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Callahan #9: Die Tochter El Zorros

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Mein Pinto-Wallach hatte ein lockeres Hufeisen und begann zu lahmen. Höchste Zeit also, dass ich in die nächste Stadt kam, um dort einen Schmied aufzusuchen. Aber dann entdeckte ich plötzlich auf dem Weg dorthin eine Posttasche mit einem Brief, der an einen gewissen Mr. James Mountreedy, Flathole, im Nutt County, New Mexico gerichtet war. Die Flathole ohnehin die für mich nächste Stadt war, dachte ich, ich würde diesem Mann einen Gefallen tun, wenn ich die Posttasche mit dem Brief gleich persönlich vorbeibrachte.
Dass sich daraus ein haarsträubendes und gefährliches Abenteuer entwickeln würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Sonst hätte ich vermutlich einen großen Bogen um Flathole gemacht. Das begriff ich aber erst, als es schon zu spät war ...

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die Tochter El Zorros

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 9

 

Die Tochter El Zorros

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Mein Pinto-Wallach hatte ein lockeres Hufeisen und begann zu lahmen. Höchste Zeit also, dass ich in die nächste Stadt kam, um dort einen Schmied aufzusuchen. Aber dann entdeckte ich plötzlich auf dem Weg dorthin eine Posttasche mit einem Brief, der an einen gewissen Mr. James Mountreedy, Flathole, im Nutt County, New Mexico gerichtet war. Die Flathole ohnehin die für mich nächste Stadt war, dachte ich, ich würde diesem Mann einen Gefallen tun, wenn ich die Posttasche mit dem Brief gleich persönlich vorbeibrachte.

Dass sich daraus ein haarsträubendes und gefährliches Abenteuer entwickeln würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Sonst hätte ich vermutlich einen großen Bogen um Flathole gemacht. Das begriff ich aber erst, als es schon zu spät war ...

 

 

 

 

Roman:

Auf der tischartigen Höhe, auf der ich mit dem Pinto angehalten hatte, um eine Verschnaufpause einzulegen und auch das Eisen nachzuziehen, schien es überhaupt keine Steine zu geben. Ringsum ragten Felsen auf, und vor uns fiel eine Steilwand hinunter bis zur Schlucht ab.

Ich hoffte, Geröll weiter am Rande der kleinen Hochfläche zu entdecken, wo Salbeigesträuch wucherte.

Und genau da entdeckte ich plötzlich die Posttasche. Sie war braun mit langen Wildlederfransen, das Schloss war geöffnet, der Deckel aufgeschlagen, und wie es schien, war sie leer.

Interessiert hob ich sie auf und entdeckte die Initialen B und C. Es war das Zeichen der Butterfield Company.

Ich fragte mich gerade, wie diese Posttasche hierher käme, da fiel mein Blick auf einen Stiefel, der ebenfalls hinter einem Salbeistrauch lag.

Ein Stiefel mit einem Mann dran! schoss es mir durch den Kopf, und ich ging wie magisch angezogen auf diese Stelle zu.

Ich war erleichtert, als ich nur den Stiefel fand, ein gut erhaltener linker Stiefel. Er lag einfach da, und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand ein so gutes Stück einfach wegwirft, dazu noch hier nicht allzu weit von der Grenze entfernt, wo die Armut besonders unter den Mexikanern so groß war, dass viele von ihnen nicht einmal das Geld für ein Paar Schuhe hatten.

Eine Posttasche und einen Stiefel, so etwas warf einfach niemand weg. Ich ahnte, dass womöglich ein Verbrechen damit zusammenhing, und meine Neugierde war geweckt. Statt weiter nach einem handgroßen Stein zu suchen, begann ich zu forschen, ob nicht vielleicht ein zweiter Stiefel oder andere Hinweise auftauchen könnten, Hinweise, die mir erklären würden, wie diese Posttasche der Butterfield Company und ein Stiefel in diese Einöde gelangten.

Der Pfad, den ich gekommen war, führte in Serpentinen von der Höhe durch einen Einschnitt zu diesem Plateau und ging dann von hier aus weiter in vielen Kehren bis hinunter in die Schlucht. Ich hatte erst die Hälfte des Abstiegs hinter mir. Ich glaubte auch, das Schlimmste beim Übergang über die Miembre Mountains überstanden zu haben, weil ich nicht wusste, was mich in Wirklichkeit erwartete.

Auf der Suche nach weiteren Stücken, die mir Aufklärung über diesen geheimnisvollen Fund geben würden, entdeckte ich plötzlich etwas Weißes.

Es lag gar nicht weit von dem Pfad entfernt, den ich vorhin heruntergekommen war. Als ich näher hinsah, stellte ich fest, dass es ein Stück Papier war, das zwischen den Blättern eines Salbeistrauches hing. Ich bückte mich, zog es heraus und sah, dass es ein Brief war, ein versiegeltes Kuvert, das schon verblichen wirkte. Auch die Tinte war nur mehr mit Mühe lesbar. Die Verwitterung infolge der starken Sonnenkraft ging hier oben schnell vonstatten. Das bedeutete nicht unbedingt, dass dieser Brief länger als vier Wochen an dieser Stelle lag. Es sah aus, als hätte ihn der Wind in diesen Salbeistrauch hineingetrieben.

Auf der Adresse stand: Mister James Mountreedy, Flathole, Nutt County, New Mexico.

Ich strich prüfend mit zwei Fingern über den Umschlag und versuchte zu fühlen, was darin war. Aber mehr als ein Brief konnte es nicht sein. Das Siegel trug das Signum der Southern Pacific Railroad, das hierzulande jedes Kind kennt.

