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Die Kriege der Galaxis: Zehn Science Fiction Abenteuer

2017 1000 Seiten

Leseprobe

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Die Kriege der Galaxis

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Von Alfred Bekker & Hendrik M. Bekker

Eine unendliche Galaxis, gewaltige Sternenreiche, unfassbare Intrigen und heraufdämmernder Krieg - darum geht es  in den  Science Fiction Abenteuern dieses Buches.

Dieses Buch enthält folgende Scince Fiction Abenteuer.:

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COMMANDER REILLY 1: Ferne Mission

Commander Reilly 2: Raumschiff Sternenkrieger im Einsatz

Eroberer der Galaxis Band 1: Jäger

Eroberer der Galaxis Band 2: Kosmische Beute

Eroberer der Galaxis Band 3: Angriff der Chadrana

Eroberer der Galaxis: Die Jarnaxa Teil 1

Eroberer der Galaxis: Die Jarnaxa Teil 2

Eroberer der Galaxis: Der Tod im Blut (Extra-Erzählung)

Eroberer der Galaxis: Die erste Mission der EURYTION

Eroberer der Galaxis Band 4: Die Entfesselung der Kriegshunde

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​  Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Titelbild: Steve Mayer mit Adelind/Pixabay

Diese Ausgabe entstand im Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Munsonius, Bärenklau.

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Commander Reilly #1: Ferne Mission

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  Chronik der Sternenkrieger

Science Fiction Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit  wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

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in chronologischer Reihenfolge

Einzelfolgen:

Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)

Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz

Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland

Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis

Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen

Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen

Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg

Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd

Commander Reilly 9: IN VORBEREITUNG

Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)

Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)

Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)

Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke  (Handlungszeit 2250)

Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde 

Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp

Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium

Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg

Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten

Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet

Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer

Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash

Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast

Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha

Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch

Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance

Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten

Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen

Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt

Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion

Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf

Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung

Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff

Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter

Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne

Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos

Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer

Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich

Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe

Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter

Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen

Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy

Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix

Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt

Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne

Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle

Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)

Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer

Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)

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SAMMELBÄNDE:

Sammelband 1: Captain und Commander

Sammelband 2: Raumgefechte

Sammelband 3: Ferne Galaxis

Sammelband 4: Kosmischer Feind

Sammelband 5: Der Etnord-Krieg

Sammelband 6: Götter und Gegner

Sammelband 7: Schlächter des Alls

Sammelband 8: Verlorene Götter

Sammelband 9: Galaktischer Ruf

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SONDERAUSGABEN:

Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und

Chronik der Sternenkrieger #1-4)

Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)

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DRUCKAUSGABE (AUCH als E-Book):

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)

Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.

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​  Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Kapitel 1: Am Anfang des Weges

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Nichts hatte ihn je so so fasziniert wie die Sterne.

Die Sterne und die Unendlichkeit des Raums.

Unendlich viele Welten.

Nur einen verschwindend geringen Bruchteil davon würde er er je besuchen können.

Aber allein dieser winzige Bruchteil war es wert, zu den Sternen zu fliegen.

Es sollte sein Traum werden.

Und sein Leben.

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1

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“Eines Tages werde ich der Kommandant seines Raumschiffs sein”, sagte der Junge. “Eines Tages...”

“Natürlich wirst du das”, sagte sein Vater. “Denn eines Tages wirst du die Flotte der Reilly-Raumflotte erben. Unsere Schiffe fliegen bis in den hintersten Winkel der Humanen Welten. Und darüber hinaus.”

“Auch ins Niemandsland?”

“Auch ins Niemandsland.”

“Und in das Reich der K’aradan?”

“Auch in das Reich der K’aradan.”

“Auch über das K’aradan-Reich hinaus?”

“Das K’aradan-Reich ist riesig, mein Junge.”

“Wie riesig?”

“Es durchmisst über 1000 Lichtjahre.”

“Dann ist überhaupt noch niemand bis auf die andere Seite des K’aradan-Reichs gekommen?”

“Zumindest kein Mensch.”

“Vielleicht einer von den Saurier-Aliens?”

“Die Saurier-Aliens heißen Fulirr.”

“Meinst du, ein Raumschiff der Fulirr ist schon bis auf die andere Seite des K’aradan-Reichs gekommen?”

“Das weiß ich nicht. Aber im Moment dürfte wohl kein Fulirr-Schiff bis dorthin kommen.”

“Warum nicht?”

“Weil die K’aradan mit den Fulirr im Krieg sind und sie nicht durch ihr Raumgebiet lassen werden.”

Der Name des kleinen Jungen war Willard.

Willard J. Reilly.

Willard und sein Vater standen an der transparenten Fieberglas-Wand der Reilly-Terminal-Raumstation im Erdorbit. Man konnte ins All hinaus sehen. Der Mond war beeindruckend nahe.

Willard hatte sich etwas vorgenommen.

“Ich werde eines Tages Kommandant eines Raumschiffs”, sagte er noch einmal.

“Natürlich wirst du das”, wiederholte sein Vater.

“Aber ich meine damit kein Reilly-Schiff. Keinen Handelsraumer und keinen Passagier-Transporter und auch keinen Frachter.”

“Ach, nein?”

“Ich will Commander eines Kriegsschiffs beim Space Army Corps werden.”

“Warum das denn?”

“Damit die Planeten sicher sind und man ohne Gefahr zu allen Systemen reisen kann, die zu den Humanen Welten gehören.”

Sein Vater schwieg einen Moment.

“Das sehen wir noch”, sagte er.

“Nein, das ist es, was ich will! Ich bin entschlossen dazu, später mal auf die Space Army Corps Academy auf Ganymed zu gehen!”

Sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter.

“Du hast etwas Schlimmes erlebt. Und deshalb bist du jetzt entschlossen, ein Sternenkrieger zu werden.”

“Das wird sich nicht mehr ändern. Tut mir leid, aber dann wird eben irgendwann mein Bruder die Reilly-Raumflotte leiten müssen.”

“Dein Bruder, Willard, wird das niemals tun.”

“Und warum nicht?”

“Weil er...- anders ist.”

“Anders als ich?”

“Anders als die meisten Menschen.”

“Vielleicht bin ich auch anders”, sagte der Junge. “Anders als du denkst.”

“Hör zu, irgendwann wirst du erkennen, dass es unsinnig ist, in eine andere Flotte einzutreten, wenn man seine eigene Flotte befehligen kann.”

“Glaubst du?”

“Ja.”

Sie schwiegen einen Moment.

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​  Kapitel 2: EIN KIND DER GÖTTER

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Viele irdische Jahre später...

Auf einer anderen Welt.

Weit entfernt vom Sol-System, dem Zentrum des Bundes der  Humanen Welten.

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Der Flussbezwinger.

So nannte man dich, aber man hat dir den Namen genommen und du unterliegst dem Fluch der Götter des Eisvulkans, wenn du ihn, entgegen dem Willen deines Stammes, weiter benutzt...

Die Gestalt blieb stehen, stand in dem etwa minus hundert Grad Celsius kalten Wind. Handgroße Methantropfen regneten aus einem schmutzig-braunen Himmel. Sie fielen langsam. Die dichte, vorwiegend aus Stickstoff und Schwefelverbindungen bestehende Atmosphäre sorgte für diesen sehr langsamen Regen. Die Schwerkraft von gerade 0,6 g tat ein Übriges dazu.

Die großen Tropfen zerplatzten, wenn sie den aus schmutzigem, steinhartem Eis bestehenden Boden berührten.  Rinnsale von flüssigem Methan sammelten sich zu kleinen, sich wieder verzweigenden Bächen, die durch das unwirtliche Eisrelief mäanderten. Ein Teil des Methans versickerte in den Eisspalten. Ein anderer Teil würde sich zu immer größeren Rinnsälen und Bächen sammeln, die zu wahren Strömen zusammenfanden, welche sich am Ende wiederum in das glitzernde Meer ergossen, das am Horizont wie ein funkelndes Band aufschien.

Dein Weg ist jetzt nicht mehr weit!, dachte das zottelige, mit insgesamt sechs Extremitäten ausgestattete Wesen. Dein Hunger wird ein Ende haben, wenn du das Ufer erreichst... Die Zeit ist günstig.

Ein Arm schnellte vor und fing einen der langsam herabsinkenden Methantropfen auf, der irgendwo weit über ihm in einem braun-grauen Wolkengebirge kondensiert sein musste. Aber das alles waren Dinge, über die dieses Wesen nicht Bescheid wusste, die es nicht einmal für natürliche Prozesse hielt, sondern für Gnadenerweise des Großen Wolkenspeiers, wie der Oberste unter den Göttern genannt wurde, die oben auf den unglaublich hohen Gipfeln der Eisvulkane residierten und den Sterblichen die Gesetze gegeben hatten.

Gesetze, gegen die du verstoßen hast, du Unglücklicher!

Der Whuuorr spürte einen angenehmen Reiz der Nervenendungen auf der Innenfläche jener achtfingrigen Riesenhand, mit der er den Methantropfen gefangen hatte. Der Tropfen zerplatzte. Der Großteil dessen, was auf seiner Handfläche gelandet war, spritzte einfach weg, teilte sich in winzig kleine Tropfen.

Aber in der Höhlung in der Mitte der Handinnenfläche blieb genug von diesem kostbaren Nass übrig, um es einer der beiden Öffnungen zur Aufnahme von Nahrung zuzuführen.

Ein Whuuorr-Junges bekam schon von klein auf beigebracht, wie man Tropfen fing, denn das aus den schmutzigen Wolkengebirgen herausregnende Methan schmeckte einfach anders als die Flüssigkeit, die man vom Boden aufnehmen konnte. Manchmal war das Methan in einigen Seen mit wenig Flüssigkeitsaustausch so giftig, dass man es nicht trinken konnte. Mit den Tropfen, die vom Himmel fielen, passierte dies nie.

Der Whuuorr sog die Flüssigkeit begierig durch seine zweite Essöffnung in sich hinein und stieß dabei ein wohliges Knurren aus.

Das ist gut, dachte er. Wirklich gut... Der Weg hier her war so lang und einsam... Da war es dringend nötig, wieder etwas zu trinken!

Der Whuuorr war drei Meter hoch, hatte ein kräftiges und  ein zartes Paar Arme, deren achtfingrige Greifhände mit langen Krallen bewehrt waren, die sich allerdings auch einfahren ließen. Die Beine waren verhältnismäßig kurz und mit sehr großen Füßen ausgestattet, die auch auf glatten Eisflächen einen sicheren Stand ermöglichten.

Von Kopf bis Fuß war der Whuuorr mit einem dichten, zotteligen Fell bedeckt, das auch die beiden Mundöffnungen mit den Beißwerkzeugen überwucherte. Nur die großen dunklen Augen blieben frei. Zwei befanden sich in tiefen Höhlen an den Seiten. Ein Drittes wuchs am Ende eines Fortsatzes, der oben auf der Schädeldecke seinen Ausgangspunkt hatte und sich in alle Richtungen schwenken ließ. Der Whuuorr konnte daher den Blick wenden, ohne unbedingt den großen Kopf drehen zu müssen.

Flussbezwinger hatte man ihn genannt, weil kein anderer Whuuorr seines Stammes in der Lage gewesen war, so breite Flüsse zu überqueren wie er. Dazu benutzte er die lange Gräte eines Riesenflossers, die er mit seinen beiden linken Greifhänden fest umklammert hielt. Der Whuuorr, der früher von seinem Stamm Flussbezwinger genannt worden war, benutzte diese Riesenflosser-Gräte auch als Waffe. Entweder gegen kriegerische Artgenossen oder gegen unerbittliche Räuber, auf deren Speiseplan durchaus auch ein Whuuorr zu finden sein konnte. Die Eiswürmer zum Beispiel, die sich tiefe Tunnel in das steinhart gefrorene und zu bizarren Formen vor Äonen erstarrte Eis bohrten, um dann urplötzlich an die Oberfläche zu stoßen, wenn sie glaubten, dass sich dort gerade etwas befand, was ihre Verdauungsorgane zu verarbeiten vermochten.

Du hattest einen Namen und wenn es auch ein Frevel sein mag, deinen alten weiter zu benutzen und von dir selbst als Flussbezwinger zu sprechen, so kann es doch kein Unrecht sein, wenn du dir selbst einen Namen machst.

Klar und eindeutig stand dieser Gedanke im Bewusstsein des Whuuorr.

Das erschreckte ihn im ersten Moment, denn bislang hatte er es sich strikt verboten, über diese Möglichkeit auch nur nachzudenken.

Wenn du die Gesetze der Vulkangötter brichst, wirst du alles verlieren, was deine Seele ausmacht!, so erinnerte sich der Whuuorr an den Text einer Überlieferung, die unter seinem Volk von Generation zu Generation weitergeben worden war.

Dein Selbst wird verschwinden, denn ohne die Gemeinschaft bist du nichts als ein namenloser, zum Untergang verurteilter Schatten!, so ging der Text weiter, den der Schamane seines Stammes immer und immer wieder rezitiert hatte. So oft, dass der Whuuorr jedes Wort davon nicht nur auswendig kannte, sondern tatsächlich verinnerlicht hatte.

Das zottelige Wesen hob drei Fäuste, während es den Riesenflosser-Grätenspeer lediglich mit der zarten Hand auf die linke Seite nahm.

Drei Fäuste richtete das Wesen gen Himmel und stieß einen tiefen, grollenden Laut aus, der sich mit dem Donner vermischte, der jetzt aus den schmutzigbraunen Wolkengebilden hervordrang und beinahe wie eine Antwort auf sein Ansinnen wirkte. Ein Ansinnen, das jeder Whuuorr-Schamane als Blasphemie empfinde musste.

„So hört denn, ihr Götter!“, schrie das Wesen in einer Sprache, die vor allem aus dunklen, grollenden Kehllauten zu bestehen schien, die abwechselnd ein- und zweistimmig aus den beiden Schlünden des Whuuorr hervorgebracht wurden. „Hört, was euch derjenige zu sagen hat, den sein Stamm und seine Sippe einst den Flussbezwinger, Sohn des Flussbezwingers und Sohnessohn eines weiteren Flussbezwingers nannte! Obwohl mir bitteres Unrecht geschah, werde ich die Gerechtigkeit der Götter akzeptieren. Wer weiß schon, wozu sie gut sein mag! So werde ich auch den Namen, den mein Stamm mir einst übereignete und den ich mir durch Taten verdiente, wie es unser Brauch ist, nicht länger tragen. Denn den Zorn der Götter will ich nicht erregen – aber ein namenloser Schatten will ich auch nicht sein!“

Ein Augenblick des Schweigens folgte. Einige Höhensegler kreisten über der Uferzone des Meeres. Ihre schrillen Laute waren unüberhörbar. Sie essen das, was für dich, namenlosen Narren, bestimmt ist!, wurde es dem Whuuorr klar.

„Nennt mich den Alleinigen!“, rief der Whuuorr und reckte wütend den Riesenflosser-Grätenspeer empor. „Nennt mich von nun an den Alleinigen, denn allein auf mich gestellt bin ich, weil mein Stamm mich verflucht hat!“

Sich selbst einen Namen geben...

Warum nicht?

Eigentlich war es das Vorrecht des Schamanen, dies zu tun. Aber wenn er allein auf sich gestellt überleben wollte, musste er sei eigener Schamane und sein eigener Jagdgefährte sein. Ein Schauder erfasste ihn. Was konnte er fürchten? Den Zorn des Großen Wolkenspeiers?

Vielleicht.

Worauf wartest du? Auf eine Antwort der Götter? Aber sie schweigen. Wie aber ist ihr Schweigen zu bewerten? Als stillschweigende Zustimmung? Als ein Gewähren lassen? Oder als Ausdrucks des Zorns... Nein, es ist vielleicht eher Verachtung, was da zum Ausdruck kommt. Du bist eine Antwort nicht wert. Nicht einmal eines Blitzes, der dich erschlägt, hielten der Große Wolkenspeier und seine Götterkameraden dich für würdig. Aber warum solltest du sie nicht auf die Probe stellen? Warum nicht die Götter versuchen, auch wenn es die Überlieferung verbietet? Du kannst nichts mehr verlieren. Alles, was du zu gewinnen vermagst, ist eine Erlösung von der Qual – jener speziellen Art der Qual, die eigens für dich, der du dich jetzt den Alleinigen nennst, geschaffen wurde.

Der Alleinige wandte sich gen Osten, wo der Blaue Riese aufging. Er würde zwei Drittel des Himmels ausfüllen und für Licht sorgen. Gleichzeitig ging im Westen der Rote Riese unter. Dunkelheit gab es auf dieser Welt nicht. Allenfalls eine kurze Phase der Dämmerung, in der dann die Monde und ein paar Sterne zu sehen waren, bevor deren Licht von einem der beiden Riesen überstrahlt wurde.

Gegen das Licht des aufgehenden Blauen Riesen hob sich ein gewaltiger Vulkankrater ab.

Das war der Große Wolkenspeier – für die Whuuorr mehr als nur ein hoher Berg, dessen Gipfel zumeist durch einen Kranz von Methanwolken verhängt wurde.

„Wenn das, was ich tue, Frevel ist, dann zeig es mir, Großer Wolkenspeier, und vernichte mich! Du hast die Macht dazu!“

Seine Worte verhallten.

Der Alleinige wandte sich wieder in Richtung des Meeres.

Was geschehen soll, geschieht, dachte er. Wie hatte der Schamane immer gesagt? Deine Geschichte ist schon erzählt... Ja, so musste es wohl sein.

Vorsichtig setzte er einen der großen, achtzehigen und notfalls sogar greiffähigen Füße vor den anderen.

Aus der Ferne war das leise Rauschen des Meeres zu hören.

Die Götter können nicht gegen mich sein. Sonst hätten sie mich zweifellos vernichtet.

Die Anspannung verflog langsam.

Der aus seiner Schädeldecke hervor wachsende Augenfortsatz schwenkte etwas herum und sondierte den Horizont. Ein erfahrener Sammler wandte sich immer dorthin, wo die meisten Höhensegler am Himmel zu sehen waren.

Die beiden Monde standen am Himmel. Sie bewegten sich am Firmament, schwebten dahin wie riesige Kugelwolken. Der blaue Mond schimmerte sehr viel deutlicher durch die Wolkendecke hindurch als der etwas kleinere und unregelmäßige zweite Trabant, der eine schmutzig-braune Farbe hatte und sich damit kaum von den Wolken abhob.

Die Monde zogen das Meer mit sich. Dieses Phänomen war auch den Whuuorr bekannt.

Es war Flut kam.

Und das bedeutet, dass ich mich beeilen muss, wenn ich heute noch etwas zu essen bekommen will!,  meldete sich eine eher praktisch veranlagte Stimme in ihm.

Der Whuuorr spürte schon eine ganze Weile die untrüglichen Zeichen, die ihm signalisierten, dass er Hunger hatte. Ein schmerzhaftes Drücken war in seinem Brustkorb zu spüren.

Schnell muss es jetzt gehen. Sehr schnell. Sonst hat die Flut alles überdeckt...

Bei Flut am Meeresufer auf Nahrungssuche zu gehen war nicht ungefährlich.

Wenn sich Priele bildeten, die einem den Rückweg abschnitten, war man verloren.

Der Alleinige hatte das während seiner bisherigen Lebensspanne bereits bei mehr als einem Dutzend Stammesgenossen erlebt.

Normalerweise wurden immer einige Stammesmitglieder dazu abgestellt, das Meer zu beobachten und darauf zu achten, dass den Sammlern der Weg nicht abgeschnitten wurde.

Du wirst nur auf dich selbst achten können – oder die Götter, die du so verflucht hast, tun es, weil sie dich für ein amüsantes Spielzeug halten oder aus noch düsteren Motiven...

Der Alleinige fing sich noch ein paar Methantropfen aus der Luft und saugte sie förmlich in sich hinein. Dann setzte er zu einer Art Spurt an.

Die großen Füße waren sehr trittsicher. Die krummen, sehr stämmigen O-Beine entwickelten einen erstaunlich eleganten Laufstil. Mit großen Sätzen bewegte sich der Alleinige auf die sich nähernde Küstenlinie zu. Das Rauschen des Meeres wurde immer lauter. Es betäubte schließlich die Ohren. In unmittelbarer Ufernähe war eine Verständigung innerhalb eines Sammlertrupps nicht mehr auf akustischem Weg möglich. Es blieb nur die Möglichkeit, sich gegenseitig Zeichen zu geben. Aber da bei den Whuuorr allein drei Augen vollkommen unabhängig voneinander agieren konnten, bestand stets die Möglichkeit, eins von ihnen zur Beobachtung des Zeichengebers abzustellen.

Auf welche Zeichen wirst du jetzt achten? Auf die der Götter? Verlass dich nicht auf sie. Du kannst dich nur auf deine eigenen Fähigkeiten verlassen, denn du bist der Alleinige....

Ihm war bewusst, dass er in allem umdenken musste.

Wie oft hatte er den Schamanen und andere, ältere Mitglieder des Stammes sagen hören, dass ein auf sich allein gestelltes Überleben in der Wildnis vollkommen unmöglich war.

Während seines bisherigen Lebens hatte es der Alleinige insgesamt dreimal erlebt, dass ein Mitglied des Stammes wegen der Verletzung eines oder mehrerer Gesetze aus dem Stamm ausgeschlossen, seines Namens beraubt, verflucht und für immer verbannt wurde.

Die meisten derer, denen dieses Schicksal widerfahren war, hatte der Stamm später auf seinen Wanderungen gefunden. Die Kälte hatte sie zu steinharten Skulpturen des Todes erstarren lassen. Zu Sinnbildern der Verfehlung und der Sünde, die dann den jüngeren Stammesmitgliedern vom Schamanen stets als warnende Beispiel vorgehalten wurden.

Wer Zwietracht in den Stamm hineinträgt, der wird so enden!, hatte der Alleinige die Worte des Schamanen noch gut in Erinnerung.

Jetzt hallten sie immer dutzendfach in seinem Kopf wieder und ergaben mit ungezählten weiteren Erinnerungen ein buntes Kaleidoskop. Einen chaotischen Chor von Stimmen, kombiniert mit Bildern, Szenen, Eindrücken...

Nie zuvor hatte der Alleinige das Gefühl gehabt, derart intensiv zu leben und zu empfinden. Jede Nervenfaser seines Körpers schien extrem überreizt zu sein.

Du wirst dich an diesen Zustand gewöhnen, glaubte er.

Zumindest hoffte er es.

Die Monde verschwanden am Himmel, als der Blaue Riese zur Hälfte aufgegangen war und den gesamten östlichen Horizont wie eine gewaltige, leuchtende Kuppel überspannte. Für Stunden würde jetzt das Licht des Blauen Riesen, jenes der Monde dermaßen überstrahlen, dass diese nicht zu sehen waren. Allenfalls an sehr diesigen, Wolken verhangenen Tagen konnte man die Umrisse der beiden Monde als grauweiße Konturen dann trotzdem noch am Himmel ausmachen. Aber jetzt hellte sich das Wetter auf.

Die Wetterwechsel an der Küste des großen Binnenmeeres waren sehr heftig.

Der Alleinige hatte inzwischen die eigentliche Uferzone erreicht. Flüssiges Methan wurde durch den enormen Druck der gewaltigen Flüssigkeitsmasse durch die Spalten und Ritzen im Eis hindurch getrieben und quoll überall aus der Oberfläche heraus.

Die Uferzone war oft ein Zwitter zwischen Land und Meer. Aber genau deswegen gab es hier so viel zu finden. Manchmal ließ die Flut sogar einen Riesenflosser zurück, der nicht schnell genug in tiefere Gewässer zurückgekehrt war und sich dadurch in Sicherheit gebracht hatte.

Die Tiere waren so groß, dass ihr eigenes Gewicht sie erdrückte, wenn sie nicht in einem Bad aus Methan schwimmen konnten. Sie verendeten elendig oder wurden von Whuuorr-Sammlergruppen getötet.

Aber auch kleinere Lebensformen waren auf dem steinharten Eis zurückgeblieben, versuchten, in kleineren Pfützen zu überleben, bis die Flut zurückkehrte und sie wieder in das Meer hineinholte.

Aber die Whuuorr waren nicht die einzigen, denen die Gezeiten der Binnenmeere als Nahrungslieferant dienten. Die Höhensegler – Organismen, die in der schweren, sehr dichten Atomsphäre ihre gewaltigen, bis zu drei oder vier Meter messenden Flügel entfalteten und auf ihnen so sanft dahin glitten, als würden sie sich nicht innerhalb einer Gas- sondern einer Flüssigkeitsmasse bewegen, waren die schlimmsten Konkurrenten.

Normalerweise gingen sie einer Gruppe von Whuuorr aus dem Weg. Aber bei einem einzelnen Exemplar dieser Spezis war das anders. Da rechneten sie sich Chancen aus und waren keineswegs bereit auf ihre anvisierte Beute zu verzichten. Vor allem dann nicht, wenn es um größere Brocken ging.

Eine Gruppe von ihnen kreiste über einer verendeten  Methanqualle. Sie hackten mit ihren schnabelähnlichen Beißwerkzeugen Stücke aus dem hart gefrorenen Kadaver und balgten sich anschließend in der Luft darum. Regelrechte Luftkämpfe fanden da statt.

Der Alleinige fasste die Riesenflosser-Gräte mit allen vier Händen an einem Ende und schlug damit um sich. Einen der Höhensegler erwischte er. Die anderen stoben davon und versuchten dabei die Beutestücke in ihren Greifschnäbeln zu retten.

Einige kamen zurück, setzten im Sinkflug zum Angriff an - sie stürzten sich auf den Alleinigen, doch dieser war erfahren in solchen Kämpfen.

Mit einer Gewandtheit, die kein unabhängiger Beobachter einem Wesen mit einem so kompakten Körperbau zugetraut hätte, wandte er sich herum und ließ die Riesenflosser-Gräte erneut durch die Luft sausen. Aber diesmal stieß er mit ihr blitzschnell vor.

Einen der unerbittlichen Lufträuber erwischte er. Der Höhensegler fiel zu Boden.

Eine grünliche Flüssigkeit rann dort aus seinem Körper heraus, wo die Spitze der Riesenflosser-Gräte ihn schlimm verletzt hatte.

In die Luft steigen konnte er nicht mehr. Die Flugmembran war gerissen. Selbst bei dem durch die dichte Atmosphäre in Kombination mit der geringen Schwerkraft bedingten hohen Auftrieb war es so unmöglich für ihn, sich in diesem Zustand wieder vom Boden zu erheben.

Der Alleinige nutzte dies.

Er stieß noch einmal zu und der Höhensegler hauchte sein Leben aus. Auch seinen Kadaver würde der Whuuorr für sich beanspruchen. So kann ich sogar einen kleinen Vorrat anlegen!, durchzuckte es ihn und er fühlte, wie eine Welle von Glücksempfindungen seinen Körper wie einen angenehmen Schauder durchrasten.

All die Geschichten, die angeblich belegten, dass es unmöglich war, als ein auf sich allein gestellter Jäger und Sammler zu überleben, erschienen dem Alleinigen im Augenblick so vollkommen wirklichkeitsfremd.

Niemandes Geschichte ist schon geschrieben!, glaubte er jetzt. Auch meine nicht!

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Die Höhensegler erkannten die Gefahr. Sie zogen sich zurück. In dem wütend um sich schlagenden Whuuorr hatten sie ihren Meister gefunden. Nochmals wollte keiner der Höhensegler riskieren, mit der Gräte des Riesenflossers aufgespießt zu werden.

Die flugfähigen Räuber hielten sich also in gebührender Entfernung. Manche hockten auf Eisblöcken, die von einer früheren Flut, weit auf das Festland gerissen worden waren.

Der Alleinige machte sich jetzt daran, die Beute zu sichern und transportfähig zu machen.

Er musste sich beeilen, denn schon hatte sich die herannahende Flut bedrohlich genähert. Hinter ihm war ein Priel entstanden, das sich in einer Bodenvertiefung gebildet hatte und immer mehr füllte.

Solange ich es noch mit meiner Beute über der Schulter durchwaten kann, ist alles gut, machte sich der Alleinige nun neuen Mut.

Er hatte sein Bündel gerade geschnallt und sich sowohl den toten Höhensegler, als auch den Großteil der restlichen Beute über den Rücken gehängt und wollte aufbrechen, zum sich aus der Küstenzone heraus in Sicherheit zu bringen.

Es war nicht das erste Mal, dass er bei einer Jagdsituation volles Risiko gegangen war – denn die Höhensegler waren zweifellos stärker, als ein vereinzelter Whuuorr.

Aber in der Vergangenheit hatte er dies für den Stamm getan – jenen Stamm, der im so übel mitgespielt hatte. Jetzt tat er es für sich allein. Ausschließlich. Ein sehr eigenartiges Gefühl, dachte er.

Noch hatte er seine neue Situation nicht wirklich bis in die letzte Konsequenz bedacht.

Aber das würde die Zeit zweifellos mit sich bringen.

Der Alleinige wollte gerade losstapfen und überlegte, welchen Weg er zu gehen hatte, um zu verhindern, dass er durch allzu tiefes Wasser gehen musste, wo er seine Beute vielleicht wieder verlor, wenn die Umstände ungünstig waren.

Aber zunächst stutzte er.

Am Himmel war deutlich zu sehen, wie ein völlig unbekannter Gegenstand im Sinkflug dem Boden zustrebte. Alle drei Augen des Whuuorr waren auf diesen Gegenstand gerichtet, der die Form eines lang gezogenen Quaders hatte.

Der Alleinige hatte noch nie in seinem Leben etwas gesehen, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit diesem Ding gehabt hätte.

Was mag das sein? Ein Zeichen der Götter? Jenes Zeichen, auf das ich vorhin so sehnsüchtig gewartet hatte? Das konnte gut sein.

Gerade der große Wolkenspeier pflegte häufiger dadurch mit den Sterblichen zu kommunizieren, indem er bizarr geformte Brocken aus seinem riesenhaften Schlund hinabschleuderte. Nein, das ist für dich!, war der Alleinige plötzlich zutiefst überzeugt. Alles andere hätte ihn stark gewundert.

Seine Schritte beschleunigten sich. Er sah das herabfallende Ding irgendwo zu Boden gehen. Du wirst es dir auf jeden Fall ansehen!, nahm er sich vor.

Der Alleinige durchwatete einen Priel, in dem das flüssige Methan bereits hüfthoch stand.

Als es noch tiefer wurde, musste er einsehen, dass es hier für ihn nicht weiterging. So war er gezwungen, den Priel zu verlassen, wieder auf festen Grund zu gehen und einen Umweg zu machen. Er fluchte leise vor sich hin, während seine ungehaltenen Worte allerdings durch das ohrenbetäubende Meeresrauschen der ganz normalen Brandung verschluckt wurden.

Es dauerte lange, bis der Alleinige endlich einen Weg auf festes, außerhalb der Überflutungszone gelegenes Terrain gefunden hatte. Der Boden bestand hier aus schmutzigem Eis, das sich teilweise Meterdick um kleinere Brocken reinen Gesteins gelegt hatten.

Der Alleinige konnte es kaum erwarten, das vom Himmel gefallene Ding zu beobachten, mit ihm Experimente anzustellen und so weiter.

Die Neugier war in ihm erwacht.

Er nahm sein Bündel, aß unterwegs ein bisschen des Fleisches, das er erbeutet hatte und fand schließlich die Absturzstelle.

Auch die Höhensegler schienen dieses Ding im ersten Moment für eine lohnende Beute gehalten zu haben. Inzwischen schienen sie zu einer anderen Beurteilung gelangt zu sein, denn sie beobachteten das Geschehen jetzt nur noch aus sicherer Entfernung.

Der Alleinige legte seine Beute auf dem Boden ab und fasste die Riesenflosser-Gräte mit beiden Händen beider Extremitätenpaare, die zum greifen geeignet waren. Falls dieses Etwas ihn anzugreifen versuchte, war er vorbereitet.

Niemand sollte dies tun, dachte er. Zumindest nicht ungestraft.

Sehr zögernd und ständig bereit, die Spitze des Grätenspeers dem fremden Gegenstand – oder dem Wesen, so genau wusste er das noch nicht – in die metallisch glänzende Oberfläche hineinzustoßen.

Mit welchem Erfolg auch immer.

Als der Whuuorr noch näher herankam, sah er, dass sich auf der Oberseite des Quaders offenbar eine Öffnung befand.

Der Alleinige stellte fest, dass diese Öffnung von einem transparenten, aber sehr harten Material bedeckt war.

Darunter war das Gesicht eines Wesens zu erkennen, das einer erstaunlich schlecht ausgestatteten Rasse angehörte. Der Alleinige wunderte sich zum Beispiel darüber, dass das Wesen im Quader lediglich zwei Augen besaß.

Der Kopf selbst war – abgesehen von einem Haarkranz in Ohrenhöhe und einer kleinen, genauestens gestutzten Haaransammlung rund um die Essöffnung und die Kinnpartie herum - nackt.

Was für hässliche Gesichter die Kinder der Götter doch haben!, dachte er und schämte sich sogleich für die Blasphemie, die in diesem Gedanken steckte.

Ein wohliger Schauder erfasste ihn, als ihm ein ganz anderer Gedanke kam. Vielleicht wollen die Götter, dass ich mich um dieses Kind kümmere.

Der Sehfortsatz des Whuuorr drehte sich in Richtung des nahen Vulkans. Einen kurzen Moment zögerte er noch, dann beugte er sich nieder und berührte mit dem Kopf den Boden.

„Ich habe nicht glauben wollen und wurde eines besseren belehrt!“, stieß er hervor.

Tiefe Dankbarkeit erfüllte ihn.

Er würde sich um dieses Kind der Götter kümmern. Und niemand sollte es wagen, es anzugreifen oder gar für den eigenen Speiseplan zu verplanen!

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​  Kapitel 3:  AUFBRUCH

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Erdorbit, 2236 n. Chr.

Commander Willard J. Reilly saß in einem der Schalensessel im Passagierbereich des Orbital-Shuttle A 332, das auf der Linie Casablanca Raumhafen – Erdorbit verkehrte. Eine automatische Ansage verkündete, dass sich das Shuttle Spacedock 1 näherte, dem ersten Weltraumdock einer neuen Generation. Nach und nach sollten die Spacedock-Orbitalstationen die herkömmlichen Orbiter-Werften ersetzen, die bislang den Bereich des erdnahen Weltraums optisch prägten. Reilly blickte durch eines der Sichtfenster. Die blaue Kugel der Erde war zu sehen und reflektierte das Licht der fernen Sonne. Spacedock 1 war deutlich erkennbar. Mindestens ein Dutzend Kriegsschiffe des Space Corps hatten an diese Station zurzeit angedockt.

Der Plan des Humanen Rates sah vor, noch mindestens zwölf weitere Raumdocks dieser Bauweise in die Umlaufbahn der Erde zu bringen, obwohl es dagegen massiven Widerstand vor allem von marsianischer Seite gegeben hatte.

Über Jahrzehnte – Jahrhunderte – hinweg war der Mars auf Grund seiner niedrigen Schwerkraft und der daher sehr günstigen Produktionsbedingungen das Zentrum der Raumfahrtindustrie innerhalb der Humanen Welt gewesen. Die Freigabe der Gelder zur Errichtung der Spacedock-Orbitalstationen bedeutete eine weitere Stufe auf der schrittweisen Rückkehr der Raumfahrtindustrie vom Mars zur Erde.

Commander Reilly war gerade einmal dreißig Jahre alt. Ein junger, ehrgeiziger Offizier im Dienst des Space Army Corps, der Raumstreitkräfte der Humanen Welten, wie sich der Bund der von Menschen besiedelten Planetensysteme nannte. Lange Zeit hatte man die Notwendigkeit der Aufstellung von Raumstreitkräften geleugnet und geglaubt, lediglich mit einer Flotte von Forschungs- und Handelsschiffen auskommen zu können. Zwar war der Kontakt zu dem ersten nichtmenschlichen, der überlichtschnellen Raumfahrt mächtigen Spezies – den insektoiden Ontiden – friedlich verlaufen, sodass man inzwischen mit ihrem Königreich eine lockere Allianz eingegangen war. Aber inzwischen hatte man sowohl im Humanen Rat durchaus begriffen, wie wichtig eine eigenständige Verteidigung für den Bund der Menschheitswelten war. Mit viel Mühe hatte sich die irdische Diplomatie der Menschheit bislang aus dem seit Jahren andauernden Konflikt zwischen den menschenähnlichen K'aradan und den sauroiden Fulirr heraushalten können – aber es war in der Analyse mancher Experten nur eine Frage der Zeit, wann das verhältnismäßig junge Sternenreich der Humanen Welten in den Strudel dieser Ereignisse hineingerissen wurde und dann vielleicht keine Möglichkeit mehr bestand, die Neutralität zu bewahren.

Der Weltraum, das hatte sich im Verlauf der letzten zwanzig, dreißig Jahre immer deutlicher gezeigt, war keineswegs ein Ort, der von der Kälte des Todes erfüllt war, sondern sehr lebendig.

Und gefährlich.

Ein Dschungel aus Sternen, in dem das Gesetz des Stärkeren weit verbreitet war und man wohl kaum auf die Rücksicht und ethische Erhabenheit anderer Spezies hoffen konnte. Die Raumkugel mit einem Durchmesser von etwa fünfzig Lichtjahren, die die Menschheit in etwa als ihr Einflussgebiet betrachtete, war nur ein winziger Klecks auf der Sternenkarte der Galaxis. Ein geradezu unbedeutender Ausschnitt aus einem Sternenmeer mit Millionen von bewohnten Planeten, deren Bewohner ihre eigenen Machtinteressen verfolgten – so wie es die Humanen Welten vielleicht irgendwann auch tun würden. Aber gegenwärtig war die Situation dieser jungen galaktischen Nation eher die, dass sie um ihr Überleben zu kämpfen hatte und aufpassen musste, nicht zwischen die Mühlsteine älterer und teilweise auch technologisch weiter entwickelter Kulturen zu geraten.

Der Konflikt zwischen den K'aradan und den technologisch außerordentlich hoch entwickelten Fulirr war dafür ein gutes Beispiel.

Eine Flut von Gedanken ging Willard J. Reilly durch den Kopf. Die aktuelle galaktopolitische Lage gehörte sicher auch dazu. Aber wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, dann hatte diese mit seiner Motivation, dem Space Army Corps zu dienen wenig zu tun.

Natürlich war ihm von Anfang an bewusst gewesen, dass er nicht auf Handelsschiffen anheuern würde, sondern auf bewaffneten Einheiten, die letztlich dazu erbaut worden waren, um feindliche Raumschiffe in offener Schlacht zu stellen und zu vernichten.

Aber an erste Stelle hatte für Willard Reilly immer etwa anderes gestanden.

Die Aussicht, zu den Sternen zu fliegen und vergleichsweise viel im Universum herumzukommen. Die Raumfahrt war es, die ihn wie sonst nichts faszinierte.

Nachdem er ein paar Jahre als Rudergänger an Bord eines Schlachtschiffs der Dreadnought-Klasse namens SOLAR AVENGER unter Commodore Sanjay Rahmani gedient und später das Kommando auf einigen unterlichtschnellen Raumbooten geführt hatte, stand er jetzt kurz davor, das Kommando auf der STERNENKRIEGER zu übernehmen, einem Leichten Kreuzer völlig neuen Typs.

Ihm gegenüber saß Commander Steven Van Doren, ein Mann mit markantem Gesicht und rotblondem Haar.

Reilly und Van Doren waren etwa gleichaltrig. Sie hatten sich auf der Space Army Corps Akademie auf Ganymed kennen gelernt. Ihre Karriere im Space Army Corps war ziemlich parallel verlaufen.

„Irgendwann mussten wir uns ja mal wieder über den Weg laufen, Willard“, meinte Van Doren. „Nachdem wir schon als Fähnriche auf demselben Schiff gedient haben...“

Reilly lächelte.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Fähnriche desselben Akademie-Abschlussjahrgangs auf dasselbe Schiff versetzt werden, ist heute schon sehr viel geringer, als damals“, meinte Reilly. „Inzwischen ist die Zahl der Schiffe in den Diensten des Space Army Corps stark angewachsen. Damals waren es doch nur eine Handvoll oder so...“

„Du übertreibst, Willard!“

„Wirklich?“

„Ein bisschen schon.“

„Soll ich dir was sagen, Steven? Ich habe schon befürchtet gegen dich in einem Bewerbungsverfahren antreten zu müssen“, meinte Reilly.

„Du hättest dich mit Recht gefürchtet“, meinte Van Doren.

„Mangelndes Selbstbewusstsein war nie dein Problem, was?“, lachte Reilly.

„Deins aber auch nicht!“

„Jedenfalls bin ich froh, dass sich der Hohe Rat erweichen konnte, gleich die Gelder für zwei Exemplare des neuen Prototyps loszueisen, sodass wir beide ein Schiff bekommen können.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen. Die ganze Zeit über, seit wir vom Raumhafen Casablanca aus gestartet sind, haben wir beide fast kein Wort gesagt, ging es Reilly durch den Kopf. Und jetzt fangen wir an zu quasseln wie ein Wasserfall. Wieso eigentlich? Weil wir wissen, dass wir gleich andocken werden und es dann vorbei ist, und wir uns unmittelbar bei Admiral Raimondo einzufinden haben?

Und dabei hätte es wahrhaftig genug über die letzten Jahre zu erzählen gegeben, in denen sie sich – wenn überhaupt – nur flüchtig begegnet waren.

