Lade Inhalt...

Neue Leichen: Ein Krimi Trio

von Alfred Bekker (Autor) Uwe Erichsen (Autor) A. F. Morland (Autor)
2017 400 Seiten

Leseprobe

image
image
image

Neue Leichen: Ein Krimi Trio

image

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 360 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Uwe Erichsen: In die Falle gelockt

A. F. Morland: Mordbefehl aus dem Knast

Alfred Bekker: Stirb, McKee!

Cover: Steve Mayer

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

image

In die Falle gelockt ...

VON UWE ERICHSEN

Roberto Tardelli, seines Zeichens Mafiajäger, möchte diesmal einen besonders dicken Fisch fangen. Doch natürlich legt ihm der Mob jede Menge Fallstricke und Hindernisse in den Weg. Selbst der Schachzug, als Undercover-Agent zu agieren, hilft Roberto bald nicht mehr weiter. In den Bergen, nahe einer geheimen Heroin-Fabrik, kommt es zum alles entscheidenden Showdown, zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Die Hauptpersonen des Romans:

Agostino Glona – Der Mann, der sich selbst überschätzt und deshalb abserviert wird.

Killer Cobb – Sein Mörder, der aber noch andere Leute auf seiner Liste hat und der bei Roberto erstmals an den Falschen gerät.

„Admiral“ Tipton – Auch er will Roberto umlegen lassen, und die Falle, in die er Roberto lockt, ist nahezu perfekt.

Don Lorenzo – Der Mafiaboss, der die geheime 'Fabrik' in den Bergen der Sierra betreibt und über Leichen geht, wenn ihn jemand dabei stört.

Roberto Tardelli – Der Mann, der von Don Lorenzo erbarmungslos mit Hubschraubern gejagt wird und auch in der ausweglosesten Situation verbissen seinen einsamen Kampf gegen die Mafia weiterkämpft.

––––––––

image

1

ROBERTO TARDELLI ZOG das starke Fernglas aus dem Futteral, als die feine Staubwolke über der Felsenwüste erschien. Er hob das Glas an die Augen und stellte es scharf ein.

Schroff und braungesprenkelt stiegen die Hänge der Sierra in den weißglühenden Himmel. Die Luft über der Wüste war unglaublich klar. Es schien keine Entfernungen zu geben. Der schmale Sims, der an den braunen Felsen auf der anderen Seite des Tales klebte, schien zum Greifen nah, und doch war er über vier Meilen entfernt.

Roberto Tardelli hatte Mühe, den Wagen in sein Blickfeld zu bekommen, der wie ein Käfer den schmalen, von Geröll übersäten Sims hinunterkroch. Der maisgelbe Dodge hätte sich besser in der Rushhour einer Großstadt gemacht als in der Sierra de Juarez in Mexiko.

Erst als die geschlossenen Scheiben des Wagens das Sonnenlicht wie Hohlspiegel zurückwarfen, hatte der einsame Beobachter keine Mühe mehr, den Kurs zu verfolgen. Vorsichtig kurvte der Fahrer um die größten Felstrümmer herum, doch viel Spielraum stand ihm für solche Manöver nicht zur Verfügung. Roberto sah deutlich, wie die Vorderräder über einen großen Stein kletterten, wie die Karosserie schaukelte und dann mit der Bodenwanne schwer aufschlug.

Roberto Tardelli lächelte. Es war ein Lächeln, das dem Mann in dem Dodge wenig Gutes verhieß.

Er steckte das Fernglas in das Futteral zurück und verstaute es in der Packtasche an der Seite der schweren Yamaha, einer aufgemotzten Moto Cross Maschine, die er gebraucht in San Diego gekauft hatte. Der unförmige, zünftig verbeulte blaue Helm mit den drei goldenen Sternen oben auf der Kuppel, lag auf dem Sattel. Roberto stülpte den Helm über seinen Kopf und zurrte den Riemen unter dem Kinn fest.

Sofort brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Er ließ das Sonnenschutzvisier herabfallen. Von seinem Gesicht war jetzt nichts mehr zu erkennen. Er begegnete seinem Blick im Spiegel der Maschine – er sah aus wie ein Marsmensch. Durch das getönte Visier hatte die Landschaft eine unwirkliche blaugrüne Färbung angenommen.

Er knöpfte die Lederjacke zu – sie war ebenfalls gebraucht gekauft worden, auch die schweren Stiefel und die Beinschützer, der breite Nierengürtel und die wattierten Hosen.

Nur die Luger unter der Jacke gehörte zu ihm.

Er trat den Kickstarter. Die Maschine röhrte auf. Ölgestank wehte unter dem Visier her in seine Nase. Roberto jubelte die Drehzahl probeweise hoch. Der Lärm der schweren Maschine versickerte ungehört in der Weite des öden Landes.

Er drückte die Yamaha vom Ständer, schwang sein Bein über den Tank, setzte sich zurecht. Er zog die Kupplung, legte den ersten Gang ein, ließ die Kupplung kommen.

Gehorsam setzte sich das schwere Gefährt in Bewegung.

Roberto Tardelli lächelte, als er die schmale Felsrinne ansteuerte, durch die er in das staubige Tal zwischen den steilen Gebirgswänden hinunterrollen würde.

Obwohl er unter der dicken Kluft schwitzte, fühlte er sich wohl mit der gebändigten Kraft der leise vibrierenden Maschine zwischen den Schenkeln.

––––––––

image

2

DER DODGE HATTE DIE unbefestigte Fahrstraße erreicht, die in engen Windungen durch das Tal des Ojos Negros auf die Nationalstraße nach Ensenada führte.

Die Räder wirbelten den feinen Staub auf, der einen mehligen, knirschenden Belag auf Robertos Zähnen bildete und trotz des Helms in seine Nase und in die Augen drang. Reglos stand der feine braungraue Staub wie ein Schleier in der unbewegten Luft.

Plötzlich verriss der Fahrer des Dodge das Steuer.

Das war für Roberto ein Zeichen, dass der Bursche am Lenker ihn bemerkt hatte.

Roberto drehte auf. Die Show konnte beginnen.

Die Maschine schoss vor. Erschreckt presste der Driver in der Limousine den Fuß aufs Gas. Die breiten Reifen schleuderten feine Steinsplitter gegen den Windspoiler der Yamaha und das dunkle Visier des Helms, wo sie ein hartes Prasseln erzeugten wie Hagelkörner.

Der Dodge begann zu tanzen. Er sprang über eine Rinne, die Reifen verloren für einen Moment den Kontakt mit dem Boden. Dann krachte die Kiste schwer aufs Fahrgestell, die Bodenwanne schrammte über dem Felsen. Funken stoben. Die Kiste schlingerte nach links auf den Abgrund zu.

Unten lag das ausgetrocknete Flussbett des Ojos Negro, der nur für eine kurze Zeit im Frühjahr schäumendes Wasser zur Küste leitete. Dürre Mesquitesträucher und staubige Antilopenbüsche stellten die einzige Vegetation dar.

Der Wagen schlingerte auf die Mitte der einsamen Straße zurück. Der Fahrer versuchte, ihn wieder in die Spur zu zwingen. Für den Moment gelang es ihm. Aber nur eine halbe Meile voraus beschrieb die Straße eine scharfe Rechtskurve.

Roberto rückte auf. Durch die getönte Heckscheibe des Dodge und das farbige Visier des Helms konnte er vom Fahrer nur das krause Haar erkennen. Rücken, Schultern und Nacken wurden von der Sitzlehne mit der hochgezogenen Nackenstütze verdeckt. Roberto erkannte, dass der Fahrer sich angeschnallt hatte.

Da sah sich der Mann kurz um. Das Gesicht hatte sich zu einer Fratze verzerrt. Der Kerl hatte Angst. Todesangst.

Bravo, dachte Roberto. Du sollst schwitzen, du Halunke ...

Würde er sich so verhalten, wie Roberto es sich ausgerechnet hatte?

Der Mann da vorn war Agostino Giona. Einer der ganz wenigen Männer der Mafia, die Zugang hatten zu der 'Fabrik' in den öden Bergen Mexikos, südlich der Grenze von Kalifornien, wo chinesisches Rohopium in hochwertiges, chemisch nahezu reines Heroin verwandelt wurde.

Bisher hatte es nur Gerüchte über den Standort dieser Fabrik gegeben. Ihre Lage war so geheim, dass nicht einmal ein Mann wie Agostino Giona seine Babysitter mitbringen durfte, wenn er der geheimen Fabrik einen Kontrollbesuch abstattete.

COUNTER CRIME war es nach langwierigen Ermittlungen und aufwendigen, geduldig betriebenen Beobachtungen gelungen, die Lage der 'Fabrik' näher zu bestimmen.

Sierra de Juarez, fünfundsiebzig Meilen südlich des Grenzortes Mexicali, dreißig Meilen östlich von Ensenada. Die 'Fabrik' belieferte nahezu alle Mafia Familien, die sich mit dem Handel von Rauschgift befassten, mit Heroin. Mit reinem Heroin, das jeder nach seinem Gutdünken streckte.

Die illegale Fabrik in Mexiko wurde von einem der jüngeren Mafiosi betrieben, einem Kerl der neuen Generation – der Bursche verfügte über Hochschuldiplome gleich dreier Fakultäten, dafür besaß er jedoch keinerlei Skrupel, nur Ehrgeiz. In San Diego führte dieser Knabe ein Luxusdasein. Für die Behörden galt er als absolut tabu, er rangierte so etwa gleich hinter dem Präsidenten. Er hieß Virgil Maiotti und hatte sich einen Platz in der Society – in der High Society erobert. Es hieß, dass er beabsichtigte, für die Wahl zum Bürgermeister von San Diego zu kandidieren.

COUNTER CRIME wollte ihm den Teppich unter den Füßen wegziehen und gleichzeitig dem Rauschgifthandel einen entscheidenden Schlag versetzen. Der Befehl, den Roberto Tardelli von Colonel Myer erhalten hatte, war deshalb ebenso schlicht wie eingängig.

Zerstören Sie die Fabrik!

Ein Mann allein. In einem fremden Land. Nur auf sich gestellt. Angewiesen auf seine Intelligenz, seine Zähigkeit, seinen Mut.

Der Motor war der Hass. Der Hass auf die Mafia, die das Leben seines Vaters und seiner Schwester ausgelöscht und sein eigenes Leben in eine Bahn gezwungen hatte, die ihm zuwider war.

Der Dodge schlingerte auf die Kurve zu. Das Bremslicht flackerte wie ein krankes Auge, das Heck wedelte. Die rechte Flanke schrammte am Felsen entlang. Blech verformte sich, kreischte. Roberto grinste böse. Agostino hatte schon jetzt die Hosen voll.

Der Dodge war hinter der Biegung verschwunden. Roberto legte sich in die Kurve, drehte auf, holte erneut auf. Die Straße fiel jetzt ziemlich steil zur Küste hin ab. Weit voraus konnte er tiefblau das Meer erkennen.

Alles war voller Staub. Die hintere Stoßstange des Dodge befand sich nur wenige Yards vor seinem Vorderrad.

Agostino riss das Steuer nach rechts. Wieder schepperte die Flanke über die scharfen Felsvorsprünge. Der Wagen bekam einen heftigen Stoß und trieb nach links hinüber, dorthin, wo sich der Straßenrand übergangslos mit dem Geröllhang verband. Die linken Räder sackten weg.

Die Bodenwanne krachte über Steine, die ganze Auspuffanlage wurde abgerissen.

Roberto ließ sich zurückfallen. Nur eine Viertelmeile voraus traf die unbefestigte Bergstraße auf die Betonstraße nach Ensenada. Er musste die Sache zum Abschluss bringen, bevor doch jemand aufmerksam wurde. Roberto musste auf jeden Fall ein Rendezvous mit der mexikanischen Polizei vermeiden.

Er zielte auf den rechten Hinterreifen und zog ab.

Der Reifen wurde sofort von der Felge zerquetscht. Der Dodge neigte sich nach links. Die Schnauze wies bereits abwärts. Der Wagen rutschte von der Straße und trieb inmitten einer Gerölllawine den Abhang hinunter. Staub stieg auf.

Roberto hatte sein Motorrad angehalten. Er sah dem abrutschenden Wagen nach, bis er unten liegenblieb. Steine kollerten den Hang hinab. Ein schartiger Felsbrocken knallte gegen die Beifahrertür. Es wurde still. Sehr still.

Da flog die Fahrertür auf. Durch den grauen Staub erkannte Roberto eine Bewegung.

Agostino Giona stieg aus. Schwankend rannte er davon, auf die Betonstraße zu. Der in der Luft hängende Staub verzerrte die Konturen seiner schwammigen Gestalt.

Roberto stützte den linken Arm auf den Lenker der Yamaha und legte das rechte Handgelenk in die geöffnete Linke. Er zielte sehr sorgfältig, denn die Schüsse sollten dem Mafioso Angst einjagen, ihn aber keinesfalls treffen.

Zweimal schnell hintereinander drückte er ab.

Agostino Giona hörte die donnernden Detonationen und ließ sich fallen. Reglos blieb er liegen. Ein schwitzender, von Todesängsten geschüttelter Gangster, der anderen gegenüber noch nie Erbarmen gekannt hatte.

Roberto steckte die Kanone weg. Er legte den Gang ein und gab Gas.

Mit röhrendem Donnern brauste er davon.

––––––––

image

3

IN SANTO TOMAS SÜDLICH von Ensenada, einem kleinen Küstenort, hatte er eine verfallende Lehmhütte gemietet. Die Hütte lag am Rand der ehemaligen Fischerstadt. Fischer gab es in Santo Tomas schon lange nicht mehr, dafür beherbergte sie jetzt einen besonderen Schlag von Touristen ausgeflippte Manager, frustrierte Künstler, amerikanische Wehrdienstverweigerer, Hippies, Spinner aller Sorten. Tagsüber verkrochen sie sich in ihren Höhlen, den Bretter und Wellblechbuden oder in den Zelten, die sie zwischen den Olivenbäumen oder am Strand aufgestellt hatten. Abends und nachts bevölkerten sie die Strände.

Äußerlich unterschied sich Roberto nicht im mindesten von ihnen, auch wenn er wie einer der Rocker oder Hell’s Angel aussah, die oben in den Bergen leben sollten. Doch diese Straßenwölfe traten in Rudeln auf. Ein einzelner Motorradhippie signalisierte im Allgemeinen wenigstens friedliche Absichten.

Diesen Ort hatte Roberto Tardelli als seinen eigentlichen Stützpunkt gewählt.

Er bog von der Hauptstraße ab und rollte in mäßigem Tempo an einem Tomatenfeld vorbei. Weit im Süden tuckerte ein altersschwacher Traktor zwischen den staubbedeckten Pflanzen einher. Sonst war kein Mensch zu sehen. Ein schwarzer, bösartig aussehender Köter döste am Straßenrand in der Sonne.

Die Hütte verfügte über eine eigene Zufahrt, die von den anderen Lehmhäusern nicht eingesehen werden konnte. Roberto schob die Maschine sofort in den windschiefen Verschlag, der früher einmal als Bootsschuppen und Lagerraum für die Fischernetze gedient hatte.

Als er die Tür hinter sich Schloss, entfaltete er eine fieberhafte Tätigkeit.

Er zog die dicke Motorradkluft aus. Nur mit der Unterhose bekleidet lief er nach draußen zum Brunnen. Er zog einen mit Wasser gefüllten Eimer herauf und wusch sich notdürftig. Dann ging er ins Haus.

Sein Anzug lag auf dem Rohrstuhl bereit. Er zog sich an, wobei er auf den guten Sitz des Hemdkragens achtete. Er ging noch einmal in den Verschlag zurück, wo er die Luger holte. Er steckte sie in die Feder klammer, die er am Gürtel trug.

Wenig später schlenderte Roberto über die verlassene Dorfstraße auf den Platz vor der Kirche zu. Die Kirche hatte einen plumpen Turm. Der Lehmputz war größtenteils abgeblättert. Von den blass roten Ziegeln des Turmdaches waren die meisten ins Innere gefallen.

Die Tür der cantina, des einzigen Lokals in diesem Teil des Ortes, stand offen. Roberto schlüpfte durch den Schnurvorhang. Nach der blendenden Helligkeit draußen schloss er kurz die Augen. Es roch nach gebratenem Fisch und Tequila, nach billigem Parfüm und Schweiß.

Auf der Bank hinter der Theke lag ein Mann. Er hatte einen fleckigen Hut über sein Gesicht gelegt. Unter dem Hut drangen laute Schnarchtöne hervor.

Roberto hob den Hut an. Das Schnarchen ging unverändert weiter. Die vollen Lippen des Mannes zitterten, die Schnurrbartenden zitterten, und die Nasenflügel ebenfalls. Das schwarze Haar klebte schweißfeucht in der Stirn.

Roberto hob eine leere Flasche an und knallte sie auf die Theke.

Das Schnarchen setzte einen Moment aus, ging dann umso heftiger weiter. Roberto schüttelte den Mann, wobei er einen schrillen Pfiff ausstieß.

„Madre de dios!“ Wie von der Tarantel gestochen fuhr der Bursche in die Höhe. Die Augen waren geöffnet, doch der Blick war leer, kehrte erst langsam in die Gegenwart zurück. Der Schwarzhaarige wischte sich über das Kinn. Es war unrasiert und kratzte laut. „Francisco! Hast du mich erschreckt!“

Roberto, der sich hier der Einfachheit halber Francisco nannte, lächelte, ohne sich seine Ungeduld anmerken zu lassen. Wer es eilig hatte, stieß bei diesen Menschen auf passiven Widerstand. Er kannte Amado, den Besitzer der cantina, inzwischen gut genug um zu wissen, wie er ihn nehmen musste. Er lächelte in das zerknitterte Gesicht hinein.

„Entschuldige“, sagte er. „Ich hätte dich niemals gestört, wenn nicht etwas Schlimmes geschehen wäre ...“ Amados sanfte braune Augen nahmen einen bekümmerten Ausdruck an. „Du verlässt uns, Francisco?“ Roberto schüttelte den Kopf. „Du meinst, weil ich mich in Schale geworfen habe? Nein, nein ... Ich habe ein Telegramm bekommen“, behauptete er dann. „Ein Freund von mir ist in Not, verstehst du?“

Amado nickte. Er tastete nach einer vollen Flasche Tequila, dem Tröster in allen Lebenslagen.

„Ich muss nach Ensenada, und zwar schnell. Mein Freund wartet dort auf mich ...“

„Ts, ts“, machte Amado. „Der Bus ist weg ...“

„Ja, der Bus ist weg ...“ Roberto nahm das Glas, das Amado ihm hinschob. Er leerte es auf einen Zug und schnalzte genießerisch mit der Zunge, dabei mochte er das Zeug gar nicht. „Und das Motorrad hat einen Platten.“

„Ts, ts“, machte Amado erneut. „Ich würde dir ja meinen Wagen geben ...“

Dieses Angebot hatte Roberto hören wollen. Doch was sollte die Möglichkeitsform? Er starrte sein Gegenüber an.

„Aber das Benzin ist alle.“

Roberto schloss die Augen. In seinen Ohren rauschte das Blut. Wenn er nicht vor Agostino Giona in Ensenada eintraf, war alles umsonst gewesen. Der sorgsam eingefädelte Plan nur noch einen Dreck wert. Monatelange Vorarbeiten umsonst. Denn wenn seine Aktion jetzt platzte, würde Giona rasch dahinterkommen, dass die Szene draußen in der Felsenwüste getürkt gewesen war.

„Kein Tropfen mehr?“, fragte Roberto heiser. Er hatte fest mit Amados Volkswagen gerechnet. Der Käfer war zwar uralt, aber das einzige Fahrzeug weit und breit, auf das man sich verlassen konnte. Nur – ohne Benzin lief selbst ein Volkswagen nicht.

„Nein. Emilio bekommt erst nächste Woche wieder eine Lieferung.“ Großer Gott! Emilio besaß die einzige Zapfsäule westlich der Schnellstraße.

„Ich habe einen Reservekanister in meinem Schuppen“, sagte Roberto hastig. „Ich hole ihn.“

Amado kratzte sich am Kopf. Er runzelte die Stirn, leckte sich die Lippen, trank ein Glas Tequila. Roberto wischte sich die feuchten Handflächen an der hellen Hose ab. Amado fühlte sich überrumpelt. Entscheidungen solcher Tragweite wollten durchdacht sein.

„Mein Freund wartet“, sagte Roberto. „Gib mir den Schlüssel.“

Amado kramte unter der Theke herum. Schließlich fand er den Zündschlüssel. Aufatmend nahm Roberto ihn in Empfang.

„Die rechte Tür klappert, und ich glaube, die Lenkung zieht etwas nach links. Die Handbremse funktioniert nicht. Und wenn du vom dritten in den vierten Gang schalten willst, musst du zwischenkuppeln. Aber sonst“, versicherte Amado, „ist der Wagen prima in Ordnung ...“

––––––––

image

4

DER WAGEN SCHAFFTE die Strecke nach Ensenada in weniger als fünfzehn Minuten. Roberto bog kurz vor der Stadt in das weitläufige Gelände einer Raststätte ein. Er parkte den Volkswagen in der Nähe der Tankstelle. Als er sicher war, dass er nicht beobachtet wurde, betrat er das Restaurant. Eine der beiden Telefonkabinen im Vorraum der Toilette war frei. Er betrat die Zelle und schloss die Tür hinter sich. Er wählte eine Telefonnummer in Ensenada. Es meldete sich jemand auf Spanisch.

„Hotel Miranda! Was können wir für Sie tun, Señor?“

„Verbinden Sie mich mit Mr. Gionas Suite“, sagte Roberto.

„Augenblick, Señor ...“

Roberto wartete. Giona konnte noch nicht zurückgekehrt sein. Seine Babysitter würden sich am Swimmingpool vergnügen, aber einer musste das Telefon bewachen.