Trotzdem konnte ich mit dem Brief nichts anfangen, vor allem hatte ich nicht vor, ihn zu öffnen. Ich steckte ihn weg, schob ihn unter mein Hemd und wandte mich um. Einen Stein hatte ich noch immer nicht gefunden.

Weiter drüben stand mein Pinto mit hängendem Kopf und äugte zu mir herüber.

Ich konzentrierte jetzt meine Suche auf einen geeigneten Stein, weil ich das schließlich und endlich für wichtiger hielt als alle zu ergründenden Geheimnisse.

Da weiter oben Geröll lag, ging ich in diese Richtung. Ich hatte dieses kleine Geröllfeld gerade erreicht und auch schon einen offenbar geeigneten Stein entdeckt, da hörte ich aus der Schlucht das Rattern von Wagenrädern, aber auch Hufschlag bis zu mir herauf. Ich konnte allerdings von dieser Stelle, wo ich mich befand, den Grund der Schlucht nicht einsehen.

Ich hob den Stein auf, den ich für geeignet hielt, und kehrte zu meinem Pferd zurück.

Das Rattern der Wagenräder und der Hufschlag von unten vermischten sich jetzt mit einem anderen Geräusch, das lauter und lauter wurde: dem Geklapper vieler Hufeisen auf felsigem Grund.

Ich ließ den Stein fallen und zog, einem Impuls folgend, meine Winchester aus dem Sattelschuh. Das Gewehr in der Rechten, trat ich an den Rand der Felswand und blickte in die Schlucht hinab.

Ich sah weiter oben einen Zweispänner fahren, auf dem im Schatten einer hochgeklappten Plane ein einzelner Mann saß. Er fuhr nicht sonderlich schnell. Aber jetzt beugte er sich zur Seite und blickte um die Plane herum nach hinten. Ich sah, dass er eine Melone trug, die er jetzt absetzte. Sein blanker Schädel gänzte in der Sonne.

Dem Wagen folgten fünf Reiter. Sie ritten scharf, obgleich der felsige Boden hart war und es die Pferde unnötig stauchte.

Mir brauchte keiner darüber Aufklärung zu geben, dass es um den Wagen ging, den sie einzuholen gedachten. Sonst hätten sie ihre Pferde auf dem harten Boden nicht so getrieben.

Auf diese Idee, dass es ihm galt, kam wohl auch der Fahrer dieses Zweispänners, der jetzt seine beiden Pferde parierte. Es waren übrigens zwei herrliche Braune, kräftige, sehnige Tiere, wie gemacht für einen leichten Wagen.

Wenn mich mein Eindruck nicht täuschte, war es ein Doktorwagen, der jetzt da unten hielt, und der Mann auf dem Bock sicherlich ein Arzt. Er hatte auch neben sich auf dem Bock eine Tasche stehen, die mich an eine Arzttasche erinnerte.

Jetzt hatten die fünf Reiter ihn eingeholt. Einer jagte an dem Gespann vorbei und stellte sich quer auf den Weg, ein anderer ritt durch bis zu den Köpfen der Pferde des Gespanns und packte das eine davon am Zügel, als müsste er es aufhalten.

Eine Staubwolke hüllte zunächst alles ein. Als sie sich legte, konnte ich die Reiter deutlich beobachten. Vier davon waren sehr jung. Sie sahen aus wie Cowboys, der fünfte, der offenbar ihr Anführer war, wirkte etwas älter. Vielleicht war er Mitte Dreißig oder gar Vierzig. Er trug jedenfalls Cowboykleidung, besaß aber als einziger keine ledernen Beinschützer, und ich hielt ihn für einen Rancher oder Vormann.

Die ersten Worte, die sie da unten sprachen, verstand ich hier oben nicht. Damit sie mich nicht sehen konnten, ging ich in die Hocke, blickte aber weiter nach unten.

Dann hörte ich den Mann auf dem Wagenbock sagen: „Ich denke gar nicht daran, umzudrehen. Ich bin dazu da, Menschen zu helfen.“

„Sie werden keinem Greaser helfen!“, hörte ich den Anführer der Gruppe antworten. Er nahm sich jetzt den Hut ab, fuhr sich mit der Linken durch das blonde kurz geschnittene Haar, dann stülpte er den Hut wieder auf. „Die sollen sich zum Teufel scheren! Die brauchen keinen Doc und keine Medizin. Sollen die zu ihren Quacksalbern in ihrem gelobten Mexiko gehen! Hier bei uns haben sie nichts verloren und brauchen auch keinen Arzt. Sie kehren um, Doc, und das ist ein Befehl!“

„Seit wann erteilen Sie mir Befehle, Ted Burns?“, hörte ich den Doktor erwidern.

„Das ist ein Befehl von Mister Mountreedy, und Sie werden ihn ausführen! Damit es geschieht, sind wir hier.“

Der blonde Anführer machte eine Handbewegung, und daraufhin zogen die vier anderen ihre Gewehre aus den Sattelschuhen.

Ich hatte noch nicht ganz erfasst, um was es ging. Der Doktor wollte zu Mexikanern fahren, und die Kerle wollten das verhindern. Das begriff ich. Und dann hatte ich noch etwas verstanden: den Namen des Mannes, den ich auf dem Umschlag gelesen hatte. Ich dachte jedenfalls, dass es dieser Mann sein müsste. Denn meiner Meinung nach lag Flathole genau in der Richtung, aus der diese Reiter kamen, und der Name Mountreedy hatte Seltenheitswert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mehrere Träger dieses Namens gab.