Auf der Akademie waren sie gut miteinander befreundet gewesen. Aber sie waren sich einfach zu ähnlich, um nicht auch in Konkurrenz zueinander zu treten. Wie unter Brüdern, dachte Reilly. Eine gewisse Befangenheit ist dadurch einfach immer gegeben...

Jeder hatte den Weg, den der andere im Space Army Corps genommen hatte, aus der Entfernung, mit verfolgt und sich vielleicht auch unbewusst mit ihm verglichen.

Stell dir vor, es hätte vielleicht doch nur einen Prototyp gegeben und einer von uns wäre am Ende gezwungen gewesen, unter dem anderen als Erster Offizier zu dienen!, ging es Reilly durch den Kopf.

Die Möglichkeit hatte durchaus bestanden, denn ihre Beförderungen zum Commander waren erst vor ein paar Monaten im Hinblick auf ihre neuen Kommandotätigkeiten erfolgt, als klar gewesen war, dass  zwei Prototypen gebaut würden.

Van Doren deutete auf Reillys Gesicht. „Sag mal, was ist das da eigentlich in deinem Gesicht?“

„Das nennt man Bart, Steven!“

„Lässt du dir den stehen, um etwas älter zu wirken und mehr Autorität bei der Mannschaft zu haben?“

„Du kannst es nicht lassen, was?“

„Dich auf den Arm zu nehmen?“

„Genau.“ 

„Warum sollte ich auch, Willard? Es ist eine schöne Erinnerung an die Akademie-Zeit.“

„Nichts gegen den Jupiteraufgang, aber so toll ist es nun auch wieder nicht auf Ganymed.“

„Naja, jetzt werden wir jedenfalls etwas mehr vom Universum sehen, schätze ich...“

„Nicht mehr, als an Bord eines Dreadnought-Schlachtschiffs, nehme ich an!“

„Warum so pessimistisch? Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Raimondo uns auf einen Vorstoß in bislang unbekannte Gebiete schickt...“

„Warten wir es einfach ab!“

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1

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Das Shuttle dockte an.

Die wenigen Passagiere verließen das Shuttle. Manche von ihnen würden von hier aus zum Mars, zur Venus oder zum Mond weiterfliegen.

Ein paar Raumkadetten der Space Army Corps Akademie auf Ganymed waren dabei, die noch einen sehr weiten Unterlichtflug vor sich hatten. Den längsten Flug hatte ein junger Nachwuchswissenschaftler namens Yasuhiro von Schlichten vor sich.

Der junge Mann studierte an der Far Galaxy Akademie auf Sedna, einem Zwergplaneten jenseits des Kuiper-Gürtel, der um das Jahr 2000 herum kurzeitig Schlagzeilen als zehnter Plant des Sonnensystems gemacht hatte.

Das Pech dieses nach einer indischen Gottheit benannten Himmelskörpers war es nur, dass sich zu jener Zeit gerade das Verständnis dessen änderte, was man unter einem Planeten genau zu verstehen habe und eine starke Strömung innerhalb der Astronomie eher bereit war, Pluto seinen Status  als neunter Planet abzusprechen und ihn als Objekt des Kuyper-Gürtels zu definieren, als Sedna und einigen anderen, teils merkurgroßen Brocken in dieser äußeren Region des Sonnensystems die Bezeichnung Planet zuzugestehen.

Sedna – eine Kugel aus schmutzigem Eis und Gestein – war komplett ausgehöhlt worden und beherbergte eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen Hochschulen innerhalb der Humanen Welten, die in ihrer Bedeutung wohl nur noch mit der Brüderschule des  Olvanorer-Ordens auf Sirius III oder der Universität von Genet verglichen werden konnte.

Reilly und Van Doren waren kurz mit Yasuhiro von Schlichten ins Gespräch gekommen.

Der sehr hagere junge Mann – Reilly schätzte ihn auf höchstens dreißig, auch wenn sich an seinem Haaransatz das erste Grau zeigte – hatte gerade seine Habilitationsschrift vorgelegt und stand nun vor der Frage, ob er ein Angebot des Far Galaxy Konzerns annahm oder erst noch ein paar Jahre in der Grundlagenforschung arbeitete.

Die beiden Space Army Corps Offiziere sprach von Schlichten in dem Moment an, als sie über die außenpolitische Lage der Humanen Welten zu diskutieren begannen. „Wir brauchen unbedingt Antimaterie-Waffen wie die Fulirr!“, lautete von Schlichtens Credo.

„Wenn Sie einen Weg wissen, wie wir die Sauroiden dazu überreden können, uns diese Technologie zu überlassen, würden Sie im Humanen Rat sicherlich auf offene Ohren stoßen!“, glaubte Reilly.

„Man müsste mit den Fulirr ein außenpolitisches Bündnis eingehen“, war von Schlichtens Meinung. „Dann wäre ein solcher Technologie-Transfer vielleicht möglich.“

„Der Hohe Rat gibt sich seit Jahren alle Mühe, uns aus dem Konflikt zwischen dem Reich der K'aradan und den Fulirr herauszuhalten“, gab Van Doren zu bedenken. „Und um ehrlich zu sein, erschiene mir das Risiko auch viel zu hoch, dass die Humanen Welten zwischen diesen beiden Mühlsteinen zerrieben würden!“

„Aber wenn wir im Besitz von Antimateriewaffen wären, dann bräuchte die Menschheit niemanden mehr zu fürchten. Keine Spezies im Umkreis von tausend Lichtjahren!“

In diesem Punkt hatte ihre Diskussion irgendwann einen toten Punkt erreicht.

Reilly und Van Doren waren beide der Ansicht, dass es ein Spiel mit dem Feuer wäre, sich in den Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Sternenreichen einzumischen. Zumal es an Versuchen beider Seiten, die Humanen Welten in diesen Krieg hineinzuziehen und zu einem Bündnis zu gewinnen keineswegs gemangelt hatte!

Von Schlichten hingegen redete sich geradezu in Rage. Notfalls, so meinte er, müsse die Menschheit auf eigenen Erkenntnissen aufbauen und die Antimaterie sowohl zur Verteidigung als auch zur Energiegewinnung und möglicherweise sogar für den Antrieb von Raumschiffen zu nutzen. Heute, im Jahr 2234 sei dies alles natürlich noch Utopie. Aber in späteren Epochen werde man sich unweigerlich die Frage stellen, wie man die Notwendigkeit der Entwicklung von auf Antimaterie basierenden Waffen- und Energiesystemen überhaupt jemals in Frage stellen konnte!

Jetzt, da Willard Reilly die schlauchartige Gangway durchschritt und in ein paar Meter Entfernung von Schlichtens schlanke, hagere Gestalt sah, ging dem angehenden Raumkapitän dieses Gespräch noch einmal durch den Kopf. Das bemerkenswerte Feuer, das in von Schlichtens Augen gelodert hatte, war ihm noch sehr gegenwärtig. Von diesem Mann wird man vielleicht noch einmal hören, dachte er.

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Willard Reilly und Steven Van Doren hatten nur wenig Gepäck dabei. Bei beiden bestand es im Wesentlichen aus einer Tasche im Standardformat des Space Army Corps. Bei Reilly gehörte darüber hinaus noch ein Metallrelief dazu, das ein Wikingerschiff darstellte.

Schon während des Fluges hatte sich Van Doren etwas darüber lustig gemacht. „Das Ding existiert noch? Ich fand schon, dass das in deinem Zimmer im Kadettenwohnheim auf Ganymed nicht besonders gut aussah!“

Willard Reilly hatte darauf lediglich mit einem müden Lächeln reagiert.

Das Wikingerschiff hatte er einmal auf einem Basar in Tanger, Erde, entdeckt, als er vierzehn war. Seitdem hatte das Relief ihn begleitet.

Die Taten dieser kühnen Seefahrer hatten Reilly schon als Junge fasziniert. Sie waren ein Grund dafür, dass er zum Space Army Corps gegangen war, anstatt die Flüge der elterlichen Raumfrachtlinie Erde-Sirius und zurück zu koordinieren.

Reilly trug das Relief unter dem Arm, die Tasche über der Schulter.

Ein Space Army Corps Offizier, der sich als Lieutenant Mara Caporale vorstellte, holte Van Doren und Reilly ab, um sie direkt zu Admiral Raimondo zu bringen.

„Ich dachte, wir könnten erst einmal unser Gepäck loswerden“, meinte Van Doren.

„Das können Sie im Anschluss an die Besprechung gleich mit an Bord nehmen, um es in ihrer jeweiligen Kabine zu deponieren.“

„Das klingt danach, als ginge es sofort auf große Fahrt!“, meinte Reilly.

„War es nicht das, was dir immer vorgeschwebt hat, Willard?“, fragte Van Doren.

Reilly zuckte die Schultern und wandte sich dann an Lieutenant Caporale. „Scheint irgendeine ziemlich dringende Sache zu sein, was?“

„Ich darf nicht darüber sprechen“, erklärte die Adjutantin des Admirals. Lieutenant Caporale war Reillys Schätzung zu Folge Mitte zwanzig. Admiral Raimondo war nur ein paar Jahre älter. Raimondos Karriere war dermaßen schnell verlaufen, dass die Tatsache, dass sich das Space Army Corps immer noch in der Aufbauphase befand und sein Personalstand auf allen Rangstufen in den letzten Jahren ständig erhöht worden war, keineswegs dazu ausreichte, um den schnellen Aufstieg dieses Mannes zu erklären.

Reilly wusste natürlich, was die Spatzen von den Dächern pfiffen. Raimondo wurde politisch protegiert. Anders war es einfach nicht denkbar, dass jemand bereits mit 28 Jahren Admiral werden konnte, während die jüngsten  Schiffskommandanten unter seinem Kommando ein bis zwei Jahre älter waren als ihr Befehlshaber.

Lieutenant Caporale geleitete die beiden angehenden Schiffskommandanten in Sektion II von Spacedock 1. Hier waren Räume für die taktischen Stände zur Verteidigung des Sonnensystems untergebracht. Außerdem befanden sich entsprechende Wohneinheiten in diesem Teil der Raumstation, während sich die Wohneinheiten des technischen Personals in einer anderen Sektion befanden.

Die Adjutantin von Admiral Raimondo führte Reilly und Van Doren in einen Komplex von Konferenzräumen.

„Bitte lassen Sie Ihr Gepäck im Vorraum“, sagte sie. Offenbar bemerkte sie den besorgten Blick, den Reilly auf das Relief warf. „Sie brauchen sich keine Sorgen darum zu machen, Commander. Der Raum wird optisch überwacht...“

Reilly grinste.

Es scheint eine instinktive Regung des Menschen zu sein, um den eigenen Besitz zu fürchten, wenn er gezwungen ist, ihn aus den Augen zu lassen!, ging es ihm durch den Kopf. Mit logischen Überlegungen hat das nicht viel zu tun, schließlich sind die Sicherheitsvorkehrungen hier oben auf Spacedock 1 schärfer als in irgendeinem Raumhafen der Erde...

Reilly und Van Doren legten ihr Gepäck ab und wurden dann in den spartanisch eingerichteten Konferenzraum C3 geführt.

In der Mitte des Raumes befand sich ein kahler Tisch, in den Touchscreens integriert waren, wie das dem Standard beim Space Army Corps entsprach.

Eine Bildschirmwand war aktiviert.

Sie zeigte die Darstellung einer Raumkugel in Pseudo-Drei-D-Qualität. Es gab innerhalb dieser Kugel ein paar sehr helle Punkte. Charakteristische, leicht wieder zu erkennende Sterne wie Sirius oder Wega waren das.

Sie ließen Reilly auch gleich auf den ersten Blick den Raumausschnitt wiedererkennen. Es handelte sich um die gut hundert Lichtjahre durchmessende Raumkugel, die der Hohe Rat als das Territorium der Humanen Welten ansah.

Noch war der Hohe Rat weit davon entfernt, wirklich jede astronomische Einheit innerhalb dieser Raumkugel, deren Zentrum das Sol-System mit der Erde als nach wie vor wichtigster Welt der Menschheit bildete, zu beherrschen. Ältere Kolonien wie Wega oder Sirius hatten Milliarden Einwohner, andere bestanden nur aus wenigen hundert oder tausend Pionieren, die versuchten, auf einer der Welten, auf die die Humanen Welten Anspruch erhoben, ein neues Leben anzufangen.

Ein Leben, das zunächst von Entbehrungen und Einschränkungen – wenn nicht sogar vom nackten Kampf um die pure Existenz! – geprägt war. Hier und da taten sich Industrieunternehmen bei der Erschließung hervor, wie es etwa bei dem von Ted Reich gegründeten TR-Tec-Konzern der Fall war, der die Systeme Aurelis, Einstein und Epikur – auch als Die Drei Systeme  bezeichnet - zu Zentren der Bio-Technologie gemacht hatte.

Insbesondere der Planet Genet (Aurelis III) war zu einem Anziehungspunkt für die Genforschung geworden, zumal seit langem bekannt war, dass die dortigen Behörden es mit der Anwendung der relativ strengen Gentechnik-Gesetze der Humanen Welten nicht sonderlich genau nahmen und sie in großen Teilen sogar schlichtweg ignorierten, um der Forschung keine Fesseln anzulegen.

Überall in einem Radius von 50 Lichtjahren um die Erde herum waren Inseln menschlicher Zivilisation entstanden. Ihre jeweilige Entwicklung konnte dabei niemand vorhersagen und es überraschte immer wieder, wie vielversprechende Kolonien möglicherweise wieder aufgegeben werden mussten oder über viele Jahrzehnte hinweg nichts weiter als auf Hilfe von außen angewiesene Vorposten blieben, während anderswo ein unerwarteter Boom ausbrach.

So etwa bei dem an der Grenze zum so genannten Niemandsland gelegenen Raumregion gelegene New Hope-System, dessen Bevölkerung innerhalb relativ kurzer Zeit auf mehrere Milliarden Menschen angewachsen war, während ganz in der Nähe gelegene Welten, die keineswegs schlechter für eine Besiedlung geeignet gewesen waren, noch immer nur mit militärischen Beobachtungsposten oder einem Forschercamp des Wissenschaftlerordens der  Olvanorer aufwarten konnten.

Die Entwicklung der Humanen Welten war noch lange nicht abgeschlossen. Man konnte gespannt sein, was die Zukunft bringen würde.

Aber schon die Gegenwart hatte diesem Staatengebilde der Menschheit im wahrsten Sinn des Wortes die Grenzen aufgezeigt. Grenzen um den Machtsphären anderer galaktischer Völker wie den Ontiden oder den miteinander verfeindeten K'aradan und Fulirr.

Zu allen drei Sternenreichen hatten die Humanen Welten eine Grenze, deren Überwachung insbesondere in Anbetracht der kriegerischen Geschehnisse zwischen Fulirr und K'aradan einen immer größeren Bedarf an Raumschiffen und Mannschaften erforderte.

Auf der anderen Seite des den Raum beherrschenden Konferenztischs saßen insgesamt drei Männer, zu denen sich nun auch Lieutenant Caporale gesellte.

Admiral Gregor Raimondo war der Personalchef des Space Army Corps und damit rein rechtlich für Reilly und Van Doren der oberste Dienstherr. Seine Unterschrift stand letztlich unter den Urkunden, die zu jeder Beförderung ausgegeben wurden – und natürlich hatte er auch auf die Auswahl der beiden Space Army Corps Offiziere Reilly und Van Doren als zukünftige Kommandanten der Prototypen des neuen Typs von Leichten Kreuzern erheblichen Einfluss gehabt.

Überhaupt sagte man Raimondo nach, dass er neben seiner selbst für Aufbau-Zeiten ungewöhnlich schnellen Karriere auch politische Ambitionen verfolgte.

Ganz sicher war, dass er maßgeblichen Anteil an der Entscheidung gehabt hatte, diese neue Schiffsklasse überhaupt zu bauen. Raimondos Disput in taktischen Fragen mit dem Establishment der Taktik-Stäbe der Raumstreitkräfte war bekannt.

Andererseits war auch bekannt, dass er im Humanen Rat wichtige Gönner hatte, darunter Hans Benson, den gegenwärtigen Vorsitzenden dieses wichtigsten Gremiums, das über die Geschicke dieses Bundes der von Menschen besiedelten Welten entschied.

Natürlich war auch laute Kritik aufgeklungen, als man einen derart jungen Mann gerade mit der Leitung des Personalwesens im Space Army Corps betraut hatte.

Schließlich waren gerade in diesem Bereich doch Fingerspitzengefühl und Erfahrung gefragt.

Manche Beobachter sahen die Situation so, dass man Raimondo zunächst auf diesem Posten gewissermaßen geparkt hatte, um ihn und seine Gönner einstweilen zufrieden zu stellen und ihm gleichzeitig das zu verwehren, was mit Sicherheit das eigentliche Ziel dieses überaus ehrgeizigen Mannes war: die Leitung eines taktischen Stabes oder sogar die Mitarbeit in den Gremien, in denen die strategischen Entscheidungen getroffen wurden.

Auch wenn sich der bekanntermaßen ungeduldige Raimondo noch ein paar Jahre würde gedulden müssen, bis er in diesem Bereich die Nachfolge eines der im Moment noch aktiven Amtsträger übernehmen konnte, so versuchte der Jungadmiral bereits jetzt, die strategische und taktische Debatte innerhalb der Raumstreitkräfte und darüber hinaus in Bewegung zu bringen.

Die Einführung der neuen Leichten Kreuzer war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, denn sie implizierten einen revolutionären Strategie-Wechsel und eine völlig neue Ausrichtung des Space Army Corps.

Raimondo hielt dies für unausweichlich, wollte man den neuen Bedrohungen, die möglicherweise schon in nicht allzu langer Zeit die Menschheit erwarteten, einigermaßen Herr werden.

Das strategische Establishment tat sich da etwas schwerer.

Zu diesem Establishment gehörte der in Ehren und Orden ergraute Mann zu Raimondos Rechter. Admiral Ellroy Garcia war einer der Gründerväter des Space Army Corps und hatte es entscheidend geprägt.

Seinerzeit war es sehr schwer gewesen, den Mitgliedsregierungen der Humanen Welten überhaupt zu vermitteln, dass sie in der Zukunft einen sehr viel größeren Anteil ihrer zur Verfügung stehenden Mittel den Gemeinschaftsaufgaben des Bundes und damit insbesondere der Ausstattung einer wirklich schlagkräftigen Flotte von Kampfraumschiffen opfern musste, wollte man nicht Gefahr laufen, irgendwann von den Machtinteressen benachbarter Sternenreiche einfach geschluckt zu werden.

Ellroy Garcia war das, was Raimondo zweifellos noch gerne werden wollte: Taktischer Chef des Space Army Corps.

Der Mann zu Raimondos Linker war Commodore Kevin Müller, dem man nachsagte, dass er sich durch die Beförderung Raimondos übergangen gefühlt hätte. Dementsprechend unterkühlt war das Verhältnis zwischen dem Commodore und Raimondo. Müller war ein stämmig gebauter sogenannter Supererden-Zwerg. Die hohe Schwerkraft der Kolonialwelt, auf der er geboren war, hatte den Körperbau der dortigen Siedler geprägt. Und deren Überlebensfähigkeit. Der Körperbau der Umweltangepassten Siedler erinnerte ein wenig an die Gestalt der Zwerge in der irdischen Mythologie. Sie vermochten unter Schwerkraft- und Druckverhältnissen zu überleben, die für jeden an die Verhältnisse der Erdnorm gewöhnten Menschen tödlich gewesen wären.

Müller war in Zukunft der direkte Dienstvorgesetzte von Reilly und Van Doren, so fern die beiden Raumkommandanten nicht gerade während eines Einsatzes dem Befehlshaber irgendeines militärischen Verbandes unterstellt worden waren.

Reilly und Van Doren nahmen Haltung an und salutierten.

„Rühren und setzen“, sagte Admiral Garcia, der als deutlich dienstälterer Admiral diese Sitzung eröffnete und leitete.

Die beiden angehenden Raumkommandanten ließen sich das nicht zweimal sagen, sondern setzten sich in die zur Verfügung stehenden Schalensitze.

Wirklich entspannt wirkten sie jedoch nicht, was angesichts des äußeren Rahmens auch kein Wunder war.

„Commander Reilly – Commander Van Doren!“, begann Admiral Garcia. „Sie haben Ihre Ernennungsurkunden zu Ihren Beförderungen bereits bekommen und hatten, wie ich denke, genügend Zeit, um sich auf die Übernahme Ihres jeweiligen Kommandos vorzubereiten. Leider werden Sie kaum Zeit für irgendwelche Probeflüge und Manöver haben. Uns erreichen alarmierende Nachrichten aus dem Grenzgebiet zum sogenannten Niemandsland jenseits des New Hope-Systems. Nachrichten, die wir im Moment noch nicht so recht einzuschätzen vermögen.“

Garcia aktivierte über den vor ihm in den Tisch eingelassenen Touchscreen die Anzeige der Bildschirmwand. Der Weltraumausschnitt, der bis dahin gezeigt worden war, veränderte sich. Eine Unzahl von Namen wurde eingeblendet. Ein paar Punkte wurden gesondert markiert.

„Sie sehen hier die New Hope-Kolonien – nicht zu verwechseln mit der Stadt New Hope im Wega-System. Von hier aus sind einige hundert Kolonisten zu dem einige Lichtjahre im Niemandsland gelegenen Bannister-System aufgebrochen und haben sich dort inzwischen angesiedelt, ohne dass dies von der Regierung der Humanen Welten oder dem Space Army Corps besonders unterstützt worden wäre. Wie Sie sich wohl denken können, ist ein so weit vorgeschobenes System wie Bannister im Notfall kaum zu verteidigen.“

„Jedenfalls nicht mit den bescheidenen Mitteln, wie sie dem Space Army Corps derzeit zur Verfügung stehen“, warf Admiral Raimondo ein und kam damit einmal mehr auf sein Lieblingsthema zu sprechen. Die Unterversorgung der Raumstreitkräfte mit finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen.

Admiral Ellroy Garcia ging darauf nicht weiter ein, sondern quittierte Raimondos Äußerung lediglich mit einem missbilligenden Blick. Offenbar hielt Garcia den Moment einfach nicht für geeignet, um Grundsatzdiskussionen zu führen.

So fuhr der taktische Chef des Space Army Corps schließlich an Reilly und Van Doren gerichtet fort: „Eine Expedition des  Olvanorer-Ordens, die tiefer in das so genannte Niemandsland vorgedrungen ist, berichtete von mehreren Welten, die von intelligenten Spezies bewohnt, aber vollkommen zerstört worden waren. Gemetzel von unvorstellbarer Grausamkeit müssen sich dort zugetragen haben. Die Aufzeichnungen der  Olvanorer-Expedition sind über den Server der Brüderschule auf Sirius A III abrufbar und stehen zum Download in die Speichersysteme der Bordrechner Ihrer jeweiligen Schiffe zur Verfügung.

Er sagt Sirius A III, ging es Reilly durch den Kopf. Nicht einfach nur Sirius III, wie es die meisten tun.  Sirius A III war die Hauptwelt des Sirius-Systems. Sie umkreiste ausschließlich Sirius A, die größere Sonne des aus den Komponenten Sirius A und B bestehenden Doppelsterns, der von der ERde aus betrachtet wie ein einziger Stern aussah. Und die ersten Siedler hatten die Planeten dieses Doppelsternsystems einfach in der Reihenfolge ihrerer Entdeckung durchnummeriert, ohne Rücksicht darauf, ob Sie nun Stern A oder B  oder beide umkreisten. Die genauen Bahnverläufe waren ohnehin nicht in allen Fällen gleich erkennbar gewesen.

Admiral Ellroy Garcia fuhr fort: “Sie tun zweifellos gut daran, sich dieses Datenmaterial eingehend zu Gemüte zu führen. Wir haben den Zerstörer CAMBRIDGE unter Captain Jay Thornton in die betreffende Region geschickt. Aber abgesehen von einem verstümmelten Notruf erreichte uns von diesem Schiff keine Nachricht mehr... Und da Sie alle wissen, dass unsere Space Army Corps Schiffe derzeit in mehreren Grenzgebieten der Humanen Welten die Lage sehr genau im Auge behalten müssen, können wir nicht einfach Schiffe abziehen....“

„...worin sich mal wieder das taktische Defizit unserer Space Army Corps-Flotte zeigt“, erklärte Gregor Raimondo. Offenbar war das ein Punkt, der ihm besonders am Herzen lag. „Wir verfügen über eine große Anzahl gewaltiger Kriegsschiffe, die mit Geschützen ausgestattet sind, deren Durchschlagskraft ihresgleichen sucht. Kleinere, flexiblere Einheiten haben wir bisher nur als Unterstützung von großen Dreadnought-Schlachtschiffen gesehen, aber nicht so sehr als eigenständig operierende Kampfeinheiten. Aber die Zukunft wird erweisen, dass wir vor die Notwendigkeit gestellt werden, an mehr Einsatzorten zur gleichen Zeit präsent zu sein. Es reicht nicht, wenn wir unsere Flotte von Schlachtschiffen hundert Lichtjahre weit von einer Grenze der Humanen Welten zur anderen jagen und sie überall dort wie einen gewaltigen Dampfhammer zuschlagen lassen, wo es zu einer Krise kommt. Nein, wir brauchen deutlich mehr kleinere Einheiten – und zwar solche, die auf ein eigenständiges Operieren angelegt sind! Und genau dafür wurden die Leichten Kreuzer neuen Typs nämlich geschaffen!“

„Ihre Begeisterung für dieses Projekt in allen Ehren, Admiral Raimondo!“, schnitt Ellroy Garcia Raimondo das Wort ab. „Aber Sie sollten sich Ihr Plädoyer für Ihre Anhörung im Verteidigungsausschuss des Humanen Rates aufsparen!“ Garcia wandte sich den beiden frisch gebackenen Raumkommandanten zu. „Ihre Aufgabe ist es, so schnell wie möglich das Krisengebiet anzufliegen und herauszufinden, ob sich dort möglicherweise eine Gefahr zusammenbraut, von der man im Moment kaum etwas ahnen mag... Irgendwer muss schließlich hinter den blindwütigen Zerstörungen stecken, die einige Bereiche des Niemandslandes erst vor kurzer Zeit heimgesucht haben... Und nun möchte ich Sie nicht länger aufhalten. Treten Sie Ihre neuen Kommandos bitte umgehend an! Ihre Marschbefehle bekommen Sie auf die Bordrechner Ihrer Schiffe überspielt. Da sind dann auch sämtliche Einzelheiten erläutert. Commander Reilly?“  xxx

„Ja, Sir?“

„Da Sie zwei Monate dienstälter als Commander Van Doren sind, haben Sie die Befehlsgewalt über die Mission.“

„Ja, Sir“, bestätigte Reilly.

Reilly und Van Doren erhoben sich, standen auf und nahmen Haltung an.

„Sie können wegtreten“, sagte Commodore Kevin Müller, der sich die ganze Zeit über zurückgehalten und kein einziges Wort gesagt hatte. „Für die Dauer der Mission werde nicht ich, sondern Admiral Raimondo Ihr direkter Ansprechpartner sein.“

Reilly atmete tief durch.

Raimondo müsste man heißen – dann bekommt man im Space Army Corps offenbar alles, was man will..., überlegte er.

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Achtung!“, bellte Lieutenant Commander Thorbjörn  Soldo. Der blonde, an einen Wikinger erinnernde und recht breitschultriger Mann war der Erste Offizier des Leichten Kreuzers STERNENKRIEGER. Zuvor hatte er zwei Jahre lang in derselben Funktion auf einem Leichten Kreuzer alten Typs gedient. Diese Leichten Kreuzer verfügten zwar mit ihren vier Breitseiten oben, unten links und rechts á jeweils dreißig Gauss-Geschütze über eine recht ansehnliche Bewaffnung, allerdings war das auf Kosten der Leistungsfähigkeit der Ionentriebwerke und deren Beschleunigungsvermögen gegangen. So hatte ein Leichter Kreuzer alten Typs bis zu 24 Stunden gebraucht, um die zum Eintritt in den Sandströmraum notwendigen vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. Die Bremszeiten waren entsprechend. An eine kurzfristige Verlegung dieser Verbände war natürlich angesichts dieser Umstände nicht zu denken. Sie eigneten sich auch kaum für bewaffnete Vorstöße, sondern allenfalls zur Verteidigung von ansonsten durch Raumforts gesicherten Regionen oder zur Unterstützung großer Dreadnought-Schlachtschiffe, mit denen zusammen sie eine feste Kampfformation bildeten.

Leichte Kreuzer des neuen STERNENKRIEGER-Typs übertrafen ihre Vorgänger nicht nur dadurch, dass sie an jeder Breitseite zehn Gauss-Kanonen mehr zu bieten hatten, sondern vor allem durch die verbesserten Beschleunigungs- und Bremswerte. Zum Erreichen der 0,4 LG, die für den Übertritt in das nach seinem Entdecker Samuel Sandström benannte Sandström-Kontinuum notwendig waren, brauchten die Schwesterschiffe STERNENKRIEGER und JUPITER weniger als zehn Stunden und einige Experten waren der Ansicht, dass sich durch ein paar technische Optimierungen noch mehr herausholen ließe. Vielleicht sogar ein Wert von knapp unter acht Stunden. Die Verkleinerung vieler technischer Aggregate hatte außerdem dazu geführt, dass die Leichten Kreuzer neuen Typs zusätzlich zur etwa 100 Mann starken Besatzung auch noch eine zwanzigköpfige Einheit von Marineinfanteristen an Bord nehmen konnten. Es war daran gedacht, diese Marines-Einheit dauerhaft an Bord des jeweiligen Schiffes zu stationieren, um auf diese Weise jederzeit Kommandoeinsätze möglich zu machen.

Lieutenant Commander Thorbjörn  Soldo hatte das gesamte zukünftige Offizierscorps der STERNENKRIEGER im Raum des Captains antreten lassen. Auf die Auswahl der Männer und  Frauen, die fortan unter seinem Kommando stehen würden, hatte Reilly keinerlei Einfluss gehabt. Admiral Raimondo hatte sich  die Zusammenstellung der Schiffsbesatzungen persönlich vorbehalten. Normalerweise war üblich, dass ein angehender Schiffskommandant durchaus seinen Einfluss auf die Personalauswahl geltend machen konnte, so fern dessen Wünsche unter Berücksichtigung dienstlicher Belange zu realisieren waren. Dies galt um so mehr dann, wenn ein völlig neues Team zusammengestellt wurde, wie es regelmäßig bei Indienststellung eines frisch aus der Produktion kommenden Kriegsschiffs der Fall war.

Dass diese bisher innerhalb des Space Army Corps als eine Art ungeschriebenes Gesetz geltende Praxis von Raimondo nicht weiter beachtet wurde, hatte Reilly zwar zunächst etwas irritiert. Aber andererseits war seine Freude auf dieses Kommando viel zu groß, als dass er sich davon die Laune hätte verderben lassen - Eine Petitesse, an der ich mich nicht weiter stören werde!, so hatte es sich der Commander vorgenommen. Und ansonsten kann ich nur hoffen, dass Raimondo trotz seines jugendlichen Alters einfach eine gute Hand bei seinen Personalentscheidungen bewiesen hat!

Doch das würde sich wohl erst im Verlauf des ersten Einsatzes erweisen.

Die Offiziere des neu in Dienst gestellten Leichten Kreuzers STERNENKRIEGER hatten Haltung angenommen und standen stramm. Keiner von ihnen verzog jetzt auch nur eine Miene.

„Willkommen an Bord, Captain!“, sagte Lieutenant Commander Soldo.

„Danke, I.0“, lautete Reillys Erwiderung. „Ich gehe von einer guten Zusammenarbeit aus.“

„Von meiner Seite steht dem nichts im Weg, Sir. Im Übrigen melde ich: Das Offizierscorps des Leichten Kreuzers STERNENKRIEGER ist angetreten.“

„Rühren“, sagte Commander Reilly, dem militärisches Zeremoniell von jeher fremd gewesen war. An äußeren Formen lag ihm ebenso wenig wie an Orden und Ehrenzeichen.

„Wenn Sie gestatten, würde ich Ihnen gerne die Mitglieder der Brückenbesatzung vorstellen.“

„Bitte, I.O.“

Thorbjörn  Soldo deutete auf einen dunkelhaarigen Mann mit kurz geschorenen Haaren und braunen Augen. „Lieutenant Clifford Ramirez, Ruderoffizier!“

„Captain!“

„Ich habe mir Ihre Akte angesehen, Lieutenant“, sagte Reilly. „Sie haben die Pilotenprüfung als einer der Besten Ihres Jahrgangs abgeschlossen.“

„Das stimmt, Sir“, nickte Ramirez.

„Ich hoffe, Sie hatten bereits Gelegenheit, sich mit den Systemen der STERNENKRIEGER vertraut zu machen. Wir werden nämlich in Kürze aufbrechen.“

„Ich hatte leider keine Gelegenheit dazu. Die Daten des neuen Prototyps sind so geheim, dass es nicht einmal ein Programm zum Training am Simulator gibt.“

„Das ist schade.“

„Ich denke, dass ich mich trotzdem schnell an die neuen Gegebenheiten anpassen werde!“, versicherte Ramirez.

„Für jemanden, der drei Jahre als zweiter Rudergänger eines Zerstörers geflogen ist und darüber hinaus Ihre Begabung hat, dürfte das zu schaffen sein“, war Captain Reilly recht zuversichtlich. Man kann es mit der Geheimhaltung auch übertreiben!, ging es ihm gleichzeitig durch den Kopf.

Der nächste Offizier, der Reilly durch Soldo vorgestellt wurde, war Lieutenant Jessica Wu, zuständig für Ortung und Kommunikation. Sie hatte damit zweifellos eine Schlüsselstellung an Bord der STERNENKRIEGER inne. Es war schon in der Vergangenheit des Öfteren darüber nachgedacht worden, die Bereiche Ortung und Kommunikation jeweils einem eigenen Offizier zuzuordnen. Aber da die Signalverarbeitung und die Verarbeitung der Sensorendaten ohnehin über dasselbe Teilsystem des Bordrechners vorgenommen wurden und auf der Brücke eines Kriegsschiffs wie der STERNENKRIEGER ohnehin chronische Enge herrschte, hatte man sich dagegen entschieden.

Die asiatischen Vorfahren konnte Jessica Wu nicht leugnen. Sie war in Neu Hongkong geboren, das auf einer künstlichen, der südchinesischen Küste vor gelagerten Plattform errichtet worden war und in Architektur und Design an das 2150 n. Chr. durch eine Reaktorkatastrophe zerstörte Alt Hongkong erinnern sollte. Das blauschwarze Haar hatte Lieutenant Wu zu einer streng wirkenden Knotenfrisur im Nacken zusammengebunden. Ihr Gesicht wirkte regungslos, die Begrüßung ihres neuen Captains recht zurückhaltend. Da will eine offenbar erstmal abwarten, mit wem sie es zu tun hat!, überlegte Captain Reilly. Eine Haltung, gegen die sich nichts einwenden lässt... 

Lieutenant Chip Barus war der Waffenoffizier der STERNENKRIEGER. Äußerlich war das Auffälligste an ihm der feuerrote Haarschopf. Er hatte ein hageres Gesicht mit hervorstehenden Wangenknochen und tief liegenden, dunkelgrünen Augen.

Aus den Akten wusste Captain Reilly, dass Chip Barus ein ausgezeichneter Informatiker und Mathematiker war, der an der Sedna-Akademie einen akademischen Grad erworben hatte, bevor er zum Space Army Corps gegangen war.

Die Motivation dafür war Reilly auch aus den vorliegenden Unterlagen nicht ganz klar geworden.

Sie schienen wohl mehr im persönlichen Umfeld zu liegen, als in der Ablehnung des wissenschaftlichen Universitätsbetriebes, in dem Barus mit Sicherheit auch Karriere hätte machen können. Er hatte zuvor als Waffenoffizier auf einem Schweren Kreuzer gedient. Dass er jetzt auf eine kleinere Einheit versetzt worden war, konnte er durchaus als eine Degradierung missverstehen. Bei Gelegenheit werde ich mal mit ihm darüber sprechen müssen, wie Admiral Raimondo ihn dazu überredet hat, diese personalpolitische Maßnahme zu akzeptieren, ohne sich dagegen in irgendeiner formellen Weise zu sträuben!, dachte Reilly.

Raimondos Gründe für Barus’ Verpflichtung lagen auf der Hand.

Er schien für jede auf der STERNENKRIEGER zu vergebende Position schlicht den besten zur Verfügung stehenden Kandidaten ausgewählt zu haben.

Zweifellos hatte sich der Admiral persönlich sehr stark für das Projekt der Leichten Kreuzer neuen Typs eingesetzt und in gewisser Weise sogar sein persönliches Renommee in die Waagschale geworfen.

Für Reilly ergaben sich daraus zwei Schlussfolgerungen: Erstens bedeutete dies, dass er von Raimondo vermutlich jede nur erdenkliche Rückendeckung erwarten konnte, was auf keinem Fall schlecht sein konnte. Gerade dann, wenn etwas einmal nicht hundertprozentig so lief, wie man es eigentlich erwarten konnte.

Die zweite Schlussfolgerung war, dass die Erwartungen an die Crew der STERNENKRIEGER und insbesondere ihren Captain unglaublich hoch waren.

Jetzt ist es wohl ein bisschen zu spät, um sich die Angelegenheit noch mal zu überlegen!, meldete sich ein stocknüchterner Kommentator in seinem Hinterkopf, dessen trockenes Statement dafür sorgte, dass Willard Reilly von einer Sekunde zur anderen mental gesehen wieder fest auf dem Boden der Tatsachen stand. Für euphorische Gefühle angesichts deines Kommandoantritts ist wohl kaum Zeit...

„Lieutenant Morton Gorescu ist der Leitende Ingenieur und für Wartung und das reibungslose Funktionieren der Maschinen verantwortlich“, erklärte Lieutenant Commander Soldo.

Morton Gorescu hatte einen völlig haarlosen Kopf – abgesehen von einem dünnen Oberlippenbart und einer winzigen, aber markanten Bartspitze in der Mitte des Kinngrübchens.

„Sie haben auf der Brüderschule der  Olvanorer auf Sirius III studiert“, stellte Willard Reilly fest.

„Das ist richtig“, nickte Gorescu.

„Für jemanden, der dem Wissenschaftler-Orden gar nicht angehört, ist das eher ungewöhnlich, Lieutenant.“

„Ich stand damals kurz davor, dem Orden beizutreten“, erklärte Gorescu.

Reilly hob die Augenbrauen. „Was hat Sie davon abgehalten? Im Gegensatz zu anderen Ordensgemeinschaften kennen die  Olvanorer kein Zölibat.“

Ein flüchtiges und sehr kühl wirkendes Lächeln glitt über Morton Gorescus Lippen. Dieses Lächeln ließ Commander Reilly sofort erkennen, dass er mit seiner Frage ein Terrain  betreten hatte, dass Gorescu gefährlich nahe ging. „Falls bei den  Olvanorern das Zölibat gegolten hätte, wäre ich kaum jemals in Versuchung gewesen, diesem Orden beizutreten“, erklärte der Lieutenant.

Dieser klirrende Tonfall, dachte Reilly. Der Commander spürte sofort, dass er da auf etwas gestoßen war, das so hart und kalt wie Granit war. Eine Schicht der Persönlichkeit des Lieutenants, die Reilly eigentlich gar nicht näher kennen lernen wollte.

Ihrer beider Blicke begegneten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Aus irgendeinem Grund schien es Lieutenant Gorescu für notwendig zu halten, seinem Captain eine weiter reichende Erklärung zu geben. „Ich stamme von der Kolonie Parker XIV, wie Sie meinen Unterlagen entnehmen können. Sie werden von dieser Welt vermutlich noch nie gehört haben. Es lebten dort etwa zehntausend menschliche Siedler auf einer trocken-kalten Welt, die in mancher Beziehung dem Mars ähnelte – nur, dass es durchschnittlich etwa hundert Grad kälter war und es eine Reihe sehr seltener und wertvoller Mineralien gab, die die Existenzgrundlage der dort lebenden Prospektoren bildeten...“

„Sie sprechen von der Vergangenheit“, stellte Reilly fest.

Lieutenant Gorescus Gesicht erstarrte und wirkte jetzt maskenhaft. Er presste die Lippen aufeinander, die nun einen dünnen Strich bildeten. Dann nickte er schließlich und presste hervor: „Vor zehn Jahren wurde Parker XIV überfallen und vollkommen zerstört. Niemand blieb am leben. Die Oberfläche verwandelte sich buchstäblich in verbrannte Erde. Bis heute ist nicht geklärt worden, was damals im Parker-System wirklich geschah. Aber mir wurde damals klar, dass der Pazifismus der  Olvanorer nichts weiter als eine fromme Utopie ist. Nichts weiter.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Jedenfalls ist die Ansicht, dass man als Lamm unter Wölfe gehen kann, ohne dabei zur Beute zu werden nicht mit dem Universum, in dem wir alle leben, kompatibel. Das hat mich dazu veranlasst, mein Vorhaben, ein  Olvanorer-Mönch zu werden, noch einmal zu überdenken.“

„Ich verstehe“, sagte Reilly.

