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Trevellian und das Gesicht des Mörders

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Trevellian und das Gesicht des Mörders

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Krimi von Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Hugh Lennox, ein ehemaliger Undercover-Spezialist des FBI, wurde in New York erschossen; nach seiner Pensionierung einige Jahre zuvor war er von Chicago nach Manhattan gezogen. FBI Agent Jesse Trevellian und seine Kollegen kannten das Opfer, umso mehr beißen sie sich in den Mordfall fest. Zuerst geht man von einem Racheakt eines Verbrechers aus, den Lennox seinerzeit als Bundespolizist gefasst hatte ... Doch dann wird eine Galeristin brutal ermordet, die Lennox' Fotos ausstellte, die der Ex-Agent, ein Fotokünstler, in einer belebten Straße im Big Apple aufgenommen hat ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Gezittert hatte er eigentlich nie. Auch früher nicht, ganz am Anfang. Nicht einmal beim ersten Mal, wenn er sich recht erinnerte. Aber gut, das war lange her.

Ohne Hast nahm er den Kolben aus dem Koffer, wickelte ihn aus dem schwarzen Samttuch, nahm den Lauf aus dem Koffer, wickelte ihn aus, schob Lauf und Kolben zusammen.

Das erste Mal – Gott im Himmel! Er musste immer schmunzeln, wenn er sich erinnerte, auch jetzt. Er hatte geglaubt, der Brustkorb würde ihm zerspringen, so sehr klopfte ihm das Herz damals. Er hatte geglaubt in die Hosen pinkeln zu müssen, so aufgeregt war er gewesen damals.

Das Magazin war voll, das wusste er genau, trotzdem prüfte er es, bevor er es ins Schloss stieß.

Was er tat, tat er gründlich. Immer. Schon seit jeher, schon beim ersten Mal. Gewissenhaftigkeit war erste Bürgerpflicht in seinem Job. Zuletzt dann das Zielfernrohr.

Harndrang und Herzklopfen – ja, so war das damals gewesen. Vor Angst?

Nein, Angst war es eigentlich nicht gewesen. Nie. Höchstens die unterschwellige Furcht zu versagen, okay. Beim ersten Mal jedenfalls. Gut, vielleicht auch noch bei zweiten und dritten Mal. Aber auch das verlor sich mit den Jahren. Wäre ja noch schöner ...

Behutsam legte er das Gewehr auf dem Teppich ab. Er schob den Gummibaum ein wenig zur Seite, zog einen Stuhl an die Wand, schob das Fenster hoch.

Ein gewisses Lampenfieber, klar doch, so ein leises Kribbeln hinter dem Brustbein und in der Kehle, okay, ohne das lief auch heute noch nichts.

Er setzte sich auf den Stuhl, legte das Gewehr an, spähte durchs Zielfernrohr. Die Balkontür stand offen, im Zimmer hielt sich keiner auf.

Nun, das würde sich bald ändern.

Er setzte das Gewehr ab, rückte den Stuhl ein Stück näher ans Fenster, legte das Gewehr aufs Neue an, spähte wieder durch die Optik. Gut so.

Er zog den Lauf ein wenig nach rechts. Himmel – er würde nie verstehen, wie man sich seine Bude mit diesen hellen Billigholz-Möbeln vollknallen konnte! Ein niedriger, dreifüßiger Tisch rückte in Schnittpunkt des Fadenkreuzes. Sehr gut so. Und jetzt den Lauf ein wenig nach oben ziehen. Da, das Telefon! Wunderbar ...

Natürlich überließ er nichts dem Zufall. Nie. Er wusste, dass dort drüben die Balkontür nur aufstand, wenn jemand zu Hause war. Er wusste auch, dass zwei Leute dort drüben wohnten. Und er wusste, wer von diesen beiden Leuten gestern mit welchem Flugzeug wohin geflogen war.

Solche Dinge zu wissen, zählte zur Routine in seinem Job.

Er setzte das Gewehr ab, klemmte es zwischen die Schenkel. Ein letzter Griff in den Koffer. Drei Handys lagen in einem Deckelfach. Gestohlen natürlich, gestern und heute. Ältere durfte man nicht verwenden. Nach seinen Erfahrungen kam auch der Dümmste spätestens am dritten Tag nach dem Verlust auf die Idee sein Handy sperren zu lassen.

Er stutzte, blickte hinüber. Auf der anderen Straßenseite tat sich was, auf dem Balkon ein Stockwerk darüber. Jemand trat heraus, schüttelte eine Decke aus, eine Frau.

„Verpiss dich, Alte“, zischte er.

Die Frau sah auf die Straße hinunter, während sie die Decke zusammenlegte. Danach drehte sie sich um, verschwand wieder in ihrem Apartment.

„Na also ...“

Bei jedem anderen hätte er die Geschichte in einem Aufwasch erledigt. Sie hatten eine Altbauwohnung mit Schlössern aus Eisenhowers Zeiten dort drüben. Auch das zu wissen, gehörte zur Routine. Bei jedem anderen also wäre er hineingegangen in die gute Stube, hätte die Sache erledigen, das Material zusammengesucht, und Schicht.

Aber der Kerl dort drüben war nicht irgendjemand. Er war gefährlich. So gefährlich, dass man ihm ein paar Umwege, eine Menge Komplikationen und vor allem viel Zeit widmen musste. Zeit und Umwege, die weniger gefährliche Leute nicht gebraucht hätten.

Die Nummer wusste er auswendig. Wozu Papier, wenn man ein Hirn unter dem Scheitel spazieren trägt? Eines seiner Prinzipien: Notizen nur, wenn sie sich gar nicht vermeiden lassen.

