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Milton Sharp #18: Dämonen-Fehde

2017 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Dämonen-Fehde

Klappentext:

Roman:

WOLF G. RAHN

 

Dämonen-Fehde

 

Ein Milton-Sharp-Roman

 

Nr. 18

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

(ehem. Titel: Geister-Kidnapping)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Drei ehemals gute Freunde sind sich spinnefeind geworden und versuchen, sich zu schaden, wo sie nur können. Diese Missgunst und dieser Hass sind ein willkommener Anlass für zwei Dämonen, einen erbitterten Kampf auszutragen. Sie bemächtigen sich der Seelen der Männer und machen sie zu willenlosen Werkzeugen ihrer grausamen Rache. Wie viele Unschuldige dabei sterben müssen, spielt für sie keine Rolle. Milton Sharp, der Schattenjäger, versucht, das Schlimmste zu verhindern. Doch dabei verliert er sein Heptagon, die mächtige Waffe gegen das Böse. Scheinbar wehrlos steht er zwischen den Fronten der Dämonen-Fehde …

 

 

 

 

 

 

Roman:

»Töte ihn!« raunte die Gestalt im Schatten der Blutespe. »Nimm dieses Schwert und durchbohre damit sein Herz!«

Der Mann zuckte zusammen. Er hasste zwar Olive Bryant, aber ihn ermorden? Dieser Gedanke war entsetzlich.

»Niemals!«, keuchte er.

»Entweder er oder du! Es wird einen Zweikampf geben, denn dein Rivale bedient sich ebenfalls mächtiger Helfer. Willst du warten, bis er den ersten Schlag führt?«

Der Mann spürte, wie etwas Kaltes in seine Faust gedrückt wurde.

Das Schwert! Seine Finger klammerten sich um den Knauf, als wären sie daran festgeklebt.

Seltsame Kraft durchströmte ihn augenblicklich.

»Mach dich frei!« flüsterte es in ihm. »Eine bessere Gelegenheit, dich aus erbarmungslosen Klauen zu lösen, erhältst du nicht. Ein einziger Hieb, und der Furchtbare verliert seine Macht über dich, weil er in die finstersten Abgründe stürzt. Dieses Schwert macht es möglich.«

Der Mann riss sich mit entschlossenem Ruck los. Die unterarmlange Waffe sauste nieder.

Ein greller Schrei! Ein Blitz von schmerzhafter Heiligkeit blendete ihn. Er taumelte und wollte sich halten, bekam aber nur den Umhang des Getroffenen zu fassen.

Ratschend riss der Stoff. Bleiche Gebeine schimmerten im fahlen Mondlicht. Darüber grinste ein grausiger Schädel, und aus dem Schlund quoll eine schwarze Flüssigkeit …

*

 

Dünn tönte die Totenglocke. Es regnete. Wasser tropfte von den Blättern und rann Myles Clucher in den hochgeschlagenen Kragen. Ihn fröstelte.

Er hasste Beerdigungen, aber es hatte ihn mit unwiderstehlicher Kraft hergezogen.

Von der Kapelle zog der Leichenzug zur Grabstelle. Nur wenige Menschen folgten dem Sarg. Die meisten kannte er.

Dort drüben ging zum Beispiel Larry Spencer. Vor Jahren waren Larry, Olive Bryant und er selbst noch unzertrennliche Freunde gewesen. Doch dann hatte Olive die Gier nach Geld und Erfolg gepackt. Der Gefährte hatte sich zum unerbittlichen Konkurrenten und geschäftlichen Widersacher gewandelt. Sogar Priscilla hatte er auf seine Seite gezogen … diese wunderbare Frau, mit der Myles schon Zukunftspläne geschmiedet hatte.

Jetzt folgte sie an Larrys Seite dem Eichensarg. Selbst in der Trauerkleidung sah sie noch atemberaubend aus.

Myles Clucher trat ein paar Schritte zurück und wandte sich ab. Sie brauchten ihn nicht zu sehen. Sie würden möglicherweise gefährliche Schlüsse aus seiner Anwesenheit ziehen. Es hieß, dass viele Mörder an dem Begräbnis ihrer Opfer teilnahmen. Er wollte nicht, dass ein Verdacht auf ihn fiel.

Der Trauerzug bewegte sich in einiger Entfernung an ihm vorbei. Larry wandte den Kopf, doch offensichtlich erkannte er ihn nicht, denn er setzte stumm seinen Weg fort, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

Eine gebeugte Frau schluchzte. Myles Clucher kannte auch sie. Sie hatte früher als seine Sekretärin gearbeitet, ehe sie sich von Olive Bryant abwerben ließ.

Sie hatte allen Grund für ihre Tränen. Über Nacht war sie arbeitslos geworden. In dem Sarg lag der Mann, der sie mit Geld und Verleumdungen geködert hatte. In seiner Brust befand sich eine tiefe Wunde, an der er verblutet war. Olive Bryant hatte die gerechte Strafe ereilt.

Gerecht? Nun ja, die Gerechten waren dabei nicht im Spiel gewesen. Doch das spielte keine Rolle. Böse und falsch wie sein Leben hatte auch sein Tod sein müssen. Ein einziger Schwertstreich … Aus! Vorbei!

Myles Clucher verzog angewidert das Gesicht. Dieser Lump war keine einzige Träne wert. Wie einen Hund hätte man ihn verscharren sollen, statt ihn zwischen braven, ehrlichen Bürgern zur letzten Ruhe zu betten.

Die schwarzgekleideten Menschen erreichten die ausgehobene Grube. Myles Clucher hörte, wie der Geistliche eine kurze Ansprache hielt.

Den Text verstand er nicht. Das war auch nicht wichtig. Ein ehrender Nachruf für Olive Bryant war ohnehin nur eine barmherzige Lüge für die Angehörigen.

Myles Clucher fiel auf, dass Bryants Verwandte dem Toten nicht die letzte Ehre erwiesen. Das wunderte ihn nicht. Zweifellos hatte er sich zu Lebzeiten auch mit seinen Angehörigen überworfen.

