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Romantic Thriller Trio #6 - Drei Romane

2017 300 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:
Der Irre vom Hochhaus – Das magische Amulett Band 17
Brenda Logan und der Wüstengeist – Das magische Amulett Band 18
Ruine des Grauens – Das magische Amulett Band 19

Leseprobe

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Romantic Thriller Trio #6 - Drei Romane

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von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 288 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Der Irre vom Hochhaus – Das magische Amulett Band 17

Brenda Logan und der Wüstengeist – Das magische Amulett Band 18

Ruine des Grauens – Das magische Amulett Band 19

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der Irre vom Hochhaus

Das magische Amulett  Band 17

Roman von Jan Gardemann

Das Beford-Hochhaus wird zu einer tödlichen Falle! Und während der Sohn und Erbe des verstorbenen Steward Beford mehr und mehr erschütternde Erkenntnisse sammelt, kämpft Brenda Logan darum, die Kräfte zu enträtseln, die im Hintergrund des bedrohlichen Geschehens walten. Was geschah damals auf jener seltsamen Altertums-Expedition?

Prolog

Es herrschte das reinste Tohuwabohu. Sämtliche Schubladen waren aufgerissen. Unter einem Wust von Papieren ragte ein Bein hervor!

Ich erschrak fürchterlich. Dann trat ich auf den unordentlichen Papierhaufen zu und schaufelte die losen Blätter, die auf der Erde lagen, hektisch beiseite. Wenig später hatte ich ein Gesicht freigelegt und erstarrte. Die gebrochenen Augen zeigten, dass ich einen Toten gefunden hatte. Seine Züge waren vor Furcht und Entsetzen wie entstellt. Ich erkannte, dass es Harold Gardian war. Er musste Schreckliches gesehen haben, bevor er starb. Wahrscheinlich war er keines natürlichen Todes gestorben! Unwillkürlich musste ich an den unheimlichen Schatten denken, den ich hinter der Eingangstür bemerkt hatte. War er der Grund für das namenlose Grauen, das sich in dem Gesicht von Harold Gardian widerspiegelte? Hatte ich Gardians Mörder gesehen? Ängstlich sah ich mich um und lauschte in die gespenstische Stille hinein ...

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1

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Der Beford Tower stand in der Cannon Street. Das Bürohochhaus, das von dem Millionär und Großunternehmer Steward Beford erbaut wurde, hob sich von den anderen Gebäuden mit ihren eintönig erscheinenden Fassaden aus verspiegeltem Glas, Chrom und grauem Marmor angenehm ab.

Mit seinen unzähligen schmalen, erleuchteten Fenstern reckte sich der Tower in den düsteren Abendhimmel. Die Fassade aus gelbem Sandstein schimmerte im Glanz der untergehenden Sonne golden wie Honig. Breite Simse, die mit gotischen Wasserspeiern verziert waren, unterteilten das Hochhaus in fünfzehn Stockwerke. Reste von Schnee und Eis bedeckten die dämonischen Steinfiguren und ließen sie noch unheimlicher erscheinen. Von den Simsen hingen lange Eiszapfen. Ich konnte den kalten Wind hören, wie er um die Ecken des Hochhauses strich.

Ich legte meinen Kopf in den Nacken und betrachtete die Fassade mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen.

Das Gebäude verjüngte sich nach oben und erinnerte mich entfernt an einen geheimnisvollen Tempel oder eine Pyramide.

Dieser Eindruck wurde durch das imposante Portal noch verstärkt. Der von Säulen eingefasste bogenförmige Eingang war reich mit Rosetten und phantasievollen Fabelwesen aus Stein verziert. Hoch oben im obersten Stockwerk prangte ein rundes, buntes Mosaikfenster, hinter dem es geheimnisvoll leuchtete.

»Ein imposantes Gebäude, nicht wahr, Brenda?«, ließ der Mann an meiner Seite sich vernehmen. Er lehnte lässig an einem alten Fahrrad und war ebenfalls in die Betrachtung des Beford Towers versunken. Sein Name war Professor Salomon Sloane. Er war der Direktor des British Museum, wo ich als Archäologin und Amulettforscherin arbeitete.

Professor Sloane war mit dem Rad in die Cannon Street gekommen. Er schloss seinen antik aussehenden, aber verkehrstüchtigen Drahtesel nun an einen Laternenpfahl an, der von kleinen Schneehaufen umgeben war.

»Warten Sie, bis Sie das Haus betreten haben«, fuhr er dabei gutgelaunt fort. »Es wird ihr Archäologenherz höher schlagen lassen.«

Weiße Kondenswölkchen standen dem Professor beim Reden vor dem Mund. Es war bitterkalt, obwohl der Winter sich eigentlich langsam dem Ende zuneigen sollte. In seinem Alter war der Winter hässlich und unansehnlich geworden. Die Schneereste in den Straßen waren vor Dreck ganz schwarz. Überall lagen Müll und alte Zeitungen herum, die der Schnee monatelang in sich eingeschlossen hatte und nun Stück für Stück wieder freigab.

»Lassen Sie uns hineingehen«, forderte ich den Professor auf. Ich fror bereits erbärmlich.

Ich hakte mich bei dem Professor unter und gemeinsam schritten wir auf das eindrucksvolle Portal zu.

Professor Sloane trug einen gelben Kaschmir-Mantel. Er hatte zum Anlass seiner Einladung in den Beford-Tower einen orangefarbenen Anzug angezogen und dazu eine grüne Fliege angelegt

Professor Sloane war in farbenfrohe Kleidung vernarrt. Noch nie hatte ich ihn in einem grauen oder schwarzen Anzug gesehen. Stets war er bunt gekleidet, was dem korpulenten, alternden Professor mit seinem stark gelichteten grauen Haar und dem gepflegten Vollbart auch durchaus zu Gesicht stand.

Nachdem wir den Eingang passiert hatten, fanden wir uns in einer hohen Halle wieder. Der Boden zeigte ein eindrucksvolles Mosaik aus verschiedenfarbigen Steinen. Dargestellt war ein römisches Bad mit leicht verhüllten Männern und Frauen, deren Körper sehr idealisiert wirkten.

Eine Allee aus hohen schlanken Säulen, die oben ein ausladendes Kranzgesims aufwiesen, säumte das Mosaik, führte zu den beiden Aufzügen am gegenüberliegenden Ende der Halle.

»Das Mosaik und die Säulen sind originalgetreue Nachbildungen aus einem römischen Bad, das das British Museum in Zusammenarbeit mit italienischen Archäologen in der Nähe von Rom ausgrub«, erklärte der Professor stolz.

»Steward Beford hat damals fast die gesamten Kosten dieser Unternehmung getragen. Im Gegenzug gewährte die italienische Regierung dem Geschäftsmann, von den Säulen und dem Mosaik eine Kopie anzufertigen. Als besonderes Dankeschön schenkte man ihm sogar eine der originalen Säulen. Es ist die erste in dieser Galerie. Den Unterschied bemerkt aber nur ein geschultes Auge.«

Ich ließ meinen Blick über das Mosaik und die Säulen schweifen. Ich hatte schon viel über Steward Bedford und seine großzügigen Zuschüsse gehört, die er dem British Museum fast regelmäßig zukommen ließ. Der alte Steward hegte ein außerordentliches Interesse für die Archäologie. Dies war seinem Hochhaus, das gleichzeitig der Verwaltungssitz seiner zahlreichen Wirtschaftsunternehmen war, auch deutlich anzusehen. Es strotzte vor archäologischen Fundstücken und aufwendigen Nachbildungen.

Ich betrat dieses legendäre Gebäude heute zum ersten Mal. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, dass Professor Sloane ausgerechnet mich als Begleiterin für diese Gala ausgewählt hatte. Auf diese Weise erhielt ich endlich Gelegenheit, mich in dem Hochhaus einmal umzusehen.

Der Anlass für diese Veranstaltung war allerdings nicht geeignet, in helle Freude auszubrechen. Der alte Steward Beford war vor wenigen Wochen an altersbedingtem Herzversagen gestorben. Sein Sohn Kurt sollte nun seine Stelle an der Spitze der Konzerngruppe einnehmen.

Ein Job, um den ich den jungen Kurt Bedford nicht beneidete. Heute Abend sollte die offizielle Übernahme der Geschäfte durch Kurt Beford gefeiert werden.

Professor Salomon Sloane und ich schritten langsam auf die Fahrstühle zu.

Auf halbem Weg entdeckte ich plötzlich einen Empfangstresen hinter den Säulen. Sein futuristisches Aussehen wollte für mein Empfinden nicht so recht in die altertümliche Halle passen.

Der Empfang glich fast einem Terminal. Es gab mehrere Schaltpulte mit einer verwirrenden Anzahl von Knöpfen, Reglern und blinkenden Lämpchen. Mehrere Monitore bedeckten die Wand. Sie zeigten wechselnde Ausschnitte der Räumlichkeiten im Hochhaus.

Der Mann, der hinter dem Tresen saß, trug eine schwarze Uniform mit der Aufschrift Beford Sicherheitsdienst. Er schaute gar nicht zu uns auf, sondern war damit beschäftigt, irgendwelche Knöpfe zu betätigen und die Monitore zu beobachten.

Ich riss mich vom Anblick der hochmodernen Anlage los und versank wieder in die Betrachtung der hohen, schlanken Säulen. Dabei bemerkte ich, dass an der Decke Kameras angebracht waren.

Inzwischen hatten wir die Aufzüge fast erreicht.

Da trat plötzlich eine Gestalt aus dem Schatten einer Säule und stellte sich uns in den Weg.

Ich zuckte unmerklich zusammen.

Aber bei dem Mann handelte es sich bloß um einen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Unter der schwarzen Uniform zeichneten sich die Muskeln des Kerls überdeutlich ab. Mit seinem kurzen Stoppelhaar und den düster dreinblickenden Augen, die von buschigen schwarzen Brauen überschattet waren, machte er auf mich einen brutalen Eindruck. Die Beule in seiner dunklen Jacke verriet, dass er eine Waffe trug.

»Ihre Einladung bitte«, forderte der Wachmann uns höflich, aber bestimmt auf. Seine Stimme klang befehlsgewohnt und hart.

Professor Sloane fischte die Einladungskarte aus seiner Manteltasche und reichte sie dem Uniformierten. Dieser nahm sie prüfend in Augenschein.

»Die Einladung ist nur auf Professor Salomon Sloane ausgestellt«, sagte er knapp. »Dass Sie eine Begleiterin mitbringen dürfen, ist nicht erlaubt.«

Ich sah den Professor überrascht an. Davon hatte er mir gar nichts erzählt, als er mich gestern fragte, ob ich ihn heute Abend in den Beford-Tower begleiten wolle.

Der Professor lächelte nachsichtig. »Ich habe mir die Freiheit trotzdem herausgenommen«, erwiderte er gelassen. »Mrs. Brenda Logan genießt mein volles Vertrauen. Sie ist eine meiner fähigsten Mitarbeiterinnen und über jeden Zweifel erhaben.«

Der Uniformierte starrte mich durchdringend an. Dann wandte er sich über Funk an einen Vorgesetzten.

Schließlich steckte er das Funkgerät wieder ein und nickte kaum merklich.

»Sie können passieren«, sagte er. »Die Chefsekretärin von Kurt Beford hat mir grünes Licht gegeben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt im Beford-Tower. Die Gala findet im obersten Stockwerk statt. Sie können den Ballsaal nicht verfehlen.«

Mit diesen Worten gab er den Weg frei und trat wieder in den Schatten der Säule. Sein schwarzer Anzug verschmolz mit der Dunkelheit und machte ihn fast unsichtbar.

Die Lifttüren glitten auf. Der Professor und ich betraten die geräumige Kabine.

Als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte, löste ich mich vom Arm des Professors und stemmte meine Hände empört in die Hüften.

»Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie mich nur auf gut Glück mit auf die Gala nehmen würden? Was hätten Sie getan, wenn dieser Hüne mich nicht durchgelassen hätte?«

»Beruhigen Sie sich, Brenda«, erwiderte Sloane und lächelte. »Ich wusste, was ich tat. Für mich bestand kein Zweifel, dass man Sie passieren lassen würde. Ich kenne Diana Ferrion, die Chefsekretärin des alten Steward, recht gut. Ich hätte ebenso gut die ganze Belegschaft des Museums mitbringen können, ohne dass auch nur einer von ihnen nicht durchgekommen wäre.«

Ich lehnte mich gegen die Wand des Aufzugs. Dabei fiel mein Blick zufällig auf eine kleine Kamera, die direkt auf mich und den Professor gerichtet war.

»Dieses Haus wird ja fast noch strenger bewacht, als der Buckingham Palast«, stellte ich unbehaglich fest und deutete mit einem Kopfnicken auf die Kamera.

Sloane zuckte seine massigen Schultern.

