Lade Inhalt...

Romantic Thriller Trio #7 - Drei Romane

2017 300 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Romantic Thriller Trio #7 - Drei Romane

image

von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 304 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Wenn die Hexe Harfe spielt – Das magische Amulett Band 20

Das Castle aus der anderen Welt – Das magische Amulett Band 21

Die Geistfrau will leben – Das magische Amulett Band 22

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

image

Wenn die Hexe Harfe spielt

Das magische Amulett  Band 20

Roman von Jan Gardemann

Was ist nur mit den Walen los? Weshalb verlieren sie die Orientierung und stranden? Um das herauszufinden, kreuzen Brenda Logan und Daniel Connors mit dem Schiff Silver Dolphin vor Schottlands Küste. Ihre Mission führt sie bis zu dem kleinen Ort Clain, der hauptsächlich von feindselig wirkenden Fischern bevölkert ist. Dort begegnen die Beiden dem geheimnisvollen Peter Dixon. Die Hinweise auf ein magisches, übersinnliches Geschehen verdichten sich langsam.  Während Brenda und Daniel einem uralten Fluch auf die Spur kommen, läuft die Zeit für eine in der Nähe treibende, verwirrte Walherde unerbittlich ab ...

1

»Sir«, ließ sich der Steuermann wieder vernehmen, »wir treiben steuerlos. Bei dem Sturm und der Brandung werden wir unweigerlich zwischen den Riffen zerschellen!« Da schälte sich aus dem Nebel auch schon eine drohende Silhouette. Ich sah, dass die Silver Dolphin direkt auf einen schroffen, hoch aufragenden Felsen zusteuerte. Der Blick auf eine alte Burg, die oben auf dem karstigen Felsen thronte, wurde frei. Algen und Seetang hingen von den Zinnen herab, als hätte sich der Fels soeben erst aus dem Meer erhoben. Feucht und unheilvoll schimmerten die mächtigen Felsquadern. Fledermäuse flatterten hoch oben um die Türme. Da bemerkte ich plötzlich ein fahles Leuchten. Es drang aus dem bogenförmigen Fenster eines Turmes. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich sah, dass dort eine Frau saß. Ihr schmales Gesicht war marmorblass und wirkte durchsichtig. Das blonde lange Haar wehte im Wind, während die junge Frau voller Sehnsucht in die Ferne starrte. Sie hielt eine kleine Harfe in der Hand, auf der sie spielte. Aber es war kein Ton zu hören.

Unheilvoll lastete das Gewitter auf dem dunklen, aufgewühlten Meer vor Schottlands Küste. Sturmböen peitschten die Wellen und feingeäderte Blitze zuckten vom rabenschwarzen Himmel herab, griffen wie mit Geisterfingern in die düsteren Fluten. Die schäumende Gischt fegte wie Sprühregen heran und klatschte in mein Gesicht. Ich krampfte meine klammen Hände noch fester um die glitschige Reling und rutschte dichter an Daniel heran, der neben mir stand. Unsere gelben Öljacken schimmerten vor Nässe. Wir standen am Bug der schneeweißen Jacht und starrten angestrengt über die nächtliche See.

Irgendwo auf dem wogenden, blauschwarzen Meer tanzten die Positionslichter der anderen Boote, die sich an dieser Aktion beteiligten.

Dumpf drangen die Stimmen der Seeleute zu mir herüber, die sich mit rauen, bellenden Stimmen Befehle zuriefen. Das Bug neigte sich plötzlich, als die Silver Dolphin in ein Wellental hinabschoss. Tosend brach sich die nächste heranrollende Welle am Rumpf der Luxusjacht. Daniel umfasste unwillkürlich meine Schultern und hielt mich fest. Da schwappte das schäumende Wasser auch schon über die Reling.

Daniel und ich waren von einem Moment auf den anderen klatschnass. Aber das kümmerte uns in diesem Augenblick wenig. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt dem Meer  und der Tragödie, die sich in den dunklen Fluten anbahnte.

»Passt auf, ihr beiden!«, rief eine vertraute Stimme hinter mir. »Wenn ihr bei diesem Seegang über Bord geht, werden wir euch nur schwer wieder den Klauen der stürmischen See entreißen können!«

Rasch blickte ich über meine Schulter und winkte Cliff Parker zu, der auf der Kommandobrücke stand und dem diese Jacht gehörte. Sein Gesicht war braungebrannt. Er trug eine weiße Öljacke und unter seiner Schiffermütze schaute blondes nasses Haar hervor. In seinen Händen hielt er ein Fernglas und um sein Handgelenk baumelte ein Funkgerät, mit dem er mit den anderen Schiffen kommunizieren konnte.

Cliff und Daniel waren eng befreundet. Beide waren sie Ärzte und arbeiteten im Londoner St. Thomas Hospital. Cliff war obendrein ein großer Liebhaber des Ozeans. Seine knapp bemessene Freizeit verbrachte er zumeist auf seiner Luxusjacht, die er allerdings nicht nur für müßige Kreuzfahrten benutzte, sondern oft in den Dienst einer bekannten Umweltorganisation stellte.

So wie auch in dieser stürmischen Nacht!

Die Umweltorganisation hatte eine Herde Pottwale beobachtet, die von ihrem ursprünglichen Kurs abgekommen waren. Stattdessen steuerten die bis zu fünfzehn Meter großen Herde nun auf die Nordküste von Schottland zu. Die Experten der Umweltorganisation befürchteten, dass die Wale in dem flacher werdenden Wasser stranden und verenden könnten. Darum hatte sich eine kleine Flotte von Schiffen aufgemacht, die Herde vor diesem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Unter ihnen auch die Silver Dolphin von Cliff Parker.

»Wurden die Pottwale inzwischen gesichtet?«, rief ich zu Cliff hinaus.

Der Chirurg schüttelte finster den Kopf. »Es ist fast unmöglich, die Herde bei diesen Wetterbedingungen zu verfolgen«, meinte er. »Aber laut Sarahs Berechnungen müssten die Tiere hier bald auftauchen!«

Cliff kniff die Lippen zusammen. Sein Gesicht nahm plötzlich einen harten, versteinerten Ausdruck an. Unwillkürlich riss er das Fernglas hoch und starrte wieder hinaus auf das aufgewühlte, nächtliche Meer.

Nachdenklich sah ich Daniels Freund an. Jedes mal wenn die Sprache auf Sarah Steel kam, ging eine seltsame Verwandlung mit Cliff vor sich. Sarah war eine aufregend schöne und intelligente Frau. Als Mitarbeiterin der Umweltorganisation lag ihr der Schutz der Meere besonders am Herzen. Sie war eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin und verfügte über eine gehörige Portion Phantasie und Enthusiasmus. Cliff und Sarah waren sehr verliebt ineinander. Aber ein Schatten hatte sich über ihre Liebesbeziehung gesenkt, als Cliff in den Zauberbann einer schönen, geisterhaften Frau geraten war. Diese Liaison lag schon einige Monate zurück. Trotzdem konnte Sarah ihrem ehemaligen Geliebten diesen Fehltritt nicht verzeihen – eine Tatsache, die Cliff mehr mitnahm, als er sich eingestehen wollte.

In diesem Moment trat Sarah aufs Deck. Ein Blitz, der in der Nähe ins Wasser einschlug, erhellte für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gesicht und spiegelte sich in ihren braunen Augen wider. Sarahs brünettes Haar wurde von einer Sturmbö erfasst.

Rasch strich sie sich das Haar aus dem Gesicht und sah sich um. Als sie mich und Daniel an der Bugreling bemerkte, kam sie auf uns zu. Der heftige Seegang schien ihr dabei nichts auszumachen.

Cliff, der die junge Frau verstohlen von der Kommandobrücke aus beobachtete, würdigte sie keines Blickes.

»Hallo Brenda, hallo Daniel«, begrüßte Sarah uns. »Ich finde es sehr nett von euch, dass ihr euch uns angeschlossen habt und euer freies Wochenende geopfert habt, um den Pottwalen zu helfen.«

»So eine einmalige Einladung konnten wir einfach nicht ablehnen«, erwiderte ich lächelnd. »Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, Wale aus der Nähe zu betrachten. Ich hoffe nur, dass wir ihnen auch helfen können und dass wir sie in dieser brodelnden Suppe, in die das Meer sich verwandelt hat, auch tatsächlich aufspüren.«

»Die Wale müssen jeden Moment hier aufkreuzen«, sagte Sarah überzeugt und starrte in die Nacht hinaus.

»Hast du dich deswegen hinter deinen Apparaten hervorgewagt?«, fragte Daniel. Wir hatten Sarah nur kurz zu Gesicht bekommen, als wir heute früh an Bord der Silver Dolphin gekommen waren. Seitdem war sie nicht aus dem kleinen Labor herausgekommen, das Cliff im Rumpf seiner Jacht für viel Geld hatte einrichten lassen.

»Ich musste noch eine Menge Berechnungen anstellen und das Sonargerät überprüfen, das ich für die Wale entwickelt habe«, erklärte Sarah ausweichend.

Ich vermutete aber, dass sie sich aus einem ganz anderen Grund nicht hatte an Deck blicken lassen. Sie ging Cliff aus dem Weg, wo sie nur konnte. In dem Labor war sie vor einem Zusammentreffen mit ihm sicher gewesen.

»Wie kommt es eigentlich, dass die Walherde von ihrem ursprünglichen Kurs abgekommen ist?«, fragte ich die junge Frau.

»Die Pottwale orientieren sich mit Hilfe eines Biosonars«, erklärte sie in sachlichem Tonfall. »Den Wissenschaftlern ist die Funktionsweise dieser natürlichen Echo-Ortung noch ein Rätsel. Aber man nimmt an, dass die Pottwale ähnlich wie die Fledermäuse Töne im Ultraschallbereich von sich geben können. Nur nehmen sie die Laute nicht mit den Ohren wahr, die bei Walen ziemlich unausgeprägt sind, sondern mit dem Kiefer und dem Schädel. Mit diesen Ultraschalltönen können die Pottwale, die übrigens zu den Zahnwalen gehören, zum Beispiel ihre Beute aufspüren. Auch auf Hindernisse wie Felsen und Korallenriffe werden sie auf diese Weise aufmerksam. Und sie können mit ihrem Biosonar sogar die Wassertiefe bestimmen.«

»Das hört sich ja sehr geheimnisvoll an«, bemerkte Daniel.

»Ist es auch«, erwiderte Sarah.

»Die Funktionsweise der Echo-Ortung der Pottwale ist eines der wenigen ungelösten Rätsel, die es auf unserem Planeten noch gibt.

Bei der Herde, die wir verfolgen, scheint der Biosonar allerdings durcheinander gekommen zu sein, so dass sie ihren Kurs geändert haben. Dies kommt von Zeit zu Zeit immer wieder vor. Manchmal verenden die massigen Tiere dann im seichten Küstenwasser, wo sie von ihrem eigenen Körpergewicht quasi erdrückt werden. Wenn die Herde, die wir verfolgen, an der Küste strandet, steht ihr ein ähnliches schreckliches Schicksal bevor, fürchte ich.«

Ich starrte unbehaglich in die ungemütliche See. »Hoffentlich können wir die Pottwale retten«, sagte ich traurig.

»Das hoffe ich auch«, erwiderte Sarah. »Ich setze große Erwartungen in das Sonargerät, das ich entwickelt habe. Der kleine Apparat wird mit einem Seil ins Wasser gelassen und sendet Töne im Ultraschallbereich aus. Ich habe eine sehr hohe Frequenz gewählt, die den Tieren unangenehm sein müsste. Vielleicht kann ich sie auf diese Weise dazu bewegen umzukehren und sich von der gefährlichen Küste fern zu halten. Alle Schiffe, die sich an dieser Aktion beteiligen, sind mit solch einem Gerät ausgerüstet.«

Plötzlich gewahrte ich in einiger Entfernung einen mächtigen nachtschwarzen Schatten unter der Wasseroberfläche. Er kam genau auf die Silver Dolphin zugeschossen.

Im nächsten Moment teilte sich das aufgewühlte Wasser und ein grauer, schrundiger Rumpf schob sich gespenstisch empor.

»Dort ist einer von den Walfischen!«, rief ich mit bebender Stimme und deutete nach vorn.

Im selben Moment stieß der Wal eine Wasserfontäne durch sein Blasloch aus. Der mehrere Meter hohe Wasserstrahl wurde vom Sturm ergriffen und auseinandergetrieben.

»Der Wal kommt der Silver Dolphin aber verdammt nahe«, bemerkte Daniel besorgt.

Sarah wirbelte herum. »Lasst das Sonar zu Wasser!«, schrie sie Cliff zu. »Und gib den anderen Schiffen Bescheid, dass sie es uns gleichtun sollen!«

Es war das erste Mal, dass Sarah den jungen Chirurgen während unserer Anwesenheit an Bord ansprach. Aber ihre Worte klangen nicht gerade freundlich.

Cliff gab der Besatzung mürrisch ein Zeichen und sprach dann hektisch ins Funkgerät.

Gebannt starrte ich den Pottwal an, der mit seinem riesigen, bugförmigen Schädel eine schäumende Welle vor sich hin trieb. Je näher er uns kam, desto mächtiger ragte sein grauer Schädel vor uns auf. Tiefe Narben und Furchen waren in die dicke glatte Haut gegraben. Seepocken und Algen hatten sich auf dem mächtigen Schädel angesiedelt.

Unwillkürlich schmiegte ich mich in Daniels starke Arme und klammerte mich an ihm fest. Es würde unser Untergang sein, wenn der Pottwal mit der Jacht zusammenstieß! Schon früher waren diese Meeresriesen den Walfängerbooten oft zum Verhängnis geworden. Ein einziger Schlag mit der Schwanzflosse reichte aus, um ein Boot zu zertrümmern. Ein Stoß mit dem mächtigen Schädel konnte ein großes Schiff zum Kentern bringen oder es leck schlagen. Am eindrucksvollsten wurden solche tödlichen Begegnungen in Herman Melvilles Roman Moby Dick geschildert, an den ich jetzt unwillkürlich denken musste.

Stand uns jetzt ein ähnliches Schicksal bevor?

