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Kein Tag ohne Mord und Totschlag

2017 200 Seiten

Leseprobe

Über mangelnde Arbeit kann sich die erste Hauptkommissarin Marlene Schelm nicht beklagen: Fast jeden Tag bekommt sie einen neuen Fall von Mord oder Totschlag auf den Tisch. Da möchte ein Kranker vor der entscheidenden Operation reinen Tisch machen und eine Aussage loswerden, die vor einem Dutzend von Jahren einem anderen lebenslänglich erspart hätte. Eine seit der Kindheit schwelende Eifersucht führt jetzt zu einer sinnlosen Gewalttat. Drei Einbrecher wollen endlich abrechnen, wobei ein Haus in die Luft fliegt und Lene zum Schluss in Notwehr scharf schießen muss. Lenes alter Freund und Kollege Arne Wilster lässt sich von seiner neuen Nachbarin und Freundin einspannen, mit Lenes Hilfe einen Verurteilten legal aus dem Knast zu helfen, wobei Lene – wie zum Dank – im Krankenhaus landet. Sie ist Tag und Nacht gut beschäftigt, für ein Privatleben bleibt gar keine Zeit mehr. Sie kann sich nur mit einer Einsicht trösten: Langweilig wird ihre Arbeit nicht.

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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I. Besser spät als nie

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Personen:

Caro(line) Heynen: Ex-KHK in Tellheim

Vera Uphusen: Caros Freundin und Geschäftspartnerin

Johanna Ebrich: Caros und Veras Geschäftspartnerin

Renate Kollau: Erbin des Graumannshofes in Schübingen

Alfons Terner: Renates verstorbener Großvater

Emil Buchwald: „Chronist“ der befreundeten Familie Terner

Max Kalbe: Renates momentaner Freund

Eleonore Panter: Hauseigentümerin und Vermieterin mit einem offenen Herzen

(Mar)Lene Schelm: Erste KHK im Tellheimer Referat R – 11 (Gewaltsamer Tod und Entführung)

(Chris)Tine Dellbusch: KK im Tellheimer R -11

Jule Springer: KOK im Tellheimer R -11

Ellen König: KHK, Lenes Vertreterin

Helene Bingel: Ermordete Prostituierte

Uwe Sauer: Helenes früherer Zuhälter, als ihr Mörder zu lebenslänglich verurteilt

Konrad Dachsel: Sauers Verteidiger im Mordprozess Bingel

Richard Holz: Überalterter Playboy, Sohn eines (einfluss)reichen Unternehmers

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Erstes Kapitel

Lene Schelm traute ihren Augen nicht, als Caro Heynen in ihr Zimmer kam. Ihre Vorgängerin als Erste Hauptkommissarin im Tellheimer R – 11 (Gewaltsamer Tod und Entführung) war seit ihrem letzten Treffen erschreckend gealtert, hatte schlohweiße Haare bekommen und lief mit krummem Rücken gebückt, wobei sie Mühe hatte, ihre Schmerzen nicht bei jedem Schritt offen zu zeigen.

„Caro. Guten Tag, was führt dich in diese unheiligen Hallen?“

„Ich brauche deine Hilfe, Lene. Beruflich. Du weisst doch, was ich zur Zeit mache?“ Das wusste Lene. Ihre Vorgängerin hatte vor Jahren aus bis heute nicht bekannten Gründen von einem Tag auf den andern den Dienst quittiert und die Polizei verlassen. Es war damals kein Geheimnis, dass sie sich als ihre Nachfolgerin die jetzige Oberkommissarin Jule Springer gewünscht hätte, aber Jule war damals noch zu jung und hätte außer der Reihe zwei Beförderungsstufen überspringen müssen, was ihr Freund Paul Hase, damals Staatsanwalt, nicht gern gesehen hätte, weil er den Eindruck der Protektion und der Vetternwirtschaft vermeiden wollte. Jule und ihr „Langohr“ Paul lebten ganz offen zusammen. Jules Standard-Erklärung „Bett ja, Standesamt nie“ war mittlerweile zu einem geflügelten Wort im Polizei-Präsidium am Krötengraben geworden; stimmte aber nicht mehr. Paul Hase war zum Leininger Generalstaatsanwalt versetzt worden und Jule würde bald den Polizeidienst verlassen, um doch noch ihr „Langohr“ zu heiraten. Caro Heynen und Jule Springer waren seinerzeit sehr vertraut miteinander gewesen, aber Jule hatte nie eine Silbe verraten, was sie über Caros plötzlichen Rückzug wusste oder vermutete. Caro hatte danach mit ihrem Freund Jochen Pauli zusammengelebt, den seine Frau verlassen hatte, weil sie nach Kalifornien zu ihrer verheirateten Tochter ziehen wollte, und Pauli daraufhin von Berlin nach Tellheim ziehen konnte.

Caro Heynen hatte sich dann mit zwei alten Freundinnen Vera Uphusen und Johanna Ebrich zusammengetan und eine kleine Firma „Drei alte Schachteln“ gegründet, weil die „alten Frauen“ noch Kurrentschrift oder Sütterlin und Gabelsberger und Stolze-Schrey Steno beherrschten, was für viele Erben heute so verständlich war wie Alt-Butukudisch in Keilschrift. Johanna Ebrich verfasste manchmal mit schwarzer Tusche auf Pergament prachtvolle Urkunden und Ehrenbürgerbriefe in schönster Fraktur. Anfangs waren die drei alten Schachteln auf gelegentliche Finanz-Hilfe des vermögenden Jochen Pauli angewiesen, aber mittlerweile, nach einer kleinen Filmserie im Landesprogramm des regionalen Fernsehsenders, verdienten sie ein sehr ordentliches Taschengeld zu ihren Renten dazu. Die „Drei alten Schachteln“ sprachen die Texte auf Band und Studentinnen übertrugen die Texte dann gegen Honorar in den Computer. Mit den „drei Schachteln“ hatte in Tellheim eine regelrechte Welle des Aufräumens verstaubter Dachböden eingesetzt. Die VHS-Kurse „Heimatkunde“ und „Familienforschung“ waren seitdem überlaufen.

„Vor einiger Zeit ist eine Renate Kollau bei uns gewesen. Sie hat von ihrem Großvater Alfons Terner den Graumannshof in Schübingen geerbt, und dort hat sie beim Auf- und Ausräumen eine Mappe mit Tagebuchblätter und Notizen zur Familiengeschichte gefunden, einiges davon noch in Kurrentschrift verfasst, die 'moderneren Stücke' in Gabelsberger Steno. Ich habe es übertragen und möchte dich bitten, das Ergebnis einmal zu lesen, weil ich einfach nicht weiss, was ich damit jetzt machen soll oder tun muss.“

Lene nahm den dünnen Schnellhefter und lächelte. Caro Heynen war körperlich gebrechlich, aber geistig noch völlig dabei. „Lese ich noch heute abend, Caro.“

„Danke. Und wie geht es sonst?“

„Danke, bescheiden wie immer.“

„Sag mal, stimmt es, dass Jule Springer geht?“

„Ja, sie heiratet nun doch ihren Hasenpaul und geht, wenn du mich fragst, weil sie beide noch Kinder haben wollen und dann wird es langsam Zeit. Für pubertierende Teenager brauchen Papa und Mama noch Kräfte und starke Nerven.“

„Nadine Golowski ist auch vorzeitig gegangen?“

„Ja. Steiner hat einen Ruf ans BKA bekommen, den er schlecht ablehnen konnte.“

„Und wer wird nach Steiner Chef der Tellheimer Kripo?“

„Das wissen die Götter. Ich würde es auch gerne wissen. Aber ich gehöre nicht zum Kreis der Eingeweihten. Im schlimmsten Fall einer mit politischer Rückendeckung, der nicht viel Erfahrung hat, aber das richtige Parteibuch besitzt. Und weil er mal Urlaub in Tunesien gemacht hat, ist er natürlich ein Islamkenner.“

Caro lachte: „Manchmal bin ich doch sehr froh, dass ich das alles hinter mir habe. Rufst du mich an?“

„Klar.“

Lene entkorkte erst einen besseren Burgunder, bevor sie sich den Hocker an den Ohrensessel heranzog, die Füße hochlegte und den dünnen Schnellhefter aufschlug. Beim obenauf liegenden Blatt handelte es sich um einen in einen Computer übertragenen Brief.

Alfons Terner  3. März 200..

Graumannshof

Schübingen

Liebe Renate

Der Operationstermin steht nun fest: 15. März. Ehrlich gesagt, ich habe ziemlichen Schiss und frage mich nicht nur deshalb, ob es wirklich noch lohnt, solch ein Wrack wie mich für viel Geld zu operieren und damit nur einen zusätzlichen Pflegefall zu schaffen. Jedenfalls habe ich notgedrungen angefangen, meine Sachen zu ordnen. Wie verabredet, erbst Du den Graumannshof mit allen Schulden und der gesamten Einrichtung. Ob dort wirklich Schätze versteckt sind, wie Onkel Gottlieb immer behauptet und Erich Buchwald kolportiert hat, weiß ich nicht. Die Möbel jedenfalls sind nicht mehr viel wert. Was du mit dem Hof anfangen sollst, weiß ich nicht. Vor zwei Jahren hat mich mein Nachbar Koschenrath mal gefragt, ob ich ihm nicht Land verpachten möchte. Er suchte damals nach zusätzlichen Weideflächen für seine Galloways. Ob er das immer noch tut, weiß ich nicht; Du musst ihn fragen. Verpachte das Land lieber günstig an ihn als es teuer an eine Investitionsgesellschaft zu verkaufen oder einem Möchtegernlandwirt zu überlassen, der außer Mais, dieser Syphilis der Landwirtschaft, keine andere Nutzpflanze mehr kennt.

Allerdings ist das Erbe mit einer unangenehmen Sache verbunden: Ich muss mein Gewissen erleichtern und du musst wahrscheinlich entscheiden, was mit meinem Geständnis geschehen soll. Ich bin nicht immer der Hagestolz und Frauenfeind gewesen, als der ich in der gesamten Familie gehandelt werde. Aber ich bin aus einem guten Grund lange Zeit allen Frauen aus dem Weg gegangen, bis ich dann meine Kollegin Gunda getroffen habe und Amors Pfeil noch einmal an der richtigen Stelle eingeschlagen hat, wenn auch nicht für immer.

