Lade Inhalt...

Sheng #13: In der namenlosen Stadt

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

In der Namenlosen Stadt

Klappentext:

Roman:

SHENG – der Kung Fu-Kämpfer

 

Band 13

 

In der Namenlosen Stadt

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Früherer Originatitel: Shingo in der Drachenfestung

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Unverhofft trifft Sheng auf die schöne Lai Yin. Er kennt sie noch aus seiner Zeit in China. Schon damals wurde er vom Geheimbund des Schwarzen Drachen gnadenlos verfolgt und musste um sein Leben kämpfen. Lai Yin half ihm seinerzeit, aber dann trennten sich ihre Wege, als Sheng in den amerikanischen Westen kam.

Nun muss Sheng erkennen, dass ausgerechnet Lai Yin auf der Seite des Schwarzen Drachen steht. Ihr Vater Sen Kiang herrscht über die Namenlose Stadt fern abseits jeglicher Ansiedlungen in der Wüste. Wer einmal diese Stadt gesehen hat, kehrt niemals zurück, heißt es!

Sheng besitzt einen Teil der heiligen Schriftrolle mit den Lehren des Tao Chi – und nun befindet sie sich in den Händen Lai Yins. Für Sheng gibt es nur noch eins: er muss diese Schriftrolle zurückholen. Auch wenn er dafür die Namenlose Stadt betreten und sein Leben riskieren muss!

 

 

 

 

Roman:

Die letzten zehn Yards kroch Sheng auf dem Bauch. Lautlos und wendig wie die Schlange, deren Bild er auf der Unterseite seines linken Armes trug, als Zeichen seiner Meisterschaft im Kung Fu-Schlangenkampf. Das Krachen der Schüsse, die ihn hierher gelockt hatten, lag noch wie eine tödliche Drohung in seinen Ohren.

Der große, schlanke Mann verschmolz mit den Schatten der niedrigen Dornsträucher und Kakteen, die den Hang bedeckten. Als er die wie von Riesenfäusten übereinandergetürmten Felsen auf dem langgestreckten Höhenkamm erreichte, fiel auf der anderen Seite nochmals ein Schuss. Ein dumpfer Knall, der aus dem Innern eines Gebäudes kam.

Eine scharfe Stimme schrie: „Brecht jeden Widerstand! Aber bringt mir Sen Kiangs Tochter lebend, wenn ihr euren Job bei mir nicht verlieren wollt!“

Vorsichtig richtete sich Sheng zwischen den Felsen auf. Die Sonne beschien sein kantiges Gesicht mit den dunklen, leicht geschlitzten Augen. Es erstarrte, als er die Kutsche sah. Das Bild des Schwarzen Drachen prangte auf dem an einer Seite offenen Wagenschlag! Das Zeichen des mörderischen Geheimbundes, der die Weltherrschaft anstrebte.

Das Fahrzeug stand auf dem staubigen Hof einer einsamen Pferdewechselstation. Niedrige, wie hingeduckte Lehmziegelgebäude mit Erdschollendächern, dazu eine offene Schmiede, ein Korral, ein Ziehbrunnen. Ein paar Joshuabäume reckten ihre stacheligen Äste in den glutübergossenen Himmel von Nevada. Hinter dem einsamen Gebäude begann die Wüste. Ein flimmerndes, endloses Meer aus Sand und Gestein, durchfurcht von Canyons, Arroyos, Felsketten. Der Horizont verschwamm in bleifarbenen Dunstschleiern.

Shengs Blick wurde von der Stagecoach wie mit magischer Kraft angezogen. Eine hagere Gestalt löste sich aus ihrem Schatten. Ein Mann in einem knöchellangen, mit einem Drachenmuster bestickten Seidengewand. Unter seiner barettähnlichen Mütze fiel ein Zopf hervor. Shengs Herz pochte heftig. Ein Mitglied des Schwarzen Drachen! Gehörte auch er zu den Jägern, die Sheng und die sechs anderen Überlebenden vom weißen Lotus seit Jahren wegen der kostbarsten Schriftrolle der Tao Chi-Lehre zäh und unerbittlich hetzten?

Unheimliche Stille lastete auf der einsamen Station. Die Stille des Todes. Der hagere Chinese blickte reglos zum dämmrigen Viereck der offenen Hüttentür. Schleier von Pulverdampf sickerten träge heraus.

„Beeilt euch! Bringt sie her!" Dieselbe Stimme wie zuvor, scharf, herrisch, ungeduldig. Die Stimme eines Mannes, der zu befehlen gewohnt war.

Zwei Männer traten auf den Hof. Weiße. Sie trugen Reitertracht, breitkrempige Stetsons, bunte Halstücher, hochhackige Stiefel. Tief an ihren Hüften baumelten Revolver mit abgegriffenen Kolben. Es war wie ein Fluch, der an Sheng haftete, dass immer wieder solche hartgesichtigen Schießer seinen Weg kreuzten. Kerle, deren Namen auf der Lohnliste des weitverzweigten verbrecherischen Geheimbundes standen.

Sie führten eine junge, schlanke Chinesin zwischen sich. Auch sie trug ein in dieser Umgebung fremdartig anmutendes Kleid. Dunkel, hochgeschlossen, mit einem schlichten Blumenmuster aus dünnen Silberfäden. Das seidige schwarze Haar war zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt. Das schmale, zart gelbliche Gesicht wie von Künstlerhand gemeißelt.

Dieses Gesicht...

Einen Moment vergaß Sheng die Revolverschwinger. Einen Moment war ihm, als würde ihn dieses bezaubernde Gesicht an einen fast schon vergessenen Traum erinnern.

Die junge Frau versteifte sich, als sie den Mann bei der Kutsche sah. Ein kurzes, vergebliches Aufbäumen im Griff der harten Fäuste. Kein Ton jedoch kam über ihre zusammengepressten Lippen.

Der Hagere lachte höhnisch. „Neige dein Haupt vor mir, Tochter des Sen Kiang! Denn vor dir steht Hwang Ho Tse, der künftige Beherrscher der Namenlosen Stadt!“

„Vor mir steht ein Verräter, den Sen Kiangs tödlicher Fluch treffen wird.“

Ein neues grelles Auflachen. „Du Närrin! Bald werde ich den Thron deines Vaters besteigen, und niemand wird mich daran hindern können. Denn du wirst mein Faustpfand sein! Schafft sie in die Kutsche, los, los! Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Slade, du holst die Pferde!“

Die beiden Revolvermänner zerrten die hübsche junge Frau zum Fahrzeug. Ein weiterer Kerl, der mit einer Winchester in den Fäusten aus der Adobehütte kam, lief zu den gesattelten Gäulen beim Korralzaun. Sein langer Staubmantel flatterte. Seine Sporen klirrten laut.

