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Kommissar Morry - Das Höllenventil

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Fröstelnd zieht Milton Perry die Schultern hoch, als die Schritte des Fremden hinter ihm näher kommen. Immer näher! Der Mann, der Milton folgte, ist der von allen gefürchtete und gehaßte Mörder. Als Milton erkennt, mit wem er es zu tun hat, ist es fast zu spät. Miltons verbissener Kampf mit dem Ungeheuer auf nachtdunkler Straße ist jedoch nur die Ouvertüre eines grausigen Höllenkonzertes. Der erregende Ablauf der Handlung macht dieses Buch zu einem Superthriller. Wer diesen Roman liest, erkennt Seite für Seite die Handschrift des Meisters; die Handschrift von G. E. Morry!

Leseprobe

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Kommissar Morry

Das Höllenventil

(Cedric Balmore)

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Fröstelnd zieht Milton Perry die Schultern hoch, als die Schritte des Fremden hinter ihm näher kommen. Immer näher! Der Mann, der Milton folgte, ist der von allen gefürchtete und gehaßte Mörder. Als Milton erkennt, mit wem er es zu tun hat, ist es fast zu spät. Miltons verbissener Kampf mit dem Ungeheuer auf nachtdunkler Straße ist jedoch nur die Ouvertüre eines grausigen Höllenkonzertes. Der erregende Ablauf der Handlung macht dieses Buch zu einem Superthriller. Wer diesen Roman liest, erkennt Seite für Seite die Handschrift des Meisters; die Handschrift von G. E. Morry! 

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Roman

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Als Milton Perry aus dem Kino kam, regnete es immer noch. Wirklich blöd, dachte er verärgert, was einem Hollywood so vorzusetzen wagt! Der Film war schlecht gewesen, miserabel. Es hatte nicht gelohnt, deswegen fünf Häuserblocks weit zu gehen. Dazu noch bei diesem Wetter! Milton Perry ging dicht an den Häuserwänden entlang, um nicht nach zu werden. Irgend jemand ging hinter ihm. Ein Kinobesucher, der den gleichen Heimweg hatte? Milton hob unwillkürlich die Schultern und beschleunigte seine Schritte. Dann mußte er grinsen. Der Film war also doch, nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben. Jetzt bildete er sich schon ein, verfolgt zu werden!

Wer sollte daran ein Interesse haben?

Er bog nach rechts ab, um festzustellen, ob der Unbekannte hinter ihm bleiben würde. Tatsächlich! Die Schritte kamen näher.

Zufall? Vielleicht! Aber warum, zum Teufel, war er ausgerechnet in diese schmale, dunkle und unbelebte Straße abgebogen?

In Höhe der nächsten Laterne trete ich in einen Hauseingang und zünde mir eine Zigarette an, dachte er. Mal sehen, was dann passiert. Er atmete auf, als er die nächste Laterne erreicht und Schutz vor dem Regen gefunden hatte. Die Schritte wurden lauter, kamen ganz dicht heran und stoppten plötzlich. Miltons Muskeln strafften sich. Was hatte das zu bedeuten? Warum war der Mann plötzlich stehengeblieben?

Ich brauche nur den Kopf vorzustrecken und dem Fremden ins Gesicht zu blicken, überlegte er. Der Bursche mußte unmittelbar neben dem Eingang stehen. Der Regen fiel nun stärker. Im Erdgschoß des gegenüberliegenden Hauses brannte hinter einem Fenster Licht. Milton schien es, als spielte dort ein Radio.

Er nahm das Päckchen „Camel“ aus der Manteltasche und zündete eine neue Zigarette an. Er merkte verärgert, daß er viel zu hastige Züge machte. Hatte er Angst?

Unsinn. Wahrscheinlich hatte sein „Verfolger" genau wie er in einem Hauseingang Schutz vor dem Regen gesucht. Ich gehe jetzt los, quer über die Straße, und dann zurück zur Hauptstraße, dachte Milton. Wovor sollte er Angst haben? Schließlich war er kein Schwächling, und viel Geld hatte er nicht bei sich. Milton schrak zusammen. Ein Schatten tauchte vor ihm auf, groß, unheimlich, drohend.

„Gestatten Sie?" fragte der Fremde. Im nächsten Moment stand er neben Milton. „Sauwetter!" sagte er.

Milton war erleichtert. Seine Angst verflog. Ein Mann, der Schutz vor dem Regen suchte — nichts weiter!

„Scheußlich", meinte Milton zustimmend.

Sie lauschten beide auf das Geräusch des Regens. Milton kam es plötzlich zum Bewußtsein, daß er das Gesicht des Fremden noch nicht gesehen hatte. Er hätte nur den Kopf zu wenden und den Unbekannten anzublicken brauchen, aber er scheute sich, das zu tun.

„Sie waren im Kino, nicht wahr?" fragte der Fremde. Er hatte eine wohlklingende, kultivierte Stimme. Sie strahlte Anteilnahme aus und wirkte doch gleichzeitig zurückhaltend.

„Hm", brummte Milton. „Schade um das Geld!"

„Der Film hat Ihnen nicht gefallen?"

„Kein bißchen!" murmelte Milton und drehte den Kopf zur Seite, um seinen Gesprächspartner anzusehen. Aber der war soweit zurückgetreten, daß das Licht der Laterne sein Gesicht nicht mehr erreichte. Milton sah nur ein blasses, schemenhaft wirkendes Gesichtsoval auf einem kräftigen Körper. „Haben Sie den Film auch gesehen?"

„Ja", sagte der Mann.

„Ich seh' mir gern Kriminalfilme an", meinte Milton, der das Gespräch nicht abreißen lassen wollte. „Spannung! Das ist's, was ich brauche!"

„Hm", machte der Mann. Es klang ziemlich geringschätzig.

„Wie fanden Sie den Film?" wollte Milton wissen.

„Gar nicht übel. Bis auf den Unsinn am Schluß. Der Täter ist doch klug vorgegangen,

nicht wahr? Und dann leistet er sich zum Schluß diesen albernen Schnitzer und wird überführt!"

„Ich denke, jeder leistet sich mal einen Fehler. Auch Verbrecher", meinte Milton.

„Es gibt welche, die keine machen."

„Das wäre noch zu beweisen."

„Ahnen Sie, wie viele Mörder in diesem Land frei herumlaufen? Sie würden staunen, wenn Sie die Zahl hörten!"

Milton zog an seiner Zigarette. „Das bedeutet noch lange nicht, daß man diese Burschen eines Tages nicht doch fassen wird", erklärte er.

„Im Film, ja. Da faßt man sie immer", behauptete der Mann. „Aber nicht im tatsächlichen Leben."

Die Erwähnung des Films ließ in Milton erneut Groll auf steigen. „So ein Mist!" schimpfte er. „Das Höllenventil! Großartiger Titel, was?"

Der Regen ließ plötzlich nach. In dem Fenster der Erdgeschoßwohnung auf der anderen Straßenseite wurde ein Schatten sichtbar. Dann ging plötzlich das Licht aus.

Milton warf die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. „Ich denke, ich werde jetzt losmarschieren", meinte er.

„Ja, es wird wohl Zeit", sagte der Fremde.

Milton wandte den Kopf. Ihm war es so, als klänge die Stimme des Mannes verändert, als sei sie nun voller unerklärlicher Spannung.