„Ja?“, meldete sich eine Stimme. Sehr kühl, sehr knapp.

„Hör mir jetzt sehr genau zu, Amigo“, sagte Roberto, „was ich sage, sage ich nur einmal ...“

„Hören Sie, wenn das ein Witz sein soll ...“

„Hast du mich so schlecht verstanden? Ich sagte, du sollst mir genau zuhören! Dieses ist ein Anruf aus San Diego, und was ich zu sagen habe, ist ein Befehl vom Boss. Ihr sollt sofort abreisen sofort! Und euch heute Abend um elf Uhr in der Garage einfinden.“

Die 'Garage' war das Hauptquartier der Hitmen in San Diego. Von dort aus wurden die Sicherheitsmaßnahmen für die 'Fabrik' jenseits der Grenze gesteuert. Die 'Garage' wurde von COUNTER CRIME überwacht. Roberto war es gelungen, zwei Wanzen in das Gebäude zu schmuggeln.

„Mann, was soll das? Wer sind Sie?“

„Seit wann flüstern wir Namen ins Telefon?“, konterte Roberto.

„Aber Agostino ...“

„Agostino? Wer ist Agostino?“ Robertos Stimme wehte wie ein eisiger Hauch durch den Draht. Er konnte sich vorstellen, wie der Bursche am anderen Ende des Drahtes erschauerte.

„Wenn das so ist ...“

„Ja, so ist es. Es gibt keinen Agostino mehr. Denkt daran – um elf Uhr werdet ihr in der Garage erwartet.“ Roberto legte auf. Ein dünnes Lächeln spielte auf seinen Lippen.

Die Kerle würden ein höllisches Tempo vorlegen müssen, wenn sie rechtzeitig in San Diego eintreffen wollten.

Sie würden es nicht schaffen. Unter keinen Umständen. Denn an der Grenze hinter Tijuana würden zwei höfliche Herren stehen, die sich als Beamte der Einwanderungsbehörde ausweisen würden. Sie würden eine Unstimmigkeit in den Pässen der drei Gorillas entdecken und die Herren erst einmal am Betreten der Vereinigten Staaten hindern.

Roberto verließ das Gebäude. Draußen war es sehr heiß. Er steuerte einen unauffälligen braunweißen Chevrolet Concour an, der unter schattenspendenden Eukalyptusbäumen stand.

Er schloss den Wagen auf, setzte sich hinein und fuhr nach Ensenada. Dort hatte er in einem Motel unweit des kleinen Flugplatzes einen einfachen Bungalow gemietet. Dort würde er warten. Wie die Spinne im Netz.

Die Lunte brannte.

––––––––

image

5

FÄHRT DIE KISTE NICHT schneller?“, heulte Agostino Giona. Er hämmerte auf die Fensterkante.

Der Fahrer sah ihn aus großen Augen an. „Señor?“, fragte er betroffen. Der Lastwagen dröhnte. Durch die offenen Fenster strich der Fahrtwind.

„Ah, Mann, fahren Sie! Fahren Sie!“ Er wusste, dass der armselige Bauer ihn nicht verstand. Er hatte mit so einem klapprigen Gemüsewagen vorliebnehmen müssen. Denn niemand sonst hatte gehalten, als er endlich die Küstenstraße erreichte. Niemand. Die hochnäsigen amerikanischen Touristen nicht, und die wenigen Mexikaner schon gar nicht. Wer hielt schon an, wenn da eine fette, schwitzende Gestalt am Straßenrand winkte, ein Mann mit zerrissenem Anzug und staubbedeckten Schuhen. Erst als er auf die Idee verfallen war, mit einer Dollarnote zu winken, hatte jemand angehalten. Ein stinkender Bauer mit seinem alten Ford.

Agostino starrte aus dem Fenster. In seinem Innern war alles leer, wie erstorben.

Die Felder auf der rechten Seite der Straße wiesen ein üppigeres Grün auf. Über den Rasenflächen kreisten die Wassersprenger. Flache, schneeweiß leuchtende Gebäude lagen in hübschen Vorgärten. Riesige Reklamewände säumten die Straße. Ihre Beschriftung wies auf die Bars und die unzähligen Motels der Stadt hin, in denen der amerikanische Tourist sich wohlfühlen sollte.

Agostino Giona verzog das Gesicht. Er hasste die Hitze und den Staub, er hasste sogar das Meer, das auf der linken Seite wie ein blauer Spiegel bis zum Horizont reichte.

Vor einem Motel stand ein Taxi. Die Fahrgäste stiegen gerade aus.

„Halt!“, schrie Agostino dem überraschten Bauern zu. „Anhalten! Stopp!“

Erschreckt trat der verwirrte Mann auf die Bremse. Ratternd kam der Wagen zum Stehen. Agostino Giona drückte dem Mann noch einen Dollar in die Hand, dann stieg er aus.

„Adios, Señor!“, rief er.

„Ach, fahr doch zur Hölle, du Schnecke!“, knurrte der Mafioso gereizt. Wütend schmetterte er die Tür ins Schloss. Er watschelte auf das Taxi zu. Der Fahrer wollte soeben abfahren.

„He!“, schrie Agostino. „He! Du verdammter Halunke! Warte gefälligst!“ Er riss die hintere Tür auf und. ließ sich auf die Sitzbank fallen. Der Kunststoffbezug war glühend heiß.

Gern hätte er das schwarze Jackett ausgezogen, doch das ging nicht, weil er ein Schulterholster trug. In dem Holster steckte ein 32er Colt. Warum musste er auch schwarze Anzüge tragen, dachte er.

„Hotel Miranda. Aber schnell! Pronto! Vite! Mach schon!“

„Si, Señor, schnell. Ich verstehe.“ Der Fahrer gab seinem Taxi die Sporen, und die Kiste schoss davon.

Das Miranda lag nicht weit vom Strand entfernt. Palmen wiegten sich in der leichten Brise. Die Wagen, die auf den Parkplätzen der Hotels und Motels standen, trugen amerikanische Kennzeichen.

Die Reifen des Taxis knirschten über die mit Muschelkalk bestreute Hoteleinfahrt. Agostino drückte dem Fahrer ein paar Scheine in die Hand, dann sprang er aus dem Wagen und rannte zu der Depandance hinüber, wo er und seine Boys eine ganze Suite bewohnte. Das Haus lag hinter blühenden Mimosen Büschen. Er rannte über den geplatteten Weg, wobei der Schweiß in hellen Bächen über sein Gesicht rann. Glitzernd wie ein kostbares Juwel lag der Swimmingpool in einer schattigen Mulde. Unter dem Laubengang saßen die anderen Gäste, plaudernd, lachend. Der Mixer hinter der Bar hantierte mit dem Shaker.

Agostinos Mund war knochentrocken. Er verdrängte den Gedanken an einen kühlen Drink. Er stürmte in das Haus, rannte nach rechts, stieß die Glastür zu dem kleinen Flur auf, an dem seine Räume lagen.

Er drehte den Knauf zu seinem eigenen Living Room.

Die Tür ließ sich nicht öffnen.

Er spürte einen warnenden Stich in der Herzgegend. Er ging weiter. Hinter der nächsten Tür befand sich sein Schlafraum. Er drehte den Knauf, wuchtete seine Schulter gegen das Holz.

Nichts. Die Tür war verschlossen.

Panik schnürte ihm die Kehle zusammen. Seine Knie wurden weich, als er sich an der Wand entlang schleppte zur dritten Tür. Dort hausten die Gorillas. Drei Kerle. Danilo, Michele und Cobb. Seine Leibwache. Sein Statussymbol innerhalb der Organisation. Doch nicht nur das. Er war schon wer. Er brauchte die Kerle. Denn sein Job erforderte Burschen, die ihre Kanonen, Messer und Fäuste nicht nur zur Dekoration mit sich herumschleppten. Er selbst hatte sie ausgesucht. Sie waren ihm treu ergeben.

Meinte er jedenfalls.

Auch die dritte Tür war verschlossen.

Agostino Giona schleppte sich nach draußen. Im Haus war es angenehm kühl gewesen. Die Hitze traf ihn wie ein Schlag mit einem feuchten Tuch. Er blinzelte, als ihm beißend der Schweiß in die Augen rann. Hinter einem gelbblühenden Strauch blieb er stehen und peilte zum Swimmingpool hinunter. Im Wasser aalten sich zwei süße Bienen und ein blonder Beau. Die Leute am Rand des Beckens schauten ihnen gelangweilt zu. Unter dem Dach in der Nähe der Bar hatten die älteren Gäste Platz genommen.

Seine Bodyguards waren nirgendwo zu entdecken.

Er schwankte auf das Hauptgebäude zu. Erschreckt blieb er stehen, als er die vielen Menschen unter dem Vordach bemerkte. Gerade war ein Bus angekommen, und die Mitglieder irgendeines verdammten Bowlingclubs oder eines Schrebergartenvereins bevölkerten gackernd den Platz.

Was war, wenn der Killer sich irgendwo hier herumtrieb?

Unsinn, sagte er sich, der Killer musste ihn für tot halten, wäre er sonst abgerauscht?

Doch ein Rest Unsicherheit blieb und machte ihm gehörig zu schaffen.

Zögernd näherte er sich dem dreistöckigen Bau mit der kitschigen rosa Fassade. Er quetschte sich inmitten schnatternder Weiber durch die Drehtür und walzte dann durch die Halle. Rücksichtslos schob er sich auf das Pult zu wo zwei Clerks sich abmühten, die Wünsche der Neuankömmlinge zu erfüllen.

Agostino winkte mit einer Zehndollarnote. Ein glutäugiger Lackaffe von Clerk wurde aufmerksam. Agostino drückte einen grellbunt gekleideten Touristen zur Seite, und als der ihn wütend anfuhr, starrte der Mafioso den Mann nur stumm an. Der Tourist erschrak vor der Drohung, die in diesem Blick lag.

Der Gangster gab dem Clerk das Geld, der es blitzschnell verschwinden ließ.

„Ich dachte, Sie kommen nicht mehr, Sir“, sagte der Bursche.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ihre Angestellten haben es gesagt. Sie haben bezahlt und sind abgefahren.“

„Einfach so?“, fragte Agostino betroffen.

„Pardon, Sir, was sagten Sie?“

„Ach, nichts“, murmelte der Mafioso abwesend. „Nichts ... Sie haben keine Nachricht für mich hinterlassen?“

„Nein, Sir. Stimmt etwas nicht?“, erkundigte sich der Hotelangestellte besorgt.

„Oh, doch, es ist alles in Ordnung.“ Er bemühte sich um ein Lächeln. Es missriet. „Ein Missverständnis, verstehen Sie? Mein Gepäck ...“

„Das haben die Herren mitgenommen.“

Agostino nickte. „Dann ist es gut“, behauptete er. Und den anderen Wagen hatten sie auch mitgenommen. Verflucht. „Besorgen Sie mir ein Taxi. Aber schnell.“

„Sehr wohl, Sir, wenn Sie solange Platz nehmen möchten.“

„Ich warte gleich draußen.“

Agostino Giona quetschte sich wieder nach draußen, obwohl ihm die Hitze dort sehr zusetzte.

Aber der Fluchtinstinkt riet ihm, das Freie zu suchen.

––––––––

image

6

DAS MOTEL HIEß EL PILAR und breitete sich scheinbar ohne feste Umrisse entlang der alten Küstenstraße aus. Jenseits der hässlichen Bretterwände, die man als Schallschutz gegen den Lärm der vielbefahrenen Küstenstraße errichtet hatte, lag der kleine Flughafen der Stadt, der viel von privaten Piloten, aber auch von den kleinen Luftkutschern benutzt wurde, die zu jedem Weekend die Touristen von San Diego, Los Angeles oder Pasadena herüberbrachten.

Roberto hatte die Fenstertüren seines Bungalows weit geöffnet. Er lag in der Tür, die Füße auf einen Hocker gelegt, und sah auf die dunkelgrüne Wand der Oleanderbüsche. Das Meer war weit entfernt. Er konnte nur die gefächerten Wipfel der Palmen sehen und die hohen schimmernden Betonburgen mit den gleichförmigen Apartments, die Tausende von Amerikanern als ihr zweites Zuhause betrachteten, als ihre Fluchtburgen vor der erbarmungslosen Zivilisation, dem Stress, dem Dreck. Mehrmals im Jahr glaubten sie, der Enge und dem anderen Ungemach im Norden zu entfliehen. Dann fielen sie hier ein, hockten aufeinander, betranken sich mit billigem Schnaps, stopften Steaks vom Grill in sich hinein und reisten als Kolonne wieder zurück in die Tretmühle.

Roberto nahm das Glas auf, das griffbereit neben seinem Liegestuhl stand. Orangensaft mit Eis. Er trank, setzte das Glas wieder ab. Sein Jackett hing am Fensterriegel. Die Luger klemmte zwischen seinen Beinen. Die Vordertür hatte er abgeschlossen und verriegelt. Der Tanz konnte losgehen.

Die Schatten wurden länger, und die schwere warme Luft kühlte sich ein wenig ab. Natürlich verfügte Robertos Bungalow über ein Klimagerät, doch die Kiste summte ziemlich laut, und so zog er es vor, bei geöffneter Fenstertür auf seinen Besucher zu warten.

Er hörte die tapernden Schritte, lange bevor die massige Gestalt auf dem mit rissigen Platten bedeckten Weg erschien. Roberto nahm das Glas in die linke Hand, mit der rechten packte er den Kolben der Luger. Die Beine zog er ein wenig an. Noch einmal ließ er seinen Blick über die Umgebung schweifen.

Die winzige Parzelle hinter seinem Bungalow konnte von den anderen Grundstücken aus nicht eingesehen werden. Er hatte es mehrmals überprüft, und er hatte sich überzeugt, dass nur zwei der vier Bungalows, die an seine Parzelle grenzten, vermietet waren. Die Gäste waren Amerikaner. Keine Touristen.

Einer von ihnen betrieb unten in der Nähe der großen Parkplätze am Strand einen Kiosk, in dem er amerikanische Zeitschriften und schwedische Pornohefte verkaufte. Der andere war ein Kaufmann aus Frisco, der während der Sommermonate alle paar Wochen herüberkam um den Hippies die Handarbeiten abzukaufen, mit denen sie sich über Wasser hielten hübsche Ledergürtel oder von indianischen Motiven inspirierten Silberschmuck.

Der Besucher bog um die Ecke. Erschreckt blieb er stehen, als er Roberto erblickte, der ruhig in seinem Liegestuhl lag und an dem kühlen Drink nippte. Die Eiswürfel klickten leise gegen das Glas. Robertos Hand lag locker zwischen seinen Beinen.

„Was wollen Sie, Giona?“, fragte Roberto grob.

Agostino Giona glich einem fetten, ängstlichen Gespenst. Der Schweiß hatte helle Linien in das staubgepuderte Gesicht gegraben. Seine hängenden Wangen zitterten, aus den herabgezogenen Mundwinkeln rann der Sabber. Aus kleinen, schwimmenden Äuglein starrte er auf Roberto Tardelli hinab, während er langsam näher herankam. Der Anzug hatte seine letzte Form verloren. Wie wahllos zusammengenähte Putzlappen schlotterte er um die massige Gestalt.

Erfreut stellte Roberto fest, dass Giona dabei war, sich in eine geradezu selbstmörderische Panik hineinzusteigern. Der Mafia-Jäger kam nicht umhin, Colonel Myers Menschenkenntnis zu bewundern. Bisher hatte der Mann von COUNTER CRIME Agostino Gionas Reaktionen absolut präzise eingeschätzt.

„Sie haben recht gehabt“, gestand der Mafioso kleinlaut. „Sie sind hinter mir her ...“ Er sah sich um. Gionas Hemdkragen war dunkel vom Schweiß. Der Kopf drehte sich zurück. Flehend sah er Roberto an. „Ich ... haben Sie einen Schluck zu trinken für mich? Mann, ich bin total fertig!“

Roberto glitt geschmeidig vom Liegestuhl. Wie zufällig gewährte er dem anderen einen Blick auf die schwere Luger. Er zerrte das Sitzmöbel von der Schwelle und bedeutete Giona, hereinzukommen.

Der Mafia-Gangster atmete hörbar auf, als er sich im Inneren des Bungalows befand. Roberto steckte die Luger gut sichtbar in die Klammer an seinem Gürtel. Er wandte seinem Besucher den Rücken zu, doch er hatte die Flaschen und die Eisbox so gestellt, dass er den Raum im Spiegel über der Kommode genau überblicken konnte.

Agostino Giona hatte keinen üblen Trick auf der Pfanne. Nicht die Spur eines Verdachts regte sich bei ihm. Er kam nicht auf den Gedanken, dass der angebliche Killer, der ihn draußen in der Wüste gejagt hatte, Roberto Tardelli gewesen sein könnte.

Pardon, natürlich nicht Roberto Tardelli. Für ihn nannte sich der Mafia-Jäger ganz anders. Rod Dovani aus Cleveland, Ohio. Caporegime aus der 'Familie' des Don Sergio Tucci. Robertos Background war astrein abgecheckt worden.

Er schaufelte eine Handvoll Eis in ein Glas, kippte großzügig Gin darüber und füllte mit Orangensaft auf. Er drehte sich um und reichte Agostino das Glas.

Der Mafioso grapschte das Glas, setzte es an die Lippen und schlabberte seinen Inhalt in sich hinein wie ein Verdurstender. Er leerte es mit einem einzigen Zug.

Danach bekam er Magenkrämpfe. „Man sollte so kalte Getränke nicht hastig hinunterstürzen“, tadelte Roberto. „Das ist nicht gesund.“ Agostino Giona verzog das Gesicht. Ihm mochte aufgehen, dass ein Magengeschwür bei ihm wohl kaum noch eine Chance hatte, sich in Ruhe zu entwickeln.

Er ließ sich in einen Sessel plumpsen. Ächzend wand er sich aus der durchgeschwitzten Jacke, und mit einem erleichterten Stöhnen riss er die Hemdknöpfe auf. Die Krawatte hing schon längst auf Halbmast. Ärgerlich begann er auch noch, die Riemen des Schulterholsters zu lösen.

„Moment, Moment!“, protestierte Roberto. „Sie wollen sich doch hier nicht etwa häuslich niederlassen?“ Agostino erschlaffte. Mit elendem Hundeblick schielte er zu Roberto hinauf, der mit leicht gespreizten Beinen vor ihm stand. „Aber ... ich weiß doch nicht ...“

„Wenn Ihre Leute hinter Ihnen her sind, wird man Sie früher oder später schnappen, das ist mal sicher.“

„Sie!“, keuchte der Gangster. „Sie wollten mir doch helfen!“

„Da wusste ich nicht, wie schlimm es in Wirklichkeit um Sie steht“, gab Roberto zurück.

„Helfen Sir mir!“, flehte der Mafioso. „Bitte!“

„Ich bin doch nicht lebensmüde“, erwiderte Roberto kalt. „Wenn Ihre Leute dahinterkommen, dass ich hier bin, knallen sie mich ab. Eiskalt, sage ich Ihnen. Wie soll ich Ihnen helfen, wenn ich selbst auf der Abschussliste stehe?“

„Ihre ... Leute stehen doch hinter Ihnen! Sie haben mir doch ein Angebot gemacht, Dovani! Haben Sie das vergessen? Sie haben gesagt, Sie wollten mich übernehmen!“

Roberto starrte den Gangster an. Der Bursche senkte den Blick, heftete ihn auf seine großen Füße. Die Finger strichen nervös über die feisten Schenkel.

„Was ist geschehen?“, erkundigte sich Roberto schließlich. „Erzählen Sie mir alles. Alles, verstehen Sie, Giona?“

Agostino erzählte von dem Killer auf dem Motorrad, der ihn gejagt hatte, und er berichtete, wie er sich schließlich totgestellt hatte. Im Wesentlichen hielt er sich an die Tatsachen. Nun, viel zu verdrehen gab es schließlich nicht. Roberto hörte mit ausdruckslosem Gesicht zu.

Vor drei Tagen hatte er sich an Agostino herangemacht, nachdem die Vorbereitungen abgeschlossen waren. Er hatte sich als Caporegime aus Cleveland zu erkennen gegeben, als Unterboss aus Don Sergio Tuccis 'Familie'. Don Sergio war einer der wenigen großen Mafia Bosse, die nicht zu Virgil Maiottis Kunden zählten. Don Sergio bezog das Heroin, das er im gesamten Norden absetzte, über die klassischen Kanäle.

Agostino Giona kannte Don Sergio natürlich nicht persönlich, aber er wusste von seiner Existenz und davon, dass Don Sergio bei der Commissione, in der alle großen Capi vertreten waren, gegen Maiottis Methoden stänkerte.

Roberto hatte Agostino eine durchaus glaubwürdige Story aufgetischt. Er hatte erzählt, dass es Don Sergio und einigen anderen Capi überhaupt nicht passte, dass Maiotti mit seiner ‚Fabrik‘ den Markt beherrschte und die Preise und die Marktanteile bestimmte. Er hatte einige der alten Importeure ruiniert, indem er sie solange unterboten hatte, bis sie vom Markt verschwunden waren. Jetzt setzte Maiotti die Preise herauf.

Die wenigen übriggebliebenen Importeure und Männer wie Sergio Tucci fühlten sich in ihrer Existenz bedroht. Deshalb, so hatte Roberto Agostino Giona erzählt, habe Don Sergio Virgil Maiotti den Kampf angesagt. Die Commissione in New York habe sich zum Stillhalten verpflichtet. Von der Commissione, so hatte Roberto weiterhin behauptet, habe er die Information, dass Maiotti sich von Giona trennen wolle, und zwar bei nächster günstiger Gelegenheit. Giona habe einen Fehler gemacht, als er vor einigen Wochen einen Transport verloren habe. In der Tat hatten die Männer von COUNTER CRIME der Rauschgiftbehörde von Texas einen Tipp gegeben, und die Narcs hatten einen von Gionas Männern geschnappt, als der gerade zwei Kilogramm reines Heroin über die Grenze bei El Paso schmuggeln wollte.