»Steward Beford war ein Sicherheitsfanatiker«, erklärte er ungerührt. »Das führte sogar so weit, dass er in den letzten Jahren seines Lebens fast keine persönlichen Empfänge mehr gab, sondern mit seinen Geschäftspartnern und Freunden nur noch per Telefon oder Computer kommunizierte. Wichtige Verhandlungen wickelte er über Diana, seine Chefsekretärin, ab. Und selbst sie hatte Steward Beford kaum noch zu Gesicht bekommen.«

Der Professor blickte nachdenklich drein. »Ich selbst habe Beford das letzte Mal vor drei Jahren gesehen. Damals versuchte ich ihn dazu zu überreden, dem Museum finanzielle Unterstützung für eine Expedition in den bolivianischen Regenwald zu gewähren!«

Der Professor seufzte. »Ich erhielt das Geld – so wie ich es fast immer erhielt, wenn ich Steward um Unterstützung bat. Es ist ein Jammer, welche Entwicklung Steward in den letzten Jahren durchmachte. An den ersten Expeditionen, die er finanzierte, betätigte er sich noch selbst, Er war ein abenteuerlustiger, draufgängerischer Bursche. Aber je mehr sein Unternehmen expandierte, desto verschlossener wurde er. Er nahm plötzlich nicht mehr an den Unternehmungen des British Museum teil, die er mit seinen Geldern finanzierte. Statt dessen überließ er es Harold Gardian, die Ausgrabungen und Expeditionen zu überwachen.«

»Sprechen Sie etwa über den Archäologen, der in seinen Büchern behauptet, Außerirdische hatten einen Einfluss auf die alten Kulturen der Erde gehabt?«

Professor Sloane nickte. »Ich weiß auch nicht, was, Steward Beford an diesem Gardian fand. Er hatte ihn schon vorher auf jeder Expedition begleitet. Ich halte nicht viel von diesem Knaben und seinen haarsträubenden Theorien. Ich stritt mich oft mit Gardian und duldete seine Anwesenheit nur, weil Steward Beford; es so wünschte.

Daran hat sich auch nichts geändert, als Steward Beford sich aus der aktiven Archäologie zurückzog und Gardian das Feld überließ.«

Der Professor seufzte.

»Aber zum Glück litt Stewards Engagement für die Archäologie nicht unter seinem Rückzug. Ohne Stewards Zuschüsse hätten wir etliche Ausgrabungen und Expeditionen nicht unternehmen können.«

»Ich hoffe, dass sein Erbe diese Tradition fortsetzen wird«, sagte ich.

Professor Sloane grinste mich verschmitzt an.

»Aus eben dieser Sorge habe ich Sie ja mitgenommen.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Nun, Sie sind nicht nur eine hervorragende Archäologin und Amulettforscherin, der ich es durchaus zutraue, einem Laien wie dem jungen Beford-Erben die Vorzüge und die Notwendigkeit der Archäologie nahezubringen. Sie sind auch eine charmante und reizende junge Frau. Und obwohl Sie verheiratet sind, üben Sie natürlich auch einen gehörigen Reiz auf Männer aus.«

»Sie meinen, ich soll diesen Kurt Beford – um den Finger wickeln, damit er weiterhin die Arbeit des Museums unterstützt?«, fragte ich fassungslos.

»So krass würde ich es nicht ausdrücken«, erwiderte Professor Sloane belustigt. »Sie besitzen einen natürlichen Charme, der ganz allein auf den jungen Beford wirken wird. Sicher ist er dann für unsere Argumente empfänglicher, als wenn ihm nur ein verschrobener, alter Professor gegenübersteht ...«

Sloane hielt inne. Der Fahrstuhl hatte sein Ziel erreicht. Die Türen glitten auf und vor uns erstreckte sich ein langer breiter Korridor. An der Decke hingen in regelmäßigen Abständen wuchtige Kristallleuchter, die den Flur in ein warmes, angenehmes Licht tauchten. Der Boden war mit einem roten weichen Teppich ausgelegt. An den Wänden, die in Dunkelrot gehalten waren, hingen rissige, alte Ölgemälde, auf denen düstere Landschaften dargestellt waren.

Am Ende des langen Korridors befand sich eine offene doppelflügelige Tür, aus der helles Licht und gedämpfte Stimmen drangen.

Professor Sloane sah auf seine Uhr. »Beeilen wir uns«, meinte er und nahm mich am Arm. »Diana Ferrion wird gleich mit der Ansprache beginnen. Sie sieht es nicht gern, wenn jemand zu spät kommt. Und schließlich wollen wir ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen.«

Mit diesen Worten zog er mich durch den Korridor. Wir passierten eine Anzahl von geschlossenen Türen, die ziemlich robust und massiv wirkten.

Als wir die offene Flügeltür fast erreicht hatten, trat uns plötzlich wieder ein Wachmann in den Weg. Er war ein blonder vierschrötiger Kerl, dessen Miene grimmig und abweisend wirkte.

»Mrs. Brenda Logan und Professor Salomon Sloane?«, fragte er mit rauer Stimme.

Wir nickten.

»Händigen Sie mir Ihre Garderobe aus. Ich werde sie in Gewahrsam nehmen.«

Während er sprach, ließ er einen Metalldetektor dicht über unsere Körper huschen.

»Suchen Sie etwa nach Waffen?«, erkundigte ich mich verwundert.

Der Mann antwortete nicht. Stattdessen nahm er unsere Mäntel und verschwand damit durch eine Seitentür.

Endlich betraten wir den Ballsaal. Die Stühle, die in geraden Reihen vor einem Rednerpult aufgestellt waren, waren alle besetzt. Herren in schwarzen Smokings und Damen in aufwendigen, oft ziemlich freizügigen Kostümen und Abendkleidern saßen in gespannter Erwartung da – ihre Blicke auf das Rednerpult geheftet.

»Wir werden uns einen Stehplatz suchen müssen«, erklärte Professor Sloane. »Ich weiß auch schon, wo wir einen finden werden.«

Er zog mich zum Rand der Halle und schob sich an den Stuhlreihen vorbei. Zwischen den hohen eckigen Fenstern standen verwitterte Galionsfiguren, Ritterrüstungen und Marmorstatuen, von denen teilweise Arme und Köpfe abgebrochen waren.

Umständlich musterten wir uns an diesen Relikten aus längst vergangener Zeit vorbei quetschen. Dabei zogen wir die missbilligenden Blicke der anderen Gäste auf uns.

Aber das schien den Professor gar nicht zu stören. Er lächelte und grüßte nickend nach allen Seiten.

Endlich blieb der Professor neben einer Adonisfigur stehen, die sich in unmittelbarer Nähe des Rednerpults befand.

Kaum hatte ich mich so bequem wie möglich hingestellt, da trat auch schon eine junge Frau auf das Pult zu. Sie trug ein schwarzes Abendkleid und hatte sich einen dezenten schwarzen Schleier in das schulterlange rote Haar gesteckt – als Zeichen ihrer Trauer über den Tod von Steward Beford.

»Meine Damen und Herren«, richtete sie das Wort an die Anwesenden. »Ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu unserer kleinen Feier erschienen sind.«

Sie ließ den Blick aus ihren blauen hellen Augen über die Köpfe der Versammelten schweifen. Als sie den Professor erblickte, zwinkerte sie ihm zu und ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über ihre rot geschminkten Lippen.

»Wir haben in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, uns von Steward Beford in aller Stille zu verabschieden«, fuhr sie dann fort. »Er war ein großartiger Mann, der Großartiges geleistet hat. Er hinterlässt ein leistungsfähiges Unternehmen, das er sozusagen aus dem Nichts geschaffen hat. Ich glaube, ich spreche im Namen aller Mitarbeiter, wenn ich sage, dass der Tod von Steward Befort in uns eine große Leere hinterlässt.

Aber wir würden den alten Steward verkennen, wenn wir seinen Tod länger als gebührend betrauern würden. Er hat seine Mitarbeiter immer gelehrt, persönliche Schicksalsschläge oder auch berufliche Misserfolge als gegeben hinzunehmen – um sich dann wieder den Aufgaben des Alltags zu widmen. Genauso wollen wir es auch halten. Steward Beford ist tot. Die Zukunft gehört nun Kurt Beford, seinem Sohn. Er wird mit dem heutigen Abend die Nachfolge über das Imperium, das sein Vater aufbaute, antreten.«

Diana deutete eine Verbeugung an. Verhaltener Applaus brandete auf.

Dann trat ein junger, stattlicher Mann an Dianas Seite. Er trug einen weißen Anzug, und sein weißes Hemd zierte eine lila Fliege. Das braune Haar trug er zurückgekämmt. Ein dünner, elegant wirkender Oberlippenbart verlieh ihm ein weltmännisches, selbstsicheres Aussehen. Dass er trotzdem ziemlich aufgeregt war, verriet der unstete Blick aus seinen blauen Augen. Seine Wangen röteten sich ein wenig und er zupfte verlegen an seiner Fliege herum.

»Das Wort hat Kurt Beford, der zukünftige Chef der Beford-Unternehmen«, kündigte Diana den jungen Erben an.

Kurt Beford räusperte sich und trat vors Mikrophon.

»Meine Damen und Herren. Willkommen im Beford-Tower. Und willkommen in einer neuen Zukunft.«

Die wohltönende Stimme des jungen Mannes füllte den ganzen Saal aus. Ihr charismatischer Klang schlug die Zuhörer sofort in ihren Bann. Ich betrachtete den jungen Mann mit Wohlgefallen. Er war mir auf den ersten Blick sympathisch.

»Es gibt außer mir wohl keinen Zweiten, der mit aller Konsequenz ermessen kann, welche Mühen, Anstrengungen und Entbehrungen es meinen Vater gekostet hat, dieses florierende Unternehmen aufzubauen. Und es wird außer mir wohl auch niemanden geben, der eine Ahnung davon hat, wie viel Mühe, Ausdauer und Kraft es kosten wird, dieses Imperium erfolgreich weiterzuführen. Und wahrscheinlich weiß nicht einmal ich, was es bedeutet, den Erwartungen und Ansprüchen gerecht zu werden, die nun an mich gestellt werden.«

Verhaltenes Lachen war von dem einen oder anderen zu hören. Kurt Beford verstand es, seiner Ansprache sogar noch eine humorvolle Seite abzugewinnen.

»Mein Vater war ein Genie – das muss ich an dieser Stelle wohl unumwunden feststellen. Und es bedarf eines weiteren Genies, sein Werk fortzusetzen. Dass ich eine gehörige Portion des Unternehmergeistes meines Vaters geerbt habe, davon bin ich fest überzeugt.

Als ich ein kleiner Junge war, schickte er mich auf das beste Internat in England. Dort genoss ich eine hervorragende Ausbildung. Sie ermöglichte mir ein Wirtschaftsstudium auf einer angesehenen Managerschule in Amerika. Steward hat stets das Beste für mich gewollt, denn er wusste, was auf mich zukommen würde, wenn ich eines Tages in seine Fußstapfen treten sollte.«

Kurt Beford legte eine bedeutungsvolle Pause ein und ließ seinen Blick über die Köpfe der Anwesenden schweifen.

»Aber mein Vater war auch ein eigenbrötlerischer Exzentriker!«

Kurt Befords Stimme war plötzlich schärfer und lauter geworden. Er übertönte damit das überraschte Gemurmel, das sich jetzt im Saal ausbreitete.

»Wir alle wissen, dass Steward sich mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zurückzog – dass er die Menschen am Ende sogar fürchtete. Das überzogene Sicherheitssystem des Beford Towers ist nur ein Indiz dafür. An dieser Stelle besteht Handlungsbedarf. Das Sicherheitssystem muss zurückgeschraubt werden, um das Unternehmen wieder offener und freundlicher zu gestalten ...«

Plötzlich war ein Knistern und Knacken aus den Lautsprechern zu hören. Das Licht im Saal flackerte.

Kurt Beford sah seine Chefsekretärin fragend an. Aber Diana Ferrion zuckte nur ratlos die Schultern. Ein besorgter Ausdruck machte sich auf ihrem hübschen Gesicht breit.

Dann ging das Licht im Saal ganz aus. Auch auf dem Korridor waren die Kronleuchter ausgefallen. Wir saßen im Dunkeln. Nur durch die schmalen hohen Fenster drang trübes Abendlicht.

Aufgeregte Stimmen waren zu hören. Eine Frau schrie verängstigt auf.

»Was hat das zu bedeuten?«, rief Kurt Beford von seinem Pult aus dem Wachmann an der Tür zu.

»Sicher nur eine technische Störung, die rasch behoben sein wird!«, rief der Wachmann über die Köpfe der Gäste hinweg. Seine raue Stimme klang allerdings nicht sehr zuversichtlich.

»Bitte verhalten Sie sich ruhig«, wandte sich Kurt Beford nun wieder an seine Gäste. »Bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Ich kann meine Ansprache auch im Dunkeln weiterführen. Das ist mir sogar lieber, denn dann können Sie meinem Gesicht nicht ansehen, wenn ich maßlos übertreibe ...«

Kurt Beford legte eine Pause ein. Aber niemand lachte. Die Atmosphäre im Saal war gedrückt und voller Spannung.