Die Menschen gingen langsam am offenen Grab vorbei, blieben kurz davor stehen, warfen Erde oder ein paar Blumen hinab und machten dem nächsten Platz.

Nach wenigen Minuten war alles vorüber. Larry führte Priscilla fort. Beruhigend legte er seinen Arm um ihre schmalen Schultern.

Myles Clucher kniff die Augen zusammen. Es gefiel ihm nicht, dass sich jetzt anscheinend Larry an die Frau heranmachte. Das würde er ihm klarmachen müssen.

Aber nicht gleich. Er hatte noch einen letzten Gruß für Olive Bryant. Darauf wollte er nicht verzichten.

Als sich die Menschen entfernt hatten, ging er zum Grab. Unter seinem Mantel verbarg er das Schwert, mit dem er den Widersacher getötet hatte. Er wollte die unheimliche Waffe in die Grube werfen und ein wenig Erde darüberschaufeln, damit man es nicht mehr sah. Auf diese Weise war er beide los. Bryant und das Schwert des Dämons!

Myles Clucher blickte sich misstrauisch nach allen Seiten um. Er vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete.

Als er den ganzen Friedhof menschenleer sah, zog er den blitzenden Stahl unter dem Mantel hervor und ließ ihn einfach fallen. Dumpf schlug er auf den Sarg. Die Blumen, die er dabei berührte, verdorrten in Sekundenschnelle. Das Eichenholz färbte sich schwarz.

Der Mann schüttelte sich und atmete auf. Er war froh, sich von dem Teufelsding getrennt zu haben. Nun musste er es nur noch mit Erde bedecken.

Die kleine Schaufel steckte noch. Er nahm sie in die Hand und ließ die Erdbrocken auf das Schwert poltern.

Unwillkürlich zuckte er zusammen und fuhr herum. Da war doch jemand … Deutlich hatte er ein Räuspern gehört. Hockte der Bursche hinter einem der Grabsteine? Zu sehen war er jedoch nicht.

Myles Clucher zögerte, bevor er noch mehr Erde in die Grube warf.

Wieder dieses Räuspern! Das war schon entnervend. Jetzt hatte es geklungen, als käme es direkt aus dem Sarg. Das war natürlich ausgeschlossen. Olive Bryant war tot. Einen solchen Hieb überlebte keiner, auch nicht, wenn er noch so zäh war.

Clucher beeilte sich. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Das Räuspern war zwar verstummt, aber in seiner Erinnerung haftete es noch.

Sein Blick fiel auf das provisorische Holzkreuz, das am Kopfende in der Erde steckte. Ein Sterbebild war daran befestigt.

Myles Clucher schluckte. Das Foto zeigte nicht Olive Bryant. Dessen gewaltiges Riechorgan war unverkennbar.

Der Bursche auf dem Bild war auch nicht schwarzhaarig, sondern hellblond, fast weiß. So wie er selbst.

Darunter stand der Name Myles Clucher. Kein Zweifel! Man hatte nicht Bryant, sondern ihn beerdigt …

 

*

 

Sekundenlang stand er wie erstarrt. Dann begann er zu lachen, und zwar so kräftig, dass ihm schon bald die Seiten weh taten.

Das war seltsam. Er brauchte keine Angst zu haben, des Mordes verdächtigt zu werden, denn angeblich war er ja tot. Ein Toter wurde nicht vor Gericht gezerrt.

Schon bald aber wurde Myles Clucher wieder ernst. So lustig, wie er anfangs geglaubt hatte, war die Verwechslung nicht. Er spürte wenig Lust, stillschweigend in der Versenkung zu verschwinden. Jetzt, da Bryant nicht mehr lebte, war das Feld für ihn frei. Er hatte sich nicht nur seines gefährlichsten Geschäftskonkurrenten entledigt, sondern vor allem auch seines Rivalen bei Priscilla. Als Verstorbener konnte er schließlich nicht erneut um die Gunst der Frau werben.

Wie es zu der Panne gekommen war, konnte er sich nicht vorstellen.

Die Konsequenzen ließen sich so schnell nicht abschätzen. Auf jeden Fall waren sie überwiegend negativ. Er sah beachtliche Schwierigkeiten auf sich zukommen, wenn er den Irrtum nicht unverzüglich aufklärte.

Wütend riss er das Sterbebild vom Kreuz und schrie vor Schmerzen auf. Es war, als hätte er in ein loderndes Feuer gefasst.

Wahrscheinlich hatte er sich aber nur an dem Reißnagel verletzt, mit dem das Bild angeheftet worden war. Ärgerlich ließ er das Foto, wo es war, und eilte davon. Zum Glück blutete er nicht. Das hätte ihm noch gefehlt!

Das Rathaus befand sich nicht weit entfernt. Myles Clucher erreichte es in wenigen Minuten zu Fuß.

Ein wenig irritiert studierte er die große Tafel am Eingang und war sich nicht schlüssig, in welchem Raum er sein Anliegen am zweckmäßigsten vortrug.

Zum Glück kam gerade eine Frau auf ihn zu. Sie trug einige Akten unter dem Arm und wollte an ihm vorbei.

»Entschuldigen Sie!«, sagte Myles Clucher. »Ich habe eine Frage.«

Die Frau interessierte sich nicht für seine Probleme. Ohne ihm auch nur einen einzigen Blick zu gönnen, hastete sie vorüber und verschwand nach oben.

»Unverschämtheit!«, fauchte Clucher.

Seine Laune verschlechterte sich.

Hoffentlich ließ sich ermitteln, wer die Sterbebilder in Auftrag gegeben hatte.

Olive Bryant hätte er eine solche Geschmacklosigkeit ohne weiteres zugetraut. Aber der konnte es nicht gewesen sein. Über den brauchte sich niemand mehr zu ärgern.

Clucher fasste den Entschluss, die Einwohnermeldestelle aufzusuchen. Er fand die entsprechende Tür und klopfte an. Da niemand reagierte, trat er ein und grüßte missgelaunt.

Jemand stieß einen spitzen Schrei aus und fuhr vom Stuhl hoch: Es war eine Frau mit Brille. Ihr Rock war klatschnass. Anscheinend hatte sie Kaffee darüber gegossen.

