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320 PS-Jim #81: In Texas fliegen die Fetzen

2017 120 Seiten

Leseprobe

320 PS-Jim #81: In Texas fliegen die Fetzen

Wolf G. Rahn

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Wolf G. Rahn

In Kansas fliegen die Fetzen

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Ein Roman aus der Serie 320 PS-Jim.

Abenteuer auf den endlosen Highways Amerikas – Trucker-Stories um die modernen Cowboys des amerikanischen Westens.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© Roman by Author, Titelbild Steve Mayer, Serienrechte “320 PS-JIM” by Olaf Dietsch, Erbe von Werner Dietsch

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Roman

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Barry Winwood schlug seinem Kollegen Chris Morris so kräftig auf die Schulter, daß dieser leicht in die Knie ging.

»Kommt ihr auch?« fragte er mit seinem unverkennbaren Baß.

»Natürlich kommen wir auch, mein Sohn«, gab der um sechzehn Jahre Jüngere jovial lächelnd zurück. »Den Preis für den besten Schatzsucher wollen wir uns nicht entgehen lassen.«

Steve Barclay schob sich an Barry Winwood vorbei und grinste unverschämt.

»Hat man dir nicht gesagt, daß diesen Preis nur der Gewinner bekommt?« erkundigte er sich lässig. »Damit dürfte wohl klar sein, daß wir ihn uns holen. Barry und ich. Eben die besten Trucker in den Staaten. Wer sonst?«

Chris wollte sich vor Lachen ausschütten.

»Sag das noch mal, Steve! Es gibt nicht viel, was ich an dir schätze, aber deine Witze sind wirklich einmalig. Jim und ich lachen manchmal tagelang über deinen Blödsinn. Es wird sogar behauptet, daß du meistens selbst daran glaubst.«

Steve Barclay, ein schlaksiger Typ von vierunddreißig Jahren, war nicht gekränkt. Die Frotzeleien von Chris war er gewöhnt. So oft sie sich auch trafen, es ging fast nie ohne ein paar, meist harmlose, Reibereien ab.

Zusammen mit seinem Vater gehörte ihm die Barclay Freightline Company, für die er selbst fuhr. Sie hatten drei Kenworth im Stall. Aus diesem Grund nahm er Chris Morris und dessen Partner Jim Stonewall nicht ganz für voll. Den beiden gehörte nur ein einziger Truck. Ausgerechnet ein Ausländer.

Es gab zwar zahlreiche Beispiele, bei denen der knallrote M.A.N dem taubenblauen Ken den Rang abgelaufen hatte, doch bei dem Rodeo wollte Steve den beiden zeigen, wer nun wirklich der Bessere war. Im direkten Vergleich hatten er und Barry auf alle Fälle die Nase vorne.

»Verrückten soll man nicht widersprechen«, sagte er gelassen. »Ich gehe aber jede Wette ein, daß wir am Wochenende mehr Punkte machen als ihr. Und die Schatzsuche gewinnen wir sowieso.«

»Die Wette halte ich«, erklärte Chris spontan. »Fünfhundert Bucks.«

Steve guckte ihn verdutzt an. »Meinst du das im Ernst?«

»Nein, im September, du Getriebevergewaltiger. Die fünfhundert Dollar haue ich in einer Nacht mit einer Superbiene auf den Kopf.«

»Ich habe eher den Eindruck, daß dir jemand auf den Kopf gehauen hat. Laß das bloß nicht Jim hören. Der reißt dir deine Rübe runter, wenn du euer Firmenkapital zum Fenster rauswirfst.«

»Was heißt hier Firmenkapital?« gab Chris zurück. »Das ist eine Privatwette. Das Geld fließt in meine eigene Tasche. Wenn ich Jim davon zu ’nem Hamburger einlade, ist das von mir nur triefende Güte.«

Steve Barclay kniff die Augen zusammen und musterte sein Gegenüber lange. Endlich streckte er die Hand aus und erklärte: »Also gut, Chris. Du hast es nicht anders gewollt. Die Wette gilt. Sieger ist, wer die Schatzsuche gewinnt.« Chris schlug, ohne zu zögern, ein. Barry Winwood hatte einen Einwand.

»Und wenn wider Erwarten keiner von uns den Schatz findet?«

»Dann entscheidet die höchste Gesamtpunktzahl aus den übrigen Wettbewerben.«

»Egal, was passiert?«

»Egal, was passiert.«

Steve Barclay war einverstanden. »Dann also bis Sonnabend. Grüß Jim von mir. Er kann einem echt leid tun. Hätte wirklich was Besseres verdient als einen Größenwahnsinnigen als Shotgun. Na ja, er hat es sich ja selbst so ausgesucht. Beeilt euch, daß ihr pünktlich da seid. Wenn ihr einen Wettbewerb verpaßt, sind das für euch null Punkte.«

»Ich kann selbst rechnen, du Klugscheißer«, ereiferte sich Chris. »Wir sind noch vor euch da. Wollen wir wetten?« Steve wehrte ab. »Hör auf, Buddy! Ich will dich nicht ruinieren. Du wirst ohnehin schon deinen Anteil am RED BARON verkaufen müssen, um mir die fünfhundert zahlen zu können. Hoffentlich bekommst du überhaupt so viel dafür.«

Jim Stonewall kam aus dem Büro der Frachtagentur. Er hatte ein Bündel Papiere in der Hand, mit dem er Chris zuwinkte.

»Können wir, Partner?«

»Ob du kannst, weiß ich nicht. Ich kann immer. Packen wir’s, damit ich endlich wieder unter Menschen komme.« Chris warf Steve einen bezeichnenden Blick zu.

Der wandte sich gelangweilt ab.

»Das wird eine gemütliche Tour«, freute sich Chris, als er neben Jim zu der M.A.N-Zugmaschine ging. »Nach Montgomery und anschließend zurück nach Salina, das schaffen wir spielend und können vielleicht sogar noch in Alabama Fracht aufnehmen, wenn die uns zu keinem zu großen Umweg zwingt.«

»Montgomery ist nicht«, gab Jim gleichmütig zurück.

Chris blieb stehen. »Was heißt das? Wir fahren doch Öl nach Montgomery, wenn ich dich richtig verstanden hatte.«

»Hattest du. Das hat sich aber zerschlagen. Die Qualitätstests sind negativ verlaufen. Das Werk kann nicht liefern. Anscheinend Dreck in den Pressen. Wird noch ’n Nachspiel bei den Verantwortlichen haben. Na, uns soll’s egal sein. Ich habe was viel Besseres erwischt.«

»Tatsächlich? Was ist es?«

»Bübher für ’ne Universität.«

Chris war überrascht. »Ich wußte gar nicht, daß es in Montgomery eine Universität gibt.«

»Wieso Montgomery? Die Ladung geht nach Milwaukee.«

»Du machst Witze?«

»Wie kommst du darauf? Milwaukee hat eine Universität. Da bin ich ganz sicher. Außerdem steht die genaue Anschrift auf den Papieren.«

»Milwaukee liegt in Wisconsin.«

»Wo denn sonst? Du tust ja gerade so, als wären wir noch nie dort gewesen. Den Auflieger müssen wir von der Gordon-Druckerei abholen. Die Brüder haben schon ein paarmal bei der Agentur angerufen. Der Kasten steht ihnen auf dem Hof im Weg. Sie haben anscheinend beschränkte Platzverhältnisse.«

Chris rührte sich nicht von der Stelle. »Beschränkt ist der richtige Ausdruck. Sag mal, bist du beschränkt? Wie kannst du Fracht nach Wisconsin annehmen? Das mußt du rückgängig machen.«

»Du hast sie wohl nicht mehr alle?« schimpfte Jim. »Ich bin froh, daß ich die Fuhre gekriegt habe.«

»Aber ich nicht. Wie sollen wir das in zwei Tagen schaffen?«

»Von Lawton nach Milwaukee? Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen. Das ist doch keine Zwei-Tage-Distanz. Das schaffen wir in anderthalb, ohne uns besonders anstrengen zu müssen. Außerdem haben wir kein Zeitlimit.«

Chris ballte die Fäuste. Es sah fast so aus, als wollte er sich auf seinen Partner stürzen.