Während meiner ersten Anstellung als Studienrat am Tellheimer Schiller-Gymnasium habe ich mich unsterblich in eine Nachbarin verliebt. Helene Bingel wohnte in der Seilergasse 15, ich wohnte damals auf der anderen Straßenseite, Seilergasse 14, und konnte mühelos in ihre Wohnung schauen. Nachdem ich endlich den Mut und die Gelegenheit gefunden hatte, sie anzusprechen, erzählte sie mir, sie arbeite als Buchhalterin in einem Restaurant mit dem schönen Namen Grüner Heinrich. Ich hätte früher an den Blauen Engel denken sollen. Unsere Bekanntschaft blieb sehr unverbindlich, in erster Linie, weil sie mit einem Udo Sauer fest befreundet war und mir deshalb keine falschen Hoffnungen machen wollte. Ich glaube nicht, dass sie für mich mehr als eine vage Sympathie empfunden hat; Helene Bingel, Udo Sauer und ich sind uns dann zufällig mal auf der Straße begegnet, von daher kannten wir drei uns. Schließlich habe ich allen Mut zusammengenommen und bin eines Abends in den Grünen Heinrich gegangen. Von wegen Restaurant und Buchhalterin, sie tanzte nackt, nur mit einem grünen Schleiergewand bekleidet, das wirklich nichts verbarg, nach damaligen Begriffen höchst obszön vor grölenden Männern auf einer Bühne. Udo Sauer schenkte hinter dem Tresen Bier und Schnaps aus. Du kannst Dir vorstellen, dass meine Begeisterung für Helene Bingel im Nu verflog. Am nächsten Tag habe ich mir einen Feldstecher gekauft und Frau Nachbarin in ihrer Studio-Wohnung beobachtet. Sie zog nicht gerne Gardinen oder Vorhänge vor. Sie hatte viele Männerbesuche in ihrem Dachstudio gegenüber und machte sich bei vielen gar nicht erst die Mühe, das grüne Schleiergewand an- und bald danach wieder auszuziehen. Erst sehr viel später ist mir der Gedanke gekommen, der unsympathische Schlägertyp Sauer könne ihr Zuhälter sein. Ich war sehr naiv, ich weiß.

Dann habe ich an einem Samstagabend beobachtet, wie Sauer Helene besuchte. Es gab Streit zwischen den beiden, ich habe gesehen, wie er sie mehrfach geschlagen hat, aber als er ging, lebte sie noch; denn eine Viertelstunde später kam ein mir unbekannter großer, dicker Mann zu ihr in die Wohnung, für den sie sich auszog, was ich im Feldstecher genau beobachtet habe. Ihr Charakter mochte mies sein, ihre Figur war fantastisch. Am Montag darauf wurde sie erstochen gefunden und am Ende der Woche stand im Tageblatt, dass man ihren Zuhälter Udo S. Als vermutlichen Mörder festgenommen hatte.

Ich bin nicht zur Polizei gegangen, ich weiß, es war feige, aber ich war ein junger Studienrat und wollte nicht in eine Gewalttat im Milieu hineingezogen werden und vor allem wollte ich nicht zugeben, dass ich wie ein Voyeur eine Prostituierte bei der Arbeit beobachtet hatte. So, und nun entscheide du, was du mit meinem Geständnis anfangen willst. Udo Sauer ist wegen Mordes an Helene Bingel zu lebenslänglich verurteilt worden. Ob er noch sitzt, ob er überhaupt noch lebt, weiß ich nicht.

Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen, da bin ich ganz sicher. Alles Gute für dich Dein Großvater Alfons.

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Zweites Kapitel

Lene trank den letzten Schluck des schönen Burgunders. Sie liebte Räuberpistolen, hatte mal für Robin Hood und Rinaldo Rinaldini, sogar für den jungen Schinderhannes geschwärmt, und sich fest vorgenommen, ihren ersten Sohn nach der Kleist-Erzählung Michael zu nennen, obwohl sie inzwischen wusste, dass es tatsächlich ein Pferde-Export-Verbot aus dem protestantischen Preußen in das zur katholische Liga gehörenden Sachsen gab. Heute war sie ein paar Jahre älter, weniger schwärmerisch und fragte sich, ob diese wilde Geschichte von Opa Terner überhaupt stimmte.

Hinter diesem Brief war ein Blatt mit dem handschriftlichen Vermerk abgeheftet, Alfons Terner ist am 21. März verstorben. Unterschrift, Stempel „Sven Berger, Rechtsanwalt und Notar „Bitte rufen Sie mich an.“

Caro freute sich, dass Lene sofort mit der Lektüre begonnen hatte.

„Und was machen wir jetzt?“

„Zuerst feststellen, ob die Räuberpistole überhaupt stimmt. Wenn ja und Sauer noch unschuldig sitzt, müssen wir versuchen, ihn aus dem Knast zu holen. Dazu brauche ich ein formelles Ermittlungs-Verfahren. Und das heisst, ich muss die Nachfolgerin des Hasenpaul für meinen Wunsch erwärmen . Ohne ihre Zustimmung geht es nicht.“

„Viel Erfolg.“

„Sag' mal, wieso konnte der Großvater darauf hoffen, dass die Enkelkin Steno lesen konnte?“

„Er hat es ihr nach dem Abitur beigebracht, weil sie ihn bewunderte, dass er alles so schnell mitschreiben konnte.“

„Ah ja! Ich kann der Nadel doch eine Kopie überlassen?“

„Sicher. Und eine weitere der Staatsanwältin. Ist Dörte von Sandau ihre Mutter?“

„Ja.“

„Dann hat sie wenig Freunde unter unseren Großkopfeten.“

„Stimmt. Wer hat damals im Mordfall Bingel ermittelt?“

„Hornvogel. Sein letzter großer Fall, bevor er Leitender wurde.“

„Und bei uns?“

„Hornvogels spezieller Freund Alexander Bruck.“

„Den wird es ja nicht stören, was wir herausfinden. Der ist ja seit sieben Jahren tot.“

„Richtig.“

Lene telefonierte anschließend mit der Nadel. So wurde die Kommissarin Anja Stich, Assistentin im Polizeiarchiv, wegen ihres Namens und ihrer spitzen Zunge genannt. Die unbestritten tüchtige Kommissarin war ein elektronisches Wunderkind, die ihren Computer beherrschte wie ein großer Pianist die schwarz-weißen Tasten seines Instruments, und die sich im Netz auskannte, wie ein Orchester-Dirigent in der klassischen Musikliteratur. Was die Nadel gar nicht leiden konnte, waren Zugangssperren, Passwörter und für sie nicht gültige Zugangsberechtigungen. Außer diesen Fähigkeiten besaß sie noch große Ohren und schaffte es, immer über alles im Präsidium sehr früh, wenn nicht gar als erste informiert zu sein. Ihren Chef Arne Wilster nannte sie nach einer ersten gemeinsamen Recherche „Papi“, was Wilster, leicht stöhnend, aber ergeben und geduldig ertrug.

„Helene Bingel aus dem Grünen Heinrich? Seilergasse? Ihr Zuhälter hieß Uwe Sauer?“

„Richtig. Sauer soll die Bingel ermordet haben. Als erstes brauche ich den Namen des Anwalts, der Sauer verteidigt hat.“

„Ich rufe sofort zurück.“

Anschließend besuchte Lene den kurzen Egon, um ihn um Rat zu fragen, und er hatte ein sehr simples Hilfsmittel parat, ein glattes Papier, von dem sich selbstklebende gelbe Punkte abziehen ließen. „An alle möglichen Verstecke kleben, die ihr durchsucht habt. Spart Zeit und Enttäuschungen.“

Staatsanwältin Britta von Sandau hatte zwar Zeit, hörte sich Lenes Geschichte auch geduldig an, rieb sich aber sorgenvoll die Stirn.

„Nein, Mord verjährt nicht, aber ich meine, mich aus dem Studium zu erinnern, dass es da Sonderregelungen für die vielen Fälle gibt, in denen der mögliche Täter verstorben oder untergetaucht ist. Ein neues Verfahren wird nicht automatisch eröffnet. Frau Schelm, meine beiden Examina liegen einige Zeit zurück, ich muss jetzt erst mal in den klugen Büchern blättern. Interessiert Sie der Fall persönlich?“

„Ja und Nein.“

Britta von Sandau hatte schon von dem so plötzlichen wie ungeklärten Rückzug der Caroline Heynen gehört und meinte nach kurzer Bedenkzeit: „Tun Sie ihr den Gefallen. Und wenn Sie Hilfe brauchen, melden Sie sich bitte.“

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Drittes Kapitel

Renate Kollau war sofort bereit, mit Lene nach Schübingen in den Graumannshof zu fahren. Zu dieser Jahreszeit war es abends noch lange genug hell, um im Haus zu suchen.

„Bringen Sie trotzdem für alle Fälle eine Batterie- oder Akkulampe mit.“

Lene lernte vor der Galerie Mollenhauer Renates Freund Max Kalbe kennen, der seine Freundin abholen wollte, wie er sagte, aber nach Lenes Eindruck nur kontrollieren wollte, mit wem Renate Kollau den Abend zu verbringen gedachte. Dieser Max gefiel Lene nicht sonderlich, die starke und tätowierte Männer ohnehin nicht schätzte, erst recht nicht, wenn die Muskeln offenkundig mehr Bedeutung besaßen als das Gehirn. Leider hatte Renate ihn schon in alles eingeweiht, und mit einer Kriminalbeamtin verbrachte er freiwillig keine Stunde zusammen. Warum mussten so hübsche und lebhafte Frauen wie Renate Kollau so oft bei solch halbseidenen Typen wie Max Kalbe landen? Jede Wette, dass er arbeitsscheu war und hohe „Schulden“ bei seiner Freundin hatte.

„Was macht Ihr Freund beruflich?“ erkundigte sich Lene beiläufig auf der Fahrt nach Schübingen. Renate antwortete wortkarg: „Er ist Verkäufer.“ Weil sie hörbar nicht mehr erzählen wollte, verzichtete Lene auf weitere Fragen. Sollte Kalbe je mit der Justiz in Konflikt geraten sein, würde es ihr Computer wissen.

Schübingen lag am Ende des Wiesenbachtales, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht zu wünschen pflegten. Der unvollendete Bau des Graumannshofes reizte zum Lachen. Der rechte Teil erinnerte an ein spätbarockes Schlösschen, bei dessen Errichtung dem Bauherrn das Geld ausgegangen war. Der links daran „geklebte“ Bauernhof, schon vom Verfall bedroht, verriet, dass hier auch mit der Landwirtschaft kein Vermögen verdient worden war. Der Rat des Großvaters leuchtete Lene sofort ein: So schnell wie möglich verpachten. Der Graumannshof war, wollte man ihn restaurieren, ein Fass ohne Boden, und Renate Kollau sagte sofort, dass sie nicht im Traum daran dächte, ihren Job in der Galerie aufzugeben und Landwirtschaft zu lernen. Das Mobiliar im „Hofteil“ war wirklich nichts mehr wert, und die Erbin zeigte bei einem flüchtigen Rundgang nur, wo sie mit der Suche nach wertvollen Erbstücken und Hinweisen auf die Familiengeschichte der Terners begonnen hatte. Lene klebte fleißig gelbe Punkte und Renate fragte, was Lene da machte.