Sheng duckte sich. Seine Gedanken wirbelten, kreisten um die Namen, die er aufgeschnappt hatte. Sen Kian ... Hwang Ho Tse ... die Namenlose Stadt ... Fremde, rätselhafte Namen. Er empfand keine Erleichterung darüber, dass die Verbrecher nicht seinetwegen hier waren.

Er kannte die teuflischen Ränke und Machenschaften des Schwarzen Drachen, der überall Macht und Einfluss zu gewinnen versuchte, um für den großen Tag bereit zu sein. Den Tag, an dem er die Herrschaft über alle Länder ergreifen wollte. Dann, wenn diesen Verbrechern die in sieben Teile geteilte wertvollste Schriftrolle des Tao Chi in die Hände gefallen sein würde. Denn sie barg das Geheimnis zur Erringung der größten Kraft und Energie der Welt, mit der diese Verbrecher die gesamte Menschheit unterjochen konnten.

Shengs Hand tastete unwillkürlich nach dem versiegelten schmalen Lederköcher an seinem Hals, in dem er seinen Teil der Weisheitsrolle aufbewahrte. Der Schutz ihres Geheimnisses war der letzte und größte Auftrag, den ihm sein sterbender väterlicher Lehrmeister Li Kwan erteilt hatte. Nichts hinderte ihn jetzt daran, so lautlos und unbemerkt wie er gekommen war, wieder in der Weite des grenzenlosen einsamen Landes unterzutauchen.

Doch er blieb.

Seine dunklen Augen waren wie festgebrannt an der jungen Fremden, die von den Banditen in die wartende Kutsche gezerrt wurde. Er streifte sein, leichtes Deckenbündel ab. Sein einziger Besitz, außer der lederüberzogenen Canteen-Flasche an seinem Gürtel. Er war ein einsamer Mann ohne Pferd, ohne Waffen. Einsam jedoch nicht in seinem Herzen. Er brauchte nur die Augen zu schließen, um die Stimmen seiner Freunde und Lehrer aus dem Kloster vom Weißen Lotus zu hören. Die Erinnerung an Li Kwans ernste Ermahnung war in ihm ...

„Nun bist du Meister der Kampfkunst des Tigers und der Schlange, mein junger Freund. Aber du bist es nicht um deiner selbst willen. Auch nicht nur, um das Kloster des Weißen Lotus gegen seine Feinde zu verteidigen. Denn der Weiße Lotus blüht in den Herzen aller Menschen, die an das Gute glauben. Ihnen sollst du beistehen. Hilf den Wehrlosen und Unterdrückten, damit sie diesen Glauben nicht verlieren! Zeige ihnen den Weg des Friedens, aber bekämpfe das Unrecht, wo du es triffst!“

Shengs Muskeln spannten sich. Ein Augenblick tiefster Konzentration. Dann war er bereit, den Schurken des Schwarzen Drachen wieder einmal gegenüberzutreten.

Er kam nicht dazu. Das Schnappen eines Gewehrschlosses war hinter ihm.

Eine hämische Stimme drohte: „Du bist ein toter Mann, wenn du auch nur hustest, ohne dass ich es dir erlaube, du verdammter Schnüffler! Los, Pfoten hoch und dann vorsichtig umdrehen!“

 

*

 

Eine Sekunde der Panik. Ein Gefühl, als würde er mit verbundenen Augen an einer Felskante stehen. Sheng rief sein Chi. Die Kraft in seinem Innern, die ihm die Lehre des Tao Chi vermittelte, war stärker als alle Furcht und Verzweiflung. Als Sheng sich umwandte, war sein Gesicht eine glatte, ausdruckslose Maske.

Ein Gewehrlauf deutete auf ihn. Darüber ein knochiges Gesicht mit lauernden Augen. Ein dünnlippiger Mund, der sich zu einem Grinsen verzog.

„Ich schätze, du hast genug gesehen, Mister. Wetten, dass es dir noch leid tut? Du kennst Hwang Ho Tse noch nicht, sonst hättest du gewusst, dass er keine halben Sachen macht und bestimmt nicht vergisst, einen Wachtposten aufzustellen.“ Der Kerl lachte leise. „Der gerissenste, gefährlichste Chink der mir je begegnet ist. Ein Mann mit Zukunft - und Geld! Sonst würde ich nicht für ihn arbeiten. Und du, Freundchen? Wer bist du? Wo kommst du her?“

Sheng hörte das Stampfen der Hufe auf dem Hof der einsamen Station, das Anrollen der Räder. Zu spät! Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Aber seine Stimme war so ruhig, als würde ihn alles, was hier geschah, schon nicht mehr sonderlich interessieren. „Ich bin ein Wanderer auf dem Weg zur Bahnlinie im Norden. Ich hörte Schüsse. Deshalb kam ich her.“

„Dein Pech!“, spottete der Knochige. „Denn deine Neugierde wird dir das Leben kosten.“

Sheng sah den Tod in den Augen des Halunken. Ein Mann ohne Skrupel, abgestumpft von einem Leben voller Gewalttätigkeit. Nur ein Fingerdruck, und dann...

„Der Tod ist nicht das Ende, sondern die Schwelle zu einem anderen unbekannten Leben. Warum ihn also fürchten, mein junger Freund?“ Li Kwans Stimme aus der Vergangenheit.

Sheng hatte keine Angst vor dem tödlichen Blei in der Waffe des Banditen. Aber der Schweiß trat ihm auf die Stirn bei dem Gedanken, dass der Kerl die Schriftrolle bei ihm finden würde. Das durfte nicht geschehen! Noch wusste der Bandit nicht, mit wem er es zu tun hatte. Mit einem Mann, der seinen Auftraggebern viele tausend Dollar wert war, tot oder lebendig.

„He, Mont, wo steckst du?“, trieb eine raue Stimme von der Station herauf. „Wir haben das Girl. Es ist alles vorbei. Zeit zum Verschwinden, du alter Geier!“

Sheng wartete darauf, dass der Knochige einen Moment den Blick von ihm wenden würde. Vergeblich. Das Rattern der Kutschenräder entfernte sich zwischen kakteenbestandenen Hügeln. Stampfende Hufe näherten sich dem Hang.

