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Fünf Fantasy Abenteuer - Zauberer, Elfen, Drachen

2017 700 Seiten

Zusammenfassung

Zauberer, Elfen, Drachen
von Alfred Bekker & Mara Laue & W.K.Giesa

Geschichten um fantastische Welten und Geschöpfe: Elfen , Drachen, Zentauren, schwertschwingende Helden und mächtige Zauberer.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 670 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Letzte Elfen

Mara Laue: Das Schwert der Zentauren

Alfred Bekker: Adrala – die Nebelstadt

W.K.Giesa: Die Gefangene des Zauberers

Alfred Bekker: Keduan, Planet der Drachen

Leseprobe

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Zauberer, Elfen, Drachen

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von Alfred Bekker & Mara Laue & W.K.Giesa

Geschichten um fantastische Welten und Geschöpfe: Elfen , Drachen, Zentauren, schwertschwingende Helden und mächtige Zauberer.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 670 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Letzte Elfen

Mara Laue: Das Schwert der Zentauren

Alfred Bekker: Adrala – die Nebelstadt

W.K.Giesa: Die Gefangene des Zauberers

Alfred Bekker: Keduan, Planet der Drachen

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Cover: Steve Mayer mit Adelind/Pixabay

© Lebenswerk Werner Kurt Giesa durch Jörg Munsonius und Alfred Bekker

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Letzte Elfen

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von Alfred Bekker

––––––––

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EDRO UND MERGUN IM Land der letzten Elfen - eine 110 Normseiten lange Episode aus der großen Saga um Edro und Mergun.

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1

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Schon früh am nächsten Morgen verließen sie Ghormall in Richtung Nordosten. Ihr Ziel war der Ghorrap-Strom im Norden, auf dem zu allen Jahreszeiten reger Schiffsverkehr herrschte.

Sie hofften, in einem der vielen kleinen Dörfer an den Ufern des großen Flusses ein Boot zu bekommen, um weiter in Richtung der im Osten gelegenen Stadt Yumara zu gelangen.

Der Fluss war nicht sehr gefährlich (wenn man dem glaubte,was die Ghormallier Edro und seinen Gefährten berichtet hatten), aber mit den tiefen Wäldern, die im Osten die Ufer des Stroms bedeckten, war dies nicht so. Räuberische Stämme lebten hier, die schon so manchen Reisenden überfallen und ausgeplündert hatten. Die Ghorraparen, so nannte man sie in Ghormall, aber es gab viele Namen für sie.

"Gut, dass wir nicht den ganzen Weg bis zum Berg der Götter, dem Uytrirran, zu Fuß zurücklegen müssen", meinte Mergun und setzte noch etwas Unverständliches hinzu. Sie waren noch nicht lange unterwegs und der große Strom war noch weit. Eine Tagesreise, wenn sie sich beeilten und nichts Unvorhergesehenes dazwischen kam, so schätzte Edro. Das Gebiet, welches die kleine Gruppe zu überwinden hatte, war nicht ganz einfach. Hin und wieder gab es tückische Moore und gefährliche Sümpfe zu umgehen. Im Südosten erhoben sich - fern und schön - schneebedeckte Gipfel. Sie waren die letzten Ausläufer der Berge von Ghormall.

"Es wäre mir unmöglich, für immer in einer Stadt wie Ghormall zu leben", knurrte Mergun an Edro gewandt. "Ich glaube, ich würde im dortigen Gestank ersticken!" Edro lächelte.

"Mir scheint, Ihr habt recht. Ghormall ist keine schöne Stadt."

"Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen in Städte zusammen drängen, wo doch die Welt groß genug ist, um anders zu leben."

Mergun wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Kiria und Lakyr gingen schweigend ihres Weges und auch die zweiköpfige Katze gab keinen Laut von sich. Lakyr hielt sie auf seinem Arm und streichelte sie. Mit jedem Schritt, den er tat, wuchs seine Sehnsucht nach Elfénia.

Sein sonst eher düsteres Gemüt war aufgeheitert und voller Erwartung und Hoffnung. Und wenn nun nicht einmal die Götter des Uytrirran wussten, wo dieses Land lag? Lakyr wagte kaum, daran zu denken.

Allein die Vorstellung jagte ihm kalte Schauer über den Rücken und ließ ihn erzittern. Aber immer wieder verdrängte er solche Gedanken.

Nach einigen Stunden legten sie eine kurze Rast ein und aßen etwas.

"Dies scheint ein menschenleeres Land zu sein", meinte Lakyr, wobei er sich einen Bissen in den Mund stopfte. Ja, es war tatsächlich so. Weit und breit war niemand zu sehen. Nur ein leiser Wind pfiff über die seichten Hügel. Vorsichtig strich er über das Gras und krümmte es. Kiria blickte Edro an, aber er erwiderte ihren Blick nicht.

Nachdenklich starrte er auf die sich biegenden Grashalme.

"Worüber macht Ihr Euch Gedanken, Edro?", fragte sie dann nach einer Weile und der Dakorier wandte ruckartig den Blick zu ihr.

"Da ist eine Frage, die mich quält. Sie kehrt in gewissen Zeitabständen wieder und stellt sich mir immer von neuem", erklärte er. Kiria runzelte die Stirn.

"Was ist das für eine Frage?"

"Ich frage mich, warum ich bin. Ich frage nach dem Sinn meines Lebens - wenn es so etwas überhaupt gibt. Vielleicht finde ich in Elfénia eine Antwort auf meine Frage,wer weiß?" Ein trauriger Glanz trat in seine Augen, so wie Kiria es von ihm gewohnt war.

"Ich verstehe Euch mit jedem Tag schlechter, Edro. Ihr sucht ein Land, das es nicht gibt und sucht Antworten auf Fragen, die völlig unsinnig sind. Es gibt keine Antwort auf Eure Frage!" Sie schüttelte den Kopf und ihre braunen Haare fielen ihr ins Gesicht. Ihre blauen Augen sahen auf den Grasboden, so, als könne sie auf ihm irgendwelche Dinge lesen.

"Mir kommt das Leben verdammt sinnlos vor!", sagte Mergun düster. Seine Augen verengten sich etwas, als er weiter sprach.

"Wir sind dazu verflucht, ein Land zu suchen, das es vielleicht gar nicht gibt, wir sind dazu bereit, um die halbe Welt zu reisen, um einen Hinweis zu finden, der uns unter Umständen den Weg in dieses Land weisen kann. Ich suche ein Land, in dem ich vielleicht schon einmal gewesen bin und es wieder verließ, weil es zu unmenschlich war. Aber dennoch suche ich wie ein Verrückter nach ihm und nehme selbst die Gefahren einer Reise zum Berg der Götter auf mich, obwohl ich ahne, dass Elfénia nicht das Land meiner Träume ist. Wer sagt mir, wo da in all diesem Chaos noch ein Sinn liegt? Nein, Freunde, das Leben ist ein Chaos - das Schicksal ist kein wohlgewebtes Netz oder ein ewiger Kreis! Nein, es ist ein Haufen ineinander verknoteter und verwirrter Wollknäule. Keinerlei Ordnung oder Gesetzmäßigkeit oder Sinn ist dort. Bevor man sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, Edro, sollte man sich fragen, ob es einen solchen Sinn überhaupt gibt."

Wieder wanderte ein Bissen in seinen Mund und er verschlang ihn wie ein wildes Tier.

"Da bin ich anderer Meinung, Freund Mergun. Es muss einen Sinn in diesem Leben geben - und wenn er darin besteht, dass der Mensch erkennen muss, dass es keinen Sinn im Leben gibt." Das war Edro. Er sah wieder verträumt und traurig auf die sich biegenden Grashalme, mit denen der Wind nach Belieben spielte.

"Es ist paradox, was Ihr sagt, Edro. Aber ich glaube, es liegt mehr Wahrheit darin, als man anfänglich meint", mischte sich jetzt Lakyr ein.

"Es ist ganz und gar paradox!", brummte Mergun.

"Viele Dinge sind paradox. Warum nicht auch dieses?", war Edros Antwort. Lakyrs bepelzte Freundin miaute leise, gerade so, als wollte sie auch etwas zum Gespräch beitragen. Lakyr war sich manchmal nicht ganz sicher, ob sie vielleicht die Sprache der Menschen zu verstehen vermochte.

"Wir müssen weiter", sagte Mergun plötzlich. Sie packten ihre Sachen zusammen und machten sich wieder auf den Weg. Das Gelände wurde zunehmend flacher, je weiter sie sich dem großen Ghorrap-Strom näherten. Am Abend erreichten sie ein winziges Dorf, Tasmaderi genannt. Auf keiner Karte war es verzeichnet gewesen, so klein war es. Einst hatte es viele Dörfer dieser Größe unterhalb der Mündung des großen Stroms gegeben, aber die meisten waren jetzt verlassene Ruinen. Auch in Tasmaderi standen viele Häuser leer. Vor allen Dingen die jungen Leute waren ausgewandert und hatten in der Riesenstadt Ghormall ihr Heil gesucht. Doch nur die wenigsten hatten es gefunden. Die Lette von Tasmaderi aber waren sehr freundlich und zuvorkommend. Sie gestatteten den vier Wanderern gern, sich in den verlassen stehenden Häusern einzuquartieren. Als sich Edro jedoch bei einem von ihnen nach dem großen Strom erkundigte (den er zu seinem Erstaunen nirgends sah), erlebte er eine herbe Enttäuschung.

"Mindestens noch eine Tagesreise", hatte der Gefragte geantwortet. So hatte der Dakorier sich also geirrt, als er meinte, den Weg von Ghormall zum Fluss in einem Tag schaffen zu können. Die vielen Moore und Sümpfe hatten sie wohl doch mehr aufgehalten, als sie voraussehen konnten.

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2

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Am anderen Tag ging es dann weiter. Auf hügeligen Auen sahen sie halbwilde Rinder grasen und manchmal hörten sie auch die entfernten Stimmen von Menschen. Aber denen gingen sie lieber aus dem Weg. Ihr Weg wurde nun zunehmend angenehmer, denn es gab nirgends die tückischen Moore. Am Nachmittag erreichten sie dann ein kleines Dorf am Flussufer. Es hieß Dihom-Huras. Die Bewohner von Dihom-Huras lebten nicht im Überfluss, aber sie schienen zufrieden.

Ihr Erwerb war der Fischfang und wie es schien, konnte man in diesem Teil der Welt davon gut leben. Die Freunde wandten sich an einen für die Verhältnisse dieses Dorfes reichen Fischer. Er hatte mehrere Boote am Flussrand des großen Ghorrap liegen und sie konnten ihn schließlich dazu überreden, ihnen eins zu verkaufen.

"Ich würde vorschlagen, erst morgen aufzubrechen", meinte Mergun, als er das Boot betrachtete. In Lakyrs Augen blitzte es entschlossen.

"Wir sollten so schnell aufbrechen, wie möglich. Warum nicht schon jetzt?", fragte er.

"In einigen Stunden ist es dunkel. Elfénia läuft uns nicht davon, Freund Lakyr", erwiderte der Mann von der Wolfsinsel. Lakyr zuckte mit den Schultern. Er wandte sich fragend an Edro, der noch nichts gesagt hatte.

"Was meint Ihr, Edro?"

"Ich bin dafür, heute Nacht hier zu bleiben. Der Ghorrap hält viele Gefahren für uns bereit und wir sollten ihnen ausgeruht und frisch begegnen. Wir haben so lange nach Elfénia gesucht, da ist es nicht schlimm, wenn wir noch ein wenig warten." Lakyrs Blick wanderte dann weiter zu Kiria.

"Ich bin sehr müde", meinte sie nur. Der Thorkyraner nickte. Sie blieben also bis zum Morgen in Dihom-Huras. Kurz nach Sonnenaufgang aber hatten sie das Boot bereits zu Wasser gelassen. Es war ein seltsames Gefühl, fand Edro, das Paddel ins Wasser zu tauchen und das Gefährt ein wenig voran zu schieben. An Vorräten hatte die Gruppe nur äußerst wenig mitgenommen, da sie darauf vertrauten, von dem leben zu können, was die Natur ihnen bot. Von Fischen zum Beispiel, von denen es im ruhig fließenden Wasser des Ghorrap mehr als genug gab. Die Stunden flossen dahin und noch immer waren die Ufer zu beiden Seiten des Flusses nur mit hügeligen Auen bedeckt. Sie sahen grün und saftig - und irgendwie unberührt aus. Aber nirgends zeigte sich der Wald, der irgendwo Flussaufwärts beginnen musste.

Ein gefährlicher und mitunter tödlicher Dschungel. Man tat gut daran, auf dem Wasser zu bleiben. Ob meine Welt inzwischen gestorben ist?

fragte sich Kiria, wobei sie kurz einigen Vögeln zusah, die laut kreischend durch die Lüfte schwirrten und sich dann irgendwo in der Ferne zu Boden ließen. Die Sonne ging unter und es wurde schnell dunkel.

"Es wäre ratsam, jetzt an Land zu gehen", meinte Edro. Sie steuerten das Boot ans Ufer und sprangen an Land. Mit wenigen Bewegungen hatten sie auch das Boot aus dem Wasser gezogen. Nun entfachten sie ein kleines Feuer, um die Fische zu braten, die sie während der Bootsfahrt mit einer einfachen, selbstgemachten Angel gefischt hatten. Hell leuchtete der Mond am Himmel und die Sterne funkelten wie winzige, unendlich weit entfernte Juwelen. Edro legte sich hin und starrte in die Sternenpracht.

"Die Sterne sind schön, nicht wahr?", sagte Kiria, womit sie sich neben ihn legte.

"Ja, sie sind schön."

"In meiner Heimatwelt konnte man nur sehr selten die Sterne sehen. Und als der blaue Nebel allzu dicht wurde, überhaupt nicht mehr."

"Worin, meint Ihr, liegt die Schönheit der Sterne begründet, Kiria?" Sie sah ihn zunächst erstaunt an, aber er schien dies nicht zu bemerken. Einen Moment lang dachte Kiria nach.

"Vielleicht erscheinen sie uns deshalb schön, weil sie von einer undurchdringbar scheinenden Finsternis umgeben sind", sagte sie schließlich. Edro lächelte.

"Ja, daran mag es liegen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir sie nur aus der Ferne betrachten können. Wisst Ihr, ich hatte es in Eurer Welt einmal mit einer seltsamen Sorte von Steinen zu tun. Aus der Ferne funkelten sie und glänzten wie die schönsten Edelsteine. Ihr Licht durchdrang sogar den blauen Nebel. Aber irgendetwas Magisches war an ihnen, denn wenn man sich ihnen zu sehr näherte, dann verwandelten sie sich immer in hässliche, normale Findlinge, wie man sie an jedem Weg zu finden vermag. Vielleicht ist es mit den Sternen über uns ähnlich."

"Das glaube ich nicht. Sie sehen so schön aus."

"Alles ist schön und hässlich zugleich, Kiria."

"Auch Elfénia, das Land deiner Träume?" Edro kratzte sich nachdenklich an seiner unrasierten Wange. Was sollte er darauf antworten? Sein Blick traf den ihren und sie lächelte.

"Wenn alles hässlich und schön zugleich ist, wie Ihr eben sagtet, so kann dieses Land nicht existieren. Denn sagtet Ihr nicht, dass es dort unendlich schön ist?" Edro sagte noch immer nichts. Sein Blick wanderte wieder zum Sternenhimmel. Aber es waren nicht die Sterne, die er betrachtete, sondern die Finsternis zwischen ihnen, dieses Nichts, dieses Bodenlose, unheimliche Nichts.

"Mergun war in Elfénia und für ihn war dieses Land absolut hässlich und unmenschlich, während andere gerne in ihm leben und sich nach ihm sehnen. Auch Elfénia ist hässlich und schön zugleich - wie alles auf dieser Welt." In der Nacht verzichteten sie darauf, Wachen einzuteilen. Diese Gegend schien still und friedlich zu sein.

Es gab keinen Grund zum Misstrauen. Aber für Edro sollte es trotz allem eine erlebnisreiche Nacht werden. Er schloss die Augen und übergab sich dem immer stärker werdenden Verlangen nach Schlaf. Im Traum stand er am Strand irgendeines Meeres. Die Wellen tobten wild und brachen sich, wenn sie auf den Strand rollten. Aus der Luft war das Kreischen von Seevögeln zu hören. Ja, es war ein bewegtes Meer, vor dem Edro stand. Wie viele Schiffe mochte es wohl in den Jahrmilliarden seines Bestehens auf den Grund geholt haben, wie viele Schicksale mochten in ihm zu Ende gegangen sein. Die Wellen kamen und gingen und jedesmal, so erschien es dem Dakorier, kamen sie ein Stück weiter zu ihm. Kamen sie, um ihn zu holen und mit sich zu reißen in ihren unendlich großen Schlund, in den schon so viele Schiffbrüchige gegangen waren? Ein Wind fegte ihm ins Gesicht und er schien das einzig Beständige in diesem Chaos aus Wassermassen zu sein, in diesem ewigen Berg und Tal. Je höher die von Schaumkronen besetzten Berge waren, um so tiefer stürzten sie dann und um so tiefer die Täler waren, je tiefer sie sich in die Meeresoberfläche gruben, desto steiler erhoben sie sich dann, aber auch das nur, um hernach wieder in die chaotische Tiefe zu stürzen. Ein ewiges Hin und Her, ein ewiges Chaos. Aber dennoch nicht sinnlos, so schien es Edro. Dieser Ort war schön und abscheulich zugleich. Aber etwas verwunderte den Dakorier. Alles, die Landschaft hinter ihm genauso wie das Wellenchaos vor ihm, wirkte für einen Traum zu real. Edro spürte das.

Und plötzlich wurde es ihm bewusst, dass er träumte. Aber nein! Er fühlte sein wehendes Gewand. Er tastete nach dem Griff seines Schwertes und zog es. Seine Klinge war kalt - wie immer. Hastig steckte er die Waffe dann zurück und lief an dem endlos scheinenden Strand entlang. Er rannte. Und plötzlich wusste er, dass alles, was um ihn herum passierte real war, dass es wirklich passierte. Es war kein Traum, dessen war er sich jetzt völlig sicher. Er hatte sich ins Ohr gezwackt, aber er war nicht aufgewacht. Erschrecken bemächtigte sich seiner. Wie sollte er an jenen seltsamen Ort gelangt sein? War er in eine andere Welt gelangt? Vielleicht durch irgendeine Art von Magie?

Möglich war alles - und nichts. Nein, dies war seine Welt. Er kannte jedes Gras, das hier wuchs und jede Vogelart die hier kreischte. Und doch... Irgendetwas war geschehen, etwas, dass er sich zur Zeit noch nicht erklären konnte. Wo waren Kiria und die anderen?

"Kiria!", rief er, aber es kam natürlich keine Antwort. Irgendetwas trieb ihn vorwärts. Er lief. Er lief wie nur ein Verrückter laufen konnte.

Immer schneller jagte er seine Beine vorwärts - und er wusste selbst nicht recht, wohin er eigentlich rennen wollte, was sein Ziel war.

Wahrscheinlich hatte er gar kein Ziel. Wie automatisch setzte er ein Bein vor das andere, rannte, lief, hetzte. Der Strand hatte kein Ende und nirgends war in der Landschaft eine Abwechslung zu sein. Es war ihm so, als würde er rennen und trotzdem immer an ein und demselben Ort bleiben. Es war schrecklich. Und dann stolperte er. Seine Hände berührten den nassen Sand. Mühsam richtete Edro sich dann wieder auf. Er blickte aufs Meer hinaus. Etwas Rotes war am Horizont aufgetaucht. Der Dakorier strengte seine Augen so gut es ging an, aber er vermochte trotz allem nicht zu erkennen, was dort am Horizont auftauchte. Seine Linke legte sich um den Schwertgriff, während er sich mit der Rechten den Sand aus den Augen rieb. Dieses seltsame, rote Etwas kam immer näher und schließlich vermochte Edro zu erkennen, was es war. Es war ein Schiff. Ein rotes Schiff. Es sah äußerst merkwürdig aus, denn nirgends konnte Edro eine Besatzung erkennen. Auch kannte er kein Volk, das seine Schiffe rot anstrich.

Trotz des Windes hingen die Segel schlaff von den Masten. Wie ein riesiger Fisch durchpflügte es die See - aber offenbar ohne die Kraft seiner Segel. Edro schüttelte den Kopf. Nein, ein so seltsames Schiff hatte er noch nicht gesehen. Dann verschwand es langsam wieder in der Ferne. Trotz seiner offensichtlichen Fremdartigkeit war Edro das Schiff irgendwie vertraut vorgekommen. Wohin mochte dieses Schiff fahren? Nach Elfénia?

"Was starrst du so auf das Meer hinaus, Edro?", fragte eine seltsam vertraute und doch zugleich fremde Stimme. Langsam wandte sich Edro um, aber da war niemand.

"Wo bist du?", rief er.

"Ich bin hier", erwiderte die Stimme. Edro fragte sich, an wen ihn diese Stimme erinnerte. Er war sich vollkommen sicher, sie bereits vernommen zu haben.

"Ich sehe dich nicht!"

"Das macht nichts!" Edros Hand war am Schwertknauf, aber irgendwie spürte er, dass diese Stimme ihm nicht böse gesonnen war.

"Warum schautest du auf das Meer hinaus, Edro?", wiederholte die Stimme jetzt ihre Frage. Edro schwieg zunächst. Er war ratlos. Und wieder fragte er sich, ob dies nun die Realität oder ein böser Traum war. Vielleicht war es beides?

"Was suchten deine Augen am Horizont?"

"Ein Schiff."

"Ein rotes Schiff? War es rot?" Ein seltsamer Unterton schwang in diesen Worten der Stimme mit. War es Spott? Oder Furcht? Oder etwas anderes? Einen Augenblick zögerte Edro deshalb mit seiner Antwort.

"Ja, es war ein rotes Schiff."

"Hast du es gesehen, Edro?"

"Ja." Edro glaubte jetzt, ein leises, unterdrücktes Stöhnen zu hören.

"Weißt du etwas über dieses Schiff?", fragte der Dakorier dann.

"Auf ihm reisen die Verrückten und Wahnsinnigen. Es ist ein schreckliches Schiff. Magie steckt in ihm. Sahst du die Segel? Sie hingen schlaff von den Masten, obwohl der Wind blies und das Schiff fuhr. Eine magische Kraft treibt es vorwärts immer weiter seinem dämonischen Ziel entgegen."

"Wohin segelt das rote Schiff?", fragte Edro jetzt die Stimme.

"Wohin es segelt, willst du wissen, Edro? Sein Ziel ist ein Land, das es gar nicht gibt."

"Wie ist sein Name?"

"Dieses Land besitzt tausend Namen - und einer ist schrecklicher als der andere." Dann wurde die Stimme abrupt leiser. Edro konnte ihre letzten Worte nicht mehr verstehen. Noch mehrmals fragte er nach dem Namen des Landes, zu dem das rote Schiff segelte, aber schließlich waren nur noch das Rauschen des Ozeane und das Pfeifen des Windes um ihn herum. Niemand antwortete ihm. Er war wieder allein. Da schlug Edro die Augen auf. Er war schweißgebadet, obwohl es durchaus nicht warm war. Es war schon heller Tag und Mergun hatte bereits den Großteil ihrer Sachen zusammengepackt. Benommen stand er auf, nahm einige Bissen zu sich und blickte düster auf die Asche des in der Nacht abgebrannten Feuers. Edro wusste selbst nicht so recht, warum ihn dieser Traum so sehr mitgenommen hatte. Er wusste doch schließlich nun, dass alles nur ein Traum gewesen war.

Als Kiria ihn ansah, zuckte er etwas zusammen. Eine unbewusste Angst stieg in ihm auf. Die Stimme... Aber die Erinnerung an den Traum verblasste rasch wieder zu einem äußerst unscharfen Bild, auf dem nur noch die gröbsten Einzelheiten zu erkennen waren. Dann ging er zum Flussufer, wo er Mergun und Lakyr dabei half, das Boot zu Wasser zu lassen. Wenig später schon ruderte die kleine Gruppe ihr Gefährt weiter Flussaufwärts. Ihre Reise ging relativ schnell voran -

aber das würde sich bald ändern, wenn sie die großen Wälder von Yumara erreichten. Edro redete an diesem Tag nicht viel. Er saß stumm im Heck des Bootes und stieß das kleine Boot mit seinem Paddel vorwärts. Aber seine Gedanken waren ganz woanders, das sah man sehr gut. Er beobachtete, wie sich die Gräser unter dem Wind bogen und Äste und Blätter mit der Strömung des Flusses fortgerissen wurden. Aber sie fuhren gegen den Strom. Alle paar Stunden legten sie an Land an und machten eine kurze Rast. Am Nachmittag schließlich erreichten sie den großen Wald. Uralte, knorrige Bäume beugten sich über den Fluss und blickten drohend auf das kleine Boot herab. Der Wechsel vom hügeligen Auenland zum Waldland war fast übergangslos vor sich gegangen. Plötzlich war er da gewesen: der düstere, von gefährlichen Ghorraparen-Stämmen bewohnte Wald.

"Jetzt heißt es doppelt wachsam sein", hatte Mergun gesagt.

"Hinter jedem Baum mag ein heimtückischer Bogenschütze lauern."

Geisterhaft erscholl der Schrei eines buntgefiederten Vogels, den irgendetwas aufgescheucht hatte und irgendwo war der dämonenhafte Schlag schwarzer Schwingen zu hören.

"Dieser Wald hat mit dem der Wolfsinsel nichts gemein", meinte Mergun und Lakyr nickte düster.

"Er ist seltsam, aber ich glaube nicht, dass er besondere Gefahren birgt." Zunächst hatte jeder Schrei, jedes Geflatter die Mitglieder der Gruppe zusammenzucken lassen, aber mit der Zeit gewöhnten sie sich an die Musik des Urwaldes. Einmal wollte Mergun am Ufer ein Paar Augen gesehen haben und auch Lakyrs Katze hatte laut gefaucht. Aber die anderen konnten nichts entdecken. Man kam schließlich zu dem Schluss, dass Mergun sich getäuscht haben musste. Aber der Nordländer wollte das nicht so einfach akzeptieren. Noch intensiver als zuvor beobachtete er die Flussufer. Aber selbst die scharfen Augen des Nordländers konnten nichts entdecken. Langsam aber sicher begann es zu dämmern, und man musste sich nun entscheiden, wo man übernachten wollte.

"Ich halte es für zu gefährlich, an Land zu gehen", sagte Kiria im Brustton der Überzeugung. Sie lauschte einige Augenblicke den Stimmen des Waldes. Sie waren weder böse noch liebevoll. Sie waren nur so unwahrscheinlich fremd.

"Es ist gefährlich, da habt Ihr recht. Vor allen Dingen deshalb, weil wir über die Gefahren dieses Waldlandes so gut wie gar nichts wissen. Aber bleibt uns denn eine andere Wahl?" Das war Lakyr. Edro blickte zu einem der Baumriesen empor.

"Vielleicht können wir in den Baumkronen übernachten", meinte er.

"Eine gute Idee. Da kommt so schnell kein wildes Tier hin", meinte auch Lakyr. Sie landeten also und zogen das Boot ans Ufer.

Ganz in der Nähe wuchs ein uralter, knorriger Baum, wo sie relativ gut übernachten konnten. Edro hatte Angst vor dem Einschlafen. Er fürchtete, sein Traum könne zurückkehren. Doch schließlich übermannte ihn die Müdigkeit. Der Tag war anstrengend gewesen und verlangte von seinem Körper den nötigen Schlaf. Wider Erwarten ließen ihn die Träume jedoch diese Nacht in Ruhe.

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Noch vor Sonnenaufgang ging es dann weiter. Der Wald schien friedlich zu sein. Nirgends lauerte Gefahr. Es schien Edro so, als würde der Pflanzenwuchs immer üppiger, je weiter sie Flussaufwärts kamen. Riesige Blätter schwammen auf der Wasseroberfläche und auf ihnen liefen faustgroße Insekten herum. Sie sahen bizarr und gefährlich aus, aber das waren sie durchaus nicht. Es handelte sich bei ihnen um friedfertige Tiere, die dem Menschen kaum zur Last fallen konnten. Es konnte ein ganzes Jahr oder länger dauern, ehe die Gruppe den Berg der Götter erreichte. Einen Moment lang erschien Edro seine Suche nach Elfénia sinnlos. Auf jeden Fall waren seine Aussichten gleich Null. Aber dennoch... Nein, er würde nicht ruhen können, ehe er nicht dieses Land gefunden hatte. Es war die einzige Ambition, die er in seinem Leben hegte. Wie ein geschmeidiger Fisch glitt das Boot lautlos dahin. Ereignislos verstrichen die Stunden und es dämmerte bereits wieder. Sie legten am Ufer an und suchten sich einen Baum für die Übernachtung aus. Es verlief alles relativ normal, bis Edro mitten in der Nacht ein Geräusch hörte. Menschliche Schritte! Irgendwo miaute Lakyrs zweiköpfige Katze und Edro wusste, dass Gefahr drohte. Vorsichtig weckte er die anderen und zog sein Schwert.

"Ich habe es geahnt", sagte Mergun wütend, aber Edro bedeutete ihm, zu schweigen. Sie spähten in die Dunkelheit. Fackeln waren da zu sehen. Und Menschen, mit seltsamen Tüchern behängt. Schwerter und Äxte blitzten im Mondlicht.

"Wer sind sie?", fragte Kiria.

"Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich glaube, es sind Ghorraparen", meinte Mergun.

"Ich zähle 24 Fackeln", setzte Lakyr hinzu. Mit der Rechten griff er nach seiner Katze und setzte sie auf seinen Schoß. Er wollte verhindern, dass sie unbedachte Schritte unternahm.

"Unser Boot! Sie haben es auf unser Boot abgesehen!", rief Mergun. Der Mann von der Wolfsinsel wollte sich daran machen, vom Baum herunterzusteigen, aber Edro hielt ihn zurück.

"Es hat wenig Sinn, Freund Mergun", sagte er.

"Aber unser Boot! Ohne das Boot sind wir aufgeschmissen!"