Von nebenan steckte ein junger Mann den Kopf durch die Verbindungstür.

»Ist was passiert, Julie?«, erkundigte er sich besorgt.

»Die Tasse«, stammelte die Frau und deutete auf ein paar Scherben auf ihrem Schreibtisch. »Sie ist plötzlich zerbrochen. Dabei hatte sie gar keinen Sprung.«

»Wahrscheinlich ein Materialfehler«, vermutete der Mann. »Oder der Kaffee war zu heiß. Haben Sie sich weh getan?«

»Nur erschrocken bin ich, Chuck. So etwas ist mir noch nie passiert.«

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«

Er zog sich zurück und tauchte mit einem Handtuch wieder auf. Damit begann er, an der Frau herumzuwischen.

»Der Rock ist verdorben«, jammerte sie. »Die Flecken bekomme ich nie wieder heraus. Mögen Sie den restlichen Kaffee? Mir ist der Appetit vergangen.«

»Aber gern, Julie. Ich hole rasch meine Tasse.«

Er verließ den Raum, und die Frau wandte sich nun dem Schreibtisch zu, um die Kaffeepfütze und die Scherben zu beseitigen.

Myles Cluchers Geduldsfaden riss.

»Können Sie das nicht etwas später machen?«, sagte er ärgerlich. »Ich habe nicht bis heute Abend Zeit.«

Die Frau putzte ungerührt weiter und dachte gar nicht daran, ihn nach seinem Anliegen zu fragen.«

»Unerhört!«, tobte Clucher. »Ich werde mich über Sie beschweren. Erst werden offensichtlich Personalunterlagen vertauscht, und dann denkt niemand daran, die Beschwerde entgegenzunehmen.«

Zornig hieb er mit der Faust auf den Holztresen, der wie eine Barriere den Raum in zwei Abschnitte teilte, einen für die Angestellten, den anderen für das Publikum.

Etwas klirrte. Chuck, der zurückgekommen war, starrte entgeistert auf den Fußboden.

Dort lag seine Tasse. Nur den Henkel hielt er noch in der Hand.

Julie wurde bleich.

»Das … das gibt es doch nicht«, hauchte sie. »Zwei Tassen zerbrechen in so kurzer Zeit und völlig ohne Grund …«

»Zur Hölle mit Ihren verdammten Tassen!«, schrie Myles Clucher unbeherrscht. »Wenn Sie sich jetzt nicht endlich an Ihre Pflichten erinnern, wird hier gleich noch mehr zu Bruch gehen.«

Es war nicht zu fassen. Weder Julie noch Chuck ließen sich durch sein Brüllen beeindrucken. Sie ignorierten ihn einfach.

Der junge Mann bückte sich, um die Scherben aufzusammeln. Die Frau krallte sich am Schreibtisch fest und führte sich auf, als würde die Welt wegen einer zerbrochenen Tasse untergehen.

»Das geht nicht mit rechten Dingen zu«, flüsterte sie. »Hier spukt es!«

Chuck lachte unsicher. Ganz geheuer kam ihm das auch nicht vor. Er betrachtete den Porzellanhenkel in seiner Hand und ließ ihn schließlich ebenfalls fallen.

»Unsinn, Julie«, versicherte er. »Es gibt keinen Spuk. Vielleicht war irgendwo ein Erdbeben.«

»Das hätten wir doch spüren müssen. Es gibt kein Erdbeben, bei dem nur Tassen zu Bruch gehen. Warum nicht die Kanne? Die ist heil geblieben, obwohl sie schon angeschlagen ist.«

Myles Clucher flippte aus. Mit einem Wutschrei flankte er über die Barriere.

In diesem Augenblick zerbarst die Kaffeekanne und ergoss ihren restlichen Inhalt über Akten und Schreibzeug.

Julie Chuck traute ihren Augen nicht. Julie schlug das Kreuz, und Chuck lachte töricht.

»Jetzt hast du deinen Willen«, murmelte er. »Die Kanne ist auch hin.«

Er schüttelte sich. Dabei flog sein Kopf hin und her.

Der Bursche brüllte auf, als ginge es ihm ans Leben.

»Hilfe! Hilf mir, Julie!«

Die Frau schaute ihn fassungslos an. Sie sah, wie Chuck sich offensichtlich in Krämpfen wand und dabei so tat, als müsste er sich eines Angreifers erwehren.

»Dir werde ich’s geben«, tobte Myles Clucher und rüttelte den anderen zornig.

Eilige Schritte näherten sich. Jemand riss die Tür auf der linken Seite auf.

»Was ist denn mit Chuck los? Ist ihm nicht gut?«

»Ich fürchte, er hat einen Anfall«, jammerte Julie. »Es ist entsetzlich.«

Das fand auch Clucher. Er ließ sein Opfer los und starrte die beiden Menschen an, zu denen sich nun ein älterer Herr gesellte, der Chuck besorgt den Puls fühlte.

Endlich begriff er, dass Julie recht hatte. In diesem Büro spukte es tatsächlich.

Die zerbrochenen Tassen und anschließend die Kanne – das waren keine Zufälle. Da hatte etwas Unerklärliches seine Hand im Spiel.

Ein Geist!

Und er kannte diesen Geist. Niemand sah ihn. Alle spürten nur seine Wirkung, die sich darin äußerte, dass Tassen zerbrachen.

Er brauchte sich nicht mehr darüber zu wundern, dass niemand sich um ihn kümmerte.

Myles Clucher war nicht zu sehen. Er war ein Geist. Ein Toter, der nun endlich glauben musste, dass er gestorben war.

 

*

 

Milton Sharp las seine Post im Liegen. Er fühlte sich elend. Gestern hatte er endgültig die Frau verloren, die er liebte.

Jennifer Britten hatte seinem Bruder Glyn das Jawort gegeben. Für ihn selbst war nur die Rolle des Trauzeugen geblieben. Nun gehörte Jenny einem anderen.

Er selbst hatte es so gewollt. Hatte er seinen Zwillingsbruder vor Monaten etwa nur deshalb aus dämonischer Gewalt befreit, um ihn anschließend wieder ins Unglück zu stürzen?

