an.

„Wo warst du? Ich meine, wie lange bist du schon hier in deinem Zimmer?“

„Seit wann kümmert dich das? Bisher …“

„Ich habe dich was gefragt!“, unterbrach sie ihn barsch.

„Ich bin schon seit zwei Stunden hier.“

„Und du hast den Raum nicht verlassen?“

„Nein.“

Claire sah ihn zweifelnd an.

„Sag mal, was hast du denn?“, fragte er lauernd.

„Nichts“, sagte Claire schnell.

Sie ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Über das mädchenhafte Gesicht ihres Vetters zog ein hämisches Grinsen.

Aber das sah Claire nicht mehr. Sie ging mit müdem, schleppendem Gang auf ihr Zimmer und legte sich ins Bett.

 

*

 

Die Ratte war groß und fett und saß genau vor ihrem Gesicht.

Mit einem wilden, spitzen Schrei schoss Claire in ihrem Bett hoch. Panische Angst ließ ihren Körper erzittern. Ekel kroch in ihr hoch.

Die Ratte huschte zum Fußende des Bettes.

Ein zweiter Schrei löste sich von ihren Lippen. Sie zog die Beine an und sprang aus dem Bett.

Im Schein der brennenden Nachttischlampe, sah sie, wie die Ratte versuchte, am Bettgestell hinunterzuklettern.

Aber das Holz war glatt. Sie konnte sich nicht halten, rutschte und fiel mit einem hässlichen Bumms auf die ausgetretenen Dielen.

Claire drückte sich gegen die Wand, streckte die Hände gegen die Decke und schrie mit schreckverzerrtem Gesicht aus Leibeskräften um Hilfe.

Die Ratte schien etwas verwirrt. Sie wusste nicht, wohin sie laufen sollte.

Sie kam auf Claire zu. Die rannte schreiend zur Tür. Die Ratte huschte in dieselbe Richtung.

Claire, der Hysterie nahe, lief wieder zurück und sprang auf ihr Bett.

Sie zitterte wie Espenlaub, hielt sich beide Hände vor den Mund und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf das fette graue Tier, das jetzt unschlüssig von einer Richtung in die andere lief.

Die Tür wurde aufgerissen, und Brad Staiger stolperte über die Schwelle.

„Was ist denn los?“, fragte er bestürzt. „Warum schreist du denn zu nachtschlafender Zeit so herum?“

Die Ratte war inzwischen unter dem Bett.

„Da!“ Claire deutete wimmernd unter das Bett. „Eine Ratte. Sie saß genau …“

Sie krümmte sich zusammen, weinte und hielt sich am Bettgestell fest.

Brad schaltete die Deckenbeleuchtung ein.

„Eine Ratte sagst du?“ Er kam langsam näher. „Aber wie soll hier eine Ratte hereinkommen?“

Er beugte sich hinunter.

„Tatsächlich, da ist sie ja. Na warte, dich werde ich schon bekommen.“

Er sah sich um, erblickte einen Besen, nahm ihn und stocherte damit unters Bett.

Die Ratte huschte hervor und rannte an der Wand entlang zur nächsten Ecke.

Brad schlug nach ihr. Ein kleiner Hocker fiel polternd um. Aber die Ratte hatte er nicht getroffen. Sie verschwand jetzt hinter dem Schrank.

Brad rückte den Schrank ein wenig nach vorn und schlug mit dem Besen blindlings nach ihr.

Ein quietschender Laut ertönte. Das fette, ekelerregende Tier kam wieder hervor. Brad trat nach ihm. Er verfehlte es und schlug sofort mit dem Besen nach. Diesmal traf er.

Mit einem hässlichen Quieken blieb die Ratte liegen. Blut spritzte aus ihrem Kopf. Ihre krallenartigen Beine zuckten.

Noch ein weiterer Schlag, das Geräusch von brechenden Knochen war zu hören, dann war das Tier tot.

Claire, die bis jetzt die Jagd mit angstverzerrtem Gesicht verfolgt hatte, wandte sich nun ab. Sie würgte und musste sich übergeben.

Brad stellte den Besen weg, packte die tote Ratte am Schwanz und hob sie hoch.

„So“, sagte er, „ich hoffe, du kannst nun schlafen. Sie wird dich nicht mehr stören.“

Er trug die Ratte triumphierend zur Tür.

„Gute Nacht, meine liebe Base“, ergänzte er noch. Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss.

Claire zitterte noch immer. Vom Grauen gepackt saß sie auf ihrem Bett und wischte sich über das Gesicht. Es war weiß wie eine kalkige Wand.

Dann stand sie abrupt auf und verließ fluchtartig das Zimmer.

Das Haus war alt, aber riesengroß. Im oberen Stockwerk befanden sich sieben Schlafräume.

Claire ging auf wackelnden Beinen ins letzte Zimmer auf der Südseite.

Es war mit alten, aber noch gut erhaltenen Möbeln ausgestattet. Ein dicker, flauschiger Teppich umrahmte das Doppelbett.

An den Wänden hingen viele Bilder, auf denen Claires Vorfahren in Öl verewigt waren. Aber nur Frauen waren abgebildet. Und alle waren alt, hässlich und runzlig. Keine von ihnen war auch nur im Mindesten hübsch.

Eine Ahnengalerie im Schlafzimmer, in der die Hässlichkeit Trumpf war.

Den wohl furchterregendsten Eindruck machte das Bild über dem Bett. Auf ihm war die kürzlich verstorbene Meta Garden abgebildet. Von ihr hatten Brad und Claire je vier Millionen Dollar geerbt.

Claire starrte auf das Bild – und spuckte es an.

„Du alte Hexe“, zischelte sie. „Du konntest uns nicht normal erben lassen. Du musstest unbedingt noch eine deiner verrückten Ideen ins Testament bringen. Ich hasse dich. Ich …“

Und dann merkte sie, dass sie nur mit einem Bild sprach. Sie verstummte, zog das Nachthemd über den Kopf und ging nackt über den Korridor ins Bad.

Das Bad war groß. Es hatte drei durch Plastikvorhänge abgeteilte Duschen und zwei Badewannen.

Claire ging in die erste Duschkabine und drehte den Warmwasserhahn auf. Das auf sie niederprasselnde Wasser tat ihr gut. Sie wechselte von warm auf kalt, erschauerte beim kalten Wasser und gab wohltuende, stöhnende Laute beim warmen Wasser von sich. Sie spürte, wie ihre Lebensgeister in ihren Körper zurückströmten.

Durch das Rauschen der Dusche hörte sie nicht die plumpen, tapsigen Schritte im Bad. Sah nicht, wie sich die affenähnliche Gestalt in die zweite Duschkabine zwängte.

Claire hatte die Augen geschlossen. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, das Wasser rieselte au f ihr Gesicht und ihre vollen Brüste.

Plötzlich wurde der Plastikvorhang zur Seite geschoben, und zwei stark behaarte Hände mit leicht gekrümmten, krallenartigen Fingern kamen zum Vorschein.

