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320 PS-Jim #92: Shotgun Smokey

2017 120 Seiten

Leseprobe

320 PS-Jim #92: Shotgun Smokey

Wolf G. Rahn

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Wolf G. Rahn

Shotgun Smokey

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Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© Roman by Author, Titelbild Steve Mayer, Serienrechte “320 PS-JIM” by Olaf Dietsch, Erbe von Werner Dietsch

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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Seit die Strecke zwischen Rocky Ford und Las Animas ausgebaut war, drehten sie alle auf, als ob sie eine Rennpiste unter ihren Rädern hatten. Verfluchte Bande! Der Teufel sollte sie allesamt holen, in einem Stück fressen und wieder auskotzen, damit er sie über dem Feuer ganz langsam rösten konnte.

Sheriff Towbridge war stocksauer. Nichts Ungewöhnliches. Wer ihn kannte, kannte ihn eigentlich nur in saurer Verfassung. Ein Gurkenglas war dagegen süß wie Ahornsirup.

Towbridge hatte aber auch allen Grund dazu. Jedenfalls vertrat er diese Ansicht. In seinem District hatte gefälligst Ordnung zu herrschen. Auf wen fiel es denn zurück, wenn die Unfallquote stieg? Natürlich auf den Sheriff. Auf wen sonst?

Sein Häuschen stand in Sichtweite zur Interstate 50. Ein schmuckes Häuschen. Er konnte stolz darauf sein. Und selbstverständlich auch glücklich und zufrieden, zumal er sich vor acht Jahren die hübsche Angie geangelt und gemeinsam mit ihr zwei entzückende, wenn auch nicht immer ganz brave Lausejungen zustande gebracht hatte.

An diesem Tag starrte Towbridge verdrossen aus dem Fenster.

Drüben huschten die silbernen Schatten der Trucks und Überlandbusse vorbei. Die niedrigen Personenwagen konnte er wegen der Büsche nicht erkennen. Die interessierten ihn auch weniger. Am meisten hatten ihn schon immer die Trucker geärgert. Absichtlich natürlich. Jeder Trucker kannte nur ein Ziel: er wollte den Polizeiorganen das Leben so schwer wie möglich machen.

»Was machst du denn da, Dad?«

Towbridge ließ vor Schreck fast die Stoppuhr fallen. Er hatte die Jungen nicht kommen hören. Zu sehr war er in Gedanken versunken gewesen.

Slim und Randy sprangen ihrem Vater auf die Knie und rieben ihre schmutzigen Gesichter an seinen Wangen. Ihre Finger waren klebrig. Das störte sie aber nicht. Die konnte man ja so herrlich an Dads Weste abwischen.

»Es ist gleich drei Uhr«, krähte Slim, der Sechsjährige.

»Ich weiß, Großer«, versicherte Towbridge.

»Warum starrst du dann so lange auf die Uhr?«

»Das ist keine normale Uhr.«

»Eine unnormale?« wunderte sich Slim.

»Eine Stoppuhr. Damit kann man die Zeit ganz genau messen.«

»Wozu?« wunderte sich der blonde Randy, der ein Jahr jünger war als sein Bruder. »Mam ist sowieso noch nicht mit dem Kakao fertig.«

Towbridge verzog sein Gesicht zu einem gequälten Grinsen.

»Es ist nicht wegen des Kakaos. Ich prüfe, wie schnell die Autos dort drüben fahren. Wie soll ich dir das erklären? Siehst du da links die Reklametafel mit der blonden Frau drauf?«

»Toller Feger!« strahlte Slim. Towbridges Augen traten aus den Höhlen. »Woher hast du diesen Ausdruck?«

»Von Onkel Charly. Der sagt immer so ulkige Sachen.«

Towbridge verkniff sich einen Kommentar. Mit Charles mußte er mal ein paar ernste Takte reden. Seine Ausdrucksweise, besonders im Beisein der Jungen, war wirklich katastrophal.

»Was ist nun mit der Stopfuhr?« bohrte Randy.

»Stoppuhr«, korrigierte sein Vater. »Von dieser Tafel also bis zu der Notrufsäule ist es genau eine Viertelmeile. Das habe ich selbst ausgemessen.«

»Wozu?«

Das war Randys Lieblingsfrage. Sie erforderte von ihm weder Kraft noch Gedankenarbeit und konnte seinen Gesprächspartner so herrlich zur Verzweiflung bringen. Er mußte sie nur oft genug stellen.

Noch blieb Towbridge geduldig. Randys Spezialbefragung war ihm immer noch lieber als der Ärger mit der Truckerbande.

»Ganz einfach, Boß. Auf unseren Straßen darf man normalerweise in einer Stunde fünfundfünfzig Meilen weit fahren. Wer schneller fährt, macht sich strafbar.«

»Es macht Spaß, ganz schnell zu sausen«, verriet Slim verschmitzt. »Neulich bin ich auf meinen Rollerskates so schnell wie eine Rakete gewesen.«

»Gegen Raketen habe ich auch nichts, solange sie von unseren Straßen wegbleiben. Aber wehe, ich erwische so ein Ding mit Rädern, das schneller ist als erlaubt, dann...«

»Rennst du denn eine Stunde lang neben ihm her, Dad?« staunte Slim.

»Das ist nicht nötig. Ich weiß ja, daß man für eine Viertelmeile ungefähr sechzehn Komma vier Sekunden braucht, wenn man sich an die Vorschriften hält. Wer die Strecke zwischen dem tollen F... äh, zwischen der Tafel und dem Telefon schneller schafft, der muß bestraft werden. Alles klar, Jungs?«

»Alles klar, Captain«, sagte Slim ernsthaft.

Nur Randy war noch immer nicht zufrieden.

»Wie bestrafst du ihn dann, Daddy? Läufst du hinterher? Den holst du bestimmt nicht mehr ein. Höchstens, wenn du Slims Rollerskates nimmst.«

Sheriff Towbridge machte ein Gesicht, als hätte er in eine unreife Zitrone gebissen. Der Kleine hatte zielsicher den schmutzigen Finger in seine offene Wunde gelegt. Es war ihm unerträglich, von hier aus nichts gegen die Verkehrsrowdies tun zu können.

Er konnte schließlich nicht überall gleichzeitig sein. Und seine Leute waren ganz einfach zu lasch. Wenn er die mit dem Radar losschickte, pennten sie lieber im Dienstwagen und ließen die Trucks ungehindert an sich vorbeirasen.

Was ihm fehlte, war ein wirklich guter zweiter Mann, auf den er sich hundertprozentig verlassen konnte. Aber wo bekam man so einen heutzutage noch her?

Er hatte sich schon überall umgehorcht. Ja, er hatte sogar dem Gouverneur schon mit seinem Problem in den Ohren gelegen. Doch was interessierten so ein hohes Tier die Sorgen eines kleinen Sheriffs vom Otero-County?