Agostino Giona hatte die Kröte nicht schlucken wollen. Bei dem Geschäftsumfang waren Verluste in dieser Größenordnung eingeplant. Um ihn vollends zu überzeugen, hatte Roberto die Nummer mit dem Motorradkiller abgezogen. Und jetzt saß Agostino Giona hier bei ihm im Bungalow, ein jämmerlicher, von Panik geschüttelter fetter Verbrecher.

Agostino Giona war für die Sicherheit der 'Fabrik' und für den Transport des Heroins in die Staaten verantwortlich. Ein wichtiger Mann. Jetzt war er übergelaufen.

„Sie haben mir ein Angebot gemacht“, wiederholte Giona anklagend.

„Der Preis ist gestiegen, Giona“, sagte Roberto. „Das verstehen Sie doch, oder?“

„Was verlangen Sie denn, Dovani?“

„Da muss ich erst mit meinem Boss sprechen, aber ich kann mir vorstellen, was er verlangen wird ...“

„Sagen Sie es!“, flehte Agostino Giona.

„Tja, zuerst wird er wissen wollen, wie Sie das Heroin in die Staaten schleusen. Alle Wege, verstehen Sie?“

„Ja, ja ...“

„Dann wird er wissen wollen, wer es übernimmt, wo es übergeben wird ...“

„Ja, ja ...“ Das war alles klar. Agostino Giona würde singen, solange er glaubte, einen anderen Mafioso als Zuhörer zu haben. Doch das war es nicht allein, was COUNTER CRIME und Roberto wollten.

„Und dann noch etwas“, murmelte Roberto. „Das Wichtigste ...“ Er verstummte und sah den dicken Mann skeptisch an.

„Was ist es? Sagen Sie es mir!“

„Don Sergio wird verlangen, dass Sie die Fabrik zerstören.“

––––––––

image

7

AGOSTINO GIONA PRALLTE zurück. Sein Doppelkinn wabbelte, der Unterkiefer fiel herab. „Ich ... äh, ich kann doch nicht noch einmal dort hinauf! Das ist unmöglich!“

„Einmal noch, Giona! Wir zwei! Ich bin bei Ihnen.“

„Nein! Nein!“

„Agostino, hören Sie doch! Bei der Fabrik weiß doch niemand, dass Sie auf der Abschussliste stehen! Die werden doch nicht informiert ...“

„Die Laborleute vielleicht nicht. Aber meine Männer ... Ich habe einen Leutnant und zwei Hitmen oben stationiert ...“

Roberto lächelte beruhigend. „Sie werden doch nicht anrufen, oder?“

„Nein ...“

„Na, sehen Sie! Sie bringen mich rauf. Alles Weitere erledige ich.“

„Es sind nicht nur meine Leute. Es gibt da ein ... ein Camp, in dem Rocker leben.“

Roberto hörte gespannt zu. Das Lager war den Leuten von COUNTER CRIME bekannt. Sie hatten es auf den Aufklärungsphotos, die ihnen von der Air Force zur Verfügung gestellt worden waren, deutlich erkennen können. Eins der unzähligen Camps aus Wellblechbaracken, Zeltbahnen und einfachen Verschlägen, in denen ganze Banden in den Bergen Kaliforniens, New Mexicos und in Mexiko selbst hausten.

„Das sind gar keine Rocker. Oder es sind doch welche, aber sie werden von ... uns bezahlt, damit sie die Fabrik abschirmen. An ihnen kommt niemand vorbei.“

„Außer Ihnen?“

„Außer mir.“

Roberto lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Rocker hatten weder er noch Colonel Myer als Problem betrachtet. Sie waren vorhanden, man würde irgendwie an ihnen vorbeimüssen, okay, das hatten sie einkalkuliert, aber dass diese Kerle von Maiotti und dem San Diego Mob bezahlt wurden, damit sie, wie der sagenhafte Drache den Goldschatz, die Heroinfabrik bewachten, das hatten sie nicht bedacht.

Umso mehr brauchte er Agostino Giona.

„Okay“, sagte er. „Dann werden Sie und ich bis zum Camp hinauffahren. Sie werden mit den Brüdern dort palavern, und dann geht’s weiter.“

Der Mafioso schüttelte störrisch den Kopf. „Die Kerle hören nicht auf mein Kommando. Ich weiß nicht, wessen Befehlen sie gehorchen, aber jedenfalls nicht meinen. Vielleicht gibt es ein Funkgerät im Camp, oder in San Diego lassen sie eine Brieftaube fliegen ... Sie wissen jedes Mal Bescheid, wenn ich komme. Wie gesagt, von mir nicht.“

Roberto fluchte lautlos vor sich hin. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn es beim ersten Anlauf geklappt hätte. Bisher war alles glatt verlaufen. Zu glatt. Diese ewig misstrauische Verbrecherbande traute einem Burschen wie Giona nicht. Sie traute niemals einem einzelnen Mann. Es gab auf jeder Stufe mehrere Sicherheitsschleusen. Er, Roberto Tardelli, hätte es wissen müssen. Giona und drei Männer, die die Fabrik selbst bewachten. Das war eine Gruppe. Die Rocker waren eine andere. Sie unterstand einem Mann in San Diego. Nicht Virgil Maiotti persönlich, beileibe nicht, dieser clevere, supersmarte Knilch gab sich nicht mit solchen Details ab. Der studierten Bilanzen und Absatzstatistiken, verhandelte mit großen Capi und kümmerte sich um seine politische und gesellschaftliche Laufbahn.

„Wer ist Ihr Boss, Giona?“

„Mann!“, stöhnte der Mafioso.

Roberto sah ihn kalt an. Die Zeit brannte ihm unter den Nägeln. Wann würden die anderen Mitglieder des San Diego Mob Verdacht schöpfen? Wann würden sie wittern, dass hier etwas faul war?' Roberto hatte sich ausgerechnet, noch heute Abend in die Berge zu fahren und in der Nacht in die Fabrik einzudringen, um sie zu zerstören. Das Labor dort war illegal. Selbst die mexikanischen Behörden würden es, ohne zu zögern, dem Erdboden gleichmachen, doch COUNTER CRIME bevorzugte eine Methode, die unauffälliger war und es erlaubte, nicht nur die Fabrik zu zerstören, sondern auch die Abnehmer und Verteiler in den Staaten unschädlich zu machen. Das Justizministerium hatte den mexikanischen Behörden einen Wink gegeben, dass man eine Aktion gegen amerikanische Gangster auf mexikanischem Gebiet plante, und die Mexikaner hatten auf inoffiziellem Wege zu verstehen gegeben, dass man eine eigenmächtige Grenzverletzung und ein Vorgehen amerikanischer Dienststellen gegen mexikanische Bürger unter keinen Umständen tolerieren könne, man aber andererseits nicht daran interessiert sei, sich mit US-amerikanischen Gangstern abzuplagen, bis deren Anwälte alle Rechtsmittel ausgeschöpft hätten. COUNTER CRIME hatte diese Botschaft als stillschweigende Erlaubnis aufgefasst, im Grenzgebiet der Baja California, wie diese Provinz hieß, tätig zu werden.

„Wer ist Ihr Boss, Giona?“, fragte Roberto noch einmal. „Antworten Sie, oder verschwinden Sie.“ Er deutete auf die Fenstertür.

Gionas Tränensäcke schienen anzuschwellen. Seine Augen hatten allen Glanz verloren. Roberto blickte den Gangster immer noch kalt an. Dabei konnte er den Mann verstehen. Giona hatte nicht allzu viele Trümpfe in der Hand, mit denen er, wie er meinte, Don Sergios Schutz kaufen konnte. Zur Fabrik würde er Roberto Tardelli alias Rod Dovani nicht führen. Die Rocker stellten eine unbekannte Größe dar. Blieben ihm nur noch seine Kenntnisse der illegalen Wege, über die das Heroin in die Staaten verfrachtet wurde, und einige Interna der Mafia von San Diego.

Agostino Giona reichte Roberto das leere Glas, in dem sich nur ein Bodensatz aus geschmolzenem Eis befand. „Geben Sie mir noch etwas zu trinken“, sagte er rau.

Roberto zuckte die Achseln. Er nahm das Glas und wandte sich der Anrichte zu, wo die Eisbox und die Flaschen standen.

Es war dunkler geworden im Zimmer, und doch sah Roberto die verstohlene Bewegung, mit der Giona nach seinem Colt griff.

Roberto wirbelte herum. Das Glas hielt er noch in der Hand. Ohne zu überlegen, schleuderte er es nach dem Mafioso.

Es landete genau in dessen Gesicht. Das Glas zerbrach. Der Mafioso heulte auf und presste eine Hand gegen die aufgeplatzte blutende Lippe.

Mit der anderen riss er den .32er heraus. Roberto sprang den Mann an.

Gionas Rechte riss den Colt heraus. Der Bursche war überraschend schnell und überraschend geschickt im Umgang mit der Kanone. Während der Arm noch einen Bogen beschrieb, zog der Daumen bereits den Hammer zurück.

Roberto schnellte herum, warf sich zur Seite. Seine linke Handkante sauste herab. Sie sollte Gionas Unterarm treffen.

Agostino Giona warf das ins Rennen, wovon er am meisten besaß – seine Körpermassen. Er sprang auf und stieß seinen Bauch vor. Er hatte zwar keine brettharten Bauchmuskeln, doch die Wucht, mit der sein Bauch Roberto traf, genügte, um den Mafia Jäger wie einen Medizinball durch den Bungalow zu schleudern.

Robertos Kniekehlen stießen gegen den Hocker, auf dem er kurz vorher noch seine müden Füße ausgestreckt hatte. Im torkelnden Fall versuchte er, die Luger aus der Klammer zu ziehen, obwohl er nicht die Absicht hatte, eine Schießerei anzufangen. Die Federale machte kurzen Prozess mit Americanos, die missbräuchlich Waffen benutzten. Und von seiner Mission durfte er nichts erwähnen. Niemand, weder das FBI und schon gar nicht die Leute von COUNTER CRIME, jener streng geheim arbeitenden Organisation, konnte es sich leisten, in einen Skandal verwickelt zu werden. Die Mexikaner reagierten da äußerst empfindlich. In der Vergangenheit hatte es zu viele Pannen gegeben. Da half selbst das stillschweigende Einverständnis der mexikanischen Justizbehörden nichts. Ihr Stillhalten galt nur solange, wie die Amerikaner einander in den sonnendurchglühten Bergen die Köpfe einschlugen. Und nicht für eine Schießerei in einem Motel in Ensenada, einem Städtchen, das vom Tourismus lebte.

Roberto stürzte nach hinten weg. Er krachte mit dem Rücken gegen das Fußende des Bettes.

Das Bettgestell bestand aus vielfach verschnörkeltem Messingrohr mit unzähligen Rosetten und vorspringenden Enden, die sich wie die Hörner eines Stiers in Robertos Rücken bohrten.

Der Schmerz entstand in der Mitte der Wirbelsäule, wo er sich wie eine grelle Stichflamme bis in die entferntesten Winkel seines Körpers ausbreitete. Am unangenehmsten wirkten sich die Blitze in seinem Gehirn aus.

Er spürte immerhin den warmen Kolben der Luger in seiner Faust, und er hob den Arm, obwohl er seinen Gegner im Moment nicht einmal sehen konnte. Aber vielleicht konnte er den Fettsack wenigstens einschüchtern.

Er hatte den Halunken unterschätzt. Ein solcher Fehler konnte sich als tödlich erweisen. Kein Zweifel – Agostino Giona hatte Angst. Er befand sich in Panik, und seine Reaktionen waren deshalb unberechenbar. Er war aber auch ein Mafioso, und zwar einer aus der oberen Schublade. Ein Bursche, der während seiner Gangsterkarriere wieder und wieder hatte beweisen müssen, dass er nicht beim ersten Windhauch umfiel, und auch nicht, wenn sich mal ein Unwetter zusammenbraute.

„Nicht doch, Dovani!“, drang die Stimme des Gangsters in Robertos betäubtes Hirn. Am Zittern des Bodens konnte er unschwer feststellen, dass Giona auf ihn zu walzte. Inmitten eines grauen Nebels, der sich nur zögernd lichtete, erschien, formatfüllend, die schwammige Gestalt. Unübersehbar war der Revolver in der prallen Faust. Die Mündung wies auf Robertos Kopf. Der fette Zeigefinger steckte unter dem Abzugsbügel.

Verdammt!, dachte Roberto. Du hast dich von einem solchen Fettkloß übertölpeln lassen wie ein blutiger Anfänger.

Er ließ den Arm sinken. Agostino lächelte beifällig, obwohl seine geplatzte Oberlippe blutete. Blut floss über das fette Kinn.

Giona war nicht nur ein Kerl, der zurückschlagen konnte, er war auch gemein.

Sein Fuß flog heran. Roberto unterdrückte einen Aufschrei, als die Schuhspitze gegen sein Schienbein knallte. Er presste eine Hand auf die getroffene Stelle.

„Tut’s weh?“, erkundigte sich Giona scheinheilig.

„Was ist in dich gefahren?“, zischte Roberto.

Giona grinste hämisch. „Oh, gar nichts. Ich will überleben, das ist alles. Und du wirst mir dabei helfen.“ Er lachte fett. „Ich werde mein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Ich fliege nach Mexico City, und dort kaufe ich mir ein Ticket irgendwohin.“ Der Mafioso lachte wieder. Er gewann Oberwasser.

Roberto hielt es für höchste Zeit, den Knaben auf den Teppich herunterzuholen, wenn er den Job nicht gefährden wollte. Er hatte schon viel zu viel Zeit verloren.

Giona bückte sich, um Robertos Luger an sich zu nehmen. Roberto ließ ihn gewähren, weil er nicht anders konnte. Giona zog sich vorsichtshalber aus Robertos Reichweite zurück.

Ja, Roberto musste etwas unternehmen. Denn wenn Giona sich absetzen wollte, auf eigene Faust unterzutauchen gedachte, musste er alle Brücken hinter sich abreißen. Eine dieser letzten Brücken hieß Roberto Tardelli.

Roberto gab sich keinen Illusionen hin. Der Dicke musste ihn töten, wenn er leben wollte.

––––––––

image

8

ROBERTO RICHTETE SICH auf. Er setzte sich auf das Bett, starrte den dicken Gangster böse an. Er versuchte, den anderen nicht merken zu lassen, wie er sich wirklich fühlte. Er hoffte, dass Agostino Giona sich nicht auch noch als Menschenkenner erweisen würde.

„Manchmal kommt es eben anders, als man denkt“, tröstete ihn Giona. Er grinste. Seine blutverschmierte Fratze wirkte dadurch etwa so menschlich wie die eines angeschossenen Alligators. „Hast du Geld bei dir? Wieviel?“ Er streckte die freie Hand aus und hakte Robertos Jackett vom Fensterriegel. Ohne Roberto aus den Augen zu lassen, begann er, das Kleidungsstück nach der Brieftasche oder der Geldrolle abzusuchen.

In Robertos Ohren begann es zu rauschen wie ein Wasserfall.

In der Brieftasche in seinem Jackett steckte sein Pass. Sein richtiger Pass mit seinem richtigen Namen.

Er stöhnte und krümmte sich zusammen, um Giona abzulenken. Agostino sah kurz auf. Roberto ließ sich zurücksinken.

„Mann, hast du mir welche verpasst!“, keuchte er.

Giona machte keinerlei Anstalten, zu ihm herüberzukommen oder von der Jacke abzulassen. Roberto wälzte sich herum, richtete sich wieder auf. Er schwang seine Beine über die Bettkante, stellte die Füße fest auf den Boden. Das Bett befand sich jetzt zwischen ihm und dem Mafioso.

„Das Geld habe ich hier“, sagte er. Er stand gebückt da. Seine Hände lagen auf der Bettkante, als ob er sich aufstützen musste. Er atmete flach. Es musste ihm gelingen, den Gangster von der Brieftasche abzulenken. Die Nebel in seinem Hirn legten sich langsam, die Schmerzen in seinem Rücken und in seinem Schienbein ebenfalls.

Komm her, du Schweinehund!, dachte er, und starr, als ob er den anderen hypnotisieren wollte, starrte er ihn an.

Agostino Giona erwiderte Robertos Blick. Seine Hand steckte gerade unter dem Jackett. Er klemmte es unter dem Arm fest. Der Colt lag in seiner Linken. Die Voraussetzungen für einen Überraschungsangriff waren ganz günstig für Roberto. Der Fettsack musste nur von der Tür weg. Er musste sich zwischen dem Bett und einer Wand befinden.

„Wo?“, fragte der Mafioso.

„Unterm Bett“, antwortete Roberto. Die Fransendecke verwehrte einen Fernblick unter das Bett, wo sich außer Staubflocken nichts befand.

Zögernd walzte Agostino heran. Der Colt wies auf eine Stelle neben Robertos Schulter. Dahinter lag die Tür zum Bad.

„Drück bloß nicht mal aus Versehen ab“, warnte Roberto. „Ich will nichts mit den Federales zu tun haben!“

„Wenn ich abdrücke, Amigo, brauchst du die Federales nicht mehr zu fürchten.“ Ein gefühlloses Grinsen verzerrte die schwammigen Züge.

Roberto grinste ebenfalls, als er sich gegen das Bettgestell stemmte.

Die Kiste rutschte über den glattgetretenen Teppichboden, immer schneller glitt sie auf Giona zu.

Der Mafioso riss die Schweinsäuglein auf. Da geschah es auch schon.

Die harte Kante des Rahmens traf Gionas Beine eine Handbreit unterhalb der Knie. Dort bedeckten keine schützenden Speckschwarten die Knochen.

Er knickte erst nach vorn ein, dann gaben seine Knie nach. Roberto hatte ein Kissen gepackt. Das schmetterte er dem Gangster gegen den Arm, in dem er die Kanone hielt. Mit der anderen Hand schlug er unter Gionas Handgelenk.

Der Schuss klang gedämpft. Die Kugel fuhr durch das Kissen und klatschte über der Badezimmertür in die dünne Wand.

Roberto rammte Agostino Giona den Schädel in den Kugelbauch. Mit eisernem Griff presste er den rechten Arm des anderen in die Höhe. Federn wirbelten wie Schneeflocken durch den Raum.

Giona wollte sich einfach auf Roberto fallen lassen. Roberto durchschaute gerade noch rechtzeitig die Absicht des Gangsters. Der Halunke hätte ihn glatt zerquetscht. Schwer krachte der Gangster auf den Boden. Roberto setzte ihm einen Fuß auf das rechte Handgelenk. Blitzschnell entwand er ihm den Revolver, dann sprang er zurück.

Agostino Giona lag auf dem Teppich wie eine Schildkröte, der die Puste vor Erreichen des Ziels ausgegangen war.

Roberto nahm seine Luger wieder an sich, dann leerte er die Trommel des Colts.

„Steh auf“, sagte er zu dem anderen. „Stell dich nicht so an. Nimm deine Jacke und verschwinde.“

Giona wälzte sich herum. Von unten herauf starrte er Roberto Tardelli an. Wieder begannen seine Wangen zu zittern. „Das ist doch nicht Ihr Ernst, Dovani!“ Er versuchte ein nervöses Lachen, aber er schaffte es nicht.

„Das kannst du doch nicht machen! Dovani! Draußen warten die Killer!“

„Jetzt übertreibst du aber, Giona. Es ist nur einer, und der hält dich für tot. Verschwinde jetzt. Ich brauche meine Ruhe.“

Agostino Giona keuchte. Seine Oberlippe war stark angeschwollen. Das Blut auf seinem breiten Kinn war eingetrocknet. In Robertos dunklen Augen las er nur tödliche Entschlossenheit.

Nein, wer immer dieser Mann auch war, ob der Mafioso für den er sich ausgab, oder der MafiaJäger  er hatte nicht den mindesten Grund, einen Burschen wie Giona zu schonen.

Es sei denn, er erwies sich als kooperativ.

„Hör zu, Dovani! Ich tue alles, was du verlangst!“

„Alles?“, fragte Roberto. Dabei hob er skeptisch die Brauen. Dennoch wirkte er nicht sonderlich interessiert. Ihm war klargeworden, dass er den Weg zur Fabrik allein finden musste.

„Ja, alles, alles bis auf ... ich kann dich nicht zur Fabrik führen, verstehst du? Ich kann nicht! Sie würden mich nicht durchlassen! Und es gibt doch nur den einen Weg ...“ Roberto wandte sich ab.

Er ging ins Bad. Dort ließ er heißes Wasser über ein Handtuch laufen. Er wrang es ein wenig aus, dann ging er in das Apartment zurück und klatschte das Tuch in Agostinos verquollenes Gesicht.

„Okay, Giona“, sagte er müde. „Pack aus.“

––––––––

image

9

AGOSTINOS AUSSAGE DECKTE sich mit den Erkenntnissen, die COUNTER CRIME gewonnen hatte. Es gab nur eine unbefestigte Bergstraße in die Sierra de Juarez, die an einer steilen Rinne endete. Die Rinne war mit Geröll gefüllt. Oberhalb der Rinne kampierten die Rocker, die angeblichen Rocker, wie Roberto inzwischen wusste. Vom Camp der Motorradbande ging es etwa zwölf Meilen im Zickzack über ein von unzähligen Rissen und Spalten zerklüftetes Hochplateau.

