Lade Inhalt...

Schlupfwinkel der Hölle

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

SCHLUPFWINKEL DER HÖLLE

Klappentext:

Roman:

SCHLUPFWINKEL DER HÖLLE

 

A.F. Morland

 

Roman

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Nach Motiven von Pixabay und Firuz Askin mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Das unheimliche Haus

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Die beiden Freundinnen Laurinde Harris und Sondra Malloy suchen nach einem obszönen Erlebnis mit ihrem Vermieter dringend eine neue Unterkunft. Durch Zufall erfahren sie von einem Zimmer, das zur Vermietung steht.

Sie schauen es sich an und sind begeistert, auch wenn das Umfeld, das Haus an sich und die Menschen, die darin wohnen, ihnen sonderlich, ja geradezu unheimlich erscheinen. Sie schieben dieses Gefühl beiseite und ziehen noch am selben Tag in ihre neue Bleibe ein.

War das vielleicht der größte Fehler ihres Lebens?

Bereits in der ersten Nacht passieren Sondra die unglaublichsten Sachen, die sie in Angst und Schrecken versetzten, und eine kalte Stimme, die nirgendwo ihren Ursprung zu haben scheint, erklärt ihr: „Du wirst die nächste sein!“ Hat Sondra das alles nur geträumt? Oder steckt wirklich etwas hinter all diesen Dingen, die plötzlich auf sie einstürmen? Die Zeit wird es zeigen. Doch scheint gerade diese, die Zeit, ihr größter Gegner zu sein …

Wird am Ende die Prophezeiung der unheimlichen Stimme wahr werden oder kann Sondra ihrem Schicksal entrinnen?

 

 

Roman:

Sie ahnte, dass sie in dieser Nacht sterben würde und hatte Angst. Die Dunkelheit war erfüllt von unheimlichen Geräuschen. Cycely Parrish lag in ihrem Bett und wagte kaum zu atmen.

Ihr Herz klopfte heftig, und der Puls raste, aber sie wusste nicht, was der Grund für ihre Todesfurcht war. Über das Glas des Fensters schienen Finger zu wischen.

Cycely erschrak, und als sie zum Fenster blickte, vermeinte sie eine hässliche Fratze zu sehen, die zu ihr hereinstarrte.

„Nein!“, stöhnte das rothaarige Mädchen und verkroch sich unter der Decke.

Cycely Parrish war eine ausgesprochene Schönheit. Sie war neunzehn, und bis vor Kurzem hatte sie geglaubt, die Welt erobern zu können, aber dann war sie in dieses unheimliche Haus eingezogen, und bald danach hatte sie zunehmend an Depressionen zu leiden begonnen.

Albträume suchten sie fast jede Nacht heim, und es kristallisierte sich für sie auf eine rätselhafte Weise immer mehr heraus, dass sie ihren zwanzigsten Geburtstag nicht erleben würde, wenn sie in diesem Haus wohnen blieb.

Mehrmals hatte sie bereits den Entschluss gefasst auszuziehen, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund war es jedes Mal nur beim Entschluss geblieben.

Vielleicht lag es darin, dass der Mensch die Dinge am Tage anders sieht als in der Nacht. Vieles, was einen in der Dunkelheit erschreckt, entpuppt sich bei Tag als völlig harmlos.

Und Cycelys Probleme, die sie nachts kaum zur Ruhe kommen ließen, sahen bei strahlendem Sonnenschein so nichtig aus, dass sie es für lächerlich erachtete, ihretwegen dieses preiswerte Zimmer aufzugeben.

Irgendwo ächzte der Boden, und Cycely Parrish rieselte es eiskalt über den Rücken.

Befand sich jemand in ihrem Zimmer? Das zitternde Mädchen musste all seinen Mut zusammennehmen, um die Decke zur Seite werfen zu können.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Finsternis. Nichts. Cycelys atmete erleichtert auf. Niemand war im Raum. Jedenfalls niemand, den das Mädchen hätte sehen können.

Draußen heulte der Wind ums Haus. Er rüttelte und zerrte an den Fensterläden. Es war eine stockfinstere Nacht, bewölkt, und weder Mond noch Sterne waren zu sehen.

Cycely setzte sich zaghaft auf. Fröstelnd rieb sie ihre nackten Oberarme. Im Haus knarrte eine Tür, und dann waren schlurfende Schritte zu vernehmen.

Sie näherten sich der Tür von Cycelys Zimmer. Dem Mädchen stockte der Atem, als die Schritte vor der Tür verstummten.

Wer war dort draußen? Was hatte dieses Stillstehen zu bedeuten? Warum ging die Person nicht weiter?

Cycely Parrish vermeinte, das Atmen eines Menschen zu hören. Seltsamerweise war das Atmen so deutlich, dass man meinen konnte, jemand müsse am Fußende des Bettes stehen.

Aber da war keine Menschenseele. Sie schauderte und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Ihre Furcht war so groß, dass sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte.

Hörten denn diese unheimlichen Qualen niemals auf?

Das Mädchen hatte den Eindruck, dass sie damit auf etwas vorbereitet werden sollte. Aber auf was?

Sie streckte die Hand nach der Nachttischlampe aus. Licht würde ihr wenigstens einen Teil ihrer Sicherheit wiedergeben.

Die Lampe flammte auf. Das Licht wurde durch den eierschalenfarbenen Stoffschirm leicht gedämpft und leuchtete den Raum nicht grell, sondern angenehm sanft aus.

Die gruseligen Atemgeräusche hörten schlagartig auf. Cycely bekam eine Gänsehaut.

„Wer ist da?“, fragte sie heiser. Ihre Stimme kam ihr fremd vor. Sie erkannte sie selbst nicht wieder.

Etwas begann unwiderstehlich auf sie einzuwirken. Sie wusste nicht, ob es ein geheimnisvolles Locken oder ein Befehl war, jedenfalls fühlte sie sich gezwungen, ihr Bett zu verlassen.

Obwohl sie große Angst hatte, stand sie auf. Das malvenfarbene Nachthemd war so dünn wie ein Libellenflügel.

Ihre makellose Figur schimmerte durch das zarte Gewebe. Noch nie hatte sie ihr Zimmer verlassen, ohne den Schlafrock überzuziehen, der am Fußende des Bettes bereitlag.

Doch diesmal vergaß sie ihn. Und obwohl sie normalerweise keinen Schritt ohne ihre Pantoffeln tat, ließ sie diesmal auch diese unbeachtet.