Sie tasteten nach ihr. Die Hände berührten ihren Körper, streichelten über ihren Busen, wanderten weiter zu ihrem Hals.

Die erste Berührung nahm Claire noch gar nicht richtig wahr. Als der Griff etwas fester wurde, versuchte sie es als etwas Lästiges abzutun ohne hinzusehen.

Dann spürte sie die Haare. Sie erstarrte. Ein Schrei löste sich von ihren Lippen. Blitzschnell drehte sie sich um.

Sie sah in das Gesicht eines Dämons.

Die teuflische Fratze mit den großen, weit abstehenden Ohren und dem Pferdegebiss, mit den übergroßen Eckzähnen, ließen ihren Schrei ersticken.

Mit einem leisen Seufzer fiel sie ihn Ohnmacht.

 

*

 

„Du solltest einen Arzt aufsuchen“, sprach Brad zu der noch immer leicht verwirrten Claire.

„Nein.“

„Aber es wäre besser für dich.“

„Nein.“

Brad zuckte mit den Schultern. Er schenkte ihr Kaffee ein, schnitt ein Brötchen auseinander und reichte es ihr.

Claire belegte es zitternd mit Wurst, hob die Kaffeetasse und führte sie an ihren Mund.

Aber sie zitterte so stark, dass sie den Kaffee verschüttete. Das heiße Getränk verbrühte ihre nackten Schenkel. Vor Schreck ließ sie die Tasse fallen. Sie zerbarst klirrend auf dem Boden.

Brad stand langsam auf.

„Jetzt rufe ich aber doch den Arzt an“, meine er zu ihr. „Du kannst ja nicht mal die Tasse halten.“

„Ich will keinen Arzt“, keifte Claire schrill.

„Aber Mädchen, du bist doch krank. Deine Nerven sind – milde ausgedrückt – nicht gerade die Besten.“

„Ich bin nicht krank. Ich bin gesund wie du. Vielleicht ein bisschen durcheinander, das ist alles.“

„Ein bisschen durcheinander?“ Brad lachte auf. „Wenn du das, was du mir heute Nacht erzählt hast, einem Arzt sagst, dann schickt der dich sofort in ein Irrenhaus.“

„Ich bin nicht verrückt!“, schrie Claire ihn an.

„Das habe ich doch auch nicht behauptet.“ In Brads Augen glomm ein kleines Feuer. Sonst blieb sein Gesicht völlig unbewegt.

Claire sagte, um Fassung bemüht:

„Mir fehlt überhaupt nichts, im Gegenteil. Ich habe etwas zu viel: dich! Wenn du tot bist, geht es mir wieder glänzend. Ich bin sicher, dass du für alles, was mir gestern Abend und heute Nacht passiert ist, verantwortlich bist.“

Brad grinste sie spöttisch an.

„Natürlich, ich bin dafür verantwortlich, dass du spinnst. Dass ich nicht lache. Am Ende habe ich noch in der Lokomotive gesessen, die dich überfahren hat.“ Brads Worte trieften vor Hohn. „Vielleicht bin ich auch in das Gewand des Dämons geschlüpft. Oder ich bin Dr. Jeckill“

Er lachte schallend und schlug sich dabei auf die Oberschenkel.

Claire lachte nicht. Wilder Hass verzerrte ihr schönes Gesicht. Sie stürzte sich auf Brad, wollte ihm mit ihren langen Fingernägeln das Gesicht zerkratzen.

Brad fing sie spielend ab, packte sie an den Handgelenken und drehte ihre Arme nach außen.

Claire biss ihn in den Unterarm und trat mit ihren Schuhen nach seinen Schienbeinen.

Das Lächeln verschwand von seinen Lippen. Er wurde wütend. Mit beiden Händen griff er nach ihrem rechten Arm und drehte ihn auf ihrem Rücken so lange nach oben, bis das Mädchen schmerzgeplagt aufschrie.

„Lass mich los, du Bestie! Lass mich sofort los!“

„Ich habe es nicht gern, wenn man nach mir tritt. Und beißen habe ich auch nicht gern. Merk dir das fürs nächste Mal. Klar?“

Er gab sie frei.

Claire massierte ihren Arm und entgegnete wütend:

„Du hättest ihn mir fast gebrochen.“

„Sicher doch, Baby. Das sollte dir eine Lehre sein. Wenn du wieder einmal derartige Anwandlungen bekommst, dann breche ich dir den Arm wirklich.“

Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm mit der linken Hand ihr Brötchen und biss hinein.

Zweifelnd sah sie Brad nach, der ihr aus der Küche eine neue Tasse holte.

Ob er wirklich nichts damit zu tun hat? Fragte sie sich im Stillen.

Er hat etwas damit zu tun. Ich kann mir das unmöglich alles eingebildet haben.

Oder doch?

Aber ich habe doch ganz deutlich diese furchtbaren Hände auf meinem Körper gespürt. Ich spüre sie noch immer.

Sie zog fröstelnd ihre Schultern zusammen, als sie an die teuflische Fratze dachte.

Brad kam mit einer neuen Tasse zurück, stellte sie vor Claire auf den Tisch und schenkte ihr Kaffee ein.

„Wenn du diesmal trinkst, dann halte sie bitte mit beiden Händen“, gab er ihr, mit leichtem Zorn in der Stimme zu verstehen.

Er kann es nicht gewesen sein, dachte Claire. Er ist viel kleiner als dieses dämonenhafte Wesen … Außerdem sind seine Hände zart und völlig unbehaart. Genau wie sein Gesicht. Er hat kaum einen Bart, trotz seiner achtundzwanzig Jahre. Und er ist klein und schlank.

Aber wer soll es sonst gewesen sein?

„Was starrst du mich so an?“, bluffte er noch immer leicht zornig.

„Ich überlege mir gerade, wo du den Affenpelz versteckt hast.“

„Du bist also immer noch der Meinung, dass ich dir diesen Schrecken eingejagt habe?“

„Ja.“

„Nun hör mir bitte mal gut zu, mein altes Mädchen.“

„Ich bin nicht dein altes Mädchen!“, brauste Claire auf.

„Na gut, entschuldige bitte. Ich meinte es nicht so.“ Er nahm einen Schluck Kaffee.

„Gehen wir nochmals alles der Reihe nach durch; Du hast mir von dem Zug im Wohnzimmer erzählt und dass du dann in mein Zimmer gekommen bist. Ich aber kann mich nicht daran erinnern, dass du gestern auf meinem Zimmer warst.

Weiter hast du mir erzählt, eine Ratte wäre in deinem Schlafzimmer gewesen, genau vor deiner Nase, und ich hätte sie dann totgeschlagen. Ich habe dir vorher schon erklärt, dass ich in meinem ganzen Leben noch keine Ratte totgeschlagen habe. Und das stimmt.

Dann das mit deinem Affen oder was es auch sonst war. Du sagtest, es wäre beim Duschen gewesen. Du warst nicht beim Duschen. Und du warst auch nicht in Tante Metas Schlafzimmer. Du hast in deinem Bett geschlafen!“

„Aber …“

„Kein aber! Als ich dich heute Morgen wecken wollte, hast du laut geschrien und bist aufgewacht. Du hast das alles nur geträumt. Hörst du, du hast das geträumt.“

Claire schüttelte nur stumm den Kopf.