Natürlich hätte man mit einem Hubschrauber angreifen können, doch dann hätte man schon einen Kampfhubschrauber nehmen müssen. Das Gelände war so beschaffen, dass ein sich nähernder Helikopter meilenweit zu sehen sein müsste. Ferner barg ein Angriff aus der Luft nicht abschätzbare andere Risiken – wer arbeitete in der Fabrik? Lebten dort vielleicht Chemiker, die gegen ihren Willen von der Mafia dort festgehalten wurden? Wurden ihre Angehörigen gefährdet, falls es zu einer Aktion der Behörden kommen sollte? Und ihr eigenes Leben würde bei einem Hubschrauberangriff ebenfalls bedroht sein, denn die Gangster würden, wenn sie fliehen mussten, ihre Geiseln oder Gefangenen nicht zurücklassen. Außerdem würde ein Hubschrauberangriff, sollte er bekanntwerden, ungleich mehr Staub in der Presse aufwirbeln als eine andere Aktion.

Nein, die Zerstörung der 'Fabrik' war ein Job für eine Ein-Mann-Armee. Für eine Armee mit dem Namen Roberto Tardelli.

Roberto wusste, dass regelmäßig Hubschrauber bei der Fabrik landeten. Das waren, so vermuteten er und Colonel Myer, die Maschinen, die das Rohopium brachten und das Endprodukt, das raffinierte Heroin, abholten. Den Standort der Helikopter hatte COUNTER CRIME bisher nicht ermitteln können.

„Was ist mit den Hubschraubern?“, fragte Roberto.

Giona gestattete sich ein Aufatmen. Zaghaft grinste er. Der andere sprach noch mit ihm, das konnte er als gutes Zeichen deuten.

„Es gibt zwei. Sie stehen unter ... Ansaldos Kommando.“

Da war ein Name. Roberto hätte ihn bereits gehört. „Lorenzo Ansaldo?“ „Ja. Er ist mein Boss ...“

Lorenzo Ansaldo stand im Range eines Capo, demnach müsste Agostino Giona ein Caporegime sein. Virgil Maiotti führte keinen eigenen Titel. Er fühlte sich als Geschäftsmann. Statt mit Autos zu handeln oder Ananas zu importieren, produzierte er Heroin. Einen Vergleich mit den Mafiosi hätte er zweifellos empört zurückgewiesen, auch wenn er engsten mit Don Lorenzos 'Familie' zusammenarbeitete, schließlich brauchte er eine Verkaufsorganisation. Darin unterschied er sich in keiner Weise von jedem anderen Geschäftszweig.

„Was ist also mit den Hubschraubern?“

„Sie bringen das Rohopium hinauf ...“

„Woher kommt es?“

„Aus China, glaube ich.“

„Ich meine, über welche Häfen wird es nach Mexiko hineingebracht?“

„Oh, das ist ganz verschieden. Meistens wird es auf hoher See in zugeschweißten Kanistern ins Wasser geworfen. Es gibt da ein Schiff, eine Jacht. Sie fischt die Kanister auf und bringt sie entweder nach Rosario oder Guayamas, das wechselt.“

Genaueres wusste Giona nicht über die Methode, wie das Rohopium ins Land gebracht wurde. Dafür war wieder eine andere Gruppe verantwortlich. Ein anderer Mafioso im Range eines Caporegime. Aber immerhin, das Wenige, das Giona wusste, konnte helfen, die nächsten Lieferungen Rohopium abzufangen. Roberto vermutete, dass kleine Peilsender an den Kanistern klebten, die der Besatzung der MafiaJacht das Auffinden der wertvollen Ware erleichterte.

„Und das fertige Heroin?“ Sein Abtransport fiel in Gionas Bereich.

„Es wird ebenfalls per Hubschrauber abtransportiert. Meistens jedenfalls. Manchmal packe ich mir auch die Kiste voll und bringe es mit dem Wagen nach Mexicali oder Ciudad Juarez. Das kommt ganz darauf an, wie es am jeweiligen Grenzübergang aussieht ob wir einen unverdächtigen Mann haben der es hinüberschafft, oder sogar einen Mann beim Zoll.“

Die Späher der Mafia lagen immer auf der Lauer. Wenn ein Grenzbeamter oder ein Zöllner einmal einen Fehler machte und die Mafia bekam Wind davon, war er ihr hilflos ausgeliefert. Er wurde so lange unter Druck gesetzt, bis er den Gangstern Tipps gab, wie sie die Grenze passieren konnten. Oder er brachte die Ware sogar selbst hinüber.

Der Hubschrauber flog das Zeug lediglich nach Ensenada oder allenfalls bis Rosario. Dort wurde es unter Gionas Obhut in Motorboote verladen. Kleine Sportboote, wie sie zu Tausenden an der Küste lagen. Die Mafia besaß je drei davon in Ensenada und in Rosario. Die Motorboote brachten die wertvolle Fracht bei Nacht aufs Meer hinaus, wo sie auf die 60-Fuß-Jacht des Don Lorenzo verladen wurde. Was dann geschah, entzog sich Agostino Gionas Kenntnis.

Roberto warf dem Dicken einen Block und einen Kugelschreiber zu.

„Schreib die Namen der Boote und die Bezeichnungen der Liegeplätze auf“, sagte er.

Giona tat, was Roberto verlangte. Okay, dachte der Mafia-Jäger, Agostino Giona war bereit, auszupacken. Er würde ihn Colonel Myer in die Hände spielen. Was er, Roberto, jetzt brauchte, waren handfeste Hinweise, wie er zur Fabrik gelangen und in sie eindringen konnte.

Er hatte die Rinne noch nicht von nahem gesehen, nur auf den Fotos der Air Force. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Giona mit seinem Dodge diesen Canyon passieren konnte. Er fragte ihn danach.

Agostino plusterte sich auf. „Wir haben einen Jeep hinaufgeschafft“, berichtete er stolz. „Und einige Hundert Gallonen Sprit. Die Rocker bringen immer volle Kanister mit, wenn sie in der Stadt waren. Meinen Wagen lasse ich unten stehen ... ließ ihn unten stehen“, berichtigte er sich kleinlaut.

„Okay, du lässt den Dodge unten am Ende der Straße stehen, kletterst die Rinne hinauf und steigst oben in den Jeep?“

„Ja, genau so ist es.“

„Wo steht der Jeep?“, fragte Roberto. Auf den Aufklärungsfotos war von dem Fahrzeug nichts zu erkennen gewesen, trotzdem die Auswerter ihr Geschäft verstanden. Die Mafiosi allerdings auch, wie sich nun zeigte.

„Im Camp natürlich. Sie haben eine Plane über die Mulde gezogen. Da steht der Wagen drin.“

Roberto löcherte den Mafioso noch mit etlichen Fragen. Es wurde dunkel darüber. Beim Zimmer Service bestellte Roberto ein Tablett mit Sandwiches, Salat, zwei Flaschen Rotwein, dazu neues Eis, Orangensaft und Mineralwasser.

Während sie darauf warteten, zog Giona sich aus und stieg unter die Dusche.

Als er zurückkehrte, hatte er ein großes schneeweißes Badelaken um seinen unförmigen Leib geschlungen.

Dann hockten die beiden ungleichen Männer im Dunkeln bei offenem Fenster zusammen, aßen und tranken von dem Rotwein und sahen auf die unregelmäßigen Schatten der Büsche, hinter denen die Lichter der Stadt funkelten.

Roberto hing seinen Gedanken nach. Er musste nach Santo Tomas zurück. Dort musste er das Motorrad holen. Er musste seinen ursprünglichen Plan ändern. Er konnte nicht, wie ursprünglich vorgesehen, mit dem Chevy in die Berge fahren.

„Du kannst den Bungalow haben“, sagte Roberto unvermittelt. „Bis morgen früh.“

Agostino begann wieder zu zittern. „Und was soll ich dann machen?“, jammerte er. „Wenn man mich erkennt ...“

„Willst du für immer hierbleiben? Dieses hier ist doch kein Altersheim, Mann! Selbst dieser miese Schuppen kostet zwanzig Mäuse pro Nacht!“ Das schien den Mafioso zu erschüttern. „Was soll ich denn tun?“, fragte er kläglich.

Roberto tat, als überlegte er. Dann zog er das Telefon zu sich heran und nannte dem Girl in der Vermittlung eine Nummer in Yuma, New Mexiko, im Grenzdreieck zwischen Mexiko, Kalifornien und New Mexiko.

Er legte auf und wartete schweigend. Schon nach wenigen Sekunden schnarrte der Summer, und Roberto griff sich den Hörer.

„Ja?“, bellte er.

„Ihr Gespräch, Sir, bitte ...“

„Hallo?“, rief er.

„Thunderbird Western Motel, Yuma, New Mexico. Sie wünschen, bitte?“

„Verbinden Sie mich mit Mr. Petrone.“

„Augenblick!“

Es knackte in der Leitung, und sofort meldete sich die vertraute Stimme Colonel Myers von COUNTER CRIME, der im Thunderbird abgestiegen war und Robertos Einsatz von dort aus verfolgte. Als Mr. Petrone.

„Ja?“, fragte er vorsichtig.

„Ich bin mit Falstaff einig geworden.“ Roberto grinste, weil Agostino das breite Gesicht verzog. Der Mafioso schien immerhin so weit in der Literatur bewandert zu sein, um diese Shakespeare-Figur des feisten Schlemmers und Prahlers zu kennen.

„Gratuliere.“

„Nur als Bärenführer taugt er nichts. Es gibt da andere Probleme.“

Colonel Myer schwieg.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Petrone“, sagte Roberto mit übertriebenem Enthusiasmus. „Ich schaffe das schon allein.“

„So, schaffen Sie es ...“

„Ja. Nur unser Freund Falstaff macht sich Sorgen. Ich habe ihm versprochen, dass Sie sich um ihn kümmern.“

„Sehr herzlich“, versicherte Colonel Myer.

„Er fährt morgen früh nach Yuma. Nehmen Sie ihn dort in Empfang. Okay?“ Roberto blickte Giona an. Der Gangster nickte nach einigem Zögern. „Sie befinden sich in besten Händen“, versicherte Roberto dem Mafioso. Zu Colonel Myer sagte er: „Falstaff plaudert wirklich sehr nett. Er möchte dem Don gefällig sein, verstehen Sie?“

„Ja, ich verstehe.“ Colonel Myer würde die Rolle des Caporegime aus Don Sergio Tuccis Familie Giona gegenüber solange weiterspielen, bis er alles an Informationen über den San Diego Mob aus ihm herausgequetscht hatte. Dann erst würde er sich dem Mann zu erkennen geben.

Agostino Giona hatte dann die Wahl. Er konnte als freier Mann untertauchen, denn die Aussagen, die er gegenüber COUNTER CRIME machte, konnten nicht gegen ihn verwendet werden.

Oder Giona würde sich den Behörden anvertrauen und offiziell aussagen. Das blieb ihm überlassen. Es kam darauf an, welche Zusage die zuständige Staatsanwaltschaft ihm in Bezug auf seine Sicherheit würde machen können. Und darauf, ob Giona ihr glauben würde, was Roberto bezweifelte. Es gab kein Loch auf der ganzen weiten Welt, in dem sich jemand vor den Killern der Mafia auf Dauer verstecken konnte, außer einem Grab.

„Wann wird er eintreffen? Und mit welchem Verkehrsmittel?“

Roberto rechnete schnell nach. „Ich schätze, er wird irgendwann am Nachmittag an der Grenze eintreffen. Nicht vor drei Uhr.“

„Okay. Ich werde ihn persönlich erwarten.“

„So long, Boss“, sagte Roberto. „Warten Sie!“, rief der Colonel hastig.

„Ja? Was gibt’s denn noch?“

Colonel Myer räusperte sich verlegen. Dann sagte er: „Bei Tijuana ist etwas schiefgelaufen ...“ Robertos Nackenhaare stellten sich auf. Bei Tijuana befand sich der nächste Grenzübergang. Gleich gegenüber lag San Diego. Agostino Gionas Gorillas mussten wie die Teufel dorthin gerast sein. Direkt in die Arme der alarmierten Grenzer und des FBI. So war es ausgemacht gewesen.

„Kann ich reden?“

Roberto presste den Hörer fest ans Ohr. „Ja“, sagte er.

„Es hat eine Schießerei gegeben. Ein Beamter vom Rauschgiftdezernat ist ums Leben gekommen. Eine Figur namens Danilo de Vito wurde erschossen, ein Typ, bei dem es sich vermutlich um Michele Spettrino handelt, liegt schwer verletzt im Hospital aber auf der mexikanischen Seite, und ein dritter Mann ist entkommen.“

Cobb. James Richard Cobb. Killer Cobb wurde er genannt. Dieser Babysitter lief also frei in der Gegend herum und machte den San Diego Mob mobil.

Es kam jedoch noch besser.

„Cobb befindet sich ebenfalls noch auf der mexikanischen Seite. Wir können gar nichts tun ... Wir müssen davon ausgehen, dass er mit San Diego telefoniert hat, um zu erfahren, was los war, und ich gehe jede Wette ein, dass er sich auf dem Weg zurück nach Ensenada befindet. Über seine Absichten und seine Instruktionen gibt es wohl keine Zweifel ...“

„Nein ...“, murmelte Roberto betroffen.

„Roberto?“

„Ja?“

„Ich kann mir vorstellen, was Sie denken. Aber ich weiß noch etwas. Sie hätten es nicht getan.“

„Darauf hätten wir es ankommen lassen sollen, oder?“, gab Roberto aufbrausend zurück. „Noch etwas?“

„Nein. Was werden Sie jetzt tun, Roberto? Niemand nimmt es Ihnen übel, wenn Sie den Job zurückstellen.“

„Wer sollte auch?“, schnappte Roberto Tardelli. „Aber ich bleibe bei der Stange. So long.“ Er warf den Hörer auf die Gabel und starrte den dicken Mafioso an, ohne etwas zu sagen.

Seine Gedanken rasten. Was wusste Cobb? Was konnte er wissen?

Viel konnte es nicht sein, selbst wenn er mit San Diego gesprochen hatte. Vielleicht mit Don Lorenzo persönlich. Lorenzo Ansaldo musste glauben, dass der fingierte Anruf, der Agostino Gionas Babysitter nach San Diego zurückbeorderte, von Giona selbst stammte. Don Lorenzo und auch Cobb konnten nur zu einem einzigen Schluss kommen, nämlich dem, dass Agostino Giona sich absetzen wollte.

Das war eigentlich alles.

Was würden sie unternehmen? Außer natürlich zur Hatz auf Agostino blasen?

Sie würden die Fabrik räumen ...

Roberto starrte ins Leere. Vielleicht schwebte der Helikopter bereits über der Sierra de Juarez?

„Zieh dir was an. Los, Fettwanst, mach schon!“, Roberto schnappte sein Jackett. Er stellte die Luger in die Klammer und sah dem Dicken zu, wie der sich in seine verschwitzten und verdreckten Klamotten zwängte.

„Was ist denn los?“, jammerte Giona. Er ahnte, dass Roberto eine schlechte Nachricht bekommen hatte, doch er hoffte, dass sie ihn nicht betraf.

„Beeil dich. Ich muss weg ...“

„Aber ich sollte doch hierbleiben!“

„Kannst du auch. Aber du brauchst doch einen Wagen, oder?“

„Ja, ja ...“

„Deine Gorillas hatten einen Plymouth, stimmt’s?“

„Ja. Was ist mit dem Wagen?“

„Nichts, Agostino, gar nichts. Ich wollte nur wissen, ob du ein Fahrzeug zur Verfügung hast“, log Roberto.

„Nein, ich habe keins.“

„Deshalb will ich dir einen Wagen besorgen. Komm mit.“

––––––––

image

10

ROBERTO LENKTE SEINEN Chevrolet von der Küstenstraße weg auf das weitläufige Gelände des Rastplatzes. Beim Kiosk und an der Tankstelle funkelten bonbonfarbene Lichter. Das Rasthaus lag dunkel da.

Roberto stoppte den alten Volkswagen. Er schaltete die Lichter aus und blieb abwartend sitzen. Er sah sich um, versuchte, mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen.

Nichts Verdächtiges regte sich.

„Wo ist denn der Wagen, den ich bekommen soll?“, fragte Giona. Er schwitzte schon wieder.

Roberto deutete auf den Volkswagen. Die Kiste sah nicht sonderlich vertrauenerweckend aus. Der linke hintere Kotflügel fehlte, der Außenspiegel war abgerissen, die vordere Haube eingedrückt, als hätte einmal ein Elefant darauf Platz genommen. Er würde Amado fünfhundert US-Dollar für den Schrotthaufen geben und ihm erzählen, der angebliche Freund habe den Wagen gekauft. Das war eine glaubwürdige Story. Amado würde zufrieden sein.

Roberto musste jetzt schnellstens nach Santo Tomas. Er würde das Motorrad nehmen, um in die Sierra zu fahren. Wohl oder übel musste er dieses Mal mit dem Chevy nach Santo Tomas fahren.

Er drückte Giona den Schlüssel in die Hand. „Vergiss nicht zu tanken“, sagte er.

Gionas Augen waren groß und rund geworden. „Damit soll ich fahren? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Du kannst ja auch zu Fuß gehen. Oder dir einen Wagen mieten. Damit Killer-Cobb gleich weiß, wo und wie er dich am leichtesten finden kann.“ Robertos Stimme troff vor Hohn.

Er konnte nicht ahnen, wie nah dieser Gorilla seinem ehemaligen Boss schon gekommen war ...

Agostino Giona wälzte sich aus dem Chevy. Er beugte sich noch einmal herab, starrte Roberto an. Sein Gesicht leuchtete bleich wie der Bauch eines toten Fisches im Halbdunkel.

„Du bist ein harter Brocken, Rod“, sagte er. „Aber auch dich wird es einmal erwischen. Die San Diego Boys sind nicht von gestern.“ Er nickte zu seiner düsteren Prophezeiung, dann schmetterte er die Tür ins Schloss. Roberto wollte gerade abfahren, als der Dicke sich wieder umwandte und noch einmal die Tür Aufriss.

„Ist noch was?“, fragte Roberto barsch.

„Gib mir meine Kanone zurück“, verlangte der Mafioso.

Roberto schüttelte den Kopf. „Nein, Dicker. Vorläufig bekommst du keinen Ballermann. Erst wenn du mit meinem Boss einig geworden bist, vielleicht.“

Giona seufzte und verdrehte die Augen. „Dann gib mir wenigstens ein paar Kohlen! Ich habe kaum noch Bargeld, nur Schecks. Du kannst ’nen Scheck haben ...“

Roberto verzog das Gesicht. „Mit denen kannst du dir was abwischen“, sagte er. Er griff in seine Jackentasche, zog die Geldrolle heraus und blätterte acht Fünfer ab. „In Ciudad Juarez gibt’s neues Pulver“, sagte er.

Giona nahm die Geldscheine. „Mehr nicht?“, fragte er enttäuscht.

„Du sollst schließlich nur bis Ciudad Juarez fahren und nicht in den Puff von Ensenada gehen. Lasse dich nicht unnötig sehen. Mach’s gut, Dicker.“ Roberto startete und gab Gas. Die dicke Gestalt des Mafioso blieb in einer Staubwolke zurück.

––––––––

image

11

JAMES RICHARD COBB, von seinen Freunden Jim, von seinen zahlreichen Feinden Killer Cobb genannt, war eine drahtige Erscheinung. Ein Mann von gut sechs Fuß, mit harten Muskeln, einem glatten, bronzefarbenen Gesicht, das wie poliertes Metall glänzte, und mit einem Ehrgeiz, der seine körperlichen Vorzüge geradezu vortrefflich ergänzte.

Er war es, der Roberto Tardellis Anruf entgegengenommen hatte. Er hatte ohne weiteres geglaubt, dass Agostino Giona in Ungnade gefallen war, und er hatte die Aufforderung, zur Garage zurückzukehren, ohne zu überlegen befolgen wollen. Er hatte dabei die Hoffnung gehabt, dass der Don jetzt endlich ihn, Jim Cobb, in den Rang eines Caporegime erheben würde. Schließlich hatte er sich lange genug absolut loyal seinem Boss gegenüber verhalten, er hatte getan, was man von ihm verlangte, ohne sich jemals zu beklagen oder Forderungen zu stellen. Er war sicher, dass er sich für einen der Top Jobs qualifiziert hatte.

Bis er in die Falle an der Grenze geraten war.

Da war seine Welt zunächst einmal zusammengebrochen. Hatte man nicht nur Agostino Giona über die Klinge springen lassen? Wollte man auch ihn, Michele und Danilo opfern?

Er hatte einen Kerl abgeknallt, der mit einer Maschinenpistole unter dem Arm hinter dem Abfertigungsgebäude hervorgerannt kam. Der Kerl hatte großzügig Blei in der Landschaft verteilt. Michele war aber auch zu dämlich gewesen. Aus irgendeinem nicht ersichtlichen Grund hatte er seine Kanone gezogen und war aus dem Wagen gesprungen. Danilo hinterher. Der Typ mit der MP hatte erst Michele erwischt, und dann hatte er Danilo niedergemäht.

Er, Cobb, hatte als einziger die Nerven behalten. Er hatte dem Schützen eine Kugel in den Kopf gejagt. In der allgemeinen Verwirrung war es ihm gelungen, die Kiste zu wenden und auf Mexikanisches Gebiet zurückzukehren. Bevor die Rurales oder Federales auch nur die Augen öffnen konnten, war er in der Altstadt von Tijuana verschwunden. Dort hatte er Freunde. Burschen, die sich dort vor der amerikanischen Polizei versteckten.

Er hatte zuerst die Garage angerufen. Dort hatte man keine Ahnung davon, dass Agostino liquidiert worden sein sollte. Cobb hatte anschließend bei Don Lorenzo angerufen.

Der Don war aus allen Wolken gefallen.

Zuerst hatte er Cobb beschimpft. Dann, als er sich beruhigt und seinen klaren Verstand zurückgewonnen hatte, hatte er nachgedacht, und Jim Cobb hatte ihn nicht unterbrochen, obwohl jede Sekunde ein paar Cents kostete.