Ganze Listen hatte er schon vollgeschrieben. Er konnte beweisen, daß siebenundfünfzig Prozent der Halunken wie die Irren an seinem Haus vorbeirasten. Er war sicher, daß sie es hauptsächlich deshalb taten, weil sie wußten, daß hier ein Sheriff wohnte.

Die Bande hatte ja so viele Tricks auf der Pfanne. Man müßte ihr nur auf die Schliche kommen.

Randy rutschte von seinen Knien herunter.

»Wenn ich groß bin, kaufe ich mir auch eine Stopfuhr«, verkündete er strahlend, während sich Slim genau erklären ließ, wie so ein Ding funktionierte.

Als aus der Küche der Ruf: »Kakao ist fertig!« erklang, waren die Jungen nicht mehr zu halten. Sie wirbelten durch die Tür und ließen einen zerknirschten Daddy zurück.

Towbridge erhob sich seufzend und bettete die Stoppuhr in dem blauen Samtkästchen. Zwei Wochen noch, dann würde er seine gesammelten Aufzeichnungen dem Gouverneur schicken. Das war ein letzter Vorstoß.

Der Sheriff folgte seinen Jungen. Auch ihm schmeckte Angies Kakao. Er trank ihn nur bitterer als Slim und Handy.

Angie säh ihren Mann prüfend an, sagte aber nichts. Sie machte sich Sorgen. Keith kannte überhaupt keinen Feierabend. Selbst an seinen freien Tagen ließ ihn der Beruf nicht los.

Die Jungen konnten auch beim Kakaotrinken nicht stillsitzen.

Strafend blickte sie ihr Vater an.

Sein Blick versteinerte sich. Er deutete auf die Papiertüten, die die beiden stolz auf den Köpfen trugen.

»Was ist das?«

»Helme, Dad«, gab Slim stolz Auskunft. »Selbst gebastelt.«

»Und woher habt ihr das Papier?«

»Aus deinem Zimmer«, krähte Randy. »Aber keine Angst. Es war nicht mehr neu, sondern schon ganz vollgeschrieben. Aus den anderen Blättern haben wir Schiffe gefaltet. Die gehen aber so schnell unter. Das Papier taugt nichts.«

»Was hast du denn, Keith?« fragte Angie besorgt. Ihr Mann war auf einmal ganz grün im Gesicht.

»Nichts«, stammelte Towbridge. »Überhaupt nichts. Es waren nur die Listen, an denen ich wochenlang geschrieben habe und die jetzt den Bach hinunterschwimmen. Es sollte mich nicht wundern, wenn dein Bruder Charles die beiden angestiftet hätte.«

»Aber Keith! Wie kannst du so etwas behaupten?«

»Ach, der Teufel soll sie alle...«

Und damit war er wieder beim Thema.

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»ES IST DOCH IMMER dasselbe«, maulte Chris Morris und schaltete einen Gang höher. »Die Burschen lassen sich ewig Zeit bei der Produktion, und wir können dann dafür sorgen, daß der Liefertermin eingehalten wird. Plötzlich wird der Kram eilig.«

»Die Betten sind für ein Krankenhaus in Pueblo«, erläuterte sein Partner Jim Stonewall, der gelangweilt in einem Trucker-Magazin blätterte und wie ein Walroß gähnte. »Der Gouverneur selbst wird das Hospital morgen einweihen. Wäre doch schlecht, wenn dann nicht einmal die Betten darin stünden.«

»Und wir dürfen uns die Kehle aus dem Hals und die Ventile aus dem Motor rennen«, schimpfte Chris weiter. »Daß morgen die feierliche Übergabe ist, weiß man schließlich schon seit Monaten. Für uns springt nicht einmal ein Hunderter extra dabei raus. Normale Frachtrate. Und ausgerechnet Pueblo.«

»Was hast du gegen Pueblo?« wunderte sich Jim.

»Gar nichts. Aber das Otero-County ist mir zuwider. Weißt du noch, wie uns dieser Büffel, dessen Namen ich zum Glück vergessen habe, zur Kasse gebeten hat?«

»Towbridge«, erinnerte Jim gelassen. »Der Typ hieß Towbridge.«

»Verdammt! Hättest du den Namen nicht für dich behalten können? Ich war froh, daß ich ihn vergessen hatte. Blanke neunzig Bucks waren es. Ich könnte heute noch heulen.«

»He, fang dich wieder, Buddy. Das ist schon über ein Jahr her. Vielleicht ist der Knabe schon längst nicht mehr Sheriff.«

»So einer wird als Sheriff geboren und stirbt als Sheriff«, wußte Chris. »Der hat gar keine Zeit, Mensch zu werden, weil er aufpassen muß, daß keiner zu schnell fährt. Weißt du, was mir Roy erzählt hat?«

»Welcher Roy?«

»Roy Green. Der fährt ständig die Tour zwischen Pueblo und Wichita. Er behauptet, daß Towbridge sogar am Sonntag hinter seinem Fenster lauert und mit der Stoppuhr prüft, ob auch ja keiner zu schnell dran ist.«

Jim lachte kopfschüttelnd. »Roy ist doch als Märchenerzähler bekannt. Dem darfst du nicht mal die Hälfte glauben. Aber wenn du Bedenken hast, dann fahre eben etwas langsamer, solange wir uns in Towbridges County befinden. Wir haben ohnehin nur noch ’ne gute Stunde vor uns.«

Chris trat unwillkürlich stärker aufs Gas.

»Bist du verrückt, Mann? Ich ziehe doch vor keinem Smokey den Schwanz ein. Immerhin fahre ich im Grunde für den Gouverneur persönlich. Wenn wir die Betten nicht rechtzeitig abliefern, stehlen wir dem guten Mann die Schau. Dann kann er morgen nicht seine schwülstige Rede halten.«

»Also, dann fahre oder bremse, aber laß mich in Ruhe den Artikel lesen. Weißt du, was sie hier schreiben? Daß es in zehn Jahren bei uns nur noch ’ne Handvoll selbständiger Trucker geben wird. Und die sind dann so vermögend, daß sie das nur als extravagantes Hobby machen. Alle anderen haben die großen Frachtgesellschaften geschluckt.«

»Läßt du dich schlucken, Partner?« Jim grinste.

»Möglichst nicht. Ich kann nämlich ziemlich unverdaulich sein.«

»Na, dann sind wir uns ja wenigstens in diesem Punkt einig.«

Chris ließ den RED BARON vorwärts schießen. Die Straße vor ihnen war frei und schnurgerade. Niemand wurde gefährdet. Nichts konnte passieren. Und ein Krankenhaus wartete dringend auf seine Betten. Also warum sollte er nicht auf die Tube drücken?

Er tat noch ein übriges. Er griff über sich und zog an der Reißleine, daß die Signalhörner begeistert aufbrüllten und ihr kraftvoller Ruf weithin schallte.