Irgendetwas verleitete sie, sich zur Tür zu begeben und diese zu öffnen. Sie tat es, obwohl sie sich fürchtete, denn das, was sie lockte oder befehligte, war stärker als ihr eigener Wille.

Langsam öffnete Cycely Parrish die Tür, nachdem sie den Schlüssel im Schloss zweimal nach links herumgedreht hatte.

Sie erwartete, jemanden davor stehen zu sehen, schließlich hatten sich die Schritte, die vorhin herangeschlurft waren, nicht wieder entfernt.

Ihre Erwartung erfüllte sich nicht, und darüber war sie froh. Sie wollte schon wieder umkehren, da hörte sie eine Tür am Ende des Ganges gespenstisch knarren.

Fast mechanisch machte sie einen Schritt vorwärts und gleich noch einen. Erst dann kam ihr zu Bewusstsein, was sie tat, doch zu diesem Zeitpunkt war es schon nicht mehr zu verhindern.

Obwohl sie es nicht wollte, setzte sie den eingeschlagenen Weg fort. Alles lehnte sich in ihr dagegen auf, aber sie ging dennoch weiter.

Immer noch knarrte die Tür. Eine Tür, die zu einem Zimmer gehörte, in dem Cycelys Wissens nach keiner wohnte.

Neugierde erfasste sie, während sie sah, wie sich die Tür langsam schloss. Zögernd ging das Mädchen weiter.

Es erreichte die Tür, trat dicht heran und legte das Ohr ans Holz. Sie lauschte und vernahm wieder deutlich dieses geisterhafte Atmen.

Als sie merkte, dass sie die Hand auf den Knauf legte, erschrak sie, und sie riss die Hand heftig zurück.

Keine zehn Pferde bringen mich in diesen Raum!, dachte sie und gewann so viel Fassung zurück, um sich abzuwenden und zu ihrem eigenen Zimmer zurückzukehren.

Doch sie kam nicht weit. Drei Schritte nur. Dann vernahm sie dieses unheimliche Knarren wieder, und als sie sich umdrehte, sah sie, wie sich die Tür einen kleinen Spalt weit öffnete.

Milchiges Licht fiel aus dem unbewohnten Raum. Ein Licht, von dem sich Cycely Parrish magisch angezogen fühlte.

Sie konnte nicht anders. Sie musste darauf zugehen. Mit jedem Schritt wurde ihr klarer, dass sie sich einem unbeschreiblichen Grauen näherte.

Dennoch war sie nicht in der Lage stehenzubleiben. Sie musste weitergehen – direkt auf ihr Verderben zu …

 

*

 

Laurinde Harris und Sondra Malloy waren zwei junge unabhängige Emanzen. Laurinde war Lehrerin, und Sondra arbeitete in einer großen Londoner Werbeagentur.

Da sie beide nicht gerade mit Reichtümern gesegnet waren und sich außerdem blendend verstanden, hatten sie sich ein preislich erschwingliches Untermietzimmer in Soho gesucht, und da wohnten sie nun seit einem Vierteljahr zusammen und träumten davon, so bald wie möglich von hier wegzuziehen, denn ihnen gefiel weder die Gegend noch der Vermieter. Der jedoch am allerwenigsten.

Jedes Mal wenn sie mit ihm zu tun hatten, zog er sie mit seinen lüsternen Blicken regelrecht aus und hatte sogar schon einmal die Frechheit besessen, Laurindes Po zu streicheln.

Aber mehr hatte er nicht gebraucht. Laurinde hatte sich blitzschnell umgewandt und ihm eine geknallt, sodass er fast das Gleichgewicht verloren hätte.

Eigentlich hatten Laurinde und Sondra nach dieser Episode damit gerechnet, dass Everett Hall, so hieß der Mann, sie an die Luft setzen würde, doch das hatte er nicht getan.

Er hatte die Ohrfeige einfach weggesteckt und nie mehr darüber geredet. Aber von diesem Tag an sah Everett Hall die Mädchen nicht mehr nur lüstern, sondern auch feindselig an.

„Wie war’s heute in der Schule?“, erkundigte sich Sondra, während sie ihr langes brünettes Haar bürstete. Sie saß vor dem Spiegel auf einem zotteligen Fellhocker.

Laurinde winkte seufzend ab. „Erinnere mich nicht daran. Manchmal sind die kleinen Racker unausstehlich.“

„Haben Sie dich geärgert?“

„Und wie. Wenn die einmal loslegen, sind sie nicht mehr zu bremsen. Und einen Tag später könnte man sich wieder in alle verlieben, so nett, folgsam und umgänglich sind sie.“

Sondra Malloy lachte.

Plötzlich sagte eine schnarrende Männerstimme: „Darf ich mitlachen?“

Die Mädchen zuckten erschrocken zusammen. Ihnen war nicht aufgefallen, dass die Zimmertür lautlos geöffnet worden war. Nun stand Everett Hall im Rahmen. Er hielt eine halbleere Whiskyflasche in der Hand, war betrunken und stierte Laurinde und Sondra mit glasigen Augen an.

Die blonde Lehrerin trug nur ein Top und Unterwäsche. Sondra Malloy nicht einmal das. Sie war lediglich mit einem winzigen Slip und einem spitzenbesetzten Büstenhalter, der sich vorn aufhaken ließ, bekleidet.

„Was fällt Ihnen ein, Mr. Hall!“, entrüstete sich Sondra. Sie sprang auf und warf die Haarbürste nach dem Mann, doch sie hatte schlecht gezielt. Das Wurfgeschoss sauste knapp an Everett Halls Kopf vorbei.

Er war ein grobschlächtiger Mann mit gerötetem Gesicht und schütterem Haar. Grinsend trat er ein.

„Es ist doch erlaubt, oder?“

„Machen Sie, dass Sie hinauskommen!“, schrie Sondra ihn an.

„Dies ist mein Zimmer, Miss Malloy. Das ganze Haus gehört mir.“

„Wir haben pünktlich die Miete bezahlt, folglich haben Sie kein Recht, diesen Raum zu betreten!“

Everett Hall scherte sich keinen Deut um Sondras Einwände. Er trat näher und warf die Tür hinter sich zu.

„Sehen Sie, meine Damen, ich habe heute Geburtstag, und ich sehe nicht ein, warum ich den allein feiern soll.“

„Haben Sie keine Freunde?“

„Ich denke, Sie sind meine Freunde: Wir wohnen seit einem Vierteljahr unter ein und demselben Dach. Sie beide sind mir in dieser Zeit ans Herz gewachsen. Warum sollten wir meine neununddreißig Jahre nicht gemeinsam begießen?“

„Wir trinken keinen Alkohol.“

„Nur ein Schlückchen.“

„Nein“, lehnte Sondra hart ab.