„Drehen Sie die Pferde um!“, rief Burns jetzt. „Fahren Sie zurück nach Flathole, Doc Mosby!“

„Ich werde den Teufel tun. Wollt ihr mich vielleicht mit den Gewehren aufhalten?“

Der Doktor nahm die Peitsche, ließ sie über die Köpfe der Pferde knallen, und die Tiere wollten anspringen. Aber der eine der Reiter hielt das Gespann an den Zügeln vorn. Die Tiere sprangen auf der Stelle, aber sie zogen den Wagen keinen Zoll weit nach vorn.

„Lass die Pferde los, Junge!“, brüllte der Doktor und ließ abermals die Peitsche knallen, diesmal aber über den Kopf dessen, der die Tiere festhielt. Der Mann zuckte im Sattel zusammen und sah Hilfe suchend auf Burns, den Anführer. Der sagte:

„Machen Sie keinen Unsinn, Doc! Wir sind hier unter uns. Es gibt keinen Zeugen.“

„Auf dem Rancho liegt eine schwerkranke Frau. Sie wird sterben, wenn ich nicht hinfahre.“

„Soll sie doch“, erwiderte Burns. „Ein Greaser weniger ist ein Gewinn für diese Gegend. Vielleicht ziehen die anderen dann ab, wenn sie sehen, dass auch der Doc nicht mehr zu ihnen kommt.“

„Sie halten mich nicht auf, Burns. Los, Junge, da vorn, lass die Pferde los, oder ich knall’ dir die Peitsche um die Ohren!“

„Wenn er das tut“, sagte Burns, und es klang gefährlich schrill, „dann schießt. Er wird von uns keinen verletzen. Im übrigen ist es nicht weit bis Nutt. Dort gibt es wieder einen Doc. Sie sind nicht unersetzlich, Doc Mosby. Und jetzt zum letzten Mal: umkehren oder es knallt!“

„Zum Teufel, lasst die Pferde los! Diese Frau ist in Lebensgefahr. Ich helfe euch nicht dabei, jemanden zu ermorden. Und es ist Mord, wenn ich nicht zu ihr fahre.“

„Doktor, eine letzte Warnung“, rief Burns. „Seien Sie vernünftig! Drei meiner Männer würden Sie erschießen, wenn Sie nicht begreifen, um was es geht. Sie werden keinem der Mexikaner helfen, ganz gleich, wer es ist und was dem fehlt. Wir haben diesen Mexikanern ein Ultimatum gestellt. Die haben getan, als ginge es sie nichts an. Aber uns geht das etwas an. Und seit es abgelaufen ist, wird nichts mehr, aber auch gar nichts mehr geschehen, was diesen Leuten hilft, im Gegenteil. Wir werden sie vertreiben. Wir werden ihnen ein Feuer unter dem Hintern anzünden, und ganz bestimmt werden wir nicht ihre Kranken pflegen. Und jetzt kehren Sie um, Doktor, denn wir führen das aus, was wir uns vorgenommen haben.“

Der einzige, der kein Gewehr in der Hand hatte, war jener, der die Pferde hielt. Die drei anderen hatten die Gewehre im Anschlag, und Burns, der Anführer, zog zu allem Überfluss noch seinen Revolver. Er richtete die Mündung auf den Doktor.

Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können, als der Doktor die Peitsche hochriss und schrie: „Ich werde euch lehren, mir etwas vorzuschreiben. Ich tu, was ich will, und was ich für richtig halte - und was meine Pflicht ist.“

Er wird mit der Peitsche schlagen, dachte ich. Er wird den treffen wollen, der die Pferde hält, und daraufhin werden drei Gewehre und ein Revolver ihre tödliche Ladung auf den Doktor ausspucken.

Ich muss es verhindern! sagte ich mir. Es hat keinen Zweck, denn dieser Doktor ist ein halsstarriger Mann. Der begreift nicht, dass er schon verloren hat.

Ich brachte das Gewehr in Anschlag im selben Moment, als der Doktor mit der Peitsche ausholte. Ich zielte gut. Ich zielte auf den Revolver jenes Burns. Ich hatte nicht vor, seine Hand zu treffen.

Ich schoss noch, bevor Dr. Mosby richtig ausgeholt hatte. Sofort nach dem Schuss hebelte ich durch, sah noch, wie unten der Revolver aus der Hand von Burns gerissen worden war, wie Burns fast aus dem Sattel stürzte, als sich sein Pferd entsetzt aufbäumte, wie auch die anderen Mühe hatten, in den Sätteln zu bleiben. Auch die Wagenpferde drohten durchzugehen. Der Mann, der sie vorhin hielt, hatte im Augenblick anderes zu tun.

Keiner von ihnen schien begriffen zu haben, aus welcher Richtung der Schuss gekommen war. Und nun hatte ich schon wieder einen im Visier. Ich zielte auf sein Gewehr, das er noch in den Händen hielt, nachdem es ihm als erstem gelungen war, sein Pferd zu parieren. Es war einer der jungen Burschen.

Als sein Tier einmal einen Augenblick lang ruhig hielt und das Gewehr für mich ein sicheres Ziel bot, schoss ich.

Der Schuss prellte dem Mann die Waffe aus der Hand. Er schrie auf, als hätte er einen Bauchschuss bekommen, aber er konnte nicht getroffen sein. Ich glaubte nicht daran.

Wiederum tobten die Pferde, und jetzt raste das Wagengespann davon. Besorgt blickte ich auf den Doktor. Doch dann konnte ich beruhigt sein. Er hatte die Zügel in den Händen und ließ die Pferde laufen.

Jetzt erst hatte mich Burns entdeckt. Er starrte nach oben, blinzelte gegen den blendenden Himmel, und dann sah er mich.

Auch die anderen waren nun soweit, bis auf den einen, dessen Pferd wie verrückt bockte und dem Mann keine Möglichkeit ließ, sich zu orientieren.