»Jetzt flippst du tatsächlich aus«, war Jim sicher. Er hatte unwillkürlich seine Arme vors Gesicht gerissen, weil er mit einem Crash gerechnet hatte. »Du reitest ganz schön auf meinen Nerven rum. Weit und breit ist niemand zu sehen. Wem hast du Signal gegeben? Etwa den Ameisen, die neben der Straße kriechen?«

»Das war ein Gruß an Towbridge. Ich weiß zwar nicht, hinter welcher Gardine er hängt, aber es wäre doch unhöflich, ihn einfach zu ignorieren.« Chris zeigte ein böses Lächeln.

»Du willst es ja nicht anders. Beschwere dich hinterher nicht, wenn er sein zorniges Smokeyauge auf uns wirft. Du fährst siebzig, veranstaltest grundlos einen Höllenlärm und...«

»Towbridge ist Grund genug. Es gibt viel zu viele Towbridges in den Staaten. Vielleicht erreiche ich, daß einer von ihnen mit ’ner schönen Gallenkolik ins Krankenhaus eingeliefert wird. Siehst du, und das ist schon der zweite Grund, warum wir uns höllisch beeilen müssen. Es wäre doch unverantwortlich, wenn ein Mann wie Towbridge auf sein Bett warten müßte.«

Jim verzog sein Gesicht, hob das auf den Boden gerutschte Magazin auf und suchte erneut den Artikel, der ihn interessierte.

Er versuchte, nicht an irgendeinen Sheriff zu denken, sondern an die Fracht, die sie in Pueblo aufgabeln mußten. Hoffentlich fanden sie etwas Lohnendes.

*

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KEITH TOWBRIDGE BEKAM fast einen Herzinfarkt, als er den roten Truck mit stark überhöhter Geschwindigkeit vorbeikacheln sah. Die Stoppuhr in seiner Hand zitterte. Nicht einmal dreizehn Sekunden. Das war doch die Höhe.

Er trug den Wert aber nicht in seine Liste ein. Wozu? Seine Sprößlinge hatten die Arbeit von Monaten zunichte gemacht. Leider besaß er keine Kopien. Er war es leid, noch einmal von vorne anzufangen.

Er wollte sich vom Fenster abwenden, als ein beigefarbener Buick vorfuhr. Der Mann, der ihn lenkte, wollte offensichtlich zu ihm.

Aber er kannte ihn nicht.

Towbridges Laune wurde noch um ein paar Grade mieser. Was wollte der Kerl ausgerechnet am Sonntag von ihm? Er sollte sich gefälligst an Oates wenden. Der hatte Dienst.

Er hörte, wie Angie den Fremden unten begrüßte und ihn bat, ins Haus zu kommen.

»Schick ihn zum Teufel!« murmelte er. »Der Teufel kennt keinen Sonntag.«

Slim öffnete die Tür zu seinem Zimmer und verkündete:

»Besuch für dich, Dad. Mam hat ihm Kakao angeboten.«

Das klang so, als könnte der Junge den Fremden auch nicht leiden. Recht hatte er. Towbridge war entschlossen, dem Burschen in aller Deutlichkeit zu spüren zu geben, wie unwillkommen er war.

Er legte die Stoppuhr in die Schreibtischschublade und folgte Slim in die Küche.

Sein Besucher war jünger als dreißig und erhob sich, als der Sheriff eintrat. Sein kräftiger Körperbau, sein energischer Gesichtsausdruck und sein selbstsicheres Auftreten ließen Towbridge zweifeln, daß er gekommen war, weil er polizeiliche Hilfe benötigte.

»Mein Name ist Ames«, stellte sich der Mann vor. »Ephraim Ames.«

»Kommen Sie zur Sache«, verlangte Towbridge ungnädig.

Ames griff in seine Tasche und zog einen Briefumschlag heraus. Den reichte er dem Sheriff.

»Das soll ich Ihnen geben, Sheriff.«

Der Umschlag war verschlossen und versiegelt. Er kam vom Gouverneur.

Aufgeregt brach Towbridge das Siegel und fingerte den Briefbogen aus dem Umschlag.

Viel war es nicht, was der Gouverneur ihm mitzuteilen hatte, aber die wenigen Zeilen verursachten bei Towbridge glühende Ohren.

»Gehen wir nach oben«, schlug er mit einladender Handbewegung vor.

»Aber der Kakao!« protestierte Angie.

»Den trinkt er später. Kommen Sie schon.«

Die beiden Männer verschwanden und suchten das Arbeitszimmer auf.

»Setzen Sie sich, Ames. Rauchen Sie?«

»Sehr freundlich von Ihnen, Sheriff. Ich bin so frei.«

Er griff nach einem der angebotenen Zigarillos und setzte es in Brand. Dann lehnte er sich in dem Sessel zurück und wartete ab.

Towbridge rauchte ebenfalls. Er tat das sehr heftig. Immer wieder nahm er den Brief zur Hand und überflog ihn.

»Sie werden mir also als Deputy vorgeschlagen«, stellte er fest.

»Nur der Form halber«, erklärte Ames. »Ich werde nicht vom County, sondern direkt aus der Staatskasse bezahlt, solange mein Auftrag läuft. Er ist auf ein Vierteljahr begrenzt. Ich bin sicher, daß ich innerhalb dreier Monate genügend Material gesammelt habe, daß die polizeiliche Arbeit in dieser Beziehung wesentlich erleichtert wird. Der Gouverneur hat Ihre Argumente geprüft und ist zu dem Schluß gekommen, daß man den Burschen nur dann wirklich auf die Finger schauen kann, wenn man zu ihnen gehört.«

»Sie sollen also mit den Truckern fahren und ihren Tricks auf die Schliche kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie jemand mitnimmt. Diese Strolche sind mißtrauisch.«

Ames lächelte dünn. .

»Seien Sie unbesorgt, Sheriff. Ich werde sie schon überlisten. Natürlich muß meine Mission streng geheim bleiben. Nur Sie wissen davon. Ihre Leute sollten Sie nicht einweihen - und selbstverständlich auch nicht Ihre Familie.«

»Das versteht sich von selbst«, versicherte Towbridge. »Ich halte das für eine großartige Idee, Ames. Endlich werden wir den Finger am Pulsschlag dieser Bande haben. Die glaubt, uns zu Hanswursten machen zu können. Für die existieren keine Vorschriften und Anordnungen. Bei den Truckern ist es längst zu einem Sport geworden, sämtliche Regeln und Gesetze zu durchbrechen. Aber denen werden wir ordentlich auf die Finger klopfen. Bleiben wir in Verbindung?«

»Natürlich. Ich kann zwar noch nicht Vorhersagen, wohin es mich in den nächsten Wochen verschlagen wird. Ich melde mich aber möglichst täglich telefonisch bei Ihnen. Mindestens aber zweimal die Woche. Außerdem ist es ganz klar, daß ich den Brüdern, wo es nur geht, ihre Suppe versalzen werde. Die werden sich noch wundern. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht Ordnung in diesen Sauhaufen bekämen. Ich garantiere Ihnen, daß ich in meinen Berichten Ihren Namen entsprechend Ihrer Unterstützung gebührend erwähnen werde.«