„Ich kann das einfach nicht glauben“, hauchte sie verzweifelt. „Es war alles so wirklichkeitsnah.“

„Träume sind eben manchmal so.“

„Aber die Hände mit diesen Krallen, ich spüre sie noch immer an meinem Körper.“

„Denk einfach nicht mehr daran. Wir wollen es vergessen, ja? Solche Träume sollte man immer schnell vergessen.“

Claire nickte stumm. Mehr und mehr glaubte sie, was Brad sagte. Es klang alles so einleuchtend.

Sie hob wieder die Tasse an ihren Mund und trank. Diesmal zitterte sie nicht.

 

*

 

Die kleinen Schlangen ringelten sich um ihre Beine und um ihre Arme. Die größte der Schlangen lag ganz ruhig um ihren Hals. Eine weitere wand sich über ihr Gesicht.

Claire öffnete die Augen und sah zuerst noch gar nichts. Ein Schlangenkörper lag genau über ihren Augen. Die schleifenden Bewegungen auf ihrer Haut waren kaum spürbar.

Sie bewegte ihre Beine, zog sie an ihren Körper und merkte, dass etwas nicht stimmte.

Sie richtete sich ein Stück auf. Die kleine Schlange auf ihrem Gesicht rollte weg. Die größere blieb an ihrem Hals hängen. Sie rutschte lediglich ein Stück ab.

– Und dann sah Claire, was um sie herum war.

Der Schrei, der sich ihrer Kehle entrang, ließ einem das Blut in den Adern gefrieren.

Sie saß mitten in einem flachen Korb, der mit Stroh ausgefüllt war. Um sie herum lauter sich windende Schlangen. – Große und kleine.

Sie schrie – weinte und zitterte. Ein eisiger Schauer nach dem anderen jagte über ihren Rücken. Ekel stieg in ihr hoch. – Und Angst, panische Angst.

Dann schoss sie plötzlich hoch und schüttelte die Schlangen einfach von sich ab.

Mit dem Ausdruck des Entsetzens und spitzen Fingern griff sie nach der Schlange um ihren Hals, weil diese sich nicht abschütteln ließ.

Jeden Moment rechnete sie damit, dass die Schlange zuschnappen würde. Sie könnte sich in ihren Hals festbeißen und in wenigen Minuten ihren Tod herbeiführen.

Aber die Schlange biss nicht. Sie ließ sich einfach nur widerwillig von ihrem Platz vertreiben.

Claire zog sie mit einem Ruck weg und warf sie zu Boden. Sie schüttelte sich und fing an zu weinen.

Sie sprang aus dem Bett, rannte zur Tür, riss diese auf und stürmte aus dem Zimmer. Dabei zog hinter sich die Tür hastig ins Schloss und drehte den Schlüssel um.

Sie hastete den Gang entlang und schrie mit bebender Stimme nach Brad. Doch der war nirgends zu sehen.

Sie lief die Treppe hinauf und riss alle Zimmertüren auf.

Von Brad keine Spur …

Von Weinkrämpfen geschüttelt, ließ sie sich am oberen Treppenabsatz zu Boden sinken. Ihre Hände hielten das Treppengeländer umspannt.

Und dann kam Brad Staiger angelaufen. Er kam von draußen, rief nach ihr und sah sie tränenüberströmt auf der Treppe sitzen.

„Mein Gott, Claire, was ist denn nun wieder passiert?“ Er eilte zu ihr, legte den Arm um ihre bebenden Schultern. „Claire, was ist los? Was hast du? – Sprich mit mir!“

Claire konnte lange Zeit überhaupt nichts sagen. Sie zitterte und bebte, brachte jedoch kein Wort hervor.

Brad half ihr hoch und brachte sie in ihr Zimmer und legte sie aufs Bett.

„Nun erzähl mal, mein Kind.“ Seine Stimme klang schmalzig und hörte sich an, als spräche ein Vater zu seinem kranken Kind. „Was war es denn diesmal? War es wieder der Hund?“

Claire schüttelte schluchzend den Kopf.

„Der Tiger?“

Wieder Kopfschütteln.

„War es vielleicht wieder Dracula?“

Brad grinste gemein.

„Es war – es waren Schlangen.“

„Schlangen?“ Brad schüttelte ungläubig den Kopf. „Wo?“

„Unten.“

„Zeig sie mir.“

Claire hatte sich wieder etwas beruhigt, erhob sich und ging, zusammen mit Brad, die Treppe hinunter.

Vor der abgeschlossenen Tür blieb sie stehen.

Brad Staiger schloss auf und ging hinein. Wenige Sekunden später kam er zurück.

„Wo sind die Schlangen?“

„In dem Korb.“

„Hier ist aber kein Korb.“ Brad sah sie an und nickte vor sich hin.

„Aber es war doch …“

Claire riss ihm die Tür aus der Hand und schoss ins Zimmer.

Dort gab es keinen Korb und erst recht keine Schlangen.

„Nein!“ Claire schlug sich die Hände vors Gesicht. Sie fing erneut an zu zittern. „Ich habe sie doch deutlich gesehen. Ich habe sie gespürt. Sie bewegten sich auf mir, schlangen sich um meinen Hals.“

Brad wandte sich langsam zu ihr um.

„Ich werde nun nicht mehr länger zusehen“, sagte er. „Du brauchst einen Arzt.“

„Nein!“ Claire rannte auf ihn zu und hielt ihn zurück. „Bitte keinen Arzt. Er wird mich wegbringen, in ein Irrenhaus. Und das willst du doch, nicht wahr? Das willst du doch?“

„Ich will gar nichts. Ich tue nur, was sein muss. Du bist krank und brauchst einen Arzt.“

„Ich bin nicht krank!“ Claire packte ihn verzweifelt mit beiden Händen am Hemdkragen. „Du hast die Schlangen wieder weggebracht. Nicht wahr, du warst es?“

Brad grinste spöttisch.

„Kannst du mir sagen, wie ich das gemacht haben soll?“

„Während ich nach dir suchte, hast du sie verschwinden lassen.“

„Aber du hast doch gesehen, dass ich von draußen kam. Wie hätte ich es also anstellen sollen?“

„Du bist durchs Fenster geklettert.“ Ihre Stimme war mittlerweile schrill – verzweifelt.

Brad griff nach ihren Händen und nahm sie langsam von seinem Hemd weg.

„Es gibt eine Menge Leute, die bezeugen können, dass ich in der Stadt war“, erwiderte er abweisend.