„Mont, zum Teufel, was ist los? Melde dich!“

„Ich bin hier, Slade! komm her! Sieh dir deri Vogel an, den ich geschnappt habe. Hat alles mit angesehen, der Kerl. Behauptet, er will nach Norden zur Bahn. Ein Tramp, nach dem kein Hahn kräht, wenn wir ihn umlegen. Was meinst du, Slade?“

Slade war der mit dem Staubmantel und der Winchester. Er ritt von der Seite her mit einem zweiten gesattelten Pferd im Schlepp in Shengs Blickfeld. Ein eckiges,, schnurrbärtiges Gesicht unter einem breitkrempigen Hut. Eiskalte Augen, die Sheng abschätzend musterten. Slade stützte den Kolben der Winchester auf den rechten Oberschenkel, drehte halb den Kopf und spuckte aus.

„Sieht aus wie ’n halber Chink. Hab’ ich recht, Kerl? Wie heißt du, he?“

Sheng schwieg.

Von der Stagecoach war nichts mehr zu hören. Nur noch eine durchsichtige Staubfahne milderte ihren Weg durch das öde, sonnenverbrannte Land. Slade beugte sich wütend auf dem Pferd vor. Seine hellen Augen blitzten.

„Verdammt! Hast du Dreck in den Ohren, Kerl? Glotz nicht so! Ich hab’ dich was gefragt, du Hundesohn!“

Sheng schwieg. Ein Mann im Zorn war gefährlich, unberechenbar, aber auch leicht zu einem Fehler zu verleiten. Mont grinste.

„Was soll’s? Chink oder nicht, es ist ’n lausiger Herumtreiber, der aussieht, als wüsste er nicht, wo bei ’nem Colt vorn und hinten ist. Eine Kugel und basta! Wozu noch ’n langes Verhör, bei dem doch njchts rauskommt?“ .

Slade schnaubte. „Wenn Hwang Ho Tse dich so reden hörte, würde dein Name verteufelt schnell von seiner Lohnliste verschwinden! Auf dem Weg zur Bahnlinie, sagst du? Ohne Pferd? Dass ich nicht lache! Das würde ja heißen, er will zu Fuß fast hundert Meilen durch die Wüste.“

„So ist es“, erklärte Sheng gelassen.

Slades Augen funkelten Wild. „Du lügst! Du bist einer von den Burschen aus der Namenlosen Stadt! Du bist hier, um Sen Kiangs Tochter abzuholen. Gib es zu!“

„Ich kenne diese Stadt nicht. Ich habe nie von ihr gehört.“

Slades eckiges Gesicht spannte sich. Er lenkte seinen Braunen neben Sheng, ohne zu ahnen, welchen Fehler er damit beging. Drohend hob er das Gewehr.

„Glaub ja nicht, du kannst mich reinlegen, du Bastard!' Glaub ja nicht, ich bringe die Wahrheit nicht aus dir heraus! Du kannst vielleicht Mont weismachen, dass du nur zufällig hier aufgekreuzt bist, mir nicht! Also, rede!“

Sheng blickte ihn ausdruckslos an. „Sterbe ich nicht so oder so?“

Der gleichmütige Ton hätte Slade eigentlich warnen müssen. Aber Slade war wie die meisten Männer, die vom Gewehr und vom Colt lebten, für die nur das Recht des Stärkeren zählte. Er fühlte sich dem schlanken, unbewaffneten, ruhig dastehenden Fremden haushoch überlegen.

Ein raues Auflachen. „Du Narr! Es kommt auf das Wie an! Red’ endlich! Spuck deinen Namen aus!“

Shengs Stimme war sanft wie das Raunen des Windes in den Gärten des Klosters vom Weißen Lotus.

„Ich bin der Tiger-Mann.“

Ein Augenblick der Lähmung, der Sprachlosigkeit. Tiger-Mann! Unter diesem Namen, war Sheng beim Bahnbau bekannt geworden, als Kämpfer für die Rechte der ausgebeuteten, geknechteten Kulis. Ein Name, der ganz oben auf der Todesliste des Schwarzen Drachen stand.

Slade fluchte, wollte die Winchester auf ihn richten. Dabei verdeckte er Monts Schussfeld. Es wäre besser gewesen, er hätte versucht, schnellstens aus Shengs Reichweite wegzukommen.

Der schlanke Halbchinese sauste mit hochgeworfenen Armen kerzengerade in die Luft, als sei ein Pulverfass unter ihm explodiert. So wie der Drache, der auf dem Wind reitet. Ein blitzschneller Stoß mit dem rechten Fuß. Slade stürzte wie von einem Kolbenhieb getroffen auf der anderen Seite vom Pferd. Beide Tiere stürmten wiehernd davon.

Sheng setzte federnd auf, blieb in Bewegung, warf sich geschmeidig zur Seite. Monts Gewehr brüllte. Ein Schuss, der wie ein Peitschenhieb an Sheng vorbei ging. Zähneknirschend, mit verzerrter Miene hebelte der Bandit eine weitere Patrone in den Lauf. Geduckt wich er zurück, feuerte wieder.

Ebenso hätte er versuchen können, eine durchs nächtliche Unterholz huschende Raubkatze zu treffen.

Wie ein Schatten kam Sheng auf ihn zu, unheimlich schnell, lautlos, wie unverwundbar.

Dann der Sprung des Kung Fu-Tigers. Ein gestreckt durch die Luft sausender drahtiger Körper, der nur aus stahlharten Muskeln und Sehnen zu bestehen schien. Es sah aus, als würde er direkt in Monts aufflammenden dritten Schuss hineinschnellen.

Doch die Kugel klatschte gegen einen Felsen. Ein Hieb wie mit einer Tigerpranke schmetterte den Verbrecher zu Boden. Sheng flog über ihn weg, rollte sich katzenhaft ab und stand im nächsten Augenblick schon wieder. Sein Atem ging so ruhig, als hätte er sich nicht vom Fleck gerührt. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Auch dann nicht, als er sah, wie Slade sich keuchend auf die Knie stemmte und einen Revolver unter dem Staubmantel hervorzog.