––––––––

image

2

Sarah ballte ihre Hände zu Fäusten. »Die Herde ist zu früh hier aufgetaucht!«, rief sie mit zitternder Stimme. »Meinen Berechnungen nach sollten sie erst in ein paar Minuten eintreffen ...«

Der Rest ihrer Worte ging im Tosen unter, das entstand, als der mächtige Pottwal kurz vor der Silver Dolphin wieder abtauchte. Seine mächtige, kraftvolle Flosse hob sich ein letztes Mal majestätisch aus dem düsteren Wasser, ehe der Wal ganz verschwand.

Wie ein Spielball wurde die Jacht von der Welle, die der Wal verursacht hatte, emporgehoben. Mir krampfte es den Magen zusammen. Fast hätte es mich von den Beinen gerissen. Aber Daniel hielt mich mit eisernem Griff umklammert.

Da stieß Sarah einen schrillen Schrei aus. Der Boden wurde ihr förmlich unter den Füßen weggerissen, als sich die Silver Dolphin schief legte und eine Welle dunkles Meerwasser über die Reling brandete.

Unwillkürlich stieß meine Hand vor. Aber ich bekam Sarah nicht mehr zu fassen. Das Wasser spülte sie über die Planken. Haltlos ruderte sie mit den Armen und wurde direkt auf eine Wasserpforte zugetrieben.

Da war plötzlich Cliff bei ihr. Mit einem kühlen Sprung war er von der Brücke aufs Deck hinabgesprungen und warf sich schützend auf Sarah. Er umschlang ihren schlanken Körper und klammerte sich mit der anderen Hand an einem Lüftungsschacht fest.

Dann war die Welle fort. Sarah und Cliff lagen klatschnass und eng umschlungen auf den Planken.

Unwirsch machte Sarah sich von dem jungen Mann frei und richtete sich auf. Dann eilte sie zur Reling und starrte in die Richtung, in die der Pottwal verschwunden war.

Cliff rappelte sich benommen hoch und starrte Sarah missmutig an. Mit keinem Wort hatte sie sich für ihre Rettung bedankt!

Da ertönte aus Cliffs Funkgerät eine schnarrende Stimme. Cliff führte das Gerät an sein Ohr und wechselte ein paar hektische Worte mit dem Mann am anderen Ende der Funkverbindung.

»Deine Sonargeräte haben funktioniert!«, rief er Sarah zu, und ein erleichterter Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit. »Die anderen Schiffe konnten mit Hilfe deiner Geräte den Rest der Herde stoppen. Die Tiere verhalten sich ruhig ...«

Sarah schlug mit der Faust auf die Reling.

»Meine Berechnungen waren falsch!«, rief sie aufgebracht. Der Erfolg ihrer Sonargeräte schien sie nicht sehr zu erfreuen. Sie schüttelte finster den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Die Herde muss viel schneller geschwommen sein, als sie es gewöhnlich tun. Irgendetwas muss die Tiere magisch anziehen. Und jetzt ist uns einer der Pottwale entwischt. Er schwimmt direkt auf die Küste von Schottland zu!«

»Wir können versuchen den Wal einzuholen und ihn mit deinem Sonargerät zur Herde zurückzutreiben«, schlug Cliff vor.

»Warum stehst du dann hier noch untätig herum und glotzt mich an?«, schrie Sarah. »Sag deiner Mannschaft, dass sie den Wal verfolgen sollen!«

Cliff sah Sarah einen Moment lang grimmig an. Doch dann zuckte er die Schultern und wandte sich ab. Mürrisch gab er seiner Besatzung Anweisung.

Ich löste mich aus Daniels Armen und trat auf Sarah zu. Sanft legte ich ihr eine Hand auf die Schulter.

»Findest du nicht, dass du ein wenig zu hart mit Cliff umgehst?«, fragte ich. »Er tut sein Möglichstes um die Wale zu retten und stellt dir für deine Forschung sogar seine Jacht zur Verfügung ...«

Die Silver Dolphin kränkte ein wenig zur Seite, als Cliff die Jacht in einer engen Kurve wendete, um den Wal zu verfolgen.

»Ich hätte auch ebenso gut auf einem anderen Schiff meiner Organisation arbeiten können«, erwiderte Sarah knapp und wich dabei meinem Blick aus. »Aber Cliff bestand darauf, dass ich an Bord der Silver Dolphin ging.«

»Warum kannst du Cliff nicht verzeihen? Ihr liebt euch doch beide immer noch, trotzdem ihr euch alle Mühe gebt so zu tun, als wäre dies nicht der Fall.«

Sarah tat so, als hätte sie meine Frage gar nicht gehört. Sie stieß plötzlich einen freudigen Schrei aus und wies nach vorne. »Dort ist der Wal!«, rief sie aufgeregt. »Wenn wir uns beeilen, können wir ihn noch einholen!«

Ich blickte in die angegebene Richtung. Das Wasser dort sah dunkel und bedrohlich aus. Die fahlen Schaumkronen, die auf den Wellen tanzten, waren bleich wie Gespenster. Der unheimliche Anblick wurde noch unterstrichen durch eine dichte Nebelbank, die sich nicht weit entfernt über dem Wasser abzeichnete. Sie verhüllte die Küste, die sich dort irgendwo befinden musste.

Der Pottwal stieß in diesem Moment eine Atemwolke aus. Erst jetzt sah ich seinen mächtigen Leib in der Dunkelheit. Er ragte ein Stück aus dem düsteren Wasser empor und bewegte sich sehr rasch. Aber die Silver Dolphin kämpfte tapfer gegen Wind und Wellen an und schob sich Stück für Stück an das gefährdete Tier.

»Wenn der Wal vor uns die Nebelbank erreicht, werden wir ihn nicht mehr retten können«, bemerkte Daniel, der neben mich getreten war.

Sarah machte ein verbittertes Gesicht.

»Dann muss Cliff eben noch schneller fahren«, stieß sie ungehalten aus. »Wir dürfen es nicht zulassen, dass der Wal stirbt!«

»Der Wal ist sehr schnell!«, rief Cliff von der Brücke herunter, auf die er nun zurückgekehrt war. »Aber wir werden ihn trotzdem einholen!« Er musste Sarahs ungestüme Worte vernommen haben. Finster blickte er nach vorn.

Daniel schüttelte den Kopf und sah besorgt zu Cliff hinauf. »Er ist entschlossen, Sarahs Liebe um jeden Preis zurückzugewinnen«, raunte er mir zu. »Wir sollten auf die beiden achtgeben, sonst geschieht noch ein Unglück!«

Wie um Daniels Befürchtung zu bestätigen, lehnte sich der Steuermann plötzlich aus dem Steuerhaus hinaus.

»Sir, wir werden gleich die Nebelbank erreichen!«, rief er gegen den Wind an, so dass auch ich seine Worte verstehen konnte. »Es ist gefährlich, in voller Fahrt in den Nebel hineinzufahren. Die Küste ist nicht mehr weit. Wir könnten gegen ein Riff prallen oder auf Grund laufen!«

Cliff warf Sarah einen raschen Seitenblick zu. Die aber schaute entschlossen nach vorn und ließ den Pottwal nicht aus den Augen. Der urtümliche Ozeanbewohner befand sich jetzt fast auf Höhe der Silver Dolphin. Aber auch die Nebelbank war nun nur noch wenige Meter von uns entfernt.

»Gehen Sie zurück ans Ruder!«, fuhr Cliff den Steuermann an. »Wir werden den Wal einholen ...«

»Aber, Sir«, protestierte der Mann. »Wir könnten alle dabei draufgehen.«

Cliff trat rasch auf den Steuermann zu, stieß ihn unwirsch beiseite und seilte sich selbst hinter das Ruder.

In diesem Moment hatten wir den Wal überholt. Die Silver Dolphin tauchte in die Nebelbank ein. Von einem Moment auf den anderen waren wir von fahlem Dunst umgeben. Der Nebel war so dicht, dass ich kaum drei Meter weit sehen konnte. Unheimlich waberten die dicken Schwaden über die Planken.

Cliff kurbelte wie verrückt an dem Ruder. Die Silver Dolphin beschrieb eine Kurve und stand nun quer zu dem Kurs, den der Wal eingeschlagen hatte. Jeden Moment würde seine massige Silhouette vor uns aus dem Nebel auftauchen.

»Cliff, bist du verrückt geworden?«, rief Daniel aufgebracht.

Aber sein Freund schien ihn nicht zu hören. Er trat auf die Brücke zurück und rief seinen Leuten am Bug zu, dass sie Sarahs Sonar wieder zu Wasser lassen sollten.

»Ich habe nun meinen Teil der Aufgabe erledigt«, sagte er an Sarah gewandt.

»Jetzt wird sich herausstellen, ob du deinen Teil auch erfüllen kannst!«

Sarah verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und schaute demonstrativ zur Seite.

An Bord herrschte plötzlich angespannte Stille. Alle schienen in den Nebel hinaus zu lauschen und zu warten, wie der Wal sich verhalten würde. Nur das Tosen der Brandung und das Glucksen des Wassers, das gegen die Bordwand leckte, waren zu hören. Dumpf dröhnte der Jachtmotor im Bauch des Schiffes.

Da, plötzlich senkte sich ein Schatten auf die Jacht. Daniel griff unwillkürlich nach meiner Hand. Der Nebel teilte sich. Vor uns tauchte die Silhouette eines bugförmigen, mächtigen Schädels aus dem wabernden Dunst. Algen und Seetang hingen daran herab.

»Er ... er ist direkt vor uns«, flüsterte Sarah mit rauer Stimme. »Aber das Sonar hat ihn gestoppt. Er bewegt sich fast nicht mehr.«

In diesem Moment stieß der Wal sachte gegen die Silver Dolphin. In der hohen grauen Wand, die nun direkt neben der Reling aufragte, zeichnete sich ein kleines rundes Auge ab, das auf die verschreckten Menschen an Deck herabzustarren schien.

Ein kalter Schauer rieselte mir den Rücken hinunter. Eine unbedachte Bewegung des Kolosses könnte unserem Leben ein rasches Ende bereiten.

Aber der Wal verhielt sich völlig ruhig und abwartend, so als wüsste er, dass schon ein müder Schlag seiner Flosse reichen würde, um die Jacht zu zerstören.

Ohne recht zu überlegen was ich tat, löste ich mich von Daniel und trat auf die Reling zu. Dann neigte ich mich vor, bis meine ausgestreckte Hand den Pottwal berührte. Sanft legte ich meine Finger auf die kalte glatte Haut des Säugetiers.

Plötzlich war auch Sarah an meiner Seite. Ein verklärtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie den Wal zärtlich tätschelte.

»Kehr um!«, rief sie dem grauen Meeresriesen zu. »Schwimm zu deiner Herde zurück! Hier wartet nur der Tod auf dich!«

»Glaubt sie, dass der Wal sie versteht?«, raunte einer der Besatzungsmitglieder einem Kollegen zu.

Er verstummte abrupt, als die graue Wand plötzlich von der Reling wegdriftete.

Langsam, behutsam fast, glitt der Koloss durch den Nebel fort, bis seine dunkle Silhouette schließlich vom Nebel verschluckt wurde.

Das laute Platschen, das kurz darauf zu uns herüberdrang, verriet, dass der Wal abgetaucht war.

Die Wellen schaukelten die Silver Dolphin hin und her. In Sarahs braunen Augen lag ein seltsamer Glanz, und Tränen rollten ihr über die Wangen.

»Ich ... ich habe noch nie so etwas Ergreifendes und Schönes erlebt«, sagte sie mit tränenerstickter, glücklicher Stimme.

»Dein Sonargerät scheint ja wahre Wunder zu wirken«, bemerkte Cliff anerkennend, der unbemerkt hinter Sarah getreten war. »Es hat den Wal tatsächlich aufgehalten und verhindert, dass er mit uns kollidierte. Und ich dachte schon, unser letztes Stündchen hätte geschlagen.«

Sarah wandte sich zu Cliff um und schaute ihn mit tränen feuchten Augen an. »Ich bin selbst von der Wirkung der Geräte überrascht«, gestand sie. »Doch ohne deinen Einsatz wäre unser Pottwal dem sicheren Tod entgegen geschwommen ...«

Plötzlich fiel sie Cliff um den Hals. »Oh, Cliff!«, schluchzte sie. »Erst jetzt begreife ich, wie kleinlich es von mir war, dir nicht zu verzeihen. Ich hätte gleich auf mein Herz hören sollen. Die Begegnung mit dem Wal hat mir die Augen geöffnet.«

Cliff schloss Sarah glücklich in seine Arme und drückte sie fest an sich.

Daniel applaudierte. Er konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. »Manche müssen eben erst von einem tonnenschweren Ozeanbewohner darauf gestoßen werden, dass es kein kostbareres Gefühl als die Liebe gibt – und jede andere Gefühlsregung dagegen nichtig und unerheblich ist.«

Plötzlich ging ein heftiger Stoß durch die Jacht. Ich stürzte unsanft zu Boden. Ein hässliches, kratzendes Geräusch war vom Heck des Schiffes her zu hören.

»Sir, wir sind gegen ein Riff gestoßen!«, rief der Steuermann mit überschnappender Stimme.

––––––––

image

3

Daniel hatte mir wieder auf die Beine geholfen. Mein Knie war angeschlagen, und ich musste mich wieder auf ihn stützen. Hektisch riefen die Seeleute durcheinander. Cliff schrie Befehle, die niemand in dem Durcheinander verstand.

»Sir«, ließ sich der Steuermann wieder vernehmen, »die Schrauben der Jacht sind zerstört. Wir treiben steuerlos im Küstengebiet. Bei dem Sturm und dieser Brandung werden wir unweigerlich zwischen den Riffen zerschellen!«

Da schälte sich aus dem Nebel auch schon eine drohende Silhouette.

Mein erster Gedanke war, dass der Wal zurückgekehrt war. Doch da sah ich, dass die Silver Dolphin direkt auf einen schroffen, hoch aufragenden Felsen zusteuerte. Aufschäumende Brandung leckte an den schwarzen, spitzen Felsen empor.