Gleichzeitig wurde Milton klar, daß er zur Hauptstraße zurück mußte. Das würde dumm aussehen, denn er hatte keine plausible Erklärung für den Umstand, daß er in diese Straße eingebogen war.

„Wir haben wohl den gleichen Weg, was?" fragte in diesem Augenblick der Fremde.

„Ich muß zur Riggers Street", murmelte Milton schuldbewußt.

„Na, da lassen Sie uns mal losmarschieren!"

„Wohnen Sie in meiner Nähe?" fragte Milton erstaunt.

„Wieso?"

„Weil ich zurück muß! Zurück zur Hauptstraße."

In diesem Moment setzte erneut ein heftiger Platzregen ein. „Verdammt!" sagte Milton.

„Sie lieben die Spannung?" fragte der Fremde.

Milton zuckte leicht zusammen. Wie bitte?"

Der Fremde schien zu grinsen. „Na, vorhin haben Sie doch etwas ähnliches gesagt."

„Ach so, ja", lachte Milton unsicher. „Ich brauche Spannung. Das bezieht sich bloß auf die Filme, die ich mir ansehe."

„Nicht auf das Leben?"

„By Jove!" meinte Milton verächtlich. „Was ist daran schon spannend? Wenn es das wäre, hätte ich's nicht nötig, ins Kino zu gehen."

„Sie stehen allein?"

„Ja, warum?"

„Nur so. Was sind Sie von Beruf?“

„Kellner. Und Sie?"

„Mörder."

Der Fremde sagte das leichthin und doch so selbstverständlich, daß Milton einige Sekunden brauchte, um die Antwort auf sich wirken zu lassen.

„Mörder?" echote er leise. „Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, was?“

Der Unbekannte lachte leise. „Warum sollte ich das tun? Ich sage die Wahrheit!"

Milton schluckte. „Sie haben einen Menschen umgebracht?"

„Nicht nur einen", sagte der Mann.

„Und — und Sie fürchten nicht, eines Tages von der Polizei geschnappt zu werden?"

„Nein — eigentlich nicht", erwiderte der Mann. Es klang etwas zögernd.

„Sie sind sich Ihrer Sache doch nicht ganz sicher?"

„Das ist man nie. Es gibt immer Zweifel", räumte der Fremde ein. Dann zeigte er erneut seine Zähne. Seine Stimme klang spöttisch. „Nun, was halten Sie davon? Sie werden zugeben müssen, daß Ihnen der Abend doch noch Spannung bietet."

„Ich weiß nicht recht..." murmelte Milton, dessen Kehle trocken wurde.

„Nun?"

Milton lachte kurz. Es klang nicht sehr lustig. „Offen gestanden sind mir Mörder auf der Leinwand schon lieber als in der Wirklichkeit."

„Sie fürchten sich vor mir?"

„Nein", log Milton. „Ich bin kein Objekt für einen Mörder! Ein Kellner! Ein armer Hund! Nichts weiter."

„Sie haben das Leben satt?"

„Ich? Wieso? Nein, keineswegs! Manchmal passiert es schon, daß man die Nase voll hat. Aber das sind Momente, die rasch vorübergehen.“

„Haben Sie schon mal ein Verbrechen begangen?"

„Ich? Nein."

„Ganz bestimmt nicht?" fragte der Fremde drängend.

„Na, Sie sind lustig!"

„Finden Sie?" Diesmal klang die Stimme lauernd und sogar drohend.

„Sie dürfen das nicht falsch verstehen", meinte Milton rasch und wie entschuldigend. „Es war nicht meine Absicht, Ihnen zu nahe zu treten..."

„Und warum nicht?" unterbrach ihn der Fremde drohend.

„Ich kann noch immer nicht glauben, daß Sie es ernst meinen", sagte Milton unsicher.

„Haben Sie noch nichts von dem ,Kinomörder' gehört?" fragte der Fremde.

Milton fröstelte plötzlich. Der Kinomörder! Warum hatte er nicht schon früher an diese Möglichkeit gedacht? Er entsann sich schwach an die groß aufgemachten Presseberichte. Der letzte von ihnen lag schon über ein Jahr zurück. Vielleicht hatte er sich deshalb nicht daran erinnert.

„Ich bin der Kinomörder!" sagte der Mann selbstzufrieden.

„Nein!" würgte Milton hervor.

„Ich habe drei Menschen getötet! Bis jetzt“, meinte der Unbekannte. „Sie erinnern sich an die Einzelheiten?"

„Undeutlich", murmelte Milton, den eiskalte Angst beschlich. Er versuchte die Kräfte seines Gegners abzuschätzen. Sie hatten ungefähr die gleiche Größe. Aber es sah so aus, als sei der Fremde kräftiger gebaut.

„Erzählen Sie, was Sie darüber wissen", verlangte der Fremde.

„Wieso? Ich denke, Sie waren dabei?"

„Und ob ich dabei war!" meinte der Unbekannte. „Aber ich will wissen, wie viele Details Sie kennen!"

Milton schluckte. „Warten Sie mal. Der letzte Fall liegt schon gut ein Jahr zurück, stimmt's? Es war die dritte Tat des sogenannten ,Kinomörders'. Man fand die Leichen in einsamen, dunklen Vorortstraßen. In jedem Fall wurde festgestellt, daß die Opfer auf dem Heimweg vom Kino von einem Unbekannten getötet worden waren. Mit einem Messer. Die Tiefe der Wunden" — er schluckte abermals —,

also die Tiefe der Wunden ließ darauf schließen, daß der Mörder ein Mann von großer körperlicher Kraft gewesen sein muß..."

„Weiter!" forderte der Fremde zufrieden.

„Zwischen den einzelnen Morden bestand kein erkennbarer Zusammenhang. Ausgenommen die merkwürdige Tatsache, daß alle Ermordeten im Kino gewesen und sich irgendeinen Kriminalfilm angesehen hatten."

„Na bitte! Sie haben ein first class Gedächtnis!" lobte der Fremde.

Ein Wagen fuhr die Straße entlang. Gar nicht schnell. Miltons Herz schlug im Hals. Er hoffte, daß es ein Streifenwagen der Polizei sein würde. Er brauchte nur einen gewaltigen Satz nach vorn zu machen und den Wagen aufzuhalten. Plötzlich packte ihn eine Hand am Arm.

„Ruhig Blut, mein Freund. Sie wollen diese fesselnde Unterhaltung doch nicht vorzeitig abbrechen?" fragte der Fremde spöttisch.

Der Griff des Fremden war eisenhart. Milton merkte, wie seine Hoffnung zerfiel. Der Griff zeigte deutlich, wer von beiden der Stärkere war. Der Wagen rollte langsam vorüber. Es war tatsächlich ein Streifenwagen der Polizei. Hinter den angelaufenen Fensterscheiben sah Milton undeutlich die Konturen der beiden Beamten. Eines der Fenster war herabgelassen, und man hörte das Quaken des Wagenlautsprechers. Vorbei. Zu spät! Warum hatte er nicht geschrien? Aber vielleicht hätten sie ihn gar nicht gehört. Schließlich trommelte der Regen auf das Wagendach, und dann war da das Lautsprechergeräusch...

Der Fremde ließ ihn los. „Die Polizei ist wirklich überall", stellte er fest. „Beinahe überall..."

„Was haben Sie mit mir vor?" fragte Milton.