"Mag sein. Aber gegen diese Übermacht erreichen wir ohnehin nicht viel - und es kann gut sein, dass dieses nur eine Vorhut ist."

Mergun nickte schließlich.

"Vielleicht habt Ihr recht." Ein Triumphgeheul brach unter den Ghorraparen aus, als sie das Boot der Gruppe entdeckten. Fackeln wirbelten in der Nacht und Stimmen schrien durcheinander. Es war fast unmöglich, zu verstehen, was sie sagten. Zwar sprachen auch die Ghorraparen an den Ufern des großen Stroms die Westsprache, aber doch in ihrem eigenen Dialekt. Wollte man etwas verstehen, musste man sich sehr viel Mühe geben.

"Sie scheinen nicht wegen uns hier zu sein", meinte Lakyr.

"Nein, aber nachdem sie das Boot gefunden haben, wissen sie, dass wir in der Nähe sind", stellte Kiria fest. Gebannt starrten sie auf die vielen Gestalten unter ihnen. Triumphierend trugen die Wilden das Boot davon. So rasch, wie sie gekommen waren, verschwanden sie dann auch wieder und schon nach einer kurzen Weile hörten die vier auf dem Baum nur noch die ewige Musik des Waldes. Wütend ballte Mergun die Fäuste.

"Oh, diese Banditen! Sie haben uns unser Boot genommen! Wie sollen wir nun je nach Yumara kommen?"

"Wir werden unser Ziel erreichen, mein Freund", meinte Edro zuversichtlich. Lakyr zuckte nur düster mit den Schultern.

"Sollen wir vielleicht zu Fuß durch diesen Wald marschieren?"

fragte Kiria etwas aufgebracht.

"Die Ghorraparen tun dies schon solange sie hier leben - und das mögen Tausende von Jahren sein", erwiderte Mergun.

"Es ist gefährlich, das gebe ich zu. Aber es gibt keinen anderen Weg, Freunde", erklärte Lakyr.

"Dann sollten wir noch in dieser Nacht aufbrechen. Am besten jetzt sofort! Dieses Gebiet scheint mir nicht mehr sicher. Es könnte sein, dass diese Wilden zurückkehren", sagte Mergun. Das fahle Licht des Mondes leuchtete gespenstisch durch die dünnen Wolken und das Geäst auf den Fluss und spiegelte sich dort. Ein leichter Wind wehte und ließ die Blätter der Bäume rascheln.

"Nein, wir sollten diese Nacht noch hier bleiben. Hier sind wir im Augenblick noch am sichersten", meinte Edro und legte sich wieder hin. Lakyr nickte.

"Ja, vielleicht ist es so."

"Dann sollten wir Wachen einteilen." Das war Mergun. Seine Hand war am Schwert.

"Gut", meinte Edro.

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Als der Morgen graute brachen sie auf. Aber sie schwiegen auf ihrem Weg. Misstrauisch glitten ihre Blicke umher. Ihr Weg war mühsam und schwierig. Dornenbewehrte Büsche und mannshohe Farne versperrten ihnen den Weg. Alles wuchs so dicht neben- und übereinander, dass man sich den Weg nicht selten erst freihacken musste. In den folgenden Tagen wurden sie von den Ghorraparen in Ruhe gelassen. Nirgends sahen sie auch nur eine Spur von ihnen. Aber sie kamen nur sehr langsam vorwärts und mussten oft rasten. Moskitos machten ihnen zu schaffen. Heimtückisch kamen sie heran um von ihrem Blut zu saugen. Eine Weile konnten sie einem von, größeren Tieren (vielleicht auch von Menschen) getrampelten Pfad folgen.

Und dann geschah es! Mergun brach plötzlich zusammen.

Mühsam versuchte er sich wieder aufzurichten. Er stöhnte laut auf.

"Was ist?", fragte Lakyr besorgt, aber der Gefragte gab keine Antwort. Edro half ihm auf, aber als er des Nordländers Augen sah, erschrak er. Ein fiebriger Glanz lag auf ihnen wie ein Schleier. Mergun schien zu schwach zum Stehen zu sein, denn als der Dakorier ihn für einen Moment losließ, drohte er sofort wieder zu Boden zu sinken.

"Was ist mit ihm los?", fragte Kiria ratlos.

"Wahrscheinlich eine der vielen Waldkrankheiten", erklärte Edro.

Wütend schlug Lakyr nach einem Moskito.

"In Dihom-Huras sagt man, diese kleinen Teufel übertragen solche Krankheiten."

"Schon möglich", sagte Edro nur. Sie legten Mergun auf den Boden. Sein Gesicht war bleich wie der Tod. Und seine Augen glänzten unnatürlich und wie im Fieber. Schweiß lief über seine Stirn.

Edro beobachtete ihn, aber er vermochte nicht zu sagen, ob der Nordländer noch bei Sinnen war. Eine seltsame Trance hatte Mergun befallen.

"Wir werden ihn tragen müssen", stellte Lakyr fest. Sie bauten aus einigen kräftigen Zweigen und einer Decke, die sie bei sich hatten eine notdürftige Bahre für Mergun. Edro und Lakyr trugen ihn so weiter.

Das hatte natürlich zur Folge, dass sie nun noch langsamer vorwärts kamen. Dieser Wald war ein endloses Meer aus Pflanzen und Tieren.

Der Mensch gehörte hier nicht her, wurde es Edro klar. Jedenfalls nicht die Sorte von Mensch, die die Zivilisation gewohnt ist. Nur die Ghorraparen waren hier in dieser grünen Hölle zu Hause. Mochten die Götter wissen, wie sie es geschafft hatten sich an dieses Leben anzupassen. Inzwischen hatte auch Kiria einen Schwächeanfall bekommen. Wie Mergun war sie plötzlich ohne irgendeinen erkennbaren Grund zu Boden gesunken und nicht wieder aufgestanden. Edro hatte sich über sie gebeugt und es schließlich fertig gebracht, sie zum Weitergehen zu bewegen. Ihr Anfall war offenbar nicht so schlimm gewesen, wie der von Mergun. Wie eine lebende Leiche wankte sie neben der von Edro und Lakyr getragenen Bahre dahin. Vor ihnen lief die kleine bepelzte Freundin Lakyrs, die nun die Gruppe anführte. Sie schien genau den Weg zu kennen, denn sie schritt zielstrebig voran. Merguns Augen waren jetzt geschlossen. Er hatte das Bewusstsein verloren und es war nur noch wenig Leben in ihm. Immer häufiger kam es vor, dass Kiria stolperte und liegenblieb, wie sie gefallen war. Sie schien einfach nicht die Kraft zum Weiterlaufen zu haben. Und so waren sie gezwungen, in immer kürzer werdenden Abständen eine Rast einzulegen. Dazu kam noch, dass ihre Fischvorräte langsam zu Neige gingen. In den letzten Tagen hatten sie sich stetig vom Fluss entfernt, aber nun mussten sie zurück, um Nahrung zu finden, denn fischen war ihre einzige Möglichkeit, zu etwas essbarem zu kommen. Ihre Schwerter eigneten sich leider nicht als Jagdwaffen.

"Wir müssen weiter zum Fluss hin!", hatte Edro eindringlich gesagt. Aber die kleine zweiköpfige Katze schien andere Pläne zu haben. Sie miaute laut und anklagend und ging in der von ihr eingeschlagenen Richtung weiter.

"Dieses störrische Katzenvieh!", rief der Dakorier aus und blickte Lakyr düster an.

"Das solltet Ihr nicht sagen, Edro. Sie hat Euch das Leben gerettet!", erwiderte ihr Besitzer. Edro nickte.

"Entschuldigt meine Worte."

"Ich bin dafür, dem Tier zu folgen."

"Aber wir müssen essen, Lakyr, versteht Ihr? Hier wissen wir nicht, welche Frucht giftig und welche essbar ist - und an das Erjagen von Tieren ist überhaupt nicht zu denken." Lakyr schaute nachdenklich auf die Zweiköpfige, die inzwischen angehalten hatte, um auf die anderen zu warten. Ihre gelben Augen glommen seltsam.

"Sie schlägt diesen Weg nicht ohne Grund ein, Edro, glaubt mir!"

"Sie ist ein Tier!"

"Da bin ich mir längst nicht mehr sicher. Es steckt mehr in Ihr, und das dürftet auch Ihr festgestellt haben."

"Ich kann nicht mehr weiter!", stöhnte Kiria. Sie sank auf die Knie und wischte sich mit den Händen den kalten Schweiß aus den Augen.

Sie war ungewöhnlich blass - noch blasser als sonst. Edro nickte Lakyr zu.

"Wir müssen eine Rast einlegen", bestimmte er und sie setzten die Bahre mit Mergun ab. Dann trug Edro Kiria an einen angenehmeren Platz, wo sie sofort einschlief. Um Mergun stand es noch schlimmer.

Noch immer war sein Bewusstsein nicht zurückgekehrt und sein Herzschlag wurde ständig langsamer.

"Es ist nicht übertrieben, das Schlimmste für Mergun zu befürchten", hatte Edro behauptet. Irgendwo auf einem der Baumriesen sah er dann die kleine, bepelzte Gestalt der zweiköpfigen Katze. Sie schien die Gegend zu beobachten und das Lager der Gruppe zu bewachen. So unscheinbar und klein sie auch sein mochte - im Kampf war sie ein tödlicher Gegner. Ein Stöhnen durchschnitt die Stille. Es kam von Merguns Bahre. Edro und Lakyr eilten sofort herbei. Der Mann von der Wolfsinsel hatte die Augen geöffnet und blinzelte um sich. Edro beugte sich über ihn und seine Anwesenheit schien Mergun etwas zu beruhigen. Dennoch versuchte er immer wieder zu sprechen, aber kein Laut kam über seine Lippen. Er war zu schwach.

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Erst am nächsten Morgen konnten sie aufbrechen. Widerstrebend gab Edro nach und sie folgten der zweiköpfigen Katze. Zielstrebig ging sie voran. Sie schien sehr genau zu wissen, was sie tat. Es kam oft vor, dass Kiria zusammenbrach. Dann mussten Edro und Lakyr die Bahre mit dem inzwischen wieder bewusstlosen Mergun absetzen, um ihr aufzuhelfen. Doch oft genug war sie zu schwach dazu und die Gruppe musste eine Rast von mehreren Stunden einlegen. Immer langsamer kamen sie vorwärts. Es war jetzt selten, dass sie mehrere Stunden lang ohne Unterbrechung liefen. Als die Dämmerung einsetzte aßen sie dann ihren letzten Fisch.

"Morgen werden wir ohne essen auskommen müssen", stellte Edro düster fest, als sie abends am Feuer saßen. Lakyr streichelte seine Katze und blickte sie nachdenklich an. "Sie weiß, wohin sie geht, das spüre ich, Edro. Wir sollten ihr vertrauen." Edro antwortete nicht. Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Feldflasche. Als sie am anderen Tag weiter marschierten, knurrten ihre Mägen, aber sie hatten nichts mehr bei sich, was sie hätten essen können. Und an die wild wachsenden Beeren und Früchte zu gehen, wäre zu riskant gewesen -

wer wusste schon welche von ihnen giftig und welche genießbar waren? Zu dem Hunger kam die Erschöpfung. Der nächtliche Schlaf konnte die Kräfte, die am Tage verloren gingen, nicht vollständig zurückbringen. Aber dann erreichten sie nach einem weiteren Tag ein kleines Ghorraparen-Dorf. Es war mitten im Dschungel auf einer freigehauenen Lichtung erbaut und bestand aus mehreren Dutzend Hütten. Dieses Dorf muss die ganze Zeit über das Ziel der Katze gewesen sein, wurde es Edro plötzlich klar. Einige quiekende Kinder rannten ihnen entgegen und beäugten sie misstrauisch und lachten.

"Vielleicht gestatten uns diese Leute, hierzubleiben, bis Mergun wieder gehen kann", meinte Lakyr. Sie blieben jetzt stehen und setzten die Bahre ab. Inzwischen waren auch einige Männer und Frauen gekommen. Manche von ihnen rauchten merkwürdige Pfeifen. Einige von ihnen waren auch mit Schwertern oder Lanzen bewaffnet. Ein alter, weißhaariger Mann trat schließlich vor. Sein Gesicht strahlte Würde aus - aber es war hart und kantig.

"Ich bin Flar, Häuptling vom Stamm der Dagaroy! Ich grüße euch!"

"Wir sind Reisende und würden gerne solange in Eurem Dorf verweilen, Häuptling, bis unsere kranken Gefährten wieder gesund sind."

"Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr bei uns bleibt. Wie heißt Ihr?"

Edro nannte seinen Namen und auch die Stadt seiner Herkunft, aber der alte Häuptling konnte damit nichts anfangen. Dakor war für ihn lediglich ein Name. Nie zuvor hatte jemand vom Ghorraparen-Stamm der Dagaroy etwas von jener Stadt gehört.

"Und was habt Ihr für ein Reiseziel, Edro?", fragte Flar dann.

"Ein Land. Es trägt viele Namen, habe ich gehört, aber wir kennen es unter dem Namen Elfénia." Flar runzelte die Stirn.

"Nie gehört", bekannte er, "aber die Welt ist groß und es mag sein, dass es dieses Land irgendwo gibt." Man überließ der Gruppe schließlich eine Hütte. Jeden Tag kamen zwei Frauen an diese Hütte und überbrachten den Nahrungsanteil, den man den Gästen zugestand.

Der Stamm teilte alles unter seine Mitglieder auf - es gab keinerlei Unterschiede zwischen den einzelnen Familien. Jede bekam, was ihr aufgrund ihrer Kopfzahl zustand. Nachdem sich Lakyr und Edro ein wenig erholt hatten, nahmen sie auch an der Jagd teil. Die Dagaroy zeigten ihnen, welche Tiere man mit welchen Waffen erlegen konnte.

Mit der Zeit lernten sie auch, welche Beeren und Früchte essbar, und welche nicht. Merguns Lage verbesserte sich zusehends. Er war jetzt ständig bei Bewusstsein. Er aß und trank normal und auch sein Fieber war zurückgegangen. Aber seine Beine waren gefühllos. Nicht einen Millimeter weit konnte er sie bewegen. Kiria erging es wesentlich besser. Sie war sehr bald ganz wiederhergestellt. Aber Mergun bereitete Edro Sorgen.

"Glaubt Ihr, Edro, glaubt Ihr, dass ich je wieder gehen kann?", fragte der Nordländer Edro eines Tages.

"Die Dagaroy kennen diese Krankheit. Sie nennen sie Z`nufftae. In den meisten Fällen tritt dabei eine Lähmung auf, die aber nur vorübergehend sei." Mergun nickte.

"Hoffen wir, dass sie nur vorübergehend ist, diese verfluchte Lähmung." Aber in den folgenden Wochen änderte sich Merguns Zustand nicht zum Besseren. Das Leben kehrte nicht in seine Beine zurück. Langsam wuchs in Edro die Unruhe. Sie mussten weiter, koste es, was es wolle. Die Tage strichen dahin und Edros Unbehagen wuchs. Als Kiria und der Dakorier eines Abends durch das Dorf spazierten, deutete er auf die kleinen Lasttiere der Ghorraparen. Sie hatten große Ähnlichkeit mit Pferden, bloß waren sie viel kleiner. Es musste sich um eine besondere Art von Ponys handeln.

"Vielleicht kann Mergun auf einem dieser Tiere reiten", sagte Edro und Kiria sah ihn erschrocken an. Aber das Erschrecken wich schließlich einer nüchternen Erkenntnis.

"Ihr wollt bald aufbrechen, nicht wahr, Edro?"

"So ist es. Es muss sein,Kiria, das wisst Ihr."

"Aber könnten wir denn nicht wenigstens solange bleiben, bis Mergun wieder voll leistungsfähig ist und seine Beine geheilt sind?"

"Das kann lange dauern - und ich will nicht in diesem - wenn auch sehr gastlichen - Dorf versauern und alt werden."

"Weiß Lakyr von Euren Plänen?"

"Er denkt genauso wie ich."

"Und Mergun?"

"Mit ihm habe ich noch nicht gesprochen. Aber das werde ich bald nachholen." Nachdenklich betrachtete der Dakorier die Tiere.

"Ich denke, sie sind kräftig genug, um einen Menschen tragen zu können." Kiria zuckte mit den Schultern.

"Es wird schwierig werden, ein solches Tier durch den Dschungel zu treiben", behauptete sie und Edro nickte.

"Ja, aber es scheint die einzige Möglichkeit!"

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Edro tat nicht, wie er Kiria gesagt hatte. Er unterließ es zunächst noch, Mergun von seinen Plänen zu berichten. Er wartete und hoffte auf eine Besserung. Aber die trat nicht ein. Die Beine des Nordländers blieben taub und ohne Leben. Mehr als einmal hatte Mergun versucht, sich aufzurichten und zu gehen. Aber er war jedesmal kläglich gescheitert. Wenn Edro nicht alles täuschte, dann waren sie jetzt bereits drei Monate Gäste der Daragoy. Sie gehörten inzwischen ebenso selbstverständlich zum Dorf wie alle anderen auch.

"Edro!", sagte Mergun eines Abends und bedeutete ihm, an sein Lager zu kommen.

"Was ist?"

"Edro, ich muss mit Euch über etwas reden."

"Sprecht!" Mergun nickte.

"Seit drei Monaten - oder sind es vielleicht schon vier? - sitzen wir hier fest. Und das alles nur wegen mir!"

"Ihr könnt nichts dafür, dass es Euch erwischte."

"Mag sein, aber das ist nicht wichtig. Seht, meine Beine: Sie sind tot! Versteht ihr? Tot! Ihr müsst ohne mich weiter!" Edro sah Mergun erschrocken an und schüttelte nur stumm den Kopf. Der Nordländer lächelte gequält.

"Es ist die einzige Möglichkeit - und Ihr wisst das."

"Wir bleiben hier, bis Ihr reisefähig seid", sagte Edro dann entschlossen, aber Mergun schüttelte langsam und bedächtig den Kopf.

"Ich werde nie wieder reisefähig sein. Ihr wartet vergebens, Edro?

Für den Rest meines Lebens werden meine Beine taub bleiben."

"Es besteht noch Hoffnung, Mergun. Glaubt mir!"

"Hoffnung? Nein. Diese Hoffnung, die Ihr seht, die redet Ihr Euch doch nur ein." Mergun strich sich mit der Hand über die unrasierten Wangen.

"Es ist besser, wenn Ihr geht, Ihr, Kiria und Lakyr. Ihr sollt Elfénia finden, mein Freund. Es wäre nicht fair von mir, wenn ich Euch daran hindern würde." Der Nordländer lächelte. "Brecht sobald wie möglich auf!", fügte er dann noch hinzu.

Aber Edro schüttelte den Kopf. "Wir werden dieses Dorf nicht ohne Euch verlassen, Mergun!" Damit erhob sich Edro. Als er die Tür erreichte, rief ihn Mergun zurück.

"Lasst etwas Zeit verstreichen und denkt dann nochmals über meinen Vorschlag nach. Ihr werdet sehen, dass es keinen anderen Weg gibt, mein Freund!" Edro nickte leicht und verließ dann wortlos den Raum.

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Die folgenden Tage verbrachte Edro damit, sich einen Bogen und Pfeile zu schnitzen. Hatten sie wirklich vor, weiter nach Osten zu marschieren, so war ein Bogen unerlässlich. Meistens kletterte er zu diesem Zweck auf einen hohen, knorrigen Baumriesen am Rande des Dorfes. Hier wurde er wenigstens in Ruhe gelassen und konnte ohne Störung schnitzen und nachdenken. Sein Gedanke mit dem Pony, dass sah er jetzt selbst ein, war kaum zu realisieren. Sie würden nur unwesentlich schneller vorankommen, als wenn sie Mergun auf einer Bahre trugen. Es gab hier viele Hindernisse im Wald, die für ein solches Tier einfach unüberwindbar waren. Geschickt strich die Klinge seines Messers über den Ast, der dazu ausersehen war, Edros Bogen zu werden.

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Etwa eine Woche brauchte Edro dazu, einen guten Bogen und genügend Pfeile herzustellen. Dazu hatte er sich noch aus einigen Häuten einen Köcher gefertigt. Diese Ausrüstung mochte genügen, für eine Reise bis nach Yumara. Danach musste man weiter sehen. Stolz und zufrieden stieg er von seinem Baum herab und ging zu Zebulas, einem Mann, der viele Ponys besaß. Er hatte vor, von ihm eines zu kaufen. Als er Zebulas Hütte erreichte, war nur seine Frau zu Hause.

Sie sagte ihm aber, ihr Mann käme in Kürze zurück, und so wartete der Dakorier. Zebulas kam dann schließlich auch. Er runzelte die Stirn, als Edro ihm sein Anliegen vortrug.

"Was wollt Ihr denn mit dem Pony anfangen, mein Freund?", fragte er und zog an seiner Pfeife.

"Ihr kennt Mergun, meinen Gefährten, nicht wahr?"

"Ja."

"Seine Beine sind taub, aber wir müssen weiter, wenn wir unser Ziel erreichen wollen. Er soll auf dem Pony reiten." Zebulas lachte.

"Damit wollt Ihr durch den Dschungel, guter Mann? Man merkt, dass Ihr noch viel über das Leben in diesem Wald zu lernen habt, bevor Ihr es versteht."

"Das mag sein. Aber ich will es dennoch versuchen."

"Ich will Euch gern eines meiner Tiere überlassen, aber ich sage es Euch jetzt schon: Ihr werdet keinen Erfolg haben." Einen Tag später befand sich die Gruppe schon wieder auf der Reise. Mergun thronte auf dem Pony, das allerdings keine Mühe mit ihm zu haben schien.

Bevor sie gingen, hatte Flar sie zu sich gebeten und ihnen etwas gesagt, was für den weiteren Verlauf ihrer Reise von äußerster Wichtigkeit werden sollte.

"Euer Ziel ist Yumara, nicht wahr?", hatte er gefragt und Edro hatte genickt.

"Dann reist nach Norden. Dort gibt es eine Straße zu dieser Stadt."

"Eine Straße?", hatte sich Edro gewundert. "Mir ist nicht bekannt, dass es in diesem Teil der Welt Straßen gibt. Wer hat sie erbaut?"

"Die Yumaraner - zu einer Zeit, da ihre Stadt noch eine der mächtigsten dieser Welt war und ihr Imperium bis zum Ghormallischen Meer reichte. Die Straße ist längst vergessen und nur noch wenige wissen von ihr. Folgt ihr - sie führt direkt nach Yumara.

Zwar sind die Steine aus denen sie gemacht wurde zum großen Teil von Pflanzen und Büschen überwuchert, aber es lässt sich noch auf ihr reisen."

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Sie gingen also nach Norden. Das Pony machte es ihnen nicht immer leicht, aber nach einer anstrengenden Reise von einem halben Tag erreichten sie schließlich die Straße, von der Flar gesprochen hatte. Man sah ihr an, dass seit vielen Jahrzehnten hier kein Mensch mehr gegangen war. Manchmal bemerkten sie die Reste von Waffen oder Kleidung - und hin und wieder auch bleichende Knochen. Viele Schlachten hatten die Ghorraparen-Stämme gegen die Yumaraner hier auf dieser Straße geschlagen. Aber nun gab es niemanden mehr, der dieses Land aus Wald und wilden Tieren für sich erobern wollte. Die Macht des Königs von Yumara war nur noch ein Abklatsch von dem, was seine Vorfahren in alter Zeit an Macht besessen hatten. Und die Ghorraparen waren in ihre vielen hundert Einzelstämme zerfallen. Ihre einstmals würdevollen Städte wurden nun vom Dschungel überwuchert und vergessen. Der Wald hatte sich zurückgenommen, was der Mensch ihm einst gestohlen hatte. Auch diese Straße würde er bald wieder in Besitz nehmen. Die Reise auf dieser - wenn auch verfallenen - Straße war wesentlich angenehmer, als es der Weg durch den Dschungel gewesen war. Es wurde dunkel und die Nacht brach jetzt herein. Der Mond ging auf - es war Vollmond und die Sterne funkelten. Lakyr erinnerten sie an die beiden Augenpaare seiner Katze.

Sie suchten Holz und entzündeten ein Feuer. Hoch und warm loderten die Flammen und knisternd ging der Rauch in den sternklaren Himmel.

Mergun wurde von seinem Reittier heruntergesetzt und auf den Boden gelegt. Das Pony banden sie sorgfältig an einem nahegelegenen Baum fest. Lakyrs Katze miaute plötzlich und der Thorkyraner griff nach ihr und nahm sie auf seinen Schoß. Er lauschte dem Gesang des Waldes.

Die seltsamsten Tiere geisterten jetzt zwischen den Bäumen umher und lauerten auf Beute.

"Dahinten ist jemand!", rief Kiria und deutete die Straße hinunter nach Westen. Eine Gestalt marschierte auf sie zu. Sie war schlank und groß, soviel konnte man aus der Entfernung im Mondlicht erkennen.

Am Gürtel hing offenbar ein langes, dünnes Schwert.

"Offenbar ist diese Straße doch nicht ganz so vergessen, wie Flar behauptete!", brummte Edro. Niemand rührte sich, niemand griff zum Schwert.

"Wer mag das nur sein?", fragte Kiria.

"Ich weiß es nicht. Aber er scheint nichts Böses im Sinn zu haben, sonst wurde er sich verstecken und uns nicht so offen entgegengehen", sprach Edro und Lakyr nickte.

"So kann es sein. Es ist aber auch möglich, dass er sich deshalb nicht versteckt, weil er glaubt, mit uns mühelos fertig werden zu können", erklärte Mergun dann.

"Ein Einzelner?", meinte Kiria etwas spöttisch.

"Wenn er ein Magier ist..", versetzte Mergun. Die Finger des Nordländers tasteten zum Schwert. Aber im Ernstfall hätte er natürlich mit seinen tauben Beinen wenig ausrichten können. Der Ankömmling hatte das Lager der Gruppe jetzt erreicht und blieb stehen. Der Schein des Feuers warf merkwürdige Schatten auf sein Angesicht. Als Edro seine Augen sah, erstarrte er. Sie waren purpurn. Hieß es in den alten Sagen und Liedern nicht, die sagenhaften Elfen besäßen purpurne Augen?

"Ich bin Randir der Wanderer!", erklärte die seltsame Gestalt. Nun stellten sich die anderen vor.

"Woher kommt Ihr, Herr Randir?", fragte Lakyr, wobei er ihm bedeutete, sich zu ihnen zu setzen.

"Geboren bin ich in Maland, an den Ufern des eisigen Ma-Stroms im Norden. Aber meine Heimat ist Maland nicht. Mein Volk zog vor vielen Zeitaltern von dort weg nach Süden. Nur wenige von uns blieben in Maland - aber wir werden immer weniger. Und nun bin auch ich von dort weggezogen, um die zu suchen, die vor mir auszogen, um im tiefen Süden eine neue Heimat zu finden."

"Ihr seid ein Elf?", vermutete Edro. Randirs purpurne Augen musterten ihn seltsam.

"Ja. Ich bin einer der letzten Elfen von Maland!"

"Was führt Euch hier her? Ihr seid auf dem Weg nach Yumara, nicht wahr?", warf Mergun dazwischen.

"Ja!", war die Antwort des Elfen.

"Was wollt Ihr dort? Sagtet Ihr nicht, das Elfenvolk sei nach Süden gegangen?", sagte Kiria.

"Das ist wahr. Aber ich habe von einem seltsamen Wald gehört, den die Menschen meiden. Er liegt östlich von Yumara und ist allgemein als Zauberwald bekannt. Dort soll es noch Elfen geben.

Vermutlich wanderten sie einst von Maland aus über die Steppen von Skalkor und Fhraffhth und über den großen Tsigola-Fluss hier her. Der weitaus größere Teil der Elfen ging per Schiff gen Süden. Ich weiß nicht, wohin sie segelten - aber es gibt Sagen. Einige behaupten, die Elfen seien zu den Kontinenten jenseits von Meerland aufgebrochen.

Andere berichten, sie seien wirklich nach Süden gefahren und hätten weit ab von den Reichen der Menschen zwei strahlende Städte gegründet, von denen die eine Kragond, die andere Taragor heißt.

Aber das alles sind nichts als Sagen. Es mag gut sein, dass nichts von dem, was sie berichten, zutrifft und die Elfenflotte jetzt irgendwo auf dem Grund des Westlichen Ozeans liegt, wo die Fische an den Gebeinen meines Volkes nagen."

"Was wurde aus Maland, nachdem die meisten Elfen es verließen?", fragte Mergun. "Ich war lange nicht mehr im Norden und von dort dringt nur wenig Kunde in andere Teile der Welt."

"Die Menschen verwüsteten dieses wunderschöne Land. Heute lebt dort fast niemand mehr. Maland besteht nur noch aus Ruinen, in denen gelegentlich umherziehende Horden übernachten. Nur der Ma - der eisige Ma - fließt noch. Und er wird noch Äonen nach unserer Zeit fließen und daran erinnern, dass dies einst ein Land der Elfen war."

Eine Wolke hatte für kurze Zeit den Mond verdeckt, aber nun leuchtete er wieder in seiner alten Schönheit. Aber von den wie Katzenaugen funkelnden Sternen war nicht mehr viel zu sehen.

Wolken waren aufgezogen und hatten sie verdeckt.

"Die Nächte werden jetzt bald sehr viel düsterer und die Tage um vieles stürmischer", prophezeite Randir, der Elf aus Maland.

Misstrauisch blickte Edro zum Himmel, zu diesem Chaos aus Wolken und dem gespenstisch leuchtenden Vollmond.

"Die Regenzeit kommt in diesem Jahr früh", bemerkte der Elf dann und wandte sich an Edro.

"Wir täten gut daran, bald in Yumara zu sein."

"Das stimmt", nickte Edro. Die purpurnen Augen des Elfen blickten den Dakorier seltsam an.

"Ich habe nun genug über meine Ziele gesprochen, mein Freund.

Welche sind es, die Ihr verfolgt?"

"Wir suchen ein Land", sagte Edro.