Plötzlich lichtete sich der Nebel. Der Blick auf eine alte Burg, die oben auf dem karstigen Felsen thronte, wurde frei. Mit seinen hoch aufragenden Wehrmauern, den schmalen Türmen und den spitzen Dächern wirkte das düstere, klobige Gemäuer unheimlich und abweisend. Algen und Seetang hingen von den eckigen, vorspringenden Zinnen herab, so als hätte sich der Fels soeben erst aus dem Meer erhoben. Kolonien von Seepocken und Muscheln siedelten zu Füßen der trutzigen Ringmauer. Ein schmaler, gewundener Pfad, über den die Brandung leckte, wand sich den steilen Felsen empor und endete oben bei einem mächtigen Torbogen. Die Flügeltür, die sich einst dort befunden haben musste, war längst verrottet, so dass die Öffnung, die halb von einem Algenvorhang verhängt war, wie ein schwarzer Schlund in der Mauer gähnte.

Feucht und unheilvoll schimmerten die mächtigen Felsquadern. Die schmalen Fensteröffnungen verliehen der Burg einen unbelebten und verlassenen Eindruck. Fledermäuse flatterten hoch oben um die Türme.

Da bemerkte ich plötzlich ein fahles Leuchten. Es drang aus dem bogenförmigen Fenster eines Turmes.

Ich legte meinen Kopf in den Nacken und starrte zu dem hochgewölbten Fenster empor.

Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich sah, dass dort eine Frau saß. Sie trug ein weißes spitzenbewehrtes Kleid. Ihr schmales zartes Gesicht war marmorblass und wirkte durchsichtig. Das blonde Haar wehte im Wind, während die junge Frau voller Sehnsucht in weite Ferne starrte. Sie hielt eine kleine Harfe in der Hand, auf der sie spielte.

Aber es war kein Ton von dem Lied zu hören. Nur die donnernde Brandung und die aufgeregten Rufe der Männer drangen an mein Ohr.

Da wandte sich die geisterhafte Frau plötzlich vom Fenster ab. Kurz darauf erlosch auch das gespenstische Licht.

»Was für ein seltsames Gemäuer«, flüsterte Daniel mit rauer, heiserer Stimme. Erst jetzt bemerkte ich, dass alle Leute an Bord zu der geheimnisvollen Burg hinauf starrten. Niemand schien mehr auf den Sturm und die tückischen Wellen zu achten.

Doch im nächsten Moment war die Silver Dolphin auch schon an dem Burgfelsen vorbeigetrieben. Nebel hüllte das hoch aufragende Riff ein und verschluckte es schließlich ganz.

Einige der Seeleute bekreuzigten sich. Ihre Gesichter waren blass und sie murmelten Gebete.

Da erhielt die Jacht einen neuen Stoß. Er war nicht ganz so heftig wie der erste. Aber er brachte die Männer wieder in die Realität zurück.

»Werft die Anker!«, rief Cliff, der sich nun endlich Gehör verschaffen konnte. »Nur so können wir vermeiden, dass wir auf die Küste zutreiben!«

Die Seeleute machten sich sofort an die Arbeit. Cliff nahm unterdessen das Funkgerät und schilderte den Kapitänen der anderen Schiffe unsere Lage.

Klatschend tauchten die Anker in die Wellen ein. Kurz darauf legte sich die Silver Dolphin mit dem Bug in die Strömung und verharrte auf der Stelle, während die unruhige See die Jacht auf und nieder tanzen ließ.

»Wir müssen bis zum Morgen warten«, erklärte Cliff mit gefurchter Stirn, nachdem er die Funkverbindung unterbrochen hatte. »Im Morgengrauen schicken die anderen uns Hilfe. Der Wal, den wir verfolgt haben, ist übrigens sicher zu seiner Herde zurückgekehrt. Unser Einsatz war also nicht umsonst.«

Er wandte sich lächelnd an Sarah. »Ich soll dir Glückwünsche übermitteln. Wie es aussieht, haben deine Sonargeräte die Herde gerettet.«

»Sind die Wale auf ihre ursprüngliche Route zurückgekehrt?«, wollte Sarah wissen.

Cliff schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das ist ja gerade das Sonderbare«, sagte er. »Obwohl sämtliche Sonargeräte. abgeschaltet wurden, verharrt die Herde in der Nähe der Schiffe. Sie scheinen auf etwas zu warten und treffen keinerlei Anstalten, ihre ursprüngliche Route wieder aufzunehmen.«

In diesem Moment trat der Steuermann auf Cliff zu. »Sir«, sagte er unbehaglich. »Wir müssen der Küste schon viel näher sein, als wir vermuteten.« Er wies mit dem Daumen zum Heck der Jacht, das wegen der Strömung jetzt Richtung Schottland wies. »Mir sind da ein paar Lichter aufgefallen.«

Gemeinsam gingen wir zum Heck und starrten in die nebeldurchwirkte Finsternis. Dann und wann war ein gespenstisch zuckendes Licht zu erkennen, wenn die Nebelschwaden für einen Moment auseinandergerissen wurden.

Ich ließ mir von einem der Männer ein Fernglas geben und suchte damit den Nebel ab.

Plötzlich öffnete sich der Nebel, und ich konnte einen Blick auf die schroffe Küste werfen. Ein schmaler Sandstrand, der mit spitzen, scharfkantigen Felsen übersät war, erstreckte sich dort. Männer in derber Kleidung und hochgekrempelten Hosenbeinen standen in der Brandung und starrten auf das Meer hinaus. In ihren Händen hielten sie Fackeln und Öllampen, die ein zuckendes, lebhaftes Licht auf die verschlossenen, grimmigen Gesichter der Männer warfen. Erst jetzt gewahrte ich, dass die Gestalten bewaffnet waren. Sie trugen Messer im Gürtel. Andere führten lange Stäbe mit sich, an dessen Enden scharfe Klingen blitzten. Auch Enterhaken und Harpunen konnte ich erkennen, während sich im Hintergrund die Silhouetten von Fahrzeugen abzeichneten.

»Was sind das für seltsame Gestalten?«, fragte Cliff unbehaglich. »Und was haben sie mitten in der Nacht bei diesem rauen Wetter hier verloren?«

»Vielleicht sind es Piraten«, warf der Steuermann ein.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte ich. Der Nebel schloss sich wieder, so dass von den Männern am Ufer nur noch der fahle Widerschein ihrer Lichter zu sehen war. »Es hat vielmehr den Anschein, als würden diese Männer auf etwas warten. Die Gerätschaften, die sie bei sich trugen, erinnern mich an die Werkzeuge, mit denen man früher Walfische zerlegte ...«

»Du meinst, diese Männer haben darauf spekuliert, dass der Pottwal hier stranden würde?«, fragte Sarah ungläubig.

»Ja. Aber sie werden wohl zum Glück leer ausgehen.«

»Wie können diese Leute gewusst haben, dass der Wal ausgerechnet hier verenden würde? Das halte ich für schier unmöglich.«

»Wie dem auch sei«, schaltete Cliff sich in das Gespräch. »Es wird besser sein, wenn wir für den Rest der Nachtwachen aufstellen, die die Leute am Strand beobachten. Mir ist diese Sache nicht ganz geheuer. Der Rest der Crew sollte sich jetzt aber zur Ruhe begeben.«

Erst jetzt, da die Aufregung um die Walherde sich gelegt hatte, spürte ich, wie müde und abgekämpft ich war. Trotz des Ölmantels war ich bis auf die Haut durchnässt. Mich fröstelte und ich sehnte mich nach Wärme und Geborgenheit.

Daniel, der meine Gedanken erraten zu haben schien, legte einen Arm um mich und zog mich an sich.

»Gehen wir und wärmen uns gegenseitig auf«, flüsterte er mir ins Ohr.

Wir verabschiedeten uns von den anderen und begaben uns dann unter Deck. Als ich noch einmal zurückschaute, sah ich, wie Sarah und Cliff sich verliebt ansahen und sich bei den Händen nahmen. Endlich hatten sie einander verziehen ...

––––––––

image

4

Als ich am frühen Morgen erwachte, bemerkte ich als erstes, dass die Silver Dolphin ruhig vor sich hin dümpelte. Der Sturm hatte sich gelegt. Schräg fielen die rötlichen Strahlen der aufgehenden Sonne durch das Bullauge direkt auf das Bett.

Daniel und ich lagen noch immer genauso eng umschlungen da, wie wir eingeschlafen waren. Aber Daniel war noch nicht wieder erwacht. Regelmäßig strich sein warmer Atem über meine Brust.

Nachdem wir uns in der Nacht in unsere Kabine zurückgezogen und erschöpft hingelegt hatten, konnte ich erst lange nicht einschlafen. Die seltsamen Ereignisse um die Pottwalherde gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch an die unheimliche Burg auf dem Felsen musste ich denken – und an die derben Männer, die in der Brandung darauf warteten, dass ein Wal stranden würde.

Während ich an all diese mystischen Dinge dachte, ohne mir auch nur im geringsten darüber im Klaren zu sein, was sie zu bedeuten hatten, wurde die Silver Dolphin von den Wellen heftig hin und her geschleudert. Aber Daniel hielt mich in seinen starken Armen und flößte mir das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ein. Längst war die Kälte aus meinem Körper gewichen. Wohlige, prickelnde Wärme umgab mich. Ich wusste, dass mir an Daniels Seite nichts geschehen konnte, und schlief schließlich ein.

Lächelnd und voller Liebe betrachtete ich nun Daniels entspanntes Gesicht. Ich überlegte, ob ich mich an ihn kuscheln und ihn zärtlich wecken sollte. Doch dann musste ich wieder an die seltsamen Ereignisse der vergangenen Nacht denken und entschied mich anders.

Ich hauchte dem schlafenden Daniel einen Kuss auf die Lippen und befreite mich dann behutsam aus seinen Armen.

Leise huschte ich zum angrenzenden Badezimmer hinüber und stellte mich unter die Dusche.

Die Silver Dolphin war eine luxuriöse Jacht, die es in Sachen Komfort an nichts fehlen ließ.

Eine Viertelstunde später kehrte ich erfrischt und voller Tatendrang aus dem Badezimmer zurück, zog mich an und verließ auf leisen Sohlen die Kabine, da Daniel noch immer tief und fest schlief.

An Deck angekommen, schaute ich mich aufmerksam um.

Wie eine blutrote, überdimensionale Orange schwebte die aufgehende Sonne über dem seichten Meer. Die langgezogenen Wolken, die einen Teil des blauen erwachenden Himmels bedeckten, wurden von unten zartrosa angestrahlt. Hier und da schwebte noch ein Streiflein Nebel über dem glitzernden Wasser.

Im Gegensatz zur ungemütlichen Nacht wirkte das Meer an diesem Morgen romantisch und malerisch. Nur die düsteren schroffen Felsen, die wie drohend aus dem bewegten Wasser ragten, ließen mich erschaudern, erinnerten sie mich doch daran, dass wir nur knapp einem Schiffbruch entgangen waren.

Nach dem großen Felsen mit der geheimnisvollen Burg schaute ich mich jedoch vergeblich um. Nirgendwo war ein Riff auszumachen, das auch nur entfernt die Ausmaße des unheimlichen Burgfelsens erreicht hätte. Es war fast so, als hätte es das düstere, hoch aufragende Riff mit der riesigen Burg nur in unserer Vorstellung gegeben.

»Die Burg ist wie vom Meer verschluckt«, ertönte hinter mir plötzlich eine Stimme.

Erschrocken wirbelte ich herum. Hinter mir, an die Reling gelehnt, stand Cliff. In seinem frischen weißen Bordanzug machte er einen gutgelaunten, unternehmungslustigen Eindruck. Die Versöhnung mit Sarah hatte ihn zu seiner unbeschwerten fröhlichen Art zurückfinden lassen.

»Ich habe die ganze Küste mit dem Fernglas abgesucht«, fuhr er fort. »Aber einen Fels mit einer Burg gibt es hier nicht.«

Unbehaglich strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich hatte gehofft, dass die mysteriösen Vorkommnisse sich an diesem Morgen aufklären würden. Aber dies schien nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil. Die Sache wurde immer unheimlicher.

Zögernd blickte ich zum Ufer hinüber. Die Männer, die in der Nacht dort gewartet hatten, waren ebenfalls fort. Das Ufer lag verlassen und öde da. Nur der Wind strich über das lange Gras, das das seicht ansteigende Gelände bedeckte. Irgendwo in der Ferne zeichneten sich die Umrisse einer kleinen Ortschaft ab. Darüber thronte eine alte Burg auf einem ausladenden Hügel.

»Die Leute sind kurz vor Morgengrauen Richtung Dorf abgezogen«, erklärte Cliff. »Sie haben der Silver Dolphin ziemlich finstere Blicke zugeworfen. Wenn deine Vermutung richtig war und diese Männer gekommen waren, weil sie glaubten, ein Wal würde hier stranden, machen sie uns jetzt wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass ihnen die Beute entgangen ist. Es existiert hier noch das alte Recht, nachdem Treibgut demjenigen gehört, der es findet. Ein angeschwemmter Pottwal hätte den Männern bestimmt einiges eingebracht.«

»Woher mögen die Leute gewusst haben, dass der Wal ausgerechnet hierher schwimmen würde?«, überlegte ich laut. »Das Ganze erscheint mir mehr als rätselhaft.«

In diesem Moment kam eine Gestalt das seicht abfallende Gelände zum Meer hinunter. Ich nahm Cliff das Fernglas aus der Hand und betrachtete den Ankömmling genauer.

Es war ein junger Mann. Er trug einen langen dunklen Mantel, der ihm bis zu den Waden hinabreichte und den er offen trug. Der Wind bauschte den Mantel auf und ließ ihn wie einen Umhang um die kräftige Statur des Mannes flattern. Der Fremde trug ausgesuchte edle Klamotten und schien eine Vorliebe für die Farbe Schwarz zu haben. Seinem Äußeren nach hätte er aber eher in eine moderne Großstadt gepasst und nicht in die karge abgelegene Landschaft von Nordschottland.