»Ich übertreibe allerdings nicht, wenn ich jetzt behaupte, dass ich die zahlreichen Beford Unternehmen zu noch größerer Blüte treiben werde, als es mein Vater vermochte«, fuhr er unbekümmert fort. »Der Stromausfall, den Sie hier miterleben dürfen, ist ein Beweis dafür, dass das Beford-Unternehmen Fehler aufweist, die behoben werden müssen.«

»So etwas ist in diesem Gebäude noch nie vorgekommen!«, rief ein Mann dazwischen, der ganz in meiner Nähe saß. Er war schmächtig und trug eine Brille mit dicken Gläsern. »Der Beford Tower zählt zu den sichersten Hochhäusern in ganz London. Für technische Mangel ist es eigentlich völlig unauffällig. Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu ...«

Plötzlich gaben die Lautsprecher einen durchdringenden, schrillen Pfeifton von sich.

Unwillkürlich hielt ich mir die Ohren zu. Dabei bemerkte ich, dass die Boxen plötzlich in ein blaues gespenstisches Leuchten getaucht waren.

Da erklang eine donnernde, raue Stimme, die den ganzen Saal erfüllte.

»Kurt Beford ist nicht befugt, das Erbe seines Vaters anzutreten!«, dröhnte es aus den fahl leuchtenden Lautsprechern. »Diese Aufgabe ist allein mir vorbehalten, denn ich bin der rechtmäßige Nachfolger ...«

Ein irres Lachen folgte.

Plötzlich huschten blaue Blitze über den schweren Kronleuchter, der über dem Rednerpult hing.

Die Glühbirnen zerplatzten. Es stank nach verschmorten Kabeln und Ozon.

Die Gäste schrien erschrocken auf, als sich der Leuchter aus seiner Verankerung löste und auf Kurt Beford und Diana Ferrion herabstürzte ...

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2

Ich reagierte blitzschnell, stemmte mich von der Adonis Figur ab und schoss auf Kurt und Diana zu, die wie erstarrt den herabsausenden Leuchter anstarrten.

Ich wollte meinen Schwung ausnutzen, um die beiden von der tödlichen Gefahr wegzureißen.

Aber ich schaffte es nicht. Stattdessen prallte ich bloß gegen Kurts breite Brust.

Nun würde der Leuchter auch mich unter sich begraben!

Doch in diesem Moment erwachte Kurt aus seiner Erstarrung. Er packte mich und Diana und riss uns mit sich.

Rücklings stürzten wir zu Boden – nur wenige Zentimeter von uns entfernt krachte der Kronleuchter auf das Pult.

Das Möbelstück zersplitterte unter der Wucht des Aufpralls.

»Was da eben zerschmettert wurde, hätten auch unsere Knochen sein können«, merkte Kurt Beford freudlos an.

Diana und ich lagen auf ihm. Aber Kurt traf keine Anstalten, sich unter uns hervorzuwinden. Er schien seine bedrängte Lage sogar zu genießen.

»Mit wem habe ich überhaupt die Ehre?«, fragte er mich und grinste breit.

»Brenda Logan«, antwortete Diana Ferrion an meiner Stelle.

Sie erhob sich und half auch mir wieder auf die Beine. »Mrs. Logan arbeitet als Archäologin für das British Museum«, erklärte sie. »Eigentlich stand sie gar nicht auf der Gästeliste, die der Computer erarbeitet hatte. Aber Professor Salomon Sloane ist eben immer für eine Überraschung gut.«

Nun flammte die Beleuchtung wieder auf. Gäste eilten herbei und ringen sich um uns. Jemand half Kurt wieder auf die Beine. Aber er streifte die helfenden Hände ab und sah mich neugierig an.

»Warum sind Sie zu dieser Veranstaltung gekommen, wenn Sie keine Verbindung zu meinem Vater hatten?«

Ich zuckte mit den Achseln.

»Der Professor glaubt, dass ich Sie dazu überreden kann, die Tradition Ihres Vaters fortzusetzen, indem Sie das British Museum weiterhin finanziell unterstützen.«

Kurt Beford strich sich amüsiert über seinen eleganten Schnurrbart. »Ihre Offenheit ehrt Sie. Und darum verdienen Sie auch eine unverblümte Antwort. Ich hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, diese in meinen Augen verschwenderischen Zuschüsse für das British Museum zu stoppen. Ich habe für die Archäologie nicht viel übrig. Und in diesem Hochhaus gibt es genügend Artefakte. Es wäre unsinnig, ihnen noch ein weiteres hinzuzufügen.«

Er sah mich nachdenklich an.

»Aber offenbar habe ich mich getäuscht. Denn wenn Sie bei Ihren Expeditionen und Ausgrabungen genauso beherzt und aufopfernd vorgehen, wie Sie es hier eben bewiesen haben, dann lohnt sich jedes Pfund, das ich in das Museum investiere. Ich werde mir die Sache also noch einmal durch den Kopf gehen lassen.«

Er blickte Diana auffordernd an. »Wie sieht mein Terminkalender aus?«

»Er ist hoffnungslos überfüllt. Aber morgen Abend haben Sie noch einige Minuten, die Sie für Professor Sloane und Mrs. Logan erübrigen könnten.«

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3

Der Rest des Abends verlief ereignislos. Nachdem die Beleuchtung wieder funktionierte und Kurt Beford ein paar beruhigende Worte zu den Anwesenden gesprochen hätte, legte sich die Aufregung wieder, und die Veranstaltung nahm ihren Lauf.

In einem benachbarten Raum war ein kaltes Buffet aufgebaut worden. Tanzmusik ertönte aus den Lautsprechern und die Stühle wurden von den Bediensteten beiseite geräumt.

Eine Menschentraube hatte sich um Kurt Beford gebildet. Er wirkte inmitten der Männer im Smoking und der Frauen in ihren aufwendigen Kostümen fast ein wenig hilflos. Ich bemerkte, wie er Diana Ferrion immer wieder verzweifelte Blicke zuwarf, die sich dann stets bemühte, die Leute mit ein paar Höflichkeitsfloskeln abzuwimmeln.

Jeder wollte mit dem neuen Chef des großen Unternehmens ein paar Worte wechseln oder sich ihm einfach nur vorstellen. Kurt Beford hatte eine wichtige Position eingenommen. Ich ahnte, dass der junge Mann in diese Rolle erst noch hineinwachsen musste.

Darüber konnten auch seine scherzhaften Bemerkungen nicht hinwegtäuschen.

Ich war froh, dass ich mein Anliegen bereits mit dem jungen Unternehmer besprochen hatte. Es wäre sicherlich sinnlos gewesen, wenn ich mich unter die Leute gemischt hätte, um Kurt Beford zu fragen, ob er das British Museum weiterhin finanziell unterstützen würde. Unter diesen Umständen hätte er mir kaum zugehört und meine Worte sicherlich rasch vergessen.

Ich hatte es also nur dem mysteriösen Zwischenfall zu verdanken, dass der Professor und ich einen Termin mit dem jungen Millionenerben erhielten.

Trotzdem wäre ich froh gewesen, wenn die Sache mit dem Kronleuchter und den Lautsprechern nicht geschehen wäre. Irgendwie kam es mir seltsam vor, dass dieser Unfall sich genau zu dem Zeitpunkt ereignete, als Kurt unter dem schweren Leuchter stand. Auch die gespenstischen bläulichen Lichterscheinungen kamen mir verdächtig vor.

Wer war der Unbekannte dessen Stimme wir über Lautsprecher vernommen hatten? Seine Worte waren ungeheuerlich, denn sie zweifelten an, dass Kurt Beford befugt war, das Erbe seines Vaters anzutreten.

Außer mir schien sich niemand mehr Gedanken über diesen mysteriösen Vorfall zu machen.

Auch Professor Sloane nicht, der jetzt mit mir beim kalten Buffet stand und sich Braten und Knoblauchbrote auf den Teller häufte.

Der Professor schien ganz zufrieden mit mir zu sein. Er war erst sehr erschrocken gewesen, als er sah, wie ich auf Kurt Beford und seine Sekretärin zustürzte, um sie zu retten. Er schloss die Augen, da er fest damit rechnete, der Kronleuchter würde Kurt, Diana und mich erschlagen.

Um so erleichterter war er, als er die Augen wieder öffnete und sah, dass niemand zu Schaden gekommen war.

Aber der Professor fand keine Zeit, sich von dem Schreck zu erholen. Denn nun hörte er aus Kurt Befords Mund, dass er vorgehabt hatte, die Finanzierung für das Museum einzustellen ... Dies alles hatte der Professor mir vor wenigen Minuten aufgeregt erzählt.

»Wir müssen uns auf das morgige Gespräch mit Kurt Beford besonders gut vorbereiten«, mahnte er mich, während er mir ein Champagnerglas reichte. »Es hängt eine Menge davon ab.«

In seinem farbenfrohen Anzug hob der Professor sich angenehm vor alle den anderen Männern mit ihren schwarzen Smokings ab – was ihm so manchen missbilligenden Blick einbrachte.

Aber daran störte sich Sloane nicht im geringsten.

»Ich werde Sie bestimmt nicht enttäuschen«, erwiderte ich und prostete dem Professor zu. »Aber es wird ein hartes Stück Arbeit werden, den jungen Beford davon zu überzeugen, dass das Geld, das er in die Unternehmungen des Museums investieren soll, einem Konzern auch etwas einbringt. Er ist sehr leistungsorientiert.«

Professor Sloane nickte grimmig. »Die jungen Leute können sich kein Bild mehr davon machen, was es für uns alle bedeutet, mehr über die Kulturen unserer Ahnen herauszufinden. Kultur ist in ihren Augen nur dann etwas wert, wenn sie Profit abwirft ...«

Sloane schüttelte missbilligend den Kopf.

In diesem Moment bemerkte ich einen untersetzten Mann, dessen Smoking sich über dem runden Bauch spannte. Er trug eine dicke Brille und hatte schütteres schwarzes Haar.

Es war der Mann, der die Bemerkung fallen ließ, es könne bei dem Stromausfall nicht mit rechten Dingen zugehen.

Ich entschuldigte mich beim Professor und schritt auf den untersetzten Mann zu.

»Mein Name ist Brenda Logan«, stellte ich mich ihm vor. »Ich bin Archäologin. Ich fand Ihre Bemerkung vorhin sehr seltsam. Was wollten Sie damit sagen?«

Der Mann, der einige Zentimeter kleiner war als ich, blinzelte verlegen. Offenbar war er überrascht, dass ich ihn angesprochen hatte.

»Erfreut, Sie kennenzulernen«, stammelte er. »Mein Name ist Paul Simon.«

Er reichte mir seine Hand. Sie fühlte sich klamm und feucht an. »Sie sind eine mutige und entschlossene Frau. Während wir alle starr vor Schreck waren, haben Sie als einzige reagiert – und Kurt Beford das Leben gerettet.«

Er schüttelte gedankenversunken den Kopf.

»Aber wer hätte auch ahnen können, dass es in diesem Haus einmal zu so einem Zwischenfall kommen würde?«

»Ist dieses Hochhaus wirklich so sicher?«

Mein Gegenüber nickte überzeugt.

»Dieses Gebäude ist genauso sicher und solide wie die Geschäfte, die Steward Beford abwickelte«, behauptete er. »Ich kenne mich damit aus. Ich bin Anlageberater, und ich kannte den alten Beford sehr gut – obwohl ich ihn nie persönlich zu Gesicht bekommen habe.

Aber an seinen finanziellen Transfers war zu erkennen, dass er ein vorsichtiger Mann war. Nie investierte er auch nur einen Penny in ein Projekt, dessen Ausgang ihm zu unsicher erschien. Wenn er Aktien von einer unbekannten kleinen Firma kaufte, konnte man sicher sein, dass er sich genauestens über das Unternehmen informiert hatte, und es keinerlei Risiko gab.«

Paul Simon nickte anerkennend. »Der alte Beford behielt immer Recht. Seit ich für ihn arbeite, hatte er sich nie getäuscht.

Steward Beford mag zwar ein Sicherheitsfanatiker gewesen sein. Aber genau dies machte ihn zu dem erfolgreichsten Geschäftsmann von London.«

Paul Simon vollführte mit seinen kurzen Armen eine ausholende Geste.

»Und genau so verhält es sich auch mit diesem Haus. Fragen Sie die Mitarbeiter oder die Typen vom Sicherheitsdienst. Im Beford Tower ist es nie zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen wie heute Abend.

Irgendein Spaßvogel erlaubt sich einen üblen Scherz mit der Lautsprecheranlage ... Ein Kronleuchter stürzt von der Decke ... So etwas war zu Zeiten, als Steward Beford noch lebte, ein Ding der Unmöglichkeit!«

Er sah mich verschwörerisch an.

»Wäre ich jetzt gehässig, würde ich vermuten, dass diese ungeheuerlichen Vorkommnisse ein schlechtes Omen für Kurt und seine Zukunft sind ...«

Paul Simon hielt inne und nickte bedeutungsschwer. Er wollte seine orakelhafte Anspielung offenbar nicht näher ausführen.

