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320 PS-Jim #93: Lady Feuerherz

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.
Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

Leseprobe

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Roman

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Ricardo und Billyboy sahen aus wie ganz normale Trucker. Im Augenblick lenkte Ricardo, der Einundvierzigjährige, mit seinen breiten Fäusten den Kenworth, ein funkelnagelneues Fahrzeug. Er fuhr ihn langsam an den Schlagbaum der Grenzstation von Boquillas heran.

Den amerikanischen Zoll hatten sie schon hinter sich. Die beiden uniformierten mexikanischen Beamten in ihren hellen Khakianzügen blickten gelangweilt dem langsam heranrollenden Truck entgegen. Daß es ein funkelnagelneuer Kenworth war, leuchtendrot in der grellen Sonne, interessierte sie auch nicht. Sie hofften auf baldige Ablösung.

Der blonde zweiundzwanzigjährige Billyboy zündete sich eine Zigarette an, digt. Der rote Schein für die Schlagbaumpassage wurde von Ricardo aus dem Fenster gehalten.

Der blonde zweiundzanzigjährige Billyboy zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich im Beifahrersitz zurück.

Der rote Zettel bewirkte, daß der Schlagbaum aufging, dann ließ Ricardo den 640-PS-Motor aufröhren, zwei schwarze Qualmwolken kamen aus den Auspuffrohren, die nach oben gerichtet waren, und der Sattelschlepper mit seinem feuerroten Auflieger setzte sich in Bewegung und entfernte sich rasch auf mexikanischem Gebiet.

Die Straße war schmaler und schlechter geworden. Der Belag schadhaft. Aber noch ging es eben dahin. Später dann führte die Straße in die Berge hinein.

Billyboy erwachte aus seiner Lethargie, beugte sich vor und schaltete CB-Funk ein. Kurze Zeit später hatte er Verbindung mit einem Gesprächspartner, der sich Onkel Theo nannte.

»Frag ihn«, sagte Ricardo mit schnarrender Stimme, »ob er alles fertig hat! Ich will nicht herumsitzen wie ein Affe.«

Billyboy hatte das Mikrophon in der Hand. »Mein Freund will wissen«, sagte er, »ob ihr soweit seid?«

»Alles paletti. Wir warten nur auf euch«, kam die Antwort von jenem Onkel Theo. »Wie lange werdet ihr brauchen?«

Ricardo, der es gehört hatte, rief Billyboy zu: »In einer halben Stunde sind wir bei ihm. Und wehe, er hat nicht alles fertig.«

»Mein Freund flippt aus«, sagte Billyboy, »wenn ihr nicht fertig seid. In einer halben Stunde sind wir bei euch. Adios!«

Er hängte ein, schaltete ab. Billyboy wußte, daß sie nur ganz wenig sprechen durften.

Es ging Über eine schlechte Straße. Die Luft flimmerte über dem schadhaften Asphalt. Überall Schlaglöcher. Und es wimmelte von Pferdefuhrwerken, uralten Autos, hochbepackten Lastwagen, und zwischendurch immer wieder Esel.

»Man denkt, man kommt in eine andere Welt«, meinte Billyboy.

Ricardo gab keine Antwort. Er balancierte auf seinen Lippen ein Streichholz vom linken zum rechten Mundwinkel und starrte geradeaus. Beinahe verbissen wirkte sein Gesicht.

Und dann tauchten die Häuser auf.

Ein Dorf. Ein Stück weiter die alte Stadt. Spanischer Baustil. Aber dazwischen moderne Reklameschilder, wie überall neben der Straße.

Unmittelbar vor der Stadt befand sich die Lagerhalle einer landwirtschaftlichen Genossenschaft. Genau auf die fuhr Ricardo jetzt zu. Er hatte die Straße verlassen, und der Staub quoll unter den Rädern des Sattelzuges hervor.

In schneller Fahrt näherte sich Ricardo der Halle.

»Hier sind wir erst vor einem Monat gewesen. Findest du das gut?« fragte Billyboy und blickte zu Ricardo hin.

Der spie das Streichholz aus, das er zwischen den Lippen balancierte, und knurrte: »Wenn sie das noch mal machen, trete ich die in die Nüsse. Wo sind die denn, diese Pinsel?«

In diesem Augenblick ging die große Schiebetür dieser Halle auf. Zwei Männer schoben sie zur Seite.

Ricardo wußte, was er zu tun hatte. Er fuhr gerade in diese Halle hinein.

Drinnen war es ziemlich dunkel; draußen gleißende Helligkeit. Er stoppte kurz ab, weil er im ersten Moment nichts sehen konnte. Dann rollte er langsam weiter.

In der Halle befanden sich nur Stapel von Kisten und ein schrottreifer Gabelstapler. Drei Männer warteten bereits. Zwei waren Mexikaner. Der dritte war ein rothaariger, etwa dreißigjähriger Mann mit einem texanischen Cowboyhut. Wie ein Cowboy lehnte er auch an einem der Stützpfosten, wippte auf den Absätzen seiner hochhackigen Schuhe und hatte die Daumen in den Gürtel gehakt.

Billyboy und Ricardo stiegen aus.

Sie standen noch nicht auf dem Boden, da waren die beiden Mexikaner damit beschäftigt, die Nummernschilder des Kenworth abzuschrauben. Der Rothaarige rührte keinen Finger. Er blickte den Fahrern entgegen und sagte, ohne seine Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen:

»Der Wagen steht auf der anderen Seite. Es ist alles vorbereitet. Nun macht schon, daß ihr wegkommt!«

»Werden Zeugen genug da sein?« wollte Ricardo wissen.