Er wählte die Nummer, legte das Handy auf dem Teppich ab, legte das Gewehr an, spähte durchs Zielfernrohr.

Der Rest war Geduld, Konzentration und Routine.

Und da war es wieder, dieses Kribbeln hinter dem Brustbein, dieses Zucken in der Kehle. Aber er merkte es kaum. Es gehörte einfach dazu – der nötige Adrenalinstoß eben, ohne den man nur halb so konzentriert zur Sache geht.

Ist doch so, oder?

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2

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In den Wochen danach versuchte ich mich manchmal zu erinnern, wo ich in der Stunde gewesen bin, als Lennox starb, und was ich zu dieser Zeit getan habe.

Fragen Sie mich nicht warum. Schätze, die Sache hat mich ziemlich mitgenommen.

Lennox starb am frühen Abend eines Mittwochs. Zwischen 17.23 Uhr und 17.52 Uhr, um genau zu sein.

Wir konnten den Zeitpunkt ziemlich exakt eingrenzen, weil um 17.52 Uhr sein Anrufbeantworter den ersten von sieben Anrufen entgegennahm, bevor sie ihn fanden. Und um 17.23 Uhr nahm Lennox den letzten Anruf persönlich entgegen. Das letzte Mal in seinem Leben, dass er einen Anruf entgegennahm.

Aber eines nach dem anderen.

In dieser Zeit jedenfalls – an jenem Mittwoch zwischen halb sechs und sechs – stand ich in der Flughalle des La Guardia Airports. Das ist ziemlich sicher. Ich fragte: „Sehen wir uns wieder?“

„Inshallah“, antwortete die Frau, der meine Frage galt.

Das sagte sie in jenen Tagen gern, diese Frau. Nicht nur, weil sie zu der Zeit Arabisch lernte, sondern weil ich sie in den drei Wochen zuvor zweimal versetzt hatte.

Wahrscheinlich war dieses >Inshallah< die späte Rache dafür, denn eigentlich hatten wir ein traumhaftes verlängertes Wochenende verbracht. Wirklich wahr: traumhaft.

Sie antwortete also: „Gott weiß es“, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte mir einen Kuss auf die Lippen.

Ich hielt sie fest, denn ich merkte, das sie einen unangemessen flüchtigen Kuss im Sinn hatte; ganz anders als ich.

Ich hielt sie fest und küsste sie so lange, bis sie sich atemlos von mir losmachte. Danach winkte ich ihr, bis sie das Drehkreuz der Gepäckkontrolle passiert hatte. Und wenig später noch einmal, bis sie im Gewühl der Fluggäste vor den Aufzügen verschwand.

Ja – genau das tat ich in den zweiundzwanzig Minuten, in denen Lennox starb. Komisch, oder?

Ich meine: Komisch, wie viele hässliche und schöne Dinge gleichzeitig geschehen auf der Welt. Wie viele bedeutende und unbedeutende Dinge, wie viele überraschende und gewöhnliche.

Alles zugleich, verstehen Sie?

Versuchen Sie sich das mal vorzustellen: Sie brühen sich einen Kaffee auf, und in der gleichen Straße wird zur gleichen Zeit ein Kind gezeugt. Sie blättern in einem Sport-Magazin, und auf der anderen Seite des Globus gewinnt einer zur gleichen Zeit eine Millionen Dollar in der Lotterie. Sie küssen Ihren Liebsten oder Ihre Liebste, und zur gleichen Zeit wird in der gleichen Stadt ein Mensch ermordet.

Ist doch seltsam, oder?

Nicht? Okay. Verzeihen Sie, das sind halt so die philosophischen Anwandlungen eines G-Man.

Die Frau, die ich an jenem Mittwochabend küsste, während in Greenwich Village in der Grove Street ein Mann namens Lennox starb, hieß übrigens Jessica Lewis. Sie war Lehrerin und lebte in Detroit. Ich lernte sie ein paar Monate zuvor während eines Kanada-Urlaubs kennen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls bin ich ziemlich sicher, dass Lennox noch lebte, als ich an jenem Mittwoch mit Jessica ins Parkhaus fuhr, ja, ganz bestimmt lebte er da noch. Und all die anderen auch, die in den folgenden Tagen sterben würden.

Keiner von ihnen wusste an jenem Mittwoch, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Davon jedenfalls gehe ich mal aus.

Und ich, wie gesagt, wusste nicht, was zwei oder drei Meilen Luftlinie entfernt in der Grove Street geschah, während ich vor einer roten Ampel an der Park Avenue, Ecke 57th Street stand und Jessicas Nummer in mein Handy tippte.

Ich wollte ihr vor dem Start noch etwas Wichtiges sagen. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie liebe.

Leider ging sie nicht an ihr Mobiltelefon.

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Das Bild war gut geworden, verdammt gut sogar. Zum dritten Mal entwickelte er es bereits, und zum dritten Mal fand er es gut.

Hugh war ziemlich selbstkritisch, und es musste ihm schon ein außergewöhnlicher Schnappschuss gelingen, bis er ein Foto wirklich gut fand. Dieses Foto genügte seinen Ansprüchen annähernd. Ja, es war gut. Alice hatte ihm dreihundert Dollar dafür geboten.

Er nahm es aus der Wanne, hängte es an die Leine, betrachtete es, und sagte: „Verdammt gut, alter Junge! Wie hast du das bloß wieder hingekriegt?“

Das hatte er auch gesagt, als er das Bild zum ersten Mal aus der Wanne geholt hatte. Und das sagte er jedes Mal, wenn ihm eines seiner Bilder besonders gut gefiel: „Wie hast du das bloß hingekriegt.“

Auf dem Foto war ein Mann zu sehen, der gerade aus einem grauen Ford stieg und dabei über die Schulter nach hinten blickte.