"Ein Land?"

"Ja. Es heißt Elfénia, weil angeblich Elfen es zuerst entdeckten.“

„Das muss eine Legende sein... Mir ist davon nichts bekannt. Aber vielleicht habe ich es auch nur vergessen. Wir Elfen leben lang und wenn wir nicht vieles vergäßen, würde der Wahnsinn vieler Jahrtausende uns heimsuchen...“

„Elfénia soll auch andere Namen tragen."

"Und wo liegt es – Eurer Meinung nach?"

"Wir wissen nicht, wo es liegt. Deshalb reisen wir zum Uytrirran, dem Berg der Götter. Wir wollen die Götter fragen. Man sagte uns, sie besäßen ein Buch, das sie selbst vor vielen Äonen geschrieben haben, und in dem auch geschrieben steht, wo dieses Land liegt."

Randir nickte. "Wie gesagt, wir Elfen sind langlebig - und so traf ich schon eine ganze Reihe anderer Leute, die ebenfalls dieses Land suchten und glaubten, es entweder hier zu finden oder von uns Auskünfte darüber erhalten zu können, wo es liegt. Sogar einige Elfen haben sich daraufhin – wohl aus Langeweile - auf die Suche gemacht, in der Hoffnung, dass die möglicherweise verlorene Erinnerung an Elfénia dann zurückkehren würde. Aber sie sind schon aufgebrochen, bevor mein Volk nach Süden wanderte. Warum sucht Ihr nach diesem Land, Herr Edro?"

"Ich hoffe dort den Sinn meines Lebens und die Erfüllung meiner Träume zu finden."

Der Elf lächelte. "Von allen nach Elfénia Suchenden, die ich bisher fragte, habe ich eine ähnliche Antwort gehört. Und Ihr glaubt fest daran, dass es dieses Land gibt?"

"Ja."

"Ich glaube nicht daran, mein Freund. Ein Land in dem Träume ihre Erfüllung finden - ist das nicht ein wenig zu phantastisch?"

"Hat nicht auch die Geschichte der Elfen viel Phantastisches an sich?"

"Ja, das mag sein. Aber selbst wenn es dieses Land gäbe, würde ich persönlich es nicht suchen."

"Warum nicht?"

"Ihr wollt dort den Sinn Eures Lebens finden, nicht wahr? Aber ist das denn entscheidend, welchen Sinn dieses Leben hat? Was habt Ihr davon, diesen Sinn zu erkennen?" Edro schwieg und starrte ins Feuer.

Die Flammen loderten und umgaben die Holzscheite und verschlangen sie wie ein gieriges Tier seine Beute verschlingt.

"Was ich davon habe, fragt Ihr, Herr Elf?" Edro schüttelte langsam den Kopf. "Ich weiß nicht, was ich davon habe. Aber da ist ein Verlangen in mir, Herr Randir, versteht Ihr? Und dieses Verlangen drängt mich zum Weitersuchen. Es ist ein Verlangen nach Erkenntnis und Verstehen!"

Randir zuckte mit den Schultern. "Bedenkt, dass es törichte Verlangen gibt, Edro."

"Das stimmt."

"Euer Verlangen nach zu viel Erkenntnis ist ein solches törichte Verlangen, glaubt mir."

"Ich weiß es nicht. Wer bestimmt denn, was töricht ist und was klug? Vermag das überhaupt jemand vernünftig zu entscheiden?"

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Am anderen Tag stellten sie fest, dass das Feuer während der Nacht ausgegangen war. Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten gepackt hatten, setzten sie Mergun wieder auf das Pony. Dann zogen sie ihres Weges.

"Dieses Pony mag brav und auch zäh sein - aber bis nach Elfénia wird es mich nicht tragen können, Herr Edro", bemerkte Mergun während des Weges.

"Wir werden sehen, Mergun", gab Edro nur zur Antwort. Der Tag verging, ohne dass irgendetwas besonderes passiert wäre. Sie marschierten dahin - meist schweigend - und achteten darauf, nicht über das den Boden bedeckende Gestrüpp zu stolpern. Aber als es Nacht war, wurde Edro wieder von einem Traum heimgesucht. Der Dakorier war an diesem Abend ungewöhnlich schnell eingeschlafen.

Er wusste nicht, ob dies an seiner Erschöpfung lag oder an etwas anderem. In seinem Traum stand er wieder an einer Küste. Aber es war kein schöner, weißer Strand, auf dem er stand. Es war eine wilde, zerklüftete Felsenlandschaft. Jahrtausende lang hatten sich die Wellen an diesen Felsen gebrochen und sie glatt geschliffen. Roh und chaotisch wirkten sie trotz allem. Diese Landschaft musste von der Natur im Zorn erschaffen worden sein. Mit der Wut von Orkanen schlugen die Wellen gegen die Steine und die fliegende Gischt wurde vom Wind davongetragen. Edro befand sich auf einer Art Felsplateau.

Aber er war nicht allein. Um ihn herum standen eine ganze Reihe merkwürdiger Leute. Meistens wirkte schon ihr Aussehen absonderlich. Die meisten blickten zum Horizont hin. Manche murmelten miteinander.

"Was tut ihr da?", fragte Edro und trat zu ihnen.

"Wir warten", sagte jemand.

"Wir warten auf ein rotes Schiff", sagte ein anderer.

"Ein rotes Schiff?" Ein Schauer überkam Edro, den er nicht zu deuten vermochte.

"Wohin fährt dieses Schiff?", fragte er dann, obwohl er die Antwort ahnte.

"Es hat ein seltsames Land zum Ziel", erklärte einer der Wartenden.

"Wie heißt dieses Land."

"Es hat viele Namen!"

"Nenne mir ein paar."

"Es heißt Nirwana, Paradies oder auch Asgard!"

"Heißt es auch Elfénia?"

"Ja, dass ist gut möglich. Dieses Land hat viele Namen." Edro blickte nun auch zum Horizont, aber da tauchte kein rotes Schiff auf.

Eine ganze Weile schaute er zum Horizont, aber das rote Schiff ließ sich nicht sehen.

"Seid Ihr sicher, dass es auch wirklich hier hin kommt?", fragte er dann die anderen und sie nickten einhellig.

"Es wird kommen", versprach einer und schlug Edro auf die Schulter.

"Ich nehme an, Ihr wollt auch nach Atim", sagte er dabei.

"Mein Ziel ist Elfénia."

"Ein anderer Name - aber ist das Land denn dadurch ein anderes?"

Edro lachte.

"Nein, gewiss nicht!" Ein eisiger Wind kam auf und ließ die Wartenden frösteln. Er wehte von der See her - aus der gleichen Richtung, aus der das rote Schiff kommen sollte. Am Himmel begannen düstere Wolken aufzuziehen. Höher und höher wurden die Wellen gegen die Felsen getrieben und die fliegende Gischt erreichte die Wartenden. Wie ein feiner Regen.

"Das Wetter ändert sich, so scheint es mir!", sagte jemand und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Bald klatschten die ersten Regentropfen auf Edro herab. Es war ein kalter Regen und sein Wasser hatte schnell die Kleidung der Wartenden durchnässt.

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Aber dann brachen laute Jubelrufe unter ihnen aus. Am Horizont war etwas Rotes aufgetaucht.

Das rote Schiff!

Langsam kam es näher. Schon waren die Masten und die trotz des starken Windes schlaff herunterhängenden Segel zu sehen. Ein seltsamer Glanz ging von diesem Schiff aus. Es hatte wahrhaftig etwas Magisches an sich!

Das Schiff war nun schon wirklich sehr nahe und Edro konnte beobachten, was an Deck geschah. Anders als in seinem ersten Traum vom roten Schiff, war jetzt Leben an Bord. Einige Gestalten standen an der morsch aussehenden und mit fremdartig anmutenden Ornamenten verzierten Reling und winkten. Die Wartenden auf dem Felsplateau winkten zurück.

"Eilen wir an das Wasser!", rief jemand. Und die anderen waren hellauf begeistert. Sie kletterten an den gefährlichen Klippen entlang dem roten Schiff entgegen.

Edro tat dies ebenfalls. Auch er wollte an Bord dieses Schiffes gehen. Es war da ein unheimlicher Drang in ihm, der ihn vorwärts trieb. Er wusste schon gar nicht mehr genau, warum er tat, was er tat.

Er wusste nur noch, dass er es unbedingt tun musste, koste es was es wolle.

Der Wind pfiff Edro um die Ohren. Er heulte in seiner eigenen Sprache über die spitzen Klippen, eine Sprache, die die Menschen normalerweise nicht verstanden - mit Ausnahme einiger Schamanen und Magier, die die Worte der Windgeister für die Normalsterblichen zu interpretieren pflegten. Edro war es aber für einen Moment so, als würde er diese Sprache verstehen. Der Wind warnte ihn.

"Hüte dich vor dem roten Schiff! Auf ihm reisen die Verrückten, die Ausgestoßenen und Verdammten. Die, die man nicht länger zu den vernunftbegabten Wesen rechnen kann, die Verdammten und die Träumer. Es ist ein schreckliches Schiff. Glaube mir, Edro."

Edro fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er versuchte verzweifelt, nicht auf diese Stimme zu hören. Mochte er auf einem Schiff reisen, auf dem nur die Verdammten und Entarteten reisen, was kümmerte es ihn? Vielleicht gehörte er selbst zu ihnen, war es wichtig?

Einzig und allein Elfénia zählte für ihn - oder Atun oder Asgard oder Nirwana oder was die Menschen der verschiedensten Welten sonst noch für Namen für dieses Land erfunden hatten.

Seine Finger klammerten sich an den nackten, von der ewigen Massage durch das Meer, glatten Felsen fest und kletterte weiter. Ein Schrei fuhr Edro wie ein Messer in die Seele. Jemand konnte sich nicht mehr halten und stürzte. Irgendwo in dem tosenden Chaos aus Wasser und Klippen schlug sein Körper auf und wurde zerschmettert.

Augenblicke lang hielten die anderen in ihrem Klettern inne.

Schweigend starrten sie in die Tiefe. Dann ging es weiter. Vor sich bemerkte Edro ein rotes Leuchten. Das rote Schiff, es war so nahe!

Und wieder raunte die Stimme des Windes ihm ihre Warnungen zu.

"Willst auch du hinabstürzen und an den Klippen zerschmettert werden?", fragte sie herausfordernd und angstvoll.

"Ich werde nicht abstürzen!", rief Edro zornig. Aber in diesem Moment rutschte er doch ab. Er spürte, wie der raue Fels seine Haut abschürfte. Sollte die Prophezeiung dieser seltsamen Stimme schon so schnell in Erfüllung gehen? Verzweifelt suchten Edros Finger in den Ritzen und Spalten des Felsens Halt - und fanden ihn auch. Mit letzter Kraft zog er sich wieder hoch.

"Du hattest Glück, aber wirst du immer Glück haben, Edro?", brummte die Stimme. Sie klang jetzt nicht mehr warnend, auch nicht mehr wohlwollend oder väterlich. Sie klang jetzt bedrohlich, ja fast sogar gefährlich und hinterhältig. Edro versuchte, nicht mehr auf sie zu achten, aber es war äußerst schwierig. Diese Stimme übte einen seltsamen Zauber auf ihn aus. Das rote Schiff war jetzt sehr nahe.

Einige Männer an Deck riefen und schwenkten die erhobenen Arme.

Immer näher kam es. Es würde an den gefährlichen und heimtückischen Klippen und Riffen zerschellen! überlegte Edro und plötzlich überkam ihn eine ungeheure Angst. Nein, das durfte nicht passieren! Nur beiläufig nahm Edro wahr, dass seine Kleider völlig durchnässt und zum Teil zerrissen waren. Nur das rote Schiff war jetzt wichtig. Das Schiff - es würde sie alle nach Elfénia bringen - oder nach Atun oder nach Nirwana, ins Paradies, nach Asgard.

Aber da vernahmen die Wartenden ein schreckliches Geräusch, das ihnen den Atem verschlug. Es war ein Krachen. Ein Krachen, wie es entsteht, wenn Holz berstet. Das Schiff! Nein, es durfte nicht wahr sein! Schreiend sahen die Wartenden zu, wie das rote Schiff auf den tückischen Riffen zerschellte und unterging. Aber ihre Schreie wurden von niemandem gehört - nur vom Wind vielleicht. Wütend ballte Edro die Fäuste, aber er vermochte nun nichts mehr zu ändern. Es war zu spät. Es war vorbei.

Da erwachte Edro blitzartig. Erleichtert stellte er fest, dass alles nur Traum gewesen war. Aber dieser Traum war so seltsam realistisch gewesen. Edro hatte tatsächlich geglaubt, alles in der Wirklichkeit zu erleben.

Der Dakorier blickte sich um. Es war noch dunkel. Eine dichte Wolkendecke hatte den Himmel verhangen und ließ das Mondlicht nur als blassen Schimmer zur Erde. Eine Weile lag er wach da und lauschte dem nächtlichen Gesang des Dschungels. Da bemerkte er plötzlich einen riesenhaften Schatten am Himmel. Es war ein gigantisches geflügeltes Wesen. Mindestens so groß wie zwei oder drei Pferde. Glühende Augen starrten aus düsteren Höhlen und suchten den Boden ab. Dieses Wesen verursachte nicht den geringsten Laut.

Edros Hand glitt zum Schwert, obwohl er wusste, dass ihm eine solche Waffe im Fall des Kampfes ohnehin nicht viel nützen würde. Dann vernahm er ein gefährliches Fauchen und sah zwei weitere Paare gelber, wie glühende Kohlen leuchtender Augen. Die zweiköpfige Katze musste dieses seltsame Wesen am Himmel auch bemerkt haben.

Vorsichtig weckte Edro die anderen.

Mit einer seltsamen Ruhe zog das geflügelte, schwarze Wesen am Himmel seine Kreise. Nur das leise Rascheln schwarzer Schwingen war zu hören, aber das konnte ebenso ein vom Wind bewegter Baum sein. Doch wehte jetzt kein Wind. Eine düstere, unheilschwangere Stille war da. Der Gesang des Dschungels war verstummt.

"Ein seltsames Tier", stellte Kiria fest. "Aber in meiner Welt gab es ähnliches!"

"Dieses Tier sieht gefährlich aus", erklärte Lakyr.

"Ich kenne Vögel mit diesem Aussehen und von dieser Größe aus den alten Sagen und Liedern der Elfen", sagte Randir. "Sie sind gefährlich. Man sagt sogar, sie seien vernunftbegabt gewesen. Aber es heißt, sie hätten in alten, längst vergangenen Tagen gelebt, als diese Welt noch jung und die Elfen und andere, heute längst vergessene Völker mächtig waren. Zu einer Zeit, da der Mensch noch nicht über diese Welt wandelte. Ich wusste nicht, dass es die Daranar, so nennt man diese Wesen in der Elfensprache, noch gibt."

"Er scheint etwas zu suchen", sagte Mergun.

"Oder auf etwas zu warten!", warf Kiria ein.

"Beide Möglichkeiten können wahr sein. Und noch viele andere mehr. Wer kann schon sagen, was in dem Kopf dieses Daranar vor sich geht?", sprach Randir.

Der schwarze Daranar zog noch ein paar gemächliche Kreise und flog dann davon.

"Wir sollten uns wieder hinlegen und schlafen. Morgen haben wir wieder einen anstrengenden Tag vor uns", meinte Lakyr und Kiria nickte gähnend. Sie legten sich wieder hin. Randir hatte zuvor noch ein paar Zweige aufs Feuer gelegt und es zu neuer Glut angeregt. Aber Edro konnte zunächst nicht einschlafen. Müde betrachtete er die oft sehr seltsam geformten, uralten Baumriesen, die dahinziehenden Wolken und viele andere Wunder, die man normalerweise gar nicht wahrnahm. Doch übermannte ihn schließlich doch die Müdigkeit. Er fiel in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

An den folgenden Tagen kamen sie relativ schnell voran.

Sorgfältig beobachtete Edro jetzt von Zeit zu Zeit den Himmel über ihm. Er hielt nach dem großen Daranar Ausschau, aber er war nicht da.

Meile um Meile näherten sie sich Yumara. Die Stunden gingen dahin und meistens wurden sie schweigend verbracht.

"Er lebt! Er lebt!", schrie Mergun plötzlich. "Er lebt!", rief er und deutete auf seinen Fuß. Edro vermochte eine kleine Bewegung wahrzunehmen.

"Er lebt! Ich kann ihn bewegen!" Aber gleich darauf verzog der Mann von der Wolfsinsel das Gesicht. "Aber es tut weh!" Merguns Zustand besserte sich von diesem Augenblick an von Tag zu Tag.

Jeden Morgen konnte er seine Füße besser bewegen und schließlich auch seine Beine. Bald lief er an einer Krücke neben den anderen her.

Es ging zwar dadurch etwas langsamer, aber das war nicht schlimm.

Sie hatten keine große Eile damit, Yumara zu erreichen. Je weiter sie sich der Stadt näherten, desto besser wurde die Dschungelstraße. Als sie dann schließlich Yumara erreichten, hatte Mergun inzwischen auch schon keine Krücke mehr nötig. Zwar konnte er noch keinen Wettlauf gewinnen, aber es ging täglich besser.

"Es wäre vernünftig, in Yumara einige Wochen zu bleiben", meinte Lakyr. Und Kiria stimmte ihm sofort zu.

"Ja", meinte Edro, "das ist auch meine Meinung. Vor allem Mergun braucht Ruhe!" Der Nordländer lächelte.

"An mir soll`s nicht liegen!", sagte er. "Von mir aus könnten wir getrost weitermarschieren. Bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss!"

"Ich werde nur eine Nacht lang in Yumara bleiben", erklärte Randir nun. Edro nickte.

"Die Reise die vor Euch liegt, Herr Elf, ist auch weit weniger weit als die unsere." Randir lächelte, aber es war ein mitleidiges Lächeln.

"Ich hoffe für Euch, dass es dieses Land gibt, Herr Edro. Aber ihr müsst damit rechnen, enttäuscht zu werden."

"Ich weiß. Es macht mir wenig aus." Und so trennten sie sich dann. Randir blieb nur noch die folgende Nacht in Yumara und wanderte dann weiter nach Südosten - in den von seltsamen Wesen bevölkerten Zauberwald. Hier hoffte er seine vor langer Zeit aus Maland ausgewanderten Elfenfreunde zu finden. Die anderen aber blieben in Yumara. Ihr Hauptproblem war zunächst, dass sie kein Geld mehr besaßen. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als sich in allerhand Berufen zu betätigen. Meist waren es niedere Tätigkeiten, die sie verrichten mussten, denn sie hatten ja nichts gelernt. So misteten sie Ställe aus, schrubbten Tavernen oder überbrachten Botschaften. Ein Vermögen ließ sich natürlich mit solchen Tätigkeiten nicht machen, aber es war besser als nichts und die Freunde konnten ganz gut leben.

"Ihr kommt nicht von hier, hab ich recht?", fragte Älasmur, der Stallknecht, mit dem zusammen Edro gerade wieder den Stall eines reichen Pferdebesitzers ausmistete.

"Ihr habt recht, ich komme nicht von hier und ich werde auch nicht sehr lange hier verweilen", gab der Dakorier zur Antwort.

"Und woher kommt Ihr?", fragte Älasmur weiter.

"Meine Heimat ist Dakor, eine ferne Stadt."

"Muss sehr fern sein, denn ich habe bisher noch nicht von ihr gehört."

"Das verwundert mich nicht, mein Freund. In den wenigen Tagen meines Hierseins musste ich feststellen, dass nur wenig Neuigkeiten bis nach Yumara gelangen. Und mir scheint, es kommen auch nur wenig Fremde."

Älasmur nickte lächelnd.

"Ja, da habt Ihr zweifellos recht. Außer ein paar Kaufleuten aus Sedrath gibt es zur Zeit keine Ausländer hier. Wo liegt dieses Dakor?"

"Auf einer Insel. Meistens wird sie Meerland genannt, aber man gibt ihr auch den Namen Nordinsel. Kennt Ihr sie?"

"Nein. Aber das macht nichts. Ihr sagtet gerade, Ihr hättet nicht vor, länger in Yumara zu bleiben. Wohin wollt Ihr Euch wenden?"

"Nach Osten."

"Nach Osten?"

"Ja, nach Osten. Warum denn nicht nach Osten?" Älasmur hörte zu arbeiten auf und stützte sich schwer auf seine Mistgabel.

"Es gibt dort einen Wald, man nennt ihn allgemein den Zauberwald. Ich muss Euch vor diesem Wald warnen. Seltsame Wesen leben in ihm."

Edro lachte.

"Ja, dass mag schon sein. Aber das ist doch wohl nicht weiter schlimm."

"Wisst Ihr denn nicht, was dort für schreckliche Wesen hausen?"

"Doch, doch, mein Freund. Ich habe von diesem Wald gehört. Elfen soll es dort geben."

"Die Elfen sind heimtückisch. Sie bedienen sich einer teufelischen Magie, Herr Edro. Aber die Elfen sind nicht die einzigen Geschöpfe dieses Waldes. Riesenhafte Spinnen breiten dort ihre Netze aus - stahlharte Netze, sagìch Euch. Kein Schwert vermag sie leicht zu durchtrennen. Geisterhafte Flugwesen ziehen über dem Zauberwald ihre Kreise - von den Elfen werden sie Dranar genannt. Hexen, Magier und Vampire treiben dort ihr Unwesen und hinterhältige Zwergenvölker. Dieser Wald ist kein guter Ort. Er steckt voller Magie und Schrecken. Es wäre besser, wenn Ihr ihn umgehen würdet."

"Die Elfen scheinen mir nicht so schlecht, wie Ihr sie beschrieben habt, Herr Älasmur. Einer begleitete meine Gefährten und mich auf der Reise zu dieser Stadt. Er hat uns gut geholfen und zeigte in keiner Weise böse Absichten." Älasmur nahm seine Arbeit wieder auf.

"Das mag eine Ausnahme sein. Ansonsten aber sind die Geschöpfe des Waldes von Natur aus schlecht. Man sagt, diese Geschöpfe hätten diese Welt schon bevölkert, als noch kein Mensch hier wandelte. Aber das ist sicher nur eine von den vielen Sagen über den Wald."

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Als sie schließlich nach fast sechs Wochen Aufenthalt in Yumara aufbrachen, hatten sie eine ganze Menge über jenen düsteren Zauberwald und seine merkwürdigen Geschöpfe gehört. Die haarsträubendsten Geschichten hatte man ihnen erzählt und sicherlich war vieles davon bloße Sage. Aber selbst wenn nur ein Bruchteil von den erzählten Geschichten wahr sein sollte, so stand ihnen einiges bevor. Mergun war in der Zeit ihres Aufenthalts zur Gänze genesen.

Jetzt gab es nur noch wenige, die es mit ihm im Wettlauf hätten aufnehmen können. Für den Rest ihres Geldes besorgten sie sich Ausrüstung und Proviant. Pferde kauften sie sich nicht, da sie meinten, dass es besser sei, zu Fuß zu laufen. Unter Umständen hätten sie die Tiere später im tiefen Dickicht ohnehin zurücklassen müssen. So verließ die Gruppe also Yumara, das einstmals so mächtige Yumara, das jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst war. Die große Zeit dieser Stadt war längst vergangen und nur noch Sagen und Lieder berichteten davon. Der Wald durch den sie kamen war nicht so dicht und verworren wie der Dschungel an den Ufern des Ghorrap. Es würde noch einige Tage dauern, ehe dieser Wald in den düsteren und gefährlichen Zauberwald übergehen würde. Ein Schatten verdunkelte plötzlich die Sonne. Edro wandte ruckartig den Blick zum Himmel und erkannte einen riesenhaften Daranar. Seine glühenden Augen suchten den Boden nach irgendetwas ab. Die Fremden zuckten zusammen.

"Es ist das erstemal seit langer Zeit, dass er wieder auftaucht, der Daranar", bemerkte Mergun.

"Ich kann mir nicht helfen. Ich glaube, er sucht etwas", sagte Kiria. Edro nickte.

"Es sieht tatsächlich so aus", brummte er nur.

"Vielleicht sucht er nach uns!", meinte Lakyr.

"Warum sollte er nach uns suchen?", fragte Kiria. "Haben wir irgendetwas mit diesem Wesen zu schaffen?" Der Daranar zog noch einige weite Kreise und flog dann davon. "Ein seltsames Geschöpf", fand Mergun.

"Wir werden noch viele von ihnen treffen, wenn wir den legendären Zauberwald durchqueren", versprach Edro. Nach einigen weiteren Tagen anstrengender Wanderschaft kamen sie an einen äußerst seltsamen Baum. Seine Äste waren seltsam gewunden und sein Stamm schien morsch und alt. Dieser Baum mochte schon hier gestanden haben, als es noch keine Menschen auf dieser Welt gab, so alt sah er aus. An seinen Ästen wuchs nur noch wenig Laub. Edro konnte einfach nicht anders. Er musste vor diesem Baum stehen bleiben und ihn eine Weile lang anstarren. Da schienen plötzlich die Konturen dieses uralten Baumes zu verschwimmen. Sie begannen sich in seltsamer Weise zu verändern und nun starrten auch die anderen auf den Baum. Erschreckt wich die Gruppe ein paar Schritte zurück. Ein gespenstisches Stöhnen war jetzt zu hören.

"Laufen wir weg! Dies ist kein guter Ort!", meinte Kiria, aber Edro schüttelte nur stumm den Kopf. In der morschen Rinde des seltsamen Baumes begannen sich nun Augen zu bilden. Rote Augen -

nicht von dem wohlgefälligen Purpur der Elfenaugen - sondern Augen, so rot wie Blut. Diese Augen flackerten wild und unbeherrscht. Nun entstand auch ein Mund.

"Lauft nicht fort, meine Kinder!", rief die Stimme des Baumes.

Ein seltsamer Zauber ging von dieser Stimme aus. Edro trat einen Schritt vor.

"Kinder?", fragte Mergun etwas mürrisch.

"Im Vergleich zu mir seid Ihr Kinder. Ich bin Imoc, der Uralte. Ich stand schon hier, als selbst der erste Elf noch nicht geboren war. Und ich will euch warnen, Freunde. Geht nicht weiter! Hier beginnt ein düsterer und alter Wald. Ihr Menschenkinder nennt ihn den Zauberwald und tatsächlich spielen sich in ihm viele magische Dinge ab."

"Warum sollten wir nicht weitergehen?", fragte Lakyr, wobei er behutsam seine Katze streichelte.

"Dieser Wald ist gefährlich. Gefährlich für jeden, der ihn nicht versteht und nicht hier her gehört. Dringt nicht weiter in dieses Land ein, ich bitte euch. Hier leben Völker der Elfen und Zwerge, Zentauren und Riesen, Vampire und Werwölfe, Dryaden und Riesenspinnen, die ihre unsichtbaren und doch stahlharten Netze aufspannen. Und die düsteren Daranar leben hier und viele Magier und Hexen aus längst vergangenen Tagen. Und ich, Imoc der Uralte bin das älteste aller dieser Geschöpfe. Geht nicht weiter. Ihr würdet so viel zerstören. Und vielleicht würdet ihr selbst dabei den Tod finden, denn für die, die hier nicht geboren sind, ist dieser Wald ein Ort des Todes."

"Wir müssen diesen Wald durchqueren, wenn wir nicht einen Umweg von vielen tausend Meilen machen wollen", erklärte Lakyr.

Imocs Mund zeigte die Andeutung eines Lächelns. Aber in den roten Augen, die schon so viele Dinge gesehen hatten, dass sie sich an die meisten gar nicht mehr erinnerten, brannte noch immer ein drohendes Feuer.

"Wo ist das Ziel Eurer Reise?", fragte der Uralte dann.

"Wir suchen nach einem fernen Land. Es heißt Elfénia", erklärte Edro.

"Ihr zieht nach Osten. Glaubt Ihr dort, dieses Land zu finden, mein Herr?"

"Nein."

"Warum zieht Ihr dann aber in den Osten?"

"Wir wollen zum Berg der Götter, dem Uytrirran", sagte nun Mergun.

"Und was wollt Ihr von den Göttern, meine Freunde?"

"Sie sind vollkommen und allwissend. Sie werden uns den Weg nach Elfénia zeigen", meinte Mergun.

"Sind die Götter wirklich vollkommen? Oder sind sie nicht vielmehr ein Spiegelbild des Menschen?"

"Ich weiß es nicht", bekannte Lakyr. Er tat es aber so leise, dass Imoc es nicht verstehen konnte.

"Ich weiß es besser als die Menschen: Die Götter kamen erst mit den Menschen auf diese Welt und sie werden auch so lange hierbleiben wie sie. Ein Gott hat immer soviel Macht und Weisheit, wie die Menschen, die ihn anbeten ihm geben", behauptete der uralte Imoc.

"Ihr wollt uns davon abhalten, zum Berg der Götter zu reisen, nicht wahr, Herr Imoc?", durchschaute Mergun die Absicht des Uralten.

"Ich will Euch in Eurem eigenen Interesse davon abhalten, diesen düsteren Wald zu durchqueren. Ihr würdet viel zerstören, lieber Freund."

"Warum?", schrie Mergun.

"Weil Ihr ein Mensch seid, mein Herr!"

"Das ist die Ursache?" Mergun war verblüfft. "Das will ich nicht glauben!"