»Sicher«, meinte der Rothaarige und blickte auf seine Armbanduhr. »Ihr habt exakt eine Stunde und fünf Minuten. Ich glaube, es wird Zeit, daß ihr wegkommt! Ihr wißt, wo ihr es macht! Du bist ja gestern dort gewesen.«

Er hatte Ricardo angesehen, und der nickte. »Zerbrich dir nicht meine Rübe«, knurrte er, »und mach deine Kopfbewegung zu Billyboy hin!«

Der wartete auf die Nummernschilder. Als die beiden Mexikaner mit dem Abschrauben fertig waren, steckten sie die Nummernschilder und auch die Schrauben in eine Plastiktüte und gaben sie Billyboy. Unmittelbar danach verschwanden Ricardo und Billyboy durch einen Seitenausgang. Und dann sahen sie auch den betagten Ford. Er war einmal blau gewesen. Der linke Kotflügel leuchtete indessen in roter Spachtelfarbe.

Ricardo setzte sich wieder ans Steuer, Billyboy neben ihn. Dann fuhren sie los. Eine dicke Staubwolke hinter sich lassend, schossen sie auf einem schmalen Weg an der Stadt vorbei und gelangten so wieder auf die Landstraße. Die hatte hinter dem Ort einen Knick gemacht und ging jetzt mit deutlicher Steigung auf die Berge zu, die sich, von Dunst umhüllt., zum azurblauen Himmel erhoben. Eine ganze Kette war es, und der Pico del Centinela ragte mit seinen beinahe dreitausend Metern deutlich aus der Kette der anderen Gipfel heraus.

Die Straße wurde kurvig. Die Serpentinen mit ihren Steilkehren begannen. Mit dem Pkw war das kein Problem. Trotz des schlechten Straßenzustandes drehte Ricardo auf, riß den Ford um die Kurven, daß Billyboy mitunter glaubte, die Reifen müßten in Stücke fliegen.

Und dann hatten sie beträchtlich an Höhe gewonnen und konnten von hier aus weit über das Tiefland blicken. Aber das interessierte keinen der beiden. Vielmehr zog Ricardo den Ford in einen Seitenweg hinein, und der war noch holpriger als die Straße. Aber er war flacher, führte in ein Seitental, und dann plötzlich sahen sie den Sattelzug.

Es war auch ein Kenworth, und er war rot wie der andere. Nur ein einziger Unterschied bestand: Dieser hier war elf Jahre alt.

»Na bitteschön, wer sagt es! Alles noch am selben Platz«, meinte Ricardo und stoppte ab. Sie rollten noch das letzte Stück bis neben den Kenworth, dann hielt er an.

»So, Billyboy, jetzt raus mit dir und drauf! Und mach bloß keinen Blödsinn! Paß auf, daß du nicht hängen bleibst!«

Billyboy grinste, kaute auf seinem Kaugummi herum und meinte zuversichtlich:

»Es hat doch immer geklappt. Warum soll es diesmal nicht so sein? Hoffentlich hat er genug Zeugen da.« Er warf einen besorgten Blick zum Auflieger hin. »Ist da alles in Ordnung? Klappt das auch?«

Ricardo bleckte die Zähne wie ein bissiges Pferd. »Den habe ich geladen. Natürlich klappt es. Sieh bloß zu, daß du rechtzeitig rauskommst!«

*

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SANCHO CARPENTERO HATTE sich darauf spezialisiert, amerikanische Touristen in einem Kleinbus zu den Höhlen am Fuß des Pico del Centinela zu fahren, um ihnen die Grotten zu zeigen. Die Fahrt mit zwölf Teilnehmern lief immer nach demselben Schema ab. Nach dem Besichtigen der Höhlen hängte sich Sancho einen Bauchladen um und verkaufte den Amerikanern kleine Andenken. Danach packte er seinen Bauchladen wieder in den Kofferraum vom Bus und fuhr mit seinen Touristen ein gutes Stück talwärts zu einer Plattform neben einer Steilkehre. Von hier aus konnte man weit über das Land sehen, fast wie vom Flugzeug aus, und man hatte einen Überblick, wie sich die Straße in Serpentinen bergauf schlängelte. Ein Stück unterhalb mündete dann jener Weg in die Straße, von der Sancho mit seinen Touristen zur Besichtigung der Höhle abgezweigt war.

Nachdem er seinen Touristen die Aussicht gezeigt hatte, würde er dann wieder zu Tal fahren, und pünktlich zu Mittag bekamen seine Fahrgäste in einem kleinen Restaurant, das Sanchos Frau führte, etwas zu essen. Anschließend war Pause, bis die größte Hitze vorbei war. Eine Zeit, in der die Touristen erfahrungsgemäß Mengen an Getränken konsumierten. Aber im Augenblick rollte Sancho mit seinem Kleinbus auf die Plattform, hielt an und verkündete seinen Mitfahrern, er werde ihnen jetzt das schönste Panorama Mexikos zeigen. Das war zwar eine glatte Lüge, es gab weit schönere Panoramen in Mexiko zu sehen, doch schlecht war die Aussicht auch wieder nicht.

Als sich die Touristen am Geländer aufreihten, das sie davor schützte, die Steilwand hinunterzustürzen, als die Fotoapparate klickten, da hörte man aus der Tiefe das Motorengebrumm eines schweren Lastersj Und dann sahen die Touristen auch das lange rote Fahrzeug, das auf der schmalen kurvenreichen Straße sehr gewaltig wirkte. Wie gebannt schauten alle zwölf Amerikaner nach unten und fragten sich, wie der Fahrer es schaffen würde, um die Kurven zu kommen. Aber er kam herum.

In diesem Augenblick bemerkten die meisten der Touristen auch, daß von unten her in schneller Fahrt ein Personenwagen bergauf die gleiche Straße fuhr, die der schwere Sattelschlepper langsam herunterkroch.

Und dann jagten sich die Ereignisse.

Der Sattelschlepper war nun unmittelbar vor einer der Steilkehren, da schoß der Personenwagen die kurze Gerade auf eben jene Kehre zu. Er konnte den Lastwagen noch nicht sehen. Der wiederum den Pkw nicht. Aber das Lufthorn des Lastwagens ertönte. Dennoch fuhr der Pkw mit unverminderter Geschwindigkeit weiter.

Die Touristen und auch Sancho sahen das Spektakel dort unten wie aus dem Flugzeug. Sie konnten beide sehen: den Laster und den Pkw. Und sie ahnten voraus, was gleich kommen mußte. Ein Zusammenstoß.