»Du bringst mich noch zur Weißglut«, fauchte er. »Ich rede nicht davon, daß die dämliche Unität ihre Schmöker kriegt, ich spreche von Salina.«

»Ach, das Rodeo?«

»Natürlich das Rodeo. Es fängt am Sonnabend an und...«

»... und dauert das ganze Wochenende. Was spielt es da für eine Rolle, wenn wir ein paar Stunden später eintreffen? Am Anfang rührt sich ohnehin noch nicht viel. Stinklangweilige Begrüßungsansprachen, Besichtigung der Super-Trucks, ein paar Wettbewerbe und Beginn der Tombola. Hauptsache, wir verpassen die Vorführungen der Stuntmen nicht. Was meinst du? Ob Lee und Paul auch da sind? Eigentlich schade, daß wir sie ganz aus den Augen verloren haben. Waren wirklich prima Kumpels.«

Chris verdrehte die Augen und zwang sich zur Ruhe.

»Hast du eine Ahnung, was fünfhundert Dollar sind?«

»Ein halber Riese, klarer Fall. Warum fragst du?«

»Um diesen Betrag habe ich soeben mit Steve, dem Stinker, gewettet, daß wir ihn beim Rodeo schlagen.«

»Das versteht sich doch von selbst.«

»Wir dürfen keinen Wettbewerb versäumen, sonst nehmen Steve und Barry daran teil, und wir verlieren die Punkte.«

»Habt ihr das vereinbart?«

»So ungefähr. Ich konnte doch nicht ahnen, daß du Trottel umdisponierst.«

»Hast du für dich gewettet oder für die Stonewall & Morris Trucking Company?«

»Für mich. Der Gewinn gehört mir.« Jim entspannte sich. »Na prima! Dann wirst du auch den Verlust wie ein Mann tragen. Ich sehe keinen Grund, mich über deine Dummheit aufzuregen. Wann wirst du endlich lernen, daß man nicht wettet? Schon gar nicht um einen so hohen Betrag.«

»Willst du mich etwa im Stich lassen, Partner?«

»Partner? Eben war ich noch ein Trottel. Keine Angst! Im Stich lasse ich dich nicht. Wenn du dir aber einbildest, daß ich den RED BARON mit einem Affenzahn an den Smokeys vorbeijage oder mich auf halsbrecherische Abkürzungen einlasse, um ein paar Minuten herauszuschinden, dann bist du schief gespult. Es wird nichts riskiert, verstanden? Es schadet gar nichts, wenn du mal ein bißchen Lehrgeld zahlst.«

»Jawohl, Herr Lehrer!« sagte Chris giftig und marschierte zum RED BARON. Von nun an durfte er keine Sekunde mehr verschenken.

Steve und Barry fuhren mit ihrem Ken an ihm vorbei auf das Tor zu. Steve beugte sich aus dem heruntergelassenen Seitenfenster und machte mit zwei Fingern das Victory-Zeichen. Sieg!

Chris bemühte sich, zuversichtlich auszusehen. Er war jedoch nicht sehr erfolgreich.

*

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RICKY RATTLES AUGEN schimmerten feucht. Seine schwielige Hand streichelte das bonbonfarben lackierte Blech des Eagle 4300. Der Gedanke, die Zugmaschine verkaufen zu müssen, raubte ihm fast den Verstand.

Wie viele Jahre hatte er jeden Cent, den er erübrigen konnte, gespart, um die Anzahlung für den Truck endlich aufbringen zu können? Er hatte sich das Rauchen abgewöhnt, trank nur noch Mineralwasser und ernährte sich von dem, was billig war.

Seine Freundschaft mit Lilli, die er für die große Liebe gehalten hatte, war in die Brüche gegangen, weil er jeden dreckigen Job angenommen hatte, wenn er nur ein paar zusätzliche Dollars brachte. Für Lilli war nicht viel Zeit übriggeblieben.

Ohne die kleine Erbschaft hätte er es trotzdem nicht schaffen können. Als er das Geld benutzte, um sich den Eagle zu kaufen und sich selbständig zu machen, hatten ihn alle Freunde und Verwandten für verrückt erklärt, er aber war selig gewesen. Endlich hatte er das Ziel erreicht, von dem er schon als Schuljunge geträumt hatte. Er war freier Trucker, ein Cowboy der Landstraße.

Die ersten Rückschläge hielt er für normal. Aller Anfang war schließlich schwer. Wenn man ihn erst besser bei den Frachtagenturen kannte und seine Zuverlässigkeit und Schnelligkeit zu schätzen wußte, würden auch die Aufträge anrollen.

Zuverlässig war er und schnell auch. Die Agenturen honorierten das. Sie waren an guten Leuten interessiert. Alles lief bestens. Um die pünktliche Zahlung der laufenden Raten brauchte sich Ricky Rattle schon bald keine Sorgen mehr zu machen.

Doch dann kam der saublöde Unfall. Nichts Großes. Ricky kam aus einer Imbißbude und hatte es wie immer eilig. Er übersah den Motorradfahrer, der auch viel zu schnell herankam. Die Folge war ein gebrochener Unterschenkel. Der Motorradfahrer wurde nie gefaßt.

Der Knochenbruch heilte verhältnismäßig gut, aber vier Wochen konnte Ricky nicht auf den Bock.

Einen ganzen Monat lang konnte er den Truck unmöglich stillstehen lassen. Er heuerte einen Burschen an, der ihm zuverlässig erschien. Das war er auch. Er arbeitete zuverlässig in seine eigene Tasche und ließ den Eagle eines Tages einfach bei einer Tankstelle in New Mexico stehen. Seit dieser Stunde hatte Ricky von dem Halunken nie wieder etwas gehört.

Dafür um so häufiger von Ronald Crawl. Der Mann drängte nämlich auf Bezahlung der inzwischen überfälligen beiden Raten.

Anfangs zeigte er noch Verständnis für Rickys Pech. Doch schon bald wurde er ungeduldig und schließlich massiv.

Ricky unterschrieb einen Wechsel, und dieser Wechsel war am nächsten Freitag fällig. Wenn er die sechstausend Dollar nicht zahlen konnte, würde der PINK PANTHER seinen Besitzer wechseln. Daran war nicht mehr zu rütteln.

Ricky war jetzt Mitte Vierzig. In diesem Alter tat man sich schon nicht mehr ganz leicht, wenn man beruflich etwas Neues starten wollte. Viel schlimmer aber war, daß Ricky sich ein Leben ohne seinen geliebten Eagle nicht mehr vorstellen konnte. Er würde vor die Hunde gehen, wahrscheinlich zu saufen anfangen und wer weiß was noch.