"Ihr werdet es selbst sehen. Und was diese Reise zum Berg der Götter und jenes Land - Ihr nanntet es Elfénia - angeht, so muss ich folgendes sagen: Ich habe bereits von Elfénia gehört. Dieses Land hat noch viele andere und ebenso schöne Namen, und während den vielen Äonen meines langen Lebens habe ich viele Leute kennengelernt, die Elfénia suchten. Menschen und Elfen und andere Wesen. Sogar Götter waren unter ihnen. Götter, die früher einmal Menschen gewesen waren und sich nun wieder ihres Menschseins erinnerten. Geht ruhig zum Berg der Götter, den die Menschen des Ostens Uytrirran nennen, aber ich will eine Warnung abgeben: Ihr könntet eine Enttäuschung erleben, Ihr könntet diese weite Reise umsonst gemacht haben. Denn die Götter sind einfältig und oft noch dümmer als Kinder. Für Euch Menschen ist es schwer, die Wirrnis und das Chaos im Geist eines Gottes zu durchschauen. Ich an eurer Stelle, meine Freunde, würde nicht zu diesem Berg pilgern. Selbst wenn die Götter dazu in der Lage wären, Euch den Weg in dieses Land Eurer Träume zu weisen, so wäre es ein anderes Elfénia. Ein Elfénia für Götter - nicht für Menschen. Die Träume von Menschen würden dort nicht in Erfüllung gehen, sondern die düsteren Phantasien der Götter." Die Konturen des Baumes, der Imoc war, verschwommen wieder. Ein letztesmal blickte Edro in die roten Augen, diese blutroten Augen, die schon seit Äonen die Welt betrachteten.

"Ich bitte euch, meine Freunde! Geht nicht in diesen Wald, den die Menschen des Westens den Zauberwald nennen!", sagte der Mund Imocs, ehe er verschwand. Und dann war da wieder nur ein alter, verkrüppelter Baum, auf dem nur noch vereinzelt Laub hing.

"War alles nur ein Traum?", fragte Mergun.

"Nein, dass war es ganz sicher nicht", behauptete Kiria. Sie wandte sich an Edro.

"Wir sollten nicht durch diesen Wald gehen, Edro. Ich spüre die Gefahr förmlich! Ich möchte nicht im Netz einer Riesenspinne oder in den schwarzen Fängen eines Daranar enden!"

Edro antwortete nicht, sondern blickte zu Lakyr und Mergun.

"Wir müssen weiter. Es gibt keine andere Möglichkeit", meinte Lakyr und Edro nickte leicht.

"Ich glaube auch." Aber der Dakorier sagte dies langsam und bedächtig - gerade so, als kämen ihm die Worte nur schwer und unter Schmerzen über die Lippen.

"Dieser Imoc mag uns viel über die Natur der Götter erzählen und es mag auch vieles davon wahr sein, aber haben wir überhaupt eine andere Wahl?", fragte Mergun. Edro schüttelte den Kopf.

"Es sei denn, wir wollen wieder ziellos umherirren, wie wir es taten, bevor wir Dasiquol trafen", sagte der Dakorier und vermied es Kiria anzusehen. Lakyr schaute in die Düsternis des Waldes.

"Ich habe kein gutes Gefühl dabei, aber wir müssen gehen, dass dürfte feststehen", erklärte Edro und Lakyr nickte schweigend.

"Gehen wir also!", forderte Mergun.

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13

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Der Wald wurde jetzt manchmal ungewöhnlich düster. Das Sonnenlicht wurde von dem dichten Geäst nur noch zu einem Bruchteil hindurchgelassen. In der Nacht war es besonders schlimm.

Man erkannte kaum die Hand vor Augen. Auch das Feuer, welches sie des Nachts entzündeten, spendete ungewöhnlich wenig Licht. Sein Schein schien von der gähnenden Dunkelheit förmlich geschluckt zu werden. Nirgends war das Licht der Sterne oder des Mondes zu sehen.

Nur die tödlichen Augen der zweiköpfigen Katze funkelten. Lakyrs bepelzte Freundin schien am besten mit der Dunkelheit fertig zu werden. Schließlich kamen sie in etwas hellere Regionen des Zauberwaldes. Da stand plötzlich eine Frau vor ihnen. Sie war weder jung noch alt. Sie schien in gewisser Weise zeitlos zu sein, so wie es die Elfen und die Götter waren. Edro konnte nicht erkennen, von welcher Farbe ihre Augen waren, aber er sah sehr wohl, wie traurig die Frau war.

"Ich bin Lathala, eine Dryade. Ich habe auf euch gewartet."

"Eine... eine Dryade? Was ist eine Dryade?", fragte Kiria. Woher sollte die Bedinesin dies auch wissen? In ihrer Welt hatte es solche Wesen nicht gegeben.

"Wir Dryaden leben in Bäumen. In Dryadenbäumen. Wir werden sehr alt. Nicht so alt wie die Elfen, das ist wahr, aber doch sehr alt. So alt wie die Bäume, in denen wir leben. Eine Dryade kann nicht lange ohne ihren Baum leben. Höchstens einige Tage. Wird unser Baum getötet so sterben auch wir. Ich und mein Baum - wir sind zwei Teile ein und desselben Wesens."

"Ihr sagtet, dass Ihr auf uns gewartet hättet", stellte Edro fest.

"Ja, das ist wahr."

"Woher wusstet Ihr, dass wir kommen würden?", erkundigte sich der Dakorier.

"Es gibt viele Dryaden, die eine seherische Fähigkeit haben. Ich wusste, dass Ihr kommen würdet. Ihr sucht nach einem Land mit dem Name Elfénia, nicht wahr?"

"Ja, das ist wahr."

"Wie gern würde ich mit euch ziehen, Freunde. Aber ich bin eine Dryade. Ich kann meinen Baum nicht verlassen."

"Was wolltet Ihr von uns, Lathala?", fragte Lakyr.

"Ich wollte mit euch reden. In diesem Wald gibt es niemanden, der nach Elfénia sucht. Alle die es suchen, sind schon seid langem nicht mehr hier. Keiner von ihnen wird je in diesen Wald zurückkehren. Nur ich, ich konnte nicht mit ihnen gehen, weil ich eine Dryade bin. Ich wollte einmal noch in meinem Leben mit jemandem sprechen, der auf der Suche nach Elfénia ist."

Sie lächelte gequält. "In diesem Wald gibt es niemandem, mit dem ich mich vernünftig unterhalten könnte. Sie alle haben Dinge im Kopf, die mich nicht interessieren. Manchmal gehe ich zu Imoc, dem Uralten, und er erzählt mir dann immer Dinge aus längst vergessenen Tagen. Oh, verzeiht! Ich habe vergessen zu erklären, wer Imoc ist."

"Wir sind ihm begegnet", stellte Edro lediglich fest. Die Dryade nickte leicht.

"Er sagt oft Dinge, die ich nicht verstehe und die wohl auch sonst niemand auf der Welt zu verstehen vermag. Die Götter vielleicht ausgenommen. Was hat er zu Euch gesagt, Herr Edro?"

"Habt Ihr auch unsere Namen hellgesehen?"

"Ja. Sagt mir, was er zu Euch gesagt hat!"

"Er hat uns davor gewarnt, diesen Wald zu betreten. Er sprach von den tödlichen Gefahren, die hier lauern. Außerdem meinte er, wir würden hier viel zerstören." Die Dryade zuckte mit den Schultern.

"Ich jedenfalls bin froh, dass ihr hier seid. Man begegnet in diesen Tagen nicht oft Leuten, die nach Elfénia suchen."

"Das stimmt allerdings", musste Mergun zugeben. Tränen glänzten in den Augen Lathalas.

"Nun geht. Geht! Ihr verstärkt sonst nur noch die Sehnsucht in mir, die Sehnsucht nach Elfénia oder Atun oder wie es auch immer heißen mag. Lebt wohl. Ich gönne es euch, Elfénia zu erreichen!" Sie wollte sich umdrehen und davonlaufen.

"Wartet!", rief Mergun. Sie blieb stehen.

"Wo wollt Ihr jetzt hin?"

"Zu meinem Baum. Ich will ihn anzünden."

"So wartet doch!" Aber die Dryade war schon fort und Mergun konnte sie nicht mehr erreichen.

"Sie will ihren Baum anzünden! Sie will sich umbringen! Wir müssen ihr nach", meinte Mergun, aber Lakyr schüttelte den Kopf.

"Es war ihr Entschluss. Sie wird ihn nicht grundlos gefasst haben", brummte der Thorkyraner.

"Ist das alles, was Ihr zu sagen habt?", fragte Mergun und wandte sich an Edro.

"Wir haben nicht das Recht, hier einzugreifen. Es ist das Leben der Dryade - nicht das Eurige, Mergun."

Schweigend gingen sie weiter. Nach einer Weile sahen sie in einiger Entfernung Rauch aufsteigen. Und dann ein Krachen, wie es berstendes Holz verursacht. Die Gruppe blieb einen Moment lang stehen, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Ein Schauder jagte Edro über den Rücken. Die Dryade hatte tatsächlich in ihrem Baum Feuer gelegt.

"Es ist Wahnsinn, Edro! Seht das doch endlich ein! Diese Sehnsucht nach Elfénia - sie führte bei der Dryade sogar zur Selbstzerstörung! Wollt Ihr auch so enden?", wandte sich Kiria an Edro.

"Nein, dass werde ich nicht!", erwiderte der Dakorier.

"Warum seid Ihr Euch dessen so sicher?" Edro gab ihr hierauf keine Antwort.

Sie gingen langsam und bedächtig. Überall mochten Gefahren lauern. Sobald es dämmerte, gingen sie nicht mehr weiter. Es wäre zu gefährlich gewesen. Immer wieder gingen Edro die Worte des uralten Imoc durch den Kopf. Er hatte gesagt, dass sie, wenn sie diesen Wald durchquerten, unendlich viel zerstören würden. Aber wie sollten sie dazu in der Lage sein, hier etwas zu zerstören? Ganz zu schweigen, dass sie solches gar nicht vor hatten. Die Dryade hatte sich selbst umgebracht. Dafür konnten sie weder Ursache noch Anlass gewesen sein, dessen war Edro sich sicher. Sie musste ihren Selbstmord schon vorher beschlossen haben, denn so großer Eile entschließt man sich normalerweise nicht zu einem solchen Schritt. Vor allem dann nicht, wenn man so viel Zeit hat, wie eine Dryade. Edro konnte die Dryade recht gut verstehen. Hätte er an ihrer Stelle nicht genauso gehandelt?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Hatte es für Lathala wirklich keine andere Möglichkeit gegeben? Edro wusste es nicht. Er kannte die Geschichte und die Lebensverhältnisse dieses Wesens zu schlecht, um so etwas beurteilen zu können.

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14

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Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten sie eine kleine Hütte.

Sie schien uralt zu sein, aber man konnte deutlich erkennen, dass sie noch bewohnt war. Die Gruppe blieb stehen, als eine kleine Gestalt herausstürzte. Eine im Verhältnis zu ihrer Größe mächtige Axt befand sich in ihrer Hand. Ein grauer Bart flatterte munter im Wind.

"Wer seid Ihr, Fremdlinge?", fragte die Gestalt nicht gerade freundlich.

"Reisende. Wir wollen diesen Wald nur durchqueren und Euch ganz bestimmt nicht stören, Herr Zwerg", erklärte Mergun, der vorne weg gegangen war. Der Zwerg senkte die Axt und sein Gesicht war wieder etwas versöhnlicher. Misstrauisch funkelten seine wachsamen Augen und nicht die geringste Kleinigkeit schien ihm zu entgehen.

"Trägt einer von Euch den Namen Edro?", fragte er dann.

"Das bin ich", erklärte der Dakorier.

"Ein Elf war vor gut einem Tag hier und erkundigte sich nach Euch. Er nannte sich Randir."

"Randir? Was hat er gesagt?", wollte Edro wissen.

"Er möchte gern mit Euch zusammentreffen und ich soll Euch möglichst hier festhalten. Gegen Abend will er zurückkehren. Randir machte einen seltsamen Eindruck - auf jeden Fall keinen Glücklichen.

Auch sonst war viel Seltsames an seinem Verhalten. Er scheint nicht von hier zu stammen, obwohl ich nichts davon weiß, dass es auch noch anderswo auf der Welt Elfen gibt."

"Ihr wisst nicht, was der Elf Randir von mir will?", fragte Edro, aber der Zwerg zuckte nur mit den Schultern.

"Randir hat mir nichts gesagt. Seid Ihr übrigens schon einmal mit ihm zusammengetroffen?"

"Ja, wir sind ein Stück zusammen gereist, weil wir vorübergehend das selbe Ziel hatten."

"Kommt in meine Hütte und wartet dort auf Randir! Von mir aus könnt Ihr hier auch übernachten!" Die Freunde nahmen diese Einladung gerne an. Sie stellten sich dem Zwergen vor und auch dieser nannte seinen Namen. Er hieß Trenin. Sein Heim war eng, aber äußerst gemütlich. Edro hatte selten ein so gemütliches Heim gesehen. Sie saßen an einem niedrigen, für Zwerge gemachten Tisch und Trenin erzählte ihnen seltsame und bekannte Dinge über sich und den Wald, den die Menschen ehrfurchtsvoll und mit etwas Angst im Herzen den Zauberwald nannten.

"Kennt Ihr Lathala, die Dryade?", fragte Lakyr, seine Katze streichelnd. Trenin warf dem Tier einen seltsamen, vielleicht misstrauischen Blick zu, bevor er antwortete.

"Ja, ich kenne sie. Ihr Baum steht nicht allzu weit entfernt. Was ist mit ihr?"

"Sie ist tot", erklärte Lakyr und über Trenins Gesicht flog ein düsterer Schatten.

"Wie . . wie...?"

"Sie hat in ihrem Baum Feuer gelegt. Wir sahen den Rauch!" Die grauen Augen des Zwerges blickten in die Ferne und an Edro und den Seinen vorbei.

"Lathala unterschied sich schon immer von allen anderen Dryaden. Während die anderen ihre Bäume nur dann verließen, wenn es unbedingt nötig war, so war es bei Lathala immer genau umgekehrt.

Sie unternahm lange Wanderungen - Wanderungen von einer Länge, dass sie für eine Dryade geradezu riskant sind. Aber Lathala ging jedes Risiko ein, um so weit wie möglich von ihrem Baum weg zu gelangen.

Imoc, der Uralte, hat sie vielmals gewarnt, aber sie hörte nicht auf ihn, der doch so viel weiser und älter war als sie. Ihr ganzes Leben lang hat sie nach etwas gesucht, was sie nicht zu finden im Stande war, weil sie eine Dryade war. Sie suchte nach einen seltsamen Land - Elfénia oder Atun genannt, wo die Träume der Lebenden in Erfüllung gehen. Ich sprach oft mit ihr. Als ich ihr einmal sagte, dass sie Elfénia nie erreichen könne, weil es sicher viele tausend Meilen entfernt liegt (denn die Länder, die an diesen Wald grenzen, kenne ich und ich weiß, dass keines von ihnen Elfénia oder Atun heißt. Da sagte sie zu mir, dass sie daran nicht glaube. Und sollte es trotz allem so sein, so würde sie ihren Baum aus Verzweiflung verbrennen. Und das," Trenin nickte schwer, "hat sie ja nun auch getan. Ach,ich habe damals nicht ahnen können, dass es ihr so ernst war." Trenin fuhr sich mit der Hand durch den Bart.

"Aber es ist nun nicht mehr zu ändern", brummte er. Dann blickte er wieder in seltsamer Weise auf Lakyrs Katze. Und das Tier erwiderte den Blick kühn.

"Ich habe schon von solchen Katzen gehört", erklärte er dann und stand auf. "Es war allerdings nicht viel Gutes dabei."

Lakyr schwieg. Unterdessen ging Trenin an eine sorgsam verschlossene Truhe und holte ein altes, verstaubtes Buch daraus hervor. Auf seinem Ledereinband war mit Goldfasern ein Pentagramm gestickt. Vorsichtig legte der Zwerg den uralten Band auf den Tisch.

"Was ist das für ein seltsames Buch?", wunderte sich Kiria. "Dies Zeichen! Was bedeutet es?" Trenins graue Augen schienen sie zu durchlöchern.

"Es ist das Zeichen der Magie und des Zaubers. Es ist ein gefährliches Symbol. Es kündet von Tod und Unheil. Man sagt, ein Werwolf könne das Pentagramm auf der Hand seines nächsten Opfers sehen, aber ich weiß nicht, wie viel von alle dem Sage und wie viel Wirklichkeit ist." Der Zwerg sah misstrauisch in der Runde umher und beobachtete jeden seiner Gäste für einige Augenblicke. Dann öffnete er das Buch. Er schlug eine bestimmte Seite auf.

"Ein Mann namens Hulkin hat dieses Buch geschrieben. Er war der größte Magier von Mondland, weit im Norden."

"Wie kommt Ihr dann an dieses Buch? Mondland ist sehr weit weg", sagte Mergun etwas misstrauisch.

"Ich kaufte es von einem der wenigen Händler, die durch diesen Wald kommen." Dann deutete der Zwerg auf eine Stelle in dem in der Elfensprache geschriebenen Text.

"Hier steht über die zweiköpfige Katze: Sie ist gefährlich, wie kaum ein anderes Wesen auf dieser Welt. Gegen alle herkömmlichen Waffen ist sie gefeit und nur ein Magier oder Adept oder Werwesen vermögen ihr etwas anzuhaben. Wenn du ihre Freundschaft gewinnst, so bist du für den Augenblick sicher vor ihr. Sie wird dir eine gute Freundin sein, aber sei vorsichtig! Mitunter mag dieses Katzentier das liebste Wesen der Welt sein, aber es liegt ein Fluch auf ihr. Ein düsterer Adept verfluchte sie vor langer Zeit dazu, den zu töten, den sie am meisten liebt." Trenin schlug das Buch wieder zu und tat es in die Truhe, die er hierauf sorgfältig verschloss.

"Ich weiß nicht, ob es stimmt, was Hulkin geschrieben hat. Aber, mein Freund Lakyr, ich warne Euch. Ich wünsche Euch nicht, dass Euer Blut einst von den Fängen dieses Dämons tropft." Lakyr antwortete nicht. Er sah nur zu seiner Katze hinüber. Ihre Augen glänzten traurig und wahnsinnig. Wann würde er das Rätsel, das dieses Wesen umgab, lösen können? Inzwischen begann es draußen langsam dunkler zu werden. Der Abend naht. Trenin hatte den Freunden etwas zu essen angeboten, doch diese zeigten wenig Appetit.

"Was Randir wohl von Euch will, Edro?", fragte Kiria verständnislos und Edro konnte lediglich mit den Schultern zucken. Er wusste es ebenfalls nicht.

"Wir sollten uns jetzt keine Gedanken darüber machen", meinte er und lächelte. De ging die Tür auf und die schlanke Gestalt eines Elfen trat ein. Es war Rendir. Seine purpurnen Augen glänzten seltsam.

Knarrend fiel die Tür wieder ins Schloss.

"Ihr kommt früh, Herr Randir", stellte Trenin, der Zwerg, fest. Er bot dem Elfen einen Sitzplatz an und dieser setzte sich.

"Ich danke Euch, Herr Trenin, dass Ihr die Fremden hierbehalten habt. Ihr wisst gar nicht, was für einen großen Dienst Ihr mir damit erwiesen habt." Der Zwerg sagte nichts hierauf. Er wusste nicht so recht, wie er die Worte des Elfen verstehen sollte. Randir wandte sich jedoch unterdessen an Edro. Seine purpurnen Augen musterten ihn durchdringend. Ein heißes Feuer brannte in ihnen. Ein Feuer von Sehnsucht und Torheit, wie es Edro bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Elfen nicht bemerkt hatte.

"Ich muss mit Euch reden, Herr Edro. Entschuldigt, wenn ich Euch sehr aufgehalten habe, aber..."

"Das macht nichts", erklärte der Dakorier nur und erwiderte den wilden Blick des Elfen.

"Redet. Ihr wollt mit mir reden, also fangt an!"

"Es ist noch nicht allzu lange her, da führten wir beide eine recht interessante Unterhaltung über ein seltsames Land. Es sollte Elfénia heißen, so sagtet Ihr. Aber Ihr sagtet auch, dass es noch viele andere Namen gäbe."

"Das ist wahr, ich erinnere mich, Randir."

"Als ich nun in diesen Wald kam, da traf ich eine Dryade. Auch sie erzählte mir von einem Land namens Elfénia. Bis dahin war ich mir sich, dass es dieses verrückte Land nicht geben könne. Ich wollte dieser Dryade - ich glaube sie hieß Lathala - helfen und versuchte, ihr der Traum von jenem Land auszureden, da sie ja niemals dazu im Stande wäre, es zu erreichen. Ich sah ihre Verzweiflung und wollte sie lindern. Aber es gelang mir nicht, ihr Elfénia auszureden. Sie schien geradezu besessen zu sein und sie erzählte mir ziemlich viel darüber, wie sie sich dieses Land vorstellte. Vieles von dem, was sie sagte, verstand ich nicht - vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen, ich weiß es nicht. Ich verließ die Dryade dann, als ich einsehen musste, dass meine Bemühungen keinen Erfolg hatten. In der folgenden Nacht träumte ich dann einen seltsamen Traum. Ich träumte von einem wunderschönen Land. Es hieß Elfénia, dass weiß ich genau. Leider erinnere ich mich nicht mehr an die Einzelheiten jenes Traums. Ich weiß nur, dass dieses Elfénia in meinem Traum ein Ort war, nach dem ich mich nun sehne. Nun frage ich Euch, Edro: Ist Elfénia tatsächlich so, wie es uns in unseren Träumen erscheint?"

Der Dakorier kratzte sich nachdenklich am Kinn. Dann zuckte er mit den Schultern.

"Nichts wissen die Menschen über Elfénia, aber sie reden viel.

Man sagt zum Beispiel, dass in jenem Land Träume in Erfüllung gehen. Wenn das wahr ist, so müsste auch dein Traum in Erfüllung gehen, wenn du dein Elfénia erreichst." Randir nickte und seine purpurnen Elfenaugen blickten düster auf den Tisch. Es war unmöglich, zu erraten, was in des Elfen Kopf nun vor sich ging.

"Edro, ich möchte gerne mit Euch reisen und nach Elfénia suchen. Ich weiß, es klingt verrückt, aber es ist so: Ich will nach etwas suchen, wovon ich schon im voraus weiß, dass es nicht existiert!"

Am nächsten Morgen verließen sie Trenins Haus schon in aller Frühe. Die Sonne war noch nicht vollständig aufgegangen, da wanderten sie schon nach Osten - mitten durch jenen geheimnisvollen und sagenumwobenen Wald, den die Menschen den Zauberwald nannten.

"Dieser Wald ist gefährlich - selbst für einen Elfen", erklärte Randir düster.

"Ihr seid nicht der Erste, der uns warnt. Als wir dieses Land betraten, trafen wir auf Imoc, den Uralten. Er erzählte uns viele Dinge von denen wir die meisten nicht verstanden", warf Edro dazwischen.

"Ich traf ebenfalls auf Imoc, den Uralten", sagte der Elf. "Er ist ein seltsamer Zeitgenosse."

"Das stimmt", musste Edro zugeben.

"Und weise scheint er zu sein. Auch wenn wir seine Art zu denken nicht recht verstehen", warf Kiria ein.

Viele seltsame Geräusche hörten sie auf ihrem Weg. Der Zauberwald hatte seinen eigenen Gesang. Merkwürdige, schrille Stimmen waren zu hören und es war nicht festzustellen, ob sie von Menschen oder Tieren ausgestoßen wurden. Manchmal sahen sie hinter den Bäumen einen Zentauren stehen, der sie neugierig beäugte oder es flatterten seltsame Vogelmenschen in den Baumkronen herum.

Je weiter sie in diesen Wald eindrangen, desto seltsamere Geschöpfe trafen sie. Aber bis jetzt hatten sie noch niemanden getroffen, der eine böse Absicht gegen sie hegte. Da schob sich plötzlich ein Schatten vor die Sonne und die Freunde blickten erstaunt zum Himmel.

"Ein Daranar", murmelte Kiria tonlos und blieb stehen.

"Ob es derselbe ist, den wir auf dem Weg nach Yumera des Nachts sahen?", fragte Lakyr.

"Sie werden alle gleich aussehen", meinte Mergun. Düster und wild funkelten die gelben Augen des Geflügelten. Mächtige Zähne schauten aus seiner Mundöffnung hervor. Scharfe Klauen hielten sich bereit, um irgendeine Beute zu fassen.

Jetzt verschwand das Tier hinter einem der großen Baumkronen und die Freunde könnten nichts mehr von ihm sehen.

"Ich werde das dumme Gefühl nicht los, dass es uns sucht", erklärt Kiria und schüttelte den Kopf. "Ich weiß selbst nicht, wie ich darauf komme. Schließlich ist es viel wahrscheinlicher, dass es ein anderer Daranar ist, als der, den wir in jener Nacht auf der Straße nach Yumara sahen."

Sie gingen weiter. Das Gelände, welches sie nun durchquerten war etwas hügeliger. Schließlich erreichten sie eine größere Lichtung. Ein seltsames, leuchtendes Schloss war dort errichtet. Seine Mauern waren weiß wie Schnee. Und doch waren sie massiv und hart und würden einem Angriff mit Leichtigkeit standhalten. Eine Fahne wehte von einem hohen Mast.

"Dieses Schloss ist das Werk von Elfen! Niemand sonst wäre in der Lage etwas derartiges zu schaffen", sagte Randir voller Bewunderung. Eine Weile verharrten sie schweigend vor dem gewaltigen Schloss. Etwas Magisches umfing es und ein Hauch von Zauberei hing in Luft.

"Vielleicht leben hier die Nachfahren Korshirs des Großen, der vor langer Zeit aus Maland fortging und hier her zog", sagte Randir jetzt etwas verträumt.

"Ob diese Elfen uns freundlich gesonnen sind?", fragte Kiria misstrauisch und Lakyrs Katze sandte ein drohendes Fauchen dem wunderschönen Schloss entgegen.

"Bis jetzt haben uns alle Wesen in diesem Walde freundlich empfangen. Warum sollten die Elfen hier eine Ausnahme machen?", meinte Lakyr zuversichtlich.

Sie verließen den Schatten des Waldes, der sie bis jetzt geschützt hatte und traten ins Freie - auf eine sonnenbeschienene Lichtung. Da bemerkte Edro plötzlich Gestalten auf den Wehrgängen der niedrigen Mauern, die das Elfenschloss umgaben. Unruhig fuchtelten sie mit Speeren und Schwertern. Ein Tor öffnete sich in der Mauer und ein Trupp Bewaffneter trat heraus. Edro und die Seinen blieben stehen.

"Sie sind gut bewaffnet und kommen sicherlich nicht in friedlicher Absicht", erklärte Mergun rau.

"Auch wir sind gut bewaffnet. Und kommen wir in kriegerischer Absicht?", hielt ihm Kiria entgegen. In einer Entfernung von wenigen Metern blieben die Elfen stehen. Ihre purpurnen Augen zeugten von Misstrauen, das sich sichtlich legte, als sie Randir bemerkten.

"Wer seid ihr, Fremdlinge?", fragte einer von ihnen in gebrochener Westsprache.

"Reisende, die sicher nicht in böser Absicht kommen", antwortete Edro. Der Elf lächelte matt und geringschätzig.

"Das sagen viele. Die Menschen von Sanagrim im Osten sagten es, bevor sie diesen Wald überfielen und viele seiner Bewohner töteten. Die Leute von Dalachos sagten es, bevor sie den Dalach hinaufsegelten um uns zu jagen, als wären wir Tiere. Und nun sagt Ihr es, seltsamer Fremdling. Was wollt Ihr von uns? Uns bestehlen? Uns berauben? Fürwahr, die Menschen sind schlecht!" Der Elf wandte sich an Randir.

"Ihr seht aus wie ein Elf. Seid Ihr auch einer?"

Randir nickte. "Ja, dass bin ich."

"Wie kommt Ihr dann dazu, Euch solche Weggefährten auszusuchen?`

"Wir haben dasselbe Ziel." Gefährlich blitzten die Schwerter der Elfen in der strahlenden Sonne.

"Sicher seid Ihr nur die Vorhut eines größeren Heeres, welches von Dalachos oder Sanagrim oder von wo auch immer kommend, in den Wald eindringt, den die Menschen den Zauberwald nennen."

"Wir gehören zu niemandes Heer und verlangen von Euch nichts weiter, als dass Ihr uns ziehen lasst", erklärte Edro.

"Wohin wollt Ihr denn?"

"In den Osten", sagte Randir.

"In den Osten? Im Osten liegt Sanagrim. Die Sanagrimer sind die schlimmsten Feinde des Waldvolkes. Jahr für Jahr ziehen sie plündernd und mordend in den Zauberwald. Die Wesen des Waldes haben nicht mehr die Kraft, ihnen Widerstand zu leisten. Die Zentauren sind scheu und ängstlich geworden, die Elfen werden immer weniger, die Zwerge sondern sich ab und hausen einzeln in kleinen Hütten. Und Imoc, der Uralte, ist nicht mehr der, der er noch vor wenigen Jahrhunderten gewesen ist. Seine Zeit geht zu Ende. Dieses Elfenschloss, Elfgart genannt, ist einer der wenigen Bollwerke, die den Menschen noch Widerstand leisten. Ihr wollt uns an die Sanagrimer verraten, nicht wahr? Ihr seid gedungene Kundschafter, die den Standort dieses Schlosses erkunden sollen, habe ich recht?"

"Nein, das habt Ihr nicht", erklärte Edro nur. Lakyrs Katze ließ ein drohendes Fauchen hören. Der Anführer des Elfentrupps bedachte das Tier mit einem Blick, wie ihn Edro noch nie gesehen hatte: voll Hass und Abscheu.

"Unsere Legenden und Mythen wissen viel über eine zweiköpfige Katze zu berichten. Und nur weniges ist gut", brummte er.

"Was ist nun? Lasst Ihr uns durch?", fragte Edro herausfordernd.

Die purpurnen Augen des Elfen vor ihm blickten Edro seltsam an.

"Ich will König Gardir entscheiden lassen, was mit Euch geschehen mag", erklärte er dann. Dabei vermied er es, die zweiköpfige Katze an zusehen.

"Entwaffnet sie!", rief er den anderen dann zu.

"Halt!", rief Lakyr. Seine Stimme war rau und düster. Mit einer schnellen Bewegung nahm er seine Katze auf den Arm.

"Diese Katze hier hat schon Menschen aus geringerem Anlass getötet. Sie ist unverwundbar. Keine Waffe, kein Schwert vermag ihr etwas anzuhaben." Die Elfen zögerten und wechselten verstörte Blicke miteinander.