„Ich glaube inzwischen daran, dass die Menschheit durchaus kämpferisch dafür sorgen muss, dass sie den ihr gebührenden Platz im Kosmos erhält.“

Reilly hob die Schultern. „Das klingt fast schon nach den Ansichten, wie sie die Humanity First-Bewegung propagiert.“

„Finden Sie wirklich, dass diese Bewegung so Unrecht hat?“

„Auf jeden Fall finde ich, dass es ein weiter Weg ist von einem angehenden  Olvanorer-Bruder zu einem Propagandisten von Humanity First.“

„Das ist wahr, Captain.“

„Wir können gerne ein andermal unsere Diskussion vertiefen, Lieutenant“, fuhr Reilly fort. „Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass ich keinerlei Sympathie für Humanity First hege...“

„Dann weiß ich ja immerhin, woran ich bin, Captain!“

„Mir missfällt nicht nur, dass diese Bewegung zu einem Sammelbecken für Rassisten geworden ist, sondern vor allem auch, dass sie uns in den Krieg zwischen K'aradan und Fulirr hineinzutreiben versucht, aus dem wir uns meiner Ansicht nach besser heraushalten sollen.“

„Die K'aradan sind unsere Brüder.“

„Ein Genetiker würde Ihnen dazu etwas anderes sagen. Sie sehen nur aus wie Menschen, aber das ist auch alles! Eine Küchenschabe hat einen größeren Verwandtschaftsgrad zur Menschheit.“

„Es gibt auch so etwas wie kulturelle Verwandtschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine!“

Reilly nickte leicht.

„Ich denke schon.“

Auf jeden Fall ist das ein Mann, der nicht so schnell klein bei gibt und eine Meinung auch dann vertritt, wenn er genau weiß, dass sein Vorgesetzter nicht seiner Meinung ist, dachte der Captain der STERNENKRIEGER. Sind das nicht eigentlich Eigenschaften, die man sich von einem guten Offizier wünschen sollte, wenn man nicht gerade den Hang hat, sich nur mit Jasagern zu umgeben?

Die tadelnden Blicke, die Lieutenant Commander Soldo dem Leitenden Ingenieur zugeworfen hatte, waren Captain Reilly keineswegs entgangen. Aber angesichts der Anwesenheit des Captains hatte Soldo nicht eingegriffen, sondern den Ärger in sich hinein gefressen.

„Dr. Miles Rollins, Schiffsarzt im Rang eines Lieutenant und Leiter der medizinischen Abteilung an Bord der STERNENKRIEGER“, erläuterte Thorbjörn  Soldo.

Dr. Rollins lächelte.

„Leiter der medizinischen Abteilung - das klingt nach mehr als es ist“, gab er zu. „Diese Abteilung besteht nur noch aus mir und Simone Gardikov, unserer Krankenschwester. Das ist alles. Aber ich freue mich auf den Dienst unter Ihrem Kommando, Captain Reilly.“

„Danke, Doktor. Ihre besonderen Kenntnisse in Exomedizin werden uns sicher noch bei der einen oder anderen Mission von Nutzen sein.“

„Davon bin ich überzeugt, Sir.“

Als nächster wurde Captain Reilly ein stiernackiger, breitschultriger Enddreißiger mit grauen, kurz geschorenen Haaren vorgestellt. Er trug die Uniform der Space Corps Marines. Seinen Rangabzeichen nach war er Sergeant.

Es handelte sich um Saul Darren, den Kommandant der an Bord der STERNENKRIEGER dauerhaft stationierten Einheit von Marineinfanteristen.

Die Begrüßung fiel knapp und zackig aus.

Der Sergeant nahm Haltung an und salutierte.

Schließlich blieb noch ein Mann als letzter in der Reihe der Space Army Corps Offiziere übrig. Sein Äußeres unterschied sich allerdings deutlich von dem aller anderen Anwesenden, denn er trug keine Uniform, sondern die braun-graue, schmucklose Kutte eines  Olvanorer-Mönchs.

„Das ist Bruder Padraig vom Orden der  Olvanorer“, wurde er vom Ersten Offizier vorgestellt. Als wissenschaftlicher Berater stand Bruder Padraig nicht direkt in der Space Army Corps Hierarchie, hatte aber an Bord der STERNENKRIEGER die Privilegien eines Offiziers.

„Ich habe von Ihnen gehört, Bruder Padraig“, erklärte Reilly. „Sie haben an der Darenius-Expedition nach Aradan teilgenommen!“

Es war eine  Olvanorer-Expedition unter Bruder Darenius gewesen, die zum  ersten Mal tief ins Reich der K'aradan  - der „Söhne von Aradan“ – vorgedrungen war und deren Heimatwelt besucht hatte.

„Dennoch, ich bin überzeugt davon, dass Ihre Erfahrungen der Crew zu Gute kommen werden", war Reilly überzeugt.

„Ich werde tun, was ich kann", versprach der  Olvanorer-Mönch.

Er hat sich zu Gorescus Ansichten nicht geäußert!, dachte Reilly. Das muss ihn eine ziemlich große Überwindung gekostet haben!

„Ich denke, jeder von Ihnen hat noch einiges zu tun“, sagte Commander Reilly dann, nachdem einige Augenblicke vergangen waren, die von verlegenem Schweigen gefüllt wurden. Selbst der diskussionsfreudige Leitende Ingenieur schien diesen Augenblick als nicht gerade geeignet anzusehen, um den Disput von vorhin wieder aufzunehmen. „In zwei Stunden erwarte ich Sie dann alle in meinem Raum. Halten Sie dann den Statusbericht Ihrer jeweiligen Abteilung bereit. Mister Soldo?“

„Ja, Sir?“, meldete sich der Erste Offizier der STERNENKRIEGER.

„Sorgen Sie bitte dafür, dass dann auch der Versorgungsoffizier und die Fähnriche anwesend sind.“

Eine derartige Zusammenkunft war nur möglich, so lange die STERNENKRIEGER noch an Spacedock 1 angedockt war, da ansonsten immer einige aus dem Kreis der Offiziere und Fähnriche auf der Brücke Dienst zu tun hatten.

„Es wird ganz schön eng werden“, glaubte Soldo.

„Keine Sorge, ich werde diese Zusammenkunft nicht ausufern lassen.“ Ein Lächeln flog über Reillys Gesicht. „Sitzung wäre wohl der falsche Ausdruck, da mehr als die Hälfte von uns dann keinen Sitzplatz finden wird.“

Die Amtseinführung des neuen Captains war damit abgeschlossen. Es blieb noch Soldo überlassen, Reilly die Kabine zu zeigen.

Nachdem sich der Raum des Captains geleert hatte und die meisten Offiziere der STERNENKRIEGER gegangen waren, wandte sich der Erste Offizier noch einmal an Reilly.

„Captain?“

„Ja, I.O.?“

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es an Bord der STERNENKRIEGER keinen eigenständigen Versorgungsoffizier gibt, so wie das auf größeren Kriegschiffen des Space Army Corps der Fall ist. Mir ist gesagt worden, dass ein Sergeant mit der Logistik-Ausbildung des Marine Corps diese Funktion übernimmt und mir direkt unterstellt wird.“

„Daran hatte ich im Moment nicht gedacht“, gestand Reilly. Er schnippste mit den Fingern. „Lautet der Name nicht Sergeant Linda Gillis?“

„Ich habe mit Sergeant Gillis bereits Kontakt aufgenommen. Wir hatten auf diese Weise bereits Gelegenheit über ein paar grundsätzliche Dinge zu sprechen.“

„Sehr gut, I.O. Wie gesagt, ich lege Wert darauf, dass sie an der Konferenz teilnimmt.“

„Aye, aye, Captain.“

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Anschließend zeigte Soldo dem Captain seine Kabine. Sie war spartanisch eingerichtet. Das Gepäck war Reilly bereits bei Betreten des Schiffs von einem Crewman abgenommen worden. Jetzt lag es auf der Pritsche.

Reilly deutete auf das Relief.

„Ich hätte gerne, dass dies in die Wand eingelassen wird“, erklärte er.

„Ihnen ist bewusst, dass dies mit den Vorschriften des Space Army Corps unvereinbar ist?“

„Unglücklicherweise sind in diesem Fall die Vorschriften des Space Army Corps unvereinbar mit meinem ästhetischen Empfinden“, erwiderte Reilly augenzwinkernd. „Außerdem wird weder Admiral Raimondo noch irgendjemand sonst aus den Reihen des Oberkommandos dazu kommen, regelmäßig meine Kabine auf die Vorschriftsmäßigkeit des Wandschmucks zu kontrollieren.“

„Das dürfte richtig sein, Sir.“

„Na, also!“

Soldos Haltung lockerte sich etwas. Er deutete auf das Relief.

„Da muss ein Fachmann ran, sonst wird das nichts“, erklärte er. „Aber hier auf Spacedock 1 müsste der ja wohl zu finden sein!“

„Wenn Sie mit dieser Sache nicht in Verbindung gebracht werden wollen, kümmere ich mich selbst darum.“

„Nicht nötig, Sir. Bevor wir aufbrechen, werden Sie Ihr Relief genau dort vorfinden, wo Sie es vorzufinden wünschen, Captain.“

„Danke, I.O.“

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Zwei Stunden später fand die Zusammenkunft sämtlicher Offiziere und Fähnriche im Raum des Captains statt. In der Zwischenzeit hatte sich Captain Reilly eingehend mit dem zur Verfügung stehenden Datenmaterial befasst.

„Wir wissen nicht viel über das so genannte Niemandsland“, erklärte Reilly. „Es ist ein Gebiet, das bislang von keiner der höher entwickelten und zum Überlichtflug fähigen Spezies beansprucht wird. Zumindest ist uns davon nichts bekannt. Abgesehen von dem spärlich besiedelten Bannister-System, existieren nur ein paar auf sich gestellte Forschungscamps des  Olvanorer-Ordens in der Region, wozu in Bruder Padraig vielleicht bei Gelegenheit mehr sagen kann. Aber es scheint in jüngster Zeit eine sehr zerstörerische Macht in der Gegend zu geben, die ganze Zivilisationen vernichtet hat. Unser erstes Ziel werden jene Koordinaten sein, von wo aus wir den letzten, verstümmelten Notruf des Zerstörers CAMBRIDGE auffingen, von dem jede Spur fehlt.“

„Soweit ich weiß gab es insgesamt drei große Expeditionen der  Olvanorer ins Niemandsland“, meldete sich Bruder Padraig zu Wort. „Natürlich haben diese Expeditionen allenfalls ein punktuelles Bild dieser Sternenregion bieten können, aber es scheint so zu sein, dass es in dem betreffenden Gebiet mehrere regional begrenzte Zivilisationen gibt, deren Einflussbereich jeweils nicht der nur unwesentlich über das Heimatsystem hinausgeht. Keine dieser Zivilisationen verfügte über einen Überlichtantrieb, der an Leistungsfähigkeit auch nur im Entferntesten mit dem Sandströmraum basierten Antriebssystem vergleichbar wäre, wie wir sie benutzen.“

„Sind die  Olvanorer bisher überhaupt auf eine Spezies getroffen, die über die Sandström-Antriebstechnik verfügt – auf welchem Niveau auch immer?“, wollte Reilly wissen.

„Es gibt ein paar Spezies, denen wir es zutrauen, in den nächsten Jahren aus eigener Kraft primitive Überlichtantriebe zu entwickeln – ähnlich denen, die bei uns die Anfangszeit des Überlichtfluges prägten. Aber letztlich ist unsere Faktenbasis zu dürftig, um das wirklich beurteilen zu können, Captain.“

„Parker XIV liegt am Rand des Niemandslandes“, erklärte Lieutenant Gorescu.

Reilly wandte den Blick in Richtung des leitenden Ingenieurs. „Bei allem Verständnis für Ihre Betroffenheit über das, was dort geschah – die mysteriösen Geschehnisse im Parker-System sind Jahre her.“

„Es könnte dennoch derselbe Feind sein, der uns aus dem Verborgenen heraus bedroht“, glaubte Gorescu.

Ist das schon eine fixe Idee des Lieutenants oder ein Gedanke, dem man ernsthaft nachgehen sollte?, überlegte Willard Reilly.

„Wir sollten uns nicht von Vorurteilen den klaren Blick trüben lassen“, sagte Bruder Padraig. „Lassen wir uns einfach von dem überraschen, was wir im Niemandsland vorfinden...“

Captain Reilly fielen zwei der Fähnriche auf, die leise miteinander tuschelten.

Ein Mann und eine Frau.

Da er sich intensiv mit den Personaldaten befasst hatte, hatte er keine Schwierigkeiten, sie zu identifizieren. Der etwa 1,80 m große Mann war Fähnrich Robert Ukasi, der dem Waffenoffizier Chip Barus zugeordnet war. Die junge, etwas mollige Frau, mit der er sich soeben unterhalten hatte, war Fähnrich Catherine White, die zum Technikerteam des Leitenden Ingenieurs zählte. Die beiden kannten sich wahrscheinlich von ihrer Zeit auf der Space Army Corps Akademie.

„Fähnrich Ukasi, haben Sie noch etwas zum Thema beizutragen?“, erkundigte sich Commander Reilly.

Ukasi, dessen sonore Stimme deutlich herauszuhören war, verstummte sofort und nahm Haltung an, während nun die Blicke aller Anwesenden auf ihn gerichtet waren.

„Nein, Sir!“, versicherte er. „Nicht direkt.“

Reilly hob die Augenbrauen. „Vielleicht könnten Sie das präzisieren – nicht direkt.“

„Nun, Sir, mich persönlich wundert es, weshalb man sich nicht schon lange intensiver dem so genannten Niemandsland zugewandt hat. Die Menschheit musste erfahren, dass es in dem uns umgebenden Universum von hoch entwickelten Spezies nur so wimmelt. Spezies, die teilweise technisch mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen sind. Ich frage mich, wie man je annehmen konnte, dass das so genannte Niemandsland da eine Ausnahme darstellt!“

Reilly lächelte mild. „Die Erklärung für die Vernachlässigung dieses Bereich ist schnell geliefert, Fähnrich Ukasi. Es mangelt an finanziellen Ressourcen beziehungsweise der Bereitschaft, sie in großem Stil in die Raumverteidigung zu stecken, zumal uns bisher keine Rasse begegnete, deren aggressives Potential sich gegen uns gewandt hätte.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht, Captain“, stimmte Ukasi zu. „Daran wird sich wohl auch erst dann etwas ändern, wenn dort ein Feind auf die Bühne tritt, vor dem wir zittern müssen.“

„Vermutlich ja“, nickte Reilly.

„Dann können wir nur hoffen, dass es dann nicht zu spät ist.“

„Wenn Sie in dieser Hinsicht etwas bewegen wollen, sind Sie in der Politik besser aufgehoben als im Space Army Corps, Fähnrich“, gab Reilly zu bedenken. „Schließlich sind wir nichts weiter als ein ausführendes Organ der gewählten Vertreter aller Mitgliedsplaneten der Humanen Welten.“

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In den nächsten Stunden wurden die letzten Vorbereitungen vor Beginn der Mission absolviert. Dazu gehörten insbesondere ein intensiver Systemtest der Rechnerfunktionen und eine Simulation sämtlicher Funktionen.

Abgesehen von wenigen Kleinigkeiten, die leicht zu beheben waren, funktionierte alles tadellos. Ein Umstand, den Captain Reilly nicht in erster Linie sich selbst und der Arbeit seiner Crew zuschrieb, sondern der Tatsache, dass dieser Prototyp offenbar von hervorragender Fertigungsqualität war.

Nach Beendigung seiner Schicht, nahm Reilly kurz über Interkom Kontakt mit Steven Van Doren auf, um sich mit ihm über den Verlauf des ersten Arbeitstages als Kommandant eines Leichten Kreuzers neuer Bauart auszutauschen.

„Naja, das eine oder andere läuft noch nicht so, wie ich mir das vorstelle“, bekannte Van Doren. „Außerdem hat mein Erster Offizier sich offenbar selbst ursprünglich Hoffnungen darauf gemacht, das Kommando übertragen zu bekommen, was die Sache auf menschlicher Ebene nicht gerade erleichtert....“

„Wer ist dein I.O.?“, fragte Reilly.

„Lieutenant Commander Darko Kovac. Du müsstest dich eigentlich an ihn erinnern...“

„Dieser unsägliche Streber, der überall mit Bestnoten herumprotzte?“, fragte Reilly.

„Ja.“

„Ehrlich gesagt frage ich mich, weshalb Raimondo dich ihm vorgezogen hat“, frotzelte Reilly.

„Ich schätze die psychologischen Eignungstests sind bei Kovac nicht so positiv verlaufen. Fachwissen ist wahrscheinlich nicht der wichtigste Faktor, um ein Raumkommando zu führen.“

„Wo du recht hast, hast du recht“, gab Reilly zurück. „Allerdings werden wir beide wohl auch erstmal beweisen müssen, dass wir all das mitbringen, was dazu nötig ist, um die Crew eines Leichten Kreuzers in den Einsatz zu führen.“

„Das machen wir doch mit links, Willard!“

„Sag das nicht, Steven. Das hat Lieutenant Commander Kovac auch gedacht, bevor er dann doch nur I.O. wurde!“

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Als Willard Reilly seine Kabine aufsuchte, war das Relief mit dem Wikingerschiff bereits in die Wand eingelassen. Der Erste Offizier hatte offenbar dafür gesorgt, dass dies auf sehr fachmännische Weise von einem der Handwerker auf Spacedock 1 übernommen worden war.

Reilly atmete tief durch und ließ die Hand über das Relief gleiten. Man konnte dieser Versuchung kam widerstehen, wenn man es betrachtete. Diese verwegenen Seefahrer sind mit ihren Langbooten sogar über den Nordatlantik gefahren, ging es ihm durch den Kopf. Nussschalen auf dem Ozean – unsere Raumschiffe sind auch nichts anderes als das. Lächerlich unzulängliche Hilfsmittel, um die gewaltigen Distanzen innerhalb der unendlichen Sternenmeeres zu überwinden. Auch da stehen wir erst ganz am Anfang, so stolz der eine oder andere Würdenträger auch auf das Erreichte sein mag...

Captain Reilly ließ sich auf die Pritsche fallen, schloss kurz die Augen und ließ den Tag Revue passieren.

Eigentlich hatte er vorgehabt, sich etwas aufs Ohr zu hauen und seine normale Schlafzeit zu nehmen. Aber ein Summton zeigte ihm an, dass jemand ihn über Interkom zu erreichen versuchte.

„Kanal frei schalten!“, sagte der Kommandant der STERNENKRIEGER laut, musste aber feststellen, dass der Interkom-Anschluss in seiner Kabine offenbar nicht auf verbale Befehlseingabe geschaltet war. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich wieder von der Pritsche zu erheben, zu dem in die Wand eingelassenen Gerät zu gehen und es durch Berührung eines Sensorfeldes zu aktivieren.

Ein kurz auf dem Display eingeblendetes Logo machte Reilly deutlich, dass es sich um eine Transmission des Space Army Corps handelte, die über einen besonders gesicherten Kanal verschickt worden war.

Wenig später erschien das Gesicht Admiral Raimondos.

„Guten Abend, Commander Reilly – wenn Sie mir diese traditionelle, sich auf die Zeiteinteilung auf der Erde beziehende Begrüßung gestatten.“

„Guten Abend, Admiral“, erwiderte Reilly leicht verwirrt. Dass ich rund um die Uhr für den Admiral zur Verfügung zu stehen habe, hat mir vor meiner Beförderung allerdings niemand gesagt!, überlegte Reilly.

„Sie bekommen eine Startorder für morgen früh, 600 Universalzeit – genau wie die JUPITER.“

„Aye, aye, Sir!“

„Bevor es losgeht, hätte ich Sie und Van Doren gerne noch einmal unter sechs Augen getroffen. Viel Zeit ist bis dahin nicht mehr. Also schlage ich vor, dass Sie sich umgehend in meinem Büro auf Spacedock 1 einfinden.“

„Ja, Sir.“

„Raimondo Ende.“

Das Bild verschwand wieder. Das Display wurde dunkel. Da wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben – es sei denn, du legst Wert darauf, einen deiner Vorgesetzten schon gleich zu Beginn deines Kommandos aus einem nichtigen Grund gegen dich aufzubringen!

Eine Viertelstunde später traf Reilly im Büro des Admirals ein.

Van Doren war bereits da. Raimondo hatte eine Flasche edlen Syntho-Whiskey auf den Tisch gestellt und Van Doren sowie sich selbst bereits eingeschenkt.

Ein weiteres bislang leeres Glas stand schon für Captain Reilly bereit.

„Guten Abend, Commander“, begrüßte Raimondo den Kommandanten der STERNENKRIEGER einigermaßen herzlich. Auf seinem Gesicht stand ein stilles Lächeln. Reilly hatte das Gefühl, einer regelrechten Musterung unterzogen zu werden. Was zum Teufel soll das ganze Affentheater jetzt eigentlich noch?, ging es ihm ziemlich ärgerlich durch den Kopf.

„Bitte stehen Sie bequem und setzen Sie sich“, begann Raimondo. Reilly folgte dieser Aufforderung und nahm in einem der Schalensessel Platz.

„Möchten Sie einen Syntho-Whiskey? Beste marsianische Produktion!“

„Danke, nein, ich trinke keinen Alkohol“, erwiderte Reilly.

„Ganz wie Sie wollen“, sagte Raimondo Schulter zuckend. „Und wie steht es mit einer Zigarre?“

„Ich rauche auch nicht.“

„Wahrscheinlich haben Sie keine Lust, schon mit hundert zu sterben – das kann ich gut verstehen, Mister Reilly. Andererseits sind alle schönen Dinge entweder unhygienisch oder gefährlich, finden Sie nicht auch?“ 

„Dieser Verzicht bereitet mir keinerlei Schwierigkeiten und um ehrlich zu sein entspringt er auch keineswegs der Vernunft.“

„Ach nein?“

„Ich mag weder Zigarren noch Syntho-Whiskey. Das ist alles. Ich fürchte, wenn es anders wäre, wäre ich keineswegs vernünftig genug, sie nicht zu mir zu nehmen!“

„Eigenartig. Ich hatte ein ganz anderes Bild von Ihnen. Die psychologischen Tests weisen Sie als einen Mann aus, der seine Entscheidungen sehr überlegt trifft.“

Ein leicht verkrampftes Lächeln erschien auf Raimondos Gesicht, der sich danach selbst eine Zigarre nahm und  anzündete. In so gut wie allen öffentlichen Gebäuden auf der Erde war das Rauchen verboten. Die einzige Refugien in denen dieser als Gesundheitsgefährdung abgestempelter Genuss im Jahr 2234 noch geduldet wurde, waren Privatwohnungen – und das auch erst seit dem Ende der totalen Tabak-Prohibition, die zu Beginn des Jahrhunderts auf etwa der Hälfte aller heutigen Mitgliedsplaneten der Humanen Welten geherrscht hatte.

Van Doren hob das Glas, das man offenbar auch ihm angeboten hatte.

„Ich möchte Ihnen noch ein paar Dinge auf den Weg geben, damit Sie die Bedeutung Ihrer neuen Aufgabe erkennen“, sagte Raimondo. „Sie wissen ja, dass innerhalb des Space Army Corps ein Streit um die taktische Schule entbrannt ist, der inzwischen zu einem politischen Streit um die richtige strategische Ausrichtung der Raumstreitkräfte ausgewachsen ist.“

„Ja, Sir“, bestätigte Van Doren.

„Grob gesagt geht es darum, ob wir weiterhin mit einer Flotte von relativ wenigen, dafür aber schwer bewaffneten und großen Schlachtschiffen auskommen, die im Krisenfall von einem Ort zum anderen geschickt werden, um einen beginnenden Schwelbrand im Keim zu ersticken, oder ob wir statt dessen mit einer neuen Klasse von zahlreichen Leichten Kreuzern, die so konzipiert sind, dass sie unabhängig operieren können, die gesamte Strategie ändern könnten und endlich zu einer wirksamen Überwachung unserer Grenzen kämen!“

„Sie bräuchten sehr viel mehr Schiffe, als derzeit im Space Army Corps vorhanden sind, um die Kontrolle der Grenzgebiete sicher zu stellen“, war Commander Reilly überzeugt.

Raimondo nickte, nippte kurz an seinem Glas und nahm anschließend noch einen tiefen Zug aus der Zigarre, die er sich in der Zwischenzeit angezündet hatte. Reilly hatte ihn dabei ziemlich aufmerksam beobachtet. Da das Zigarrenrauchen ähnlich wie das Kaffee trinken oder die Durchführung einer japanischen Teezeremonie nur noch von Außenseitern und Nostalgikern der Prä-Weltraum-Ära praktiziert wurde, bekam man so ein Schauspiel nicht jeden Tag zu sehen.

„Was Sie sagen ist der entscheidende Punkt, Commander Reilly!“, erklärte Raimondo. „Eine wirkungsvolle Schutzmacht unserer Randgebiete aufzustellen, die auch in der Lage wäre, notfalls an mehreren Fronten gleichzeitig aktiv zu werden, wenn dies die Lage erfordern sollte, wird Unsummen verschlingen. Die neuen Leichten Kreuzer werden zwar als leicht bezeichnet, aber das heißt nicht, dass sie weniger aufwendig herstellbar sind als frühere Kriegsschiffe vergleichbarer Größe. Der Hersteller hat in unserem Auftrag alles in die Schiffe hineingepackt, was an moderner High Tech zur Verfügung steht. Außerdem wurde die Bewaffnung erheblich verstärkt. Das muss sich natürlich bei den Kosten niederschlagen. Ich weiß nicht, ob Sie bei Gelegenheit mal dazu gekommen sind, eine Debatte im Humanen Rat über das Mediennetz zu verfolgen...“

„Um ehrlich zu sein, habe ich diese Problematik bisher nur am Rande verfolgt“, erklärte Reilly.

Bei Van Doren war es ähnlich.

Für keinen der beiden hatte schließlich vor ein paar Wochen noch die Notwendigkeit bestanden, sich in irgendeiner Form mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.

Raimondo fuhr fort: „Die Fraktion um Julian Lang wird immer stärker – und Sie wissen, was das bedeutet. Lang predigt schon seit langem einen Kurs, der in erster Linie auf wirtschaftliche Prosperität und freien Handel setzt, so als sei dieses Credo allein schon eine Garantie für alles andere.“

„Man sagt, dass Lang das Zeug zum Vorsitzenden hätte!“, äußerte Reilly.

„Ja, er strebt schon lange an, Hans Benson und seine moderate Gruppierung aufzulösen. Wenn ihm das gelingen sollte, dann müssen wir uns alle darauf einstellen, dass der Rotstift radikal am Space Army Corps angesetzt wird. Die Entwicklungsprojekte für ein Jahr werden in diesem Fall wahrscheinlich über zehn oder fünfzehn Jahre gestreckt – nur dann könnte es tatsächlich zu spät für uns sein!“

Der beschwörende Tonfall, den Raimondo jetzt an den Tag gelegt hatte, fiel Reilly nun auf. Vielleicht wäre er mit dieser Begabung, sich selbst emotional in die jeweilige Angelegenheit einzubringen, tatsächlich besser in die Politik gegangen, überlegte der Kommandant der STERNENKRIEGER. „Der Schiffstyp, dem die STERNENKRIEGER sowie die JUPITER angehört, ist zweifellos revolutionär neu“, gab er zu. „Aber wir hätten durch den verstärkten Einsatz solcher Schiffe mittelfristig eine realistische Chance, um einen eventuellem Angriff abzuwehren.“

„Ich gebe in jedem Einsatz mein Bestes“, erklärte Van Doren mit einer Gelassenheit, die Reilly überraschte. Auf Raimondos Gesicht erschien ein flüchtiges Lächeln. „Das weiß ich, Commander. Und das ist einer der Gründe, weshalb ich Sie beide als Kommandanten der beiden Prototypen haben wollte. Mag sein, dass es sich um vergleichsweise kleine Einheiten unserer Raumflotte handelt, aber hier sehe ich die Zukunft des Space Army Corps – nicht in der Konstruktion immer gewaltigerer Schlachtschiffe. Wendigkeit und Flexibilität heißen die Zauberworte, aber das haben leider viele in unserer Hierarchie noch nicht begriffen.“ Raimondo schaute die beiden an. Schließlich fuhr er fort. „Es hängt viel von Ihnen ab!“, fand Raimondo. „Wenn sich die neuen Einheiten nicht bewähren sollten, stehen wir – einige Gleichgesinnte und ich – vor einem politischen Scherbenhaufen. Also erweisen Sie sich als Ihres Kommandos würdig, denn wenn der Fall, von dem ich gerade gesprochen habe, eintritt, wird das Space Army Corps zu einem dekorativen aber zahnlosen Tiger.“

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8

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Vier Stunden später brach die STERNENKRIEGER zu ihrer ersten Mission auf. Das 110 m lange, zylinderförmige Raumschiff löste sich von Spacedock 1.

Captain Reilly hatte im Sitz des Kommandanten auf der ziemlich engen Brücke Platz genommen und blickte angespannt auf den großen Panoramabildschirm. Der Bildausschnitt veränderte sich. Man hatte den Eindruck, dass die Spitze der STERNENKRIEGER um mehr als 180 Grad herumgeschwenkt wurde. Die blaue Kugel der Erde glitt langsam aus dem rechten Bildrand heraus.

„Ruder, bringen Sie uns auf Kurs und starten Sie die Maschinen!", befahl Reilly.

„Aye, aye, Captain!", bestätigte Lieutenant Ramirez. Lieutenant Gorescu meldete sich über Interkom. Sein Gesicht erschien auf einem Nebenbildschirm, während er die volle Funktionsbereitschaft der Ionentriebwerke meldete.

Daraufhin schaltete Ramirez die Maschinen auf maximale Beschleunigung.

Der Boden zu ihren Füßen vibrierte leicht. Ein tiefer Brummlaut ging durch das gesamte Schiff und löste überall ganz charakteristische Vibrationen aus. 

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​  Kapitel 4:  GEHEIMNISSE

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Austritt aus dem Sandströmraum“, meldete Ruderoffizier Lieutenant Clifford Ramirez. „Die Austrittsgeschwindigkeit beträgt 0,3976 LG. Ich leite jetzt das Bremsmanöver ein.“

Auf der Anzeige des Panoramaschirms war durch den Austritt aus dem Sandströmraum keinerlei Veränderung zu erkennen. Anderthalb Wochen waren vergangen, seit die STERNENKRIEGER und die JUPITER von Spacedock 1 aus aufgebrochen waren. Jetzt steuerten sie jene Koordinaten an, die als letzte gültige Positionsangabe des Zerstörers CAMBRIGDE unter dem Kommando von Captain Jay Thornton galt. 

Etwa zehn Stunden würde die STERNENKRIEGER brauchen, bis sie diesen Zielpunkt erreicht hatte.

Das in dieser Zeit durchgeführte Bremsmanöver sorgte dafür, dass der Leichte Kreuzer neuen Typs nicht wie ein Geschoss an seinem Ziel vorbeiraste, ohne dass die Chance bestand auch nur ein paar gescheite Fotos des betreffenden Raumsektors aufzunehmen oder eine Ortung von vernünftiger Qualität durchführen zu können.

„Ortung?“, fragte Captain Reilly. „Irgendwelche relevanten Daten?“

„Negativ, Captain. Wir empfangen derzeit keinerlei Signale, die auf Space Army Corps Signaturen hindeuten. Möglicherweise ändert sich das aber, wenn wir uns weiter den letzten Positionsdaten der CAMBRIDGE nähern.“

Jessica Wu, die Ortungsoffizierin meldete sich zu Wort. „Die letzte Position der CAMBRIDGE befand sich in der Nähe eines Systems, das von ihr gerade katalogisiert wurde und das daher die Bezeichnung Cambridge 2234/11  erhielt. Ein Roter Riese mit einem einzigen Trabanten, der von Captain Thornton auf den Namen Blue Eye getauft wurde. Die offizielle Katalogbezeichnung für diesen Planeten lautet jetzt Cambridge 2234/11 I, aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sich dies im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen wird.“

„Bleiben wir bei Blue Eye“, meinte Commander Reilly. „Was ist das für ein Planet?“

„Den wenigen Daten nach, die die CAMBRIDGE bereits übermitteln konnte, handelt es sich um einen Gasriesen, der um ein vielfaches größer ist als Jupiter. Die Massewerte liegen knapp vor der kritischen Grenze, die eine Fusionsreaktion im Inneren auslösen würde.“

„Eine verhinderte Sonne also“, stellte Reilly fest.

Lieutenant Wu strich sich eine Strähne ihres schulterlangen, seidig glänzenden blauschwarzen Haars zurück und wandte sich kurz zu ihrem Captain herum. Sie nickte. „So kann man es auch ausdrücken, Sir.“

„Die Frage nach Leben dürfte sich auf Blue Eye erübrigen“, meinte indessen Lieutenant Commander Soldo, der sich die entsprechenden Daten auf die eigene Konsole geladen hatte. Er tippte mit den Fingern der rechten Hand auf dem Touch Screen herum und ließ auf einem Bildfenster des Hauptschirms eine Darstellung des Systems entstehen. Zunächst handelte es sich um eine Realdarstellung, gewonnen aus Fotos, die die CAMBRIDGE noch mit ihrem letzten Datenpaket hatte übermitteln können. Dann verwandelte sich das Bild in eine schematische Darstellung, auf der nun auch die Monde des Gasriesen Blue Eye sichtbar wurden. Die Zahl wurde mit 132 angegeben. Die größten von ihnen hatten beinahe die Größe der Erde und ihrerseits wiederum Trabanten.

Ein kompliziertes Sub-System.

Die Bahn-Simulation machte das deutlich.

„Chemischer Hauptbestandteil von Blue Eye sind Methan und Wasserstoff“, erklärte Lieutenant Wu. „Es gibt Hinweise auf einen Kern aus Wasserstoff, der unter dermaßen hohem Druck steht, dass er quasi-metallische Eigenschaften hat und ein sehr starkes Magnetfeld erzeugt. Etwa zwei Dutzend der Monde hat Atmosphäre. Die über hundertdreißig Monde hat Captain Thornton nach den Mitgliedern seiner Besatzung benannt. Er ist dabei entsprechend der Bordhierarchie vorgegangen.“

„Also heißt der größte Brocken jetzt Thornton und der kleinste Krümel ist nach irgendeinem Crewman benannt!“, stellte Reilly fest. „Das sieht Thornton ähnlich! Ich habe von ihm gehört. Als ein Beispiel für Bescheidenheit ist er bisher wohl nicht aufgefallen.“

„Das kann ich nur bestätigen“, erklärte Soldo. „Ich habe als Fähnrich unter Captain Thornton gedient. Er war - wie soll ich sagen? – sehr von sich eingenommen. Man hatte immer den Eindruck, dass das Funktionieren des Space Army Corps von ihm abhinge...“

„Bei gleichrangigen Besatzungsmitgliedern wurde die Alphabetische Reihenfolge angewendet“, fuhr Wu fort. „Und da die Anzahl der Besatzungsmitglieder größer war als die der Blue Eye-Monde, begann am Ende das ganze noch einmal von vorn – diesmal mit den Vornamen.“

„Markieren Sie bitte auf der Bilddarstellung die letzte Position der CAMBRIDGE!“, forderte Commander Reilly.

Lieutenant Wu gehorchte.

Die Position wurde markiert.

„Sie liegt ganz in der Nähe eines erdgroßen Brockens aus Eis und Gestein. Es handelt sich um das größte Objekt im Subsystem von Blue Eye...“

„Und trägt demzufolge den Namen Thornton!“, stellte Reilly fest.

„So ist es, Captain.“

„Gibt es Erkenntnisse darüber, weshalb die CAMBRIDGE sich Thornton so weit genähert hat?“, hakte Reilly nach.

Lieutenant Wu nickte.

„Nein, Sir. Allerdings glaube ich nicht, dass dafür ein besonderer Grund notwendig war. Thornton ist ein interessantes Objekt. Zwar herrschen dort Höchsttemperaturen von nahe Minus 100 Grad Celsius, aber es gibt eine sehr dichte Atmosphäre. Sie besteht zum Großteil aus Stickstoff und Kohlendioxid. Darüber hinaus gibt es noch ein paar Schwefelverbindungen und etwa 8 Prozent Sauerstoff.“

„Ein bisschen wenig zum Atmen“, kommentierte Reilly. „Zumindest, wenn man menschliche Maßstäbe anlegt.“

Jessica Wu fuhr fort: „Es ist dort so kalt, dass Methan in flüssiger Form vorliegt. Es gibt mehrere große Methan-Binnenmeere und Flüsse und vermutlich existiert eine Art Methankreislauf mit Wolken und Regen, wie wir es beim Wasser auf der Erde kennen. Das Wasser ist auf Thornton allerdings so hart gefroren, dass es die Eigenschaften von Gestein aufweist. Thornton besitzt zwei Sub-Monde, die die Namen Jim und Jack erhalten haben. Fragen Sie mich aber nicht, nach welcher Systematik diese Namen vergeben wurden. Aus den vorliegenden Daten geht das nicht hervor und in der Personalliste der CAMBRIDGE gibt es niemanden mit diesen Vornamen.“

„Vielleicht hat Captain Thornton da ein paar ferne  Verwandte verewigt!“, glaubte Chip Barus, der Waffenoffizier.

Commander Reilly ging auf diese Bemerkung nicht weiter ein. Stattdessen sagte er: „Es muss einen Grund für Captain Thornton gegeben haben, um diesen Mond anzufliegen.“

„Captain, ich korrigiere Sie ungern, aber bislang gibt es noch keinerlei stichhaltigen Hinweise darauf, dass die CAMBRIDGE diesen Himmelskörper überhaupt angeflogen hat, wie Sie es formulieren“, erwiderte Soldo. „Wir wissen nur, dass die CAMBRIDGE sich zum letzten Mal von dort meldete....“

Reilly lehnte sich zurück.

Er hat recht!, dachte er. Wir tun sicher gut daran, uns nicht zu schnell ein Urteil zu erlauben, das sich nur allzu leicht als Vorteil erweisen kann.

„Captain, ich erhalte soeben Daten über eine Raumzeit-Strukturerschütterung“, meldete Jessica Wu. „Spezifizierung erfolgt, sobald neue Daten vorliegen.“

„Ich vermute, dass es sich um die JUPITER handelt“, erklärte Soldo.

Er sollte Recht behalten.

Nur wenige Augenblicke später empfingen die Ortungssysteme der STERNENKRIEGER die typischen Signaturen, die von Systemen eines Space Army Corps Schiffs ausgingen. Insbesondere der Ionenantrieb war auf weite Entfernung unverwechselbar zu orten, so fern er sich im aktivierten Status befand.

Aber selbst der Bereitschaftsstatus reichte für eine eindeutige Identifikation schon aus.

„Wir erhalten eine Transmission von der JUPITER“, erklärte Lieutenant Wu. „Commander Van Doren wünscht Sie zu sprechen, Captain.“

„Auf den Schirm mit ihm!“, verlangte Reilly. „Schalten Sie den Kanal frei, Lieutenant!“

„Aye, aye, Sir!“

Im nächsten Augenblick erschienen Gesicht und Oberkörper des Captains der JUPITER auf dem Hauptschirm der STERNENKRIEGER-Brücke.

„Hallo, Willard, ich hoffe, bei euch ist alles glatt gegangen!“

„Wir haben keinen Grund, uns zu beklagen, Steven“, erwiderte Reilly.

„Wir können an Bord der JUPITER leider nicht dasselbe behaupten.“

„Was ist passiert?“

„Es gibt Probleme mit dem Sandströmaggregat. Sie sind Lieutenant Aldosari, unserem L.I. bereits in der Endphase des Sandströmflugs aufgefallen. Es gibt eine Inkonsistenz des Alpha-Faktors, die eigentlich nicht auftreten darf. In der Konsequenz könnte es uns passieren, dass sich das Sandströmaggregat nicht mehr starten lässt.“

„Gibt es eine Hypothese darüber, was die Ursache ist?“

„Die Sandströmaggregate in den Leichten Kreuzern neuen Typs unterscheiden sich vor allem dadurch, dass man sie räumlich sehr komprimiert hat – und zwar auf etwa sechzig Prozent des Normalvolumens.“

„Mit den technischen Standards des Schiffs bin ich vertraut“, erwiderte Reilly. „Der gewonnene Raum ist wohl voll und ganz in die stärkere Bewaffnung investiert worden.“

„Lieutenant Aldosari meint, dass diese Komprimierung der Unsicherheitsfaktor ist. Das System scheint nicht ausreichend auf die geringere Größe der einzelnen Spulen kalibriert worden zu sein. Wie gesagt, ich verstehe nur so viel davon, wie an der Akademie an Sandströmtechnik gelehrt wird, aber vielleicht solltest du mal deinen L.I. darauf anspitzen, ob er an eurem Antriebsystem ähnliche Anomalien feststellen kann!“

„Das werde ich.“

„Lieutenant Aldosari unterzieht gegenwärtig auch den Überlichtfunk einer technischen Überprüfung. Da dieser ja erstens auch der Sandström-Technik beruht, zweitens ebenso komprimiert wurde wie die Antriebsaggregate, könnte es auch zu ähnlichen Fehlfunktionen führen. Zumindest theoretisch.“

Reilly atmete tief durch.

„Ich danke dir für diese wenig erfreulichen Informationen, Steven.“

„Ich hoffe nicht, dass wir am Ende weit jenseits der Grenzen unseres Territoriums festsitzen und darauf hoffen müssen, dass uns jemand abholen kommt. Sicherheitshalber habe ich eine aktuelle Statusmeldung inklusive Positionsangaben über Sandströmfunk an das Oberkommando abgesandt.“

„Hast du die bestehenden Probleme in diesem Bericht bereits erwähnt?“, hakte Reilly nach.