Ich hatte das Gewehr auf Burns gerichtet und sagte ganz ruhig: „Versucht gar nichts. Ich mache nur den Finger krumm.“

 

*

 

Burns hatte seinen Revolver sowieso nicht mehr. Der Junge, dem ich das Gewehr aus der Hand geschossen hatte, wollte eben noch nach seinem Revolver greifen, aber nun ließ er es. Die beiden anderen, die ihre Pferde nun auch unter Kontrolle hatten, gehorchten auf der Stelle. Sie warfen ihre Gewehre beiseite, der eine zog auch noch seinen Revolver heraus, der andere hatte keinen. Der fünfte Mann beschäftigte sich noch immer mit seinem bockenden, tobenden Pferd.

Der Wagen des Doktors war von hier aus nicht mehr zu sehen. Ich hörte jedoch vom hinteren Teil der Schlucht her das Rattern der Wagenräder und das Klappern der Hufe.

„Wer, zum Teufel, bist du?“, rief Burns herauf.

„Auf alle Fälle jemand“, erwiderte ich ihm, „der es nicht zulässt, dass fünf Banditen über einen alten Mann herfallen.“

„Banditen?“, fragte Burns. „Zum Teufel noch mal, wir sind keine Banditen.“

„Ich habe genug gesehen. Ihr wolltet diesen alten Mann ausrauben, nicht wahr?“, fragte ich, obgleich ich es besser wusste.

Sollten sie ruhig glauben, dass ich nicht über ihre wirklichen Absichten im Bilde war. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich schon begriffen, um was es hier ging, im Gegenteil. Der Doktor war erst mal in der Klemme, und ich war nicht bestrebt, auf Biegen und Brechen ein paar Handvoll Salz in einen kleinen Teller Suppe zu schütten. Natürlich war mir klar, dass sie keine Banditen im eigentlichen Sinne waren, ehrbare Bürger wahrscheinlich, die noch stolz auf ihr Verhalten zu sein schienen.

„Verdammt, Mensch!“, rief Burns herauf, „wir sind doch keine Banditen. Wir wollten ihn auch nicht ausrauben, im Gegenteil. Wir sind hier, um ihn vor einer verdammten Dummheit zu bewahren. Aber durch deine Schuld wird er hineingeraten, und es wird ihm verdammt leid tun.“

„Ihr könnt mir eine Menge Märchen erzählen. Ich werde euch zum Sheriff in die nächste Stadt schaffen.“

Endlich war es dem fünften Mann gelungen, sein Pferd zu beruhigen. Überrascht sah er in die Runde und begriff, dass sich offenbar einiges gewandelt hatte. Auf meine Aufforderung hin zog er sein Gewehr aus dem Scabbard und warf auch seinen Colt weg.

Burns sah mich verdutzt an. „Was hast du da mit uns vor?“, wollte er wissen.

„Ich werde euch in die nächste Stadt bringen, zu einem Marshai oder Sheriff.“

Burns sah die anderen an. Die schienen vollkommen perplex zu sein über meinen Vorschlag, um schließlich in schallendes Gelächter auszubrechen.

Jetzt war ich nun doch verwirrt. Was, zum Teufel, veranlasste diese Kerle, so dreckig zu lachen? Dieser Burns sah mich herausfordernd an und grinste immer noch schief. Schließlich meinte er: „Die nächste Stadt ist Flathole. Dort gibt es einen Marshal. Hier, ich bin der Marshal.“

Er schob seine Jacke beiseite, und ich konnte auf der linken Hälfte seiner Weste den Stern sehen.

„Verdammt! Ein Marshal als Bandit!“, sagte ich, obgleich ich mir denken konnte, dass es ein ganz anderes Spiel war, das hier stattfand.

„Du Idiot! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass wir keine Banditen sind? Du hast zwar jetzt den längeren Arm, aber, zum Teufel, jetzt weißt du, dass ich ein Marshal bin.“

„Willst du damit sagen, der alte Mann auf dem Wagen wäre ein Bandit gewesen?“

„Nein, zum Teufel! Er war kein Bandit, das ist der Doktor von Flathole, und wir wollten ihn daran hindern, eine riesige Dummheit zu machen.“

„Eine Dummheit? Wieso? Muss man jemand mit dem Gewehr an einer Dummheit hindern?“

„Manchmal schon“, behauptete Burns. „Und jetzt komm runter, damit wir vernünftig miteinander reden können. Zum Teufel, wer bist du überhaupt da oben?“

„Du kannst Callahan zu mir sagen.“

Burns sah überrascht zu mir herauf. Dann pfiff er durch die Zähne. „Du bist Jed Callahan? Ich glaube, von dir habe ich schon gehört. Du bist einer von den Burschen, die ihre Kanonen vermieten, nicht wahr?“

Wer weiß, was die ihm erzählt hatten? dachte ich. Aber egal! Die Legenden verbreiten sich wie ein Präriebrand.

„Ich nehme an, dass du eine Menge Märchen gehört hast“, entgegnete ich. „Und außerdem habe ich keine Kanonen, sondern gerade eine, und mit der bin ich bis jetzt ganz gut zurechtgekommen. Wie du siehst, kann ich auch mit dem Gewehr umgehen. Ich möchte kein Risiko eingehen. Reitet ein Stück zur Seite von den Waffen weg, die am Boden liegen, und dann will ich mal sehen, was ich mit euch anfange.“

„Ist dir mein Stern noch nicht groß genug?“ Burns spie wütend aus und deutete dann wieder auf sein Marshalabzeichen. „Du hast ihn doch gesehen. Was willst du denn noch? Erklärt haben wir es dir auch.“

„Richtig. Ihr habt es mir erklärt. Aber ich glaube euch nicht. Wahrscheinlich seid ihr eine Bande von Spitzbuben, und wer sagt mir überhaupt, dass der Stern echt ist?“