»Bitte entschuldigen Sie mich jetzt«, meinte er. »Ich musste mich ins Getümmel stürzen. Vielleicht schaffe ich es ja, die Aufmerksamkeit des jungen Beford für ein paar Sekunden auf mich zu ziehen. Schließlich möchte ich, dass Kurt die fruchtbare Zusammenarbeit, wie sie zwischen mir und seinem Vater bestanden hatte, fortführt. Auch wenn ich mir nicht mehr so sicher bin, dass er seinem Vater wirklich das Wasser reichen kann.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und steuerte auf die Menschentraube um Kurt Beford zu.

4

Professor Sloane und ich blieben noch eine halbe Stunde. Dann ließen wir uns von dem Mann an der Tür unsere Mäntel geben. Das Gesicht des Wachmannes wirkte noch um eine Spur unhöflicher. Sorgenfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab, und sein unsteter Blick war voller Misstrauen.

»Der Vorfall im Ballsaal scheint diesen Kerl noch nervöser gemacht zu haben«, flüsterte der Professor mir zu.

Ein Fahrstuhl wartete bereits auf uns. Wir gingen hinein, und der Professor drückte auf den Knopf mit der Aufschrift Parterre.

Rasch glitt der Lift in die Tiefe.

Ich ließ die seltsamen Ereignisse des Abends noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren. Irgendwie wurde ich das ungute Gefühl nicht los, dass sich im Hochhaus etwas Mysteriöses zusammenbraute. Ich war in der Vergangenheit zu oft mit unerklärlichen Phänomenen konfrontiert worden, so dass ich mit der Zeit misstrauischer geworden war.

Da ging plötzlich ein Ruck durch den Lift. Professor Sloane und ich wurden gegen die Wand geschleudert. Das Licht flackerte. Im nächsten Moment blieb der Fahrstuhl stehen.

Über uns knarrte und knirschte es verdächtig. Ich warf dem Professor einen besorgten Blick zu. Auch er schien sich in seiner Haut plötzlich nicht mehr wohl zu fühlen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Dann war ein irres Gelächter zu hören. Es kam aus dem kleinen, versteckten Lautsprecher in der Fahrstuhlkabine.

Unwillkürlich griff ich nach dem Arm des Professors und krallte mich in seinem Mantel fest. Das Gelächter brach abrupt wieder ab. Aber die Stille, die nun eintrat, war fast noch gespenstischer als das irre Lachen.

»Was geht hier nur vor sich?«, flüsterte ich mit rauer Stimme.

Da setzte sich der Fahrstuhl plötzlich wieder in Bewegung. Wie im freien Fall schoss die Kabine abwärts.

Ich hatte das Gefühl, mein Magen würde mir die Speiseröhre hochkriechen. Mir wurde übel. Ich klammerte mich mit beiden Händen an den Professor.

Sloane wankte zur Konsole und schlug auf den roten Alarmknopf.

Aber nichts geschah! Die Kabine sauste ungebremst in wahnsinnigem Tempo in die Tiefe.

Verzweifelt schlug der Professor auf die Knöpfe ein. Doch ohne Erfolg!

»Wir werden im Keller aufschlagen«, rief ich entsetzt und starrte die Zahlenleiste über der Tür an, die anzeigte, in welchem Stockwerk wir uns gerade befanden. Die Zahlen leuchteten so rasch nacheinander auf, dass ich ihnen kaum mit den Augen folgen konnte.

Jeden Moment musste der tödliche Aufprall erfolgen!

Da plötzlich bremste der Fahrstuhl ab.

Der Professor und ich gingen in die Knie. Vergeblich versuchten wir, uns an den glatten Wänden festzuhalten.

Schließlich stand die Kabine. Die Türen glitten auf, als wäre nichts geschehen. Vor uns breitete sich die Eingangshalle mit den Säulen und dem Mosaik am Boden aus.

Ächzend rappelten wir uns hoch.

Da erschien auch schon der Hüne in der schwarzen Uniform vor der Lifttür. Rasch packte er uns und riss uns unsanft aus dem Fahrstuhl heraus.

»Gott sei Dank, Ihnen ist nichts geschehen«, sagte er mit rauer Stimme. »Ich dachte schon, der Fahrstuhl würde abstürzen.«

»Wie konnte so etwas passieren?«, fuhr ich ihn mit zittriger Stimme an.

Der Hüne zuckte mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste. Ähnliches ist während der ganzen Zeit, die ich im Beford Tower arbeite, noch nicht vorgekommen. Die Sicherheitssysteme rasten völlig aus.«

Er machte eine hilflose Geste.

Dann veranlasste er, dass niemand mehr die Fahrstühle benutzte.

Mit einem unbehaglichen Gefühl wandte ich mich ab. Wieder musste ich daran denken, was Paul Simon mir über dieses Hochhaus erzählt hatte, das völlig sicher und unanfällig für technische Mängel war, bevor Steward Beford starb ...

Der Professor nahm mich bei der Hand. »Gehen wir«, raunte er mir zu. »Nach all dem maroden technischen Schnickschnack in diesem Hochhaus kommt mir sogar mein Fahrrad unsicher vor. Ich glaube, ich werde meinen Drahtesel heute schieben müssen. Nach allem, was vorgefallen ist, verlasse ich mich lieber auf meine eigenen Füße.«

––––––––

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5

Daniel erwartete mich bereits sehnsüchtig in unserer Atelierwohnung.

Er war ein bekannter Neurologe und Arzt und arbeitete im St. Thomas Hospital. Knapp ein Jahr waren wir nun miteinander verheiratet. Und die Gefühle, die ich für diesen jungen, aufregenden Mann empfand, waren immer noch genauso prickelnd und neu wie an dem Tag, als wir uns kennenlernten.

Und so würde es wohl auch immer bleiben.

Daniel half mir aus meinem Mantel. Dann schloss er mich fest in seine Arme und küsste mich.

»Du siehst bezaubernd aus«, schmeichelte er mir.

Doch dann verdüsterte sich seine Miene. Prüfend sah er mich mit seinen blauen Augen an.

»Dich beunruhigt etwas«, stellte er fest. »Ist auf dem Ball im Beford Tower irgendetwas vorgefallen?«.

Daniel hatte mich mit seiner feinfühligen Art sofort durchschaut. Niemals könnte ich vor ihm Geheimnisse haben.

Aber das hatte ich auch gar nicht vor.

In knappen Sätzen informierte ich ihn über die Vorkommnisse im Hochhaus.

Daniels Gesicht wurde immer nachdenklicher. Er führte mich zur Couch im Wohnzimmer. Die Beleuchtung war ausgeschaltet. Nur ein paar Kerzen spendeten warmes, flackerndes Licht. Durch die hohen sprossenförmigen Panoramafenster drang der matte Widerschein der illuminierten Stadt.

»Das Ganze hört sich ja sehr mysteriös an«, meinte er schließlich, nachdem ich geendet hatte. »Glaubst du, dass mehr hinter diesen Vorkommnissen steckt?«

Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. Daniel spielte mit seinen Worten auf die Tatsache an, dass ich auf rätselhafte Weise immer wieder mit geheimnisvollen Phänomenen und mysteriösen Ereignissen konfrontiert wurde, bei denen zumeist magische Amulette die entscheidende Rolle spielten.

Es schien mein Schicksal und meine Bestimmung zu sein, gegen den Einfluss der bösen Amulette anzukämpfen – auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte, diese Tatsache anzuerkennen. Ich wollte ein freies unbeschwertes Leben führen. Und der Gedanke, mein Schicksal könnte von irgendeiner höheren Macht beeinflusst werden, behagte mir überhaupt nicht.

Doch gerade dieses unbändige Freiheitsgefühl war es, das mich immer wieder dazu anspornte, den Kampf gegen das Böse aufzunehmen, dessen alleiniges Ziel es war, Menschen zu willenlosen Sklaven zu machen ...

»Ich bin mir nicht sicher, ob die Vorfälle magischen Ursprungs sind«, sagte ich gedankenversunken. »Aber ich werde dieser Sache wohl auf den Grund gehen müssen.«

Daniel zog mich an sich. Ich schmiegte mich an seine breite Brust. Wohlige Schauer durch rieselten durch mein Inneres, als seine vertrauten Hände liebkosend über meinen Körper strichen.

»Ich liebe dich, Brenda«, flüsterte Daniel mir ins Ohr. »Und was immer dir an sonderbaren Dingen widerfahren mag, so sollst du doch wissen, dass ich immer an deiner Seite sein und dich in deinem Kampf unterstützen werde.«

Ich fuhr Daniel mit den Fingern liebevoll durch sein hellbraunes, lockiges Haar.

»Das weiß ich doch längst«, sagte ich schmunzelnd. »Von unserer ersten Begegnung an spürte ich, dass ich dir grenzenlos vertrauen kann – und dass meine Liebe bei dir gut aufgehoben ist.«

Unsere Lippen fanden sich zu einem Kuss. Ich legte meine Arme um Daniels Nacken. Und dann versanken wir in einem Meer aus Liebe und Leidenschaft ...

6

Am nächsten Morgen klingelte uns der Wecker früh aus dem Schlaf. Ein neuer, arbeitsreicher Tag stand uns bevor.

Daniel und ich wären am liebsten liegengeblieben, um noch ein wenig zu kuscheln. Aber dies war uns leider nicht vergönnt. Daniel wurde im St. Thomas Hospital erwartet  und ich im British Museum.

Nach einem kurzen Frühstück machten wir uns beide auf den Weg. Wir küssten uns ein letztes Mal. Dann stieg Daniel in seinen Sportwagen und ich in meinen nachtblauen Volvo.

Eine halbe Stunde später traf ich im British Museum ein. Ich begab mich sofort ins Büro von Professor Sloane.

»Guten Morgen, Brenda«, begrüßte mich der Museumsdirektor. Sloane thronte hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Formulare, alte, in brüchiges Leder gebundene Bücher und vergilbte Pergamentblätter stapelten.

»Guten Morgen, Professor«, grüßte ich zurück. Sloane sah irgendwie müde und unausgeschlafen aus.

»Haben Sie die Schrecken der vergangenen Nacht inzwischen überwunden?«, erkundigte ich mich daher.

Sloane winkte ab. »Das alles ist nicht mehr der Rede wert«, behauptete er. »Die anderen Gäste sind auch nicht verschont geblieben, wie ich hörte. Sie mussten die fünfzehn Stockwerke zu Fuß bewältigen, als sie die Gala verlassen wollten. Es wird sogar in der Zeitung über den missglückten Abend berichtet. Auch der Umstand, dass ein mysteriöser Fremder die Nachfolge von Steward Beford für sich beansprucht, wurde erwähnt. Kurt Beford hat wirklich keinen leichten Start.«

Kurt tat mir leid. Er hatte auf mich einen sympathischen Eindruck gemacht. Dem jungen Erben stand eine schwierige Aufgabe bevor. Und es war ungerecht, dass ihm dabei so große Hindernisse in den Weg gestellt wurden.

Irgendetwas braute sich im Beford Tower zusammen – davon war ich fest überzeugt. Ob dabei Magie mit im Spiel war, blieb noch dahingestellt. Aber ich war fest entschlossen, soviel Informationen wie möglich über die Befords zu sammeln. Dann ergab sich vielleicht auch ein Anhaltspunkt, der etwas Licht in das Dunkel bringen würde.

»Sie hatten gestern angedeutet, dass es im Museum Material über Steward Beford gibt«, richtete ich nun wieder das Wort an den Professor. »Ich möchte mir ein genaues Bild über die Arbeit des Millionärs machen, bevor wir heute zur Besprechung in den Beford Tower gehen. «

Dass ich meine Recherche noch aus einem ganz anderen Grund betrieb, wollte ich dem Direktor des British Museum vorerst nicht auf die Nase binden.

Sloane nickte und lächelte.

»Ich habe bereits alles für Sie vorbereitet. Gestern Nacht konnte ich einfach keine Ruhe finden. Daher nutzte ich die Zeit und suchte aus unseren Archiven alle Unterlagen zusammen, in denen die Arbeit von Steward Beford erwähnt wird. Auch die Berichte über sämtliche Expeditionen und Ausgrabungen, die er finanzierte, sind dabei. Mit diesem Material können Sie sich einen Überblick über das Wirken des Millionärs verschaffen.

Die Archäologie hatte in Stewards Leben eine große Rolle gespielt. Wenn wir dies seinem Sohn begreiflich machen können, sieht er vielleicht ein, dass er mit der Tradition seines Vaters nicht brechen kann.

Die Unterlagen liegen in dem kleinen Studierzimmer neben dem Lesesaal. Dort sind Sie ungestört.«

»Wenn Sie die ganze Nacht in den staubigen Archiven des Museums gestöbert haben, ist es kein Wunder, dass Sie heute Morgen so unausgeschlafen aussehen«, meinte ich schmunzelnd.

Dann verabschiedete ich mich und verließ das Büro.

In stundenlanger Arbeit wühlte ich mich durch den Wust von Papieren, Aktenordnen und Reiseberichten, ohne dabei auf etwas zu stoßen, das mysteriös oder sonderbar erschienen wäre.

Dennoch wurde die Arbeit nicht langweilig.

