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320 PS-Jim #84: Rancher Russels Rinder

2017 120 Seiten

Leseprobe

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Roman

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Chris Morris schwang sich vergnügt auf den Sitz. Er grinste, deutete mit Händen und Fingern Hörner an seiner Stirn an und gab abermals das lustvolle Röhren eines liebeskranken Rindviehs von sich.

»Aber sonst hast du keine Schwierigkeiten?« fragte Jim Stonewall trocken.

»Kühe«, sagte Chris nur. »Fahr los, Partner.«

Jim Stonewall sah ihn nachdenklich an, zog den Schlüssel ab, stieg aus und entfernte sich gemessenen Schrittes einige Yards vom RED BARON, sorgfältig darauf bedacht, nicht in die glühende Sonne hinauszutreten. Der brandrote M.A.N 32.321 warf keinen sonderlich großen Schatten.

»Los, komm, Mann!« schrie der schwarzhaarige Shotgun aus der Kabine. »Wir stehen hier nicht zu unserem Vergnügen.«

Jim drehte sich einmal um die eigene Achse und hielt angestrengt nach etwas Ausschau. Aber hier gab es nur jede Menge stehender und rollender Trucks mit und ohne Auflieger, jede Menge Auflieger ohne Bobtail, ein paar Wellblechhütten, ein steinerner Verwaltungsbau und grelle Sonne.

»Was suchst du?« rief Chris.

Jim drehte sich langsam wieder um. »Na, was schon? Aber hier gibt’s weder ein Brandeisen noch eine Partnerin für dich. So eine mit weichem krausen Stirnfell zwischen den Hörnern.«

»Bist du irre?«

Chris turnte jetzt ebenfalls ins Freie. »Wenn ich fahren soll, sag Bescheid und gib mir den Schlüssel, Mann. Wir stehen uns hier die Räder platt...«

»Ich lasse doch kein Rindvieh ans Lenkrad!« protestierte Jim. »Und auch nicht in die Kabine. Du wirst schon auf der Sattelkupplung Platz nehmen müssen.«

Chris Morris ächzte. »Dir hat wohl einer ins Gehirn geschissen. Komm endlich los. Wir haben einen Job, Mann!«

»Warum sagst du das nicht sofort?« Jim schob sich an ihm vorbei und enterte wieder den Truck. »Äh - entscheide dich jetzt, was du bist. Mensch oder Tier.«

»Du hast den Verstand verloren«, sagte Chris fassungslos.

»Wer hat denn mit dem Muhen angefangen, he?« brummte Jim. Er ließ die Maschine kommen. Chris hetzte um den Truck herum und stieg zum zweiten Mal ein. »Was ist denn mit dir los? Kann man nicht mal ’nen harmlosen Dings machen, einen Scherz oder sowas?«

»Seit wann scherzen Rindviecher? Oder wolltest du mir auf diese Weise nur begreiflich machen, daß eine deiner dreihundertfünfundsechzig Bräute dir Hörner aufgesetzt hat? Was ist jetzt mit dem Job? Wo sind die Papiere? Wo steht der Auflieger?«

»Beides nicht hier. Los, Mann. Fahr, bevor ein anderer den Job macht. Da hinten stiefeln zwei Jungs schon verdächtig eilig auf ihren Bobtail zu!«

Jim ließ den RED BARON anrollen. »Wohin, Alter?«

»Raus auf den Highway 70 Richtung Kansas City, aber nur bis zehn Meilen hinter der City. Da gibt es eine Privatstraße oder sowas Ähnliches, da müssen wir runter. Das Ding nennt sich .Russel’s Ranch'.«

»Klingt ja sehr rustikal.«

»Mußt du immer mit so gebildeten Wörtern um dich schmeißen? Stell dir vor, du triffst einen damit. Rustikal... das Wprt hat doch mindestens drei spitze Kanten. Ich glaub’ dir auch so, daß du auf dem College warst.«

Jim grinste. Sie ließen den Hof der Frachtagentur hinter sich und rollten über den Zubringer dem Highway entgegen. Weiter vorn lag wie ein schlafendes Ungeheuer Topeka in der Mittagshitze. Eine leichte Dunstglocke hing über der Stadt.

»Wenn ich also richtig kombiniere, mein lieber Chris, entnehme ich aus der Zielangabe und deinem Gebrüll von vorhin, daß wir jede Menge abgesägter Rinderhörner transportieren sollen. Das Zeug zu Pulver zerrieben und in den Kaffee getan, soll müde Männer wieder munter machen, habe ich gehört.«

»Ach, dafür interessierst du dich in deinem Alter schon? Na, wer’s nötig hat... richtige Männer tun sich den Kaffee in die Milch und den Zucker... oder war’s umgekehrt?«

Jim zuckte mit den Schultern. »So genau habe ich mich um deine Trinkgewohnheiten nie gekümmert, daß ich eine Doktorarbeit drüber schreiben möchte. Was ist also jetzt mit den Hörnern?«

»Klar verladen wir Hörner. Aber die lieben Tierchen sind noch dran. Sagte man mir. Ein paar hübsche Zuchtbullen.«

»Du hast vom Rindvieh wohl auch noch nicht genug, wie? Willst du wieder Torero spielen?« Jim spielte auf ein schon einige Monde zurückliegendes Erlebnis mit Kampfstieren an, das beinahe tödlich ausgegangen wäre.

»Vielleicht hängt es eben damit zusammen, daß wir diesbezügliche Erfahrungen haben«, sagte Chris. »Es hat sich wohl herumgesprochen. Auf jeden Fall habe ich sofort zugesagt. Alles Nähere wird dann auf Russel’s Ranch geregelt.«

»Ach ja. Und wenn dann alles für die Katz ist, fahren wir gemütlich wieder zurück und haben nur ein paar Finger hut Diesel verbraten, ja? Oder auch ein paar Eimer. Du bist mal wieder ganz schön verwegen, Chris.«

»Die können die verdammten Viecher ja schlecht bis zum Frachthof schleppen.«

»Klingt ja auch so ähnlich wie Schlachthof«, murmelte Jim.

Kaum auf dem Highway, rauschte ein Patrol Car mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei.