Der Mann runzelte die Stirn und sah den Betrachter aus schmalen Augen und mit einem Gesichtsausdruck an, als hätte er in ihm einen unsympathischen Menschen wiedererkannt, dem er noch Geld schuldete.

Hugh liebte es, Menschen in Augenblicken zu erwischen, in denen sie sich unbeobachtet glaubten und weder Haltung noch Gestik noch Mimik kontrollierten.

Menschen in Augenblicken ohne Maske also.

Ein Bild nach dem anderen holte er aus der Wanne, die ganze Serie von dem Mann vor seinem Ford. Und immer wieder dieser mürrische Blick zum Betrachter.

Alice glaubte, der Mann habe ihn hinter seiner Kamera entdeckt und deswegen so kritisch geguckt. Gewöhnlich achtete Hugh darauf, dass keines seiner >Opfer< ihn und seine Kamera sah. Im Laufe der Jahre hatte er seine Tarnung perfektioniert. Aber ganz auszuschließen war Alice’ These natürlich nicht.

Und dann machte er sich an die nächste Serie. Ein Pizzakurier, der vor einer Haustür steht, die Klingelschilder mit dem Zeigefinger abfährt und ein ziemlich ratloses Gesicht macht. Jean-Pierre wollte es in seine Ausstellung aufnehmen. Na, prächtig.

Das Telefon läutete.

Hugh glaubte zu wissen, wer anrief. Andernfalls hätte er seinem Anrufbeantworter den Job überlassen. Immerhin steckte er mitten in der Arbeit.

Es gab da aber eine gewisse Lady, deren Stimme wenigstens einmal am Tag zu hören für Hugh unverzichtbar war.

Also verließ er sein Fotolabor und eilte ans Telefon.

Schade eigentlich.

Er nahm ab, sagte: „Hi?“ – Hugh sagte immer „Hi?“, wenn er ans Telefon ging, nie nannte er seinen Namen – und wunderte sich, weil sich niemand meldete.

„Was ist los, Tracy, du bist es doch, oder?“

Sie war es nicht, das wurde ihm schnell klar. Er legte auf. Und dann blendete ihn irgendetwas.

Durch die offene Balkontür blickte er über die Straße auf die gusseiserne Fassade des Hauses gegenüber. Schwer zu sagen, ob er noch begriff, was für ein gottverdammtes Scheißding der Mann im offenen Fenster dort drüben auf ihn richtete. Wenn er es noch begriff, begriff er es zu spät.

Er lag auf dem Bauch, als Alice ihn ein paar Stunden später fand. Die gebrochenen Augen starrten das vordere Kiefernholz-Bein des Telefontischchens an, und das Loch in seiner Stirn war feucht und schwarz-rot – und so klein, dass man kaum verstehen wollte, wie ein solch kleines Loch einem so großen Mann das Lebenslicht ausblasen konnte.

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Zum ersten Mal hörte ich den Namen Hugh Lennox während einer Fortbildung in Quantico. Ein paar Jahre her. Ein Mann stellte sich im Seminarraum ans Rednerpult, sagte er wolle uns nun ein bisschen was über spezielle Tricks der Undercover-Ermittlung erzählen.

Er war ziemlich groß, nicht eben schlank, trug eine Brille und hatte graue Locken. Er sagte, er würde Hugh Lennox heißen. Ein gutes Seminar, alles was recht war – und ein guter Mann.

Das zweite Mal hörte ich den Namen während einer Fahrt in meinem Sportwagen auf dem Broadway, als Milo mir erzählte, dass Lennox den Dienst quittiert hätte. Das war im Sommer 1999.

Ich fragte: „Warum?“, und Milo sagte: „Keine Ahnung“, und dabei blieb es. Niemand von uns erfuhr je, warum Lennox seien Dienst beim FBI quittierte.

Wir wussten nicht, dass Lennox im Winter 1999 von den Großen Seen nach New York City gezogen war. Ich zumindest erfuhr das erst fünf Tage, nach jenem Mittwoch, an dem ich Jessica zum La Guardia Airport gebracht hatte.

Das geschah im Büro des Chefs, und das war das dritte Mal, dass ich den Namen Lennox hörte. Es war ein Montag. „Hugh Lennox ist tot“, sagte Mr. McKee.

Großes Schweigen zunächst. Einer sah den anderen fragend an. „Der Undercover-Spezialist aus Chicago?“, fragte Medina schließlich. „Der Hüne mit den grauen Locken?“

Mr. McKee nickte nur, und jetzt wussten alle, um wen es ging. Ob er krank gewesen ist, ob es ein Unfall war, ob es ihm Dienst geschah. „Mord“, sagte Mr. McKee.

„Hugh hat die Firma doch schon vor ein paar Jahren verlassen“, sagte Clive Caravaggio.

„So ist es, Gentlemen“. Der Chef beugte sich über den Tisch, blätterte nachdenklich in ein paar Blättern Papier, die er vor sich liegen hatte. „Hugh hat sich vor ein paar Jahren pensionieren lassen. Die Gründe sind angeblich nur der Führungsebene des Hauptquartiers bekannt.“

„Es ging um eine Frau damals“, sagte Jay Kronburg. „So munkelten sie jedenfalls in Quantico.“

„Weshalb auch immer – er ist hier in New York City erschossen worden, und der Auftrag, den Fall zu übernehmen, kommt vom Direktor persönlich.“ Der Chef lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte kaum hörbar.

„Er hielt sich in New York City auf, als es geschah?“ Milo fand als Erster seine Sprache wieder.

„Er wohnte in Manhattan“, sagte der Chef. „Seit ein paar Jahren schon. In Greenwich Village, in der Grove Street. Dort ist er auch erschossen worden.“

„Irgendwelche Anhaltspunkte?“, wollte ich wissen.