Im Gegenteil. Die packenden Reiseberichte schlugen mich in ihren Bann, und schon bald vergaß ich, dass ich in einem kleinen, muffigen Raum vor einem einfachen Arbeitstisch saß und in vergilbten Unterlagen blätterte.

Ich erfuhr auf diese Weise, dass Steward Beford, als er in den Anfängen seiner Karriere als Konzernchef stand, ein leidenschaftlicher Hobbyarchäologe gewesen war. Er ließ es sich nicht nehmen, die Expeditionen und Ausgrabungen, die er mitfinanzierte, zu begleiten und tatkräftig mit Hand anzulegen.

Auch bei diesen Finanzierungen war zu erkennen, dass Steward Beford ein Mann war, der auf Sicherheit großen Wert legte. Die Expeditionen mussten bis ins kleinste Detail vorgeplant werden. Bei Ausgrabungen vergewisserte er sich pingelig, ob die zu erwartenden Fundstücke den Aufwand auch lohnten – sonst war er nicht bereit, einen Zuschuss zu gewähren.

Bei dieser Arbeit wurde er stets von dem Archäologen Harold Gardian unterstützt, dem Steward dann später seine Aufgaben übertrug.

Ich fand einen Brief, den Steward Beford einst an Professor Sloane geschrieben hatte und in dem er dem Museumsdirektor die Beweggründe für seinen Rückzug darlegte.

Der Brief war umständlich und weitschweifig geschrieben. Seine Aussage ließ sich mit einem Satz zusammenfassen: Steward Beford fürchtete, ihm könne während einer Expedition oder Ausgrabung etwas Unvorhergesehenes zustoßen!

Wie es aussah, basierte diese Befürchtung nicht auf einer konkreten Bedrohung, sondern auf einer allgegenwärtigen Angst, außerhalb seines Hochhauses nicht mehr sicher zu sein.

Nachdem ich dieses Dokument gelesen hatte, bestand für mich kein Zweifel mehr, dass Befords Sicherheitsbedürfnis in den letzten Jahren vor seinem Tod fast krankhafte Züge angenommen hatte ...

Ich seufzte und sah von dem überfüllten Arbeitstisch auf.

Was nur konnte der Grund für Stewards übersteigertes Sicherheitsbedürfnis gewesen sein? Vielleicht war es auf eine Krankheit zurückzuführen. Vielleicht steckte aber auch etwas anderes dahinter?

In dem Studierzimmer gab es ein Telefon. Ich angelte mir den Apparat und wählte die Nummer, unter der Daniel im St. Thomas Hospital zu erreichen war.

Ich hatte Glück. Daniel hielt sich gerade in seinem Büro auf. Er nahm nach dem ersten Klingelzeichen ab.

»Hallo, Brenda«, begrüßte er mich gutgelaunt. »Ich musste leider in den OP. Du musstet dich also kurz fassen.«

»Es geht um Steward Beford«, kam ich gleich zur Sache. »Er litt anscheinend unter einem krankhaften Sicherheitsbedürfnis. Was weißt du über ein derartiges Leiden?«

»Solche Krankheiten haben immer eine psychische Ursache«, meinte Daniel. »Es musste im Leben von Steward Beford ein einschneidendes Erlebnis gegeben haben, das dieses übersteigerte Sicherheitsbedürfnis auslöste.«

»Ist ein Mensch mit einer derartigen psychischen Störung in der Lage, ein ganzes Hochhaus so sicher zu machen, dass es dort nie zu irgendwelchen Unfällen oder Störungen kommt, wie es offensichtlich im Beford Tower der Fall gewesen ist?«

»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte Daniel nachdenklich. »Steward Beford verfügte über genügend Geld, um die Sicherheitssysteme in seinem Gebäude auf den neuesten technischen Stand zu bringen und sich sogar eine private Wachmannschaft zu leisten. Trotzdem halte ich es für nahezu unmögliche, jede Eventualität auszuschalten. Menschliches oder technisches Versagen lässt sich auch trotz Psychose und Reichtum nicht gänzlich vermeiden.«

»Stewards Bedürfnis nach absoluter Sicherheit hat sich nicht bloß auf seine Behausung bezogen, sondern auch auf seine geschäftlichen Tätigkeiten. Er erlangte auf diesem Gebiet eine ähnliche Perfektion wie mit der Sicherheit in seinem Gebäude.«

»Du glaubst, dass Steward dies alles nicht mit herkömmlichen Mitteln geschafft haben kann«, schlussfolgerte Daniel.

»Ja«, gab ich zu. »Irgendetwas an dieser Sache scheint mir faul zu sein.«

»Leider kann ich dir in dieser Angelegenheit nicht weiterhelfen. Du müsstest mit einem Menschen sprechen, der Steward Beford schon lange kennt. Vielleicht erhältst du auf diesem Weg eine Antwort auf deine Fragen.«

Daniel seufzte. »Ich muss jetzt leider Schluss machen. Das OP-Team erwartet mich ...«

Ich schickte noch einen Kuss durch die Leitung und legte auf.

Nachdenklich starrte ich auf die Unterlagen auf dem Arbeitstisch. Ich überlegte, wer mir nähere Informationen über Steward Beford geben könnte.

Sein Sohn Kurt und die langjährige Chefsekretärin Diana Ferrion kamen beide nicht in Frage. Kurt hatte seinen Vater, seit dieser ihn in jungen Jahren in ein Internat schickte, nicht mehr oft gesehen. Und Diana nach einer Neurose ihres verstorbenen Chefs auszufragen, erschien mir indiskret. Außerdem kannte sie Steward noch nicht lange genug.

Es musste einen anderen Weg geben, mehr über das seltsame Sicherheitsbedürfnis des verstorbenen Millionärs herauszufinden.

In diesem Moment fiel mir ein Name auf dem Papier vor mir auf. Ich hatte ihn in letzter Zeit öfter gehört und auch in den Unterlagen viel über ihn gelesen:

Harold Gardian!

Der zweifelhafte Archäologe arbeitete seit den Anfängen mit Steward Beford zusammen.

Wenn es jemanden gab, der mir mehr über den Millionär erzählen konnte, dann Harold Gardian!

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7

Es behagte mir nicht, den Archäologen um ein Gespräch zu bitten. Ich hatte einige seiner Bücher gelesen. Seine Behauptung, der Einfluss von Außerirdischen spiegele sich in vielen historischen Bauwerken wider, erschien mir an den Haaren herbeigezogen. Es wurde gemunkelt, dass die Fotos, mit denen er seine Theorien beweisen wollte, von ihm selbst manipuliert wurden.

Seitdem galt er in Archäologenkreisen als unglaubwürdig. Kein Archäologe, der etwas auf sich hielt, nahm Gardians Theorien ernst.

Trotzdem würde ich nun nicht umhin können, mich mit Harold Gardian in Verbindung zu setzen, der seinen Wohnsitz irgendwo in London hatte.

Zögernd hob ich den Telefonhörer ab und rief bei der Auskunft an. Ein Telefonist mit sympathischer, rauchiger Stimme war an der Strippe. Ich ließ mir von ihm die Telefonnummer von Harold Gardian geben.

Der Telefonist wollte mich zum Essen einladen. Aber für so etwas hatte ich momentan keine Zeit. Ich verabschiedete mich und wählte dann die Nummer des Archäologen.

Das Klingelzeichen ertönte mehrmals. Aber niemand hob ab.

Gerade wollte ich wieder auf legen, da meldete sich am anderen Ende der Leitung doch noch eine Stimme.

»Harold Gardian«, ertönte es unfreundlich aus dem Hörer.

»Brenda Logan am Apparat. Entschuldigen Sie die Störung, ich ...«

»Was für eine seltene Ehre«, unterbrach Gardian mich. Seine Stimme klang plötzlich viel freundlicher. »Ich weiß schon nicht mehr, wie lange es her ist, seit ich von einem Kollegen angerufen wurde. Soviel ich weiß, sind Sie eine anerkannte und äußerst fleißige Archäologin mit den besten Berufsaussichten. Haben Sie keine Angst, sich Ihren guten Ruf zu ruinieren, wenn Sie mit mir in Kontakt treten?«

»Nun, ich halte tatsächlich nicht sehr viel von Ihren Theorien«, gab ich zu. »Ich rufe Sie auch aus einem ganz anderen Grund an.«

»Schade«, entgegnete Gardian sarkastisch. »Ich hatte mich schon auf ein Streitgespräch zwischen Kollegen gefreut. Es wundert mich allerdings, dass Sie als Amulettforscherin die Existenz von Außerirdischen leugnen, denn Amulette wurden von ihnen auch benutzt ...«

»Bitte, Mr. Gardian. Ich habe keine Lust, mit Ihnen zu streiten.«

»Also gut. Schießen Sie los. Was haben Sie auf dem Herzen?«

»Es geht um Steward Beford«, deutete ich an.

Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.

»Sein Verlust schmerzt mich sehr«, bekannte Harold Gardian gedehnt. »Steward war der einzige, der meine Arbeit zu schätzen wusste. Nun, da er tot ist, verliere ich wahrscheinlich meinen einzigen Geldgeber, denn es sieht nicht danach aus, als würde Kurt Beford viel Wert auf meine Arbeit legen.

Übrigens hat es mich sehr beeindruckt, wie Sie den jungen Erben gestern so aufopferungsvoll gerettet haben, als der Leuchter auf ihn und seine Sekretärin hinabzustürzen drohte. Sie haben als Archäologin bestimmt eine glorreiche Zukunft vor sich.«

»Sie waren auch auf dem Ball?«

»Ja. Aber dies habe ich wahrscheinlich nur der Tatsache zu verdanken, dass die Gästeliste von einem Computer erstellt wurde. Kurt Beford hätte mich wohl kaum eingeladen, wenn er gewusst hätte, dass ich den zweifelhaften Ruf genieße, ein unseriöser Archäologe zu sein, der die Welt mit Geschichten über Außerirdische beglückt, die ihm kaum jemand glaubt, und dessen Bücher nur von Leuten gelesen werden, die sich damit die Zeit vertreiben wollen.«

Gardians Stimme wurde um eine Nuance härter. »Ich finde diesen Kurt Beford nicht sehr sympathisch«, meinte er. »Er hat mich gestern auf dem Ball nicht einmal angehört, als es mir endlich gelang, zu ihm vorzudringen. Von der Archäologie scheint er nicht viel zu halten  und noch weniger von Leuten, die an die Existenz von Außerirdischen glauben. Ich sehe nicht gerade rosigen Zeiten entgegen;«

»Das tut mir leid für Sie«, sagte ich aufrichtig. »Mir würde es auch nicht gefallen, wenn ich meinen Job verliere.«

»Ihr Mitgefühl ehrt Sie. Aber was wollten Sie über den alten Beford wissen?«

»Es mag sich vielleicht seltsam anhören, aber ich habe das eigentümliche Gefühl, dass Steward Beford ein Geheimnis umgibt. Er war sehr darauf bedacht, alle Unsicherheiten und Gefahren in seinem Leben auszuschalten. Die Perfektion, mit der er dies tatsächlich schaffte, kommt mir irgendwie widernatürlich vor.«

Wieder herrschte einen Moment Stille am anderen Ende der Leitung.

»Eine interessante Beobachtung«, ließ Harold Gardian sich dann wieder vernehmen. »Sie sind wirklich eine außerordentliche Frau. Ich habe langsam das Gefühl, dass ich doch noch zu meinem Streitgespräch mit Ihnen komme.«

»Was wollen Sie damit andeuten?«

»Steward Beford umgibt wirklich ein Geheimnis. Außer ihm wissen aber nur drei weitere Leute davon. Ich bin einer von ihnen. Steward ließ es sich eine Menge kosten, sich von seinen Mitwissern absolute Verschwiegenheit zu erkaufen. Aber auch für mich hatte mein Schweigen einen hohen Preis. Denn hätte ich die Informationen, um die es hier geht, in meinen Büchern verwenden dürfen, würden die Kollegen nicht über mich spotten, sondern meine Theorien ernst nehmen.«

»Wollen Sie etwa andeuten, dass bei dieser Angelegenheit der Einfluss von Außerirdischen zu vermuten ist?«

»Ich will gar nichts behaupten«, erwiderte Harold Gardian. »Sie sind diejenige, die Informationen von mir haben will. Warum interessieren Sie sich überhaupt dafür?«

»Das ist eine komplizierte Geschichte«, sagte ich.

»Sie wollen mir etwas verheimlichen«, stellte Harold Gardian enttäuscht fest. »Ich spüre, dass Sie weit mehr über die mysteriösen Dinge auf dieser Welt wissen, als Sie zugeben wollen. Wenn Sie von mir mehr über das Geheimnis erfahren wollen, das den alten Beford umgab, verlange ich von Ihnen im Gegenzug Offenheit und Ehrlichkeit. Überlegen Sie es sich. Ich bin den ganzen Tag zu Hause. Kommen Sie doch persönlich bei mir vorbei, wenn Sie wirklich an dem interessiert sind, was ich Ihnen zu erzählen habe.«

Mit diesen Worten legte er auf.