„Agostino hat sich abgesetzt“, meinte Don Lorenzo schließlich. „Oder was ist deine Meinung?“

„Ich weiß es nicht, Don Lorenzo“, hatte Cobb erwidert, obwohl er diese ehrerbietige Mafia-Sprache verabscheute. Diese Makkaronis taten glatt so, als seien diese Bosse wirkliche Herren. Wie die Gutsbesitzer im Süden Italiens. Fehlte nur noch, dass er einem von ihnen die Füße küssen musste.

„Wenn du es nicht weißt, wer dann? Du musst doch wissen, ob es Agostino gewesen ist, der dich angerufen hat!“

„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen“, beharrte Cobb.

„Okay. Such ihn. Such das Schwein. Mach es fertig. Dann meldest du dich wieder.“

„Ja ...“

„Brauchst du irgendetwas? Geld, Eisenwaren ...“

„Für eine Weile komme ich zurecht. Aber wenn ich einen Wagen brauche, oder ... Eisenwaren ... an wen kann ich mich wenden? Ich habe nur die Lady Smith.“

Die Lady Smith war eine automatische Pistole von Smith & Wesson, Kaliber neun Millimeter. Eine Taschenflak, mit der man einen Hubschrauber abschießen oder eine mittlere Jacht versenken konnte.

„Wenn du etwas brauchst, wende dich an einen Freund im Jachthafen von Ensenada. Er heißt Herrera Garrän. Ich werde ihn informieren. Alles klar, Cobb?“

„Alles klar, Don Lorenzo. Nur was ist mit der Fabrik?“

Die Antwort fiel scharf aus. „Die geht dich nichts an, verstanden? Gar nichts.“

„Verstanden, Boss ...“ Cobb ärgerte sich. Er wusste, dass der Don die Bezeichnung Boss hasste.

„Nun gut, Cobb. Morgen Vormittag schicke ich zwei Boys von der Feuerwehr. Bis dahin sieh dich um.“

„Und dann?“, fragte Killer Cobb enttäuscht. Wenn die Spezialisten erst einmal eintrafen, die Mietkiller, die Bluthunde, was wurde dann aus ihm? War er dann schon wieder abgemeldet?

„Dann kannst du untertauchen. Garrän kümmert sich um dich. Mach dir keine Sorgen.“

„Ich dachte, Sie könnten mich brauchen, Don Lorenzo.“ Cobb musste die Gelegenheit ergreifen und seine Ansprüche anmelden. Mutig fügte er hinzu: „Was ist mit Agostinos Job? Der ist doch jetzt frei?“

Lorenzo Ansaldo schwieg. Nach einer Weile sagte er: „Du bist kein Italiener, Cobb ... Aber du bist ein guter Mann, ja, das stimmt. Ich werde mir Gedanken machen. Sagen wir so, wenn du Agostino findest, bevor meine Boys vom Überfallkommando ihn aufscheuchen, hast du eine verdammt gute Chance. Gute Jagd, Jim.“ Der Don legte einfach auf.

Killer Cobb war nach Ensenada gerast. Er hatte seine Chance. Die würde er nutzen.

Er hatte die Strecke abgefahren, die, wie er wusste, Agostino benutzt hatte, wenn er in die Sierra fuhr. Schon kurz nachdem er die Küstenstraße verlassen hatte, hatte er den Dodge unten am Grund des ausgetrockneten Ojos Negro entdeckt. Er hatte den Trümmerhaufen untersucht, die Einschläge der Kugeln entdeckt, aber kein Blut, und keine Leiche.

Killer Cobb war kein Mann, der lange über einem Rätsel grübelte. Er war ein Mann der Tat. Und er verfügte über Phantasie.

Um sieben Uhr dreißig hatte er herausgefunden, dass es nur eine einzige Taxizentrale in Ensenada gab. Um acht Uhr fünfzehn kletterte er vor einem schäbigen Flachdachbau an der Landstraße nach Punta Banda aus seinem Plymouth. Über dem Gebäude erhob sich eine mächtige Kurzwellenantenne. Auf dem Hof hinter dem Gebäude standen ein paar Dutzend Taxis. Die meisten waren kaputt. In der Werkstatt wurde gearbeitet.

Cobb betrat das Gebäude. Aus dem Aufenthaltsraum der Fahrer schlug ihm ohrenbetäubender Lärm entgegen und der Geruch nach Bohnen und starkem Kaffee. Im Gang war es dunkel, doch die Tür zur Kantine stand offen. Er ging auf den Durchgang zu und blinzelte ins Licht.

Niemand achtete auf ihn, den Fremden. Schließlich machte er sich an einen krummbeinigen Alten heran, der gerade mit einem Tablett voller Kaffeebecher von der Kaffeetheke kam.

„He, wo sitzt der Kollege mit dem Mikrofon?“, fragte er auf Englisch.

Der Alte, verstand ihn nicht, aber er winkte einem Kollegen, und der zeigte dem Mafia-Gangster den Weg zu der winzigen Kabine, in der ein Bursche mit dünnem schwarzem Haar und ungesunder Gesichtsfarbe vor einem abenteuerlich anmutenden Funkgerät hockte. Große Kopfhörer an einem Metallbügel bedeckten die Ohren. Als Cobb den Burschen an der Schulter berührte, zuckte der zusammen.

Der Operator stieß wüste Verwünschungen aus, die Cobb nicht verstand. Cobb vergewisserte sich, dass der Knilch Englisch verstand, dann zückte er sein Geldbündel. Ohne etwas zu sagen blätterte er zwanzig Dollar ab. Er war für das abgekürzte Verfahren.

Der Kerl unterbrach sich mitten in einem langen Fluch. Er stierte auf das Geld. Cobb warf es auf das Pult.

„Das sind zwanzig Dollar, Amigo. Die kannst du haben. Für eine ganz einfache Frage. Sowie du sie in das Mikrofon geflüstert hast, gehören die Grünen dir. Comprende?“

„Si, Señor!“

„Bueno. Dann frag mal an, ob irgendwann heute am frühen Nachmittag ein Kollege einen dicken Americano gefahren hat. Einen besonders dicken Americano.“

„Das ist alles? Was ist, wenn einer ...“

„Wenn einer den Americano gefahren hat, soll er herkommen. Hierher. Dann bekommt er ebenfalls zwanzig Dollar.“

Der Operator haspelte seine Frage herunter. Cobb hoffte inständig, dass die Fahrer sich nicht in der Zwischenzeit abgelöst hatten und dass der Kerl, der Agostino gefahren hatte, inzwischen irgendwo bei einer Flasche Tequila hockte.

Drei Fahrer wollten dicke Americanos gefahren haben. Ratlos sah der Operator den Besucher an. Cobb überlegte einen Moment, dann ließ er fragen, wo die Fahrer die dicken Amerikaner aufgenommen hatten.

Eine der drei Antworten entzückte ihn. Am südlichen Stadtrand hatte Agostino das Taxi vor einem Hotel abgefangen, aber der Fahrgast wohnte nicht in dem Hotel. Er war aus einem klapprigen Laster gestiegen.

Don Lorenzo, dachte er, Ihre Feuerwehrbrigade, die schnellen Schießer, die brauchen Sie nicht mehr.

„Er soll herkommen“, sagte Cobb. „Schnell.“ Er lächelte mit schmalen Lippen, als er die Funkbude verließ und draußen auf seinen Mann wartete.

––––––––

image

12

DER ALTE VOLKSWAGEN ruckte erbärmlich, als Agostino Giona von der Küstenstraße abbog und das Motel El Pilar ansteuerte. Er atmete auf, als er den Wagen glücklich auf den Parkplatz rangiert hatte und den Motor abstellte. Er stieg aus, drückte die Tür ins Schloss, verzichtete darauf, die Kiste abzuschließen. Sehnsüchtig sah er auf die erleuchteten Fenster des Haupthauses. An der Bar standen ein paar Männer. Sie tranken kühles Bier. Sein Mund war trocken, und seine Füße wollten sich bereits in Bewegung setzen. Doch da wurde ihm wieder die Drohung bewusst, die über seinem Haupt schwebte. Es konnte immerhin sein, dass ihn zufällig jemand erkannte ... Don Lorenzo hatte noch ein paar Männer in der Stadt, die ihn kannten, die er jedoch nicht kannte.

Schweren Herzens steuerte er den Bungalow an. Er würde sich Eis bringen lassen und Bier. Ja, das war genau das Richtige. Ein paar Dosen Bier, die er auf gestoßenes Eis betten würde.

Er kramte den Schlüssel zu dem Bungalow aus seiner Hosentasche, dann tastete er die beiden hölzernen Stufen zu der vorderen Veranda hinauf. Hier war es stockfinster. Er begrüßte die Dunkelheit, weil er sich in ihrem Schutz sicherer fühlte, aber er verfluchte sie gleichzeitig, weil er das Schlüsselloch nicht finden konnte.

Endlich klappte es. Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloss. Agostino schnaufte erleichtert. Vor Erleichterung hörte er nicht den schnellen, geschmeidigen Sprung, mit dem jemand hinter ihm auf der Veranda landete. Er spürte nur, wie sich ganz plötzlich etwas Hartes in seine Seite bohrte.

Seine Fettmassen erstarrten wie flüssige Butter, die man in kaltes Wasser schüttete. Eine leise Stimme wehte an sein Ohr.

„Keine falsche Bewegung, Fettwanst! Geh jetzt ganz langsam in deine Bude und dreh dich nicht um oder schalte das Licht an, bis ich etwas Anderes sage.“

Agostinos Knie wurde weich. Er stieß mit der Schulter gegen den Türrahmen. Sein Kopf wackelte. Er konnte nicht denken. Es war aus. Alles war aus.

Hinter ihm wurde die Tür ins Schloss gedrückt, dann flammte das Deckenlicht auf. Jemand huschte an ihm vorbei und ließ die Jalousien herunter.

Agostino erkannte den Mann.

„Jim!“, rief er erfreut. „Jim ...“ Die Freude dauerte nicht lange. Sie hielt nur solange an, bis ihm bewusst wurde, dass Jim Cobb ja auf der anderen Seite stand. Dass er, Agostino, ausgestoßen war, noch einmal davongekommen, dass er von geborgter Zeit lebte.

Cobbs blaue Augen glitzerten wie frisches Gletschereis. In der schmalen Faust lag ruhig die schwere Pistole. Niemand wusste besser als Agostino, wie gut Jim mit der Kanone war, und wie skrupellos er sie benutzte.

Cobb lachte auf. Ganz plötzlich. „Mann, ich hätte nie geglaubt, dass du ein solcher Stümper bist! Aber keine Angst, ich werd’s dem Don nicht sagen. Er soll denken, du seist als harter, cleverer Mann gestorben.“

„Jim, was soll das?“, fragte Agostino heiser. Eiskalt rann der Schweiß seinen Rücken hinab. Schwankend bewegte er sich auf einen Stuhl zu.

„Bleib stehen!“, befahl Cobb schneidend. „Du sollst stehend sterben! Es lohnt sich nicht mehr, dass du Platz nimmst.“ Cobb bewegte sich auf das Bett zu. Dort lag das nur noch halb gefüllte Kissen, das schon einmal einen Schuss gedämpft hatte.

„Jim! Hör mir doch zu! Was habe ich dir getan?“

„Du mir? Nichts. Aber du kannst Danilo fragen, denn du wirst ihm bald begegnen ...“

„Danilo? Wo ist er?“

„In der Hölle! Sie haben uns an der Grenze erwartet, Agostino. Du hast uns verraten! Die Narcs oder wer auch immer haben uns erwartet! Sie haben Danilo erschossen und eine Granate hat Micheles Beine erwischt.“

Giona keuchte. „Jim! Jim! Damit habe ich nichts zu tun! Das war nicht ich ...“

Cobb zielte auf Agostinos Bauch. „Eigentlich interessiert es mich einen Dreck, aber um der alten Freundschaft willen, Agostino – warum tust du so etwas?“

„Warum tue ich was? Warum tut der Don so etwas? Warum lässt er mich fallen?“

„Die Geschichte kannst du deiner Großmutter erzählen, falls sie sich für Märchen begeistert ...“

„Jim! Jim! Ich habe es nicht getan!“

„Hast du mich nicht im Motel angerufen und die Nummer mit der Rückkehr in die Garage abgezogen?“

„Ich doch nicht! Da war ein Killer hinter mir her! Ich bin mit knapper Not entkommen! Der Dodge ist hin ...“

„Wer soll mich denn angerufen haben?“

„Der Mann von Don Sergio!“, hauchte Agostino.

„Wo ist er?“

„Das weiß ich nicht ...“

Killer Cobb lachte, als er den Finger krümmte.

Ein dumpfes Wummern erschütterte den leichtgebauten Bungalow.

Die große Kugel drang in Agostinos Brust und schleuderte ihn gegen die Wand.

Der Mafioso ächzte. Seine Wangen erschlafften. Blut quoll aus der Wunde. Er presste die Hände darauf. Langsam gaben seine Knie nach, er rutschte zu Boden.

„Du hast einen Fehler gemacht ...“, hauchte Agostino. Er öffnete die linke Hand. Sie war voller Blut. „Er hat mich reingelegt ...“

„Wer?“

„Rod ... Dovani ...“ Giona schloss die Augen. „Der Wagen ... gehört ihm ...“

Jim Cobb trat näher an sein Opfer heran. Vorsichtig entwand er dem Sterbenden den Schlüssel. Auch er war voller Blut.

Cobb ging ins Bad. Dort spülte er den Schlüssel ab. Der Schlüssel gehörte zu einem Volkswagen. Auf dem Anhänger stand sogar das Kennzeichen.

Als der Gangster in den Wohnraum zurückkehrte, war Agostino Giona gestorben.

Killer Cobb wischte über die Tür, wo er sie berührt hatte, und über den Lichtschalter. Dann drückte er den Schalter mit der Mündung der Pistole nach oben. Es wurde dunkel im Bungalow.

Jim Cobb erreichte unbemerkt den Parkplatz. Dort stand der schäbige Volkswagen. Er hatte beobachtet, wie Agostino in dem Wagen angekommen war. Jetzt setzte er sich hinein.

Die Innenbeleuchtung funktionierte nicht, aber im Handschuhkasten fand der Mörder eine Taschenlampe. Die Birne verbreitete ein rötliches Glimmen. Es genügte, um Cobb die Zulassung finden und die Schrift entziffern zu lassen.

„Amado Espina, Santo Tomas, Plaza Major 12.” Der Mörder warf die Lampe in das Fach zurück, dann schob er den Zündschlüssel ins Schloss und startete.

Vielleicht konnte Amado Espina ihm erzählen, welcher Film hier lief. Er war sehr zuversichtlich ...

––––––––

image

13

ROBERTO TARDELLI LENKTE den Chevrolet von der Straße. Er schaltete die Scheinwerfer aus, als er den schweren Wagen über den holprigen Feldweg auf die Hütte zutrieb, die er gemietet hatte. Er würde den Chevy nicht in den Schuppen stellen können’ der war gerade groß genug, um die Yamaha aufzunehmen, aber er konnte versuchen, den auffälligen Wagen so hinter dem Haus zu verstecken, dass er nicht vom ersten Hippie, der am Haus vorbeikam, entdeckt werden konnte.

Zunächst stellte er den Chevy auf dem Platz beim Brunnen ab. Er stieg aus und verharrte einen Augenblick witternd wie ein wildes Tier, wie es seine Gewohnheit geworden war.

Langsam ging er auf den Schuppen zu. Im Dunkeln stellte er fest, dass die unauffällig angebrachten Marken unversehrt waren. Wäre ein kleiner Lehmklumpen unten an der Tür kante zermahlen worden oder etwas Staub vom Riegel entfernt gewesen, wäre das ein sicheres Indiz dafür gewesen, dass während seiner Abwesenheit jemand in den Schuppen eingedrungen war.

Nichts war verändert worden, also öffnete Roberto die Tür.

Es roch nach Öl und kaltem Metall, nach Gummi und uraltem Holz. Roberto schlüpfte in den Schuppen. Er hakte eine Petroleumlampe von der Wand, mit der er die niedrige Hütte betrat.

Dort zündete er die Lampe an. In ihrem gelblichen Schein zog er sich wieder die schwere Motorradkluft an. Dann suchte er die Vorräte zusammen, die er vor vier Tagen hergeschafft hatte. Er hatte kaum etwas davon verbraucht.

Er schleppte Konserven, Käse und Trockenfleisch in den Schuppen, wo er die Lebensmittel in den Packtaschen der Yamaha verstaute. Am Brunnen füllte er zwei Plastikkanister und eine Feldflasche mit Wasser, die er ebenfalls auf und an der Maschine befestigte.

Nachdem er die Öllampe wieder gelöscht hatte, ging er zum Chevy. Er öffnete die Kofferraumklappe.

Unter der Bodenmatte befand sich ein Geheimfach, das von einer Blechplatte verschlossen wurde. Starke Dauermagnete hielten das Blech fest. Roberto musste die Zündung einschalten, erst dann konnte er die Platte abheben.

In dem Fach hatte er verschiedene Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände versteckt ein zusammenlegbares Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr, eine Bügel MP, einen 38er Revolver, Sprengstoffe, Zünder, Kabel, Batterien, elektronische Spielzeuge verschiedenster Art, vom ferngesteuerten Zünder bis zum Körperschallmikrofon.

Im Schein der Kofferraumbeleuchtung suchte er das heraus, was er möglicherweise brauchen konnte, wobei er berücksichtigen musste, dass er auf der Maschine kaum noch Platz zur Verfügung hatte.

Er entschied sich für das Präzisionsgewehr, einen Karton mit Dynamitstangen, mehrere Zünder, etwas Kabel und eine kleine Auswahl an elektronischem Zubehör.

Er hatte das Zeug gerade zusammengelegt, als er das typische Motorengeräusch eines Volkswagens hörte, der von der Hauptstraße her in die gewundene Straße einbog, die an den Tomatenfeldern entlang zur Fischerstadt führte. Ein Hund begann wütend zu kläffen. Der Wagen ratterte vorbei und verschwand in Richtung Dorf.

Beunruhigt schlug Roberto den Kofferraumdeckel zu, nachdem er seine Ausrüstung herausgenommen hatte. Er bewegte sich rasch und. konzentriert, als er den Schuppen betrat und die Gegenstände an der Yamaha befestigte oder sie in die Packtaschen stopfte.

Dabei ging ihm der Volkswagen nicht aus dem Kopf. In diesem Teil des Ortes gab es nur sehr wenige Autos. Natürlich verfügten einige der Hippies über Wagen. Er hörte sie unten am Strand lärmen. Nicht alle waren arme Schlucker, beileibe nicht.

Unbewusst lauschte er in die Nacht. Das Motorengeräusch war schnell erstorben. Irgendwo an der Plaza ...

Der Volkswagen ... Er hatte ihn Agostino überlassen. Agostino sollte die Kiste dazu benutzen, um nach Ciudad Juarez zu fahren. Und nicht, um hinter ihm, Roberto Tardelli, herzu schnüffeln. Roberto wusste, dass die Zulassung mit Amados Namen im Handschuhfach lag. Weshalb sollte der dicke Mafioso nach Santo Tomas fahren?

Roberto schüttelte den Kopf. Das bohrende Gefühl, die Ahnung einer nahenden Gefahr, hielt an, warnte ihn hartnäckig. Er stieß die Maschine vom Ständer, schob sie aus dem Schuppen. Er hatte Amado noch nichts davon gesagt, dass er den Volkswagen nicht Wiedersehen würde. Er hatte keine Zeit verlieren wollen. Jetzt wollte er eben bei Amados cantina vorbeifahren.

Er stülpte den verschrammten Helm über seinen Schädel, schaltete die Zündung ein und betätigte den Starter.

Die Maschine röhrte satt auf. Roberto nahm sofort das Gas zurück. Das Motorengeräusch ging in ein dumpfes Brummen über.

Er schwang sich in den Sattel und fuhr an, ohne den Scheinwerfer einzuschalten. Die funkelnden Sterne am samtmatten Himmel ließen den Weg gerade noch erkennen. Einige Fenster in den windschiefen Häusern entlang der Dorfstraße waren erleuchtet. Der Kirchturm reckte sich wie eine grobe Faust in die Dunkelheit.

Die Maschine rollte langsam in der Straßenmitte dahin. Roberto konnte bereits das helle Rechteck erkennen, den Schnurvorhang in der Tür der cantina.

Und dann entdeckte er den Volkswagen. Er stand auf der anderen Straßenseite, etwas näher an der Kirche. Die Scheinwerfer oder Rücklichter brannten nicht. Ein hässlicher Hund trottete durch die Rinne, in der das Abwasser aus den armseligen Hütten floss. Der Köter machte einen Bogen um den Wagen, dann platschten seine Pfoten wieder durch das Dreckwasser.

Roberto erkannte den Volkswagen sofort an dem angerissenen Kotflügel und den Schrammen in den grauen Lackresten.

Er presste die Zähne zusammen. Agostino, du Schweinehund, dachte er, dir werde ich einheizen!

Er rollte an der cantina vorbei und wendete vor der Kirche. Da hörte er den Schrei.

Unmittelbar darauf krachten zwei Schüsse.

Roberto tippte auf die Bremse. Die Maschine kam zum Stehen.

Er stellte einen Fuß auf die Straße, wollte gerade absteigen. Da teilte sich der Schnurvorhang, und eine Gestalt schoss aus dem Inneren der Kneipe, rannte auf den Volkswagen zu.

Ein großer, drahtiger Mann. Er trug Jeans und eine dunkle kurze Lederjacke. Etwas an der Gestalt kam Roberto, bekannt vor. Er hatte den Kerl schon mal gesehen.

Wann? Wo?