»Das fängt ja schon gut an«, murmelte Jim. »Smokeys am Mittag, bringt Kummer und Sorgen. Mit der Tageszeit und den Reimen nehmen wir es heute mal nicht so genau. Hoffentlich gibt es mit den Zuchtbullen keinen Ärger.«

»Eine Kuh macht Muh, zwei Kühe machen Mühe«, witzelte Chris lahm.

Die Smokeys waren außer Sicht. Jim drehte auf und ging auf lockere sechzig Meilen. Er sah in dem Polizeifahrzeug ein böses Omen.

*

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EINE HALBE STUNDE SPÄTER rollten sie über die Privatstraße der Ranch entgegen. Die Straße war sauber asphaltiert, es gab Leuchtbeschilderung, und schließlich tauchte ein gewaltiger Torbogen auf, an dem überdimensionale Hörner prangten. Gut vier Meter weit in jeder Richtung.

Der RED BARON paßte lässig unter dem Tor hindurch, und auch mit Auflieger würde das nicht sonderlich schwer fallen. Jim fuhr jetzt langsamer. Zäune tauchten auf, ein paar Pferde tummelten sich, und im Hintergrund erstreckten sich einige flache Bauwerke in einer parkähnlichen Landschaft. Die Stallungen lagen noch weiter abseits. Allein das direkte Ranchgrundstück erstreckte sich riesig weit.

»Der Junge ist stinkreich«, murmelte Chris. »Da wirst du direkt neidisch bei. Wetten, daß Mister Russel nicht mal weiß, wieviel Land er besitzt?«

»Wer reich ist, zahlt auch Steuern -und zwar mehr als wir. Und selbst dann, wenn er das Schatzamt nach Strich und Faden betrügt, legt er immer noch mehr hin als wir. Und wer Geld hat, dem kann auch Geld geklaut werden. Er hat das Geld, und wir die Freiheit auf dem Highway.«

»So kann man es natürlich auch sehen«, maulte Chris. »Aber trotzdem möchte ich all die vielen süßen Scheinehen und Aktien mal streicheln...«

Jim hielt den RED BARON in respektvollem Abstand an. Direkt vor dem Hauptgebäude parkte ein schwarzer, superlanger Mercedes, dahinter zwei Cadillac-Cabrios. Eine Reihe von fünf knallrot lackierten Geländewagen parkte vor dem Bunkhouse. Und Jim glaubte zwischen zwei Gebäuden auch eine Hubschrauberlandemarkierung zu sehen. In der Tat - hier wohnte der Geldadel. Wer über einen solchen Fahrzeugpark verfügte, konnte nicht arm sein.

Er entsann sich, daß die Rancher und Farmer doch erst letztens fürchterlich gegen die neuen Wirtschafts- und Steuerprogramme zu Felde gezogen waren. Hier jedenfalls drückte der Schuh wohl noch nicht.

Sie stiegen aus.

Im gleichen Moment öffnete sich die große Eingangstür des Haupthauses. Drei Personen traten unter das Vordach.

Jim Stonewall straffte sich unwillkürlich.

Der Mann im weißen Lederanzug mußte wohl der Boss sein. Hochgewachsen, kräftig, mit dichtem, eisgrauem Haar und kantigen Gesichtszügen. Neben ihm ein Mann in Arbeitskleidung, und dahinter schob sich jetzt ein Mädchen hervor.

Himmel, wäs ein Mädchen! Jim wurden fast die Knie weich. Er schielte zu Chris. Auch der Partner war hingerissen. Das Girl war wie aus einem Traum entsprungen, schlank, bildschön und aufreizend in Jeans und Bluse gekleidet.

Der Grauhaarige hob die Hand. »Sie sind die Trucker, die meine Bullen transportieren wollen?«

»Sagen wir mal: wir könnten es sein«, sagte Jim. »Aber nur, wenn wir uns über das Geschäft einig werden, und dafür müssen wir erst einmal Einzelheiten wissen. Die Agentur hat uns nämlich nur erzählt: fahrt zu Russel’s Ranch, da gibt’s ein paar Zuchtbullen zu transportieren.«

»Okay. Samantha wird euch die Tiere zeigen. Mich findet ihr hinterher im Büro. Murdoch...?« Er nickte dem Mann in Arbeitskleidung zu, wandte sich um und verschwand wieder im Haus.

Samantha schwebte den beiden Truckern entgegen - anders konnte man ihre Art der Fortbewegung nicht bezeichnen. »Kommt mit, Jungs«, verlangte sie. Murdoch blieb in ihrem Gefolge.

»Stolpere bloß nicht über deine eigenen Füße, Chris«, murmelte Jim war-, nend. »Ich gehe jede Wette ein, daß das Girl die Tochter vom Boss ist. Wenn du...«

»Sag mal, mußt du immer alles mögliche unterstellen?« protestierte Chris, konnte aber trotzdem kaum ein Auge von dem Girl wenden. Die Jeans saß fast noch enger als die Haut und formte jede Bewegung mit, und die Bluse war so dünn und offen, daß jedem klar wurde, darunter trug Samantha nur Samantha. Mit aufreizendem Hüftschwung bewegte sie sich über den Platz, umrundete das halbe Haus und bog in Richtung Stallungen ab.

Da erst holten unsere Freunde sie ein. »Ich bin Chris«, verkündete Chris. »Und der da schimpft sich Jim.«

»Aha«, machte Samantha. »Meinen Namen habt ihr ja schon gehört. Der finstere Boy neben mir ist unser Vormann Murdoch.«

Murdoch tippte nur lässig an die Hutkrempe, öffnete ein großes Holztor und ließ Samantha den Vortritt. Jim und Chris folgten ihr. Trotz ihres aufreizenden Aussehens und ihrer Bewegungen schien Samantha ein kühler Eisberg zu sein. Chris’ hungrige Blicke ignorierte sie einfach. Jim grinste. Er gönnte seinem Partner die Abfuhr. Chris mit seinem häßlich-schönen Gesicht hatte in fast jedem Truck Stop ein Mädchen, mit dem er zumindest angab, und normalerweise flogen ihm die Girls auch zu. Aber Samantha hatte es mit Sicherheit nicht nötig, sich an einen Trucker zu verschwenden. Sie konnte in jeder Disco zwanzig Jungs haben, wenn sie nur einmal mit den Wimpern klimperte.