Da, plötzlich, war es soweit! Der schwere rote Truck schob sich um die Kurve; der Pkw schoß genau auf ihn zu.

Es konnte nur einen Zusammenstoß geben, wie sich alle dort oben sagten. Eine Frau schrie gellend auf. Die anderen standen wie erstarrt. Auch Sancho hatte es die Sprache verschlagen.

Der Personenwagen wich ein wenig zur Felsseite aus. Aber er würde nie und nimmer vorbeikommen.

Der Truckfahrer schien erschrocken, riß den Lastwagen noch weiter zur Seite und da - das rechte Vorderrad war schon in der Luft über dem Abgrund.

Ein Aufschrei ging durch die Menschen, die da oben standen und das alles sehen konnten wie in einem Film.

Die Tür des Lasters flog auf, der Laster kippte schon, da sprang ein schlanker blonder Mann aus dem Fahrerhaus, während gleichzeitig der Personenwagen gegen die Hinterräder des Aufliegers dieses Sattelzuges prallte. Nicht mehr sehr schnell. Er hatte wohl stark abgebremst, aber das konnte man von oben nicht mehr sehen. Alle schauten nur gebannt auf den Lastwagen, der jetzt abkippte und dann in die Tiefe stürzte.

Das schwere Gefährt polterte gegen die Felswand, überschlug sich.

Plötzlich zuckte eine Stichflamme hoch, und dann ging alles in einem riesigen Feuerball und in starkem Qualm unter. Der Lastwagen verschwand in diesem Rauch, aber das Gedonner und Gekrache währte so lange, bis das in Flammen gehüllte Gefährt endlich die Talsohle erreicht hatte und aufschlug. Noch einmal ein Knall, wieder ein Feuerball, noch mehr Rauch, der zum Himmel stieg und das ganze Tal einhüllte.

Auf der Straße geschah etwas Merkwürdiges. Der Fahrer des Personenwagens gab plötzlich Gas und fuhr weiter. Fuhr und verschwand, während der abgesprungene Trucker hilflos auf der Straße stand, die Arme hob und aufgeregt winkte, auch etwas schrie, was man sogar bis oben zu jener Plattformkanzel hören konnte, wo all die Menschen standen.

Die Starre, die die Leute oben erfaßt hatte, die zu Zeugen dieses Schauspiels geworden waren, wich nur langsam. Ein älterer Amerikaner schrie plötzlich:

»Wir müssen ihn aufhalten. Er flieht. Wir müssen ihn aufhalten.«

Aber als Sancho begriff, um was es ging, und endlich zu seinem Wagen rannte, um den Weg hinunter bis zur Einmündung zu fahren, wo er den Personenwagen abzustoppen hoffte, fuhr der schon unten vorbei, und das Geräusch des Motors wurde leiser. Nur das Klappern des losgerissenen Kotflügels konnte man noch lange hören. Dann war es still.

Aus dem Tal qualmte es pechschwarz, und der Fahrer stand immer noch dort unten auf der Sträße.

Ein paar der Amerikaner hatten fotografiert, nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatten. Und einer mußte wohl auch vorhin schon ein Foto geschossen haben.

»Bitte warten Sie hier! Ich will mich um den Mann kümmern«, sagte Sancho, setzte sich in seinen Bus, aber da waren zwei resolute Amerikanerinnen und ein jüngerer Mann, die unbedingt mitfahren und helfen wollten. So fuhren sie hinunter, um sich um den Fahrer zu kümmern.

Schon auf der Fahrt hinunter gab Sancho, der CB-Funk in seinem Bus hatte, eine Meldung an die Polizei.

Der Fahrer, den sie ziemlich ratlos vorfanden, war noch sehr jung. Nach Sanchos Meinung nicht älter als zweiundzwanzig. Ein großer schlanker Bursche mit blondem Haar. Und er stand am Abgrund und blickte hinunter, wo es immer noch qualmte, als sei die Hölle aufgebrochen.

*

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TENIENTE RAOUL SOTELO war neu als Chef der Polizeistation Citta Serranias. Der dynamische dunkelhaarige Leutnant hatte mit zweiunddreißig Jahren noch die ganze Karriere vor sich. Und entsprechend war sein Ehrgeiz. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der lasch und nicht gerade emsig seine Aufgabe gesehen hatte, wollte Sotelo beweisen, daß er sein Geld wert war. Und entsprechend gewissenhaft machte er sich an die Nachforschungen nach diesem Lastwagenunglück in den Bergen.

Er selbst nahm das Protokoll des Lastwagenfahrers auf. Jenes blonden Amerikaners, der um ein Haar mit in die Tiefe gerissen worden wäre, und der nur auf Grund seiner Geistesgegenwart und Behendigkeit gerade noch rechtzeitig aus dem abstürzenden Lastzug springen konnte. Von dem Fahrer des Pkw fehlte, ebenso wie vom Fahrzeug selbst, jede Spur.

Die Ermittlungen am ausgebrannten Lastzug, der im Talgrund lag, hatten zwei von Sotelos Beamten angestellt. Die allerdings arbeiteten noch nach dem Prinzip von Sotelos Vorgänger und hatten keine Lust, sich die Kleidung zu beschmutzen, indem sie in diesem Ruß und der Schmiere aus verbranntem Öl und anderen Rückständen herumstapften. Für sie war es ganz einfach, zumal es sich noch um ein Gringo-Fahrzeug handelte: Der Lastwagen war abgestürzt und kaputt, aus diesen Trümmerstücken würde man nie wieder etwas machen können, also ein Totalschaden. Nach den Papieren des Fahrzeuges und der Ladeliste, die der Fahrer retten konnte, da sie sich in seiner Tasche befanden, hatte der Lastzug Xylol in Fässern geladen, und das war nun irgendwie bei dem Absturz explodiert. Vielleicht hatte sich auch der Treibstoff des Fahrzeuges auf irgendeine Weise entzündet. Dies genau nachzuforschen, interessierte die beiden Beamten nicht. So gaben sie ihre Meldung im Verlauf des Nachmittags an den Teniente, der sein Protokoll so gut wie abgeschlossen hatte.

