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Romantic Thriller Trio #8 - Drei Romane

2017 300 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:
Der gefallene Schutzengel – Das magische Amulett Band 23
Irrgarten des Grauens – Das magische Amulett Band 24
Der Bote der Hölle – Das magische Amulett Band 25

Leseprobe

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Romantic Thriller Trio #8 - Drei Romane

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von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 304 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Der gefallene Schutzengel – Das magische Amulett Band 23

Irrgarten des Grauens – Das magische Amulett Band 24

Der Bote der Hölle – Das magische Amulett Band 25

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der gefallene Schutzengel

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Das magische Amulett  Band 23

Roman von Jan Gardemann

Als die Amulettforscherin Brenda Logan das Grab ihrer Großmutter besuchen will, eilt sie einer alten Frau zu Hilfe, die am offenen Grab ihres Mannes zusammenbricht. Als die gleiche Frau am nächsten Tag zu ihr kommt, um sie um Hilfe zu bitten, sieht Brenda überrascht, dass die Frau deutlich jünger ist, als am Tag zuvor. Um den Grund dafür zu erfahren, muss Brenda erst die Identität der Fremden heraus finden, denn seit die einen Unfall hatte, kann sie sich nicht mehr daran erinnern, wer sie wirklich ist.

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Prolog

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Im nächsten Moment vernahm ich ein meckerndes, diabolisches Gelächter. Erschrocken sah ich auf. Draußen vor dem Fenster stand eine düstere Gestalt, die sich schemenhaft gegen den nächtlichen, verregneten Himmel abhob. Der altmodische Umhang, den die Gestalt trug, flatterte gespenstisch im Wind, so dass es aussah, als seien dem Geisterhaften dunkle Flügel gewachsen. Am unheimlichsten aber war das Paar grün leuchtender Augen. »Aigolf«, flüsterte ich mit versagender Stimme. Wieder stieß der Unheimliche sein meckerndes Gelächter aus. Ein Blitz fuhr hinter ihm nieder, und der Widerschein flackerte über sein bleiches, hageres Gesicht. Donner grollten über die Dächer der Stadt. Im gleichen Moment ließ Aigolf sich nach hinten fallen und verschwand in der Tiefe. Wie unter fremdem Einfluss stehend, erhob ich mich und starrte durch das Fenster. Von der unheimlichen Gestalt war nichts mehr zu sehen.

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Das Gewitter, das die ganze Nacht Unheil verkündend und drohend über der Stadt gehangen hatte, brach in den frühen Morgenstunden wie eine Naturkatastrophe über die englische Metropole herein. Es war ein wahrer Sturzbach, der da vom düsteren, wolkenverhangenen Himmel niederkam. Die dicken, schweren Regentropfen rauschten in den Blättern der Trauerweiden und der struppigen Büsche, die auf dem kleinen Friedhof vom Woodfield Park wuchsen. Er trommelte auf den großen, schwarzen Schirm, den Daniel über uns gebreitet hatte. Zärtlich legte er einen Arm um mich, während ich gedankenversunken an seiner Schulter lehnte und auf das Grab vor mir hinab starrte.

Aimi Statson, lautete der Name, der in den grauen, regennassen Grabstein gemeißelt war. Die bunten Blumen, die auf dem Grab wuchsen, bogen sich unter dem prasselnden Regen und neigten ihre Köpfe, als wären auch sie in tiefsinnige Gedanken verfallen.

»Schade, dass ich deine Großmutter nicht mehr kennengelernt habe, Brenda«, merkte Daniel leise an. Seine Worte übertönten kaum das Prasseln des Regens und das Rauschen der Großstadt, das durch die dichte Hecke, die den Friedhof wie eine hohe Mauer umgab, zu uns drang. Am Ende des Friedhofs zeichneten sich die Umrisse der alten St. Mathias Kirche ab, in die meine Großmutter zu ihren Lebzeiten immer so gerne gegangen war.

»Aimi muss eine wundervolle Frau gewesen sein«, fügte Daniel noch hinzu.

Ich nickte traurig. »Das war sie auch«, sagte ich mit schwankender Stimme. »Und es hätte sie sicher sehr gefreut, dass ich einen so charmanten und liebevollen Mann geheiratet habe.«

Ich schmiegte mich noch dichter in Daniels Arme. Er lächelte geschmeichelt.

»Ebenso stolz hätte sie es aber auch gemacht, zu sehen, dass aus ihrer Enkeltochter eine bekannte Archäologin geworden ist, die in dem angesehenen Britisch Museum arbeitet und eine renommierte Amulettforscherin geworden ist. Ich glaube, nicht zuletzt deiner Großmutter hast du es zu verdanken, was aus dir geworden ist.«

Ich seufzte. Daniel hatte recht. Nach dem Tod meiner Eltern Jack und Elisa hatte Granny mich bei sich aufgenommen. Meine geliebten Eltern starben bei einem Busunglück in Irland. Ich war damals erst sechzehn Jahre alt. Für mich stürzte eine Welt in sich zusammen, als ich von dem tödlichen Unfall erfuhr. Von einem Tag auf den anderen veränderte sich mein Leben von Grund auf, und ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich wusste damals nicht, was ich tun sollte. Mein Leben erschien mir plötzlich sinnlos und wertlos.

Doch dann tauchte plötzlich meine Großmutter Aimi Statson im Haus meiner Eltern auf, das mir nun verwaist und ein wenig unheimlich vorkam. Sie war die einzige Verwandte, die mir geblieben war. Aber Aimi lebte ein einsames, zurückgezogenes Leben, seit ihr Mann verstorben war. Irgendwie war sie nicht über den Tod ihres geliebten Chuck hinweggekommen.

Doch als sie mir an jenem Tag einen Besuch abstattete, war sie wie ausgewechselt. Ihr Gang war nicht länger gebeugt. Und die Spuren ewiger Trauer, die sich tief in ihr altes Gesicht gegraben hatten, waren nahezu verschwunden.

Granny trat auf mich zu und schloss mich ganz fest in ihre Arme.

»Es ist schrecklich, was mit deinen Eltern passiert ist«, sagte sie mit ungewohnt fester Stimme. »Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, mir erging es genauso, als dein Grandpa plötzlich entschlummerte. Das Leben hatte plötzlich keinen Sinn mehr für mich.«

Sie straffte sich, fasste mich am Kinn und sah mir entschlossen in die Augen.

»Aber das hat sich nun geändert«, sagte sie und lächelte milde. »Ich habe eine neue Aufgabe gefunden. Du wirst bei mir wohnen, und ich werde alles tun, um dir deine Eltern zu ersetzen.«

Zweifelnd sah ich meine Großmutter an. Ich erkannte sie gar nicht wieder, so selbstsicher und stark wirkte sie plötzlich auf mich.

Als ich das erkannte, konnte ich endlich all meiner Trauer und Verzweiflung freien Lauf Tassen. Ich weinte und schluchzte mich an Grannys Schulter aus. Und als ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte, erhob Aimi sich und strich mir eine Strähne aus meinem tränenfeuchten Gesicht.

»Schau nach vorn, Brenda«, sagte sie mit zuversichtlicher Stimme. »Deine ganze Zukunft liegt noch vor dir. Du wirst über den schmerzlichen Verlust, den der Tod deiner Eltern bedeutet, hinweg kommen. Denn die Zeit heilt alle Wunden. Jack und Elisa werden in deinen Erinnerungen weiterleben. Komm zu mir in meine alte Villa. Nimm alles mit, was dir aus deinem alten Leben erhaltenswert erscheint. Dann werden wir das Haus deiner Eltern verkaufen, denn für dich beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt...«

Und genauso machten wir es auch. Ich zog zu Aimi in ihre Villa in der Lynton Avenue, nicht weit vom Woodfield Park entfernt.

Granny blühte sichtlich wieder auf, und sie steckte mich mit ihrer neu erwachten Lebensfreude an, so dass ich schließlich über den Tod meiner Eltern hinwegkam.

Früh erkannte Granny mein Interesse für Archäologie. Sie unterstützte meine Neigungen und besuchte mit mir zusammen Museen und Archäologie Vorträge. Schließlich ermöglichte sie mir sogar das Studium.

Doch dann kam der Tag, wo auch Aimi von mir gehen musste. Sie starb im Winter und ich steckte mitten in den Diplomarbeiten; Es war eine hektische, sorgenvolle Zeit. Und um rasch über meine Trauer hinwegzukommen, verfuhr ich genauso, wie Granny mir es damals nach dem Tod meiner Eltern empfohlen hatte. Ich kaufte mir ein kleines Apartment in der City und nahm nur sehr wenige Sachen mit, die mich an meine Vergangenheit erinnerten. Aimis alte Villa und den ganzen Krempel, der sich all die Jahre darin angesammelt hatte, verkaufte ich.

Heute, da ich mit Daniel zusammen in einer großen Atelierwohnung in der Lime Street im Zentrum von London wohnte, bereute ich den voreiligen Verkauf der Villa manchmal. Ich besaß kaum noch Dinge, die mich an Jack, Elisa oder Granny erinnerten. Nur tief in meinem Herzen bewahrte ich Erinnerungen auf, die mir niemand mehr nehmen konnte.

So war das Grab auf diesem kleinen Friedhof beim Woodfield Park der einzige Ort, an dem ich meiner lieben Großmutter gedenken konnte. Heute wäre ihr neunzigster Geburtstag gewesen.

Ich legte den üppigen Strauß, den ich mitgebracht hatte, vor den Grabstein nieder und warf noch einen kurzen Blick zum Grabstein daneben, wo Chuck, Aimis Mann, begraben war. Dann kehrte ich rasch zu Daniel unter den Schirm zurück.

Der Platzregen hatte die Luft merklich abgekühlt. Von den frühsommerlichen Temperaturen, die bis jetzt geherrscht hatten, war nichts mehr zu spüren. Fröstelnd rieb ich mit den Händen über meine Schultern.

»Lass uns gehen, Daniel«, sagte ich unbehaglich. »Mich friert und ich bekomme langsam nasse Füße.«

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2

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Wir hakten uns unter und wandten uns vom Grab meiner Großeltern ab.

Da fiel mein Blick auf eine kleine Trauergemeinde, die nur wenige Meter von uns entfernt an einem offenen Grab stand. Die Gesichter der in schwarz gekleideten Gestalten waren unter den Regenschirmen kaum zu erkennen. Eine alte Frau, mit einem dezenten Gesichtsschleier, stand direkt vor dem finsteren, rechteckigen Loch im Boden und warf eine Handvoll nasser Erde auf den Sarg herab. Regentropfen rannen an ihr hinunter, aber das schien die Frau nicht im geringsten zu stören, so sehr war sie in ihrer Trauer gefangen.

Der kleine Weg, der in gerader Linie zwischen den Gräbern verlief, führte Daniel und mich direkt auf die Trauergemeinde zu.

Wir waren nur noch wenige Schritte von den Leuten entfernt, da trat hinter einem wuchtigen Grabstein, auf dem eine barocke Engelsgestalt aus Marmor thronte, plötzlich eine finstere Gestalt hervor.

Ich verharrte unwillkürlich im Schritt. Die Gestalt war halb im Schatten der Engelsstatue verborgen. Sie trug einen dunklen grünen Umhang, und die Füße, die unter dem sonderbaren, altertümlichen Gewand hervorschauten, steckten in hohen Stulpenstiefeln. Das Wesen hatte langes blondes Haar, das strohig und unordentlich wirkte. Es stand in alle Richtungen vom Kopf ab und beschattete das hagere Gesicht, von dem nur die gespenstischen, grünlich leuchtenden Augen zu sehen waren.

Die unheimliche Person starrte die alte, in Schwarz gekleidete Frau vor dem Grab unverhohlen an.

»Was hast du, Brenda?«, erkundigte sich Daniel besorgt, der neben mir stehengeblieben war.

»Die Gestalt dort hinter der Engelsstatue...«, flüsterte ich mit rauer Stimme.