Die Gedankenverbindung stellte sich ganz automatisch ein. Er hatte Agostino Giona den Volkswagen überlassen. Der Kerl dort war einer von Gionas Babysittern.

Nur einer war der Falle an der Grenze entronnen.

Killer Cobb!

Roberto spürte ein hohles Gefühl in der Magengegend. Cobb hatte den Wagen. Also hatte er Agostino bereits aufgespürt. Und umgelegt. Der dicke Mafioso hatte keine Chance gehabt, und er, Roberto, war mitschuldig an seinem Tod, und dieser Gedanke würde ihn quälen, auch wenn Colonel Myer ihm später tausendmal versichern würde, dass Giona den Tod verdient hatte, dass er es gewesen war, der sich in Gefahr begeben hatte und darin umgekommen war.

Der Killer rannte über die Straße. Roberto fühlte sich eiskalt, als er den Lenker herumschwenkte, bis der Scheinwerfer auf den laufenden Killer wies. Roberto legte seine Hand auf den Lichtschalter, ohne ihn jedoch zu betätigen. Unten am Strand sangen die Hippies. Der Motor der Yamaha blubberte leise.

„Cobb!“, rief Roberto mit schneidender Stimme.

Cobb blieb stehen, als ob er gegen eine Wand geprallt wäre. Er starrte in die Dunkelheit. Er kam aus dem Licht in der cantina. Seine Augen hatten sich noch nicht umgestellt.

Da schaltete Roberto den Scheinwerfer ein.

Der blendendweiße Lichtfinger schoss auf den Mafioso zu und übergoss ihn mit gleißender Helligkeit. Cobb stand starr wie eine Bronzestatue. In der herabhängenden Rechten hielt er noch die Pistole. Sein Gesicht wirkte kalkig im grellen Licht. Die Augen leuchteten wie Katzenaugen:

Er schwenkte in der Hüfte herum. Die Hand mit der Pistole fuhr in die Höhe.

„Tu’s nicht!“, gellte Robertos Stimme.

Killer Cobb hörte nicht. Nur eine Kugel oder etwas ähnlich Wirkungsvolles würde ihn stoppen können.

Roberto hatte bereits den ersten Gang eingelegt. Jetzt ließ er die Kupplung los und riss das Gas auf.

Siebzig Pferdestärken schleuderten die Maschine wie eine Rakete auf den Gangster zu. Das Vorderrad stieg in die Luft, der Strahl des Scheinwerfers fingerte für einen Moment über den Kopf des Killers hinweg und versickerte irgendwo in der Dunkelheit. Dann setzte das Vorderrad wieder auf.

Rasend schnell donnerte die Yamaha auf den Killer zu. Es gab kein Ausweichen.

Eine dunkelrote Flamme fuhr aus der Pistolenmündung auf Roberto zu. Der Mafia-Jäger hatte den Kopf eingezogen. Die Kugel schrammte über Robertos Helm. Der heftige Schlag ließ den Helm wie eine Glocke dröhnen. Der scharfe Knall des Schusses ging im Brüllen der Maschine unter.

Der Rückstoß hatte die Hand des Schützen in die Höhe schnellen lassen. Für einen zweiten Schuss blieb keine Zeit mehr. Cobb duckte sich. Hypnotisiert starrte er auf das heranrasende Ungetüm, in das blendende Licht.

Im letzten Moment versuchte er einen gewaltigen Sprung zur Seite, der ihn in Sicherheit bringen sollte.

Auch Roberto wollte den Gangster nicht überfahren. Ein winziger Schlenker am Lenkrad fiel zusammen mit Cobbs Sprung. Unglücklicherweise folgte Roberto dadurch der Fluchtrichtung des Mafioso.

Der Lenker erwischte Cobb am linken Arm und streifte auch noch seinen Brustkorb. Die Wucht des Anpralls schleuderte ihn herum. Er torkelte wie ein auslaufender Brummkreisel.

Da war Roberto vorbei. Er stabilisierte die Maschine, riss sie dann herum. Das grelle Licht wanderte über den Platz, erfasste den taumelnden Verbrecher.

Killer Cobb ließ sich auf ein Knie fallen. Wieder hob er den Arm. Er stützte den linken Arm auf sein vorgestelltes Knie, presste das rechte Handgelenk auf die geöffnete Linke.

Er würde nicht aufgeben. Roberto riss das Gas bis zum Anschlag auf. Das Dröhnen der schweren Maschine prallte gegen die Hauswände und fiel auf die beiden Männer zurück wie eine zusammenbrechende Woge. Rasend schnell schmolz der Abstand zwischen dem Killer und Roberto zusammen.

Roberto hielt auf Cobbs rechte Seite zu. Roberto spürte die Hitze des tödlichen Bleis, das über seine Schulter fuhr.

Dann war er über dem Killer. Es gab einen heftigen Schlag im Lenker, den er bis in die Schultern spürte.

Er riss die Maschine erneut herum. Das Hinterrad brach aus. Er musste einen Fuß auf den Boden setzen, dann hatte er die vier Zentner Stahl wieder gefangen.

Cobb wälzte sich zuckend im Staub. Roberto schaltete den Scheinwerfer aus. Drei Schritte neben der Gestalt des Gangsters hielt er an. Alle seine Sinne waren gespannt. Ohne den dunklen Umriss des Mafioso aus den Augen zu lassen, bockte er die Maschine auf. Er stieg ab, näherte sich dem Killer von der Seite. Sein Fuß stieß gegen die Hand mit der Pistole. Er setzte die Sohle des schweren Stiefels auf das Handgelenk, dann bückte er sich und wand dem Killer die Pistole aus den schlaffen Fingern. Er berührte sie dabei nur vorn am Lauf.

Cobb stöhnte erbärmlich. Roberto kniete neben ihm nieder. Bevor er sich dem Gangster widmete, sah er sich schnell um. Der Kampf konnte doch nicht unbemerkt geblieben sein!

In den Fensterhöhlen blieb es dunkel, die Türen blieben verschlossen. Nur im Eingang der cantina standen zwei Männer, die stumm hinausstarrten.

Im Augenblick drohte keine Gefahr, doch das konnte sich sehr schnell ändern. Rasch tastete Roberto den Körper des Stöhnenden ab.

Cobb schrie auf, als Roberto gegen die unteren Rippen drückte. Er wollte Robertos Hand von sich stoßen, doch er vermochte den rechten Arm nicht zu bewegen. Wahrscheinlich war er gebrochen.

„Du wirst es überleben“, sagte Roberto gefühllos. Er winkte den beiden Mexikanern in der Tür der cantina. Zögernd kamen sie näher. „Bringt ihn in die cantina“, sagte er.

Cobb schrie gellend auf, als sie ihn anhoben. Roberto sah sich nicht um, als er den Schnurvorhang der cantina teilte.

Er fürchtete sich vor dem, was ihn erwartete. Amados Name stand auf der Zulassung des Volkswagens.

Roberto blieb neben der Tür stehen. Sein Blick fiel auf Amado. Er lebte, aber er sah nicht gut aus. Roberto sprang auf den schnauzbärtigen cantinero mit den sanften braunen Augen zu. Als Roberto den Mann erreichte, verdrehte der die Augen und fiel einfach in sich zusammen. Roberto fing ihn auf und legte ihn auf eine Bank.

––––––––

image

14

EINE SERIE GEMEINER Fausthiebe hatte Amados Gesicht gezeichnet. Das linke Auge war zugeschwollen, die Nase zerschlagen und die Haut über dem rechten Wangenknochen war aufgeplatzt. Zu allem Überfluss hatte er noch einen Streifschuss am rechten Oberarm abbekommen, der heftig blutete.

Eine kleine jüngere Frau betrat zögernd den Gastraum durch die Tür hinter der Theke. Ihre ausdrucksvollen Augen blickten bekümmert auf Amado hinab, als sie neben der Bank stehenblieb. Die wenigen Gäste redeten laut und heftig auf sie ein.

Roberto wusste, dass sie Amados Schwester war. Es gab noch einen Bruder, der am anderen Ende des Dorfes wohnte. Jemand war bereits unterwegs, um ihn zu holen.

Roberto nahm endlich den unförmigen Helm ab. „Er braucht einen Arzt“, sagte er zu Josefa.

Die junge Frau und die Gäste stimmten Roberto eifrig zu, doch niemand machte Anstalten, einen zu benachrichtigen.

„Wir warten lieber auf Paulino“, sagte Josefa schließlich bestimmt. Sie lief in die Küche. Kurz darauf kehrte sie mit einer Schüssel Wasser, Handtüchern und Verbandszeug zurück.

Roberto wandte sich Cobb zu, den die Männer auf den staubigen Boden in der Nähe der Tür gelegt hatten.

Killer Cobb sah nicht besser aus als Amado, aber er war immerhin bei Bewusstsein. Roberto setzte sich auf einen Schemel. Er bemerkte erst jetzt, dass er immer noch die Pistole des Killers am Lauf hielt. Er legte die Waffe zusammen mit dem Helm außerhalb von Cobbs Reichweite ab.

„Was hast du mit Agostino gemacht?“, fragte er den Mafioso.

Der Gangster vergaß vor Schreck zu stöhnen. Roberto sah, wie sich die Augen des Killers weiteten. In den Pupillen spiegelte sich das Licht der nackten Birnen unter der Decke.

„Wer bist du?“, quetschte Cobb hervor.

„Hat Agostino es dir nicht gesagt?“, gab Roberto ausweichend zurück.

„Du bist ... einer von Don Sergios Männern?“

Roberto widersprach nicht. Barsch wiederholte er die Frage nach Agostino Giona. Als Cobb den Schweigsamen mimen wollte, zog Roberto die Luger unter seiner Jacke hervor. Er hielt sie so, dass sein breiter Rücken den anderen Gästen den Blick auf die Kanone versperrte.

Hart presste er die Mündung der Luger unter Cobbs Kinn. „Sag es, oder ich drücke ab.“ Seine Stimme klang gleichmütig.

„Ich ... habe ihn umgelegt. Was denkst du denn? Aber wenn du mich umpustest, bekommst du schweren Ärger mit Ansaldo.“

Roberto lächelte kalt. Er ging auf die Drohung des Mafioso nicht ein.

„Wo hast du Agostino umgelegt?“, fragte er.

„In einem Motel. El Pilar heißt es.“ Mist, dachte Roberto erbittert. Der Bungalow wimmelte nur so von seinen Fingerprints. Er hatte sich zwar unter einem falschen Namen eingetragen, aber wenn die mexikanische Polizei die Prints in die Staaten übermittelte, würde seine Akte um einen Mord bereichert werden, den er nicht begangen hatte. Es sei denn, er servierte den Behörden den Mörder auf einem silbernen Tablett.

„Ich bin verletzt!“, stöhnte Cobb. „Du Sauhund!“ Roberto verstärkte den Druck der Pistolenmündung unter das Kinn. „Du kannst mich doch nicht ...“

„Was kann ich nicht?“

„Mich umlegen!“

„Ich werde es mir überlegen.“ Roberto stand auf und schob den Hocker zurück. Cobb verfolgte jede seiner Bewegungen mit den Augen. Als er sich aufzurichten versuchte, sackte er mit einem Schmerzenslaut wieder in sich zusammen.

„Ich bin schwer verletzt! Besorg mir einen Arzt! Und schaff mich hier weg, bevor die Rurales kommen!“ „Ich habe keine Angst vor der Polizei“, sagte Roberto. Er starrte auf den Gangster hinab. Dessen rechter Fuß stand in einem unnatürlichen Winkel zum Bein. Roberto steckte die Pistole wieder ein. Auf eigenen Füßen würde Cobb nicht weit kommen. „Du bekommst noch früh genug einen Doc“, versicherte er. Er wollte sich abwenden, denn eben war Amado aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht.

„He! warte! Du kannst Geld haben! Viel Geld!“

„Wieviel?“, fragte Roberto.

„Ich habe zweihundert bei mir.“ Er versenkte seine unverletzte linke Hand unter der Jacke und zog ein dünnes Geldbündel hervor. Roberto nahm es.

„Du willst mich veralbern, wie?“ „Mann, du kannst jede Menge haben!“

„An einem Treffpunkt hinter dem Güterbahnhof?“ Roberto lachte.

„Nein! Bestimmt nicht! Schaff mich hier weg! Ich bringe dich zu jemandem, der gibt dir jede Summe, die ich ihm angebe. Bestimmt!“, fügte er hinzu, als er Robertos skeptischen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Name? Adresse? Dann fahre ich zuerst einmal hin.“

Killer Cobb überlegte. Dreißig Sekunden brauchte er, um dahinterzukommen, dass Roberto alle Trümpfe in der Hand hielt und dass er etwas riskieren musste. Man war schließlich unter sich, mochte er denken, auch wenn man einmal Differenzen hatte. Die würden sich unter Ehrenmännern schon aus der Welt schaffen lassen.

„Er heißt Herrera Garrän“, flüsterte er. „Du findest ihn am Jachthafen von Ensenada. Er ist Don Lorenzos Mann in der Baja California ... Aber nimm mich mit, bevor die Bullen aufkreuzen!“

„Wart’s ab.“ Roberto ging zu Amado.

Amado sah Roberto entgegen. Er lächelte unter Schmerzen. „Habe ich dir Schwierigkeiten gemacht?“, fragte er angestrengt.

Roberto schüttelte den Kopf.

„Kam hier rein und fragte nach einem Americano. ‚Was für ein Americano?‘, habe ich gefragt. Ich sagte, unten am Strand sind sie alle. Die Hippies ... Da hat er mir die Faust ins Gesicht geschlagen ... Danach hat er mir fast das Ohr abgerissen und mich mit der Pistole bedroht.“ Tränen erschienen in den sanften Augen. „Verzeih, Francisco.“

„Ich muss dich um Verzeihung bitten, Amado“, sagte Roberto. Er drückte dem cantinero die zweihundert Dollar des Killers in die Hand.

Josefa schob ihn plötzlich zur Seite, damit er Platz für ihren Bruder Paulino machte.

Paulino war ein energischer Bursche. Er untersuchte Amados Verletzungen und kam sehr rasch zu dem Schluss, dass kein Grund zur Panik bestand. Er sah auf und funkelte Roberto an.

„Wer sind Sie, Señor?“, fragte er.

„Ein Freund, Paulino“, versicherte Amado an Robertos Stelle. „Wir können ihm vertrauen.“

Roberto sah auf die Uhr. Seit den Schüssen und dem Kampf zwischen ihm und dem Killer draußen waren schon fast fünfzehn Minuten vergangen. Und immer noch hatte sich kein Uniformierter sehen lassen.

„Hat jemand die Polizei gerufen?“, fragte er.

Nein, niemand hatte es für nötig gehalten, nach der Policia zu schreien. Die Bürger zogen es vor, ihre Probleme ohne Mitwirkung der Ordnungshüter zu lösen. Eine Einstellung, die durchaus Robertos Einstellung entsprach.

Er zog Paulino zur Seite. Als ihn niemand sonst hören konnte, sagte er: „Der Mann dort“, er deutete auf Cobb, „hat in Ensenada jemanden getötet. Einen anderen Verbrecher.“ Paulinos Augen verengten sich. Er hatte Angst.

„Traust du dir zu, ihn nach Ensenada zu schaffen?“

Paulino sah Roberto lange an. Er schien das Für und Wider sorgfältig abzuwägen. Wenn die Rurales hier in Santo Tomas, in Amados cantina, einen verletzten amerikanischen Mörder entdeckten, bekamen sie Schwierigkeiten. Das war nun mal so. Vielleicht kamen eines Tages sogar dessen Komplizen. Er nickte.

„Gut, Paulino. Weißt du, wo das Motel El Pilar liegt?“

„Ja.“

„Bring ihn dorthin. Aber pass auf und vergewissere dich vorher, dass die Polizei noch nicht dort ist. Am Motel parkt wahrscheinlich ein Plymouth mit einer California-Nummer. Den Schlüssel hat er in der Tasche. Setz ihn in den Wagen, Paulino. Hast du verstanden?“

„Si, Señor. Ich werde Concha mitnehmen.“ Concha stand an der Tür. Er war ein stämmiger Bursche mit derben Fäusten.

„Okay“, stimmte Roberto zu. Zwei Männer waren besser als einer. Roberto deutete auf die Automatic, mit der Cobb Agostino erschossen hatte. „Nimm die Kanone mit. Aber ihr dürft sie nur mit einem Tuch anfassen! Leg die Waffe so, dass er sie nicht erreichen kann. Wirf sie am besten in den Kofferraum des Plymouth!“

„Si, Señor. Sie können sich auf uns verlassen.“

„Und noch etwas. Wenn ihr zurückfahrt, haltet irgendwo an einem Telefon. Ruft die Polizei an. Sagt, im El Pilar, im Bungalow Nummer elf, liegt ein Toter. Und sagt der Polizei, wo sie den Mörder finden kann. Hast du alles verstanden?“

„Si, Señor“, versicherte Paulino. Roberto zog seine Geldrolle aus der Tasche. Er teilte sie großzügig und drückte die größere Hälfte dem Mexikaner in die Hand. Er hatte noch genug Geld bei sich. Im Geheimfach seines Gürtels. Und notfalls würde er von COUNTER CRIME neues bekommen. Oder von Herrera Garrän.

Paulino und Concha gingen auf Cobb zu. Sie hoben ihn einfach auf. Der Killer begann zu schreien.

„He, was soll das? He, Kumpel! Du kannst mich doch nicht diesen kleinen Affen überlassen!“

„Bei ihnen bist du in guten Händen. Sie bringen dich nach Ensenada zurück.“ Roberto lächelte ein kaltes, böses Lächeln. Er nahm seinen zerschrammten und verbeulten Helm auf und klemmte ihn unter den Arm.

„Wer bist du?“, hauchte der Mörder. Er ahnte etwas.

„Ich bin Roberto Tardelli“, antwortete der Mafia-Jäger.

––––––––

image

15

JENSEITS DER NEUEN Betonbrücke über das ausgetrocknete Bett des Ojos Negro bog Roberto Tardelli nach Osten ab. In die Sierra de Juarez.

Der Scheinwerfer schnitt ein scharfumrissenes Oval in den Staub der unebenen Straße. Roberto musste die Geschwindigkeit zurücknehmen. Schotter, schartige Steine und auch größere Geröllbrocken tauchten unvermittelt im Lichtkegel auf. Wenn das Vorderrad über einen solchen Stein polterte, hatte er jedes Mal Mühe, die Maschine wieder auszurichten. Deshalb wich er den Steinen lieber aus.

Der Weg stellte hohe Anforderungen an seine Konzentration. Er spürte, wie die Müdigkeit nach ihm griff. Selbst der kalte Nachtwind vermochte ihn nicht zu erfrischen.

Er war jetzt seit nahezu vierundzwanzig Stunden unterwegs. Etliche Stunden hatte er im Sattel verbracht. Er hatte gegen den Dicken gekämpft und gegen den Killer. Jetzt forderte der Körper sein Recht.

Er starrte in die Nacht jenseits des Scheinwerferlichts. Er versuchte, an seinen Gegner zu denken. An das, was ihn erwartete, was ihm bevorstand.

Er hatte viel Zeit verloren in Santo Tomas. Sehr viel Zeit. Zeit, die der San Diego Mob zweifellos genutzt hatte.

Die angeblichen Rocker und die Gangster in der 'Fabrik' waren jetzt bestimmt alarmiert worden. Vielleicht erwarteten sie ihn schon. Denn Don Lorenzo wusste inzwischen, dass etwas faul war in diesem Teil seines Machtbereichs, und er würde entsprechend reagieren.

Die Hubschrauber unterstanden dem persönlichen Befehl des Don. Für die Sicherheit der Fabrik war Agostino Giona verantwortlich gewesen, also letztlich ebenfalls Lorenzo Ansaldo, wie auch für den Abtransport des gewonnenen Heroins. Die Fabrik selbst, die Produktion, arbeitete für Virgil Maiotti.

Würde Maiotti in Panik verfallen, wenn Lorenzo Ansaldo ihm von den undurchsichtigen Geschehnissen berichtete? Würde er die Fabrik aufgeben? Oder würde er Lorenzo Ansaldo zwingen, für die Existenz dieser Goldgrube zu kämpfen? Eine Heroinraffinerie war nicht von heute auf morgen zu verlegen oder zu ersetzen. Die Gangster hatten ihre Vertriebswege aufgebaut. Die Abnehmer verließen sich auf die Lieferungen. Wenn sie ausblieben, würden Maiotti und Ansaldo nicht einfach Kunden und damit Umsätze verlieren wie ein Lieferant von Kinderspielzeug oder Kopfschmerzpillen, dem die Fabrik abgebrannt war.

Maiottis und Ansaldos Kundschaft reagierte damit Sicherheit anders. Sie würde auf der bedingungslosen Einhaltung der Lieferverträge bestehen. Maiotti hatte sich da selbst in eine Sackgasse manövriert. Er hatte zahlreiche Importeure von Heroin vom Markt verdrängt. Jetzt musste er liefern. Oder die Kunden schickten ihre Killer.

Als Roberto Tardelli zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten eine Unebenheit des Weges übersah und beide Male nur knapp einen schweren Sturz entging, hielt er an und schaltete den Scheinwerfer aus.

Er bockte die Maschine auf, und er legte sich wie er war am Straßenrand nieder. Er schlief sofort ein.

Er hatte nur zwanzig Minuten geschlafen, als er wieder aufwachte, und doch fühlte er sich erfrischt.

Die Wüstennacht war kalt. Das Funkeln der Sterne hatte noch zugenommen.

Roberto trank einen Schluck Wasser, und er holte ein Stück Käse und einen Streifen Trockenfleisch aus den Packtaschen. Danach startete er die Maschine. Während er langsam dem Verlauf der Straße folgte, aß er das Fleisch und den Käse.