Nicht, daß Jim über alle Versuchungen erhaben wäre. Er war auch nur ein Mann und erst recht kein Heiliger, aber bei ihm setzte erst immer der kühle Verstand ein, und der sagte ihm, daß Samantha unberührbar war.

»Da«, sagte sie nur, streckte den Arm aus, wies auf fünf prachtvolle Zuchtbullen. Prachtvoll mußten sie wenigstens jedem Rinderzüchter erscheinen. Für Jim und Chris waren es Bullen wie jeder andere auch. Aber wahrscheinlich war für die Ranchleute auch ein Truck nur ein Truck.

Jim . hob die Brauen. »Ganz schön große Brocken.«

»Daddys ganzer Stolz«, erklärte Samantha. »Er hat sie neu gezüchtet. Wir haben noch ein paar mehr davon, aber das sind die einzigen auf der ganzen Welt. Und die anderen drei eignen sich nicht für die Zucht. Sie haben zu schlechtes Genmaterial. Diese fünf hier... sind einfach top.«

»Hm«, machte Chris. Er dachte an die Kampfstiere von damals.

»Und wir sollen diese Stiere bei den Hörnern packen und...«

»Ganz vorsichtig behandeln, Junge«, sagte eine unglaublich tiefe Stimme. Murdoch, der dunkle Vormann. »Ganz vorsichtig. Jedes von diesen Biestern dürfte gut fünfzigtausend Dollar wert sein, wenn man die Zuchtkosten zusammenrechnet. Stell dir vor, Junge, du hast fünfzigtausend Greenbacks in der Hand, wenn du eines von den Tieren anfaßt.«

»Ich bin nicht dein Junge«, fuhr Chris auf. »Stier ist Stier, und...«

Ein grobknochiger Zeigefinger traf seine Brust. »Dann ist der Job für dich gelaufen, klar?«

»Mal langsam«, wandte Jim ein. »Noch wissen wir so gut wie nichts, und wir sind nicht extra hierher gefahren, um sofort wieder umzudrehen. Was ist also mit den Tieren?«

»Sie müssen nach Texas«, sagte Samantha. »Zur Three-Tree-Ranch. Da werden sie ein paar ausgewählte Kühe decken und müssen anschließend wieder hierher zurück. Die TT-Ranch liegt bei San Angelo.«

Jim rechnete schon. »Rund neunhundert Meilen«, sagte er.

»Sie nehmen den Auftrag also an?« fragte Samantha.

Jim zuckte mit den Schultern. »Kommt auf die Bedingungen und den Preis an. Grundsätzlich sind wir nicht abgeneigt. Sonst wären wir erst gar nicht gekommen.« Es brauchte ja keiner zu wissen, daß sie wieder mal jeden Auftrag brauchten. Sie steckten in einer Flaute, die ihnen nur Unkosten, aber keinen Gewinn einbrachte. Und die Zukunft sah auch alles andere als rosig aus. Die Auftragslage wurde immer schlechter. Es gab immer weniger zu transportieren und immer mehr Trucker. Und die großen Unternehmen, die gleich viele Dutzend Trucks laufen hatten, drückten die Preise.

Einzelne, unabhängige Trucker wie die Stonewall & Morris T.C. blieben dabei zuweilen auf der Strecke.

Deshalb waren sie zur Zeit auf jeden Job angewiesen. Und eine Fracht über neunhundert Meilen brachte Geld. Es war auch nicht das erste Mal, daß sie Lebendvieh beförderten. Sogar Alligatoren hatten sie schon an Bord gehabt. Leoparden auch. Da mußte doch mit ein paar Rindern fertig zu werden sein, die noch dazu so ruhig und brav in den Boxen standen.

»Klar«, grinste Chris. »Es ist uns ein Vergnügen, dafür zu sorgen, daß die lieben Tierchen auch ihr Vergnügen haben.« Und dabei strahlte er Samantha an, als wollte er an ihr erst einmal durchprobieren, was später die Bullen unter ihresgleichen genießen sollten.

»Laß die blöden Sprüche, Mann«, sagte Samantha kühl. »Damit landest du bei mir nicht. Steigt ihr ein oder nicht?«

»Ich sagte schon, es kommt auf die Bedingungen und den Preis an«, versetzte Jim. »Aber darüber sollten wir vielleicht im Büro verhandeln.«

Mit wiegenden Hüften schritt Samantha wieder vor ihnen her und reizte Chris dabei bis zur Weißglut, während Murdoch gelassen den Stall wieder verschloß. Er schien gegen die Reize der Rancherstochter immun zu sein.

*

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DIE KLIMAANLAGE SORGTE dafür, daß es in Russels gediegen eingerichtetem Büro angenehm kühl war. Russel residierte förmlich hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, und Jim und Chris versanken in den gepolsterten Ledersesseln. Samantha saß lässig auf der Schreibtischkante.

»Normalerweise werden Rinder doch mit der Bahn befördert«, sagte Jim vorsichtig. »Das dürfte doch einfacher, zuverlässiger und für Sie auch preiswerter sein, Mister Russel.«

Der Rancher winkte ab.

»Normales Rindvieh, ja«, sagte er. »Aber das hier ist etwas Besonderes. Diese fünf Zuchtstiere sind einmalig auf der Welt. Wenn ihnen etwas zustößt...«

»Ihr Vormann hat uns Zahlen genannt«, sagte Chris.