Finster und angestrengt schaute er suchend über das Meer. Dann drehte er sein Gesicht zur Jacht. Ich sah durch das Fernglas in sein braungebranntes, markantes Gesicht. Er hatte kurzes schwarzes Haar und kräftige Augenbrauen, unter denen seine braunen Augen geheimnisvoll leuchteten.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass der Fremde mich direkt anstarrte. Mir war so, als würde sein Blick bis tief in meine Seele dringen.

Erschrocken nahm ich das Fernglas von den Augen und schüttelte verwirrt den Kopf. Ich war mir sicher, dass der Fremde nicht zu den Dorfbewohnern zählte. Aber was hatte er in dieser abgelegenen Gegend verloren? Wie ein Wanderer, der die Abgeschiedenheit und das raue Klima dieses Landstrichs suchte, sah er eigentlich nicht aus.

In diesem Moment trat der Steuermann auf uns zu. Er sah ziemlich unausgeschlafen und mürrisch aus.

»Sir. Es nähern sich uns drei Boote, die unsere Kollegen von der Umweltorganisation gesandt haben. Es befindet sich auch ein Mechaniker unter ihnen. Sicher kriegen wir die Silver Dolphin heute noch flott!«

Cliff nickte seinem Steuermann dankend zu.

»Sind inzwischen Neuigkeiten über die Walherde eingetroffen?«, erkundigte ich mich. Flüchtig sah ich zum Ufer zurück. Der geheimnisvolle Fremde war plötzlich wieder verschwunden.

Cliff nickte düster. »Die Nachrichten werden Sarah kaum gefallen«, sagte er. »Die Pottwale tummeln sich noch immer bei den Schiffen der Umweltorganisation herum. Sie verhalten sich ziemlich unruhig und scheinen nur auf eine Gelegenheit zu warten, doch noch zur Küste zu kommen. Wie es aussieht, ist die Sache noch nicht ausgestanden. Die Pottwale befinden sich noch immer in Gefahr ...«

––––––––

image

5

Als wir eine halbe Stunde später eine Lagebesprechung im Salon der Jacht abhielten, waren auch Daniel und Sarah Steel anwesend.

Sarah machte einen sorgenvollen Eindruck.

Dazu hätte sie auch allen Grund. Das sonderbare Verhalten der Pottwale beunruhigte sie sehr. »Ich habe einfach keine Erklärung dafür, warum die Wale nicht weiterziehen«, bekräftigte sie noch einmal. »Wir müssen sehr aufmerksam sein, damit uns keins der Tiere entwischt und doch noch an der Küste strandet.«

»Unsere Leute lassen die Herde keine Sekunde aus den Augen«, versicherte ihr ein bärtiger Mann mit wettergegerbtem, faltigem Gesicht. Sein braunes Haar war zerzaust und unordentlich, und in seinen blauen Augen schien die Sonne zu leuchten. Der Name dieses urtümlichen, bärbeißigen Mannes war Thomas Linch. Er war der Verantwortliche dieses Einsatzes und mit einem der kleinen Boote zur Silver Dolphin gekommen. Während wir in dem nobel ausgestatteten Salon saßen und debattierten, versuchten seine Leute die beschädigten Schiffsschrauben der Jacht auszuwechseln.

»Haben Sie versucht, die Wale zu verjagen oder irgendwie dazu zu bewegen, ihre Route fortzusetzen?«, hakte Sarah nach.

Thomas Linch nickte. »Es hat alles nichts genutzt«, sagte er rau. »Sogar mit Hilfe Ihrer Sonargeräte lassen sich die Tiere nicht dazu bewegen, das gefährliche Gebiet zu verlassen.«

Thomas Linch ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. »Wir sind mit unserem Latein so ziemlich am Ende«, sagte er und lächelte säuerlich, wobei sein Bart sich leicht sträubte. »Wir brauchen neue Ideen und Einfälle, sonst werden die Wale am Ende doch noch sterben.«

Daniel stupste mich von der Seite an und zwinkerte mir aufmunternd zu. »Du hast doch sicherlich schon einen Verdacht«, flüsterte er. »Ich sehe es dir deutlich an, dass dir das Verhalten der Wale und all die seltsamen Dinge, die sich in der Nacht zugetragen haben, zu denken geben. Glaubst du, dass hier irgendwelche übersinnlichen Kräfte wirken?«

Ich sah mich rasch um. Aber keiner der Anwesenden schien Daniels geflüsterte Worte vernommen zu haben. Das war mir auch lieber so. Ich hatte es nicht so gerne, von anderen schief angesehen zu werden, nur weil ich an die Existenz von übersinnlichen Phänomenen glaubte. Derartige Ereignisse zogen mich auf mysteriöse Weise magisch an. Schon oft war ich in der Vergangenheit mit Dingen konfrontiert worden, die übersinnlichen Ursprungs waren und zumeist von den magischen Amuletten hervorgerufen wurden, denen meine berufliche Leidenschaft galt.

Ob das unnatürliche Verhalten der Wale auch übersinnlichen Ursprungs war, wusste ich natürlich nicht mit Sicherheit. Aber die Ratlosigkeit der Experten der Umweltorganisation ließ zumindest vermuten, dass es bei dieser Geschichte nicht mit rechten Dingen zuging.

Plötzlich bemerkte ich, dass die leuchtenden Augen Thomas Linchs auf mir ruhten.

Schaute er mich etwa schon länger an? Und wenn ja, hatte er meinem Gesicht ablesen können, welche Gedanken mich beschäftigten?

»Sie haben einen Vorschlag, wie wir das Problem mit den Pottwalen angehen können?«, erkundigte er sich unverfänglich.

Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. »Vielleicht wäre es nicht verkehrt, wenn Daniel und ich uns an Land mal etwas genauer umschauen würden«, sagte ich vage. »Mir sind gestern ein paar Dinge aufgefallen, die mich stutzig gemacht haben. Zum Beispiel hielten sich Einheimische am Strand auf, die ganz offensichtlich fest damit gerechnet hatten, dass der Pottwal an dieser Stelle strandet, obwohl sie dies gar nicht voraussehen konnten.«

Thomas Linch kräuselte seine zerfurchte Stirn. »Das ist allerdings bemerkenswert«, sagte er nachdenklich. »Ich werde veranlassen, dass einer meiner Männer Sie und Ihren Mann an Land bringt. Sie bekommen ein Funkgerät, damit Sie jederzeit mit unserer Umwelt-Flotte in Verbindung treten können.«

––––––––

image

6

Der Wind, der über die karstigen Hügel der Küste strich, war kühler und strenger geworden. Am Himmel hatten sich Wolken zusammengebraut und längst das letzte Fleckchen Blau verhüllt.

Daniel und ich folgten einem schmalen Pfad, der am Strand seinen Anfang genommen hatte und über die seichten Hügel bis zur Ortschaft führte. Frische Reifenspuren und Schuhabdrücke waren uns am Strand aufgefallen. Sie mussten von den Männern stammen, die sich in der Nacht dort versammelt hatten.

Die kleinen weißen Häuser der Ortschaft, die sich zu Füßen des eindrucksvollen Hügels mit der Burg duckten, leuchteten hell zwischen dem dunklen Grün der Bäume und Büsche hindurch.

Daniel und ich hatten die Landkarten studiert, die Cliff an Bord gehabt hatte. Der Ort, der verschlafen und malerisch vor uns lag, hieß Clain. Die Bewohner lebten hauptsächlich vom Fischfang und der Schafzucht. Der nächste größere Ort lag fast einen halben Tag Autofahrt von Clain entfernt. Wir befanden uns also an einem gottverlassenen Winkel von Schottland. Über die Burg auf dem Hügel war auf den Karten nichts vermerkt worden.

Plötzlich drang ganz schwach das Tuckern eines Schiffsmotors an mein Ohr. Unwillkürlich blieb ich stehen und schaute zum Meer zurück.

Die Silver Dolphin schickte sich in diesem Moment an, die Küste zusammen mit den drei Beibooten der Umwelt-Flotte zu verlassen. Der Mechaniker hatte den Schaden behoben, der durch den Zusammenstoß mit einem Fels entstanden war. Nun würde die Silver Dolphin zu den Pottwalen zurückkehren. Sarah wollte noch ein paar Experimente mit ihren Sonargeräten an den Walen durchführen. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie die Tiere mit Hilfe ihrer neu entwickelten Geräte doch noch zum Weiterziehen veranlassen könnte.

Ich wünschte der jungen Frau von ganzer Seele, dass sie bei ihren Bemühungen Erfolg haben würde. Aber ein kleiner Teil meines Herzens ahnte, dass ihre Mühen vergeblich sein würden, weil eine fremde Macht, der mit modernen Geräten nicht beizukommen war, für das seltsame Verhalten der Wale verantwortlich war.

»Lass uns weitergehen«, sagte Daniel und riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Er warf sich die Reisetasche lässig über die Schulter, in der sich unsere Sachen befanden, die wir für den kurzen Landaufenthalt benötigten.

Ich hakte mich bei Daniel unter. Dann setzten wir unseren Weg nach Clain fort.

»Hoffentlich finden wir in dem Kaff eine einigermaßen passable Unterkunft«, merkte Daniel skeptisch an, als wir nur noch wenige Meter von den ersten Häusern entfernt waren.

»Das werden wir sicherlich gleich erfahren«, meinte ich und wies auf ein weißgetünchtes, niedriges Haus am Ortseingang. In dem kargen Vorgarten kauerte ein Mann auf einem einfachen Holzschemel und flickte sein Fischernetz.

Unwillkürlich fragte ich mich, ob der Mann zu denjenigen gehörte, die ich in der Nacht unten beim Strand gesehen hatte.

»Entschuldigen Sie«, sprach ich den Fischer an, als wir den Gartenzaun erreicht hatten. »Wir sind fremd hier und suchen eine Unterkunft für die Nacht. Gibt es in diesem Ort ein Gasthaus oder etwas Ähnliches?«

Der Mann drehte sich mürrisch zu uns um. Sein Gesicht war wettergegerbt und scharf geschnitten, und seine dunklen Augen wirkten verschlossen und misstrauisch, als er mich und Daniel musterte.

»Wo ist Ihr Auto?«, fragte er lauernd. »Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, dass Sie mit diesem Schuhwerk und nur mit einer Reisetasche als Gepäck zu einer Wanderung durch Schottland aufgebrochen sind?«

»Wir sind mit dem Boot hier«, erwiderte Daniel knapp.

Der Mann nickte mürrisch, als hätte er Daniels Antwort bereits erwartet. »Sie kommen von der schneeweißen Jacht, die hier gestern Nacht angekommen ist«, stellte er grimmig fest.

»Dann waren Sie nachts also auch unten am Strand?«, erwiderte ich.

»Das geht Sie nichts an!«, fuhr der Fischer mich unwirsch an. »Was wollen Sie hier überhaupt?«

»Wir sind für eine Umweltorganisation tätig«, entgegnete Daniel in hartem Tonfall, dem das unhöfliche Verhalten des Fischers nicht gefiel. »Unser Ziel ist es, eine Herde Pottwale zu retten, die von ihrer Route abgekommen ist und geradewegs auf diese Küste zusteuerte.«

Der Fischer machte eine ungehaltene Geste. »Warum versuchen Sie Dinge zu verhindern, die schon seit Generationen unabänderlich sind?«, stieß er aus. »Sie sind fremd hier in der Gegend und wissen nicht, was Sie mit Ihrem nutzlosen Verhalten anrichten.«

Daniel lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge – das konnte ich seinem Gesicht deutlich ansehen. Auch ich fand es vermessen von dem Mann, der auf den Tod des Pottwals spekuliert hatte, uns vorzuwerfen, dass wir das Leben dieses Tieres gerettet hatten.

Doch es hatte keinen Sinn, mit dem Fischer einen Streit vom Zaun zu brechen. Seine Worte hatten mich aufhorchen lassen, und ich wollte gerne noch mehr von ihm erfahren.

Rasch legte ich Daniel eine Hand auf die Schulter. Er verstand meine Geste sofort und hielt sich mit seiner Bemerkung zurück. Stattdessen schnaufte er nur verächtlich.

»Wir wollen herausfinden, warum die Wale diese Küste ansteuern, anstatt ihre gewohnte Route weiter zu verfolgen«, sagte ich an den Fischer gewandt. »Kann ich Ihren Worten entnehmen, dass schon öfter Wale hier gestrandet sind?«

»Verlassen Sie sofort diesen Ort«, sagte der Fischer mit unterdrückter Wut. »Es gibt Dinge auf dieser Erde, die man besser nicht erforscht. Unglück wird über uns alle hereinbrechen, wenn Sie versuchen, an alte Geheimnisse zu rühren!«

Mit diesen Worten wandte sich der Mann ab und stapfte zu seinem Haus zurück. Seine Arbeit schien er vergessen zu haben. Er riss die Tür auf und schlug sie laut wieder hinter sich zu. Krachend fuhr der Riegel vor die Tür.

Daniel und ich sahen uns nachdenklich an.

»Wie es aussieht, hast du mal wieder direkt in ein Wespennest gestochen«, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen. Dann legte er mir kameradschaftlich einen Arm um die Schulter.

»Komm, Brenda. Wir werden in diesem kleinen Kaff das Gasthaus auch ohne die Hilfe der zuvorkommenden Fischer finden – wenn es denn ein Gasthaus in diesem verschlafenen Nest gibt.«

––––––––

image

7

In Clain gab es tatsächlich ein Gasthaus. Es lag direkt am Marktplatz, der kreisrund war und in dessen Mitte eine knorrige alte Weide wuchs. Market Inn, lautete der eher zweckmäßige Name des Gasthauses, das allerdings einen recht gepflegten und soliden Eindruck erweckte. Mir fiel auf, dass ein sportlicher dunkler Wagen auf dem Parkplatz des Gasthauses stand.