„Jetzt bist du fällig, verdammter Hund!“

Einen Moment verharrte Sheng wie eine Statue. Dann traute Slade seinen Augen nicht. Gelassen kam der Tiger-Mann auf ihn zu, ein deutliches Ziel vor der Mündung von Slades schwerkalibrigem Revolver.

„Du denkst, du hältst die Macht über Leben und Tod in deiner Hand“, sagt Sheng mit unheimlicher Ruhe. „Aber ein Stück von Menschenhand bearbeitetes Metall kann keinen Mann größer machen, als er in Wirklichkeit ist. Du wirst mich nicht töten.“

„Du bist verrückt!“, keuchte Slade, der nicht begriff, dass Sheng mit jedem Schritt kostbare Zeit gewann. „Du hast keine Chance mehr! Ich werde...“

Abermals war Sheng schneller als der bleierne Tod.

Die tausendfach geübte Schnelligkeit eines Mannes, der auf sein Chi vertraute. Der keinen Augenblick daran zweifelte, dass er am Leben bleiben würde. Slade spürte noch den Rückstoß der donnernden Waffe in seiner Faust. Dann stürzte ein Schatten auf ihn, so blitzartig, so endgültig wie der Adler auf seine Beute herabstößt.

Slade war ein gefährlicher, harter Bursche. Härter als Mont, härter als viele, die sich für Geld dem Schwarzen Drachen verschrieben hatten. Doch als Sheng sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit über ihm erhob, war auch Slade nur mehr ein harmloses, hilfloses Bündel im heißen Staub von Nevada.

Shengs Blick suchte die Hügel, zwischen denen die Kutsche des Schwarzen Drachen verschwunden war. Er atmete tief. Die Erinnerung an das Gesicht der jungen Gefangenen weckte wieder Bilder wie von einem weit zurückliegenden Traum in ihm.

Er hob sein Deckenbündel auf. Die Pferde der Banditen waren fort. Kein Mann zu Fuß hatte eine Chance, die Kutsche einzuholen. Jedenfalls kein Mann, der in einem Land der Reiter aufgewachsen war, der nicht die Kraft des Chi kannte.

Sheng eilte zur Hütte hinab. Es war so, wie er es erwartete: Er fand nur Tote. Die Mörder des Schwarzen Drachen hatten niemand am Leben gelassen, weder den graubärtigen Stationskeeper, noch die beiden kräftigen Chinesen, die Sen Kiangs Tochter begleitet hatten.

Trauer und Schmerz erfüllten Sheng. Doch nun durfte er keine Zeit mehr verlieren. Jede Minute brachte die Kutsche weiter von ihm fort. Entschlossen schwang er sein Deckenbündel auf den Rücken und folgte ihrer Fährte ins einsame heiße Land …

 

*

 

Zwei Stunden später sah Sheng die von der Stagecoach aufgewirbelte Staubwolke von einer hoch über die Wüste aufragenden Felskanzel. Er stand wie hingeklebt dort oben in schwindelnder Höhe. Von weitem nur ein regloser dunkler Punkt unter der weißglühenden Sonnenscheibe, kaum größer als eine Fliege.

Eine Weile verfolgten seine schmalen Augen den Weg, den die Kutsche eingeschlagen hatte. Dann verschwand er mit pantherhafter Behendigkeit von seinem Beobachtungsposten. Ein huschender Schatten, den die Dämmerung der zerklüfteten Canyons und Schluchten aufnahm. Er war wieder der einsame Wolf, für den es nirgendwo Frieden, nirgends einen Platz zum Ausruhen gab.

Er lief in den federnden Trab, den er stunden- und tagelang mit kurzen Pausen durchhalten konnte. Seine Beine bewegten sich wie von selber. Seine Muskeln und Sehnen waren wie Teile einer gut geölten, niemals erlahmenden Maschine, die einzig und allein von seinem Geist, der Kraft seines Chi beherrscht wurde. Denn Kung Fu war mehr als die Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung. Es war die Kunst, sich selbst zu besiegen. Hitze, Durst, Hunger, Schmerz, alle Strapazen waren dazu da, um nicht nur ertragen, sondern überwunden zu werden.

Sheng lief mit weit geöffneten Augen, abwesendem Blick. Aber seine rastlos trabenden Füße wichen geschickt jedem Hindernis aus, turnten sicher über Felsbarrieren, fanden Halt auf den schmälsten Pfaden, die kein Pferd betreten konnte. Mit fast spielerischer Leichtigkeit setzte Sheng über schaurig gähnende Spalten, balancierte auf messerscharfen Graten. Schweiß auf seiner Stirn. Die Kleidung festgeklebt auf seiner Haut. Aber noch immer ging sein Atem so ruhig und gleichmäßig, wie er es bei seiner Ausbildung zum zweifachen Meister im Kung Fu gelernt hatte.

Sein Chi war stark. Er würde schneller sein als die Kutsche, die jedem Felsmassiv, jedem klaffenden Abgrund ausweichen musste. Schnell wie der Adler, der auf kräftigen Schwingen mühelos über jedes Hindernis weggleitet. Er durfte nur nicht daran zweifeln. Ein Mann, der an sich.selber zweifelt, war schon halb verloren. Meilen... Stunden ... Sie zählten nicht. Geduld und Ausdauer gehörten zu den Tugenden der Schlange, deren Meister er war. Der Weg des Tigers war die Kraft und Zähigkeit...

Als die Kutsche nach zwei weiteren Stunden hinter der Biegung eines sonnendurchglühten Canyons hervorrollte, war Sheng bereits da. Er erhob sich von dem Stein, auf dem er einige Minuten lang geruht hatte. Gelassen sah er dein staubumnebelten Fahrzeug entgegen. Ein Reiter daneben. Einer von den Kerlen, die er auf der Station gesehen hatte, gespannt wie eine Stahlfeder. Eine Hand, die im eingefleischten Reflex sofort zum Colt zuckte.

Der stämmige Mann auf dem Bock riss an den Zügeln. Ein Schwanken und Knarren, die Kutsche stand. Ungläubig starrten die Banditen auf den großen, schlanken, mit Wüstenstaub bedeckten Fremden, der stumm, mit locker herab hängenden Armen dastand. So, als würde er gleich darum bitten, ein Stück in der Stagecoach mitgenommen zu werden, ganz selbstverständlich, als wären sie nicht weit weg von jeder befahrenen Overlandpiste, von jenem markierten Trail.