"Es ist gefährlich, ihr Feind zu sein", erklärte Lakyr dann.

"Es gibt Zeugnisse, in denen geschrieben steht, dass es ebenso gefährlich sein kann, ihr Freund zu sein", sagte einer der Elfen. Lakyr zuckte mit den Schultern.

"Mag sein, ich weiß es nicht und es interessiert mich auch wenig.

Ich weiß nur, dass ihr in großer Gefahr seid, sobald ihr euch mit ihr anlegt. Sie tötet nie ohne Not und nie grundlos. Sie ist nicht böse, wie viele Legenden behaupten. Und auch nicht grausam. Aber es ist aussichtslos, einen Kampf mit ihr gewinnen zu wollen. Bedenkt dies, wenn ihr gegen uns vorgeht, ihr Elfen!" Sanft streichelte der Thorkyraner das schwarze Fell seiner bepelzten Freundin. Seine Augen musterten die Züge der Elfen. Sie waren unschlüssig und ratlos.

Immer wieder blickten sie zu ihrem Anführer, aber der war ebenso ratlos, wie sie es waren.

"Ich weiß nicht, was es mit dieser Katze wirklich auf sich hat", erklärte er dann und gewann einen Teil seiner Selbstsicherheit zurück.

"Wir werden euch also eure Waffen lassen, Fremdlinge. Aber vor unseren König müssen wir euch trotz allem bringen. Er mag entscheiden, was wird."

"Ich bin einverstanden", erklärte Randir. Edro war zunächst etwas erstaunt, aber langsam begriff er den Elfen. Er wollte noch einmal ein Schloss von innen sehen, das von seinem Volk errichtet war. Und Schlösser wie Elfgart waren in der Tat zu dieser Zeit etwas Besonderes. Es gab nicht mehr viele von ihnen. Vielleicht war Elfgart sogar das einzige, das noch existierte.

"Ich bin ebenfalls einverstanden", sagte Edro hierauf. Mergun brummte irgendetwas Unverständliches vor sich hin.

"Wenn es sein muss, will ich nicht im Wege stehen", knurrte Lakyr düster und seine Katze gab ein klagendes Miauen von sich. Und so wurden sie dann von den Elfen nach Elfgart geführt. Von innen war dieses Schloss noch lieblicher, als es das von außen schon war. Alles war schön und zierlich, aber keineswegs zerbrechlich. Neugierig wurden sie von vielen purpurnen Augenpaaren begafft, aber Edro störte dies nicht. Der Saal, in dem Gardir, der Elfenkönig von Elfgart, thronte, nahm sich gegenüber dem übrigen Schloss geradezu schlicht aus. Gardir saß auf seinem hölzernen Thron und blickte schweigend auf die Neuankömmlinge. In keiner Weise schien er verwundert oder erstaunt zu sein, als er die zweiköpfige Katze bemerkte. Weißes Haar und ein weißer, langer Bart umrahmten sein Gesicht und ließen ihn alt und weise erscheinen.

"Ihr seid ein Elf, nicht wahr?", wandte sich der König an Randir.

"Ja, das bin ich. Ich komme aus dem Norden, aus Maland, der alten Heimat unseres Volkes und ich suchte nach denen, die einst nach Süden zogen, um bei ihnen zu leben, denn die Elfen von Maland sind nur noch sehr wenige und dem Untergang und der Dekadenz verschrieben." Gardir, der Elfenkönig, lächelte, als er das hörte.

"So seid Ihr offenbar am Ziel, mein Herr! Wir sind die Nachfahren derer, die einst aus Maland auszogen, um die Länder jenseits des Tsigola zu erforschen, die Wälder an den Ufern des Dalach." Randir erwiderte das Lächeln des Königs, aber sein Lächeln war matt und traurig.

"Nun, wo ich hier bin, will ich woanders hin. Ich will nicht hier in Elfgart verweilen - so schön dieser Ort auch immer sein mag." Gardir runzelte die Stirn.

"Gefällt Euch Elfgart etwa nicht? Ist es nicht das schönste Schloss der ganzen Welt?"

"Vielleicht. Vielleicht, Elfenkönig. Ich gebe zu, es ist ein wunderbarer Ort, an dem Ihr regiert. Aber ich habe mich entschlossen, diesen Leuten hier zu folgen. Ihr Ziel ist auch mein Ziel."

"Und was ist Euer Ziel?", wandte sich der König an Edro.

"Elfénia - ein fernes Land, in dem die Erfüllung unserer Träume auf uns wartet." Das Gesicht Gardirs wurde ernst.

"Ich habe während meines langen Lebens schon mit vielen Leuten zu tun gehabt, die ebenfalls dieses Land suchten. Die meisten fanden irgendwo ein tragisches Ende." Randir zuckte nur mit den Schultern.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir dieses Land finden werden", erklärte Lakyr im Brustton der Überzeugung. Und seine Katze ließ ein klagendes Miauen hören.

"Wie dem auch sei", antwortete der König und zog eine Augenbraue in die Höhe, "ihr seid meine Gäste, wenn ihr wollt."

"Länger als eine Nacht werden wir Euer großzügiges Angebot leider nicht annehmen können", sagte Mergun. Der Elfenkönig nickte bedächtig.

"Ich will Euch später eine Geschichte erzählen." Da stürmte ein bewaffneter Elf in den Thronsaal.

"Ein riesiges Heer ist aus dem Wald herausgestoßen. Es sind Dalachier. Wahrscheinlich sind sie mit ihren Schiffen den Dalach hinaufgesegelt. Es sind viele, Herr König!"

Wütend sprang der König von seinem Thron auf. Seine Faust umklammerte den Schwertgriff seiner langen, schlanken Klinge.

"An Elfgart werden sich die Leute aus Dalachos die Zähne ausbeißen!", knurrte Gardir wütend. Dann wandte er sich an einen der anderen Elfen, die im Saal herumstanden.

"Wie steht es mit unseren Vorräten?"

"Wir würden mindestens einige Monate lang einer Belagerung standhalten", antwortete Enajad.

"Hoffentlich ist das lang genug", brummte der König. Gardirs Gesicht war hart geworden.

"Wisst Ihr, Herr Randir, weshalb die Leute aus Dalachos immer und immer wieder den Dalach hinaufsegeln? Ich wills Euch sagen: Sie sind gierig! Sie haben es auf die vergessenen Schätze der Elfen und Zwerge abgesehen! Sie sind hier, um zu rauben. Die Menschen sind eine Rasse von Marodeuren und Räubern! Sie werden nicht eher ruhen bis sie uns alle, die wir hier in diesem Wald leben, getötet haben. Dann wird dieser Wald ein toter Dschungel der Fäulnis und des Verfalls werden. Die Menschen werden ihn abholzen, weil sie Schiffe und Wagen brauchen und sie diese aus Holz herzustellen pflegen. Sie verstehen die Lebensweise des Waldvolkes nicht, die Lebensweise der Zwerge, der Daranar, der Dryaden, der Magier und Hexen, der Kobolde, der Waldgeister und der Elfen. Und weil sie uns nicht verstehen, ermorden sie uns."

Dann warf der König seinen Mantel bei Seite und verließ zusammen mit Enajad den Thronsaal. Die Gäste des Herren von Elfgart folgten ihm. Von einer der vielen Brustwehren aus konnten sie das herannahen des Feindes beobachten. Gut geordnete Heerhaufen drängten sich über die Lichtung. Fahnen wehten im Wind und zeugten von kommender Vernichtung.

"Elfgart wird diesem gewissenlosen Dalachiern widerstehen!", prophezeite Gardir zuversichtlich. Aber in seinem Innern regten sich Zweifel. Was würde sein, wenn Elfgart fiele? Wieder würde es einen Ort weniger auf der Welt geben, an dem Elfen wie Elfen leben konnten. Ein Schwarm von Pfeilen sirrte durch die Luft. Viele trafen gegen die feste, wenn auch nicht besonders hohe Mauer, die das Schloss Elfgart umgab und prallten an dieser wirkungslos ab. Aber einige trafen ihr Ziel und schreiend stürzten einige der Elfen zu Boden.

Immer neue Heerscharen der Dalachier machten sich den Weg durch die Büsche frei und traten auf die Lichtung. Stolz und siegesgewiss schwenkten sie ihre Speere, um sie schon im nächsten Augenblick nach den Bewachern von Elfgart zu schleudern. Aber auch von den Mauern des Schlosses herab sirrten Pfeile - und viele verfehlten ihr Ziel nicht. Schier endlos war die Masse des Feindes.

"Es ist aussichtslos", erkannte Enajad in diesem Moment. Der Elf schaute von der Brüstung herunter auf die Schar der Feinde. Er resignierte. Ein Pfeil sirrte dicht an seinem Ohr vorbei, aber es schien den Elfen nicht zu kümmern. Schon wurden die ersten Leitern an die Mauern gebracht. Mit einem herbeigeschleppten Baumstamm versuchten die Dalachier nun, das Tor von Elfgart zu rammen. Edro hörte die dumpfen Schläge gegen das hölzerne Tor. Nicht lange würde es standhalten, das schien dem Dakorier gewiss. Die Leitern der Angreifer wurden umgestoßen und schreiend sanken die auf ihnen stehenden Krieger in die Tiefe. Nicht alle standen wieder auf. Sirrende, heimtückische Pfeile hatten auf beiden Seiten hohe Verluste hervorgerufen. Bei den Elfen zählte jeder Tote doppelt, denn sie waren dem Feind ohnehin schon unterlegen. Gardir selbst schleuderte Speer auf Speer gegen die Angreifer. Viele erreichten ihr Ziel.

Aber auch der uralte Elfenkönig wusste, dass die Stunden von Elfgart wohl gezählt waren. Nicht mehr lange würde man dieses Schloss verteidigen können. Ein Krachen entstand, wie nur berstendes Holz es zu verursachen weiß.

"Es ist soweit, das Tor wird gleich bersten", meinte Mergun dumpf bevor er einen Speer der Flut der Angreifenden entgegenwarf.

Da brach des Tor aus seinen Halterungen und die Masse der feindlichen Krieger walzte es nieder. Der König und seine Gäste gingen nun auf den Schlosshof, wo bereits gekämpft wurde. Ein wütendes Fauchen kam aus dem Mund der schwarzen, zweiköpfigen Katze, die Lakyr auf seinem Arm trug. Sie sprang von seinem Arm herunter und auf das Kampfgetümmel zu. Überall schienen die Dalachier zu sein. Im letzten Moment vermochte es Edro, einem gefährlichen Schwertstreich auszuweichen. Schon im nächsten Augenblick lag sein Feind tot am Boden. Und da war das Getümmel auch schon über ihnen und es war unmöglich sich ihm entziehen zu wollen. Irgendwo sah Edro Kirias blutüberströmtes Gesicht. Aber er vermochte nicht zu erkennen, ob es ihr eigenes oder das Blut eines anderen war. Irgendwie verlor er sie dann aus den Augen. Er wollte zu ihr, aber ihn umgab ein Wald aus Schwertern und Lanzen. Sollte dies sein letzter Kampf sein? Sollte er Elfénia nicht mehr erreichen? Edro blickte kurz um sich. In seiner Nähe war niemand mehr, den er kannte.

Einige hochgewachsene, schlanke Elfen stritten neben ihm. Es wurde auf beiden Seiten hartnäckig gekämpft und es gab dementsprechend hohe Verluste.

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Langsam neigte sich der Tag seinem Ende zu. Die Sonne wurde rot - rot wie das Blut, das auf dem Schlachtfeld von Elfgart vergossen wurde. Und der Kampf währte noch immer. Edro war es noch nicht gelungen, Kiria wiederzufinden. Lakyrs Katze hatte von den Dalachiern schreckliche Verluste gefordert. Ihre spitzen Zähne hatten die Kehlen von vielen hundert Dalachiern durchbissen. Die Angreifer waren nicht mehr sehr zahlreich, aber die Elfen waren noch weniger.

Irgendwo stieg schwarzer Rauch auf. Ein Pferdestall brannte. Der Kampf hatte sich immer weiter in die Gebäude hinein verlagert.

Plündernd kamen die überlebenden Dalachier, rissen den Schmuck von den Wänden und brachen Truhen auf, in denen altes Gold der Elfen von Maland ruhte. Als sie genug hatten, machten sie sich wieder aus dem Staub und verschwanden im Wald, woher sie gekommen waren.

Irgendwo am Fluss warteten ihre Schiffe auf sie. Schweigend ging Edro über das Schlachtfeld. Fahl und blass sandte die Sonne ihre letzten Strahlen durch die Baumkronen. Edro suchte noch immer nach Kiria. Hier hatte er sie verloren, hier einige Dutzend Fuß vom Tor entfernt, hatte er sie zum letzten Mal gesehen. Jeden der toten, blutüberströmten Leiber sah er sich genau an. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis er Kiria endlich fand. Als er sie dann sah, erstarrte er für einen Moment. Sie lag da, mit seltsam versenkten Gliedmaßen und geschlossenen Augen. Aus einer bösen Wunde am Kopf sickerte Blut in den Sand. Edro beugte sich über sie. Sie atmete noch, aber nur ganz schwach. Ihr Puls war kaum noch spürbar.

Behutsam nahm er sie in seinen Arm und trug sie schweigend über das Schlachtfeld, über dem bereits Aasvögel kreisten. Der Dakorier trug sie ins Hauptgebäude des Elfenschlosses. Dort fand er in irgendeinem Gemach ein Bett, auf das er sie legen konnte. Dann riss er die Vorhänge von den Fenstern und zerschnitt sie in Streifen. Aus diesen machte er dann einen Verband um Kirias Kopf. Da hörte er plötzlich Schritte hinter sich. Blitzschnell wandte er sich um und zog sein Schwert. Aber sogleich steckte er es wieder ein und lächelte erfreut.

"Wir haben Euch überall gesucht", erklärte Lakyr, wobei er seine Katze liebevoll streichelte. Dann deutete er auf das Bett.

"Was ist mit ihr?"

"Eine schwere Kopfwunde. Ich weiß nicht, wie ihre Chancen sind.

Ich kenne mich da nicht sehr gut aus."

Lakyr nickte düster.

"Mergun geht es nicht besser. Ein Pfeil traf ihn in die Seite und nun phantasiert er im Wundfieber."

"Was ist mit Randir?"

"Er ist bei ihm."

"Haben außer uns noch andere überlebt?"

"Ja. Einige Elfen sind am Leben geblieben."

"Und Gardir?"

"Als er sah, was die Dalachier aus Elfgart gemacht hatten, stürzte er sich in sein eigenes Schwert."

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Am Abend, als Edro in der Dunkelheit stand und über das Schlachtfeld blickte, gesellte sich Randir zu ihm.

"Unsere Feinde wissen nicht, was sie zerstört haben", erklärte der Elf.

Und Edro nickte. "Ja, es scheint so."

"An diesem Tag sind mehr Elfen und Menschen getötet worden, als man auf der ganzen Lichtung von Elfgart begraben könnte. Wozu?

Wozu, Edro? Warum nur?"

"Sie wollten Reichtum. Sie haben dieses Schloss geplündert und viel mitgenommen", sagte Edro.

"Aber sie haben viele Tote hiergelassen. Steht ein solcher Preis in einem Verhältnis zum Gewinn, das tragbar wäre?"

"Nein, gewiss nicht. Aber soweit vermögen nur wenige Menschen zu sehen."

"Da mögt Ihr allerdings recht haben." Da trat Enadir aus dem Schatten der Dunkelheit. Er war einer der wenigen Elfen, die das Gemetzel überlebt hatten. Seine Züge waren ernst.

"Elfgart ist zerstört, Freunde", stellte er betrübt fest. Randir sah sich um und schüttelte den Kopf.

"Ich glaube nicht, dass es noch einmal von irgendjemandem aufgebaut wird", bekannte er. Enadir lächelte schwach.

"Da glaubt Ihr etwas Falsches, Herr Randir. Ich bin fest dazu entschlossen, Elfgart wieder aufzubauen. Es soll wieder so werden, wie es früher war!"

"Nie wird es das Elfgart werden, dass Gardir regierte. Ihr könnt Euch noch so viel Mühe geben, es wird mit dem ursprünglichen Schloss nur noch den Namen gemein haben. Gardir erkannte dies und deshalb stürzte er sich in sein Schwert", erklärte Edro. Enadir zuckte mit den Schultern.

"Ich werde es trotz allem versuchen!" Mit diesen Worten ging Enadir.

"Wir sollten so schnell wie möglich aufbrechen", erklärte Randir jetzt.

"Das wird noch eine Weile dauern. Kiria und Mergun müssen sich zunächst vollständig von ihren Wunden erholt haben."

"Solange können wir nicht warten. Ich habe von den Elfen gehört, dass es hier in der Nähe eine Hexe geben soll, die sich auf die Heilkunst versteht. Shirbeth soll ihr Name sein." Aber Edro schüttelte den Kopf.

"Weder Kiria noch Mergun würden zur Zeit eine Reise überleben

- und sei sie auch noch so kurz."

"Dann muss die Hexe hier her kommen", erwiderte Randir. Edro wechselte einen erstaunten Blick mit dem Elfen.

"Glaubt Ihr, sie würde kommen?"

"Ich weiß es nicht, Herr Edro."

"Und würde sie es umsonst tun? Wir haben nämlich nichts, was wir ihr geben könnten."

"Liegt nicht genug Gold im Schloss herum? Es ist Elfengold! Und das weiß sogar eine Hexe zu schätzen!"

"Nein, Randir, wir können der Hexe dieses Gold nicht geben. Es gehört den Elfen!" Randir zuckte mit den Schultern.

"Sie werden uns sicher ein wenig davon geben. Davon bin ich überzeugt." Edro nickte schließlich.

"Gut, Herr Randir. Geht Ihr und fragt die Elfen nach dem Gold.

Ich werde mich beim Morgengrauen auf den Weg machen, um diese Hexe zu finden!" Die Elfen gestatteten Edro, sich einiges von dem Elfengold mitzunehmen, um die heilkundige Hexe zu entlohnen. Sie beschrieben ihm auch genau den Weg bis zu ihrer Hütte. Dann machte der Dakorier sich auf den Weg. Er wandte sich nach Norden, denn im Norden lag Shirbeths Hütte. Er eilte, denn jede Stunde war kostbar.

Zumindest Kirias Zustand war äußerst kritisch. In der Nacht hatte sie Blut gehustet, was darauf hindeutete, dass sie außer der Wunde am Kopf auch noch innere Verletzungen hatte. So schnell seine Beine ihn trugen eilte er durch den Wald. Die Elfen von Elfgart hätten ihm gern eines ihrer Pferde geliehen, von denen behauptet wurde, sie seien schneller als der Wind. Aber die kostbaren Tiere waren entweder erschlagen oder davongelaufen. Enadir hatte ihn vor seinem Aufbruch gewarnt: Hexen würden sehr oft unberechenbar reagieren.

"Es empfiehlt sich durchaus, die Hand nicht vom Schwertgriff zu nehmen", hatte der Elf gesagt und Edro war entschlossen, seinen Rat zu befolgen. Nach einer Wanderschaft von fast einem Tag hatte er endlich die alte, verfallene Hütte von Shirbeth erreicht. Vor der Tür saß eine uralte Frau auf einem Kissen. Sie musste mindestens hundert Jahre alt sein, so alt sah sie aus. Ihre Augen waren im Verhältnis zum Rest ihres Gesichts sehr groß und sie flößten Edro etwas Angst ein.

Diese Augen hatten schon mehr gesehen, als es für die Augen ein Menschen gut ist. Sie waren grau. So grau, wie das Eis, welches im Winter den Mondfluss und den Ma bedeckte. Und kalt waren diese Augen. Edro blieb zunächst in einiger Entfernung stehen. Die Hand hatte er, wie ihm Enadir geraten hatte, am Schwertgriff. Aber in ihm regten sich bereits Zweifel, ob ihm eine solche Waffe im Ernstfall überhaupt etwas nützen würde. Shirbeth hob den Kopf und ihre eisgrauen Augen bohrten sich in die Edros.

"Was führt Euch zu mir, Fremder?" Edro trat einige Schritte vor.

"Ihr seid Shirbeth, die Hexe, von der behauptet wird, sie verstünde etwas von der Heilkunst?" Die alte Frau nickte langsam und ihrem Alter angemessen, über das Edro nur mutmaßen konnte.

"Ich bin Shirbeth", erklärte sie.

"Ich muss Euch um einen Gefallen bitten, Frau Shirbeth!"

"Einen Gefallen? Sagtet Ihr, einen Gefallen, Fremder?" Sie lachte hässlich. "Bin ich dazu da, um anderen Leuten Gefallen zu tun? Nein, mein Freund, bei mir seid ihr da nicht richtig."

"Ich bin bereit, zu bezahlen!" Eine Veränderung ging nun im Gesicht der Hexe vor sich.

"Ach, ja?"

"Ja."

"Der Preis könnte sehr hoch sein, auch wenn er Euch im ersten Moment sehr gering erscheint."

"Ich bin bereit, zu zahlen", erklärte Edro nochmals. Die alte Frau nickte, stand auf und trat ihm entgegen.

"Worum geht es, Fremder? Was ist es für ein Gefallen, den ich dir tun soll?"

"Zwei meiner Freunde liegen verletzt in den Hallen von Elfgart.

Heil sie, Shirbeth!"

"Nichts leichter als das. Ich werde mit dir nach Elfgart gehen, um deine Freunde zu behandeln. Aber vorher gib mir den Preis!" Ihre Augen waren gierig und irgendwie widerlich. Edro holte sein Elfengold hervor.

"Hier habe ich Elfengold. Wollt Ihr es als Preis annehmen?"

Shirbeth lachte verächtlich. "Steckt Euer Gold ruhig weg, mein Freund. Ich will es nicht. Was hätte ich davon, Elfengold zu besitzen?

Nein, behaltet Eure Schätze."

"Aber, was wollt Ihr dann von mir haben? Ich habe nichts mehr, was ich Euch geben könnte!" Das Gesicht der Hexe verzog sich zu einem bösen Lächeln.

"Doch, Ihr habt noch Dinge, die ich gern besäße!" Edro wäre beinahe zusammengezuckt, als sie sein Haar berührte.

"Schneidet eine Locke von ihm ab und gebt sie mir", befahl sie.

"Das ist alles?"

"Das ist alles. Erstaunt es dich?"

"Ja..."

"Nun redet nicht so lange! Ihr habt mir gesagt, dass Ihr bereit währt, zu bezahlen, nicht wahr? Wenn Euch der Preis nicht passt, so sagt es gleich. Aber dann dürft Ihr kaum mit meiner Hilfe rechnen können."

"Keine Angst, ich gebe Euch die Locke. Aber erst, wenn Ihr meine Freunde behandelt habt!" Die Augen der Hexe funkelten gefährlich, aber sie zügelte ihren sichtlichen Zorn.

"Ihr vertraut mir nicht?"

"Ich habe keinen Grund dazu."

"Ich kann Euch verstehen. Schließlich misstraue ich Euch ja auch.

Aber wie könnte eine alte Frau, wie ich es bin, Euch betrügen, mein Herr? Ihr habt ein Schwert an Eurer Seite und könntet mich jederzeit damit erschlagen!"

"Ihr seid eine Hexe. Und einer Hexe misstraut man lieber!"

Shirbeth grinste, wobei ihr zahnloser Mund sich Edro offenbarte.

"Ihr seid vorsichtig. Nun gut, Ihr gebt mir Euer Wort, dass Ihr mir die Locke gebt, sobald Eure Freunde behandelt sind?"

"Ich gebe Euch mein Wort!"

"Gut. Sollen wir noch in dieser Nacht nach Elfgart wandern?"

Edro blickte sie erstaunt an. Es begann bereits zu dämmern und in nicht allzu langer Zeit würde es sehr,sehr dunkel im Wald werden.

Aber die Hexe sah nicht aus, als hätte sie einen Scherz gemacht.

"Was ist? Wollen wir heute Nacht noch nach Elfgart?"

"Ich bin müde."

"Mir ist es gleich, wann wir gehen. Ihr müsst entscheiden, was werden soll!" Edro überlegte kurz.

"Wir werden morgen gehen!" entschied er dann.

"Wie Ihr wollt", erwiderte die Hexe.

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Die Nacht verbrachte der Dakorier im Freien. Shirbeth hatte ihm zwar angeboten, in ihre Hütte zu kommen, aber Edro hatte abgelehnt.

Er wollte sich keiner unnötigen Gefahr aussetzen. Als er dann aufwachte saß die alte Frau schon wieder vor ihrer Hütte und starrte in die Gegend. Als sie Edros Erwachen bemerkte, stand sie auf und ging auf ihn zu.

"Wir werden jetzt gehen?"

"Ja!" Edro holte einige Bissen hervor, die er hastig verschlang.

Dann stand er auf und machte sich zusammen mit der Hexe auf den Weg. Es war erstaunlich, wie schnell die Alte gehen konnte. Sie konnte durchaus mit Edro schritthalten und während der ganzen Dauer ihre Weges verlangte sie nicht ein einziges Mal nach einer Pause. Edro war vorsichtig. Sorgsam hielt er sie im Auge. Seine Hand blieb immer in der Nähe des Schwertes. Er war bereit dazu, es jeden Augenblick aus der Scheide zu ziehen und es der Alten in den Leib zu rammen.

Wenn sie sich zu ihm umdrehte, vermied Edro es, in ihre Augen zu schauen. Sie waren kälter als Eis und eine gefährliche, eisige Flamme brannte in ihnen. Eine tödliche Flamme. Sie schien den Weg nach Elfgart gut zu kennen und schon viele Male gegangen zu sein, so kam es Edro vor. Am späten Nachmittag erreichten sie dann endlich das einstmals so schöne Elfenschloss, in dem Gardir regiert hatte. Enadir und seine Getreuen hatten die Leichen vom Schlosshof heruntergeschafft und sie auf der Lichtung verbrannt. Der Geruch von verkohltem Menschenfleisch hing in der Luft und die Aasfresser stritten sich um das, was die Flammen ihnen übrig gelassen hatten. Als Edro und die Hexe durch das verfallene Tor von Elfgart schritten, kam ihnen Enadir entgegen. Edro hielt an und grüßte ihn. Der Elf grüßte zurück.

"Wir haben die Leichen verbrannt, mein Freund. Das ist der erste Schritt zum Wiederaufbau von Elfgart. Es wird wieder so werden, wie es zu Gardirs Zeiten gewesen ist." Frohe Zuversicht und viel Mut leuchteten aus Enadirs Augen. Edro lächelte matt.

"Ich wünsche Euch beim Wiederaufbau dieses Schlosses viel Erfolg, Enadir. Wie geht es Kiria? Und wie Mergun?" Enadirs Gesichtszüge wurden etwas ernster. Seine Augen verloren ihr weltentrücktes Leuchten.

"Mergun hat sich ein wenig erholt. Aber Kiria..."

"Was ist mit ihr?" Angst stieg in Edro empor.

"Sie hat in der Nacht wieder viel Blut gehustet. Ihre inneren Verletzungen müssen furchtbar sein."

"Ist sie bereits aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht?"

"Ja, einmal. Sie hat nach Euch gefragt, Edro. Aber Ihr wart nicht da. Jetzt liegt sie wieder in tiefem Schlaf." Enadir wandte einen misstrauischen Blick zu Shirbeth, der Hexe.

"Sie ist in der Lage, Kranke zu heilen?"

"Ja. Jedenfalls sagt sie es." Edro holte sein Elfengold hervor und übergab es Enadir.

"Sie will es nicht."

"Und was ist dann ihr Preis?"

"Eine Locke meines Haares." Ein Schatten zog über des Elfen Gesicht. Misstrauisch blickte er auf die alte Frau.

"Habt Ihr den Preis schon bezahlt?"

"Nein."

"Das ist gut so."

Edro sah den Elfen etwas erstaunt an, aber Enadir sagte nichts weiter.

Dann wurde Shirbeth in den Raum geführt, in welchem Kirias Lager war. Die Decke auf der sie lag war bereits über und über mit Blut besudelt und auf ihrer Stirn stand Schweiß. Aber ihre Augen waren geschlossen. Nur ganz leicht ging ihr Atem und nur sehr schwach ihr Herz. Edro und Enadir beäugten kritisch die Handlungen der Hexe. Lakyr, der bei Kiria gewacht hatte, trat zu Edro und fragte, ob man Shirbeth trauen könne. Edro zuckte nur mit den Schultern.

Die Alte beugte sich über Kiria und malte ihr seltsame Zeichen mit einem Kohlestift aufs Gesicht. Dann hielt sie an jede von Kirias Schläfen einen Finger. Dazu murmelte sie einige seltsame Worte in einer längst vergessenen Sprache.

Um Edro begann sich für einen Moment alles zu drehen und er hatte das Gefühl, zu fallen. Aber dieses Gefühl währte nur einen winzigen Augenblick, so dass der Dakorier nicht einmal mehr die Zeit zum Schreien gehabt hatte. Der Zauber der Hexe schien nun bereits beendet zu sein, denn sie wandte sich von Kirias Lager ab.

"Was ist nun?", fragte Edro sie.

"Sie wird jetzt viele Stunden lang tief schlafen, sehr tief. Es ist ein Schlaf, noch viel tiefer als der Tod. Regt Euch nicht auf, wenn Ihr Herz zeitweise nicht mehr schlägt. Es hat nichts zu bedeuten. Wenn sie aufwacht, ist sie wieder gesund." Irgendwo in Edros Innerem war tiefes Misstrauen, aber im Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig, als der Hexe zu glauben.

"Was ist nun mit dem Preis, der mir zusteht?", fragte sie herausfordernd, aber Edro schüttelte den Kopf.

"Ihr habt Euer Wert noch nicht vollendet! Erst müsst Ihr noch meinen Freund Mergun behandeln!" Die Hexe ließ einige herzhafte Flüche hören und murrte. Aber Edro gab nicht nach. So wurde die Alte dann schließlich zu Mergun geführt, an dem sie die gleiche Prozedur vollzog, wie sie es bei Kiria getan hatte.

"Ich frage mich, wozu diese Hexe eine Locke von Euch braucht", erklärte Enadir. Edro zuckte mit den Schultern.