»Sieht doch vielversprechend aus«, merkte Daniel gutgelaunt an. »Wenn ich geahnt hätte, dass unsere Jachttour in einem romantischen Landurlaub ausarten würde, hätte ich mir gleich mehrere Tage frei genommen. Ich wünsche mir schon lange, mit dir zusammen an einen abgelegenen, einsamen Ort zu fahren, wo uns niemand stören kann ...«

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hauchte Daniel einen Kuss auf die Wange. »Ich fürchte, deine romantischen Gefühle wirst du vorerst noch zurückstellen müssen«, sagte ich bedauernd. »Ich habe nicht den Eindruck, dass wir für eine ungestörte Zweisamkeit Gelegenheit bekommen werden. Wir müssen rasch herausfinden, was die Fischer über das seltsame Verhalten der Wale wissen. Schließlich geht es darum, das Leben dieser unschuldigen Meeresriesen zu retten.«

Daniel schloss mich in seine Arme und sah mich zärtlich an. »Wenn du in meiner Nähe bist, könnte die Welt um mich herum untergehen, ohne dass ich es bemerken würde. Aber du hast natürlich recht. Das Leben der Pottwale ist momentan wichtiger!«

Daniel löste sich von mir und fügte mit einem verschmitzten Schmunzeln hinzu: »Bringen wir unsere Aufgabe rasch hinter uns, damit wir uns wieder anderen Dingen widmen können.«

Er blinzelte mir schelmisch zu, ergriff meine Hand und schritt mit mir auf das Market Inn zu.

Die Gaststube, die sich gleich hinter der Eingangstür auftat, war gemütlich und nicht zu rustikal eingerichtet. Eine Menge Wanderkarten hingen an der Wand und ließen vermuten, dass für gewöhnlich wanderwütige Naturfreunde im Market Inn abstiegen.

Aufmerksam sah ich mich um.

Ein sauberer ordentlicher Tresen nahm eine ganze Wand ein. Der junge schwarzhaarige Mann, der auf einem Barhocker saß und sich mit der dickleibigen und gutmütig aussehenden Wirtin unterhielt, fiel mir sofort ins Auge. Der Mann hatte einen langen schwarzen Mantel an, dessen Saum fast bis auf den Boden reichte. Er trug modische, schicke Schuhe, die sich zum Wandern so gut eigneten, wie ein Brieföffner zum Kartoffelschälen.

Es bestand kein Zweifel: Ich hatte den geheimnisvollen Mann vor mir, der mir heute Morgen am Strand aufgefallen war – und dessen Blick mir so durchdringend und stechend erschienen war.

»... und Sie wollten wirklich behaupten, dass hier in der Gegend eine Familie lebt, die Mac Tian heißt?«, fragte der Fremde in diesem Moment ungläubig. Seine Stimme klang wohltönend und voll. Doch er schien leicht verwirrt zu sein.

Die Wirtin stemmte entrüstet die Fäuste in die drallen Hüften. »Na, hören Sie mal«, ereiferte sie sich. »Wollen Sie etwa behaupten, dass ich lüge? Natürlich gibt es hier eine Familie diesen Namens. Die MacTians leben schon seit unzähligen Generationen in der Burg auf dem Hügel. Jedem in diesem Dorf ist der Name Mac Tian ein Begriff, denn sie haben lange über diesen Landstrich geherrscht. Heute freilich ist von der einst so stolzen Sippe nicht mehr viel geblieben. Es gibt nur noch einen einzigen Erben. Ihr Name ist Maria MacTian, und sie lebt ganz allein in der Burg ...«

Erst in diesem Moment bemerkte die Wirtin ihre neuen Gäste. Abrupt hielt sie in ihrer Erklärung inne und wandte sich von dem Fremden ab.

»Treten Sie doch näher!«, forderte sie uns freundlich auf, da Daniel beim Eingang stehengeblieben war und eine Wanderkarte studierte, die dort hing.

Zusammen traten wir nun an den Tresen heran und nahmen neben dem Fremden Platz.

Die Wirtin sah uns freudestrahlend an. »Es freut mich, dass Sie in mein bescheidenes Gasthaus gefunden haben«, sagte sie. »Es genießt unter den Wanderern einen sehr guten Ruf. Das Essen ist ausgezeichnet und stählt für ausgiebige Spaziergänge in dieser wunderschönen Landschaft.«

»Das kann ich mir gut vorstellen«, erwiderte ich freundlich. Die herzliche Art der Frau wirkte erfrischend auf mich und vertrieb die düsteren Gedanken, die in meinem Kopf herumspukten.

Plötzlich reckte die Wirtin den Kopf und schaute aus dem Fenster auf den Marktplatz hinaus. Offensichtlich hielt sie nach unserem Wagen Ausschau. Ihre Stirn runzelte sich, als sie kein Fahrzeug entdecken konnte. Sie musterte uns nun etwas genauer und warf einen argwöhnischen Blick auf die kleine Reisetasche in Daniels Hand.

»Sie sind keine Wanderer«, stellte sie verwundert fest.

In diesem Moment wandte sich der Fremde zu uns um, der die ganze Zeit über gedankenverloren auf seine Hände gestarrt hatte. Als sein Blick nun auf mich fiel, erhellte sich seine Miene etwas.

»Sie kommen von der Jacht, die unten an der Küste festgemacht hat«, bemerkte er.

Daniel verdrehte entnervt die Augen. »In diesem Dorf scheint uns ja bereits jeder zu kennen. Sogar die Touristen«, stellte er etwas säuerlich fest.

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über das Gesicht des Fremden. »Das muss Sie nicht weiter verwundern«, erwiderte er. »Ich erkenne eine schöne Frau immer wieder – selbst wenn ich sie nur aus der Ferne betrachtet habe.«

Er schaute mich unverwandt an und lächelte charmant. »Außerdem gibt es auf der ganzen Welt wohl keine zweite Frau, die so leuchtende Augen hat wie Sie.«

Die Wirtin seufzte. »Es wird den Leuten aus Clain überhaupt nicht gefallen, wenn Sie in meinem Gasthaus absteigen«, bemerkte sie finster.

»Wollen Sie uns etwa vor die Tür weisen?«, erkundigte sich Daniel gereizt.

Die Wirtin schüttelte entschieden den Kopf. »Das würde mir nie im Leben einfallen«, erwiderte sie leicht gekränkt. »In meinem Haus ist der Gast König – so unbequem diese Gäste auch sein mögen.« Sie streckte mir die fleischige Hand hin. »Mein Name ist Agnes Kulney. Alle Gäste nennen mich bloß Agnes. Fühlen Sie sich bei mir wie zu Hause.«

»Brenda Logan«, stellte ich mich vor. »Ich bin Archäologin und arbeite im British Museum in London.« Ich deutete auf Daniel. »Mein Mann Daniel Connors. Er ist Arzt und Neurologe. Momentan sind wir für eine Umweltorganisation tätig, die versucht eine Herde Pottwale zu retten, die sich in die Küstengewässer vor Schottland verirrt haben. Es würde uns freuen, wenn Sie uns ein Doppelzimmer geben könnten. Außerdem würden wir auch bald gerne etwas essen.«

»Ich gebe Ihnen das Zimmer, das zum Marktplatz hinausweist«, sagte Agnes. »Es ist das schönste Apartment das ich habe. Sie werden zufrieden sein.«

Sie schüttelte den Kopf und seufzte erneut. »Da hat sich in unserem einfachen Dorf ja eine illustre Gesellschaft zusammengefunden«, bemerkte sie ohne viel Begeisterung. Verstohlen schielte sie dabei zu dem Fremden neben mir.

Der Mann, dem Agnes scheeler Blick nicht entgangen war, grinste schief. »Mein Name ist Peter Dixon«, stellte er sich auch vor. »Ich bin Amerikaner und stamme aus New York. Ich arbeite für ein großes Filmstudio als Regisseur.«

»Was hat Sie an diesen einsamen Ort geführt?«, erkundigte ich mich. »Wie ein wanderfreudiger Naturbursche sehen Sie eigentlich nicht gerade aus.«

Peter Dixon zuckte vage mit den Schultern. Sein Gesicht wirkte plötzlich verschlossen und ernst.

»Ich habe über die Pottwalherde im Radio gehört«, wechselte er rasch das Thema. »Wie es aussieht, war die Umweltorganisation erfolgreich. Die Wale sind nicht gestrandet.«

»Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt«, erwiderte ich. »Die Wale verhalten sich noch immer sehr sonderbar. Sie weigern sich, ihre alte Route fortzusetzen.«

Peter Dixon zog eine Augenbraue in die Höhe. »Und jetzt suchen Sie hier an Land eine Erklärung für das abnorme Verhalten der Wale?«, wunderte er sich.

Ich zuckte mit den Schultern und lächelte unbeholfen. Dann wandte ich mich wieder an die Wirtin. Agnes hatte unser Gespräch aufmerksam verfolgt.

»Mir sind vergangene Nacht Männer aus dem Dorf unten am Strand aufgefallen«, erklärte ich. »Sie schienen fest damit gerechnet zu haben, dass die Wale an genau diesem Küstenabschnitt stranden obwohl sie es nicht voraussehen konnten! Das hat mich stutzig gemacht.«

»Das muss Ihnen nicht weiter verwunderlich erscheinen«, meinte Agnes, »denn es gibt eine ganz einfache Erklärung für das nächtliche Treffen am Strand.«

Sie wandte sich um und kramte umständlich in einem Schrank herum. Dann kehrte sie mit einem verstaubten Fotoalbum wieder zurück, das sie vor uns auf den Tresen legte.

»Diese Bilder zierten früher den Schankraum«, erklärte sie und wischte mit einem Tuch geschäftig den Staub von dem Ledereinband. »Aber aus Rücksicht auf meine Gäste habe ich die Bilder abgenommen.«

Sie schlug das Buch auf. Und als ich einen Blick auf die schlecht belichteten Farbfotos warf, konnte ich verstehen, warum Agnes die Fotografien von der Wand genommen und gegen Wanderkarten ausgetauscht hatte.

Die Fotos waren im Morgengrauen unten am Strand aufgenommen worden. Es herrschte ein trübes Zwielicht. Trotzdem war der gestrandete Pottwal auf den Fotos gut zu erkennen. Die Seile und Trossen, die um den zerschundenen massigen Leib des Säugetiers geschnürt waren und die Fischer, die in stolzer Haltung neben dem toten Tier posierten, ließen vermuten, dass die Männer den verendeten Wal mit viel Mühe und Kraftaufwand auf den Strand gezogen hatten. Andere Fotos zeigten, wie die Fischer sich daran machten, den Wal zu zerlegen. Dabei bedienten sie sich der gleichen Werkzeuge, wie sie die Männer getragen hatten, die mir in der Nacht beim Strand aufgefallen waren.

Agnes schlug eine andere Seite auf. Diesmal waren es alte Schwarzweißfotos, die die Seiten füllten. Und wieder waren gestrandete Pottwale darauf zu sehen, die von den Fischern an Land gezogen und ausgeweidet wurden.

Ohne ein erklärendes Wort abzugeben schlug Agnes eine andere Seite auf. Diesmal waren keine Fotos zu sehen, sondern sehr laienhaft aussehende Kohlezeichnungen. Die Motive waren die gleichen wie schon bei den Fotografien.

»Diese Bilder lassen tatsächlich vermuten, dass schon des Öfteren Wale an diesem Küstenabschnitt strandeten«, sagte Daniel mit rauer Stimme. So wie mir waren auch ihm die düsteren Bilder unter die Haut gegangen.

Agnes nickte gewichtig. »Sie tun es exakt im Abstand von sieben Jahren, um genau zu sein«, sagte sie. »Darum wussten die Fischer auch, dass in dieser Nacht wieder Pottwale an der Küste auftauchen würden. Denn es ist jetzt genau sieben Jahre her, als das letzte Mal ein Wal hier strandete.«

Agnes klappte das Album wieder zu. »Sie sehen also, dass das Verhalten der Fischer völlig natürlich ist. Sie können nichts dafür, dass die Wale hier stranden. Aber sie nehmen dieses Naturereignis als willkommenes Geschenk. Denn allein vom Fischfang kann ein Mann seine Familie heute nicht mehr ernähren. Die Fischgründe sind fast leer gefangen.

Aber die Erträge, die die gestrandeten Pottwale abwerfen, sichern das Überleben von Clain. Vor sieben Jahren hat uns ein schottisches Museum gleich einen ganzen Pottwal abgekauft. Sein Skelett hängt jetzt als Attraktion in der Haupthalle.«

Agnes schüttelte traurig den Kopf und verstaute das Fotoalbum wieder tief im Schrank. »Natürlich tun mir die armen Pottwale leid«, meinte sie. »Aber die Fischer können an dem Schicksal dieser Tiere nichts ändern – und sie schlagen das Geschenk, das ihnen die Natur macht, nicht aus. Soll man ihnen das zum Vorwurf machen?«

Sie richtete sich wieder auf und sah uns unumwunden an. »Leider fehlt den meisten Menschen das Verständnis für diesen Sachverhalt. Sie sehen nur, auf welche grausame Weise die Wale umkommen und dass die Fischer sie ausnehmen. Aus diesem Grund musste ich die Bilder auch von der Wand nehmen.«

»Hat sich denn nie jemand gefragt, warum die Pottwale mit dieser gespenstischen Regelmäßigkeit in dieser Gegend stranden?«, erkundigte ich mich.

Agnes schüttelte den Kopf. »Woher sollen die Fischer wissen, welche geheimnisvollen Kräfte in der Natur wirken? Es wird seinen Grund haben, warum die Pottwale gerade hier stranden.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum die Männer aus Clain nicht gerade begeistert darüber sind, dass Sie hier auftauchen.«

Agnes wandte sich mit einer endgültigen Geste von uns ab. »Ich muss mich jetzt um Ihr Zimmer und das Essen kümmern«, behauptete sie und stampfte davon.

Daniel schüttelte finster den Kopf. »Gegen die Schicksalsgläubigkeit dieser Leute sind wir machtlos«, meinte er. »Wir müssen ihnen wie Ketzer vorkommen, weil wir versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen.«

»Vielleicht täuschen Sie sich ja und es gibt wirklich ein paar Dinge, die sich mit Logik und klarem Menschenverstand nicht erklären lassen«, warf Peter Dixon gedankenverloren ein.

Ich warf dem Amerikaner einen raschen Blick zu. Wie hatte er diese Worte wohl gemeint?

Aber Peter Dixon wich meinem Blick aus. Abrupt verabschiedete er sich und entfernte sich aus der Gaststube.