Die Kutschenfenster waren zum Schutz gegen den Staub und die Hitze verhängt. Eine knochige Hand schob den schweren Stoff zur Seite. Sonnenlicht blitzte auf dem Ring mit dem Zeichen des Schwarzen Drachen. Ein fahles, gelbliches Gesicht in der Dämmerung des Fahrzeugs. Schweigen.

Der Kerl auf dem Bock tastete mit der freien Hand nach dem Gewehr in der Halterung neben sich. Der Sehnige ritt mit dem Colt in der Faust vorsichtig auf Sheng zu. Noch immer kein Laut, außer dem Schaufeln der Hufe.

Sheng bewegte sich nicht. Sein Blick war wie in unwirkliche Ferne gerückt. Er veränderte sich auch nicht, als der Reiter ihm die Coltmündung vors Gesicht hielt.

„Wer bist du? Was willst du hier? Ich gebe dir zehn Sekunden Zeit für eine glaubhafte Antwort! Eine Lüge, ein falsches Wort, und du liegst auf der Nase! Also?“

Sie waren alle gleich. Ihre Sprache war die Sprache der Gewalt. Mit einem .geladenen Sechsschüsser in der Faust fühlten sich diese Narren wie Könige! Shengs Blick war plötzlich voller Härte, Entschlossenheit - und Verachtung.

„Ich werde Hwang To Tse antworten, nicht dir, Revolvermann. Ich habe hier auf ihn gewartet.“

Bin Zucken, in dem verkniffenen Raubvogelgesicht. Die Faust umschloss den Colt noch fester. „Mach’ kein Theater, Mann! Sag, was du willsj!“

Doch der sechsfache Tod in der Trommel des 44ers schien für den schlanken Fremden keinerlei Bedeutung zu haben. Nichts, was Grund genug war, auch nur einen Fußbreit von dem einmal eingeschlagenen Weg abzuweichen. Sheng schwieg. Der stämmige Fahrer wickelte hastig die Zügel um den Bremshebel und legte die Winchester schussbereit über die Knie.

„Bringt ihn her!“ Hwang Ho Tses peitschender Befehl.

Es war nicht nötig. Sheng hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ruhig ging er an dem Reiter vorbei zur Kutsche. Der Sehnige zog wütend den Gaul herum. Die Mündungen von Colt und Gewehr bewegten sich mit Sheng. Hufschlag pochte hinter ihm.

Doch Sheng sah nur den Mann in der Kutsche und die schmale, dunkelgekleidete Gestalt neben ihm. Sie hielt den Kopf gesenkt. Ihre Hände waren gefesselt. Sheng spürte ein Aufwallen von Zorn und Mitgefühl. Er bezwang es, konzentrierte sich auf das, was zu tun war.

Der Mann vom Schwarzen Drachen beugte sich vor. Augen wie glimmende Kohlenstücke in einer der Räucherschalen im Tempel des Tao Chi starrten Sheng an. Kein Wort, keine Frage. Die zähe, unbeirrbare Geduld Asiens spiegelte sich auf dem hageren, grausamen Gesicht.

Der Kerl auf dem Pferd hinter Sheng hatte kein Gespür für das gegenseitige stumme Abtasten der beiden Männer aus dem fernen Reich der Mitte. Sein Revolverhahn klickte.

„Zum letzten Mal: Was willst du hier? Wer hat dich geschickt?“

„Ich bin hier, um die Frau zu befreien.“

Shengs schlanke Rechte bewegte sich so schnell, dass kein Auge der Bewegung folgen konnte. Es war die Schnelligkeit der zustoßenden Schlange. Den Schurken blieb der Fluch in der Kehle stecken, als ein langläufiger 44er Colt wie hingezaubert in Shengs Faust lag. Sheng hatte die Waffe von der überfallenen Pferdewechselstation mitgenommen. Sie war unter seiner Jacke verborgen gewesen.

Die Mündung starrte Hwang Ho Tse an. Ein kurzes Flackern in den Augen des hageren Chinesen. Seine Mundwinkel verkniffen sich. Mehr nicht. Ein Mann, der sich eisern in der Gewalt hatte, dem die Gefahr vertraut war wie Sheng.

Drei, vier Sekunden Stille und Reglosigkeit verstrichen. Die junge Gefangene hatte sich kerzengerade aufgesetzt. Es war, als hätte sie zu atmen aufgehört. Sheng spürte das Brennen ihrer Augen. Dann brach die Stimme des Drachenmannes das Schweigen, kalt und furchtlos.

„Du Narr! Weißt du nicht, dass ein Wort von mir genügt, um deinen Tod zu besiegeln?“

Sheng lächelte hart. „Ich weiß auch, dass du mit mir sterben würdest, Hwang Ho.“

Der Mund in dem hageren Chinesengesicht wurde zu einem dunklen, messerscharfen Strich. „Nur ein Dummkopf stirbt für eine längst verlorene Sache.“

„Eben“, lächelte $hingo, „und deshalb wirst du tun, was ich von dir verlange. Binde die Frau los!“

„Hat Sen Kiang dich geschickt?“

„Ich kenne ihn nicht. Aber ich kenne die Pflicht, die ich zu erfüllen habe. Tu, was ich dir sage!“

„Verdammt!“, zischte der Kerl auf dem Pferd wütend. „Ich brauche nur den Finger zu krümmen, du verrückter Hund, und es ist aus mit dir! Was denkst du eigentlich, wie weit du mit der Puppe kommen wirst, he?“

„Weit genug.“

Hwang Ho Tses Augen wurden noch schmaler, als sie ohnehin schon waren.

„Du hast nur eine Chance, wenn du ohne Sen Kiangs Tochter von hier verschwindest. Dann werde ich diesen Männern sagen, dass sie dich nicht verfolgen sollen. Du weißt noch nicht, mit wem du dich anlegst, Fremder. Hinter mir steht eine Macht, die dich überall erreichen kann, die dich zermalmen wird. Denn ich bin einer von den Obersten Räten des Schwarzen Drachen.“

Er hielt drohend den glitzernden Ring mit dem Drachensymbol in die Sonne.