»Sehr freundlich von Ihnen, Ames. Ich glaube, gemeinsam können wir sie packen. Wenn Sie Hilfe brauchen, lassen Sie mich das wissen. Ich besitze nicht nur in Colorado eine Reihe von Freunden. Viele sind für einen Tip zur rechten Zeit dankbar.«

»Davon mache ich bestimmt Gebrauch, Sheriff. Vielleicht wird es irgendwann nötig sein, mich herauszuhauen, falls mich wider Erwarten jemand durchschaut. Daß mich einer der Trucker erkennt, halte ich für unwahrscheinlich. Ich war bisher nicht im Außendienst tätig.«

»Dafür sind Sie auch fast zu schade. Sie scheinen mir aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt zu sein. Sie werden es bestimmt noch einmal weit bringen.«

Ephraim Ames lächelte bescheiden. Er sprach seine Gedanken nicht aus. Er brauchte Towbridge ja nicht unbedingt auf die Nase zu binden, daß er dieses Risiko nur deshalb einging, weil er sich einen gewaltigen Sprung auf der Karriereleiter nach oben erhoffte. Sheriff, das wäre genau der Job, der ihm gefallen könnte. Vielleicht gelang es ihm sogar, Towbridge bei der nächsten Wahl auszustechen. Es war eine Menge wert, die richtigen Freunde zu besitzen und sich auch die richtigen Feinde zu schaffen.

»Wenn es mir gelingt, unseren gemeinsamen Widersachern das Handwerk zu legen, bin ich schon zufrieden«, sagte er bescheiden. »Dafür nehme ich sogar eine Tracht Prügel in Kauf.«

»Keiner von diesem Pack wird sich an Ihnen vergreifen, Ames«, erklärte Towbridge leidenschaftlich. »Sie stehen unter meinem persönlichen Schutz. Ich loche jeden für drei Jahre ein, der Ihnen auch nur ein Haar krümmt. Das ist ein Versprechen.«

Ames nickte zufrieden. Er war sicher, daß nun nichts mehr schiefgehen konnte.

*

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VIC GOODWIN NAHM DEN Fuß vom Gas und trat auf die Bremse.

»Elender Mist!« fluchte er. »Da ist wieder ein Knöllchen fällig. Das ist heute wie verhext.«

»Du warst zu schnell dran«, meinte der Bursche neben ihm. »Du hättest dir denken können, daß sie die Baustelle überwachen.« ’

Der Trucker verdrehte die Augen. Diese Klugscheißerei hatte ihm gerade noch gefehlt. Er wußte selbst, daß er sich nicht an die vorgeschriebenen dreißig Meilen gehalten hatte. Das war doch Blödsinn. Die Baustelle passierte er nun schon seit sechs Wochen regelmäßig. Seitdem hatte sich hier nichts verändert. Soviel er gehört hatte, warteten die Arbeiter auf eine Spezialmaschine. Inzwischen kamen sie an einer anderen Stelle zum Einsatz. Die Baustelle war geblieben. Und natürlich die Geschwindigkeitsbeschränkung, die nur einen Sinn hatte, wenn hier auch jemand arbeitete. Aber da hatte jemand vergessen, die Schilder wegzuräumen - oder vielleicht auch in voller Absicht stehengelassen.

Na, jedenfalls durfte er jetzt zahlen.

Für nichts und wieder nichts. Eine Sauerei war das.

»Kannst du mir verraten, warum dreißig verlangt wird?« erkundigte er sich grimmig.

»Baustelle«, meinte der andere lakonisch.

»Ja, aber eine Geisterbaustelle. Das ist eine reine Schikane von den Smokeys.«

Vic Goodwin ließ den Sattelzug ausrollen und kam hinter dem Polizeifahrzeug zum Stehen.

»Wieder mal reichlich eilig gehabt, wie?« stellte der Uniformierte mit breitem Grinsen fest. »Das macht vierzig Dollar.«

Der Trucker hielt das Geld bereit. Er wußte, daß eine Diskussion über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahme völlig witzlos war. Ein Smokey hatte immer recht.

Als er wieder auf dem Bock saß, konnte er allerdings nicht mehr an sich halten.

»Als ob unsereins aus lauter Spaß und Tollerei schneller fahren würde, als es erlaubt ist«, brach es aus ihm heraus. »Wenn ich wie eine Schnecke dahinzuckle, komme ich erst mittags an, und bis dahin kriege ich in keiner Frachtagentur mehr eine Fuhre, bei der ich auf meine Kosten komme. Da ist nur noch der Schrott übrig.«

»Soll ich ’ne Weile übernehmen? Ich schätze, deine Nerven brauchen eine kleine Pause.«

»Du?« Vic Goodwin staunte. »Hast du denn überhaupt ’ne Lizenz für so ein Klavier?«

Ephraim Ames lachte gutmütig.

»Na, du machst mir vielleicht Spaß. Habe ich dir nicht gesagt, daß wir Kollegen sind, als du mich mitgenommen hast?«

»Du bist Trucker? Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Für wen fährst du?«

»Momentan für gar keinen. Ich suche ’nen Job, wenn ich ehrlich sein soll. Du weißt nicht zufällig ’nen Kollegen, dem der Shotgun davongelaufen ist?«

Vic Goodwin schüttelte den Kopf.

»Ich selber brauche keinen. Könnte mir auch gar keinen leisten. Der Verdienst, der nach allen Unkosten übrigbleibt, ernährt mich kaum alleine.«

»Ja, wenn du auch den Smokeys das Geld mit vollen Händen in den Rachen wirfst.«

Langsam aber sicher kam Vic Goodwin die Galle hoch. Dieser Ames quatschte tatsächlich so; als säße er das erste Mal auf dem Bock. Als Mann vom Fach mußte er doch wissen, wie das lief.

Wenn man nicht ordentlich Tempo machte, war man doch schnell weg vom Fenster. Man mußte besser sein als die anderen, wenn man in diesem Beruf überleben wollte. Besser bedeutete aber nichts anderes als schneller. Schneller jedenfalls, als auf den dämlichen Schildern stand.

»Versuch’s doch mal auf ’nem Frachthof oder ’nem Truck Stop«, schlug er vor. »Ich habe schon oft genug erlebt, daß jemand händeringend ’nen zweiten Mann gesucht hat. In EL Paso muß ich ohnehin auftanken. Da hast du bestimmt Glück. Von dort gehen viele Touren rüber nach Mexiko. Die macht man besser zu zweit. Da kann zuviel passieren.«

»Mexiko?« Ephraim Ames rümpfte die Nase. Was sollte er hinter der Grenze? Schließlich wollte er den einheimischen Truckern in die Trickkiste schauen und nicht den Mexikanern. »War ja nur ein Vorschlag.«

»Ist schon gut. Danke für den Tip. So werde ich’s machen.«

Und so machte er’s tatsächlich.