„Null.“ Mr. McKee zuckte mit den Schultern. „In Washington glaubt man an Rache. Irgendjemand, den Hugh irgendwann für irgendwas vor den Richter gebracht hat.“ Wieder Schulterzucken. „Ich weiß es nicht.“

„Washington muss einfach die Fälle überprüfen, die er bearbeitet und gelöst hat“, sagte Jennifer Johnson. „Und dann muss man nachschauen, welcher seiner Kunden in letzter Zeit aus der Haft entlassen wurde.“

„Sicher“, sagte der Chef. „Das alles wird überprüft, und Washington wird uns auf dem Laufenden halten. Das ändert aber nichts daran, dass wir vor Ort ermitteln sollen.“

„Gibt es Zeugen?“, fragte Leslie Morell.

„Sein Anrufbeantworter.“ Der Chef zuckte mit den Schultern.

„Wer hat ihn gefunden?“, wollte ich wissen.

„Eine Freundin.“ Mr. McKee blätterte in den Papieren. „Eine gewisse Mrs. Alice Sherman.“ Er schob die Unterlagen vor sich auf dem Tisch zusammen und hielt den Stapel Papier hoch. „Also, Ladies und Gentlemen – hier sind Laborberichte und Dossiers der City Police. Wessen Händen darf ich sie anvertrauen?“

Wir diskutierten zwei Minuten hin und her. Dann stellte sich heraus, dass zwei Teams noch freie Kapazitäten hatten: Jennifer Johnson und Paula Dawson auf der einen Seite und Milo und ich auf der anderen. Wir losten. Und wenig später fuhren Milo und ich mit den Unterlagen zum Mordfall Lennox in unser Büro hinauf.

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Meistens ließ Mr. O’Rourke schon auf der 4th Avenue, Ecke 7th Street vor der Cooper Union halten. Sean musste dann immer aussteigen, die Beifahrertür öffnen und seinem Chef den Aktenkoffer reichen. So auch an diesem Tag.

Der Koffer enthielt weiter nichts als die 'New York Post' und eine Packung Aspirin. Doch es sah irgendwie professionell aus, wenn der kleinwüchsige O’Rourke in seinem dunklen Anzug unter seinem hellen, breitkrempigen Stetson und mit dem schwarzen Lederkoffer in der Hand losmarschierte.

Erst wenn der Boss in die Menge der Passanten eintauchte, bequemte sich auch Gardener aus dem Font des Wagens zu klettern. Man stelle sich ein schwarzes Muskelpaket in blütenweißem Sommeranzug vor, das sich aus einer roten Hundehütte ins Freie zwängt.

Sie folgten ihrem Boss, Gardener in zwei oder drei, Sean selbst in sechs oder sieben Schritten Entfernung. Sean trug keinen Anzug, sondern schwarze Bagpants und ein schwarzes Lederblouson, dazu eine schwarze Baseballkappe mit Stars and Stripes auf dem Schild. Sean, ehemaliger Marine, konnte mit seiner Schusswaffe umgehen, wie der selige Buffalo Bill einst mit der seinen.

William Gardener, ehemaliger Schwergewichtsprofi und elf Jahre älter als Sean, hielt sich eher für einen Nahkampfspezialisten, weswegen er dem Boss in der Regel auch näher war als Sean.

Sean ließ sich wegen dieses Irrtums keine grauen Haare wachsen. Mr. O’Rourke zahlte extrem gut, da konnte man auch einem Arschloch wie Gardener die Illusion lassen, auf der dreisprossigen Hierarchieleiter über ihm zu stehen.

Wie fast jeden Montag und Freitag seit einem dreiviertel Jahr – und hin und wieder auch mittwochs – folgten sie also ihrem Chef Richtung Astor Place, immer vormittags. Sie beäugten Ladeneingänge, Fenster, Passanten, Balkone und vorbeifahrende Wagen und bemühten sich relativ erfolgreich, einigermaßen unauffällig zu wirken.

Unauffälligkeit galt Sean als die zweite Kardinaltugend seines Jobs – hundertprozentige Aufmerksamkeit als die erste.

Erst recht, seitdem Mr. O’Rourke eine politische Karriere anvisierte. Der Verleger aus Jersey City hatte das Wahlkampfteam des jetzigen Gouverneurs von New Jersey so erfolgreich gemanagt, dass er sich berechtigte Hoffnungen machen konnte, im kommenden Jahr für New Jersey ins Repräsentantenhaus zu ziehen.

Wäre Sean angehender Politiker gewesen und hätte er Wert auf Unauffälligkeit gelegt, dann wäre er erstens mit dem Taxi zum Astor Place gefahren und hätte zweitens William Gardener entlassen.

Nach ein paar Sekunden rollte der rote Benz an ihnen vorbei und bog ein paar Meter weiter rechts in die Stuyvesant Street ein. Woolfe, O’Rourkes Chauffeur, verbrachte diese zwei Stunden gewöhnlich in McSorley’s Old Ale House in der 7th Straße, angeblich die älteste Kneipe Manhattans.

Ein passabler Kerl übrigens, Woolfe, mit den Fäusten so gut wie mit der Wumme. Sean würde lieber mit ihm zusammenarbeiten als mit dem hirngeschädigten Gardener.

Früher war Eddy Woolfe Mr. O’Rourkes Gorilla gewesen. Sean und Gardener in einem einzigen Kerl sozusagen. Doch vor drei Jahren hatte ihm einer sein linkes Knie zerschossen, und seitdem kam er nicht mehr richtig flott von der Stelle. Fahren konnte er noch, klar. Und schießen und die Fäuste schwingen sowieso.