Noch von der Polizeistation aus war es Billyboy möglich gewesen, ein Telefongespräch mit der, wie er behauptet hatte, Spedition zu führen, für die er als Fahrer tätig war, und von da werde man ihm, so sei es ihm versprochen worden, einen Wagen schicken, der ihn abholen sollte. Er erbat sich eine Kopie des Protokolls, und der Teniente versprach ihm das. Probleme gab es keine. Zeugen hatte der Teniente zuhauf. Die zwölf Touristen aus Sancho Carpenteros Bus und Sancho selbst. Darüber hinaus drei Filme aus den Kameras von Touristen. Die wurden im Augenblick noch entwickelt. Auf einem Film waren sogar Bilder, wie einer der Touristen erklärt hatte, wo man beide Fahrzeuge noch sehen konnte, wie sie aufeinander Zufuhren.

Am späten Nachmittag dann wurde der Pkw gefunden. Verlassen hatte man ihn irgendwo neben der Bergstraße stehen sehen. Die Polizei fuhr hin, fand aber keinerlei Hinweise auf den Verbleib des Fahrers.

Gegen neunzehn Uhr hatte Billyboy eine Kopie des Protokolls und sogar fünf Kopien von Fotos. Auf zweien war, von der Panorama-Plattform aus fotografiert, einmal der von ihm gefahrene Lastzug, aber auch jener Pkw zu sehen gewesen. Auf den anderen sah man nur die dicken Qualmwolken des irgendwo unten im Tal brennenden Lastwagens. Für die Polizei nicht von Bedeutung. Dennoch nahm sich Billyboy diese Bilder mit, und er bedankte sich immer wieder bei Sotelo für dessen Entgegenkommen. Dann war auch der Wagen da, der ihn holen sollte. Es war ein Mietfahrzeug mit einem Fahrer einer Mietwagenfirma aus Boquillas.

Als Billyboy dann neben dem ihm unbekannten Fahrer saß und sie Citta Serranias verließen, blickte er einmal verstohlen hinüber zu dem Lagerhaus der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Aber dort lag alles wie tot. Nichts regte sich. Doch Billyboy wußte, daß der neue Kenworth drinnen stand und nach Einbruch der Dunkelheit die Halle verlassen würde, um quer durch Mexiko bis zum Hafen von Tampico zu fahren, wo man ihn auf ein Schiff laden würde. Und dieses Schiff hatte Havanna auf Kuba zum Ziel. Da würde der Lastwagen dann in Zukunft seine Heimat haben.

Es war schon dunkel, als der Mietwagen die Grenze passierte. Während der Fahrt hatte sich Billyboy nur über belanglose Dinge mit dem Fahrer unter-, halten, der offenbar nichts von dem Grund seines Auftrags wußte.

Billyboy ließ sich mitten in der Stadt absetzen. Bezahlen brauchte er die Fahrt nicht; der Auftraggeber hatte bereits im voraus bezahlt.

Zu Fuß ging Billyboy ein Stück bis zü einem kleinen Hotel mit mexikanischem Besitzer. Ein Zimmer war schon für ihn reserviert. Er duschte, aß etwas und streckte sich dann in seinem Zimmer, das zwei Betten hatte, auf einem dieser Betten aus.

Er hatte sich einen Riegel Bierdosen mit nach oben genommen, und die erste war gerade geleert, als Ricardo eintrat.

Billyboy schaltete über die Fernbedienung den Fernseher wieder aus, grinste Ricardo entgegen, der einen dieser texanischen Hüte trug und sich an den kleinen Tisch setzte, der am Fenster stand. Während sich Ricardo ein Zigarillo anzündete, fragte Billyboy:

»Alles klar?«

»Säße ich sonst hier?« meinte Ricardo mürrisch.

»Irgendwas schief?« wollte Billyboy wissen.

Ricardo schüttelte den Kopf. »Nichts. Alles bestens. Wir haben einen neuen Auftrag.«

»Einen neuen Auftrag, schon wieder hier? Sind die verrückt geworden?«

»Das habe ich mich auch gefragt. Aber wir brauchen diesmal nicht zu fahren.«

»Das begreife ich nicht. Was soll das heißen?« wollte Billyboy wissen.

Ricardo blies den Rauch aus, angelte sich mit dem rechten Fuß den zweiten Stuhl und legte die Beine darauf. Dann lehnte er sich mit dem Rücken an die Tischkante, stützte sich mit den Ellenbogen ab, während er wie ein Fabrikschornstein sein Zigarillo paffte. Aber dann nahm er es aus dem Mund und sagte, noch immer sehr ungnädig:

»Ganz beschissene Sache. Dolby muß verrückt geworden sein. Hast du schon mal mit Plastikknete gearbeitet?«

»Womit?« fragte Billyboy verständnislos.

»Mit Plastiksprengstoff.«

»Begreif’ ich nicht! Wofür brauchen wir den? Sprengen wir jetzt die Dinger in die Luft?«

»Nein. Nicht, wenn wir drin sind. Aber er hat jemanden, der fährt seine Karre selber zum Teufel.«

»Ein neuer Mann? Konkurrenz für uns?« Billyboy machte große Augen'.