In El Paso fand er einen Trucker, der nach Denver unterwegs war.

»Wir fahren aber über die Dörfer«, erklärte Mac Pillow augenzwinkernd.

»Nimmst du nicht die Interstate?« wunderte sich Ames.

»Bin ich verrückt? Sie haben mir in Torreon zwei Tonnen zuviel aufgeladen. Verstehst du?«

»Nicht ganz, Buddy. Auf den Provinzstraßen wird dein Kübel doch auch nicht leichter.«

»Das nicht, aber die Gefahr, kontrolliert zu werden, ist wesentlich geringer. Glaube einem alten Hasen. Ich fahre diese Tour oft genug und habe meine Erfahrungen gesammelt. Vor Pueblo ist es besonders schlimm. In der Ablage liegt die Karte. Ich habe unsere Route genau markiert. Ich verlaß mich drauf, daß du dich exakt daran hältst.«

»Das tue ich natürlich. Du bist der Boß, Mac. Verstehen tue ich’s allerdings nicht ganz. Warum hältst du dich nicht einfach an die vorgeschriebene Lademenge? Auf der Interstate kommst du doch schneller voran.«

»Irrtum. Fünfundfünfzig fahre ich auch auf den Provinzstraßen allemal. Aber die verdammten Kontrollen halten unheimlich auf. Die zwei Tonnen extra bringen Extra-Kohle. Ist doch logo. Weißt du, daß ich schon die letzte Rate kaum zahlen konnte?«

»Welche Rate?«

»Mann, stellst du dich blöd! Für den Mack natürlich. Oder dachtest du, ich habe die Lappen für die Zugmaschine bar auf den Tisch des Hauses gelegt? Daran zahle ich noch gut und gerne zwei Jahre ab.«

Ephraim Ames antwortete nicht. Er studierte die Straßenkarte und überlegte sich schon jetzt, wie er die Kollegen verständigen sollte, damit Mac Pillow nicht ungeschoren davonkam.

*

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SIE KAMEN AUS SPOKANE im Staate Washington.

Steve Barclay saß am Steuer und pfiff unmelodisch wie ein alter Wassereimer vor sich hin. Er tat das, um Barry Winwood zu reizen, denn ihn wiederum brachte Barrys unerschütterliche Ruhe auf die Palme.

»Schön, nicht wahr?« fragte er scheinheilig.

»Was?«

»Mein Timbre.«

Barry lehnte sich zurück und sah seinen Kollegen erstaunt an.

»Ach, du bist das. Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob wir den Motor auseinandernehmen müssen. Das hört sich an, als würde was nicht in Ordnung sein.«

Steve grinste.

»Alles tadellos in Schuß. Was glaubst du, wie schön es zischt, wenn ich Dampf ablasse.«

»Bitte nicht. Die Klimaanlage hat regelmäßig eine halbe Stunde stramm zu tun, wenn du deine Blähungen ins Freie schickst. Am besten, du läßt dich in dem neuen Hospital gleich behandeln. Die notwendigen Apparaturen bringen.wir ja gleich mit.«

»Wir haben eine Herz-Lungen-Maschine und keine Dampfmaschine geladen«, erinnerte Steve mit Gleichmut. »Ist schon Wahnsinn, wieviel Elektronik heutzutage zur medizinischen Behandlung gehört. Da hängt ein kompletter Computer dran,«

»Hoffentlich hängt auch gleich ein Anschlußauftrag dran«, brummte Barry. »Kannst du dich noch erinnern, wie wir volle drei Tage in Pueblo herumgehangen sind, ehe wir neue Fracht aufgabelten? Das ist ein elender Flecken.«

»Wir kriegen schon was«, war Steve zuversichtlich. »Ich kenne da eine Biene von früher. Deren Vater arbeitet in einer Arzneimittelfabrik. Und dessen Schwager hat eine Nichte...«

»... die mit einem Bernhardiner verheiratet ist«, fuhr Barry fort. »Sag mal, willst du mir den Stammbaum des amerikanischen Volkes erläutern? Wir betreiben doch keinen Menschenhandel.«

»Hör doch mal zu. Diese Nichte ist in einer Frachtagentur beschäftigt. Ich brauche also nur mit den Fingern zu schnippen, und schon hängt an unserem Ken ein voller Auflieger. Alles klar?«

»Du wirst es schon machen«, war Barry überzeugt. »Du bist ja schließlich der Boß.«

Steve antwortete nicht. Er mußte auf den Verkehr achten. Hinter ihm holte ein Peterbilt mit knallgelber Lackierung auf.

»Hey, du lahme Schnecke!« krächzte es in der CB-Box. »Mach mal Platz für den stärksten und schönsten Truck auf sämtlichen Interstates dieses verdammten Kontinents. Jetzt kommt CANARY. Hörst du seinen Flügelschlag?«

Barry griff zum Mikrofon und drückte die Sprechtaste.

»Bist du etwa das schmutziggelbe Vehikel hinter uns, wegen dessen bestialischen Gestanks wir die Klimaanlage abschalten mußten? Sieh nur zu, daß du vorbeikommst. Da hinten kommt eine zweiprozentige Steigung. Wenn du sie nicht packst, können wir dich hochschieben.«

»Du spinnst wohl, Buddy? Fausto Aquari hat in seinem ganzen Leben noch keine Hilfe gebraucht. Der kommt überall alleine durch. Paßt auf, daß ihr durch den Luftdruck nicht von der Straße gefegt werdet. Ich komme für den Schaden nicht auf.«

»Der ist größenwahnsinnig«, stellte Steve fest und gab stärker Gas. »Wenn der uns schnupft, gebe ich in Pueblo einen aus.«

»Ist das ein Versprechen, du alter Geizkragen?«

»Ein Schwur, Barry. Du hast die freie Auswahl.«

Der himmelblaue Kenworth 900 beschleunigte und setzte sich von dem Peterbilt ab.

Doch der Schmutziggelbe ließ sich nicht abschütteln. Er holte auf und kam immer näher.

»Schlappschwanz!« tönte es abfällig aus der Box.

Steve nahm den höchsten Gang.

Vor ihm scherte ein Four-Wheeler nach links aus.

Steve mußte abbremsen, um nicht hinten aufzufahren.

Lärmend zog der Peterbilt an ihm vorbei.

Zwei schwarze Teufel saßen darin. Südländer. Der Ähnlichkeit nach konnten es Vater und Sohn sein.

Sie grinsten frech herüber. Der Jüngere kaute mit offenem Mund ein Kaugummi.

»Ich nehme ein Bier«, sagte Barry ruhig.

Steve stand kurz vorm Explodieren.