Everett Hall lehnte sich grinsend an die Tür. „Dann werden Sie mich heute Nacht wohl nicht mehr los.“

„Okay“, sagte Laurinde Harris. „Ein Glas. Aber dann gehen Sie.“

Hall lachte die Lehrerin an. „Das ist ein Wort, Miss Harris. Ich wusste gleich, dass Sie ein Herz für einen einsamen Mann haben würden.“

Laurinde brachte drei Gläser. Hall füllte sie bis an den Rand.

Sondra wies ärgerlich darauf. „Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass wir das austrinken.“

„Wenn Sie’s nicht tun, beleidigen Sie mich.“

„Das nehme ich in Kauf.“

Es funkelte in Halls Augen. „Sie provozieren mich. Das sollten Sie lieber sein lassen, Miss Malloy.“

Sondra sah ihn aggressiv an. „War das eben eine Drohung, Mr. Hall?“

„Warum sind Sie so abweisend, Miss Malloy?“

„Ist das wirklich so schwer zu erraten? Ich mag Sie nicht! Ich mag nicht, wie Sie Laurinde und mich ansehen. Ich mag nicht, wie Sie sich benehmen und was Sie sich uns gegenüber herausnehmen. Reicht Ihnen das als Erklärung?“

„Warum behandeln Sie mich wie den letzten Dreck, Miss Malloy?“

„Warum behandeln Sie uns denn so? Sie zeigen nicht die geringste Achtung vor uns, platzen hier herein, obwohl wir es Ihnen nicht gestattet haben und nicht angezogen sind, und dann erwarten Sie von uns, dass wir nett und freundlich zu Ihnen sind …“

Eine Zornwelle schoss dem Mann in den Kopf. „Sie werden dieses Glas auf mein, Wohl leeren, Miss Malloy!“

„Ich denke nicht daran. Scheren Sie sich mit Ihrem billigen Scotch zum Teufel!“

„Leeren Sie dieses Glas!“, knurrte Everett Hall.

„Na schön, wenn Sie so großen Wert darauf legen“, sagte Sondra, ergriff das Glas und goss es dem Mann über den Kopf. „Jetzt ist es geleert. Sind Sie zufrieden?“

„Du dreckige Schlampe!“, brüllte Hall.

Er stellte die Flasche weg und stürzte sich auf das Mädchen.

„Mr. Hall!“, schrie Laurinde Harris erschrocken.

„Euch werde ich’s zeigen!“, stieß Everett Hall gereizt hervor. „Tag für Tag bringt ihr mich mit eurem Hüftenwackeln auf hundert. Ihr raubt mir mit euren Parfüms den Verstand, und ihr tragt Pullis, die so eng sind, dass man eure Brüste einfach nicht übersehen kann, und wenn einem dann die Sicherungen durchbrennen, seid ihr nicht einmal bereit, ein Glas Whisky mit einem zu trinken, denn ihr seid ja – verdammt noch mal – etwas Besseres, nicht wahr?“

„Jedenfalls wissen wir uns zu benehmen!“, sagte Laurinde schroff.

Hall hatte Sondra gepackt. Er riss ihr einen BH-Träger ab. Seine Hände legten sich um ihren Hals. Er war so außer sich vor Wut, über die Demütigung, die er sich gefallen lassen musste, dass er nicht mehr wusste, was er tat.

„Entschuldige dich, du Miststück!“, schrie er Sondra an. „Entschuldige dich!“

Er schüttelte das Mädchen heftig und drückte mit beiden Händen so fest zu, dass Sondra keine Luft mehr bekam.

„Hall!“, schrie Laurinde. „Hall! Sind Sie wahnsinnig! Sie bringen Sondra um!“

„Eine Kanaille weniger auf dieser Welt!“

Es stand schlimm um Sondra. Sie war nicht in der Lage, sich von dem Würgegriff des Betrunkenen zu befreien.

Laurinde schritt ein. Sie riss und zerrte an Halls Armen, konnte der Freundin jedoch nicht helfen.

Sondras Gesicht war schrecklich verzerrt. Sie drohte jeden Augenblick die Besinnung zu verlieren.

Laurinde geriet in Panik. Sollte Sondra vor ihren Augen erwürgt werden? Gehetzt blickte sich das blonde Mädchen um.

Sie sah die Whiskyflasche. Blitzschnell griff sie danach, schwang sie hoch und schlug damit zu. Die Flasche zerplatzte.

Everett Hall erstarrte. Seine Hände glitten von Sondras Hals ab. Sie hustete, massierte ihre Kehle und pumpte ihre Lungen gierig mit Luft voll, während Hall zwei unsichere Schritte machte und dann zusammenbrach.

Sondra lehnte sich erschöpft an die Wand. „Dieser Idiot. Viel hat nicht gefehlt, dann hätte er einen Mord auf dem Gewissen gehabt.“

„Wie fühlst du dich, Sondra?“

„Ich hab noch weiche Knie. Ersticken ist ein scheußlicher Tod.“

„Setz dich doch.“

Sondra stakste zum Hocker. „Wenn du nicht bei mir gewesen wärst, wäre die Sache schlimm ausgegangen. Hoffentlich hast du nicht zu fest zugeschlagen, sonst ist er am Ende … Liebe Güte, das fehlte uns gerade noch!“

Laurinde Harris kniete sich neben den Mann. Sie legte ihr Ohr auf seine Brust und vernahm das leise Pochen seines Herzens.

„Er ist okay, wird wohl bald wieder zu sich kommen.“

„Dann sollte er aber nicht mehr hier liegen, sonst geht der ganze Rummel noch mal von vorn los.“

„Ich kann ihn nicht allein in sein Zimmer schaffen.“

„Ich helfe dir.“

„In deinem Zustand?“

„Es geht mir schon wieder besser“, sagte Sondra. „Aber bevor wir ihn fortschaffen, nehme ich doch einen Schluck von seinem Scotch.“

Auch Laurinde trank. Anschließend gingen die Mädchen an die Arbeit. Es kostete sie viel Mühe, den schlaffen Brocken aus dem Zimmer und die Stufen hinunterzutragen.

Einmal entglitten Sondra seine Beine, und da Laurinde allein das gesamte Gewicht nicht halten konnte, wäre Everett Hall beinahe die Treppe hinuntergekugelt.