Ricardo zischte verächtlich. »Was du denkst! Kein neuer Mann. Ein Amateur. Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nichts von ihm. Er soll ein schwieriger Bursche sein. Kriegt von Dolby ’ne Menge Flocken und mahnt sie sich jetzt ganz energisch ein. Wird wohl zu massiv für Dolbys Geschmack. Na ja, und jetzt hat er ihm ’ne Extrafahrt besorgt.«

»Moment mal«, sagte Billyboy. »Das schmeckt mir aber nicht. Ich kann mir denken, worauf es hinausläuft. Der Junge kriegt irgendwie Geld von Dolby. Und jetzt wird er ihm lästig, und Dolby will ihn in die Luft sprengen.«

»Aber nicht doch. Dolby läßt ihn eine alte Karre fahren, natürlich hoch versichert. Was heißt alte Karre. Das Ding ist vielleicht zehn Jahre alt, mehr nicht.«

»Was denn? Und wieder in Mexiko?« Ricardo nickte. »Wieder in Mexiko. Das ist doch das Schwachsinnige dabei. Dolby hat echt eine Meise. Ich habe ihm gesagt am Telefon, daß das Schwachsinn ist. Daß man das nicht machen kann. Jedenfalls nicht in der Gegend, wo wir jetzt gewesen sind. Das muß doch auff allen. Aber er meint, das könnte ja zwanzig oder fünfzig Meilen weiter entfernt sein. Wir brauchten nichts zu tun, als einen kleinen Handsender zu bedienen. Und wenn der Kerl kommt, drücken wir auf einen Knopf, und dem reißt es das rechte Vorderrad ab. Natürlich genau in dem Moment, wo er um eine Linkskehre fährt. Was dann passiert, kannst du dir denken.«

»Natürlich. Der schmeißt den ganzen Karren in den Abgrund.«

»Genauso kommt es.«

»Und er weiß nichts«, meinte Billyboy. »Hör zu, Ricardo. Du machst das doch schon so lange, aber Mord war da noch nie dabei, oder?«

Ricardo grinste. »Na ja, Mord nicht gerade. Bis jetzt immer Versicherungsbetrug. Aber einmal hätte es Mord werden können. Da ist ein Stück unterhalb ein anderer Wagen gefahren, und um ein Haar wäre der abgeschmierte Truck darauf gestürzt. Ging gerade noch gut.«

»Das ist etwas anderes«, meinte Billyboy. »Ricardo, was hier passiert, kostet doch dem Mann, der da drin sitzt, das Leben. Der weiß nichts, den reißt es mit in die Tiefe. Der springt doch nicht ab.« Ricardo zuckte die Schultern. »Ich habe das auch gedacht«, meinte er. »Aber Dolby muß das wohl geahnt haben. Er sagt, diese eine Sache noch, und darin sollten wir den nächten Hammer in Kanada landen. Da gibt es ja auch genug Schluchten und Täler, das weißt du ja. Das ist weit weg.«

»Warum nicht diese Sache auch in Kanada? Warum ausgerechnet dort, wo wir eben gewesen sind? Wenn irgend etwas schiefgeht, wissen die sofort Bescheid. Und dieser Teniente, sag’ ich dir, das ist nicht wie früher bei dem Capitan. Der schlief im Stehen ein, der Dicke. Der hatte ja gar keine Lust. Der hat nur auf seine Pensionierung gewartet. Aber der junge Leutnant, das ist noch ein Eisenfresser. Der ist noch hungrig, verstehst du? Der will Medaillen sammeln und will befördert werden. Der hat mich Sachen gefragt... Wenn ich das vorher gewußt hätte, Ricardo, hätte ich das ganze Ding dort nicht gedreht. Am Ende findet der noch heraus, daß wir einen ganz anderen Lastzug in die Tiefe geworfen haben als den, für den die Versicherung bezahlen muß. Hat das übrigens alles geklappt? Ist der weg?«

»Die rollen schon und sind morgen auf dem Schiff. Mach dir keine Gedanken! Da läuft nichts mehr. Das ist in Ordnung. Dolby kassiert die Flocken von der Versicherung, und die Kubaner zahlen ihm noch mal den Lastzug. Wenn es auch etwas weniger ist, als er wert sein würde, so kommt doch eine ganze Menge zusammen.«

Billyboy steckte sich eine Zigarette an. »Sag mal, Ricardo, wieviel Kunden hat Dolby eigentlich? Ich meine unter den Truckern, für die er als Frachtagent arbeitet.«

Ricardo zuckte die Schultern. »Vielleicht hundert. Ich weiß es nicht. Er hat jedenfalls ein gutes Geschäft. Und dieser Hetsing gehört auch dazu.«

»Wer ist Hetsing?« wollte Billyboy wissen.

»Dem du die Plastikknete auf die Achse bringst. In dem Plastiksprengstoff ist ein kleiner Empfänger. Ein Zünder, verstehst du? Wenn wir auf den Knopf drücken, fliegt der Mist hoch. Das habe ich dir doch erklärt.«

»Und Hetsing? Was ist das für ein Mann? Wieso...«

»Du mußt nicht zuviel wissen. Ich weiß ja auch nichts. Ich weiß nur, daß er Hetsing heißt. Und ich weiß auch, wo der Lastzug steht, den er fahren wird. Das ist einer von uns. Hetsings eigener Zug bleibt stehen.«

Billyboy war nicht wohl bei dem Gedanken. »Und ich soll dem das Zeug...«

»Auf die Achse von unserem Truck. Aber den wird Hetsing fahren. Und mehr weiß ich nicht; mehr will ich nicht wissen. Wir kennen nur die Stelle, wo er langkommt.«

»Und wenn er anders fährt?« fragte Billyboy und hoffte innerlich, der Mann, jener Hetsing, würde eine andere Route nehmen.

»Er fährt nicht anders. Er kann gar nicht anders. Mach dir doch keine Gedanken! Du brauchst doch bloß das Zeug auf die Achse zu packen, und das mit dem Knopfdruck erledige ich. Im Grunde weißt du schon viel zuviel.«

Billyboy schwieg jetzt. Ricardo, sagte er sich, hat recht. Ich weiß wirklich viel zuviel. Und in diesem Geschäft ist es gut, wenn man nicht zuviel weiß. Er streckte sich wieder auf seinem Bett aus, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte zur Decke. Hetsing heißt der Bursche. Und was wir tun wollen, ist glatter Mord. Wie weit geht Dolby noch? Verdammt, vielleicht sollte ich nicht mitmachen! Irgendwie aussteigen. Aber da ist nicht nur Ricardo, der das nicht zuließe. Da sind auch noch Dolbys Gorillas. Aber wenn ich mich einfach verkrümele und verschwinde und mir irgendwo als Fahrer einen Job suche, kräht kein Hahn nach mir. Ich muß mich nur still verhalten. Keine großen Sprüchq. Einfach untertauchen. Vielleicht hinauf nach Boston oder in diese Ecke. Ich könnte wieder Milch fahren wie früher in Vermont. Da ist zwar nicht viel herumgekommen, aber es war ein ruhiger Job. An einem Mord mache ich nicht mit. Dieser arme Kutscher sitzt auf seinem Bock, auf einmal knallt es, und ihn reißt es mitsamt dem Truck in die Tiefe. Nein, dem lege ich das Zeug nicht auf die Achse! Ich werde vorher abhauen. Ich verpisse mich. Sollen die sehen, wer ihnen das Zeug auf eine Achse packt. Ich nicht. Ich mache rechtzeitig die Fliege. Am besten noch heute nacht, wenn Ricardo pennt...