Sollte etwa an den Geschichten über Außerirdische, die Harold Gardian in seinen Büchern verbreitete, tatsächlich etwas dran sein?

Mit seiner versteckten Anspielung schien er genau dies behaupten zu wollen.

Ich seufzte. Irgendwie sträubte ich mich, daran zu glauben, dass Außerirdische vor langer Zeit unseren Planeten besuchten und den menschlichen Kulturen ihren Stempel aufdrückten.

Doch davon abgesehen, war Harold Gardian vielleicht der einzige, der mir eine Erklärung für die seltsamen Vorkommnisse im Beford Tower liefern könnte.

Plötzlich fasste ich einen Entschluss.

Ich würde dem verrufenen Archäologen einen Besuch abstatten. Und ich würde versuchen, so offen und ehrlich mit ihm zu sprechen, wie er es wünschte. Vielleicht fand ich in ihm sogar einen Verbündeten im Kampf gegen das Böse!

Ich griff erneut zum Telefon und kündigte Gardian mein Kommen an.

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8

Das Haus, in dem Harold Gardian wohnte, befand sich in der Eldon Street, in der Nähe eines großen Bahnhofs. Es herrschte hektischer Verkehr.

Der Himmel lastete grau und wolkenschwer über der Englischen Metropole. Ein eisiger Wind fegte durch die Häuserschluchten. Es sah ganz danach aus, als würde es wieder Schnee geben. Der Winter wollte sich einfach noch nicht verabschieden und hielt London zwischen seinen eisigen Krallen gefangen.

Das Haus, in dem Gardian eine Wohnung besaß, war eines jener alten, stattlichen Bauten, deren stark gedunkelte Fassaden reich verziert waren und deren verschwenderischer Baustil noch etwas von dem einstigen Reichtum der Kolonialzeit erahnen ließ.

Heute aber war das Haus nur noch ein Schatten seiner selbst. Es sah dunkel, schmuddelig und unansehnlich aus. Neben dem Eingang lag ein Haufen verdreckter Schnee. Lange Eiszapfen hingen von der düsteren Fassade. Die verwitterte Tür stand offen und ich trat ein.

Der Eingangsbereich war großzügig gestaltet. Marmor und großflächige Spiegel beherrschten die Szenerie. Aber der Marmor war bereits gesprungen, die Spiegel blind.

Eine alte Holztreppe führte um einen Fahrstuhlschacht herum, der mit einem verschnörkelten soliden Gitter umgeben war.

In Erinnerung an mein gestriges Erlebnis im Beford Tower entschloss ich mich, lieber die Treppe zu benutzen.

Harold Gardian wohnte im vierten Stock. Die morschen Stufen knarrten unter meinen Füßen. Es roch nach Bohnerwachs und anderen Putzmitteln.

Die Wohnungstüren, an denen ich vorbeikam, sahen sehr imposant und antik aus. Sie hatten kleine Fenster aus Milchglas und waren mit Rosetten verziert.

Schließlich stand ich vor Gardians Wohnungstür. Ich atmete einmal tief durch und klingelte dann.

Kurz darauf war ein vernehmliches Poltern zu hören. Ein unheimlicher Schatten huschte hinter den Milchglasscheiben vorbei. Ich erkannte lange Gliedmaßen und einen merkwürdig geformten Hinterkopf.

Erschrocken wich ich einen Schritt von der Tür zurück.

Niemand öffnete.

»Mr. Gardian, ich bin es, Brenda Logan!«, rief ich und klingelte erneut.

Aber hinter der Tür blieb es ruhig.

Ein unbehagliches Gefühl ergriff Besitz von mir. Irgendetwas stimmte hier nicht!

Ohne länger zu überlegen, griff ich nach der Türklinke und drückte sie.

Die Tür war nicht verschlossen. Mit einem lauten Knarren glitt sie auf.

Unschlüssig trat ich ein. Muffige, verbrauchte Luft schlug mir entgegen.

Erneut rief ich den Namen des Archäologen und schritt dabei langsam den Korridor entlang. Aber immer noch erhielt ich keine Antwort.

Aufmerksam und mit wachsendem Unbehagen sah ich mich um.

An den Wänden hingen Fotos von altertümlichen Bauten. Gardian hatte Ausschnitte der Gebäude mit schwarzem Filzstift eingekreist. Diese Stellen sollten Bauabschnitte markieren, deren Architektur angeblich außerirdische Einflüsse aufwies. Ich kannte viele dieser Fotos aus den Büchern von Harold Gardian.

Schließlich kam ich an eine offene Tür. Sie führte in ein düsteres Arbeitszimmer. Die Regale waren umgekippt und die Bücher lagen auf dem Boden verstreut. Zerfetzte Zettel und Fotos waren über den Raum verteilt. Es herrschte das reinste Tohuwabohu. Sämtliche Schubladen waren aufgerissen und ihr Inhalt quer durch den Raum geschleudert worden. Unter einem Wust von Papieren ragte ein Bein hervor!

Ich erschrak fürchterlich. Doch im nächsten Augenblick hatte ich mich wieder gefangen. Rasch trat ich auf den unordentlichen Papierhaufen zu und schaufelte die losen Blätter hektisch beiseite.

Wenig später hatte ich ein Gesicht freigelegt  und erstarrte.

Die gebrochenen Augen zeigten, dass ich einen Toten gefunden hatte. Seine Züge waren vor Furcht und Entsetzen wie entstellt. Ich erkannte, dass ich Harold Gardian vor mir hatte.

Er musste Schreckliches gesehen haben, bevor er starb. Wahrscheinlich war er keines natürlichen Todes gestorben!

Unwillkürlich musste ich an den unheimlichen Schatten denken, den ich hinter der Eingangstür bemerkt hatte.

War er der Grund für das namenlose Grauen, das sich in dem Gesicht von Harold Gardian widerspiegelte? Hatte ich Gardians Mörder gesehen?

Ängstlich sah ich mich um und lauschte in die gespenstische Stille hinein.

Aber es war nichts Verdächtiges zu bemerken. Ich war ganz allein in der Wohnung.

Taumelnd erhob ich mich und schaute mich nach einem Telefon um. Mit zitternden Fingern wählte ich die Nummer der Polizei und meldete meinen grausigen Fund.

»Haben Sie hier irgendetwas angefasst?«

Die Frau, die mich das fragte, sah mich mit ihren eisblauen Augen misstrauisch an. Sie hatte die Wohnung von Harold Gardian soeben zusammen mit drei Polizeibeamten und einem Mann mit Arzttasche betreten. Sie trug einen langen schwarzen Mantel und hatte ihre Hände tief in den Taschen vergraben. Ihr langes blondes Haar fiel weich und fließend bis zu ihren Schultern herab und bildete einen starken Kontrast zu dem rabenschwarzen Kleidungsstück.

»Außer dem Telefon und den Papieren, die die Leiche bedeckten, habe ich nichts berührt«, erwiderte ich mit brüchiger Stimme.

Die Frau nickte und hielt mir ihre Polizeimarke vor die Nase.

»Inspektor Tatjana Barbican«, stellte sie sich mit knappen Worten vor. »Mordabteilung des Scotland Yard.«

»Brenda Logan«, erwiderte ich unbehaglich.

Missmutig sah Tatjana Barbican sich in dem unordentlichen Arbeitszimmer um. Dann blieb ihr Blick auf dem Toten haften. Sie kniff die Lippen zusammen, was ihr blasses Gesicht noch hagerer erscheinen ließ.

»In welcher Beziehung standen Sie zu dem Toten?«, fragte sie mich, nachdem sie sich von dem Anblick des entstellten Gesichts losgerissen hatte.

»In gar keiner«, antwortete ich. »Ich wollte Harold Gardian einen Besuch abstatten und mit ihm über berufliche Angelegenheiten sprechen. Wir sind beide Archäologen. Aber ich war Gardian vorher noch nie begegnet.«

In diesem Moment sah der Mann mit der Arzttasche von dem Toten auf, den er mit routiniert wirkenden Bewegungen untersucht hatte.

»Eintritt des Todes: ungefähr vor einer halben Stunde«, klärte er Tatjana Barbican in sachlichem Tonfall auf. »Todesursache: Herzversagen durch starken Schock.«

»Wie bei dem anderen auch«, murmelte Tatjana Barbican.

Dann sah sie mich mit ihren eisblauen Augen durchdringend an. Ich hatte das unbehagliche Gefühl, sie könnte mit diesem Blick mein Inneres sezieren.

»Welche Verbindung besteht zwischen Ihnen, Harold Gardian und Hank Swanson?«, fragte sie schneidend.

Ich zuckte verwirrt mit den Schultern. »Ich kenne keinen Hank Swanson. Glauben Sie etwa, dass ich mit diesem Mord etwas zu tun habe?«

»Warum nicht?«, erwiderte Tatjana Barbican ungerührt.

»Hank Swanson ist ein stadtbekannter Hehler«, fuhr sie fort. Sie hatte mich die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen. »Hank hat sich auf das Verscherbeln von gestohlenen Artefakten spezialisiert und liefert seine Ware in Länder der ganzen Welt.«

Sie ging zu dem Toten und hockte sich neben ihn hin.

»Gestern Nacht wurde Hanks Leiche in seinem kleinen Antiquitätenladen entdeckt. Er starb an Herzversagen. Obwohl sein Herz immer sehr gesund und vital gewesen war ... Und seine Gesichtszüge waren auf ähnlich grausame Weise entstellt wie die von Harold Gardian.«

Ich rieb mir fröstelnd mit den Händen über die Schultern. »Das ist ja grässlich«, sagte ich erschaudernd. »Aber was soll ich mit diesen Morden zu tun haben?«

Tatjana Barbican hob eine Hand des Toten an, die zur Faust geballt war. Behutsam öffnete sie einen Finger nach dem anderen und förderte einen Fetzen zusammengeknülltes Papier zum Vorschein.

»Sie arbeiten im British Museum«, erklärte sie. »In einem so großen Museum kommen doch bestimmt immer wieder irgendwelche Ausstellungsstücke abhanden, die dann spurlos verschwinden ...«

Ich schnappte empört nach Luft. »Wollen Sie etwa andeuten, dass ich das British Museum bestehle und mit diesem Hank Swanson zusammenarbeite?«

»Das haben Sie jetzt gesagt.« Tatjana Barbican lächelte zynisch. Sie erhob sich und glättete den Fetzen Papier, den Harold Gardian in seiner verkrampften Hand gehalten hatte.

Stirnrunzelnd sah sie sich den Zettel an.

»So was würde ich nie tun«, ereiferte ich mich. »Rufen Sie Professor Salomon Sloane, den Direktor des Museums, an. Er wird sich für mich verbürgen!«

Die Scotland Yard Beamtin machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann schaute sie auf ihre Armbanduhr.

»Sie behaupten, vor ungefähr zwanzig Minuten hier eingetroffen zu sein. Vermutlich gibt es dafür keine Zeugen. Aber wenn Sie die Wahrheit sagen, müssten Sie Gardians Mörder eigentlich über den Weg gelaufen sein, denn der Archäologe war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Minuten tot.«

Ich presste die Lippen zusammen. »Ich habe tatsächlich etwas gesehen«, sagte ich zögernd. »Einen seltsamen Schatten, der hinter der Milchglasscheibe der Eingangstür vorbeihuschte.«

Tatjana Barbican zog überrascht eine Augenbraue in die Höhe. »Können Sie diesen Schatten etwas genauer beschreiben?«

»Nun ... er sah irgendwie unheimlich aus. Die Extremitäten wirkten ziemlich lang und schlaksig. Und der Hinterkopf war langgezogen. Wahrscheinlich trug der Unbekannte eine Mütze oder einen Turban ...«

»In welche Richtung hat er sich bewegt?«, hakte die Beamtin nach.

Ich wies den Korridor entlang.

In diesem Moment trat ein Polizist aus einem der Zimmer in dieser Richtung auf den Korridor.

»Ich habe etwas Interessantes entdeckt!«, rief er Tatjana Barbican. »Ein offenes Fenster und Spuren, die darauf hindeuten, dass vor kurzem jemand aus diesem Fenster hinaus ist. Es sieht ganz danach aus, als ob unser Mörder die Fassade hinuntergeklettert ist und auf diese Weise entkam ...«

Tatjana Barbican sah mich lächelnd an. »Es hat ganz den Anschein, als hätten Sie die Wahrheit gesagt«, meinte sie. »Entschuldigen Sie mein forsches Vorgehen. Das ist meine Art, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.«

Ich atmete erleichtert auf. Tatjana Barbican hatte mich mit ihren versteckten Anschuldigungen tatsächlich ziemlich aus dem Konzept gebracht. Ich war mir am Ende wie ein kleines Mädchen vorgekommen, das von einer strengen, unnachgiebigen Tante bei etwas Bösem erwischt worden war.

»Soll das heißen, dass ich jetzt gehen kann?«

Ich schaute auf die Uhr. In zwei Stunden mussten Professor Sloane und ich bei Kurt Beford im Büro sein. Wenn wir uns verspäteten, hätten wir unsere Chance, den jungen Erben dazu zu bewegen, das Museum weiterhin zu unterstützen, sicher verspielt.