Deshalb suchte er verbissen nach einem Ausweg. Er mußte innerhalb von nur einer Woche mindestens sechstausend Dollar auftreiben. Mit normaler Fracht war das nicht zu schaffen. Mit ehrlicher Arbeit eigentlich ohnehin nicht.

Kein Wunder, daß sich schon bald ein sogenannter guter Freund bei Ricky Rattle meldete und ihm ein phantastisch klingendes Angebot machte.

Zehntausend sollte er dabei verdienen. Und das nur, wenn er lediglich einen bereitstehenden Auflieger abholte und an einen anderen Ort brachte. Insgesamt waren nicht mehr als zweihundert Meilen zu fahren.

Ricky hatte lange gezögert. Dann kam der Anruf von Ronald Crawl, der ihn sicherheitshalber an den Wechsel erinnerte. Da sagte Ricky zu.

Tag und Nacht konnte er nicht schlafen. Er hatte Jeff nicht gefragt, was das für eine Fracht war. Er wollte es gar nicht wissen. Und doch war ihm klar, daß es sich um ein dunkles Geschäft handelte. Wahrscheinlich war die ganze Ladung gestohlen. Vielleicht sogar noch der Auflieger obendrein.

Aber was blieb ihm denn anderes übrig? Er mußte einfach zugreifen. Niemand konnte ihm etwas anhaben. Er war nur ein einfacher Trucker, der einen Auftrag erhalten hatte.

So stand er nun also auf dem kleinen Parkplatz an der Straße nach Vinton und wartete auf das Kommando, das ihn über die CB-Box erreichen sollte. Das Gerät stand auf Empfang. Er hatte einen Kanal eingestellt, der von den Truckern nur gelegentlich benutzt wurde.

In seinem Kopf spukten die verrücktesten Gedanken herum. Er blickte in den strahlend blauen kalifornischen Himmel, als erwartete er aus dieser Richtung ein Wunder. Ein handfestes Wunder müßte es schon sein. Nichts anderes konnte ihn mehr davor bewahren, zum Handlanger für Gangster zu werden.

Aber das Wunder blieb aus. Statt dessen schnarrte eine Stimme, in der er trotz der Verzerrung das ölige Organ Jeffs erkannte, aus dem Lautsprecher:

»Hallo, PINK PANTHER! Hörst du mich?«

Ricky zog sich so schwerfällig in die Kabine, als hätte er die Last von hundert Jahren auf seinem Buckel zu tragen. Er langte nach dem Mikrofon und drückte die Sprechtaste.

»Hier PINK PANTHER. Ich höre dich, Jeff. Ist es soweit?«

»Alles bestens, Junge. Du kannst losfahren. Wir erwarten dich an der vereinbarten Stelle in spätestens fünfzehn Minuten. Beeil dich!«

Mehr war nicht zu hören. Reine Vorsichtsmaßnahme. Jeff wollte verhindern, daß ein Unbeteiligter die richtigen Schlüsse aus diesem Gespräch zog. Vielleicht sogar die Polizei.

Ricky brauchte auch keine weiteren Informationen. Sie hatten schon vorher alles genau besprochen. Er würde jetzt nach Vinton fahren und bei dem Lagerhaus den Auflieger aufsatteln. Anschließend fuhr er sofort weiter und überquerte die Grenze nach Nevada. In der Nähe der Ghost-Town Sulphur wurde er von Männern, die er nicht kannte, erwartet. Er sattelte ab und erhielt zehntausend Dollar. Bevor es dunkel wurde, war er alle Sorgen los.

Zumindest die finanziellen. Wie er mit seinem Gewissen zurechtkam, danach fragte ja keiner.

Aber durfte sich ein armes Schwein wie er überhaupt ein Gewissen leisten? Schoben sich die großen Tiere in Politik und Wirtschaft nicht gegenseitig die Millionen zu, ohne auch nur die geringsten Skrupel zu zeigen?

Ricky Rattle preßte die Zähne zusammen,und schlug die Tür zu.'Er ließ den 450 PS starken Cummins-Motor aufröhren und genoß diesen Laut. Dann löste er die Feststellbremse, legte den Gang ein und fuhr los.

Bereits nach acht Minuten sah er das Ortsschild von Vinton. Unwillkürlich wurde er langsamer.

Aus diesem Grund gewahrte er auch das Plakat, das unmittelbar hinter dem Ortsschild an einer Holzwand klebte. Es zeigte zwei prächtige Trucks. Einen Conventional und einen Cabover. Es sah aus, als würden sie um die Wette fahren.

Über beide hinweg flog eine dritte Zugmaschine. Es gab verrückte Kerle, die sich mit solchen waghalsigen Tricks den Lebensunterhalt verdienten. Ricky Rattle hielt nicht viel von Leuten, die einen Truck zuschanden fuhren.

Daß er trotzdem unmittelbar neben dem Plakat stoppte und die Warnblinkanlage einschaltete, lag an der Zahl, die unter der Abbildung prangte: 5000 Dollar!

Auf den ersten Blick sah das wie ein Steckbrief mit Kopfprämie aus. Vielleicht hing schon bald von ihm ein solcher Wisch in den Offices sämtlicher kalifornischen Sheriffs.

Bei näherem Hinsehen erkannte Ricky aber schnell, daß es sich um die Einladung zu einem Trucker-Rodeo handelte, eines dieser Elefanten-Treffen, die mehrmals im Jahr irgendwo in den Staaten durchgeführt wurden.

Er selbst hatte noch an keinem teilgenommen. Nicht, weil ihn solche Veranstaltungen nicht interessierten. Im Gegenteil! Er stellte es sich sehr schön vor, mal mit anderen Kollegen zusammenzutreffen, ohne unter dem üblichen Zeitdruck zu stehen. Man sah alte Freunde wieder, erfuhr interessante Neuigkeiten, knüpfte wohl auch die eine oder andere Verbindung, die sich irgendwann fürs Geschäft positiv auswirken konnte. Vor allem aber war bei diesen Meetings der Eighteen-Wheelers unheimlich viel los. Aber die Teilnahme war mit Kosten verbunden, und die vermied er, wenn es irgendwie ging. Ein Trucker-Rodeo war eine schöne Sache, aber lebensnotwendig war es nicht.

Die Zahl unter dem Bild forderte Ricky Rattle auf, seine vorgefaßte Meinung gründlich zu überdenken. Es handelte sich nämlich um kein Kopfgeld, sondern um das Preisgeld, das den Gewinner einer sogenannten Schatzsuche erwartete. Von allen Wettbewerben, bei denen man etwas kassieren konnte, sollte das der absolute Höhepunkt sein.

Ricky schluckte schwer. Fünftausend Dollar! Das war annähernd die Summe, die er brauchte, um den verdammten Wechsel einzulösen. Den fehlenden Tausender trieb er dann schon noch irgendwie auf.

Ehrliches Geld. Nicht der Lohn für das Abtransportieren von Diebesgut.

Natürlich würden eine Menge Kollegen auf das Geld scharf sein. Nur einer konnte es gewinnen. Wieso nicht er?

Er mußte es einfach haben. Er brauchte es so dringend wie kein anderer.

Wo fand das Treffen statt?