Van Doren nickte. „Soweit das in der Kürze der Zeit möglich war, ja. Einzelheiten müssten von den Experten des Oberkommandos aus dem technischen Statusbericht ersichtlich sein.“

Commander Reillys Augen verengten sich etwas. „Dann wollen wir mal sehen, ob wir an Bord der STERNENKRIEGER ebenfalls fündig werden... Aber ehrlich gesagt verstehe ich noch immer nicht, wie es zu einem derartigen Desaster kommen konnte!“

„Noch ist die Bezeichnung Desaster für das, womit wir es zu tun haben, wohl etwas verfrüht“, wandte Van Doren ein. „Zurzeit gehe ich noch davon aus, dass unsere von Admiral Raimondo handverlesene technische Crew das Problem in den Griff bekommt.“

„Meld dich bitte, soweit du etwas Neues weißt.“

„Selbstverständlich.“

„Außerdem will ich sämtliche Daten des technischen Statusberichts meinem L.I. zur Verfügung stellen!“

„Alles, was bisher vorliegt ist im Datenstrom dieser Transmission enthalten“, gab Van Doren zurück. „Van Doren Ende.“

Das Bild des Kommandanten der JUPITER verschwand vom Hauptschirm.

Willard Reilly erhob sich aus seinem Schalensitz und zog dabei die Uniformjacke glatt. Er wandte sich an seinen Ersten Offizier.

„Wie ist so etwas möglich?“, ereiferte sich der Captain der STERNENKRIEGER. „Da wird von einem Team ausgesuchter Spezialisten der Prototyp einer neuen Klasse von Raumschiffen entwickelt, die erhöhten technischen wie taktischen Ansprüchen gerecht werden und sowohl zur Unterstützung von großen Schlachtschiffen in einer geschlossenen Kampfformation, als auch zur Durchführung eigenständig durchgeführter Operationen geeignet ist. Man entwickelt neuartige Sandströmaggregate, die nur noch etwas mehr als die Hälfte des Raums einnehmen, den ihre älteren Verwandten besetzt hatten und es stellt sich heraus, dass die Dinger offenbar einen Flug über 59 Lichtjahre nicht durchstehen!“

Soldo hob die Augenbrauen, die kaum zu sehen waren, da sie genau wie seine Kopfbehaarung eine sehr helle Blondfärbung aufwiesen.

„Ich bin ebenso erstaunt wie Sie, Captain. Aber der technische Prüfbericht des L.I., der noch auf Spacedock 1 durchgeführt wurde, war ohne irgendeine Beanstandung.“

„Kann es sein, dass vorher etwas schief gegangen ist?“

„Das ist natürlich eine Möglichkeit, Captain. Aber bei der Neueinführung eines Prototyps finde ich das extrem unwahrscheinlich. Jeder, der auf irgendeine Weise auf technischer Seite mit dem Projekt zu tun hat, weiß doch, dass sein Name auf dem Spiel steht, wenn geschludert wurde. Im Übrigen gehe ich davon, dass umfangreiche Testreihen gerade mit den Antriebsaggregaten durchgeführt wurden. Das ist doch Standard, schließlich ist der Leichte Kreuzer neuen Typs nicht der erste Prototyp des Space Army Corps!“

Eine Pause des Schweigens entstand. Commander Reilly kratzte sich am Kinn. Eine tiefe Furche bildete sich auf seiner Stirn. Die Antwort des Ersten Offiziers konnte niemanden ernsthaft zufrieden stellen. Auch Soldo selbst nicht. Im Moment lässt sich wohl nicht feststellen, was die Ursache der Anomalie auf der JUPITER ist, überlegte Reilly. Er drehte sich um, trat an die Konsole, die zum Platz des Captains gehörte und stellte durch die Berührung eines Sensorfeldes eine Interkom-Verbindung in den Maschinentrakt her.

Das Gesicht von Lieutenant Gorescu erschien auf dem dazugehörigen Display.

„Captain?“

In knappen Worten fasste Reilly zusammen, was er erfahren hatte. „Die dazugehörigen Daten der JUPITER sind über den Bordrechner abrufbar, L.I.. Sehen Sie sich genau an, was da los ist und führen Sie für die STERNENKRIEGER eine genaue Überprüfung durch.“

„Aye, aye, Captain. Allerdings sind während des Flugs keine Inkonsistenzen des Alpha-Faktors aufgetreten. Zumindest wurde bei den Abweichungen die Alarmschwelle nicht erreicht.“

„Kümmern Sie sich darum, L.I.. Es gibt meines Erachtens keinen Grund, weshalb wir von den Schwierigkeiten, die die JUPITER hat, verschont bleiben sollten. Schließlich sind unsere Schiffe nicht nur vollkommen baugleich, sondern auch sämtliche Prüfprozeduren sind bei beiden Schiffen analog durchgeführt worden.“

„Das ist mir durchaus bewusst, Captain“, erwiderte Lieutenant Gorescu.

„Unterrichten Sie mich bitte umgehend, falls Ihr Team irgendetwas herausgefunden haben sollte.“

„Ja, Sir.“

„Reilly, Ende.“

Der Captain unterbrach die Verbindung. Er wandte sich an Soldo. „Sie haben bis auf weiteres die Brücke, I.O.“

„Aye, aye, Sir.“

„Wir haben noch einige Stunden Zeit, bis wir den Zielpunkt erreichen und genug abgebremst haben, um dort weitere Nachforschungen über das Schicksal der CAMBRIDGE anzustellen. Führen Sie in den nächsten zwei bis drei Stunden eine Teilüberprüfung aller Systeme durch. Ordnen Sie dazu die Brückenoffiziere ab und lassen Sie diese durch die Fähnriche vertreten. Vor 1700 Bordzeit brauchen wir auch wohl kaum mit irgendwelchen Ortungsergebnissen rechnen, die eine besondere Reaktion unserseits erfordern würden.“

„Ist es nicht etwas riskant, die Brückenbesatzung gerade in einer so entscheidenden Phase durch Fähnriche stellen zu lassen?“

„Unsere Fähnriche habe während des anderthalbwöchigen Sandströmfluges, der hinter uns liegt, bewiesen, dass sie über die notwendigen Fähigkeiten voll und ganz verfügen“, äußerte Captain Reilly seine Ansicht. „Außerdem wäre ein  Verzicht auf die Systemüberprüfung in meinen Augen das größere Risiko. Spätestens sobald wir die letzte Position der CAMBRIDGE erreichen, müssen wir die volle Einsatzbereitschaft wieder hergestellt haben. Lieutenant Wu?“

„Ja, Captain?“

„Rufen Sie Bruder Padraig und beordern Sie ihn in meinen Raum.“

„Jawohl, Sir.“

Willard Reilly durchquerte die Brücke der STERNENKRIEGER. Eine Schiebetür öffnete sich vor ihm. Sie führte zum Raum des Captains. Im nächsten Augenblick war er dahinter verschwunden.

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Der Alleinige hatte den Kasten, in dem sich das Götterkind befand, hinter sich hergezogen und auf eine Anhöhe gebracht, von der aus sich das gesamte Umland gut überblicken ließ.

Die Flut hatte inzwischen ihren Scheitelpunkt längst überschritten und zog sich wieder zurück. Der Alleinige hatte genug Nahrung erbeuten können, um fürs erste zu überleben. Oben auf der Anhöhe lagerte er.

Er schlang etwas von den mitgeführten Beutestücken in sich hinein. Sein Metabolismus war in der Lage, auch sehr kalte Nahrung aufzunehmen und innerhalb seines Körpers aufzutauen.  Allerdings war dem Alleinigen durchaus klar, dass er nicht zuviel verschlingen durfte. Das Aufwärmen der Nahrung innerhalb des Körpers verbrauchte sehr viel Energie und schwächte den betreffenden Whuuorr erheblich.

Die Tatsache, dass man ihm das Kind der Götter gesandt hatte, hatte der Alleinige noch immer nicht richtig verarbeitet.

Wie sollte er dieses Zeichen verstehen?

In seinem Inneren herrschte heller Aufruhr. Er hatte das Gefühl, etwas zu erleben, das seit Generationen keinem anderen Whuuorr widerfahren war – und zwar seit jenen mythischen Zeiten, in denen die oft ausufernden, mündlich von Generation zu Generation tradierten Geschichten der Whuuorr spielten.

Was ist es, was hier geschieht? Ist es Teil einer Segnung durch die Gottheiten? Oder Teil einer Bestrafung? Du wirst es wohl oder übel erleben... So oder so!

Der Alleinige wandte sich dem Kasten zu. Er blickte durch die Scheibe und kratzte das Trockeneis ab, das sich an den Rändern von außen abgesetzt hatte. Es muss ein Kind sein, ging es im durch den Kopf. Schon der Größe wegen. Aber eigentlich kann es sich nur um eine ausgesetzte Missgeburt handeln – mit so wenig Haaren!

Und dann hatte es nur eine einzige Öffnung, von der dem Alleinigen noch nicht einmal klar war, ob sie überhaupt funktionsfähig sein konnte. Sie war geschlossen. Aber eigentlich war es undenkbar, dass sich dahinter wirksame Beißwerkzeuge befanden.

Und dann die Augen...

Zwei waren es nur. Und auf der Schädeldecke fehlte jeglicher schwenkbarer Fortsatz. Ein Krüppel. Oder vielleicht auch die Ausgeburt eines Dämons, den dir die Götter übergaben, um dich zu prüfen. Natürlich hast du die Prüfung nicht bestanden und dich täuschen lassen, du Narr, der du von ruhmreichen Flussbezwingern abstammst und selbst nichts weiter als ein Tölpel bist!

Die Möglichkeit erschien ihm auf einmal sehr wahrscheinlich.

Er überlegte, das Wesen – gleichgültig ob missgestaltetes oder göttliches Kind, ob Dämon oder Segensbringer – aus dem Kasten, in dem es gefangen war, herauszuholen.

Eher halbherzig riss er zunächst an einem der Tragegriffe herum, mit denen sich der Kasten einigermaßen handlich transportieren ließ, auch wenn die Griffe selbst für das zierliche Handpaar viel zu klein waren.

Einer der Griffe riss ab.

Mit einem grollenden Fluch, der ihm über die Lippenmembran seiner rechten Essöffnung kam und von einem durchdringenden, knirschenden Laut der Beißwerkzeuge begleitet wurde, schleuderte er es von sich.

Allerdings bereute er diesen Akt der Wut schon sehr bald wieder.

Was, wenn es sich tatsächlich um eine Gabe der Götter handelte? Was, wenn er die Wiege des Götterkindes, das vielleicht an den Maßstäben der Sterblichen gemessen missgestaltet war, beschädigt hatte?

So stieg der Alleinige den Hang ein Stück hinab, um den Griff zurückzuholen. Es dauerte eine Weile, bis er ihn gefunden hatte. Als er zurückkehrte, war auch der blaue Riese bereits im Begriff unterzugehen.

Ein Flugobjekt am Himmel fiel ihm auf. Es war tellerförmig und senkte sich langsam der Oberfläche entgegen. Was mag das sein?, dachte er. Nie zuvor hatte er etwas Vergleichbares gesehen. Er wusste nur, dass es keines jener Flugtiere war, die es auf seiner Welt gab. Kein Höhensegler. Keine Flugqualle oder ähnliches.

Ein weiteres tellerförmiges Flugobjekt tauchte jetzt aus einem der Wolkengebirge hervor, die sich am Himmel türmten und die eigentlich zu dieser Tageszeit relativ gut sichtbaren Monde verdeckten. Dieser zweite Flugkörper jagte hinter dem ersten her. Seine Geschwindigkeit war höher.

Beide Objekte verschwanden wenig später hinter einer nahen Bergkette.

Sie landen genau dort, wo sich das Gebiet meines Stammes befindet!, wurde es dem Alleinigen jetzt klar.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag mit einer Knochenkeule.

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Erneut bemühte sich der Alleinige in den nächsten Stunden darum, den metallenen Kasten zu öffnen, in dem das Götterkind gefangen war. Aber das gelang ihm nicht. Auch fragte sich der Whuuorr mittlerweile, ob dieses Kind mit den Haaren am Kinn tatsächlich überhaupt noch lebte.

Wenn es tatsächlich ein Kind der Götter ist, so sollte es vom diesen eigentlich die Eigenschaft der Unsterblichkeit geerbt haben, überlegte er.

Konnte es sein, dass die Götter in Wahrheit gar nicht unsterblich waren? Oder, dass auch sie das Schicksal der Sterblichen teilten, denen viele ihrer Jungen schon in den ersten Lebensjahren einfach wegstarben?

Was, wenn es kein Gnadenakt der Götter gegenüber mir ist, sondern sie mir einfach nur ein schwächliches, missgestaltetes Kind gaben, dessen Schicksal wahrscheinlich ohnehin von Anfang an besiegelt war?

Der Alleinige überlegte, ob es vielleicht sinnvoll war, jetzt zu seinem Stamm zurückzukehren. Schließlich hatten die Götter ihre Gunst auch dorthin geschickt, wie er mit eigenen Augen gesehen hatte. Wenn er den anderen Stammesangehörigen den Kasten mit dem Götterkind zeigen konnte... Vielleicht würden sie ihm dann verzeihen und ihn wieder aufnehmen, denn die Gunst der Götter verband sie doch schließlich.

Der Alleinige rang mit sich.

Ein Whuuorr sollte nicht allein leben, lautete ein bekannter Spruch aus der Überlieferung, der von Generation zu Generation weiter tradiert wurde. Für eine gewisse Zeit war der Alleinige tatsächlich so weit gewesen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, für den Rest seiner Tage ein Einzelgänger zu sein. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.  Eine andere Stimme meldete sich in ihm, die ihn warnte. Es ist noch zu früh. Du hast den Schnellen Läufer im Streit erschlagen und kannst jetzt nicht erwarten, dass der Stamm das so schnell vergessen wird – selbst dann nicht, wenn du das Götterkind bei dir hast und damit die Verheißung, dass die Götter dem Stamm, bei dem ihr Kind wohnt, nichts Übles tun werden.

Der Alleinige grübelte lange und dachte daran, dass er liebend gerne wieder Flussbezwinger gewesen wäre. Er trauerte jenem Leben nach, mit dem er eigentlich bereits längst abgeschlossen hatte.

Schließlich nahm er den Kasten mit dem Götterkind, lud ihn sich auf die breiten Schultern und durchquerte auf diese Weise die Ebene, die zwischen der Anhöhe und dem nahen Gebirge lag, das aus einer Kette von Vulkankratern bestand. Manche davon waren noch aktiv. Es war gefährlich sich den Kegeln zu nähern. Manchmal kam urplötzlich flüssiges Wasser an die Oberfläche und riss dann in großen Strömen alles mit sich. Wann es soweit war, konnten selbst die Schamanen nicht vorhersagen. Ein Gesetz aus der Überlieferung untersagte es ihnen schlichtweg auch.

Einmal machte der Alleinige unterwegs an einem schmalen Methanfluss Rast, der durch die ansonsten zu Eis erstarrte Landschaft mäanderte. Der Fluss führte wenig Flüssigkeit, was es für den Alleinigen leichter machte, ein paar Kleinflosser zu fangen. Die Koordination seiner drei Augen ermöglichte ihm ein außergewöhnlich gutes und sehr exaktes räumliches Sehen. Entfernungen, Abstände und Bewegungen vermochte er sehr sicher einzuschätzen. Ein Stoß mit der Riesenflosser-Gräte und es hatte irgendeinen der Kleinflosser erwischt, die jetzt in der Methansuppe herum schwammen und darauf warteten, dass der Flüssigkeitsstand sich mit dem nächsten Regen oder der kommenden Flut wieder erhöhen würde, sodass sie bessere Entfaltungsmöglichkeiten hatten.

Während der Alleinige so dasaß, die Beute zerteilte und sie verschlang, so lange sie noch einigermaßen warm war, schaute er auf das Fenster im Kasten, wo das Gesicht des Götterkindes zu sehen war.

Gesicht – ich frage mich, ob das für diese entstellte Maske überhaupt das richtige Wort ist! dachte er, schämte sich aber sofort für diesen frevelhaften Gedanken.

„Warum bleibst du stumm?“, fragte der Whuuorr in seiner Sprache und tickte mit den Fingern der zarten Hand links gegen das Fenster. Dass es ein Material gab, das durchsichtig und gleichzeitig hart war, konnte er akzeptieren. Es muss sich um eine ganz besondere Form des Eises handeln!, dachte er. „Kannst du nicht reden – oder ist es für ein Götterkind unter seiner Würde, mit einem Namenlosen zu sprechen, der die Gunst der Götter eigentlich verwirkt hat und dem sie nun doch noch auf so wunderbare Weise zuteil wurde?“

Es erfolgte keinerlei Reaktion.

Einige Augenblicke lang überlegte er, ob er nicht doch einen Versuch starten sollte, um den Kasten zu öffnen. Aber dann entschied er sich dazu, dies bleiben zu lassen. Besser, ich frage erst den Schamanen meines Stammes, war sein Gedanke, denn er fürchtete, das Götterkind möglicherweise zu verletzen.

Der Alleinige schleppte den Kasten wieder mit sich. Inzwischen hielt er ihn an einem der Außengriffe fest und schleifte ihn überwiegend hinter sich her. Seltener nahm er ihn über die Schulter.

Schließlich erreichte der Alleinige die ersten Ausläufe jenes Gebirges, das er von der Anhöhe aus gesehen hatte. Die Krater, die sich hier aneinander reihten,

Eines der tellerförmigen Flugobjekte schwang sich hinter den dunklen, ewig schattigen Berge hervorkommend, wieder in die Atmosphäre empor. Es dauerte einige Zeit, ehe es irgendwo in den düsteren Wolkengebirgen verschwunden war.

So hoch kann niemand fliegen!, ging es dem Alleinigen durch den Kopf. Zumindest keine Art, die ich je kennen gelernt hätte oder von der mir die Alten erzählt hätten!

Er ließ den Kasten an einer geschützten Stelle zurück, um sich etwas besser in der Umgebung umsehen zu können.

Schließlich wollte er wissen, wie sein Stamm auf das fliegende Objekt reagiert hatte.

Auf schmalen Faden klettere er auf die andere Seite der Gebirgskette. Der blaue und der rote Riese wechselten sich dabei mehrfach ab. Für eine gewisse Zeit des Tages waren sie jetzt bereits gleichzeitig am Himmel zu sehen. Im Verlauf des Jahres würden sich diese Phasen des gleichzeitigen Erscheinens noch verlängern. Außerdem dehnten sich dann die Phasen der Dämmerung aus, bis die Zeit der langen Nächte begann, in denen die Sterne sichtbar wurden. Der blaue Riese schob sich dann langsam vor den roten. Er wurde dabei zu einem dunklen Schatten, der vom roten Riesen nichts weiter als einen Feuerkranz übrig ließ - eine Zone absoluter Finsternis. Doch so weit war es noch nicht.

Der Alleinige wusste natürlich, dass die Zeit des roten Kranzes unaufhaltsam herannahte.

Der Stamm hatte sicherlich längst damit begonnen, Vorräte für diese Zeit zu sammeln, denn die Temperaturen fielen dann noch sehr viel tiefer als sonst und das bedeutete, dass viele Organismen sich in eine Art Winterschlaf zurückzogen. Die Whuuorr gehörten allerdings nicht dazu. Ihr Körper konnte den eigenen Metabolismus keineswegs so weit herunterfahren, dass sie kaum noch Nahrung brauchten und in irgendeiner Eishöhle überleben konnten, wie es beispielsweise die Höhensegler taten.

Der Alleinige machte sich an den Abstieg, bis er einen kanzelartigen Vorsprung erreicht hatte. Wenn das flüssige Wasser aus den Vulkanschloten herausschoss, um zuerst große, reißende Ströme zu bilden und dann schließlich in der klirrenden Kälte zu erstarren, bildeten sich bizarre Strukturen und ein Relief aus Erhebungen und Vertiefungen. In letzteren sammelte sich durch den Regen schließlich Methan. Andere waren mit sauren, ätzenden Substanzen gefüllt, aus denen gefährliche Dämpfe aufstiegen, die eine dauerhafte Trübung der Augen bewirken konnten.

Leichter Tropfenfall setzte ein. Langsam sanken Methantropfen hinab. Dort, wo sie in den kleinen, oft an ihrer grüngelben Färbung erkennbaren Säureseen auftrafen, zischte es jedes Mal und schmutzfarbene Nebel stiegen auf und verdarben auf Dauer die Fernsicht.

Der Alleinige harrte auf dem Vorsprung aus.

Sein drittes, am Ende des Schädeldeckenfortsatzes herauswachsendes Auge wies eine stark ausgeprägte Fähigkeit zur Detail-Fernsicht auf, während die beiden Kopfaugen im Nahbereich ihre Stärke hatten.

Da ist es also! Das Lager meines Stammes!

Aus den Außenmembranen von Riesenflossern hatten sie zeltartige Hütten errichtet, die von armdicken Rückgratgräten stabilisiert wurden.

In der Nähe waren die tellerförmigen Flugobjekte zu Boden gegangen.

Der Alleinige sah achtbeinige Wesen, die etwa halb so groß wie ein durchschnittlicher Whuuorr waren, aus den tellerförmigen Flugobjekten herausklettern.

Sternenschiffe!, dachte der Alleinige sofort. Denn die Legenden, die der Schamane erzählte, berichteten von bizarren Ungeheuern, die vor Urzeiten auf der Welt gelandet waren. Ihre Schiffe glichen jenen, die hier zu sehen waren. Sie hatten die Form der aus Eis geschlagenen Teller, auf denen die Whuuorr ihre Nahrung zerstampften und mit regenreinem Methan vermengten, damit sie besser genießbar war.

Den Legenden nach waren die Begegnungen mit den Sternenfahrern unterschiedlich verlaufen.

Es gab welche unter ihnen, die als freundliche Geister bezeichnet wurden. Andere wiederum waren finstere Dämonen, von denen grauenerregende Dinge erzählt wurden.

Dinge, von denen sich der Alleinige bisher nie hatte vorstellen können, dass sie tatsächlich irgendwann so geschehen waren. Vielmehr hatte er bis zu diesem Augenblick immer gedacht, dass der Schamane diese Geschichten immer nur deshalb erzählt hatte, um bei den Jungen Furcht und Respekt vor den Göttern zu befördern.

Und natürlich vor jenem Whuuorr, der als Schamane die Verbindung zwischen der Sphäre der Götter und den Niederungen der Sterblichen darstellte.

Kann es sein, dass die grausigen Geschichten doch der Wahrheit entsprechen?

Schauder überkam den Alleinigen.

Nie zuvor war er Zeuge derartigen Grauens geworden.

Von einem Kampf konnte man nicht sprechen. Die Achtbeiner besaßen offenbar Zauberwaffen, so wie es die Legende auch berichtete. Grünliche Strahlenblitze zuckten durch die Luft. Wo sie auftrafen, war alles zerstört.

Das Brüllen der Whuuorr war für die überaus feinen Ohren des Alleinigen noch zu hören. Zumindest die tieferen Laute, die das Eis zum Vibrieren brachten und über sehr weite Distanzen noch wahrnehmbar waren. Die Reichweite dieser tiefen Vibrationen steckte eigentlich jenen Bereich ab, den er als Verbannter zu meiden hatte, wollte er nicht ein Opfer des Zorns seines ehemaligen Stammes werden.

Schließlich war das Urteil gegen ihn rechtskräftig gewesen und für niemandem im Stamm hatte es auch nur den Hauch eines Zweifels an seiner Schuld gegeben, nachdem sich der Schamane in Trance versetzt, mit den Göttern geistige Verbindung aufgenommen und vor dem versammelten Stamm den Namen des Flussbezwingers als den des Täters für alle Zeiten verkündet hatte!

Der Alleinige selbst war sich dieser Schuld im Übrigen auch selbst bewusst.

Schließlich hatte er einen anderen Whuuorr im Streit getötet. Der Gedanke daran, aus dem Umstand, dass sein  Gegenüber und späteres Opfer diesen Streit begonnen hatte, mildernde Umstände zu ziehen oder gar dahingehend zu argumentieren, dass er sich doch nur selbst verteidigt hätte, wäre keinem Whuuorr je in den Sinn gekommen.

Der Alleinige bildete da keine Ausnahme.

Wer immer den Tod eines Stammesbruders verursachte, war zu verbannen, so lautete das Gesetz.

Die Hoffnung, dass die Wahrheit noch ans Licht kommen würde, da der Alleinige und sein Gegner bei ihrer Auseinandersetzung unter sich gewesen waren, war trügerisch gewesen. Die Götter sahen eben alles und der Schamane hatte ihren Stimmen offenbar gut zu lauschen gewusst.

Diese Gedanken rasten in diesem Augenblick zusammen mit einem Schwall anderer, ungeordneter Empfindungen und Regungen durch das Hirn des Alleinigen, das im übrigen zusammen mit dem Verdauungstrakt in der Körpermitte angesiedelt war, um es besser vor den äußeren Temperaturschwankungen schützen zu können.

Auch aus der Entfernung konnte der Alleinige deutlich erkennen, wie seine Stammesbrüder verzweifelt versuchten, sich gegen die Angreifer zu wehren. Angespitzte Riesenflosser-Gräten wurden durch die Luft geschleudert, aber kaum eine erreichte ihr Ziel. Die achtbeinigen Angreifer waren unerbittlich.

Wut erfasste den Alleinigen obwohl sein Stamm ihn ausgeschlossen hatte und er sich ihm eigentlich in keiner Weise mehr zugehörig fühlen durfte.

Aber die alte Bindung ließ sich nicht so einfach leugnen, wie es die Rechtssätze der Whuuorr verlangten.

Er fasste seine angespitzte Riesenflosser-Gräte mit beiden Händen und einige Augenblicke lang spürte er den starken Impuls, zum Lager zu stürmen und in den Kampf einzugreifen.

So aussichtslos das auch sein mochte.

Die Wut in ihm drohte übermächtig zu werden. Mit der Spitze seiner Riesenflosser-Gräte wollte er die achtbeinigen Angreifer der Reihe nach durchbohren und töten... Ein Nebel wirrer, gewalttätiger Gedanken tobte in seinem Kopf und bildete ein einziges, aufgewühltes Chaos.

Tief sog er die dichte Atmosphäre in sich hinein und atmete sie gleich danach wieder aus. Eine kondensierende Wolke aus winzigen Methan- und Wassertropfen schoss wie ein Dampfgebläse aus beiden Essöffnungen heraus. Die etwas weiter oberhalb gelegene, ausschließlich zum Atmen vorgesehene Öffnung blieb jedoch dabei geschlossen.

Mach dich nicht zum Narren!, versuchte er sich selbst auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Es hat keinen Sinn, gegen die Dämonen aus den Sternenschiffen zu kämpfen. Das kann nur ein so schlimmes Ende nehmen, wie es schon die uralten Geschichten des Schamanen aussagen...

Eigentlich gab es angesichts dieser Gefahr eine einzige Reaktion, die jetzt noch irgendeinen Sinn machte.

Flucht.

Er musste sich so gut es ging verstecken und darauf hoffen, dass die Angreifer sich damit zufrieden gaben, seine ehemaligen Stammesbrüder zu töten.

Der Regen wurde stärker. Die aus den Säureseen aufsteigenden Nebelwolken verschlechterten jetzt die Sicht erheblich. Es war dem Alleinigen durchaus bewusst, dass er seinen Standort jetzt schleunigst verlassen musste. Nicht nur wegen der Achtbeiner, sondern vor allem auch deswegen, weil die aus den Säureseen aufsteigenden ätzenden Gase zweifellos aufsteigen würden. Innerhalb weniger Augenblicke konnte eine derartige Gaswolke auch einen ausgewachsenen, kräftigen Whuuorr töten, wenn dieser voll in ihren Einflussbereich geriet.

Der Alleinige hatte in der Vergangenheit schon erlebt, wie Stammesbrüder auf diese grausame Weise ums Leben gekommen waren, als sie gemeinsam in den Vulkanbergen nach den Eiswürmern gejagt hatten. Letztere waren gegen den Einfluss der ätzenden Gase immun. Einige Jäger wollten sogar schon beobachtet haben, dass Eiswürmer in den Säureseen badeten, ohne dadurch Schaden zu erleiden. Aber in wie fern dies den Tatsachen entsprach oder es sich nur um Dramatisierungen von eigentlich weitaus profaneren Jagderlebnissen handelte, war dem Alleinigen nie so ganz klar gewesen. Er hatte zumindest immer den Verdacht gehabt, dass nicht alles, was im Rahmen derartiger Erzählungen zum Besten gegeben worden war, auch tatsächlich auf realen Ereignissen fußte.

Wie auch immer – für ihn waren die Gase tödlich, sobald sie ihn erreichten. Das bedeutete, dass er die andere Seite der Kraterkette erreichen musste, dort war er einigermaßen geschützt. Die Wolken stiegen kam über die Gipfellagen der Kraterkette und außerdem hatten sie sich bis dahin dermaßen in der Atmosphäre zerstreut, dass ihre Bestandteile allenfalls noch ein unangenehmes Kratzen in den Ess- und Atemöffnungen eines Whuuorr verursachten.

Die angespitzte Riesenflosser-Gräte in einer der zarten Hände, nutzte der Alleinige seine restlichen Extremitäten jetzt zu einem sehr schnellen und geschickten Aufstieg. Jede noch so kleine Spalte im Eis, jeden Vorsprung und jede Unebenheit vermochte er dazu zu nutzen, um sich wieder ein Stück weiter empor zu schwingen.

Seine drei freien Arme und die mit Greifzehen bewehrten, ziemlich großen Füße bewegten sich wie von selbst. Ein hinreichend trainierter Whuuorr brauchte nicht darüber nachzudenken, wie er die einzelnen Tritte zu setzen hatte.  Behände brachte der Whuuorr sich schließlich in Sicherheit. Er drehte sich noch einmal um. Der Regen hatte an Heftigkeit zugenommen. Ausgesprochen dicke Tropfen schwebten nun zu Boden. Sie allein behinderten schon die Sicht. Der Alleinige fing sich einen von ihnen. Er zerplatzte, aber einen Großteil seines Methans blieb lange genug in der großen Handhöhle seiner groben Linken, dass er die Flüssigkeit mit einer der beiden Essöffnungen in sich hineinzusaugen vermochte.

Dichte Nebel hingen jetzt zwischen ihm und dem schrecklichen Geschehen rund um das Lager seines ehemaligen Stammes.

Er stand nun oben auf dem Rand des Kraters, aus dessen Tiefen ebenfalls Nebel empor quollen. Aber diese Schwaden waren weiß und harmlos. Wasserdampf, der sofort wieder kondensierte. Die einzige Gefahr, die durch diese Dämpfe verursacht wurde, waren die eisigkalten Innenwände des Kraters. Dort gab es anders als an den über lange Äonen der Witterung ausgesetzten Eisblöcken an den Außenseiten überhaupt keinen Halt. Wer in die Tiefe rutschte, war verloren und hatte keine Chance mehr, den Krater aus eigener Kraft noch einmal verlassen zu können.

Der Alleinige machte sich an den Abstieg auf der dem Lager seiner Stammesbrüder abgewandten Seite der Kraterkette.

Innerlich zerriss es ihn beinahe.

Denn obwohl es ihm selbst bei bester Sicht vollkommen unmöglich gewesen wäre, das Lager zu sehen, spürte er doch die feinen Infraschall-Vibrationen – ausgelöst durch die kehligen, mit Niederfrequenzanteilen überladenen Schreie seiner Stammesbrüder.

Todesschreie, die ihm nicht nur durch das feine Gehör, sondern auch durch die mit äußerst feinen Nerven ausgestatteten Fußsohlen übermittelt wurden.

Emotional nahm das den Whuuorr dermaßen mit, dass er zwischenzeitlich stehen bleiben musste.

Die Sprichwörter der Whuuorr kannten den Ausdruck, dass es einem den Fuß zerreißen kann, wenn einen die Schreie der Stammesbrüder erreichten. Denn der Fuß nahm nicht nur die leichten, durch tiefe Töne hervorgerufenen Bodenvibrationen wahr, sondern galt in den Vorstellungen der Whuuorr auch als Sitz der Seele und des Gefühls.

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3

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Verzweiflung erfüllte den Alleinigen, als er schließlich jenen Ort ereichte, wo er das Kind der Götter in einer Eisspalte versteckt hatte.

Er zog es hervor.

„Was hat dein Erscheinen mit der Landung der achtbeinigen Dämonen zu tun?“, fragte er laut und gab seiner Stimme dabei unwillkürlich einen sehr tiefen, grollenden Ton. „Bist du wirklich ein Kind der Götter? Oder eine Missgeburt der Dämonen? Sprich schon! Bist du das Kind dieser Ausgeburt des Schreckens?“

Der Alleinige erstarrte vor Entsetzen, als er sah, dass das Wesen in dem Kasten offenbar aus seinem Dauerschlaf erwacht war. Es hatte die Augen geöffnet und starrte ihn an.

Die einzige, in der unteren Gesichtshälfte wachsende Essöffnung öffnete sich und gab für einen kurzen Moment den Blick auf entsetzlich schwach wirkende Beißwerkzeuge frei, bei denen der Whuuorr sich unwillkürlich fragte, für welche Art von Nahrung diese wohl geeignet sein mochten. Nichts, was ich kenne und einigermaßen schmackhaft ist, dürfte dazugehören – abgesehen von regenfrischem Methan!, ging es ihm durch en Kopf.

„Wer bist du?“, fragte der Alleinige dann. „Oder pflegen die Götter ihren Kindern die Sprache erst nach Erreichen der körperlichen Reife beizubringen? Lesen die Sterblichen ihnen die Wünsche von den Augen ab, so dass sie vielleicht gar keine Worte mehr brauchen?“

Ein absurder Gedanke, kommentierte der Alleinige innerlich seine eigenen Gedanken. Vor allem, weil nichts davon in den Überlieferungen der Schamanen zu hören ist.

Zu seiner Überraschung bekam der Alleinige jetzt eine Antwort zu hören.

Im ersten Moment zuckte der Whuuorr regelrecht zurück und griff reflexartig nach seiner angespitzten Riesenflosser-Gräte, deren Spitze er wie in einer instinktiven Abwehrbewegung auf den Kasten richtete, als der Schwall hochfrequenter und in den Ohren des Alleinigen sehr schriller Laute aus dem Kasten drang.

Er starrte den Kasten nur an, näherte sich ihm wieder scheu und blickte durch das Fenster auf der Oberseite. Das abgrundtief hässliche, auf unvorstellbar grausige Art entstellte Gesicht dieses Götterkindes blickte ihn auf eine Weise an, die aus irgendeinem Grund, den er im Moment nicht weiter zu erklären vermochte, Rührung in ihm auslöste.

Ist das das Hilfe suchende Gebrabbel eines Götterjungen, der dich darum bittet, dass du dich seiner annimmst?, fragte er sich.

Im Augenblick erschien dem Alleinigen dies als die plausibelste Deutung der Situation.

„Auf jeden Fall habe ich jetzt den Beweis dafür, dass du lebst. Auch wenn du sehr hässlich bist – die Ähnlichkeit mit den Achtbeinern, die meinen Stamm überfallen haben, ist nun wirklich so gering, dass es mir völlig ausgeschlossen scheint, dass du deren Abkömmling sein könntest!“

Es erfolgte wieder eine Antwort. Genauso schrill und genauso schmerzhaft wie beim ersten Mal. Der Whuuorr verzog die Essöffnungen zu einer Grimasse.

Sein drittes, dem Schädeldeckenfortsatz entwachsendes Auge wandte sich wie Hilfe suchend ab. Welch ein entsetzlicher Klang, was für eine Verirrung der göttliche Schöpfung.

Er verstand natürlich nichts von dem, was an Lauten aus dem Kasten herausdrang.

Nur eins fiel ihm auf: Die Bewegungen der Essöffnung, die das Götterkind vollführte, passten nicht zu den akustischen Äußerungen, die außerdem aus einem ganz anderen Teil des Kastens hervorzudringen schienen.

„Warum kommst du nicht aus deinem Behälter hervor?“, fragte der Alleinige.

Diesmal kam die Antwort in weitaus weniger schrillen Lauten aus dem Kasten hervor. Die Höhenlage war deutlich tiefer, angenehmer.

Und der Alleinige glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben, als er diesen Lauten sogar eine Bedeutung zuzumessen vermochte.

„Ich kann nicht“, sagte das Götterkind. „Ich würde sterben, wenn ich es versuchte.“

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4

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In Haus des Humanen Rates, Erde, Sol-System...

Etwa zur selben Zeit...

Über eine verschlüsselte Nachricht, die Admiral Gregor Raimondo über seinen Armbandkommunikator erreicht hatte, war er zur Lobby D des so genannten Hauses des Humanen Rates beordert worden, in dem sich gegenwärtig die Residenz dieses höchsten politischen Führungsgremiums der Humanen Welten befand. Das Haus des Humanen Rates – vielfach auch einfach „das Haus“ genannt, befand sich auf einer künstlichen Insel im Mittelmeer. Es verfügte über einen eigenen kleinen Raumhafen und bildete ein kleines Universum für sich. Die Vertreter vieler kleinerer Kolonialwelten, die hier an den Sitzungen teilnahmen, verließen das Haus kaum. Es gab für sie besonders gesicherte Wohnkomplexe, sodass auch keinerlei Notwendigkeit dafür bestand, die Haus-Insel überhaupt zu verlassen. Immer wieder konnte man Kritik darüber in den Medien bemerken. Angeblich seien die Mitglieder des Humanen Rates durch ihre Abgeschiedenheit von den Metropolen des Planeten Erde ein Grund dafür, dass sich eine Politikerkaste ohne Bezug zu den Bedürfnissen der Bevölkerung herausgebildet habe, die nur an die Sicherung ihrer eigenen Privilegien und die Interessen ihrer Lobbyisten denke.

Aber es gab auch gegenteilige Stimmen, die sich beim Aufkommen kritischer Stimmen beinahe reflexartig zu Wort meldeten und darauf hinwiesen, dass die Verlagerung der Residenz des Humanen Rates in eine der großen Erdmetropolen es vielleicht mit sich brächte, dass die im Rat verhandelten Probleme von dessen Mitgliedern zu sehr aus dem Blickwinkel der Erdbevölkerung wahrgenommen würden. Dies galt insbesondere natürlich für die Vertreter des Planeten Erde selbst, die nach wie vor und trotz aller positiven Entwicklungen in den Kolonien, der mit Abstand wichtigste Planet der Humanen Welten war.

Nachdem Raimondo die Nachricht erhalten hatte, in der Ort und Zeitpunkt des Treffens, aber nicht dessen Gesprächsgegenstand, genannt worden war, hatte er sich in das nächste Orbital-Shuttle gesetzt, und war von Spacedock 1 aus gestartet. Er hielt sich des Öfteren im Haus des Humanen Rates auf und besaß auch eine entsprechende Sicherheitsautorisation. Dass der gegenwärtige Ratsvorsitzende Hans Benson ihn mit großer Sympathie betrachtete und nach Kräften zu fördern versuchte, pfiffen inzwischen die Spatzen von den Dächern.

Raimondo war es gleichgültig gewesen, mit wessen Hilfe er den Aufstieg schaffte. Er wollte etwas bewirken und die seiner Ansicht nach verkrusteten Strukturen des Space Army Corps aufbrechen.

Im Jahr 2218 war das Space Army Corps nach vielen Querelen gegründet worden und damit eigentlich noch immer in der Aufbauphase. Nur sechzehn Jahre waren seit der Gründung dieser Raumstreitmacht vergangen und doch hatte Raimondo das Gefühl, dass sich bereits jetzt ein Fundus an altem Denken und dem Festhalten an lieb gewonnenen aber überholten Denkmustern angesammelt hatte, dan es aufzubrechen galt.

Die ersten Schritte waren zweifellos getan.

Aber mehr auch nicht.

Und jedem, der die außenpolitische Entwicklung auch nur einigermaßen aufmerksam verfolgte, musste klar sein, dass weitere Schritte folgen mussten, sollte das Space Army Corps tatsächlich in die Lage versetzt werden, der Menschheit dabei zu helfen, ihre Zukunft vor den Bedrohungen aus den Tiefen des Alls zu sichern. Bedrohungen, von denen einige vielleicht im Moment noch gar nicht sichtbar waren, während sich andere bereits klar und deutlich abzeichneten – etwa eine Verwicklung der Humanen Welten in den Konflikt zwischen Fulirr und K'aradan.

Für Admiral Raimondo war die Entwicklung und Erprobung des Leichten Kreuzers neuen Typs nichts weiter als ein kleiner Schritt auf einem Weg in die Zukunft. Seine Vorstellungen waren sehr konkret. Er neigte allerdings auch zur Ungeduld und es ärgerte ihn, wenn er auf Hemmnisse traf, mit denen er nicht gerechnet hatte. Mochten es nun bürokratische Hürden sein oder der Einfluss von politischen Kräften, die insgeheim für den der Humanen Welten einen ganz anderen Weg vorgesehen hatten...