„Nichts enttäuscht mehr, als fruchtlose Doppelarbeit.“

Sie wurden von Lenes Handy unterbrochen. Die Nadel hatte Sauers Verteidiger aufgetrieben: „Konrad Dachsel. Er wartet auf deinen Anruf, ja, jetzt noch, nein, er weiß nicht, worum es geht. Und du solltest nicht vergessen, dass Konrad pressegeil ist. Was du ihm im Vertrauen erzählst, kannst du auch gleich als Flugblatt auf dem Markt und am Hauptbahnhof verteilen.“

„Danke, Anja.“

Sie traf sich mit Konrad Dachsel noch am selben Abend in der Spätlese. Fido Lorch, Pächter der Weinstube und ehemaliger Kripokollege, schnitt eine entsetzte Grimasse, als sich Lene zu Dachsel setzte, der zur Begrüßung ölig lächelte. „Was gibt es denn so Dringendes, Frau Hauptkommissarin?“

„Dringendes?“

„Ja, Ihre Kollegin Stich hat es sehr dringend gemacht: Sie müssten mich unbedingt noch heute sprechen.“

„Oh, ich fürchte, da hat Anja was in den falschen Hals bekommen. Ich wollte Ihnen nur rechtzeitig sagen, dass ich Ihren Ex-Mandanten Uwe Sauer in der JVA sprechen möchte.“

„Sauer, Uwe Sauer ... Du meine Güte, das liegt doch fast ein Dutzend Jahre zurück. Was interessiert Sie jetzt noch an diesem Uraltfall?“

Lene konnte den schleimigen Dachsel nicht ausstehen, aber sie wollte sich nicht die Blöße geben, ihn zu belügen und dabei ausgerechnet von ihm ertappt zu werden.

„Es sind neue Hinweise aufgetaucht, die den Fall in einem anderen Licht erscheinen lassen.“

„Was für Hinweise?“

„Das überprüfen wir noch.“

Dachsel musterte Lene gespannt. „Sauer hat immer bestritten, diese Bingel umgebracht zu haben. Er war ihr Zuhälter und hat sie ausgebeutet und gelegentlich verprügelt, unbestritten, aber nicht umgebracht.“

„Ja. Und deshalb nehmen wir diese Hinweise auch ernst. Wenn es ein Fehlurteil war, ist es unsere Pflicht, den Richter-Spruch zu korrigieren. Und dabei könnten Sie uns helfen.“

„Und wie?“

„Wenn Sauer diese Helene nicht getötet hat, wer denn dann?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Wissen? Nein, aber vielleicht vermuten. Hatte Sauer damals keinen Verdacht?“

Dachsel seufzte schwer. „Die Geschichte war zweischneidig, Frau Schelm. Sauer war zweifellos ihr Zuhälter, ein gewaltsamer Zuhälter, was ihn der Kammer nicht gerade sympathisch machte. Aber dieses Zuhälter-Verhältnis bezog sich eigentlich nur auf die Kunden, die sie im Grünen Heinrich hatte. Das Honorar hat sie Sauer regelmäßig abliefern müssen. Aber in den letzten Monaten hatte sie immer mehr – nennen wir sie mal -“private“ Kunden, von denen Sauer lange Zeit nichts wusste und von deren Honoraren er auch nichts bekam. Deswegen gab es häufiger Streit zwischen den beiden bis hin zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Aber Sauer hatte ein recht brutales, aber überzeugendes Argument parat: Warum sollte er die Gans töten, die ihm immer noch goldene Eier legte, auch wenn er nicht von allen Eiern was wusste?“

„Was Helene Bingel bis zum Schluss getan hat?“

„Ja. Sagte Sauer. Natürlich gab es keine schriftlichen Abrechnungen.“

„Wo fanden denn diese -hm - „privaten“ Geschäfte statt?“

„Die Bingel hatte ein Studio in der Seilergasse gemietet.“

„Wusste der Vermieter, was in dem Studio ablief?“

„Wahrscheinlich nicht. Es war übrigens eine Vermieterin mit dem hübschen Namen Eleonore Panter.“

„Hat die Polizei in dem Studio Geld gefunden, als die Leiche entdeckt worden war?“

„Ja. Mehrere tausend Euro.“

„Donnerwetter. Das waren ja geradezu fürstliche Honorare.“

„Ja ... aa. Unsere Helene war sehr beliebt und geschäftstüchtig.“

„Hat man keinen der – hm – privaten „Studio-Kunden gefunden?“

„Soviel ich weiß, nein.“

„Herr Dachsel, zum Schluss eine Frage, die Sie, wie Sie besser wissen als ich, nicht beantworten müssen. Wer hat eigentlich Ihr Honorar für die Verteidigung Sauers bezahlt?“

„Niemand. Der liebe Uwe wird staunen, wie viele Schulden auf ihn warten, wenn er entlassen wird.“

„Sind die nicht längst verjährt?“

„Kennen Sie sich mit den Verjährungsfristen von Steuerschulden aus?“

„Nein.“

„Das ist gut so, das erspart Ihnen unter Umständen eine Menge grauer Haare.“

Steuerschulden hatte Lene ihres Wissens nicht. Bei ihrem Gehalt verließ sie sich auf die Personalabteilung und Landeskasse, bei ihren Nebeneinkünften, etwa der Beteiligung an dem Gewinn des elterlichen Betriebes, den ihr Bruder führte, auf ihren Steuerberater. Ihre Buchführung war chaotisch: eine leere Gebäckdose für die Ausgaben, eine andere für die Einnahmen. Bis jetzt hatte sich das Finanzamt damit zufrieden gegeben.

Weil sie in der Spätlese trockenen Weißwein getrunken hatte, holte sie sich einen staubtrockenen Weißen aus dem Keller. Caro hatte ihr noch mehr Lektüre überlassen.

Das nächste Konvolut war überschrieben mit „Kleine Beiträge zur Familiengeschichte der Terners, gesammelt und erläutert von Emil Buchwald, mit der Familie Terner um -zig Ecken verwandt und allgemein der Märchenonkel genannt. Mit Sicherheit stimmen nicht alle Geschichten, die man mir im Laufe meines Lebens erzählt hat. Aber ich halte es mit den Italienern: Si non vero ben trovato.

Die Terners und die Buchwalds stammen aus Südtirol. Die Arbeit im Bergbau hat sie im sechzehnten Jahrhundert gemeinsam ins Erzgebirge verschlagen, zum Schluss nach Zeitz. Dort begann zu Zeiten August des Starken die „Karriere“ von Gottlieb Terner. Er war der erste aus der Familie, der ein Gymnasium besuchen konnte und hat sich dort manches angeeignet, unter anderem ein leidliches Französisch und Manieren, wie sie bei bürgerlichen Kindern oder in kleinadeligen Familien üblich waren. Als er sich später unter dem erfundenen Namen Albrecht von Lohenfels bewegte, ist er meines Wissens nie aufgefallen. Irgendwie hatte er sich – ich fürchte, durch Diebstahl – ein Amulett beschafft, auf das auf der Vorderseite die Buchstaben A v L und auf der Rückseite die Umrisse einer Burg eingraviert waren. Onkel Gottlieb war ein sehr erfindungsreicher und vor allem ein durch und durch verlogener Mann, der eine heftige Scheu vor ehrlicher Arbeit besaß. Er wettete und würfelte gern und spielte sehr gut Karten, war ein häufiger Gast in Kissingen, Bad Ems und in Baden-Baden. Ein russischer Graf, der in Darmstadt hängengeblieben war, setzte dann seinen letzten Besitz in Deutschland, den Graumannshof, auf eine Karte, Onkel Gottlieb gewann und nahm den Hof voller Freude an. Er soll Monate damit beschäftigt gewesen sein, alle gewonnenen oder ergaunerten Wertsachen aus ihren diversen Verstecken nach Schübingen zu holen und dort auf seinem Hof zu verstecken.

Viel Freude hat er daran nicht mehr gehabt. Sein Tod ist noch unglaublicher als sein Leben. Bei einem Fest auf Burg Falkenweide geriet er mit einem Freiherrn aneinander, der ihn vor Zeugen zum Duell forderte. Normalerweise wäre Onkel Gottlieb jetzt untergetaucht, aber in Tellheim und Umgebung kannten ihn zu viele, und deshalb musste er sich notgedrungen dem Duell stellen. Sein erster Schuss ging fehl, der Freiherr, ein gefürchteter Duellant, traf ihn tödlich. Eine gerichtliche Verfolgung des Todesschützen unterblieb, weil tags darauf die napoleonischen Truppen anrückten.

Gottlieb hatte kurz vor dem verhängnisvollen Fest auf Falkenweide eine Angestellte des Graumannshofes geheiratet, die acht Monate nach seinem Begräbnis einen gesunden Jungen Albrecht zur Welt brachte. Seitdem ist der Graumannshof im Besitz der Familie Terner, die ihn allerdings ziemlich heruntergewirtschaftet hat.“

Lene bekam einen regelrechten Gähnanfall und legte den Rest zur Seite. In den zahlreichen deutschen Kleinstaaten hatten sich viele Gottlieb Terners alias Albrecht von Lohenfels getummelt.

Sie machte Schluss für heute und ging zu Bett.

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Viertes Kapitel

Lensen lag etwa 30 Kilometer östlich von Tellheim, und die dortige JVA war der inzwischen größte Arbeitgeber des Ortes.

Lene hatte sich angemeldet und musste im Besprechungsraum keine fünf Minuten warten, bis der Strafgefangene Uwe Sauer hereingebracht wurde. Er kannte Lene nicht und schaute sehr erstaunt drein, als sie ihm sagte, sie möchte sich gerne mit ihm über den Mordfall Helene Bingel unterhalten.

„Warum denn das?“

„Wir haben einen Hinweis darauf bekommen, dass noch ein anderer Mann als Mörder in Frage kommt.“

„Ach nee. Nach so langer Zeit? Der Prozess war vor zwölf Jahren.“

„Ein Todkranker hat sein Gewissen erleichtert, wenige Tage vor seinem Ableben.“

„Der wahre Täter?“

„Nein, wie er es schildert, nur ein Zeuge, der hätte bestätigen können, dass die Bingel noch lebte, als Sie an dem bewussten Samstag weggingen.“

„Und warum hat er sich nicht bei der Polizei gemeldet?“

„Er wollte nicht in einen Mord im Milieu hineingezogen werden.“ „Na prima, Und warum hat die Kripo damals diesen Zeugen nicht aufgetrieben?“

„Das weiß ich nicht, der ermittelnde Beamte ist inzwischen gestorben, und die Akten habe ich noch nicht gelesen.“

„Großartig. Das heisst, unter Umständen platzt das Ganze wie eine Seifenblase.“

„Das kann in der Tat passieren“, sagte Lene ruhig.