Rickys Zuversicht erhielt einen empfindlichen Dämpfer. Er hatte schon verloren, bevor er überhaupt an den Start gegangen war. Er konnte doch nicht deswegen durch den halben Kontinent nach Kansas fahren. Nur wegen einer vagen Hoffnung.

Wenn er wenigstens Fracht hätte. Aber woher sollte er die nehmen? Ausgerechnet nach Kansas.

Er blickte auf die Uhr. Himmel! Jeff und seine Jungs warteten auf ihn. Er würde sich verspäten. Dann platzte womöglich auch dieses Geschäft.

Ricky riß sich gewaltsam von dem lockenden Plakat los und fuhr weiter. Er wußte genau, wo er abbiegen mußte.

Aber er fuhr geradeaus.

Er schaute weder nach rechts noch nach links. Seine Augen strahlten plötzlich wieder. Als er den Ort hinter sich gelassen hatte, fühlte er sich so frei und glücklich wie schon lange nicht mehr.

Bei Bordertown passierte er die Staatsgrenze nach Nevada, doch er fuhr nicht zur Black Rock Desert, in der sich Sulphur befindet, sondern in Richtung Reno und Carson City. Hier hoffte er, Fracht aufzutreiben. Fracht für Kansas.

*

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»DAS IST WAHNSINN, Kent«, sagte der Mann im Bett stöhnend. »Schlag dir das aus dem Kopf. Das kann nicht gutgehen.«

Kent Soccer saß am Bett seines Freundes Bruce Lyon, von dessen Gesicht nur die Augen zu erkennen waren. Alles andere wurde durch einen weißen Verband verdeckt.

»Ich habe dir oft genug zugesehen, Bruce. Du hast mir jede Menge Tricks verraten und kannst mir bestimmt noch ein paar Tips mit auf den Weg geben. Ich schaffe das schon. Schließlich habe ich früher selbst kleinere Stunts gemacht.«

Bruce lachte mühsam auf. »Hier geht es um keinen kleinen Stunt, Kent. Ich wollte einen Weltrekord aufstellen. Der hätte mir einen Bekanntheitsgrad garantiert, von dem ich auf Jahre hinaus hätte profitieren können. Die wichtigsten Leute von Film und Fernsehen werden dort sein. Sie kommen zum Teil nur, um mich zu sehen. Und ich hätte dafür gesorgt, daß ihnen die Mäuler offen geblieben wären. Aber es sollte nicht sein. Der in Aussicht gestellte Vertrag bei der Columbia ist im Eimer. Die haben mir gleich gesagt, ich müßte schon etwas ganz Besonderes zeigen. Hundert Yards mit ’nem Truck auf drei Rädern fahren und anschließend auch noch über ein Hindernis springen, wäre was Besonderes gewesen. Ich habe mich auch topfit gefühlt. Zu blöd, daß ich vom Hubschrauber danebenspringen mußte. Zigmal hat das reibungslos geklappt. Warum ich diesmal die Ladefläche des Transporters mit den Pappkartons verfehlt habe, ist mir heute noch unbegreiflich. Wenn sich das rumspricht, bietet mir kein Mensch mehr ’nen Job an.«

»Es wird sich nicht rumsprechen, Bruce«, versicherte Kent Soccer, ein kräftiger, breitschultriger Bursche mit energischem Kinn und aufrichtigem Blick. Seine blonden Haare trug er halblang. Seine Naturlocken ließen manche Frau neidisch werden. »Bob und Sally halten dicht. Von denen erfährt keiner was. Und in Salina übernehme ich deine Rolle. Das kriegt kein Aas mit. Verlaß dich drauf.«

»Es ist ausgeschlossen.« Bruce stöhnte leise. Er hatte einige Rippen gebrochen und eine Oberschenkelfraktur. Über diverse Prellungen und die Fleischwunde an der Hüfte sprach er erst gar nicht. »Man kenht mich doch von Fotos. Ich habe Blacky Russ gedoubelt. Du bist dagegen der reinste Wikingertyp.«

»Das habe ich mir alles schon überlegt«, entgegnete der Freund. »Haare kann man abschneiden und färben. Was uns sonst noch optisch unterscheidet, korrigiert Jana.«

»Jana Hayden?«

»Natürlich. Als Maskenbildnerin ist sie absolute Spitze. Sonst kenne ieh sie zu wenig. Leider. Sie wäre nämlich haarscharf meine Kragenweite.«

»Hast du ihr etwa schon etwas erzählt?« Bruce Lyon wollte sich erregt aufrichten, ließ sich aber mit einem Schmerzenslaut in die Kissen zurückfallen. »Mist, verdammter!«

Kent Soccer beruhigte ihn. »Sie hat noch keine Ahnung. Zuerst wollte ich dein Einverständnis.«

»Das kriegst du nicht.«

»Dann kannst du deine Karriere vergessen. Das weißt du genau.«

»Es gibt noch andere Berufe.«

»Nicht für dich. Du bist Stuntman mit Leib und Seele, und in ein paar Tagen bietet sich dir die Chance, auch ein erfolgreicher Stuntman zu werden. Warum willst du sie nicht nutzen?«

Bruce Lyon richtete seine Augen auf den nahezu Gleichaltrigen, als er ernst sagte: »Weil du mein bester, ja, eigentlich sogar mein einziger Freund bist und mir deine Gesundheit mehr wert ist als meine Karriere. So einen Stunt lernt man nicht vom Zuschauen und auch nicht durch kluge Ratschläge. Den muß man sich knochenhart erarbeiten. Nicht von heute auf morgen. Das verlangt jahrelanges Training. Sonst brichst du dir dabei das Genick.«

»Auch das ist mir nichts Neues, Bruce. Aber vielleicht hast du vergessen, daß ich drei Jahre als Trucker gearbeitet habe, bevor ich doch noch mein Studium abschloß und mich anschließend an den Blinddärmen fremder Leute vergriff. Ich könnte den alten GMC nehmen. Mit dem bin ich damals schon gefahren und kenne ihn in- und auswendig. Der ist robust und läßt sich bestimmt gut ausbalancieren.«

»Nein!«

»Ist das dein letztes Wort?«

»Mein allerletztes.«

Kent Soccer hob bedauernd die Schultern. »Dann kann man nichts machen. Schade! Es wäre riesig geworden. Übrigens war heute ein Mann von der Versicherung da. Leider wußte ich nicht, wo du deine Papiere hast. Soll ich ihn ins Krankenhaus schicken, wenn er morgen wiederkommt? Es ist aber vielleicht besser, wenn er dich nicht in dieser Verfassung sieht. Man weiß nie, was diese Leute alles .rumquatschen.«

Seine Arme konnte Bruce Lyon bewegen. Mit dem rechten deutete er auf den Wandschrank. »Im Sakko ist meine Brieftasche. Da findest du alles, was du brauchst. Wenn du’s einrichten kannst, wäre ich dir dankbar, wenn du meinen Unfall nicht an die große Glocke hängen würdest.«

»Das versteht sich doch von selbst.«

»Und meinen Auftritt in Salina sagst du ab. Mach das gleich! Die Leute müssen ja zuschauen, daß sie als Ersatz eine andere Attraktion aufgabeln.«

»Wird erledigt. Ich werde dann also doch an dem Seminar in Houston teilnehmen, von dem ich dir erzählt habe. Wir sehen uns also ein paar Tage nicht. Ich hoffe, daß du schon wieder rumspringst, wenn ich zurück bin.«

Bruce lächelte gequält, während Kent das Sakko aus dem Schrank holte und ihm die Brieftasche entnahm. Er zeigte dem Freund sein Gesicht nicht, sonst hätte dieser vielleicht die Wahrheit erraten.