„Nun hör aber auf!“ sagte einer der anderen. „Natürlich ist er echt. Er ist unser Marshal in Flathole.“

„Und ihr seid losgeritten. Und außerdem, ich habe vorhin etwas gehört von einem Mountreedy, dass ihr in seinem Auftrag handelt.“

„Natürlich“, erklärte dieser Marshal Burns. „Mountreedy ist der Richter in unserer Stadt. Ich handele in seinem Auftrag. Er ist nicht nur der Richter, er ist auch der größte Grundbesitzer, der mächtigste Mann im ganzen County. Mountreedy! Merke dir den Namen gut, Mann.“

„Ich will versuchen, es zu behalten“, erwiderte ich. „Trotzdem ist es besser, wenn ihr jetzt verschwindet. Nehmt eure Waffen und macht, dass ihr davonkommt. Und wehe dem, wenn einer die Mündung nach oben richtet!“

„Du bist ein Narr“, rief Burns herauf. „Sei vernünftig, Callahan. Komm herunter, und wir begraben die Sache. Du hast keinen von uns verletzt. Vielleicht bist du doch nicht der, für den wir dich halten.“

„Das werden wir sehen, ob ich der bin, für den ihr mich haltet. Nehmt euer Zeug und verschwindet!“

Ein paar Minuten später waren sie weggeritten. Ich hatte genug Zeit, meinem Pinto die Nägel seines Eisens nachzuziehen.

Als das geschehen war, fielen mir die Posttasche und der Stiefel wieder ein. Ich begann, weiterzusuchen. Vielleicht gab es da noch mehr Hinweise, möglicherweise Hinweise auf ein Verbrechen. Eigenartig, dass mir dauernd dies Gesicht von Burns vor Augen stand, als gäbe es zwischen ihm und der Postkutsche eine Verbindung, ein verrückter Gedanke ohne jeden Beweis.

 

*

 

Ich suchte das Plateau ab, sah hinter jeden Salbeistrauch, und darüber wurde es Abend. Ich fand allerdings nichts. So ritt ich dann die Serpentinen herunter in die Schlucht und zockelte langsam in Richtung Flathole. Ich hoffte, irgendwo auf Wasser zu stoßen und wollte dort lagern. Die Stadt mochte ich nicht mehr erreichen.

Aber ich musste noch fast eine Meile weit reiten, bis ich an ein Rinnsal geriet, das von den Bergen herunterlief und sich unten in einem Felsloch sammelte. Um an das Wasser zu kommen, musste ich hinunterklettern und es mit meinem Segeltucheimer heraufschleppen, damit mein Pinto saufen konnte.

Ich machte ein kaltes Lager, also ein Lager ohne Feuer, an einer geschützten Stelle, denn nachts wird es in dieser Gegend unangenehm kalt. Mein Pinto hatte hier nicht allzuviel zu fressen, deshalb brachte ich ihn in ein Seitental, wo wenigstens genug Gras wuchs, dass er seinen Hunger stillen konnte. Seine Maisration fiel knapp aus. Ich hatte kaum noch Futter und musste schon deshalb in eine Stadt reiten, um die Futtervorräte zu ergänzen.

Während ich unter einem überhängenden Felsen hockte, das Gewehr, wie meist in so einer Situation, griffbereit neben mir und in der hohlen Hand meine Zigarette rauchte, dachte ich an diesen Zwischenfall, dessen Zeuge ich geworden war. Ein kaltes Lager zu machen, entsprang weniger der Vorsicht als mehr meiner Faulheit. Ich hatte an diesem Abend ,keine Lust gehabt, lange Holz zu suchen, und war mit ein paar Schluck Wasser, die ich mit Brandy angereichert hatte, zufrieden. Dazu aß ich ein Stück Speck mit etwas Sauerteigbrot, das genügte mir völlig. Danach also die selbstgedrehte Zigarette, und ich rauchte sie in alter Vorsicht in der hohlen Hand.

Es war inzwischen Nacht, und man kann bei Nacht die Glut einer Zigarette eine gute halbe Meile weit sehen. Ich blickte empor zu den vielen Sternen am Himmel und lauschte dem Säuseln des Windes oben in den Felsen. Dieses Windgeräusch vermischte sich plötzlich mit Hufschlag. Er klang anders, als das hier in den Felsen der Fall sein musste.

Im ersten Augenblick glaubte ich, es wären womöglich die Hufe eines Indianermustangs, unbeschlagen nämlich, so dass kein Eisen auf dem Fels klirren konnte. Aber dann hielt ich diese Vermutung für falsch. Ein unbeschlagener Huf ruft ein anderes Geräusch hervor als das, was ich hören konnte. Und dann kam ich dahinter: Es waren normale beschlagene Hufe, die man mit etwas umwickelt hatte.

Als ich das erkannte, begriff ich auch, was ich daraus zu folgern hatte: Gefahr! signalisierte mein Hirn, und ich drückte sofort die Glut der Zigarette aus. Der Reiter musste ganz nahe sein. Umwickelte Hufe kann man erst dann hören, wenn sie nicht weit entfernt sind. Der Reiter musste sich in nächster Nähe befinden.

Lautlos langte ich nach meinem Gewehr, nahm es vor mir auf den Schoß und versuchte mit meinen Blicken, die Dunkelheit zu durchdringen.

Da! Das Herabpoltern eines Felsbrockens. In der Stille hörte sich das ungeheuer an. Doch dann lag der Brocken still und war irgendwo in der Talsohle zur Ruhe gekommen. Kein Hufschlag mehr!

Ich hörte Leder knarren, und zwar gar nicht weit halblinks von mir, ein Stück entfernt von der Stelle, wo ich das Wasser unten aus dem Felsloch geholt hatte. Will der Reiter ebenfalls Wasser holen? fragte ich mich.