Sie machten nicht viel Federlesens mit ihm, warfen ihn in seinem Zimmer auf das Sofa und kehrten um.

„Eines weiß ich“, sagte Sondra Malloy, während sie die Tür von innen abschloss. „Ich bleibe keine weitere Nacht mehr mit diesem Verrückten unter einem Dach.“

Laurinde Harris nickte. „Du hast recht. Der Mann ist gefährlich.“

„Wir sollten ihn anzeigen.“

„Ach was, wir suchen uns gleich morgen ein anderes Zimmer, und damit hat sich’s. Hall hat seine Lektion bekommen. Der belästigt nicht so bald wieder seine Mieterinnen.“

 

*

 

Je näher Cycely Parrish dem milchigen Schein kam, desto mehr nahm er sie gefangen. Er schlug sie in seinen Bann, ging auf sie über und versuchte durch die Poren in ihren Körper einzudringen.

Das Mädchen wehrte sich dagegen. Sein Inneres lehnte sich auf, doch der gefährliche Einfluss war stärker als alles, was Cycely ihm entgegenzustellen hatte.

Wie von Geisterhand bewegt, öffnete sich die Tür. Einladend.

Cycely stand davor, ihr Blick war in den Raum gerichtet. Sie sah einen fünf armigen Kerzenhalter aus Kristall.

Fünf schwarze Kerzen brannten und erhellten das Zimmer mit ihrem flackernden Schein. Es war eine gespenstische Helligkeit, von der sich Cycely angezogen fühlte.

Sie ahnte, dass es ihr Untergang war, wenn sie das Zimmer betrat, dennoch blieb sie nicht länger davor stehen, sondern machte den entscheidenden Schritt.

Klapp!

Die Tür fiel hinter ihr mit einem dumpfen Knall zu. Wie von der Natter gebissen wirbelte Cycely Parrish herum.

Da war nichts weiter als die glatte Tür aus Eichenholz. Ein Luftzug musste sie bewegt und zugeworfen haben.

Das rothaarige Mädchen erinnerte sich, hier drinnen jemanden atmen gehört zu haben. Nervös blickte sie sich um.

Der Raum war mit alten Möbeln eingerichtet. Sie waren um die Jahrhundertwende modern gewesen.

Es gab eine Ledercouch, einen Tisch, stabile Stühle, eine Vitrine, in der wertvolle Zinn- und Silberbecher standen, die kunstvoll geschliffen waren.

Ein geschmackvoll eingerichteter Raum, doch Irgendetwas fehlte ihm. Sie kam nicht sofort darauf, doch dann fiel ihr auf, dass es die fehlenden Fenster waren, die dem Raum eine gewisse Unbehaglichkeit verliehen.

Man kam sich in ihm eingesperrt vor. Geradezu eingemauert.

Wenn es keine Fenster gab, woher war dann der Luftzug gekommen, der die Tür vorhin zugeworfen hatte? Und wieso flackerten nun, bei geschlossener Tür, die Kerzenflammen so heftig?

Cycely verharrte einen Augenblick reglos. Der Raum war leer, und doch wurde das Mädchen das Gefühl nicht los, nicht allein zu sein. Sie fühlte sich pausenlos angestarrt und beobachtet, ohne zu wissen, von wem.

Rückwärtsgehend strebte sie wieder der Tür zu. Es war ihr unheimlich in diesem Zimmer.

Ihre Hand ertastete den runden Knauf. Sie drehte ihn und stellte erschrocken fest, dass abgeschlossen war.

Ihr hübsches Gesicht überzog sich mit einer ungesunden Blässe. Sie wusste, dass in diesem Raum ihr Leben bedroht war, konnte die Gefahr jedoch nicht erkennen.

Ihr umherirrender Blick blieb an einem großen Ölgemälde hängen. Im nächsten Moment übersprang ihr Herz einen Schlag.

Das Bild zeigte einen Mann, dessen eiskalter Blick an Gemeinheit nicht zu überbieten war. Er hatte grausame Züge, eine hohe Stirn mit zwei Ausbuchtungen, die Ansätzen von Hörnern ähnlich sahen, und eine Nase, die dem Schnabel eines Raubvogels glich.

Von diesem Mann fühlte sich das Mädchen so furchterregend an gestarrt, dass ihr angst und bange wurde.

Je länger sie das Bild betrachtete, desto mehr gewann sie den Eindruck, dass dieser schreckliche Kerl lebte.

Und so war es auch. Seine furchterregenden Augen bewegten sich. Er gab Atemgeräusche von sich, und seine Gestalt trat im Bilderrahmen immer plastischer hervor.

Sie traute ihren Augen nicht, als der Unheimliche sich plötzlich regte. Seine Hände legten sich auf die untere Rahmenleiste, und im nächsten Moment stieg er aus dem Bild heraus.

Das Mädchen wurde vom Grauen geschüttelt, es wusste, dass dieser Mann nach seinem Leben gierte und wusste auch, dass er dieses Leben bekommen würde …

 

*

 

Laurinde Harris und Sondra Malloy nahmen das Frühstück schweigend ein: Sie hatten sich ihren Tee in der kleinen Kochnische des Zimmers selbst zubereitet.

Laurinde aß gebutterten Toast dazu, und Sondra knabberte ein paar trockene Kekse.

Nach dem Frühstück räumten sie gemeinsam das Geschirr weg. Sie stellten es ins Spülbecken. Zum Reinigen reichte die Zeit nicht mehr.

„Wann ist er wohl zu sich gekommen?“, fragte Laurinde.

Sondra hob gleichgültig die Schultern. „Kann uns doch egal sein.“

„Wenn er nun einen Schaden davongetragen hat?“

„Seine Schuld. Vergiss nicht, dass er mich beinahe erwürgt hätte. Wir haben uns bei Gott nichts vorzuwerfen.“

„Vielleicht sehe ich beim Weggehen nach ihm.“

„Damit er über dich herfallen kann?“

„Ich denke, dazu wird er jetzt keine Lust mehr verspüren“, sagte Laurinde selbstsicher.

„Es bleibt doch dabei, wir ziehen aus, nicht wahr?“

„Natürlich. Aber wohin?“

„Das wird sich finden. Ich höre mich heute gleich mal im Büro um und suche in der Zeitung nach etwas Passendem. Ich bin sicher, dass ich bis zum Nachmittag eine neue Bude aufgetrieben habe.“

Es klopfte. Sondra verstummte. Ihre Miene wurde todernst und abweisend.