Kent brauchte die Papiere nicht für einen Versicherungsmenschen. Wenn er in die Holle des Stuntman Bruce Lyon schlüpfen wollte, mußte er auch über dessen Ausweise verfügen.

Jetzt hatte er alles, was er brauchte. Er pfiff auf die Einwilligung des Freundes. Er wußte besser, was gut und wichtig für ihn war. Dieser Stunt in Salina stellte mit Abstand eine wichtige Station für Bruce dar, und Kent wollte sie für den Freund ansteuern.

*

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CHRIS HATTE SICH ALLES genau ausgerechnet. Die Strecke, die sie zu fahren hatten, war ungefähr achtzehnhundert Meilen lang. Wenn sie am Sonnabend früh gegen acht Uhr in Salina ankommen wollten, mußten sie einen Schnitt von etwa dreiundvierzig Meilen fahren. Da sie in Milwaukee einen Aufenthalt von mindestens zwei Stunden einkalkulieren mußten, waren fünfundvierzig Meilen in der Stunde das mindeste, was sie zu bringen hatten.

Wer jemals die Interstate 94 zwischen Chicago und Milwaukee gefahren ist, weiß, daß zumindest im Bereich der Städte keinesfalls mehr als dreißig Meilen drin sind, und dann muß man schon Glück haben.

Dazu kamen noch zwei Stopps zum Tanken, und eine kleine Sicherheit sollte auch berücksichtigt werden. Man wußte ja nie, was unterwegs passierte. Es gab Staus, womöglich eine Umleitung, na ja, und die lieben Smokeys durfte man schon gar nicht außer acht lassen.

Alles in allem kam Chris also auf ein Durchschnittstempo von runden fünfzig Meilen, und die ließen sich nun mal nicht einhalten, wenn man sich strikt an das zulässige Limit hielt. Das mußte auch Jim einsehen.

Da Jim aber ein Gesicht machte, als gönnte er seinem Partner eine verlorene Wette von Herzen, war mit Einsicht von seiner Seite kaum zu rechnen. Er würde stur wie ein Panzer sein und sich an sämtliche blödsinnigen Vorschriften halten.

Das alles waren genügend Gründe, warum Chris die erste Schicht übernommen hatte. Er wollte einen möglichst großen Vorsprung herausschinden, den Jim dann wahrscheinlich wieder abbummelte, sobald er hinterm Steuer saß.

Seit Lawton fuhr Chris also mit ’nem Bleifuß und war der eifrigste Teilnehmer am CB-Funk. Schließlich brauchte er Informationen über eventuelle Geschwindigkeitskontrollen, die auf ihn zukamen.

»Kannst du nicht endlich mal die Klappe halten?« knurrte Jim von hinten. Er lag auf der unteren Pritsche und versuchte zu schlafen. In drei Stunden wollte er seinen Partner ablösen. Dazu mußte er ausgeruht sein.

»Wenn dich das stört, hättest du kein Trucker werden dürfen«, gab Chris ungnädig zurück. »Das war sowieso keine gute Idee von dir. Bücher nach Milwaukee! Da faßt man sich doch an die Denkmurmel.«

»Wo sind wir?«

»Blöde Frage! Im RED BARON natürlich. Dachtest du, im Flugzeug?«

»Und wo ist der RED BARON, du verhinderter Komiker?«

»Mitten auf der Interstate 44. Er setzt gerade zum Überholen an. Hey, Buddy! Was hältst du davon, mal ’ne Spur weiter rechts zu benutzen, damit ich vorbei kann?« Diese Frage rief Chris ins Mikrofon, denn vor ihm rollte ein Truck, von dem er vorläufig nur die Rückpartie des Aluminium-Aufliegers sah. Der Fahrer hatte es anscheinend nicht sonderlich eilig. Vielleicht war er sogar eingeschlafen, denn es gab keinen Grund, ganz links zu bleiben.

Chris blendete auf, und als das nichts half, riß er an der Leine über sich und ließ die Signalhörner aufbrüllen.

»Du bist gemeint, du Tran tüte. Soll ich schieben oder läßt du dich abschleppen? Ich will zu Weihnachten bei meinen Enkeln in St. Louis sein, und jetzt haben wir schon Herbst.«

Der Vordermann rührte sich nicht. Er antwortete auch nicht. Er blieb auf der linken Spur und verlangsamte sogar noch sein Tempo.

»Den Kerl bringe ich um«, versprach Chris grimmig. »Das ist doch kein Kollege. Der hat den Kübel bestimmt geklaut.«

Jim richtete sich auf und schüttelte den Kopf. »Dann hätte er es bestimmt eiliger. Hinter uns bildet sich schon eine lange Schlange. Die denken, daß wir die Blödhammel sind.«

»Ich versuch’s rechts.« Er zog den M.A.N so weit nach rechts, daß er an dem anderen Truck vorbeischauen konnte. Vor allem mußte er wissen, ob da vorne Polizei lauerte. Wenn sie ihn bei diesem verbotenen Manöver erwischten, kam er nicht billig davon.

Jetzt konnte er erkennen, daß es sich um einen roten Peterbilt 352 handelte. Aus dem Seitenfenster ragte der Ellbogen des Shotgun.

»Zwei Kerle auf dem Bock können doch nicht gleichzeitig pennen«, schimpfte Chris und versuchte sein Glück erneut mit den Hörnern.

»Braucht ihr ’ne schriftliche Einladung, ihr Hammel? Oder macht eure Klapperkiste nur dreißig Meilen?«

Da wieder keine Antwort kam, vergewisserte er sich mit einem Blick in den rechten Außenspiegel, daß die Spur auch hinter ihm frei war, und scherte aus.

Entschlossen gab er Gas und schaltete in den nächsten Gang.

Doch da wurde plötzlich auch der Peterbilt lebendig. Der Beifahrer drehte sich gelangweilt um und grinste.

»’n Mexikaner«, stöhnte Chris. »Irgend jemand hat ihn geärgert, und nun läßt er seinen Zorn an uns aus.«

Er zog den RED BARON an dem anderen Cabover vorbei, kam aber nur auf gleiche Höhe mit der Fahrerkabine. Er sah, wie der Trucker hinterm Lenkrad zum Mikrofon griff, und gleich darauf krächzte seine Stimme aus dem Lautsprecher der Box:

»Von wegen dreißig Meilen, du stinkender Kotzbrocken. Ich werde dir zeigen, was ein anständiger Truck ist. In so ’ner Kiste, wie du sie fährst, würde ich mich schämen.«

»So was Gutes wird an Mexikaner auch gar nicht verkauft«, fauchte Chris. Er versuchte, den anderen endgültig zu überholen, doch der Peterbilt zog nun an und ließ ihn nicht vorbei.