Der Typ, der seine Kniescheibe auf dem Gewissen hatte, ruhte inzwischen einbetoniert auf dem Grund des East Rivers. Seans erster Job, nachdem Mr. O’Rourke ihn auf seine Gehaltsliste gesetzt hatte.

Mr. O’Rourke versuchte meistens zu schlendern, so als wäre er auf einem ziellosen Schaufensterbummel, was natürlich überhaupt nicht zu seinem unglaublich professionellen Aktenkoffer passte.

Meistens zögerte er die Ankunft am Ziel hinaus, machte Umwege, ging manchmal sogar in Geschäfte hinein. Manchmal aber schenkte er sich die Stuyvesant Street und überquerte noch vor der Kreuzung die 4th Avenue. So wie heute.

Sean fand das einfach nur ulkig.

Auf der Verkehrsinsel des Astor Place hielten sich wie immer ein paar junge Leute auf. Sie drehten an Alamo herum.

Sean wusste nicht, womit der schwarze, drehbare Stahlkubus im Zentrum des Astor Place sich den Namen Alamo verdient hatte. Er gefiel ihm nicht. Anders als sein Name Alamo. Der gefiel ihm, der klang für Sean nach Heldentum, nach James Bowie, nach unsterblichem Ruhm und Patriotismus.

Sean Steiner war Texaner in vierter Generation. Sein deutschstämmiger Ururgroßvater Joseph Steiner war im Kampf um Fort Alamo gefallen.

Mr. O’Rourke hatte keinen Sinn für schwarze Stahlwürfel und amerikanische Geschichte. Ohne Alamo eines Blickes zu würdigen, bog er nach Süden in die Lafayette Street ein, schlenderte bis zum Public Theatre, überquerte dort die Lafayette Street und verschwand zwischen zwei Garageneinfahrten in einem Eingang der Colonnade Row.

Sean hatte keine Ahnung, warum sein Chef jedes Mal diesen oder einen anderen Umweg in Kauf nahm. Er verbot sich auch, darüber nachzudenken. Es war ihm gleichgültig, es war einfach nicht sein Problem.

Nur manchmal, wenn er schlaflos lag, oder einsam in einer Bar versumpfte, grübelte er darüber nach, welches Ziel einem reichen und mächtigen Verleger und zukünftigen Kongressabgeordneten wie Mr. O’Rourke so unangenehm oder peinlich oder gefährlich erscheinen mochte, dass er nicht riskierte, es auf direktem Weg anzusteuern.

Sean gelangte immer zur selben Antwort: Eine Frau, möglicherweise eine mit schlechtem Ruf. Aber gerade diese naheliegende Antwort schien ihm gleichzeitig absurd, denn Mr. O’Rourke war mit einer zehn Jahre jüngeren und sehr schönen Frau verheiratet.

Das war nicht nur Seans Privatmeinung. Alle, die sie kannten, sprachen von Mrs. Gloria O’Rourke als von einer Schönheit. Abgesehen von ein paar neidischen alten Weibern.

Die Colonnade Row bestand aus vier Stadthäusern, deren Fassade noch Spuren ihrer einstigen Pracht trug: schmutziger Marmor und graue korinthische Säulen. Sean hatte gehört, dass früher schwerreiche und berühmte Leute hier gewohnt hätten.

Er nahm seine Sonnenbrille ab, als sie das Gebäude hinter Mr. O’Rourke betraten. Gardener holte den Lift, schweigend fuhren sie ins vierte Obergeschoss.

Von dort führte eine Treppe zum einzigen Apartment im Obergeschoss hinauf. Mr. O’Rourke stieg schweigend nach oben, Gardener folgte ihm bis zum ersten Treppenabsatz, wo er sich auf einem gepolsterten Stuhl niederließ und ein zusammengerolltes Sportmagazin aus der Anzugjacke zog.

Jetzt erst, zum Blättern im Magazin – richtig lesen tat er es nicht – nahm auch er seine Sonnenbrille ab. Das tat er nur, wenn er sich unbeobachtet wähnte, denn er hatte einen >Silberblick<, wie er sich auszudrücken pflegte. Mit anderen Worten: Er schielte.

Kurz darauf hörte man einen Schlüsselbund klimpern und ein Türschloss aufschnappen. Mr. O’Rourke besaß einen Schlüssel zu dem Apartment, das er zweimal in der Woche besuchte.

Will Gardener vertrat übrigens die Ansicht, dass sein Boss sich hierhin zurückzog, um in Ruhe seine Memoiren schreiben zu können. Sean hielt das für absoluten Schwachsinn – typisch Gardener eben. O’Rourke war gerade mal einundfünfzig Jahre alt.

Seans Job in den folgenden beiden Stunden war es, durch das Gebäude zu patrouillieren, aus den Fenstern des Treppenhauses in die Gärten und Höfe hinter der Colonnade Row zu schauen, hin und wieder hinunter auf die Straße zu gehen, um nach verdächtigen Männern in parkenden Fahrzeugen Ausschau zu halten.

Täuschte er sich, oder war ihm der Kerl in dem grauen Ford schon am letzten Freitag hier am Astor Place aufgefallen? Nun, er würde ihn im Augen behalten.

Während seiner Patrouillengänge war die .44er Magnum in seinem Schulterhalfter stets entsichert, und die Einzelteile einer Maschinenpistolen zerrten an seinem Lederblouson.

Nach etwa zwei Stunden dann wie üblich ein Anruf von Gardener, fünf Minuten später stoppte Woolfe den Benz am Straßenrand, Mr. O’Rourke und Gardener erschienen im Hauseingang, Sean nahm ihm seinen Aktenkoffer ab und hielt ihm die Beifahrertür auf.