Daniel wollte der Richtung folgen, in die ich mit einem Kopfnicken gedeutet hatte. Doch in diesem Moment stieß die alte Frau, die am offenen Grab stand, einen durchdringenden Schrei aus. Sie brach zusammen und stürzte schwer auf den Hügel aufgeworfener, schwarzer Erde.

Sofort drückte Daniel mir den Regenschirm in die Hand und rannte auf die am Boden liegende Frau zu, die er noch vor den Leuten aus der Trauergemeinde erreichte.

Unbehaglich schaute ich zu dem Grabstein mit dem Engel hinüber. Aber die gespenstische Gestalt war verschwunden.

Rasch trat ich an Daniels Seite. Er kniete auf dem regennassen Boden und untersuchte die Frau mit routinierten, ruhigen Griffen.

»Was... was ist mit Mrs. Nilson geschehen?«, erkundigte sich der Vikar. Er presste die Bibel ängstlich an seine schmächtige Brust. In der anderen Hand hielt er einen Schirm, der unruhig hin und her wankte. »Mrs. Nilson hat ihren Mann sehr geliebt«, fuhr er mit besorgter Stimme fort. »Sein Tod ist ihr sehr nahe gegangen. Ist sie etwa jetzt auch...« Er wagte nicht, den Satz zu vollenden.

»Sie lebt«, erklärte Daniel rasch, um die Befürchtung der Umstehenden zu zerstreuen. Der Regen hatte sein hellbraunes lockiges Haar in kurzer Zeit vollkommen durchnässt. Behutsam schlug er den Schleier der Frau zurück. Der Ansatz des dichten silbergrauen Haares zeichnete sich an der Stirn deutlich ab.

Daniel tätschelte vorsichtig die bleichen, eingefallenen Wangen der Frau. Ihre faltigen Lider zitterten und hoben sich schließlich zögernd. Mrs. Nilson hatte hellblaue Augen, die überraschend klar wirkten. Gehetzt schaute sie sich um, ohne jedoch etwas von ihrer Umgebung wahrzunehmen.

»Aigolf«, stöhnte sie mit hohler Grabesstimme. »Was... was will er von mir? Haben die finsteren Mächte mich nun doch noch gefunden?«

Sie richtete sich halb auf und starrte zu dem Grabstein mit der Engelsstatue hinüber. Suchte sie etwa nach der unheimlichen Gestalt mit den grün schimmernden Augen?

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich muss mich getäuscht haben«, murmelte sie. Dann erst schien sie zu gegenwärtigen, wo sie sich befand. Verwirrt schaute sie zu Daniel auf, der immer noch neben ihr auf der nassen schwarzen Erde kauerte. Ihre Augen hatten plötzlich einen stumpfen, glanzlosen Ausdruck angenommen und waren sichtlich vom Alter gezeichnet.

»Wer... wer sind Sie?«, fragte Mrs. Nilson verwirrt und mit zitternder Stimme.

»Mein Name ist Daniel Connors. Ich bin Arzt. Sie können mir vertrauen. Vor wenigen Augenblicken sind Sie bewusstlos zusammengebrochen. Können Sie sich daran erinnern?«

Die Frau blickte sich verwirrt um. Als sie dann aber die kleine Trauergemeinde, den Vikar und das offene Grab bemerkte, grub sich der Ausdruck von Schmerz und Leid in ihr altes Gesicht.

»George...«, murmelte sie mit versagender Stimme. Tränen traten in ihre Augen. »Mein geliebter Mann. Er ist von mir gegangen. Was fange ich nun ohne ihn an?«

Eine Welle des Mitgefühls ergriff mich. Unwillkürlich musste ich an meine Großmutter Aimi denken. Als ihr Mann starb, musste sie Ähnliches empfunden haben, wie Mrs. Nilson in diesem Augenblick.

Und doch schien etwas anders zu sein. Der Ausdruck tiefster Verzweiflung, der sich nun auf dem Gesicht der alten Frau spiegelte, war so intensiv und eindringlich, dass es mir unwillkürlich kalt den Rücken hinunterlief. Nie zuvor hatte ich ein Antlitz gesehen, in dem sich die Erkenntnis über die bevorstehende Einsamkeit so deutlich widerspiegelte. Ich spürte instinktiv, dass niemand in der Lage sein würde, die seelischen Schmerzen der armen Frau zu lindem.

Auch Daniel und die Umstehenden schienen Ähnliches zu empfinden, denn ein betretenes Schweigen machte sich breit. Nur das dumpfe Prasseln des Regens, der auf den Sarg im offenen Grab fiel, war zu hören.

Entschlossen schüttelte ich meine Beklommenheit ab und half Mrs. Nilson wieder auf die Beine.

»Danke, mein Kind«, sagte sie und lächelte mich freundlich an. Doch dann kniff sie plötzlich die Lider zusammen und musterte mich eindringlich, wobei es in ihren hellblauen Augen wieder so seltsam aufblitzte.

»Sie sind eine bemerkenswerte Frau«, murmelte sie, als spräche sie zu sich selbst. »Sie haben Ihr Leben der Aufgabe gewidmet, die böse Magie in dieser Welt zu bekämpfen. In dieser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich...«

»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte ich verwirrt.

Mrs. Nilson hatte recht. Als Amulettforscherin hatte ich es mir tatsächlich zur Aufgabe gemacht, die bösen, magischen Amulette, die es überall auf der Welt gab, zu bekämpfen und den unheilvollen Einfluss, den sie auf Menschen ausübten, zurück zu drängen.

Aber das konnte Mrs. Nilson unmöglich wissen!

Mrs. Nilson schüttelte benommen den Kopf, als würde sie den Sinn ihrer eigenen Worte nun selbst nicht mehr verstehen. Statt dessen wandte sie sich an den Vikar.

»Fahren Sie mit der Zeremonie fort«, forderte sie den Geistlichen mit brüchiger Stimme auf.

Der Vikar sah die alte Frau zweifelnd an. »Sie sind ja ganz durchnässt, und ihr Kleid ist schmutzig«, wandte er ein. »Vielleicht sollten Sie sich lieber nach Hause fahren lassen und sich etwas hinlegen.«

Mrs. Nilson schüttelte entschieden den Kopf. »Auf keinen Fall werde ich George den letzten Dienst verwehren, den ich ihm in meinem Leben noch erweisen kann.« Sie klopfte sich unbeeindruckt die feuchte Erde von ihrem schwarzen Kleid und stellte sich dann wieder neben das offene Grab.

Demonstrativ schlug sie den Schleier wieder vors Gesicht und faltete die Hände zum Gebet.

Der Vikar warf Daniel einen hilfesuchenden Blick zu. Aber der zuckte nur mit den Schultern und nickte kaum merklich, als Zeichen dafür, dass er als Arzt keine Bedenken hatte, wenn derVikar die Beerdigungszeremonie fortsetzte.

Daniel und ich sprachen Mrs. Nilson noch unser Beileid aus. Daniel wandte sich der alten Frau noch einmal zu.

»Sie sollten Ihren Ohnmachtsanfall nicht auf die leichte Schulter nehmen! Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen helfen könnte. Besuchen Sie mich doch einmal im St. Thomas Hospital, forderte mein Mann sie auf.

Aber Mrs. Nilson antwortete nicht. Täuschte ich mich, oder ruckte ihr Kopf wirklich kurz in die Richtung, wo der Grabstein mit dem Marmorengel stand?

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»Eine seltsame Frau«, murmelte ich und hakte mich fröstelnd bei Daniel unter.

»Sie ist alt und der Tod ihres Mannes hat sie stark mitgenommen«, erklärte Daniel. »Da ist es nicht verwunderlich, wenn jemand wirres Zeug redet. Trotzdem könnte es nicht schaden, Mrs. Nilson auf ihren Gesundheitszustand hin durchzuchecken.«

Ich musste unwillkürlich über Daniels Worte lächeln. Er war mit Leib und Seele Arzt. Und obwohl wir gemeinsam schon so manches mysteriöse Abenteuer zu bestehen gehabt hatten, hatte er seinen Pragmatisinus und seinen Sinn für die Realität nicht verloren. Wenn ihm etwas seltsam vorkam, versuchte er zuerst, eine vernünftige und logische Erklärung dafür zu finden.

Bei mir verhielt es sich ein wenig anders. Die vielen übersinnlichen und okkulten Phänomene, die ich in den letzten Jahren erlebt hatte, hatten meine Sinne empfänglicher für Dinge gemacht, die magischen Ursprungs waren. Ich war mir daher auch gar nicht so sicher, ob der Ohnmachtsanfall von Mrs. Nilsen auf ihr Alter oder den Umstand zurückzuführen war, dass ihr Mann gestorben war.

Statt dessen ging mir die mysteriöse Gestalt mit dem langen Umhang, den Stulpenstiefeln und den unheimlichen, grünlich leuchtenden Augen nicht mehr aus dem Sinn. War sie gemeint, als Mrs. Nilson von Aigolf und den bösen Mächten sprach?

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Am anderen Tag nahm mich die Arbeit im British Museum so sehr in Anspruch, dass ich die seltsamen Vorkommnisse auf dem kleinen Friedhof beim Woodfield Park rasch wieder vergaß.

Professor Salomon Sloane, der Direktor des Museums, hatte mich und einige andere Archäologen mit der Aufgabe betraut, uns um mehrere Kisten mit Keramikscherben zu kümmern.

Die Tonscherben waren während Bauarbeiten in der Londoner City entdeckt worden. Die Arbeiter hatten die Scherben anfangs achtlos in einen Container geworfen.

Erst später, als der Container entsorgt werden sollte, kam jemand auf die Idee, sich die Scherben genauer anzusehen. Die seltsamen Formen, die Überreste von Malereien und Modellierarbeiten, veranlassten den Vorarbeiter schließlich dazu, das British Museum zu informieren. Der herbeigeeilte Archäologe stellte kurz darauf fest, dass es sich um Scherben antiker Gefäße handelte.

Die Keramikscherben wurden daraufhin vorsichtig in Kisten verpackt und ins Museum gebracht. Nun stapelten sie sich in einer großen Halle und ein halbes Dutzend junger Archäologen war damit beschäftigt, die Scherben zu sortieren, zu katalogisieren und zu analysieren.

Am zeitaufwendigsten aber war es, die Fundstücke vom getrockneten Schlamm zu befreieen und die passenden Teile wieder zusammenzufügen.

Diese Art von »Archäologenarbeit« zählte nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich war daher froh, als Raymond Ghanadi, der Hausmeister des Museums, in dem großen Arbeitsraum auftauchte und nach mir rief.

»Was gibt es denn, Raymond?«, fragte ich und trat auf den jungen Mann zu.

Raymonds Vater war indischer Abstammung. Diesem Umstand hatte der junge Hausmeister seinen dunklen Teint, das dichte schwarze Haar und die dunklen, ein wenig geheimnisvoll wirkenden Augen zu verdanken.

»Du hast Besuch bekommen«, klärte Raymond Ghanadi mich auf. Unverhohlen schaute er mich von oben bis unten an. »In deinem schmuddeligen Arbeitskittel siehst du bezaubernd aus«, bemerkte er und grinste süffisant. »Wenn du dich in diesem Aufzug auf einen Laufsteg verirrst, wird bald die ganze Oberschicht von London und Paris in staubigen blauen Kitteln herumlaufen.«

Ich drohte Raymond schelmisch mit dem Zeigefinger.

Der junge Hausmeister war in mich verliebt, und er gab sich keine Mühe, dies vor mir zu verheimlichen. Aber er wusste auch, dass mein Herz und meine Liebe uneingeschränkt Daniel Connors gehörten. Trotzdem ließ Raymond es sich nicht nehmen, mir dann und wann mit scherzhaften Anspielungen in Erinnerung zu rufen, was er für mich empfand.

»Wer ist denn mein Besucher?«, wollte ich wissen und wischte meine Hände mit einem Lappen sauber.

»Eine ziemlich elegante, ältere Dame«, sagte er. »Sie heißt Gabriela Nilson.«

In diesem Moment erinnerte ich mich wieder an den Vorfall auf dem Friedhof. Was mochte die Frau von mir wollen?