»Rechts überholen ist verboten, Gringo. Soll ich der nächsten Streife ’nen Tip geben, daß du dich rücksichtslos über die simpelsten Verkehrsregeln hinwegsetzt?«

»Du hast wohl schon lange keine fünf Finger mehr auf deinem Rotzbolzen gespürt? Du bist doch derjenige, der seine Lizenz anscheinend in der Lotterie gewonnen hat. Was hast du eigentlich gegen mich?«

»Gar nichts. Ich liebe euch Amerikaner. Ich liebe euch so sehr, daß ich mich gar nicht von euch trennen kann. Deshalb bleibst du hübsch hinter mir. Da gehörst du hin.«

Der Mexikaner gab Gas, daß fette Schwaden aus dem Auspuffrohr stießen und nahm dem M.A.N Yard um Yard ab. Schließlich setzte er sich wiederum vor dessen Kühler, diesmal aber auf der Nachbarspur.

Hinter dem RED BARON setzte eine ganze Kolonne zum Überholen an. Chris mußte Zurückbleiben und schäumte vor Wut.

»Vor hundert Jahren hätte man so einem Halunken beide Knie zerschossen, damit er sich nie wieder in einen Sattel oder auf den Bock hätte setzen können. Heute sind die Gesetze viel zu human.«

»Das hast du noch nie gesagt, wenn uns die Smokeys zur Kasse gebeten haben«, erinnerte Jim. Er ärgerte sich auch über den unkollegialen Mexikaner, aber er sah das Ganze längst nicht so eng wie Chris. Er hatte es nicht eilig und wollte endlich seine Ruhe.

Während Jim sich wieder auf seine Pritsche haute, saß Chris wie auf Kohlen. Er wurde noch immer überholt.

Als die Schlange endlich abriß, atmete er auf und zog ebenfalls nach links, um sich anzuschließen.

Darauf hatte der Mexikaner offensichtlich nur gewartet. Er riß das Lenkrad so scharf herum, daß der Auflieger aufgeregt zu schwänzeln anfing. Chris mußte bremsen, sonst wäre ihm der Kasten glatt gegen den Kühler geknallt.

»Dieses Schwein!« murmelte er in ohnmächtigem Zorn. »Er ist schuld, wenn ich meine fünfhundert Green Stamps verliere.«

Jim knurrte wütend in seiner Koje. Durch das Bremsmanöver wäre er fast von der Pritsche geflogen.

Chris hielt von nun an vorsichtshalber einen größeren Abstand. Man wußte ja nie, was diesem Trottel da vorne noch alles einfiel. Es blieb nur zu hoffen, daß der Mexikaner bei der nächsten Ausfahrt die Interstate verließ. Er mußte ja gleich am Ziel sein, sonst würde er doch nicht so dahinschleichen.

Aber Chris’ Hoffnung erfüllte sich vorläufig nicht. Sie befanden sich nun schon kurz vor der Grenze nach Missouri, und der Bursche dachte gar nicht darin abzubiegen. Stur hielt er seine fünfunddreißig Meilen und unterband jeden Versuch des nachfolgenden Trucks, ihn zu überholen.

»Ich kriege dich«, flüsterte Chris. »Irgendwann kriege ich dich, und dann wird dich deine eigene, verlauste Mutter nicht wiedererkennen.«

Die Grenze kam und blieb zurück, Joplin flog vorbei. Allmählich wurde es dunkel. Der Peterbilt zog unbeirrt seine Bahn. Der Trucker reagierte nicht auf die Aufforderungen über Funk, gefälligst die Spur freizumachen.

Chris setzte seine Hoffnung auf Springfield, aber in diesem Schneckengang waren das noch zwei Stunden. Um diese Zeit hatte er schon fast in St. Louis sein wollen.

Ob er einfach eine andere Strecke fuhr? Jim schlief. Der würde nichts merken. Bei Halltown konnte er zum Beispiel die Provinzstraße 266 nehmen. Das würde nur einen geringfügigen Umweg bedeuten, und bei Springfield stieß er dann wieder auf die Interstate.

Doch diesen Gedanken verwarf Chris bald wieder. Er kannte den Mexikaner inzwischen gut genug, um zu wissen, daß er seine Absicht durchschauen würde. Zweifellos würde er sofort das Tempo forcieren, um vor ihm in Springfield zu sein. Auf diese Weise konnte er den Peterbilt nicht überholen. Der war einfach schneller.

Chris fraß vor Ärger eine Zigarette nach der anderen in sich hinein. Die Klimaanlage hatte einiges zu tun, um die Luft in der Kabine sauberzuhalten.

Die Abfahrt nach Springfield ließ den Mexikaner kalt. Er fühlte sich auf der Interstate offensichtlich wohl, und Chris kam nicht an ihm vorbei.

Doch kurz danach klappte es schließlich doch. Im Rückspiegel sah Chris drei Trucks anrauschen. Der vorderste war ein Mack.

Sofort griff er zum Mikrofon und meldete sich:

»He, ihr drei Hübschen! RED BARON hier. Könnt ihr mich sehen?«

»Sogar hören, RED BARON. Und riechen auch. Warum bleibst du fast stehen? Ist was mit deinem Motor nicht in Ordnung? Braust du Hilfe?«

»Hilfe wäre nicht schlecht, aber mein Maschinchen schnurrt wie eine Biene.«

»Wo ist dann dein Problem?«

»Direkt vor mir. Außen ist es rot und drinnen mexikanisch. Der Kaktusfresser hat was gegen mich. Ich weiß aber nicht, was.«

»Hast du ihm vielleicht seine Senorita ausgespannt?«

»Ich kenne den Typ ja gar nicht. Der hat bloß schlechte Laune und ist anscheinend nicht gut auf die Amerikaner zu sprechen.«

»Sollen wir ihn uns vornehmen?«

»Geschenkt. Haltet euch wegen dieses Stinkers nicht auf. Ich bin schon zufrieden, wenn ihr mich in eure Mitte nehmt.«

»Weiter nichts?«

»Das ist mehr, als ihr glaubt. Ihr erspart mir damit den Wahnsinn.«

»In Ordnung, RED BARON. Steig bei uns als Nummer drei ein. Wir machen Platz.«

Chris atmete auf. Die beiden Kerle im Peterbilt würden es sich wohl überlegen, sich mit einem ganzen Konvoi anzulegen. Da zogen sie auf alle Fälle den kürzeren.

Er ließ sich ein gutes Stück zurückfallen und ließ den Mack sowie den nachfolgenden GMC an sich vorbei. Der Dritte im Bunde war wieder ein Mack. Der Fahrer grinste breit. Natürlich hatte er die ganze Unterhaltung mitgehört und wußte Bescheid. Er ließ für Chris eine Lücke, wies mit der Hand voraus und deutete eine Verbeugung an.

»Sei mir willkommen, RED BARON. Sind wir uns nicht schon mal begegnet? Dein Kübel kommt mir bekannt vor.«

»Kann schon möglich sein. Wir fahren ihn nicht erst seit gestern.«

»Wir?«

»Mein Partner Jim Stonewall und ich.«

»Stonewall?« kam es begeistert. »Dann bist du Morris.«

»Soll wohl so sein. Wo haben wir uns getroffen?«

»Vor fünfzehn Monaten ungefähr. Das war in Texas. Du warst gewaltig hinter ’ner Rancherstochter her.«

Chris erinnerte sich. »Das war Cilly. Ein prächtiges Mädchen.«

»Aber leider verlobt, nicht wahr? Und du willst uns weismachen, nichts mit der Kleinen des Mexikaners gehabt zu haben? Du bist doch der größte Schürzenjäger auf den Highways zwischen Juneau und Tapachula.«

»Du übertreibst maßlos. Ich bin eher schüchtern.«

Gewaltiges Gelächter ertönte aus der Box.