„Das ist er“, raunte sie ihrer Freundin zu. „Ja!“, rief sie scharf.

Die Tür öffnete sich. Everett Hall trat ein. Sein Kopf war dick bandagiert. Er ließ die Schultern hängen und machte ein bekümmertes Gesicht.

„Was wollen Sie?“, fragte Sondra Malloy schneidend.

Hall zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, womit ich beginnen soll.“ Er schaute Laurinde und Sondra ratlos an. „Ich vertrage nicht viel Whisky und habe gestern eindeutig zu viel davon getrunken, deshalb kann ich mich nur dunkel an das erinnern, was geschehen ist. Es reicht dennoch aus, um mir klarzumachen, dass ich mich schämen muss. Ich habe mich skandalös benommen …“

„Das haben Sie allerdings!“

„Ich hatte fast nicht den Mut, heute zu Ihnen zu kommen …“

„Sie hätten sich den Weg sparen können.“

„O nein, Miss Malloy, denn ich erachte es als meine Pflicht, mich vor allem bei Ihnen zu entschuldigen. Was ich getan habe, ist unverzeihlich.“

„Sie sagen es.“

„Ich verspreche Ihnen, dass es nie mehr verkommen wird.“

„Das ist richtig, denn Miss Harris und ich haben beschlossen, auszuziehen.“

Everett Hall schaute die blonde Lehrerin erschrocken an. „Ist das wahr? Stimmt das, was Ihre Freundin sagt, Miss Harris?“

Laurinde nickte. „Es ist für Sie und für uns das Beste, wenn wir uns um ein anderes Zimmer umsehen.“

„Hören Sie, ich trage Ihnen nicht nach, dass Sie mich mit der Flasche niedergeschlagen haben. Im Gegenteil, ich selbst sage: Richtig war es. Genauso muss man ein wild gewordenes Tier behandeln.“

„Das wäre ja noch schöner, wenn Sie Laurinde etwas nachtragen würden!“, sagte Sondra Malloy angriffslustig. „Nach dem, was Sie sich geleistet haben. Ich hätte Sie angezeigt. Sie haben es Miss Harris zu verdanken, dass ich davon Abstand nehme. Sie meint, die Sache wäre den Ärger nicht wert, den eine Anzeige mit sich bringen würde.“

„Ich bitte Sie in aller Form um Entschuldigung, Miss Malloy.“

„Darauf lege ich keinen Wert.“

„Können wir die ganze leidige Angelegenheit nicht vergessen?“

„Das haben wir vor, und zwar so schnell wie möglich“, sagte Sondra. „Aber wir bleiben nicht in Ihrem Haus. Geben Sie sich keine Mühe, uns überreden zu wollen. Es nützt ja doch nichts.“

„Sie haben die Miete bis zum Monatsletzten bezahlt …“

„Wir schenken Ihnen das Geld. Hauptsache, wir kommen fort von hier.“

„Ich kann nicht verstehen, warum Sie so nachtragend sind.“

„Immerhin hätten Sie mich um ein Haar umgebracht, mein Lieber. Wie kann ich so etwas als nichtige Kleinigkeit abtun?“

Laurinde blickte auf ihre Uhr. „Schon so spät? Mr. Hall, ich muss gehen.“

„Können wir heute Abend in Ruhe noch einmal über alles sprechen?“, fragte Everett Hall bittend.

„Heute Abend wohnen Miss Harris und ich bereits woanders. Und diesmal sehen wir uns den Vermieter vorher besser an, das können Sie mir glauben.“

„Sie wollen mir also keine Chance geben wiedergutzumachen …“

„Nein“, unterbrach ihn Sondra. „Unser Entschluss steht fest. Wir verlassen Sie, und damit hat sich’s. Finden Sie sich damit ab. Sie können das Schildchen ‚Zimmer zu Vermietern‘ schon wieder ins Fenster stellen. Das wär’s.“

„Tut mir leid, dass wir uns auf diese Weise trennen“, sagte Everett Hall seufzend.

„Wenn Sie’s genau wissen wollen, wir haben uns von Anfang an nicht wohl bei Ihnen gefühlt“, sagte Sondra grob, und dann forderte sie Hall auf, das Zimmer zu verlassen, was dieser auch prompt und ohne Widerrede tat.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du so hart sein kannst“, sagte Laurinde erstaunt zu ihrer Freundin.

„Er verdient es nicht anders, und nun tu mir den Gefallen und sprich nie wieder über Mr. Everett Hall.“

 

*

 

Lange bevor Laurinde Harris und Sondra Malloy aus den Federn krochen, um sich ihr Frühstück zuzubereiten, fuhr ein schwarzer Wagen durch das noch nächtliche London.

Er rollte die ausgestorbene Euston Road entlang und verlangsamte die Fahrt, als er die Albany Street erreichte.

Im Kofferraum lag eine Leiche!

Die Leiche von Cycely Parrish. Die wollte der Fahrer nun loswerden. Er bog in die Albany Street ein, und nahm wenig später Kurs auf den Regent’s Park.

Sobald der schwarze Wagen den Park erreicht hatte, blieb er stehen. Der Fahrer schaltete die Fahrzeugbeleuchtung ab, stieg jedoch nicht aus, sondern blickte sich zunächst aufmerksam um.

Erst als er sicher sein konnte, dass niemand in der Nähe war, der ihn beobachten konnte, verließ er den Wagen.

Ohne Eile begab er sich zum Kofferraum. Ein leises Schnappen war zu hören, und dann schwang der schwarze Deckel nach oben.

Die Tote trug keinen Faden mehr am Leib. Zusammengekrümmt lag sie auf dem blauen Nylon, mit dem der Mann den Kofferraum ausgelegt hatte, damit keine Blutspuren zurückblieben.

Nun beugte er sich über das Mädchen. Er griff nach den vier Nylonecken und nahm diese fest in seine Hände.

Ächzend hievte er das blaue Bündel aus dem Kofferraum und schleppte es zu einer kleinen Buschgruppe, in die er entschlossen eindrang. Als er der Meinung war, dass man die Tote von dort, wo der Wagen stand, nicht mehr sehen konnte, ließ er sie auf den Boden gleiten.

Damit war für ihn die Sache erledigt. Er kehrte um, setzte sich wieder in sein Fahrzeug und verließ den Park.

Zurück blieb ein totes Mädchen, das einem grausamen Mörder in einem unheimlichen Haus zum Opfer gefallen war.

Als der Morgen über London graute, trabte ein Penner namens Alan Winfield durch den kühlen Regent’s Park.