„Und deswegen sind Sie zu mir gekommen?“

„Nein, wie gesagt, ich weiß noch nicht viel über die damaligen Ermittlungsergebnisse, aber Sie hatten zwölf Jahre Zeit nachzudenken. Kein Verdacht, wer es gewesen sein könnte?“

Sauer schaute sie lange an und schüttelte dann den Kopf. „Nein.“

„Aber eine andere Frage können Sie mir sicher beantworten. Bei Ihrem letzten Streit mit Helene Bingel ging es doch darum, dass die Bingel in ihrer Wohnung Kunden hatte, von denen Sie lange nichts wussten, von deren Honoraren Sie also nichts abbekamen. Wie haben Sie schließlich erfahren, dass Ihre Biene Helene Sie in puncto Geld betrog?“

Sauer sagte nichts, hatte aber die Augen zugekniffen, und Lene war sich sicher, dass sie bei Sauer einen wunden Punkt getroffen hatte. Und genau da würde sie ansetzen. Sauer öffnete endlich die Augen wieder und sagte lahm: „Das weiß ich nicht mehr.“ Lene wollte ihm noch nicht ins Gesicht sagen, dass sie ihm das nicht glaubte: „Okay, das wär's erst einmal für heute, Herr Sauer. Ich komme bestimmt wieder. Übrigens habe ich Ihrem Anwalt Dachsel gestern erzählt, dass ich Sie in der JVA aufsuchen würde.“

Lene Schelm lud ihre Vorgängerin Caro Heynen zum Essen bei Marcello ein, und Caro stimmte hinterher zu, dass die Antipasti Romagna erstens köstlich und als Abendessen für zwei auf ihre Figuren achtende Frauen völlig ausreichend seien. Schließlich brauchten sie noch „freie“ Kalorien für den Roten aus der Toskana.

Caro hörte aufmerksam zu, was Lene über „ihren Fall“ zu berichten hatte. Der Fall war schwierig. Ein Sachverständiger würde zweifellos bestätigen können, dass das „Geständnis“ von Opa Terners Hand stammte und richtig übersetzt war. Aber alle weiteren Fragen – etwa: wie hatte denn der letzte Besucher Helenes ausgesehen – ließen sich nicht mehr stellen.

„Womit der Fall eigentlich zu Arne Wilster auf den Schreibtisch gehört“, merkte Caro an und Lene, die nicht zugeben wollte, dass Caro Recht hatte, meinte: „Und wenn wir mal mit Oma Terner reden? Vielleicht hat Opa Alfons ihr mehr erzählt.“

„Die Idee ist nicht schlecht“, stimmte Caro zu und Lene begann sofort zu telefonieren. Renate Kollau bremste den Eifer der beiden Damen: „Ganz schlecht, Frau Schelm. Die Großeltern haben sich scheiden lassen, als er in Pension ging. Sie kriegt heute noch Herzanfälle, wenn sie nur seinen Namen hört und ist nicht einmal zu seiner Beerdigung gekommen.“

Caro nickte: „Was auch erklärt, warum Renate Kollau und nicht ihre Mutter oder Großmutter den Graumannshof geerbt haben.“

„Und was machen wir jetzt?“

Caro stibitzte Lene das letzte Stück Schinken mit Melone vom Teller. „Ich meine, die interessanteste Frage ist immer noch, wie, wann und von wem hat Sauer erfahren, dass seine Biene private und offenbar gut zahlende Kunden empfing.“

„Du meinst, ich sollte mal versuchen, ob ich noch Menschen finde, die vor dreizehn Jahren in der Seilergasse gewohnt haben?“

„Scheint mir noch am aussichtsreichsten.“

„Aber das muss doch damals Alexander Bruck getan haben.“

„Na ja.“ Caro stöhnte leicht. „Wer freut sich nicht über leichte Fälle? Das war damals nicht anders als heute. Hast du eigentlich schon die alten Ermittlungsakten gelesen?“

„Nein, ich hatte amüsantere Lektüre, Caro.“

„Verstehe. Allerdings meine ich, dieser Emil Buchwald hieß in Wirklichkeit von Münchhausen und hat vielleicht mit Gottlieb gemeinsame Sache gemacht.“

„Wie so viele, die wir im Verhörraum vor uns sitzen haben.“

Caro bestellte sich ein Taxi, und Lene beschloss, auf ihre rotweingetränkte innere Stimme zu hören und auf das komplizierte Rangiermanöver in ihrer Kellergarage zu verzichten. Etwa hundert Meter von ihrem Haus entfernt fand sie einen bequemen Parkplatz, auf den sie vorwärts hineinfahren konnte. Die paar Schritte an der frischen Luft taten ihr gut und wieder einmal schwor sie sich, ihren Rotweinkonsum zu drosseln.

Vor der Haustür musste sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln kramen, und gerade, als sie fündig geworden war, gab es neben ihr einen dumpfen Plopp, als sei da was Festes in den Holzrahmen der Haustür gedrungen. Wenn es nicht so albern gewesen wäre, hätte sie vermutet, es sei eine Gewehr- oder Pistolenkugel. Sie lachte über sich selbst, sie befand sich im friedlichen Tellheim und nicht in der New Yorker Bronx oder im Chicago Al Capones. Im Bett begann sie dann doch zu frösteln. Er oder sie hätte auf Lenes Weg vom eingeparkten Auto zur Haustür genug Zeit gehabt, ihr eine Kugel in den Rücken zu schießen, aber nein, er oder sie wartete, bis Lene vor der Haustür stillstand. Sollte die Kugel, wenn es denn eine Kugel war, sie gar nicht treffen, sondern nur eine Warnung sein? Von wem und vor was?

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Fünftes Kapitel

Für alle Fälle erzählte sie am nächsten Vormittag dem Duo Anja Stich und Arne Wilster, was ihr am Vorabend zugestoßen war, und der höfliche Arne erkundigte sich nicht, wie viel Rotwein sie vorher getrunken hatte. Da er Lene lange kannte, wusste er auch von ihrer Schwäche, erwähnte sie aber aus alter Zuneigung und Ritterlichkeit nicht.

Vor seinen Ohren bestellte Lene bei der Nadel die Ermittlungsakten im Fall Renate Bingel. Alte Fälle waren eigentlich Wilsters Spezialität, aber der stimmte zu, dass Gewehr- oder Pistolenkugeln sehr gegenwärtig waren und – wie es neuerdings hieß – zeitnahe Ermittlungen erforderten. Wilster stellte dann auch die Fragen, die Lene schließlich zur Lösung des Falles führten: „Wer wusste gestern abend, dass du dich um den Mord an einer Renate Bingel vor 13 Jahren kümmerst? Wer konnte davon überhaupt wissen?“

„Außerdem solltest du bitte die Mieternamen herausfinden, die zur Zeit des Mordes in dem Haus Seilergasse gewohnt haben. Wer war damals Hauseigentümer. Was ist aus dem Grünen Heinrich geworden, wem hat er vor dreizehn Jahren gehört?“

„Wolltest du nicht den Fall lösen?“ protestierte die Nadel, die immer genug Arbeit auf ihrem Tisch hatte.

Lene gab sich alle Mühe, die verstimmte Nadel zu beruhigen, wechselte amüsierte Blicke mit Arne Wilster und ging dann in die KTU. Der kluge Egon schaute sehr erstaunt drein, als sie fragte: „Hast du viel zu tun? Oder reicht deine Zeit, mit mir mal meine Haustür anzuschauen?“

„Nur die Haustür? Nicht die Wohnungstür? Ich könnte meine Dietriche mitnehmen.“

„Egon, wir wollen doch kein Gerede auslösen.“

„Schade.“

Aber in der Colmarstraße war er dann auch der Meinung, der merkwürdige Gegenstand im Holzrahmen sei ein Projektil. „Wieso schließt du von außen deine Haustür auf? Ich denke, du hast einen Parkplatz in der Kellergarage.“

Lene beichtete, was am Abend alles vorgefallen war, bis hin zum Roten aus der Toskana bei Marcello. Egon war nicht so feinfühlig wie Arne: „Du säufst zuviel“, stellte er grob fest, „aber in einem hast du Recht, wer immer auf dich mit einem Gewehr oder einer Pistole gewartet hat, hätte dich auf dem Weg von deinem geparkten Auto zur Haustür mehrfach umlegen können. Er oder sie hat aber gewartet, bis du still gestanden hast, damit er sicher an dir vorbeischießen konnte. Das war eine Warnung, kein Mordversuch.“

Lene bedankte sich und brachte den kurzen Egon zum Krötengraben zurück.

Die Nadel war noch nicht so weit, konnte aber zwei Fragen Lenes sofort beantworten. Den Grünen Heinrich gab es noch, er hatte allerdings seine Funktion geändert und war jetzt ein simpler Waschsalon an der Nordbahnhofstraße. Tellheim-Nord war ein unangenehmes Viertel, ziemlich heruntergekommen und vom Wohnungsamt dicht mit Ausländern belegt worden, die heute von selbsternannten Clanchefs dirigiert und „beschützt“ wurden. Das ganze Nordviertel stand kurz davor, ein rechtsfreier kommunaler Raum zu werden, und seit die Polizei verstärkt gegen dieses Banden vorging, krachte es alle Augenblicke. Auf der letzten Wochenbesprechung hatte ein Kollege berichtet, dass der Versuch, einem Fahrer ein Knöllchen zu verpassen, weil er direkt in einer Feuerwehrzufahrt parkte, in eine Massenschlägerei ausgeartet war mit einem Toten auf der Seite der Banden und drei verletzten Polizisten.

Der Waschsalon war gut besetzt mit Kopftuch tragenden Frauen, und Lene wartete zehn Minuten, bis sich eine junge Frau erkundigte, ob und wie sie Lene helfen könne.

„Ich suche jemanden, der mir sagen kann, was früher in diesen Räumen war.“

Die junge Frau lachte: „Eine Kneipe mit Schönheitstänzerinnen und diskreten Einzelzimmern in der Etage über uns.“

„Und wie hieß diese Kneipe?“

„Der Grüne Heinrich.“

„Den Namen hat der Waschsalon beibehalten?“

„Weil er zu einem festen Begriff geworden war.“

„Und vor der Kneipe?“

„Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass davor ein kleiner Laden hier drin war, der Gemälde, Stiche, Wandbehänge, Zierteller verkaufte, eben Kitsch und Kunst für kleine Leute. Im Krieg soll es hier drin eine Nebenstelle der Bahnhofskantine gegeben haben, für Bahner, die auch bei Bombenalarm das Bahnhofsgelände nicht verlassen durften und hinterher mal pinkeln und einen Schluck trinken mussten. Sie wissen schon 'Räder müssen rollen für den Sieg'.“

„Vielen Dank, das war's schon“, sagte Lene freundlich, und die junge Frau kam einer Kundin zur Hilfe, die den klemmenden Verschluss ihrer Maschine nicht aufbekam.