Raymond führte mich zur Bibliothek des Museums, die wegen ihrem umfangreichen Bestand an seltenen und kostbaren Büchern in der ganzen Welt bekannt war. In einem abgestellten Bereich stand eine schlanke, in Schwarz gekleidete Frau. Sie lehnte am vergitterten Fenster und hatte uns den Rücken zugekehrt.

»Das ist sie«, flüsterte Raymond mir zu und deutete mit einem Kopfnicken auf die Frau.

Ich bedankte mich bei ihm und trat dann zögernd auf die Schwarzgekleidete zu. Als Raymond mir sagte, wer mein Besucher war, hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass es sich um Mrs. Nilson handelte, die beim Grab ihres Mannes ohnmächtig zusammengebrochen war. Aber die Frau, die dort beim Fenster stand, schien mir jünger zu sein.

»Gabriela Nilson?«, machte ich mich bemerkbar, als ich hinter der Frau stand. »Sie wollten mich sprechen?«

Die Frau drehte sich langsam um. Ihr Gesicht war verschleiert, so dass ich es nicht erkennen konnte.

»Ich bin froh, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben«, drang die Stimme von Gabriela Nilson hinter dem Schleier hervor. »Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte.«

»Ist etwas mit Mrs. Nilson geschehen?«, erkundigte ich mich besorgt. Plötzlich argwöhnte ich, dass Gabriela deswegen in Trauerflor gekleidet war, weil Mrs. Nilson nun auch verstorben war.

»So könnte man es vielleicht auch ausdrücken«, sagte mein Gegenüber geheimnisvoll und schlug den Schleier zurück.

Ich stutzte. Die Ähnlichkeit, die diese Frau mit der Mrs. Nilson vom Friedhof hatte, war frappierend. Fast hätte ich annehmen können, es handelte sich um ein und dieselbe Frau. Nur dass Gabriela einige Jahre jünger war.

»Ja«, sagte sie in diesem Moment seufzend. »Schauen Sie mich nur ganz genau an. Ich habe es selbst nicht glauben können, als ich heute morgen in den Spiegel blickte.«

Ich lächelte verlegen, weil ich nichts mit ihren Worten anzufangen wusste. Ich nahm aber an, dass mein unverhohlener Blick sie gekränkt hatte. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie so anstarre«, beeilte ich mich daher zu sagen und wechselte rasch das Thema: »Warum sind Sie gekommen?«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Gabriela und lächelte sanftmütig. Sie tastete mit den Fingern vorsichtig über ihr Gesicht. »Es ist beschämend«, meinte sie dabei. »Seit mein geliebter George beim Woodfield Friedhof zur letzten Ruhe gebettet wurde, scheine ich richtiggehend aufzublühen. Etliche meiner Falten sind verschwunden; und auch der gebeugte Gang hat sich verbessert.«

Sie schüttelte betrübt den Kopf. »Dabei hätte eigentlich das Gegenteil eintreten müssen. Seit George verstorben ist, bin ich unglücklich und sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben. Daher erscheint es mir fast als Hohn, dass mein Körper sich plötzlich auf so seltsame Weise erholt...«

Sie hielt inne und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln.

Ich schüttelte verstört den Kopf. »Wollen Sie etwa andeuten, dass Sie die alte Frau sind, der Daniel und ich gestern beim Friedhof halfen, als sie am Grab ihres Mannes zusammenbrach? Sie scheinen mir um einige Jahre jünger zu sein.«

Gabriela nickte schwermütig. »Ich verstehe es ja selbst nicht«, meinte sie verzagt. »Aus diesem Grund bin ich auch zu Ihnen gekommen. Irgendetwas Seltsames geht mit mir vor. Und ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht eine Erklärung dafür parat hätten.«

Hoffnungsvoll sahen mich ihre hellblauen Augen an, in denen es lebensfroh schimmerte.

»Wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?«, sagte ich unbehaglich. »Ich bin eine Archäologin und keine Medizinerin. Sie wären besser ins St. Thomas Hospital zu Daniel gegangen, als zu mir.«

Gabriela sah mich nachdenklich an. »Vielleicht haben Sie recht«, sagte sie kraftlos. »Aber eine innere Stimme hat mir geraten, zuerst Sie aufzusuchen.«

Die Sache wurde in meinen Augen immer mysteriöser. Entweder wollte Gabriela Nilson mich auf den Arm nehmen, oder irgendetwas an dieser Geschichte ging nicht mit rechten Dingen zu.

»Können Sie sich an die Worte erinnern, die sie beim Erwachen auf dem Friedhof sagten?«, erkundigte ich mich zurückhaltend.

Gabriela zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, nein«, sagte sie. »Ich kann mich nicht einmal erinnern, überhaupt etwas von mir gegeben zu haben.«

Ich runzelte die Stirn. Diese Aussage machte die Behauptung meines Gegenübers, sie wäre mit der alten Frau vom Friedhof identisch, nicht gerade glaubwürdiger.

»Sagt Ihnen der Name oder der Begriff Aigolf irgendetwas?«, fragte ich.

Gabriela schien in sich hinein zu lauschen. Doch schließlich schüttelte sie den Kopf. »Nein«, sagte sie. »Ich glaube, ich höre dieses seltsame Wort heute zum ersten Mal. Wissen Sie denn, was es bedeutet?«

»Leider auch nicht. Aber bisher sah ich auch keine Veranlassung, Nachforschungen darüber anzustellen.«

»Was habe ich sonst noch gesagt?«, erkundigte sich Gabriela Nilson interessiert.

»Sie sprachen von dunklen Mächten und befürchteten anscheinend, dass das Böse sie aufgespürt hat.«

Gabriela seufzte und lachte dann gepresst. »Ich fürchte, ich vergeude nur Ihre Zeit«, meinte sie verlegen. »Ich muss nicht recht bei Sinnen gewesen sein, als ich diese Worte sprach. Sie sagen mir überhaupt nichts. Es wird doch besser sein, wenn ich Ihren Mann im St. Thomas Hospital aufsuche. Sicher gibt es für all diese mysteriösen Begebenheiten eine medizinische Erklärung.«

Ich ließ mein Gegenüber nicht aus den Augen. Die Gefühle, die sich auf dem faltigen Gesicht der alten Frau abzeichneten, schienen mir echt und aufrichtig zu sein. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Gabriela mir nur etwas vormachte und in Wahrheit nicht die alte Frau vom Friedhof war.

Ich beschloss daher, auf meine Gefühle zu hören und Gabrielas Behauptung, sie wäre die Frau des verstorbenen George Nilson, zu glauben.

»Es kann sicher nicht schaden, wenn Sie Daniel einen Besuch abstatten«, bekräftigte ich. »Ich werde inzwischen versuchen, etwas über diesen Aigolf herauszufinden.«

Gabriela sah mich plötzlich aufmerksam an. »Sie haben doch bereits schon einen Verdacht«, stellte sie unumwunden fest. »Oder war es Zufall, dass Sie von Aigolf wie von einer Person sprachen?«

Ich machte mit dem Kopf eine abwägende Geste. Gabriela war eine aufmerksame Zuhörerin.

»Kurz bevor Sie auf dem Friedhof ohnmächtig wurden, fiel mir eine mysteriöse Gestalt in der Nähe auf. Sie war halb von einem Grabstein verborgen und schien Sie durchdringend anzustarren.«

Ich beschrieb ihr die unheimliche Erscheinung bis ins kleinste Detail. Aber auch diese Beschreibung weckte keine Erinnerungen in Gabriela. Statt dessen sah sie mich nun merkwürdig an.

»Sie sind eine bemerkenswerte Frau«, sagte sie nachdenklich und wiederholte damit die Worte, die sie schon am Grab an mich gerichtet hatte. »Sie haben mir diese gespenstische Gestalt beschrieben, als wäre es für Sie nicht weiter verwunderlich, dass solche Alptraumfiguren über einen Friedhof spazieren.«

Ich zuckte unbehaglich mit den Schultern und wusste nicht, was ich auf Gabrielas Worte erwidern sollte. Ich hatte keine Lust, ihr von all den seltsamen Abenteuern zu berichten, in die mich meine Suche nach magischen Amuletten verstrickt hatte. Sicher hätte sie mich dann nur noch seltsamer angeschaut.

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Plötzlich machte sich ein besorgter Ausdruck auf Gabrielas Gesicht breit. Mit umwölkter Stirn sah sie angestrengt an mir vorbei.

Unwillkürlich drehte ich mich um. Raymond Ghanadi schritt in diesem Augenblick mit einem Stapel alter, in Leder gebundener Bücher auf dem Arm, an dem Bereich vorbei, wo Gabriela Nilson und ich standen. Er war ganz in Gedanken versunken und würdigte uns keines Blickes.

»Vorsicht!«, rief Gabriela ihm plötzlich zu. »Bleiben Sie sofort stehen. Sonst wird etwas Schreckliches geschehen.«

Raymond verharrte im Schritt und sah Gabriela verständnislos an.

Im selben Moment kam Bewegung in die Bücher hoch oben auf einem der Regale. Ein großes Buch mit schweren, rostigen Eisenbeschlägen kippte heraus und fiel krachend zu Boden.

Raymond erbleichte. Wenn Gabriela ihn nicht gewarnt hätte, wäre ihm das Buch genau auf den Kopf gefallen. Wegen der schweren Eisenbeschläge hätte er mit Sicherheit erhebliche Verletzungen davongetragen.

»Da - danke«, stammelte Raymond. Entgeistert starrte er zu dem Regal hinauf, aus dem das alte Buch gefallen war. »Wie konnte das nur passieren?«

Da war hinter dem Regal plötzlich ein huschender Schatten zu sehen.

»Na warte, Bursche. Wenn ich dich erwische«, wetterte Raymond und schritt entschlossen um das Regal herum. »Ich werde dir schon beibringen, wie man mit diesen unersetzlichen Büchern umzugehen hat;«

Er verschwand aus meinem Blickfeld und ich sah Gabriela erstaunt an. »Woher wussten Sie, dass das Buch auf den Hausmeister herabstürzen würde?«, fragte ich.

Gabriela zuckte nur verwundert mit den Schultern.

Da schrie Raymond plötzlich erschrocken auf.

Ich wirbelte herum und rannte zu ihm hinter die Regalreihe.

Raymond stand wie zur Salzsäule erstarrt da. Die kostbaren Bücher, die er auf dem Arm getragen hatte, lagen auf dem Boden verstreut.

»Raymond, was ist geschehen?«, fragte ich besorgt und legte dem Hausmeister eine Hand auf die Schulter.

Raymond zuckte unwillkürlich zusammen und sah sich gehetzt zu mir um. Als er mich erkannte, atmete er erleichtert auf.

»Ich... ich glaube, ich brauche dringend Urlaub«, stammelte er. »Ich fange schon an, Gespenster zu sehen.«

Ich kräuselte verwundert die Stirn, »Nun sag schon, was du gesehen hast«, forderte ich ihn auf.

»Da  war so ein seltsamer Kerl«, erklärte Raymond gedehnt. »Er trug einen altmodischen dunkelgrünen Umhang und hohe Stulpenstiefel. Sein Haar war blond und ziemlich unordentlich. Er starrte mich mit seltsamen Augen durchdringend an und ich hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, als würde mir das Blut in den Adern gefrieren.«

Raymond schüttelte sich und begann die Bücher aufzuheben. »Dann wandte er sich plötzlich um und verschwand«, schloss er knapp seinen Bericht. »Sicher habe ich mich nur getäuscht. Die Gänge hier sind sehr dunkel...«

Er sprach nicht weiter, sondern wandte sich nun zu Gabriela um, die am Anfang der Regalreihe stand und seine Worte mitgehört hatte.

»Danke, dass Sie mich gewarnt haben«, sagte er hastig. Dann hatte er es plötzlich eilig, den schummerigen Gang zu verlassen.

Gabriela machte ein nachdenkliches Gesicht. »Die Beschreibung, die der Hausmeister eben von dem Fremden abgab, passt auch auf den Unheimlichen, den Sie beim Friedhof gesehen haben«, meinte sie unbehaglich.