»Nie hätten die mich gekriegt, wenn mich der dämliche Hammel nicht geschnitten hätte. Aber denen zeige ich’s noch. Das verspreche ich dir.«

»Laß es gut sein, Steve«, bremste ihn der Ältere. »So ein Wettrennen führt zu nichts. Du handelst dir höchstens ’ne Strafe ein, und dann lachen die beiden erst recht. Wozu willst du noch was riskieren? In ein paar Stunden sind wir am Ziel, und die müssen vielleicht die ganze Nacht durchfahren.«

»Trotzdem«, schimpfte Steve. »Ich wünschte, ich könnte es ihnen zeigen, wer der Bessere ist.«

»Irgendwann trifft man sich wieder«, philosophierte Barry. Für ihn war der Fall längst erledigt.

Für Steve noch lange nicht.

*

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ES WAR KURZ HINTER Houghton auf der Staatsstraße 389. Ein Geheimtip von Mac Pillow. Hier kam er immer glatt durch. Sogar, wenn er fünfundsechzig fuhr.

Ephraim Ames saß am Steuer. Er hielt sich genau an die Route, die Pillow auf der. Karte markiert hatte. Sein Blick ging unruhig in die Ferne.

Hoffentlich schalteten die Brüder schnell genug. Er freute sich jetzt schon auf Pillows entgeistertes Gesicht.

Der hatte von dem Anruf in Branson gar nichts mitgekriegt, weil er fest geschlafen hatte. Der würde die Welt nicht mehr verstehen.

Unerhört! Ließ er sich einfach zwei Tonnen mehr aufladen, als erlaubt war.

Zugegeben, es gab ein paar Staaten, in denen er mit diesem Gewicht die Vorschriften nicht übertreten hätte. Staaten, die auch über keine anderen Straßen verfügten als Colorado. Aber Gesetz war nun mal Gesetz. Wo käme man denn da hin, wenn jeder machen würde, was er für richtig hielt?

Das mußte man den Truckern endlich mal begreiflich machen.

Hinter der Brücke standen sie. Na endlich!

Der Polizist schwenkte die Kelle, und Ames stieß scheinheilig einen lauten Fluch aus.

»Verdammt! Hast du mir nicht erzählt, auf dieser Straße sei alles sauber?«

Mac Pillow begann zu schwitzen.

»Verstehe ich ja auch nicht. Das ist heute das erste Mal. Aber die können uns nichts anhaben. Wie schnell warst du?«

»Genau auf dem Strich. Mit ’nem fremden Truck bin ich lieber vorsichtig. Es ist schließlich nicht mein eigenes Geld, das in die Binsen gehen würde. Wenn die Papiere in Ordnung sind, werden sie kaum etwas finden.«

Der Überzeugung war Max Pillow auch. Eine Wiegeeinrichtung gab es hier nicht. Die wäre sein einziges Problem gewesen.

Ephraim Ames brachte den Sattelzug zum Stehen. Um ein Haar hätte er den Kollegen vertraulich zugeblinzelt, doch diesen Fehler beging er nicht. Sie brauchten nicht zu wissen, wem sie den Tip zu verdanken hatten. Sonst verrieten sie sich womöglich, und er, Ames, würde von keinem Trucker mehr mitgenommen werden.

»Eure Papiere!« verlangte der Polizist mit der Kelle.

Mac Pillow reichte ihm die Dokumente.

Der Beamte vertiefte sich darin, während der andere bedächtig um den Truck herumging.

Er prüfte das Reifenprofil und ließ sich die einwandfreie Funktion der Lichtanlage beweisen.

Die Plomben am Auflieger wurden kontrolliert und die Fahrlizenzen der beiden unter die Lupe genommen.

»Alles in bester Ordnung, Officer«, strahlte Mac Pillow treuherzig. »Ich bin nicht so dumm, mir unnötigen Ärger einzuhandeln. Das bringt doch nichts.« Der Uniformierte nickte. »Ja, sieht so aus, als hätten wir mit euch eine Niete gezogen. Da sind eure Papiere. In drei Stunden könnt ihr in Denver sein.«

»Wir haben’s nicht so eilig«, beteuerte der Trucker. »Lieber ’ne Stunde später am Ziel als mit ’nem Blechschaden in der Werkstatt.«

»Ein löblicher Vorsatz. Das ist bestimmt auch der Grund, warum ihr einen Umweg macht. Es gibt nicht viele Trucks, die von Mexiko nach Denver die Interstate verschmähen. Ich frage mich, warum ausgerechnet ihr das tut.«

»Die Strecke ist ruhiger«, erklärte Pillow. »Auf der 25 geht es ja so schrecklich zu.«

»Vor allem gibt es so viele Polizeikontrollen, nicht wahr?« Die Lippen des Beamten wurden schmal. »Irgend etwas stimmt bei euch nicht, Jungs. Davon lasse ich mich nicht abbringen.«

»Aber Sie haben doch alles überprüft, Officer.«

»Alles nicht. Dafür sind wir hier nicht eingerichtet. Leider. Aber wir brauchen nur das kurze Stück nach Houghton zurückzufahren. Da haben wir alles, was wir benötigen.«

»Wovon reden Sie eigentlich?« Mac Pillow wurde der Kragen eng.

»Das will ich dir sagen. Ich habe ein ziemlich gutes Auge, und dieses Auge läßt sich nicht betrügen. Ich wette, daß euer Gewicht nicht stimmt.«

»Unser Gewicht?«

»Bildet ihr euch wirklich ein, ihr wäret die ersten, die aus diesem Grund über Houghton fahren? Da lache ich doch nur. Also, rück schon raus mit der Sprache. Wieviel Übergewicht habt ihr?«

Mac Pillow hob abwehrend die Hände. »Ich schwöre Ihnen, das ist alles vorschriftsmäßig. Es steht ja in den Frachtpapieren drin. Das ist korrekt.«

Der Polizist grinste tückisch.

»Wenn ich alles glauben würde, was in mexikanischen Frachtunterlagen steht, wäre ich arm dran. Wenn du den braunhäutigen Halunken einen Zwanziger zuschiebst, schreiben sie dir alles rein, was du ihnen sagst.«

»Ich wüßte nicht, warum ich denen zwanzig Dollar in den Hals schieben sollte. Die Ladung ist Sache des Auftraggebers. Wir haben die Ware bereits verzollt übernommen. Die Plomben sind unversehrt. Davon haben Sie sich ja überzeugt. Können wir nun endlich weiterfahren?«

»Ach, ich dachte, ihr habt es nicht so eilig. Wozu diese Aufregung? In ein paar Minuten sind wir in Houghton. Da könnt ihr beweisen, daß wir euch zu Unrecht verdächtigen. Ihr wendet also und fahrt hinter uns her. Damit ihr keinen Mist baut, wechseln wir kurz die Plätze. Ich steige bei euch ein, und einer von euch fährt mit meinem Kollegen mit.«

Halb ohnmächtig vor Wut klemmte sich Mac Pillow hinters Lenkrad. Daß ausgerechnet ihm das passieren mußte! Anscheinend hatte er diesen Trick schon zu oft praktiziert. Er mußte sich rumgesprochen haben. Wieder hatten die verdammten Smokeys ein Schlupfloch geschlossen. Langsam, aber sicher drehten sie einem die Luft ab.