Als Lene in ihr Auto stieg, bemerkte sie zufällig einen königsblauen Sportwagen, der zwei Plätze hinter ihr parkte. Der Fahrer hatte am Kiosk auf der anderen Straßenseite Zigaretten und Getränkedosen gekauft und stieg eben in die blaue Flunder ein, als sich Lene hinter's Steuer schwang. Der junge Mann gab sich keine Mühe zu verbergen, dass er Lene auf der Fahrt quer durch die Innenstadt bis in die Seilergasse folgte. Allerdings gefiel ihm nicht, dass sie sich in der Seilergasse demonstrativ vor sein Gefährt stellte und das Kennzeichen auf ihrem Block notierte. Als sie fertig war und zur Seite trat, tippte er sich an die Stirn und röhrte davon. Mit einer Halterabfrage war er schnell identifiziert: „Niklas Köhler, Süderstraße 11.

Die Häuser Seilergasse 14 und 15 waren vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Trotzdem versuchte sie ihr Glück und begann mit dem Klinkenputzen: „Guten Tag, entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Schelm, ich suche nach Mietern, die vor zwölf oder dreizehn Jahren hier oder in den alten Häusern gewohnt haben und mir vielleicht Auskunft über meinen Neffen geben können.“

Wieder einmal bewahrheitete sich der Spruch „Kleider machen Leute“. Lene, die auch bei ihrer Dienst-Alltagskleidung Wert auf eine diskrete Eleganz legte, wurde erstaunlich häufig hereingebeten, auch wenn man ihr drinnen nur voller Bedauern erklären musste, das man ihr nicht helfen könne, „Aber vielleicht Herr oder Frau Sowieso. Oder bei der Vermieterin, Frau Panter in Nummer 15.“

Lene lernte noch einige Mieter kennen, bevor sie in Nummer 15, vierter Stock, vor einer gut aussehenden, sexy Frau Ende vierzig stand, die sich misstrauischer gab.

„Wie hieß denn Ihr Neffe?“

„Alfons Terner.“

„Der wohnt schon lange nicht mehr drüben in Nummer 14.“

„Wissen Sie zufällig, wohin er gezogen ist? Er war damals Lehrer am Schiller-Gymnasium und hat uns dann nur geschrieben, er werde sich nach Braakenfeld versetzen lassen. Aber das ist wohl nicht geschehen, denn in Braakenfeld kann ich ihn nicht finden und das Schulamt dort weiß nichts von einer bevorstehenden Versetzung.“

Eleonore Panter lächelte dünn; mit diesem etwas pompösen Namen hatte sie sich vorgestellt und als Lene antwortete: „Angenehm, Marlene Schelm“, hatte sie das unangenehme Gefühl, dass ihr Name der Rothaarigen etwas sagte. „Schade“, beendete sie das Gespräch möglichst unauffällig, „dann muss ich weiter suchen.“

„Würde es Ihnen was ausmachen, mir zu verraten, warum Sie Ihren Neffen jetzt suchen?“ flötete Eleonore so höflich wie sanft. Lene witterte eine Chance, einen Stein in eine teure Scheibe zu werfen: „Er hat geerbt, und zwar mächtig, und wir können ihn über sein Glück nicht informieren.“

„Das ist hart“, stimmte Eleonore scheinbar mitfühlend zu und strich sich mit beiden Händen fest über ihren prallen Busen. Dass Lene diese Bewegung genau registrierte, entging der Rothaarigen, die auch nicht wissen konnte, welchen Schluss Lene daraus gezogen hatte.

Für die Rückfahrt ins Präsidium benutzte Lene absichtlich die Süderstraße und legte vor dem Haus Nummer 11 einen Zwischenstopp ein. Dem jungen Mann quollen fast die Augen aus dem Kopf, als er sie die Treppe hochkommen sah. Lene ahnte, was ihn so verwunderte, und zückte ihren Dienstausweis. „Eine Halterabfrage dauert nur Sekunden, Herr Köhler. Verraten Sie mir, warum Sie mich beschatten?“

„Ich beschatte Sie doch nicht!“ widersprach er aufgebracht und erinnerte dabei ein bisschen an einen kleinen Gockelhahn, der den Junghühnern erklären wollte, dass er durch sein Krähen morgens die Sonne weckte.

„Ich heiße übrigens Marlene Schelm und das Referat 11, das ich leite, nannte man früher die Mordkommission. Mit mir ist, wie ich alle Männer gleich zu Anfang einer Bekanntschaft warne, nicht zu spaßen.“

„Ich habe nicht gewollt und will auch jetzt nicht mit Ihnen spaßen. Aber ich habe Sie nicht verfolgt oder beschattet oder wie Sie das nennen wollen.“

Lene glaubte ihm kein Wort, aber sie konnte ihn schlecht foltern oder vorübergehend festnehmen, also ging sie und meinte nur: „Lassen Sie sich nicht mehr in meiner Nähe blicken, das würde ich persönlich übelnehmen.“ Auf der Straße suchte sie, bis sie den blauen Flitzer fand, rangierte ihre Wagen so, dass sie die blaue Flunder beobachten konnte, und rief dann im Präsidium an. Tine Dellbusch war schon in der Kantine gewesen und hatte im Moment angeblich nichts zu tun.

„Dann komm bitte in die Süderstraße, ungefähr Hausnummer 11 und setze dich zu mir in mein Auto. Ich hoffe, ich habe jemanden aufgescheucht und möchte nun gerne wissen, wohin er fährt.“

„Geht in Ordnung, Chefin. Bis gleich.“

Die Nadel war sehr fleißig gewesen: „Die meisten Mieter sind in den vergangenen zwölf oder dreizehn Jahren weggezogen oder verstorben. Aber die Vermieterin und Eigentümerin der Seilergasse 15, eine Eleonore Panter hat vor dreizehn Jahren in dem Haus Seilergasse Nr. 15 gewohnt und ist auch wieder in den Neubau eingezogen.“

„Welcher Neubau?“

„Die alte Nummer 15 ist vor gut zehn Jahren abgebrannt, die Panterin war ganz gut versichert und hat auf dem Trümmergrundstück neu gebaut.“

„Toll, Anja.“

„Zum Grünen Heinrich kann ich dir noch nichts sagen. Um 1930 herum hat eine Firma Meiser Unterhaltung den Schuppen übernommen, aber die Firma gibt es nicht mehr, den Grünen Heinrich auch nicht mehr, dadrin ist heute ein Waschsalon untergebracht.“

„Ich weiß, den kenne ich schon. Vielen Dank. Anja.“

Tine Dellbusch erschien eine Viertelstunde später und setzte sich zu Lene ins Auto.

„Hallo, Kollegin. Es geht um den blauen Sportwagen da vorne. Der Halter heißt Niklas Köhler, und ich würde gerne wissen, zu wem er gleich fährt. Nur Zieladresse, keine Aktivitäten; und wenn du ein Foto von der Person schießen könntest, die Köhler besucht, wäre das toll. Aber kein Risiko eingehen, ich bin dann unterwegs und kann dir nicht helfen.“

Ein halbe Stunde mussten sie gemeinsam warten, dann erschien Niklas Köhler und ging auf den blauen Sportwagen zu.

„Das ist er“, sagte Lene und beide Frauen stiegen aus. Tine hatte ihren Wagen vier oder fünf Plätze weiter abgestellt und musste sich beeilen, aber als Köhler mit viel Gas davonrauschte, hatte er Tine Dellbusch in einem unauffälligen Zivilwagen an der Stoßstange. Lene drückte ihr die Daumen und gondelte entspannt in die Seilergasse 15 zurück. Eleonore war nicht begeistert, Lene so bald wiederzusehen, die statt einer Begrüßung tadelnd grollte: „Sie hätten mir ruhig sagen können, dass Sie vor 13 Jahren die Eigentümerin des Hauses waren und heute wieder sind.“

„Sie haben mich nicht danach gefragt“, versetzte Eleonore trocken.

„Was interessiert Sie eigentlich so an der Vergangenheit des Hauses?“

„Ein Mord.“

„An dieser Bingel?“

„Ja. Sie haben sie gekannt?“

„Natürlich. Erstens war sie eine Mieterin in meinem Haus und zweitens wohnte sie im obersten Stock mir direkt gegenüber auf der anderen Seite des Flures.“

„Wussten Sie, dass sie eine Schönheitstänzerin und Prostituierte war?

„Nicht, als sie mietete, aber bald danach. Sie hat sich keine Mühe gegeben, das zu verheimlichen.“

„Und? Was haben Sie darauf gesagt?“

„An dem Tag, an dem sie ermordet wurde, habe ich ihr mittags gekündigt. Zuerst mündlich, und dabei habe ich ihr den Brief mit der Kündigung übergeben, den ich schon geschrieben hatte.“

„Was hat die Bingelin dazu gesagt?“

„Begeistert war sie nicht. Aber als sie merkte, dass sie mich nicht umstimmen konnte, hat sie gesagt, dass sie erst einmal mit ihrem Freund – also mit ihrem Zuhälter – sprechen müsse und mir am Montag Bescheid geben würde. Auch damals konnte man in Tellheim schon nicht mehr von jetzt auf nachher eine Wohnung finden. Als sie dann am Montag nichts von sich hören ließ, bin ich schließlich hinübergegangen und habe sie tot aufgefunden.“

„Die Wohnungstür stand offen?

„Ja.“

„Wie lange war sie da schon tot?“

„Die Polizei hat später behauptet, etwa achtundvierzig Stunden. Umgebracht also am Samstag.“

„Haben Sie an dem Tag was Verdächtiges aus der Studio-Wohnung gehört?“

„Nur, dass sie sich mit einem Mann heftig gestritten und der sie wohl verprügelt hat. Aber das kam öfter vor.“

„Sie sind also nicht rübergegangen, um nachzuschauen?“

„Nein. Ich wusste ja, es war ihr Uwe und sie hatte mal wieder nicht genug abgeliefert. Dann haben sie wahrscheinlich miteinander gebumst und alles war wieder in Ordnung.“

„An dem Samstag auch?“

„Nein, da kam er aus der Studio-Wohnung gestürmt und hat mich noch erwischt.“

„Was heisst das – erwischt?“

„Ich hatte natürlich meine Wohnungstür einen Spalt aufgezogen, um alles verstehen zu können. Ich habe sie nicht schnell genug schließen können und er stand plötzlich bei mir in der Diele. Zuerst habe ich mein Fett abgekriegt ...“

„Was heißt das?“

„Er war so im Brass, dass ich einige Ohrfeigen eingesteckt habe. Dabei hat er mir die Sachen vom Leib gerissen ...“ Sie wurde rot und Lene traute ihren Augen und Ohren nicht ... „und dann sind wir bei mir im Schlafzimmer gelandet.“

„Hat es wenigstens Spaß gemacht?“ höhnte Lene.