Der Fremde lachte lautlos. „Ich möchte mich den Leuten ein wenig in Erinnerung bringen", sagte er. „Dafür haben Sie doch gewiß Verständnis?"

„In Erinnerung bringen?" wiederholte Milton heiser.

„Ja. Jedes Leben taugt nur dann etwas, wenn es Spannung in sich birgt. Sie denken ja genauso. Warum gehen Sie ins Kino, um sich Reißer anzusehen? Weil Sie Spannung suchen! Manche Leute schaffen das auf andere Weise. Sie verlieben sich in ein Mädchen oder sammeln Briefmarken. Jeder entscheidet sich für eine andere Art des Kampfes gegen die Langeweile. Bei mir ist es Mord! Mord mit allem, was dazugehört. Ich werde es vermutlich nie schaffen, die Gefühle auszudrücken, die mich beflügeln, wenn ich in den Zeitungen von einem Mord lese, der mir zugeschrieben wird. Manchmal spreche ich mit Bekannten darüber, mit Freunden, mit Mädchen. Ich entsetze mich mit ihnen über soviel Grausamkeit und genieße den heimlichen, prickelnden Reiz dieses Spiels mit der Gefahr!" 

„Und Sie fürchten sich nie?"

„O doch!" gab der Unbekannte ruhig zu. „Ich fürchte mich oft. Sehr sogar. Manchmal wache ich nachts auf, völlig in Schweiß gebadet. Das ist der Preis der Spannung. Der eine zahlt für seine Liebe mit Geld oder Enttäuschungen, ein anderer gibt ein Vermögen für Briefmarken aus. Sie berappen jedesmal einen Dollar, wenn Sie Spannung im Kino suchen. Ich zahle mit gelegentlicher Furcht. So einfach ist das!"

„Ich glaube, Ihre Vergleiche hinken ganz beträchtlich", sagte Milton langsam. „Weder der Verliebte, noch der Briefmarkensammler oder ich nehmen einem anderen etwas weg. Schon gar nicht das Wertvollste, was sie besitzen, das Leben!"

Der Fremde nickte. „Das ist ein Punkt, über den zu sprechen sich lohnt", meinte er. „Sie wollen sagen, daß ich, im Gegensatz zu den anderen, das Gesetz übertrete. Stimmt. Aber Sie vergessen, daß ich damit eine Intensivierung der Spannungsmöglichkeiten erreiche, die nicht zu übertreffen ist."

„Tun Sie es wirklich aus diesem Grund?" fragte Milton.

„Nein", murmelte der Fremde kaum verständlich. „Nein! Nicht nur deswegen!"

Milton atmete tief. „Und nun glauben Sie, erneut zuschlagen zu müssen?"

„Ich muß. Ich kann nicht anders."

„Haben Sie auch mit den anderen Opfern vor der Tat gesprochen?" schluckte Milton.

„Gewiß."

„Warum?"

„Nicht einmal für mich ist es leicht, einen Mord durchzuführen", gestand der Unheimliche.

„Ich muß deshalb mit einem Trick arbeiten, indem ich mich zwinge, die Tat auszuführen. Das geschieht, indem ich mich meinen Opfern zu erkennen gebe, so daß ich nicht mehr zurück kann."

„Wieso können Sie nicht mehr zurück?" fragte Milton. „Ich wäre nicht mal in der Lage, Ihr Gesicht zu beschreiben."

„Sie kennen meine Größe, meine Stimme! Sie wüßten, wenn man Sie geschickt fragte, eine ganze Menge über mich zu sagen, stimmt das?"

Ja, es war so. Milton glaubte sogar, etwas über das Gesicht des Fremden aussagen zu können. Obwohl er es nur in seinem Umriß sah, prägte sich in ihm doch die Vorstellung einer hohen, leicht vorspringenden Stirn und einer geraden Nase, sowie eines festen, energischen Kinnes und ungewöhnlich starker Zähne.

„Ja", wiederholte der Fremde beinahe traurig. „Sie wissen zuviel."

Er arbeitet mit einem Messer, dachte Milton schaudernd. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Wie tritt man einem kräftigen, gewandten Mann gegenüber, der entschlossen ist, einen Mord zu begehen? Milton war beim Militär gewesen; damals hatte er eine gründliche Nahkampfausbildung bekommen. In seinem Beruf hatte er gelegentlich die Möglichkeit gehabt, seine Judokenntnisse anzuwenden; wenn randalierende Gäste aus dem Lokal befördert werden mußten, hatte man stets nach ihm gerufen.

Milton straffte sich. Seine einzige Chance lag im Kampf.

Wahrscheinlich war er verloren. Ein weiteres Opfer des „Kinomörders"...

Der Fremde kicherte. „Das .Höllenventil hat mir noch aus einem anderen Grunde Spaß gemacht", erklärte er. „Der Titel bezeichnet ziemlich genau meinen Zustand. Von Zeit zu Zeit muß ich Dampf ablassen, wissen Sie. Ein solcher Augenblick ist jetzt gekommen!"

Plötzlich war ein Messer in seiner Hand. Der Schein der nahen Laterne ließ die lange, scharfe Klinge funkeln. Milton starrte auf das Messer.

„Die Mittagsausgaben werden die ersten Meldungen bringen", sagte der Fremde. „Bis dahin werde ich schlafen. Beim Erwachen werde ich dann wissen, daß mir der Tag etwas Besonderes bietet!"

„Sie sind verrückt", sagte Milton leise.

Der Angriff kam für Milton nicht überraschend. Der Fremde hob nicht den Arm, um von oben zuzustoßen, sondern er ließ die Hand mit dem Messer einfach vorschnellen. Das war der kürzeste Weg zum Leib seines Opfers!

Milton faßte zu! Es war zu dunkel, als daß er in der Lage gewesen wäre, gezielt zu reagieren! Er handelte instinktiv. Es war eine Sache weniger Sekunden. Das Erfassen eines Handgelenks, eine rasche, gekonnte Drehung, die den Mörder aufschreien ließ. Das metallische Scheppern des Messers, das auf den Steinboden fiel. Milton, der seinen Gegner unbarmherzig festhielt, gab dem Messer einen Stoß. Es flog bis zur Mitte der Straße und blieb dort liegen.

„Lassen Sie mich los!" keuchte der Fremde.

Ein Entweichen aus Miltons Griff gelang ihm nicht.

„Für wie dumm halten Sie mich?" fragte Milton, der die Luft ausstieß und ein Gefühl des Triumphes verspürte. Wenn er jetzt aufpaßte und diesem Burschen bis zur nächsten Wache schleppte, konnte er sicher sein, die hohe Belohnung kassieren zu dürfen, die auf das Ergreifen dies „Kinomörders" ausgesetzt worden war.

Wieviel war das eigentlich? Wenn er sich recht erinnerte, handelte es sich um fünftausend Dollar! Ein Vermögen für einen Mann, der seine letzten zwanzig Dollar in der Tasche trug.

„Ich möchte Ihnen ein Geschäft Vorschlagen", sagte der Mann keuchend. „Ein gutes Geschäft."

„Mit Mördern mache ich keine Geschäfte."

„Ich bin nicht nur Mörder. Ich bin gleichzeitig ein angesehener Mann. Vergessen Sie endlich, daß ich diese Menschen getötet habe und auch Sie umbringen wollte! Sie haben mich von dieser Krankheit geheilt. Ich habe begriffen, daß ich nicht unfehlbar bin. Ich bin reich, mein Freund! Sehr reich. Wenn Sie mich freilassen, kann Ich Ihnen ein Vermögen schenken!"