*

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DIE TÜREN DES KÜHLCONTAINERS wurden geschlossen, die Männer in den blutbeschmierten weißen Anzügen und den kurzen Lederschürzen traten zurück. Der Abfertiger, ein Glatzkopf im sauberen weißen Kittel, zog den Draht für die Plombe durchs Schloß, setzte die Zange an und drückte zu. Als er sie von der fertigen Plombe wegnahm, grinste er Chris Morris an, der neben ihm stand, und sagte: »Alles klar. Ihr könnt abzischen.«

Chris tippte grüßend mit zwei Fingern an seinen Mützenschirm und sagte: »Also dann, Freunde. Bis zum nächsten Mal.« Dann sprang er von der Rampe herunter und ging nach vorn.

Jim Stonewall, der hinterm Steuer saß, ließ bereits den RED BARON an.

Als Chris noch auf dem Trittbrett war, fuhr Jim schon langsam los. Und dann, als Chris auf seinem Sitz saß und die Tür zugeknallt hatte, drückte Jim das Gas tiefer, und die 320 PS röhrten, daß es vom Kühlhaus widerhallte.

Aber Jim fuhr nicht weit. Kaum hatte er den Schlachthof verlassen, zog er hinüber zu Mary’s Coffeeshop.

Das war nichts als eine Baracke mitten in einem riesigen Parkplatz. Aber der war schon zur Hälfte mit Lastzügen besetzt. Die Fahrer drängten sich in dem winzigen Raum des Coffeeshops. Doch trotz der Enge war die Stimmung großartig, wie immer bei Mary.

Die dicke Negerin, die diesen Coffeeshop unterhielt, war bei allen, die jemals auf dem Schlachthof in Amarillo gewesen waren, ein Begriff für erstklassiges und gleichzeitig sehr preiswertes Essen. Und nicht nur das. Mary kochte wie Mutter. Hausgemachte Kost. Alles frisch und gut. Da kam nichts aus der Dose.

Jim und Chris, die eine lange Tour hinter sich hatten, bevor sie diese Ladung hier übernehmen konnten, freuten sich auf eine richtige gute Mahlzeit. Bei Mary war die so gut wie gesichert.

Als sie ihren Truck abgestellt hatten und den Coffeeshop betraten, schweiften ihre Blicke suchend nach einem freien Platz. Und da entdeckten sie Susan und Pit.

»Sieh mal da!« rief Chris, und er winkte Susan zu.

Da waren auch noch ein paar andere Trucker, die Chris und Jim gut kannten. Aber bei Susan war noch eine winzige Ecke.

Die junge blonde Truckerin deutete auf den freien Platz neben sich. Und auch Pit, ihr Bruder, winkte. Er war sechs Jahre älter als sie. Vor drei Wochen hatten Jim und Chris die beiden getroffen, als sie Pits Geburtstag feierten. Pit sah aber älter aus als neunundzwanzig, hatte schon eine Stirnglatze und mußte neuerdings eine Brille tragen.

Jim und Chris schlängelten sich durch die Bänke und Tische, bis sie hinten in der Ecke bei Susan und Pit waren. Dann eine herzliche Begrüßung, und sie zwängten sich auf die freien Plätze. Da saßen sie zwar ziemlich zusammengedrängt, aber Chris war das gar nicht so unangenehm, dicht neben Susan zu sitzen. Denn die blonde Susan war nicht nur eine hervorragende Truckerin, sondern auch ein ausnehmend hübsches Wesen. Und für hübsche Frauen hatte Chris nun einmal eine große Schwäche.

Da wurde gegenüber ein Platz frei, und Jim setzte sich darauf. Dadurch war es hinten auf der Bank für die anderen drei nicht mehr so eng. Als Jim Susan gegenübersaß, sagte er: »Ich habe gehört, du hast letzten Sonntag das Rennen der Ladies gewonnen.«

Susan lächelte verlegen, und Pit sagte stolz:

»Sie hat gewonnen. Sie war ganz große Klasse. Eine Turbo-Kawasaki. Susan hat keine eigene Maschine mehr. Sie hat sie sich geliehen. Und damit gewonnen.«

»Keine eigene Maschine mehr?« fragte Jim überrascht und sah Susan an. »Was heißt das?«

Susan wurde mit einem Male traurig. Sie wußte wohl auch nicht, wie sie es Jim erklären sollte. Da übernahm wieder Pit die Initiative.

»Ich muß euch etwas sagen, Jungs. Letztens, bei meinem Geburtstag, da wollte ich es euch schon erklären. Es hängt mit Daddy zusammen.«

»Was ist mit Daddy?« Er kannte den Vater der beiden ja sehr gut. Wer kannte ihn nicht auf Amerikas Fernstraßen, der ein Trucker war. Daddy Hetsing, das war so ungefähr wie ein Vater aller Trucker. Dabei war er gerade einmal sechzig geworden. Zwei Lastzüge besaß er. Den einen fuhren Pit und Susan, den anderen er selbst mit seinem zweiten Sohn Johnny.

»Die Geschäfte laufen schlecht. Daddy hat überall Außenstände«, erklärte Pit, »und er weiß sie nicht hereinzubekommen. Hier in Amarillo ist das wieder so. Susan und mir ist es ja noch gelungen, jetzt eine Ladung Fleisch zu bekommen. Ohne die Agentur.«

»Die Agentur? Ihr meint Dolby. Oder wen sonst?« fragte Jim.