»Wir sollten besser etwas über diesen Aigolf herausfinden«, sagte ich. »Ich versuche es hier im Museum. Und Sie stöbern in Ihren Familienunterlagen herum, wenn Sie vom St. Thomas Hospital zurückkommen. Wir werden dem Rätsel, das Sie umgibt, schon auf die Schliche kommen!«

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Es hatte mich meine ganze Überredungskunst gekostet, Professor Sloane dazu zu bringen, mich von der Sisyphusarbeit mit den Keramikscherben zu befreien. Erst wollte sich der Direktor des British Museum nicht darauf einlassen. Er bestand darauf, dass ich den Kollegen beim Sortieren und Zusammenfügen der Scherben half.

Als ich dann aber andeutete, dass ich Nachforschungen über eine merkwürdige Gestalt anstellen wollte, die in der Bibliothek des Museums aufgetaucht war, wurde er hellhörig.

»Reden Sie etwa von dem Geist, den Raymond glaubte, gesehen zu haben?«, hakte er nach. »Der arme Raymond war gerade bei mir. Er hatte einen ziemlich verwirrten Eindruck gemacht und mich um Urlaub gebeten. Sie wissen, dass Raymond eine unschätzbare Arbeit für das Museum leistet. Er engagiert sich sehr und kümmert sich auch um Dinge, die nicht unbedingt Aufgabe eines Hausmeisters sind. Für ein Museum wie das unsere, das an chronischem Geld und Personalmangel leidet, ist so ein Hausmeister unersetzlich. Und wenn Raymond nun anfängt, Gespenster zu sehen, könnte das bedeuten, eine unersetzliche Arbeitskraft auf unbestimmte Dauer zu verlieren.«

Professor Sloane kratzte sich nachdenklich seinen gestutzten weißen Vollbart. »Es ist vielleicht gar keine so schlechte Idee von Ihnen, dem angeblichen Geist nachzuspüren. So können wir Raymond sicher davon überzeugen, dass es kein Gespenst war, das er gesehen hat, sondern nur ein spleeniger Museumsbesucher, der sich einen Spaß daraus macht, ahnungslose Leute zu erschrecken.«

Ich hätte dem Professor jetzt erzählen können, dass ich der Gestalt, die Raymond gesehen zu haben glaubte, bereits gestern auf dem Woodfield Friedhof begegnet war. Aber das ließ ich wohlweislich bleiben. Ich wollte ihn in dem Glauben lassen, dass es sich bei der unheimlichen Gestalt bloß um einen verrückten Scherzbold handelte.

Professor Sloane lehnte sich zufrieden hinter seinem Schreibtisch zurück, der überladen war mit Pergamenten, Folianten und Briefen. Sein spärlicher weißer Haarkranz leuchtete im schummerigem Licht des Büros. »In Ordnung, Brenda. Ich stelle Sie hiermit vorübergehend von der Arbeit an den Tonscherzen frei. Finden Sie heraus, wer unserem Hausmeister diesen üblen Streich gespielt hat.«

Da ich aus Platzmangel seit etlichen Monaten über keinen eigenen Arbeitsraum mehr verfügte, verlangte ich von Professor Sloane, mir den Schlüssel zum verschlossenen Bereich der Bibliothek auszuhändigen, wo ich ungestört arbeiten konnte.

Der Professor sah mich einen Moment lang stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich überlegte er, warum ich einen Arbeitsraum benötigte, um den Streichen eines Museumsbesuchers nachzuspüren. Doch dann gab er sich einen Ruck und überreichte mir doch den Schlüssel.

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In dem verschlossenen Bereich der Bibliothek befanden sich die wertvollsten Bücher, die das Museum besaß. Das war auch der Grund, warum ich unbedingt in diesen Bereich der Bibliothek wollte. Denn bevor ich zum Professor gegangen war, hatte ich im Register nachgesehen, ob in den zahlreichen Werken der öffentlichen Museumsbibliothek Hinweise über Aigolf zu finden waren.

Es hatte mich nicht weiter überrascht, dass dieses Schlagwort nicht im Register aufgeführt wurde. Nun befand sich im Tresor der verschlossenen Bibliothek aber ein mehrbändiges Nachschlagewerk über Okkultismus und Spiritismus. Es war handgeschrieben und das einzige Exemplar, das auf der Erde existierte. Ein gewisser Lord Chelmsie hatte es geschrieben. Er hatte in den schwarzen Bänden ein einzigartiges, erstaunliches Wissen über übersinnliche Phänomene zusammengetragen. Ein ausführliches Kapitel beschäftigte sich sogar mit Amuletten, was diese Wörterbücher für mich besonders wertvoll machte.

Meine Hoffnung war, in diesem Nachschlagewerk etwas über Aigolf zu finden. Denn wenn es sich bei der unheimlichen Gestalt wirklich um ein übersinnliches Wesen handelte, müsste davon im Nachschlagewerk von Lord Chelmsie etwas vermerkt sein.

Doch von meinem Vorhaben, in dem Nachschlagewerk zu blättern, wollte ich Professor Sloane vorerst nichts verraten. Es hätte ihn nur beunruhigt.

Als ich wenig später endlich in dem kleinen Saal ankam, der von den Angestellten scherzhaft das »Allerheiligste« genannt wurde, trat ich aufgeregt an den Tresor heran. Die Wände des Saals waren vollgestellt mit reichverzierten Regalen und Bücherschränken, die bis zur Decke reichten und bis zum Bersten mit den verschiedensten Büchern gefüllt waren. Durch ein kleines, vergittertes Fenster fiel trübes Tageslicht herein. Das Rauschen des Regens, der seit gestern nicht wieder abgeklungen war, war das einzige, was in diesem abgelegenen Teil der Bibliothek zu hören war.

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Professor Sloane war ein vorsichtiger Mann. Er veränderte die Zahlenkombination des Tresors

ständig und gab sie nur an andere weiter, wenn er einen triftigen Grund dafür sah. Zufällig hatte ich vor drei Tagen dem Museumsdirektor bei einer wissenschaftlichen Recherche im verschlossenen Teil der Bibliothek geholfen. Er bat mich im Laufe seiner Nachforschungen, etwas aus dem Tresor zu holen und nannte mir die Zahlenkombination. Nun hoffte ich, dass Professor Sloane die Kombination noch nicht verändert hatte.

Mit geübten Griffen hantierte ich am Tresor herum. Ein leises Knacken war zu hören und die schwere Tür schwang auf.

Erleichtert atmete ich auf. Professor Sloane war in den letzten Tagen wohl zu sehr beschäftigt gewesen, um die Kombination zu ändern.

Andächtig ließ ich meinen Blick über die Kostbarkeiten im Tresor gleiten. Die Bücher, die hier verwahrt wurden, waren das wertvollste, was es an Schriften überhaupt gab.

Vorsichtig holte ich den ersten Band des handgeschriebenen Nachschlagewerks von Lord Chelmsie aus dem Tresor und legte es auf den Arbeitstisch in der Mitte des Saals. Behutsam schlug ich den schwarzen Einband auf und blätterte die knisternden Seiten um, die dicht mit einer schnörkeligen Handschrift vollgeschrieben waren. Dabei überflog ich die alphabetischen Eintragungen.

Ich schrak unmerklich zusammen, als mein Blick plötzlich bei einem Schlagwort hängen blieb.

Aigolf stand dort in der für Lord Chelmise typischen steilen Handschrift geschrieben.

Plötzlich wurde ich von einer eigenartigen Erregung ergriffen. Es gab in dem geheimnisvollen Nachschlagewerk tatsächlich eine Eintragung, die sich mit Aigolf befasste! Mein vager Verdacht, dass es sich um ein übersinnliches Wesen handelte, hatte sich also bestätigt.

Ich beugte mich über das Buch, dessen Seiten einen muffigen Geruch verströmten und las flüsternd den nachfolgenden Text:

»Aigolf ist der Name eines der dreizehn Bruder-Teufel. So werden in den Kreisen der Eingeweihten die Geschöpfe genannt, die dem Höllenfürsten am nächsten stehen und nur von ihm befehligt werden. Es handelt sich um mythische Gestalten, deren Existenz bisher nicht nachgewiesen werden konnte. Ihr Rang lässt aber vermuten, dass es sehr mächtige Wesen sind und nur außergewöhnliche Dienste für den Höllenfürsten verrichten.«

Damit endete die Eintragung. Meine Hände waren plötzlich klamm und kalt geworden. Zitternd stellte ich das Wörterbuch in den Safe zurück und verschloss ihn sorgfältig.

Dann schüttelte ich entschieden den Kopf. »Nein«, flüsterte ich und erschrak über den hohlen, rauen Klang meiner Stimme. »Mrs. Nilsons Worte müssen etwas anderes bedeutet haben. Es kann nicht sein, dass sie den Aigolf meinte, über den ich soeben etwas im Nachschlagewerk der Chelmsies gelesen habe. Was könnte an einer einfachen Frau wie Gabriela Nilson auch schon so wichtig sein, dass sich ein Bruder-Teufel auf die Erde bemüht, um ihr das Leben schwer zu machen?«

Plötzlich hatte ich es eilig, die verschlossene Bibliothek wieder zu verlassen. Ich redete mir ein, dass ich mich verhört hatte, als ich gestern beim Friedhof den Namen Aigolf aus dem Mund von Gabriela Nilson vernahm. Ich hoffte, dass sie in den Unterlagen ihrer Familie einen Hinweis finden würde, der eine plausible Erklärung für die Vorkommnisse und den seltsamen Namen lieferte. Vielleicht gab es einen Verwandten, dessen Name so ähnlich klang wie Aigolf.

Ich kehrte in die große Halle zurück und half meinen Kollegen, die schmuddeligen Tonscherben zu reinigen.

Aber so sehr ich es auch versuchte, ich konnte die Worte, die ich im Nachschlagewerk der Chelmies gelesen hatte, nicht wieder vergessen...

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Als ich am Abend in unsere Atelierwohnung in der Lime Street zurückkehrte, fühlte ich mich erschöpft und müde. Mein Haar war vom Dreck der Tonscherben verklebt und die Haut meiner Hände fühlte sich ganz rau und trocken an.

Enttäuscht stellte ich fest, dass Daniel noch nicht wieder aus dem St.Thomas Hospital heimgekehrt war. Ich warf einen missmutigen Blick aus dem großen Panoramafenster, das einen herrlichen Überblick über die Dächer der City von London bot. Aber an diesem Abend machte die Metropole einen unansehnlichen, ungemütlichen Eindruck. Der wolkenverhangene düstere Himmel, aus dem der Regen unaufhörlich niederprasselte, lastete wie ein Fluch auf der Stadt. Dunkelheit hatte sich in den Straßen eingenistet. Hin und wieder spiegelte sich das grelle zuckende Licht eines Blitzes in den verglasten Fronten der Bürohochhäuser.

Die Vorstellung, das in den dunklen, regennassen Straßen von London eine Kreatur der Hölle herumschlich, ließ das düstere Panorama, das sich vor mir ausbreitete, in meinen Augen noch unheimlicher erscheinen.

Ich verdrängte diesen unliebsamen Gedanken und wandte mich fröstelnd vom Fenster ab. Schließlich begab ich mich ins Badezimmer, streifte meine Kleider ab und stellte mich unter die warme Dusche. Unter dem warmen, prickelnden Wasserstrahl entspannte ich mich allmählich wieder. Ich schaffte es sogar, die düsteren Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen.

Als ich dann in einen flauschigen Bademantel gehüllt ins Wohnzimmer zurückkehrte, klingelte plötzlich das Telefon.

Ich nahm den Apparat und setzte mich mit untergeschlagenen Beinen gemütlich auf die weiche Couch.

»Brenda Logan«, meldete ich mich, nachdem ich den Hörer abgenommen hatte.

»Hallo, Brenda, hier ist Daniel«, hörte ich die vertraute Stimme meines geliebten Mannes.