»Selbstverständlich«, sagte die Scotland Yard Beamtin wie beiläufig. »Es sei denn, Sie haben mir noch irgendetwas Wichtiges zu sagen.«

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

Tatjana Barbican reichte mir eine Visitenkarte. »Falls Ihnen doch noch etwas einfällt, rufen Sie mich unter dieser Nummer an.«

Ich nahm die Karte und wollte mich schon abwenden. Aber Tatjana Barbican hielt mich noch einmal zurück.

Sie reichte mir den Zettel, den Harold Gardian in seiner Hand gehalten hatte.

»Können Sie mit dieser Zeichnung etwas anfangen?«, fragte sie. »Für mich sieht das aus wie ein Käfer.«

Die Scotland Yard Beamtin hatte recht. Was Harold Gardian auf den Zettel gekritzelt hatte, wirkte tatsächlich wie ein Käfer. Aber es war ein ganz besonderer Käfer, wie mein geschultes Auge sofort erkannte.

»Es ist ein Skarabäus«, erklärte ich. »Er wurde von den alten Ägyptern als heiliges Tier verehrt.«

»Wissen Sie, warum Harold Gardian diese Zeichnung vor seinem Mörder verstecken wollte?«

Ich schüttelte bedauernd den Kopf.

––––––––

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9

Als Professor Sloane und ich knapp zwei Stunden später vor dem Beford Tower in der Cannon Street standen, betrachtete ich die hohe, düstere Fassade mit gemischten Gefühlen.

Noch immer war ich den seltsamen Ereignissen, die sich dort abgespielt hatten, nicht auf die Spur gekommen. Außer neuen Fragen und Rätseln hatten meine Recherchen nichts erbracht.

Die Schneereste auf den Simsen und die Eiszapfen, die an den gotischen Wasserspeiern und den Verzierungen herabhingen, ließen das Hochhaus noch unheimlicher erscheinen. Der wolkenbeladene Himmel hatte sich verdüstert – die Abenddämmerung brach über London herein. Vereinzelte Schneeflocken tanzten im eisigen Wind, der pfeifend um die Ecken des Hochhauses strich.

»Sind Sie bereit, Brenda?«, fragte der Professor einfühlsam. Er trug einen bordeauxroten Kutschermantel und sah mich aufmerksam an.

Ich nickte. In der restlichen Zeit, die mir und dem Professor verblieben war, hatten wir versucht, für das bevorstehende Gespräch mit Kurt Beford eine Strategie zu entwickeln.

Professor Sloane zeigte sich über den Tod des Kollegen Harold Gardian tief erschüttert. Zwar teilte er Gardians Theorien nicht, aber sein mysteriöser Tod versetzte den Museumsdirektor doch in große Trauer. Während der zahlreichen Expeditionen und Ausgrabungen, an denen Harold Gardian im Auftrag von Steward Beford teilgenommen hatte, war es zwischen dem Professor und dem umstrittenen Archäologen oft zu Auseinandersetzungen gekommen. Der Professor hatte es Gardian mehr als deutlich spüren lassen, dass er seine Anwesenheit bei den Ausgrabungen und Expeditionen nur duldete, weil Steward Beford das Museum finanziell unterstützte.

Nun war es für den Professor zu spät, sich bei Gardian für seine harten Worte zu entschuldigen ...

Ich hakte mich bei Professor Sloane unter.

»Versuchen wir, das beste zu geben«, sagte ich. »Es wäre auch im Sinne von Harold Gardian gehandelt, wenn wir es heute schaffen, Kurt Beford davon zu überzeugen, das Museum weiterhin zu unterstützen.«

Professor Sloane kniff die Lippen zusammen und nickte.

Dann betraten wir die Eingangshalle des Beford Towers.

Unsere Schritte hallten in der riesigen Halle wider, als wir auf den Tresen hinter der Säulengalerie zutraten.

»Sie wünschen?«, fragte der uniformierte Wachmann.

Sloane nannte unsere Namen. »Wir haben einen Termin bei Kurt Beford.«

Der Mann schaute in seinen Unterlagen nach und nickte. »Mr. Beford erwartet Sie in seinem Büro im obersten Stockwerk.«

Ich schaute an dem Mann vorbei auf die Monitore. Zwei von ihnen waren ausgeschaltet.

»Gibt es etwa immer noch Probleme mit der Technik im Haus?«, fragte ich unbehaglich und deutete mit einem Kopfnicken auf die erloschenen Monitore.

Der Wachmann grinste verlegen.

»Wir haben die Sache unter Kontrolle«, behauptete er. Ich fand aber, dass seine Stimme dabei nicht sehr überzeugend klang. »Wir haben das gesamte Gebäude am Vormittag durchgecheckt und alle Fehler behoben. Sie können die Fahrstühle ohne Bedenken benutzen.«

Ich quälte mir ein Lächeln ab und steuerte schließlich mit dem Professor auf die Lifttüren zu. Im Schatten einer Säule stand der Wachmann mit dem Stoppelschnitt und dem kantigen Gesicht, der auch schon gestern Abend Dienst geschoben hatte.

Mit unbewegtem Gesicht sah er uns nach.

Die Fahrstuhltüren glitten auf und wir betraten den Lift.

Als die Kabine sich ruckelnd in Bewegung setzte, klammerte ich mich unwillkürlich an Professor Sloanes Arm fest.

Rasch ging es aufwärts. Doch dann stoppte der Fahrstuhl unverhofft. Wir befanden uns erst im siebten Stock.

Die Türen glitten auf und vor uns lag ein verlassener Korridor, in dem gedämpftes Licht herrschte.

Der Professor zog verwundert eine Augenbraue in die Höhe. Er beugte sich aus dem Fahrstuhl und schaute den Flur in beide Richtungen entlang.

»Nichts«, sagte er. »Der Kerl, der den Lift gerufen hat, hat es sich wohl anders überlegt.«

In diesem Moment bemerkte ich einen Schatten an der gegenüberliegenden Wand – und erstarrte.

Die Umrisse des Schattens erinnerten nur entfernt an die eines Menschen. Arme und Beine erschienen unnatürlich lang und schlaksig. Der Hinterkopf wies eine große Ausbuchtung auf, so als würde die Gestalt einen Turban tragen.

Ich erschauderte. Der Schatten war der gleiche, den ich auch hinter der Milchglasscheibe von Harold Gardians Wohnungstür gesehen hatte!

Ein irres, verhaltenes Gelächter war plötzlich zu hören, und über die Lifttüren geisterte ein gespenstisches blaues Leuchten.

In mir schlugen die Alarmglocken. Ich packte den Professor am Mantel und riss ihn in den Fahrstuhl zurück.

Keine Sekunde zu früh!

Die Lifttüren krachten mit der Schnelligkeit eines Fallbeils zu – nur wenige Zentimeter von dem Gesicht des Professors entfernt. Dann zischte der Fahrstuhl wieder in die Höhe. Die enorme Geschwindigkeit zwang uns in die Knie. Schließlich kauerten wir auf dem Boden – unfähig, etwas an der gefahrvollen Situation zu ändern.

Da stoppte der Fahrstuhl abrupt. Der Anzeige auf der Zahlenskala zufolge befanden wir uns auf dem Dachgeschoss.

Scheppernd glitten die Türen auf und zu. Dahinter zeichnete sich ein dunkler Flur aus nackten Betonwänden ab.

Der Professor und ich rappelten uns auf.

»Nichts wie raus hier!«, rief Professor Sloane.

Kurz entschlossen packte er die beiden Türen und stemmte sie ächzend auf.

»Rasch, Brenda, schlüpfen Sie unter meinen Armen hindurch!«

Ich tat, was er verlangte und fand mich schließlich auf sicherem Boden.

Dann erst zwängte sich auch der Professor aus dem Fahrstuhl. Er ließ die Türen los. Sie blieben offen und bewegten sich nicht mehr.

Der Professor atmete einmal tief durch und zuckte dann mit den Schultern.

»Na also«, sagte er. »Man muss nur wissen, wie man mit dieser Technik umgehen muss. Aber nächstes Mal benutze ich doch lieber die Treppe.«

Kaum hatte er ausgesprochen, da sackte die Fahrstuhlkabine hinter ihm plötzlich ein Stück ab. Metall knirschte. Irgendwo riss ein Seil.

Dann verschwand der Fahrstuhl. Funken sprühten zwischen der offenen Lifttür hervor und ein kalter Luftzug erfasste mein Haar.

Das ohrenbetäubende Krachen, mit dem die Kabine in die tiefe sauste, hallte unheimlich in dem gähnenden Schacht wider.

Dann gab es einen lauten, explosionsartigen Knall.

Der Lift war im Kellergeschoss aufgeschlagen!

Professor Sloane und ich sahen uns mit schreckgeweiteten Augen an.

»Der ... der Fahrstuhl ... Er ist abgestürzt«, stammelte ich. »Wenn wir ihn nur eine Sekunde später verlassen hätten, wären wir jetzt tot!«

Plötzlich war ein Knistern und Knacken zu hören. Alarmiert schaute ich nach oben.

An den Wänden verliefen dicke Stromkabel. Sie führten zu den wuchtigen Motoren der beiden Aufzüge.

Da bemerkte ich plötzlich ein bläuliches Leuchten, das über dem Motor des abgestürzten Fahrstuhls irrlichterte. Wie ein Elmsfeuer kroch es knisternd über ein armdickes Stromkabel und folgte dem Verlauf des Kabels, bis es im Boden verschwand.

»Wir müssen sofort Kurt Beford benachrichtigen«, meinte ich mit belegter Stimme. »In seinem Hochhaus geht es nicht mit rechten Dingen zu!«

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10

Neben den Fahrstuhlschächten hatten wir eine schmale Treppe entdeckt, die uns hinunter in das oberste Stockwerk des Hochhauses führte.

Rasch schritten wir den Korridor entlang, der menschenleer und verlassen dalag. Die wuchtige Tür mit dem vergoldeten Namenszug von Kurt Beford war schnell gefunden.

Ich klopfte an und trat zusammen mit dem Professor ein.

Vor uns lag ein geräumiges, stilvoll eingerichtetes Vorzimmer. Diana Ferrion, die Chefsekretärin mit dem schulterlangen roten Haar, saß hinter einem antiken Schreibtisch und arbeitete an einem Computer. Sie fluchte verhalten und tippte hektisch auf der Tastatur herum.

»Der Computer ist schon wieder abgestürzt«, schimpfte sie. »Es ist wie verhext. Seit gestern Abend spielt alles verrückt. Was wird als nächstes ausfallen?«

Jetzt erst schien Diana zu bemerken, dass sie Besuch bekommen hatte. Erschrocken blickte sie zu uns auf – und errötete.

»Entschuldigen Sie«, beeilte sie sich zu sagen. »Ich habe gar nicht gehört, dass jemand gekommen ist.«

Sie erhob sich und sah uns besorgt an.

»Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen beide ja ganz bleich aus.«

»Das wären Sie auch, wenn Sie gerade dem Tod von der Schippe gesprungen wären«, erwiderte ich mit einem Anflug von Sarkasmus. »Unser Fahrstuhl hat verrückt gespielt. Jetzt ist er abgestürzt. Kurt Beford musste unbedingt etwas unternehmen.«

Nun wurde auch Diana blass.

Sie winkte uns, ihr zu folgen. Dann tippelte sie in ihren hochhackigen Schuhen zur Verbindungstür, die ins Arbeitszimmer von Kurt Beford führte. Sie klopfte und lauschte mit andächtiger Miene an der Tür.

»Herein«, erklang es dumpf.

Zögernd streckte die Sekretärin die Hand nach der Klinke aus. Sie grinste uns verlegen an.

»Steward Beford hat es mir immer verboten, sein Büro zu betreten«, erklärte sie. »Seine Anweisungen teilte er mir telefonisch oder per Computer mit. Ich kann mich noch nicht daran gewöhnen, dass jetzt alles ganz anders ist.«

Sie gab sich einen Ruck und öffnete die Tür.

Mit ehrfürchtigen Schritten trat sie ein.

Auch mir verschlug es die Sprache, als ich das große Büro betrat.

Die Wände bestanden aus beigefarbenen Sandsteinquadern, die alt und rissig aussahen. Unterhalb der Decke verlief ein Streifen aus kunstvoll gemalten Hieroglyphen. Ägyptische Malereien zierten die Mauern.

Die Aktenschränke aus poliertem Stahl, die in großen Abständen an den Wänden standen, wirkten in dem Raum, der eher an das Innere einer Pyramide erinnerte, wie Fremdkörper.

Ähnlich verhielt es sich mit dem halbkreisförmigen Schreibtisch. Er bestand aus einer chromblitzenden Platte, die auf den Stummeln antiker Säulen ruhte. Er bildete einen Halbkreis vor dem runden Mosaikfenster im Hintergrund.

Dieses ungewöhnliche Fenster zog meinen Blick wie magisch an. Es war dasselbe Fenster, das mir bereits aufgefallen war, als ich die Fassade des Beford Towers zum ersten Mal empor geschaut hatte. Nur, dass ich diesmal genau erkennen konnte, was das Muster darstellte.