"Wir wollen nicht hoffen, dass da irgendeine Teufelei dahinter steckt", bemerkte er.

"Das fürchte ich aber."

"Ich habe keine Wahl. Ich habe Ihr eine Locke versprochen, Freund Enadir. Und außerdem: Was sollte sie mit einer Locke von mir schon für großes Unheil anrichten?" Enadir schwieg. Auch Mergun war von der Hexe in einen tiefen Schlaf versetzt worden. Nun ging sie zu Edro und forderte ihre Belohnung.

"Gebt mir jetzt, was Ihr mir versprochen habt!", sagte sie und in ihrer Stimme schwang eine unmenschliche Gier mit. Edro wechselte einen Blick mit Enadir. Dann griff er zögernd zu dem Messer an seiner Seite. Es war ein scharfes, langes Messer.

Mit einem Ruck schnitt er sich eine Locke aus dem Haar und reichte sie Shirbeth.

Hastig nahm diese die Locke und steckte sie weg. Edro hatte sie eigentlich noch danach fragen wollen, was sie nun mit seinem Haar zu tun beabsichtigte, aber sie war schon fort. Der Dakorier eilte ihr zunächst nach, aber als er das Tor von Elfgart erreichte, sah er nur noch, wie die seltsame Hexe im Wald verschwand. Er gab die Verfolgung auf. Er wusste ja, wo ihr Haus stand und sollte sich später ein Betrug herausstellen, so konnte er immer noch dorthin gehen und Shirbeth zur Rechenschaft ziehen.

"Diese Locke muss ihr viel wert sein, Edro. Sehr viel sogar, denn sie hat sie statt des Elfengoldes genommen, das Ihr ihr angeboten habt", sprach Enadir, der Edro bis zum Tor gefolgt war.

"Ja, Ihr habt zweifellos recht. Aber was, zum Teufel, kann sie mit einer Locke meines Haares schon anfangen? Ist sie für einen Zauber von Nöten? Was meint Ihr, Enadir?" Aber der Elf zuckte nur mit den Schultern.

"Ich kann nichts weiter dazu sagen. Wir Elfen beschäftigen uns meistens nur mit uns selbst. Wir pflegen kaum Kontakt zu anderen Wesen und schon gar nicht zu Hexen und Magiern. Aber Eure Vermutung könnte stimmen. Shirbeth könnte Euer Haar für irgendeine Zauberei verwenden. Nicht einmal die Götter mögen wissen, was in dem Kopf dieser Alten vor sich gegangen ist."

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Kirias Schlaf war tatsächlich so tief, wie Shirbeth es vorausgesagt hatte. Edro blieb an ihrem Bett und wartete auf ihr Erwachen.

Zeitweise hörte sie gänzlich auf zu atmen und auch ihr Herz stand einige Zeit lang still. Zunächst erschreckte dies den Dakorier sehr, aber dann erinnerte er sich daran, dass die Hexe dies vorausgesagt hatte.

Die Stunden vergingen und noch immer waren Kirias Augen geschlossen. Würde sie ihre Augen je wieder öffnen können? Shirbeth hatte von einem Schlaf gesprochen, der tiefer als selbst der Tod sein sollte...

Ein Schauder erfasste Edro bei dem Gedanken an die Alte. Gut, dass sie nun weg ist, dachte er bei sich. Und immer wieder kehrten seine Gedanken zu der Haarlocke zurück.

"Hexen haben oft seltsame Wünsche, mein Freund", hatte Randir zu ihm gesagt, aber die Worte des Elfen vermochten den Dakorier nicht so recht zu beruhigen.

Und schließlich öffnete Mergun die Augen. Er fühlte sich wohl.

Er spürte keine Schmerzen mehr und konnte sofort aufstehen. Als er jedoch von dem Preis hörte, für den Edro die Gesundheit des Nordländers erkauft hatte, fing er herzhaft an zu lachen.

"Nein, diese Hexe muss ein seltsames Wesen gewesen sein", meinte er und grinste. "Wie kann jemand Elfengold ablehnen und dafür lediglich eine Haarlocke verlangen?" Er schüttelte den Kopf.

"Kein normaler Mensch würde dies tun. Nicht einmal ich und mir sind Dinge wie Geld und Gut nun wirklich nicht am Wichtigsten!"

Kirias Augen aber blieben weiter geschlossen. Immer wieder hörte ihr Herz für kurze Zeit auf zu schlagen und jedesmal bangte Edro denn um ihr Leben.

Aber der Herzschlag kehrte immer schon nach wenigen Momenten wieder zurück.

Edro mochte nicht daran denken, was er mit der Hexe tun würde, sollte sich herausstellen, dass sie ihn betrogen hatte.

In Gedanken sah er sich schon, blind vor Wut und Hass und Enttäuschung, auf die kleine Hütte der Hexe zurennen.

Erst, als sie bereits zwei Tage in ihrem Todesschlaf gelegen hatte, erwachte sie. Sie schlug ihre blauen Augen auf, wie sie es jeden Morgen tat, wenn sie erwachte. Langsam setzte sie sich auf und fasste Edros Hand. Ein seltsamer Glanz lag auf ihren Augen. Sie schien etwas entrückt zu sein.

"Ich habe geschlafen", stellte sie fest. Edro nickte.

"Ja, Ihr habt geschlafen. Sehr tief sogar." Und dann erzählte ihr Edro die Geschichte mit der Hexe und für welchen Preis er ihre Gesundheit erkauft hatte. Es schien so, als würde Kiria erst jetzt bemerken, dass ihre Wunde am Kopf nicht mehr da war. Sie war weg -

in Luft aufgelöst.

"Ich habe jetzt keine Schmerzen mehr, Edro!"

"Ja, Ihr seid jetzt wieder völlig gesund. Es scheint so, als hätte mich diese Hexe nicht betrogen!" Und dann umarmten sie sich.

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Bereits am folgenden Tag verließen sie Elfgart. Ihr Weg führte sie nach Osten und in einer, vielleicht auch erst in zwei Tagesreisen würden sie den Dalach erreichen, den König unter den Flüssen, wie man ihn weiter im Süden zu nennen pflegte.

Enadir hatte ihnen eine Furt beschrieben, wo sie den großen Strom durchwaten konnten. Die Gegend auf der anderen Seite des Dalach hatten die Elfen von Elfgart niemals betreten,und so konnte ihnen Enadir auch nicht viel über jenes Land sagen. Aber von Reisenden, die weiter herum kamen, als die Elfen, hatte Enadir erfahren, dass es dort einen seltsamen Turm gäbe, über den sich die Waldwesen viel Schlimmes und Gespenstisches erzählten.

Am Mittag des zweiten Tages nach ihrem Aufbruch erreichten sie dann die Furt, die der Elf ihnen beschrieben hatte. Sie durchwateten den Dalach und erreichten das andere Ufer. Die Bäume, welche hier zu finden waren, schienen Edro seltsam verwachsen und knorrig. Sie machten einen ähnlichen Eindruck, wie der Baum, in dem Imoc, der Uralte wohnte.

"Dieser Teil des Zauberwaldes scheint älter zu sein, als der Teil, der hinter uns liegt", meinte Lakyr.

Mergun nickte und seine Augen strichen wachsam über das Unterholz.

"Ein besonderer Grund zur Vorsicht! Die Wesen, denen wir bis jetzt begegneten, waren uns wohlgesonnen. Aber wir wissen nicht, was für Kreaturen hier,in dieser Düsternis hausen!"

Mit den Schwertern bahnten sie sich dann ihren Weg durchs Unterholz. Die großen, knorrigen Bäume aber wagten sie nicht zu berühren. Wer konnte schon wissen, was für Wesenheiten in ihnen schlummerten! Sicherlich war es vernünftiger, sie nicht zu wecken.

"Geht nicht weiter!", rief plötzlich eine hohe Stimme in befehlendem Ton.

Edro sah aufmerksam durch das Gestrüpp. Er erkannte eine Frauengestalt.

"Wer seid Ihr?", rief Mergun zurück.

"Das ist nicht wichtig!" Die Frau kam etwas näher. Vielleicht war es eine Dryade. Ihre Züge waren ernst

"Ihr dürft nicht weiter, Fremdlinge!"

"Wir müssen", gab Lakyr zur Antwort und seine Katze unterstützte ihn mit einem lautstarken Fauchen. Aber die Frau schien überhaupt nicht von der Zweiköpfigen beeindruckt zu sein.

"Dieser Teil des Waldes gehört den alten, vergessenen Göttern. Er gehört den Göttern, für die auf dem Uytrirran kein Platz mehr ist. Sie sind es, die in diesem Wald wohnen."

"Was tun diese alten Götter hier?", wollte Edro wissen.

"Sie warten."

"Worauf warten sie?", erkundigte sich Kiria.

"Auf ihren Tod. Denn auch die Götter sterben!" Sie wandte ihren Blick von einem zum anderen und musterte sie abwesend und verträumt.

"Stört die alten Götter nicht! Sie sind argwöhnisch den Menschen gegenüber! Sie verzeihen es den Sterblichen nicht, dass sie sie nicht mehr anbeten. Wenn ein Gott nicht mehr angebetet wird, stirbt er."

"Was gehen uns diese senilen Gottheiten an?", rief Mergun und Randir stimmte ihm lauthals zu.

"Was würde denn passieren, wenn wir Eurem Rat nicht folgten und diesen Wald trotz allem durchquerten?", fragte Kiria.

"Ihr würdet das Sterben der Götter stören! Und auch ein Gott hat ein Recht auf den Tod! Ihr könntet die alten Götter neu beleben und sie aus ihrem Delirium aufstehen lassen! Es wäre grausam!"

"Wir werden schon niemanden stören", meinte Edro und bedeutete den anderen, den Weg fortzusetzen.

"Ihr wisst nicht was Ihr tut!"

"Wir wissen es sehr wohl, aber mir scheint, Ihr wisst es nicht so recht", versetzte Randir etwas schroff.

"Halt!", rief die Frau nochmals. Und diesmal mit solcher Stimmgewalt, dass der selbstbewusste Elf beinahe zusammenzuckte.

"Geht diesen Weg nicht! Ihr werdet es bitter bereuen oder mindestens einige von Euch. Denn es ist nicht nur so, dass ihr die Götter stört, Fremdlinge. Nein, das ist durchaus nicht das einzig Gefahrvolle. Es besteht die Möglichkeit, dass ihr in den Bann dieser Gottheiten gelangt. Ein solcher Bann endet oft nicht einmal dann, wenn ein Gott gestorben ist. Es ist gefährlich, sich in die Klauen der Götter zu begeben!" Edro und Kiria wechselten einen ratlosen Blick.

Merguns Züge waren von tiefem Misstrauen geprägt.

"Wer seid Ihr eigentlich?", fragte Lakyr nun.

"Es ist nicht wichtig, dass sagte ich bereits!"

"Mit welchem Recht versucht Ihr dann, uns davon abzuhalten, den Weg zu gehen, den wir gehen müssen?", knurrte Edro. Die Augen der Frau funkelten wild. Ihre Züge waren immer ernst gewesen, aber nie unfreundlich. Das änderte sich jetzt schlagartig.

"Mit welchem Recht?", fragte sie nur fassungslos. "Mit dem Recht dessen, der zu helfen versucht und der die Welt ein wenig besser verstehen gelernt hat, als Ihr!" Die Erscheinung der Frau wurde durchscheinend und verschwand plötzlich.

"Was tun wir jetzt?", fragte Mergun.

"Haben wir denn eine Wahl?" Edro schüttelte den Kopf. "Es gibt keinen anderen Weg für uns, so glaube ich", stellte er fest und ging weiter. Die anderen folgten ihm schweigend.

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Edro erschien es so, als sei der Wald vollkommen ausgestorben.

Kein Vogel sang, kein Tier schrie. Nirgends verdüsterte ein schwarzer Daranar den Himmel, nirgends saß eine Dryade auf ihrem Baum, nirgends beobachteten sie die scharfen Augen von Elfen. Kein Tier bewegte sich zwischen den alten, abgestorbenen Bäumen. In vielen dieser Bäume hatten früher vermutlich Dryaden gelebt. Auf ihren Zweigen mussten sich vor langer Zeit einmal die Nester von Vögeln befunden haben. Jetzt war nichts mehr da. Dieser Zustand änderte sich auch nicht, je weiter sie in diesen uralten, verwunschenen Teil des Zauberwaldes eindrangen. Manchmal meinten sie, ein Stöhnen oder etwas ähnliches zu hören. Aber nie waren sie sich vollkommen sicher.

Gegen Abend wollten sie ein Feuer anzünden, aber das seltsame Holz dieses Waldes brannte nicht.

"Es geht nicht!", zischte Mergun wütend und warf die Holzscheite durcheinander.

"Ein Fluch liegt über diesem Holz", brummte er dann. Edro zuckte nur mit den Schultern. Er befühlte das Holz. Nein, es war nicht nass.

Warum brannte es nicht? Eigentlich hätte es so gut wie kein anderes Holz brennen müssen, denn schließlich war es schier pulvertrocken.

"Dann werden wir heute Nacht auf ein Feuer verzichten müssen", meinte der Dakorier düster.

"Ist das nicht gefährlich?", fragte Randir.

Lakyr nickte. "Sicherlich. Aber hier leben, soweit ich sehen konnte, keine Tiere, die uns gefährlich werden könnten. Und was uns in dieser Gegend sonst noch bedrohen kann, das läßt sich sicher nicht durch ein lächerliches Feuer abwehren und verscheuchen!"

Ihr mitgebrachtes Fleisch verzehrten sie an diesem Abend roh. Es war völlig windstill. Nicht ein Hauch bewegte die Zweige der uralten Baumriesen.

Des Nachts wachte Edro mehrmals auf, denn ihm war so, als würde er seltsame, ferne Stimmen hören.

Am nächsten Morgen zogen graue Wolken am Himmel auf und ein heftiger Wind setzte ein.

"Diese grauen Wolken bedeuten nichts Gutes", prophezeite Randir und Mergun nickte.

"Es wird Sturm geben!" Als sie dann ihre Wanderschaft fortsetzten, gingen sie durch einen Wald ohne Blätter. Nirgends war grün an den Bäumen. Es war ein toter Wald. Der Wind wurde immer heftiger und schließlich setzte auch noch Regen ein. Nicht selten knackten Zweige, die der Gewalt des Sturmes nicht standzuhalten wussten.

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Da sahen sie plötzlich eine seltsame, vieräugige Gestalt auf sie zugehen. Drei Arme besaß diese Gestalt und sie war größer als ein gewöhnlicher Mann. In einer der Hände befand sich eine Kette! Die Gruppe blieb wie gebannt stehen.

"Was mag das für ein Wesen sein?", fragte Kiria angstvoll.

"Vielleicht einer der älteren Götter", knurrte Randir und zog sein Schwert.

"Du willst mit dem Schwert gegen einen Gott kämpfen?", fragte Mergun spöttisch.

Die fremde Gestalt baute sich vor ihnen auf und wedelte mit ihrer Kette. Ihr Körper war von einem undurchdringbar scheinenden Schuppenpanzer bedeckt. Ein höhnisches Grinsen war auf dem Mund des Seltsamen zu sehen.

Und die Augen! Edro vermied es in sie hineinzublicken. Ein wahnsinniger Glanz lag auf ihnen, ein gieriger Glanz.

"Ich bin Ychkr!", verkündete die Gestalt. Ychkr besaß eine tiefe, dunkel klingende Stimme.

"Ihr seid einer der älteren Götter?", fragte Edro.

"Ja, das bin ich!" Ychkr lachte schallend und schwang seine Kette drohend über dem Kopf. Was hat diese Kette bloß zu bedeuten? fragte sich der Dakorier.

"Ich hatte beschlossen zu sterben, denn es gab keine Sterblichen mehr, die zu mir beteten. Wenn ein Gott nicht mehr angebetet wird, dann ist das für ihn der Tod. Ich stieg also vom Berg der Götter herunter und wanderte hier her, um Ruhe und Frieden zu finden und um zu sterben. Das alles ist schon lange her. Ja, der Tod von Göttern ist langsam und schwierig. Aber nun seid Ihr hier, Fremdlinge! Ihr habt ein Feuer in mir wieder entfacht, von dem ich lange Zeit glaubte, es sei bereits für immer verloschen. Aber nun..." Ychkr lachte sein wahnsinniges Lachen und ein gieriges Feuer brannte in seinen Augen.

"Folgt mir, Freunde! Betet mich an und ich werde Euch alles geben was Ihr begehrt, ich werde Euch an jeden Ort der Welt führen, wenn Ihr wollt! Nur eines braucht Ihr dafür zu tun: Ihr müsst mich anbeten und mich verehren!"

Wahnsinn und Verzweiflung sprachen aus der Stimme des senilen Gottes und seine drei Arme schwenkte er wild umher.

"Wie viel ist das Wort eines Gottes schon wert?", fragte Mergun etwas geringschätzig. Die vier Augen Ychkrs loderten unbeherrscht, aber es war nicht Wut oder Zorn - es war viel mehr Verzweiflung.

"Was wisst Ihr schon von uns Göttern?", rief Ychkr verächtlich zu Mergun. Der Mann von der Wolfsinsel antwortete nicht.

"Wie ist es, Ychkr? Kannst du uns in ein Land führen, das man unter dem Namen Elfénia kennt?", fragte Randir, der Elf aus Maland.

Der seltsam verzogene Mund Ychkrs verzog sich noch mehr. Es war die Karikatur eines Lächelns, was die Gefährten auf seinen Lippen sehen konnten.

"Habe ich Euch nicht gesagt, dass ich Euch überall hin bringen kann?"

"Auch nach Elfénia?", fragte Lakyr nochmals, denn er merkte, dass Ychkr seiner Frage ausweichen wollte. Der Gott zögerte einige Augenblicke, ehe er mühsam hervorbrachte: "Ja!" Er sagte es so, als koste es ihn große Mühe und Überwindung.

"Ja, ich werde Euch nach Elfénia bringen. Aber Ihr müsst mich dafür anbeten!" Ein gieriges Verlangen sprach aus Ychkrs Worten. Ein Verlangen nach Leben.

"Sollen wir ihm folgen?", fragte Kiria unsicher. Sie wusste offenbar nicht so recht, was sie von Ychkr zu halten hatte. Edro beschlich ein leichter Schauder. Ihm war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dieses Monstrum anzubeten. Aber er schwieg vorerst.

"Eines weiß ich, Freunde. Ich werde diesem Monstrum nicht folgen!", rief Mergun wütend aus. Seine Hand war die ganze Zeit über am Schwertgriff, obwohl er wusste, dass man mit dem Schwert nicht gegen einen Gott zu Felde ziehen konnte.

"Warum sollen wir ihm nicht folgen?", fragte Randir. "Ychkr weiß offenbar, wie Elfénia zu finden ist. Wenn Euch Euer Ziel wichtig ist, Herr Mergun, dann folgt ihr ihm, so wie ich es zu tun gedenke. Und der Preis, den er verlangt, ist nicht hoch!"

"Darüber lässt sich streiten", brummte Lakyr.

"Ich glaube, es gibt keinen anderen Weg: Wir müssen Ychkrs Angebot annehmen, wenn wir jemals Elfénia erreichen wollen - auch wenn mir bei der Sache nicht wohl ist", knurrte Edro düster.

"Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann dieses: Traue den Göttern nicht. Sie versprechen dir alles und geben nichts! So sind sie, ich habe es selbst erlebt", erwiderte Mergun an Edro gewandt.

Ychkr hörte der Unterhaltung interessiert zu. Seine vier Augen wandten sich an Edro und der Dakorier erstarrte förmlich unter dem Blick des Gottes.

"Hört nicht auf Euren Gefährten. Was er gesagt hat, ist nichts als Lüge!"

"Beweise mir das, großmäuliger Gott!", schleuderte Edro ihm daraufhin entgegen.

Ychkr schwieg.

"Ich werde Ychkr also folgen!" erklärte der Dakorier dann.

"Und ich ebenfalls", sagte Kiria.

"Ich auch", sagte Randir. Mergun musterte düster die anderen. Er wandte sich an Lakyr mit seiner zweiköpfigen Katze.

"Geht Ihr ebenfalls?", fragte er unwirsch. Der Thorkyraner nickte leicht.

"Es gibt keinen anderen Weg, auch wenn dieser gefährlich sein mag", seufzte er, wobei er seiner Katze das Fell kraulte. Mergun blickte noch einmal von einem zum anderen.

"Dann endet unsere gemeinsame Reise hier. Ich werde diesem Gott nicht folgen - selbst wenn ich wüsste, dass er mich tatsächlich nach Elfénia bringt!" Dann verabschiedete der Nordländer sich kurz und ging. Irgendwo zwischen den laublosen Bäumen verschwand er.

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Täglich mussten die Gefährten Ychkr die Füße küssen und dreimal laut rufen: "Ich bete dich an, Ychkr!" Edro fand das nicht zu viel verlangt, obwohl er den Sinn dieses Rituals nicht verstand.

Jedesmal, wenn einer von ihnen jenen kurzen Satz rief, begannen Ychkrs Augen seltsam zu funkeln.

Schweigend folgten sie ihm durch den laublosen Wald, der scheinbar tot vor ihnen lag.

Wegen ihres Proviants brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Wenn etwas fehlte, so hexte Ychkr es herbei. Aber Edro war misstrauisch. Ihm war nicht wohl bei der ganzen Sache, obwohl er doch jeden Grund dazu gehabt hätte, zuversichtlich zu sein.

Schließlich führte sie Ychkr ja zu ihrem Ziel! Nach Elfénia, dem Land in dem Träume in Erfüllung gehen. Aber tief in Edros Innern machte sich Unbehagen breit.

Einige Tage lang gingen sie weiter nach Nordosten. Kiria strahlte Edro an.

"Ich habe mich geirrt, Liebster. Es gibt Elfénia doch!" Edro sah sie überrascht an.

"Woher willst du das wissen? Woher dein plötzlicher Sinneswandel?" Sie lachte.

"Ychkr führt uns in dieses Land. Und er ist ein Gott. Müsste er es nicht wissen?"

"Vielleicht."

"Die Götter sind vollkommen und allwissend." Aber Edro schüttelte den Kopf.

"War Retned vielleicht vollkommen? Oder allwissend?"

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Am dritten Tag erreichten sie einen unbewaldeten Hügel, auf dem ein einsamer, düsterer Turm stand. Er war krumm und etwas magisches ging von ihm aus.

Ychkr blieb plötzlich stehen.

"Dieser Turm stellt ein Tor da!", erklärte er.

"Ein Tor?", erkundigte sich Edro.

"Ein Tor, Sterblicher, ganz recht. Ein Tor nach Elfénia. Elfénia befindet sich in einer anderen Dimension und wer diesen Turm betritt, vermag dort hin zu gelangen."

"Meine Katze, sie ist nicht mehr da!", rief Lakyr nun. Auf seinem Gesicht stand eine Spur von Angst. "Ich muss sie suchen!"

"Das geht nicht, Sterblicher!", fauchte Ychkr.

"Warum sollte dies nicht gehen?"

"Weil das Tor nach Elfénia jetzt offen ist. Aber es beginnt sich bereits wieder zu schließen!"

"Meine Katze muss ich wiederfinden!", beharrte Lakyr stoisch.

"Ihr habt die Wahl: Entweder Ihr sucht Eure kleine Freundin oder aber Ihr gelangt nach Elfénia, dem Land, nach dem Ihr Euch Euer Leben lang sehnen werdet!"

Lakyrs Züge wurden hart.

"Diese Katze ist vielleicht das einzige Wesen, das ich je wirklich geliebt habe. Ich kann sie in keinem Fall zurücklassen!" Ychkrs vier Augen glühten gefährlich und drohend. Ein gewalttätiges Feuer loderte in ihnen.

"Dann geht! Geht doch, wenn Ihr wollt und sucht dieses Katzentier! Aber ich prophezeie es Euch schon jetzt: Ihr werdet bitter bereuen, das sage ich Euch!" Damit wandte sich der zornige Gott ab und stieg den Hügel hinauf. Edro reichte Lakyr zum Abschied die Hand.

"Seid wachsam, Edro, seid wachsam. Irgendetwas gefällt mir an diesem Gott nicht. Ich weiß nicht, was es ist, denn ich hatte vorher noch nie mit den Göttern zu tun, aber mein Gefühl warnt mich und es hat mich selten betrogen!"

"Ich werde aufpassen", versprach der Dakorier.

"Lebt wohl, Edro!"

"Lebt wohl!"

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Dann erreichten sie endlich den alten, verfallenen Turm. Wolken waren jetzt aufgezogen und verdunkelten wie große, schwarze Raubvögel den Himmel. Kein Luftzug regte sich.

Ein Tor befand sich in dem Turm. Es sah alt und verfallen aus, genau wie der Turm selbst, aber ein seltsames Leuchten umrahmte es.

Der eisige Hauch einer anderen Welt, einer anderen Dimension.

Ein Hauch von Elfénia wehte ihnen aus dem Tor entgegen. Es war ein eiskalter Hauch und er ließ die Gefährten frösteln. Selbst Ychkr schien ein Schauder über den Rücken zu laufen, als er jenes spürte.

Einen Moment lang stand der senile, schon totgeglaubte Gott da und tat überhaupt nichts.

Dann wandte er sich den Sterblichen zu, denen er versprochen hatte, sie nach Elfénia zu führen.

Kein Feuer brannte nun in seinen Augen. Sie waren kalt und ausdruckslos.

"Habt Ihr jenes Elfénia, das sich hinter diesem Tor in einer anderen Dimension verbirgt bereits gesehen, Herr Ychkr?", fragte Edro in einem vielleicht etwas herausforderndem Ton. Ychkr lachte sein wahnsinniges Lachen.

"Oh, schon viele hundertmal war ich dort, zu Zeiten, da man noch zu mir betete. Tausende von Sterblichen brachte ich in jenes Land.

Auch Euch bringe ich nun hier her."

"Wenn dieses Land so schön ist, warum seid Ihr dann nicht dort geblieben?", erkundigte sich Edro. Ychkr lachte.

"Elfénia ist kein Ort für Götter." Dann deutete er auf das nur noch schwach leuchtende Tor.

"Wir müssen uns beeilen! Das Tor schließt sich und dann dauert es sehr lange, bis es sich wieder öffnet! Geht! Geht hindurch." Wieder schlug Edro der eisige Hauch ins Gesicht und er zögerte. Er wechselte einen unsicheren Blick mit Kiria.

"Geht!", krächzte Ychkr. Und sie gingen schließlich.

Um sie herum war absolutes Chaos und absolute Kälte. Es war Edro unmöglich, zu bestimmen, was oben, was unten, was rechts, was links war. Irgendwo sah er Kiria. Seltsam, er sah sie von allen Seiten zugleich! Dann spürte er wieder festen Boden unter den Füßen. Aber dieser Boden war kalt und rau.

Erst nach einer Weile bemerkte Edro, dass er sich auf einer steinernen Straße befand.

Der Himmel über ihnen war bewölkt und düster. Nirgends war die Sonne zu sehen.

"Dies ist also Elfénia", stellte Randir fest, aber es gelang dem Elfen offenbar nicht, Freude darüber zu empfinden.

"Ja, dies ist Elfénia, das Land, in dem Träume in Erfüllung gehen", erklärte Ychkr.

Die Straße, auf der sie standen, führte bis zum Horizont und verschwand dort irgendwo. Sie war aus groben Steinen gebaut und sehr ungleich in ihrer Neigung. Es war eine schlechte Straße.

"Elfénia habe ich mir anders vorgestellt", erklärte Edro.

"Wir sind erst wenige Augenblicke hier und Ihr wollt bereits wissen, dass dies nicht das Land Eurer Träume ist, Edro. Findet Ihr das nicht auch töricht?", fragte Kiria. Edro zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht ist es töricht. Ich weiß es nicht."

"Seht dort!", rief Randir und deutete in die Ferne.

"Soldaten", stellte Kiria fest.

"Ja, Soldaten", brummte Edro. Schweigend marschierten sie unter dem düsteren Himmel und auf der schlechten, aus groben Steinen gepflasterten Straße. Nur das harte Trampeln ihrer Füße und das Scheppern ihrer Rüstungen waren zu hören.

Es war ein harter, unbarmherziger Rhythmus. Und er wiederholte sich immer wieder. Immer wieder...

Die Marschierenden näherten sich. Edro sah den Stumpfsinn ihren Augen. Ein wahnsinniges, unmenschliches Feuer brannte in ihren Augen.

"Dies ist Elfénia, das Land wo Träume in Erfüllung gehen. Aber nicht die Götter sind hier, obwohl es mir so scheint, als wären es die Träume eines Gottes, die hier Gestalt angenommen haben. Vielleicht sind es meine Träume und ich habe sie schon längst vergessen, wer weiß?"

"Ich glaube nicht, dass das die Träume jenes Gottes auch die meinigen sind", brummte Edro. Er wandte sich um. Ein Steintor stand hinter ihm. Es sah fast genauso aus, wie das Tor im Turm. Aber es war kein Leuchten an ihm.

"Was geschieht, wenn ich durch dieses Tor gehe?", fragte er unwirsch.

"Nichts. Es ist der andere Ausgang des Tors zwischen den Dimensionen, aber jetzt ist es geschlossen - für lange Zeit", antwortete ihm Ychkr.

"Für wie lange Zeit?"

"Für eine sehr lange Zeit. Ich weiß nicht genau, für wie lange, aber ist das denn nicht egal?"

"Für mich nicht, Ychkr!"

"Die Zeit ist nichts weiter als eine Illusion, dass wirst auch eines Tages noch begreifen!"

Die Soldaten waren jetzt nahe heran. Ihre Gesicht waren ausdruckslos, in ihren Augen brannte ein wahnsinniges Feuer. Es sieht fast so aus, als seien ihre Gesichter alle gleich, durchfuhr es Edro mit Schrecken.

"Ihr kommt mit!", sagte einer der Soldaten. Seine Lippen bewegten sich wie automatisch.