Ich seufzte. »Lass mich raten«, sagte ich und gab mir gar nicht erst die Mühe, die Enttäuschung in meiner Stimme zu unterdrücken. »Du musst mal wieder länger arbeiten und kommst erst später nach Hause.«

»Es tut mir leid, Brenda«, sagte Daniel mit weicher Stimme. »Ein Kollege ist krank geworden. Ich muss noch eine halbe Schicht dranhängen und komme erst so gegen Mitternacht zurück.«

»Schade«, hauchte ich und verlieh meiner Stimme dabei einen verführerischen Klang. »Gerade heute Abend habe ich das dringende Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit.«

Diesmal war es Daniel, der seufzte. »Wenn du bis dahin keine andere Gelegenheit gefunden hast, werde ich dir für deine Bedürfnisse um Mitternacht natürlich zur Verfügung stehen«, scherzte er.

»Das wird wohl eher nicht der Fall sein«, flachste ich. »Denn der einzige Verehrer, den ich außer dir noch habe, hat sich heute krank gemeldet.«

»Was hat Raymond Ghanadi denn?«, erkundigte sich Daniel, der sofort wusste, von wem sie sprach.

Plötzlich war ich nicht mehr zum Scherzen aufgelegt. Ohne es zu wollen, musste ich nun wieder an die seltsamen Vorkommnisse und an die Eintragung im Nachschlagewerk der Chelmsies denken.

»Raymond hatte in der Bibliothek eine Begegnung mit einer unheimlichen Gestalt, die in einen dunkelgrünen Umhang gehüllt war und Stulpenstiefel trug«, erklärte ich ernst.

Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Augenblick lang still. »Du glaubst, es war dieselbe Gestalt, die du auf dem Woodfield Friedhof gesehen hast?«, fragte Daniel ungläubig.

»Ich nehme es an«, erwiderte ich, »denn Mrs. Nilson hielt sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in der Bibliothek auf. Sie wollte anschließend zu dir in die Klinik kommen, um sich durchchecken zu lassen.«

»Das hat sie auch getan«, erwiderte Daniel. »Ich muss allerdings zugeben, dass es mir anfangs, schwergefallen war, der Frau zu glauben, dass sie die Mrs. Nilson ist, die wir gestern auf dem Woodfield Friedhof kennengelernt haben. Sie sah um einige Jahre jünger aus, als die greise Frau am Grab. Den Ergebnissen der ärztlichen Untersuchungen zufolge, die ich an ihr vornahm, muss Gabriela Nilson ungefähr sechzig Jahre alt sein. Die Mrs. Nilson vom Woodfield Friedhof sah aber aus, als wäre sie mindestens achtzig gewesen.«

»Hast du eine Erklärung dafür?«

»Wenn ich davon ausgehe, dass wir es nicht mit einer Betrügerin zu tun haben, lässt sich die Verjüngung im medizinischen Sinne nur sehr schwer erklären«, meinte Daniel. »Manchmal kommt es vor, dass Eheleute, die sehr unter ihrem Partner zu leiden haben und von ihm schikaniert und gequält werden, einen zweiten Frühling erleben, wenn sie es endlich schaffen, sich zu trennen oder der Ehepartner stirbt. Aber Gabriela Nilson schien ihren George sehr geliebt zu haben. Ihren eigenen Schilderungen nach, war er ein sehr einfühlsamer und zärtlicher Mann gewesen.«

»Ich bin davon überzeugt, dass Gabriela wirklich die Mrs. Nilson vom Friedhof ist«, meinte ich.

»Dieser Meinung bin ich auch«, bekräftigte Daniel. »Die Sache ist ziemlich mysteriös. Aber nun erzähle mir, was genau sich im Museum zugetragen hat.«

Ausführlich berichtete ich Daniel von meinen Erlebnissen und den Recherchen. Er hörte mir die ganze Zeit ruhig und aufmerksam zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen.

»In was für eine mysteriöse Geschichte bist du da nur wieder hinein geraten?«, bemerkte Daniel, als ich geendet hatte. Er räusperte sich, um seine Sorge zu verbergen. Aber mir konnte er nichts vormachen. Ich spürte, dass er Angst um mich hatte. Schon allzu oft hatte ich mich in mysteriöse, gefahrvolle Situationen verstrickt. Wahrscheinlich befürchtete er nun, Gabriela Nilson könnte mich wieder in ähnliche Bedrängnis bringen.

»Was hat diese Mrs. Nilson denn über ihre Verwandten herausgefunden?«, wollte Daniel nun wissen. »Es muss in ihrem Leben doch irgendjemand geben, der mit dem Namen Aigolf in Verbindung gebracht werden kann. Es ist unmöglich, dass der Hinweis, den du im Nachschlagewerk der Chelmsies gefunden hast, etwas mit dieser Sache zu tun hat. Wenn es wirklich eine Hölle gibt,  woran ich stark zweifle, warum sollte ein so mächtiger und ranghoher Teufel ausgerechnet einer alternden, gewöhnlichen Frau nachstellen?«

»Ich habe bisher nicht wieder mit Mrs. Nilson gesprochen«, erklärte ich. »Die Eintragung im Wörterbuch der Chelmsies hatte mich so sehr schockiert und geängstigt, dass ich es vorgezogen hatte, den Rest des Tages doch lieber wieder meiner alltäglichen Arbeit im Museum nachzukommen. Die Vorstellung, dass hier in London tatsächlich ein Teufel herumspukt, finde ich fast unerträglich... Darum sehne ich mich auch so stark nach dir. Ich würde mich nur zu gerne an deine breite Brust kuscheln und alles andere um mich herum vergessen.«

»Es gibt keine Teufel«, beharrte Daniel mit fester, fast strenger Stimme. »Du brauchst dich nicht zu fürchten!«

Daniel versicherte mir noch einmal, dass er mich sehr liebte, und nahm mir das Versprechen ab, dass ich nichts unternehmen sollte, ohne ihm vorher Bescheid zu sagen. Dann legte er auf. Daniel musste seinen Rundgang durch die neurologische Station antreten und konnte sich nicht länger mit ihr unterhalten.

Sehnsüchtig starrte ich das Telefon an und überlegte, was ich jetzt unternehmen sollte. Ich würde wohl nicht umhin können, mich bei Mrs. Nilson zu melden und zu fragen, was ihre Nachforschungen ergeben hatten.

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Gerade wollte ich nach dem Telefonhörer greifen, um bei Mrs. Nilson anzurufen, als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte.

Ich stand auf, schnürte den Bademantel enger und trat zögernd auf die Tür zu. Angestrengt starrte ich durch den Türspion  und erschrak. Der Hausflur war dunkel. Mehr als die Umrisse einer düsteren Gestalt konnte ich nicht erkennen.

Normalerweise war ich kein ängstlicher Mensch. Aber an diesem Abend fühlte ich mich mehr als unwohl. Daher rief ich durch die geschlossene Tür hindurch: »Wer ist da?«

»Ich bin es. Gabriela Nilson!«, hörte ich eine weibliche Stimme. »Bitte, Brenda, öffnen Sie die Tür!«

Zögernd griff ich zur Klinke und schob die Tür einen Spalt breit auf. Das schummerige Licht der Atelierwohnung drang auf den düsteren Flur. Vor mir stand eine schlanke Frau, die völlig in Schwarz gekleidet war. Sie trug eine große schwarze Tasche über der Schulter. Der Schleier verdeckte ihr Gesicht. Dafür aber quoll langes goldblondes Haar unter dem Hut hervor. Die Frau war vom Regen völlig durchnässt.

»Gabriela, sind Sie das wirklich?«, fragte ich zweifelnd. Ich hatte die Witwe ganz anders in Erinnerung. Die Frau, die da im Flur vor mir stand, hatte eine stolze, aufrechte Körperhaltung und wirkte wesentlich schlanker als die Mrs. Nilson, die mich heute im Museum besucht hatte.

Ein Schluchzen drang unter dem Schleier hervor. »Ja, ich bin es wirklich«, sagte die Frau mit tränenerstickter Stimme. »Aber ich könnte es Ihnen nicht verübeln, wenn Sie daran zweifeln!«

Mit diesen Worten schlug sie den Schleier zurück. Ein gedämpfter Lichtstrahl fiel auf das Gesicht der Frau. Es war ein schönes, ebenmäßiges Antlitz mit vollen, sinnlichen Lippen und hochstehenden Wangenknochen. Sympathisch wirkende Fältchen gruppierten sich um die Augen und Mundwinkel.

Die Züge der Frau erinnerten mich entfernt an die der alten Dame, die gestern vor dem offenen Grab stand, in dem ihr Mann beigesetzt worden war.

Mit ihren klaren hellblauen Augen, die in Tränen schwammen, sah mein Gegenüber mich an.

»Es... es ist noch schlimmer geworden«, sagte sie verzagt. »Es scheint, ich werde von Stunde zu Stunde jünger. Daran ist allein diese unheimliche Gestalt schuld...«

Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich öffnete die Tür nun ganz, fasste die Frau bei der Hand und zog sie in die Wohnung.

Erstaunt stellte ich dabei fest, wie weich und glatt sich ihre Hand anfühlte. Und als ich auf sie hinabblickte, bemerkte ich, dass die Falten auf dem Handrücken fast völlig verschwunden waren und die Finger nun schlank und grazil aussahen.

Ich schüttelte den Kopf und sah die junge Frau skeptisch von oben bis unten an.

»Ich kann nicht glauben, dass Sie Gabriela Nilson sind«, sagte ich. »Sie müssen ihre Tochter sein, und wollen mir bloß einen Streich spielen.«

Die junge Frau lächelte gequält. »Ich wünschte, es wäre so«, sagte sie. »Aber ich und mein geliebter George haben nie Kinder gehabt.«

Sie schlug die Augen nieder. »Es lag an mir«, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort. »Die Ärzte haben bei mir Unfruchtbarkeit festgestellt. Es war einer der schrecklichsten Tage in meinem Leben, als ich vom Frauenarzt die niederschmetternde Diagnose erfuhr. Dabei hatten wir uns so sehnlich Kinder gewünscht. Aber dieser Segen blieb uns verwehrt. George hielt trotzdem zu mir. Unsere Liebe war so stark, dass sie an diesem Schicksalsschlag nicht zerbrach...«

Ich forderte die Frau auf, sich zu setzen. Ihre Worte waren so eindringlich und aufrichtig gewesen, dass ich mir vorgenommen hatte, meine Zweifel an ihrer wahren Identität vorerst außer acht zu lassen. Die Frau, die da vor mir saß, schätzte ich ungefähr auf Mitte vierzig. Gabriela Nilson aber, war den Angaben von Daniel zufolge ungefähr sechzig Jahre alt gewesen.

»Sie haben vorhin behauptet, die mysteriöse Gestalt wäre Schuld an Ihrer  Verjüngung«, sagte ich. »Was wollten Sie damit andeuten?«

»Dieser Unheimliche, er war bei mir«, erklärte Gabriela aufgebracht. »Diesmal kann ich mich genau daran erinnern. Ich war gerade damit beschäftigt, die Fotoalben von mir und meinem Mann durchzusehen, als ich am Fenster plötzlich eine schattenhafte Bewegung bemerkte.

Erschrocken blickte ich auf. Vor dem Fenster stand ein Mann in einem altmodischen dunkelgrünen Umhang. Sein blondes Haar war lang und stand wirr vom Kopf ab.

Es beschattete das schmale bleiche Gesicht, so dass ich es nicht so genau erkennen konnte. Um so deutlicher aber waren seine Augen zu sehen. Sie leuchteten in einem unheilvollen Grün. Der Blick war eiskalt und ich hatte das Gefühl, das Blut in meinen Adern müsse gefrieren.«

Die Frau schüttelte sich. »Dann muss ich wohl wieder in Ohnmacht gefallen sein«, fuhr sie fort. »Als ich aufwachte, war es bereits dunkel draußen. Ich wankte ins Badezimmer, da ich mein Gesicht mit kaltem Wasser besprenkeln wollte, um die Benommenheit zu vertreiben. Als ich dann aber in den Spiegel blickte, wäre ich fast wieder in Ohnmacht gefallen. Ein viel jüngeres Gesicht blickte mir entgegen. So hatte ich ausgesehen, als ich ungefähr vierzig Jahre alt gewesen war.