Milton lachte höhnisch. „Wenn Sie glauben, daß ich auf derlei dumme Tricks hereinfalle, täuschen Sie sich!"

„Fassen Sie in meine Brieftasche", bat der Mörder. „Sie werden sehen, daß ich Sie nicht betrüge. Was bekommen Sie denn für meine Verhaftung? Höchstenfalls Fünftausend!"

„Das reicht mir", sagte Milton.

„Ich biete Ihnen das Zwanzigfache!"

„Wie bitte?"

„Von mir bekommen Sie Hunderttausend!"

Milton schwitzte. Hunderttausend! Das würde sorglose Tage für den Rest seines Lebens bedeuten! Sorglose Tage? Unsinn! Er würde befürchten müssen, daß der Mörder ihn tötete, weil er keinen Zeugen haben wollte, keinen Menschen, der ihn vielleicht sogar erpressen würde. Vielleicht war das Ganze nur ein Bluff, der verzweifelte Versuch eines Menschen, der sich plötzlich in der Gefahr sieht, auf dem elektrischen Stuhl zu enden. Was lag näher, als einen armen Teufel mit dem verlockenden Angebot einer riesigen Summe zu bluffen?

„Mich machen Sie nicht weich!" erklärte Milton hart.

„Ich besitze zwei Millionen", erklärte der Mörder. „Wenn es sein muß, gebe ich Ihnen davon die Hälfte."

Eine Million Dollar! Miltons Gedanken überschlugen sich. Haß, Mißtrauen und Furcht auf der einen Seite, und Verlangen, Gier und Versuchung auf der anderen kämpften miteinander.

„Eine Million Dollar", sagte der Mörder. „Das bietet Ihnen das Schicksal nicht zum zweiten Male. Es ist Ihre große Chance, über Nacht reich zu werden!"

„Ich hatte heute Nacht auch die Chance, zum toten Mann zu werden", erklärte Milton, „und wenn ich Ihr Angebot akzeptiere, würde sich diese Chance wiederholen! Denn Sie können es sich nicht leisten, einen Zeugen zu haben, der Sie jederzeit dem Henker ausliefern kann."

„Es ist kein angenehmer Gedanke", meinte der Mörder, „aber er ist zweifelsohne erträglicher, als der Weg in die Todeszelle."

„Das stimmt", sagte Milton zögernd.

„Sie hätten von mir nichts zu befürchten", meinte der Mörder. „Wir wären quitt und hätten uns gegenseitig in der Hand!"

„Noch sind wir nicht quitt. Was ist mit Ihren anderen Opfern?"

„Die sind tot, denen kann keiner mehr helfen", sagte der Mörder leise. „Wollen Sie sich zum Rächer dieser Toten machen? Bitte, mein Lieber! Aber Sie würden es für einen Preis von einer Million Dollar tun!"

Eine Million Dollar!

„Es hat keinen Zweck", sagte Milton. „Mit Mördern macht man keine Geschäfte!"

„Es gibt eine Menge Leute, die mir trauen, und das mit vollem Recht", sagte der Fremde. „Oder bilden Sie sich ein, daß ein Mörder nur negative Charakterzüge hat? Ich bin ein Mann, dessen Name etwas gilt und dessen Wort Gewicht hat!"

Milton glaubte dem Sprecher. Ja, dieser Bursche war gewiß kein Irgendwer, dieser Mann wohnte mit Sicherheit nicht in diesem Armeleuteviertel, und er hatte das Vorstadtkino ohne Zweifel nur deshalb aufgesucht, weil er ein neues Opfer brauchte.

„Wie heißen Sie?" fragte Milton.

„Jack Laverne."

„Der Öl-Laverne?" fragte Milton. Er wußte, daß Laverne der Markenbegriff für eines der bekanntesten Speise- und Salatöle war.

„Genau der."

„Gehen Sie!" sagte Milton und drückte den Mörder nach vorn, aus dem schattigen Eingang hinaus auf die Straße. Es regnete noch immer stark.

„Was ist? Wohin bringen Sie mich?"

„Zuerst möchte ich mal Ihr Gesicht sehen!"

Der Mörder blickte geradeaus.

„Wenden Sie den Kopf!" befahl Milton.

Der Mann rührte sich nicht. Milton grinste. Er drehte das Handgelenk des Mannes, so daß sich der Mörder zu krümmen begann.

„Hören Sie auf!" keuchte der Fremde, der angeblich Laverne war, „Sie brechen mir den Arm!"

Milton lockerte den Griff, so daß sich sein Gegner wieder aufrichten konnte. „Los, sehen Sie mich an!"

Laverne drehte den Kopf zur Seite, so daß das Licht der Laterne voll auf sein Gesicht fiel. Miltons schon gewonnener Eindruck von einer hohen Stirn und einem festen Kinn verdichtete sich. Lavernes Züge waren die eines erfolgreichen Mannes, gut geschnitten, markant, etwas kühl, aber keineswegs grausam. Die Lippen waren schmal, die Backenknochen traten deutlich hervor, und die dunklen Augen lagen unter langen Wimpern.

Das Gesicht paßte zu der Art, wie Laverne sprach. Es war das Gesicht eines profilierten Mannes.

„Genügt Ihnen das?" fragte Laverne.

„Gehen Sie weiter!"

„Wohin?"

„Erst mal zur Mitte der Straße", sagte Milton. „Ich möchte das Messer an mich nehmen."

„Und dann?"

„Dann fahren wir zu Ihnen."

„Sie akzeptieren also meinen Vorschlag?"

„Das wird sich zeigen. Wenn Sie mir beweisen, daß Sie in der Lage sind, eine Million Dollar zu zahlen, läßt sich über Ihr Angebot reden."

Laverne stieß die Luft aus. „Na, endlich werden Sie vernünftig!"

„Aber keine Faxen, verstehen Sie?"

Sie schritten bis zur Mitte der Straße.

„Stehenbleiben!"

Laverne gehorchte. Miltons Griff ließ ihm gar keine andere Möglichkeit. Milton bückte sich, um das Messer aufzuheben. Laverne nutzte seine Chance. Mit einer jähen Bewegung erreichte er es, daß Milton das Gleichgewicht verlor. Um nicht vollends zu fallen, ließ Milton seinen Gegner los und stützte sich auf.

Im nächsten Moment war er wieder auf den Beinen, aber Laverne war noch schneller.

Die Faust des Mörders schnellte nach vorn und traf Milton am Kopf, einmal, zweimal, dreimal.

Milton versuchte zu kontern, aber die Schläge seines Gegners prasselten auf ihn ein, als kämen sie aus einer Maschine. Milton bückte sich erneut nach dem Messer. Das ist meine einzige Chance, schoß es ihm durch den Kopf. Ein zweites Mal werde ich nicht das Glück haben, ihn am Handgelenk zu erwischen.

Laverne trat mit dem Fuß nach Miltons Kopf, der stürzte lang hin und spürte, wie die Feuchtigkeit der Pfütze seine Kleidung durchdrang. Das machte ihn wieder munter. Er hatte das Messer jetzt fest im Griff. Als er sich auf richten wollte, traf ihn Lavernes Fuß zum zweiten Mal am Kopf. Schützend legte Milton einen Arm um den Kopf. Er rollte zur Seite und kam auf die Füße.