Allmählich setzte er das Tempo wieder hinauf. Seine Schultern und die Armmuskeln schmerzten, doch er achtete nicht darauf. Er hatte ein Ziel.

Unmerklich verblasste der Glanz der Sterne. Roberto bemerkte nichts davon. Er starrte in den Kegel des Scheinwerfers, durch den die staubige Straße huschte. Erst als sich am Himmel der erste, blasse, rosa Schimmer zeigte, hob er den Kopf, und er schaltete den Scheinwerfer aus.

Die Straße stieg immer steiler an. Von den Fotos her wusste er, dass er jetzt der Stelle nicht fern sein konnte, an der die Steilrinne begann.

Die Fotos hatten nicht erkennen lassen, ob die Rinne für einen Wagen passierbar war oder nicht. Er, Roberto Tardelli, war davon ausgegangen, dass sie auf jeden Fall mit einem Motorrad zu überwinden sein musste, wie die Anwesenheit der angeblichen Rocker oben auf der Mesa bewies. Deshalb war er auf den Plan verfallen, sich als Rocker auszugeben, der wie ein einsamer Wolf durch die Berge streifte.

Jetzt konnte sich diese Verkleidung schnell als Bumerang erweisen ...

Ein heftiger Schlag pflanzte sich durch die Teleskopgabel des Vorderrades in seine Arme und Schultern fort und erinnerte ihn daran, dass es noch nicht hell genug war, um ohne Licht zu fahren. Andererseits musste ein Scheinwerfer zwanzig Meilen weit zu sehen sein in der glasklaren Wüstenluft.

Die Maschine brach aus und schlitterte auf eine Felsspalte zur Rechten zu, deren dunkler Schlitz wie ein scharfumrissener Schnitt den felsigen Untergrund teilte. Roberto riss die Yamaha herum. Sie schlingerte ein wenig, weil sie schwer beladen war. Roberto schwitzte, als er sie endlich wieder in seiner Gewalt hatte. Er schaltete in den zweiten Gang zurück. Noch vorsichtiger als zuvor fuhr er weiter. Den Scheinwerfer ließ er ausgeschaltet.

Das eben noch zarte Rosa fern am östlichen Horizont wanderte den Himmel hinauf. Die Umrisse der schroffen Wände traten deutlicher aus dem Grau des beginnenden Morgens hervor. Roberto konnte bereits das Ende der Straße erkennen. Den Sims, der einfach auf halber Höhe des senkrecht in die Höhe steigenden Felsens endete. Am Ende des Simses hatte man Geröll aufgeschichtet, damit ein Jäger oder Goldsucher, der sich in diese Einöde verirrte, nicht einfach weiterfuhr und abstürzte.

Dunkel öffnete sich der keilförmige Spalt der Steilrinne. Ihr unterer Teil war hoch mit herabgestürztem Geröll gefüllt. Roberto hielt an. Er legte den Kopf in den Nacken. Die Höhe ließ ihn schwindeln. Maiotti hatte sich schon einen verfluchten Platz inmitten des Vorhofs zur Hölle ausgesucht.

Er, Roberto, musste sich jetzt entscheiden. Stieg er zu Fuß in den Canyon ein und versuchte er, sich an die Rocker anzuschleichen und ihnen im Handstreich den Jeep zu entführen? Oder nahm er das Motorrad mit und versuchte er, mit einem Bluff, mit Kaltschnäuzigkeit oder purer Gewalt durchzubrechen?

Er würde seine Ausrüstung brauchen und seine Waffen. Das gab den Ausschlag. Er konnte die Yamaha nicht zurücklassen.

Er starrte in die Rinne. Sie kam ihm wie der Zugang zur Hölle vor. Er kannte den Preis für das Ticket – der Preis war das Leben.

––––––––

image

16

DIE MASCHINE ERZEUGTE zwischen den eng zusammenstehenden Wänden einen Höllenlärm. Roberto klammerte sich am Lenker fest. Seine Schenkel pressten sich um den Sattel. Das Rütteln des stählernen Ungetüms schüttelte jeden seiner Knochen.

Aber er kam voran, und das war die Hauptsache. Die Kiste sprang über einen Stein, krachte auf. Ein harter Stoß erschütterte Robertos Wirbelsäule. Wieder und wieder ruckten Kräfte am Lenker, doch Roberto hielt eisern fest.

Weiter, weiter! Einmal musste diese Qual enden. Und was der dicke Agostino Giona fertiggebracht hatte oder die Pseudo-Rocker, das musste er schon lange schaffen.

Am Grund der Rinne herrschte ein graues Zwielicht. Roberto hatte es zunächst mit dem Scheinwerfer versucht, das Licht jedoch bald wieder abgeschaltet.

Selbst wenn die Kerle oben am Ende des Canyons ausgemachte Langschläfer waren, mussten sie ihn jetzt erwarten. Roberto heftete den Blick auf das Ende der Rinne, wo sich rosig der Himmel wölbte. Er konnte keine Bewegung erkennen.

Die Kerle lagen vorsichtshalber in Deckung, vermutete Roberto.

Er wich einem Geröllhaufen aus, gab Gas, schwenkte wie ein Moto Cross Fahrer von links nach rechts. Der Trick war – er durfte nicht anhalten. Er hätte die vier Zentner niemals halten können. Die Yamaha wäre einfach den Steilhang hinuntergerutscht.

Er schwänzelte zwischen den Hindernissen entlang. Der Boden wurde hier oben etwas besser, und Roberto riss das Gas bis zum Anschlag auf.

Die Maschine flog förmlich voran. Der Spalt verbreiterte sich unvermittelt. Wind fegte in sein Gesicht. Er schmeckte Rauch, Rauch von trockenem Pinienholz.

Und dann schoss die Maschine aus der Spalte auf die Mesa.

Roberto schaltete schnell die Gänge hoch. Er wollte von der Schlucht weg, einen sicheren Abstand gewinnen, dabei aber in Bewegung bleiben, bis er die Lage hier oben sondiert haben würde. Er brauchte erstmal einen Überblick.

Scheinbar glatt wie ein Tisch lag die Hochebene vor ihm. Die Sonne stieß ihre ersten flammenden Strahlen in den Himmel. Die Kuppel leuchtete hell auf.

Da sah er die Falle, die sie für ihn aufgebaut hatten.

Einen Ring aus losem Gestein, drei Fuß hoch, der sich im Halbkreis um die Ausfahrt aus der Rinne erstreckte.

Er nahm das Gas zurück, bremste, riss den Lenker herum. Sein Fuß schrammte über den Boden. Die Maschine stellte sich quer. Er konnte sie nicht halten. Er gab verbissen Gas, um sie wieder auszurichten. Die Kiste schlingerte wie ein betrunkener Sailor. Irgendwo johlten ein paar heisere Stimmen. Roberto achtete nicht darauf.

Er blieb im Sattel. Er fuhr einen engen Kreis, suchte nach einer Möglichkeit, auszubrechen. Es gab keine. Oder nur eine äußerst riskante Chance am Rand des Abgrunds entlang, wo die Erbauer dieses Walles einen zwei Fuß breiten Streifen freigelassen hatten.

Roberto schwenkte die Maschine herum. Er sah seinen eigenen Schatten, aber er sah sonst keinen Menschen. Er heftete den Blick auf den schmalen Streifen, dann riss er das Gas auf.

Die Maschine flog auf den einzigen Auslass zu. Allein ihre Geschwindigkeit garantierte, dass die vier Zentner Stahl auf dem einmal eingeschlagenen Kurs blieben. Wenn das Vorderrad allerdings über einen Stein rollte und nur um einen einzigen Zoll zur Seite gedrückt würde, konnte Roberto probieren, wie es war, zu fliegen. Fünfhundert Fuß tief.

Aber er wollte raus aus dieser Falle, bevor die unvermeidliche Auseinandersetzung mit den Rockergangstern begann. Er wollte seine Kiste außerhalb des magischen Kreises haben.

Neben ihm öffnete sich der Abgrund. Eine Faust schien sich in Robertos Magen zu wühlen. Ein Sog von wütender Heftigkeit zerrte an ihm. Es war Einbildung, er wusste es. Die Tiefe, die sich da jäh vor oder neben ihm auftat, beeinflusste die Sinne.

Er starrte durch die Scheibe des Helms auf den einzigen Punkt, der für ihn wichtig war. Er sah das sich rasend schnell drehende Vorderrad mit dem grob geschnittenen Geländereifen.

Und dann jagte er aus dem Kreis. Er kam hindurch. Unter seinem rechten Fuß lockte und zerrte der Abgrund.

Behutsam schwenkte er die Maschine nach links. Er war draußen.

––––––––

image

17

ER BESCHRIEB EINEN Bogen, bremste langsam. Seine Augen strichen über das Gelände. Es war lange nicht so eben, wie es beim ersten Anblick ausgesehen hatte. Es gab Mulden, flache und tiefe Gräben, Gruben, Risse, Schründe.

Aus diesen Löchern tauchten sie auf. Roberto blieb in Bewegung. Er brauchte einen genaueren Überblick. Er sah die Mulde, die mit einer Plane abgedeckt war. Darunter musste der Jeep stehen, von dem Agostino gesprochen hatte. Der Jeep und einige hundert Gallonen Benzin.

Ihre Motorräder standen in tieferen Gräben. Sie hatten Zeltplanen über Senken gespannt, um ihre Matratzenlager vor der sengenden Sonne zu schützen.

Von überall her kamen sie jetzt ans Licht. Es wurden immer mehr. Vier, sechs, acht, ein volles Dutzend.

Die meisten von ihnen trugen irgendwelche Waffen in den Fäusten. Ketten und Lederriemen wie waschechte Rocker, oder Revolver wie Gangster. Einer von ihnen hatte sich eine Bügel-MP unter den Arm geklemmt.

Roberto hielt an und stellte die Maschine ab. „Hallo, folks“, sagte er laut, nachdem er das Helmvisier in die Höhe geschoben hatte. Er nahm den Helm ab und legte ihn vor sich auf den breiten Tank, dann schwang er sein Bein über den Sattel und bockte die Maschine auf. Er reckte die schmerzenden Schultern. „Fein, euch zu sehen“, sagte er dann, als er keine Antwort auf seinen ersten Gruß bekam.

Die Kerle rückten näher. Zwölf Männer. Großer Gott, dachte Roberto bestürzt. Sein Mund wurde trocken. Er griff zur Feldflasche, die vorn am Lenker hing. Er hätte lieber das Gewehr in die Hand genommen, das auseinandergenommen in der Packtasche steckte. Oder die Luger ...

Er setzte die Flasche an die Lippen und trank. Dabei tastete er die wüsten Gesichter ab.

Drei von ihnen erkannte er auf Anhieb, bei drei anderen war er nicht ganz sicher. Ihre Bilder zierten die Steckbriefe, die in jedem Postamt in den Staaten hingen. Einer von den Kerlen gehörte sogar auf die Hitliste des FBI er war einer der zehn meistgesuchten Verbrecher, einer von den Top Ten.

Roberto durchschaute auf Anhieb die Gerissenheit des Don Lorenzo, der hier in den öden, unzugänglichen Bergen Mexikos ausgebrochenen Gefangenen und von Polizei und FBI mit allen Mitteln gesuchten Verbrechern eine Chance bot. Diese Gangster mussten dankbar sein, dass sie hier leben konnten. Lorenzo Ansaldo versorgte sie mit allem, was sie brauchten.

Sogar mit Frauen, wie Roberto bestürzt feststellte.

Sie kletterten aus den Spalten, unter den Planen her. Junge Dinger. Einige von ihnen waren high, und das am frühen Morgen. Ein Mädchen mit strähnigem, von der Sonne gebleichtem Haar torkelte und musste sich an einem hünenhaften Farbigen festklammern. Sie trug weder eine Bluse noch einen Büstenhalter. Sie hatte hübsche, kleine, samtige Brüste, die sie jetzt gegen den muskulösen Arm des Schwarzen presste.

Der Anführer der Gruppe war ein knochiger Kerl mit grauem Haar. Er stand leicht gebückt etwa in der Mitte zwischen den anderen Männern. Der braune Kolben eines schweren Revolvers ragte aus dem Gürtel seiner Lederhose.

„Du hättest nicht hier raufkommen sollen“, sagte er flach.

Roberto sah ihn an. Der Graukopf hatte eng zusammenstehende farblose Augen, die sich verengten.

„Da ist Herrera aber anderer Ansicht“, konterte Roberto frech.

Auf diesen Bluff war er eben erst gekommen. Falls diese Kerle hier bereits eine Nachricht aus San Diego bekommen hatten, dann rechneten sie mit allem möglichen, aber nicht mit einem, der sich als Rocker verkleidet hatte. Die Rockerkluft machte vielleicht glaubhaft, dass er dazugehörte. Dass er einer von ihnen war. Ein Mafioso, dem der Boden in den Staaten zu heiß geworden war und dem Don Lorenzo eine Chance bot.

Die engen Augen des anderen blinzelten unsicher. Immer noch kamen die Kerle näher an Roberto heran, Schritt für Schritt. Vier Mädchen waren inzwischen aus ihren Höhlen ans Tageslicht gekommen. Irgendwo jammerte noch eine, die schließlich greinend unter einer Plane hervorkroch. Im Arm hielt sie ein winziges, nacktes und unglaublich schmutziges Baby. Der kleine Kopf lag an einer der üppigen Brüste. Das Baby konnte höchstens vier Wochen alt sein, dachte Roberto.

„Herrera?“, sagte der Grauhaarige. „So, so ... Herrera schickt dich?“

„Nein. Nicht Herrera. Er hat mir nur den Weg beschrieben.“

„Also, wer schickt dich?“

Der Bluff war noch nicht komplett. Robertos Gedanken rasten.

„Wenn er es euch nicht mitgeteilt hat, dann tue ich es auch nicht“, gab Roberto kaltschnäuzig zurück. „Ich will keinen Fehler machen. Unten ist sowieso der Teufel los. Sie haben welche von euch geschnappt. Deshalb bin ich auch Hals über Kopf hier raufgekommen. Eigentlich wollte ich mir noch ein paar schöne Tage in Ensenada machen, bevor ich eurem Kloster beitrete.“ Er lachte.

Zwei Figuren hatten sich näher an ihn herangemacht. Roberto durchschaute ihre Absicht. Sie wollten die Packtaschen seines Motorrades filzen.

Er wich zurück, ohne den Graukopf aus den Augen zu lassen. „Sag ihnen, sie sollen ihre schmutzigen Finger von meiner Kiste lassen!“, sagte er scharf.

Graukopf verzog die blassen Lippen zu einem Grinsen. „Wir sind ’ne nette kleine Kommune hier oben. Was dir gehört, gehört auch uns. Und umgekehrt. Du kannst sogar ’ne Mutter haben.“ Er deutete auf ein großes Mädchen, das einen langen Rock aus buntem Stoff und eine dünne schwarze Bluse trug. Ihr langes Haar hatte sie mit einem Indianerband im Nacken zusammengebunden. Ihr Gesicht war starr, wie tot, die Augen erloschen. „Oder die da“, sagte er, wobei er auf das Mädchen mit den nackten Brüsten wies, das sich an den Schwarzen klammerte.

Eine ausgeflippte Rockerhure, dachte Roberto verächtlich. „Nein, danke. Ich werde nicht lange hierbleiben. Nur so lange, bis ich weiterkann. Lorenzo lässt mir Bescheid sagen.“

Die Typen, die sich ihm und der Yamaha bis auf zwei Schritte genähert hatten, blieben bei der Nennung des Namens Lorenzo wie angewurzelt stehen. Sie stierten ihn an, als ob er sich der Freundschaft des Leibhaftigen persönlich gerühmt hätte. Hatte er etwas Falsches gesagt? Hatte er die Nummer überzogen?

„Du weißt ’ne Menge, Freundchen.“ Der Kerl hob eine Hand. Sie war breit und knochig. Er schnippte mit den Fingern. „Filzt ihn! Checkt ihn voll durch!“

„Ich habe dir etwas gesagt, Admiral Tipton!“ Eben war ihm der Name des Gangsters eingefallen. Tipton. Den Spitznamen Admiral hatte er sich gefangen, weil er einmal ein Versorgungsschiff der Navy ausgeplündert hatte. Ein ganzes Schiff voller elektronischer Bauteile, qualitativ hochwertiger Gebrauchsgegenstände, die auch auf dem zivilen Markt untergebracht werden konnten, und einige Tonnen Verpflegung. Das alles war für die Truppen im Südpazifik bestimmt gewesen. Tipton war als Admiral aufgetreten, seine Bande als Matrosen. 'Admiral' Tipton hatte die ganze Ladung kassiert.

Dieser Job war unblutig verlaufen, ein Umstand, der Tiptons sonstige Aktivitäten nicht auszeichnete. Er wurde wegen Mordes in sieben Fällen vom FBI gesucht.

Tipton grinste geschmeichelt, aber er wurde deshalb nicht ungefährlicher.

„Was willst du machen, du Scheißer?“, tönte er mit rauer Stimme, die gut zu seinem Typ passte.

Das war eine gute Frage. Wenn er zu früh mit seiner Kanone herumfuchtelte, vergab er sich die Chance, den Bluff auf seine Haltbarkeit zu testen.

„Ich will nur ein paar Tage bei euch bleiben. Mich wundert, dass ihr noch keine Information bekommen habt. Aber das hängt wahrscheinlich mit den Schwierigkeiten unten zusammen ...“

Es war egal, was er sagte. Die Kerle wollten den Krawall. Er sah es an ihren Gesichtern, und selbst die Augen der Girls belebten sich ein wenig, als ihnen die Spannung bewusst wurde, die plötzlich über der Szene hing.

Roberto wandte sich den beiden Kerlen zu, die sich an die Yamaha heranschlichen.

„Ich schneide euch die Ohren ab, Freunde“, sagte er großspurig.

Sie starrten ihn an. Ein Dritter gesellte sich zu ihnen.

Tipton lachte rau. „Worauf wartet ihr, Boys? Macht ihn fertig!“

Sie würden nicht mit sich reden lassen. Sie ließen sich nicht bluffen. Er, Roberto Tardelli, hatte irgendetwas falsch gemacht.

––––––––

image

18

WAS ES WAR, KONNTE er jetzt nicht untersuchen. Er würde es wahrscheinlich niemals erfahren. Die Kerle hatten vermutlich einen Empfänger hier oben, über den sie ihre Anweisungen bekamen. Aus San Diego, aus Ensenada von Herrera Garrän, oder von der Jacht, die draußen im Golf kreuzte. Es spielte keine Rolle. Wenn ein Besucher nicht angekündigt war, musste er umgelegt werden. Das war alles, denn nicht umsonst hatte Agostino Giona vor Angst zu schlottern begonnen, als Roberto ihm zumutete, ihn hier heraufzuführen.

Er, Roberto Tardelli, stand allein gegen zwölf Mafia-Gangster – Outlaws der schlimmsten Sorte. Verbrecher, die nichts, aber auch gar nichts mehr zu verlieren hatten.

Die drei bewegten sich auf ihn zu. In seinem Rücken befanden sich der Wall aus Geröll, dahinter der Abgrund.

Als die Kerle noch drei oder vier Schritte von ihm entfernt waren, machten die beiden außen Gehenden einen Satz auf ihn zu.

Roberto nahm den Mittleren aufs Korn. Das war der hünenhafte Schwarze. Dieser Bastard rechnete nicht mit einem Angriff.

Roberto sprang jetzt ebenfalls vor, wodurch die beiden anderen ihn erst einmal verpassten. Der Schwarze blieb überrascht stehen. Roberto prallte gegen ihn.

Der Kerl trug eine ärmellose Lederweste. Roberto packte die Aufschläge. Er riss den Mann zu sich heran und rammte ihm die Stirn voll ins Gesicht. Er sah noch, wie der Schwarze die Augen verdrehte, da ließ er ihn einfach los. Blut brach aus der Nase hervor, als er zusammensackte.

Einer hatte schon mal für eine ganze Weile genug.

Roberto wirbelte herum. Die beiden anderen hatten ihn verpasst. Sie mussten sich zu einem neuen Angriff formieren, wodurch sie Zeit verloren. Einer grapschte nach Robertos rechtem Arm und versuchte, ihn auf den Rücken zu drehen. Der andere trommelte mit derben Fäusten nach Robertos Körper. Der Schläger sah ungemein stupide aus. Roberto riss ein Bein hoch. Er trug die schweren Motorradstiefel. Der Tritt traf genau. Mit einem irren Schrei sackte der Kerl zusammen.

Roberto drehte sich aus dem Haltegriff des anderen heraus und schmetterte ihm die Faust zwischen die Zähne. Der Kopf des Gangsters flog in den Nacken, dann kippte er einfach um.

Ein vierter Schläger wetzte heran. Sein erster Hieb ging daneben, aber dann hielt er ein Messer in der Faust. Er duckte sich, pendelte mit dem Oberkörper, glotzte Roberto an.

'Admiral' Tipton schrie ihn an: „Du Pflaume! Worauf wartest du?“

Der Kerl sprang. Roberto wich zur Seite aus und stellte dem Messerhelden ein Bein. Der Gangster war so mit sich und seinem Ziel beschäftigt gewesen, dass er das Bein glatt übersah. Roberto riss es hoch, und der Strolch segelte durch die Luft. Das Messer klirrte über Geröll und verschwand in einer Spalte.

Roberto wirbelte herum. Seine Rechte fuhr in die Lederjacke. Als er sie herauszerrte, hielt er die Luger darin. Ein mächtiger Satz brachte ihn in die Nähe des Grauhaarigen.

Zwei Kerle, die neben dem Admiral standen und offenbar als seine Bodyguard fungierten die Hierarchie musste schließlich überall eingehaltenwerden, sprangen Roberto in den Weg. Ein Mädchen kreischte entzückt. Die Gorillas des Lagerbosses schwangen ihre Ketten.