Glyn und Jenny waren sich einig gewesen, bevor Milton diese wunderbare Frau kennen- und liebengelernt hatte. Aber er liebte auch Glyn und wollte das Glück dieser beiden Menschen. Ein solches Gefühl gab es für ihn nicht. Er hatte sich anders entschieden.

Vor Jahresfrist noch Reporter der »Seaford Post«, war sein Leben nun dem Kampf gegen die Höllischen geweiht. Er hatte sich übermächtige Feinde geschaffen. Jeden Augenblick konnte ihn der tödliche Streich eines Unseligen niederstrecken. Er hatte nicht das Recht, eine Frau an sich zu binden.

Während der gestrigen Feier hatte er mit großer Deutlichkeit gespürt, dass Jenny ihm ebenfalls zugetan war, mehr als Glyn je ahnen durfte. Es hätte ihn entsetzlich geschmerzt.

Die beiden hatten heute ihre Hochzeitsreise angetreten. Das Flugzeug brachte sie zu den Malediven. Vielleicht schrieben sie ihm eine Ansichtskarte. Sie würde ihm einen heftigen Schmerz zufügen.

Milton griff nach dem dolchartigen Brieföffner und schlitzte fast wütend die Umschläge auf.

Zum größten Teil handelte es sich um Reklamesendungen, die fast ausnahmslos ungelesen in den Papierkorb wanderten. Ein ehemaliger Kollege lud ihn zu sich in sein Ferienhaus nach Spanien ein. Ein paar Einladungen zu Kongressen waren dabei. Milton sollte über seine praktischen Erfahrungen im Umgang mit Dämonen referieren. Und natürlich fehlten auch die Briefe nicht, die ihn um Hilfe ersuchten.

Sein Ruf als Schattenjäger hatte sich herumgesprochen, nicht nur in Großbritannien. Überall auf dem Kontinent, auch schon in Übersee kannte man seinen Namen. Es blieb nicht aus, dass mancher, der an einem Tag ein wenig mehr Pech hatte als sonst, gleich an übersinnliches Wirken glaubte und von ihm Abhilfe erwartete.

Milton erhielt aber auch oft genug Briefe, deren Inhalt er ernst nahm. Zu diesen zählte das Schreiben, das er gerade in Händen hielt und mit wachsender Besorgnis studierte.

Es war in Horncastle aufgegeben worden. Ein gewisser Myles Clucher behauptete, ein Dämon habe von ihm Besitz ergriffen und verlange nun einen Mord.

Im Briefkopf waren zwei Telefonnummern angegeben, eine geschäftliche und eine, über die der Mann privat zu erreichen war.

Milton vermutete, dass sich Clucher am Vormittag im Büro aufhielt. Folglich versuchte er dort sein Glück.

Er wurde von einem automatischen Anrufbeantworter begrüßt und um seinen Namen gebeten. Dann sollte er sein Anliegen auf Band sprechen.

Milton verzichtete darauf und rief statt dessen in der Privatwohnung an.

Er musste einige Zeit warten, ehe jemand auf der anderen Seite den Hörer abhob, ohne sich allerdings zu melden.

»Hallo!«, rief Milton. »Mister Clucher? Hier ist Sharp. Sie haben mir geschrieben.«

»Mister Sharp?«, wiederholte Clucher. »Was wollen Sie von mir?«

»Ich von Ihnen?«, wunderte sich der Schattenjäger. »So würde ich das nicht sehen. Haben Sie vergessen, dass Sie mich baten, Ihnen zu helfen? Sie erwähnten einen Dämon.«

»Von wo aus rufen Sie an?«

»Von London natürlich.«

»Warum kommen Sie nicht her? Ja, kommen Sie zu mir und bringen Sie diesen Brief mit. Vergessen Sie ihn nicht! Er ist wichtig!«

Clucher legte den Hörer auf und gab Milton keine Gelegenheit, noch eine Frage zu stellen.

Ein merkwürdiger Zeitgenosse! Seine Nerven schienen erheblich gelitten zu haben.

Milton verzichtete auf einen weiteren Anruf. Er musste mit dem Mann persönlich sprechen. Unter vier Augen. Offensichtlich war etwas in Horncastle vorgefallen, das Clucher total durcheinanderbrachte.

Der Schattenjäger steckte den Brief zu sich und rief Hoster O’Neil an.

Der Verleger O’Neil war der Mann, der ihn mit den erforderlichen finanziellen Mitteln für seine Dämonenjagd versorgte. Er hatte ein Recht zu erfahren, was Milton jeweils plante.

O’Neil war nicht zu erreichen. Deshalb hinterließ Milton eine entsprechende Nachricht für ihn.

Danach holte er seine beiden Reisetaschen, die alles enthielten, was er für einen schnellen Einsatz benötigte.

Seine Geisterabwehrmittel holte er aus einem kleinen Wandsafe, den er erst kürzlich hatte einbauen lassen. Es handelte sich um keine furchterregenden Waffen, eher um unscheinbare Utensilien, deren wirkliche Kraft nur Milton kannte.

Eine Viertelstunde später fuhr er los. Er hoffte, für Horncastle gut genug gerüstet zu sein.

 

*

 

Am späten Nachmittag kam er an. Düstere Wolken trieben über den Ort. Milton Sharp nahm es als böses Omen, denn auf dem ganzen Weg hierher hatte die Sonne geschienen.

Er erkundigte sich bei einem Halbwüchsigen nach der Adresse, die auf dem Brief angegeben war.

Der Bursche blickte ihn abschätzend an.

»Sind Sie der Testamentsvollstrecker?«, erkundigte er sich neugierig. »Ich dachte, alle Notare tragen steife Hüte.«

»Ich bin weder Jurist, noch komme ich wegen eines Todesfalles«, gab Milton Auskunft. »Ich möchte nur zu Mister Clucher.«

Der Junge zuckte nicht mit der Wimper.

»Davon rede ich ja. Der hat doch ein ansehnliches Vermögen hinterlassen. Sie glauben gar nicht, wie sehnlichst die Geier schon auf Sie warten.«

Milton schüttelte den Kopf.