Gut zweieinhalb Wochen waren seit dem Aufbruch der STERNENKRIEGER und der JUPITER vergangen. Beide Schiffe hatten kurz vor dem Eintritt in den Normalraum eine Sandströmfunkbotschaft an das Oberkommando abgesetzt. Man konnte also davon ausgehen, dass die Leichten Kreuzer neuen Typs ihr erstes Ziel, nämlich die letzten gemeldeten Koordinaten der CAMBRIDGE gerade anflogen und sich in der Bremsphase befanden.

Vor dem Austritt aus dem Sandströmraum hatte die JUPITER leichte technische Probleme mit dem Überlichtantrieb gemeldet. Raimondo hatte den Statusbericht einem seiner technischen Spezialisten weitergegeben und dieser hatte nach einer ersten Einschätzung gemeint, dass man das Problem wahrscheinlich ohne weiteres an Bord der JUPUITER lösen könnte.

Trotzdem war Raimondo einigermaßen beunruhigt.

Eigentlich gefiel es ihm aber auch nicht, Spacedock 1 verlassen zu müssen. Andererseits war ihm sehr wohl bewusst, dass die eigentlichen Schlachten hier, auf dem politischen und diplomatischen Parkett geschlagen wurden – und nicht im Weltraum. Bislang jedenfalls nicht. Für die Zukunft glaubte Raimondo keineswegs, dass dies für immer so bleiben würde, wenn er an die Entwicklungen zwischen K'aradan und Fulirr dachte, deren Krieg an Heftigkeit in den letzen Monaten zugenommen hatte. Die diplomatischen Offensiven beider Seiten in Richtung der Humanen Welten allerdings auch, wobei die Grenze zwischen Offerte und offener Bedrohung nicht immer ganz eindeutig zu ziehen gewesen war.

Raimondo betrat Lobby D.

Der Einzige, der hier derzeit an einem der niedrigen Glastische Platz genommen hatte, die auch gleichzeitig als Touch Screens mit Multimediaanschluss dienten, war ein mittelgroßer, schlanker, sehr hagerer Mann von Mitte fünfzig. Das Haar war grau. Das Gesicht mit den hohen, etwas hervorstehenden Wangenknochen hatte einen leicht asiatischen Einschlag. Die Kleidung war von existentieller Schlichtheit und bestand aus einer anthrazitfarbenen Kombination.

Raimondo erkannte diesen Mann sofort – und die Tatsache, dass er ihn hier als Einzigen antraf, konnte nun wirklich kein Zufall sein.

Es handelte sich um Julian Lang, der im Rat vor allem als Vertreter von Industrie- und Wirtschatsinteressen galt. Er hatte vergeblich versucht, Hans Benson als Erstes Ratsmitglied der Erde abzulösen. In dieser Funktion hätte er dann traditionell auch den Vorsitz des Humanen Rates übernommen. Aber die hinter den Kulissen bereits als sicher geltende Mehrheit hatte sich als weit weniger stabil erwiesen, als Lang gedacht hatte. Mit starrem Gesicht hatte Lang schließlich Benson zum Amtsantritt gratulieren müssen.

Aber allen politischen Beobachtern war klar gewesen, dass Julian Lang seine Ambitionen keineswegs aufgegeben hatte.

Er strebte ganz an die Spitze und da er außerdem ein Mann war, der über die Fähigkeit zu langfristigem strategischem Denken verfügte und darüber hinaus auch noch die nötige Geduld mitbrachte, traute Raimondo im durchaus zu, dass er sein hochgestecktes Ziel auch eines Tages erreichen würde.

Besser eines noch sehr fernen Tages, dachte Raimondo dazu, denn Lang gehörte nun wirklich nicht zu jener Richtung, die er selbst politisch bevorzugte. Wenn es nach Männern wie Lang gegangen wäre, dann hätten wir heute noch kein Space Army Corps und neue Kolonien würden nur unter Regie von Industriekonzernen erschlossen. Ich frage mich, was er von mir will. Es muss um einiges gehen, sonst hätte er mir nicht die Nachricht geschickt...

„Guten Tag, Ratsmitglied Lang“, begrüßte Admiral Raimondo, der sich nicht die Mühe machte, sich zu erheben.

Langs Gesicht blieb regungslos.

Er setzte die Lesebrille ab, die als Display eines in den Armbandkommunikator integrierten Rechners diente, auf dem man sich Texte, Grafiken und Filme anzeigen lassen konnte. In Langs Fall waren es vermutlich tabellarische Zusammenfassungen der wirtschaftlichen Entwicklung in den Humanen Welten, so staubtrocken, wie der Mann auf den ersten Blick wirkte.

Jedenfalls konnte sich Raimondo bei Lang nicht vorstellen, dass er einfach nur zur Unterhaltung ein eBook gelesen oder sich die Lesebrillenfassung eines Spielfilms angesehen hätte. In seinen Augen wäre das wohl nichts weiter als Zeitverschwendung gewesen. Immerhin in diesem Punkt wären wir beide uns einig!, dachte Raimondo.

Lang klappte die Lesebrille zusammen und steckte sie weg.

„Guten Tag, Admiral. Es freut mich, dass wir uns bei dieser Gelegenheit mal persönlich kennen lernen. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

„Das kann ich umgekehrt auch sagen...“

„Unsere politischen Überzeugungen mögen nicht in jedem Fall kongruent sein, aber das schließt ein gepflegtes Gespräch doch eigentlich nicht aus, oder?“

„Nein, gewiss nicht.“

Er ist bestimmt nicht zu hier, um sich mit mir gepflegt zu unterhalten!, ging es Raimondo durch den Kopf. Aber der Admiral wäre niemals auf die Idee gekommen, sein Gegenüber auf die Nachricht anzusprechen, die auf Raimondos Armbandkommunikator gelandet war. Julian Lang hätte ohnehin alles abgestritten. Für sein persönliches Image war es auch sicherlich alles andere als förderlich, wenn herauskam, dass er es war, der dieses Treffen arrangiert hatte. Schließlich standen hinter Lang starke Interessengruppen, die in einem weiteren Aufbau der Space Army Corps-Verbände nichts anders als die Verschwendung von dringend benötigten Mitteln sahen.

Mittel, die nach Auffassung von Lang und seinen politischen Freunden wesentlich besser in den wirtschaftlichen Aufbau der Humanen Welten und die Förderung von Erschließungsprogrammen auf den einzelnen Kolonien investiert worden wären.

„Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Entwicklung einer neuen Klasse von Kriegsschiffen, für die Sie sich so stark gemacht haben, für völlig überflüssig gehalten habe.“

„Das ist mir nicht entgangen.“

„Ich will die Sache an sich jetzt mit Ihnen nicht noch mal durchdiskutieren. Das ist in den entsprechenden Ausschüssen und im Plenum des Rates ausführlich geschehen. In einigen der Ausschussanhörungen haben Sie als sachkundiger Experte teilgenommen und hatten Gelegenheit, Ihre Sicht der Dinge darzustellen.“ Ein flüchtiges, etwas unsicher wirkendes Lächeln flog über Julian Langs Gesicht. „Ihre Position hat sich durchgesetzt.“

„Warten wir es ab, Mister Lang. Noch gibt es lediglich zwei Prototypen. Aber wenn dieses Projekt eines Leichten Kreuzers neuen Typs einen Sinn haben soll, dann brauchen wir mindestens hundert Einheiten vom STERNENKRIEGER-Fabrikat.“

Lang zuckte die Schultern.

„Träume sind erlaubt, Admiral.“

„Ich nenne es eine Vision.“

„Manchmal widersprechen sich Visionen. Oder man steht vor dem Dilemma, nur eine von mehreren möglichen Visionen verwirklichen zu können.“

„Das ist leider wahr, Mister Lang.“

„Und ich sähe nun mal lieber die Vision der Gemeinschaft von prosperierenden Welten in Erfüllung gehen als jene einer Kriegsarmada, mit der wir unsere direkten Nachbarn beeindrucken können.“

„Wie gesagt, Mister Lang – es dürfte wenig Sinn haben, die Debatten der vergangenen Sitzungsperiode noch einmal zu referieren – vor allem jetzt nicht, da die entsprechenden Abstimmungen längst gelaufen sind.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Sein eigentliches Anliegen hat er noch nicht vorgebracht!, dachte Raimondo. Er weiß noch nicht, wie er es vorbringen soll. Aber was könnte so heikel sein, dass selbst ein diplomatisch mit allen Wassern gewaschener Mann wie Julian Lang nicht gleich auf den Punkt zu kommen wagt?

Lang trat jetzt einen Schritt näher. Eine Hand berührte Raimondo leicht am Oberarm. „Was ich Ihnen jetzt sage, werde ich nicht wiederholen und Sie können sich auch nicht auf mich berufen“, erklärte er.

„Ich bin ganz Ohr, Mister Lang.“

„Es ist Ihnen ja nicht entgangen, dass es insbesondere in der Wirtschaft eine starke Tendenz gibt, Ihre Pläne für eine starke Raumflotte abzulehnen, weil man fürchtet, dass es letztlich die Unternehmen sein werden, die diese ehrgeizigen Großmachtambitionen mit ihren Steuern bezahlen müssen!“

Raimondo wollte etwas erwidern.

Schließlich war das eine These, die Lang zwar schon des Öfteren vorgetragen hatte, die aber Raimondos Meinung nach grundfalsch war und förmlich nach Widerspruch rief.

Aber Lang brachte ihn mit einer Handbewegung zum schweigen.

Jetzt geht es um etwas ganz anderes!, erkannte Raimondo.

„Ich habe vor kurzem erfahren, dass diese Kreise vielleicht sehr weit gegangen sind, um Ihr Projekt zum Scheitern zu bringen, Admiral.“

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich.

Und was soll das jetzt?, fragte sich Raimondo. Wieso sprichst du in Rätseln? Warum nennst du nicht Ross und Reiter, sondern bleibst im Allgemeinen, sodass man mit deiner Aussage nichts anfangen kann.

Ärger keimte darüber in Raimondo auf.

Aber er ließ sich davon äußerlich nichts anmerken. Allzu offen seine Gefühle durch Mimik oder Gestik preiszugeben ist nicht immer von Vorteil. In diesem Punkt können wir von der asiatischen Haltung lernen, die es als Zumutung ansieht, den anderen fortwährend mit seinen Gefühlen zu belästigen.

„Wie weit sind diese Leute gegangen?“, hakte Raimondo nach.

„Denken Sie mal nach. Diese Prototypen wurden in kurzer Zeit gebaut...“

„Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht mit der nötigen Sorgfalt hergestellt wurden oder es an der Fertigung auch nur das Geringste auszusetzen gegeben hätte!“, widersprach Raimondo.

„Natürlich nicht. Noch nicht. Aber nehmen wir mal an, Ihre Schiffe trifft weit draußen im so genannten Niemandsland plötzlich ein – Wie soll ich sagen? Ich bin kein Techniker! – akutes Systemversagen oder etwas in der Art. Stellen Sie sich das nur einmal für einen Moment vor! Ein Rettungskommando des Space Army Corps – selbstverständlich aus Schiffen herkömmlicher Bauart bestehend! – müsste aufbrechen, um technische Hilfe zu leisten oder sogar die Mannschaften der STERNENKRIEGER und der JUPITER an Bord zu nehmen....“

„Dann wäre das Projekt wahrscheinlich am Ende!“, gestand Raimondo zu. „Was ist ein neuer Typ von Kriegsschiffen schon wert, wenn die Dinger selbst Schutz und Hilfe brauchen, anstatt dass sie genau dafür sorgen!“

„Ich wusste, dass Sie das sofort begreifen würden, Admiral Raimondo. Ich würde nämlich niemals den Fehler begehen und Ihre Intelligenz unterschätzen.“

Raimondo konnte es nicht leiden, auf diese Weise von seinem Gegenüber Zensuren erteilt zu bekommen. Auch dann nicht, wenn es gute Noten waren. Die Arroganz, die aus den Worten Julian Langs sprach, störte ihn. Aber im Moment gab es Wichtigeres, als persönliche Empfindlichkeiten, so entschied der jüngste Admiral des Space Army Corps. Schließlich ging es hier um ein Projekt, das ihm sehr am Herzen lag – und vielleicht stand sogar noch sehr viel mehr auf dem Spiel. Die Zukunft der Menschheit. Hängen wir es eine Nummer tiefer, dachte er. Die Zukunft der Humanen Welten, was ja nicht dasselbe sein muss. Aber das ist auch schon ein ganz schön hoher Einsatz.

„Habe ich Sie richtig verstanden, Sie gehen von Sabotage aus?“

„Es tut mir leid, dass ich diese Informationen erst vor kurzem erhalten habe. Ich hätte Sie sonst früher informiert, Admiral, denn ich distanziere mich ausdrücklich davon, falls es solche Aktivitäten gewisser Kreise gegeben habe sollte. Mehr kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Nur so viel: Es betrifft die Sandström-Aggregate. Sie sollten die Crews eine gründliche Überprüfung durchführen lassen.“ Langs Haltung straffte sich, als er fort fuhr: „Ich war zwar nicht dafür, diese neuen Leichten Kreuzer überhaupt zu entwickeln, aber den Erfolg der Prototypen durch Sabotage in einer wichtigen Mission zu verhindern, das geht zu weit.“

Raimondo überlegte.

An Langs Worten konnte durchaus etwas dran sein. Ein paar Konzerne aus der Raumfahrtindustrie hatten natürlich von der Entwicklung des neuesten Schiffstyps profitiert. Es waren dieselben Unternehmen, die überhaupt vom Aufbau des Space Army Corps profitiert hatten.

Aber es gab durchaus auch viele große, mächtige Konzerne, deren Interessen ganz anders gelagert waren und die vielleicht einen Grund hatten, zu derart massiven Mitteln zu greifen, um das Projekt vorzeitig ins straucheln zu bringen.

Raimondo überlegte fieberhaft.

Far Galaxy, der wichtigste Technologie-Konzern, den die Menschheit hervorgebracht hatte, schloss er aus. Dazu war das Unternehmen einfach zu eng mit dem Space Army Corps und dem Humanen Rat verflochten. Außerdem profitierte Far Galaxy dadurch, dass es entscheidende Komponenten zu den beiden Prototypen beigetragen hatte. Insbesondere auch die komprimierten Sandströmaggregate, die in der STERNENKRIEGER und der JUPITER zum Einsatz gekommen waren und die nach den letzten Meldungen, die der Admiral aus dem Einsatzgebiet erhalten hatte, jetzt wohl das Problem waren.

Ein einziger Industriespion unter der Fertigungsmannschaft oder im Techniker-Team genügt doch, um sehr wirksame Sabotage zu begehen!, dachte Raimondo. Letztlich reichte doch, wenn irgendwelche Fehler bei der Kalibrierung der Systeme eingebaut wurden oder wichtige Komponenten so eingestellt sind, dass sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr korrekt arbeiten,...

Raimondo hoffte inständig, dass die Techniker-Crews der STERNENKRIEGER und der JUPITER rechtzeitig auf die Probleme aufmerksam wurden und daraus die richtigen Schlüsse zogen...

Raimondos Hände ballten sich zu Fäusten.

„Sagen Sie mir, wer so etwas tut!“, forderte er unmissverständlich von Lang. War es nicht die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden Bürgers der Humanen Welten, dafür zu sorgen, dass etwas Derartiges nicht geschehen konnte? Raimondo war davon felsenfest überzeugt.

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich Ihnen dazu keine weiteren Auskünfte geben kann. Aber denken Sie doch einfach mal selbst ein bisschen nach. Die entscheidende Frage lautet doch immer: Cui bono? Wem nützt es? Und die zweite Frage, die Sie sich stellen müssen ist die, wer die Macht dazu hätte. Da gibt es nicht viele Kandidaten. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe noch zu tun.“

Julian Lang nickte Raimondo knapp zu und ging ein paar Schritte in Richtung des Lobbyausgangs. Dann blieb er plötzlich stehen, drehte sich noch einmal um und sagte sehr viel lauter, als es bisher seinem Tonfall entsprochen hatte: „Ach ja, falls Ihnen Hans Benson noch einen Gefallen schuldig sein sollte, dann halten Sie ihn dich bitte davon ab, dass er die Menschheit über kurz oder lang in den Krieg zwischen K'aradan und Fulirr hineinzieht.“

„Das hat er nicht vor.“

„Sind Sie sich sicher?“

Raimondo atmete tief durch. Er verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte: „Erzählen Sie mir nicht, dass Sie ein Pazifist sind, Mister Lang. Angenommen die Fulirr würden den Humanen Welten einen umfangreichen Technologie-Transfer anbieten und Ihre Konzernfreunde würden Sie deshalb plötzlich in diese Richtung drängen – ich wette mit Ihnen, dass Sie uns in diesem Krieg Partei ergreifen lassen würden, wenn Sie den Vorsitz im Rat und damit die Verhandlungskompetenz hätten.“

Ein schwaches Lächeln glitt über Langs dünnlippigen Mund.

„Einstweilen ist das alles noch die Aufgabe von jemand anderem“, stellte er fest.

Dann drehte er sich herum und verließ nun endgültig den Raum.

Raimondo stand da, allein mit seinen Gedanken und Fragen. In seinem Kopf herrschte blankes Chaos. Wem konnte man noch trauen. Wem nicht mehr? Waren es am Ende sogar K'aradan, -Spione, Diebe – an die richtigen Stellen innerhalb von Verwaltung und Militär eingeschleust – die bei dieser Sache kräftig mitmischten. Auch vor dieser Gefahr hatte Raimondo frühzeitig gewarnt. Schließlich war es für die ausgesprochen menschenähnlichen K'aradan nun wirklich keine Schwierigkeit, Agenten unbemerkt unter die Menschheit zu mischen und dort vielleicht Jahre oder Jahrzehnte ein völlig unauffälliges Leben führen zu lassen, bevor sie dann schließlich irgendwann zum Einsatz kamen.

Ich werde auf jeden Fall Kontakt mit der STERNENKRIEGER aufnehmen müssen!, erkannte er.

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​  Kapitel 5: HYPOTHESEN

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Auf dem Wandbildschirm im Raum des Captains der STERNENKRIEGER erschien die schematische Projektion des Systems Cambridge 2234/11, die auf den von Captain Thornton und seiner Crew gewonnenen Daten basierte.

„In seiner Komplexität ist das wirklich ein außergewöhnlich interessantes System“, äußerte sich Bruder Padraig, den Commander Reilly zu sich bestellt hatte, um die Zeit bis zum Eintreffen im Zielgebiet dazu zu nutzen, ein paar grundlegende Dinge mit seinem Berater zu erörtern. „Leider hat es nie eine  Olvanorer-Expedition hier her geschafft, sodass wir auch keine weitergehenden Daten vom Zentralrechner der Brüderschule auf Sirius III oder dem Zentralarchiv der  Olvanorer auf der Erde abrufen können.“ Bruder Padraigs Finger glitten über ein paar Sensorfelder, woraufhin die Bahnsimulation aktiviert wurde. In Pseudo-Drei-D-Qualität konnte man jetzt verfolgen, wie sich die Monde um Blue Eye bewegten und die Sub-Monde wieder um die Monde. Wie ein äußerst komplexes Uhrwerk wirkte das. Perfekt arrangiert.

„Die entscheidende Frage ist in meinen Augen: Was hat die CAMBRIDGE ausgerechnet bei dem Mond Thornton gesucht?“, meinte Commander Reilly. „Es gibt hier jede Menge interessanter Himmelskörper, aber aus irgendeinem Grund muss Thornton die Crew der CAMBRIDGE in besonderer Weise angezogen haben.“

„Leider hab wir nur diese spärliche Datenbasis und den verstümmelten Notruf“, beklagte Bruder Padraig. „Ich habe mir den Notruf übrigens noch einmal genauer angesehen. Fähnrich White war mir bei der technischen Seite des Problems behilflich. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das Signal deswegen so verstümmelt wurde, weil es von einem Signal überlagert wurde, dessen Struktur für uns bisher unbekannt war.“

„Irgendeinen Hinweis darauf, um was für eine Art von Störsignalen es sich da gehandelt haben könnte? Vielleicht war es auch der Beschuss mit einer Ionenkanone, wie sie die K'aradan benutzen!“

Die Ionenkanonen der K'aradan, das wusste man inzwischen, hatten offenbar die Fähigkeit, die elektronischen Systeme des Gegners ganz oder teilweise auszuschalten oder lahm zu legen. Einigen Space Army Corps Einheiten war es gelungen, nahe genug an Kampfhandlungen zwischen K'aradan und Fulirr heranzukommen, um das beobachten zu können. Insbesondere der aufgefangene Funkverkehr beider Seiten war dabei sehr hilfreich gewesen.

Bruder Padraig beugte sich etwas vor. Statt der komplizierten schematischen Darstellung von Blue Eye und seinen Monden erschien für Sekunden die aus Fotomaterial generierte Darstellung. Dann war der Bildschirm einen Moment lang völlig deaktiviert, ehe es Bruder Padraig schließlich schaffte, eine Reihe von Kurvendiagrammen auf der Wand erscheinen zu lassen.

„Ich weiß nicht, ob diese Diagramme Ihnen etwas sagen. Ich habe damit die Eigenschaften zu beschreiben versucht, die ein hypothetisches Signal haben müsste, um auf eine vergleichbare Weise verstümmelt zu werden.“

„Ehrlich gesagt, sagen mir diese Kurven überhaupt nichts, Bruder Padraig“, gestand Willard Reilly freimütig. Er war kein Techniker – und das musste er als Captain eines Raumschiffs auch nicht unbedingt sein.

„Das Signal muss eine Komponente besitzen, die in den Sandströmraum hineinwirkt und so das Überlichtfunksignal stört. Wahrscheinlich konnte man den Funkspruch der CAMBRIDGE in einem Umkreis von drei bis vier Lichtjahren noch in einer Qualität empfangen, die eine zumindest teilweise Rekonstruktion möglich gemacht hätte. Erst die weite Entfernung hat dann dafür gesorgt, dass wir nur kaum brauchbaren Datenmüll gesendet bekamen.“

„Sollten wir irgendwann auf ein Signal treffen, das für die Verstümmelung dieses Notrufs verantwortlich sein könnte – wären Sie dann in der Lage, es zu identifizieren?“

„Ich werde Fähnrich White fragen, ob sie mir vielleicht dabei hilft, ein entsprechendes Programm zu schreiben, das dazu im Stande wäre.“ 

„Tun Sie das, Bruder Padraig!“, nickte Commander Reilly.

Ein Summton zeigte an, dass jemand eine Interkom-Verbindung mit dem Captain herzustellen versuchte.

Es war der Maschinentrakt.

Commander Reilly nahm das Gespräch entgegen. Auf dem in den Konferenztisch eingelassenen Touch Screen erschien das Gesicht von Lietenant Gorescu.

„Was gibt es, L.I.?", erkundigte sich Reilly.

Gorescus Gesicht wirkte sehr ernst.

„Captain, wir haben die vermutliche Ursache für die Fehlfunktion des Sandströmantriebs auf der JUPITER gefunden - und wir auf der STERNENKRIEGER werden wohl auch noch mit Problemen rechnen müssen."

„Ich bin gleich bei Ihnen, L.I.", kündigte Commander  Reilly an.

Er unterbrach die Verbindung.

Commander Reilly erhob sich.

„Captain, ich würde Sie gerne begleiten“, erklärte Bruder Padraig.

„Das hatte ich gerade vorschlagen wollen“, erwiderte Reilly.

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Wenig später trafen Reilly und Padraig im Kontrollraum C des Maschinentrakts ein. Lieutenant Gorescu und Fähnrich Catherine White waren anwesend. Außerdem Fähnrich Ukasi sowie Crewman Derek Sambo, der als Techniker an Bord der STERNENKRIEGER diente.

„Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, Lieutenant Gorescu!“, wandte sich Commander Reilly an den Leitenden Ingenieur.

Gorescu deutete auf Fähnrich Catherine White.

„Eigentlich war sie es, die die Ursache herausgefunden hat.“

„Bitte, Fähnrich!“, forderte Reilly sie auf.

Catherine White räusperte sich. Sie wirkte sichtlich verlegen und es schien ihr unangenehm zu sein, dermaßen im Mittelpunkt zu stehen. Aber dann fasste sie sich. „Captain, Sie wissen, dass die Sandströmaggregate erheblich komprimiert wurden, um Platz für mehr Gauss-Kanonen zu schaffen.“

„Ja.“

„Die Komprimierung verändert sämtliche Parameter und es sind umfangreiche Testläufe des Systems sind unabdingbar. Da es sich eigentlich nicht um ein Problem des Aggregats selbst, sondern der Anpassung des dazugehörigen Rechnersystems handelt, reicht eine Simulation. Man muss also nicht unbedingt einen Langstreckenflug mit dem Aggregat durchführen. Wie die Rechnerprotokolle zeigen, wurde eine vorschriftsmäßige Simulation inklusive einer Anpassung an das Rechnersystem durchgeführt. In Wahrheit waren die betreffenden Rechnerprotokolle aber nur geschickte Fälschungen.“

„Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?“, fragte Reilly stirnrunzelnd. „Sabotage bei der Fertigung eines neuen Prototyps des Space Army Corps? Das würde bedeuten, dass unsere Sicherheitsvorkehrungen so löcherig wie ein Schweizer Käse sein müssen!“

„Vielleicht sind sie das auch“, lautete Bruder Padraigs Kommentar. Dafür erntete er von Reilly einen erstaunten Blick. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen fuhrPadraig fort: „Die Galaktische Abwehr befindet sich ebenso wie das Space Army Corps noch immer in der Aufbauphase. Ich glaube, dass wir im Hinblick auf Sabotage sehr verwundbar sind. Von den K'aradan bis zu einem Konkurrenten des Herstellers der Sandströmaggregate kommt doch wirklich jeder in Frage. Und die Techniker und Ingenieure, die an diesen Simulationen normalerweise beteiligt sind, verdienen zwar mehr als ein Space Army Corps Offizier – aber nun auch wieder nicht so viel, dass er grundsätzlich nicht bestechlich wäre.“

Reilly wandte sich an Catherine White.

„Fahren Sie fort, Lieutenant.“

Catherine White nickte. Mit eine beiläufigen Geste strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus der Knotenfrisur, die sie gegenwärtig trug, heraus gestohlen hatte. Sie vermied es offensichtlich, jemanden anzusehen, während sie fort fuhr.

„Fähnrich Ukasis außerordentliche Fähigkeiten im Umgang mit Computern haben mir sehr geholfen. Er hat alle Testprozeduren, die ich durchgeführt habe, überprüft. Das Ergebnis ist eindeutig. Eine Simulation – geschweige denn die notwendige Kalibrierung! – hat niemals stattgefunden. Dass bei der unpassenden Justierung des Rechnersystems Fehler auftreten, ist doch vollkommen klar. Insbesondere bei Langzeitflügen ab vierzig Lichtjahre! Die Inkonsistenz des Alpha-Faktors ist ein erstes Zeichen...“

„...das bei uns allerdings noch nicht aufgetreten ist“, versuchte Lieutenant Gorescu. „Der Alpha-Faktor war erhöht, lag aber noch innerhalb der Toleranzgrenze.“

„Es wäre allerdings nur eine Frage der Zeit gewesen“, erklärte Lieutenant White. „Das fehlerhaft angepasste Rechnersystem und das Aggregat wirken zusammen als ein im mathematischen Sinn chaotisches System. Es ist nicht vorhersehbar, wann genau es zu ernsten Systemstörungen kommt. Es steht aber fest, dass es irgendwann geschieht. Der grobe zeitliche Rahmen bemisst sich nach den zurückgelegten Lichtjahren. Das Ende vom Lied ist ein totaler Systemkollaps des Sandströmaggregats. Steht eigentlich in jedem Lehrbuch.“

„Dann haben wir es tatsächlich mit Sabotage zu tun!“, stellte Gorescu fest. „Es würde mich nicht wundern, wenn diese widerlichen Fulirr dahinter stehen würden. Die wollen uns doch schon lange in ihren Krieg hineinziehen!“

„Verzeihen Sie, Sir, aber das Gleiche könne man von den K'aradan sagen“, erwiderte White.

„Es hat wenig Sinn, wenn wir darüber spekulieren, wer für die Werkssabotage verantwortlich sein könnte“, meinte Commander Reilly. „Darum soll sich die GalAb kümmern. Wir haben hier eine Mission zu erfüllen.“

„Ja, Sir“, kam es von Gorescu, White und Crewman Derek Sambo wie aus einem Mund.

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist ein Rückflug im gegenwärtigen Zustand des Antriebs unmöglich“, stellte Reilly fest.

„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Captain. Niemand weiß, was passiert, wenn es während eines Sandströmraumflugs zu einem Systemkollaps kommt“, erklärte Gorescu. „Das ist Gott sei Dank noch nie passiert.“

„Denken Sie, dass Sie mit Ihrer Crew das Problem in den Griff kriegen, L.I.?“

„Ich werde mich mit dem L.I. der JUPITER kurz schließen. Eigentlich müssten wir es schaffen, auch nachträglich für eine korrekte Kalibrierung zu sorgen. Aber das Ganze könnte etwas langwierig werden. Zwei bis drei Tage Minimum – und auch nur dann, wenn wir quasi rund um die Uhr daran arbeiten.“

Reilly nickte leicht. Diese Aussichten gefielen ihm ganz und gar nicht.

Was immer die CAMBRIDGE zerstört haben mag, könnte sich noch in dieser Raumregion aufhalten!, ging es ihm durch den Kopf. Die Aussicht, unter diesen Umständen mindestens zwei bis drei Tage ohne die Möglichkeit zum Überlichtflug dazustehen, beunruhigte Reilly. Es ist wohl einfach nicht zu ändern. Also nimm es hin wie schlechtes Wetter, Willard!

„Eine letzte Frage hätte ich noch“, sagte Reilly, nachdem er sich bereits zum Gehen gewandt hatte. „Müsste der Sandströmfunk-Sender nicht auch betroffen sein?“

„Ist er nicht“, erklärte Fähnrich White im Brustton der Überzeugung. „Ich habe das sorgfältig überprüft. Aber da ist alles in Ordnung.“

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Commander Reilly kehrte in seinen Raum zurück und ließ von Lieutenant Wu umgehend eine Sandström-Funkverbindung zu Admiral Raimondo herstellen.

Commander Van Doren wurde im Konferenzmodus hinzugeschaltet. Sein Gesicht erschien auf einem abgeteilten Bildfenster.

Raimondo hörte sich Reillys vorläufigen Bericht mehr oder minder wortlos an. Er wirkte sehr nachdenklich. Ein zusätzlicher Datenstrom lieferte sämtliche Daten, die bislang hatten ermittelt werden können. Damit hatten sich dann wohl die Spezialisten der GalAb auseinanderzusetzen.

„Gentlemen, was ich Ihnen jetzt sage, ist streng vertraulich – und ich würde mich so auch nicht äußern, wenn wir gegenwärtig nicht über eine besonders geschützte Verbindung miteinander kommunizieren würden.“

„Admiral?“

„Ich habe Hinweise darauf erhalten, dass einflussreiche Gruppen versuchen, den Leichten Kreuzer neuen Typs scheitern zu lassen, damit er nicht in Serie geht.“

„Die Tatsache, dass die Sabotage nur das Antriebsaggregat und nicht den Sandströmsender betraf, spricht dafür, dass diese Leute nur einen vergleichsweise geringen Schaden anrichten wollen“, stimmte Steven Van Doren zu.

„Man wollte Sie vorführen, Commander“, nickte Raimondo. „Es war nicht die Absicht, Sie hilflos irgendwo im All verloren gehen zu lassen. Ganz im Gegenteil. So wie sich die Sache für mich darstellt, war es durchaus in der Intention der Täter, dass Ihre Schiffe in der Lage bleiben, um Hilfe zu rufen...“

„...was die Gegner der Flottenerweiterung sehr wirksam in den Medien hätten ausschlachten können!“, begriff Reilly sofort. „Insbesondere dann, wenn es zu einer Evakuierungsmission kommen sollte, die vermutlich auch kaum geheim zu halten sein dürfte. Dazu hat die Erprobung der Leichten Kreuzer neuen Typs bereits für ein zu umfangreiches Medien-Echo gesorgt.“

„Ich sehe, dass Sie die Situation begriffen haben, Commander Reilly“, antwortete Admiral Raimondo. „Sie wissen also, was zu tun ist. Versuchen Sie, die Lage selbst in den Griff zu bekommen und eine Evakuierung zu vermeiden, soweit es möglich ist.“

„Unsere Techniker sind ziemlich optimistisch und gehen lediglich davon aus, dass wir gezwungen sein werden für ein paar Tage auf den Sandströmraumantrieb zu verzichten“, erklärte Commander Reilly.

„Es hängt viel vom Verlauf Ihrer Mission ab!“, sagte Raimondo. „Aber um ehrlich zu sein, mache ich mir darüber keine allzu großen Sorgen mehr, denn Sie haben die Brisanz der Situation offensichtlich begriffen. Falls es irgendwelche neuen Entwicklungen gibt, möchte ich darüber umgehend informiert werden.“

Raimondo unterbrach die Verbindung. Sein Gesicht, dass bis dahin den Großteil der Bildschirmwand in Commander Reillys Raum eingenommen hatte, verschwand jetzt und machte für einige Augenblicke der Kennung des Space Army Corps für besonders geschützte Transmissionen Platz. Reilly ließ die Finger über seinen Touch Screen gleiten, um die Verbindung zur JUPITER aufrecht zu erhalten.

Commander Van Doren schien seinerseits ebenfalls das Bedürfnis zu haben, die Sache mit Reilly noch einmal unter vier Augen durchzusprechen.

„Ein Space Army Corps Schiff wird durch Unbekannte zerstört – das allein ist bereits eine sehr heikle Mission, deren Verlauf ungeahnte Konsequenzen mit sich bringen kann“, äußerte sich der Captain der JUPITER. „Aber wie es scheint kämpfen wir nicht nur an einer bislang unbekannten äußeren Front, sondern zugleich auch gegen einen verborgenen Gegner im Inneren.“

„Mit  gefällt das genauso wenig wie dir, Steven“, bekannte Reilly. „Aber was bleibt uns anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen. Wenn der Leichte Kreuzer neuen Typs erst einmal auf die lange Bank geschoben wird, während die Konsequenzen für die langfristige Entwicklung des Space Army Corps völlig unabsehbar. Da stimme ich Admiral Raimondo zu.“

„Aber findest du, dass es die richtige Lösung ist, die Angelegenheit unter der Decke zu halten, wie Raimondo es offenbar beabsichtigt?“, fragte Van Doren. Er schüttelte energisch den Kopf. „Tut mir leid, ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich nur daran denke.“

„Unter der Decke halten lässt sich das auf die Dauer nicht, aber man kann den Zeitpunkt, da man an die Öffentlichkeit geht etwas verschieben, sodass man auch über die Hintergründe Bescheid weiß.“

„Trotzdem. Mir gefällt das nicht, Willard.“

„Glaubst du etwa mir? Ich hasse es, wenn man uns als Schachfiguren in einem politischen Ränkespiel benutzt, von dessen wahren Dimensionen wahrscheinlich noch nicht einmal jemand, der so gut informiert ist wie Raimondo ermessen kann.“

Van Doren hob die Augenbrauen. „Raimondo sollest du nicht unterschätzen, Willard. Den Fehler haben schon ganz andere gemacht, deren Vorgesetzter er inzwischen ist... Ganz gleich, ob er dir nun mehr oder weniger sympathisch ist, du solltest ihn immer auf deiner Rechnung haben!“

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Der Alleinige spürte mit seinen sensiblen Füßen leichte Bodenvibrationen. Aber diese Vibrationen stammten nicht von den Stimmen seiner Stammesbrüder, da war er sich vollkommen sicher. Unruhe erfasste ihn. Waren es die Achtbeiner? Ihre Stimmen konnten es nicht sein, denn dann hätte er sie bereits zuvor hören müssen. Ihre Stimmen waren einfach nicht tief genug, um auf diese Weise übertragen zu werden.

Aber was konnte dann dafür verantwortlich sein?

Die Schritte, die diese Wesen auf ihren dünnen Beinen taten?

Dazu erschien dem Alleinigen das vermutete Gewicht dieser Wesen zu gering zu sein. Selbst die Schritte eines Whuuorr waren nur auf geringe Entfernung zu spüren. Und das, obwohl ihre großen Füße vergleichsweise plump auf dem Boden aufkamen und ein hohes Gewicht auf den Boden drückte, was bei den Achtbeinern in dieser Form ganz gewiss nicht der Fall war.

Was kann es sonst sein?, ging es im durch seine Gedanken. Magie? Oder führten die fremden Aggressoren irgendwelche geheimnisvollen Maschinen mit sich, die für die Bodenvibrationen verantwortlich waren?

De Alleinige erstarrte.

Seine zarten Hände umfassten die Riesenflosser-Gräte fester. Die groben Hände ließ er zunächst frei und sammelte anschließend Eisbrocken mit ihnen auf, die die Erosion innerhalb vieler Weltumläufe aus dem massiven Vulkanhang herausgelöst hatte.

Diese Eisbrocken konnte er als Wurfgeschosse benutzen, um sich zu verteidigen. Allerdings bezweifelte er, ob er damit etwas gegen die Strahlen auszurichten vermochte, über die die Angreifer geboten. Strahlen, die sie als Dämonen kennzeichneten. Ihr Götter, wenn ihr zu recht über diese Welt herrscht, wieso helft ihr dann den Sterblichen nicht?, durchfuhr es den Alleinigen. Wieso lasst ihr es zu, dass jene, die zu euch beten und auf eure Kraft vertrauen und sich sogar um eure missgebildeten Kinder kümmern, so wie ich es tue, keine Rettung vor den Achtbeinern erwarten dürfen?

Oder handelte es sich bei den Achtbeinern gar um Sendboten der Vulkangötter?

In diesem Augenblick hätte der Alleinige gerne den Schamanen seines Stammes gefragt. Seine Worte hätten ihm in dieser Lage vielleicht Trost gespendet, so wie es zuvor schon so oft geschehen war – immer dann, wenn der Stamm verzweifelt gewesen war. Aber jetzt weilte der Schamane, der von seinem Stamm Jener-der-wissend-ist-und-spricht genannt wurde, wahrscheinlich schon gar nicht mehr in der Sphäre der Lebenden.

Es gab jedenfalls für den Alleinigen keinerlei Grund anzunehmen, dass er nicht wie alle anderen Stammesbrüder ein Opfer der angreifenden Strahlendämonen geworden war.

Vollkommen reglos kauerte der Alleinige neben dem Kasten mit dem Götterkind, bereit dazu sich gegen jeden Angreifer zur Wehr zu setzen, der aus dem dichten Methanregen auf ihn zukommen und ihn angreifen würde. Er konnte kaum noch etwas sehen. Die Wolken waren so dunkel, dass sie das Licht beider Riesen verdeckten und von den Monden war zurzeit ohnehin nichts zu sehen.

Plötzlich begann das Götterkind im Kasten zu reden. Es war ein Schwall von Wörtern. Verständlich zwar, da sie in der wohlklingenden Sprache der Whuuorr gesprochen wurden, aber vollkommen sinnlos. Es gab keinen erkennbaren Zusammenhang. Eine sinnlose Aneinanderreihung von Begriffen.

„Sei still!“, befahl der Alleinige sehr viel barscher, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Die Vibrationen, die der Alleinige für kurze Zeit wahrgenommen hatte, wurden jetzt durch jene Bodenschwingungen überdeckt, die von den tiefen Lauten herrührte, die das Götterkid erstaunlicherweise plötzlich hervorbringen konnte.

Das Götterkind gehorchte.

Es versteht mich offenbar, dachte der Alleinige. Wie kommt es dann, das ich so große Schwierigkeiten habe, aus seinem Wortschwall irgendeine Bedeutung herauszuhören? Liegt es daran, dass es sich zweifellos um ein Kind handelt? Oder sind die offenkundigen Missbildungen dieses Kindes vielleicht nicht nur auf den Körper beschränkt, sondern betreffen auch seinen Geist, sodass er vielleicht nicht in der Lage ist, die Wörter unserer Sprache in der richtigen Reihenfolge auszusprechen?

Der Alleinige wartete. Die Tropfen wurden kleiner und dafür zahlreicher. Sie sanken so dicht gedrängt zu Boden, dass man kaum ein paar Körperlängen weit sehen konnte. Die ganze Luft schien von diesen Tropfen erfüllt zu sein, in denen sich das wenige verbliebene Licht spiegelte. Hier und da blinkte einer von ihnen regelrecht.

Geisteskrankheit und körperliche Gebrechen gelten unter den Whuuorr-Kindern als besondere Prüfung der Götter, überlegte der Alleinige, während er sich in eine etwas bequemere Lage begab und die Eisklumpen neben sich auf den Boden legte – immer griffbereit. Eine besondere Nähe zur Sphäre der Götter kommt im Wahnsinn zu Tage – warum wunderst du dich also, dass dieses Götterkind offensichtlich wahnsinnig und missgestaltet ist?

Immer wieder versank er in derartigen Grübeleien, während er mit seinen nervlich außerordentlich empfindlichen Fußinnenflächen versuchte, die wahrgenommenen fremdartigen Vibrationen wieder zu finden. Aber er vermochte es nicht. Schon glaubte er, dass er sich vielleicht doch getäuscht hatte und dass seine Fußsohlen einfach nur überreizt waren. Wäre das ein Wunder – nach all den schrecklichen Dingen, deren Zeuge du geworden bist?

Das Götterkind schwieg.