Ich beugte mich tiefer, wollte gegen den etwas helleren Himmel sehen, ob da nicht ein Pferd war oder ein Mann.

Aber ich sah nichts. Dahinter befand sich eine Felswand, die ließ es nicht zu, dass ich die Umrisse eines Pferdes oder eines Mannes erkennen konnte.

Wieder knarrte Leder, dann das Schnauben eines Pferdes. Das war ungedämpft.

Nach meiner Schätzung musste das Pferd etwa zwanzig bis dreißig Meter entfernt sein, also sehr nahe. Und ich sah noch immer nichts.

Schritte knirschten im Schotter, dann klirrte eine Gebisskette, Leder knarrte, und plötzlich sah ich den Reiter mitsamt dem Pferd. Das Tier bewegte sich von links nach rechts an mir vorbei und gelangte vor einen Felseinschnitt, über dem der Nachthimmel war, so dass ich die Umrisse von Mann und Tier deutlich vor dem helleren Himmel sah.

Es war ein großes Pferd, und der Reiter schien relativ klein zu sein, klein und schlank. Aber ich konnte keine Einzelheiten erkennen. Alles war schwarz.

Plötzlich machte das Pferd eine Wendung in meine Richtung. Der Reiter kam direkt auf mich zu.

Ich hatte das Gewehr hoch, bereit, sofort abzudrücken, wenn mir Gefahr drohte. Ein Reiter, der die Hufe seines Pferdes umwickelt und dazu bei Nacht reitet, war bestimmt nicht unterwegs, um irgendwem Blumengrüße zu überbringen.

Aber dann geschah etwas Merkwürdiges. Der Reiter saß ab. Das Pferd blieb mit hängenden Zügeln stehen. Daran erkannte ich, dass der Reiter wieder zu dem Tier zurückkommen wollte. Im anderen Fall hätte er die Zügel hochgehängt, um dem Tier zu pfeifen und es nachkommen zu lassen.

Der Reiter war nicht sehr groß und wirkte sehr schlank, eigentlich noch schlanker, als ich vorhin festgestellt hatte. Die Schultern waren schmal. Seine Bewegungen, die ich deutlich wahrnehmen konnte, waren geschmeidig und graziös wie bei einer Katze. Der Vergleich mit der Katze drängte sich mir förmlich auf.

Keine fünf Schritt neben mir bewegte sich der Reiter genau in die Richtung, in der sich das Seitental befand, in dem mein Pferd stand.

Ich atmete mit offenem Mund, um keine Geräusche zu verursachen. Aber der Fremde war arglos. Unter seinen Tritten knirschte Geröll. Trotzdem war ich erstaunt, wie leise sich dieser Mann fortbewegte.

Ich fragte mich in diesem Augenblick, ob es richtig wäre, ihn bis zu dem Tal vordringen zu lassen. Dort musste er meinen Pinto bemerken, und niemand konnte voraussagen, wie es weitergehen würde. Vielleicht war es besser, wenn ich diesen auf leisen Sohlen schleichenden Fremden hier abfangen würde.

Noch konnte ich ihn sehen. War er erst einmal an mir vorbei, würde er vor dem dunklen Hintergrund des Felsens nicht mehr auszumachen sein. Damit war ich in der Hinterhand und er im Vorteil, weil er mich womöglich gegen den Himmel sehen konnte.

Als er mit mir auf gleicher Höhe war und ich ihn gerade noch sehen konnte, sagte ich in die Stille der Nacht hinein:

„Das ist weit genug!“

Ich sah, wie die Gestalt herumflog. Und dann schoss ich. Ich schoss in den Himmel, sah aber dabei in Richtung auf den Fremden.

Das Mündungsfeuer erhellte sekundenlang die ganze Umgebung wie ein Blitz. Da sah ich eine schwarze Gestalt, das Gesicht bis unter die Augen mit einem schwarzen Tuch vermummt, den Hut bis tief in die Stirn gezogen.

Die Augen waren weit aufgerissen vor Schreck. Es war eine schlanke, knabenhafte Figur, die in der schwarzen Kleidung steckte. Diese Kleidung, auch das erfasste ich noch, bevor es wieder dunkel wurde, war mexikanisch, ein Charro-Anzug wie ich meinte.

Ich wechselte in fliegender Hast meine Stellung, sobald es wieder dunkel war, und lauerte dann, den Revolver im Anschlag. Ein Maskierter, der die Hufe seines Pferdes umwickelt hatte, bedeutete wirklich nichts Gutes. Mexikaner also. Ich hatte noch nie im Leben etwas gegen Mexikaner gehabt, im Gegenteil. Irgendwie empfand ich Mitleid, Verständnis und auch Freundschaft zu diesem gequälten und seit Jahrhunderten in tiefster Armut lebenden Volk.

Mein Gegner, wenn er ein Mexikaner war, hatte jedenfalls für meine Gedankengänge wenig Verständnis. Jetzt flog er genau in die Richtung, wo ich eben noch gewesen war, sprang wie ein Puma durch die Luft.

Aber ich hatte ja die Stellung gewechselt. Ich warf mich nach links, prallte mit diesem Gegner zusammen, der sofort seine Hände in mein Gesicht stieß.

Dabei flog ihm der Hut vom Kopf, und ich packte ins Haar. Langes Haar war es. Mit einem Ruck riss ich seinen Kopf zurück, und sofort ließen seine Hände, die sich in meinem Hals und in meiner linken Wange verkrallt hatten, los. Ich erwischte sein rechtes Handgelenk und drehte es brutal um.

Ein Aufschrei des Schmerzes drang aus dem Mund meines Gegners.