Da packte mich das nackte Entsetzen. Ich hielt es in dem leeren Haus, in dem ich all die Jahre zusammen mit George gelebt hatte, nicht mehr aus. Hektisch raffte ich die Familiendokumente zusammen und machte mich auf den Weg hierher.«

»Ich kann es trotzdem nicht glauben, dass Sie dieselbe Frau sein sollen, die gestern am Grab ihres verstorbenen Mannes stand«, sagte ich kopfschüttelnd. 

»Ich werde es Ihnen beweisen«, meinte mein Gegenüber. Sie holte aus der Umhängetasche ein Fotoalbum hervor, schlug es auf und legte es vor mir auf den niedrigen Couchtisch.

»Das bin ich, als ich vierzig Jahre alt war«, erklärte sie und deutete mit dem Finger auf eine der Fotografien. Zu sehen war eine goldblonde Frau, die der, die in diesem Moment vor mir saß, zum verwechseln ähnlich war. Sie stand mit einem sympathisch aussehenden Mann Arm in Arm da und lehnte in einer vertrauensvollen Geste an seiner Schulter. Im Hintergrund war der Sockel des Eiffelturms zu erkennen.

»Der Mann an meiner Seite ist George. Wir hatten eine Reise nach Paris unternommen. Es war sehr romantisch. Doch dieses Ereignis liegt nun schon über zwanzig Jahre zurück.«

Sie brach ab. Tränen traten wieder in ihre Augen. »Ich verstehe nicht, was mit mir vorgeht«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich bin zusammen mit meinem geliebten George alt geworden. Wir hatten ein erfülltes und aufregendes Leben. Der einzige Stachel, der unserem Glück schmerzte, war die Tatsache, dass wir niemals Kinder haben konnten. Als George dann vor wenigen Tagen an Altersschwäche starb, bereitete ich mich darauf vor, ihm bald ins Grab zu folgen.«

Sie sah an sich hinab und hob anklagend ihre grazilen Hände. »Und nun sehen Sie mich an! Ich werde jünger, von Stunde zu Stunde. Es ist wie ein Fluch. Aber warum trifft er ausgerechnet mich? Und was will dieser unheimliche Kerl von mir?«

Gabriela verbarg mit den Händen ihr Gesicht und schluchzte hemmungslos. »Ich verstehe die Welt nicht mehr, Mrs. Logan. Sie müssen mir helfen  ich weiß, dass nur Sie es können.«

»Wieso sind Sie sich da so sicher?«, fragte ich unbehaglich. Ich musste wieder daran denken, was die greise Mrs. Nilson auf dem Friedhof zu mir sagte, nachdem ich ihr auf die Beine geholfen hatte. Von bösen Kräften, die ich und sie bekämpften, hatte sie gesprochen; und dass wir uns aus diesem Grund ähnlich wären. Bisher hatte Gabriela mir gegenüber diese Worte nicht wieder erwähnt. Ich nahm daher an, dass sie sich nicht mehr daran erinnerte.

Gabriela nahm die Hände vom Gesicht und sah mich mit ihren hellblauen Augen an. »Es ist nur so ein unbestimmtes Gefühl, das mich zu Ihnen führte«, meinte sie mit brüchiger Stimme. »Es ist dasselbe Gefühl, das mir in der Museumsbibliothek sagte, dass der Hausmeister in Gefahr war.«

Ich atmete einmal tief durch und seufzte. Ich wurde aus dieser geheimnisvollen Frau nicht schlau. Ständig redete sie in Rätseln. Und dann erwartete sie auch noch, dass ich all ihre Worte verstand und ihr helfen konnte.

»Haben Sie denn etwas über Aigolf herausfinden können?«, fragte ich sie und deutete dabei auf die Umhängetasche mit den Fotoalben und Familiendokumenten.

Gabriela schüttelte betrübt den Kopf. »Über die Verwandten von George besitze ich alle möglichen Dokumente. Alte schwarzweiß Fotografien sind ebenso darunter, wie Geburts- und Sterbeurkunden. Aber über meine Verwandten gibt es nichts.«

»Aber Sie müssen sich doch an ihre Eltern erinnern können und daran, ob Sie Geschwister, Onkel oder andere Verwandte haben.«

Gabriela lächelte hilflos. »Ich habe keinerlei Erinnerungen an meine Eltern oder andere Familienmitglieder«, meinte sie betrübt. »Ich glaube, meine Verwandtschaft hat sich nicht viel aus mir gemacht. Sie müssen wissen, dass ich mit einundzwanzig Jahren in einem Wald in der Nähe von London einen Unfall hatte. Ich verlor dabei das Bewusstsein und konnte mich, als ich erwachte, an nichts mehr erinnern. Ich hatte alles vergessen, was mit meinem Leben zusammenhing. Weder an die Namen meiner Eltern, noch an meinen Geburtsort konnte ich mich erinnern. Ich wusste nicht einmal mehr, was mir in dem Wald zugestoßen war. Es war George, der mich damals an der Straße auflas. Er war damals erst dreiundzwanzig Jahre alt. Er kümmerte sich rührend um mich und setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um etwas über mich und meine Vergangenheit herauszufinden. Aber es ist ihm nicht gelungen. Meine Erinnerungen blieben für immer verloren. Selbst die Polizei fand keinen Hinweis auf irgendwelche Verwandten. Niemand hatte mich als vermisst gemeldet. So blieb ich bei George, in den ich unsterblich verliebt war. Wir heirateten und hatten ein glückliches erfülltes Leben.«

Gabriela holte ein anderes Album hervor und zeigte mir Fotos von ihrer Hochzeit. In dem weißen Brautkleid sah sie wunderschön aus. Ihre grazile Figur, das goldblonde Haar und die strahlend blauen Augen ließen sie fast wie ein Engel aussehen.

»Ich fürchte, meine Vergangenheit wird immer ungeklärt bleiben«, meinte sie bekümmert. »Und ebenso auch die Frage, ob es in meiner Verwandtschaft jemanden namens Aigolf gibt. Unter Georges Verwandten und unseren Freunden war zumindest niemand dabei, dessen Name auch nur so ähnlich klang.«

»Hatten Sie wegen Ihres Gedächnisverlustes damals einen Arzt aufgesucht?«, wollte ich wissen.

Gabriela winkte ab. »Ich habe in meinem Leben unzählige Ärzte konsultiert, in der Hoffnung, sie würden mir meine Erinnerung zurückgeben können. Aber sie scheiterten alle.«

Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe herum. Ich hatte die ganze Zeit gehofft, dass Gabriela einen Hinweis auf Aigolf finden würde und das Ergebnis meiner Nachforschungen somit hinfällig wurde.

Aber das war nun nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass Gabriela sich von einer Greisin in eine jüngere Frau zu verwandeln schien, machte es nur wahrscheinlicher, dass magische Kräfte mit im Spiel waren. Daher erschien es mir durchaus möglich, dass die geheimnisvolle Gestalt mit dem dunkelgrünen Umhang und den Stulpenstiefeln, tatsächlich Aigolf, der Bruder-Teufel war.

Wenn es diese sogenannten mächtigen Bruder-Teufel wirklich gab, stand es sicherlich auch in ihrer Macht, den Alterungsprozess eines Menschen umzukehren und ihn rasch wieder jünger werden zu lassen.

Aber warum hatte Mrs. Nilson seinen Namen auf dem Friedhof genannt? Und warum konnte sie Sich nun nicht mehr daran erinnern?

»Worüber denken Sie nach?«, erkundigte sich Gabriela. »Sie sehen plötzlich so besorgt aus.«

»Glauben Sie an den Teufel?«, fragte ich mit fester Stimme.

Mein Gegenüber sah mich erst verwundert an. Dann zuckte sie gleichmütig mit den Schultern. »Ich habe mir ehrlich gesagt nie Gedanken darüber gemacht, ob es so etwas wie Himmel und Hölle gibt«, sagte sie. »Ich finde es auch für das Leben der Menschen völlig unerheblich, ob Teufel und Engel wirklich existieren. Der Mensch soll sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und nicht darauf vertrauen, dass ihre Geschicke von höheren Mächten gelenkt werden.«

»Auf dem Friedhof hatten Sie aber behauptet, Sie würden gegen böse, übersinnliche Mächte kämpfen.«

»Daran kann ich mich nicht erinnern«, behauptete Gabriela. »Aber wie gesagt: Ich finde es müßig, über dieses Thema zu diskutieren. Wenn es wirklich höhere Mächte gibt, müsste es bei ihnen verpönt sein, in das Schicksal der Menschen einzugreifen. Niemand, der nichts Böses im Schilde führt, würde ein Interesse daran haben, Menschen zu willenlosen Sklaven zu machen.«

»Leider richten sich die bösen Mächte aber nicht nach diesen ehernen Vorsätzen«, erwiderte ich und sprach dabei aus eigener Erfahrung. Denn gerade mit Hilfe von magischen Amuletten versuchten es die bösen Mächte immer wieder, Herrschaft über die Menschen und ihre Geschicke zu gewinnen.

»Sie scheinen an die Existenz der Hölle zu glauben«, merkte Gabriela an und zog verwundert eine Augenbraue in die Höhe.

»Ich schließe die Möglichkeit, dass es eine Hölle gibt, zumindest nicht aus«, erwiderte ich. »Und das sollten Sie besser auch nicht tun. Denn wie es aussieht, könnten wir es durchaus mit einem bösen Wesen aus der Unterwelt zu tun haben.«

»Sie sprechen von Aigolf?«

»Ja. Meine Recherchen waren nämlich im Gegensatz zu Ihren erfolgreich. Und wenn ich der Quelle glauben soll, aus der ich meine Informationen schöpfe, dann handelt es sich bei diesem Aigolf um einen sogenannten Bruder-Teufel, der seine Befehle direkt vom Fürsten der Hölle bekommt.«

Ich hatte Gabriela nicht aus den Augen gelassen. Für einen flüchtigen Moment glaubte ich so etwas wie Empörung und Angst in ihren Augen aufblitzen zu sehen.

Aber dieser Eindruck verschwand sofort wieder, und ich war mir unsicher, ob ich mir nicht alles nur eingebildet hatte.

Plötzlich stieß Gabriela einen spitzen Schrei aus. Erschrocken sah sie mich an.

»Brenda!«, rief sie entsetzt. »Sie befinden sich in großer Gefahr! Ich kann es ganz deutlich spüren.«

Im nächsten Moment brach um uns herum die Hölle los...

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Von einem Augenblick auf den anderen war das Wohnzimmer plötzlich von einem gespenstischen grünen Leuchten erfüllt, das durch das Panoramafenster hereindrang. Dann barsten die Scheiben mit einem lauten, ohrenbetäubenden Knall. Ein grüner Kugelblitz schoss direkt auf mich zu.

Ich war vor Entsetzen wie gelähmt. Doch Gabriela handelte dafür um so entschlossener. Sie schnellte aus ihrem Sessel hoch und sprang auf mich zu.

Die Wucht ihres Aufpralls stieß den Sessel um, so dass ich rückwärts auf den Boden stürzte.

Der geisterhafte Kugelblitz zischte nur wenige Zentimeter an meinen Füßen vorbei. Mir kam es so vor, als würde mich ein klirrender Eishauch streifen.

Doch damit war die Gefahr noch nicht gebannt. Als der Kugelblitz die gegenüberliegende Wand erreichte, änderte er plötzlich seine Flugrichtung und schoss schräg an der Wand entlang. Tapetenfetzen und Mörtel wirbelten auf und rieselten zu Boden. Eine hässliche, tiefe Kratzspur zeichnete den Weg, den der grüne Kugelblitz genommen hatte. Dann hatte er eine Ecke des Raumes erreicht und verharrte dort einen Moment.

Entsetzt und fasziniert zugleich starrte ich die pulsierende, grünliche Kugel aus leuchtender Energie an. Doch Gabriela sprang rasch wieder auf die Beine und zog mich mit einem kraftvollen Ruck empor.