»Es geht weniger um das Geld. Es geht um die Tiere selbst, um die ganze Züchtung. Es wird eine neue Rinderrasse. Deshalb dürfen diese Burschen auch nur mit ausgewählten anderen Longhorns gekreuzt werden, und die gibt’s nur auf der TT-Ranch bei San Angelo, Texas. Und ein Bahntransport... da kann so viel geschehen. Das Bahnpersonal ist unachtsam... es ist und bleibt Massenabfertigung. Bei Ihnen aber setze ich Individualität voraus. Sie werden sorgfältig mit den Tieren umgehen. Und vor allem wird man sie Ihnen nicht stehlen können. Trucker lassen doch niemanden an ihre Fahrzeuge heran. Bei der Bahn ist das etwas ganz anderes. Das Personal ist zu lasch.«

»Hm«, machte Jim. »Das heißt also, daß es Schwierigkeiten gibt. Sie befürchten einen Diebstahl.«

»Diebstahl, Tötung... ich habe Gegner, Konkurrenten. Sie werden versuchen, den Transport zu verhindern. Und gerade die Bahn gibt ihnen dazu alle Chancen.«

»Der Transport ist also ein Risikofall. Das erhöht den Preis«, sagte Jim. »Außerdem tragen Sie die Versicherungsprämie, Mister Russel.«

»Für die Versicherung seid ihr Tfucker zuständig. Erzählen Sie mir nichts, Mister Stonewall. Über den Risikozuschlag können wir reden. Was verlangen Sie?«

Jim überschlug die Strecke, verdoppelte den üblichen Frachttarif und rundete die Summe großzügig auf drei Nullen vor dem Komma nach oben ab. »Dazu übernehmen Sie die Versicherung und stellen den Transportauflieger.«

Russel lachte grimmig auf. »Nichts da. Die Versicherung ist Ihre Sache, das sagte ich doch schon.«

Jim erhob sich. Er stieß seinen Partner an. »Wir gehen, Chris.«

Der hatte Mühe, sich von Samanthas rassigem Aussehen loszureißen. Er wartete immer noch vergeblich darauf, daß die Nähte der knackengen Jeans in einem hübschen Moment aufplatzten. Jim grinste. Chris allein hätte sich jetzt schon einwickeln lassen. Vielleicht saß das süße Girl deshalb so aufregend hier, die Bluse bis zum Nabel offen. Jim sah aber, daß hier Geld zu holen war, und wenn sie schon das Risiko trugen, wollte er wenigstens genug Geld dafür sehen. Russel hatte Geld, ihm würde es auf tausend Dollar mehr oder weniger kaum ankommen. Trotzdem feilschte er. Vermutlich, weil’s ihm selbst Spaß machte.

Widerwillig folgte Chris seinem Partner zur Bürotür.

»Wartet mal«, rief Samantha. »Wir teilen die Versicherungsprämie.«

Jim blieb stehen und tat so, als müsse er nachdenken. »Wie hoch ist sie denn? Was sagt die Versicherung?«

»Zwei Prozent des versicherten Wertes.«

»Das sind nach Adam Riese und Eva Zwerg fünftausend Dollar, durch zwei macht zweitausendfünfhundert. Wir sind doch nicht irre. Das ist die ganze Fracht nicht wert. Suchen Sie sich einen anderen Dummen.« Er öffnete die Tür und schickte sich an, das Büro zu verlassen.

Dabei wartete er auf den nächsten Rückruf.

Aber der kam nicht.

Na dann, dachte Jim gleichmütig. Was soll’s? An der Fracht wäre unter diesen Umständen wirklich kaum etwas zu verdienen gewesen. Kaum mehr als die Unkosten. Dafür brauchten sie keine neunhundert Meilen zu fahren und das Risiko eines nächtlichen Überfalls auf sich nehmen. Da konnten sie auch Industrieverkehr zwischen Kansas City und Topeka machen.

»Wir sollten nicht so schnell gehen«, murmelte Chris verbissen. »Die geben noch nach. Da ist noch was zu holens Diese verdammte Versicherungsprämie...«

»Kannst du vergessen«, sagte Jim. »Wir zahlen die nicht! Da muß Russel eben sehen, wer ihm die Viecher fährt. Vielleicht steigt Barclay ins Geschäft ein. Ich meine, einen von seinen Trucks auf dem Frachthof gesehen zu haben, ganz weit hinten...«

»Steve Barclay‘- ist doch selbst ein Rindvieh«, lästerte Chris. »Wir...«

»Warten Sie, Gentlemen«, rief Russel hinter ihnen. Er stand in der Bürotür. »Wir machen es andersherum. Ich übernehme die Versicherung, und Sie stellen den Auflieger.«

Chris lachte schallend auf.

»Oh nein«, sagte er. »Wissen Sie was, Mister Russel? Lassen Sie nicht ihre wertvollen Kühe befördern, sondern nur deren Samen. Abzapfen, der Kuh in Texas einspritzen... fertig ist die Besamung.«

»Wir schätzen diese künstliche Besamung nicht«, warf Samantha im Hintergrund ein, was Chris zu einem unverschämten Feixen veranlaßte; er sah’s wieder mal sehr persönlich. »Es schadet der Psyche der Tiere.«

»Ach, haben die sowas Kompliziertes?« brummte Chris.

»Unterschreiben Sie den Vertrag«, drängte Russel. »Die Tiere müssen weg. Ich gehe auf Ihre Bedingungen ein.«

»Gut. Sie zahlen Tarif und Risikozuschlag, stellen den Auflieger und übernehmen die Versicherung«, stellte Jim klar.

»Das geht so in Ordnung, Gentlemen.«

Die Vorarbeiten dauerten nicht lange. Russel mußte wohl schon damit gerechnet haben, daß er den Auflieger würde stellen müssen. Jedenfalls konnte der RED BARON noch am Abend den Tiertransporter aufsatteln. Äußerlich unterschied er sich in nichts von einem normalen Cattle-Trailer, Drinnen befanden sich fünf große Boxen für die Zuchtbullen, genügend Futter- und Wasservorräte in entsprechenden Behältern, und ein Gebläse sorgte für Frischluft und annehmbare Temperaturen.

»Fahren Sie bloß vorsichtig«, brummte Russel. »Nicht, daß Sie eines der berüchtigten Trucker-Rennen fahren und den Auflieger umschmeißen.«

»Für wie dämlich halten Sie uns Trucker eigentlich so allgemein?« fuhr Chris auf. »Mal ganz nebenbei gefragt: wer füttert die Tiere?«

»Sie!« ordnete Russel an. »Dafür bekommen Sie noch hundert Dollar extra.« Er fischte den großen Schein locker aus der Tasche seiner Lederjacke und drückte ihn Chris in die. Pranke. »Ohne Quittung und unversteuert. Lassen Sie sich den Auflieger nicht abnehmen, behandeln Sie die Tiere gut... in vier Tagen müssen sie in San Angelo sein.«

»Schaffen wir«, verkündete Chris. »Das ist mehr Zeit, als wir jemals hatten. Da können wir sogar noch Umwege fahren...«

Jim winkte ab. »Laß uns trotzdem jetzt schon starten, Partner. Je eher wir weg sind, desto eher können wir die Viecher abliefern.« Er faltete die Zielbeschreibung zusammen, legte sie zu den Frachtpapieren und kletterte hinter das Lenkrad des RED BARON. Chris folgte nur zögernd. Aber dann waren sie unterwegs, rollten dem Highway entgegen.