„Ich weiß“, erwiderte Sheng ungerührt. „Aber niemand ist unbesiegbar, auch nicht der Schwarze Drache.“

Jetzt erst, nur für einen Moment, drohte die Ausdruckslosigkeit auf Hwang Ho Tses Miene zu zerbröckeln. „Wer bist du?“

Sheng lächelte. „Ein einsamer Wanderer, der auf dem Weg zur Bahnlinie war, um Freunde zu besuchen. Nun werde ich zuvor Sen Kians Tochter zu ihrem Vater bringen.“

„Ihr werdet die Namenlose Stadt nie erreichen! Wir werden euch wie Hasen jagen, bis ihr...“

„Genug! Spar dir deine Drohungen, Schwarzer Drache! Nimm der Lady endlich die Fesseln ab! Zuvor sollen deine Schießer ihre Waffen wegwerfen! Gib den Befehl dazu!“

Hwang Ho Tse atmete schwer. Die Waffe in Shengs Faust war nur eine Armlänge vor seinem Gesicht. Die Banditen ahnten nicht, dass Sheng nur bluffte. Er verabscheute nichts so sehr als den Zwang, in Notwehr auf einen Menschen schießen zu müssen. Doch eine List, eine Drohung war besser, als die Hand gegen einen Gegner zu erheben. Eine der Regeln des Kung Fu lautete: Tue niemandem weh, auch nicht deinem ärgsten Feind, wenn du ihn durch Worte, durch deinen Verstand besiegen kannst!

Sheng spürte, wie Hwang Ho mit sich kämpfte, wie schwer es ihm fiel, nachzugeben. Ein herrschsüchtiger Mann, der keine Niederlage ertrug. Das machte ihn gefährlich, unberechenbar. Eine Minute, in der sie ein stummes, erbittertes Duell miteinander ausfochten. Ihre Blicke prallten wie Schwertklingen aufeinander. Dann senkte der Mann vom Schwarzen Drachen die Augen.

„Tut, was er verlangt! Er gewinnt ja doch nicht mehr, als eine lächerliche Frist! Sein Tod wird um so schrecklicher sein.“ Seine Stimme war wie Eis, leidenschaftslos, voller Überzeugung.

Die Revolverschwinger fluchten, ließen jedoch ihre Waffen fallen. Langsam, die funkelnden Augen unverwandt auf Sheng gerichtet, zog Hwang Ho Tse ein schmales, dolchähnliches Schmetterlingsmesser aus dem weiten Ärmel seines Drachengewandes. Es war eine Waffe, die aus dem südlichen China stammte. Ihr Griff war mit Edelsteinen besetzt. Vorsichtig, so dass Sheng jeder Bewegung folgen konnte, beugte sich Hwang Ho zu der jungen Chinesin hinüber. Die rasiermesserscharfe Klinge glänzte matt in der Dämmerung der Kutsche.

Sheng ahnte, was hinter der Stirn des Verbrechers vorging. Sein Herz zog sich zusammen, wenn er sich den kalten Stahl am schlanken Hals der Frau vorstellte. Hwang Ho lächelte verkniffen. Einen Moment noch wog er die gefährliche Waffe spielerisch in der Hand, dann zerschnitt er die Fesseln und ließ den Dolch auf den Kutschenboden fallen

„Geh!“ sagte er zu der jungen Frau. „Ich werde dich bald wiedersehen. Denn es ist, als ob du einen Toten begleiten würdest.“

Er lachte grell. Ein Lachen, bei dem Sheng ihm am liebsten an die Kehle gesprungen wäre. Er bezwang sich. Nicht nur, weil die Schurken nur auf den geringsten Fehler von ihm warteten. Ein Mann durfte nicht die Herrschaft über sich selber verlieren und nicht dem Drang nach Gewalt nachgegeben, der nur wieder neue Gewalt erzeugen würde.

Die Frau glitt rasch auf der anderen Seite aus der Kutsche. Gleich darauf war das Rascheln ihres Kleides neben Sheng. Der Duft eines zarten Parfüms stieg ihm in die Nase.

„Ich danke dir, Fremder. Sen Kiang wird dich reich dafür belohnen.“

„Deswegen helfe ich dir nicht. Wie heißt du?“

„Lai Yin.“

Ein schneller Blick auf ihr Gesicht. Dunkle Mandelaugen, ein weicher geschwungener, lockender Mund, eine kleine Nase, pfirsichfarbene Haut. Plötzlich wusste er, dass es kein Traum war, an den ihn dieses Gesicht erinnerte. Plötzlich w die Bilder nicht mehr unklar, verschwommen. Für einen Moment schien er anstelle der Kutsche mit dem Drachenbild wieder das brennende Haus zu sehen, die schreienden Menschen, die Eimer, die von Hand zu Hand flogen. Dann die Gestalt in einem vom Rauch verschleierten Fenster.. Ein junges Mädchen mit einem zum Schrei geöffneten Mund und aufgerissenen Augen. Ein Gesicht, das ihn vom ersten Moment an tief berührt hatte..

Lai Yins Gesicht?

Vidieicht war es nur eine Ähnlichkeit, nicht mehr. Es wäre zu unglaublich gewesen, wenn sie sich nach so vielen Jahren und so viele Meilen von ihrer Heimat entfernt hier wiedergefunden hätten. Aber es war eine Ähnlichkeit, die ihn in den Bann schlug.

„Lass das Messer liegen, du würdest döch nicht schnell genug sein, Hwang Hol“

Seine. Stimme klang fremd, spröde.

Der Hagere lehnte sich mit verkniffener Miene auf der weich gepolsterten Sitzbank zurück. Sheng trat von der Kutsche weg. Es war nicht nur die Waffe, die die Schurken zu schweigendem Gehorsam zwang. Eisige Entschlossenheit umgab den Mann vom Weißen Lotus wie ein undurchdringbarer Panzer.

Der Sehnige überließ. Sheng zähnefletschend, aber widerspruchslos sein Pferd. Sheng half Lai Yin hinauf, ehe er sich selber auf das Tier schwang. Er war nicht nur ein ausdauernder Läufer.

Seit das Land der Canyons, Wüsten und Prärien seine neue Heimat war, in die er auf der Flucht vor dem Schwarzen Drachen und auf der Suche nach seinem unbekannten Väter gekommen war, hatte er reiten gelernt wie ein Indianer. Als er den Braunen herumzog, wollten die Schießer ihre Waffen aufheben. Hwang Hos scharfer Ruf hielt sie zurück.