Chris schob den M.A.N in die Lücke zwischen dem GMC und dem Mack und paßte sich dem Tempo des Konvois an.

Zweifellos hatte der Mexikaner längst mitgekriegt, was da hinter ihm im Gange war, selbst wenn er die Unterhaltung nicht mitgehört hatte. Ihm blieb aber nichts weiter übrig, als die vier Verbündeten vorbeizulassen, wollte er nicht riskieren, von der Straße gedrängt zu werden.

Er hatte aber eine bessere Idee. Gerade wollte der vordere Mack überholen, als der Peterbilt davonschoß. Plötzlich schien sich der Mexikaner auf seine höheren Gänge besonnen zu haben.

»Dieser Mistkerl!« schimpfte Chris. »Auf einmal hat er’s eilig.«

»Wolltest du unbedingt an ihm vorbei?« erkundigte sich der Trucker hinter ihm.

»Der Banause ist mir doch egal. Alles was ich will, ist, pünktlich am Ziel zu sein.«

»Und das ist wo?«

»In Salina.«

Der Bursche im Mack lachte. »Ich höre wohl nicht recht? Da fährst du aber die falsche Richtung. Du meinst doch Salina in Kansas, oder?«

»Aber klar. Am kommenden Wochenende gibt es überhaupt nur ein Salina in den Staaten.«

»Aha! Demnach wollt ihr also zum Rodeo.«

»Stimmt. Aber vorher haben wir noch Fracht für Milwaukee. Ich darf den Beginn des Treffens keinesfalls verpassen. Es geht um ’ne Wette. Fünfhundert Dollar stehen auf dem Spiel.«

»Na, du mußt es aber dick haben, Morris.«

»Eben nicht. Deshalb habe ich’s ja eilig. Wie weit fahrt ihr?«

»St. Louis. Da steht unser Stall. In fünf Stunden, wenn alles gut geht, liege ich schon neben meiner Britt im weichen Bett.«

Der Peterbilt wurde immer kleiner. Er fuhr jetzt mindestens siebzig.

Chris konnte es kaum fassen, aber er war froh, daß er nun so gut vorankam.

Lange dauerte aber seine Freude nicht. Eine andere Stimme meldete sich aus dem Lautsprecher. Sie gehörte dem Trucker im vorderen Mack.

»Habt ihr da hinten etwa ’n Honigsandwich dabei? Sieht ganz so aus, als ob die Bären Appetit darauf hätten.«

Prompt sah Chris vor sich die Bremsleuchten des GMC aufflammen, aber er stand schon selbst auf der Bremse, denn er hatte die Warnung vor der Polizei verstanden.

Der Konvoi drosselte sein Tempo, bis er knapp unter fünfundfünfzig Meilen fuhr. Mit dieser Geschwindigkeit zuckelte er an dem Polizeiwagen vorbei, der durch Buschwerk am Rande der Straße gut getarnt war. Der Truck, den die Uniformierten gestoppt hatten, war dagegen nicht zu übersehen. Es handelte sich um einen roten Peterbilt 352, und daneben standen zwei Mexikaner, die mit Händen und Füßen gestikulierten.

Chris lachte lauthals. »Wie kann man auch so schnell fahren, wo man langsam doch genauso gut ans Ziel kommt. Immer diese Verkehrsrowdies!«

Er war sicher, daß ihn die Mexikaner zur Kenntnis nahmen, als er sie passierte, und daß sie bestimmt vor Wut platzten.

*

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RICKY RATTLE STIEG unwillkürlich auf die Bremse, als Leben in die CB-Box kam. Was er da hörte, ließ ihm die Haare zu Berge stehen.

»Hallo, BIG MAC! Du hast mich doch vorhin nach ’nem rosaroten Eagle 4300 gefragt. Mir kommt gerade so einer entgegen. Er hat aber ’nen Koffer bei sich. Den hat er aus Reno. Das steht jedenfalls auf der Seite drauf. Demnach könnte er es doch sein. Dieser Rattle dürfte sich dort Fracht geholt haben, nachdem er die Jungs verpfiffen hat.«

Ein anderer antwortete. Es hörte sich sehr leise an und wurde durch viele Störungen noch unverständlicher. Ricky Rattle nahm aber doch jedes Wort in sich auf.

»Wie sieht der Fahrer aus? Ist er allein?«

»Wenn der andere nicht in der Koje liegt, ist er solo. Sag mal, bin ich vielleicht ’ne Eule, die auch bei Nacht sehen kann? Jetzt ist es gleich Mitternacht. Warte ’n Moment. Vielleicht kann ich was erkennen, wenn wir aneinander vorbeifahren.«

Ricky sah einen Tankzug auf sich zukommen. Er fuhr auf der Gegenfahrbahn. Darin mußte der Kerl stecken, der über ihn redete.

Schnell wandte er sein Gesicht zur rechten Seite, obwohl der andere bestimmt keine Einzelheiten erkannt hätte.

»Das ist er«, hörte er ihn rufen. »Er wollte sich wohl vor mir verstecken. Schade, daß ich nicht auf seiner Seite fahre. Ich hätte den Typ gestoppt und aus seinem Eimer gezerrt.«

»Nicht nötig. Jeff wird sich selbst um ihn kümmern. Sag mir nur, wo er sich jetzt befindet und in welche Richtung er fährt. Ich gebe das dann weiter.«

»Highway 50. Er fährt Richtung Salina und will vermutlich auf die Interstate 70.«

Salina! Ricky Rattle durchzuckte es wie ein Stromschlag. An diesen Namen knüpfte er seine letzten Hoffnungen.

Doch dieses Salina, dem er sich näherte, befand sich nicht in Kansas. Hier fand nicht das Rodeo statt, von dem er sich fünftausend Dollar erhoffte. Noch donnerte er durch den Mormonenstaat Utah. Rechts von ihm erhob sich der gewaltige Red Pyramid, der nur als vager Schatten in der Dunkelheit auszumachen war.

Der Tankzug verschwand hinter ihm. Die Stimmen im Lautsprecher wurden langsam leiser. Die eine war überhaupt nicht mehr zu verstehen.

Ricky wußte Bescheid. Seit zehn Stunden saß er nun schon auf dem Bock. Er war müde und hätte sich gerne wenigstens eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt. Aber das durfte er sich nicht erlauben.

Jeff hatte ihm übelgenommen, daß er so kurzfristig aus dem vereinbarten Geschäft ausgestiegen war. Anscheinend waren seine Komplizen sogar der Polizei in die Hände gefallen, während sie beim Lagerhaus auf die Zugmaschine gewartet hatten. Dafür machte Jeff ihn verantwortlich. Anscheinend hielt er sogar für möglich, daß er, Ricky Rattle, ihn angezeigt hatte.

Aber das stimmte nicht. Er hatte nur nichts mit dieser dunklen Sache zu tun haben wollen. Auch nicht für zehntausend Dollar. Daraus konnte man ihm doch keinen Strick drehen.

Doch, Jeff konnte. Offensichtlich war er der Polizei entwischt und wollte nun Rache nehmen. Ricky traute dem Burschen zu, daß er ihn quer durch die Staaten verfolgte.