Tau glänzte auf dem Gras. Morgennebel krochen wie durchsichtige Gespenster über die Wege. Winfield hatte die Nacht unter einer Themsebrücke verbracht, und nun war er zu einem Altwarenhändler unterwegs, der ihm einen Gelegenheitsjob versprochen hatte.

Der Penner fröstelte. Er schlug seinen Mantelkragen hoch, hob die Schultern und versuchte sich so tief wie möglich in dem schäbigen Kleidungsstück zu verkriechen.

Er war unrasiert. Seine Bartstoppeln waren lang. Und da er sich seit geraumer Zeit nicht mehr gewaschen hatte, war seine Ausdünstung so scharf, dass die Leute zumeist einen großen Bogen um ihn machten, wenn ihnen sein Körpergeruch in die Nase stieg.

Es störte ihn nicht, dass die Menschen nichts von ihm hielten und nichts von ihm wissen wollten.

Er war mit der Menschheit sowieso fertig. Er verachtete sie ebenso, wie sie ihn verachtete, nur fand er, dass er dazu wesentlich mehr Grund hatte als die Leute, die bei seinem Erscheinen die Nase rümpften.

Wo waren sie gewesen, als er ihre Hilfe gebraucht hatte? Wer hatte sich um ihn gekümmert, als er verzweifelt versucht hatte, das Geld aufzutreiben, das er benötigt hatte, um die Operation bezahlen zu können, die nötig geworden war, als seine Frau am grauen Star erkrankt war?

Niemand hatte ihm das Geld dafür geliehen. Er hatte sich an einen Kredithai wenden müssen, und dieser hatte ihn innerhalb eines Jahres ruiniert.

Heute lebte seine Frau nicht mehr. Die Augenoperation war nicht erfolgreich gewesen, und die unglückliche Frau war von der Chelsea Bridge in die Themse gesprungen.

Ja, mit dem Verurteilen waren die Menschen immer schnell zur Stelle. Aber wie es zu Alan Winfields Situation gekommen war, dafür interessierten sie sich nicht, denn sie hatten ja ihre eigenen Sorgen und konnten sich nicht auch noch um jene anderer Menschen kümmern. Deshalb würden sie sich auch weiterhin auf das Naserümpfen beschränken, und Winfield würde mehr und mehr vor die Hunde gehen.

Aber diese Zukunftsaussichten machten dem Penner nichts aus. Er hatte sich darauf eingestellt und sich damit abgefunden.

Winfield blieb stehen.

Er durchwühlte seine Taschen und brachte einen geknickten Zigarettenstummel zum Vorschein. Nachdem er die Streichhölzer gefunden hatte, brannte er sich die Kippe an.

Genießend inhalierte er. Er pumpte den Rauch bis in die Lungenspitzen hinunter. Obwohl er wusste, dass das Rauchen schädlich war, wäre es das Letzte gewesen, was er aufgegeben hätte.

Er hätte lieber auf eine Mahlzeit als auf eine Zigarette verzichtet. Nach dem ersten Zug wollte er seinen Weg fortsetzen, doch plötzlich irritierte ihn etwas in den Büschen.

Die Farbe Blau passte nicht dorthin. Dem Penner glänzte zwischen Zweigen, Ästchen und aufknospenden Blättern etwas entgegen. Er war von Natur aus neugierig, deshalb war es ihm unmöglich, sich nicht darum zu kümmern.

Er lief über den nassen Rasen. Je näher er den Büschen kam, desto langsamer wurden seine Schritte.

Er suchte eine Stelle, wo die Zweige nicht so dicht waren. Hier kämpfte er sich durch das federnde Gewirr.

Er stolperte über dicke Erdbrocken und wäre beinahe hingefallen, wenn er sich nicht schnell seitlich an den Zweigen festgehalten hätte. Das Blaue war ein großes Stück Plane.

„Diese Umweltverschmutzer!“, schimpfte Alan Winfield. „Überall werfen sie ihr Zeug weg. Die Wohlstandsgesellschaft wird an ihren Abfällen noch mal ersticken.“

Der Penner hatte den Eindruck, dass in die Plane etwas eingewickelt war. Etwas Rosiges schimmerte durch.

Winfield erreichte das Bündel und öffnete es. Er warf einen Blick hinein, und was er zu sehen bekam, war so schrecklich, dass es ihm den Magen umdrehte.

Er musste sich übergeben, obwohl er nichts im Magen hatte. Wie von Furien gehetzt lief er davon.

Er rannte aus dem Park und rief von der nächsten öffentlichen Fernsprechzelle aus die Polizei an.

„Ich … ich habe einen grauenvollen Fund gemacht …“, stammelte er. „Im Regent’s Park … Da … da liegt eine Leiche … Ein Mädchen ist es … Das arme Ding ist fürchterlich zugerichtet …“

„Wie ist Ihr Name?“, fragte der Beamte am anderen Ende der Leitung.

„Ist das denn so wichtig – jetzt?“

„Möchten Sie ihn mir nicht sagen?“

„Aber ja. Warum nicht? Ich habe nichts zu verbergen. Ich, habe das Mädchen ja schließlich nicht umgebracht … Ich heiße Alan Winfield. Wird sich jemand um die Tote kümmern?“

„Selbstverständlich, Mr. Winfield. Ich leite die Meldung sofort weiter. Und Sie halten sich zu unserer Verfügung.“

„Muss das sein? Ich bin auf dem Weg … Na schön, ich werde auf Ihre Kollegen warten, schließlich weiß ich, was für Pflichten ich als britischer Staatsbürger habe.“

„Das ist sehr einsichtig von Ihnen“, sagte der Polizeibeamte. Zehn Minuten nach diesem Gespräch trat im Regent’s Park ein Streifenwagen ein …

 

*

 

Brian Parrish war Alkoholiker. Er besaß eine Kneipe im Londoner Stadtteil Lambeth, und man konnte ohne Übertreibung behaupten, dass er selbst sein bester Gast war.

Zwei längere Aufenthalte in Entzugskliniken hatten keinen Erfolg gebracht. Er war danach nie länger als eine Woche trocken geblieben. Dann hatte er fast noch mehr getrunken als zuvor.

Die Ärzte führten dies auf seinen labilen Charakter zurück. Außerdem hätte er die Kneipe aufgeben müssen, denn wenn er ständig von so vielen Flaschen umgeben war, war die Versuchung für ihn einfach zu groß.

Parrish war fünfzig. Er war aufgeschwemmt, hatte dicke Hamsterbacken und eine rot leuchtende Schnapsnase.