Laverne blieb einen Moment unentschlossen stehen. Sein Blick heftete sich auf das Messer in Miltons Hand. Dann floh er die Straße hinab. Milton wollte ihm nachsetzen, aber schon nach dem zweiten Schritt gab er mit einem Wehlaut auf. Bei dem Sturz hatte er sich offenbar am Knöchel verletzt. Er sah nur noch, wie der Mörder hinter der nächsten Straßenecke verschwand. Milton verfluchte sich und seine Dummheit. Warum hatte er den Mörder entkommen lassen? Milton hinkte zurück zur Hauptstraße. Der Regen hatte weiter zugenommen. Milton war zumute, als wäre er nach einem Ausflug in die Hölle dem Leben wiedergegeben worden.

Mußte er nicht froh sein? Er war der erste und einzige, der dem Kinomörder bis jetzt ein Schnippchen geschlagen hatte! Aber so sehr er sich auch darum bemühte, ein Triumphgefühl zu empfinden, es gelang ihm nicht.

Er hatte sich bluffen und einen Mörder entkommen lassen. Aber er wußte, wie der Kinomörder aussah. Milton blieb stehen.

Laverne! Ich gehe einfach zu ihm, überlegte er. Ich gehe hin und fordere die Million! Und wenn er sich weigert zu zahlen, dann —

Er blieb stehen, als er an einen Drugstore gelangte, der noch geöffnet war. War es nicht besser, zwei Häuser weiter zu gehen? Dort befand sich das Polizeirevier. Milton zuckte die Schultern und betrat den Drugstore. Für die Polizei blieb noch immer Zeit.

In dem Drugstore roch es nach Parfüm und Kaffee. Er bestellte einen Kaffee und verlangte das Telefonbuch. Laverne wohnte tatsächlich hier in der Stadt, drüben am Central Park.

Milton notierte die Nummer. Der Clerk stellte ihm den Kaffee hin. „Kann ich mal telefonieren?" fragte er.

„Da drüben ist die Zelle."

Milton blickte über die Schulter. Tatsächlich, die hatte er noch gar nicht bemerkt. Er glitt von seinem Hocker und betrat die Zelle. Dann wählte er Lavernes Telefonnummer. Es vergingen einige Sekunden, bevor sich eine spröde männliche Stimme meldete. „Hier bei James Laverne."

„Verbinden Sie mich mit Mr. Laverne", sagte Milton und grinste, weil er sicher war, welche Antwort er bekommen würde.

„Wer ist am Apparat?"

„Ein alter Freund von ihm."

„Bedaure, Sir, ich kann Sie nicht verbinden, ohne zu wissen, wer Mr. Laverne zu sprechen wünscht."

„Soll das heißen, daß er zu Hause ist?" fragte Milton, dem allmählich dämmerte, daß der Mörder ihn auch in diesem Punkt betrogen hatte.

„Ja, Mr. Laverne ist in der Bibliothek", sagte die ungeduldige Stimme. „Wollen Sie mir endlich erklären —"

„Ich bin überfallen worden", sagte Milton rasch. „Als ich den Täter vorübergehend in meine Gewalt bekam, gab er sich als der öl- Laverne aus."

„Unglaublich!" unterbrach ihn die schockierte Stimme seines Gesprächspartners. „Mr. Laverne ist hier im Haus! Warten Sie, ich verbinde Sie mit ihm. Ich bin davon überzeugt, daß er in diesem Fall eine Anzeige gegen Unbekannt erstatten wird!"

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Brett Barker zuckte zusammen, als das Telefon klingelte. Er war sofort hellwach. Bevor er nach dem Hörer griff und sich meldete, knipste er das Lämpchen auf dem Nachtschrank an. Es war ein Uhr. Er hatte also höchstens eine Stunde geschlafen.

„Hier spricht Sergeant Redgrave", ertönte es am anderen Ende der Leitung. „Wir haben wieder einen gefunden, Inspektor."

„Einen gefunden?" gähnte Barker und setzte sich im Bett auf. „Wen gefunden, zum Teufel?"

„Ein Opfer des Kinomörders, Sir! So sieht es jedenfalls aus. Leutnant Smith sagte mir, daß Sie in einem solchen Fall sofort benachrichtigt zu werden wünschten."

„Ja, schon gut, ist ja in Ordnung", sagte Barker. „Wo ist es passiert?"

„In Brooklyn, Sir."

„Sie sind sicher, daß es der Kinomörder war?"

„Das Opfer hatte ein Kinoticket vom gleichen Abend in der Tasche. Und dann läßt die Lage des Einstichs kaum einen Zweifel an der Person des Mörders!"

„Well, ich komme. Wer hat die ersten Untersuchungen geleistet?"

„Leutnant Smith. Er ist mit seinen Leuten noch am Tatort."

„Ich bin in einer halben Stunde in der Office."

„Wir erwarten Sie, Sir."

Als Barker in seinem Büro eintraf, war Leutnant Smith inzwischen zurückgekehrt. Auf Barkers Besucherstuhl saß ein Zivilist, den der Inspektor nicht kannte.

„Eine neue Entwicklung, Sir", sagte Leutnant Smith und ging auf Barker zu, um ihm die Hand zu schütteln. „Das hier ist Mr. Milton Perry. Er wäre um ein Haar ein Opfer des Kinomörders geworden."

Milton erhob sich, als der Inspektor auf ihn zukam. „Wirklich?" fragte Barker.

„Ich hatte ihn in meiner Gewalt! Dann erwischte er mich, als ich das Messer aufheben wollte!"

„Welches Messer?" fragte der Inspektor und legte seinen Hut auf den Schreibtisch.

„Hier steht alles drin", sagte Smith, ein breitschultriger, bieder aussehender Polizist, mit kleinen, sehr wachen Augen. Er reichte Barker ein Protokoll. „Wenn Sie wollen, können wir das benutzen, Sir!"

Barker nahm das Protokoll entgegen und setzte sich an den Schreibtisch. Er begann zu lesen.

Leutnant Smith legte eine Hand auf Miltons Schultern. „Sie können sich setzen, Mr. Perry. Zigarette?"

„Danke, gern."

Smith hielt Milton ein Päckchen „Pall Mall" hin.

Milton fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Selbstverständlich enthielt das Protokoll nicht die volle Wahrheit. Er hatte keinen Grund, sich selber zu belasten. Die Sache mit dem Millionengeschäft, das der Mörder ihm vorgeschlagen hatte, durfte niemand erfahren. 

Barker rieb sich das Kinn und machte „Hm!" Er legte das Protokoll aus der Hand und blickte Milton in die Augen.

Der Inspektor war ein bulliger Typ. Genau wie Smith verkörperte er das Urbild eines Polizisten, der sich vom Außendienst her in die Höhe gearbeitet hatte. Barker hatte eine Boxernase und schmale Lippen. Er war fünfundvierzig Jahre alt, sah aber älter aus.

„Damit können Sie unter Umständen eine Menge Geld verdienen", sagte er. „Ihre Beschreibung ist genau, und Sie haben uns das Messer gebracht. Wenn es der Polizei gelingen sollte, hierdurch den Täter zu überführen, haben Sie Anspruch auf die ausgesetzte Belohnung."

„Ich könnte sie gut gebrauchen."

„Was sind Sie von Beruf?"

„Kellner."

„Da können Sie abends ins Kino gehen?"