»Ein sehr undurchschaubarer Typ«, merkte Daniel an und starrte dem Amerikaner nachdenklich hinterher, der mit wehendem Mantel über den Marktplatz strebte. »Irgendein Geheimnis haftet diesem Peter Dixon an, da bin ich mir sicher.«

––––––––

image

8

Längst war die Nacht über Clain hereingebrochen. Regen prasselte gegen das Fenster unseres gemütlichen Gästezimmers.

Dann und wann flutete silberhelles Licht herein, wenn die Wolken den blassen Vollmond für einige Augenblicke freigaben.

Ich war noch ganz trunken von Daniels leidenschaftlichen Umarmungen. Dicht aneinander gekuschelt lagen wir in dem flauschigen, weichen Bett und genossen die wohltuende, prickelnde Nähe, die wir einander spendeten.

Meine Gedanken schweiften ab und beschäftigten sich mit den Ereignissen des Tages.

Daniel und ich hatten uns am Nachmittag noch einmal im Dorf umgehört und mit vielen Fischern und Frauen gesprochen. Die meisten begegneten uns mit Misstrauen und Feindseligkeit. Doch einige unter ihnen waren durchaus aufgeschlossen und freundlich. Wenn die Sprache allerdings auf die Pottwale kam, wurden auch sie abweisend. Keiner der Dorfbewohner wollte über die Vorkommnisse sprechen, die sich alle sieben Jahre unten am Strand zutrugen.

Am Abend kamen Daniel und ich dann darin überein, dass wir in Clain nur unsere Zeit vergeudeten. Mehr als das, was wir von Agnes erfahren hatten, würden wir hier nicht herausbekommen.

Über Funk sprachen wir mit Thomas Linch und Cliff Parker. Auch sie zeigten sich sehr verwundert, als sie von dem mysteriösen Siebenjahresrhythmus erfuhren. Doch eine Erklärung für das Stranden der Pottwale hatten auch sie nicht.

Draußen auf dem Meer war die Situation so gut wie unverändert geblieben. Die Wale zeigten eine wachsende Unruhe, je näher der Abend rückte. Sarah befürchtete, dass die Tiere in der Nacht erneut versuchen würden, an die Küste zu schwimmen. Sie und die anderen Wissenschaftler der Umweltorganisation arbeiteten fieberhaft und versuchten die Sonargeräte noch zu verbessern, die in der Nacht sicherlich wieder zum Einsatz kommen würden.

Wegen dieser Ereignisse konnte Cliff uns erst am nächsten Morgen wieder an Bord der Silver Dolphin nehmen. So lange mussten Sarah und ich in Clain verharren.

Doch dagegen hatte Daniel überhaupt nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Er freute sich, nun doch noch einen ungestörten Abend mit mir verleben zu können. Wir aßen im Market Inn, und Agnes gab sich Mühe, uns nach allen Regeln ihrer Kunst zu verwöhnen.

Daniel schaffte es schließlich sogar, mich mit seiner romantischen, unbeschwerten Stimmung anzustecken. Ich vergaß für eine Weile die Probleme, die das sonderbare Verhalten der Pottwale uns bereitete. Am Ende trug Daniel mich auf seinen Armen in unser Gästezimmer. Unsere Küsse waren heiß und innig, als wir auf das weiche Bett sanken. Wir liebten uns leidenschaftlich, und die Welt um mich herum versank in einem Meer aufbrausender Gefühle.

Plötzlich schreckte ich aus meinen Gedanken hoch. Jäh rissen die romantischen Erinnerungen ab. Ein Klirren war vom Fenster her zu hören gewesen.

Daniel richtete sich halb im Bett auf.

Ich sah zum Fenster und bemerkte, dass sich unter das fahle Mondlicht, das in diesem Augenblick zu uns hereindrang, der rötlich zuckende Widerschein von Feuer gemischt hatte.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich besorgt.

Daniel verließ rasch das Bett und warf sich einen Morgenmantel über. Dann trat er ans Fenster. In seinem Gesicht spiegelte sich der flackernde Feuerschein wider.

»Es sind die Fischer«, sagte er mit rauer Stimme.

Daniel raffte seine Klamotten zusammen, die verstreut auf dem Boden lagen und fing an, sich anzuziehen.

Auch ich verließ nun das Bett und schlüpfte in meinen Morgenmantel. Als ich dann aus dem Fenster blickte, stockte mir der Atem.

Eine Gruppe von Männern hatte sich unten auf dem nebeligen Marktplatz versammelt. Sie trugen derbe Kleidung und hatten die Werkzeuge bei sich, die sie für das Ausweiden der Wale verwendeten. Die Fackeln und Lampen, die sie mit sich führten, beleuchteten ihre hassverzerrten, wütenden Gesichter.

Da bemerkte ich, dass sich auch Agnes unten auf dem Marktplatz befand. Sie hatte sich den aufgebrachten Männern entgegengestellt und redete energisch auf sie ein.

Einer der Fischer entdeckte mich am Fenster. Es war der unfreundliche Kerl mit dem wettergegerbten Gesicht, mit dem wir bei unserer Ankunft in Clain gesprochen hatten. Rasch hob er einen Stein auf und schleuderte ihn gegen das Gasthaus.

Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. Der Stein traf die Scheibe, die mit lautem Bersten zerbrach.

»Verschwinden Sie von hier!«, rief der Mann, der den Stein geschleudert hatte, mit schriller durchdringender Stimme zu mir herauf. Er schüttelte drohend die Fäuste. »Sie und diese angeblichen Umweltschützer mischen sich in Angelegenheiten, in die kein Mensch eingreifen darf.«

»Richtig!«, stimmte ein anderer Mann zu. »Heute Nacht haben die Schiffe schon wieder verhindert, dass ein Wal an unserer Küste strandet!«

Daniel, der nun angezogen war, hauchte mir einen Kuss auf die Wange und sagte: »Ich werde jetzt runtergehen und Agnes dabei helfen, die erhitzten Gemüter der Fischer wieder abzukühlen.«

»Pass auf dich auf«, sagte ich und schaute unbehaglich auf den dunklen, nebligen Marktplatz hinab. Agnes schimpfte den Mann, der die Scheibe zerschlagen hatte, wie einen kleinen Jungen aus.

Aber ich bezweifelte, dass sie die aufgebrachten Fischer noch länger davon abhalten konnte, das Gasthaus zu stürmen.

Im nächsten Moment hatte Daniel das Zimmer auch schon verlassen. Ich schaute ihm mit einem unguten Gefühl hinterher. Als er dann meinen Blicken entschwunden war, wollte ich die Zimmertür wieder schließen. Doch ein seltsames Geräusch ließ mich verharren.

Angestrengt lauschte ich in den Flur hinaus.

Da war es wieder! Ein dumpfes, langgezogenes Stöhnen wehte durch den düsteren Korridor. Dann folgte ein gequälter Schrei.

Eine Gänsehaut rieselte mir den Rücken hinunter. Trotzdem setzte ich mich automatisch in Bewegung, um die Ursache dieser schauerlichen Geräusche zu ergründen.

Schließlich erreichte ich das Zimmer, in dem Peter Dixon untergebracht war.

»Claire!«, erklang es dumpf hinter der Tür. »Claire, ich werde dich finden. Wir gehören zusammen! Nichts darf uns trennen!«

Ein durchdringender, entsetzlicher Schrei folgte, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

––––––––

image

9

Ohne zu überlegen was ich tat, griff ich nach der Klinke und stieß die Tür auf.

Das Zimmer des Amerikaners lag ebenfalls auf der Seite des Marktplatzes, so dass etwas von dem Widerschein der Fackeln zum Fenster hereindrang. Aber sonst war es völlig dunkel im Raum. Der Mond war wieder hinter den düsteren, schweren Wolken verschwunden.

Peter Dixon lag im Bett und warf sich unruhig hin und her. Die Bettdecke lag zerknüllt auf dem Boden, und der Pyjama des Amerikaners war verrutscht. Sein Gesicht war schweißüberströmt und die Augen geschlossen. Ein gequältes Stöhnen kam aus seinem halbgeöffneten Mund.

Peter Dixon schlief – aber er musste einen schrecklichen Alptraum träumen!

Mit wenigen Schritten war ich beim Bett. Zaghaft berührte ich den Mann an der Schulter und rief seinen Namen.

Sofort hörte Peter auf, sich in dem Bett hin und her zu werfen. Benommen öffnete er seine Augen und sag mich blinzelnd an.

»Brenda Logan?«, fragte er mit belegter Stimme. Er richtete sich auf und sah verwirrt an sich herab. Verlegen strich er seinen Pyjama glatt.

Ich wollte etwas sagen, aber Peter hob abwehrend die Hand.

»Sagen Sie nichts«, meinte er entnervt. »Ich habe vermutlich im Schlaf geschrien. Da sind Sie gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.«

»Ich hoffe, das lag in Ihrem Interesse«, erwiderte ich verunsichert. »Ihre Schreie klangen nicht eben glücklich.«

»Sie haben mich aus einem schrecklichen Alptraum gerissen«, erklärte Peter sarkastisch und schwang seine Beine aus dem Bett. »Einen größeren Gefallen hätten Sie mir gar nicht erweisen können.«

Stöhnend rieb er sich die Augen. »Ich verstehe nicht, was mit mir los ist«, sagte er wie zu sich selbst. »Diese Alpträume werden immer heftiger und eindringlicher. Dabei hatte ich gehofft sie würden aufhören jetzt, da ich diesen abgelegenen Ort erreicht habe ...«

»Warum glauben Sie, dass ein Ort wie dieser Alpträume verscheuchen könnte?«, erkundigte ich mich und trat besorgt ans Fenster. Ich wollte sehen, wie es Daniel mit den aufgebrachten Fischern erging. Ich entdeckte meinen geliebten Mann auch sofort. Daniel stand neben Agnes Kinley und redete energisch auf die Männer ein.

Da stürzte sich der Kerl, der den Stein geworfen hatte, mit geballten Fäusten auf ihn.

Erschrocken führte ich meine Hand zum Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Doch Daniel wich dem Fausthieb geschickt aus. Der Schlag des Fischers ging ins Leere. Daniel packte blitzschnell zu und hielt den Mann unerbittlich fest.

Der Fischer starrte Daniel hasserfüllt an. Aber Daniel ließ sich dadurch nicht beeindrucken. Er hielt dem bohrenden Blick seines Widersachers stand, bis dieser schließlich selbst die Augen niederschlug.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«, erkundigte sich Peter Dixon in diesem Moment.

Ich wandte mich verwirrt zu ihm um. »Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders.«

Peter trat an meine Seite und sah aus dem Fenster.

Daniel ließ soeben den Fischer los, der ihn angegriffen hatte. Dann redete er wieder eindringlich auf die anderen Männer ein. Sie ließen ihre Fackeln und Waffen daraufhin sinken und kehrten dem Gasthaus zögernd den Rücken. Der Mann, der den Stein geworfen hatte und offenbar der Rädelsführer der Fischer war, rief ihnen wütend nach und machte Drohgebärden gegen Daniel und das Gasthaus.

Aber die Männer hörten nicht auf ihn. Einer nach dem anderen verschwanden sie in der Dunkelheit.

Da machte sich auch ihr Anführer aus dem Staub.

»Die Fischer machen Ärger wegen der Wale, die ihnen aufgrund der Aktion der Umweltschützer entgehen«, stellte Peter nüchtern fest.

Agnes schluchzte laut auf, so dass es sogar bis in Peters Zimmer hinauf zu hören war. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und weinte.

Daniel tätschelte ihr die Schulter und führte sie schließlich zum Gasthaus zurück.

»Daniel hat die Situation noch einmal entschärfen können«, meinte ich erleichtert. Dann drehte ich mich zu dem Amerikaner um.

»Was wollten Sie mir eben sagen?«, erkundigte ich mich.

Peter zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern. »Es war nicht weiter wichtig«, sagte er beiläufig.

»Sie sollten diese Alpträume nicht auf die leichte Schulter nehmen«, erwiderte ich. »Sprechen Sie einmal mit Daniel darüber. Er ist Neurologe und kennt sich mit diesen Dingen gut aus.«

Damit wandte ich mich ab und verließ das Zimmer. Ich wollte so schnell wie möglich zu Daniel zurück.

––––––––

image

10

Am nächsten Morgen fanden wir uns früh in der Gaststube ein, wo Agnes uns bereits mit einem deftigen Frühstück erwartete. Doch kaum hatten wir Platz genommen und wollten uns heißhungrig über die Leckereien hermachen, da erschien Peter Dixon plötzlich auf der Bildfläche.

Zögernd trat er auf unseren Tisch zu.

»Haben Sie den Rest der Nacht ohne Alpträume zugebracht?«, erkundigte ich mich. Ich spürte, dass Peter sich uns mitteilen wollte, aber nicht wusste, wie er beginnen sollte.

»Ja, Gott sei Dank«, sagte Peter. »Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich muss Sie mit meinen Schreien in Angst und Schrecken versetzt haben.«

»Ich bin Schlimmeres gewohnt«, antwortete ich lächelnd – was leider auch der Wahrheit entsprach.

Daniel wies einladend auf einen freien Stuhl. »Nehmen Sie doch Platz, Mr. Dixon«, sagte er höflich. Ich hatte ihm natürlich von meinem unheimlichen Erlebnis mit dem Amerikaner berichtet, so dass er über alles Bescheid wusste.

Peter lächelte dankbar und setzte sich. Agnes kam und servierte dem Neuankömmling sein Frühstück.

»Wie ist es Ihnen übrigens gelungen, die aufgebrachten Fischer wieder zu besänftigen?«, wollte Peter von Daniel wissen.