Ephraim Ames stieg in den Polizeiwagen ein. Seine Laune war wesentlich heiterer als die des Truckers.

»Gut gemacht, Kollege«, flüsterte er dem Beamten zu.

»Kollege?« staunte der.

»Der Tip ist von mir. Er hat zwei Tonnen zuviel. Er hat schon an die zehnmal auf dieser Strecke die Kontrollen umgangen.«

»Danke für den Hinweis. Er weiß wohl nicht, wer du bist?«

»Natürlich nicht. Haltet ja den Mund.«

»Mehr noch. Wir werden ihn selbst für eine Weile festhalten. Der Halunke hat noch was bei uns gut.«

»Ist mir auch recht. Die Frage ist nur, wie komme ich von hier aus weiter?«

»Wo willst du denn hin?«

»Das ist mir eigentlich egal. Am liebsten zu einem großen Truck Stop.«

Es gab ein Ziel, das Ephraim Ames noch wichtiger war. Ein Sheriffstuhl schwebte ihm vor. Wenn die drei Monate vorbei waren, wollte er draufsitzen. Bis dahin mußte er aber noch viel Wild erlegen.

*

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SIE HATTEN IHRE KRANKENHAUSBETTEN abgeliefert und hingen nun in der Frachtagentur herum.

Jim ging schon zum wiederholten Mal an den Schalter und erkundigte sich, ob es denn noch immer nichts gäbe.

»Ich melde mich schon, Stonewall«, versicherte der Clerk gähnend.

»Wir fahren alles.«

»Und ich habe nichts. Das paßt irgendwie nicht zusammen, oder?«

Jim kehrte zu Chris zurück, der vor Langeweile an der Zigarette hing.

»Ich glaube nicht, daß das heute noch was wird«, brummte er. »In ’ner knappen Stunde machen die hier den Laden dicht.«

Es warteten noch andere Kollegen auf Fracht. Einer war besonders ungeduldig. Er hieß Phil Cranson.

Der baumlange Kerl sah mit seinem pummeligen Shotgun Hai Bratter aus wie Pat und Patachon, nur wirkten sie nicht so komisch.

»O Mann!« stöhnte der Lange. »Das ist doch die reinste Schikane. Das gibt es einfach nicht, daß die überhaupt nichts haben. Irgendwas muß doch drin sein. Und wenn’s nur ’ne Tour bis nach Cheyenne wäre. Ein paar Dollar sind das auch.«

»Sitzt ihr so auf dem trockenen?« erkundigte sich Chris. Er spielte mit dem Gedanken, ob sie den beiden den Vortritt lassen sollten, falls wider Erwarten doch noch ein Auftrag einging.

Jim schien ähnlich darüber zu denken, denn er wechselte mit seinem Partner einen fragenden Blick.

Es war nicht so, daß sie etwas zu verschenken hatten. Andererseits ging es ihnen zur Zeit nicht so mies, daß sie nicht getrost mal großzügig sein durften.

Es kam natürlich immer darauf an, was sich für eine Fuhre bot. Eine Supertour würden sie auch nicht verschenken. Allenfalls einem sehr guten Freund. Cranson und Bratter waren keine Freunde. Die hatten sie hier erst kennengelernt.

»Trocken ist nicht der richtige Ausdruck«, näselte Cranson. Er hatte anscheinend was mit der Atmung. »Im Gegenteil. Das Messer steht uns bis zum Hals. Merkst du den Unterschied?«

»Nö.«

»Du hast recht, Buddy. Es gibt auch keinen. Pleite bleibt pleite, aus welchem Blickwinkel man das auch betrachtet. Ich bin schon so weit, daß ich für die halbe Frachtrate fahren würde. Hauptsache fahren.«

Chris schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Dann wundert mich eure Finanzlage nicht mehr. Bei halber Rate zahlt ihr sauber drauf. Da macht’s auch nicht mehr die Menge. Menschenskind, so üppig ist der normale Tarif nun wirklich nicht, daß man noch freiwillig auf einen Teil davon verzichten könnte. Im Gegenteil. In eurer Situation müßt ihr versuchen, möglichst viel rauszuschinden. Wir kennen das. Das war ganz am Anfang. Da haben wir wirklich alles gemacht, wenn’s nur gut bezahlt wurde.«

»Schön und gut, Morris, aber die lukrativen Fuhren kriegen ja doch immer nur die anderen. Hör doch auf. Letzten Monat dachten wir schon, wir hätten in den Glückstopf gegriffen. Und was war? Die Smokeys haben unterwegs ein paarmal die Hand aufgehalten. Da war es wieder Essig.«

Chris verzog sein Gesicht. Derartige Erlebnisse blieben auch in seinem Gedächtnis ungewöhnlich lange haften.

»Darüber lacht ein echter Guru doch nur«, behauptete er lässig. »Die Bären wurden erfunden, daß ehrliche Leute nicht zu übermütig werden. Noch nie was von den Sieben Plagen gehört?« Phil Cranson schüttelte lustlos den Kopf. »Ich war nie verheiratet.«

Sein Partner lachte glucksend. Sein feistes Gesicht glänzte wie eine Speckschwarte.

Jims Augen verengten sich. Er starrte zur Tür und rümpfte die Nase. Der Typ, der noch die Klinke in der Hand hielt und sich mit lauernden Augen in dem engen Raum umsah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Dafür besaß er ein besonderes Organ, das allerdings nicht hundertprozentig funktionierte. Bei diesem Halunken glaubte er aber sicher sein zu können. Das war kein Trucker. Der hatte hier nichts verloren.

Als spürte der Fremde mit dem strichdünnen Oberlippenbart und der pomadisierten Frisur Jims Ablehnung, hielt er ausgerechnet auf ihn zu.

»Sucht ihr Fracht, Kumpel?«

»Wie kommst du auf diese absurde Idee?« wunderte sich der Trucker. »Wir warten hier auf den Bus. Mit dem geht’s ab nach Hawaii. Luftlinie. Aber nur, wenn die Meerschweinchen schon reif sind. Grün schmecken sie so bitter.«

Der andere sah ihn irritiert an. Er dachte spontan, daß Jim nicht ganz richtig im Kopf sein konnte. Daß er selbst verscheißert werden sollte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ein wenig hilflos suchte er einen ergiebigeren Gesprächspartner.

Chris sprach zwar immer noch mit Phil Cranson, doch mit halbem Ohr hatte er den kurzen Dialog seines Partners mitgekriegt.

Treuherzig strahlte er den Pomadisierten an und fragte:

»Bist du der Mann, der die Gummibärchen bringt? Wir dachten schon, du kommst nicht mehr. Verdammter Schneematsch, nicht wahr? Kein Durchkommen. Na, jetzt bist du ja da. Nun laß mal die Tüte rumgehen. Ich will die blonden. Aber gut durchgebraten. Nicht, daß mir wieder das Blut aus den Mundwinkeln rinnt. Kleopatra hat sich letztes Mal beschwert.«

Jetzt endlich fiel der Nickel. Beleidigt warf der Bursche seinen Kopf zurück und zeigte Chris seinen verachtungsvollsten Gesichtsausdruck.