„Ich hatte heute meinen freien Tag."

„Wo arbeiten Sie?"

„In Lindys Taverne'."

„Hm", machte Barker. „Nun erzählen Sie noch mal, wie alles passiert ist."

Milton berichtete, was er schon dein Leutnant erzählt hatte. Er gab sich Mühe, alles sehr genau zu schildern. Natürlich ließ er auch diesmal aus, daß er sich bereit erklärt hatte, auf das Angebot des Mörders einzugehen. Allerdings erwähnte er, daß ihm ein solches Angebot gemacht worden war.

Die Art, wie ihn Barker während der ganzen Zeit anblickte, gefiel ihm nicht. Aber Polizisten mußten wohl so blicken.

„Sie haben Glück gehabt", sagte Barker, nachdem Milton zu Ende gekommen war.

„Richtigen Dusel!" bestätigte Smith.

„Na, erlauben Sie mal!" sagte Milton stirnrunzelnd. „Ich habe mich schließlich meiner Haut erwehren müssen! Und nachdem mir der Kerl entwischt ist, kann man wohl eher von Pech reden!"

„So kann man's auch betrachten", stimmte der Inspektor zu.

„Der Überfall passierte gegen halb Zwölf“, sagte Leutnant Smith. „Etwa eine halbe Stunde später geschah der Mord unweit der Brooklyn Bridge."

Barker hob den Kopf. „Kann der Täter in diesem. Zeitraum von Mr. Miltons Standort bis zur Brücke gelangt sein?"

„Nicht zu Fuß", sagte Leutnant Smith.

„Wo ist das Messer?" fragte Barker.

„Im Labor. Wir untersuchen, ob es die Waffe ist, mit der die anderen Opfer getötet wurden."

„Eins verstehe ich nicht", sagte Barker. „Woher hat der Mörder so schnell ein zweites Messer bekommen?"

„Das müssen wir noch klären", sagte Smith.

„Sie werden uns morgen zur Verfügung stehen müssen", meinte Barker und blickte Milton an. „Vielleicht finden Sie den Täter in unserer Verbrecherkartei —"

„Ich habe das Gefühl, daß er nicht vorbestraft ist", meinte Milton zögernd. „Er ist kein gewöhnlicher kleiner Tagedieb oder Gangster. Er ist ein Mann, der eine höhere gesellschaftliche Stellung innehat. Der nur von Zeit zu Zeit sein Höllenventil öffnet."

„Sein was?" fragte der Inspektor.

„Sein Höllenventil", meinte Milton und gab den Inhalt der mit dem Mörder geführten Unterhaltung wieder, die sich auf diesen Begriff bezog.

„Wenn wir ihn der Kartei nicht finden, versuchen wir nach Mr. Perrys Angaben eine Zeichnung herzustellen. Die werden wir in allen Zeitungen veröffentlichen", sagte der Inspektor. „Außerdem wird in der Presse das Bild des Messers erscheinen. Was ist es übrigens für eine Waffe?"

„Ein älteres Klappmesser. Ein englisches Fabrikat!" sagte Leutnant Smith. „Die Dinger sind, soviel ich weiß, nicht nach Amerika geliefert worden. Es ist also anzunehmen, daß der Täter das Messer selbst eingeführt hat. Entweder nach dem Krieg als Soldat, oder später als Tourist."

„Kann ich jetzt gehen?" fragte Milton.

„Ja", nickte Barker. „Ich habe vorerst keine weiteren Fragen mehr. Bis morgen dann. Können Sie um neun Uhr erscheinen?"

Milton bejahte und ging hinaus.

„Was halten Sie von dem Burschen?" fragte Barker.

„Ich glaube, er sagt die Wahrheit."

„Nicht die ganze Wahrheit", meinte Barker. „Er verschweigt uns etwas. Oder er hat etwas hinzugemacht!"

„Vielleicht das letztere", meinte Smith schulterzuckend. „Klingt ein bißchen unwahrscheinlich, daß er den Kinomörder so lange fest im Griff gehabt haben will. Aber dann ist er ihm entwischt."

„Sie lassen ihn überprüfen?"

„Er ist nicht vorbestraft. Bis auf ein kleines Verkehrsdelikt."

„Kellner!" schnarrte Barker verächtlich. „Ich traue keinem dieser Burschen über den Weg."

„Ist das nicht voreingenommen?" fragte Leutnant Smith.

„Voreingenommenheit zahlt sich manchmal aus", erwiderte der Inspektor.

„Sie müssen's ja wissen", spottete Leutnant Smith.

Barker ignorierte dies und fragte: „Wen hat es diesmal erwischt?"

„Einen Hafenarbeiter. Heißt Owen Whistler. Sechsunddreißig Jahre alt, unverheiratet."

„Er war auf dem Heimweg?"

„Ja, genau wie die anderen Opfer."

Barker rieb sich das Kinn. „Wir werden den Mörder erwischen. Er hat heute seinen ersten Fehler gemacht."

„Ich wünschte, Sie hätten recht“, meinte der Leutnant. „Genau wie Perry bin ich der Ansicht, daß der Täter nicht vorbestraft ist. Er ist ein Mann, der nur gelegentlich seinem Mordtrieb die Zügel schießen läßt. Vielleicht wird er jetzt wieder ein Jahr Ruhe halten."

„Vielleicht", gab Barker zu. „Vielleicht auch nicht. Wir müssen ihn fassen!"

„Ja, natürlich", sagte Smith. „Immerhin kennen wir jetzt seine Mentalität. Wir wissen, in welcher sozialen Schicht wir ihn suchen müssen. Wie mag er nur auf den Namen Laverne gekommen sein?"

„Der ist ihm gerade so eingefallen."

„Einem Mann fällt nicht so leicht der Name eines Speiseöls ein", meinte Smith. „Bei einer Frau wäre das etwas anderes."

„Was wollen Sie damit sagen?"

„Ich frage mich, ob dieser Laverne nicht ein Freund des Mörders sein kann."

„Eine ziemlich gewagte Spekulation, die Sie nicht weiter bringen wird."

„Wieso nicht? Wir brauchen Laverne nur zu überwachen und insgeheim Bilder seiner Freunde herzustellen. Milton kann uns dann helfen, sie zu identifizieren."

„Das wäre ein Weg von vielen", gab Barker zu. „Wer hat den Toten übrigens gefunden?"

„Ein Streifenpolizist. Der Arzt hat festgestellt, daß die Tat etwa zwanzig Minuten vor dem Auffinden der Leiche geschehen sein muß.“

„Es wurde nichts geraubt?"

„Nicht ein Cent. Whistlers Brieftasche enthielt über hundert Dollar."

Barker stieß die Luft aus. „Morgen werden uns die Zeitungen in der Luft zerreißen", meinte er. „Der Kinomörder schlägt erneut zu! Warum tut unsere Polizei nichts dagegen?!"

„Ich habe es schon seit langem aufgegeben, mich über die Presse zu ärgern."

„Das glaube ich Ihnen nicht, Leutnant", sagte der Inspektor. „Wenn man so etwas liest, platzt einem jedesmal wieder der Kragen. Immerhin. Diesmal sind unsere Chancen nicht schlecht."

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Als Milton um die Ecke bog, sah er, daß in seinem Zimmer Licht brannte. Er blieb stehen. Hatte er vergessen das Licht vor dem Weggehen auszuknispen? Nein, es war ja noch hell gewesen. Er hatte gar kein Licht gebraucht.