Soviel Kraft und Schnelligkeit hatte ich der Witwe gar nicht zugetraut. Mir blieb allerdings auch keine Zeit, mich noch länger über die überraschende Reaktionsfähigkeit der Frau zu wundern, denn plötzlich löste sich der Kugelblitz aus der Zimmerecke und zischte auf mich zu.

Gabriela stieß mich unsanft zur Seite. Ich stürzte erneut zu Boden und der grüne Kugelblitz verfehlte mich ein weiteres Mal. Erst jetzt begriff ich, dass wir es hier nicht mit einem Naturphänomen zu tun hatten, sondern dass dieser Blitz magischen Ursprungs war und es offenbar auf mich abgesehen hatte;

»Bringen Sie sich in Sicherheit, Brenda!«, rief Gabriela mir zu. »Ich werde versuchen, den Kugelblitz von Ihnen abzulenken. Er wird bald seine Energie verbraucht haben!«

Verwirrt sah ich Gabriela an. In lauernder Haltung stand sie da und ließ den magischen Blitz nicht aus den Augen, der diesmal in ein Bücherregal gefahren war und dort wie abwartend verharrte. Die Bücher lagen verstreut auf dem Boden. Papierfetzen segelten durch die Luft.

Gabriela schien Recht zu haben. Die grünlich leuchtende Kugel war geschrumpft, so als hätte sie tatsächlich etwas von ihrer Energie eingebüßt.

Woher wusste diese Frau so genau über den magischen Blitz Bescheid? Und warum reagierte sie so beherzt und kühl, anstatt vor Entsetzen und Angst zu zittern, wie ich es tat?

Langsam bewegte ich mich auf die Tür zu. Ich hielt es in Anbetracht der bedrohlichen Situation für angebracht, dem Rat von Gabriela zu folgen. Hatte sie nicht eben sogar behauptet, der Blitz

hätte es allein nur auf mich abgesehen?

Ich musste mich förmlich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Meine Knie fühlten sich butterweich an und zitterten.

Im nächsten Moment verließ ich die schützende Sitzgruppe. Bis zur Tür waren es jetzt nur noch wenige Schritte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprintete los.

Aber ich kam nicht weit. Eine umgestürzte Stehlampe lag mir im Weg, die ich in meiner Panik übersehen hatte. Mein Fuß verfing sich in der langen Stange und ich schlug der Länge nach hin.

Darauf schien der Kugelblitz nur gewartet zu haben. Er löste sich vom Bücherregal und zischte auf mich zu.

»Nein!«, schrie Gabriela durchdringend. Mit einem kühnen Sprung hechtete sie auf mich zu. Dabei kreuzte sie den Kurs des Kugelblitzes und fing ihn mit ihrem Körper ab.

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Gabriela schien den Kugelblitz förmlich in sich aufzusaugen.

Sie schrie gepeinigt auf und stürzte nur wenige Zentimeter von mir entfernt auf den Boden, wo sie reglos liegenblieb. Ein grünliches Glühen, das wie Wetterleuchten aussah, huschte über ihren Körper. Dann war auch der letzte Rest des magischen Blitzes vergangen.

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Vorsichtig kroch ich auf Gabriela zu und streckte zögernd meine Hand nach ihr aus. Als meine Finger ihr Gesicht berührten, zog ich sie erschrocken wieder zurück. Gabrielas Haut fühlte sich unnatürlich kalt und frostig an.

War sie etwa tot?

Ich schüttelte meine Beklommenheit ab und fühlte nach dem Puls der bewusstlosen Frau. Ganz schwach und unregelmäßig pulsierte er unter der eisigen Haut.

Im nächsten Moment vernahm ich ein meckerndes, diabolisches Gelächter. Es kam von dem zerstörten Fenster!

Erschrocken sah ich zum Panoramafenster auf. Draußen, vor dem gezackten Loch, das der magische Blitz geschlagen hatte, stand eine düstere Gestalt, die sich schemenhaft gegen den nächtlichen, verregneten Himmel abhob. Der altmodische Umhang, den die Gestalt trug, flatterte gespenstisch im Wind, so dass es so aussah, als wären dem Geisterhaften dunkle Flügel gewachsen.

Am unheimlichsten aber war das Paar grün leuchtender Augen, die das Einzige waren, was von der gruseligen Gestalt deutlich zu erkennen war.

»Aigolf«, flüsterte ich mit versagender Stimme.

Wieder stieß der Unheimliche sein diabolisches, meckerndes Gelächter aus. Ein Blitz fuhr hinter ihm nieder, und der Widerschein flackerte über sein bleiches, hageres Gesicht.

Erschrocken hielt ich den Atem an. Unter dem strohigen blonden Haar des Unheimlichen waren zwei kleine Stummelhömer zu erkennen gewesen.

Donner grollte über die Dächer der Stadt. Im gleichen Moment ließ Aigolf sich einfach nach hinten fallen und verschwand mit rauschendem Umhang in der Tiefe.

Wie unter fremdem Einfluss stehend erhob ich mich und trat ans Panoramafenster. Glasscherben knirschten unter meinen Pantoffeln. Vorsichtig beugte ich mich vor und starrte durch das Loch im Fenster nach unten auf die Straße.

Von der unheimlichen Gestalt war nichts mehr zu sehen. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Steil fiel die hohe, mit Stuck verzierte Hausmauer vor mir ab. Unten auf der Straße fuhr ein vereinsamtes Taxi vorbei. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem nassen Asphalt und in den Pfützen.

Niemand schien bemerkt zu haben, was sich hier oben im Dachgeschoss des Hauses zugetragen hatte.

Kalter Wind fuhr unter meinen Bademantel. Fröstelnd zog ich mich vom Fenster zurück und schnappte mir das Telefon, um einen Krankenwagen für Gabriela zu rufen.

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Auf dem Weg ins St. Thomas Hospital schlug Gabriela einmal kurz die Augen auf. Ich saß neben ihrer Bare, auf die die Sanitäter sie geschnallt hatten.

Blinzelnd hob Gabriela die schweren Lider und sah sich verwirrt um. »Wo... wo bin ich?«, fragte sie mit rauer, flüsternder Stimme.

Beruhigend legte ich ihr eine Hand auf den Arm und beugte mich über sie.

»Sie befinden sich in einem Krankenwagen«, klärte ich sie auf. »Wir sind auf dem Weg ins St. Thomas Hospital. Daniel, mein Mann, erwartet uns bereits. Bei ihm sind Sie in den besten Händen...«

»Was  ist geschehen?«, Fragend sah sie mich an.

»Können Sie sich denn nicht mehr erinnern? Sie haben mich in meiner Wohnung besucht. Ein Kugelblitz schlug ein, und Sie retteten mir das Leben.«

Gabriela schüttelte entkräftet den Kopf. »Sie machen wohl Witze«, sagte sie und lächelte dünn. Doch dann fielen ihre Augen wieder zu und sie schlief ein.

»Für jemanden, der einen Blitz abbekommen hat, geht es ihr noch sehr gut«, bemerkte der Sanitäter, der mir gegenüber auf der anderen Seite der Trage saß. Er war ein junger Mann mit kräftiger Statur und schwarzem lockigen Haar. »Merkwürdig ist nur, dass ihr Körper so sehr ausgekühlt ist«, fuhr er fort und ließ seinen Blick auf Gabrielas Gesicht ruhen. »Ich hoffe, die Ärzte im St. Thomas Hospital kriegen dieses Problem in den Griff.«

Ich lächelte nur schwach und ging nicht weiter auf die Bemerkung des jungen Sanitäters ein. Wenn ich ihm erzählt hätte, dass es kein gewöhnlicher Blitz war, der Gabriela getroffen hatte, sondern eine magische Kugel, die wahrscheinlich ein Bruder-Teufel namens Aigolf geschleudert hatte, würde er mir mit Sicherheit eine Beruhigungsspritze verpassen wollen.

Kopfschüttelnd sah ich auf Gabriela herab und fragte mich zum wiederholten Mal, was es mit dieser rätselhaften Frau nur auf sich hatte, und warum eine Höllenkreatur so starkes Interesse an ihr zeigte.

Plötzlich stutzte ich und beugte mich noch tiefer zu Gabriela herab.

Täuschte ich mich, oder waren die Falten in ihrem Gesicht tatsächlich noch weniger geworden? Die Hautpartie um die Augen und den Mund waren fast glatt. Nur ein paar Krähenfüße zeichneten sich an den Augenwinkeln ab, und zwei sympathisch wirkende Falten zogen sich von der Nase bis zu den Mundwinkeln.

Es bestand kein Zweifel. Gabriela Nilson war wieder ein Stück jünger geworden!

»Beunruhigt Sie irgendetwas an der Patientin?«, erkundigte sich der Sanitäter.

Ich richtete mich rasch wieder auf und schüttelte den Kopf. »Es ist alles in Ordnung«, behauptete ich und hoffte, dass der Mann das Zittern in meiner Stimme nicht hörte.

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Kurz darauf erreichten wir das St. Thomas Hospital. Der Krankenwagen stoppte und die Türen wurden aufgerissen. Draußen stand Daniel mit seinem Freund und Kollegen Cliff Parker, der ein bekannter Chirurg war. Gemeinsam halfen sie den Sanitätern, die Trage aus dem Wagen zu ziehen. Sie klappten das Gestell aus und rollten Gabriela das kurze Stück zum Eingang durch den Regen.

Ich beeilte mich, ihnen zu folgen.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sich Daniel, während er mit halbem Ohr dem Bericht des Sanitäters lauschte, der mit hektischen Worten den gesundheitlichen Zustand von Gabriela schilderte.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, erklärte ich. Wir hatten noch keine Gelegenheit gehabt, miteinander zu sprechen, da ich nur eine Krankenschwester am Apparat gehabt hatte, als ich beim St. Thomas Hospital anrief. »Aber ich fürchte, wir müssen unser Wohnzimmer neu einrichten. Es ist völlig ruiniert.«

Cliff Parker grinste schief, während er die Trage durch den langen Flur des Hospitals zog. »Wenn das deine einzigen Sorgen sind, scheint mit dir ja wirklich alles okay zu sein«, bemerkte er.

»Ich mache mir viel größere Sorgen um Gabriela Nilson«, erwiderte ich.

Daniel sah die Frau auf der Trage skeptisch an. »Du bist sicher, dass das dieselbe Gabriela Nilson ist, die heute zur Untersuchung bei mir war?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.

Ich nickte. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie jünger wurde«, gab ich flüsternd zurück. »Und sie hat einen magischen Kugelblitz mit ihrem Körper abgefangen, ohne dabei zu sterben.«

In diesem Moment hatten wir die Tür zum Untersuchungszimmer erreicht. Cliff stieß die Tür auf. Er, Daniel und die Trage mit Gabriela Nilson verschwanden in dem Raum, der vollgestellt war mit medizinischen Geräten.

Ich und die Sanitäter mussten leider draußen bleiben. Der Sanitäter, der den Krankenwagen gefahren hatte, wandte sich geschäftig ab und eilte den Korridor zurück zum Ausgang. Der kräftige junge Mann mit den schwarzen lockigen Haaren aber blieb unschlüssig stehen und sah gedankenverloren auf die geschlossene Tür des Untersuchungszimmers.

»Hoffentlich kommt sie über den Berg«, murmelte er, als spräche er mit sich selbst. »Sie ist bestimmt eine sympathische, aufregende Frau. Es ist manchmal zum Verzweifeln, dass man gegen das Schicksal so machtlos ist. Ich wünschte, ich könnte etwas dagegen tun, dass das Leben von unschuldigen Menschen von so folgenschweren Schicksalsschlägen ruiniert wird...«

Er hielt inne und schien erst jetzt zu bemerken, dass ich seine gemurmelten Worte mitgehört hatte. Verlegen grinste er mich an. Dann wandte auch er sich abrupt ab und folgte seinem Kollegen.