„Um die Schlangen durch das Fenster hinauszubringen, brauchst du höchstens zwei Minuten.“

„Draußen im Auto sitzt Mary. Sie wird bezeugen können, dass ich sofort ins Haus gelaufen bin.“

„Mary ist eine Hure“, stieß Claire erregt hervor. „Sie ist deine Geliebte und wird immer das tun, was du von ihr verlangst. Schließlich lebt sie von deinem Geld.“

„Mary ist ein anständiges Mädchen“, widersprach Brad leise. Aber in seinen Augen blitzte es gefährlich auf. „Ich werde nicht zulassen, dass eine Verrückte, wie du, sie beschimpft.“

Langsam holte Brad aus und schlug sie ins Gesicht. Und dann noch einmal.

Claire schlug zurück. Sie kratzte und biss und schrie. Blut lief ihr aus Mund und Nase. Aber sie achtete gar nicht darauf. Sie gebärdete sich wie eine Wahnsinnige.

Brad hatte diesmal Mühe, sie abzuwehren. Sie entwickelte enorme Kräfte, und er konnte nicht verhindern, dass sie ihm das Gesicht zerkratzte und ihm ein Büschel Haare ausriss. Ihre Schuhspitze traf ihn schmerzhaft am Schienbein.

Doch dann bekam er sie endlich in den Griff. Er umschlang sie von hinten und presste ihre Arme eng an den Körper.

„Hör zu“, sagte er japsend. „Wenn du nicht sofort aufhörst, dann schlage ich dich zusammen.“

Claire schien es gar nicht gehört zu haben. Sie trat weiter mit den Füßen nach ihm.

Da schlug Brad, weil er keine andere Möglichkeit mehr sah, kurzerhand so zu, dass ihr Widerstand gebrochen wurde und sie in sich zusammensackte.

Brad ließ sie zu Boden gleiten.

„Ich dachte schon, du wirst mit ihr überhaupt nicht fertig“, sagte eine verführerische Stimme neben ihm.

Es war Mary. Er hatte sie gar nicht kommen hören.

„Sie ist verdammt zäh“, sagte Brad keuchend und wischte sich über das Gesicht. Es brannte wie Feuer, und er stöhnte laut auf.

„Sie hat dich ganz schön zugerichtet.“

„Das wird sie mir büßen.“

Er verzog schmerzhaft das Gesicht, als Mary die Kratzspuren mit einem weißen Taschentuch betupfte.

Dann sagte er, mit aufgebrachter Stimme:

„Jetzt mache ich Schluss mit ihr. Ich habe genug. Jetzt ist sie endgültig reif.“

 

*

 

Sie stand völlig starr da, war überhaupt nicht fähig, einen Schritt zu tun. Und trotzdem kam der Abgrund immer näher.

Sie hörte das Rollen und Poltern von Steinen. Dumpf schlugen die Gesteinsbrocken unten auf.

Auf der anderen Seite des Abgrunds sah sie Steinböcke auf den Felsen herumspringen, die das Rollen der Steine verursachten.

Das Aufschlagen der Steine hallte laut in die Stille dieser Steinwüste.

Der Abgrund kam noch immer unaufhaltsam näher. Claire wich zurück.

Aber bei jedem Schritt, den sie zurückging, sah es so aus, als würde sie vorwärtsgehen.

Der Rand des Abgrunds kam in greifbare Nähe.

Ihre Augen weiteten sich immer mehr. Sie wollte sich umdrehen und davonrennen. Aber da bekam sie plötzlich einen Stoß in den Rücken.

Mit einem fürchterlichen Schrei stürzte sie.

Sie fiel nicht weit. Bebend fand sie sich auf dem Fußboden des Wohnzimmers wieder.

Der Abgrund war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Es gab keine Berge und Steinböcke. Kein Hallen von aufschlagenden Steinen. Nur das Wohnzimmer.

Claire sah sich am Boden sitzend um. Um sie herum war alles still. Niemand befand sich in ihrer Nähe.

Und doch hatte Claire das Gefühl, als würde sie beobachtet. Es muss jemand da sein. Sie hatte einen Stoß in den Rücken bekommen. Ganz sicher. Das konnte sie sich unmöglich eingebildet haben. Sie spürte es ja noch immer.

Aber sie konnte niemanden entdecken.

Langsam richtete sie sich auf und versuchte, mit wackligen Knien einen Sessel zu erreichen.

Doch so weit kam sie nicht.

Wie aus dem Nichts tauchte eine Gestalt, die sie erstarren ließ, vor ihr auf.

Dracula!

Das teuflische Gesicht mit den abstehenden Ohren und den mordlüsternen Augen ließ ihren Herzschlag stocken. Aus seinem Mund mit den beiden überlangen Schneidezähnen drang ein tierisches Grunzen.

Er hob die Hände an. Sein Kopf kam ihr immer näher. Eisige Schauer jagten in schneller Folge über ihren Rücken. Abwehrend hob sie ihm die Hände entgegen.

Und dann war er wieder verschwunden, genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Claire brach der Angstschweiß aus. Ihre Kehle schien ihr wie zugeschnürt und völlig trocken.

Kaum war das Bild verschwunden, hörte sie eine unheimliche Flüsterstimme.

„Du wirst mein Geld nicht bekommen, hihihi!“ Die Stimme wurde etwas lauter. „Ich wusste schon immer, dass du verrückt bist. Deshalb auch die Klausel in meinem Testament.“

Ein hohes, hysterisches Gekicher folgte.

Claire drehte sich im Kreise. Sie konnte nicht ausmachen, woher die Stimme kam. Es schien, als käme sie aus allen Ecken – vor ihr, neben ihr, hinter ihr. Überall war dieses Kichern, das langsam anschwoll.

Sie hielt sich die Ohren zu und rannte zur Tür. Die war abgeschlossen!

Entsetzen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ein irrer Glanz lag in ihren Augen.

Dann brach das Gelächter abrupt ab.

Claire stand mit dem Rücken zur Wand und tastete sich daran entlang.

Die eingetretene Stille wurde von einem schrillen und lauten Pfeifen unterbrochen. Der grelle Pfeifton drang ihr durch Mark und Bein. Ihre Trommelfelle schienen zu platzen und ihre schon überstrapazierten Nerven begannen zu flattern. Sie zitterte und bebte, bedeckte das Gesicht mit den Händen und hielt sich wieder die Ohren zu.

Aber es half alles nichts, im Gegenteil.

Das Pfeifen schien immer lauter zu werden, unerträglich lauter.

Sie rannte davon, zur nächsten Tür. Doch die war ebenfalls verschlossen!

Claire war eingesperrt.

Das Pfeifen verstummte plötzlich. Dafür hörte sie das gefährliche Knurren eines Hundes.

Und dann sah sie ihn, so groß wie ein Kalb, mit gefletschten Zähnen und triefenden Lefzen.

Sie kannte ihn bereits. Er war schon einmal hier, wollte sie anspringen, aber dann – war er plötzlich weg.

So auch diesmal. Er sprang genau auf sie zu, Claire warf sich wimmernd zu Boden.

Doch sie spürte keinen Hund auf sich. Nichts. Auch das Knurren war weg.

Sie hob ihr tränennasses Gesicht und sah genau in das grelle Licht eines Scheinwerfers.

Und dann war da wieder die Stimme.