Es handelte sich um kreisförmig angeordnete, farbige Hieroglyphen und ägyptische Figuren. In ihrem Zentrum prangte ein metallic blauer Skarabäus!

Unwillkürlich hielt ich den Atem an, Es war die gleiche Darstellung, wie Harold Gardian sie für seine rasch hingeworfene Zeichnung verwendet hatte!

Gewaltsam riss ich mich von dem unheimlichen, Anblick des Skarabäus los. Erst jetzt bemerkte ich den jungen Kurt Beford, der in einem thronartigen Ledersessel hinter dem halbrunden Schreibtisch saß und telefonierte. Er nickte uns nur abwesend zu, während er den Worten seines Gesprächspartners lauschte.

Professor Sloane war von der Ausstattung des Büros tief beeindruckt. Er betrat diesen Raum heute auch zum ersten Mal.

»Dieses Büro ist wirklich eine beeindruckende Mischung aus antiker ägyptischer Pharaonen Kultur und neuzeitlicher Bürotechnik«, flüsterte er mir zu. Den zurückliegenden Schrecken schien, er, bereits vergessen zu haben.

In diesem Moment legte Kurt den Telefonhörer auf. Seine Miene war sorgenvoll.

»Kurt!«, platzte es da aus Diana heraus. »Das Hochhaus spielt wieder verrückt!«

»Ich weiß, Diana«, meinte Kurt nachdenklich. »Der Sicherheitsdienst hat mich soeben angerufen. Ein Fahrstuhl ist abgestürzt. Gott sei Dank habe ich den meisten Angestellten heute freigegeben. Wahrscheinlich wäre es sonst zu einer schlimmen Katastrophe gekommen. Ich habe veranlasst, dass auch die anderen Leute das Haus verlassen sollen. Ich lasse hier erst wieder jemanden rein, wenn die Störungen beseitigt sind!«

Kurt erhob sich und kam hinter seinem riesigen Schreibtisch hervor.

»Es tut mir aufrichtig leid, dass ich Ihnen so viel Unannehmlichkeiten bereiten musste«, sagte er und schüttelte erst meine und dann Sloanes Hand. »Aber um so glücklicher bin ich, Sie gesund und unbeschadet in meinem Büro empfangen zu dürfen.«

Seine Miene verfinsterte sich, als er weitersprach: »Ich verstehe das nicht. Mein Vater behauptete immer, das sicherste Hochhaus in ganz London gebaut zu haben. Im Moment ist es eher das gefährlichste.«

»Ich dachte, Ihre Leute hatten das Hochhaus durchgecheckt?«, hakte Professor Sloane nach.

»Die Leute vom Sicherheitsdienst werden dieses Problem schon unter Kontrolle bekommen«, erwiderte Kurt und lächelte uns aufmunternd zu. »Schließlich arbeiten Sie ja nicht erst seit gestern in diesem Gebäude. Sie kennen sich aus.«

Einladend wies er auf zwei bequeme Sessel vor dem Schreibtisch. »Nun nehmen Sie aber erst einmal Platz«, sagte er. »Nach dem Schrecken werden Sie ein wenig Ruhe bestimmt vertragen können.«

Der Professor und ich setzten uns in die bequemen, weichen Sessel.

Kurt Beford schaute zu seiner Sekretärin auf und lächelte sie freundlich an. »Diana, seien Sie so gut, und besorgen Sie ein paar Erfrischungen für meine Gäste.«

Diana nickte und verließ den Raum.

»Sobald Sie sich erholt haben, werde ich Sie persönlich nach unten begleiten«, versprach Kurt an uns gewandt. Lässig deutete er mit dem Daumen auf eine Wand.

»Die Felsquader sind nur Attrappe«, erklärte er leichthin. »Sie verbergen einen geheimen Zugang zu den Privaträumen meines Vaters. Dort verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in völliger Isolation ...«

Ich sah die solide aussehende Mauer skeptisch an. Nichts deutete darauf hin, dass sich in der Mauer eine Tür befand.

»Mein Vater musste seinen Rückzug lange im Voraus geplant haben«, erklärte Kurt Beford nachdenklich. »Er ließ sogar einen separaten Fahrstuhl einbauen, von dessen Existenz nur er etwas wusste. Dieser Lift verbindet seine versteckten Wohnräume mit dem ganzen Hochhaus. In jedem Stockwerk gibt es eine geheime Lifttür.

Mit diesem Fahrstuhl werde ich Sie nachher sicher nach unterbringen. Er ist von Störungen bisher verschont geblieben.«

Diana war inzwischen mit den Erfrischungen zurückgekehrt. Sie stellte heißen Tee und Gebäck vor uns auf den Tisch.

»Ist Ihnen schon mal die Idee gekommen, dass diese technischen Störungen von einem Saboteur hervorgerufen werden?«, fragte ich.

Kurt Beford sah mich überrascht an. »Wie kommen Sie darauf? Wer sollte so etwas tun?«

»Der Unbekannte, der gestern Abend über Lautsprecher verkündete, dass er Ihre Nachfolge anzweifelt.«

»Da hat sich doch nur jemand einen schlechten Scherz erlaubt«, widersprach Diana. Sie war neben Kurt Beford stehen geblieben.

»Da wäre ich mir an Ihrer Stelle aber nicht so sicher«, erwiderte ich. »Irgendetwas Sonderbares geht in diesem Gebäude vor. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

Kurt verschränkte, seine Arme vor der Brust und lehnte sich lässig gegen den Schreibtisch. Interessiert sah et mich an.

»Sie glauben, diese Zwischenfälle werden von jemandem gesteuert? Wie kommen Sie darauf?«

Ich hätte Kurt Beford jetzt von dem unheimlichen Schatten erzählen können, der mir erst in der Wohnung eines ermordeten Archäologen begegnet war und dann, wenige Stunden später, im Beford Tower. Aber da ich mir nicht sicher war, ob ich nicht vielleicht doch bloß den verzerrten Schatten eines Angestellten gesehen hatte, zögerte ich noch, Kurt von meiner sonderbaren Beobachtung zu erzählen.

»Sagt Ihnen der Name Harold Gardian etwas?«, fragte ich.

»Allerdings«, erwiderte der junge Beford-Erbe. Er deutete auf seinen Schreibtisch. Dort lag ein in vergoldetes Leder gebundenes großes Buch.

»Seltsam, dass Sie diesen Namen erwähnen. Ich habe gerade in den Aufzeichnungen meines Vaters etwas über diesen Gardian gelesen. Er scheint ein enger Vertrauter von Steward gewesen zu sein und gehört zu einer Gruppe von drei Männern, die für meinen Vater eine wichtige Rolle spielten.

Gestern auf dem Ball hat Gardian mich angesprochen. Aber das, was er sagte, klang so verworren, dass ich es für Zeit Verschwenderisch hielt, ihm zuzuhören.

Kurts Miene wurde ernst, als er weitersprach. »Und nach dem, was ich nun über diesen Mann erfahren habe, weiß ich, dass ich richtig tat, ihn zu ignorieren ...«

Ich wurde hellhörig. Harold Gardian hatte am Telefon erzählt, dass es drei Menschen gab, die das Geheimnis kannten, das sich um Steward Beford rankte.

»Wie heißen die beiden anderen Männer?«, hakte ich nach.

»Der eine heißt Hank Swanson«, antwortete Kurt gedehnt. »Der dritte nannte sich Starky. Sein Vorname wird allerdings nicht erwähnt.«

Ich war unvermittelt von meinem Sessel aufgesprungen. »Sagten Sie Hank Swanson?«, fragte ich ungläubig. »Was für eine Rolle hatte er für Ihren Vater gespielt?«

Kurts Miene verdüsterte sich. »Es ist mir ziemlich unangenehm, darüber zu sprechen«, sagte er und warf dem Professor dabei einen unbehaglichen Seitenblick zu. »Wie es aussieht, hat dieser Swanson wertvolle Artefakte und Fundstücke verkauft, die mein Vater während der Ausgrabungen und Expeditionen, die er für das Museum finanzierte, heimlich beiseite schaffen ließ ...«,

Professor Sloane sah Kurt Beford bestürzt an. »Das glauben Sie doch wohl selbst nicht?«, stieß er hervor.

Kurt seufzte und schüttelte betrübt den Kopf. »Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Professor«, sagte er und legte eine Hand auf den Einband des vergoldeten Buches. »Ich habe dieses Buch erst heute Morgen von dem Notar unserer Familie erhalten. Steward hatte ihm aufgetragen, es mir erst dann auszuhändigen, wenn ich die Geschäfte übernommen und die Nachfolge angetreten hätte.

In diesem Buch legte mein Vater schonungslos all seine Machenschaften dar, die ihm dazu verhalfen, das Beford-Imperium aufzubauen.

Sein Interesse für die Archäologie beruhte allein auf der Tatsache, dass sich mit den Artefakten auf dem Schwarzmarkt ein gutes Geschäft machen ließ.«

Kurt sah den Professor und mich bedauernd an. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen über Ihren angeblich so selbstlosen Mäzen die Augen öffnen musste. Aber auch für mich ist diese Nachricht ein Schock gewesen. Steward trat gegenüber dem Britisch Museum als ein selbstloser, reicher Hobbyarchäologe auf, der aus lauter Enthusiasmus Expeditionen und Ausgrabungen finanzierte.

In Wahrheit betrachtete er diese Unternehmungen nur wie eine Investition. Eine Investition, die sich auszahlte. Denn durch den Verkauf der gestohlenen Artefakte bekam er seinen Einsatz doppelt und dreifach zurück.«

Professor Sloane schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

»Wie man sich in einem Menschen täuschen kann«, murmelte er.

Auch ich war schockiert.

»Welche Aufgabe hatte dieser Starky übernommen?«, wollte ich wissen.

»Die vier waren ein gut eingespieltes Team«, berichtete Kurt bereitwillig. »Steward schaffte mit seiner finanziellen Unterstützung für das British Museum die Möglichkeit, immer wieder an neue Artefakte heranzukommen. Gardian, der ja Archäologe war, schätzte die Artefakte und bestimmte den Preis, zu den sie dann von Hank Swanson auf dem Schwarzmarkt angeboten wurden. Starky war derjenige, der die Dreckarbeit erledigte. Er entwendete die Artefakte und schaffte sie nach London.«

Professor Sloane wirkte nach diesen Worten noch niederschlagener. Auf seinem Gesicht spiegelten sich widerstreitende Gefühle. Noch vor wenigen Stunden hatte er bei der Nachricht von Harold Gardians Tod ein dumpfes Schuldgefühl empfunden. Nun musste er feststellen, dass Gardian nicht nur ein zweifelhafter Archäologe gewesen war, sondern dass er ihn und das Museum auch noch schändlich hintergangen hatte.

»Wie kann ein Mensch nur darauf verfallen, wertvolle Kulturgüter, die dazu bestimmt sind, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden, an raffgierige Privatleute zu verkaufen, die die Artefakte dann in ihren Tresoren verstauben lassen?«, murmelte er erbost.

»Auf diese Idee war Steward schon in jungen Jahren gekommen«, erwiderte Kurt. »Ihm war die Legende über die Grabstätte einer Pharaonin zu Ohren gekommen, an der sich bisher jeder Grabräuber die Zähne ausgebissen hatte und in der es kostbare Schätze geben sollte.

Steward kratzte daraufhin all sein Geld zusammen und unternahm zusammen mit Gardian, Swanson und Starky eine Reise nach Ägypten. Dort entdeckten sie in der Wüste dann tatsächlich die Grabstätte. In ihr ruhten die sterblichen Überreste einer Pharaonin namens Meritakare.«

»Ihr Vater hat mir nie von seiner ersten Expedition erzählt«, betonte Professor Sloane.

»Für seine Verschwiegenheit gab es auch einen Grund«, erwiderte Kurt. »Als die vier versuchten, in die kleine Pyramide einzudringen, stolperten sie direkt in eine Falle. Der einheimische Führer, den sie angeheuert hatten, starb.

Meinem Vater, Gardian, Swanson und Starky gelang es nur mit Mühe, sich aus der Falle wieder zu befreien, in der schon etliche menschliche Skelette lagen.

Die Grabstätte der Pharaonin Meritakare war ungewöhnlich gut gesichert. Immer wieder stießen die vier auf die Überreste von Grabräubern, denen die Pyramide zum Verhängnis geworden war.

Aber mein Vater wollte sich nicht so leicht geschlagen geben. Er unternahm noch etliche Versuche, in die Grabkammer vorzudringen. Doch jedesmal mussten sie aufgeben.

Dann unternahm Starky einen Versuch im Alleingang. Er war ein professioneller Dieb und sehr wendig. Er zwängte sich in einen tiefen Riss im Gemäuer der Pyramide und drang auf diese Weise unbeschadet bis in die Grabkammer vor.

Sie war voll von kostbaren Grabbeilagen – so, wie es die Legende erzählte.«

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913743
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
romantic thriller trio drei romane

Autor

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Titel: Romantic Thriller Trio #6 - Drei Romane