»Warum hast du es denn so furchtbar eilig?« wollte Chris wissen. »Ich hatte gehofft, Russel würde uns noch zum Abendessen einladen. Jetzt steht uns schon wieder der Fraß im Truck Stop . bevor...«

»Mann, wann siehst du endlich ein, daß du bei Samantha nicht landen kannst? Die hat sich nur so wild herausgeputzt, um uns abzulenken. Russel wollte den Preis drücken und uns mit der Versicherung hereinlegen. Und sein süßes Töchterlein sollte uns den Kopf verdrehen, damit wir’s nicht merken. Wir hätten gelöhnt und nichts gehabt außer Spesen. Der alte Vogel ist nicht umsonst so stinkreich. Nur wenn du die Leute von vorne bis hinten bescheißt und Geld hortest, statt es auszugeben, wirst du reich. So ist Rockefeiler zu seinen Milliarden gekommen, und nur so hat sich auch Russel seine Ranch erwirtschaftet. Bloß bei uns klappt das nicht.«

»Ja, Mann, schon gut«, brummte Chris. »Aber ich habe wirklich nur ans Essen gedacht., Kannst du mir nicht ein einziges Mal Glauben schenken?«

Jim grinste ihn an. »Nein«, verkündete er fröhlich.

»Du rechnest dir aus, wir hätten viel Zeit, nicht wahr?« sagte er nach einer Weile. »In vier Tagen erst brauchen wir in Texas zu sein... vier Tage für neunhundert Meilen sind lächerlich. Aber morgen sind es nur noch drei Tage, Chris. Und wir haben doch schon oft genug Zeit gehabt, und dann passierte dies und das, und plötzlich hingen wir hinter dem Limit und mußten uns etwas einfallen lassen... Ich werde den Teufel tun, auch nur eine Minute zu verschenken. Mit dieser Fuhre kommen wir endlich wieder mal auf unseren Schnitt. Ein Satz neuer Reifen ist allemal drin. Und je eher wir in San Angelo sind, um so eher kommen wir auch an den nächsten Auftrag. Klar?«

»Ja, klar«, murrte Chris.

Jim passierte den Lake Shawnee, unterfuhr den Highway 75 und ging auf den 470, um zum Truck Stop südlich der Stadt zu kommen. Auftanken, einen Happen essen... und dann würde es auf die lange Reise nach Süden gehen.

Mit Russels Rindern.

*

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»JA, MANN, WENN ICH es dir sage«, knurrte Murdoch. »Ein brandroter German Truck, ein Cabover. RED BARON nennen sie ihn. Das Ding ist so auffällig, auffälliger geht’s gar nicht mehr. Ihr könnt ihn überhaupt nicht verfehlen.« Der Mann, der ihm in dem kleinen Imbiß gegenübersaß, verzog das Gesicht. »Bei Nacht sind alle Katzen grau, Murdoch. Und da sehen sich auch Trucks verdammt ähnlich. Wissen die Trucker, was auf sie zukommt?«

»Russel hat’s ihnen in leuchtenden Farben ausgemalt. Sie werden aufpassen.«

»Das werden wir schon verkraften. Hauptsache, wir wissen, was die wissen. Wie sieht der Auflieger aus?«

»Stinknormal. Da kann alles drin sein, Säue, Schafe, Rinder. Das Ding ist silbergrau und unbeschriftet. Russel setzt auf Unauffälligkeit. Sein Pech, daß ein so auffälliger Truck davorhängt.«

»Ja«, sagte der andere gedehnt. »Du hörst wieder von uns, wenn es geklappt hat, Murdoch.« Er legte die Hand auf den kleinen Tisch. Als er sie wieder zurückzog, sich an die Hutkrempe tippte und sich verabschiedete, lagen dort zwei Geldscheine. Murdoch brauchte nicht nachzuzählen. Er wußte, daß der vereinbarte Betrag stimmte.

Grinsend steckte er die Scheine ein. Judas hatte sich noch mit dreißig Silberlingen zufriedengegeben. Aber der hatte ja auch keine Informationen über wertvolle Zuchtbullen verkauft.

*

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»ALSO HAB’ ICH DOCH richtig gesehen auf dem Frachthof«, sagte Jim. »Barclay ist hier. Die Welt ist klein.«

Er deutete auf den blauen Kenworth W 900, der gerade die Zapfsäulenstraße verließ und zum Parkplatz hinüberrollte. Chris griff zum Mikrofon, ging auf Kanal 19 und rief durch. »RED BARON an HIGHWAY RIDER... habt ihr uns noch ein'paar Fingerhüte voll Suppe übriggelassen?«

Ein Heulen, das an einen hungrigen Wolf vor Rotkäppchens Haustür erinnerte, erklang. »Das Stinktier muß Morris sein! Was macht ihr in dieser abgelegenen Ecke? Zwei Liter haben wir euch gelassen, geht sparsam damit um...«

»Okay, wir sehen uns gleich«, beendete Chris das recht kurze Gespräch. Jim stellte den M.A.N neben den Zapfsäulen ab, um die Tanks aufzufüllen. Chris schielte zur Waschanlage hinüber. Der Betrieb war um die späte Abendstunde nicht mehr umwerfend, sie hatten also gute Chancen, schnell fertigzuwerden. Er beschloß, abzusatteln und den RED BARON durch die Waschstraße zu fahren.

»Okay, dann bleibe ich so lange beim Auflieger«, sagte Jim.

»Meinst du, daß den einer klaut?«

»Wenn er solo hier steht - sicher. Wenn er aufgesattelt ist, macht das schon wesentlich mehr Mühe, weil erst die Zugmaschine geknackt werden muß.« Der Diesel strömte durch den zuckenden Tankschlauch. Jim bezahlte mit Scheck und lenkte den Truck zum Parkplatz hinüber. Hier standen gut vierzig Trucks; der Betrieb war offenbar enorm. Gerade rollte auch der blaue Barclay-Kenworth ohne seinen Auflieger in Richtung Waschanlage. Jim und Chris koppelten ab, und Chris schloß sich Barclay an.