»Welche Geier?«

»Na, die Erben natürlich. Oder jedenfalls die, die sich noch dafür halten. Aber ich wette, dass Clucher eine böse Überraschung für sie bereithält. Von denen wird keiner einen Penny bekommen. Das traue ich dem Halunken zu. In letzter Zeit soll er ja ein richtiges Ekel gewesen sein.«

»Ich möchte zu Myles Clucher«, wurde Milton konkret. »Emercy Road 6.«

»Von dem rede ich doch die ganze Zeit, Mister. Sie haben wohl heute nicht Ihren besten Tag. Oder sind Sie etwa auch gekommen um zu erben? Da werden die anderen aber nicht begeistert sein. Jede neue Krähe pickt den übrigen die Körner weg.«

Der Vergleich war nicht gerade höflich. Es hatte den Anschein, als wäre Clucher überraschend verstorben. Nur merkwürdig, dass ein paar Stunden später die Angehörigen bereits auf die Testamentseröffnung warteten. Es handelte sich wohl doch um ein Missverständnis.

Der Halbwüchsige bequemte sich endlich, ihm den Weg zur Emercy Road zu beschreiben.

»Sie können es gar nicht verfehlen, Mister. Es ist das Haus mit der Rosenhecke davor. Sie riechen die Blüten schon eine Meile vorher.«

Was von den Auskünften des Jungen zu halten war, erfuhr Milton, als er vor der bewussten Hecke hielt. Von Duft konnte keine Rede sein. Die Rosen waren total vertrocknet. Zurückgeblieben war nichts als eine Dornenhecke, die lustig vor sich hin wucherte. Der ganze Zauber hätte herausgerissen gehört.

Besonders lebendig ging es in dem Haus nicht zu, dessen Fenster ausnahmslos mit Vorhängen zugezogen waren.

Milton suchte die Klingel am Gartentor und drückte den Knopf.

Er hoffte, dass irgendwo in den Räumen das elektrische Signal ertönte. Hier draußen war nichts zu hören.

Nach fünf Minuten hatte Milton sein Läuten sechsmal wiederholt. Die Gegensprechanlage blieb stumm. Es ertönte nicht das Summen des Türöffners. Auch kam niemand, um ihn hereinzubitten.

Sicher, Clucher hatte nicht wissen können, dass er sich unverzüglich in den Wagen setzen würde, um herzufahren. Wahrscheinlich erwartete er ihn erst für den nächsten Tag und hielt sich nun im Büro auf.

Er entsann sich, an einer Telefonzelle vorbeigekommen zu sein. Er ging das kurze Stück zurück und rief erneut die Dienstnummer an.

Diesmal hatte er mehr Glück. Die weibliche Stimme gehörte vermutlich zu Myles Cluchers Sekretärin.

Als er darum bat, ihren Chef zu sprechen, stockte sie und brach in hemmungsloses Schluchzen aus.

»Es ist so furchtbar, Mister Sharp. Ich habe ihn gefunden. Er sah grässlich aus. Der Arzt meinte zwar, er sei einem Gehirnschlag zum Opfer gefallen, aber das glaube ich nicht. Man will die wahre Todesursache nur vertuschen.«

»Todesursache? Myles Clucher lebt also wirklich nicht mehr …«

»Gestern war die Beerdigung. Ich war nicht dabei. Ich konnte es nicht. Ich wäre wahrscheinlich am Grab zusammengebrochen.«

Wieder schluchzte sie.

»Gestern?«

Er hatte doch heute Vormittag noch mit ihm gesprochen!

Das sagte Milton der Vorzimmerdame vorsichtshalber nicht. Sie hätte ihn sonst für verrückt gehalten. Irgendjemand musste sich für Clucher ausgegeben haben. Jemand, der sich in dem Haus hinter der Dornenhecke aufgehalten hatte.

Aber warum hatte er ihn von London herkommen lassen? Das ergab doch keinen Sinn, und für einen Scherz ging das entschieden zu weit.

»Gehören Sie zu unseren Kunden oder Lieferanten?«, hörte er die Frau fragen. »Ihr Name ist mir gar nicht bekannt.«

»Keins von beiden«, entgegnete der Schattenjäger. »Wir haben uns vor kurzem privat kennengelernt, und ich wollte ihn nun besuchen. Er ist also gestorben. Das tut mir leid.«

»Vergangenen Donnerstag. Sind Sie ein enger Bekannter? Ich meine, besteht die Möglichkeit, dass Mister Clucher Sie in seinem Testament berücksichtigt hat? Es wird morgen verlesen.«

Milton schaltete schnell.

»Möglich wäre das allerdings«, behauptete er. »Wo findet die Testamentseröffnung statt?«

»Um zehn Uhr vormittags hier im Büro.«

Der Schattenjäger merkte sich den Termin und bedankte sich.

Als er die Telefonzelle verließ, war er nachdenklich.

Myles Cluchers Hilferuf hatte ihn zu spät erreicht. Der Brief war ungewöhnlich lang unterwegs gewesen. Der Mann, der behauptet hatte, zu einem Mord gezwungen zu werden, war selbst zum Opfer geworden.

Vielleicht handelte es sich um die natürliche Todesursache des diagnostizierten Gehirnschlags. Milton wollte aber nicht so recht daran glauben. Zu vieles war merkwürdig.

Vor allem der Bursche, der sich für Clucher ausgegeben hatte. Ob er sich immer noch in dem Haus befand? Suchte er nach Geld oder anderen Wertgegenständen? Hatte er es auf das Testament abgesehen? Oder gab es einen völlig anderen Grund?

Milton wollte ihn kennenlernen. Cluchers Tod ließ sich zwar nicht mehr rückgängig machen, aber es blieb zu klären, was es mit dem Dämon auf sich hatte, der in dem Brief erwähnt wurde.

Der Schattenjäger fasste den Entschluss, sich das Haus des Toten etwas näher anzusehen. Dafür sah er die Nachtstunden vor.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit wollte er dem Grab des Toten einen Besuch abstatten. Erst, wenn er es mit eigenen Augen gesehen hatte, würde er es glauben.