Pit nickte. »Ja, Dolby. Von ihm kriegt Daddy eine Menge Geld. Wenn wir das hätten, wären wir schon ein paar Schritt weiter. Aber am Ende hilft es uns auch nichts. Wir stecken schwer in den roten Zahlen. Ich fürchte, wir müssen unseren Truck verkaufen. Der von Daddy läuft sowieso nur noch auf Hypotheken und nicht auf Rädern. Und unser White ist noch ziemlich neu. Ist natürlich auch nicht bezahlt.«

Jim kannte diese Sorgen. Da wurde gefahren und gefahren, aber nachher war es noch ein Lotteriespiel für sich, auch das Geld dafür zu bekommen. Von Dolby nahm er keine Frachten mehr an. Er war ihm einmal beinahe sechstausend Dollar schuldig gewesen und wollte mit dem Geld nicht herausrücken. Erst als Jim und Chris ziemlich massiv wurden, kam er mit dem Scheck herüber. Allerdings war das jetzt schon drei Jahre her. Inzwischen, so hatte Jim erfahren, war Dolby noch größer geworden, betreute jede Menge Trucker und sorgte für Frachten. Aber mit dem Bezahlen schien es noch schlimmer geworden zu sein.

»Könnte er dehn nicht für einen anderen fahren, als ausgerechnet für Dolby?«

»Na ja, er hat uns ja die Kredite für den White besorgt«, meinte Susan.

»Du heiliger Strohsack! Deswegen könnt ihr doch für einen anderen Agenten fahren? Wenn er euch kein Geld gibt, dann sucht euch doch einen anderen. Wieviel schuldet er Daddy denn?« wollte Chris wissen.

Susan blickte Chris an, der neben ihr saß. »Ich weiß nicht, es ist sehr viel. Daddy sagte mal etwas von achtundvierzigtausend.«

»Was denn? Achtundvierzigtausend Dollar!« rief Jim.

Susans Kopf ruckte herum, und sie sah Jim an. »Ja, hast du gedacht Pesos?«

»Du kriegst die Tür nicht zu!« Jim schüttelte den Kopf. »Und er macht nichts locker? Sollen wir dem vielleicht auf die Bude rücken?«

»Nein, nein, laßt nur. Daddy ist ja auch da. Er ist bei ihm. Er wollte mit ihm reden.«

Chris lachte abfällig. »Glaubt ihr denn, da ist noch mit Reden etwas zu machen? Dem sollten wir die Bude in die Luft sprengen. Was denn sonst? Ich kenne jetzt mittlerweile soviel Leute, die von dem Geld bekommen. Verdammt noch mal, vielleicht ist der längst pleite. Oder er kassiert die Frachtlöhne, und die Jungs stehen vor der Tür. Die werden von ihm vertröstet. Eines Tages macht der die Mücke, und weg ist er mit all dem Geld.«

»Kann er sich doch nicht leisten«, sagte Pit. »Völlig ausgeschlossen. Der steckt hier ganz groß drin in Amarillo. Und vor allen Dingen hat er lauter mächtige Freunde.«

»Freunde hin und Freunde her«, sagte Jim. »Wenn jemand von ihm Geld bekommt,, muß er bezahlen. Da hilft doch alles nichts.«

»Er hat jedenfalls zu Daddy gesagt«, erklärte Susan besorgt, »daß er warten soll, wenn er Wert darauf legt, weiter in der Geschäftsverbindung zu bleiben.«

»Stimmt«, sagte Pit. »Aber Daddy weiß irgend etwas. Und er hat ihm wohl auch damit gedroht. Jedenfalls sieht es ganz so aus, als ob Daddy jetzt Geld bekommt.«

Jim hatte da so seine Bedenken. Sollte Dolby wirklich vor Daddy Hetsing kneifen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Daddy Hetsing war zwar ein beliebter Mann, und ihn zu vergraulen, könnte sehr viele Trucker auf den Plan rufen, und das wußte auch Dolby. Aber Dolby ließ sich doch nicht ins Bockshorn jagen. Nicht von Daddy und auch von keinem anderen. Da mußte man schon handfestere Methoden anwenden.

Sie sprachen hoch über dies und das, und auf einmal tauchte Daddy Hetsing auf, gefolgt von seinem Sohn Johnny. Johnny war fünfundzwanzig, hatte noch, im Gegensatz zu seinem Bruder Pit, volles blondes Haar, und seine blauen Augen strahlten, als er Jim und Chris begrüßte.

Daddy hatte noch an der Theke etwas bestellt, kam nun ebenfalls an den Tisch, und weil da inzwischen mehr Platz geworden war, saßen sie dort jetzt zu sechst.

Daddy Hetsing war sechzig. Ein breiter kräftiger Mann mit einem Stiernacken und einem schon ziemlich deutlichen Bauchansatz. Haare hatte er nur noch als Kranz von den Schläfen um den Hinterkopf, oben funkelte eine total haarlose Glatze. Aber seine Augenbrauen waren buschig, und darunter leuchteten so blaue Augen, wie sie sein Sohn Johnny und seine Tochter Susan von ihm geerbt hatten.

Der Druck der hornigen Hände war entsprechend. Jim mochte Männer mit solchem Händedruck. Und dann saßen sie sich gegenüber. Daddy wirkte gutgelaunt, und als erstes sagte er zu seinem Sohn Pit und seiner Tochter Susan: »Also, die Hälfte hat er herausgerückt.« Er zog einen Scheck aus der Tasche. »Vierundzwanzigtausend.«

»Da würde ich ihn gleich einlösen«, riet Chris.

»Die Banken haben schon zu. Aber ich kann ihn ins Depot geben. Na ja, hier in Amärillo dauert das zu lange. Ich habe eine Ladung bekommen. Er hat mir auch noch eine Ladung verschafft.«

»Na prima. Hoffentlich kriegst du die bezahlt«, sagte Jim, und es sollte gar nicht kritisch klingen. Er machte sich wirklich Sorgen um Daddy und dessen Geschäft.