An diesem Vormittag hatte er seinen besten Anzug aus dem Schrank geholt und hatte nur so viel getrunken, wie nötig war, damit seine Hände zu zittern aufhörten.

Er war der Vater von Cycely Parrish und hatte heute Morgen von der Polizei einen Anruf erhalten. Ein Inspektor Francis McKenna von Scotland Yard hatte ihn gebeten, in sein Büro zu kommen.'

Nun stand Brian Parrish mit gemischten Gefühlen vor dem mächtigen Yard Gebäude und fragte sich zum hundertsten Male, was der Inspektor wohl von ihm wollte.

Als er das Yard-Building betrat, kam es ihm vor, als wäre er in einen Bienenstock geraten. War das ein hektischer Betrieb.

Er fragte sich zu Inspektor McKennas Büro durch und landete im achten Stock. Jemand klapperte in der Teeküche mit dem Geschirr. Es war eine schwergewichtige Frau, deren Busen von der cremefarbenen Bluse kaum zu bändigen war. Wie ein Stehpult sieht das aus, dachte Parrish und verkniff sich ein Grinsen.

Da er vor der offenen Tür der Teeküche stehenblieb, fragte die Beamtin: „Kann ich etwas für Sie tun?“

„In diesem riesigen Haus kann man sich ganz schön verlaufen, deshalb frage ich lieber einmal mehr: Bin ich hier noch richtig zu Inspektor McKenna? Francis McKenna.“

„Das ist zwei Türen weiter.“

„Vielen Dank.“

Augenblicke später klopfte Brian Parrish an eine Tür, an der McKennas Name stand.

„Ja, bitte!“

Verlegen lächelnd trat Parrish ein. Der Raum – voll klimatisiert – war nicht sonderlich groß und nur zweckmäßig eingerichtet. Den einzigen Ausbruch aus dieser Nüchternheit stellte ein kleiner Kaktus dar, der nahe dem Fenster auf einem Aktenschrank stand.

An einem glatten Schreibtisch saß ein schmaler Mann, der auch nicht besonders groß sein konnte.

„Inspektor McKenna?“, fragte Parrish zaghaft.

„Der bin ich.“

„Mein Name ist Brian Parrish. Sie haben mit mir telefoniert …“

„Treten Sie näher, Mr. Parrish.“

Brian Parrish betrat zaghaft den Raum. Er hatte jene gewisse Scheu, die bei seinesgleichen oft vorzufinden war, wenn sie mit den Behörden zu tun hatten. Er war sehr unsicher, und er hätte jetzt gern wieder einen Schluck von der Flasche genommen.

„Setzen Sie sich, Mr. Parrish.“

„Wird es so lange dauern, Inspektor? Ehrlich gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, was Sie von mir … Ich meine, ich bin ein unbeschriebenes Blatt. Ich habe mir in meinem ganzen Leben noch nie etwas zuschulden kommen lassen, und ich bin – das kann ich beschwören – noch niemals mit der Polizei in Konflikt geraten. Deshalb kann ich nur vermuten, dass vielleicht eine Verwechslung vorliegt …“

„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Parrish.“

„Na schön, wenn Sie es wünschen.“

„Es geht um Ihre Tochter.“

„Cycely? Hat sie was ausgefressen?“, fragte Brian Parrish erschrocken. „Also dafür können Sie mich nicht verantwortlich machen. Cycely ist von zu Hause abgehauen. Angeblich hielt sie es mit mir nicht mehr aus. Aber das war nicht der wahre Grund, weshalb sie mich verlassen hat, Inspektor. Sie wollte tun, was ihr Spaß machte, verstehen Sie?

Oh, verdammt, als sie noch bei mir wohnte, lernte ich ein paar Verehrer von ihr kennen. Furchtbar, sage ich Ihnen. Furchtbar. Existenzialisten oder so’n Pack waren das. Kerle, die in die Klapsmühle gehört hätten. Ganz klar, dass ich sie mit meinem Besen verjagt habe. Wer schmeißt schon gern seine einzige Tochter an so etwas weg?

Aber Cycely wollte nicht einsehen, dass ich es nur gut mit ihr meinte. Wir hatten fast jeden Tag Streit deswegen. Eines Tages ist mir dann die Hand ausgerutscht. Diese Ohrfeige hat sie mir nicht verziehen. Sie hat ihre Siebensachen gepackt und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sie lief von mir fort, um die Welt zu erobern.“

„Sie ist leider nicht weit gekommen, Mr. Parrish.“

„Das war ja nicht anders zu erwarten.“

„Man hat sie gefunden, Mr. Parrish. Sie hatte keine Papiere bei sich, aber da hat es einmal eine Schlägerei in Ihrer Kneipe gegeben, zu der Ihre Tochter vor Gericht aussagen musste. Einer unserer Beamten hat Cycely wiedererkannt …“

„Man hat sie ohne Papiere aufgegriffen? In welchem Zustand? War sie high? Geht Cycely etwa auf den Strich? Was ist mit meiner Tochter, Inspektor? Was ist mit Cycely?“

„Es tut mir leid“, sagte Francis McKenna und senkte den Blick. „Ihre Tochter lebt nicht mehr, Mr. Parrish.“

Brian Parrish saß wie vom Donner gerührt da. Er schüttelte den Kopf. Zuerst langsam, dann immer schneller.

„Das ist nicht wahr, Inspektor. Das kann nicht sein. Tot? Cycely ist tot? Wieso denn? Hatte sie einen Unfall?“

„Nein, Mr. Parrish. Sie wurde ermordet.“

„Ermo…“ Brian Parrish brachte das Wort nicht über die Lippen. „Oh, mein Gott“, stöhnte er, und schlug die Hände vors Gesicht. „Cycely ermordet. Warum?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Wo hat man sie gefunden?“

„Im Regent’s Park. Sie war nackt.“

„Ein Sexualverbrechen?“

„Wir vermuten etwas Schlimmeres, Mr. Parrish. Wo hat Cycely gewohnt?“

„Ich weiß nur, dass sie zu Stacy de Keyser ging, als sie mich verließ. De Keyser ist ein unbegabter Maler, der kaum mal ein Bild verkauft. Soviel ich gehört habe, blieb sie nicht lange bei ihm. Dann zog sie weiter. Ich habe keine Ahnung, wohin. Sie hat auch nichts mehr von sich hören lassen. Dabei habe ich so sehr auf einen Anruf gewartet.“

Der Inspektor erhob sich.