Zwischenzeitlich ließ der Regen nach. Das Flüssigmethan tropfte dem Alleinigen von dem durchnässten Fell. Er schüttelte sich, spritzte diese Flüssigkeit dadurch förmlich von sich. Die verschiedenen Schichten dieses Fells schützten ihn letztlich sicher sowohl vor der Kälte, als auch vor der Auskühlung durch Regen-Methan.

„Vor... wem...“, meldete sich schließlich das Götterkind wieder zu Wort.

Einen besonderen Sinn ergab diese Frage noch nicht, aber der Alleinige erkannte sofort, dass dies ein erheblicher Schritt in die richtige Richtung war. Eine Verständigung mit dem fast haarlosen Wesen im Kasten, schien immerhin möglich zu sein.

„Was versuchst du mir zu sagen, Götterkind?“, fragte der Alleinige nun, da er es aufgegeben hatte, die fremdartigen Bodenvibrationen erneut aufzuspüren.

„Vor wem hast du Angst?“

„Vor den Dämonen, die meinen Stamm töteten. Aber du brauchst dich nicht zu fürchten, ich werde uns verteidigen.“

„Was für Dämonen?“

Wenn dieses Götterkind jetzt erst die Sprache der Sterblichen erlernte oder bisher vielleicht sogar von seinen göttlichen Eltern überhaupt kein Wort irgendeiner Sprache beigebracht bekommen hat, dann ist es erstaunlich, wie viel sich diese Kreatur davon bereits angeeignet hat, überlegte der Alleinige. Die Hypothese von einer Geisteskrankheit, die ihm zuvor immer wieder angesichts der Reaktionen des Götterkindes durch den Kopf gegangen war, ließ sich wohl nicht aufrechterhalten. Diese Kreatur mochte alles Mögliche sein – aber nicht dumm.

„Wenn du willst, helfe ich dir aus deinem Kasten heraus“, bot der Alleinige an.

„Ich würde dabei sterben!“, glaubte das Götterkind.

„Aber – wieso?“

„Das ist schwer zu erklären.“

Klang das nicht ein bisschen nach der Arroganz eines Götterkindes gegenüber einem gewöhnlichen Sterblichen? Ein wenig Ärger keimte in dem Alleinigen über die letzte Bemerkung seines Gegenübers auf. Was denkst du eigentlich, wie respektlos du mit mir reden kannst, schließlich war ich es, der dich hochwohlgeborenes Götterkind, vom Boden aufgehoben habe, anstatt dich einfach wie eine überzählige Brut auf dem Eis liegen zu lassen! Ich verteidige dich mit meiner Riesenflosser-Gräte und meinem Leben gegen die Schar der Dämonen und du machst dich auf süffisante Weise über mich lustig!

Aber von alledem wagte es der Alleinige nicht, auch nur ein einziges Wort zu äußern.

Er wunderte sich selbst darüber. Aber nur kurz, dann wurde ihm die schreckliche Wahrheit bewusst, die diesem Verhalten zu Grunde lag. Außer diesem Götterkind in seinem bizarren Karten hast du niemanden mehr!, erkannte er. Niemanden auf der ganzen Welt.

Die Ereignisse, deren Zeuge er geworden war, hatten seine Einsamkeitsgefühle bis in ein Maß hinein gesteigert, das vollkommen unerträglich zu werden drohte. Er bemühte sich zwar, diese Emotionen so weit es ging unter Kontrolle zu halten, aber gleichzeitig spürte er auch, wie es in ihm brodelte und er die Kontrolle zu verlieren drohte.

Bis zu jenem Moment, da die Achtbeiner seinen Stamm angegriffen und vernichtet hatten, war er ein Ausgestoßener gewesen. Einer, von dem der Stamm den Namen zurückforderte und der darum in der Auffassung der Stammesbrüder auch keinen Namen mehr rechtmäßig führen durfte.

Aber der springende Punkt war, dass der Stamm noch existiert hatte.

Er war nur ein Ausgestoßener gewesen, doch jetzt war er einer ohne Stamm - und das war noch um ein Vielfaches schlimmer.

„Trägst du einen Namen?“, fragte ihn das Götterkind.

Was war das? Eine bewusste Provokation? Wusste das Götterkind nicht, dass Namen eigentlich nur durch Stämme vergeben werden konnten und ein einfach seines Weges ziehender Whuuorr keinen Stamm besaß. Folglich auch keinen Namen.

Der Alleinige unterdrückte den ersten in ihm aufkommenden Impuls, der ihm eine unwirsche Erwiderung nahe legte.

„Ich habe mir selbst einen Namen gegeben“, erklärte er dann. „Ich bin der Alleinige. Jetzt, nachdem die Dämonen meinen Stamm dahinraffte, trifft dies noch viel mehr zu.“

Der Alleinige schwieg.

Es verging eine Weile, eher er schließlich zurückfragte: „Und wie lautet dein Name, Götterkind?“

Eine Folge von Lauten drang aus dem Kasten. Laute, die der Alleinige weder nachahmen noch wirklich erfassen konnte. Er fragte noch einmal nach und erst, als dieselbe Lautfolge ein zweites Mal aus dem Kasten hervordrang, begriff er, dass dies offenbar der unaussprechliche Name des Götterkindes war.

„Welche Bedeutung hat dieser Name?“, fragte er schließlich.

„Welche Bedeutung?“

„Ja.“

Der Alleinige hatte den Eindruck, dass sein Gesprächspartner nicht so recht begriff, was er meinte.

Erneut folgten Augenblicke des Schweigens.

„Er hat keine Bedeutung“, sagte das Götterkind schließlich.

Der Alleinige war regelrecht konsterniert. Im ersten Augenblick glaubte er, die Worte seines Gesprächspartners vielleicht falsch verstanden zu haben, daher fragte er noch einmal nach. Aber als das Götterkind seine Antwort noch einmal wiederholte, bestand kein Zweifel mehr an dem, was es gesagt hatte.

„Die Götter machen sich keine Gedanken über die Bedeutung ihrer Namen?“

„Götter?“

„Offenbar stimmt nicht alles von dem, was uns der Schamane überlieferte. Oder im Lauf der Zeit haben sich vielleicht in die Überlieferungen von Generation zu Generation immer mehr Fehler und Verfälschungen eingeschlichen, was natürlich sein kann.... Aber ich hätte niemals gedacht, dass...“ Der Alleinige sprach nicht weiter.

Er spürte jetzt deutlich Bodenvibrationen.

Sie glichen jenen, die er schon einmal gespürt hatte - wenn auch nur ganz leicht. Er wusste, dass es jetzt um alles oder nichts ging. Der Alleinige griff nach der angespitzten Riesenflosser-Gräte, die er zwischenzeitlich zur Seite gelegt hatte. Er nahm die Waffe und gleichzeitig die Eisblöcke und nahm Kampfhaltung ein.

Der Regen hatte inzwischen nachgelassen.

Er sah einige der Achtbeiner herannahen. Sie schwebten, wobei ihnen offenbar Apparaturen halfen, sie sie auf ihren Rücken trugen. Von diesen Apparaturen ging etwas aus, das die Bodenvibrationen erzeugte, die der Alleinige als so charakteristische empfand. Eine Art Druck, der auf die Oberfläche des Eises ausgeübt wurde, löste sie aus. Sie setzten sich in dem hartgefrorenen H2O fort und waren für den Whuuorr jetzt deutlich spürbar.

Grässlicher, als alle Dämonen, die in den Geschichten der Schamanen eine Rolle spielten, sahen diese Wesen aus. Ihre Köpfe waren von durchsichtigen Hauben umgeben.

Die wenigen Methan-Tropfen, die jetzt noch vom Himmel herabregneten, prallten an diesen Hauben ab, zerplatzten und spritzten in der Gegend herum.

Die Achtbeiner verfügten zusätzlich zu ihren offenbar ausschließlich zum laufen gedachten Extremitäten noch über ein kleines Armpaar, das knapp unterhalb des Kopfes aus dem dunklen Körper hervor wuchs. Diese verhältnismäßig zierlichen Arme endeten in vielfingrigen Greifhänden, mit denen die Angreifer rohrförmige Gegenstände bei sich trugen. Während des Angriffs auf das Lager seines Stammes hatte der Alleinige gesehen, dass aus diesen Rohren die Blitze geschleudert kamen, gegen die seine Stammesbrüder so chancenlos gewesen waren.

Der Alleinige zögerte nicht einen einzigen Moment.

Er wusste, dass seine Chance, diesen Kampf zu gewinnen bei Null lag. Aber er wollte sich so teuer wie möglich verkaufen. Die ganze aufgestaute Wut würde nach außen dringen, sich in grausamer Mordgier entladen. Er schleuderte mit den zwei groben Händen gleichzeitig die Steine.

Einer der Angreifer wurde getroffen, er schrie wahrscheinlich. Die Essöffnung an seinem Kopf stand jedenfalls weit offen, aber unter dem durchsichtigen Helm war seine Stimme nicht zu hören.

Einer der Angreifer wurde durch die angespitzte Riesenflosser-Gräte durchbohrt. Es zischte. Ein Gas entwich ins Freie. Der getroffene Achtbeiner brach in sich zusammen. Im nächsten Moment erfasste den Alleinigen ein grünlich schimmernder Strahl. Er traf den Alleinigen am Kopf, der allerdings keinerlei lebenswichtigen Organe enthielt. Trotzdem war die Wirkung stark genug, um den Koloss niederzustrecken.

Er lag ausgestreckt auf dem Boden, wälzte sich herum und bekam im nächsten Moment eine weitere Ladung ab – diesmal in den Rücken.

Einer der Achtbeiner trat an den reglos am Boden liegenden Whuuorr heran und stieß ihn mit zwei seiner acht Beine heftig in die Seite. Aber es erfolgte keine Reaktion.

Anschließend nahm der Achtbeiner ein medizinisches Analysegerät hervor und begann damit, den Körper des Alleinigen abzuscannen.

„Er lebt noch“, stellte der Achtbeiner an seine Artgenossen gerichtet fest. „Offenbar ist er sehr widerstandsfähig. Ich denke, nicht einmal die Augen haben durch den Strahlentreffer Schaden genommen.“

Ein anderer Achtbeiner hatte sich zu dem Kasten mit dem Götterkind vorgearbeitet. „Was machen wir damit?“, fragte er, während er das unsichtbare Feld, auf dem er bisher geschwebt war, abgeschaltet und wieder Halt auf den seinen acht Füßen gefunden hatte. Einigermaßen zumindest.

Der Alleinige bewegte sich und stieß dabei ein paar sehr tiefe, grollende Laute aus. Einer der Achtbeiner trat an ihn heran, nahm einen zylinderförmigen Gegenstand von der Magnethalterung an seinem Anzug und berührte damit den Whuuorr. Elektrische Funken sprangen auf den Körper des Alleinigen über, dessen Extremitäten unkontrolliert zu zucken begannen.

„Er hat jetzt genug", meinte einer der anderen Achtbeiner über Helmfunk.

„Töten wollen wir ihn ja erst später."

„Ein paar Quantons muss das Zottelbiest noch durchhalten."

Ein weiterer Achtbeiner kümmerte sich inzwischen um jenes Mitglied ihres Stoßtrupps, das von der Waffe des Alleinigen durchbohrt worden war.

„Für Ssstor-Msi können wir nichts mehr tun", lautete die Diagnose.

„Sollen wir sein Fleisch mit zurück nach Wsssarrr-Ta nehmen?"

„Das hat er nicht verdient."

„Er hat sich immer an die Befehle der großen Seele gehalten."

„Aber er war schwach und dumm."

„Er hatte Pech."

„Nein, sein Fleisch hat sich als unwürdig erwiesen, als er die Dummheit begann, sich dem zotteligen Tier so weit zu nähern, dass es in die Lage versetzt wurde, ihn zu töten. Darum ist es besser, wir nehmen das Fleisch des Zotteltieres mit nach Wsssarrr-Ta und lassen unseren unwürdigen Artgenossen hier zurück."

„Ich stimme dem zu. Der Platz an Bord unserer Raumschiffe ist knapp. Für unwürdiges Fleisch ist da kein Platz."

Zustimmende Signale kamen von der Mehrheit der anderen Achtbeinern.

„Aber auf die Ausrüstung sollten wir nicht verzichten. Sie zurückzulassen wäre ein grober Verstoß gegen das Gebot der Effektivität.“

„Ja, du hast Recht.“

Weitere zustimmende, aber non-verbale Signale wurden von den anderen Mitgliedern des Stoßtrupps ausgegeben, deren Interesse sich jetzt dem Kasten mit dem Götterkind zuwandte.

Einer der Achtbeiner hielt einen Scanner an den Kasten. „Die Signatur stimmt überein. Das ist eines der Objekte, die wir suchen...“

„So sehen sie also aus, die Wesen aus dem Zylinderschiff!“

„Es handelt sich offenbar um eine Art Rettungskapsel.“

„Das war zu erwarten.“

„Nehmen wir sie einfach mit und lassen sein Hirn mit der großen Seele verschmelzen.“

„Moment! Wir sollten ihn erst aus seinem Behälter herausholen. Die Signatur der internen Systeme würde uns ansonsten vielleicht an seine Artgenossen verraten. Das Ding enthält einen starken Überlichtsender, der regelmäßig Impulse abgibt, die wir bis jetzt leider noch nicht entschlüsseln konnten.“

„Dann holen wir ihn aus dem Behälter heraus und lassen den Schrott hier zurück!“

„Eine gute Idee!“

„Also an die Arbeit!“

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Die Rettungskapsel wurde von mehreren Achtbeinern gepackt. Mit Laserschneidern öffneten sie innerhalb kürzester Zeit den Kasten und zerrten den humanoiden Zweibeiner, der sich darin befand, hervor. Dessen Augen waren geweitet. Er rang nach Luft, griff sich an den Hals und strampelte mit den im Vergleich zu den Extremitäten der Achtbeiner recht kräftigen Beinen.

Diese ließen ihn los.

Der Humanoide taumelte zu Boden, sank auf die Knie.

Einer der Achtbeiner hielt einen Scanner auf den Humanoiden gerichtet, der eine anthrazitfarbene Kombination trug.

„Ich glaube, er überlebt die hiesigen Umweltbedingungen nicht lange. Er scheint unter akutem Sauerstoffmangel zu leiden.“

„Acht Prozent in der Atmosphäre! Auf unserer alten Heimatwelt gab es auch nicht mehr!“

„Die Kälte wird ihn innerhalb von Minuten töten. Sein Kreislauf steht vor dem Kollaps und wenn sein Hirn nicht mit Blut versorgt wird, ist es nichts mehr wert, wenn wir Wsssarrr-Ta erreichen.“

„Der Gleiter soll herkommen! Versorgt ihn mit Drucksauerstoff aus dem Anzug unseres toten Kameraden!“

Dem toten Achtbeiner wurden in Windeseile der Anzug und die Sauerstoffversorgung abgenommen. Der Sauerstoffgehalt dieser Welt hätte für die Achtbeiner durchaus ausgereicht, auch wenn der Planet Wsssarrr-Ta, den sie gegenwärtig als ihre Heimat ansahen, einen fast dreimal so hohen Anteil dieses Gases in der Luft auswies. Der Grund für die Achtbeiner, Raumanzüge zu tragen lag in ihrer ausgeprägten Furcht vor Mikroben und der Tatsache, dass ihr Metabolismus sehr sensibel auf das Edelgas Argon reagierte, das in der Atmosphäre dieser Welt einen Anteil hatte, der mit zwei Prozent hoch genug war, um einen Achtbeiner zum krampfartigen Ausstoß noch nicht verdauter Nahrung zu bringen. Verbunden mit dem erhöhten Atmosphärendruck wäre mit einem Kollaps der gesamten Bodenmannschaft zu rechnen gewesen.

Einer von ihnen kam auf die Idee, den durch die Riesenflosser-Gräte aufgerissenen Anzug des toten Achtbeiners dem Humanoiden umzuhängen, um ihn wenigstens einigermaßen vor der Kälte zu schützen. Er bekam das Atemstück des Anzugs in die Öffnung hineingedrückt, die nach Auffassung der Achtbeiner zur Aufnahme von Nahrung und Atemluft dienen musste. Natürlich passte sie nicht. Außerdem schien der Humanoide noch weitaus heftiger unter den Auswirkungen hohen Atmosphärendrucks zu leiden als es bei einem Achtbeiner der Fall gewesen wäre.

Innerhalb von Augenblicken war der Humanoide ohne Bewusstsein.

Ein tellerförmiger Schweber kam herbei geflogen. Über ein Antigravfeld wurde der Humanoide ins Innere befördert.

„Ich hoffe, sein Hirn ist intakt geblieben“, meinte jemand.

„Was machen wir mit den anderen Kapseln?“

„Vernichten. Samt Inhalt.“

„Sollen wir nicht lieber noch eine dieser Kreaturen bergen?“

„Warum?“

„Zur Sicherheit, falls dieses Exemplar uns doch eingehen sollte. Schließlich wissen wir jetzt, dass wir es besser erst aus seiner Rettungskapsel herauskommen, wenn es sich im Inneren des Schwebers befindet und die Atmosphärenschleuse passiert hat.“

„Weißt du denn, wie viel Sauerstoff diese Kreatur wirklich braucht? Zuviel kann auch schädlich sein – wie wir alle wissen, seid wir auf Wsssarrr-Ta leben und Atemmasken tragen müssen, wenn wir ins Freie gehen.“

Nacheinander passierten auch die Mitglieder des Achtbeiner-Stoßtrupps die Außenschleuse des Schwebers, der daraufhin abdrehte.

ENDE

wird fortgesetzt...

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​  Commander Reilly #2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz

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  Chronik der Sternenkrieger

Science Fiction Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit  wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

––––––––

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

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in chronologischer Reihenfolge

Einzelfolgen:

Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)

Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz

Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland

Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis

Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen

Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen

Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg

Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd

Commander Reilly 9: IN VORBEREITUNG

Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)

Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)

Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)

Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke  (Handlungszeit 2250)

Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde 

Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp

Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium

Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg

Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten

Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet

Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer

Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash

Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast

Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha

Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch

Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance

Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten

Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen

Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt

Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion

Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf

Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung

Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff

Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter

Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne

Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos

Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer

Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich

Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe

Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter

Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen

Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy

Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix

Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt

Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne

Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle

Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)

Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer

Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)

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SAMMELBÄNDE:

Sammelband 1: Captain und Commander

Sammelband 2: Raumgefechte

Sammelband 3: Ferne Galaxis

Sammelband 4: Kosmischer Feind

Sammelband 5: Der Etnord-Krieg

Sammelband 6: Götter und Gegner

Sammelband 7: Schlächter des Alls

Sammelband 8: Verlorene Götter

Sammelband 9: Galaktischer Ruf

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SONDERAUSGABEN:

Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und

Chronik der Sternenkrieger #1-4)

Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)

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DRUCKAUSGABE (AUCH als E-Book):

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)

Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.

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​  Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Kapitel 1: TRÜMMER IM ALL

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Wir haben jetzt die Koordinaten der letzten Positionsmeldung erreicht, die das Oberkommando von der CAMBRIDGE erhielt“, meldete Lieutenant Clifford Ramirez. Der Ruderoffizier der STERNENKRIEGER nahm ein paar Schaltungen vor. Fast der gesamte Panoramaschirm auf der Brücke der STERNENKRIEGER wurde jetzt von dem blauen Gasriesen Blue Eye eingenommen. Im Vordergrund waren einige seiner Monde zu sehen. Manche nur als dunkle Schatten erkennbar, andere im Zwielicht des blauen Riesen und seines roten Zentralgestirns.

Die STERNENKRIEGER hatte inzwischen stark genug abgebremst, um in den Orbit des Blue Eye-Mondes Thornton einschwenken zu können.

Die JUPITER von Commander Van Doren befand sich in einem Abstand von lediglich 20 000 Kilometern. Die Ortungssysteme beider Schiffe liefen auf Hochtouren und suchten nach Hinweisen die Licht in das Schicksal des Zerstörers CAMBRIDGE bringen konnten.

Gleichzeitig war die technische Crew beider Einheiten damit beschäftigt, die Sandströmaggregate wieder betriebsfähig zu machen.

Unsere Raumfahrt mag uns manchmal als sehr fortgeschritten erscheinen, dachte Commander Reilly. In Wahrheit ist das nicht als pure Selbstüberschätzung. Wir sind kaum über das Nussschalen-Stadium hinausgekommen. Wie jene Steinzeitmenschen, die mit ihren Kanus und Flößen begannen, Meerengen zu überqueren und das bereits für Seefahrt hielten. Ohne Überlichtantrieb und Sandströmraumfunk wären die beiden irdischen Raumschiffe in der Unendlichkeit verloren gewesen. Es hätte Generationen gedauert, bis sie mit Hilfe ihrer Ionentriebwerke die nächste Welt hätten erreichen können, auf der es Überlichtfunk gab. So ist es nämlich in Wahrheit: Alles hängt an diesen beiden seidenen Fäden – Überlichtfunk und die Antriebsaggregate für den Flug im Sandströmraum!, dachte Reilly. Wir müssen den Saboteuren, die da am Werk waren wohl auch noch dankbar dafür sein, dass sie die Gnade hatten, nur einen dieser Fäden tatsächlich zu durchtrennen!

„Captain, die Sensoren orten mehrere Objekte, bei denen es der Analyse nach mit hoher Wahrscheinlichkeit um Trümmer der  CAMBRIDGE handelt. Die Zahl der georteten Objekte steigt ständig. Die meisten dieser Trümmer umkreisen den Mond Thornton“, meldete Lieutenant Wu.

Willard Reilly schlug die Beine übereinander und lehnte sich etwas zurück.

„Rufen Sie Bruder Padraig auf die Brücke“, befahl der Kommandant der STERNENKRIEGER. „Es könnte sein, dass wir seinen Rat und seine Kenntnisse als Wissenschaftler brauchen.“

„Aye, aye, Captain.“

Lieutenant Commander Soldo holte sich die eingehenden Daten der Ortungssensoren ebenfalls auf seiner Konsole anzeigen lassen.

„Es deutet alles darauf hin, dass die CAMBRIDGE explodiert ist. Es hat zweifellos eine Fusionsreaktion stattgefunden, wie die Belastung der Trümmer mit bestimmten radioaktiven Isotopen zeigt!“

„Waffen?“, wandte sich Reilly an den Offizier für Waffen  und Taktik. Chip Barus drehte sich zu Commander Reilly herum.

„Ja, Sir?“

„Könnte man die Daten so interpretieren, dass hier ein Gefecht stattgefunden hat?“

„Es sieht ganz so aus. Auffallend ist dabei, dass die Trümmerteile relativ klein sind.“

„Wie könnte sich das Ganze abgespielt haben?“

„Es muss ein ziemlich überraschender Angriff gewesen sein. Aber im Prinzip ist das im Gewirr dieser unzähligen Blue Eye-Monde nicht verwunderlich, wenn man einen potentiellen Gegner erst relativ spät ortet. Er braucht sich nur im Ortungsschatten eines dieser zahlreichen Trabanten verborgen zu halten und dann plötzlich aus der Deckung hervorzukommen.“

„Wir erhalten jetzt erstmalig Daten über Trümmerteile, deren chemische Zusammensetzung es ausschließt, dass sie von der CAMBRIDGE stammen können!“, meldete jetzt Jessica Wu. Ein Teilfenster des Panoramaschirms machte nun  einer tabellarischen Auflistung der Zusammensetzung dieser Gegenstände optisch nachvollziehbar. Einige dieser Trümmerteile, die nicht der CAMBRIDGE zugeordnet werden konnten, wiesen Materialien oder Bearbeitungsspuren auf, die es als völlig unmöglich erscheinen ließen, dass es sich dabei um Teile eines Space Army Corps Schiff handeln konnte.

„Dann scheinen die bisher unbekannten Gegner der CAMBRIDGE offenbar ebenfalls Verluste hinnehmen müssen“, glaubte Soldo und fuhr schließlich nach kurzer Pause fort: „Was ist mit den Rettungskapseln, die jedes Space Army Corps Schiff für die gesamte Besatzung an Bord mitzuführen hat?“

„Falls hier tatsächlich ein Gefecht stattgefunden hat, dass zur Vernichtung der CAMBRIDGE führte, so muss es sich zum Zeitpunkt des Notrufs ereignet haben“, stellte Lieutenant Wu fest. „Rechnet man diesen Zeitpunkt mit ein, so dürften die meisten Rettungskapseln auf der Oberfläche von Thornton gelandet sein. In den Kapseln gibt es komprimierte Wasserpatronen und Nahrungskonzentrate für Wochen. So lange hätte ein Crewmitglied der CAMBRIDGE auch durchaus Überlebenschancen, vorausgesetzt, alle Systeme arbeiten einwandfrei.“

„Suchen Sie nach den Signalfrequenzen dieser Kapseln“, befahl Reilly,  „... falls es sie überhaupt gibt!“

„Ich führe derzeit einen planetaren Scan der Oberfläche von Thornton durch“, erklärte Lieutenant Wu. „Dabei kooperiere ich mit der JUPITER, wenn es Ihnen recht ist. Dann haben wir die Möglichkeit, die einzelnen Oberflächensektoren unter uns aufzuteilen und kommen schneller zu einem Ergebnis. Allerdings stehen die Chancen sehr schlecht. Die Rettungskapseln waren mit einem schwachen Sandströmsender vom Typ TMH-3342 ausgerüstet. Dessen Reichweite beträgt zwar nur vier Lichtjahre, dann wird das Signal verstümmelt oder ist gar nicht mehr zu identifizieren! Aber wenn der Sender noch aktiv wäre, hätten wir das Signal längst empfangen müssen!“

„Auch eine Verbesserung bei den Leichten Kreuzern des neuen Typs“, gab Soldo zu bedenken. „Die Reichweite der Sandströmraumsender der Rettungskapseln beträgt gut acht Lichtjahre.“

„Das wäre in unserem Fall immer noch zu wenig, um mit einem Notruf einen Empfänger auf dem Territorium der Humanen Welten zu erreichen“, gab Commander Reilly zu bedenken.

Bis es möglich war, die Sandströmraum-Funksender der Kapseln so leistungsfähig zu machen wie die Sendeaggregate an Bord von Raumschiffen, würden wohl noch Jahre vergehen. Welche Probleme aus der Komprimierung von Sandströmraum-Technik resultieren konnten, hatten ja gerade erst die Schwierigkeiten mit den Triebwerken deutlich gezeigt.

„Im Sandströmfunk-Spektrum ist alles tot“, erklärte Jessica Wu. „Da gibt es nicht einmal den Hauch eines Signals. Allerdings verfügen die Kapseln daneben auch sicherheitshalber über einen konventionellen Peilsender.“

„Der letzte Notruf der CAMBRIDGE war verstümmelt“, gab Lieutenant Barus zu bedenken. „Offenbar störte etwas den Sandströmfunk und das dürfte dann doch wohl auch auf die Sandströmsender der Kapseln zutreffen. Von daher gesehen würde es mich nicht wundern, wenn doch jemand überlebt hat – zumal sowohl der Sauerstoff als auch Wasserversorgung und Nahrungsmittelkonzentrate noch etwas reichen müssten!“

In diesem Moment erschien Bruder Padraig auf der Brücke.

„Captain?“

„Es wäre schön, wenn Sie Lieutenant Wu bei der wissenschaftlichen Interpretation der Ortungsdaten unterstützen würden, Bruder Padraig.“

„Dann war Ihre Suche nach Überlebenskapseln bisher nicht erfolgreich“, schloss der  Olvanorer.

„Das ist leider der Fall.“

„Sie gehen aber weiterhin davon aus, dass es gelang, überhaupt Kapseln abzusetzen!“, sagtePadraig.

„Wir hoffen es“, korrigierte Commander Reilly.

„Ich verstehe.“

„Sollte ein Gefecht die Ursache für das Ende der CAMBRIDGE sein, dann ist es wenig wahrscheinlich, dass nicht wenigstens ein paar Kapseln ins All gelangten“, glaubte Soldo.

Bruder Padraig hob die Augenbrauen. „Das hängt davon ab, welche Waffen bei dem Gefecht verwendet wurden. Wenn es Fusionsraketen waren, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass zumindest ein paar Kapseln abgesetzt werden konnten. Sollte der unbekannte Gegner jedoch über Antimateriewaffen verfügen wie die der Fulirr, dann würden wir hier nicht die geringste Spur dafür finden, dass überhaupt ein Kampf stattgefunden hat.“ Bruder Padraig nahm seinen Platz bei Lieutenants Wus Konsole ein. Viel Platz war nicht auf der Brücke eines Leichten Kreuzers neuen Typs. Aber er reichte aus, um notfalls einen weiteren Arbeitsplatz einzurichten, wenn es die Lage erforderte.

Aber die weiteren Scans blieben ergebnislos.

Weder ein Sandströmsignal noch ein Peilsignal im normalen Funkwellenspektrum erreichte die STERNENKRIEGER.

Bruder Padraig nahm dabei zahlreiche Schaltungen an einem der Touchscreens vor, über die die Rechnersysteme zur Ausweitung der eingehenden Orter-Daten konfiguriert wurden, während sich Jessica Wu vor allem auf die Suche nach Peilsignalen konzentrierte.

Ein Teilfenster des Panoramaschirms wurde jetzt von einer schematischen Darstellung des Gasriesen Blue Eye und seines Subsystems von Monden eingenommen, die offenbar Bruder Padraig aktiviert hatte.

Er ließ eine Simulation ablaufen, die die vermutlichen Flugbahnen von Rettungskapseln nachzeichnete, die an Bord eines Space Army Corps Schiffs normalerweise für jedes Besatzungsmitglied vorhanden waren.

„Wenn wir davon ausgehen, dass die letzte Positionsmeldung der CAMBRIDGE auch den Ort markiert, an dem sie vernichtet wurde, dann besteht eigentlich kaum eine Chance für die Kapseln, einen Weg zu nehmen, der nicht früher oder später auf der Oberfläche des Monde mit der Bezeichnung Thornton endet“, erklärte der  Olvanorer. „In meiner Simulation wird die Wahrscheinlichkeit dafür mit über 98 Prozent angegeben. Wenn man die Parameter leicht variiert kommen dabei trotzdem niemals weniger als 96 Prozent heraus.“

„Das bedeutet, es macht keinen Sinn, irgendwo anders als auf der Oberfläche von Thornton nach diesen Kapseln zu suchen“, stellte Commander Reilly fest.

Bruder Padraig nickte heftig.

„Das ist vollkommen korrekt, Captain. Und nach der seit dem Ende der CAMBRIDGE vergangenen Zeit müsste jede dieser Kapseln inzwischen auch die Oberfläche erreicht haben, da die Dinger ja nicht über einen eigenen Antrieb verfügen, sondern lediglich über ein Antigravaggregat, das dazu ausreicht, die Landung abzufedern.“

„Ich verstehe noch nicht ganz, worauf Sie hinauswollen, Bruder Padraig“, bekannte Reilly.

„Nun, es gibt vielleicht eine Erklärung dafür, weshalb die Rettungskapseln verschwunden zu sein scheinen.“

„Und die wäre?“

Alle Blicke waren nun auf den  Olvanorer gerichtet. „Thornton ist eine ausgesprochen interessante Welt. Wasser ist an der Oberfläche hart gefroren und verhält sich geologisch gesehen wie Gestein, während die Rolle des flüssigen Wassers von Methan übernommen wird. Ansonsten finden dort aber ganz ähnliche Prozesse statt, wie auf der Erde. Beispielsweise gibt es, wie die Orter-Daten eindeutig verraten, einen sehr aktiven Wasser-Vulkanismus.“

„Ähnlich wie auf dem Jupitermond Titan?“, fragte Reilly.

„Richtig. In den Tiefen dieser Welt brodelt kein glühendes Magma, sondern flüssiges Wasser, das an die Oberfläche schießt und sich in Vulkanausbrüchen entlädt. Zuvor vermischt es sich mit Ammoniak, dadurch sinkt sein Gefrierpunkt um bis zu hundert Grad unter Null. Die Wassermassen treten wie Lava aus den Kegeln der Eisvulkane hervor. Diese Ströme vergrößern den Vulkankegel und erstarren sehr langsam. Teile dieser Wassermassen werden bis in die Stratosphäre von Thornton hinaufgeschleudert und kehren dann als Eisbrocken zurück. Wenn nun ein Strom aus langsam zu Eis erstarrendem Ammoniakwasser das Gebiet überschwemmt, in dem die Rettungskapsel niedergegangen ist, dann ist es kein Wunder, wenn wir nichts mehr von ihr hören. Sie würde regelrecht zerquetscht.“

„Diese Kapseln sind zum Überleben entwickelt worden“, gab Thorbjörn Soldo zu bedenken. „Da sollte man annehmen, dass sie etwas robuster sind.“

„Ich habe das durchgerechnet“, erwiderte Bruder Padraig mit entwaffnender Sachlichkeit. „Der Druck durch das Gewicht des Ammoniakwassers wäre so groß, dass eine Rettungskapsel auf eine Höhe von wenigen Zentimetern zusammengequetscht würde wie in einer gigantischen Schrottpresse. Sie können sich vorstellen, was danach vom Piloten und dem Sandströmsender bleibt.“

Einige Augenblicke herrschte betretenes Schweigen.

„Sie meinen also, dass unsere Suche sinnlos ist“, sagte Reilly.

„Ich glaube nur, dass wir diese Fakten bei unserem weiteren Vorgehen nicht außer Acht lassen sollten.“

In diesem Moment meldete sich die JUPITER über Funk. Der Kanal wurde frei geschaltet. Auf dem Schirm war Lieutenant Ferdinand Massarov, der an Bord der JUPITER für Ortung und Kommunikation zuständig war – ein Mann in den Dreißigern, dessen Haar in einem Grünton gefärbt war, der sich ziemlich mit der Uniform des Space Army Corps biss. Allerdings gab es bislang in den Statuten des Space Army Corps keine Vorschrift, die so etwas untersagte. Commander Reilly hatte davon gehört, dass Lieutenant Massarov wegen seine modischen Extravaganzen schon des Öfteren Ärger mit seinen Vorgesetzten gehabt hatte. Körperschmuck in jeder Form war nicht erlaubt, das legten die Dienstvorschriften eindeutig fest. Aber was die Haare anging, gab es da lediglich die Einschränkungen, die von den Sicherheits- und Hygienebestimmungen gezogen wurden.

Erst hatte es den Anschein gehabt, als werde in dieser Sache alles auf einen Prozess hinauslaufen.

Aber seit Raimondo der für das Personalwesen des Space Army Corps zuständige Admiral geworden war, hatte Massarov offenbar nichts mehr zu befürchten.

Unabhängig von seinem für viele Führungsoffiziere des Space Army Corps entschieden zu extravaganten Outfit war Massarov nämlich ein ausgezeichneter Ortungs- und Funkoffizier, den sich Commander Reilly auch gut in dieser Funktion auf der STERNENKRIEGER hätte vorstellen können.

„Wir haben Bio-Impulse auf der Planetenoberfläche geortet!“, lautete die sensationelle Neuigkeit, die Massarov zu verkünden hatte. „Allerdings war die Ortung auf Grund der dichten Atmosphäre und dem ständigen Methanregen ziemlich schwierig und außerdem...“

„Außerdem was?“, hakte Commander Reilly nach.

„Vielleicht sollten wir unsere Definition dessen, was Leben ist etwas erweitern. Es handelt sich um Organismen, die teilweise erstaunlich groß werden, deren Biochemie jedoch völlig anders funktionieren muss, als wir das von allen Spezies kennen, die uns bisher begegnet sind.“

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Sergeant Saul Darren flog mit voller Wucht gegen die Wand und rutschte daran hinunter. Sehr vorsichtig stand der Kommandant der Einheit von Marineinfanteristen an Bord der STERNENKRIEGER wieder auf. Er hob die Arme und öffnete das Visier des schweren Kampfanzugs.

„Seien Sie vorsichtig, Sergeant!“, sagte Corporal Fritz Gallego, der ebenfalls einen der neuen schweren Kampfanzüge trug. „Durch die Servoverstärkung unterschätzt man die eigene Kraft manchmal ganz erheblich!“

„Jedenfalls werde ich so ein Ding niemals im Einsatz tragen!“, knurrte Saul Darren ziemlich aufgebracht. „Schluss für heute, mir reicht es! Wir trainieren morgen weiter!“

Saul Darren begann damit, sich aus dem Anzug herauszuschälen. Dabei fluchte er die ganze Zeit vor sich hin und ließ kein gutes Haar an der neuen Ausrüstung der Space Army Corps Marines.

Saul Darren war 39 und trug seine grauen Haare kurz geschoren. Er hatte zu den ersten Männern gehört, die sich für die kurz nach Gründung des Space Army Corps bei der im Aufbau befindlichen Marines-Truppe gemeldet hatten.

„Diese Anzüge sollen demnächst zum Standard der Marines werden!“, meinte Corporal Fritz Gallego. Er war Darrens Stellvertreter als Kommandant der Marines an Bord der STERNENKRIEGER. „Und wenn Sie die Sache mal mit kühlem Kopf betrachten, haben die Dinger auch viele Vorteile, Sarge!“

„Pah, Vorteile!“

Saul Darren hatte es endlich geschafft aus dem Anzug herauszukommen. Er stieß ihn von sich und atmete erst einmal tief durch. Das Training mit den neuen Kampfanzügen gehörte für ihn zum härtesten, was er je hatte mitmachen müssen – aktive Einsätze auf unwirtlichen Hinterwäldlerplaneten im Bereich der Humanen Welten sogar eingeschlossen.

„Sarge, die Dinger sind wie raumtaugliche Ein-Mann-Panzer! Wenn man nicht die empfindlichen Gelenk-Stücke im Halsbereich trifft, dann ist man durch Projektilwaffen kaum auszuschalten!“

„Die herkömmlichen Protektoren, die von jeher Teil unserer Ausrüstung waren, reichen dafür völlig aus!“, glaubte Darren.

„Aber diese Anzüge ermöglichen gleichzeitig den Einsatz in atmosphäreloser Umgebung - oder auf Planeten mit einer für uns Menschen giftigen Atmosphäre!“

„Gott sei Dank haben wir gegenwärtig nur zwei von diesen Anzügen!“, stellte Saul Darren zufrieden fest.

Die Anzüge waren noch in der Erprobungsphase. Man hatte eine ganze Reihe von Experimenten mit gepanzerten Raumanzügen gemacht, sodass die Marines des Space Army Corps auch heute, im Jahr 2234 in der Lage waren, Operationen auf Planeten durchzuführen, deren Atmosphäre keinerlei Ähnlichkeiten mit jener der Erde aufwies.

Aber die neuen Kampfanzüge gingen einen Schritt weiter.

Sie waren keine Raumanzüge, die lediglich für den Kampfeinsatz etwas Absicherung boten, sondern im Grunde stellten sie ein eigenes Waffensystem dar. Über eine Vielzahl von Druckpunkten innerhalb des Anzugs wurde die Servoverstärkung eingeübt.

„Geben Sie nicht auf Sarge!“, lachte Corporal Gallego. „Die Beherrschung der Druckpunkte zur Steuerung der Servoverstärkung ist äußerst schwierig. Da braucht man schon einige Zeit, bis man wirklich einsatzbereit ist! Aber auf die Dauer werden wir Marines nicht drum herum kommen.“

„Ich könnte gut darauf verzichten“, knurrte Saul Darren und zuckte dann die Schultern. Er ging an einen der Getränkeautomaten, die sich in dem Trainingsraum befanden und zog sich einen kalten Syntho-Drink, um sich psychisch wieder einigermaßen zu fangen.

Das Interkom summte.

Darren empfing das Gespräch über seinen Armbandkommunikator.

Es war Thorbjörn  Soldo, seines Zeichens Erster Offizier der STERNENKRIEGER, der von der Brücke aus das Gespräch mit Darren suchte. 

„Sergeant, der Captain möchte, dass insgesamt vier Marines an der bevorstehenden Außenmission teilnehmen. Stellen Sie ein Team zusammen. Im Übrigen legt der Captain wert darauf, dass die neuen Kampfanzüge Verwendung finden und bei dieser Außenmission einem ersten Test unter Einsatzbedingungen unterzogen werden."

Sergeant Darren seufzte.

„Ist das wirklich unumgänglich?"

„Ja, Sergeant. Soldo Ende."

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Darren machte eine wegwerfende Handbewegung, die seinem Ärger deutlich Ausdruck verlieh, während sich Corporal Fritz Gallego ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte.

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Immer umfangreicher wurde das Datenmaterial, das über die Oberfläche von Thornton und die bizarren Lebensformen, die hier existierten, aufgezeichnet wurde. Dass es auch auf sehr kalten Welten Leben gab, war durchaus keine Seltenheit. Allerdings handelte es sich dann für gewöhnlich um Mikroorganismen. Da es auf Thornton einen Sauerstoffgehalt von immerhin acht Prozent gab, waren die Voraussetzungen sogar relativ gut.

Ungewöhnlich war lediglich die Größe, zu der sich das Leben hier entwickelt hatte. In den Methanseen schwammen Organismen von der Größe eines Wals und die dichte Atmosphäre machte es in Verbindung mit der relativ geringen Schwerkraft möglich, dass quallenartige Lebewesen sich ebenso in die Lüfte erhoben wie Segelflieger von der Größe eines Kondors.

Schließlich gelang es sogar, durch ein Loch in der ansonsten recht dichten Wolkendecke, Aufnahmen von yetiartigen Wesen zu machen. Diese Kreaturen gingen aufrecht, waren etwa drei Meter hoch und benutzten möglicherweise sogar Werkzeuge und Behausungen.