„Du bist wahnsinnig Claire, du bist wahnsinnig! Hihihi!“

Das Gelächter schwoll an. Dazwischen immer wieder das schrille Pfeifen und das Fauchen einer Wildkatze. Und diese Stimme. Alles auf einmal … Sie schlug ihre Hände über den Kopf zusammen.

Aufhören! Claire hatte es hinausschreien wollen. Aber ihre Stimme versagte. Sie ging im tosenden Lärm völlig unter.

Der Scheinwerfer wechselte die Farbe.

Grün. Rot. Blau. Dann drei Farben auf einmal.

Und immer noch das schrille Pfeifen sowie das laute, hämische Gelächter, das nicht mehr enden wollte.

Claire wälzte sich auf dem Boden, hämmerte mit den Fäusten auf das Parkett und blieb schließlich mit einem Nervenzusammenbruch auf dem Boden liegen.

Brad erschien in der Tür. Er grinste gemein und böse.

Dann ging er zum Telefon.

 

*

 

Die dunkle, vermummte Gestalt, die hinter der Hecke saß, beugte sich ein wenig vor. Seit fast einer Stunde starrte sie nun schon auf das vierstöckige Wohnhaus. Nach und nach gingen dort die Lichter aus. Doch die Gestalt verharrte noch immer völlig regungslos in ihrem Versteck.

Als kurz nach Mitternacht auch das letzte Licht ausging, hieß es nochmals warten.

Die Gestalt wartete geduldig. Sie schien viel Zeit zu haben – und Geduld, schier endlose Geduld.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Null Uhr dreißig. Jetzt könnte es gehen.

Die Gestalt erhob sich langsam.

Ein weiter, langer Umhang umflatterte ihren Körper und ließ nicht erkennen, ob es sich um eine weibliche oder männliche Person handelte. Auch konnte man nicht feststellen, ob sie dick oder dünn war. Das Gesicht war mit einer schwarzen Tuchmaske verhüllt. Aus zwei schmalen Schlitzen starrte ein graugrünes Augenpaar, in dem es gefährlich glitzerte.

Wie ein lautloser Schatten huschte sie jetzt über den Hof. Ihre Gummischuhe verursachten nicht den geringsten Lärm.

An der Hausecke hielt sie an, spähte hinüber. Nichts zu sehen. Weiter. Zur nächsten Ecke, zur Hintertür.

Sie war offen.

Ohne Licht zu machen ging die vermummte Gestalt durch den Keller. Sie schien jede Ecke, jede Tür und jede Unebenheit auf dem Kellerboden zu kennen.

Zielsicher ging die Gestalt zur Treppe, stieg hinauf und öffnete leise die Tür. Diese quietschte etwas – nur ganz leise.

Sie verharrte einen kurzen Moment. Aber es blieb alles still, im Haus.

Sie drückte die Tür nicht wieder ins Schloss, sondern lehnte diese nur leicht an.

Dann stieg die dunkle Gestalt eine weitere Treppe hinauf. Die Dielen knarrten leicht, sie blieb ein paarmal stehen und lauschte. Doch im Haus rührte sich nichts.

Und dann stand sie vor der Tür …, zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn vorsichtig ins Schloss.

Die Tür war der einzige schwache Punkt in dem Plan. Wenn der Schlüssel von innen steckte …

Aber er steckte nicht, und die Tür ließ sich völlig geräuschlos öffnen.

Die Gestalt trat lautlos ein, zog leise die Tür hinter sich zu und ging zielbewusst auf eine der drei Türen im Korridor zu.

Es war das Schlafzimmer.

Mit dem wehenden Umhang ging die Gestalt zum Bett hinüber, hob die Decke am Kopfende an und schlug mit einem Gummiknüppel kräftig zu.

Ein leises Ächzen war zu hören. Dann trat wieder Stille ein.

Der Vermummte zog eine Drahtschlinge unter dem Umhang hervor und legte sie dem Bewusstlosen, von dem nur ganz schwach die Konturen erkennbar waren, um den Hals.

Dann zog er mit einem Ruck zu.

Sein Atem wurde lauter und hektischer. Es machte ihm Spaß, die Schlinge zuzuziehen, so fest es ging.

Nach einigen Minuten ließ er los. Einen kurzen Augenblick schwebten seine behandschuhten Hände über dem Kopf des Toten. Sie zitterten leicht, öffneten sich zu Krallen, als wollten sie nochmals an den Hals des Ermordeten.

Dann aber löste er die Schlinge. Vorsichtig verstaute er sie in der Innentasche seines Umhanges.

Dann begann er mit einer seltsamen Prozedur. Er balsamierte die Leiche ein.

Nach zwei Stunden harter Arbeit hatte er es geschafft. Er ging ans Fenster, öffnete es und griff nach dem Seil, das dort hing.

Es war ein Flaschenzug, der an der Giebelseite des Hauses befestigt war. Alle Häuser in dieser Gegend hatten einen Flaschenzug an der Giebelseite.

Unter seinem Umhang zog der Vermummte ein Seil hervor, band es um die Mumie und hängte den Haken des Flaschenzuges im Seil ein.

Obwohl die Mumie relativ klein war, hatte die Gestalt in dem weiten schwarzen Umhang sichtlich Mühe, sie auf; die Fensterbrüstung zu heben.

Nach einer Weile, die der Gestalt wie eine Ewigkeit erschien, schaffte sie es doch. Langsam ließ sie die Mumie am Flaschenzug hinunter.

Die Rolle quietschte leise. Aber es schien die vermummte Gestalt nicht zu stören. Sie ließ die Mumie ab, bis sie unten angelangt war.

Dann ging die Gestalt, wie ein Schatten, den Weg zurück, den sie gekommen war, schloss die Wohnungstür wieder ab und ging durch den Keller ins Freie.

Die Mumie lag noch immer dort. Sie hängte den Haken aus und zog den Flaschenzug wieder hoch. Dann packte die Gestalt die Leiche, hob diese ein wenig an und zog sie vorsichtig, um nicht allzu viel Lärm zu verursachen, hinter das Gebüsch. Von dort aus weiter zu dem in der Nähe geparkte Auto.

Wiederum kostete es ihr einige Mühe, die Leiche hochzuhieven und im Kofferraum unterzubringen.

Es klappte nicht …

Der Kofferraum war zu klein.

Ein leiser Fluch löste sich von ihren Lippen.

Sie zerrte die Mumie wieder heraus und verfrachtete sie auf dem Rücksitz.

Dann klopfte sie sich aufatmend die Hände ab, drückte Tür und Kofferraumklappe zu, setzte sich hinters Steuer und fuhr ohne Licht los.

 

*

 

Professor Goddard saß an seinem Schreibtisch, den Kopf auf beide Hände gestützt. Vor ihm lag eine Akte.

Es klopfte.

„Herein!“, sagte er, ohne aufzusehen.

Eine schwarzhaarige Frau mit braunem Gesicht und großem Busen kam herein.

Sie trug eine weiße Kleiderschürze.

„Sie ist jetzt da, Herr Professor“, teilte sie ihm mit.