Er dachte an den Mörder. Nein! Der kannte ihn ja gar nicht.

Helen? Ein Gefühl der Hoffnung durchströmte ihn. War sie zurückgekommen? Hatte sie eingesehen, daß sie ohne ihn nicht leben konnte? Er ging mit weit ausgreifenden Schritten auf das Mietshaus zu, das in sieben Stockwerken kleine Appartements mit Duschbad und Kochnische, einem leidlich großen Wohnzimmer und einer winzigen Diele barg. Seine Wohnung lag im vierten Stock. Er fuhr nach oben und betrat das Appartement.

„Helen!" sagte er, als er die Wohnzimmertür öffnete.

Das Mädchen war in einem Lehnstuhl eingeschlafen. Sie öffnete blinzelnd die Augen und blickte ihn an.

Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Kurz vor dem Sessel blieb er stehen und ließ die Arme sinken. Helen hatte sich nicht gerührt. Sie blickte ihn nur kühl an...

„Du bist zurückgekommen", murmelte er, unsicher geworden.

„Ja", sagte sie. „Wir sind vor zwei Wochen im Streit auseinandergegangen. Es war ein dummer Streit."

Er schöpfte wieder Hoffnung. „Ich bin so froh, daß du das einsiehst!"

„Der Streit war dumm", meinte sie, „aber die daraus gezogenen Konsequenzen vernünftig. Wir waren einmal verlobt und wollten heiraten. Ich finde, es ist albern, auf diese Weise auseinanderzugehen. Darum bin ich noch einmal gekommen. Ich wollte mich von dir verabschieden."

„Verabschieden?" echote er schwach und schluckte. „Das ist alles?"

„Hast du etwas anderes erwartet? Du solltest mir überhaupt dankbar sein, daß ich noch einmal gekommen bin!"

Er blickte sich im Zimmer um. „Möchtest du etwas trinken?"

„Nein, danke!"

Er nickte. „Ja, fangen wir nicht wieder damit an. Du warst immer dagegen, daß ich mir gelegentlich einen genehmige. Aber jetzt wirst du es mir doch wohl gestatten?"

„Du bist frei. Du kannst tun und lassen, was du willst", sagte sie kühl.

Er ging zu der Kommode, auf der das gerahmte Foto seiner Eltern stand, und öffnete die oberste Schublade, um die Flasche und ein Glas herauszunehmen. „Wohin wirst du gehen?“ fragte er.

„Wie meinst du das?"

Er entkorkte die Flasche und füllte das Glas mit dem kristallklaren Gin. „Ich denke, du willst New York verlassen?"

„Davon habe ich kein Wort gesagt. Dich will ich verlassen, das ist alles."

„Du bist nur gekommen, um mir das mitzuteilen?"

„Ich dachte, das sei ich der Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit schuldig."

Er trank. „Du rührst mich zu Tränen", meinte er dann ironisch. „Wenn du so weiter machst, wirst du bald eine richtige Dame sein —"

Helen erhob sich. Sie sah kühl, blaß und schön aus. Er blickte sie an. Ja, sie war schön. Alle Freunde und Kollegen hatten ihn um sie beneidet. Im Grunde war sie das einzige von Wert gewseen, das er jemals besessen hatte. Aber er hatte sie nicht halten können. Der Teufel mochte wissen, welchen Mann sie kennengelernt hatte. Sicher irgendeinen reichen Burschen. Er konnte ihr das noch nicht mal übelnehmen. Was konnte er ihr denn schon bieten? Mit drei- bis vierhundert Dollar im Monat ließ sich nicht viel anfangen.

„Es ist wohl besser, ich gehe."

„Bleibe noch eine Minute. Ich wollte dich nicht verletzen", murmelte er.

Helen zögerte. Dann nahm sie wieder Platz. „Wo bist du gewesen?" fragte sie. Das war so eine Gewohnheit von ihr. Im nächsten Moment errötete sie. „Verzeihe", sagte sie. „Ich habe kein Recht mehr, solche Fragen an dich zu richten."

„Seien wir offen", meinte er ruhig. „Du hast dieses Recht nie gehabt. Du hast es dir nur angemaßt. Schließlich waren wir nicht verheiratet."

„Ich habe zu dir gehalten und konnte erwarten, daß du diese Treue belohnst", sagte Helen ebenso ruhig. „Aber leider bin ich in diesem Punkt oft enttäuscht worden."

„Ich habe dich nie mit einer anderen betrogen — falls du das meinst!"

„Du weißt genau, worauf ich mich beziehe. Du hast die Nächte zu oft in Kneipen verbracht."

„Das ist jetzt vorbei. Heute war ich im Kino."

„Das ist mal eine nette Abwechslung", sagte Helen. Es klang nicht mal spöttisch. „Du kommst allerdings reichlich spät."

„Ich komme jetzt nicht aus dem Kino, sondern von der Polizei", sagte er. „Der Kinomörder wollte mich umbringen."

Helens Augen wurden groß. „Der Kinomörder?"

„Hast du noch nichts von ihm gehört?"

„Doch! Ich erinnere mich. Er ist hinter dir hergewesen?"

„Mehr als das. Nach einer verrückten Unterhaltung wollte er mit dem Messer auf mich los. Ich konnte es ihm entwinden und hatte ihn schon überwältigt. Da brachte er mich zu Fall und türmte. Ich verletzte mir den Knöchel dabei und war nicht in der Lage, ihm zu folgen."

„Gracions Lord!" hauchte Helen.

Milton nahm einen zweiten Schluck. „Ich habe das Trinken fast aufgegeben'', sagte er. „Aber du wirst einsehen, daß ich nach diesem Erlebnis eine kleine Stärkung brauche.“

„Man wollte dich ermorden!" murmelte Helen, die den ehemaligen Geliebten anstarrte.

Er lächelte matt, als er die Furcht und die Anteilnahme in Helens Blick bemerkte. Sie fühlte für ihn wohl doch noch mehr, als sie einzugestehen wagte.

„Warum kommst du nicht zu mir zurück?" fragte er mit weicher Stimme. „Ich verspreche dir, mich zu bessern. Gib mir noch einmal eine Chance!"

Helen seufzte und schüttelte den Kopf. „Wie oft habe ich dir diese Chance schon gegeben, Milton! Nein, jetzt ist es zu spät. Ich möchte nur erreichen, daß wir als Freunde auseinandergehen."

„Sehr gütig!"

Helen erhob sich. „Wenn du schon wieder anfängst —"

Er zuckte die Schultern. „Ich liebe dich doch, Helen! Ich liebe dich noch immer! Genau wie früher!"

„Genau wie früher!" wiederholte Helen bitter. „Das ist es ja. Du hast mich nie genug geliebt!"

„Du verlangst zuviel!"

„Mag sein! Aber in diesem Punkt kann ich mich nicht ändern. Ich werde heiraten, Milt."

Er schluckte. „Heiraten? Wer ist es?"

„Du kennst ihn nicht. Er ist ganz anders als du. Ein Mann, der mich auf Händen trägt und der in seinem Beruf viel leistet."

„Ich weiß, du wirfst mir vor, es niemals weiter als bis zum Kellner gebracht zu haben!"

„Du wirst zugeben müssen, daß das für einen Mann kein überwältigender Erfolg ist."