In diesem Augenblick begriff ich, dass es kein Mann, sondern eine Frau war.

Ich ließ sofort los und platzte verblüfft heraus: „Hallo, kleine Katze! Warum denn so garstig?“

Aber sie griff sofort wieder an, kaum dass ich sie losgelassen hatte. Sie war wirklich wie eine Katze, die ihre Krallen zeigt.

Ich hatte Mühe, sie abzuwehren. Schließlich überkam mich die Wut, weil sie mir ihre scharfen Nägel durchs Gesicht zog, packte sie, wirbelte sie herum und schleuderte sie von mir weg. Sie stolperte, stürzte, schrie abermals auf und blieb dann liegen.

Ich riss ein Zündholz an, hielt es in der hohlen Hand und ging auf sie zu. Sie lag am Boden, aber keineswegs bewusstlos. Wie ein angeschossener, aber noch immer gefährlicher Puma lag sie da und sah mich aus großen Augen hasserfüllt an. Das Tuch, das sie vorher getragen hatte, war ihr von der unteren Gesichtshälfte gerutscht und hing ihr um den Hals. Was ich da im Schein des Streichholzes sah, war ein ebenmäßiges Gesicht, hübsch, wenn auch jetzt im Zorn verzerrt.

Rotes Haar umrahmte dieses Gesicht, in dem mich ganz besonders die Augen fesselten.

Meiner Schätzung nach konnte sie nicht älter als fünfundzwanzig Jahre sein. Wahrscheinlich aber war sie jünger.

Ich stemmte die Arme in die Hüften und blickte auf sie herab. Warum hasst sie mich? fragte ich mich und riss ein neues Streichholz an, weil das alte verlöscht war.

„Was spielst du hier für ein Spiel?“, wollte ich wissen.

Ich sah, dass sie einen Revolver trug. Aber er steckte an einer ungünstigen Stelle, und sie hätte eine Ewigkeit gebraucht, ihn aus dem Holster zu ziehen. Es war zudem ein ziemlich altmodisches Holster mit einem Verschlussriemen über der Waffe, den zu öffnen kostbare Zeit dauerte. Aber vielleicht, so sagte ich mir, ist es ganz gut so, denn eine Frau musste nach meiner Vorstellung nicht gerade einen Revolver besitzen.

Ich wusste noch nicht einmal, ob sie eine Mexikanerin oder eine Landsmännin von mir war, und so wiederholte ich meine Frage, was denn dieses Spiel sollte.

Ihr Gesicht wurde noch um eine Spur hasserfüllter, und schließlich antwortete sie mir mit einem mexikanischen Fluch, der einem Carretatreiber alle Ehre gemacht hätte.

Aus dem Mund einer Frau wirkte ein solcher Fluch ein wenig abstoßend. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mir nur auf diese Weise Härte demonstrieren wollte. Ich glaubte einfach nicht, dass es ihrem Wesen entsprach, mit solchen Flüchen um sich zu werfen.

„Steh auf!“ sagte ich. „Du kannst deine Sprüche auch im Stehen abwickeln. Ich tu dir nichts.“

Ich hatte spanisch gesprochen, und sie erwiderte in derselben Sprache.

„Du hast auf mich geschossen.“

Eine Mexikanerin also, dachte ich sofort, und dem Sprechen nach stammt sie aus besseren Kreisen. Trotz dieses Fluches von vorhin war das nicht die Sprache der einfachen Leute.

„Ich habe in die Luft geschossen, und du weißt es. Ich wollte bloß dein Gesicht sehen. Wer konnte ahnen, dass ich eine schöne Frau vor mir habe? Eine Katze, eine schöne gefährliche Katze! Steh auf, oder kannst du nicht?“

Sie erhob sich, verzog dabei das Gesicht, denn offenbar hatte ich sie sehr hart hingeschleudert.

„Ich heiße übrigens Jed Callahan“, sagte ich. „Nun komm, zier dich nicht. Steh auf! Wir werden ein Feuer machen und uns unterhalten. Ich habe nichts gegen dich. Ich wollte nur wissen, wer hier herumtappt, mitten in der Nacht, und wer mit einem Pferd kommt, dessen Hufe umwickelt sind. Wen suchst du denn?“

„Wer bist du wirklich?“, wollte sie wissen. „Du gehörst doch zu den Männern von Mountreedy.“

Sie sprach den Namen Mountreedy mit einem typisch mexikanischen Akzent aus.

„Ich gehöre nicht zu Mountreedy. Auf diesen Namen bin ich heute schon zweimal gestoßen, rein durch Zufall. Einmal habe ich einen Brief gefunden, der an ihn gerichtet war und neben einer Posttasche lag, die irgendwer verloren hat, oder die man irgendwem abnahm, und dann hatte ich heute das zweifelhafte Vergnügen, einem Doktor zu helfen, den ein paar Leute, die offensichtlich auch von diesem Mountreedy ausgeschickt waren, daran hindern sollten, zu irgendeinem Rancho zu fahren, wo eine schwerkranke Frau liegt.“

„Das bist du gewesen? Du hast den Doktor gerettet. Du hast diese Bande von Halsabschneidern und Mördern zurückgehalten? Das warst wirklich du?“

Was bedeutet ihr das? fragte ich mich, da sie auf einmal so aufgeregt mit mir sprach und gar nicht mehr so feindselig wie eben. Hing sie etwa mit dieser mexikanischen Familie zusammen?