»Ich habe ihnen erzählt, dass es in der Natur des Menschen liegt die Geheimnisse, die sie umgeben zu ergründen und aufzuklären«, antwortete er. »Was die Umweltschützer und wir hier tun, ist also kein ketzerischer Eingriff in die Naturkräfte, weil wir selbst ein Teil der Natur sind.«

Peter sah Daniel verblüfft an. »Eine erstaunliche Schlussfolgerung«, sagte er sichtlich beeindruckt. »Und die Fischer haben Ihnen diese Worte einfach so abgekauft?«

»Diese Leute sind nicht dumm«, erwiderte Daniel. »Die meisten haben Mitleid mit den Pottwalen und schämen sich, dass sie Profit aus ihrem Tod ziehen. Warum sollen sie sich dagegen wehren, wenn jemand versucht, das sinnlose Sterben dieser seltenen Tiere aufzuhalten?«

Daniel machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sprechen wir jetzt lieber von Ihnen«, sagte er und schaute flüchtig auf seine Uhr. »In einer Stunde werden wir von unseren Leuten wieder abgeholt. Sie müssen also gleich zur Sache kommen, wenn Sie möchten, dass ich Ihnen helfe.«

Peter räusperte sich verlegen und sah sich verstohlen um. Als er sah, dass Agnes hinterm Tresen beschäftigt war und seine Worte nicht hören konnte, straffte er sich und sah Daniel und mich der Reihe nach an.

»Seit drei Monaten werde ich von äußerst lästigen und eindringlichen Alpträumen geplagt«, begann er. »Ich habe natürlich sofort einen Psychologen aufgesucht. Als Regisseur kann ich mir schlaflose Nächte einfach nicht leisten. Ich muss am Set ausgeruht und ausgeglichen sein. Sonst kann ich nicht arbeiten.

Aber die vielen Therapiesitzungen halfen nichts. Im Gegenteil. Meine Alpträume wurden von Mal zu Mal intensiver, so dass ich teilweise Schwierigkeiten hatte Realität und Traum auseinanderzuhalten.«

Peter schüttelte amüsiert den Kopf. »Das ging sogar soweit, dass ich in ein Reisebüro ging und der entnervten Angestellten die Landschaft schilderte, die ich im Traum immer wieder sah. Schließlich sagte die Frau mir, dass es sich um eine schottische Landschaft handeln könnte und drückte mir einen ganzen Stapel Prospekte in die Hand.

Als ich mir die Fotos in den Prospekten dann in Ruhe ansah, bemerkte ich, dass sie tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit meinen Traumbildern hatten. Seitdem war ich von der Idee nach Schottland zu reisen wie besessen. Es war fast so, als würde dieses Land mich magisch anziehen. Und als ich dann auf einer Landkarte auch noch den Namen einer Ortschaft las, der auch in meinen Träumen vorgekommen war, buchte ich schließlich einen Flug nach Schottland, nahm mir einen Mietwagen und fuhr hierher nach Clain.«

»Aber Ihre Alpträume haben dadurch nicht nachgelassen«, stellte Daniel fest.

Peter schüttelte finster den Kopf. »Das Gegenteil ist der Fall«, sagte er rau. »Noch nie waren die Alpträume so intensiv wie gestern Nacht.«

»Wovon genau handeln Ihre Alpträume eigentlich?«, wollte ich wissen. Ich erinnerte mich, dass Peter Dixon im Schlaf einen Namen gerufen hatte.

»Es ist eigentlich immer derselbe Traum«, erklärte er. »Es handelt sich um eine verworrene Geschichte, die einen guten Stoff für ein Drehbuch abgeben würde und irgendwann in der dunklen Vergangenheit dieses Landes spielt. Ich selbst trage in diesem Traum den Namen Rolf MacTian ...«

»Moment mal«, unterbrach ich ihn. »Haben Sie sich gestern nicht mit Agnes über diesen Namen unterhalten, als Daniel und ich das Gasthaus betraten?«

»Ja«, bestätigte Peter. »Es gibt in dieser Gegend tatsächlich eine Familie mit diesem Namen. Den MacTians gehört die alte Burg oben auf dem Hügel. Heute lebt allerdings nur noch ein Nachkomme dieser Sippe. Ihr Name ist Maria. Ich habe bereits versucht, ihr auf der Burg einen Besuch abzustatten. Aber Maria MacTian war nicht zu Hause, wie die Dienerschaft mir mitteilte.«

»Vielleicht sind Sie in den Unterlagen der Reisebüros auf diesen Namen gestoßen und er hat sich dann in Ihre Träume geschlichen?«, vermutete Daniel.

Peter schüttelte den Kopf. »Dieser Name wurde in meinem Alptraum schon erwähnt, als ich noch nicht mal mit dem Gedanken spielte, ein Reisebüro aufzusuchen.«

»Erzählen Sie weiter von Ihrem Traum«, forderte ich den Amerikaner auf.

Peter grinste schwach. »In meinem Traum bin ich unsterblich in eine schöne Frau verliebt. Ihr Name ist Claire Moorkog. Aber sie gehörte einer anderen Sippe an, mit dem meine Familie in erbitterter Feindschaft lebte. Claire und ich wussten, dass unsere Liebe immer unerfüllt bleiben würde, wenn es uns nicht gelang, die sinnlosen Streitigkeiten zwischen den beiden Familien zu beenden. Mit Worten war da nicht viel auszurichten, denn niemand wusste mehr so genau, was der Grund des Zwistes war. Aber er hatte sich mit den Jahrzehnten immer mehr ausgeweitet und sogar schon einige Todesopfer gefordert.«

Peter machte eine unbeholfene Geste. »Im Traum sahen meine Geliebte und ich nur eine einzige Möglichkeit, den mörderischen Streit der Familien beizulegen: Wir mussten es mit Zauberkraft versuchen!

Uns war von einer Hexe zu Ohren gekommen, die im Hochmoor lebte. In einer nebligen Nacht trafen Claire und ich uns heimlich und suchten die schief gebaute Hexenhütte im Moor auf.

Die Hexe schien uns bereits erwartet zu haben. Ihre kleine Hütte war vollgestopft mit allerlei ekligem Zeug, das sie wahrscheinlich für ihre Magie benötigte. Claire drängte sich ängstlich an meine Seite. Aber unsere Liebe gab uns Kraft. Und so schilderten wir der unheimlichen Frau unser Problem.

Die Hexe versprach daraufhin, uns zu helfen. Aus einem Schubladenschrank holte sie einen goldenen, handtellergroßen Gegenstand hervor. Es war ein Amulett, das an einer langen Kette hing. Die Moorhexe sprach ein paar Beschwörungen. Dann hängte sie Claire das Amulett um den Hals.

»Mit der Kraft dieses magischen Talismans und eurer Liebe werdet ihr es schaffen, die Feindschaft zwischen den MacTians und den Moorkogs für immer zu beenden«, sagte sie mit listiger Stimme. »Die Zauberkraft des Amuletts wird so lange währen, bis sich eure Liebe und eure Sehnsucht erfüllt haben«.

Mit diesen Worten entließ sie uns. Claire und ich kehrten dem Hochmoor voller Hoffnung den Rücken.

Peter nippte an seinem heißen Kaffee und sah uns dann über den Rand der Tasse hinweg an.

»Ich brachte Claire nach dem Besuch bei der Hexe bis zur Burg ihrer Familie. Sie war auf einem Riff gebaut, das durch eine natürliche steinerne Brücke mit dem Land verbunden war.

Claire und ich küssten uns inniglich. Dann schlich sie sich in die Burg und erschien kurz darauf im Fenster ihres Zimmers, das in einem der zahlreichen Türme der Burg lag. Sie öffnete das Fenster, setzte sich mit ihrer Harfe auf den Sims und spielte ein wunderschönes Lied, das mich um so mehr betörte, weil ich wusste, dass sie es nur für mich spielte.

Eine Weile lauschte ich den romantischen Klängen des Harfenspiels, während der Mond die karstigen, schroffen Klippen beschien und das Meer zum Glitzern brachte. Doch dann kehrte ich in die Burg meiner Eltern zurück. Es ist jene, die auf dem Hügel über Clain thront.

Ich lag in meinem Bett und überlegte, auf welche Weise das magische Amulett die Streitigkeit der beiden Familien wohl beenden würde.

Da ertönte draußen auf dem Korridor plötzlich ein schrecklicher Lärm. Entsetzte Schreie waren zu hören – und das Rasseln von Waffen. Ich glaubte die Stimme meiner Eltern und Verwandten wiederzuerkennen, die qualvoll und voller Todesangst schrien.

Besorgt sprang ich aus dem Bett und stürmte aus dem Zimmer hinaus. Da traten mir auch schon drei Männer mit gezückten Schwertern und Messern entgegen. Es waren Leute von den Moorkogs. Ihre Gesichter waren hassverzerrt. Und in ihren Augen spiegelte sich die wilde Entschlossenheit, mich zu töten.

Ich wollte wegrennen und mir ein Schwert holen. Aber da fielen die Kerle auch schon über mich her und töteten mich ...«

Peters Stimme war am Ende immer leiser und zittriger geworden. Die Schilderung seines Traums schien ihn sehr zu bewegen. Und als er jetzt zu mir aufschaute, sah ich, dass seine Augen feucht schimmerten.

»Mein letzter Gedanke im Sterben galt Claire. Und der seelische Schmerz, den mir die Gewissheit bereitete, dass ich Claire nun nie wieder in meinen Armen halten und lieben könnte, war fast noch größer als der Schmerz der tödlichen Wunden, die mir meine Feinde geschlagen hatten ...

Damit endet der Alptraum jedes mal, und ich erwache schweißüberströmt und mit feuchten Augen.«

Peter grinste unglücklich. »Ich hatte gehofft, hier in Schottland Antworten auf die Fragen zu finden, die meine Alpträume aufwerfen«, sagte er. »Aber bisher bin ich nicht weit gekommen. Doch vielleicht können Sie mir als Neurologe ja jetzt sagen, was es mit dem Traum auf sich hat?«

Hoffnungsvoll sah er Daniel an.

Daniel und ich wechselten einen raschen Blick. Ich sah es meinem geliebten Mann deutlich an, dass ihn Peters Alptraum nachdenklich gestimmt hatte. So wie ich, so musste auch er bei der Erwähnung der Burg auf der Klippe und der Frau, die im Fenster sitzt und Harfe spielt, an unser nächtliches Erlebnis an der Küste gedacht haben.

Doch noch viele entscheidender war die Erwähnung des magischen Amuletts, das Claire von der Moorhexe erhalten hatte. Schon zu oft war ich mit den bösen Kräften konfrontiert worden, die in solchen Amuletten schlummerten, so dass es töricht von mir gewesen wäre, Peters Traum keine Bedeutung beizumessen.

»Vielleicht ist ein Arzt doch nicht die richtige Adresse für Ihre Probleme«, sagte Daniel ernst. »Aber ich bin mir sicher, dass wir Ihnen trotzdem helfen können.«

Peter Dixon sah uns verwirrt an.

»Sie hatten ein Amulett erwähnt«, meinte ich unverfänglich. »Schildern Sie mir doch noch einmal ganz genau, wie es ausgesehen hat und welche Wirkung ihm zugeschrieben wurde ...«

––––––––

image

11

Zusammen mit Peter Dixon verließen Daniel und ich das Gasthaus. Wir hatten Cliff Parker über Funk mitgeteilt, dass wir doch noch einen Tag länger an Land bleiben wollten, da wir auf eine interessante Spur gestoßen waren. Natürlich erzählten wir Cliff nicht, dass diese Spur lediglich aus einem Alptraum bestanden und den vagen Anspielungen, die ein magisches Amulett betrafen. Nach meinen Erfahrungen war es jedoch nicht auszuschließen, dass diese Hinweise etwas zu bedeuten hatten und mit ihnen vielleicht sogar das seltsame Verhalten der Pottwale erklärt werden konnte.

Doch das musste erst bewiesen werden.

Cliff hatte uns kurz die Ereignisse der Nacht geschildert. Die Pottwale hatten wieder versucht, zur Küste zu schwimmen. Aber Dank Sarahs Sonargeräten konnte dies verhindert werden. Die Umweltorganisation würde die Walherde noch so lange bewachen, bis die Tiere ihre ursprüngliche Route wieder aufgenommen und außer Gefahr waren.

»Ihr könnt euch bei eurem Vorhaben an Land also Zeit lassen«, ertönte Cliffs schnarrende Stimme aus dem Funkgerät. »Vielleicht findet ihr ja wirklich heraus, warum die Wale nicht weiterziehen und von der Küste magisch angezogen werden. Wir hier auf dem Meer sind mit unserem Latein so ziemlich am Ende. Alles, was wir tun können ist, die Wale zu beschützen und zu verhindern, dass sie an der Küste stranden.«

Nach diesen Worten unterbrach er den Funkkontakt. Unser nächster Schritt würde nun sein, mit Peter Dixon noch einmal zur Burg der MacTians zu fahren, in der Hoffnung dort etwas herauszufinden, das uns weiterbringen könnte.

Peter steuerte auf seinen dunklen Leihwagen zu, der vor dem Gasthaus stand, und mit dem wir zur Burg fahren wollten.

Der Nebel der Nacht hatte sich noch nicht vollständig aufgelöst. Dünne Nebelschwaden hingen noch über dem Marktplatz oder wogten hartnäckig in den Gassen zwischen den Häusern. Der Himmel war wolkenverhangen und es herrschte ein trübes, gespenstisches Zwielicht.

Peter kramte in seiner Manteltasche nach den Wagenschlüsseln. »Ich finde es eigenartig, dass Sie mir helfen wollen«, merkte er dabei an. »Aber irgendwie bin ich auch erleichtert.«

Da heulte im Nebel plötzlich ein Motor auf. Im nächsten Moment schoss ein roter Sportflitzer über den Marktplatz direkt auf Peter Dixon zu!

Erschrocken starrte ich dem heransausenden Fahrzeug entgegen. Hinter der Windschutzscheibe zeichnete sich das Gesicht einer jungen Frau ab. Sie hatte hellrotes Haar, das in einer Flut aus kleinen Locken bis auf die Schultern herabfiel. Das blasse, schmale Antlitz der Frau war hassverzerrt und die Augen, die auf Peter gerichtet waren, merkwürdig starr und ausdruckslos.

»Achtung, Peter!«, rief ich.

Der Wagen war nur noch wenige Schritte entfernt. Peter war vor Schreck ebenfalls wie erstarrt. Fassungslos glotzte er den heranschießenden Wagen an. Jeden Moment würde er den Amerikaner erfassen!