Der Stahl des Blonden pfiff über Robertos Kopf hinweg, die andere erwischte ihn am linken Oberarm.

Der Schmerz war fürchterlich. Roberto hielt es für möglich, dass der Knochen gebrochen war. Dabei war er immer noch nicht beim .Admiral'.

Die Ketten kamen erneut. Ein Schlag gegen die Brust ließ ihn taumeln.

Die andere Kette legte sich wie eine südamerikanische Bola um sein Fußgelenk. Ein kurzer Ruck, dann lag er im Dreck wie ein Kalb und schluckte Staub.

Die Kerle lachten.

Roberto wälzte sich herum. Seine Hand mit der Kanone schnellte in die Höhe. Er zielte auf Tiptons breite Stirn.

Er brauchte den Kerl. Lebend, wenn er an Informationen kommen wollte.

Der Admiral hatte gerade seinen Revolver herausreißen wollen. Jetzt erstarrte er.

Auch die Leibwächter wussten, wann man eine Pause einlegen musste. Nur einer von den anderen wollte es unbedingt wissen. Ein bulliger Knilch mit vorquellenden Blauaugen. Er zielte mit einem großen Revolver von der Seite auf Roberto. Er würde abdrücken. Roberto sah es an dem Gesicht. Er kannte diesen Ausdruck purer Mordlust inzwischen.

Roberto kam dem Mörder zuvor.

Scharf peitschte der Schuss über die kahle Hochfläche. Der Bullige schrie gellend auf. Er warf die kurzen Arme in die Luft, taumelte, fiel dann auf die Knie.

Alle Gesichter hatten sich dem Getroffenen zugewandt. Alle, bis auf das des Anführers. Der hatte jetzt seinen Revolver herausgebracht. Der Daumen zog den Hammer zurück.

Roberto schnellte auf die Füße. Er bot dem anderen so kein Ziel. Erst als er kurz innehielt, aus der Hüfte zielte und abdrückte.

Die große Kugel traf Tiptons rechten Oberarm.

––––––––

image

19

DIE SONNE HATTE SICH über den Horizont erhoben und sandte ihre glühenden Strahlen über die kahle Fläche.

Es herrschte ein bestürztes Schweigen. Der Bullige krümmte sich wimmernd am Boden. Möglicherweise würde er sterben.

Zwei weitere Gangster waren kampfunfähig. Und natürlich Admiral Tipton.

Roberto hatte eine Schlacht gewonnen.

Er war hinter den Anführer gesprungen, hatte ihm den Arm um den Hals gelegt und den kantigen Kopf in den Nacken gerissen. Der getroffene Arm hing an seiner Seite herab wie etwas, das nicht zu ihm gehörte.

Die unverletzten Gangster gafften sprachlos zu ihrem Anführer herüber. Roberto stieß langsam den angehaltenen Atem aus. Der Schmerz in seinem geprellten Arm ließ ein wenig nach. Der Knochen schien nicht gebrochen zu sein, doch der Schmerz würde ihn noch wochenlang begleiten.

Wichtig war nur, dass er lebte und seine Bewegungsfreiheit behalten hatte.

„Werft die Waffen in die Mitte!“, schrie er. „Aber alle! Auch die Ketten und die Messer!“

Niemand rührte sich.

Roberto zielte neben den Fuß eines glubschäugigen Scheusals, dessen Gesicht er von den Steckbriefen her. kannte. Er drückte ab.

Die Kugel furchte den Staub und schleuderte kleine Steinsplitter gegen das Bein des Gangsters. Er jaulte erschreckt und tanzte herum, als ob er wirklich getroffen worden wäre.

„Die nächste Kugel trifft!“, drohte Roberto.

Glubschauge warf seinen Revolver weg. Die anderen folgten zögernd seinem Beispiel. Roberto achtete darauf, dass jeder der Kerle wenigstens eine Waffe ablegte. Er gab sich jedoch keinen Illusionen darüber hin, die ganze Bande nunmehr in eine Herde friedlicher Lämmer verwandelt zu haben. Der eine oder andere hatte garantiert noch eine Kanone unter seiner Matratze oder ein Messer im Stiefelschaft.

Tipton begann zu fluchen. Roberto zerrte den Mann auf die Mulde zu, in der er den Jeep und das Benzin vermutete. Er winkte dem barbusigen Mädchen, das verloren in die Sonne blinzelte. Wie eine Schlafwandlerin kam sie näher heran. Roberto deutete auf die Plane.

„Zieh sie zurück“, befahl Roberto. Sie starrte ihn aus leeren Augen an. „Du sollst dich bewegen“, herrschte er sie an. Das Gesicht zuckte, der Mund zog sich in die Breite.

„Sie ist high“, knirschte Tipton. „Du musst es schon selber machen ...“

Er irrte sich. Das Mädchen bewegte sich eckig wie ein Automat, schoss es durch Robertos Kopf. Sie bückte sich und löste die Schnüre, mit denen die Abdeckung verspannt war. Dann zerrte sie die Plane zurück.

Staub wölkte und wurde von der leichten Brise aufgenommen. Tipton hustete. Roberto zerrte ihn in die Mulde. Das Mädchen blieb am Rand stehen. Sie hat wirklich hübsche Brüste, dachte Roberto. Er riss seinen Blick von der Kleinen los und tauchte in den Schatten.

Obwohl die Mulde tief lag, war es unter der Plane bereits drückend heiß. Es stank nach Öl und Benzin.

Der Jeep war braun lackiert und würde sich kaum vom Wüstenboden abheben. Roberto lehnte den verletzten Gangster gegen die Seitenwand. Er warf einen Blick nach vorn, wo immer noch das Mädchen stand. Die Plane verdeckte immer noch mehr als drei Viertel der Grube. Er blickte hoch, als er einen Schatten sah, der sich deutlich auf dem Gewebe abzeichnete.

Jemand schlich sich an. Er stand am Rand der Mulde. Jetzt breitete er die Arme aus. Er wollte springen, durch die Plane brechen und sich auf Roberto stürzen. In der rechten Hand hielt er eine Machete, ein Ding wie ein Henkerschwert.

Roberto hielt auf einen tiefen Punkt, dann riss er zweimal den Abzug durch. Ein gellender Schrei bewies ihm, dass er getroffen hatte. Der Gangster ließ die Machete fallen, und er humpelte davon.

Roberto ließ das leergeschossene Magazin aus dem Pistolengriff gleiten und setzte sogleich ein neues ein. Er zog den Schlitten zurück. In der Kammer lag eine Patrone. Zufrieden ließ er den Verschluss wieder über das Lager gleiten. Er steckte die Luger in die Außentasche seiner Lederjacke.

„Du bist ein Schwein!“, keuchte Tipton. „Ein dreckiges Schwein!“ Sein Gesicht war bleich, die Augen lagen tief in den Höhlen. Mit der linken Hand presste er den verletzten Arm gegen seinen Oberkörper.

„Du bist selbst schuld, Admiral. Warum musstest du den starken Mann spielen?“ Roberto löste den Verbandskasten aus der Halterung des Jeeps, stellte ihn auf die Motorhaube und klappte den Deckel auf. Er nahm eine Flasche mit desinfizierender Lösung heraus, dazu einige Päckchen Verbandsmull, eine Kompresse und eine Aderpresse. „Los, ich will nach der Verletzung sehen.“ Blut tropfte an Tiptons Arm hinunter.

„Scher dich zum Teufel!“, grunzte der Gangster.

Roberto packte seinen unverletzten Arm und drückte ihn zur Seite. Entschlossen fetzte er den blutgetränkten Stoff vom Ärmel.

Die Wunde sah hässlich aus. Tipton riskierte einen Blick. Als er die Wunde sah, verdrehte er die Augen.

„He, starker Mann, nicht abbauen!“, mahnte Roberto.

„Den Gefallen tue ich dir nicht, du Schweinehund“, knirschte Tipton. „Damit kommst du nicht davon ...“

Roberto band die Ader oberhalb der Verletzung ab, dann kippte er großzügig von der roten desinfizierenden Flüssigkeit darüber und legte einen festen Verband an.

„Mehr kann ich für dich nicht tun“, sagte er. „Es kann sein, dass du den Arm verlieren wirst.“ Er stieß den Gangster auf den Beifahrersitz den Jeep. Er sah, dass der Zündschlüssel im Schloss steckte. Vorsichtshalber zog er ihn ab und steckte ihn ein. Tipton stöhnte laut.

Roberto ging um den Wagen herum. Er unterzog die Mulde einer schnellen Inspektion. Unter einer zweiten Plane lagen, grob geschätzt, zwanzig bis fünfundzwanzig Kanister. Fast alle waren voll. Im Heck des Jeeps war ein Funkgerät eingebaut. Die Antenne war ausgefahren, doch das Gerät abgeschaltet. Roberto nahm die Klappe von. den Bedienungsschaltern.

Er kannte diesen Typ nicht, aber er würde mit ihm zurechtkommen. Konnte er versuchen, Colonel Myer anzufunken?

„He, Admiral!“, rief er. „Wer von deinen Männern bedient diese Kiste?“

„Ich selbst“, antwortete der Gangster stöhnend.

„Wir könnten jemanden anrufen, damit du abtransportiert werden kannst. Was hältst du davon, wenn wir den Hubschrauber kommen lassen?“

Tipton wandte Roberto das Gesicht zu. „Welchen Hubschrauber?“, fragte er ausdruckslos.

Roberto zuckte die Achseln. „Dann eben nicht“, sagte er. „Es ist dein Arm.“ Er sprang aus der Mulde.

––––––––

image

20

DIE YAMAHA STAND UNBEHELLIGT im hellen Sonnenlicht. Niemand traute sich an sie heran. Das war ein gutes Zeichen. Der Anführer der Gruppe spielte nicht mehr mit. Roberto hatte ihn besiegt. Nach dem Gesetz der Wölfe hätte er seinen Posten übernehmen können, wenn die Kerle ihn für ihresgleichen hielten.

Der Kerl, auf dessen Schatten Roberto geschossen hatte, hockte mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden und presste die Hände um den Oberschenkel. Roberto gab zwei jüngeren Strolchen ein Zeichen.

„Bringt ihn zum Jeep, dann werde ich ihn verarzten. Schafft so etwas wie einen Hocker unter die Plane und vielleicht eine Luftmatratze.“

Die nächsten Minuten benutzte Roberto dazu, die Waffen der Gangster einzusammeln und sich verstohlen nach weiteren Gefahrenquellen umzusehen.

Er bemerkte die Motorräder der Kerle, die in einer Reihe in einem langgezogenen Graben standen. Zwei Burschen waren dabei, ein Army Zelt aufzurichten. Ein anderer stellte den Kocher auf. In einer flachen Mulde qualmte ein kleines Feuer. Dort hockten die Girls und qualmten ihre ersten Joints. Das nackte Baby lag auf einer Decke. Die Mutter hatte ein Sonnensegel gespannt. Seltsamerweise schien sich das kleine Wesen wohlzufühlen.

Roberto rief den Kerlen zu: „Wenn der Kaffee fertig ist, sagt mir Bescheid!“ Er erntete teils feindselige, teils gleichmütige Blicke.

Er schob die Yamaha unter die Plane neben den Jeep. Dabei fiel sein Blick auf den Bulligen, der reglos und mit weit geöffneten Augen dalag. Er war tot. Hoch am weißglühenden Himmel zogen zwei Geier ihre Bahn.

Roberto ließ seine Maschine in die Mulde rollen, dort bockte er sie wieder auf. Die anderen Gangster hatten inzwischen ihren angeschossenen Komplizen neben den Jeep gelegt. Einer kam mit einer Luftmatratze an. Zusammen betteten sie den Toten auf die Matratze. Dann sahen sie Roberto unschlüssig an.

„Ihr könnt mir helfen“, sagte er. Er würde sie dadurch nicht gleich zu seinen Busenfreunden machen, doch es konnte nicht schaden, den einen oder anderen aus der Bande freundlich zu behandeln. Denn wenn er den Toten und die beiden schwerer Verletzten abrechnete, blieben immer noch neun Gegner Zwei hatte er derart ausgeknockt, dass ihnen die Lust zu weiteren Fights vergangen war. Blieben sieben. Die beiden hilfreichen Burschen nicht mitgerechnet, reduzierte sich die Zahl der potentiellen Angreifer und entschlossenen Kämpfer auf fünf. Das war eine überschaubare Zahl, wie Roberto erfreut nachrechnete.

Zu den fünfen gehörten jedoch die beiden Bodyguards, die Kerle, die so entschlossen mit den Ketten umzugehen verstanden. Roberto beschloss, ein wachsames Auge auf sie zu haben.

Als er das Bein verbunden hatte, ging er wieder nach oben. Er hatte seine dicke Jacke ausgezogen. Die Luger steckte jetzt im Hosenbund.

Die beiden jüngeren Gangster folgten ihm und blieben an seiner Seite. Einer war blond. Er hatte ein wuchtiges Kinn mit einem breiten Fischmaul. Der andere war lockig, seine Augen glühten leidenschaftlich, so sah es jedenfalls aus. Aber Schmalzlocke schien mit Girls wenig am Hut zu haben, wenn er die feurigen Blicke, die seiner Person galten, nicht missdeutete. Er grinste Schmalzlocke freundlich an, und der Bubi grinste selig zurück.

Am Army Zelt gab es Kaffee. Die beiden Bodyguards starrten ostentativ an Roberto vorbei, und sie machten keine Anstalten, Roberto an die Kanne zu lassen.

Die beiden Knilche an Robertos Seite begannen, sich aufzuplustern.

„Lasst mal“, sagte Roberto leise zu ihnen. „Dieses Mal mache ich es noch selbst.“ Roberto nahm einen Becher. Er lächelte die Gorillas an. „Wenn die Herren gestatten“, sagte er, „möchte ich gern einen Schluck Kaffee.“

Ein Typ mit buckliger Stirn wollte Roberto daran hindern. Roberto lächelte unbeirrt, selbst dann noch, als er dem Babysitter die Blechtasse auf die Nase schmetterte.

Tränen schossen dem Banditen in die Augen. Seine Hand zuckte nach hinten, wo Roberto sie nicht sehen konnte. Roberto ließ den Becher fallen. Er schlug dem Strolch die Hände in den Hemdstoff und wirbelte ihn herum.

Mit einem blitzschnellen Griff zog Roberto dem anderen ein langes Messer aus einer ledernen Scheide. Ohne zu zögern, zerbrach Roberto die Klinge und schleuderte ihre Einzelteile in die Wüste.

„Hat noch jemand etwas dagegen, wenn ich mich jetzt bediene?“, fragte er kalt.

Nein, niemand hatte etwas dagegen. Die Babysitter zogen sich grollend zurück.

––––––––

image

21

DIE 'FABRIK' LAG ZWÖLF Meilen vom Camp der ‚Rocker' entfernt. Roberto musste zu einem Entschluss kommen. Wie konnte er vorgehen?

Er holte den starken Feldstecher aus der Packtasche der Yamaha. Er setzte das Glas an die Augen und suchte das Gelände ab.

Weit im Osten glaubte er die Mauern der alten Missionsstation erkennen zu können, die von spanischen Mönchen vor über zweihundert Jahren inmitten der Wüste errichtet worden war. Innerhalb der Mauern und der Gewölbe arbeitete das geheime Labor. Es gab Wasser dort, wie COUNTER CRIME aus der Art der Anlage schloss.

Roberto hoffte, einen der Hubschrauber zu sehen, doch außer den Geiern bewegte sich nichts in der unglaublich klaren Luft, in der die Entfernungen zu schrumpfen schienen.

Das Funkgerät im Jeep ... Konnte er es benutzen?

Er ging zu Tipton. Dessen Gesicht hatte sich gerötet. Er begann zu fiebern. Es konnte sein, dachte Roberto, dass dieser Mann nicht nur seinen Arm verlor. Er musste etwas unternehmen.

„He, Admiral!“, sagte er. Er packte das stoppelige Kinn des Verletzten und schüttelte den Kopf. Tipton schlug die Augen auf. Der Blick war glasig. Nur sehr langsam kehrte er in die Wirklichkeit zurück. „Tipton, du musst weg hier, oder du verreckst!“ Der Gangster fluchte undeutlich. „Admiral, du musst deine Leute anrufen! Sie müssen dich abholen!“ Tipton brabbelte undeutliches Zeug. Roberto schaltete entschlossen das Gerät ein, dann stöpselte er die Stecker für das Mikrofon und die Kopfhörer in die Buchsen. Es gab noch Buchsen für ein zweites Kopfhörerpaar, und tatsächlich entdeckte er die Lauscher in dem Fach unter der Rückbank. Er schloss sie an, presste sie an sein Ohr. Ein feines Rauschen zeigte ihm an, dass die Frequenz frei war. Wahrscheinlich war das Gerät fest auf die Welle des einen bestimmten Empfängers eingestellt, mit dem die Gangster in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen in Verbindung traten.

Vermutlich traten sie jedoch nur zu ganz bestimmten Zeiten mit ihren Partnern in Ensenada oder San Diego in Kontakt. Doch darauf musste er es jetzt ankommen lassen.

„Ich helfe dir, Admiral“, drängte Roberto. „Sag deinen Leuten Bescheid. Sie sollen dich mit einem Helikopter abholen, verstehst du?“

„Ja, ja ... oder ich verrecke ...“ „Genau.“ Roberto stülpte die Kopfhörer über den eckigen Schädel. Bevor er ihm das Mikrofon gab, sagte er: „Ich rate dir in deinem eigenen Interesse, nichts von der wahren Lage hier oben zu verraten ...“ Tipton starrte ihn verständnislos an, obwohl seine Augen wieder etwas klarer blickten.

„Sie lassen dich hier verrecken, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt, verstehst du? Mir soll’s ja egal sein, ich komme allemal raus hier. Aber ich weiß nicht, wie du dazu stehst.“ „Aber ... was soll ich denn sagen?“ „Sag ihnen, da ist ein Kerl durch die Rinne raufgekommen. Mitten in der Nacht. Es hat ’ne Schießerei gegeben, und ihr habt ihn umgenietet. Das werden sie schlucken.“ Roberto drückte Tipton das Mikro in die knochige Faust, dann schaltete er das Gerät auf Senden. Er selbst presste einen Kopfhörer an sein Ohr.

Tipton starrte ihn an. Eine Frage brannte in seinem Schädel. „Herrera hat dich nicht geschickt ...“

„Nein.“

„Du bist ... ein großer Macker aus dem Norden? Stimmt das?“

„Du machst mich verlegen“, antwortete Roberto ausweichend. Die Frage verriet ihm jedoch, dass Tipton gewarnt worden war. Über Funk. Der San Diego Mob hatte also die Kröte geschluckt. Sie glaubten, dass er einer von Don Sergios Killern war. Umso besser. Dann würden sie die Fabrik bis zum letzten Augenblick arbeiten lassen. Bis sie Verdacht schöpften. Oder bis ihnen über die Commissione von Don Sergio versichert wurde, dass der keinen Mann in Baja California hatte. Aber irgendetwas mussten sie jetzt unternehmen, nachdem Giona tot und Killer Cobb in die Hände der mexikanischen Polizei gefallen war. Sie würden sehr bald dahinterkommen, dass ihre Goldgrube dabei war, abzubrennen. „Fang schon an“, forderte er Tipton barsch auf.

Mit zunächst brüchiger, dann fester werdender Stimme rief Tipton ein Codewort in den Äther.

„Sandfloh ruft Kranich ... Sandfloh für Kranich ...“

Gott, wie phantasievoll, dachte Roberto amüsiert. Er spannte die Lippen, als sich nach einigen Minuten eine Stimme meldete.

„Was ist los? Was rufen Sie mich schon am Morgen?“ Die Stimme gehörte einem Mexikaner. Die unbeholfene, raue Aussprache war unverkennbar.

„Herrera! Ich brauche Hilfe ...“ „Ich nicht helfen können ...“ „Herrera! Hören Sie zu! Rufen Sie San Diego an! Ich bin schwer verletzt! Um Gottes willen! Die müssen mich anrufen ...“

„San Diego sehr böse, wenn ich außerhalb der Zeit anrufe.“

„Hast du nicht verstanden? Ich verrecke! Die müssen mich abholen! Oder ich fummele am Gerät und suche mir einen anderen Gesprächspartner.“

„Das soll ich sagen?“

„Ja“, antwortete Tipton erschöpft. „Ja, das sollst du sagen. Und gib mir Bescheid. Bald ...“

Roberto schaltete das Gerät ab.

Sehr gut, dachte er. Das müsste sie aufscheuchen.

„Admiral“ Tipton sank zurück. Sein Kopf fiel nach hinten. Er atmete mit kurzen heftigen Stößen. Roberto schickte Schmalzlocke, der nicht mehr von seiner Seite wich, nach Wasser und einem Lappen, mit dem er die Stirn des Verletzten kühlen konnte. Es wurde unerträglich heiß unter der Plane. Draußen wanderten die Mädchen herum wie Schlafwandler. Die anderen Gangster hatten sich in tiefe schattige Spalten zurückgezogen. Immer noch lag der Leichnam des Bulligen draußen in der prallen Sonne. Mit weichem Flügelschlag landete ein Geier neben ihm.

Roberto sprang aus der Mulde, und der Vogel hob ab, wobei er einen zornigen Schrei ausstieß. Roberto warf eine Zeltplane über den Mann.

Es dauerte eineinhalb Stunden, ehe das Funkgerät lebendig wurde. Roberto schüttelte Tipton, bis der erwachte. Er drückte ihm das Mikro in die Hand.

––––––––

image

22

EINE SCHARFE STIMME ließ die Membrane klirren. „Was ist los?“

Details

Seiten
400
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913545
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
neue leichen krimi trio

Autoren

Zurück

Titel: Neue Leichen: Ein Krimi Trio