Manche der aus dem Orbit gemachten Aufnahmen ließen mehrere Interpretationen zu, was die Lebensgewohnheiten dieser Spezis anging.

Unter normalen Umständen hätte man diese Wesen auch durch die dichte Atmosphäre hindurch mit einem Infrarotscan beobachten können. Im Fall dieser Yetis, wie die zotteligen Riesen von Bruder Padraig bezeichnet wurden, bestand die Schwierigkeit darin, dass ihre Außenhaut über eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Isolation verfügte, sodass fast keine Körperwärme nach außen abgegeben wurde. Die Folge war, dass sie nur sehr schwache Infrarotstrahler darstellten und sich im Infrarotscan nur sehr schlecht – wenn überhaupt – abbildeten.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden, dass auf eine Rettungskapsel hinweisen könnte“, meldete Bruder Padraig schließlich. „Ich habe die Sichtparameter ausgedehnt und mich vor allem auf die Signaturen der in den Kapseln enthaltenen technischen Geräte konzentriert, da ja sowohl die Sandströmsender als auch der normale Funk nicht mehr zu funktionieren schien.“

„Und?“, fragte Reilly ungeduldig.

Bruder Padraig aktivierte eine schematische Darstellung der Planetenoberfläche, die in der Bildschirmdarstellung als Karte aufgefächert wurde.

Mehrere Punkte auf der Oberfläche waren markiert.

„An diesen Punkten konnten Signaturen geortet werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Energiezellen der Kapseln stammen. Zwar konnten die Daten aufgrund der elektromagnetischen Aufladung in der dichten Atmosphäre nicht vollständig aufgezeichnet werden, aber die Übereinstimmung mit den Vergleichssignaturen unserer Datenbank liegen immerhin bei über siebzig Prozent.“

„Unter den gegebenen Umständen würde ich das als einen Volltreffer bezeichnen“, meinte Lieutenant Commander Soldo. „Schließlich haben wir es hier ja nicht mit einem Himmelskörper zu tun, auf dem eine technisch geprägte Zivilisation existiert, sodass wir die Signaturen erst aus einer Vielzahl ähnlicher Aufzeichnungen herausfiltern müssen und wir dann vielleicht bei diesen Übereinstimmungsraten in Schwierigkeiten kämen.“

Commander Reilly wandte sich an seinen Ersten Offizier. „Ich möchte, dass Sie die Leitung eines Landeteams übernehmen, I.O.“, sagte er.

„Ay, aye, Captain.“

„Nehmen Sie Bruder Padraig, ein paar Marines und vielleicht noch den ein oder anderen Fähnrich mit.“

„Captain, gestatten Sie mir einen Einwand“, meldete sich Lieutenant Jessica Wu zu Wort.

„Bitte, sprechen Sie Lieutenant!“, nickte Reilly ihr zu.

„Es sollte jemand dabei sein, der sich im Umgang mit der Ortungstechnik besonders auskennt!“

„Deswegen dachte ich bei der Bemannung der zweiten Landefähre an Sie, Lieutenant“, eröffnete ihr der Captain. „In Ihren Akten habe ich gelesen, dass Sie noch nie ein Außenteam geleitet haben.“

„Das ist richtig, Sir.“

„Dann wird es höchste Zeit. Ihre Position auf der Brücke wird in der Zwischenzeit Fähnrich Sara Majevsky übernehmen. Sie hat ja bereits während unserer anderthalbwöchigen Reise hier her oft genug bewiesen, dass sie mit den Ortungs- und Kommunikationssystem gut vertraut ist.“

„Ja, Sir.“

„Stellen Sie sich ein Team zusammen, Lieutenant. Aber bevor Sie das tun, rufen Sie mir bitte noch einmal die JUPITER.“

„Jawohl, Sir.“

Jessica Wu begann damit, ein paar Schaltungen vorzunehmen.

„Ruder?“

Clifford Ramirez schien bereits zu ahnen, was ihn erwartete.

„Sir?“

„Sie werden ebenfalls nicht darum herumkommen, ein Außenteam zu leiten. Wir haben drei Fähren an Bord und müssen jede noch so geringe Chance nutzen, die vielleicht noch für gestrandete Besatzungsmitglieder der CAMBRIDGE besteht.“

„Sie werden während unserer Abwesenheit eine Brückenmannschaft aus Fähnrichen befehligen!“, gab Soldo zu bedenken.

Reilly zuckte die Schultern.

„Im Gefechtsfall würde Lieutenant Barus als Waffenoffizier ohnehin die Steuerung des Schiffs übernehmen – also besteht für die Sicherheit des Schiffs kein unangemessenes Risiko.“

Wenig später erschien das Gesicht Captain Van Dorens auf dem Hauptschirm. In knappen Worten setzte Commander Reilly den Captain der JUPITER über den Stand der Dinge in Kenntnis. „Ich schlage vor, dass die JUPITER ebenfalls drei Landefähren aussetzt, um nach Überlebenden zu suchen.“

Van Doren war derselben Ansicht. „Ich hoffe wirklich, dass wir dort unten noch jemanden lebend finden.“

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Innerhalb der nächsten halben Stunde wurden insgesamt sechs Landefähren aus den Hangars der beiden Leichten Kreuzer ausgeschleust.

Commander Van Doren übernahm selbst das Kommando über eines der Landeteams. Als Ranghöchster an dem Unternehmen beteiligter Offizier hatte er darüber hinaus auch Weisungsbefugnis über die gesamte Mission.

Während seiner Abwesenheit führte sein Erster Offizier Lieutenant Commander Darko Kovac das Kommando über die JUPITER.

Die Fähren JUPITER L-2 und JUPITER L-3 wurden Ortungsoffizier Lieutenant Ferdinand Massarov sowie von Dr. Venus Sigurvinson, der Schiffsärztin an Bord der JUPITER befehligt.

Jede der Fähren bekam ein bestimmtes Areal zugeordnet. Die Koordinierung lief über Van Doren.

Nicht alle der ursprünglich aufgezeichneten Signaturen von Energiezellen konnten auch wieder gefunden werden.

Die JUPITER L-1 unter Van Doren landete als erste der beteiligten Einheiten.

Der Landeplatz war eine Ebene.

Die JUPITER L-1 setzte auf der eisigen Oberfläche auf. Van Doren und die anderen an diesem Einsatz beteiligten Mitglieder seiner Crew schlossen ihre Druckanzüge.

Lediglich zwei der Männer waren mit den neuen Kampfanzügen ausgerüstet, die derzeit bei den Marines des Space Army Corps noch Mangelware waren.

„Ich habe mich schon ziemlich an diese Dinger gewöhnt!“, behauptete Sergeant Lars Erixon, der Kommandant der Marines-Einheit an Bord der JUPITER. „Es war allerdings nicht so einfach. Wenn man die Servoverstärkung nicht richtig beherrscht, kann man eine Menge kaputtmachen. Mein Counterpart auf der STERNENKRIEGER verflucht die Einführung dieser Anzüge regelrecht.“

„Commander Reilly und ich sind uns darin einig, dass sie so oft wie möglich zum Einsatz kommen sollten, Sergeant“, erklärte Van Doren. „Schon aus Sicherheitsgründen. In einem richtigen Gefechtseinsatz müssen Sie den Anzug blind beherrschen.“

„Ich weiß. Und im Gegensatz zu den herkömmlichen Raumanzügen mit leichterer Panzerung, mit denen wir bisher auf Planeten operiert haben, die nicht der Erdnorm entsprachen, sind wir darin so sicher wie in Abrahams Schoß! In den Tests schaffte es selbst ein Industrie-Laserschneidbrenner erst nach mehreren Minuten, die Panzerung zu durchdringen!“

Die beiden Marines in den schweren Kampfanzügen nahmen ihre Gauss-Gewehre in den Anschlag und passierten als erste die Schleuse.

Wie alle anderen Mitglieder des Außenteams waren sie zusätzlich noch mit Nadlerpistolen bewaffnet.

Nachdem die Marines das Signal gegeben hatten, dass alles in Ordnung wäre, folgten auch die anderen Teammitglieder. Lediglich Paula McMannaman, die Pilotin der Fähre, blieb zurück.

Der Anblick des aufgehenden Blauen Riesen war überwältigend und selbst Van Doren hielt einen Moment inne.

Auf der hellblauen, an den Neptun erinnernden Oberfläche von Blue Eye waren feine Strukturen zu sehen. Verwirbelungen in der Blue Eye-Atmosphäre. Tiefdruckgebiete, die größer als ein ganzer Planet waren und sich wahrscheinlich über Jahrtausende hielten. Ismet Smith, ein junger Fähnrich, der an dieser Mission teilnahm meldete den Empfang der Energiezellen-Signatur auf seinem Ortungsgerät.

„Folgen wir diesen Signalen“, befahl Van Doren.

„Ihr Ursprung liegt hier ganz in der Nähe“, meinte Ismet Smith. „Es können jetzt noch ein paar Dutzend Meter sein.“

Methanregen setzte ein. Besonders große, dicke Tropfen fielen vom Himmel und boten einen faszinierenden Anblick. Alles schien auf dieser Welt in Zeitlupe zu verlaufen.  Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man den Tropfen dabei zusah, wie sie sanft zu Boden sanken.

Van Doren und sein Team erreichten einen Ort, an dem mehrere tote Yeti-Riesen auf dem hartgefrorenen Boden verstreut herumlagen. Die Überreste zerstörter primitiver Behausungen, die offenbar aus den Überresten ihrer Jagdbeute gefertigt worden waren, wiesen Brandspuren auf.

„Was ist hier geschehen?“, murmelte Van Doren vor sich hin, aber seine Worte wurden an alle Mitglieder der L1-Crew übertragen.

„Für mich sieht das nach einem Massaker aus!“, stellte Sergeant Erixon fest. „Allerdings glaube ich nicht, dass diejenigen, die dafür verantwortlich sind, noch in der Nähe sind.“

„Und wie kommen Sie zu dieser Ansicht, Sergeant?“, hakte Van Doren nach.

Erixon deutete mit dem Lauf seines Gauss-Gewehrs auf eine Fläche in der Nähe des Lagers, die ein kreisförmiges Muster im Eis zeigte.

„Das sieht mir wie der Landeplatz eines Schwebers aus!“

Fähnrich Smith beugte sich zu einem der toten Yeti-Riesen hinunter und richtete den Scanner auf den in der Kälte erstarrten Körper.

„Die Körper sind von Mikroben durchsetzt“, erklärte Smith. „Allerdings handelt es sich dabei um Mikroorganismen, die auf das Überleben in kalten, Sauerstoffarmer Umgebung ausgerichtet sind.“

„Das bedeutet, dass was wir unter irdischen Bedingungen Verwesung nennen würden, läuft hier in einem viel langsameren Tempo ab!“, schloss Van Doren.

Ismet Smith nickte.

„Ja, Captain.“

„Könnte man feststellen, wie lange es her ist, dass diese Riesen umgebracht wurden?“

„Uns liegen natürlich keine Vergleichsdaten über das Tempo des Mikrobenbefalls der hiesigen Fauna vor“, erwiderte Smith. „Außerdem gibt es eine gewisse Unsicherheit, die dadurch bedingt ist, dass die chemischen Prozesse, die hie ablaufen wohl so gut wie nichts mit dem Verwesungsprozess zu tun haben, wie wir ihn kennen...“

„Aber den Rahmen, Fähnrich!“

Fähnrich Smith schien etwas in sich gekehrt dreinzublicken. Aber das täuschte. In Wahrheit erschienen die Berechnungsdaten seines Armbandrechners auf der Innenseite des Helmvisiers, das als Display diente.

„Etwa zwei Wochen“, meinte er.

„Das ist genau der Zeitzpunkt, als die Cambridge ihre letzte Botschaft abschickte“, stellte Van Doren fest. Es würde also passen!, setzte er noch in Gedanken hinzu.

In diesem Moment meldete sich Crewman Alain Butthar über Helmfunk zu Wort. Er hatte den Ursprung der Energiezellensignatur entdeckt.

Van Doren, Smith und Erixon näherten sich dem Objekt, das Butthar gerade abscannte.

Nur an einer Ecke war noch erkennbar, dass es sich mal um eine Space Army Corps Rettungskapsel gehandelt hatte. Dort befand sich die intakte Energiezelle, deren Signatur aus dem Orbit hatte angemessen werden können. Der Rest war zusammengeschmolzen. Weder von dem Insassen der Kapsel, noch vom Sandströmsender oder dem konventionellen Peilsender war mehr geblieben als ein Gemisch aus Metal, Plastik und undefinierbaren organischen Anteilen, wie die Scan-Ergebnisse ergaben.

Da war jemand sehr gründlich!, ging es Van Doren düster durch den Kopf.

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Die Raumfähre STERNENKRIEGER L-3 setzte auf einem kanzelähnlichen Vorsprung am Hang eines Eisvulkans auf. Offenbar war es hier zu Abbrüchen gekommen, die das Relief im Laufe der Zeit verändert hatten und für die bizarren, sehr scharfen Formen verantwortlich waren.

Das sprach dafür, dass dieser Eisvulkan – im Gegensatz zu vielen anderen – seit langer Zeit schon kein Ammoniakwasser mehr gespuckt hatte, denn beim Erkalten dieser aus Reservoiren im Inneren des Planeten herausschießenden Fluten wurden normalerweise weiche Formen gebildet.

Sergeant Saul Darren ging zusammen dem Marine Jason Tantor zuerst ins Freie.

Tantor trug einen der beiden neuen Kampfanzüge. Der zweite wurde gegenwärtig von Corporal Fritz Gallego getragen, der zum Team der STERNENKRIEGER L-2 unter Lieutenant Wu gehörte.

Saul Darren trug seinen herkömmlichen, durch Panzer-Protektoren verstärkten Raumanzug, wie er bisher bei den Marines des Space Army Corps üblich gewesen war.

Der Gedanke daran, sich mit der Bedienung des neuen Anzugs früher oder später vertraut machen zu müssen, gefiel ihm noch immer nicht. Aber es war ihm natürlich klar, dass es keinen Sinn hatte, sich lange dagegen zu sträuben, wenn er weiter in seinem Job bleiben wollte.

Lieutenant Commander Thorbjörn  Soldo und Bruder Padraig passierten als nächste die Schleusen. Schließlich folgte noch Dr. Miles Rollins, der Schiffsarzt der STERNENKRIEGER, sowie Fähnrich Robert Ukasi, der auf diese Weise zu seinem ersten Einsatz bei einer Landemission kam.

Von den anderen Fähren waren deprimierende Nachrichten eingetroffen.

Sämtliche Rettungskapseln, die bis jetzt gefunden worden waren, hatte ein unbekannter Aggressor mit Hilfe einer wahrscheinlich laserähnlichen Energieeinwirkung mehr oder minder zerschmolzen. Die Insassen waren dadurch getötet und die Peilsender ausgeschaltet worden.

Acht solcher Meldungen waren inzwischen eingegangen und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, dass sich diese Zahl noch erhöhte.

„Dafür kann es eigentlich nur eine Erklärung geben“, war Soldo überzeugt. „Die Aggressoren, die zuerst die CAMBRIDGE angegriffen und zerstört haben, waren hinterher darauf aus, auch die Peilsender der Rettungskapseln auszuschalten und die Insassen zu töten!“, glaubte Soldo.

„Danach sieht es tatsächlich aus“, gab Bruder Padraig zu. Sie erreichten jetzt eine von fast zwanzig Positionen, wo zumindest zeitweise die Signatur einer Energiezelle hatte angemessen werden können.

Die Rettungskapsel, die sich hier fand, war auf ähnliche Weise behandelt worden, wie jene, die Commander Van Doren und seine Gruppe gefunden hatten.

Auch hier war die Kapsel teilweise zerschmolzen worden.

Aber es gab einen Unterschied zu allen anderen.

„Die Ausstiegsluke ist geöffnet gewesen, als man auf die Kapsel gezielt und die Sender der Kapsel zerstörte!“, stellte Bruder Padraig nach einem kurzen Scan fest.

„Soll das heißen, der Insasse wurde da herausgeholt?“, fragte Soldo skeptisch.

Bruder Padraig nickte.

„Meiner Ansicht nach lassen die Spuren, die wir hier finden, nur diesen Schluss zu.“

„Wo ist dann die Leiche?“, fragte Soldo. „Kein Mensch kann die Umweltbedingungen von Thornton länger als ein paar Minuten ertragen, dazu ist es hier viel zu kalt – und die Sauerstoffwerte sind so niedrig, dass ein Mensch bereits nach kurzer Zeit ins Delirium fallen würde!“

„Trotzdem muss es geschehen sein. Hier sind Fußabdrücke im Eis, die höchstwahrscheinlich von einem Stiefel des Space Army Corps stammen!“, stellte nun auch Fähnrich Ukasi fest, der sich etwas umgesehen und seinen Scanner in verschiedene Richtungen geschwenkt hatte.

Auf Soldos Stirn erschien eine tiefe Furche.

Ganz in der Nähe fanden sich Überreste eines Arachnoiden. Erstarrt lag er da. Man hätte ihn auf den ersten Blick für einen Eisbrocken halten können, denn er war über und über mit feinem weißen Staub deckt.

Es handelte sich dabei um winzige Eiskristalle, die durch Erosion von den gefrorenen Massiven des Vulkans im Laufe vieler Jahre abgeschabt worden waren. Die dichte Atmosphäre und die vergleichsweise geringe Anziehungskraft sorgten dafür, dass dieser Staub mit viel Auftrieb über die Ebenen getragen wurde. Um über die Eisvulkanmassive hinüber zu gelangen, reichte der Auftrieb zumindest bei den schweren Teilchen offenbar nicht aus. So wirkten die häufig in Form von Ketten auftretenden Vulkankrater regelrechte Staubfänger.  An manchen Hängen – selbst bei Vulkanen, die erst vor kurzem aktiv gewesen waren! – betrug diese Schicht mehrere Zentimeter. Andere waren auf Grund der meteorologischen Bedingungen vollkommen staubfrei. 

Dr. Miles Rollins begutachtete den arachnoiden Achtbeiner mit seinem Scanner.

„Es handelt sich um ein Wesen auf Wasser-Basis“, stellte er fest.

„Das bedeutet?“, fragte Soldo.

„Dass es ganz bestimmt nicht von dieser Welt stammen kann!“, erklärte Rollins. „Das Leben hat sich hier in extremer Weise an die Kälte angepasst – und das bedeutet, der Wasseranteil muss so gering wie möglich gehalten werden. Außerdem muss der Organismus Vorkehrungen dafür treffen, dass das vorhandene Wasser nicht gefriert. Es gibt auf der Erde Amphibienarten, deren Körper eine Art Frostschutzkomponente enthielten. Aber bei diesem Arachnoiden ist das alles nicht der Fall.“

Bruder Padraig teilte diese Einschätzung.

„Sehen Sie diese Halsmanschette im Kopfbereich. Das ähnelt sehr stark den Halsmanschetten unserer eigenen Raumanzüge, wie sie noch vor 20 Jahren verwendet wurden.“

„Davon abgesehen sind hier noch ein paar Fetzen, die aus einem Stoff bestehen, der als Raumanzug durchaus tauglich wäre“, lautete Rollins’ Ergänzung. „Übrigens haben die auf diesem Planeten beheimateten Mikroorganismen den Körper des Arachnoiden nicht angerührt.“

„Ein weiteres Argument dafür, dass er nicht von Thornton stammt“, glaubte Bruder Padraig.

Rollins nickte. „Sie sagen es!“

„Es könnte sich um jene Spezies handeln, die die CAMBRIDGE attackierte“, glaubte Soldo. „Die Achtbeiner haben zuerst das Schiff angegriffen und vernichtet und anschließend die Rettungskapseln aufgespürt und dafür gesorgt, dass die Peilsender nicht mehr aktiv waren. Das macht Sinn.“

„Wir müssen herausfinden, wohin die Achtbeiner verschwunden sind“, meinte Soldo. Aber einstweilen müssen wir erst einmal dafür sorgen, dass wir überhaupt wieder einen funktionierenden Überlichtantrieb zur Verfügung haben!, fügte der Erste Offizier der STERNENKRIEGER in Gedanken noch hinzu. Außerdem – wer sagt uns eigentlich, dass die Achtbeiner tatsächlich verschwunden sind?

„Ein Mensch, der aus seiner Rettungskapsel herausgerissen wurde und ein Arachnoide, dem man den Raumanzug und das Sauerstoffaggregat abgenommen hat!“, murmelte Bruder Padraig. „Ich frage mich wirklich, wie das zusammenhängt.“

Robert Ukasi hatte sich inzwischen mit der Rettungskapsel beschäftigt. Sie war weit weniger beschädigt als jene Kapseln, auf die die anderen Außenteams bisher gestoßen waren.

Das Gesicht des Fähnrichs wirkte angestrengt. Er hatte ein Modul an die Außenbeschichtung auf der noch relativ unbeschadeten linken Seite angebracht.

„Ich weiß jetzt, wer sich in dieser Kapsel befunden hat“, erklärte der Fähnrich im Brustton der Überzeugung.

Die anderen Mitglieder des Teams wandten sich daraufhin  erstaunt zu Ukasi herum.

„Was sagen Sie da?“, fragte Soldo erstaunt.

„Es ist mir gelungen, ein Teilsystem zu reaktivieren. Sie wissen doch, wenn man in eine solche Rettungskapsel steigt, wird durch einen Iris-Scanner die Identität des Betreffenden ermittelt, damit die Lebenserhaltungssysteme der Kapsel genau auf die persönlichen physiologischen Bedingungen des Betreffenden eingestellt werden können. In diesem Fall wurde der Datensatz von Commander Jay Thornton aktiviert.“

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Zur gleichen Zeit hatte das Team der JUPITER L-1 um Commander Steven Van Doren inzwischen seine Untersuchungen beinahe abgeschlossen.

Der Methanregen wurde dichter. Die Sicht war jetzt sehr schlecht, zumal sich jetzt auch noch die Wolken sehr tief hingen. Die Anhöhen im Westen waren ebenso in diesen tief hängenden Wolken verschwunden wie die Kette von Vulkankratern im Osten, wo das Team um Lieutenant Commander Thorbjörn  Soldo auf die Kapsel von Captain Jay Thornton gestoßen war.

Eine Reihe von Lageberichten war inzwischen bei Van Doren eingegangen.

Die Bilanz war deprimierend.

Insgesamt hatten 26 Rettungskapseln geortet werden können. Manche waren tatsächlich von den erkaltenden Strömen aktiver Eisvulkane begraben worden, so dass man die schwachen Signaturen ihrer Energiezellen erst von der Oberfläche aus hatte orten können.

Wahrscheinlich hatte dieses Schicksal noch weit aus mehr Rettungskapseln ereilt, deren außerordentlich robuste Energiezellen jedoch wohl keine Signaturen mehr aussandten.

Realistischerweise können wir nicht davon ausgehen, auf Thornton noch irgendeinen Überlebenden der CAMBRIDGE-Besatzung zu finden, überlegte Van Doren. Aber andererseits sitzen wir hier ohnehin fest, solange der Überlichtantrieb nicht wieder voll funktionsfähig ist!

„Captain, aus Nordwest nähern sich mehrere Lebensformen!“, meldete Sergeant Lars Erixon über Helmfunk. „Sie werden durch den Infrarotsichtmodus meines Kampfhelm-Visiers kaum abgebildet, deswegen habe ich sie zunächst nicht bemerkt.“

„Ich habe sie auf dem Schirm meines Ortungsgerätes“, sagte Crewman Alain Butthar. „Es handelt sich offenbar um etwa zwei Dutzend dieser Yeti-Monster.“

„Captain, ich schlage vor, wir machen uns aus dem Staub. Schließlich wissen wir nicht, ob diese Zottelyetis nicht etwas ungehalten reagieren, wenn sie uns hier inmitten ihrer toten Artgenossen entdecken!“, schlug Sergeant Erixon vor.

In diesem Moment meldete sich Paula McMannaman, die Pilotin der Landefähre JUPITER L-1 zu Wort. Die Fähre befand sich etwa 500 Meter von Van Dorens gegenwärtigem Standort entfernt.

„Captain, hier Pilotin McMannaman! Einige dieser Yetis haben sich an die Fähre herangeschlichen. Ihr Fell war vollkommen mit hellem Eisstaub bedeckt, sodass sie für die optische Ortung zu gut getarnt waren. Auf dem Infrarotscan sind sie nicht abgebildet worden. Die Temperatur ihres Fells  entspricht der Umgebung. Jetzt haben sie das Dach der Fähre erklommen und haben mir einen der Sensor-Scanner abgebrochen.“

„Wie viele sind es?“, fragte Van Doren.

„Mindestens dreißig. Und ich würde ihre Intelligenz nicht unterschätzen. Sie wussten sich nahezu perfekt zu tarnen. Außerdem benutzen sie speerartige Waffen aus einem sehr harten, knochenähnlichen Material. Damit kratzen sie an der Außenhaut herum.“

„Der Rückweg zur Fähre ist also abgeschnitten“, stellte Van Doren fest.

Sergeant Erixon gab den an der Mission beteiligten Marines den Befehl, einen Kreis um die restlichen Crewmitglieder zu bilden.

„Falls diese Wesen sprachbegabt sind, können wir über sie vielleicht Hinweise über diejenigen erhalten, die dieses Massaker angerichtet und wahrscheinlich auch die CAMBRIDGE vernichtet haben!“, meinte Fähnrich Ismet Smith.

Van Doren ging darauf nicht ein.

Stattdessen gab er einen unmissverständlichen Befehl an Erixon und seine Marines.

„Gauss-Gewehre senken! Nehmen Ihre Nadler und schalten Sie den Partikelstrom auf Betäubung!“

„Captain, wer sagt Ihnen, dass unsere Betäubungsgifte bei diesen Kreaturen überhaupt funktionieren!“, wandte Sergeant Erixon ein.

Sein Einwand ist berechtigt, meldete sich eine kritische Stimme in Van Dorens Hinterkopf zu Wort. Die Biochemie der Yetis funktioniert auf völlig andere Weise, es könnte also tatsächlich gut möglich sein, dass die Betäubung ohne Wirkung bleibt.

„Betäubung auf höchste Intensität schalten!“, sagte der Captain der JUPITER daraufhin und nahm den eigenen Nadler von der Magnethalterung an seinem Druckanzug, um ihn entsprechend einzustellen. Das ist der Zwiespalt, in dem du dich jetzt befindest!, raste es derweil durch seine Gedanken. Humanität gegen Effektivität und vielleicht sogar gegen die eigene Sicherheit. Niemand kann vorhersagen, wie diese zotteligen Monster reagieren. Vielleicht lässt sich Kontakt herstellen, und wir erhalten wertvolle Informationen über die geheimnisvollen Aggressoren. Ebenso gut ist es aber auch denkbar, dass sie uns für den Tod ihrer Artgenossen verantwortlich machen und in wahnhafter Wut über uns herfallen!

Van Doren war sich keineswegs sicher, ob er das Richtige tat. Aber er wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste und es manchmal sogar besser war, eine falsche Entscheidung zu treffen als gar keine.

Ein dumpfes Grollen erklang durch die Wand aus schmutzigbraunem Dunst, der inzwischen kaum noch etwas vom Licht des Blauen Riesen hindurchschimmern ließ – so dicht war er geworden.

Dicke Methantropfen platschten auf den Boden und bildeten kleine Rinnsaale, die sich zu mäandernden Strömen vereinigte. Diese fingerdicken Ströme nahmen den Eisstaub mit sich, spülten ihn davon und sorgten dafür, dass es für die Mitglieder des Außenteams rutschig unter den Füßen wurde.

Das Grollen ertönte erneut.

Zunächst hatte Van Doren es für ein Donnergrollen gehalten, das immer wieder zu hören war, so fern man die Außenmikros seines Raumanzugs aktiviert hatte.

In der dichten Atmosphäre Thorntons kam es immer wieder zu kräftigen elektrischen Entladungen, gegen die alles, was es auf der Erde in dieser Hinsicht gab, nur wie ein laues Sommergewitter wirkte. 

Aber das war kein Donner!, ging es Van Doren durch den Kopf, der gleichzeitig mit den Geräuschen auch einen unangenehmen Druck in der Magengegend gespürt hatte.

Erneut ertönten diesmal grollende, ehr tiefe Laute, diesmal aus mehreren Richtungen.

Der Magendruck verstärkte sich.

Die anderen Crewmitglieder schienen davon auch betroffen zu sein.

Commander Van Doren konnte durch das Helmvisier Crewman Butthars Gesicht sehr gut sehen, der sich gerade zu ihm herum gewandt hatte. Es war aschfahl.

„Das müssen die Auswirkung extrem starker niederfrequenter Schallwellen sein“, keuchte er. „Mit Verlaub, ich könnte mich übergeben, Sir!“

„Versuchen Sie durchzuhalten, Crewman!“

„Ich hoffe, mein Magen hört auf Ihren Befehl, Captain!“

Jetzt tauchten die ersten zotteligen Gestalten aus dem Methandunst auf. Zuerst waren sie nur als dunkle, aber gewaltige Schemen zu erkennen. Dann konnte man auch Einzelheiten ausmachen. Mit ihren gewaltigen Speeren, den sie zumeist mit einer der Hände hielten, die zu einer der beiden kräftigen Extremitäten gehörte.

Drei Hände blieben frei, um mit handgroßen Eiskristallen zu werfen. Manche benutzten dazu auch Schleudern.

Ein erster Regen aus steinharten Eiskristallen ging über den Raumfahrern der JUPITER L-1 nieder. Mehrere Crew-Mitglieder wurden von den Brocken getroffen, aber die leichte Panzerung, mit der diese ausgestattet waren, reichte so eben aus, um schlimmere Schäden zu vermeiden.

„Lassen Sie uns feuern, Captain!“, verlangte Erixon. „Es wäre nicht besonders klug, sie noch näher herankommen zu lassen.“

Aber Van Doren ließ sich nicht beirren. Er wollte Kontakt mit diesen Riesen aufnehmen und sie nicht zu seinen Feinden machen.

„Kein Feuer!“, befahl er. „Sie sollen sehen, dass wir in Frieden gekommen sind und nicht beabsichtigen, sie anzugreifen oder ihnen irgendwie sonst zu schaden!“

„Ich frage mich, ob unsere Zottelfreunde diese Absicht auch verstehen!“, gab Erixon zu bedenken.

„Translatoren auf höchste Empfangsintensität schalten“, befahl Van Doren.

„Ich hoffe nur, dass unser Empfänger diese verdammten Infraschall-Anteile vertragen!“, äußerte Butthar.

„Lassen Sie es darauf ankommen!“, meinte Van Doren.

„Glauben Sie wirklich, dass diese Laute eine Sprache darstellen?“, zweifelte Erixon.

„Ich will es hoffen!“, murmelte der Captain der JUPITER.

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Die Translatoren der Crewmitglieder zeichneten die Laute der Yetis auf und versuchten, darin Sprachmuster zu erkennen. Je nachdem, wie kompliziert die Sprache der Riesen war, würde es noch ein paar Minuten oder in schweren Fällen sogar Stunden dauern, bis genügend Vokabular aufgezeichnet worden war, um eine Verständigung zu ermöglichen.

Die Riesen stellten ihren Beschuss mit Eiskristallen erst einmal ein. Einer von ihnen, der so laut und mit dermaßen drückenden Infraschallfrequenzen sprach, dass dem halben Außenteam sofort schlecht wurde, ließ eine Folge so lauter Brummlaute folgen, dass damit die Lautäußerungen aller anderen deutlich übertönt wurden.

Das Gespräch unter den Yetis ging hin und her. Leider war alles, was das Translatorsystem davon zu übersetzen vermochte eine sinnlose Aneinanderreihung von Begriffen, von denen wiederum neunzig Prozent Zusammensetzungen von Worten waren, die für einen menschlichen Verstand einfach keinen erkennbaren Sinn ergaben.

Das System war offenbar noch nicht so weit.

Aber hier schien zumindest einer der Riesen jetzt begriffen zu haben, dass die Crew der JUITER L-1 keineswegs darauf aus war, ein Gemetzel zu veranstalten oder ihre Gegner auch nur zu betäuben.

Sie sind noch unschlüssig!, dachte Van Doren. Glücklicherweise scheint der größte Brüller unter diesen Zottelriesen auf unserer Seite zu sein, aber es ist die Frage, ob er sich letztlich wirklich durchsetzen wird.

Der Riese, den Van Doren für sich einfach den großen Brüller nannte, machte ein paar Schritte nach vorn. Dann stampfte er auf, reckte die beiden groben Extremitäten empor, mit deren Händen er jeweils einen Speer trug. Die kleineren, und für eine andere Aufgabe gedachten Arme hielten noch immer ein paar Eiskristalle zum Wurf bereit.

Er traut dem Frieden noch nicht – und wenn ich an seiner Stelle wäre und jemanden in einem zerstörten Camp voller Leichen anträfe, würde ich vielleicht genauso denken...

Der große Brüller stampfte noch einmal auf.

Vielleicht erwartete er jetzt irgendeine Reaktion.

Van Doren wusste nicht so recht, wie er das Verhalten seines Gegenübers zu interpretieren hatte. Ein Königreich für einen  Olvanorer-Berater!, ging es ihm durch den Kopf. So musste er wohl auf seine eigene Intuition vertrauen und sich so gut wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich war, in die Gedanken des großen Brüllers und seiner Horde einfühlen.

Dieser brüllte jetzt etwas in Richtung von Van Doren und seiner Gruppe. Dabei gestikulierte er wild mit beiden Armpaaren herum. 

Aus dem Translator kam noch immer nichts weiter als sinnloses Gestammel.

Die haarigen Riesen näherten sich vorsichtig. Augenblicke lang herrschte Schweigen. Nicht einmal die grollenden Laute  der Riesen waren jetzt zu hören.

Was haben sie vor?, dachte Van Doren.

„Wir kommen in Frieden“, sagte der Captain der JUPITER noch einmal. „Und für dieses Massaker sind wir nicht verantwortlich. Im Gegenteil! Wir suchen diejenigen, die es angerichtet haben und brauchen eure Hilfe!“

Van Dorens Worte drangen über den Außenlautsprecher. Das Translatorsystem übersetzte sie in die Laute der Riesen beziehungsweise versuchter es. Was wirklich davon bei der anderen Seite ankam und ob der Translator eine passende Übersetzung gewählt hatte, konnte Van Doren natürlich nicht beurteilen. Normalerweise tat man in diesem Stadium besser daran, sich mit sprachlichen Äußerungen noch zurückzuhalten, bis genügend Sprachmaterial aufgezeichnet worden war. Aber das Risiko etwas Falsches zu sagen erschien Van Doren weniger gravierend als das Risiko gar nichts zu sagen.

Bis auf ein Dutzend Meter kamen die Yetis heran. Sie standen da, ließen den Blick ihrer an einem Fortsatz aus der Schädeldecke herauswachsenden Augen kreisen. Was würdest du jetzt dafür geben, auch nur einen ihrer Gedanken lesen zu können!, durchzuckte es Van Doren. Sie wirken ruhig. Aber wer sagt dir, dass du ihr Verhalten richtig deutest. Vielleicht ist es nur die Ruhe vor dem Sturm.

Der springende Punkt war wohl, ob sie begriffen, dass die menschlichen Besucher nichts mit ihren toten Artgenossen zu tun hatten.

Augenblicke lang hing alles in der Schwebe.

Van Doren entschloss sich dazu den Riesen ein paar Schritte entgegen zu gehen. Den Nadler befestigte er an der Magnethalterung seines Raumanzugs. Vorsichtig stapfte er über das Eis.

„Sir, ich kann Ihnen nur abraten!“, war Erixons schneidende Stimme über Helmfunk zu hören.

„Bleiben Sie in Gefechtsbereitschaft Erixon!“, war Van Dorens überraschend ruhige Antwort. Er steckte dabei seine Hände aus, sodass sein Gegenüber erkennen konnte, dass sie leer waren. Vielleicht versteht man diese universelle Botschaft ja auch hier, hoffte er.

Der brüllende Riese ließ einen leisen, grollenden Laut hören. Ein Geräusch, dass Van Doren an das Brummen der Ionentriebwerke eines Space Army Corps Schiffs in der Aufwärmphase erinnerte.

Der Translator übersetzte diesen Laut lediglich mit einem einzigen Wort.

„Mörder!“

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Im nächsten Augenblick ging der Angriff los. Die Riesen stürmen blindwütig auf Van Dorens Gruppe zu.

Die ersten Nadlerschüsse wurden abgegeben. Aber das Betäubungsmittel in den verschossenen Projektilen schien die Zotteligen in keiner Weise zu beeindrucken, geschweige denn, dass es eine stoppende Wirkung gehabt hätte. Der große Brüller stürmte los, schleuderte seine Speere und die Eiskristalle in seinem zierlicheren Paar Hände. Mit beidem konnte er kam Schaden anrichten, aber dann griff er nach Fähnrich Ismet Smith und zerfetzte ihn regelrecht. Er riss ihm einen Arm ab. Seine Kraft war so groß, dass das ultrawiderstandsfähige Fasermaterial seines Raumanzugs riss. Blut spritzte in die Höhe. Austretende Atemluft kondensierte. Der Todesschrei des Fähnrichs gellte nur kurz über den Helmfunk. Der Schock des Druck- und Temperaturunterschieds hatte ihn bewusstlos werden lassen, ehe der Riese ihm auch noch den Helm mitsamt Kopf von den Schultern riss.

Sergeant Erixon wartete nicht auf Befehle. Er nahm das Gauss-Gewehr von der Schulter und feuerte. Die Geschosse trafen den Riesen in rascher Folge, rissen daumengroße Löcher und traten auf der anderen Seite wieder aus, wo sie weitere Angreifer niederstreckten.

Der große Brüller fiel wie ein gefällter Baum zu Boden.

„Nadler auf töten einstellen! Die Marines nehmen die Gauss-Gewehre!“, ergriff Erixon die Initiative, denn Commander Van Doren hatte in diesem Augenblick selbst alle Mühe, am Leben zu bleiben.

Einer der Riesen stürzte sich auf ihn, rammte ihm den Speer entgegen, sodass der Captain der JUPITER nur gerade noch auszuweichen vermochte und deckte Van Doren mit einem Hagel aus Eiskristallen ein.

Van Doren taumelte davon, riss derweil den Nadler aus der Magnethalterung und stellte ihn auf töten um.

Er stolperte zu Boden, rollte sich auf dem steinharten Eis herum und feuerte dann zielsicher einen tödlichen Strahl nadelartiger Partikel auf seinen Gegner.

Dieser brüllte auf, diesmal fast eine Oktave höher, als dies der normalen Stimmlage der Yetis entsprach. Der Partikelstrahl hatte eine schreckliche Wunde gerissen. Er taumelte noch einen Schritt vorwärts und krachte anschließend zu Boden.

Van Doren konnte sich gerade noch davonmachen, bevor die gewaltige Kreatur ihn unter sich begrub und zwangsläufig zerquetschte.

Innerhalb weniger Augenblicke war mehr als die Hälfte der Riesen niedergestreckt. Vor allem die Gauss-Gewehre der Marines hatten in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet.

Die Angreifer schienen einzusehen, dass sie gegen diese Feuerkraft nicht den Hauch einer Chance hatten und dass es auch wenig Sinn machte, weiter dagegen anzurennen.

Die ersten ergriffen die Flucht, weitere folgten ihrem Beispiel.

Van Doren gab den Befehl, das Feuer einzustellen.

Erixon konnte es einfach nicht lassen noch zwei der Yetis auf der Flucht niederzustrecken.

„Haben Sie meinen Befehl nicht gehört, Sergeant!“, blaffte Van Doren ihn an, woraufhin Erixon das Gauss-Gewehr senkte.

„Das habe ich schon gehört, Sir!“, erwiderte er über Helmfunk und die Art und Weise, wie er das Sir betonte, gefiel Van Doren ganz und gar nicht. „Aber ich frage mich, ob Sie vergessen haben, was diese Biester mit Smith angestellt haben!“

„Nein“, murmelte Van Doren. Das werde ich wohl niemals vergessen können, setzte er in Gedanken noch hinzu. Schließlich ist der Fähnrich auf Grund meiner Fehleinschätzung gestorben!

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Für Ismet Smith konnte niemand mehr etwas tun. Aber einer der Riesen lebte noch. Über Funk beorderte Commander Van Doren jenes Außenteam her, das erstens über einen Arzt verfügte und zweitens am nächsten am Ort des Geschehens war.

In diesem Fall war das die STERNENKRIEGER L-2 unter Lieutenant Commander Thorbjörn  Soldo.

Sanft setzte Soldos Fähre ganz in der Nähe auf.

Soldo, Bruder Padraig und Dr. Miles Rollins gingen gleich nach den an Bord befindlichen Marines durch die Schleuse. Als letzter folgte Fähnrich Robert Ukasi.

Van Doren gab einen kurzen Lagebericht und führte Soldo und die anderen zu dem verletzten Riesen.

„Ich weiß nicht, was und ob Sie etwas für ihn tun können, Doktor, aber es wäre schön, wenn Sie es wenigstens probieren könnten!“

„Klappt die Verständigung?“, fragte Rollins.