»Naja, ich bekomme sogar den ganzen Rest, wenn ich zurück bin«, meinte Daddy, und Jim, der ihn dabei ansah, dachte:

Wie gut, daß er aus seinen Problemen herauskommt; Nur, es paßt irgendwie nicht zu Dolby. Ich kenne diesen verdammten Fettsack schon so lange... Daß er plötzlich klein beigibt! Da muß doch noch irgendwo ein Haken sein.

Im Verlaufe des weiteren Gespräches erfuhren Jim und Chris, aber auch Susan und Pit, daß Daddy gar nicht mit dem eigenen Zug fahren sollte, sondern mit einem Sattelschlepper, der angeblich Dolby gehörte. Den er, wie er zu Daddy gesagt hatte, von jemandem übernommen haben wollte.

»Und wo geht die Reise hin?« wollte Jim wissen.

»Mexiko. Nach Los Pintos.«

»Auf in die Berge«, meinte Chris. »Das liegt ja an der Sierra del Huacha.«

»Genau da liegt es«, erwiderte Daddy. »Die Straße ist schlimm«, meinte Jim. »Da mußt du Über Boquillas fahren und dann durch Citta Serranias und dann auf in die Berge. Ganz schöne Steigungen, sage ich dir. Und verflucht eng.«

»Und gefährlich«, meinte Chris. »Da habe ich doch irgend etwas gehört, da soll doch irgendeiner abgestürzt sein?«

»Wer denn?« fragte Jim. »Ich habe nichts gehört.«

»Ich auch nicht«, meinte Daddy. »Wer ist denn da abgestürzt?«

»Ein Trucker aus den Staaten«, berichtete Chris. »Ich habe das über CB gehört. Ihr nicht?«

Auch Susan und Pit wußten nichts und blickten Chris gespannt an. Susan fragte: »Wer kann es denn gewesen sein?«

»Ein roter Sattelzug. Der ist in die Tiefe. Der Fahrer konnte abspringen.«

Alle atmeten erleichtert auf. »Dann ist es halb so schlimm. Den Truck kann man ja, wenn er gut versichert ist, wieder kaufen«, erklärte Pit.

»Stimmt«, gab Chris zu. »Aber daß es eine gefährliche Strecke ist, seht ihr daran. Ich wüßte auch gern, wer der Kerl war. Aber das ist nicht gesagt worden.« Sie sprachen dann noch von anderen Dingen, dann mußten Chris und Jim los. Sie gingen nach der Verabschiedung von den Hetsings nach vorn zum Tresen, bezahlten bei Mary und verabschiedeten sich von der dicken sympathischen Negerin, indem sie ihr versprachen, recht bald wiederzukommen.

»Vor morgen«, rief Chris noch von der Tür her der Wirtin zu, »brauchen wir nichts mehr' zu essen. Das war wieder einmal einfach Spitze.«

Geschmeichelt lächelte die Negerin und rieb sich verstohlen die Hände an der Schürze ab. Sie war glücklich, wenn ihre Jungen, wie sie die Trucker nannte, zufrieden aus ihrem Coffeeshop gingen.

Draußen stiegen Chris und Jim wieder auf den Bock, Chris nahm diesmal das Steuer. Er war dran. Und Jim kletterte gleich in die Koje.

»Nun spiel nicht den wilden Affen! Laß dir Zeit! Hast du noch mal nach der Kühlung gesehen?« meinte Jim.

»Aber immer, Häuptling.«

»Da fällt mir etwas ein«, sagte Jim, »wo du gerade Häuptling sagst. Du kannst dich doch an Sidney Nelson erinnern, den Neger?«

»Na klar kenn’ ich den. Der Admiral, so hast du ihn doch getauft«, meinte Chris. »Natürlich kenne ich den Admiral. Was ist mit ihm? Er hat jetzt einen eigenen Mack, soviel ich weiß.«

»Hat er. Und ich habe ihn noch gesehen, als ich gefahren bin und du gepennt hast. Funkelnagelneuer Mack, sage ich dir! Stolz wie ein Spanier hat er hinter seinem Steuer geklemmt und ein Höllenspektakel mit seinem Lufthorn gemacht. Er hat auch kurz angehalten. Na ja, ein paar Worte hin.und her. Natürlich keine Parkgelegenheit und nichts. Danach haben wir noch ein bißchen über Funk gequatscht. Er war unterwegs nach Lubbock. Hatte einen Tieflader mit vier Mähdreschern drauf auf dem Sattel.«

»Na prächtig, der Junge. Hat’s verdient! War er allein?«

»Ich weiß nicht. Gesehen habe ich nur ihn. Wir haben überhaupt nicht darüber gesprochen. Er hat nur gestrahlt und sich gefreut. Es ist seine vierzehnte Fahrt mit dem eigenen Bock. Und er hofft, daß er am Rollen bleibt. Natürlich Raten, daß die Schwarte knackt. Aber ich kenne das ja. Das Problem ist uns beiden ja nicht neu.«

»Kann man nicht behaupten«, bestätigte Chris. »Dann penn mal eine Runde! In vier Stunden mußt du dran.«

Jim nickte, legte sich zurück, konnte aber nicht sofort einschlafen. Er starrte noch lange über sich an die Kabinendecke, und erst allmählich döste er ein.

Unter ihm brummte mit seiner gleichmäßigen Melodie der 320 PS starke Sechszylinder. Die Reifen rauschten auf dem Asphalt, und der RED BARON zog seine Bahn. 26 Tonnen Rinderhälften hingen hinten im Kühlcontainer. Morgen früh, so gegen neun Uhr, würden sie ihr Ziel erreichen, wenn nichts dazwischen kam. Dann folgte eine kurze Leerfahrt, nachdem der Kühlcontainer abgesetzt war. Eine Ladung mit dreißig Tonnen Kugellagern wartete auf sie.

So hatten es sich Jim und Chris ausgerechnet. Aber zunächst einmal sollte Chris Billyboy kennenlernen. Doch bis dahin hatte er noch mehr als drei Stunden Fahrt vor sich.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913460
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
ps-jim lady feuerherz

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Titel: 320 PS-Jim #93: Lady Feuerherz