Kalt lächelnd nickte Sheng dem hageren Chinesen zu. „Du bist ein kluger Mann. Klug genug, um zu begreifen, dass ihr mich nicht mehr erwischen werdet?“

Hwang Ho Tse stieg aus der Kutsche, ging langsam, aufrecht auf ihn zu. „Ich weiß nun, wer du bist. Es gibt nur einen Mann, der es wagt, dem Schwarzen Drachen die Stirn zu bieten. Du bist Sheng, der Tiger-Mann.“

Zuckte Lai Yin nicht leicht zusammen? Hielt sie nicht für einen Moment den Atem an? Kalter Hass glitzerte in Hwang Ho Tses Augen. Doch Sheng lächelte.

„Es hat lange gedauert, bis du mich erkannt hast. Zu lange.“

Der Mann vom Schwarzen Drachen schüttelte den Kopf. Er sprach nun chinesisch, weil er wusste, dass Sheng ihn verstehen würde. „Du wirst sterben, aber den Zeitpunkt dafür werde ich bestimmen. Ich will Sen Kiangs Tochter lebend, deshalb habe ich diese Männer daran gehindert, zu schießen. Du weißt noch nicht, welchen Fehler du begehst, wenn du dich auf Lai Yins Seite stellst. Du wirst ihn mit deinem Leben bezahlen, und mit deinem Teil der Weisheitsrolle des Tao Chi.“

Es war mehr als eine Drohung. Er sprach mit einer so unerschütterlichen Gewissheit, dass Sheng einen Moment das Gefühl hatte, ein unsichtbares tödliches Netz sei schon über ihm ausgeworfen und brauchte nur noch zusammengezogen zu werden. Hohn funkelte in Hwang Hos Kohleaugen, als er mit einem frostigen Lächeln zurücktrat.

Sheng ließ den Colt in den Staub fallen. Er brauchte ihn nicht mehr. Wenn er wieder kämpfen musste, würden seine Schnelligkeit, Kraft und Geschicklichkeit wirksamere Waffen sein. Er hämmerte dem Pferd die Absätze gegen die Weichen und jagte los.

Da peitschten Schüsse von der Felskante herab. Sandfontänen spritzten neben dem Reiter. Donnernde Echos wogten zwischen den Steilwänden. Lai Yin schrie. Shengs hochzuckender Blick umfing die Gestalten zweier Reiter, die sich vor dem Hintergrund des messingfarbenen Firmaments abzeichneten. Silbern gleißende Gewehrläufe deuteten auf die Sohle des Canyons.

Slade und Mont! Sie hatten ihre Pferde wieder eingefangen. Sie waren wie die Teufel geritten, um Sheng und die Stagecoach einzuholen. In ihrer Wut feuerten sie ohne Rücksicht auf die Frau. Hwang Ho Tses Befehle erstickten im ohrenbetäubenden Krachen der feuerspuckenden Karabiner.

Zwanzig Yard zum nächsten Canyonknick. Zwanzig Yard durch einen fauchenden mörderischen Kugelhagel. Der Braune stürmte dahin, als würden seine Hufe über die Erde fliegen. Lai Yin presste sich an den großen Mann, der sie mit seinem Körper zu schützen versuchte. Noch sechs Yard, noch fünf...

Sheng gab es einen Stich, als das Tier plötzlich stolperte, gequält schnaubte. Getroffen! Die kalte Faust des Entsetzens. Aber das Pferd lief. Da war die Biegung, der Schatten eines Felsvorsprungs. Das Dröhnen der Gewehre setzte aus. Heisere Rufe kamen wie von weit her. Der Braune stolperte wieder, blieb mit zitternden Flanken stehen. Blut sickerte über sein Fell.

Sheng sprang ab, hob die junge Frau vom Pferd. Ihr schmales Gesicht war dicht vor ihm. Er spürte die Wärme ihres biegsamen Körpers durch das Kleid. Sie klammerte sich an ihn.

„Wir sind verloren.“

„Nur, wenn wir aufgeben.“ Er griff nach ihrer Hand, zog sie zu einem Riss im Fels. Dämmerung umgab sie. Wie lange würden Slade und Mont brauchen, um mit ihren Gäulen in den Canyon zu gelangen? Lai Yin keuchte, stolperte, aber Sheng zog sie unbeirrt weiter. Der Riss schien in eine Sackgasse zu münden, da fand der große Kung Fu- Kämpfer eine weitere Abzweigung, so schmal, dass ihnen hier kein Reiter folgen konnte.

Sheng blieb stehen, blickte lächelnd auf das Gesicht der atemlosen Frau. „Glaubst du immer noch, dass wir es nicht schaffen werden?“

„Es sind viele Meilen zur Namenlosen Stadt. Zu viele. Sie liegt mitten in der großen Wüste.“

„Ich habe nie von ihr gehört.“

„Sie ist auf keiner Karte eingezeichnet. Nur wenige wissen von ihrer Existenz. Mein Vater, Sen Kiang, hat sie gegründet. Es ist ein Ort, der von Chinesen bewohnt wird, die dort wie in ihrer alten Heimat zu leben versuchen. Mehr weiß ich nicht darüber. Ich kenne auch nicht den Weg dorthin. Ich bin bei meiner Mutter in San Francisko aufgewachsen. Ich lebte dort, bis die Boten meines Vaters kamen, um mich zu ihm zu holen. Wir wollten uns einem Wagenzug anschließen, der durch die Wüste unterwegs ist, um die Stadt; in der mein Vater herrscht, mit Lebensgütern zu versorgen. Nur wenn wir diesen Wagenzug treffen, haben wir vielleicht eine Chance, durchzukommen.“

Zweifel und Angst waren in ihren glänzenden dunklen Augen. Sheng legte seine Hand unter ihr kleines Kinn. „Sei unbesorgt. Wir werden ihn finden.“

 

*

 

Der Mond stieg wie ein orangefarbener Lampion über die Zinnen der Ruby Mountains. Jäh übergoss fahle Helligkeit die Wüste, so als würde ein dunkler Vorhang von einer Lampe weggezogen. Mit einem Tigersprung war Sheng bei seiner jungen Begleiterin, packte sie um die Taille und riss sie um. Sie rollten vom Kamm einer steilen Düne, die im Mondlicht wie von frisch gefallenem Schnee bedeckt aussah. Lai Yins erschrockener Aufschrei erstickte unter Shengs Hand. Ihre Augen funkelten. Sie lagen so dicht beieinander, dass er das heftige Pochen ihres Herzens spürte.