„Genau das dürfte in diesem Fall das Problem gewesen sein“, knurrte Van Doren düster. Er machte sich inzwischen bittere Vorwürfe. Erixon hatte von Anfang an Recht! Wir hätten diese Monster auf Distanz halten müssen! Wie konnte ich nur davon ausgehen, dass sie mit uns ein Gespräch führen wollten! Was für ein Narr ich gewesen bin!

Van Doren schluckte und versuchte, diese Gedanken so gut es ging zu verdrängen. Wem hilft dieses von Selbstmitleid nur so triefende Gejammer?, meldete sich ein unbarmherziger Kommentator in seinem Hinterkopf, dessen Statement immerhin dafür sorgte, dass sich seine Gemütstemperatur innerhalb weniger Sekunden einigermaßen den Normalwerten näherte. Eins steht jedenfalls fest: Fähnrich Smith nützt das jetzt nichts mehr!

Der Riese brüllte unterdessen und schlug mit einem seiner kräftigen und noch sehr funktionsfähigen Arme in Richtung des Doktors. Aber ein Abstand von zwei Metern reichte vollkommen für einen medizinischen Scan.

„Ich frage ich, wie das Biest sich überhaupt noch rühren kann – mit den Kopfverletzungen!“, staunte Crewman Alain Butthar, der noch ganz unter dem entsetzlichen Eindruck des Geschehens stand.

„Das liegt daran, dass im Kopf dieses Wesens keine lebenswichtigen Organe untergebracht sind“, erklärte Dr. Rollins. „Jedenfalls spricht die Schnelltomographie dafür, auch wenn ich mir bei vielem, was ich hier auf meinem Rechnerdisplay sehe, noch nicht so recht sicher bin, wie ich es zu interpretieren habe.“

Eine Lautfolge entrang sich der einzigen noch funktionsfähigen Essöffnung am Kopf des Riesen. Der Translator war diesmal sogar in der Lage, sie zu übersetzen.

„Warum tut ihr das?“, fragte er. „Was wollt ihr hier?“  Was dann folgte, war erneut eine wirre Folge von Begriffen, die in keinen Zusammenhang zu bringen waren.

„Wir wollen dir helfen“, sagte Rollins und hoffte, dass sein Gegenüber das auch auf die richtige Weise verstand.

„Ihr seid die Helfer der Achtbeiner!“, erwiderte der am Boden liegende Riese. „Was soll ich von euch für Hilfe erwarten!“

„Die Achtbeiner haben auch uns angegriffen und viele von uns getötet“, ergriff jetzt Van Doren das Wort.

„Davon ist hier nichts bekannt.“

„Was weißt du über die Achtbeiner?“

„Ihr seid doch auch Außenweltler. So müsstet ihr doch mehr über sie wissen“, meinte der Riese, woraufhin wieder ein paar Begriffskombinationen folgten, mit denen keiner der menschlichen Zuhörer etwas anzufangen wusste. „Verflucht seid ihr Außenweltler!“, knurrte er. Dann rührte er sich nicht mehr.

Seine Lebensfunktionen waren erloschen.

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​  Kapitel 2: DIE  Wsssarrr

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Der Alleinige wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Zusammen mit dem haarlosen Götterkind hatte man ihn an Bord eines Sternenschiffs gebracht. So viel war ihm klar. Dort waren die beiden Gefangenen in einen vollkommenen kahlen Raum eingesperrt worden.

Das Götterkind – bei dem sich der Alleinige inzwischen keineswegs mehr sicher war, ob diese haarlose Kreatur tatsächlichen göttlichen Ursprungs war oder hier nicht doch eine eklatante Fehleinschätzung vorlag – schien zunächst in einem körperlich sehr schlechten Zustand zu sein. Zusammengekrümmt hatte es in einer Ecke gelegen und sich nicht gerührt.

Zwischendurch waren ein paar der Achtbeiner hereingekommen, um irgendwelche Geräte an ihn anzuschließen. Geräte, deren Funktion der Alleinige nicht kannte. Vielleicht waren es heilige Gegenstände, die bei den Achtbeinern zur Heilung von Krankheiten benutzt wurden. Gesundheitsmaschinen, so geheimnisvoll wie ihre fliegenden Sternenschiffe, von denen die kleineren in die Größeren verschluckt, aber bisweilen auch wieder ausgespieen wurden.

Schließlich erholte sich der Haarlose aber doch. Er begann sich zu bewegen.

Er rührte zunächst die Nahrung nicht an, die die Achtbeiner ihm hingestellt hatten. Lediglich die Flüssigkeit, bei der es sich nicht um Methan handelte, sondern um vollkommen ungenießbares Wasser, wie der Alleinige überrascht feststellte, nahm er zu sich. Erst nach und nach nahm er auch etwas von den Nahrungsmitteln. Der Hunger schien ihn zu übermannen.

Der Alleinige hatte ebenfalls von diesen Nahrungsmitteln probiert. Ihm war davon so schlecht geworden, dass er zwischenzeitlich geglaubt hatte, sterben zu müssen.

Aber die Achtbeiner schienen tatsächlich aus irgendeinem, ihm bislang noch nicht wirklich verständlichen Grund daran interessiert zu sein, dass beide Gefangenen am Leben blieben. Jedenfalls änderten sie die Zusammenstellung der Nahrungsmittel. Der Alleinige bekam ein Granulat, das er als wohlriechend empfand und daher nach einer gewissen Weile auch probierte.

Danach ging es ihm besser.

Noch immer redete der Haarlose ziemlich viel Unsinn. Wörter und Begriffskombinationen, die für den Alleinigen nicht den Hauch eines sinnvollen Zusammenhangs ergaben, sprudelten nur so aus ihm heraus.

Dabei stellte der Alleinige durchaus fest, dass sein Mitgefangener stets zuerst etwas in seiner unerträglich hohen Tonlage von sich gab, was in den Ohren des Alleinigen wie ein schrilles Kreischen klang. Erst danach drangen einigermaßen verständliche Worte aus dem Armband, dass der Fremde am Handgelenk trug.

Wie gut, dass die Achtbeiner es ihm nicht abgenommen haben!, dachte der zottelige Riese.

„Wer bist du eigentlich?“, erkundigte sich der zerbrechlich wirkende Haarlose. Das Götterkind, dessen göttliche Eltern nicht das geringste dagegen hatten tun können, dass die Achtbeiner die Welt mit ihren schwebenden Schiffen heimgesucht hatten.

Der Alleinige starrte sein Gegenüber mit zwei seiner drei Augen wie entgeistert an. Wie lange ist es her, das dich jemand nach deinem Namen gefragt hat!, durchzuckte es seine verwundete Seele. Der Alleinige fühlte sich dadurch, dass ihn das Götterkind auf diese Weise angesprochen hatte, geradezu gerührt. Vor emotionaler Rührung war er Augenblicke lang gar nicht in der Lage, dem Haarlosen zu antworten, so gerne er es auch getan hätte.

Denn unvermittelt tauchte da ein anders Problem auf.

Der Flussbezwinger!, so hätte der Alleinige um ein Haar auf die Frage seines Mitgefangenen geantwortet, aber er konnte dies gerade noch rechtzeitig unterdrücken. Was ist mit deinem neuen Namen?, ging es ihm durch das in Höhe seiner Körpermitte zu lokalisierende Hirn, das insgesamt fast das dreifache Volumen eine Menschenhirns besaß. Du hast niemals wirklich akzeptiert, dass du der Alleinige bist – und nicht mehr der Flussbezwinger, der Sohn des Flussbezwingers und Enkel eines solchen!

Der Kahlköpfige kauerte in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes und blickte den Whuuorr erwartungsvoll an. Zumindest war das die Interpretation des Alleinigen, der sich allerdings, was die Gesichtsmimik seines Gegenübers anging, nicht sicher war, wie er diese einzuschätzen hatte. Whuuorr drückten ebenfalls durch verschiedene Stellungen ihrer Essöffnungen Gefühlszustände aus. Dies geschah auch, wenn ein Whuuorr seinen Augenfortsatz auf der Schädeldecke empor streckte oder die Form seiner Essöffnungen dermaßen verzog, dass dabei womöglich eine Grimasse entstand.

„Ich bin der Alleinige“, sagte der Angesprochene schließlich mit einer Verzögerung, die sein Gegenüber wohl zu der Annahme provoziert hatte, dass die andere Seite an einer Fortsetzung des Gesprächs nicht interessiert sei.

Aber das war ein offensichtlicher Irrtum.

Das Gegenteil war der Fall.

„Der Alleinige – das ist wirklich dein Name?“

„Irgend etwas daran auszusetzen?“

„Nein.“

„Wer bist du denn?“

„Mein Name ist Jay Thornton. Und die Spezies, der ich angehöre heißt Mensch.“

„Manches, was du sagst ist für mich unverständlich", bekannte der Alleinige.

„Das geht mir umgekehrt genauso", erwiderte Jay Thornton.

„Bist du ein Kind der Götter", fragte der Alleinige.

„Ich bin weder ein Kind, noch ein Gott", erklärte Jay Thornton. „Ich bin ein Mensch."

„Ein Begriff, mit dem ich nichts anzufangen weiß."

„Wir stammen von einem Planeten, auf dem es sehr viel wärmer ist und die Luft eine andere Zusammensetzung hat."

Jay Thornton atmete tief durch.

Der Luftdruck schien den irdischen Maßstäben in etwa zu entsprechen, aber der Sauerstoffgehalt war vermutlich um einige Prozent höher. Das Atmen fiel ihm daher sehr leicht.

Ich frage mich, wie der Alleinige das wegstecken kann, dachte Thornton. Schließlich herrscht auf seiner Heimatwelt ein erheblich höherer Luftdruck und die Zusammensetzug der Atmosphäre unterscheidet sich vermutlich auch erheblich. Aber die zottelige Spezies der dieses Wesen angehörte, schien außerordentlich robust zu sein, wenn es derartig gravierende Wechsel der Umweltbedingungen offenbar schadlos überstehen konnte.

„Wie hältst du das hier nur aus?“, fragte Jay Thornton. „Schließlich sind die Verhältnisse auf deiner Heimatwelt ganz anders und die wenigen Augenblicke, die ich ohne meine schützende Rettungskapsel auf ihr verbrachte, hätten mich beinahe getötet.“

„Ich bin ein Whuuorr“, sagte der Alleinige. „Und das Volk der Whuuorr wird der Überlieferung nach geschaffen, um die Launen der Götter zu ertragen.“

„Ein interessanter Mythos von der Bestimmung eines Volkes“, meinte Jay Thornton.

Der Whuuorr schien etwas irritiert zu sein.

„Was meinst du damit? Und was ist ein Mythos?“

Thornton machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht so wichtig“, meinte er. Er erhob sich. Die Schwerkraftwerte waren geringer als auf der Erde.

Eine Weile herrschte Schweigen.

Dann sagte der Whuuorr: „Du hast recht, Mensch Jay Thornton. Es ist nicht so wichtig. Nichts ist jetzt noch von irgendeiner Bedeutung, da uns die Achtbeiner mit in ihr Reich des Todes genommen haben.“ 

„Die Achtbeiner sind dir schon einmal begegnet?“, fragte Thornton.

„Ja“, bestätigte der Alleinige. „Sie sind innerhalb der letzten vier Centuwaaar mindestens ein Dutzend Mal auf unserer Welt gelandet.“

„Was versteht man unter einem Centuwaaar?“, hakte Thornton nach.

Er versuchte dabei die Lautfolge so gut wie möglich nachzuahmen, die der Translator als Übersetzung anbot. Bei dem Whuuorr schien das zunächst Irritationen auszulösen. Es dauerte etwas, bis er begriff, dass Thornton eine Erklärung für einen Begriff wünschte, für den es offenbar keine adäquate Übersetzung gab.

Allenfalls die Transponierung in eine andere Tonhöhe!, ging es Thornton sarkastisch durch den Kopf.

Der Alleinige begann dann in einer sehr blumigen Sprache davon zu berichten, in welcher Folge sich am Himmel seiner Heimatwelt der Blaue und der Rote Riese abwechselten, wann sie sich sogar überlappten und wann die Zeit der vollkommenen Finsternis hereinbrach.

Thornton verstand davon nicht viel.

Er begriff aber, dass sich all das auf astronomische Begebenheiten bezog, die am Himmel der Whuuorr-Heimatwelt sichtbar waren und daher bei diesem Volk wohl für die Zeitmessung den Maßstab bildeten.

Aber da der Whuuorr immer wieder mythische Elemente und Bezüge zur Sagenwelt seiner Heimat in seine Erklärungen mit einbezog, mit denen Thornton jedoch nicht das geringste anzufangen wusste, verstand Thornton einfach nicht, was unter einem Centuwaaar zu verstehen war.

Der ehemalige Captain der CAMBRIDGE hatte sogar den Verdacht, dass die Whuuorr sogar möglicherweise gar kein einheitliches, nach einem objektiven Maßstab sich ausrichtendes Zeitmass verwendeten, sondern vielmehr ihre subjektive Empfindung als Richtschnur nahmen.

Jedenfalls gab Thornton es auf, verstehen zu wollen, vor wie langer Zeit genau die Achtbeiner den Mond der Whuuorr zum letzten Mal besucht hatten.

„Was haben die Achtbeiner auf eurer Welt gesucht?“, fragte Thornton.

„Sie suchen immer dasselbe. Die Achtbeiner kommen und entführen einzelne von uns. Wonach sie den Einen auswählen und den Anderen nicht, wissen wir nicht. Für uns sind sie wie die Götter des Todes, die den Einen verschonen und Anderen schon früh zu sich nehmen.“

„Habt ihr eine Ahnung, was mit den Gefangenen geschieht?“

„Es gibt schreckliche Gerüchte darüber. Aber ich weiß nicht, was davon der Wahrheit entspricht. Tatsache ist, dass es nur ein Whuuorr schaffte, aus dem Schiff der Achtbeiner wieder zu entkommen nachdem er gefangen genommen war. Er wurde fortan der Kühne Flüchtling genannt. Seine Geschichte verbreitete sich von Lager zu Lager. Unter den Zelten aus Riesenflosser-Haut lauschte die Whuuorr seine Worten, die an anderen Whuuorr weitergegeben wurden.“

Mit anderen Worten: Niemand weiß noch, wie die ursprüngliche Erzählung eigentlich gelautet hat und vermutlich wurde alles Mögliche hinzuerfunden!, dachte Thornton.

„Was wird denn in diese Legender des Kühnen Flüchtlings berichtet?“, fragte der ehemalige Captain der CAMBRIDGE aber dennoch.

„Er berichtete davon, dass sich in dem Schiff noch Angehörige anderer Rassen befunden hätten. Wesen von anderen Welten, so glaubte er, denn er hatte solche Kreaturen bis dahin nicht gesehen. Es waren wohl Außenweltler.“

„Dann landen diese Achtbeiner offenbar auf verschiedenen Welten und fangen ein paar Eingeborene ein – aber wozu?“

„Das weiß niemand.“

Der Alleinige erhob sich. Er fasste sich an den Bauch. Thornton assoziierte diese Geste sofort damit, dass dem Whuuorr vielleicht übel war, weil er auf seine gewohnte Nahrung verzichten musste. Schließlich war es angesichts der herrschenden Temperatur, die Jay Thornton auf mindestens 15 Grad Celsius schätzte, unmöglich, dem gefangene Whuuorr flüssiges Methan zu trinken zu geben. Welchen Einfluss es auf seinen Metabolismus hatte, dass er darauf verzichten musste, darüber konnte Thornton nur spekulieren.

Er wusste jedoch nicht, dass sich in der zentralen Körperregion des Alleinigen nicht sein Verdauungstrakt, sondern das Gehirn befand.

„Was ist los?“, fragte Thornton, denn er spürte, dass etwa mit dem Whuuorr nicht stimmte.

„All diese Farben“, sagte er. „Es ist so seltsam...“ Ein Schwall von Begriffen folgte, die Thornton nicht einzuordnen wusste und die für ihn auch keinerlei Zusammenhang ergaben. Mit erheblicher zeitlicher Verzögerung gab das in seinen Armbandkommunikator integrierte Translatorsystem dann mit einer Wahrscheinlichkeit von über 70 Prozent an, dass es sich um die Bezeichnungen für verschiedene, sehr fein zu unterscheidende Farbnuancen handelte.

Schließlich schwieg der Whuuorr.

Er trommelte mit den prankenartigen Händen seines kräftigen Extremitätenpaar gegen die Wand und stieß einen so tiefen Laut aus, dass nun Thornton sich seinerseits in die Magengegend griff. Das Gefühl erinnerte vage an das Empfinden, das man hatte, wenn man neben einem gewaltigen Basslautsprecher stand, der auf volle Leistungsstärke geschaltet war. Nur fehlten in diesem Ton jegliche Höhen und die Wirkung war noch sehr viel stärker.

„Wenn du so laut brüllst, ist das für mich wie ein Schlag in den Magen!“, meinte Thornton und schalt sich gleich darauf einen Narren. Wie hatte er davon ausgehen können, dass der Alleinige wusste, was ein Magen war, geschweige denn, dass er selbst ein vergleichbares Organ besaß?

Aber der zottelige Whuuorr hörte ihn wohl auch schon gar nicht mehr.

Er rutschte an der Wand zu Boden und blieb liegen.

Offenbar gab es unsichtbar in den Wänden eingelassene Überwachungskameras, über die die Achtbeiner genau verfolgen konnten, was ihre Gefangenen taten.

Jedenfalls ging wenig später eine Schiebetür auf und zwei Achtbeiner kamen herein. Ein dritter quetschte sich an ihnen vorbei in den kahlen Raum und richtete eine Waffe auf Jay Thornton.

Die anderen beiden Arachnoiden transportierten den Whuuorr mit Hilfe eines Antigravaggregats ab. Wenig später hatten alle den Raum verlassen und Jay Thornton blieb allein zurück.

Die Gesellschaft dieses Whuuorr war sicherlich besser als gar keine!, ging es ihm durch den Kopf. Zumal es in seiner Zelle – anders konnte man diesen kahlen Raum einfach nicht bezeichnen – keinen Wechsel zwischen hell und dunkel oder irgendeine andere erkennbare Veränderung gab.

Das Licht brannte ständig in derselben Intensität.

Die interne Uhr seines Kommunikators funktionierte nicht mehr. Dasselbe galt für alle Kommunikationsfunktionen des Gerätes. Lediglich das Translatorsystem arbeitete wie gewohnt. Alle anderen Programmspeicher waren komplett gelöscht worden. Thornton war überrascht, wie viel Mühe man sich damit gegeben hatte. Einerseits wollte man wohl die Kommunikationsmöglichkeit mit Thornton erhalten, ihm aber andererseits verwehren, mit irgendwem innerhalb oder außerhalb des Schiffs Kontakt aufzunehmen.

Auf jeden Fall ist ihr technisches Niveau durchaus beachtlich!, dachte Thornton. Aber das hat sich ja auch schon auf anderem Gebiet gezeigt, als sie uns in der Nähe von  Blue Eye überfielen und mein Schiff zerstörten.

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An Bord der JUPITER, Raum des Captains

Ich musste eine Entscheidung treffen, dachte Steven Van Doren. Und wenn man Entscheidungen trifft, muss man immer auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass man den falschen Weg gewählt hat...

Van Doren saß gedankenverloren am Konferenztisch. Der in die Tischoberfläche eingelassene Touchscreen war aktiviert, mehrere Sensorfelder blinkten auf. Es gab ein paar Eingabeaufforderungen, die der Captain der JUPITER bislang noch nicht beantwortet hatte.

Ein Becher mit einem koffeinhaltigen Light-Synthodrink stand neben dem Touchscreen. Eigentlich wurde dieses Getränk heiß getrunken. Es war inzwischen längst kalt geworden. Als Van Doren den Becher zum Mund führte, verzog er das Gesicht. Das Getränk war längst kalt.

Das Interkom summte und riss Van Doren damit aus seinen Gedanken.

Lieutenant Commander Darko Kovac meldete sich. Das kantige Gesicht des Ersten Offiziers erschien auf dem Wandbildschirm.

„Was gibt es, I.O.?“

„Die L-3 ist soeben in den Hangar eingeflogen“, berichtete Kovac. „Damit sind nun sämtliche Außenteams sowohl der JUPITER als auch der STERNENKRIEGER zurückgekehrt. Leider ohne das gewünschte Ergebnis.“

„Danke, I.O.. Wie ist der Status der Sandströmaggregate?“

„Lieutenant Aldosari versicherte mir, dass wir wahrscheinlich in ein oder zwei Standard-Tagen wieder Überlichtflüge unternehmen können.“

„Und was ist mit der STERNENKRIEGER?“

„Die sind angeblich etwas schneller so weit.“

„So?“

„Offenbar hat L.I. Gorescu einen ziemlich tüchtigen weiblichen Fähnrich an Bord.“

„Catherine White?“

„Ja, Sir.“

„Ich hätte sie selbst gerne für die JUPITER gehabt, aber was Personalsachen angeht, hat sich Raimondo so gut wie in jedem Detail durchgesetzt. Und er wollte es nun einmal so, wie es nun ist.“

„Fähnrich White wird zusammen mit Fähnrich Ukasi in kürze per Fähre zu uns übersetzen, um auch unser System zu optimieren. Dieser Ukasi scheint ein kleines Mathe-Genie zu sein, und genau so einen brauchen wir bei der Systemkonfiguration der Sandströmaggregate.“

Van Doren hob die Augenbrauen.

„Ich hoffe, Sie haben das mit unserem L.I. abgesprochen.“

„Ich möchte nicht behaupten, dass Mister Aldosari begeistert davon war, sich von einem Fähnrich ein paar Tricks zeigen zu lassen – andererseits sehe ich nicht ein, dass wir darauf verzichten sollten.“

„Sie haben recht, I.O.. Andererseits...“

„Sir?“, fragte Darko Kovac, als Van Doren zunächst nicht weiter sprach und sich in seinen Gedanken zu verlieren schien.

Ein Ruck ging durch den Captain der JUPITER. Lass dich nicht hängen! Da, was du für moralische Skrupel hältst, ist doch zu einem guten Teil nur Selbstmitleid! Hör auf damit oder gib dein Kommando ab!

Die Unbarmherzigkeit mit der dieser innere Kommentator ihn analysierte, erschrak Van Doren im ersten Moment. Aber er erkannte sofort, dass es nichts als die blanke Wahrheit war, was diese Stimme ihm einflüsterte.

„Nichts, I.O. Van Doren Ende.“

Wenig später stellte Van Doren eine Verbindung zur STERNENKRIEGER her und sprach mit Willard Reilly.

„Wir müssen versuchen, die Heimat dieser Achtbeiner zu finden“, meinte Reilly. „Sie haben die CAMBRIDGE zerstört und schon allein deswegen sollten wir uns für sie interessieren.“

„Du glaubst, dass da eine Gefahr für die Humanen Welten heranreift?“ 

„Tatsache ist, das jemand, der über Strahlwaffen verfügt und ein Raumschiff wie die CAMBRIDGE zu zerstören vermag, weit über dem Standard aller anderen intelligenten Spezies steht, die wir bisher im Niemandsland angetroffen haben, Steven.“

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2

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Der Alleinige sah Myriaden bunter Farben und Formen vor sich. Jedes seiner drei Augen sah etwas anderes. Und die drei getrennten Verarbeitungszentren in seinem Bauchhirn versuchten verzweifelt, diese fremdartigen Eindrücke miteinander zu einem Gesamtbild zu kombinieren. Der Alleinige war vollkommen verwirrt.

Er vermochte nicht mehr, sich zu orientieren.

Gerade noch war er von den Achtbeinern mitgenommen worden.

Auch das hatte er nur noch vage mitbekommen.

Jetzt hatte er das Gefühl, vollkommen aus der Wirklichkeit herausgerissen worden zu sein. Sein Gleichgewichtssinn funktionierte nicht mehr. Er glaubte, zu fallen, in ein bodenloses Chaos hineinzustürzen.

Ihr Götter, ist das die flüssige Hölle unter den Vulkanen, die uns in den Legenden ausgemalt wird?, fragte er sich.

Wie aus weiter Ferne hörte er die unangenehmen schrillen Laute der Achtbeiner, deren Bedeutung ihm natürlich vollkommen fremd war.

Was geschieht mit mir?, ging es ihm durch das Bauchhirn. Und in diesem Moment bedauerte er, nicht einfach im Kampf gegen die aggressiven Sternfahrer gefallen zu sein.

Und das, obwohl es niemanden gab, der eine Legende über ihn hätte erzählen können.

Schließlich war er – der Alleinige.

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3

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Fünf seiner acht Beine gaben Kadlon-213 einen festen Stand, während er die verbleibenden Extremitäten dazu  benutzte, seine Arbeit zu tun.

Am Ende aller acht Beine befanden sich feinste Greiforgane. Kadlon-213 war der medizinische Offizier jenes Schiffs, das den Namen seiner Einheit trug – KADLON.

Arme und Beine des zotteligen Riesen waren fixiert, sodass er nicht plötzlich um sich schlagen konnte.

Die Betäubungsgifte, deren Anwendung bei den Angehörigen der Hirnfänger-Schwadron aus dem Volk der Wsssarrr üblich war, wirkten bei diesen haarigen Kreaturen nicht.

Das hatte sich in der Vergangenheit immer wieder erwiesen.  Es war allenfalls möglich, diese Wesen mit einem Elektroschock kurzzeitig außer Gefecht zu setzen. Aber in dieser Hinsicht waren die Angehörigen der Hirnfänger-Schwadron aus dem Volk der Wsssarrr sehr vorsichtig. Schließlich wusste niemand genau vorherzusagen, wie das Bauchhirn des Riesen darauf reagieren würde und ob es nach einem solchen Schlag nicht zu irreparablen Schäden kam. Schäden, die es vielleicht unmöglich machten, das Gehirn der betreffenden Kreatur für die Zeremonien zu verwenden.

„Sauerstoff-Filter!“, befahl Kadlon-213. Der zweite Assistent des medizinischen Offiziers der KADLON reichte seinem Vorgesetzten, das, was dieser verlangte und übergab es mit einer Haltung, die besondere Vorsicht und Aufmerksamkeit signalisierte. Dabei stand der betreffende Wsssarrr auf nur drei Beinen und spreizte zwei weitere vom Körper weg.

Kadlon-213 nahm dem Hilfsassistenten, der keine LI Rangstufe besaß und daher lediglich mit seiner Funktion angeredet wurde, die Filtermaske aus den vielfingrigen Greiforganen.

„Wir haben nur eine Standardmaske, die für die meisten Wesen mit ähnlicher Körperform passt“, meinte der Assistent. „Das Problem bei diesen Zotteltieren ist ja immer, dass sie inklusive ihrer Essöffnungen mehrere Eingänge haben, durch sie die Atemluft aufnehmen.“

„Warum ist der spezielle Typ für die Whuuorr nicht dabei?“, fauchte der medizinische Offizier.

„Der Standardtyp soll die Spezialanfertigungen ersetzen!“, berichtete der erste Assistent. „Das ist effektiver.“

„Es ist schlechter“, meinte Kadlon-213. „Hat man den Ranghöchsten des Schiffes darüber informiert?“

„Der Ranghöchste weiß bescheid und hat gegenüber dem Rat der Meisterhirne sein Einverständnis erklärt“, gab der Assistent zurück.

„Dann hätte er zuerst mit mir kommunizieren sollen!“, knurrte Kadlon-213. Dann legte er dem Whuuorr die Maske an. Es war die Frage, ob sie wirklich genug Sauerstoff herausfilterte, um die Bewusstseinstrübungen und Halluzinationen, unter denen der Gefangene litt, zu beenden. Es war keineswegs ein Akt des Mitgefühls, den Kadlon-213 da vollzog. Die Leiden, die der Gefangene wahrscheinlich  auszustehen hatte, wenn er Opfer seiner, durch einen für ihn zu hohen Sauerstoffanteil, Wahnvorstellungen wurde. Vielmehr war es die Aufgabe des medizinischen Offiziers sich – auch vorbeugend – um die Gesundheit seiner Schiffsbesatzung zu kümmern und ein Whuuorr konnte im hyperaeroben Zustand einer Sauerstoffüberversorgung zu einer ernsthaften Gefahr werden. Er hatte schon bei anderen Hirnfänger-Einsätzen erlebt, wie diese Giganten dann um sich schlagen und herumtoben konnten. Sie gingen dann offenbar gegen imaginäre Gegner vor und nahmen keinerlei Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit. Mit Argumenten konnte man ihnen dann nicht mehr kommen, die Medikamente der Wsssarrr waren nur bedingt wirksam und ein Elektroschock beinhaltete immer die Gefahr von Nebenwirkungen für das wertvolle Hirn, dessentwegen man ja überhaupt auf Fangfahrt gegangen war.

Der Whuuorr versuchte verzweifelt, die Fixierungen, mit denen er auf eine Liege gefesselt war, zu sprengen.

Vergebens.

Die Wsssarrr hatten vorgesorgt.

Die Hirne von Whuuorr waren besonders beliebt für die  Zeremonien auf Wsssarrr-Ta, der gegenwärtigen Heimatwelt der Wsssarrr, und so hatte man gerade im Umgang mit dieser Spezies einiges an Erfahrung. Immer wieder waren Hirnfänger-Schiffe nach Methanwasser geflogen, wie die Bezeichnung der Wsssarrr für die Heimat der Whuuorr lautete, und waren später mit reicher und zumeist noch lebender Beute zurückgekehrt. Wenn man auf Fang dieser besonderen Spezies ging, so musste man einen hohen Verlustfaktor mit einrechnen, da sie oft eine geradezu fanatische Gegenwehr zeigten. Viele starben im Kampf.

„Jetzt müssen wir einfach abwarten, ob die Maske den gewünschten Erfolg hat“, meinte Kadlon-213. Das Licht spiegelte sich in dem guten Dutzend Augen, das sich oberhalb seiner Beißwerkzeuge befand, die er jetzt vor Zorn aneinander rieb. Diese Bürokraten!, dachte der medizinische Offizier der KADLON ärgerlich. Nehmen uns unter dem Vorwand größerer Effektivität das Handwerkszeug weg und lassen uns dann zusehen, wie wir Whuuorr nach Wsssarrr-Ta bringen, die keine Schäden durch Sauerstoffüberschuss aufweisen! Aber ich wette, dass keiner dieser Entscheidungsträger weiß, was es wirklich bedeutet, auf Hirnjagd zu gehen!

Das, was Kadlon-213 allerdings am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass der Ranghöchste der KADLON davon gewusst und nicht protestiert hatte.

„Ich schlage vor, dem Whuuorr auch noch ein Übersetzungsmodul um den Hals zu schweißen, damit er unsere Befehle versteht“, schlug der Zweite Assistent vor, der sich noch nicht das Recht verdient hatte, eine Individualnummer zu tragen.

Der medizinische Offizier war damit einverstanden.

„In Ordnung“, sagte Kadlon-213.

Die in der Hirnfänger-Flotte geltenden Effektivitätsgrundsätze, nach der sich sämtliche Flottenoffiziere ausnahmslos zu richten hatten, sahen vor, dass nach Möglichkeit die Translatoren gefangener Kreaturen weiter zu verwenden waren. Sie wurden dann allerdings so modifiziert, dass sie weder als Waffe, noch als Fluchtwerkzeug zu verwenden waren.

Bei Angehörigen vortechnischer Kulturen, auf deren Herkunftsplaneten es noch keine oder nur unzulängliche Übersetzungsgeräte gab, war diese Vorgehensweise natürlich nicht möglich.

Für diese Fälle gab es einfache Universalübersetzer.

„Ich werde jetzt zum Ranghöchsten gehen“, erklärte Kadlon-213. „Ich nehme an, dass die Anwesenden hier allein zurecht kommen.“

„Wenn wir den Rat des medizinischen Offiziers benötigen, werden wir kommunizieren“, versprach der Erste Assistent.

„Vergesst die Injektion zur Methan-Substitution nicht! Schließlich können wir dem Haarigen weder flüssiges Methan zu trinken geben, noch hätten wir an Bord überhaupt einen Raum, der dafür kalt genug wäre!“

Nicht einmal auf die Kühlkammer der KADLON traf das zu.

Aber nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen hatten die Wsssarrr eine Möglichkeit gefunden, das für den Metabolismus des Whuuorr so wichtige Methan durch Zugabe eines speziellen Präparats zu ersetzen, dessen Lagerhaltung einfach weniger Aufwand nötig machte, als die Aufbewahrung von flüssigem Methan.

Die gefangenen Whuuorr lebten mit diesem Präparat immerhin zumeist lange genug, dass sie für die Zeremonien auf Msssaer-Ta noch verwendet werden konnten. Und Nebenwirkungen für die Hirnqualität hatten sich bisher nicht nachweisen lassen, auch wenn es auf Wsssarrr-Ta immer einflussreicher werdende Kreise gab, die im Namen der Nahrungsmittelreinheit für eine generelles Verbot von Zusatzstoffen an die Hirnspender waren.

Kadlon-213 ruderte mit den vorderen beiden  Extremitätenpaaren. Eine Geste der Autorität, die nur jemandem zustand, der schon eine Nummer war und die beiden Assistenten dazu ermahnen sollte, ihre Sache gut zu machen. „Die Qualität des Whuuorr Hirns kann von eurer Achtsamkeit abhängen“, gab der medizinische Offizier zu bedenken, ehe er mit seinen acht Beinen auf elegante Weise eine Drehung des gesamten Körpers herbeiführte und schließlich durch die sich selbsttätig öffnende Tür verschwand.

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4

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Die Tür öffnete sich. Jay Thornton blickte auf. Es war so lange her, dass irgendetwas geschehen war...

Zwei Arachnoiden schleuderten eine etwa mannshohe Gestalt in den Raum hinein. Dass es nicht sein haariger Leidensgenosse war, sah Jay Thornton natürlich auf den ersten  Blick.

Ein zischender Laut entfuhr dem Schnabel des Fremden, nachdem er gegen die Wand geprallt war.

Der Fremde ähnelte irdischen Vögeln, hatte etwa eine Größe von einem Meter achtzig und nach hinten geknickte Beine, die ihn klauenartigen Füßen endeten. Der Kopf war kahl und erinnerte an einen Geier. Falkenhafte Augen blitzen über dem gebogenen Raubtierschnabel.

Der Vogelartige trug einen Overall, auf dessen Stoff eine Reihe von Symbolen aufgedruckt war. Thornton fühlte sich unwillkürlich an eine Uniform erinnert. Die verschnörkelten Zeichen in Brusthöhe wirkten wie die Namens- und Rangbezeichnung irdischer Uniformen. Thornton bedauerte, dass er nicht in der Lage war, diese Zeichen zu entziffern.

Binnen eines Augenblicks hatte sich der Vogelartige wieder aufgerichtet. Erneut entfuhr ein wütender Zischlaut seinem Schnabel, aber ehe er sich auf die arachnoiden Schergen zu stürzen vermochte, die ihn hierher gebracht hatten, hatte sich die Schiebetür bereits vor ihm geschlossen. Er besaß keine Flügel, sondern zwei kräftige Arme, die in Krallen bewehrten Pranken endeten. Mit einer davon schlug er mit voller Wucht gegen die Tür.

Um den Hals trug er einen goldfarbenen, breiten Ring, von dem sich der Vogelartige erfolglos zu befreien versuchte. Er stieß ein paar krächzende Laute aus, die der goldene Ring um seinen Hals offenbar in die Sprache der Arachnoiden übersetzte. Es schien sich um ein Übersetzungsgerät zu handeln. Dafür sprach jedenfalls die Tatsache, dass aus einem darin verborgenen Lautsprecher ein Konzert aus ähnlich schrillen Lauten ertönte, wie sie die Arachnoiden zur Verständigung benutzten – und zwar immer dann, sobald der Vogelartige irgendeine Äußerung von sich gab.

Schließlich erlahmte der Widerstandswille dieses Wesens. Der Vogelartige ließ sich in einer Ecke nieder und beobachtete Jay Thornton mit einem sehr intensiven, geradezu stechend wirkenden Blick.

Er sagte etwas, aber noch war Thorntons Translator nicht in der Lage, die Worte dieses Wesens zu übersetzen.

Aber die Anzeige auf dem Display seines Armbandkommunikators, in den das Translatorsystem integriert war, machte Jay Thornton klar, dass das Gerät an dem bestehenden Kommunikationsproblem arbeitete. Die Voraussetzung dafür war jetzt einfach, dass er mit dem Vogelartigen in Kontakt trat.

„Mein Name ist Jay Thornton, ich bin – nein ich war – Captain des Zerstörers CAMBRIDGE im Dienst des Space Army Corps der Humanen Welten...“

Der Vogelartige hörte Thornton interessiert zu.

Der Translator, der ihm um den Hals hing und den er offenbar nicht besonders mochte, da er mit seinen prankenartigen Klauenhänden immer wieder daran herumzog, schien bereits erste Übersetzungsversuche in das Idiom der Vogelartigen zu versuchen.

„Raumkommandant?“, erwiderte dieser dann schließlich. „Du – Schnabelloser!“

Thornton musste unwillkürlich schmunzeln. Sein Gegenüber schabte die obere und die untere Hälfte seines Schnabels  gegeneinander, sodass ein schabendes Geräusch entstand, dem mit Sicherheit eine non-verbale Bedeutung beizumessen war. Aber für Thornton war es in der gegenwärtigen Situation unmöglich, diese auch nur annähernd zu erfassen.

Falls es sich um eine Drohung handelt, habe ich schlechte Karten, dachte er.

Thornton war zwar durchtrainiert und durchaus kräftig. Aber sein Gegenüber verfügte über spitze Klauen und wie groß dessen körperliche Kräfte tatsächlich waren, ließ sich nur erahnen.

Schnabelloser – das klingt nicht gerade respektvoll!, vergegenwärtigte sich Jay Thornton. Andererseits - sie waren in derselben misslichen Lage -. Beide waren Sie Gefangene auf einem Schiff, das sie an einen unbekannten Ort brachte. Da war es nur nahe liegend, möglichst zusammen zu halten. Zumindest dachte Thornton so. Was sein Gegenüber betraf, so hegte er da ein paar Zweifel. Schließlich musste es seinen Grund gehabt haben, dass der Vogelartige offenbar gewaltsam hier her verlegt worden war. Thornton fragte sich, was dieser Grund wohl gewesen sein mochte. Streitigkeiten mit einem, anderen Mitgefangenen? Angesichts der Heftigkeit, mit der er sich zur Wehr gesetzt hatte, hielt Thornton das keineswegs für unwahrscheinlich.

Jetzt habe ich den Unruhestifter also als Gesellschaft, überlegte Thornton. Wie er die neue Lage einzuschätzen hatte, da war sich der ehemalige Captain der CAMBRIDGE noch keineswegs sicher.

„Schnabelloser!“, wiederholte der Vogelartige seine vor einigen Augenblicken geäußerte Bezeichnung für einen Menschen. Aber wahrscheinlich nannte er alle Wesen so, die nicht seiner eigenen Gattung entstammten. „Beim Aarriid! Diese gottlosen Krabbler sollen verflucht sein.“

Er wirkte auf einmal sehr gefasst und dabei fast in sich gekehrt. Der Vogelartige senkte den Blick und war jetzt ganz ruhig. Ein Schwall von Lauten kam aus seinem Schnabel. Jay Thorntons Translatorsystem versuchte sie zu übersetzen. Aber es blieb ein für Thorntons Verständnis sinnloses Gerede, auch wenn es teilweise mit großer Emphase vorgetragen wurde.

Was Thornton jedoch auffiel war, dass relativ häufig religiöse Bezüge in den Worten des Vogelartigen auftauchten. Das Display des Armbandkommunikators zeigte ihm die wichtigsten von seinem Gegenüber benutzen Begriffe. Thornton ließ sie sich nach Relevanz und Häufigkeit anzeigen. „Gott“ rangierte ganz oben, danach ein Begriff, mit dem der Captain der CAMBRIDGE nichts anzufangen wusste.

Aarriid...

Das Übersetzungssystem schien dafür einfach keine adäquate Übersetzung finden zu können – aus welchem Grund auch immer.

Er betet!, wurde es Thornton dann schlagartig klar. Ein Glücksfall für meinen Translator. Auf diese Weise kommt das System wenigstens an genügend analysierbare Vokabeln heran.

Schließlich hatte der Vogelartige sein Gebet beendet.

Er kauerte still in jener Ecke der Zelle, die er in Beschlag genommen hatte und fixierte Thornton nun die ganze Zeit über mit seinem kalten, falkenhaften Blick.

„Wer bist du?“, brach Thornton schließlich das Schweigen – zu einem Zeitpunkt, da er glaubte, dass in jedem Fall genug Zeit seit dem Ende des Gebets vergangen war, um nicht irgendwelche Gefühle der Pietät zu verletzten. Auch wenn Thornton natürlich unmöglich sagen konnte, wann diese Grenze bei seinem Gegenüber überschritten war, so konnte er sich jedoch sehr gut ausmahlen, mit welcher Heftigkeit dieser Vogelabkömmling dann reagieren würde.

Thornton erhielt auf seine Frage zunächst keinerlei Antwort.

Sein Gegenüber hob nur leicht den Schnabel. Die beiden Hälften waren jedoch fest aufeinander gepresst, so dass kein Laut nach außen drang.

„Wer bist du?“, wiederholte Jay Thornton seine Frage.

Details

Seiten
1000
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913330
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
kriege galaxis zehn science fiction abenteuer

Autoren

Zurück

Titel: Die Kriege der Galaxis: Zehn Science Fiction Abenteuer