„Wer?“

„Na, Sie wollten doch Miss Garden sprechen.“

„Ach ja, natürlich. Schicken Sie sie herein!“

Claire Garden trat über die Schwelle. Sie war sehr blass und auffallend ruhig.

Unschlüssig blieb sie mitten im Raum stehen.

Die Schwarzhaarige zog die Tür hinter sich zu, als sie den Raum verließ.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz“, wies der Professor sie freundlich an. Er deutete auf einen schwarzen Ledersessel vor seinem Schreibtisch.

Claire setzte sich.

„Ich habe gerade Ihre Krankengeschichte vor mir liegen“, begann der Professor. „Sie machen gute Fortschritte. Wenn es so weitergeht, kann ich Sie in drei bis vier Wochen wieder nach Hause lassen.“

Er wartete auf eine Reaktion von Claire Garden. Aber sie blieb völlig ruhig. In ihrem Gesicht zuckte kein Muskel. Nur der matte Glanz in ihren Augen verschwand und machte einem schwachen Leuchten Platz.

„Ich hatte selten einen Patienten, der so schnell wiederhergestellt war wie Sie. Wissen Sie, wie lange Sie hier sind?“

Claire schüttelte den Kopf.

„Es sind jetzt genau acht Wochen. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit Ihnen.“

„Sie haben sich mit mir auch sehr viel Mühe gegeben“, hauchte Claire.

„Ich gebe mir mit allen meinen Patienten sehr viel Mühe.“ Der Professor räusperte sich. „Ihr Vetter war äußerst umsichtig. Es war richtig von ihm, Sie sofort zu mir zu bringen.“

„Es war nicht mein Vetter, der mich herbrachte.“ Claires Gesicht verfinsterte sich.

„Natürlich war es nicht Ihr Vetter, da haben Sie recht“, lenkte der Professor sofort ein. „Aber sicherlich geschah es auf seine Veranlassung hin.“

Claire schwieg.

„Da sich Ihr Vetter noch nicht sehen ließ“, fuhr Professor Goddard fort, „habe ich ihm eine Nachricht zukommen lassen. Ich ließ ihm mitteilen, dass er in drei bis vier Wochen mit Ihrer Rückkehr rechnen kann.“

Über Claires Gesicht zog ein dunkler Schatten, und sie wurde noch um einen Schein blasser.

Der Professor merkte es.

„Sie sind doch damit einverstanden?“, fragte er vorsichtig.

„Sicher, Herr Professor, sicher.“

Aber es klang nicht sehr überzeugend, eher etwas ängstlich. Claire presste die Lippen zusammen. Ihr Mund war nur noch ein schmaler Strich.

„Sie haben immer noch Angst vor Ihrem Vetter“, sagte Professor Goddard.

Claire zwang sich zu einem Lächeln.

„Aber nein“, antwortete sie. „Ich habe keine Angst mehr vor ihm. Das ist vorbei.“

„Aber sie hatten Angst? Sie fühlten sich verfolgt? Sie glaubten, er wolle Sie umbringen?“

Der Professor beobachtete sie genau.

„Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte und ob ich mich verfolgt fühlte.“ Sie lächelte noch immer. „Jedenfalls, seit ich bei Ihnen bin, fühle ich mich ausgesprochen wohl. Das macht sicher auch die Ruhe hier.“

Professor Goddard nickte befriedigt.

„Es freut mich, dass es Ihnen bei mir gefällt.“ Er betrachtete sie eingehend. „Wenn Sie gern noch einige Tage länger hierbleiben wollen, dann geben Sie mir Bescheid. Ansonsten werde ich veranlassen, dass Ihr Vetter Sie in spätestens vier Wochen abholt.“

Claire nickte und stand auf.

Der Professor rief nach der Schwarzhaarigen.

Sie kam herein. Bei näherer Betrachtung konnte man feststellen, dass sie vielleicht Anfang Dreißig und sehr stark geschminkt war.

Sie begleitete Claire in ihr Zimmer.

Vor ihrer Tür blieb Claire plötzlich stehen. Eine Pflegerin hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie war schlank und mittelgroß und hatte dunkles, volles Haar.

Langsam kam sie den Gang herunter. Sie sah Claire Garden überhaupt nicht an, blickte zum Boden, hatte beide Hände in den Schürzentaschen und verschwand dann in einem Raum.

„Wer ist die Frau?“, fragte Claire leise.

„Eine Pflegerin.“

„Wie lange ist sie hier?“

„Seit Montag.“

Heute ist Mittwoch, überlegte Claire. Also ist sie erst seit zwei Tagen im Haus.

„Wann haben Sie meinem Vetter geschrieben?“, fragte sie.

„Was hat das …“

„Bitte“, unterbrach Claire sie erregt, „Wann?“

„Vor einer Woche etwa.“

Die Schwarzhaarige sah Claire verständnislos an.

Claire schwieg. Sie drückte die Türklinke herunter und ging in ihr Zimmer.

Sie hatte kein Einzelzimmer, hatte es auch nie gewollt. Die ersten zwei Wochen lag sie allein. Danach wollte sie unbedingt Gesellschaft. Sie hasste es, allein zu sein.

Dann jedoch war sie mit ihrer Zimmerkollegin unzufrieden. Sie war kauzig und versponnen. Claire wusste nie, woran sie bei ihr war.

Als sie das Zimmer betrat, schlief ihre Bettnachbarin. Jedenfalls tat sie so. Aber Claire wusste, dass sie nicht schlief. Es machte ihr einen Riesenspaß, Claire zu erschrecken. Und dabei lag sie immer in Claires Bett. Ihr eigenes Bett benutzte sie nur bei Nacht.

Claire ging zum Fenster und sah hinaus. Das Gesicht der Pflegerin ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Ob Brad …

„Er ist da!“, sagte Laura Greer, ihre Zimmerkollegin.

Claire fuhr entsetzt herum.

„Wer?“

„Ich wusste, dass er kommt. Ich wusste es. Schon lange habe ich auf ihn gewartet. Dabei hat er mir versprochen, viel früher zu kommen. Aber jetzt ist er da – endlich. Oh, ich liebe ihn. Er ist so schön.“

„Wer ist da? Sage es mir bitte!“

Claire packte sie an den Schultern und schüttelte sie.

Ohne auf Claires Fragen zu antworten sagte Laura:

„Warum hat er mich so lange warten lassen? Sicher ist er böse auf mich gewesen. Darum hat er mich so lange warten lassen. Aber ich werde ihn wieder versöhnen. Ich werde sehr lieb zu ihm sein, dann wird er mich nicht mehr warten lassen. Meinst du nicht auch?“

„Wer, verdammt noch mal? Hörst du, wer? Wen meinst du eigentlich?“

Claire schrie sie an. Sie rüttelte Laura und merkte nicht, wie sich ihre Hände in Lauras Bluse verkrampften.

Laura schien das jedoch nicht mitzubekommen.