»Wir brauchen zwar dringend ’nen Fahrer, aber jeden Idioten nehmen wir nun auch nicht. Es wird sich hier ja wohl noch ein Normaler finden lassen.« Sein Blick schweifte weiter und machte jedesmal, wenn er Gefahr lief, auf Jim und Chris zu treffen, einen Sprung über die beiden hinweg.

»Aber klar, Onkel«, versicherte Chris eifrig. »Der Clerk dort hinterm Gitter behauptet von sich, normal zu sein. Ich bin da aber vorsichtig. Als ich ihm eine Banane geben wollte, hat er sich so verdächtig gekratzt. Dann hing er minutenlang am Ventilator dort oben an der Decke. Seitdem stottert das Luder. Ich meine den Ventilator. Nicht den Clerk.«

Phil Cranson schob Chris energisch beiseite.

»Klapp mal für ’ne Weile dein Gesicht zu, Schwester!« schlug er aufgeregt vor. »Wenn meine Lauscher noch einigermaßen funktionieren, hat dieser Mister einen Auftrag zu vergeben.«

»Und was für einen«, meinte der Fremde wichtig. »Wie gesagt, dafür brauche ich schon ein paar ganze Kerle. Keine Halblappen.«

»Mit halben Sachen haben wir uns noch nie zufriedengegeben«, brüstete sich Chris mit unschuldsvollem Augenaufschlag. Wenn schon blöd, dann aber richtig. »Was ist denn das für ’n Job?« Der Pomadenheini schaute über seine Schulter, als fürchtete er, belauscht zu werden. Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern und wisperte:

»Bist du ehrlich interessiert?«

»Und ob! Mein Partner und ich fahren alles. Und das auch noch schnell und zuverlässig. Sie brauchen gar nicht weiter zu suchen. Wir sind Ihr Team und können sofort losfahren.«

»Erst müßt ihr noch aufladen«, bremste der andere den Überschwang des Truckers.

Jim fand, daß der Kerl plötzlich aussah, als wäre ihm ein fetter Fisch an die Angel gegangen. Das gefiel ihm nicht, und er raunte Phil Cranson zu:

»Sei bloß vorsichtig. Da stinkt doch was meilenweit.«

»Unsere Pleite wird auch meilenweit stinken«, konterte Cranson kurzatmig. »Wenn wir nicht gerade den Teufel in die Hölle befördern sollen, kann ich mir keine Fracht vorstellen, die Hai und mich vor unlösbare Probleme stellt. Und ich glaube, ich würde sogar bei dem Gehörnten zugreifen. Wer weiß, vielleicht können wir da unten ’ne Marktlücke füllen. Wir wären konkurrenzlos und könnten die Preise diktieren.«

»Hört sich gar nicht so übel an«, fand nun auch Chris. »Harte Dollars werden da zwar nicht zu verdienen sein. Aber meines Wissens hat der Kamerad mit dem Pferdefuß eine Vorliebe für Supergirls mit wildem Lebenswandel. Die würde ich als Frachtrate ohne weiteres akzeptieren.«

»Das sieht dir ähnlich«, schmunzelte Cranson, wurde aber gleich wieder ernst und bestürmte den Fremden mit Fragen.

Der ließ die Katze nicht aus dem Sack.

»Schaut euch die Fracht mal an und entscheidet dann, ob ihr sie übernehmen könnt. Morgen früh könntet ihr dann losfahren. Euer Schaden wäre es bestimmt nicht. Unsere Firma zahlt über Tarif.«

»Über Tarif?« Cransons Stimme überschlug sich. »Ich glaube, mich beißt ’ne Mumie. Es gibt also doch noch ’ne Gerechtigkeit. Guckt nicht so verbiestert. Ich wünsche euch, daß ihr auch was Lohnendes über den Zaun zieht. Vielleicht treffen wir uns bald mal wieder. War nett, euch kennengelernt zu haben.«

Er nickte Jim und Chris zu und zerrte seinen Partner mit sich fort.

Als sich die Tür hinter den beiden Truckern und dem Fremden geschlossen hatte, schüttelte Jim seinen Kopf.

»Hoffentlich beißt er sich da nicht in den eigenen Reifen«, murmelte er. »Ich habe noch nie erlebt, daß eine sozial eingestellte Firma was zu verschenken gehabt hätte. Die verlockendsten Angebote sind meistens die übelsten.«

»Stimmt!« gab ihm Chris recht. »Aber schließlich sind Cranson und Bratter keine Anfänger mehr. Nach Jahren im Geschäft weiß man, worauf man sich einlassen darf und worauf nicht.«

»Hoffen wir’s«, blieb Jim skeptisch.

Dann trat er wieder an den Schalter und ballte die Fäuste, als er das grinsende Kopfschütteln des Clerks sah.

*

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ALS DIE AGENTUR SCHLOß, mußten sie das Gelände verlassen.

Sie fuhren zum nächsten Truck Stop. Hier konnten sie mit Kollegen quatschen, in Erinnerungen schwelgen und erfuhren möglicherweise sogar, wo ein paar ausgefuchste Trucker gebraucht wurden, die mit ihrer 320 PS starken Zugmaschine zwar nicht wie Cranson zu jeder Bedingung arbeiteten, aber doch immerhin zu fast allen Schandtaten bereit waren.

Vor allem aber, und das war kein geringes Argument, erhielten sie hier alles, was einen Truckermagen glücklich machen konnte.

Chris Morris’Herz war normalerweise besser entwickelt als sein Magen. Aus diesem Grund überließ er auch Jim die Bestellung und kümmerte sich selbst um das süße Girl an der Kaffeemaschine, das auf seine Anzüglichkeiten bereitwillig einging.

Jim orderte unterdessen zwei daumendicke Steaks mit Salat und suchte anschließend nach bekannten Gesichtern.

An einem der hinteren Tische entdeckte er Bob Hunter, den sie zuletzt in Los Angeles getroffen hatten.

Hunter war ein eigensinniger Knabe, der alles besser wissen wollte. Zu ihm fühlte Jim sich nicht hingezogen.

Deshalb war er froh, als die Tür aufschwang und zwei alte Bekannte das Restaurant betraten.

»Denkt man an nichts Böses«, rief er laut, »biegen bestimmt Barclay und Winwood um die Ecke. Na, es soll ja noch Schlimmeres geben.«

Die- beiden Neuankömmlinge riß es herum. Steve Barcläys Miene wurde säuerlich, während Barry Winwood schmunzelte.

»Die Runde gilt aber nur für dich«, erklärte Steve.

Jim schob sich heran.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913477
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377896
Schlagworte
ps-jim shotgun smokey

Autor

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Titel: 320 PS-Jim #92: Shotgun Smokey