"Ja!", sagten die Gefährten wie aus einem Munde. Edro wusste selbst nicht recht, warum er so geantwortet hatte und den anderen erging es nicht anders. Nur Ychkr hatte nichts gesagt. Edro blickte sich zu ihm um, aber er war nicht mehr da. Er hatte sich in nichts aufgelöst.

"Wo ist er geblieben?", fragte Edro laut, aber niemand antwortete ihm.

Schweigend marschierten sie hinter den Soldaten her, die lange, schlechte Straße entlang - dem Horizont entgegen.

Edro merkte gar nicht, wie sich seine Beine bewegten. Sie taten es automatisch und ohne sein zutun.

Wie eine Maschine bewegte er sich vorwärts, immer wieder die gleiche Bewegung wiederholend, stumpfsinnig und nicht mehr Herr über sich selbst, so schien es. Sein Blick war geradeaus gerichtet. Er wusste nicht, warum er immer nach geradeaus starrte. Eigentlich gab es dort nichts Interessantes zu sehen.

Schließlich erreichten sie eine Art Dorf. Es war vollkommen symmetrisch angelegt. Die Gebäude glichen sich wie ein Ei dem anderen.

"Dieses Dorf sieht schrecklich aus. Es ist so trist", stellte Randir fest. Überall waren marschierende Heere zu sehen. Männer und Frauen dienten in ihnen gleichermaßen. Oft waren sie nur schwach bewaffnet und viele trugen keine Rüstung, aber sie schienen trotz allem fest dazu entschlossen, jedem Gegner in den Weg zu treten.

"Wir scheinen uns in einem riesigen Heerlager zu befinden", sagte Edro, wobei er dem harten Rhythmus der Schritte lauschte.

"Ich frage mich, gegen wen diese Armee eigentlich kämpfen soll", meinte Kiria.

Edro, Randir und Kiria wurden einer Gruppe zugeteilt, so als wären sie schon immer hier gewesen.

Die Gruppe verließ im Gleichschritt das Dorf.

"Wohin gehen wir eigentlich?", fragte Edro einen der anderen.

"In die Schlacht", wurde ihm geantwortet.

"In die Schlacht? Gegen wen wird diese Schlacht geführt?"

"Gegen den Feind", kam es Edro entgegen.

"Wer ist euer Feind?"

"Der Feind ist der Feind. Mehr wissen wir nicht von ihm."

"Ihr kämpft gegen Menschen, die ihr nicht einmal kennt? Wie wollt ihr denn wissen, ob sie überhaupt eure Feinde sind?"

"Eure Fragen langweilen uns, Herr Kamerad!" Ein Kampf sollte also stattfinden. Und Edro war sich bald völlig der Tatsache bewusst, dass er mit jenem Kampf nichts zu tun hatte. Es war nicht sein Kampf, der hier ausgefochten wurde. Es war der Kampf eines anderen.

Vielleicht der des Gottes, dessen Träume in diesem Elfénia der Götter in Erfüllung gegangen waren?

Nein, Edro wollte diesen Kampf nicht mitkämpfen, er verstand ihn auch gar nicht.

Er wollte stehenbleiben, aber wie automatisch setzte er doch wieder einen Fuß vor den anderen. Eine unheimliche Kraft trieb ihn vorwärts und er konnte nichts dagegen tun. Nach einiger Zeit wurde eine Rast eingelegt. Man setzte sich an den Wegrand und ruhte sich ein wenig aus.

Zwischen einigen Steinen sah Edro dann ein seltsames Horn liegen. Er nahm es und betrachtete es verwundert. Es musste schon vor langer Zeit gefertigt worden sein. Und sicherlich war es schon seit Äonen nicht mehr geblasen worden. Der Dakorier versuchte es zu blasen,aber er bekam keinen Ton heraus.

"Wenn du einmal gegen die Götter kämpfst, wird es dir beistehen.

Es hat magische Kraft. Noch aber hast du nicht die Kraft, es zu blasen.

Warte ab!", raunte ihm eine rauschende Stimme zu.

Edro war fasziniert. Behutsam steckte er das Horn hinter seinen Gürtel.

Noch begriff er nicht so recht, wozu es eigentlich gut war, aber vielleicht würde er die Worte jener seltsamen, leisen Stimme einmal verstehen.

Weiter ging es dann, auf eine große Ebene zu. Am Horizont tauchten nun fremde Heerhaufen auf.

"Der Feind!", brummten die Soldaten und packten ihre Waffen fester. Edro sah zu Kiria hinüber. Irgendjemand hatte ihr eine Lanze in die Hand gedrückt. Breitbeinig stand sie da, wie auch die anderen Krieger.

"Dieses kann nicht Elfénia sein", sagte sie leise, als sie die feindlichen Massen betrachtete.

"Dies mögen die in Erfüllung gegangenen Träume eines Ychkr sein. Meine sind es jedenfalls nicht", knurrte Edro. Eine seltsame Melancholie senkte sich über seinen Geist und betäubte ihn für einige Momente. Es war wie eine Vorahnung des schrecklichen Geschehens, das sie erwartete.

Und dann begann der Kampf zu toben. Er war wild und grausam.

Eine seltsame Kraft trieb Edro vorwärts und lenkte sein Schwert. Ihm war so, als sei er nicht mehr, als eine Figur in einem schrecklichen Spiel.

Die ersten Todesschreie gellten über die Ebene und die Reihen beider Heere lichteten sich zunehmend.

Edros Schwert zuckte hin und her und bohrte sich in fremde Leiber, von denen er oft gar nicht wusste, ob sie nun eigentlich Freund oder Feind waren.

Er war wie eine Bestie und er fühlte sich auch so. Aber nicht er war es, der seine Handlungen steuerte.

Es war diese seltsame Kraft, die ihn durchflutete und sein Schwert vor und zurückschnellen ließ. Es war die Kraft eines anderen.

Vielleicht die Kraft eines Gottes, wer konnte das schon genau sagen?

Edro begann sich selbst zu hassen, obwohl nicht er es war, der seinen Körper lenkte, der ihn dazu veranlasste einen sinnlos scheinenden Kampf zu führen, bei dem es nur einen Gewinner geben konnte: den Tod. Blut spritzte und Gestalten sanken in den Staub. Nur verschwommen nahm der Dakorier ihre Gesichter war, ihr Schreien.

Nicht mehr viele Kämpfer waren noch am Leben. Der Tod hatte eine reiche Ernte eingefahren. Überall lagen die Leichen verstreut und auch Randir war gefallen. Aber die wenigen Überlebenden hörten nicht auf damit, sich zu bekämpfen, sich zu erschlagen, einander zu morden. Am Ende hatten nur noch Kiria und Edro überlebt.

Eigentlich hätte er jetzt sein Schwert wegstecken können, aber da war etwas in ihm, das ihn daran hinderte. Breitbeinig stand Kiria vor ihm, in der einen Hand einen Schild und in der anderen eine Lanze.

Blitzschnell stieß die Lanzenspitze vor und Edro musste ausweichen. Der Dakorier war wie betäubt.

Seine Kiria griff ihn an!

Eine seltsame Kraft war in Edro. Sie trieb ihn dazu, weiterzukämpfen. Wieder war er nicht Herr über seinen Körper - und er vermutete, dass es Kiria ebenso erging. Wieder zuckte die Lanzenspitze vor.

Edro sah Kirias verzerrten Gesichtsausdruck. Angst und Pein sprachen aus ihren Zügen.

Wie automatisch hob Edro das Schwert zum Schlage. Er wusste gar nicht, was er tat, aber er sträubte sich.

Doch es half nichts. Eine fremde Macht lenkte sein Geschick.

Sein Schwert traf Kirias Schild und ließ ihn in zwei Hälften zerspringen.

Wieder zuckte sein Schwert vor und stieß in Kirias Leib. Die Lanze entfiel ihr. Sie sank zu Boden.

Wie betäubt stand Edro da. Erst nach einer Welle wurde ihm klar was er getan hatte. Er war ein Mörder.

Das Schwert entfiel seiner Hand und er beugte sich über Kirias blutenden Körper und nahm ihn in seine Arme.

Sie lebte noch. Ganz leicht war ihr Atem noch spürbar.

"Kiria!", sagte der Dakorier. Er sagte es ganz leise, kaum hörbar.

Sie öffnete die Augen. Tränen waren auf ihren Wangen. Es war schwer, den Blick ihrer blauen Augen zu deuten. Vorwurfsvoll war er jedenfalls nicht. Eher traurig.

"Ich... ich wünsche Euch, dass Ihr Euer Ziel erreicht, Edro", hauchte sie.

"Verzeiht mir...", brummte Edro düster.

"Ich liebe Euch!" Das war das letzte, was sie sagte. Ihre Augen brachen und ihr Atem hörte auf.

Edro erhob sich und griff nach seinem am Boden liegenden Schwert und steckte es weg.

Wut brannte in ihm.

Wut auf jene Kraft, die ihn dazu gebracht hatte, seine Geliebte zu töten.

Wut auf jenen Gott, der diesen schrecklichen Traum träumte.

Und da entsann er sich des Horns, welches er zufällig gefunden hatte. Er riss es aus dem Gürtel.

`Wenn du einmal gegen die Götter kämpfst, wird es dir beistehen.

Es hat magische Kraft. Noch aber hast du nicht die Kraft, es zu blasen.

Warte ab!` Das hatte die seltsame Stimme aus dem Nichts gesagt.

Hatte er jetzt die Kraft, dieses Horn zu blasen?

Schweigend setzte er es an die Lippen und blies. Ein dumpfer, schrecklicher Ton ging von ihm aus und schallte über die Ebene, in der die sinnlose Schlacht stattgefunden hatte.

Es schien dem Dakorier so, als würde der Boden unter seinen Füßen erzittern vor jenem Klang.

Wie lange mochte es her sein, dass jemand dieses seltsame Horn geblasen hatte? Welche Geheimnisse mochte es noch bergen!

Vor Edro entstand aus dem Nichts eine Gestalt. Es war Ychkr, der dreiarmige Gott.

"So sieht man sich wieder", grinste Ychkr, aber Edro entging die Angst nicht, die der Gott zu verbergen suchte.

"Dieses Land ist nicht Elfénia. Es ist ein Traum", erklärte Ychkr.

"Ein schrecklicher Traum." Das war Edro.

"Es ist mein Traum. Ich hatte dieses Land längst vergessen; dieses Land, das aus nichts anderem als aus meinen Träumen besteht. Ich hatte meine Träume vergessen. Aber nun habe ich dieses Land wiedergefunden!"

"Ihr seid also der Herr über dieses Land!"

"So ist es, Sterblicher. Hier ist meine Macht unbegrenzt - auf der Welt der Menschen ist sie dafür erloschen."

"Ich werde Euch töten, Ychkr. Ich habe das Horn und mit dem Horn vermag ich das, das wisst Ihr."

Die Augen Ychkrs funkelten ängstlich und wütend. Verzweiflung sprach aus den verzerrten Gesichtszügen.

"Wenn du mich tötest, dann mordest du die Wesen dieses Landes ebenfalls. Denn sie können ohne mich nicht mehr existieren. Sobald ich sterbe, sterben auch sie. Wollt Ihr das? Wollt Ihr zum hunderttausendfachen Mörder werden?" Edro deutete auf die überall herumliegenden Leichen der Gefallenen.

"Wart Ihr es nicht, der diese Menschen dazu brachte, einander zu töten? Wart Ihr es nicht, der mich dazu zwang, meine Geliebte zu erschlagen?" Edro riss sein Schwert heraus.

"Warum habt Ihr das getan, Ychkr? Warum? Zu Eurem Vergnügen etwa? Es will mir fast so scheinen."

"Blase das Horn! Blase es jetzt!", raunte ihm eine seltsame Stimme zu. Edro setzte es an die Lippen.

"Nein!", schrie Ychkr. "Nein! Blast es nicht!" Edro zögerte etwas.

"Kennt Ihr denn kein Mitleid?"

Die Stimme des Vieräugigen klang fast flehend. Edro war schon fast geneigt, ihr nachzugeben, aber wieder raunte ihm jene seltsame Stimme zu: "Blase das Horn! Blase es! Blase es jetzt!"

Und dann fiel Edros Blick auf Kirias tote Züge, auf ihren blutenden Leib. Und da konnte er nicht mehr anders. Er blies ins Horn.

Er blies so kräftig,wie er nur konnte. Ychkr wandt sich vor Schmerz und Verzweiflung. Er schrie. Aber Edro blies immer weiter, bis das Horn schließlich in tausend Scherben zersprang. Für Ychkr allerdings war es bereits zu spät. Gebrochen waren seine Augen. Sie starrten den Dakorier wütend an.

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25

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Bevor Edro das Schlachtfeld verließ, verbrannte er Kirias Leichnam. Kein Aasfresser sollte an ihm nagen. Dann ging er denselben Weg zurück, den er gekommen war. Als er das symmetrisch angelegte Dorf erreichte, bot sich ihm dort ein Bild des Schreckens.

Überall lagen Leichen herum. Aber das merkwürdige war, dass sie offenbar nicht gewaltsam gestorben waren. Bei keinem der toten Körper war auch nur ein Kratzer zu sehen

Sollte Ychkr am Ende recht gehabt haben? Hatte Edro die Wesen dieser Traumwelt gemordet? Als er so viel Tod und Grauen sah, rannen ihm Tränen herunter.

"Wo liegt in all diesem Geschehen noch ein Sinn? Wo ein Ziel?", rief er traurig und wütend aus. Dann wanderte er weiter zum Tor, welches diese Welt mit der der Menschen verband. Es leuchtete wieder stark. Ja, es schien so, als hätte es sich wieder geöffnet. Bevor der Dakorier durch das leuchtende Tor trat, sah er noch einmal über das weite Land, von dem Ychkr gesagt hatte, es sei Elfénia. Vielleicht war es tatsächlich Elfénia. Aber ein anderes Elfénia; nicht das, wonach Edro suchte.

Wie viel Pein und wie viel Schrecken hatte ihm dieses Land gebracht...

Und den anderen hatte es den Tod geschickt. Nun war Edro der einzige Lebende, in diesem Totenreich. Er trat durch das Tor und schon im nächsten Moment umgab ihn wieder diese unbeschreibliche Kälte, wie sie zwischen den Dimensionen herrschte...

ENDE

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Das Schwert der Zentauren

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von Mara Laue

Die Tigani-Kriegerin Tana und ihre Leute werden verdächtigt, ein heiliges Schwerter der Zentauren gestohlen zu haben. Um das Leben ihrer Leute zu retten, die von den Zentauren als Geiseln festgehalten werden, muss Tana das Schwert zurückbringen. Zusammen mit dem Greif Namak und dem Zentaurenhäuptling Elmon begibt sie sich auf die gefahrvolle Suche.

Aber um die Zauberin der Blutgilde zu besiegen, die es gestohlen hat, muss Tana den mächtigsten Hexenmeister von Dáskarun aus dem Reich der Toten befreien. Doch der König der Toten verlangt dafür einen ungewöhnlichen Preis.

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1

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Mon’rak ash’naar gokrayu na’shukk!“

Dumpf hallten die Worte des Zaubers von den Wänden wider. Dichter Rauch stieg aus dem Kessel auf, der auf drei Beinen über dem Feuer in der Mitte stand. In den Flammen knackte, knisterte und zischte es, als wiederholten sie flüsternd die Worte.

Kalaira warf eine Handvoll graugrünen Pulvers in den Kessel, und der Rauch verzog sich. Das Wasser, das darin brodelte, wallte noch einmal kurz auf, ehe die Bewegungen seiner Oberfläche ruhiger wurden, bis sie völlig glatt und reglos war wie ein Spiegel.

„Nash’kah shalakk’un dra’arun!“, vollendete Kalaira den Zauber.

Ein Bild erschien auf dem Wasser, das jetzt in dunklem Violett schimmerte. Es zeigte eine Höhle, in dessen Mitte ein schlichter Altar aus unbehauenem Stein stand. Auf ihm lagen kreisförmig angeordnet sieben Schwerter aus Stein: die heiligsten Reliquien der Zentauren. Jedes von ihnen bestand aus einem anderen Edelstein, der durch die Magie der Götter unzerstörbar war. Doch dies war nicht das einzige Geheimnis, das den steinernen Schwertern innewohnte.

Kalaira hielt die Hand über den Griff des Blutsteinschwertes, dessen Abbild sie im Kessel sah, tauchte sie langsam in die Flüssigkeit und umfasste den Griff. Handbreit für Handbreit zog sie das Blutsteinschwert aus dem Wasser hervor, das durch ihren Zauber zu einem magischen Tor geworden war. Als sie die Waffe vollständig herausgezogen hatte, war es vom Altar in der Höhle im fernen Sikara verschwunden. Das Bild im Kessel löste sich auf, und mit einem unangenehmen Knall verflüchtigte sich auch das Wasser darin. Das Feuer darunter erlosch.

Kalaira hielt das Schwert in die Höhe und lächelte triumphierend. Jetzt fehlten ihr nur noch ein paar besondere Zutaten, und ihrem Ziel stand nichts mehr im Wege. Sorgfältig wickelte sie das Schwert in ein Ledertuch und legte es in eine Truhe, die sie mit einem magischen Schloss versiegelte. Anschließend warf sie sich ihren Umhang über und steckte einen Beutel voll Münzen und Edelsteine in ihre Tasche. Sie kannte einen Händler, der Drachenschuppen verkaufte. Und mit etwas Glück würde der ihr auch Trollasche und eine Vardikul-Feder besorgen können.

Das erforderliche Dämonenblut und die Greifenklaue würde sie sich allerdings selbst holen müssen.

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2

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Tana blieb stehen und lauschte. Zwar übertönten das Knarren der Räder, das Rumpeln der Wagen und die lauten Stimmen der Menschen die subtilen Geräusche des Waldes, aber ihre scharfen Katzenohren nahmen trotzdem auch den leisesten Laut wahr. Die Tigani ließ sich mit einem Knie auf dem Boden nieder und legte eine Hand auf die Erde. Deutlich spürte sie das typische Vibrieren von Hufschlägen, die sich im Galopp näherten.

Tana richtete sich auf und stieß einen schrillen Ruf aus. Augenblicklich hielt der Wagenzug an, und Tanas Tigani-Krieger umringten ihn mit schussbereiten Bögen in den Händen. Goran eilte zu ihr. Sein Gesicht zeigte einen überaus besorgten, beinahe ängstlichen Ausdruck.

„Was ist los?“ Der Händler und flüsterte unwillkürlich.

Bevor Tana darauf antworten konnte, rauschte es in der Luft. Namak landete flügelschlagend ein paar Schritte vor ihnen. Der große Greif schüttelte sein goldbraunes Gefieder und Fell.

„Zentauren“, meldete er. „Eine ganze Horde, und sie sehen nicht aus, als wollten sie uns nur freundlich verabschieden.“

„Banditen!“ Gorans Stimme klang panisch. „Ihr Götter, beschützt uns!“

„Keine Banditen“, widersprach Namak. „Sie sind aus dem Dorf, das wir heute Morgen verlassen haben.“ Er reckte den Kopf vor und funkelte Goran aus dunklen Augen an. „Ihr habt nicht zufällig und ganz aus Versehen etwas von ihnen mitgenommen, das sie vergessen haben, euch zu verkaufen?“

Bevor Goran entrüstet auf diese Verdächtigung antworten konnte, kam Tana ihm zuvor. „Zentauren!“, rief sie ihren Leuten zu. „Niemand schießt ohne meinen Befehl!“ Sie wandte sich an den Greif. „Namak, sieh nach, ob sie auch aus anderen Richtungen kommen und uns einzukreisen versuchen.“

Der Greif schwang sich wieder in die Luft. Tana wandte sich an Goran. „Was immer die Zentauren wollen, es wird bestimmt schnell geklärt sein. Vielleicht wollen sie gar nichts von uns, sondern haben eigene Angelegenheiten zu erledigen, die sie nur zufällig in dieselbe Richtung führen wie uns.“

Der Händler war alles andere als beruhigt. „Zentauren sind hinterhältig, aggressiv und falsch. Man kann ihnen nicht trauen.“

„Ja natürlich“, bestätigte Tana sarkastisch. „Und alle Händler sind Betrüger, alle Tigani Diebe, und Greife fressen kleine Menschenkinder.“

Sie ließ Goran stehen, ging ein paar Schritte in die Richtung, aus der die Zentauren kamen, nahm die Haltung einer kampfbereiten Wächterin ein und wartete.

Tana und ihre Tigani-Krieger verdienten ihren Lebensunterhalt damit, Handelskarawanen zu eskortieren und vor Banditen zu schützen. Die meisten Händler in Dáskarun heuerten für diesen Dienst gern Tigani an, denn die Katzenleute standen zu Recht in dem Ruf, hervorragende Krieger und unbestechliche Wächter zu sein. Sogar Dáskaruns Königin umgab sich mit einer ausschließlich aus Tigani bestehenden Leibgarde.

Die Tigani entstammten einem Volk von Gestaltwandlern aus dem fernen Westen, weit jenseits von Dáskarun. Um in ihrem kargen Land überleben zu können, hatten sie ihre Körper mit Magie nach ihren Bedürfnissen geformt, wobei sie sich die Großen Felskatzen als Vorbilder nahmen. Sie gaben sich nicht nur deren Kraft, Schnelligkeit und Gewandtheit, sondern auch ihre scharfen Sinne und das kurze, dichte Fell, das ihre Körper vom Hals abwärts bedeckte und die gleichen dunklen Muster zeigte wie das ihrer Vorbilder.

An Händen und Füßen besaßen sie einziehbare Krallen, und das Haar auf ihrem Kopf wuchs wild wie eine Mähne. Ihre Gesichter blieben allerdings bis auf die spitz zulaufenden Ohren ebenso menschlich wie der Rest ihrer Körper. Doch ihr katzenhaftes Aussehen war für den Namen verantwortlich, den ihre unmittelbaren Nachbarn, die Greife, ihnen gegeben hatten: Tigani – Katzenleute. Im Laufe der Jahrhunderte, die seitdem vergangen waren, hatten sie zwar die Fähigkeit verloren, die Gestalt zu wandeln, doch ihr katzenhaftes Aussehen war geblieben. Bedauerlicherweise alten sie aufgrund dessen in den Augen mancher Menschen nicht mehr als Tiere.

Ein heiserer Vogelschrei aus der Luft signalisierte Tana, dass die Zentauren nur von einer Seite kamen, und eine Reihe von Trillern gab ihre Zahl mit fünfzig an. Damit überstieg sie die von Tanas fünfzehnköpfiger Gruppe um mehr als das Dreifache, und von den Händlern war im Fall eines Kampfes wenig Hilfe zu erwarten. Doch die Tigani fürchteten sich auch nicht vor einer Übermacht.

Die Zentauren waren jetzt heran und umzingelten die elf Wagen der Händler. Sie hielten Armbrüste und Kurzspeere in den Händen und erweckten nicht den Eindruck, als hegten sie friedliche Absichten. Ihr Anführer, ein stattlicher Zentaur mit dem muskulösen Oberkörper eines Mannes und dem Unterleib eines prächtigen schwarzen Pferdes, baute sich vor Tana und Goran auf.

Er hatte sein langes Haar zu einem Zopf gebunden, und ein grünes Stirnband aus Stoff zeigte, dass er bei seinem Volk einen hohen Rang bekleidete. Die in seinen Vollbart eingeflochtenen Knochenperlen wiesen ihn als einen der drei Häuptlinge aus, die jeden Zentaurenstamm regierten. Ihre rote Farbe sagte Tana, dass es sich bei ihm um den Kriegshäuptling handelte.

„Ich grüße dich und deine Leute, Häuptling“, sagte sie höflich, aber kalt. „Was können wir für euch tun?“

„Ihr könnt herausgeben, was ihr gestohlen habt und uns den Dieb ausliefern.“ In seiner Stimme klang unterdrückte Wut. „Andernfalls werden wir euch alle töten!“

Die Tigani-Krieger beantworteten diese Drohung mit furchtlosem Gelächter. Die Zentauren stampften wütend den Boden und hoben ihre schussbereiten Armbrüste. Tana brachte ihre Leute mit einer gebieterischen Handbewegung zum Schweigen.

„Nun, Häuptling“, sagte sie lächelnd, „der Weise droht niemals mit Dingen, die er nicht in die Tat umzusetzen vermag. Ebenso wenig beschuldigt er ehrliche Leute des Diebstahls, ohne einen Beweis vorlegen zu können. Und abgesehen davon: Der Höfliche stellt sich zunächst einmal vor, damit die, mit denen er spricht, wissen, mit wem sie es zu tun haben.“

Der Zentaur errötete und presste wütend die Lippen zusammen, während er Tana aus seinen dunklen Augen kalt anfunkelte. Schließlich neigte er knapp den Kopf. „Ich bin Elmon, Häuptling der Krieger des Yofalur-Stamms.“

Tana neigte ebenfalls den Kopf. „Ich bin Tana von den Tigani, Anführerin der Wächter dieser Karawane. Was sollen wir euch denn gestohlen haben?“

„Das heilige Blutsteinschwert unserer Ahnen. Auf diesen Frevel steht der Tod.“ Er trat ein paar Schritte vor, bis er nur noch eine Handbreit von Tana entfern war und blickte auf sie herab. Da sie ihm nur bis zur Brust reichte, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können. „Und wenn ihr den Dieb beschützt, werdet ihr alle mit ihm sterben.“

„Wir haben nichts gestohlen!“, wandte Goran jetzt ein, bevor Tana antworten konnte. „Wir sind ehrliche Händler und stehlen nicht!“

Die Zentauren lachten verächtlich.

Elmon spuckte aus. „Händler sind alle Betrüger. Es sei denn, sie wären Zentauren.“

Tana musste sich beim Anblick von Gorans empörtem Gesichtsausdruck trotz der ernsten Situation ein Lachen verkneifen. Obwohl die unterschiedlichsten Völker schon seit Jahrhunderten friedlich in Dáskarun zusammenlebten, herrschten immer noch die alten Vorurteile. Die ehemals bis aufs Blut verfeindeten Drachen und Greife ließen, wenn sie einander nicht aus dem Weg gehen konnten, keine Gelegenheit aus, ihre gegenseitige Verachtung zu demonstrieren. Dasselbe taten die Tigani und die Wolfsleute der Luperku mit einander. Die vogelartigen Vardikul hegten eine tiefe Angst vor jedem fremden Wesen, für die Zentauren war jeder Nicht-Zentaur zutiefst ehrlos und Menschen in ihren Augen gerade mal als Sklaven gut genug. Die in den Flüssen und Seen lebenden Ocari dünkten sich als Nachkommen der Meergöttin allen anderen überlegen, und etliche Menschen hielten die Anderswesen in ihrer Mitte immer noch für halbe Tiere. Wie es aussah, würde sich das auch in den kommenden Jahrhunderten kaum ändern.

„Elmon, wir haben euer Schwert nicht gestohlen“, versicherte Tana dem Häuptling und deutete auf die Wagen. „Ihr könnt euch gern selbst davon überzeugen.“

„Das werden wir. Und zu diesem Zweck werdet ihr mit uns zurück ins Dorf kommen.“ Er gab seinen Leuten ein Zeichen, und sie brachten ihre Armbrüste in Anschlag. „Es sei denn, ihr wünscht, hier auf der Stelle zu sterben.“

Tana warf einen Blick in die Runde. Wenn sie es auf einen Kampf ankommen ließe, würden die Tigani mit Namaks Hilfe möglicherweise den Sieg davontragen. Schließlich wurden Tigani-Krieger von Kindesbeinen an dazu ausgebildet, gegen Vertreter jedes in Dáskarun lebenden Volkes zu kämpfen und zu bestehen; Greife und Drachen inbegriffen. Und die Zentauren waren nicht annähernd so gewandt wie die Katzenleute. Doch es würde in jedem Fall Verluste geben, auch unter den Händlern, die Tana sich verpflichtet hatte zu beschützen. Das konnte sie nicht verantworten.

Sie verneigte sich leicht vor Elmon. „Wir folgen euch.“

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3

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Drei Stunden später waren sie wieder in dem Dorf, das sie am Morgen erst verlassen hatten. Dessen Bewohner hatten sich auf dem großen Platz davor versammelt und blickten ihnen finster entgegen.

Tana hatte ihre Leute instruiert, sich nicht provozieren zu lassen und Feindseligkeiten der Zentauren zu ignorieren, soweit es möglich war. Man hatte ihnen ihre Waffen abgenommen, sie aber nicht gefesselt. Das zeigte ihr, dass sich die Zentauren selbst nicht ganz sicher waren, was die Anschuldigung betraf.

Die Dorfbewohner musterten die Händler und die Tigani dennoch mit kaum verhohlener Wut und Verachtung. Die beiden anderen Häuptlinge des Dorfes traten ihnen entgegen. Tana vermisste die Schamanen. In jedem Zentauren-Dorf lebten vier Schamanen, von denen jeder einen der Vier Winde repräsentierte. Mindestens einer, in der Regel aber alle vier waren bei wichtigen Ereignissen zugegen. Doch hier war kein einziger zu sehen. Das erfüllte Tana mit Unbehagen, denn jeder Schamane hätte das Orakel befragen und dadurch sehr schnell feststellen können, dass die Tigani und die Händler unschuldig waren. Falls der Dieb des heiligen Schwertes auch die Schamanen getötet hatte, so würden sie alle das Dorf wohl nicht mehr lebend verlassen, falls es Tana nicht gelang, die Zentauren von ihrer Unschuld zu überzeugen.

„Hier sind die Diebe“, teilte Elmon seinen Leuten mit.

„Wir haben nichts gestohlen“, betonte Tana. „Sobald ihr die Habseligkeiten der Händler durchsucht habt, werdet ihr das selbst feststellen.“ Sie machte eine einladende Bewegung zu den Wagen hin.

Elmon gab seinen Leuten einen Wink. Sie begannen, die Wagen zu durchwühlen.

„Vorsichtig! Das sind kostbare Waren! Ihr macht sie ja kaputt!“ Goran rang die Hände. „Das ist zerbrechlich!“

Ein Klirren, als ein Tongefäß zu Boden fiel und zerbrach, bestätigte seine Worte.