Auf einmal kam mir die Erleuchtung. Ich glaubte jedenfalls des Rätsels Lösung gefunden zu haben. Wollten sich die Mexikaner rächen? Rächen an denen, die den Doktor abgehalten hatten? Aber wieso schickten sie dann eine Frau aus? Das entsprach nicht der mexikanischen Sitte, auf solche Unternehmungen Frauen zu schicken. Überhaupt war es schon eine ganz große Seltenheit, in Mexiko einmal eine Frau in Hosen zu sehen, und dieses Mädchen hier trug Hosen. Sie sah aus wie ein mexikanischer Haziendero in seinem Staats- und Prachtanzug.

„Ja, das bin ich gewesen, der den Doktor weiterfahren ließ.“

„Dann bist du ein Freund“, rief sie aufgeregt und kam auf mich zu. „Es tut mir leid, wenn ich dir weh getan habe. Was ist mit deinem Gesicht? Ich habe dich gekratzt.“

„Es brennt ein bisschen. Ich werde gleich Brandy drüber tun, und nichts wird sein, was für die Ewigkeit bleibt. Ich mache jetzt ein Feuer.“

„Nein, kein Feuer!“, wehrte sie ab. „Sie werden ganz sicher wiederkommen. Sie werden sich auf die Lauer legen, um dem Doktor auf dem Rückweg heimzuzahlen, dass er einer von uns geholfen hat.“

„Einer von euch? Wer bist du?“, fragte ich.

Sie zögerte. Dann sagte sie: „Du kannst mich Carmen nennen.“

„Carmen. Schöner Name. Davon gibt es in Mexiko Tausende, vielleicht Abertausende. Und wie noch?“

„Das spielt keine Rolle.“

„Sag es!“, verlangte ich. „Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich hatte Vertrauen zu dir, jetzt hab’ du welches zu mir.“

„Ich heiße Carmen Vargoz.“

Der Name sagte mir zunächst gar nichts. Auf die Idee, was wirklich dahintersteckte, kam ich erst viel später. Zu diesem Zeitpunkt war es irgendein Name, so wie Carmen ein häufiger Vorname war.

„Also gut“, entschied ich, „setzen wir uns zusammen in die Dunkelheit und warten ab, was kommen wird. Bring dein Pferd in ein Nebental. Es ist da hinten. Da habe ich meins auch stehen. Da vorne wird man es sehen.“

„Ich hatte geglaubt, sie wären vor mir da“, sagte sie. „Deswegen diese Vorsicht.“

„Du kannst doch nicht gegen vier oder fünf Männer vorgehen. Heute am Tag waren es fünf.“

„Ich weiß. Der Medico hat mir alles erzählt.“

Nun gut, dachte ich, wenn ihr der Arzt alles erzählt hatte, brauchte ich ihr nicht viel zu sagen. Aber er wusste von mir kaum etwas. Er konnte nur wissen, dass einer da gewesen war, der auf diese fünf geschossen hatte.

„Ich werde kämpfen“, erklärte sie hasserfüllt. „Es sind Bestien, es sind Mörder. Sie haben schon so viele von uns getötet, hinterhältig, gemein, wie sie sind. Sie wollen uns alle umbringen. Sie haben dieses ganze Land meinen Landsleuten gestohlen. Immer mehr wollen sie davon. Und nun wollen sie noch den Rest bis zur Grenze. Aber es ist unser Land. Seit Hunderten von Jahren ist es unser Land.“

„Es ist nicht euer Land. Es ist das Land der Indianer gewesen. Ihr habt es euch genauso geraubt, wie das nun die Yankees tun.“

„Die Gringos wollen alles haben von uns, alles.“ Sie begriff wohl, dass sie mich damit kränkte, und das wollte sie nicht. Sie legte ihre Hand auf meinen Unterarm und sagte leise: „Du bist anders. Du hast geholfen. Auch der Doc ist anders, euer Medico. Doktor Mosby wollte helfen, und er hat geholfen. Er hilft jedem, der in Not ist, ganz gleich, ob es ein Schwarzer, ein Mexikaner, einer von euch oder sonstwer ist.“

„Das hat er auch geschworen in seinem Eid des Hippokrates.“

„In welchem Eid?“, fragte sie.

„Jeder Arzt muss einen Eid schwören, einen Eid, dass er immer hilft nach bestem Wissen und Gewissen, wenn jemand in Not ist.“

„Ein Marshal muss auch einen Eid schwören“, sagte sie ernst, „und Burns hat so einen Eid geschworen.“

„Ich habe diesen Burns erlebt“, erklärte ich. „Aber ich weiß nicht genug von ihm. Erzähl mir von ihm. Was weißt du?“

„Er ist der Vormann von Mountreedy. Mountreedy ist der Richter, aber das ist er nur geworden, weil er die meiste Macht hat. Sie haben ihn zum Richter gewählt, denn sie sind alle von ihm abhängig. Er hat eine riesengroße Ranch. Die hat früher einmal Lopez de Goya gehört. Noch vor zehn Jahren besaß Lopez de Goya ein kleineres Anwesen, aber nun ist er das auch los. Lopez de Goya ist alt, vielleicht siebzig Jahre alt, niemand weiß es genau. Und er hockt verkommen und verloren in einer Höhle von Haus, das halb zerfallen ist. Er ist ein Trinker geworden. Mountreedy hat ihn dazu gemacht. Und so hat er ihm alles gestohlen, denn alles, was Mountreedy hat, war einmal der Besitz von Lopez de Goya. Und nacheinander hat er ihm alles abgenommen. Der alte Mann ist verkommen, ist völlig am Ende, ein Wrack, wirklich nur noch ein Säufer. Wir haben früher auf ihn gehofft. Auf ihn kann man nicht mehr hoffen.“

„Ich glaube nicht, dass deine Leute noch kommen, auf die du wartest. Wann will der Doktor zurückfahren?“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913361
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
callahan tochter zorrors

Autor

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Titel: Callahan #9: Die Tochter El Zorros