„Sehr sogar. Ich habe ihn gleich zum Sonntagskaffee eingeladen.“

Lene wollte es nicht glauben, doch Eleonore blieb dabei. Am Samstag hatten sie von der Nachbarin nur noch gehört, dass sie geduscht und danach noch Männerbesuch empfangen hatte – nein, den Mann hatte sie, mit anderen Dingen beschäftigt, weder gesehen noch gehört. Keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte. Sauer hatte also ein Alibi, aber warum hatte er das bei der Kripo oder später vor Gericht nicht erzählt? Man hätte es ihm wahrscheinlich nicht geglaubt, und dass Leonore geschwiegen hatte, verstand Lene sofort. Zwar sagte man: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt man völlig ungeniert.“ Aber das konnte auch bedeuten, dass kein Hund mehr ein Stück Wurst von ihr annahm.

Lene hatte nur noch eine Frage auf dem Herzen: „Haben Sie Sauer erzählt, dass ihre Nachbarin in der Wohnung Kundschaft empfing?“

„Nein, das wusste er schon.“

„Von wem?“

„Das hat er mir an dem Wochenende nicht verraten. Übrigens schlief sie nicht mit allen Männer, die zu ihr in das Studio kamen. Manche haben sie nur nackt fotografiert - das weiß ich nun von Sauer direkt.“

Zum Schluss fragte Eleonore sehr kleinlaut: „Das bleibet doch alles unter uns?“

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen. Nach Ihrer Aussage sitzt Sauer unschuldig im Gefängnis, hat also ein Recht darauf, dass er entlassen wird und an seiner Stelle der wahre Mörder hinter Gitter kommt.“

„Wissen Sie denn schon, wer das ist?“

„Nein, noch nicht. Aber ich habe eine Idee, wo ich ihn suchen muss.“

Das war, wie sich Lene tadelte, als sie in ihr Auto stieg, gewaltig übertrieben. Wie zur Bestätigung klingelte in dem Moment ihr Handy und eine sehr kleinlaute Tine fragte: „Chefin, kannst du mal kommen? Hier läuft was ganz Komisches ab.“

„Wo bist du denn?“

„In Schübingen, vor einem verrückten Bau. Er nennt sich Graumannshof.

„Bin schon unterwegs.“

Wie kam die Kollegin ausgerechnet zum Graumannshof? Lene gab Gas.

Tine Dellbusch war hörbar erleichtert, als Lene auf den Beifahrersitz schlüpfte. „Mädchen, nun erzähl mal“, forderte Lene sie burschikos auf.

„Ich sollte doch diesem blauen Sportwagen folgen. Der ist schnurstracks in die Blumenstraße 28 gefahren und der Knabe hat irgendwo geklingelt. Wenig später hat ein Lieferwagen rückwärts vom Hof auf die Straße gesetzt. Der Sportwagenfahrer hat einen Mann begrüßt, der dann mit dem Lieferwagen losgefahren ist. Zuerst zur Künzelstraße. Dort ist ein zweiter Mann in den Lieferwagen eingestiegen, und dann sind beide Autos mit den drei Männern nach Schübingen gefahren und haben hier vor dem Graumannshof eine Menge komischer Geräte aus dem Lieferwagen ausgeladen und ins Haus getragen. Ich habe einige dieser Geräte fotografieren können, weiß aber beim besten Willen nicht, wozu die gut sind. Seit der Zeit gibt es einen ziemlichen Lärm in dem Gebäude, so, als ob Löcher gebohrt und Wände eingerissen würden. Ich habe mich aber nicht herangetraut. Der Lieferwagen ist übrigens auf einen Max Kalbe zugelassen.“

„Scheiße!“ rutschte Lene heraus. „Der kennt mich, der darf mich nicht sehen. Gut gemacht, Tine. Ich versuche mal, einen Blick auf unsere fleißigen Handwerker zu werfen.“

Das war nicht so einfach. Die Haustür war verschlossen, und Lene wagte nicht, sie aufzustemmen oder aufzubrechen oder mit Hilfe des kleinen „Besucherbestecks“ aufzuschließen. Notgedrungen schlich sie sich an ein Fenster neben dem Eingang. In dem Raum brannte Licht. Sie musste fast zwanzig Minuten warten, bis zwei Männer das kleine Zimmer betraten. Den einen erkannte sie wieder, Max Kalbe, der so unsympathische Freund von Renate Kollau. Den anderen jungen Mann kannte sie nicht, er trug ein Klemmbrett, auf dem, so weit Lene erkennen und knipsen konnte, ein Grundriss gekritzelt war. Kalbe bediente ein Gerät, das Lene kannte, seit in ihrer Wohnung Fenster ausgewechselt werden mussten – ein Lasergerät zum genauen Abmessen von Abständen, Türbreiten und Raumhöhen. Der unbekannte Mann schien Zahlen vorzulesen, Kalbe stellte Messungen an, kroch auf den Knien an die Wände heran und markierte mit rotem Fettstift Punkte und Umrisse, die der andere in seine Grundrissskizze eintrug. Dann verließen sie den Raum, knipsten das Licht aus und nahmen sich ein anderes Zimmer vor. Lene hatte genug gesehen. „Ich habe Hunger und muss dringend auf den kleinen Topf“, jammerte Tine.

„Okay, mach' das, ich warte hier, aber wenn die Kerle genau in der Zeit losfahren, folge ich ihnen. Hast du genug Geld für ein Taxi nach Tellheim? Hier, nimm für alle Fälle.“

Lenes Vorsorge zahlte sich aus, Tine hockte noch irgendwo hinter einem Busch, als das Trio aufbrach. Die drei Wagen bewegten sich Richtung Tellheim, zuerst in die Blumenstraße, dann in die Künzelstraße und Niklas Köhler steuerte zum Schluss die Süderstraße an. Lene gönnte sich einen Besuch bei Marcello und bedauerte die hungrige Tine, die auf ein Taxi warten und dann ihr Auto einsammeln musste. Lenes Bruder pflegte bei solchen Anlässen zu sagen: „Augen auf bei der Berufswahl“, aber er hatte gut reden, er konnte sich einen Chauffeur leisten.

––––––––

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Sechstes Kapitel

Tine rief noch spät am Abend an: „Ich bin gut zurückgekommen und sitze jetzt bei Fido in der Spätlese und probiere Trollinger mit Lemberger.“

Fido, der Pächter der Spätlese und ehemaliger Kripokollege, würde dafür sorgen, dass Tine gut ins Bett kam, und zwar in seines, wie Lene vermutete. Aber die Kollegin war volljährig und Fido ein ordentlicher Kerl, der sogar dafür sorgen würde, dass Tine morgen richtig und ausgiebig frühstückte. Was bei Lene nicht der Fall war. In ihrem Doppelbett oder ihrem Gästezimmer hatte schon lange kein Mann mehr geschlafen, was sie manchmal bedauerte, aber eigentlich doch nicht auf Dauer zu ändern gedachte.

Was hatten die drei jungen Männer da im Graumannshof gemacht? Besaßen sie einen Plan der in dem alten Gemäuer angeblich verborgenen Schätze?

Wenn ja, von wem? Wer hatte den Plan angelegt? Wahrscheinlich musste sie doch mehr über den sagenhaften Onkel Gottlieb erfahren? Und wer hatte nun Renate Bingel und warum umgebracht? Wie passte Eleonore Panter in das Bild? Wer hatte Sauer gesteckt, dass seine Biene zum Teil auf eigene Rechnung Nektar sammelte? In jedem Fall gab es immer mehr offene Fragen zu klären, als man sicher wusste. Das war ärgerlich, aber die Regel. Darüber schlief sie ein.

Bevor sie am nächsten Morgen losfuhr, rief sie in der Galerie an und sprach mit Renate Kollau: „Können Sie sich einen Tag freinehmen? Und können Sie mit Werkzeug umgehen? Wenn Sie nach Schübingen in den Graumannshof fahren und zwar vor Ihrem Freund Kalbe, der das nicht erfahren soll, finden Sie dort an den mit roten Kreuzen markierten Stellen wahrscheinlich die Schätze, die laut Familiengerüchten Ihr Vorfahr Gottlieb dort verborgen hat. Aber seien Sie vorsichtig, Ihr Freund Max ist meiner Meinung nach auch hinter den Schätzen her und macht – Entschuldigung – nicht den Eindruck, als lege er mehr Wert auf Sie als auf die Schätze.

„Sie mögen ihn nicht?“

„Nein, und seine Freunde noch weniger.“

„In dem Punkt Freunde sind wir uns einig.“

Uwe Sauer hatte, nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, ausgesprochen schlecht geschlafen.

„Guten Tag. Ist Ihnen noch was eingefallen?“ Lene wollte keine Zeit verlieren. Sie kam deswegen gleich zur Sache: „Wollen sie mir nicht jetzt verraten, wer Ihnen damals gesteckt hat, dass Helene Bingel nach und neben dem Grünen Heinrich zum Teil auf eigene Rechnung arbeitete?“

Sauer presste die Lippen zusammen.

„War es Eleonore Panter?“

„Nein, wie kommen Sie auf den Namen?“

„Ich habe etwas recherchiert, Herr Sauer, und mit Leonore gesprochen. Wenn das alles so stimmt, was sie mir gebeichtet hat, besaßen Sie doch ein einwandfreies Alibi. Warum ist das im Prozess nicht zur Sprache gekommen?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sehen Sie, und das glaube ich Ihnen nicht.“

„Das ist dann Ihr Problem.“

„Stimmt, und Ihnen scheinen die zwei oder drei Jahre, die Sie noch mehr brummen müssen, offenbar nichts auszumachen. Auch der Knast kann zur Heimat werden. Guten Tag, Herr Sauer und noch eine schöne Zeit hinter Gittern.“ Es gab ein Maß an Dummheit, das man auch als Polizist nicht ertragen musste, und Lene hatte ohnehin die Geduld nicht gepachtet.

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Siebtes Kapitel

Beim Frühstück hatte Lene heftig überlegt, wer ein Interesse daran haben mochte, Sauer eine Tat absitzen zu lassen, die er nicht begangen hatte. Wenn der oder die Betroffene auf Lene geschossen oder den Auftrag dazu gegeben hatte, konnte eigentlich nur Sauers Anwalt rechtzeitig Alarm geschlagen haben. Lene war nicht so naiv zu glauben, dass die Strafgefangenen keine unbewachten Kontakte nach draußen hatten – Handys mit Prepaidkarten wurden zu hohen Gebühren ausgeliehen, aber hatte Sauer nach fast zehn Jahren Knast noch genug Kontaktleute draußen, die für ihn auf eine Polizistin schießen würden – und wer sollte sie bezahlen? Fido würde ihm einen Mandantenverrat jederzeit zutrauen. Aber wie sollte Lene Dachsel zu einem Geständnis bewegen?

Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten. Lene verfügte über eine ganze Sammlung solcher Spruchweisheiten. Und diesmal traf eine zu. Dachsel hatte seine Kanzlei am Rentermarkt. Vor dem zweigeschossigen Gebäude gab es schräg angelegte Parkplätze, auf die man vorwärts von der Renterstraße fuhr. Lene fand noch einen Platz und zog gerade ihren Zündschlüssel ab, als links neben ihr ein riesiger Geländewagen einparkte und zwar so dicht an ihr Auto heran, dass sie die Fahrertür von innen nicht öffnen konnte. Den Fahrer (dickes Auto, dünner Verstand) kümmerte das nicht, er dachte nicht daran zu rangieren und Lene das Aussteigen zu ermöglichen. Sie musste auf den Beifahrersitz rutschen und die rechte Tür öffnen. Der Geländewagenfahrer, ein dreistes, dickes und feistes Riesenbaby von circa 30 Jahren und überflüssig wie sein Auto, betrachtete das Manöver amüsiert und besaß dann noch die Frechheit laut zu sagen: „Na Oma. Frühsport tut gut, was?“ Sein Gesicht wurde ernster, als sie ihre Notfallkamera aus dem Handschuhfach nahm, sich auf die Straße stellte und die Autos knipste. „He, was soll das“, grölte er und kam näher, so dass er hören konnte, was Lene in ihr Handy sprach: „Schelm, eine Halterabfrage. T – AH 334. Und dann schickt mal eine Streife zum Rentermarkt. Ich warte auf euch.“

Der Dicke schnaufte laut: „Nun seien Sie doch nicht so empfindlich.“

„Bin ich aber. Und alles Weitere erzählen Sie meinen Kollegen, okay?“

Lene blieb stumm und reagierte nicht auf das Gerede des sehr kleinlaut gewordenen Mannes. Die Streife ließ nicht lange auf sich warten, und als die beiden Hünen ausstiegen, rutschte dem einen heraus: „Nein, nicht schon wieder die dicke Sau.“

„Er heisst Richard Holz“, verbesserte Lene sanft, aber laut.

„Behinderung, okay?“

„Notieren Sie bitte, was er zu mir gesagt hat, als ich aus der Beifahrertür klettern musste: 'Na, Oma, Frühsport tut gut?'“

„Wird gemacht, Frau Hauptkommissar.“

Der zweite Beamte sprach ebenfalls sehr laut, er hatte begriffen, was Lene wollte.

„Na, sagte er dann zu Holz, der im Moment recht jämmerlich dreinschaute, „dann verschwinden Sie mal, bevor wir Sie abschleppen lassen. Das würde sehr teuer.“

„Aber das geht nicht“, jammerte Holz los. „Ich habe einen Termin bei meinem Anwalt.“Weil er sich dabei zum Kanzlei-Eingang umdrehte, fragte Lene spöttisch: „Bei Konrad Dachsel?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Nein, aber wenn Sie nicht kommen, hat er Zeit für mich und ich werde ihm bestimmt erklären, warum Sie nicht kommen konnten.“

Dachsels Gesicht reizte zum Lachen, als Lene in sein Zimmer kam und fröhlich sagte: „Ich heiße Richard Holz, Herr Anwalt. Holz war so nett, mir seinen Termin bei Ihnen abzutreten.“

„Was hat der Kerl denn nun schon wieder ausgefressen?“

„Sie kennen ihn also?“

„Und ob! Ich weiß nicht, wie oft ich den dummen Bengel aus einer Klemme befreit habe, in die er sich manövriert hatte. Gelegentlich hat er mir sogar leid getan: Übermächtiger Vater mit zuviel Geld, mit dem der Sohn nicht konkurrieren konnte und gegen den er sich nie durchgesetzt hat. Kein Mensch, der sich längere Zeit um ihn gekümmert und ihm beigebracht hätte, dass nicht alles auf dieser Welt käuflich ist.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, höhnte Lene. „Was ist mit der Mutter?“

„Die ist weggelaufen, als der Junge drei Jahre alt war. Seitdem gaben sich im Hause Holz eine Freundin nach der anderen die Klinke in die Hand.“

„Freundinnen des Vaters?“

„Sicher, den Jungen hat doch kein Mädchen freiwillig auch nur angesehen.“

„Und wenn der mal Bedürfnisse verspürte, wie sie bei Jungen nach der Pubertät auftreten sollen?“

„Dann war immer genug Geld da, um sich zu kaufen, was der arme Junge brauchte.“

Lene hatte wieder eine ihrer unbezahlbaren Ideen. „Gekauft zum Beispiel im Grünen Heinrich?

Dachsel zuckte die Achseln.

„Kannte Richard diese Helene Bingel?

„Möglich. Verraten Sie mir, was er eben wieder angestellt hat?“

Lene erzählte wahrheitsgetreu, was sie mit Richard Holz erlebt hatte.

„Soviel Dummheit müsste doch verboten werden, finden Sie nicht auch?“

Jetzt zuckte Lene die Achseln. „Sie kennen natürlich auch den Vater?“

„Ja, er war mehrfach mein Mandant.Und bevor Sie weiterfragen: Ja, ich habe durch ihn viel Geld verdient.“

Sie sind ihm also zu Dank verpflichtet?“

„Ich denke, eher umgekehrt.“

„Verkehrte er auch im Grünen Heinrich?“

„Das weiß ich nicht!“

„Kann es sein, dass er auch ein Kunde der Helene Bingel war?“

„Das müssen Sie ihn schon selber fragen.“

„Kann es außerdem sein, dass Richard davon wusste und seinem Vater eine auswischen wollte, in dem er zu der Bingel ins Bett kletterte?“

„Ich bin nicht Richards Beichtvater.“

„Halten Sie es für denkbar, dass Richard seinen Vater erpressen wollte? Wenn du mir nicht hilfst, erzähle ich X und Y, mit wem du dich rumtreibst.“

„Bei Richard würde mich nichts wundern. Warum fragen Sie das alles?“

„Weil ich mittlerweile zu glauben beginne, dass Sie Ihren Mandanten Uwe Sauer verraten haben.“

„Das müssen Sie beweisen!“

„Schauen Sie, es hat mich nach über zehn Jahren nur einen Tag Recherche gekostet, um einen Zeugen dafür zu finden, dass Uwe Sauer diese Helene Bingel nicht umgebracht hat. Gut, so was fällt mir als Polizistin leichter als Ihnen, einem Anwalt. Aber Sie haben nicht einmal versucht, eine Entlastungszeugin im Prozess aussagen zu lassen. Sauer muss Ihnen von Eleonore Panter erzählt haben, mit der er zur Zeit des Mordes zusammen im Bett oder unter er Dusche war.“

„Hat er.“

„Und warum hat sie nicht als Zeugin im Prozess ausgesagt?“

„Sie wissen nicht, wer sie ist?“

„Nein. Wer soll sie denn sein?“

„Sie ist Richards Mutter.“

„Die Weggelaufene?“

„Eben die. Holz senior hat mich beschworen, sie aus der Geschichte herauszuhalten.

Lene wollte nicht sagen, was sie dachte: Weniger beschworen als geschmiert.

„Bruck würde im Verfahren einen anderen möglichen Verdächtigen präsentieren, so dass immer noch ein Urteil „Im Zweifel für den Angeklagten“ herauskommen würde.“

Lene schnitt eine Grimasse und Dachsel beteuerte: „Bestimmt. Ich war eingeweiht und wollte ja mitspielen. Der ermittelnde Beamte hatte Schulden bei Holz senior. Und der wollte alle Schuldscheine zerreißen, wenn ein In dubio pro reo herauskommen würde.“

Schulden, die Bruck dann ins Grab mitgenommen hatte, aus dem heraus er sich gegen die Rolle des Sündenbocks nicht mehr wehren konnte. 'Wie sich das alles so traf', dachte Lene bitter. Dachsel lächelte schmierig. „Sie denken also, Holz junior hat diese Bingel ermordet? Und sein Vater hat ihm geholfen, einen anderen zu belasten?“

„Ja, und zwar mit Ihrer Hilfe.“

„Na, das beweisen Sie mal.“

„Bin schon dabei.“

Britta von Sandau schüttelte am Ende den Kopf: „Ihre Fähigkeit, alte Gräber zu öffnen, ist phänomenal. Das hat meine Mutter auch an Jens Rogge so bewundert. Wollen wir künftig das Jens-Dörte-Duo in memoriam bilden?“

„Gerne. Und ich muss Sie auch gleich um einen Gefallen bitten.“

„Und welchen?

„Einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung von Holz junior. Damit ich ihm beweisen kann, dass er die Bingel gut gekannt hat.“

„Ich gebe mir Mühe.“

Den Burgunder, auf den sie sich so gefreut hatte, konnte Lene Schelm an diesem Abend nicht trinken, weil sie dringend zu einem Besuch eingeladen wurde.

Renate Kollau war mit ihrem „Bautrupp“ aus dem Graumannshof zurück und wollte Lene gerne zeigen, was sie und ihre Helfer an den angekreuzten Stellen gefunden hatten. Lene gingen die Augen über, Onkel Gottlieb war ein wohlhabender Mann oder erfolgreicher Betrüger gewesen und Emil Buchwald hatte nicht oder nur geringfügig übertrieben. Von reich verzierten Tabatieren über wertvolle Taschenuhren, Siegelringe, Petschaften und Eisenbahnanteilscheinen der Linie Dresden – Döbeln - Leipzig bis hin zu Talern, Gulden und Dublonen lagen alle Dinge auf dem Tisch, die sich ein reicher Mann für sein Alter oder seine Erben zurückgelegt hatte. Lene stürzte sich als erstes auf eine Art silbernes Amulett, auf der einen Seite war eingraviert A v L, auf der anderen die Umrisse eines stattlichen Burg-Schlosses.

„Und das alles hat an Stellen gelegen, die im Graumannshof mit Kreuzen markiert waren?“

Caro nickte und Lene fragte grimmig: „Ich habe zufällig gesehen, wie ein Teil der Kreuze an die Wand gemalt wurden; das geschah nicht auf gut Glück. Der oder die wussten genau, wo was versteckt war. Woher wussten die das?“

„Meine Schuld“, sagte Renate Kollau kleinlaut. „Ich habe die Übertragung mehrere Tage offen auf meinem Schreibtisch liegen lassen und mein Freund ...“

Der junge Mann mit der blutigen Lippe, den Lene noch nicht kannte, knurrte laut und gereizt, worauf sich Renate sofort korrigierte.