„Ah!“ Goran stürzte zu ihnen, um sie daran zu hindern, weitere Dinge zu zerbrechen. Die Zentauren wehrten ihn ab wie eine lästige Fliege und ignorierten sein Jammern.

Tana wandte sich an die Häuptlinge. „Warum beschuldigt ihr uns? Wir waren eure Gäste, und noch heute Morgen habt ihr uns als Freunde verabschiedet.“

„Da wussten wir auch noch nicht, dass eins der steinernen Schwerter aus der heiligen Höhle verschwunden ist“, antwortete ein rotbrauner Zentaur, dessen grüne Bartperlen ihn als den Häuptling der Weisheit auswiesen.

„Dann solltet ihr besser eure Wachen für ihre Nachlässigkeit strafen“, schlug Tana bissig vor.

Der Häuptling blickte sie bedeutsam an. „Sie sind unbestechliche Wächter und haben noch nie in ihrer Pflicht versagt. Alles war vollkommen ruhig. Als sie ein Geräusch hörten, war das Blutsteinschwert bereits vom Altar verschwunden. Und sich so lautlos und unbemerkt zu bewegen, ist eine Fähigkeit, die nur den Tigani eigen ist.“

„Ebenso wie den Luperku und erst recht den Vardikul“, erinnerte sie den Häuptling. „Und die professionellen Diebe der Menschen sollen darin auch ganz geschickt sein.“

„Von denen war aber niemand hier“, konterte der.

„Wenn ich eine Diebin wäre und euer Schwert stehlen wollte, würde ich auch nicht vorher als Gast zu euch kommen und es am Tag meiner Abreise stehlen und mich dadurch erst recht verdächtig machen. Ich würde mich stattdessen heimlich herschleichen und es stehlen, wenn andere Leute gerade bei euch zu Gast sind, damit ihr die verdächtigt. Und ich bin mir sicher, dass der wahre Dieb genau das getan hat.“

Elmon trat zu ihnen. „Das Schwert befindet sich nicht auf den Wagen und auch nicht in den sonstigen Besitztümern, die sie mit sich führen.“ Er blickte sich suchend um, ehe er Tana fixierte. „Wo ist euer Greif?“

„Als Kundschafter vorausgeflogen. Das ist schließlich seine Aufgabe.“ Namak war nicht weit entfernt und verbarg sich irgendwo in den dichten Kronen der Bäume, die um das Dorf herum standen. Sie konnte seine Nähe fühlen.

„Er hat das Schwert!“, war Elmon überzeugt. „Ruf ihn her!“

Tana stieß eine Reihenfolge von hohen Trillerlauten aus, die Namak signalisierten, dass er sich unter allen Umständen fern halten sollte und im Moment niemand in unmittelbarer Gefahr war. Sie gab sich den Anschein zu lauschen und suchte mit den Augen den Himmel ab. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Er ist wohl außer Hörweite.“

Elmon stampfte heftig den Boden. „Das beweist, dass ihr ihn mit dem Schwert fortgeschickt habt, damit wir es nicht bei euch finden können und euch gehen lassen.“ Er maß Tana mit einem Blick voller Verachtung. „Haltet ihr uns tatsächlich für so dumm?“

„Für noch dümmer, wenn ihr tatsächlich in einer harmlosen Tatsache einen Beweis für ein nicht von uns begangenes Verbrechen seht.“ Tana blickte ihm furchtlos in die Augen. „Das Gesetz der Königin bestimmt, dass nur jemand angeklagt werden darf, wenn es Beweise für seine Schuld gibt. Ihr habt bis jetzt nur haltlose Anschuldigungen vorgebracht.“

Elmon trat dicht an sie heran, zog sein Schwert, das er in einer Scheide auf dem Rücken trug und hielt es ihr an die Kehle. „Bevor ihr kamt, war das Schwert noch an seinem Platz, und nachdem ihr unser Dorf verlassen habt, war es verschwunden. Welchen Beweis sollten wir noch brauchen, dass ihr es gestohlen habt?“

Er hob sein Schwert. Tana fuhr ihre Krallen abwehrbereit aus und fauchte ihn an, bereit, ihm die Kehle aufzureißen, sollte er tatsächlich zuschlagen.

„Warte, Elmon“, hielt der Häuptling der Weisheit ihn zurück. „Wenn wir sie töten, bekommen wir das Schwert wahrscheinlich nie wieder, denn vielleicht weiß die Katze allein, wo der Greif es versteckt hat.“

Tana schloss für einen Moment die Augen und musste ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um die Zentauren nicht wütend anzubrüllen. „Zum letzten Mal: Niemand von uns hat euer Schwert gestohlen, und ich weiß daher auch nicht, wo es sein könnte.“

„Lüge!“, war Elmon überzeugt. „Ihr Tigani seid alle Diebe. Das weiß jeder.“

Tana verdrehte die Augen. Dieses haltlose Vorurteil war einfach nicht auszurotten. Und Tigani wie Tanas Schwester Dalima gaben dem leider auch immer wieder neue Nahrung. Ja, Dalima wäre es durchaus zuzutrauen, dass sie den Zentauren das Schwert stahl. Immerhin war sie wegen derartiger Verbrechen schon vor Jahren aus dem Volk ausgestoßen und für alle Zeiten aus dem Gebiet der Tigani verbannt worden. Außerdem besaß sowohl sie wie auch Tana die geheime Gabe der Tigani, die Schleier der Welten unsichtbar durchschreiten zu können.

Tana wusste nicht einmal, ob Dalima noch lebte. Doch die Möglichkeit, dass ausgerechnet ihre Schwester das Schwert gestohlen haben könnte, machte sie beinahe krank. Gerade weil man die Tigani wegen ihrer ungewöhnlichen Gabe in früheren Zeiten zu oft verdächtigt hatte, Diebe zu sein, galt Diebstahl unter ihnen als das verabscheuungswürdigste Verbrechen und kam gleich nach heimtückischem Mord.

„Höre, Katze“, sagte der Häuptling der Gerechtigkeit.

„Tana, aus dem Volk der Tigani“, korrigierte sie ihn scharf. „Eine Katze sehe ich hier nirgends.“

Er ignorierte ihren Einwand. „Du wirst uns das Schwert zurückbringen. Deine Leute bleiben als Geiseln hier. Alle. Wenn du es nicht bis zum Sonnenuntergang des nächsten Vollmondtages bringst, werden sie alle sterben. Elmon wird dich begleiten.“

Goran stieß einen entsetzten Schrei aus. „Wir sind unschuldig!“ Er fiel auf die Knie und beugte mehrfach den Kopf bis zum Boden. „Das könnt ihr nicht tun! Oh bitte, verschont uns!“ Er war den Tränen nahe.

Diese Demonstration von Feigheit veranlasste nicht nur die Zentauren, angewidert das Gesicht zu verziehen. Auch die Tigani musterten ihn vollere Verachtung.

Tana brauchte einen Moment, ehe sie ihre Wut wieder bezwungen hatte.

„Ich verlange ein Gottesurteil, um unsere Unschuld zu beweisen“, forderte sie.

Der Häuptling der Gerechtigkeit schüttelte den Kopf. „Zwar ist das dein Recht, Tana von den Tigani, doch wir können ein Gottesurteil nicht vor dem nächsten Vollmond in dreizehn Tagen durchführen. Und bis dahin ist es zu spät. Wir müssen das Schwert unbedingt vorher zurück haben. Deshalb bleibt es dabei: Bringst du uns das Schwert bis dahin nicht, werden deine Leute sterben.“

Tana gab es auf, ihm Vernunft beibringen zu wollen. Schließlich waren die Zentauren nicht umsonst für ihre dickköpfige Sturheit berüchtigt.

„Ihr tut uns Unrecht. Aber gut. Ich werde eure Bedingung erfüllen, euer Schwert finden und zurückbringen. Darauf gebe ich euch mein Wort. Doch solltet ihr meinen Leuten oder den Händlern auch nur ein einziges Haar bis dahin krümmen, so werdet ihr erfahren, dass auch Zentauren den Zorn der Tigani zu fürchten haben.“

Sie erntete nur verächtliche Blicke als Antwort.

„Und damit hast du zugeben, dass du sehr wohl weißt, wo das Schwert ist“, stellte Elmon fest.

Sie blickte ihn verächtlich an. „Nein, Häuptling, ich habe offenbar nur etwas mehr Verstand als ihr Zentauren.“

Elmon stieß eine Verwünschung aus, stieg vor ihr hoch und ließ seine Vorderhufe haarscharf vor ihrem Gesicht wirbeln. Tana zuckte mit keiner Wimper und blieb ruhig stehen. Als er wieder auf den Boden gekommen war, streckte sie ihre Hand aus.

„Meinen Bogen und meine anderen Waffen“, verlangte sie ungerührt. „Die werde ich brauchen.“

In Elmons Augen glomm ein Funken Respekt. Er gab seinen Leuten einen Wink, und sie brachten Tanas Waffen. Sie prüfte sie sorgfältig, ehe sie sich ihren Schwertgurt umschnallte und den Köcher mit den Pfeilen über die Schultern hängte. Ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und rannte in langen Sätzen davon. Elmon stieß einen heftigen Fluch aus und galoppierte ihr nach.

Doch Tigani besaßen die Kraft und Schnelligkeit der Großen Katzen und konnten eine lange Zeit schnell und ausdauernd rennen, sodass Elmon Mühe hatte, Tana einzuholen. Sie machte sich einen Spaß daraus, ihn zu ermüden, indem sie immer schneller lief und ihn schließlich mühelos abhängte.

Es gelang ihm erst wieder, zu ihr aufzuschließen, als sie Stunden später eine Rast einlegte, als die Sonne schon unterging, um für sich und Namak, der sich immer noch in ihrer Nähe verbarg, aus einem Bach ein paar Fische zu fangen. Sie hatte längst ein Feuer entfacht, die Fische gebraten und den ersten gegessen, als Elmon endlich taumelnd und schwer atmend ihr provisorisches Lager erreichte.

„Ehrlose ... Katze!“, keuchte er mühsam. „Versuchst zu ... fliehen und lässt ... deine Leute im Stich.“

Er wollte noch eine ganze Menge mehr sagen, doch er kam nicht dazu. Ein heftiger Windzug und ein Rauschen über ihm war das Einzige, was Namaks Ankunft verkündete. Im nächsten Moment hatte er den Zentauren mit seinem Gewicht zu Boden geworfen und nagelte ihn mit seinen Klauen am Boden fest. Sein scharfer Schnabel schwebte halb geöffnet über Elmons Nacken.

„Soll ich ihm das Genick brechen, Tana?“

Sie winkte ab. „Lass ihn.“

Sie warf dem Greif einen Fisch zu, den er geschickt auffing und mit einem Bissen verschlang, ehe er sich endlich bequemte, von dem sich heftig wehrenden Zentauren herunter zu steigen. Elmon kam wieder auf die Beine und riss sein Schwert aus der Scheide.

„Und wen willst du jetzt zuerst töten, Elmon?“, fragte Tana interessiert. „Mich, die ich dir an Gewandtheit überlegen und an Kraft ebenbürtig bin? Oder nimmst du es gleich mit einem Greif auf, gegen den du keine fünf Herzschläge lang bestehen könntest? Noch dazu so erschöpft wie du bist.“ Sie schüttelte den Kopf. „Teile unsere Mahlzeit mit uns und komm erst einmal wieder zu Kräften. Und während du das tust, denke einmal gründlich nach. Warum sollte ich fliehen? Ich habe mein Wort gegeben, euer Schwert zu finden und habe dafür nur dreizehn Tage Zeit. Das heißt, ich muss schnell sein. Und da du nicht so schnell bist wie ich, hältst du mich nur auf.“

Elmon funkelte sie und Namak, der seinen Schnabel zu einem greifischen Grinsen geöffnet hatte, eine Weile an. Doch schließlich steckte er das Schwert wieder in die Scheide und schritt zum nahen Bach, um etwas zu trinken. Als er zurückkehrte, ließ er sich widerstrebend und immer noch schwer atmend am Feuer nieder und akzeptierte noch widerwilliger einen von Tanas gebratenen Fischen.

„Mal abgesehen von seinem materiellen Wert, was ist an diesem Schwert so Besonderes, dass ihr dafür unschuldige Wesen töten wollt?“

Elmon zog finster die Brauen zusammen. „Eure Unschuld ist noch keinesfalls erwiesen.“ Er zögerte mit der Antwort. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Vor sehr langer Zeit, nachdem unser Schöpfer gestorben war, waren wir Zentauren allein auf uns gestellt in einer feindlichen Welt, deren Bewohner uns hassten.“

Tana wusste, dass sowohl die Greife wie auch die Zentauren vor vielen Hundert Jahren von einem mächtigen Magier erschaffen worden waren, um die Länder seiner Nachbarn zu erobern. Er brauchte Kämpfer, die zahlreich, furchteinflößend und tapfer waren. Und so hatte er aus den Körpern von Großen Katzen und Adlern die ersten Greife erschaffen als Krieger der Lüfte und aus den stärksten und wildesten Kriegspferden die Zentauren geformt als Ersatz für menschliche Reiterstaffeln. Gemeinsam hatten Greife und Zentauren für ihren Herrn das gesamte Nordreich unterworfen. Und sich dadurch den Hass der Menschen zugezogen, gegen die sie gekämpft hatten.

Doch durch den Tod ihres Schöpfers hatten beide Völker ihre Freiheit erlangt und waren eigene Wege gegangen. Erst vor dreihundert Jahren, als sie und die anderen Völker wie die Tigani vor einem übermächtigen grausamen Feind hatten fliehen müssen, den man nur den „Grauen Schrecken“ nannte, waren sie in Dáskarun wieder zusammengekommen, wo man ihnen Schutz und Lebensraum gewährte.

„Damals“, fuhr Elmon fort, „bestand mein Volk aus sieben Stämmen, deren Stammväter die sieben ersten Zentauren waren. Bis dahin hatte uns unser Schöpfer mit seiner Magie beschützt, doch nun mussten wir uns selbst schützen. Die Schamanen der sieben Stämme beteten gemeinsam zu den Göttern, und die schenkten jedem Stamm eins der steinernen Schwerter, von denen jedes aus einem anderen Edelstein geschaffen ist. Gemeinsam singen die Schwerter alle sieben Jahre an dem Tag, an dem bei Mondaufgang die Sieben Schwestern aus dem Kessel zu trinken beginnen, ein magisches Lied, das allen Stämmen Schutz und den Segen der Götter bringt. Und nur solange die steinernen Schwerter singen, wird das Volk der Zentauren bestehen bleiben. An dem Tag, an dem das Ritual nicht mehr durchgeführt wird – ganz gleich aus welchem Grund – ist mein Volk dem Untergang geweiht.“

Tana warf einen Blick zum dunklen Nachthimmel. Deutlich waren dort die sieben hellen Sterne zu sehen, die das Sternbild der „Sieben Schwestern“ bildeten. In dreizehn Tagen würde es den „Kessel“ berühren, das benachbarte Sternbild und es in einem Zyklus von drei Monden durchwandern. Die Sternenkundigen nannten dieses Ereignis: Die Sieben Schwestern trinken aus dem Kessel.

„Ihr seid aber nicht mehr sieben Stämme, sondern nur noch ein einziger“, erinnerte Namak Elmon und verschlang mit sichtlichem Genuss einen zweiten Fisch.

„Das ist wahr. Die anderen sechs Stämme wurden nach und nach vom Grauen Schrecken vernichtet. Aber ihre heiligen Schwerter konnten gerettet werden, und wir, der Stamm von Yofalur, sind ihre letzten Hüter.“ Elmon blickte ebenfalls zum Sternhimmel auf. „Das Blutsteinschwert ist jenes, das unserem Stammvater Yofalur gegeben wurde“, fügte er hinzu und warf Tana und Namak einen finsteren Blick zu. „Es ist das Herz des Stammes, unabhängig von seiner Rolle beim Ritual.“

Tana nickte. „Ich verstehe euren Zorn über den Diebstahl, Elmon. Aber meine Krieger, die Händler und ich sind unschuldig.“

Elmons finsterem Blick nach zu urteilen glaubte er ihr nicht. „Dafür, dass du angeblich nicht weißt, wo sich das Schwert befindet, gehst du aber äußerst zielstrebig voran.“

„Natürlich.“ Tana knurrte gereizt. „Da ich nicht die leiseste Ahnung habe, wo ich euer Schwert suchen soll, werde ich jemanden fragen, der es mir sagen kann: eine Seherin. Das wäre eigentlich die Aufgabe eurer Schamanen gewesen. Dann hätten sie auch sehr schnell herausgefunden, dass wir mit dem Diebstahl nichts zu tun haben. Wo stecken die eigentlich? Ich habe sie nicht in eurem Dorf gesehen.“

„Sie bereiten sich in Abgeschiedenheit auf das Ritual vor und dürfen nicht gestört werden.“

Tana war erleichtert zu hören, dass sie demnach am Leben und nicht von dem Dieb umgebracht worden waren. Sie blickte Elmon nachdenklich an. Er war zu langsam und hielt sie und Namak nur auf. Es sei denn, sie würde die Schleier der Welten durchschreiten, um schneller an ihr Ziel zu gelangen, wobei sie Elmon und Namak mitnehmen konnte. Doch die Demonstration dieser Fähigkeit würde den Zentauren wahrscheinlich erst recht darin bestärken, dass Tana oder einer ihrer Leute das Schwert mit Hilfe ihrer Gabe gestohlen hatte.

Zum Glück war die Stadt Meshónn nicht weit entfernt, in der die Seherin lebte, die Tana aufsuchen wollte. Als die Anderswesen damals in Dáskarun eingewandert waren, hatten Königin Nakima und König Omuron jedem Volk ein Gebiet zugeteilt, das ihren Bedürfnissen am besten entsprach. Während die Tigani das Gebiet der Westlichen Berge zusammen mit ihren Verbündeten, den Greifen, erhalten hatten, bekamen die Luperku die Ebenen von Assalai, die Vardikul das Yaraka-Tal, die Drachen einen Hort am Fuß des Himmelsgebirges und die Zentauren die Halbinsel Sikara am östlichen Ende des Sonnenmeeres. Meshónn lag am Übergang des Festlands zur Halbinsel und war die einzige Stadt, in der Zentauren und Menschen zusammenlebten, denn die Pferdewesen blieben nach wie vor lieber unter sich.

Tana beschloss, ihre Gabe vor Elmon nur zu offenbaren, falls ihr keine andere Möglichkeit mehr bleib, ihre Leute zu retten. Und das hing letztendlich davon ab, was die Seherin ihr offenbarte.

„Elmon, ich habe mein Wort gegeben, euch das Schwert zurückzubringen. Und ich werde es halten. Es ist nicht notwendig, dass du uns begleitest; denn wie ich schon sagte, du bist so langsam, dass du uns aufhältst.“

Der Zentaur zog wieder einmal finster die Brauen zusammen. „Oh nein, Katze! Ich werde mich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie du das Schwert beschaffst. Glaubst du ernsthaft, du kannst mich zurücklassen, um mit dem Schwert zurückzukommen und zu behauptet, du hättest es jemandem abgenommen, obwohl du und der Greif die Diebe seid?“

Namak grollte erbost, und Tana seufzte kopfschüttelnd. Wie es aussah, waren Zentauren, was ihre Sturheit betraf, sogar noch schlimmer als ihr Ruf. Doch sobald die Seherin die Wahrheit herausgefunden hatte, konnte auch Elmon nicht mehr umhin, als ihr zu glauben. Mit etwas Glück würde er danach Vernunft annehmen. Allerdings war sich Tana in dem Punkt ganz und gar nicht sicher.

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Das Haus der Seherin lag am Stadtrand von Meshónn etwas abseits von anderen Häusern. Genau genommen war es nur eine aus massivem Stein gebaute und mit Stroh gedeckte Hütte, doch ihr Dach war hoch und ihr Eingang groß und breit genug, auch einem Zentauren oder Greif Einlass zu gewähren. Als Tana, Namak und Elmon sie erreichten, verließ gerade der letzte Kunde die Seherin. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er mit dem, was sie ihm wohl offenbart hatte, hoch zufrieden.

„Tana! Sei mir willkommen.“

Die Seherin war aus dem Haus getreten und streckte der Tigani mit einem freundlichen Lächeln die Hände entgegen. Tana ergriff sie und verneigte sich leicht.

„Ich grüße dich, Saya“, sagte sie. „Du erinnerst dich sicherlich auch noch an Namak.“ Sie nickte zu dem Greif hinüber und danach zu Elmon. „Und dies ist Elmon.“

Saya nickte den beiden zu. „Natürlich seid auch ihr mir willkommen, Namak und Elmon. Kommt herein.“

Tana und Namak folgten der Seherin ohne zu zögern ins Innere, während Elmon sich erst misstrauisch umsah, ehe er ebenfalls eintrat. Tana hatte die Seherin vor einiger Zeit kennengelernt, als Saya mit einer Karawane gereist war, deren Begleitschutz Tana übernommen hatte. Saya hatte es sich als Bezahlung für Tanas Dienste nicht nehmen lasse, jeden Tag das Orakel zu befragen, ob irgendwo auf ihrem Weg Banditen auf sie lauerten und auf diese Weise vier Überfälle verhindert.

„Ich hatte dich nicht so schnell zurück erwartet“, sagte Saya, nachdem sie ihnen Platz an ihrem Tisch angeboten hatte und Tee servierte. „Und die Karawane ist auch nicht bei dir. Was ist passiert?“

„Den Zentauren wurde ein wertvolles Schwert gestohlen, und ich habe mich verpflichtet, es ihnen zurückzubringen“, erklärte Tana. „Da ich aber nicht weiß, wer der Dieb ist, kam ich zu dir, um mehr darüber zu erfahren.“

Saya wurde blass und blickte Elmon beinahe furchtsam an. „Es ist doch nicht etwa eins der steinernen Schwerter?“

„Doch“, antwortete der Zentaur grimmig. „Das Blutsteinschwert.“

„Oh nein! Und das so kurz vor dem Ritual des Lebens!“ Saya ließ die Teekanne stehen, trat an das Regal und nahm eine mit Runen bemalte Tonschale herunter. „Es ist gut, dass ihr Tana beauftragt habt, es zu finden, Elmon. Wenn euch jemand das Schwert zurückbringen kann, dann sie.“

Tana und Namak grinsten, als der Zentaur die Seherin jetzt verblüfft anblickte. Aber sie hätten sich denken können, dass Elmon auch der Seherin Tanas Unschuld nicht ohne einen Beweis glauben würde. Saya füllte die Orakelschale mit klarem Wasser, stellte sie auf den Tisch vor eine Kerze und setzte sich davor.

„Stört mich bitte nicht, bis ich gesehen habe, was ich sehen muss.“

Sie blickte auf die Wasseroberfläche, in der sich die Kerzenflamme spiegelte. Sie murmelte Worte in einer fremden Sprache und bewegte ihre Hände über der Orakelschale, bis sich darin ein Bild zeigte. Ihre drei Besucher beugten sich interessiert vor, hielten aber genug Abstand, dass Saya sich nicht gestört fühlte.

In dem Wasser der Orakelschale war eine Frau zu sehen, die eine rote Robe trug. Tana sah erleichtert, dass sie ein Mensch und keine Tigani war. Somit war Dalima nicht die Diebin. Außerdem war die Frau in der roten Robe offensichtlich eine Zauberin, die eine Beschwörung durchführte, an deren Ende sie die Hand in einen Kessel tauchte und daraus das Blutsteinschwert hervor zog. Wenig später erlosch das Bild in der Orakelschale, und Saya stieß einen tiefen Seufzer aus.

Tana und Namak blickten Elmon erwartungsvoll an, der seinerseits Saya ansah. Die Seherin schenkte sich einen Becher Tee ein und trank ein paar Schlucke, ehe sie sich an ihre Gäste wandte.

„Das Schwert wurde von einer Zauberin der Blutgilde gestohlen, die es mit Magie aus der heiligen Höhle geholt hat“, erklärte sie.

„Die Blutgilde“, wiederholte Tana und unterdrückte einen Fluch. „Blutmagier“, fügte sie erklärend hinzu, als sie Elmons verständnislosen Blick sah, „gewinnen einen Großteil ihrer Kraft aus dem Blut derer, die sie zu diesem Zweck töten. Doch im Gegensatz zu der Priesterschaft einiger Gottheiten, die Blutopfer von Tieren darbringen oder das heilige Mondblut der Frauen benutzen, nehmen die Zauberleute der Blutgilde dazu das Blut von Menschen oder Anderswesen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist zwar in ganz Dáskarun verboten, und wer erwischt wird, wird mit dem Tod dafür bestraft. Aber die Blutmagier sind sehr mächtig und schlau genug, sich nach außen hin als harmlose Zauberleute zu tarnen.“ Tana schüttelte mit dem Kopf. „Aber was will diese Zauberin mit dem Blutsteinschwert?“ Sie blickte Elmon an.

Das tat auch Saya, doch er schwieg.

„Die steinernen Schwerter der Zentauren“, erklärte Saya, als Elmon weiterhin schwieg, „besitzen eine besondere Magie, die nichts mit dem Lied zu tun hat, das sie alle sieben Jahre singen, um das Volk zu schützen. Jedes verfügt über seine eigene magische Macht. Die des Blutsteinschwertes besteht darin, alle Krankheiten heilen zu können, selbst die tödlichen, die nicht einmal die Zauberheiler zu besiegen vermögen.“

Namak stieß ein überraschtes Zischen aus. „Das allein würde es schon zu einem begehrenswerten Objekt machen. Mit so einem Schwert könnte sein Besitzer ein Vermögen verdienen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Blutzauberin es dazu verwenden will. Die Mitglieder der Blutgilde sind nicht gerade für ihr Mitgefühl bekannt.“

Saya nickte. „Das hat diese Zauberin auch nicht vor.“ Sie zögerte kurz, ehe sie fortfuhr. „Ich bin mir nicht sicher, aber es heißt, es gäbe einen Zauber, der einem Menschen Unsterblichkeit verleiht, wenn er ein bestimmtes Ritual ausführt oder einen Trank braut; das weiß ich nicht so genau. Aber eine der Zutaten dafür soll die Magie des Blutsteinschwertes sein.“

Elmon stampfte wütend den Boden. „Und deshalb hat sie es gestohlen. Wir müssen die heiligen Schwerter in Zukunft noch viel besser schützen, wenn es Zauberleuten derart leicht möglich ist, sie unbemerkt aus ihrer Höhle zu holen.“

„Wenigstens hast du jetzt begriffen, dass wir an dem Diebstahl unschuldig sind“, bemerkte Namak süffisant.

Elmon ignorierte den Einwand. „Wir müssen das Schwert zurückholen“, entschied er. „Wo finden wir diese abscheuliche Zauberin?“

„In Orokila“, antwortete Saya. „Und das ist eine Reise von drei Monden.“

Tana ließ die Schultern hängen und schloss für einen Moment die Augen. „Es ist unmöglich, auf normalem Weg nach Orokila und wieder zurück nach Sikara zu gelangen, bis die Sieben Schwestern aus dem Kessel zu trinken beginnen. Nicht einmal ein Greif kann so schnell fliegen.“

„Dann ist mein Volk verloren!“ Elmons Stimme klang gepresst und verzweifelt zugleich, und er stampfte so heftig den Boden, dass seine Hufe tiefe Abdrücke darin hinterließen.

„Aber es gibt Zauberleute, die in der Lage sind, magische Tore zu erschaffen“, wies Saya ihnen einen Weg und warf Tana einen bedeutsamen Blick zu.

Die Tigani zuckte mit den Schultern. „Selbst wenn wir durch ein magisches Tor gehen könnten, hilft uns das nicht weiter, denn ich glaube kaum, dass die Zauberin das Schwert freiwillig herausgibt, nur weil wir sie darum bitten. Sie hätte sich nicht die Mühe gemacht, es überhaupt an sich zu bringen, wenn es für sie nicht überaus wertvoll wäre.“ Sie blickte Saya in die Augen. „Wir brauchen die Dienste einer Zauberin oder eines Magiers, der in der Lage ist, es auf dieselbe Weise zurückzuholen, wie sie es gestohlen hat. Das müsste doch möglich sein.“

Saya neigte zustimmend den Kopf. „Geht zu Kelor in der Straße des Ebers. Er ist zuverlässig und verfügt über die erforderlichen Fähigkeiten.“ Sie lächelte. „Grüßt ihn von mir, und er wird sein Bestes für euch geben.“

„Danke, Saya.“

Tana bezahlte die Seherin mit einem Silberstück und verließ mit Elmon und Namak ihre Hütte. Kaum waren sie draußen, als der Greif den Zentauren mit einem ausgebreiteten Flügel am Weitergehen hinderte und ihn auffordernd ansah.

„Nachdem nun unsere Unschuld bewiesen ist, Zentaur, schuldest du Tana eine Entschuldigung. Und mir ebenfalls.“

Elmon starrte erst ihn und danach Tana missmutig an. „Wir haben keine Zeit“, begann er, doch Namak unterbrach ihn mit einem verächtlichen Schnaufen.

„Seid ihr Zentauren tatsächlich so stur – oder sollte ich sagen: feige? –, dass ihr nicht einmal zugeben könnt, wenn ihr Unrecht getan habt?“

Elmon funkelte ihn wütend an, und seine Hand zuckte zum Schwert. „Hüte deine Zunge, Greif!“

Tana trat zwischen die beiden. „Für so etwas haben wir in der Tat keine Zeit. Kommt!“

Sie ging voran, und Namak schloss sich ihr an. Elmon folgte ihnen widerstrebend. Sie hatten das Haus von Magier Kelor recht schnell gefunden und hatten Glück, denn Kelor kehrte gerade mit seinem Diener von irgendeiner Besorgung zurück. Als Tana ihm sagte, dass Saya sie zu ihm schickte, bat er sie sofort herein.

Details

Seiten
700
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913514
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
fünf fantasy abenteuer zauberer elfen drachen

Autoren

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Titel: Fünf Fantasy Abenteuer - Zauberer, Elfen, Drachen