Als er den RED BARON frisch gesäubert wieder nach draußen lenkte, stand Steve Barclay breitbeinig neben seinem Ken und winkte. Chris stoppte ab und stieg aus. »Habt ihr’s eilig?«

»Nicht direkt. Aber wir müssen übermorgen früh in San Angelo sein, werden also nur einen kleinen Imbiß einnehmen. Die Strecke soll von Smokeys wimmeln. Die haben wieder mal eine große Sache vor, scheint mir.«

»Wo ist Barry?«

»Drinnen. Bunkert schon mal Vorräte.«

Chris kratzte sich am Kinn. Die Stoppeln sprießten schon wieder herrlich. Eine erfrischende Dusche, eine Rasur, ein gutes Essen... und dann gemütlich in die Nacht hineinfahren...

Plötzlich rastete etwas bei ihm ein.

»San Angelo, Texas?« hakte er nach.

»Erraten.«

Chris pfiff langsam ein paar Takte von .Country Road.‘ »Da müssen wir doch auch hin. Wir könnten zusammenbleiben.«

»Was habt ihr denn da unten zu tun? Fahrt ihr Öl nach Texas?« Steve grinste breit.

»Öl nicht - aber Hornvieh. Und hol mich der Teufel... ich habe da eine Idee. Kommt drauf an, ob ihr mitzieht...«

»Eine Idee? Wenn du Ideen hast, fällt anderen Leuten doch immer irgendwas auf den Kopf«, brummte Steve.

Zusammen mit Barry Winwood fuhr er einen der drei Trucks seines Vaters. Der alte Barclay saß am Schreibtisch und holte die Aufträge herein. Barclay und das RED BARON-Team waren ständige Konkurrenten, aber wenn es hart auf hart ging, packten sie die Sache auch gemeinsam an.

»Was habt ihr für einen Auflieger? Beschriftet? Neutral? Farbe?«

»Hm. Silbergrau, unbeschriftet. Wie ihr auch. Die scheint es hier in größeren Mengen zu geben.«

»Paß auf. Laß uns die Auflieger tauschen. Wir haben gerade beide abgesattelt, das müßte also prima hinhauen. Es kann nämlich sein, daß wir auf der Strecke Besuch bekommen und uns einer unsere Fracht abnehmen will. Wenn wir aber dann ’was ganz anderes an Bord haben, kommen die erwarteten Jungs ins Grübeln und fallen auf die Schnauze.«

»Nichts da«, wehrte Steve ab. »Auf irgendwelche krummen Sachen lassen wir uns nicht ein. Da ist doch was oberfaul. Was ist, wenn sie uns eins auf die Schnauze geben?«

»Kaum. Solange ihr nicht an die große Glocke hängt, daß ihr unsere Ladung fahrt. Wir bringen euch dafür euren Kram mit. Und in San Angelo laden wir wieder vergnügt um.«

»Was springt dabei für uns heraus?« wollte Steve vorsichtshalber schon mal wissen. Er ging ungeyn ein Risiko ein, aber wenn es etwas dabei zu verdienen gab, konnte man zumindest mal drüber reden.

»Das müssen wir alle zusammen aushandeln«, sagte Chris, dem die Geldforderung weniger gut gefiel. »Schon mal was von Partnerschaftshilfe gehört? Laß uns ’rüberfahren, Jim steht bei unserem Auflieger Wache. Und da handeln wir die Sache aus, bevor wir aufsatteln, okay?«

»Wir warten, bis Barry kommt«, wich Steve aus.

Wenig später tauchte Barry Winwood auf, eine Plastiktüte voller Lebensmittel, Zigaretten und anderer Dinge. Er hörte sich Chris’ Vorschlag stirnrunzelnd an.

»Mal sehen«, brummte er.

Sie fuhren hinüber.

Jim schüttelte den Kopf. »Du bist ein verrücktes Huhn, Chris. Glaubst du tatsächlich, daß jemand uns den Auflieger abnehmen will?«

»Bei dem Theater, was Russel gemacht hat? Sicher ist sicher. Und da wir denselben Weg haben, kann uns allen doch gar nichts passieren.«

»Bloß, wenn sie bei euch nicht fündig geworden sind, jagen sie hinter uns her«, gab Steve zu bedenken.

»Aber bis dahin haben wir euch einen unaufholbaren Vorsprung verschafft«, trompetete Chris vergnügt. »Ihr brettert los wie die Teufel, und wir fahren langsam. Dann sollen sie euch erst mal einholen.«

»Aber ihr müßt auch Zusehen, daß ihr voran kommt. Unsere Fracht muß übermorgen früh am Ziel sein. Und es wimmelt von Smokeys, sagt man. Ist also nichts mit Schnellfahren.«

»Mal sehen«, brummte Jim. »Grundsätzlich bin ich trotzdem für den Austausch.«

»Wir auch. Reden wir übers Geld. Was kriegt ihr denn so für die Fracht?«

»Zu wenig«, sagte Chris schnell.

»Also über Tarif«, schmunzelte Barry Winwood. »Sagen wir... zehn Prozent vom Reingewinn fällt für uns ab, ja?«

»Macht zwei Dollar dreißig Cent«, grinste Chris und langte nach seinem Geld. »Da, nimm schon mal...«

»Mein Sohn, ich will die echten Zahlen sehen«, gab Barry trocken zurück. »Zehn Prozent vom echten Reingewinn. Dann steigt die Sache.«

Jim und Chris sahen sich an.