Und dann ging es zurück nach Jersey City. So lief das Woche für Woche seit neun Monaten.

Im Wegfahren sah Sean den Kerl aus dem grauen Ford vor den Schaukästen des Public Theaters stehen. Er hatte sich eine Zeitung unter den Arm geklemmt, studierte die Spielpläne und machte sich Notizen in ein Buch.

Sean prägte sich das Kennzeichen ein, zückte sein Buch und notierte es.

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Am Nachmittag fuhren wir nach Greenwich Village. In der Grove Street, vor einem der Häuserblöcke mit den gusseisernen Fassaden, wartete ein Streifenwagen auf uns. Die beiden Cops führten uns zu Lennox’ Apartment hinauf. Ein gewisser Sergeant Miller und ein ziemlich junger Lieutenant namens Carrington.

T. & H. Lennox stand schwarz eingraviert auf dem Messingschild neben der Apartmenttür im zweiten Stockwerk. Carrington löste Trassierband und Versiegelung, Miller schloss auf.

Wir betraten einen großen, hellen Raum – schwedische Polstergarnitur, schwedische Kommoden, Garderobenständer und Stühle im Eingangsbereich. Auch die Wandregale waren aus hellem Holz.

Milo betrachtete die vielen Bücher darin, ich die Musikanlage und die CDs in einem Fach daneben. Viel Mozart, eine Menge Bar- und Latin-Jazz und mindestens sieben Scheiben von Leonard Cohen.

Ein paar Gläser und Flaschen in einer in die Regalwand integrierten Vitrine, auf dem obersten Fach eine Geige, bunte Vasen und Kannen und ein paar bunte Figuren aus Porzellan oder Holz. In den Freiräumen gerahmte Fotos, Porträts vor allem.

„Hier hat ihn die Kugel erwischt“, sagte Sergeant Miller. Er stand neben einem niedrigen, runden Tisch – ebenfalls helles Holz – und deutete aufs Parkett. Wir traten zu dem Cop und betrachtete stumm die mit Kreide aufs Parkett gezeichneten Umrisse der Leiche.

Die Zeichnung sah aus wie hundert andere solcher Zeichnungen, die ich im Lauf der Jahre hatte sehen müssen – wie der Negativschatten einer großen, fallen gelassenen Puppe.

„Die Balkontür stand offen“, sagte Lieutenant Carrington.

„Ich weiß.“ Milo öffnete die Tür, Seite an Seite traten wir auf den Balkon.

„Der Schuss wurde von dort drüben abgefeuert.“ Carrington deutete auf ein Fenster im zweiten Geschoss der gegenüberliegenden Häuserfront. „Nur ein Schuss. Wir haben keine zweite Patrone hier im Zimmer gefunden.“

„Ich weiß.“ Diesmal antwortete ich.

Carrington erzählte uns noch mehr Fakten, die wir bereits aus den Ermittlungsunterlagen des New York City Police Departments wussten. Zum Beispiel, dass die Kollegen vom Erkennungsdienst außer einem Haar auf einem Gummibaumblatt nicht die geringste Spur im Apartment gegenüber gefunden hatten.

„Spuren gab es natürlich jede Menge dort drüben“, erzählte Carrington, als wäre er dabei gewesen. „Aber die ließen sich alle der Mieterin zuordnen, und die hat angeblich von nichts ne Ahnung gehabt ...“

Auch das wussten wir bereits, und dass die Mieterin ein verdammt gutes Alibi hatte, ebenfalls: An jenem Mittwoch zwischen 15.40 Uhr und 18.33 Uhr nähte die betreffende Frau einem kleinen Jungen den Mittelfinger an, den ihm ein Affe seines Schulfreundes abgebissen hatte. Die Lady war nämlich Handchirurgin im St. Vincent’s Hospital.

„Wir haben sie über zwei Tage insgesamt sechzehn Stunden lang vernommen.“ Carrington ereiferte sich. Nun ja, wahrscheinlich nahm der Mord ihn mit. „Das Fenster sei geschlossen gewesen, als sie morgens zur Arbeit gegangen war, und der Gummibaum sei nicht mehr exakt am gleichen Platz gestanden – das war das Einzige, was ihr aufgefallen sein will.“

„Nun, dann wird es auch so sein.“ Ich schob mich an dem Lieutenant vorbei, ging zurück ins Wohnzimmer. Nacheinander öffneten wir die Türen zu den anderen Zimmern des Apartments.

Da gab es eine Wohnküche. Auf der Spüle türmte sich schmutziges Geschirr, auf einem runden Tisch – helles Holz – stand eine geöffnete Weinflasche, ein halb volles Glas und eine Vase mit verwelkten Astern. Über einer Stuhllehne hing eine abwetzte dunkelbraune Wildlederjacke. Auf der Anrichte neben dem Herd lag ein aufgeschlagenes Magazin.

Wir betraten ein Schlafzimmer. Das Bettzeug auf der Schlafcouch war sorgfältig glatt gestrichen. Fotos hingen an den Wänden. Papiere, aufgeschlagene Bücher, ein Adressbuch auf einem Schreibtisch neben einem Laptop.

„Schau dir das an, Jesse.“ Milo stand vor einem kleinen Tisch neben der Bettcouch. Ein Revolver lag dort.

Ich nahm ihn hoch. „Ein .686er Combat Magnum von Smith & Wesson. Die Trommel ist voll.“

„Hoffentlich nicht die einzige Erinnerung an sein erstes Leben“, sagte Milo.

„Wieso ‚Erinnerung’?“ Sergeant Miller runzelte die Stirn.

„Lennox war früher mal FBI-Agent.“ Ich verließ das Zimmer.