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Der Morgen graute, als Daniel zu mir ins Arztzimmer kam und mich zärtlich mit einem Kuss weckte. Eine Krankenschwester hatte mich in der Nacht in diesen Raum geführt, wo neben Schreibtisch, Aktenschränken und Bürostühlen auch eine einfache Behandlungspritsche stand, auf der Daniel dann und wann schlief, wenn es in der Nachtschicht einmal etwas ruhiger war.

»Legen Sie sich etwas hin«, hatte mir die Krankenschwester geraten. »Dr. Connors wird zu Ihnen kommen, sobald er mit der Behandlung seiner neuen Patientin fertig ist.«

Ich ließ mich nicht zweimal bitten und machte es mir auf der Pritsche bequem. Kaum hatte ich mich in die warme Wolldecke gekuschelt, schlief ich auch schon ein.

Nun richtete ich mich verschlafen auf der Pritsche auf und schaute Daniel in seine schönen blauen Augen, die etwas müde und übernächtigt wirkten.

»Wie geht es Gabriela?«, fragte ich und strich meinem geliebten Mann durch das lockige hellbraune Haar.

»Sie ist wieder bei Bewusstsein«, erklärte Daniel. »Ihr Zustand ist jetzt stabil. Ich konnte allerdings nicht so genau bestimmen, was ihr überhaupt, fehlte. Denn vom rein medizinischen Standpunkt aus gesehen, war sie vollkommen gesund, als sie bei uns eingeliefert wurde. Nur die unnatürliche Kälte, die ihren Körper befallen hatte, war bedenklich. Aber inzwischen ist ihre Körpertemperatur normal. Ich hatte aber eigentlich zu keiner Zeit den Eindruck, dass das Leben von Gabriela ernsthaft in Gefahr war. Wahrscheinlich wäre sie sogar von allein wieder aus der Ohnmacht erwacht, ohne die Hilfe eines Arztes und medizinischer Geräte.«

Daniel nahm meine Hand und sah mich eindringlich an.

»Gabriela kann sich nicht daran erinnern, was sich in unserer Atelierwohnung zugetragen hat«, meinte er. »Darum möchte ich jetzt von dir ganz genau wissen, was eigentlich geschehen ist.«

Ich seufzte und schilderte Daniel dann bis ins kleinste Detail, was ich erlebt hatte.

Daniel kräuselte besorgt die Stirn. »Was will dieser Aigolf nur von Gabriela Nilson?«, überlegte er laut. »Und warum hat er ausgerechnet dich angegriffen?«

Ich strich Daniel über die Wange und küsste ihn zärtlich. Seine Sorge und Anteilnahme rührte mich. »Ich weiß auch nicht, was ich von dieser Geschichte halten soll«, sagte ich dann. »Aber ich fürchte, mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu machen. Gabriela zählt auf meine Hilfe. Und die hat sie auch bitter nötig.«

Daniel nickte düster. »Da muss ich dir leider recht geben.«

Ich schwang mich von der Pritsche und sah Daniel lächelnd an. »Du siehst müde aus«, bemerkte ich. »Am besten fährst du jetzt nach Hause und legst dich hin. Lass dich von der Unordnung im Wohnzimmer nicht stören. Ich werde mich später darum kümmern. Zuerst aber muss ich Gabriela in ihrem Krankenzimmer einen Besuch abstatten.«

Daniel umarmte mich noch einmal und drückte mich fest an sich; »Pass gut auf dich auf, Brenda«, flüsterte er. »Und ruf mich an, wenn sich irgendetwas Neues ergibt.«

Ich versprach es. Dann trennten wir uns. Während Daniel müde zum Ausgang schlenderte, steuerte ich die Krankenstation an.

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Von der Stationsschwester erfuhr ich, in welchem Zimmer Gabriela Nilson lag. Sie hatte ein Einzelzimmer bekommen und stand unter ständiger Bewachung, die Daniel wegen der mysteriösen Umstände angeordnet hatte.

Ich klopfte an die Tür und vernahm kurz darauf ein gedämpftes: »Herein!«

Als ich die Tür öffnete und den Raum betrat, blieb ich überrascht stehen. Auf der Bettkante saß der junge Sanitäter mit dem schwarzen lockigen Haar. Lachend unterhielt er sich mit Gabriela, die aufrecht in ihrem Bett lag und ein weiches Kissen im Rücken hatte. Auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Bett stand eine Vase mit roten Rosen.

»Hallo, Brenda«, rief Gabriela und winkte mir zu. »Kommen Sie herein. Ich freue mich über jeden Besuch.«

Der Sanitäter erhob sich. »Ich muss jetzt leider gehen«, sagte er bedauernd an Gabriela gewandt. »Aber ich würde mich freuen, wenn wir uns Wiedersehen könnten.«

Gabriela reichte ihm die Hand und drückte sie innig. »Ich fand es nett, dass Sie vorbeigeschaut haben, Alan. Vielleicht sollte ich Ihre Einladung zum Essen wirklich annehmen.«

»Das würde mich glücklich machen«, erwiderte der Sanitäter. Er wandte sich zögernd vom Bett ab und ging auf die Tür zu. Als er an mir vorbeikam, schenkte er mir ein charmantes Lächeln. Dann verließ er den Raum und zog die Tür leise hinter sich zu.

Gabriela seufzte. »Ein netter Kerl, dieser Alan Campbell«, sagte sie versonnen. »Ich könnte fast vergessen, wie alt ich schon bin...«

Erschrocken hielt sie inne und sah auf ihre schlanken grazilen Hände herab. Tränen traten in ihre Augen.

»Armer George«, sagte sie mit schwankender Stimme. »Was er wohl gesagt hätte, wenn er mich so

hätte sehen können? Er ist erst eine Woche tot und ich fange bereits an, mich mit fremden jungen Männern zu verabreden...«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. »Manchmal wünschte ich mir, ich würde auch sterben. Dann wäre ich endlich wieder mit meinem geliebten George vereint und dieser Alptraum hier hätte ein Ende.«

Ich setzte mich auf den Platz, wo der Sanitäter eben noch gesessen hatte und sah mitfühlend auf Gabriela herab. Es war schwer vorzustellen, welche Gefühle und Empfindungen das Jüngerwerden in ihr auslöste. Es gab auf der ganzen Welt wohl keinen einzigen Menschen, der etwas Vergleichbares durchgemacht hatte, wie Gabriela Nilson.

»Sie dürfen nicht verzagen«, sagte ich schwach, da mir in dieser Situation nichts Passendes einfiel. »Sie müssen sich Ihrem Schicksal stellen. Als meine Eltern starben, hatte meine Großmutter zu mir gesagt, dass ich nach vorne blicken solle. Dein ganzes Leben liegt noch vor dir, sagte sie. Du wirst über den schmerzlichen Verlust hinwegkommen, denn die Zeit heilt alle Wunden.«

Gabriela hörte auf zu weinen und ließ die Hände sinken. Stirnrunzelnd sah sie mich an.

»Einer alten Frau würde ich diese Worte natürlich nicht sagen«, meinte ich verunsichert. »Aber ich glaube, sie passen ganz gut zu der Situation, in der Sie sich befinden.«

»Sie haben recht«, sagte Gabriela und wischte sich die Tränen fort. »Ich muss mich mit meinem Schicksal abfinden, so ungewöhnlich es auch sein mag. Aber irgendwie macht es mir Angst, was mit mir vorgeht. Wie weit wird die Verjüngung noch voranschreiten? Bis ich ein greinendes Baby bin?«

Wir beide mussten bei dieser Vorstellung unwillkürlich lachen. Doch dann wurde Gabriela wieder ernst.

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»Ich habe Ihrem Mann Daniel viel zu verdanken«, wechselte sie plötzlich das Thema. »Ohne seine Hilfe wäre ich mit Sicherheit gestorben. Er sagte, ein Kugelblitz hätte mich getroffen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern.«

Mir fiel ein, was Daniel mir eben über den gesundheitlichen Zustand von Gabriela erzählt hatte; und dass er annahm, Gabriela hätte sich nicht wirklich in Lebensgefahr befunden.

»Ich glaube, so schlimm war es um Sie gar nicht bestellt«, sagte ich daher.

Gabriela schüttelte vehement den Kopf. »O doch«, erwiderte sie überzeugt. »Ich stand an der Schwelle des Todes. Sie haben doch sicher schon von Leuten gehört, die gestorben sind und von den Ärzten aber wieder ins Leben zurückgerufen wurden. Meist berichteten diese Patienten dann von seltsamen, eindringlichen Träumen und Visionen. Ich habe auch so eine Vision gehabt. Also muss ich dem Tode schon sehr nahe gewesen sein.«

Ich runzelte skeptisch die Stirn. Ich glaubte Daniels Diagnose uneingeschränkt. Gabriela musste sich also irren, was den Grund ihrer Vision betraf.

Aber das machte die Sache für mich nicht weniger interessant. Vielleicht gab Gabrielas Vision Aufschluss über die rätselhaften Vorkommnisse, die sich um diese geheimnisvolle Frau rankten.

»Verraten Sie mir, was Sie in Ihrem Traum gesehen haben?«, erkundigte ich mich unverfänglich.

Gabriela lächelte zuvorkommend. »Selbstverständlich«, sagte sie. »Es war wunderschön. Ich war im Himmel unter lauter Engeln. Es waren wundervolle Geschöpfe, die in weiße wallende Gewänder gekleidet waren. Mit ihren prächtigen, perlmuttfarbenen Schwingen glitten sie durch die Luft...«

In Gabrielas hellblauen Augen leuchtete es geheimnisvoll. Sie sah plötzlich ganz glückselig aus. »Dann schwebte ein großer, männlicher Engel auf mich zu. Etwas Erhabenes und zugleich auch Unerbittliches haftete ihm an. Seine ebenmäßigen Gesichtszüge wirkten allerdings ein wenig schwermütig, als er in die Falten seines Gewands griff und ein Amulett daraus hervorzog. Das Amulett war weiß wie Milch und schimmerte geheimnisvoll. Es hatte die Form einer kleinen Engelsschwinge.

Mit feierlicher Geste legte er mir das Amulett um den Hals. »Es wird dich jederzeit zu uns zurückführen, wenn du es verlangst«, erklärte er.

Kaum lag das Amulett auf meiner Brust, da zog mich sein Gewicht auch schon hinab. Ich stürzte aus dem Himmel herab auf die Erde zu. Immer schneller wurde mein Sturz.

Während ich fiel, sah ich in der Ferne die Lichter einer großen Stadt, der ich mich rasch näherte. Es war Nacht. Trotzdem glaubte ich, dass es sich bei dieser Stadt nur um London gehandelt haben kann, denn ich erkannte die Themse und einige charakteristische Gebäude wieder.

In der Nähe der Stadt stürzte ich dann in einen Wald. Der Aufprall erschütterte meinen ganzen Körper. Aber ich spürte keinen Schmerz. Statt dessen rappelte ich mich auf  als wäre nichts geschehen und schritt durch den Wald. Ich trug das dünne weiße Gewand, das ich schon im Himmel angehabt hatte, und das Amulett.

Bald kam ich an eine Straße. Ich sah die Scheinwerfer eines sich nähernden Autos. Ich stellte mich an den Straßenrand und winkte. Der Wagen stoppte und der Fahrer öffnete die Beifahrertür.

Ohne zu zögern stieg ich ein. Ich wusste, dass mir nichts geschehen konnte. Denn der Mann hinter dem Steuer war niemand anderes als George Nilson, mein Mann!«

Gabriela sah mich glücklich lächelnd an. »War das nicht ein wundervoller Traum? Ich war fast ärgerlich, als ich erwachte und in das Gesicht von Dr. Connors blickte. Mit einfühlsamer Stimme erklärte er mir, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde. Sofort erinnerte ich mich daran, dass ich schon zuvor einmal erwacht war, als ich noch im Krankenwagen lag. Sie und dieser charmante Sanitäter saßen an meiner Seite...«

Sie seufzte. »Nur daran, aus welchem Grund ich ins Krankenhaus gebracht werden sollte, konnte ich mich nicht mehr erinnern.«

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913767
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
romantic thriller trio drei romane

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #8 - Drei Romane