„Einmal habe ich ihn gehasst“, sagte Laura mit verklärtem Lächeln. „Aber das ist längst vorbei. Jetzt liebe ich ihn so wie damals, beim ersten Zusammentreffen. Er lief mir gleich nach. Er hatte so weiches Haar und war groß. Und dann seine feuchte Schnauze …“

Laura kicherte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und drehte sich auf die Seite.

Ernüchternd stand Claire auf und ging wieder zum Fenster zurück.

Sie kannte diese Geschichte schon. Mindestens zehnmal hatte Laura sie erzählt. Und doch ist sie diesmal auf diese Geschichte reingefallen.

Die Pflegerin ist schuld. Sie hat mich so durcheinandergebracht.

Verdammt …

Aber sie sah so nach Brad aus. Er hatte schon immer eine Vorliebe für Verkleidungen. Und er hatte dafür auch ein unwahrscheinliches Talent. Er war sogar schon als Maskenbildner bei einer Filmgesellschaft beschäftigt gewesen. Wegen seiner Sauferei wurde er dann aber entlassen. Frauenkleidung hatte er schon immer bevorzugt.

Claire Garden krauste ihre Stirn.

Ob Brad es wirklich wagt? Ob er sich wirklich in irgendeiner Verkleidung in dieses Nervenkrankenhaus schleicht?

Sicher wird er es. Ich kenne ihn. Der Professor ließ ihm die Nachricht zukommen, dass ich bald entlassen werde. Das wirft seine Pläne über den Haufen. Er wird kommen und mich umbringen. Er wollte die Millionen schon immer für sich allein. Und ganz sicher wird er ein bombensicheres Alibi haben.

Knapp hundert Meter vom Haus entfernt war der dunkle Fichtenwald. Die sich im Wind leicht hin und her bewegenden Baumwipfel hatten stets eine beruhigende Wirkung auf sie ausgeübt.

Diesmal jedoch nicht. Ihr kam der Wald nunmehr dunkel und unheimlich vor.

Claire fröstelte. Eine leichte Gänsehaut bildete sich auf ihren nackten Oberarmen. Rasch schloss sie das Fenster.

Es wird Regen geben, dachte sie. Dunkle, schwere Wolken hingen über dem Wald und ließen ihn noch schwärzer erscheinen.

Ein Wetter, das für einen Mord geradezu ideal war.

Sie wandte sich ab und setzte sich in einen Sessel, nahm ein Buch zur Hand und begann zu lesen.

Aber auch die leichte Lektüre konnte ihre Angst nicht vertreiben, die sich immer mehr verstärkte und langsam zur Panik wuchs.

 

*

 

Sein Gesicht war von unheimlicher Hässlichkeit. Unzählige kleine Falten und Runzeln bedeckten es. Dazwischen große gerötete Pockennarben. Die übergroßen Ohren hingen herunter wie welke Kohlblätter. Zwischen seinen aufgeworfenen, wulstigen Lippen, die sich zu einem zynischen Lächeln verzogen hatten, sah man zwei Reihen großer gelber Zähne. Die langen grauen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und stellten sich am Hinterkopf steil auf.

Mit seinen langen, knochigen Fingern begann er die scheinbar tote Frau vor sich auf dem Tisch zu entkleiden. Als es nicht sofort ging, begann er ungeduldig daran zu reißen. Die Bluse ging in Fetzen. Ebenfalls der Rock und der Büstenhalter.

Dann lag sie nackt vor ihm. Die zerrissenen Kleidungsstücke flogen in eine Ecke.

Seine schwarzen Augen, über denen üppige Brauen wucherten, begannen im schummrigen Licht des Kellerraumes zu glühen, als er nun zu der schon vorbereiteten Spritze griff, die gefüllt neben ihm lag.

Sein Mund verzog sich, wurde noch breiter. Sein Gesicht noch hässlicher.

Mit einer schnellen, geübten Handbewegung stieß er die Nadel in die Vene der Frau.

Unter ständigem Grunzen und Stöhnen drückte er die Flüssigkeit der Kanüle in die Blutbahnen. Seine Augen wurden größer. Seine Hände begannen ein wenig zu zittern. Aber nur für einen Augenblick. Dann waren sie wieder völlig ruhig und beendeten die Arbeit.

Mit schreckverzerrtem Gesicht lag die Frau auf dem Tisch. Sie konnte noch nicht sehr alt gewesen sein. Ihre Haut war glatt und zart und wies noch nicht die geringsten Falten auf. Trotz der verzerrten Gesichtszüge konnte man erkennen, dass sie wohl kaum mehr als dreißig Jahre alt war.

Die Kanüle war leer.

Der Dämon zog die Nadel heraus, legte ein Stück Watte in die Armbeuge und winkelte den Arm an.

Dann legte er die Spritze in eine Schachtel zurück und brachte sie in einem Schrank in der Ecke unter.

Alle seine Bewegungen waren hastig und ungeduldig, als hätte er es kaum erwarten können.

Aber was konnte er nicht erwarten?

Die Frau auf dem Tisch rührte sich nicht. Doch das war es auch nicht, was er zu erwarten schien. Dazu war die Prozedur, die er nun begann, doch zu seltsam.

Er balsamierte den Körper der Frau ein. Nur Mund und Nase ließ er frei und die Stelle, in die er eben die Spritze gejagt hatte.

Dann hob er die Mumie hoch wie eine Puppe und trug sie in den angrenzenden Raum.

Der Raum sah aus wie das Labor eines Chemikers. Überall standen dickbauchige Flaschen herum, mit langen, schlanken Hälsen. Reagenzgläser in rauen Mengen. Und überall brodelte und kochte es.

Der Dämon durchquerte den Raum, ging durch eine weitere Tür und kam in ein gruftähnliches Verlies.

Was hier zu sehen war, ließ einem das Blut in den Adern stocken.

Das Kellerverlies war sehr lang, aber nicht besonders breit. An den Längswänden waren je neun Pritschen aufgereiht. Sechzehn dieser Pritschen waren mit Mumien belegt. Zwei waren noch frei.

Der Mann mit dem teuflischen Gesicht legte seine Mumie auf eines der freien Feldbetten.

Dann schritt er mit bestialischem Grinsen die Bettenfront ab. In seinen Augen loderte ein wildes Feuer, als er sein Werk betrachtete.

Das Werk eines Wahnsinnigen in der Gestalt eines Dämons.

Beim letzten Bett auf der linken Seite blieb er stehen. Zuckende Bewegungen um den Mund der Mumie hatten ihn dazu veranlasst.

Wieder einer, schoss es durch sein krankes Hirn. Ein triumphierendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sie werden alle noch, alle werden sie eines Tages wieder auferstehen. Zu einem neuen, ganz anderen Leben. Einem Leben, wie es für sie bestimmt war.

Er ging mit schnellen Schritten in das Labor zurück. Aus einem Glasröhrchen nahm er zwei Tabletten und eilte wieder zurück.

Mit zitternden Fingern schob er die Binden über den Augen der Mumie hoch. Die Augen waren geöffnet. Aber sie hatten nichts Menschliches an sich. Es waren die Augen eines Raubtieres. Sie sprühten und funkelten wie zwei Vulkane.