„Meine Eltern hatten nicht das Geld, mich auf ein College zu schicken, das weißt du ganz genau. Ich mußte schon früh beginnen, Geld zu verdienen!"

„Niemand macht dir daraus einen Vorwurf!"

„O doch, du tust es! Du hast dich im Grunde genommen immer für was Besseres gehalten!

Nur, weil dein Vater eine kleine Tankstelle besitzt!"

„Du machst dich lächerlich", sagte das Mädchen scharf. „Ich denke nicht so materialistisch, wie du glaubst! Aber weshalb sollte ich auf Wohlstand verzichten, wenn er mir von einem Mann geboten wird, der genau meinen Vorstellungen entspricht?"

„Schon gut", meinte Milton müde. „Wir wollen uns nicht mehr streiten. Aber du solltest dir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wir zwei gehören zusammen! Das weiß ich!"

„Ein Jammer, daß du niemals die Kraft gefunden hast, nach diesem ,Wissen' zu leben!"

„Du bist ungerecht!"

„Nein! Ich habe mich nur von den Illusionen befreit, mit denen ich dich lange Zeit betrachtet habe.“

„Okay, okay. Aber was würdest du sagen, wenn ich plötzlich um eine Million reicher wäre?"

„Das sind doch Hirngespinste!"

„Vielleicht nicht."

„Du solltest dich nicht lächerlich machen, Milton!"

„Ich habe Aussicht, eine Million Dollar zu bekommen", behauptete er hartnäckig.

„Na, dann viel Glück!"

„Wirst du zurückkehren, wenn ich das Geld habe?"

„Nein."

„Ach! Du glaubst nicht daran, daß ich jemals soviel besitzen werde?“

„Ich glaube nicht, daß du jemals die Kraft findest, dich wirklich zu ändern! Das ist es!"

„Wo werde ich dich erreichen können?"

„Ich wohne wieder bei meinen Eltern. Wir haben uns ausgesöhnt, seit ich von dir weg bin. Aber laß mich bitte in Frieden! Es ist zwecklos, wenn du versuchen solltest, mich zu Hause zu erreichen. Die Würfel sind gefallen —"

Er nickte stumpf. „Well, Helen. Gute Nacht."

„Wir haben schöne Zeiten miteinander verlebt", sagte Helen zögernd. „Dafür danke ich dir. Ich will mich bemühen, dich in guter Erinnerung zu behalten."

Er brachte sie bis zur Tür. Sie streckte ihm beinahe ängstlich die Hand hin. Er nahm sie und drückte sie kurz. Helen huschte hinaus. Sie wandte sich noch einmal um.

„Der Schlüssel liegt auf dem Tisch", sagte sie.

Milton nickte und schloß die Tür.

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Am nächsten Tag war Milton damit beschäftigt, die ihm vorgelegten Karteikarten und Verbrecheralben durchzusehen. Obwohl man ihm nur die Fotos von Männern vorlegte, die nach Alter und Aussehen als der Kinomörder in Betracht kamen, hatte Milton am Abend noch nicht die Hälfte des vorhandenen Materials gesichtet.

„Sie müssen morgen noch einmal wiederkommen", sagte Inspektor Barker beim Abschied.

„Bekomme ich die verlorene Zeit bezahlt?"

„Selbstverständlich", sagte der Inspektor.

„All right! Morgen um Neun bin ich wieder hier. Sind Sie irgendwie vorangekommen?"

„Wir haben wegen des Messers einige Anrufe erhalten und gehen diesen Hinweisen

nach“, meinte Barker. „Viel verspreche ich mir nicht davon."

„Warum?“

„Nach jedem Mordfall machen wir die Erfahrung, daß sich ein paar Leute in den Vordergrund zu spielen versuchen. In den meisten Fällen steht ein übertriebenes Geltungsbedürfnis dahinter. Der Wunsch, auch einmal etwas sagen zu können. Selbstverständlich unterlassen wir es nicht, alle Hinweise genau zu überprüfen. Viel kommt im allgemeinen jedoch dabei nicht heraus.“

Die Tür öffnete sich und ein Zeichner kam herein, dem Milton genaue Hinweise auf das Aussehen des Mörders gegeben hatte. „Sieht er so aus?" fragte der Zeichner und hielt Milton ein Blatt Papier unter die Nase.

„Die Augen standen etwas weiter auseinander. Sie waren auch größer."

„Der Rest stimmt?"

„Ja! Vor allem das Kinn ist gut getroffen."

„Ich mache jetzt die letzten Änderungen", sagte der Zeichner und verließ das Büro.

„Sie haben uns bis jetzt sehr wertvolle Hilfe geleistet", sagte Inspektor Barker. „Die Zeichnung wird morgen in die Presse kommen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viele Zuschriften und Anrufe wir daraufhin bekommen werden. Immerhin. Vielleicht fangen wir dadurch den Mörder!"

„Dann bekommt natürlich der Anrufer oder Schreiber die ausgesetzte Belohnung?"

„Nein, er wird sie mit Ihnen teilen müssen."

Milton nickte und verabschiedete sich. Als er auf der Straße stand, blieb er einen Moment wie unentschlossen stehen. Dänin winkte er ein Taxi heran und ließ sich nach Brookyln fahren. Vor dem Kino, in dem der Film „Das Höllenventil" lief, stieg er aus und bezahlte. Dann betrat er den kleinen Vorraum. An der Kasse saß die fade Blondine mit dem viel zu kleinen Mund, die ihm am Vorabend ein Ticket verkauft hatte. Er trat an das kleine Fensterchen und beugte sich zu ihr herab. „Hallo! Wie geht es Ihnen?" fragte er.

Das blonde Kind lächelte ihn an. Sie war blaß. Es geschah gewiß nicht sehr oft, daß sich ein junger und gutaussehender Mann nach ihrem Wohlbefinden erkundigte.

„Danke, gut. Und Ihnen? Wollen Sie sich den Film ein zweites Mal ansehen?"

„Kennen Sie mich denn?"

„Aber ja! Sie waren doch gestern Abend hier, nicht wahr?"

„Stimmt! Sie haben ein gutes Personengedächtnis!"

„Kunststück", sagte die Blondine. „Ich sehe von der Welt nicht viel mehr als die Gesichter der Kinobesucher —"

„Das ist gut", meinte Milton.

„Gut?" fragte sie. „Na, vielen Dank!"

„Ich meine, es ist gut, daß Sie ein so fabelhaftes Personengedächtnis haben. War denn die Polizei noch nicht bei Ihnen?

„Nee! Warum denn?"

„Ich bin gestern von einem Mann verfolgt worden, der den Film gesehen hat und sich später als der ,Kinomörder' entpuppte. Es steht doch alles in der Zeitung!"

Die Blondine hob die knochigen Schultern und schauderte. „Wie entsetzlich! Und Sie haben den Kerl nicht fassen können?"

„Beinahe. Ich hatte ihn schon. Doch dann ist er mir entwischt."

„Wie sah er denn aus?"

„Jetzt kommen wir zum Thema", sagte Milton und beschrieb den Fremden so genau, wie ihm das möglich war. Er mußte sich allerdings zweimal dabei unterbrechen, weil Kinobesucher kamen und Karten lösten.

„Sicher, an den erinnere ich mich", meinte die Blondine.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913248
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
kommissar morry höllenventil

Autor

Zurück

Titel: Kommissar Morry - Das Höllenventil