„Ach! Ist das wahr? Das wussten wir gar nicht!“ Miller und Carrington staunten nicht schlecht. Endlich etwas, das sie nicht wussten. „Und warum hat er aufgehört?“

„Keine Ahnung.“

„Wahrscheinlich ein Racheakt“, sagte Miller.

„Wahrscheinlich.“ Ich öffnete die nächste Tür. Wieder ein Bett, diesmal ein französisches. Kleider hingen über Sessellehnen, Frauenkleider. Ein halb voller Aschenbecher auf einem niedrigen Tisch, daneben eine leere Schachtel Mentholzigaretten und eine Tasse, in der ein öliger Film über schwarzem Kaffee glänzte.

„Hatten getrennte Schlafzimmer“, bemerkte Miller.

„Keine schlechte Lösung.“ Milo blieb vor einem großen Foto in goldenem Barockrahmen stehen. „Wenn man verheiratet ist, meine ich.“

Ein Hochzeitspaar strahlte uns von dem Bild an. Eine zierliche, blonde Frau, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. Sie trug ein weißes, hochgeschlitztes Kleid und hielt einen gewaltigen Strauß roter Rosen in der Rechten. Neben ihr ein grauer Lockenkopf in roter Samtweste und Rüschenhemd. Hugh Lennox, wie wir ihn kannten: groß, breitschultrig und mit weichen Gesichtszügen.

„Die Frau liegt in irgendeiner Nervenklinik“, sagte Carrington mit bedauerndem Unterton. So viel wussten wir auch.

„Und in welchem?“ Das wussten wir nicht.

„Seit gestern im New York Hospital“, erzählte Miller. „Auf einer psychiatrischen Abteilung. Sie hat einen Selbstmordversuch unternommen.“

„Ach ...“ Auch das war uns neu.

Hinter der letzten Tür des Apartments fanden wir einen kleinen, verdunkelten Raum. Ich schaltete das Licht ein. Eine Art Labor enthüllte sich uns: Regale mit Flaschen und Kanistern voller Chemikalien, Wannen voller Flüssigkeiten auf Tischgestellen, Wäscheleinen die auf Augenhöhe von Wand zu Wand gespannt waren und so den halben Raum ausfüllten. Auf dem Boden lagen Wäscheklammern.

„Hat Hugh fotografiert?“, murmelte Milo.

Carrington machte eine ratlose Geste. „Wir dachten, er sei Fotograf gewesen, aber Sie sagen ja, er wäre Special Agent ...“

„Fotograf?“ Ich wandte mich um. „Ist das ein Witz?“ Ich war vollkommen verblüfft.

„Hören Sie, Trevellian – ist das ein Ort für Witze?“ Carrington tat entrüstet.

„Haben die Kollegen denn Kameras und das ganze übliche Equipment gefunden?“ Milo runzelte die Stirn.

„Nein ...“ Miller zuckte mit den Schultern, suchte Carringtons Blick.

„Woher wissen Sie dann, dass er Fotograf war?“

„Keine Ahnung, also ...“ Wieder wandte sich der Sergeant hilfesuchend an Carrington. „... stand das nicht in irgend’ner Zeitung?“ Der Lieutenant nickte eifrig.

„Hingen hier Bilder?“ Ich deutete auf die leere Wäscheleine. „Gab es Dosen mit unentwickelten Filmen?“

„Nein, nicht dass ich wüsste ...“ Carrington machte eine ratlose Geste. „Ich meine ... keine Ahnung, wie genau die vom Mord-Department nachgeguckt haben ...“

„Ein Fotograf ohne Kameras, ohne frisch entwickelte Bilder, ohne unbearbeitetes Filmmaterial ...“ Milo versenkte die Hände in der Tasche und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ist das nicht ... nun, übertreiben wir nicht und sagen einfach mal: ein bisschen ungewöhnlich ...?“

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Alice Sherman wohnte in Chelsea, in der 32nd Street. Wir mieden den Broadway und die großen Avenues, denn die abendliche Rushhour hatte Manhattan längst im Griff. Über die 10th Avenue näherten wir uns Chelsea vom Hudson Hafen her. Natürlich erwischte der Stau uns trotzdem.

„Sie sahen das offene Fenster, sie sahen das saubere Loch in der Stirn, und niemand dachte an Raubmord.“ Ich war ziemlich sicher, dass die Kollegen vom Police Department sich hatten täuschen lassen. „Niemand kam auf den Gedanken, die Wohnung genauer zu untersuchen.“

„Glaub ich nicht.“ Milo neben mir auf dem Beifahrersitz hängte das Micro in die Halterung. Er hatte das Zentrallabor angerufen. Ein Team vom Erkennungsdienst musste noch einmal das Lennox-Apartment unter die Lupe nehmen.

„Haben wir im Laborbericht nicht was von Fingerabdrücken an der Apartmenttür gelesen? Also haben sie doch genau nachgeschaut, die lieben Kollegen.

„Fingerabdrücke von der Sherman. Und die hat ein Alibi. Außerdem – ‚an der Apartmenttür ...’, ich bitte dich!“

Wir rollten mit tausend anderen Blechkisten über die 34th Straße am Kaufhaus Macy’s vorbei. „Nein, Milo, glaub mir – die Kollegen gingen viel zu schnell von einer Hinrichtung durch einen Scharfschützen aus. Sie sahen das offene Fenster, und ihr Urteil stand fest. Niemand dachte an Raubmord, keiner kam auf den Gedanken, die Wohnung gewissenhaft zu untersuchen.“

„Raubmord, weil Kameras, Fotos und dergleichen fehlen?“

„Wie würdest du es nennen?“ Milo zuckte mit den Schultern. „Kann natürlich sein, Hugh hat das Fotografieren am Tag zuvor aufgegeben und das ganz Zeug aus dem Haus geschafft.“ Ich bog nach rechts in die 6th Avenue ein und kurz darauf in die 32nd Street.