„... mein ehemaliger Freund Max Kalbe hat sich wohl die Seiten mit den Versteckangaben herauskopiert.“

„Aber“, sagte Johanna Ebrich schadenfroh, „Das war nicht die reine Freude. Denn viele der Angaben waren schon vor der Einführung des metrischen Systems 1791 niedergeschrieben worden und nun mussten sich Kalbe und Genossen erst mal damit herumschlagen: Elle, Fuß, Riemen, Zoll, Linie oder Spanne in metrische Angaben übertragen, wofür es, was alle Schatzsucher bitter beklagen, noch keine App gibt. Aber gestern waren sie damit fertig geworden und heute wollten sie in Schübingen den Lohn der Mühe kassieren – ohne die rechtmäßige Eigentümerin dabei zu haben. Zum Glück hatte die Hannes Melser mitgenommen, der sich leider von Kalbe eine blutige Lippe holte, der es dann aber vorzog, mit seinen beiden Kumpeln das Weite zu suchen.“

„Sie werden nicht weit kommen“, tröstete Lene, „wir haben Namen und Anschriften. Nur bei der Formel 'rechtmäßige Eigentümerin' muss ich etwas Wasser in den Wein der Freude gießen. Renate Kollau hat rechtmäßig geerbt, das stimmt, aber ob das, was sie geerbt hat, rechtmäßiges Eigentum des Erblassers war, bezweifele ich. Ich empfehle Caro und Renate Kollau, Kontakt mit der Staatsanwältin Britta von Sandau aufzunehmen, die sich bestimmt darüber freuen wird, mal ein kniffliges juristisches Problem aus dem BGB lösen zu dürfen. So, und jetzt habe ich Hunger und Durst und sehne mich, ehrlich gesagt, nach meinem Bett.

Britta von Sandau seufzte, als ihr Lene den Besuch von erfolgreichen Schatzsuchern ankündigte.

„Ist das der Dank für dieses Schreiben, das ich mit viel Mühe dem Richter aus dem Kreuz geleiert habe?“ Es war ein Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung von Richard Holz.

Lene raffte ihr Damentrio aus dem R – 11 zusammen, alarmierte den kurzen Egon und brauste mit der Mannschaft los. Vor dem zehnstöckigen Apartmenthaus erklärte sie vergnügt: „Wir suchen nach irgendeinem Beweis, dass Richard Holz vor dreizehn Jahren eine Helene Bingel gekannt hat.“

Holz junior, noch im Schlafanzug und Bademantel, glaubte seinen Augen nicht. Er war wirklich groß und nicht stämmig, sondern fett. Lene fand ihn abstoßend, Jule Springer teilte ihr Urteil. Aber für viele galt halt auch, dass Geld ein Aphrodisiakum allerersten Ranges war.

„Ich warte auf meinen Anwalt“, blubberte der Junior, und Ellen König fertigte ihn kühl ab: „Tun Sie das! Aber wenn Dachsel einen Termin im Gericht hat – wir warten nicht auf ihn.“

Als erste wurde ihre Jüngste fündig. Tine Dellbusch hatte sich den Computer vorgenommen und stieß sofort auf eine Riesendatei mit Kinderpornografie. „Der Computer ist beschlagnahmt“, sagte Lene unfreundlich.

„Das dürfen Sie nicht!“ protestierte Holz junior.

„Was meinen Sie, was wir alles dürfen und vor allem tun werden.“

Der zweite Fund gelang Egons Leuten in einem kleinen Gästezimmer- dort war das Bett fest eingebaut und darunter gab es eine Schublade, die sich hervorziehen ließ. Darin lagen ein Gewehr und eine Schachtel mit Munition. Egon Kurz krächzte vor Begeisterung. „Wetten wir, dass aus dieser Knarre und mit dieser Munition in der Colmarstraße auf dich geschossen worden ist?“

„Gut möglich. Wäre schön, wenn wir jetzt auch noch seine Fingerabdrücke in den richtigen Positionen finden würden.“

„Die KTU gibt sich immer Mühe, Lene.“

Den wichtigsten Fund machte eher zufällig Lene selbst. Sie hatte sich Handschuhe angezogen und schaute sich die wenigen Bücher an, die Holz junior in einem kleinen Regal neben seinem Schreibtisch aufbewahrte. Aus alter Gewohnheit nahm sie jedes Buch am Rücken hoch und schüttelte es leicht. Es war schon erstaunlich, was die Leute alles zwischen den Seiten liegen ließen. Lene hatte schon Millionen-Geldschein gefunden, leider nur deutsches Inflationsgeld aus dem Jahre 1923; diesmal flatterte aus einem Fotoalbum ein einzelnes Blatt Papier heraus. Darauf kündigte eine Eleonore Panter handschriftlich ihrer Mieterin Helene Bingel die Wohnung zum Monatsende, und auf die Rückseite hatte jemand, ebenfalls von Hand und mit Bleistift geschrieben: Lieber Richard, kannst Du mir helfen, möglichst bald eine neue Wohnung zu finden? Deine Helene.

P.S. Dein Vater soll sich ruhig etwas Mühe geben. Ich habe immer noch den Vertrag, den Meiser Unterhaltung mit der Ortsgruppe Tellheim der NSDAP geschlossen hat. Und er soll nicht vergessen, dass ich weiß, wer Eleonore Panter im Wirklichkeit ist. Ich habe mich lange genug herumschubsen lassen. Helene Bingel.“

Lene übergab das Blatt Egons Mannen. Der Kurze zog sie am Ellbogen in die Küche und schloss die Tür sorgfältig. „Wenn ich mich nicht irre, möchtest du Holz junior gern den Mord an der Bingel anhängen.“

„Du irrst dich nicht.“

„Okay, ich werde seine Zahnbürste mitnehmen, und in der Asservatenkammer liegen immer noch die Klamotten von der Leiche Helene Bingel. Du weißt ja selber, dass ich für einen DNA-Abgleich eine Anweisung brauche?“

„Alles klar, Egon.“

Rechtsanwalt Dachsel kam herangekeucht, als sie schon zusammenpackten, und war klug genug, sich nicht zu beschweren, nachdem Lene nur ein Wort in die Luft gesprochen hatte, nämlich „Mandantenverrat“.

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Achtest Kapitel

Auf dem grünen Schleiergewand fanden sich tatsächlich noch Hautschuppen von Richard Holz und er gestand den Mord an Helene Bingel. Nachdem sie ihn um Hilfe bei der Wohnungssuche gebeten hatte, waren sie ins Bett gestiegen. Er hatte gelöhnt wie immer, und aus heiterem Himmel hatte sie ihm dann an den Kopf geworfen: „Dein Vater ist besser als du kleiner fetter Versager.“ Daraufhin hatte er ein Messer aus der Küche geholt. Egon Kurz war nicht erstaunt: „Die einzige unbegrenzte menschliche Fähigkeit ist die Dummheit“, wobei offen blieb, wen er meinte. Die Bingel oder Holz.

Sauer wurde entlassen, sobald die Kammer die Klage gegen Richard Holz angenommen hatte. Lene holte ihn an der JVA ab und er warnte sie: „Wenn Sie jetzt sagen 'Besser spät als nie' erwürge ich Sie und gehe freiwillig in meine alte Zelle zurück.“

„Beides liegt mir fern. Ich wollte Sie eigentlich nur darauf vorbereiten, dass Sie sich für die Haftentschädigung einen andern Anwalt suchen müssen. Dachsel hat seine Zulassung verloren.“

„Warum denn das?“

„Wegen Mandantenverrat.“

„Welchen Mandaten hat er denn verraten?“

„Sie. Er hätte, wenn er seinen faulen Arsch bewegt hätte, Sie sogar vor dem Prozess bewahren können, nicht nur vor dem Urteil.“

„Und warum hat er das nicht getan?“

„Weil er für sein Nichtstun bezahlt wurde.“

„Von wem?

„Von Holz Senior, der seinen Sohn schützen wollte.“

„Indem er mich hinter Gitter wandern ließ? - Frau Schelm, wenn ich den Schweinehund jetzt umbringe, bekomme ich dann mildernde Umstände?“

„Ich fürchte, nein. Lassen Sie's lieber.“

Renate Kollau durfte viele Wertsachen aus dem Graumannshof behalten, weil keine Erben der rechtmäßigen Eigentümer festgestellt werden konnten, und die Medaille, mit der nach Emil Buchwalds „Chronik“ Onkel Gottliebs „Karriere“ in Zeitz begonnen hatte, gab sie schweren Herzen an einen Grafen zu Lohenfels zurück. Dafür feierten sie, als sie ihren alten und neuen Freund Hannes Melser heiratete, eine prachtvolle Hochzeit als Gäste des Schlosshotels Lohenfels bei Chemnitz. Caro Heynen und Marlene Schelm waren die Trauzeugen.

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Ende

II. ... was Leiden schafft

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Kriminalroman

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Personen:

Peter Fuchs (feuerrote Locken, Sommersprossen, genannt Rotfuchs): Gärtner in Schwetzingen, Eltern wohnhaft in Tellheim, Baumholderstraße 21

Arno Fuchs: Peters jüngerer Bruder, Elektriker in Guntersburg

Lothar Knoll: Gelernter Drechsler und Restaurator, Eltern wohnhaft in Tellheim, Baumholderstraße 23

Senta Kreidel (blonder „Engel“): Offen- und weitherziges Fotomodell, Eltern wohnhaft in Tellheim, Baumholderstraße 19

(Mar)Lene Schelm: Erste KHK im Tellheimer Referat R – 11 (Gewaltsamer Tod und Entführung)

(Chris)Tine Dellbusch: KK im Tellheimer R – 11

Xaver Rupp: Leiter der Tellheimer Rechtsmedizin

Egon Kurz: Leiter der Tellheimer KTU

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Erstes Kapitel

Lene Schelm hatte am Montagvormittag als Zeugin vor dem Landgericht ausgesagt, als der stromernde Hund eines Spaziergängers im Steingrabener Brockenforst die Leiche eine Mannes entdeckte, die nur flüchtig mit trockenem Laub zugedeckt war. Die Hauptkommissarin bekam die Leiche also erst in der Gerichtsmedizin zu sehen und Xaver Rupp, ihr neuer Gerichtsmediziner, an den sie sich noch gewöhnen musste, hatte sie gewarnt: „Kein schöner Anblick, Frau Schelm.“

Das war es in der Tat nicht. Selbst Lene, die dienstlich schon viel Hässliches und Grausames gesehen hatte, musste heftig schlucken und dann flach atmen, um den Brechreiz zu unterdrücken. Der Mann mochte zweite Hälfte zwanzig, Anfang dreißig gewesen sein, und hatte, bevor es zerstört wurde, ein auffallend gleichmäßiges, angenehmes Gesicht voller Sommersprossen besessen, die farblich zu seinen feuerroten und dichten Naturlocken passten.

„Was ist mit ihm passiert, Doktor Rupp?“

„Er hat einen schweren heftigen Schlag auf den Hinterkopf bekommen.“

„Und womit?“

„Mit einem Beil oder, wenn es nicht so unwahrscheinlich wäre, mit einem Schwert.“

Lene musterte ihn spöttisch. Aber Rupp zuckte die Schultern: „Ich wollte warten, bis Sie ihn gesehen hatten.“

Details

Seiten
200
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913323
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
kein mord totschlag

Autor

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Titel: Kein Tag ohne Mord und Totschlag