Seine Spur hatte er nun bereits gefunden. Er bediente sich der CB-Verbindung der Trucker. Unter denen hatte er einige Freunde.

Ricky fuhr längst wieder Vollgas. Um diese Zeit würden ihn die Smokeys hoffentlich in Ruhe lassen. Sobald es Tag wurde, mußte er wieder vorsichtiger sein. Dann kam er langsamer voran. Dabei hatte er noch eine gewaltige Strecke vor sich.

So sehr er sich in Reno auch über die Fracht nach Louisville gefreut hatte, so bedeutete sie doch, daß er runde vierzehnhundert Meilen weiter fahren mußte, als er eigentlich vorgehabt hatte.

Natürlich hatte er auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, die Fracht erst nach dem Rodeo abzuliefern. Dadurch würde er sehr viel Zeit sparen und könnte sich zwischendurch mal etwas ausruhen.

Doch Ricky dachte nicht nur an die fünftausend Dollar. Er schloß auch die Möglichkeit nicht aus, daß mit seinem Truck bei diesem Meeting etwas passierte. Wie sollte er dann den Auflieger weiterschaffen? Es würde sich schnell rumsprechen, daß er s.ein Vergnügen der Pflicht vorgezogen hatte. Dann würde er sich in Zukunft vor den Agenturbüros die Beine in den Bauch stehen müssen. Die Clerks würden ihn erst berücksichtigen, wenn gar kein anderer mehr da war. Man fiel schnell in Ungnade bei diesen Burschen, die sich oft wie die Herrgötter aufspielten.

Ihm blieb also nichts anderes übrig, als erst nach Kentucky zu fahren und dann auf dem schnellsten Wege wieder umzukehren. Vielleicht schaffte er es ja doch noch bis zu der Schatzsuche, die erst am Sonntag gegen zwei Uhr begann.

Dazu mußte aber alles passen. Er durfte nirgends aufgehalten werden. Nicht unterwegs, nicht in Louisville und natürlich erst recht nicht von Jeff.

Während Ricky die Interstate erreichte, überlegte er, ob es nicht klug war, einfach über CB die volle Wahrheit zu erklären. Er hatte keinen Verrat begangen. Das mußte Jeff begreifen. Jeff konnte doch nicht mehr Freunde unter den Truckern besitzen als er selbst.

Ricky schnitt eine Grimasse. Hatte er Freunde bei den Kollegen? War er nicht immer bespöttelt und schief angesehen worden, weil er meistens einer Unterhaltung aus dem Weg gegangen war? Sie hielten ihn für eingebildet und ahnten nicht, daß er ständig am Minutenschinden war. Ein Gespräch brachte keine Dollars. Das war eine einfache Rechnung. Nur wenn der PINK PANTHER rollte, konnte er die nächste Rate zahlen.

Ein oder zweimal war er sogar an einem Trucker vorbeigefahren, der seine Hilfe gebraucht hätte. Keine Zeit! Bestimmt hatten andere geholfen. Aber so etwas rächte sich irgendwann. Das sprach sich in Windeseile auf den Highways herum: Ricky Rattle ist ein Außenseiter. Der will nicht zu uns gehören.

Er durfte also nicht erwarten, daß ihm die Kollegen Glauben schenkten. Ihre Meinung über ihn stand fest. Wenn sie ihm eins auswischen konnten, würden sie das zweifellos tun.

Wo Jeff jetzt wohl war? War er allein? Kam er bewaffnet? Was würde er tun?

Lauter Fragen ohne Antworten.

Aber Ricky war auf die Antworten auch gar nicht scharf. Er wollte sie nie erfahren. Nicht, bevor er Zeit hatte, Jeff alles zu erklären.

Wenn nur diese verdammte Müdigkeit nicht wäre. Er brauchte einen Shotgun, aber der kostete Geld. Ricky verdiente zu wenig, um auch noch zu teilen. Jetzt schon gar nicht.

Ihm fielen die Augen zu. Der Kaffee, den er in Reno besorgt hatte, war längst getrunken.

Er riß die Augen wieder auf. Da lief doch jemand auf der Haltespur. Jetzt hob er die Arme und winkte.

Ricky trat auf die Bremse. Er war so müde, daß er nicht mal erkannte, ob es sich bei dem Mann um einen Polizisten handelte. In diesem Fall wollte er nicht riskieren, einfach vorbeizufahren. Sie würden ihn einholen und stoppen und sehr schnell herausfinden, wie lange er schon ununterbrochen auf dem Bock saß. Dann konnte er erst mal seine Fahrerlaubnis abgeben und sich in einer Zelle gründlich ausschlafen. Diese Art von Ruhepause strebte er nicht an.

Er brachte den Lastzug neben dem Mann zum Stehen und sah nun, daß es sich nicht um einen Smokey handelte.

Schon wollte er fluchend weiterfahren, als ihn der Fremde anflehte:

»Laß mich nicht im Stich, Buddy! Ich bin Trucker wie du und schon seit zwanzig Meilen auf den Stiefeln. Um diese Zeit kommt hier kaum ein Aas vorbei. Und wenn doch, dann hält es nicht an, wenn es einen runtergekommenen Kerl wie mich sieht.«

Er sah tatsächlich nicht gerade salonfähig aus. Seine Jeans waren ölverschmiert. Auf den Flecken klebte eine Sandschicht. Auch das Gesicht des Mannes war schmutzig und ließ seine Mimik nur ahnen.

»Halte keine langen Reden, Mann«, knurrte Ricky ungeduldig. »Ich bin in Eile. Sag, was du willst, und dann schleich dich!«

»Das ist es ja. Ich kann mich nicht mehr schleichen. Ich habe schon Blasen auf den Fußsohlen.«

»Ich bin auch total fertig. Weißt du, wann ich auf den Bock gestiegen bin? Wenn ich anhalte, dann bestimmt, um zu schlafen und nicht um mit dir zu quatschen.«

»Hast du keinen Shotgun?«

»Siehst du etwa einen?«

»Ja«, antwortete der Fremde überraschend. »Mich.«

»Soll wohl ’n Witz sein?«

»Mir ist nicht zum Witzereißen zumute. Ich muß auf dem schnellsten Weg nach Loma.«

»Zu Fuß? Ich denke, du bist Trucker?«

»Bin ich ja auch. Momentan aber haben mir die Smokeys, diese verfluchten Schweine, meinen Kübel beschlagnahmt. Angeblich hätte ich zu schwer geladen, und das schon zum wiederholten Male.«

»Und? Hattest du?«

»Natürlich hatte ich. Wenn du dich nach jeder blödsinnigen Vorschrift richten willst, kannst du dir doch gleich ’nen Strick nehmen. Da bringst du es nie zu was.«

Der Mann hatte ja so recht. Er sprach Ricky aus der Seele und wurde ihm sofort um einiges sympathischer.

»Und was willst du in Loma?«

»Eigentlich gar nichts. Ich muß nur dringend über die Grenze, verstehst du?«

»Nicht ganz. Kannst du dich nicht ein bißchen klarer und vor allem schneller ausdrücken? Ich muß wirklich weiter.«

»Die Smokeys wollten mich einlochen. Da bin ich getürmt.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913453
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377894
Schlagworte
ps-jim texas fetzen

Autor

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Titel: 320 PS-Jim #81: In Texas fliegen die Fetzen