Milton holte seinen Wagen und fuhr zum Friedhof. Dieser harmlose Abstecher sollte ihm in unangenehmer Erinnerung bleiben.

 

*

 

Es stimmte tatsächlich. Milton Sharp fand das frische Grab mit dem spärlichen Kranzschmuck ohne Mühe. Er entdeckte auch das Sterbebild auf dem Kreuz, auf dem der Name Myles Clucher aufgedruckt war. Auch der von der Sekretärin angegebene Todestag traf zu. Clucher musste gestorben sein, kaum dass er den Brief an den Schattenjäger aufgegeben hatte.

Sinnend stand Milton vor der Ruhestätte. Der Tote konnte nicht mehr zu ihm sprechen. Er war zu spät gekommen.

Eigentlich hätte er nun wieder abreisen können. Aber da war der erwähnte Dämon, den Milton nicht einfach ignorieren durfte. Der plötzliche Tod Cluchers musste ihn stutzig machen. Er nahm sich vor, auf alle Fälle mit dem Arzt zu sprechen, der den Totenschein ausgestellt hatte.

Er war auch auf die Verwandten des Verstorbenen gespannt. Vielleicht half ihm einer, Licht in das geheimnisvolle Dunkel zu bringen und eventuell weitere Gefahr abzuwenden.

Milton betrachtete lange das Foto. Er hatte den Eindruck, als wollte es zu ihm sprechen. Aber das beruhte auf einer Täuschung, weil die dahinjagenden Wolkenfetzen ein bewegtes Lichterspiel auf das Bild zauberten.

Leider hatte Myles Clucher in seinem Brief nicht angegeben, wen er hatte ermorden sollen. War es eine bestimmte Person gewesen, oder hatte er mit einem wahllosen Verbrechen dem Dämon seinen Gehorsam beweisen sollen?

Der Wind wurde stärker. Er heulte in dem Geäst der nahen Bäume. Es hörte sich gespenstisch an … wie wispernde, zornige Stimmen.

Milton Sharp hatte sich in den vergangenen Monaten ein feines Gespür für die Stimmen der Natur angeeignet. Sein Gesicht spannte sich. Er glaubte, Drohungen zu vernehmen, die ihm galten.

»Wer bist du, der zu mir spricht?«, rief er mit klarer, lauter Stimme.

»He?«

Das war kein Dämon, der auf seine Frage reagierte, sondern ein ungefähr dreißigjähriger Mann, der sich in der Nähe aufrichtete und zu Milton herüberstarrte.

»Meinen Sie mich? Ich habe nichts gesagt.«

Milton fuhr herum und entspannte sich. Nein, wie ein Bote der Schattenwelt sah dieser Mann mit der Gießkanne nicht aus. Es handelte sich um einen harmlosen Friedhofsbesucher.

Milton ging auf ihn zu und sprach ihn an.

»Kommen Sie öfter her?«

»Jeden Tag. Ich habe vor zwei Jahren meine Frau verloren. Seitdem halte ich mich länger auf dem Friedhof als zu Hause auf. Warum fragen Sie?«

»Kannten Sie Mister Clucher, der dort drüben liegt?«

»Flüchtig. Früher war er ja ein umgänglicher Mensch. Ich habe sogar einige Zeit in seiner Buchbinderei gearbeitet. Man soll den Toten ja nichts Schlechtes nachsagen, aber vor kurzem veränderte er sich sehr zum Nachteil. Er wurde geizig, ungerecht und aggressiv. Da habe ich es vorgezogen, meinen Arbeitsplatz zu wechseln. Über Mister Spencer kann ich nicht klagen. Hoffentlich steigt dem nicht auch mal das Geld zu Kopfe.«

»Sie meinen, Clucher wurde habgierig?«

»Und wie! Spencer, er und Mister Bryant waren erst die dicksten Freunde. Und plötzlich brach ein Streit aus, der die drei entzweite. Clucher und Bryant bekämpften sich mit allen unfairen Geschäftspraktiken bis aufs Blut. Es hätte mich nicht gewundert, wenn irgendwann einer den anderen umgebracht hätte. Na, angeblich soll er ja eines natürlichen Todes gestorben sein. Mich geht’s ja nichts an, ich sage nur, dass es um Clucher nicht schade ist.«

Milton hätte dem Mann gern erklärt, dass die Charakterwandlung Cluchers mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Dämon bewirkt worden war, aber das hätte dieser kaum verstanden.

»Gab es keinen, mit dem sich Clucher auch noch bis zu seinem Tod gut verstand?« erkundigte er sich stattdessen.

Der andere hob die Schultern.

»Keine Ahnung. Ich kann es mir aber nicht vorstellen. Seine Freunde zogen sich nach und nach von ihm zurück. Er wurde wunderlich.«

»Was meinen Sie damit?«

Der Dreißigjährige zögerte.

»Nun, Sie werden das vielleicht für normal halten. Sie scheinen ja auch eine Vorliebe für Selbstgespräche zu besitzen.«

»Er sprach also mit sich selbst?«

»Bei alten Leuten findet man das häufig. Aber Clucher war erst knapp über vierzig. Ich selbst wurde mal Zeuge, wie er sich regelrecht mit sich selbst stritt. Natürlich fühlte er sich unbeobachtet, und ich hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu belauschen. Es ergab sich einfach. Ich konnte mich nicht mehr schnell genug entfernen und wollte ihm die Peinlichkeit ersparen, ertappt worden zu sein.«

»Können Sie sich noch erinnern, was er sagte?«, fragte der Schattenjäger gespannt.

»Nicht an den genauen Wortlaut. Sinngemäß ging es wohl darum, dass er über die geschäftlichen Erfolge seines Konkurrenten Bryant unzufrieden war. Er verlangte von sich, dass er etwas dagegen unternähme.