Mit einem kühnen Sprung hechtete Daniel auf Peter Dixon zu. Er riss ihn zu Boden und rollte mit ihm zur Seite. Nur einen Augenblick später raste der rote Sportwagen an den beiden Männern vorüber –genau an der Stelle, wo Peter Dixon eben noch gestanden hatte!

Erst jetzt trat die junge Frau auf die Bremse. Die Reifen quietschten und der Wagen geriet ins Schleudern. Er riss einen Gartenzaun um, schoss über die Beete hinweg und krachte mit Ohren betäubendem Lärm gegen eine Hausmauer.

Daniel rappelte sich sofort wieder hoch. Zusammen rannten wir zu dem roten Auto, dessen langgezogene Kühlerhaube völlig zerknautscht war.

Daniel hob die Fahrertür auf. Der Rothaarigen schien nichts geschehen zu sein. Der Airbag hatte sich blitzschnell aufgeblasen und das Schlimmste verhindert. Nur benommen schien die Frau zu sein. Sie rieb sich stöhnend die Augen und stammelte: »Wo bin ich?«

Rasch löste Daniel den Gurt der Frau. Dann halfen wir ihr aus dem Wagen.

Verwirrt sah die Rothaarige uns an. Ihre graugrünen Augen wirkten nun nicht länger starr und hasserfüllt. Verstört blickte sie auf ihren ruinierten Wagen.

»Was ... was ist geschehen?«, fragte sie verwirrt.

»Sie hätten um ein Haar diesen jungen Mann überfahren«, erklärte Daniel und wies dabei auf Peter Dixon, der nun ebenfalls wieder auf die Beine gekommen war. Er war noch ganz blass und stand sichtlich unter Schock.

Die Fremde sah Peter sonderbar an. »Ich ... ich kann mich an nichts erinnern«, behauptete sie.

In diesem Moment stürmte Agnes Kinley aus dem Gasthaus. »Maria MacTian!«, rief sie entsetzt und eilte auf die junge Frau zu. »Was ist geschehen? Geht es Ihnen gut?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Agnes«, erwiderte die Rothaarige und schüttelte Daniels und meine helfenden Hände ab. »Ich ... ich hatte nur einen Unfall.«

»Sie sind Maria MacTian?«, fragte Peter, der den Schock langsam überwunden hatte. »Wir waren gerade im Begriff, Ihnen auf der Burg einen Besuch abzustatten.«

»Dann müssen Sie Peter Dixon sein«, erwiderte Maria MacTian reserviert. »Mein Personal berichtete mir, dass ein Amerikaner auf meine Burg gekommen ist und nach mir fragte. Was wollen Sie von mir?«

»Nun, ich wollte mich mit Ihnen unterhalten«, sagte Peter unsicher. »Über Ihre Ahnen – und ob es je einen Mann mit Namen Rolf MacTian gegeben hat.«

Mit einer erschrockenen Geste hob Agnes ihre Hand zum Mund. »Ich hatte es geahnt«, murmelte sie mit hohler Grabesstimme. »Beinahe hätte es in Clain wieder einen Todesfall gegeben!«

»Was wollen Sie damit andeuten?«, hakte ich nach.

»Vor sieben Jahren kreuzte hier in Clain ein mysteriöser Fremder auf. Er war Franzose und kam aus Paris. Ich kann mich noch genau an den Mann erinnern, denn er stieg in meinem Gasthaus ab. Dieser Franzose war ein geborener Stadtmensch, der dem Reiz der rauen Natur von Schottland nichts abgewinnen konnte. Er benahm sich unbeholfen und fühlte sich in Clain sichtlich unwohl. Als ich ihn fragte, was er in dieser Gegend verloren hatte, gab er mir eine seltsame Antwort. Er sagte, dass er Nachforschungen über einen gewissen Rolf MacTian und Claire Moorkog anstellen wolle, die beide hier in der Gegend gewohnt haben sollen.«

Peter Dixon machte einen verdatterten Eindruck. Offenbar schockierte es ihn, dass schon mal ein Fremder mit denselben Absichten wie er nach Clain gekommen war.

Agnes machte ein betrübtes Gesicht und warf Maria MacTian einen unbehaglichen Blick zu.

»Am nächsten Morgen wurde der Franzose unten am Strand tot aufgefunden«, erzählte sie stockend. »Er war ermordet worden ...«

»Ich verstehe nicht, warum Sie diese alten Geschichten wieder hervorkramen, Agnes«, begehrte Maria MacTian auf. »Als nächstes werden Sie diesen Leuten erzählen, dass meine Mutter damals verdächtigt wurde, den Unbekannten getötet zu haben. Aber diese ungeheuerliche Anschuldigung konnte nie bewiesen werden.«

»Oh, Maria«, sagte Agnes mit zitternder Stimme. »Ich würde mir nie erlauben, Ihrer verstorbenen Mutter etwas Schlechtes nachzusagen. Ich habe mich auch nur an diese Geschichte wieder erinnert, weil Mr. Dixon den Namen Rolf MacTian erwähnte und weil er vor wenigen Augenblicken nur knapp dem Tod entronnen ist.«

Daniel runzelte die Stirn. Prüfend sah er Maria MacTian an. »Geht es Ihnen jetzt wieder besser?«, fragte er mit der routinierten Stimme eines Arztes.

»Mir ist nichts geschehen«, erwiderte Maria ungehalten. »Ich bedauere den Vorfall sehr und werde alles tun, um die Sache wieder gutzumachen.«

»Können Sie sich denn jetzt wieder daran erinnern, wie es zu dem Unfall kam?«, erkundigte sich Daniel.

Maria sah ihn lauernd an. »Was sollen diese Fragen?«, antwortete sie. »Glauben Sie etwa, ich habe Peter Dixon absichtlich überfahren wollen?«

»Es sah fast danach aus«, sagte ich.

Maria ließ plötzlich die Schultern hängen. »Ich fürchte, ich werde Ihnen die Sache doch erklären müssen«, sagte sie resigniert. »Seit meine Mutter vor drei Jahren gestorben ist, leide ich unter zeitweiligem Gedächtnisverlust. Ich tue manchmal Dinge, auf die ich mich hinterher nicht mehr besinnen kann. Diesmal ist es genauso. Das letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass ich mich auf der Heimfahrt zur Burg befand. Warum ich den Umweg über Clain wählte, weiß ich nicht. Aber Sie können mir glauben, dass ich diesen Unfall nicht mit Absicht verursacht habe.«

Bei den letzten Worten sah sie Peter schuldbewusst an.

»Ich glaube Ihnen«, sagte er und grinste charmant. »Warum sollte eine schöne Frau wie Sie auch einen wildfremden Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hat, umbringen?«

Maria lächelte dankbar. »Es freut mich, dass Sie mir keine Vorwürfe machen.«

»Haben Sie wegen Ihrer Gedächtnislücken einmal einen Arzt konsultiert?«, erkundigte sich Daniel

»Selbstverständlich«, entgegnete Maria MacTian. »Aber die Ursache dafür konnte nicht festgestellt werden. Es scheint sich um eine erbliche Krankheit zu handeln, die sich allerdings nur auf die weiblichen Nachkommen beschränkt. Meine Mutter hatte auch unter Gedächtnisverlust zu leiden gehabt – genauso, wie meine Großmutter ...«

Inzwischen hatte sich eine Menge Schaulustiger auf dem Marktplatz eingefunden. Neugierig begafften sie den zerstörten Wagen und bedachten uns mit misstrauischen Blicken.

»Ich ... ich möchte mich jetzt gerne auf meine Burg zurückziehen«, sagte Maria MacTian unbehaglich. Und zu Agnes gewandt sagte sie: »Ich komme für den Schaden auf, den ich verursacht habe. Wenn ich in der Burg bin, werde ich alles Nötige veranlassen.«

Mit diesen Worten wollte sie sich abwenden. Aber Peter Dixon hielt sie am Arm zurück.

»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, sagte er. »Soviel sind Sie mir nach diesem Vorfall doch wohl schuldig.«

»Welche Frage meinen Sie?«, erkundigte sich Maria und traf keine Anstalten Peters Hand, die auf ihrer Schulter ruhte abzustreifen.

»Gibt es in Ihrer Ahnenkette einen Mann namens Rolf MacTian?«

»Das weiß ich leider nicht«, erwiderte Maria bedauernd. »Vor hundertfünfzig Jahren geschah ein großes Unglück auf unserer Burg. Sämtliche Familienmitglieder wurden in einer Nacht von Unbekannten getötet und die Burg geplündert. Dabei gingen alle Dokumente und Aufzeichnungen verloren, die Zeugnis über meine Ahnen abgelegt hätten. Die Mutter meiner Großmutter war die einzige, die das Massaker überlebte und der es zu verdanken ist, dass die MacTians nicht ausstarben.«

Peter Dixons Miene verfinsterte sich. »Das war das Werk der Moorkogs«, sagte er rau.

Maria sah ihn skeptisch an. »Niemand weiß, wer die Mörder meiner Ahnen waren«, sagte sie gedehnt. »Ein dunkles Tuch des Vergessens breitet sich über dieses finstere Kapitel meiner Ahnengeschichte.«

»Aber es muss diese Moorkog Sippe gegeben haben!«, rief Peter.

»Ihre Burg stand auf einer Felsklippe mitten in der Brandung ...«

Der Amerikaner hielt inne, als er die befremdeten Blicke von Agnes und den anderen Schaulustigen auf sich spürte.

»Junger Mann«, sagte Agnes kopfschüttelnd. »Die Phantasie muss mit Ihnen durchgegangen sein. Wir hier in Clain müssten es doch wohl wissen, wenn es außer der Burg der MacTians in dieser Gegend noch ein weiteres Castle gibt.«

»Wir würden uns gerne einmal auf Ihrer Burg umsehen, Lady MacTian«, brachte ich das Gespräch rasch auf ein anderes Thema.

Maria machte ein abweisendes Gesicht. Doch als sich ihr Blick dann mit dem von Peter Dixon kreuzte, nickte sie schließlich. »Einverstanden«, meinte sie mit tonloser Stimme.

Für einen flüchtigen Moment glaubte ich wieder diesen sonderbaren, starren Ausdruck in ihren graugrünen Augen zu bemerken. Doch dieser Eindruck verschwand rasch wieder, und ich redete mir ein, dass ich mich getäuscht haben musste.

––––––––

image

12

Wir fuhren mit Peters Leihwagen zur Burg der MacTians. Aus der Nähe betrachtet wirkte das alte Gemäuer mit seinen wuchtigen Türmen und den vielen spitzen Dächern noch unheimlicher, als es schon von der Küste aus gewirkt hatte. Aber das mochte zum Teil auch daran liegen, dass ich aufgrund von Peter Dixons Traumschilderung eine Ahnung davon bekommen hatte, welches schreckliche Gemetzel sich vor hundertfünfzig Jahren hinter den düsteren Mauern abgespielt hatte.

Im Innern der Burg war von dem düsteren Äußeren des alten Gemäuers jedoch nichts mehr zu spüren. Die Burg war hell und freundlich eingerichtet. Es war zu erkennen, dass eine Frau mit viel Sinn für Harmonie in diesen Mauern lebte. Die Wände der großen Eingangshalle waren in hellen Pastelltönen gestrichen. Weichfallende, großzügig geschnittene Wandbehänge verschönerten die zahlreichen Nischen, Säulen und Durchgänge.

Am Ende der Halle führte eine breite Freitreppe nach oben. Sie teilte sich nach einem breiten Absatz auf halber Höhe in zwei Treppen auf, die in verschiedene Richtungen weiterführten und bei einer Galerie endeten.

Ein betagter Butler nahm uns die Garderobe ab. Mit zurückhaltender Höflichkeit fragte er die junge Lady, ob er Lunch für sie und die Gäste herrichten solle.

Maria nickte freundlich. »Bringen Sie die Speisen in den Roten Salon«, sagte sie. Dann wandte sie sich an uns und deutete mit einer einladenden Geste auf die Treppe.

»Folgen Sie mir bitte.«

Mit fast andächtigen Schritten gingen wir hinter Maria MacTian her. Als wir den Absatz der eindrucksvollen Freitreppe erreicht hatten, blieb Peter plötzlich stehen. Er starrte ein großes Porträt an, das dort über einem niedrigen Schränkchen mit unzähligen Schubladen hing. Das wuchtige Ölgemälde zeigte eine Frau mit leuchtend roten Haaren, die ihren Kopf stolz erhoben hatte. Der Blick ihrer teichgrünen Augen wirkte auf mich verächtlich und kalt. Er flößte mir Unbehagen ein, und ich wäre am liebsten weitergegangen.

»Das ist Lady Priscilla MacTian«, erklärte Maria, der der starrende Blick des Amerikaners nicht entgangen war. »Sie war die einzige Überlebende des schrecklichen Massakers, das vor hundertfünfzig Jahren in dieser Burg stattgefunden hatte.«

Peter schüttelte entschieden den Kopf. »Nein!«, stieß er rau aus. »Das ist die Hexe, die Claire Moorkog und Rolf MacTian das magische Amulett gab. Aber es hatte den Liebenden kein Glück gebracht.«

Anklagend wies er auf die Schubladenkommode unter dem Bild. »Und das ist der Schrank, der in ihrer Schilfhütte im Hochmoor stand«, behauptete er.

Maria ging auf Peter zu und schaute ihn sonderbar an. »Wer sind Sie eigentlich wirklich? Und warum behaupten Sie, so viele Dinge über meine Sippe zu wissen?«

Peter riss sich mit Gewalt von dem Anblick des Porträts los und schaute Maria fest in die Augen. »Ich kann es Ihnen nicht so genau sagen«, erklärte er. »Ich habe Träume, schreckliche Träume, die mir all dies berichten.«

»Dann ist zumindest ein Teil Ihrer Träume wahr«, sagte Maria. »Priscilla MacTian haftete wirklich der Ruf an, eine Hexe zu sein. Aus diesem Grund wurde sie auch von ihrer Sippe verstoßen. Doch das rettete ihr das Leben, denn sie war das einzige Familienmitglied, das sich zum Zeitpunkt der grausamen Ereignisse nicht in der Burg aufhielt.«

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913750
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
romantic thriller trio drei romane

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #7 - Drei Romane