»Einverstanden.«

Sie sattelten um. »Füttern müßt ihr sie aber auch«, sagte Chris und dachte an die hundert Dollar extra, die in seiner Tasche steckten. Er öffnete den Auflieger und ließ Steve und Barry einen Blick auf die Stiere werfen. »Sehen die nicht hübsch aus? Und behandelt sie vorsichtig. Nicht, daß ihr eines von den berüchtigten Trucker-Rennen fahrt und den Auflieger umschmeißt...«

»Ich schmeiße dich gleich um«, drohte Steve. »Bist du neuerdings unter die Spinner gegangen? Okay, wir füttern, aber daskostet euch einen Hunderter extra.«

»Schon mal was von Unverschämtheit gehört? Der Stundenlohn ist doch wohl ein bißchen zu hoch!«

»Dann satteln wir wieder um, und ihr fahrt eure Kühe selber nach Texas. So ein Blödsinn überhaupt, Zuchtbullen mit Trucks zu transportieren. Wofür gibt es eigentlich die Bahn? Die haben doch Spezialwaggons für den Viehtransport.«

»Russel hat da seine eigenen Ansichten. Die Bahn ist ihm zu unsicher.«

»Da hat er natürlich recht. Es gibt nichts zuverlässigeres als einen Barclay-Truck«, gestand Steve Barclay. »Wie ist das mit der Fütterungsprämie?« Zähneknirschend zückte Chris zwanzig Dollar. Steve ließ sie kommentarlos verschwinden. »Okay, und jetzt dürft ihr uns allen noch ein Abendessen ausgeben, ja?«

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SIE WAREN GERADE FÜNF Minuten im Restaurant verschwunden, als ein dunkler Oldsmobile vom Highway kommend auf den Truck Stop zurollte. Langsam glitt der Wagen auf den Parkplatz, und die Lichtkegel der Scheinwerfer strichen Über die lange Reihe der abgestellten Trucks.

»Da«, sagte der Beifahrer. »Der rote German Truck. Es stimmt also.«

»Was Murdoch sagt, stimmt immer. Der Mann will ja schließlich noch mehr Geld verdienen«, gab der Fahrer zurück.

»Schnappen wir sie uns hier sofort?«

»Nein. Zu gefährlich. Schau dir das an. Hier müssen wenigstens fünfzig Trucker sein, und die halten doch alle zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn nur eines von den Biestern das Maul aufreißt, haben wir die ganze Truppe auf dem Hals. Nein... wir packen sie draußen auf dem Highway, wo sie keine Unterstützung haben. So weit draußen in der Einsamkeit wie nur möglich. Wir brauchen ja nur noch dranzubleiben.«

Die anderen drei Männer im Oldsmobile brummten Zustimmung. Langsam rollte die Limousine weiter und blieb schließlich nahe der Ausfahrt stehen, wo es zum Highway-Zubringer ging. Die Lichter erloschen; der Olds war ein Schatten in der Dunkelheit.

Der Rinder-Truck mußte hier vorbei, und dann brauchten sie ihm nur noch zu folgen. Und nichts war einfacher als das.

*

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EINE STUNDE SPÄTER verließen die beiden Trucks die Parkfläche und rollten an dem Oldsmobile vorbei. Niemand achtete auf den Wagen. Barry Winwood, der den Barclay-Kenworth fuhr, drückte schon auf dem Highway-Zubringer aufs Tempo. Der RED BARON ließ sich Zeit. Sie hatten beschlossen, durch Kansas und Oklahoma auf getrennten Wegen zu fahren. Viele Wege fuhren nach Texas. Und nun sollten etwaige Viehdiebe dann ruhig alle Highways absuchen. Zu leicht wollten sie es ihnen nun doch nicht machen.

Unbeleuchtet rollte auch der Oldsmobile Augenblicke später an und hängte sich in gebührendem Abstand hinter die beiden Trucks, die hier noch zusammen fuhren, sich aber stetig voneinander entfernten. Erst draußen auf dem Highway schaltete der Fahrer die Scheinwerfer an.

Er blieb weit zurück.

Der rote M.A.N konnte ihm nicht entkommen.

*

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CHRIS MORRIS PFIFF ein Liedchen vor sich hin. Ruhig fraß der RED BARON die Meilen. Die Maschine lief wie ein Uhrwerk. Nichts deutete auf Schwierigkeiten hin. Die Scheinwerfer stachen wie zwei bleiche Finger in die Nacht hinaus. Das Radio war stumm, auch die CB-Box. Nur leises Rauschen kam durch.

Funkstille auf allen Kanälen.

Offenbar hatte niemand das Bedürfnis, sich zu unterhalten.

Sie waren zügig gefahren. Niemand hielt sie auf. Sie hatten den Highway 70 genommen, der sie Über einen kleinen Umweg führte. Junction City lag hinter ihnen. In den zwei verflossenen Stunden hatte Chris fast hundert Meilen gemacht. In spätestens einer Viertelstunde, so rechnete er, mußte Salina vor ihnen auftauchen. Dann ging es nach Süden, Über den Highway 35-West, der erst unten bei Wichita auf den alten Highway 35 traf. Der führte direkt von Kansas-City nach Wichita, und auf dieser Diagonalen fuhr Steve Barclays HIGHWAY RIDER.

Chris freute sich bereits auf den 35-West. Die Strecke war erst ein paar Jahre alt und dementsprechend gut erhalten. Eine saubere, glatte Asphaltdecke, noch recht wenige Schlaglöcher und Unebenheiten... da konnte er den RED BARON gut und gerne mit siebzig Meilen laufen lassen, ohne sich groß auf die Strecke zu konzentrieren - solange keine .Picture-Takers' irgendwo am Straßenrand standen, die Smokeys mit ihren Speedy-Guns, die Tempokontrolle machten.

Vorsichtshalber würde er vorher eine Anfrage über Funk loslassen, ehe er zulangte, denn trotz allen Spaßes am Fahren war er nicht daran interessiert, ,Eilzuschlag‘ zu bezahlen oder gar seine Lizenz in diesem Staat loszuwerden.

Jim hatte sich nach hinten verkrochen und war allen vernehmbaren Geräuschen nach eingeschlafen. Für einen Trucker schläft es sich nirgendwo ruhiger als auf der Pritsche eines zügig dahinrollenden Trucks. Das ist wie bei den Seeleuten - die werden auch nur dann wach und unruhig, wenn die Schiffsmaschinen nicht laufen.

Ein paar Hinweisschilder...