»Hatte er eine entsprechende Idee?«

»Ich will nichts gesagt haben, Mister. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass er plötzlich einen sehr zufriedenen Eindruck machte und zwei Tage später bei Bryant der gesamte Ledervorrat verdarb. Die Ursache konnte meines Wissens bis heute nicht geklärt werden.«

Milton stellte noch verschiedene Fragen. Aus den Antworten rundete sich das Bild von Myles Clucher, der eine Wandlung zu seinem Nachteil vollzogen hatte.

Milton bedankte sich und strebte nachdenklich dem Ausgang des Friedhofs zu.

Vorausgesetzt, dass das Hilfeersuchen tatsächlich von Clucher selbst stammte, schien er mit seiner Veränderung nicht glücklich gewesen zu sein. Die Sache mit dem verdorbenen Leder deutete darauf hin, dass Sabotage im Spiel war. Sicher wäre ein Unbefugter bemerkt worden. Ein Dämon wäre unentdeckt geblieben.

Als Milton das eiserne Tor fast erreicht hatte, riss ihn ein gellender Schrei herum.

 

*

 

Er konnte nicht gleich erkennen, was die Ursache dafür war, denn auf die hinteren Gräber hatte sich grauer Nebel gelegt, der alles einhüllte und sich nur zögernd wieder auflöste.

Der Schattenjäger zögerte nicht. Er hetzte zurück und ahnte nichts Gutes. Dieser grässliche Schrei hatte garantiert Schlimmes zu bedeuten.

Er stolperte fast über den Toten …

Es handelte sich um den Mann, mit dem er sich eben noch unterhalten hatte! Er lag auf dem Rücken in seinem Blut. In seiner Brust klaffte eine tiefe Wunde. Er war erstochen worden. Aber es musste sich um ein riesiges Messer gehandelt haben. Eher um ein Schwert oder eine ähnliche Hiebwaffe.

Milton wirbelte herum. Der Mörder hielt sich zweifellos noch in der Nähe auf. Es handelte sich um keinen Irdischen. Das bezeugte der Nebel, der die Tat verhüllen sollte und sich nun fast vollständig verflüchtigt hatte.

Der Schattenjäger wurde nicht angegriffen. Aber er blieb wachsam. Er beugte sich zu dem Toten hinab und drückte dessen vor Entsetzen geweitete Augen zu.

Warum hatte er sterben müssen? Handelte es sich um eine Bestrafung, weil er über Dinge gesprochen hatte, die der Mörder nicht bekannt werden lassen wollte?

Milton dachte an den Dämon, der in Cluchers Brief erwähnt wurde.

Da fiel sein Blick auf Cluchers Grab. Der Hügel war eingefallen, die Kränze zur Seite geschleudert, das Holzkreuz zerbrochen und verkohlt …

Milton ging auf das Grab zu. Bei jedem Schritt vergewisserte er sich, dass er nicht angegriffen wurde. Seine linke Hand steckte in der Jackentasche. Hier umfasste sie einen seltsamen Kristall mit sieben Flächen. Er wusste von dem Heptagon, dass es hin und wieder dämonenabwehrende Wirkung zeigte. Allerdings hatte er auch schon die Erfahrung machen müssen, dass es sich manchmal gegen seinen Besitzer wandte. Er wollte es nur im äußersten Notfall einsetzen.

Er blieb unbehelligt.

Als er vor dem verwüsteten Grab stand, sah er den Sarg durch das Erdreich schimmern. Er klaffte auf. Deutlich waren die Gebeine eines Skeletts zu erkennen.

Das war unmöglich. Innerhalb weniger Tage konnte ein Toter nicht zum Skelett verfallen.

Ein schlurfendes Geräusch schreckte Milton auf.

Eine düstere Gestalt kam zwischen den Gräbern auf ihn zu. In ihrer Rechten hielt sie einen Prügel. Das Gesicht war kaum zu erkennen.

"Heda! Was treiben Sie?«

Es war der Friedhofswärter, ein alter Mann, der sich beim Gehen eines Stocks bediente.

Milton richtete sich auf und erwartete den Mann. Er versuchte, ihm zu er klären, was hier geschehen war und dass er mit dem Mord nichts zu tun habe.

Der Wärter blickte ihn aus farblosen Augen argwöhnisch an. Zwischendurch schielte er immer wieder nach seinem Knüppel, mit dem er sich im Fall eines Angriffs zur Wehr setzen würde.

Das Gerippe im aufgebrochenen Sarg ließ ihn aber zweifeln. Er gehörte einer Generation an, die nicht gleich in Gelächter ausbrach, wenn von übersinnlichen Phänomenen die Rede war.

»Sie sollten Stillschweigen darüber bewahren, was hier geschehen ist«, empfahl er mit zittriger Stimme. »Die Unseligen lassen ihre Pläne nicht gerne durchkreuzen. Machen Sie sie sich nicht zu Feinden, sonst wird man Sie bald so finden wie den armen Kerl dort!«

Er wies mit dem Stock auf den Toten.

»Wir können nicht so tun, als wäre nichts geschehen«, widersprach der Schattenjäger. »Vielleicht musste der Mann sterben, weil er den Ausbruch des Toten beobachtete. Vielleicht auch aus einem völlig anderen Grund. Auf jeden Fall befindet sich ein dämonischer Killer in Horncastle. Er wird wieder zuschlagen, wenn die Leute nicht rechtzeitig gewarnt werden.«

Der Friedhofswächter schüttelte den Kopf und lächelte wissend.

»Ich kenne ein Mittel, aufrührerische Tote ein für allemal an ihr Grab zu binden. Man muss ihnen einen einen Eichenpflock in die Brust stoßen. Einen Eichenpflock wie diesen.«

Er schüttelte seinen knorrigen Stock.

»Haben Sie ein Messer bei sich?«

Milton griff in die Hostentasche und gab dem Alten sein Klappmesser.

Der Alte begann, den Knüppel auf einer Seite anzuspitzen. Als er damit fertig war, wies er Milton an, ein paar Schritte zurückzutreten.

»Was jetzt kommt, ist nichts für schwache Nerven«, prophezeite er. »Es kann sein, dass der Halunke brüllt und sich aufbäumt. Aber haben Sie keine Angst: Gegen den Eichenpflock ist er machtlos.«

Milton hatte keine Angst. Nicht um sich selbst. Er hatte sich noch immer zu wehren verstanden.