Brian Parrish blickte zu ihm auf. „Wo ist Cycely jetzt?“

„Im Leichenschauhaus. Ich bringe Sie zu ihr. Sie müssen Sie identifizieren. Deshalb habe ich Sie in mein Büro gebeten.“

Parrish stand auf. Er schluckte trocken. „Ich hoffe, ich kann es. Ich will Ihnen nichts vormachen, Inspektor. Ich bin Trinker, und ich hätte jetzt einen Schluck verdammt nötig. Haben Sie etwas hier? Es ist ganz egal, was es ist, ich bin nicht wählerisch.“

„Brandy?“

„Ist mir recht.“

Francis McKenna holte eine Flasche, die noch fast voll war, aus seinem Schreibtisch. Er stellte vor Parrish ein Glas hin und goss ein. An Brian Parrish’ Miene erkannte er, dass es zu wenig war.

Dieser Ausdruck änderte sich erst, als das Glas randvoll war. Der Alkoholiker griff gierig danach.

„Danke“, keuchte er, und leerte das Glas auf einen Zug.

McKenna stellte die Flasche weg. „Können wir gehen?“

„Ja.“

Inspektor McKenna forderte einen Dienstwagen an.

Bevor er wenig später mit Brian Parrish das nüchterne Leichenschauhaus betrat, sagte er: „Sie brauchen jetzt starke Nerven.“

Parrish sah den Inspektor erschrocken an. „Hat man Cycely so schrecklich zugerichtet?“

„Leider ja.“

Parrish wurde bleich. Er wischte sich mit der Hand nervös über das Gesicht. McKenna erkannte, dass der bedauernswerte Mann einen schweren Kampf mit sich austrug.

Er versuchte sich zusammenzureißen, aber es war fraglich, ob er den Anblick der Toten würde ertragen können.

Sie betraten das Gebäude. Ein großer, grobknochiger Mann empfing sie. McKenna kannte ihn. Er hatte häufig mit ihm zu tun. Sie wechselten einige Worte, dann führte der Grobknochige die beiden Männer in einen kahlen Raum, dessen Wände verfliest waren.

Auf Knopfdruck rollte eine der Boxen aus der Kühlwand. Es war unschwer zu erkennen, dass unter dem Laken ein Mädchen lag.

Der Stoff zeichnete die Konturen deutlich nach. Der Inspektor griff nach dem Laken und hob es langsam hoch.

Parrish wagte nicht hinzusehen. Er hatte den Kopf zur Seite gedreht.

„Ist das Ihre Tochter, Mr. Parrish?“

Langsam wandte der Mann den Kopf. Was er dann sah, war ein schlimmer Schock für ihn. Schlagartig wurde ihm eiskalt, und die Luft blieb ihm weg.

Er wankte, riss sich von dem grauenvollen Anblick los und lehnte sich ächzend an die Wand. Francis McKenna legte das Leinentuch wieder auf die Tote.

„Ja“, sagte Brian Parrish röchelnd. „Ja, das ist Cycely.“

Der Inspektor nickte dem Grobknochigen zu und verließ dann mit Parrish das Leichenschauhaus. Sicherheitshalber stützte er den Alkoholiker.

Parrish setzte sich zu McKenna in den Dienstwagen.

„Wohin soll ich Sie fahren?“, erkundigte sich der Inspektor.

„Nach Hause“, hauchte Parrish.

Francis McKenna fuhr los. Zwanzig Minuten später ließ er den Wagen vor Parrish’ Kneipe ausrollen. Der Mann war immer noch bleich. Er sah den Inspektor fassungslos an.

„Es … es ist mir unbegreiflich“, stieß er abgehackt hervor. „Sie muss einer fürchterlichen Bestie zum Opfer gefallen sein. Sie sieht aus, als ob ein Rudel Wölfe über sie hergefallen wäre … Inspektor, wer hat diese grausame Tat begangen?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Was haben Sie bis jetzt unternommen?“

„Wir verfolgen mehrere Spuren.“

„Ich glaube Ihnen nicht. Soll ich Ihnen sagen, was ich vermute? Dass Sie keine Ahnung haben, was Sie in diesem Fall tun sollen. Außerdem ist das Ganze für Sie nichts weiter als Routine. Einer von vielen Fällen. Sie werden versuchen, ihn aufzuklären, aber Sie werden sich nicht mehr anstrengen als bei jedem anderen Fall, den man Ihnen zuteilt …“

„Das stimmt nicht. Ich bin nicht so abgebrüht, wie Sie denken, Mr. Parrish! Der bestialische Mord an Ihrer Tochter hat mich ebenso geschockt wie Sie.“

„Das gibt’s ja gar nicht. Wenn Ihnen wirklich jeder Mord an die Nieren gehen würde, wären Sie bald ein nervliches Wrack, Inspektor. Sie werden mit eiskalter Routine versuchen, den Mörder zu finden. Erwischen Sie ihn, ist es gut. Können Sie ihn nicht aufspüren, ist es auch gut. Dann wandert die Akte eben mit dem Vermerk ‚Ungelöst‘ ins Archiv.“

„Darf ich erfahren, was Sie von mir erwarten, Mr. Parrish? Dass ich Wunder wirke?“

„Ich erwarte gar nichts von Ihnen, Inspektor McKenna. Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen.“

„Das lassen Sie mal lieber sein.“

„Sie können mich nicht daran hindern.“

„Doch, das kann ich. Sie haben nicht die geringste Befugnis, meinen Job zu tun.“

„Ich habe ein Recht darauf, den Mörder meiner Tochter zu suchen. Niemand hat ein größeres Recht darauf als ich. Schließlich bin ich Cycelys Vater!“

„Sie sind nicht geschult …“

„Dazu brauche ich keine Yard-Ausbildung.“

„Parrish, ich warne Sie, wenn Sie mir mit Ihren privaten Ermittlungen in die Quere kommen und mich bei meiner Arbeit behindern, sorge ich dafür, dass Sie mehr Ärger an den Hals kriegen, als Sie verkraften können.“

Brian Parrish’ Blick war scheinbar in die Vergangenheit gerichtet. „Ich sehe Cycely vor mir. Als sie zwölf war, kaufte ich ihr Rollschuhe. Nie werde ich diesen freudigen Glanz ihrer Augen vergessen … Und nun ist sie tot. Ermordet von einer grausamen Bestie, die ich entlarven werde!“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913774
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378550
Schlagworte
schlupfwinkel hölle

Autor

Zurück

Titel: Schlupfwinkel der Hölle