Chris rollte daran vorbei. Hier, kurz vor Salina, wurde er langsamer. Die Nacht war noch nicht weit genug vorangeschritten, daß nicht vielleicht ein paar Smokeys unterwegs Waren und .Abschüsse‘ sammelten. Es war schon zu nah an der Stadt. Und in der Nähe größerer Orte hielten sie sich bevorzugt auf dem Highway auf - nahe dem Heimatbüro und allzeit bereit, allzu hurtige Trucker abzufangen, die kurz vor der Stadt noch mal auf die Tube drückten, um die Fracht noch vor Terminschluß loszuwerden.

Manchmal kam es Chris vor, als habe Uncle Sam die Highway-Streifen nur und ausschließlich zum Zwecke der Geldbeschaffung eingesetzt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 55 Meilen pro Stunde, die Präsident Carter den USA im Zuge der damaligen staatlich verordneten Energiekrise aufgezwungen hatte, war für die Katz’. Kaum jemand hielt sich daran, und schnelle Four-Wheeler hatten gute Chancen, den heute schwächer als früher motorisierten Patrol Cars zu entwischen. Bei den Trucks sah es anders aus. Da lief keiner den Smokeys davon. Andererseits kostete die 55-Meilen-Grenze auf den langen Strecken unheimlich viel Zeit. Fünf Meilen mehr konnten schon einen halben, manchmal einen ganzen Tag einsparen.

Da kam im Rückspiegel auch einer ’herangefegt, der wohl einen verlorenen Tag aufholen wollte. Ein Four-Wheeler. So schnell, wie der herankam, mußte er satte hundert Meilen drauf haben, wenn nicht noch mehr. Chris grinste. Wenn jetzt die Smokeys irgendwo weiter vorn lauerten, war der Junge seine Lizenz los.

Oder schneller als die Smokeys.

Der vorbeizischende Wagen entpuppte sich als dunkler Oldsmobile Regency neuerer Bauart. So schnell, wie er gekommen war, verschwand er wieder in der Dunkelheit voraus. Chris sah die Rücklichter in der Ferne verglimmen.

Tauchte Salina noch bald auf? Er schaute sich die Augen aus nach der dünnen Lichtglocke, wie sie nachts über den Städten zu liegen pflegte. Aber offenbar waren es doch ein paar Meilen mehr, als er berechnet hatte. Er fragte sich, wie es Barclay und Winwood mit den Rindern im Auflieger erging.

Zwei Meilen weiter tauchte ein Schatten in der Dunkelheit auf. Unbeleuchtet! Chris riß Mund und Augen auf. Der Oldsmobile stand quer auf dem Highway und sperrte die Strecke!

Chris überlegte blitzschnell. Sicher, er konnte auf die Bremse steigen. Aber der Olds stand mit Sicherheit nicht umsonst quer. Wenn er parken wollte, weil sein schneller Fahrer einem Bedürfnis nachgehen müßte, konnte er das auch auf dem Schotterstreifen machen. Das hier war eine Sperre!

Nicht mit mir, dachte Chris erbost. Also hammer down und dran vorbei!

Dem Schotterstreifen traute er bei Dunkelheit nicht. Da wollte er nicht vorbei. Wenn das Zeug unbefestigt war, rutschte er ab und kippte bei seinen fast sechzig Meilen um. Da half ihm auch der Allradantrieb des RED BARON nicht. Der Auflieger war zu schwer. Der mußte bis in den letzten Winkel vollgepackt worden sein.

Der Highway besaß durchgehend zwei Fahrstreifen für jede Richtung. In der Mitte ein schmaler Grünstreifen. Der war sicherer. Chris ging also nach links. Gleichzeitig griff er nach oben und riß an der Leine. Die Signalhörner auf dem Dach brüllten los.

Das weckte Jim auf der unteren Koje. »Mann, bist du von Sinnen?« ächzte er.

»Zähne festhalten«, zischte Chris und riß am Lenkrad, um auf die Gegenbahn zu kommen. Aus Richtung Salina kam ein Lichtpunkt, er gefährdete also niemanden. Im Scheinwerferlicht sah er ein paar dunkel gekleidete, hastende Gestalten.

Der RED BARON rumpelte über den Grünstreifen.

Es gab ein paar heftige Rucke. Die mächtigen Räder gruben sich in lockeren Boden. Für einen Augenblick befürchtete Chris, der M.A.N würde sich festgraben, aber das Tempo war doch zu hoch.

Da bewegte sich auch der Oldsmobile, die Straßensperre auf Rädern!

Mit einem wilden Satz fegte der Olds ebenfalls über den Grünstreifen auf die andere Seite.

Chris riß erneut an den Signalhörnern.

Er reagierte wie ein Automat. Wieder zurück konnte er nicht mehr. Dazu war er schon zu nah dran und auch zu schnell, weil er nicht gebremst hatte. Der Bremsweg war inzwischen auch schon viel zu kurz geworden. Wenn er den Olds nicht rammen wollte, mußte er auf der anderen Highway-Seite die Schottenböschung ’runter.

Aber warum eigentlich?

Chris entschied sich blitzschnell für das Nächstliegende. Er rammte den Oldsmobile. Wenn’s dem Knaben in dem Skateboard gleich dreckig ging, war das sein eigenes Problem. Immerhin hätte er sich dem heranrasenden Truck ja nicht in den Weg stellen müssen. Er hätte ja brav auf seiner Highway-Seite bleiben können. Es gab einen heftigen Schlag, ein dumpfes Krachen, Knirschen, Kreischen. Jim, der gerade nach vorn klettern wollte, landete zwischen den Sitzen auf der Motorabdeckung. Er sah rechts unten etwas Dunkles herumwirbeln, dann krachte es wejter hinten noch einmal. Der RED BARON ruckte noch einmal und rollte dann weiter.

Chris verlangsamte das Tempo etwas und überquerte den trennenden Grünstreifen ein weiteres Mal, bis er wieder auf .seiner’ Seite war. Dann trat er das Gaspedal wieder durch.

»Du mußt wahnsinnig geworden sein«, stöhnte Jim und hielt sich den linken Ellenbogen, mit dem er am Fahrersitz angeschlagen war. Er wuchtete sich in den Shotgun-Sitz und starrte in den rechten Außenspiegel. Aber in der Dunkelheit hinter dem Truck war nichts zu erkennen.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913484
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
ps-jim rancher russels rinder

Autor

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Titel: 320 PS-Jim #84: Rancher Russels Rinder