„Still!“, raunte er. „Sie sind da! Sie suchen uns!“

Er nahm die Hand von ihrem Mund. Sie lauschte. Nun hörte auch sie das schwache, vom Wüstensand gedämpfte Stampfen der Hufe in der gläsernen Stille der Nacht. Ihr schmales asiatisches Gesicht mit den leicht erhöhten Wangenknochen und den Mandelaugen spannte sich. Die Müdigkeit nach den vielen Stunden unter einer erbarmungslos sengenden Sonne fiel von ihr ab. Von neuem bewunderte Sheng ihre Ausdauer und Entschlossenheit. Seit ihrer Flucht aus dem Canyon war keine Klage über ihre Lippen gekommen.

Schweigend waren sie nebeneinander durch die Wüste gewandert. Zwei winzige verlorene Punkte in einem flammenden, trostlosen Nichts. Nun lagen die felsigen Ausläufer der Ruby Mountains weit zurück. Ringsum dehnten sich Dünenkämme wie die Wellen eines erstarrten Meeres bis über den Horizont. Hier wuchsen keine Dornbüsche, keine Kakteen mehr. Nur Sand, so weit das Auge reichte. Unvorstellbar, dass es hier irgendwo Leben, sogar eine Stadt geben sollte.

Die Hufgeräusche kamen näher. Klirrende Gebissketten, knarrendes Sattelleder,. zwischendurch das klagende Geheul eines Coyoten. Ein schauriger, nervenzerrender Laut in der Einsamkeit der Wüstennacht für jeden, der fremd in diesem Land war.

„Wir brauchen eine Waffe“, flüsterte Lai Yin an Shengs Ohr. „Sie werden dich töten, wenn sie uns finden.“

„Es wird ihnen nicht gelingen.“

Sheng hatte auf dem ganzen Weg seine Decke hinter sich hergeschleift, um ihre Spuren zu verwischen. Aber wie von einem wölfischen Instinkt geleitet, ritten die Männer des Schwarzen Drachen direkt auf die Düne zu, hinter der Sheng und die junge Chinesin lagen. Keine Deckung sonst weit und breit. Raue Stimmen mischten sich in das monotone Schaufeln der Hufe. Stimmen, die in Sheng die Erinnerung an die krachenden Schüsse auf der einsamen Pferdewechselstation weckten, an die Toten, die. er dort gefunden hatte.

„Unmöglich, Slade, dass sie so weit gekommen sind! Bestimmt sind wir irgendwann an ihnen vorbeigeritten, als noch genug Felsen und Büsche da waren, wo sie sich verkriechen konnten. Dieser Hundesohn Sheng ist doch nicht so verrückt, zu Fuß quer durch die Wüste zur Namenlosen Stadt zu marschieren! Das schafft kein Mensch. Lass uns umkehren, Slade.“

„Halt die Klappe! Ich weiß besser, wie verrückt dieser Bastard ist. So verrückt, dass es noch keiner fertig gebracht hat, ihn aufs Kreuz zu legen, obwohl schon hundert solche Burschen wie wir hinter ihm her waren. Es gibt Männer vom Schwarzen Drachen, die behaupten, er kann sich unsichtbar machen, um seinen Feinden zu entwischen, wenn er in die Enge getrieben wird. Natürlich ist das Quatsch. Aber nicht mal mein alter Freund Matlock schaffte es damals, als die Bahn nach Tonopah gebaut wurde, diesen schlitzäugigen Hundesohn zu erledigen. Dabei hatte Matlock ein ganzes Rudel hartgesottener Kerle um sich.“

„Und wie kommst du darauf, dass wir mehr Glück haben?“, fragte Mont missmutig.

Ein raues Auflachen. „Glück! Das ist es ja eben! Irgendwann wird er ’nen Fehler machen. Und wenn ihn keine Kugel schafft, dann die Wüste. Die ist schon mit. ganz anderen Brocken fertig geworden. Wenn du die Schnauze voll hast, dann hau doch ab. Ich jedenfalls denk' nicht dran, einfach sang und klanglos auf die Prämie des Schwarzen Drachen zu verzichten. Für so einen Haufen Moneten krieche ich noch auf dem Bauch hinter diesem Kerl her, da kannst du Gift draüf nehmen. Ich bleibe dabei: er ist noch irgendwo vor uns und... zum Teufel, da hat sich was bewegt!“

Slade besaß Augen wie ein Falke. Sheng war lautlos die Düne hinaufgekrochen, hatte nur einen Moment den Kopf gehoben. Sofort setzten die Hufschläge ans. Slades Winchester schurrte aus dem Scabbard. Kalter Stahl im Mondlicht.

Sheng reagierte geistesgegenwärtig. Seine Hände formten einen Trichter vor seinem Mund. Der täuschend nachgeahmte Ruf des Coyoten schallte über die Wüste. Slade entspannte sich, zog sein Pferd mit harter Faust herum, bog zwischen die Dünen nach Nordwesten ab. Denn kein Kojote würde dort heulen, wo ein Mensch war... Sheng lächelte schmal, als er die Reiter zwischen den Hügeln verschwinden sah. Das Geheul des Coyoten klang ihnen nach...

Als Sheng in die Senke zurückkehrte, hatte Lai Yin die Decke auf den Boden gebreitet Lächelnd blickte sie zu ihm hoch. „Die Männer des Schwarten Drachen übertreiben nicht, wenn sie sagen, dass du es verstehst, dich unsichtbar zu machen.“

Ihre Augen forschten in seinem Gesicht. Suchte auch sie Spuren .der Erinnerung? Sheng kniete sich ihr gegenüber. Eine stille Vertrautheit war zwischen ihnen, die sie gegen die Gefahren und die Einsamkeit der Nacht abschirmte. Mondlicht glänzte auf ihren Gesichtern. Sheng neigte den Kopf, damit seine Augen die jähe Sehnsucht in ihm nicht verrieten. Er war der Hüter des kostbarsten Schatzes der Mönche vom weißen Lotus. Ein Mann, der sich an niemand binden durfte, solange es den Geheimbund des Schwarzen Drachen gab.

Lai Yins Hand berührte seine Schulter. „Auch der Tiger-Mann braucht Stunden der Ruhe, um neue Kraft zu schöpfen. Ich habe bereits auf der Station gerastet, ehe Hwang Ho mit seinen Mördern kam. Ich werde für dich wachen.“

„Ich brauche keinen Schlaf.“

„Vertraust du mir nicht?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913392
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
sheng namenlosen stadt

Autor

Zurück

Titel: Sheng #13: In der namenlosen Stadt