Der Dämon hielt ihm die Tabletten vor die Augen. Dann schob er sie in den Mund der lebenden Mumie. Gierig wurden sie hinuntergeschluckt.

Die Augenlider senkten sich langsam wieder. Die Mumie schlief ein.

Noch vierundzwanzig Stunden, dann ist auch er soweit, dachte der Dämon, während er die nächste Front abschritt. Er wird ein neues Leben beginnen können, wie die anderen auch. Und er auch …

Er unterbrach die Gedankengänge. Die anderen Mumien lagen still und friedlich.

Ein krachendes, splitterndes Geräusch hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Es kam aus einem Nebenraum.

Der Dämon rannte mit eckigen Bewegungen zurück in sein Labor. In aller Eile zog er eine Spritze auf. Er schien zu wissen, woher die Geräusche kamen und wer sie verursachte.

Aus dem Labor führte noch eine weitere Tür. Auf sie steuerte das dämonenhafte Wesen zu.

Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt und sah in den angrenzenden Raum. Dann schlüpfte er durch und zog sofort die Tür hinter sich zu.

Er lehnte sich gegen die Türfüllung und sah mit glänzenden Augen auf das Schauspiel vor ihm.

Ein fast drei Meter großer Riese versuchte sich aus seinem Gefängnis zu befreien. Das Holz krachte zwischen seinen Fingern, als wäre es Pappe.

Alles an dem Riesen war groß und plump und kraftvoll. Nur der Kopf war klein und hatte das Gesicht eines Babys.

Der Riese hatte den letzten Rest des Holzgitters aus dem Weg geräumt.

Er trat heraus, sah sich um und kam dann mit langsamen Schritten auf den Dämon zu …

 

*

 

Kein Zweifel, ihre Zimmerkollegin Laura Greer war tot. Ihre Augen waren starr und blicklos zur Decke gerichtet. Das Gesicht war verzerrt, der Mundstand weit offen.

Als Claire Garden endlich begriffen hatte, was geschehen war, begann sie zu schreien.

Sie rannte auf den Gang hinaus, rief nach dem Pfleger und der Stationsschwester.

Einige Türen wurden aufgerissen. Frauen in langen, wallenden Nachthemden erschienen auf dem Korridor.

Ein paar Frauen gingen in Claires Zimmer und kamen schreiend wieder herausgerannt.

Der Pfleger und die Stationsschwester erschienen. Ein Blick in Claires Zimmer genügte dem bulligen Pfleger, um festzustellen, dass Laura Greer tot war.

Er schloss das Zimmer ab und scheuchte die anderen in ihre Betten zurück. Aber das war nicht sehr leicht. Die Frauen weigerten sich, in ihre Betten zu gehen.

Sie hatten Angst.

Harry Brent, der Pfleger, rief der Stationsschwester zu, sie solle die Polizei anrufen und versuchen, den Professor zu erreichen.

Die ältliche Schwester, die ratlos im Korridor gestanden hatte, ging so schnell sie konnte die Treppe hinunter.

Claire saß wimmernd am Boden. Von Weinkrämpfen geschüttelt, stammelte sie immer wieder unverständliche Worte vor sich hin. Ihr Gesicht war aschfahl, und in ihren Augen war panische Angst zu lesen.

Der Pfleger schob die Frauen kurzerhand in irgendein Zimmer. Immer wenn er einige hineinbugsiert hatte, schloss er ab. Dann nahm er sich die nächsten vor.

Aber allein schaffte er es nicht. Es wurden immer mehr, strömten von unten und von oben herbei.

Zwei weitere Pfleger und der neue Hausmeister kamen ihm zu Hilfe. Doch der Hausmeister war keine große Hilfe. Er hatte einen Klumpfuß und wurde von drei Frauen einfach über den Haufen gerannt.

Wütend schlug er sofort nach ihnen. Und die Frauen schlugen zurück. Sie traten mit den nackten Füßen nach ihm.

Sofort war einer der bulligen Pfleger zur Stelle. Er drängte die schwachsinnigen Frauen, die sich wie Wilde gebärdeten, kurzerhand zur Seite, als wären sie Puppen. Dann half er dem runzeligen Alten auf die Beine.

„Vielen Dank“, murmelte der Hausmeister. Er bückte sich nach seinem Klumpfuß und rieb daran.

„Was ist passiert?“, fragte der Pfleger.

Der Alte schüttelte nur stumm den Kopf. Er richtete sich wieder auf und humpelte zu Claire, beugte sich über sie.

„Was ist mit Ihnen?“, fragte er mit seiner heiseren Stimme.

Claire hob den Kopf und sah in das alte, runzlige Gesicht. Sie erschrak, schüttelte sich und hob ihm abwehrend die zittrigen Hände entgegen.

„He, was soll das?“, brummte der Alte. Ich will Ihnen doch nichts tun.“

Er legte beschwichtigend seine feingliedrigen Hände auf ihre Oberarme.

Aber Claire ließ sich nicht beruhigen. Sie rappelte sich hoch und flüchtete den Korridor entlang.

Mit funkelnden Augen sah ihr der Hausmeister nach. Er war wütend.

Der Tumult der tobenden Frauen hatte langsam nachgelassen. Die Pfleger waren wieder Herr der Situation. Sie schoben mit vereinten Kräften die letzten Patienten in ein Zimmer.

Harry Brent schloss ab.

Aufatmend wischte er sich die Hände an den weißen Hosen ab und sah sich nach Claire um.

Sie war weg.

„Wo ist sie?“, fragte er den alten Hausmeister.

Der zeigte stumm in die Richtung, in die Claire gelaufen war.

„Wir müssen sie aufhalten, bevor sie noch mehr anstellt“, sagte der Pfleger.

„Glaubst du, dass sie die Greer umgebracht hat?“, fragte einer seiner Kollegen.

„Ich glaube gar nichts. Ich will nur sichergehen.“

„Zuzutrauen ist diesen Frauen alles“, brummte der Hausmeister. Damit wandte er sich um und schlurfte davon.

Die drei Pfleger gingen hinter Claire her.

 

*

 

Der Riese kam unaufhaltsam auf ihn zu. Doch der Dämon, der neben ihm wie ein Zwerg wirkte, schien nicht die geringste Angst zu haben. Im Gegenteil. Ein erfreutes Lächeln zog über sein faltiges Gesicht.

Er wusste, dass das, was er nun vorhatte, ins Auge gehen konnte. Aber er wollte und musste es darauf ankommen lassen. Seine weitere Arbeit hing ganz davon ab, wie dieses unheimliche, riesige Wesen mit dem kleinen Kopf auf den Schultern reagieren würde. Sein Lebenswerk wäre mit einem Schlag kaputt, wenn …

Der riesige Fleischkoloss kam immer näher, Seine Schritte waren eckig und ungelenk. Seine Arme standen weit vom Körper ab, als würde er vor Kraft fast platzen.

Die Art, wie er ging, erinnerte an einen Roboter.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913781
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378555
Schlagworte
irrenhaus grauens

Autor

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Titel: Das Irrenhaus des Grauens