Der Alte packte den Stock mit beiden Fäusten und stieß ihn dem Skelett durch die Rippen.

Kein Schreien, kein Aufbäumen erfolgte.

»Geschafft!«, strahlte der Friedhofswärter.

Doch davon war Milton keineswegs überzeugt.

 

*

 

Natürlich musste der Mord der Polizei gemeldet werden. Milton dachte nicht daran, den Vorfall zu vertuschen. Als er mit den Beamten zum Ort des Geschehens zurückkehrte, war der Tote jedoch verschwunden.

Der Inspektor sah ihn an, als hätte er einen Geisteskranken vor sich.

»Wo ist denn nun Ihr Mordopfer, Mister? «

»Es wurde weggeschafft. Hier hat der Mann gelegen, und da drüben ist das offene Grab.«

Das Grab war nicht offen, sondern machte einen unversehrten Eindruck. Bestimmt hatte der Friedhofswärter dafür gesorgt. Er würde auch wissen, wohin die Leiche gekommen war.

Der Alte konnte sich nicht mehr rechtfertigen. Die Polizei fand ihn in seinem Haus in unmittelbarer Nähe des Friedhofs. Er lebte nicht mehr. Es war keine Gewaltanwendung erkennbar.

»Er war schon weit über siebzig und hatte es mit der Gicht«, wusste der Inspektor. »Versuchen Sie erst gar nicht, mir einzureden, dass er ebenfalls das Opfer eines Verbrechens wurde. Wer war denn eigentlich der Mann, dessen Leiche Sie gesehen haben wollen?«

Milton wusste nicht, wie er hieß. Er konnte aber angeben, dass dessen Frau in dem bezeichneten Grab lag. Auf dem Stein musste auch der Name eingemeißelt sein.

Seltsamerweise zeigte sich die Inschrift total verwittert. Sie ließ sich beim besten Willen nicht mehr entziffern. Milton würde sich nicht wundern, wenn sich in der ganzen Stadt niemand fand, der sich an das Grab und die Frau darin erinnern konnte. Der Dämon, der nach seiner Überzeugung hier sein Unwesen trieb, dachte an alles.

»Man wird den Mann vermissen«, vermutete er. »Er war ungefähr dreißig Jahre alt und arbeitete bei einem Mister Spencer.«

Der Inspektor lachte.

»Spencers gibt es bei uns mehr als fünfzig. Hören Sie auf! Sie haben sich durch einen Schatten irritieren lassen. Friedhöfe sind eben nicht jedermanns Sache.«

Milton kam auch mit seiner Warnung vor weiteren Morden nicht an. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als selbst Augen und Ohren offenzuhalten.

Diese Absicht verfolgte er, als er sich eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg zur Emercy Road machte.

Die Straße lag wie ausgestorben da. Hier wohnten nicht viele Leute. Ein paar, die es zu Wohlstand gebracht hatten. Die konnte man in Horncastle an den Fingern zweier Hände ab zählen.

Dieser Umstand kam Milton sehr entgegen. Ohne Frage würde er sich auf ungesetzliche Weise Einlass in das Haus verschaffen müssen. Dabei wollte er nicht beobachtet werden.

 

*

 

Sicherheitshalber betätigte er erneut ein paar Mal die Klingel. Vielleicht bewohnten bis zur Testamentseröffnung Verwandte das Haus.

Niemand öffnete ihm. Es drang auch nirgends ein Lichtschimmer auf die Straße, obwohl um diese Zeit die wenigsten Leute schon im Bett lagen.

Milton suchte eine Stelle, an der die Dornenhecke durchlässig war. Da er keine fand, blieb ihm nichts anderes übrig, als über das schmiedeeiserne Tor zu klettern.

Das war ein kritischer Moment, aber er überstand ihn ohne Zwischenfall.

Das Haus wurde von einem Garten umgeben, der stark vernachlässigt wirkte. Nicht nur die Rosen waren vertrocknet. Es fand sich keine einzige Blume, kein grüner Strauch, kein Baum, an dem auch nur ein frisches Blatt hing.

Milton ahnte, dass auch daran der Dämon nicht schuldlos war. Lebendes schien er in seiner Nähe nicht zu dulden.

Der Schattenjäger vergewisserte sich, dass auf der Straße oder in den gegenüberliegenden Häusern niemand auf ihn aufmerksam geworden war. Er schlich an das Gebäude heran und umrundete es langsam. Dabei lauschte er immer wieder auf Stimmen oder andere Geräusche. Es blieb aber gespenstisch still.

Also durfte er wohl davon ausgehen, dass sich im Moment niemand in dem Haus aufhielt. Da die Fenster durchweg verriegelt waren, wandte er sich der hinteren Tür zu, deren Schloss nicht besonders stabil aussah.

Um es mit verschiedenen Stahlhaken zu öffnen, benötigte er nur wenige Minuten. Er schlüpfte ins Dunkel und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Wieder verharrte er. Er war sich seines verbotenen Tuns bewusst. Doch wo sonst sollte er die Antwort auf die Frage nach Myles Cluchers Tod erhalten, wenn nicht in dessen Haus?

Er befand sich neben der Treppe, die in den Keller und zum oberen Stock führte. Bevor er sich diese Räume ansah, wollte Milton aber zunächst das Erdgeschoss überprüfen.

Er öffnete eine Tür nach der anderen und ließ den Lichtstrahl der mitgebrachten Taschenlampe über die Einrichtung gleiten.

Im Wohnzimmer fiel ihm neben dem Kamin ein Tier auf, das ihn mit funkelnden Augen anglotzte. Es handelte sich um einen liegenden Hund aus Porzellan, von dem er nichts zu befürchten hatte.

Trotzdem zuckte Milton unwillkürlich zusammen, als er in die Nähe kam. Die lebensgroße Figur brach nämlich plötzlich auseinander und lag in unzähligen Scherben vor ihm …

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913286
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377418
Schlagworte
milton sharp dämonen-fehde

Autor

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Titel: Milton Sharp #18: Dämonen-Fehde