„Da ist es.“ Milo deutete auf zwei große Schaufenster. Gallery Sherman & Turner stand auf dem Schild über dem Eingang. Eine Kunstgalerie also.

Ich fand eine Parklücke für mein rotes Gerät. „Scheint in Künstlerkreisen verkehrt zu haben, unser ehemaliger Kollege“, sagte Milo, während wir vom Sportwagen zur Galerie gingen.

„Scheint einer gewesen zu sein.“ Ich dachte an die Fotos im Wohnzimmer.

Ein Glockenspiel ertönte, als Milo die Tür öffnete, wir betraten die Galerie. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum empfing uns, eine Sitzecke mit schwarzen Ledersesseln vor gläsernem Tischchen neben einer offenen Tür an der rechten Stirnseite; eine kurze Theke mit Barhockern aus schwarzem Leder davor auf der linken.

Sonst nur Bilder an den weißen Wänden. Fast ausschließlich Öl auf Leinwand, hier und da auch ein Holzschnitt oder eine Zeichnung. Direkt neben der Eingangstür führte eine Wendeltreppe ins Obergeschoss. Von oben hörten wir Stimmen.

Im Türrahmen neben der Sitzgruppe erschien eine junge Frau – hochgewachsen, schlank, rotes, zu einem dicken Zopf geflochtenes Haar. Sie trug ein schwarzes Kostüm mit kurzem Rock. „Was kann ich für Sie tun, Gentlemen?“ Sie lächelte.

„Mrs. Sherman?“ Ich zog meine Dienstmarke. „FBI. Mein Name ist Trevellian, das ist Special Agent Tucker. Könnten wir Sie einen Moment sprechen? Es geht um Hugh Lennox.“

Das Lächeln verschwand aus ihrem blassen Gesicht. „Ach ...“ Sie kam zwei Schritte näher. „Rosalyn Turner. Ich bin Alice’ Partnerin.“ Ihre Lippen wurden schmal, ein dunkler Schleier zog durch ihren Blick. „Schrecklich. Wir sind noch ganz fassungslos ...“ Sie deutete zur Treppe. „Alice ist oben, mit Kundschaft. Ich hole sie.“

„Danke.“ Ich wandte mich den Ölgemälden zu, Milo den Beinen von Mrs. Turner, während sie die Treppe hinauflief.

Kurz darauf wieder Schritte auf der Treppe. Eine Frau Mitte vierzig kam herunter – drahtig, mit kurzem, grauem Haar und einer schwarz gerahmten Brille. Auch ihr Kostüm war schwarz. „Ich bin Alice, kommen Sie, Gentlemen.“

Vorbei an der Sitzecke folgten wir ihr durch die offene Tür in einen Nebenraum, eine Teeküche mit Essecke. Wir setzten uns an einen runden Tisch – schwarz – auf Stühle, die mit schwarzem Leder gepolstert waren. Ich stellte uns vor.

„Mr. Lennox war Hobbyfotograf, wie wir hörten?“, begann ich. Milo zückte Notizbuch und Stift.

„Hobbyfotograf?“ Sie lachte bitter auf. „Hugh war Profi, er war ein Künstler! Ich habe Kunden, die zahlen tausend Dollar für bestimmte Bilder von ihm!“

Milo und ich wechselten einen Blick, einen ziemlich verblüfften vermute ich, denn Alice Sherman fragte: „Sie wussten das nicht?“

„Sagen wir so: Wir ahnten es.“ Das war weniger als die halbe Wahrheit, aber schließlich habe ich gewisse Verpflichtungen dem Image der Polizei gegenüber, wenn Sie verstehen, was ich meine.

„Haben Sie Hugh über seine Arbeit kennengelernt?“, wollte ich wissen. „Ich meine über seine ... ähm ... fotografische Arbeit.“ Ein ehemaliger FBI-Agent als Künstler – so ganz hatte ich mich noch nicht an den Gedanken gewöhnt.

„Nein, ich habe ihn über Tracy kennengelernt.“

„Seine Frau, nehme ich an.“

Die Galeristin seufzte. „Ja, seine Frau. Es ging ihr schlecht damals, genau wie heute. Ich musste sie täglich besuchen. Genau, wie heute. Und bei einem dieser Besuche lernte ich Hugh kennen. Das war kurz bevor er den Dienst beim FBI quittierte ...“

Sie faltete die Hände auf ihrem Schoß, betrachtete ihre Finger. Die Nägel waren dunkelrot lackiert. Ihr Blick verlor sich in irgendeiner Ferne. Draußen klapperten Schritte auf der Treppe, die freundliche Stimme der rothaarigen Lady flötete freundliche Worte, und dann tönte das Glockenspiel.

„Erzählen Sie weiter, Mrs. Sherman“, bat ich.

„Nein, das tut ja auch nichts zur Sache. Es geht Ihnen ja um ... um seinen Tod. Sie wollen seinen ... seinen Mörder finden.“

„Richtig. Aber da Sie Hughs ehemaligen Beruf kennen, wird es Sie sicher nicht überraschen, wenn wir die Spuren seines Mörders auch in der Vergangenheit suchen.“

„Nein. Aber dazu kann ich nun wirklich nichts sagen.“ Sie stand auf. „Kommen Sie, ich zeig Ihnen seine Bilder.“

„Sie haben welche hier?“ Wieder verblüffte sie uns.

„Natürlich. Hugh stellt regelmäßig bei uns aus.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913736
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
trevellian gesicht mörders

Autor

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Titel: Trevellian und das Gesicht des Mörders