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Kommissar Morry - Opfer des Satans

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Der gemeinste Weg um Geld zu bekommen, führt über brutalen Mord. John Griffin wählt die Straße dieses Verbrechens. Neben den Leichen seiner Opfer kennzeichnen nur einseitig geschliffene Dolche, mit schlangenförmig ziseliertem Metallgriff, seine Spur. Sie weist von Schottland nach London. Wer ist John Griffin? Wie sieht er aus? Die Beschreibungen ergeben das äußerliche Bild eines Durchschnittstyps ohne besondere Merkmale. Seine Opfer, die sahen, wie sich seine Augen in satanischer Mordlust zu schmalen Schlitzen verengten und dabei kalt und stechend würben, leben nicht mehr.. . Kommissar G. E. Morry, vom Sonderdezernat des Yards, steht vor einem Rätsel! Er kämpft gegen ein Phantom. Wird es Morry gelingen, diesem Satan, der seine Opfer bestialisch mordet, die Handschellen anzulegen!?

Die Spannung dieses Kriminal- Romanes steigert sich von Seite zu Seite, bis . . .

Aber lesen Sie ihn selbst!

Leseprobe

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Kommissar Morry

Opfer des Satans

Cedric Balmore

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Der gemeinste Weg um Geld zu bekommen, führt über brutalen Mord. John Griffin wählt die Straße dieses Verbrechens. Neben den Leichen seiner Opfer kennzeichnen nur einseitig geschliffene Dolche, mit schlangenförmig ziseliertem Metallgriff, seine Spur. Sie weist von Schottland nach London. Wer ist John Griffin? Wie sieht er aus? Die Beschreibungen ergeben das äußerliche Bild eines Durchschnittstyps ohne besondere Merkmale. Seine Opfer, die sahen, wie sich seine Augen in satanischer Mordlust zu schmalen Schlitzen verengten und dabei kalt und stechend würben, leben nicht mehr.. . Kommissar G. E. Morry, vom Sonderdezernat des Yards, steht vor einem Rätsel! Er kämpft gegen ein Phantom. Wird es Morry gelingen, diesem Satan, der seine Opfer bestialisch mordet, die Handschellen anzulegen!?

Die Spannung dieses Kriminal- Romanes steigert sich von Seite zu Seite, bis . . .

Aber lesen Sie ihn selbst!

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Roman

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Abends um zehn Uhr machte sich Konstabler Ossian von der II. Detektive Section Aberdeen fertig zum Streifengang. Er repetierte seine Pistole, überzeugte sich gewissermaßen davon, daß eine Patrone in den Lauf glitt, schob den Sicherungsflügel zurück und ließ die Waffe in der Tasche seines Regenmantels verschwinden. Dann ging er in die Wachstube der Nachtbereitschaft, um sich in das Streifenbuch einzutragen. Er hüstelte verärgert, als ihm der beißende Tabaksqualm der Posten in die Nase stieg. Diese faulen Burschen, dachte er, spielen hier Karten, während ich draußen im Osthafen zwei geschlagene Stunden auf den Beinen stehen muß. Dabei beziehen sie dasselbe Gehalt. Der Teufel soll sie holen. Ich wünsche ihnen, daß sie allesamt in die Hölle . . .

Er riß sich mit einem harten Ruck zusammen, als hinter ihm ein Posten „Achtung“ schrie. Eine scharfe Zugluft drang in die Wachstube herein, zerteilte jäh die grauen Rauchschwaden. In der offenen Tür stand Inspektor Holly, der Abteilungschef der II. Detektive Section. Schmunzelnd und gutgelaunt nahm er die Meldung entgegen. Seine Blicke streiften den Konstabler Ossian.

„Nanu?“ meinte er gutmütig. „Ich dachte, Sie wären längst draußen an der Küste? Haben Sie nicht von zehn bis zwölf Uhr Nachtstreife?“

Konstabler Ossian nahm stramme Haltung an. „Ihre Uhr geht anscheinend nicht richtig, Sir“, erklärte er in beleidigtem Ton. „Ich habe noch zehn Minuten Zeit. Sie sollten eigentlich längst wissen, daß ich die Pünktlichkeit selbst bin. Oder habe ich mir jemals etwas zuschulden...?“

„Na, na“, brummte Inspektor Holly besänftigend. „War ja schließlich nicht so gemeint. Gehen Sie jetzt, Ossian. Ich bin heute nacht Offizier vom Dienst. Sollte irgend etwas Besonderes sein, Sie wissen ja, wo Sie mich zu suchen haben.“

„Wird schon nichts vorfallen, Sir“, erwiderte Konstabler Ossian mit mattem Lächeln. „Stehe jetzt seit drei Jahren draußen am Osthafen. Und nie ist etwas passiert. Bei uns in Schottland rührt sich eben nichts. Unsere Polizeistation liegt am Ende der Welt.“

Er salutierte und ging in aufrechter Haltung auf die Tür zu. Er hielt schon die Klinke in der Hand, da rief ihn Inspektor Holly noch einmal zurück.

„Da Sie noch ein paar Minuten Zeit haben, Ossian, könnten Sie dieses Plakat draußen am Portal anschlagen. Es ist der seltsamste Steckbrief, den wir jemals erlassen haben.

Wir suchen einen Mörder, von dem wir nicht einmal den Namen wissen. Kein Mensch hat diesen Schurken je gesehen. Und doch hoffe ich darauf, daß uns die Bevölkerung von Aberdeen irgendwelche Hinweise geben kann.“

Konstabler Ossian nahm die brandrote Papierrolle in die Linke, schritt mit wichtiger Miene aus der Wachstube und heftete das Plakat draußen an der wuchtigen Eichentüre an. Inspektor Holly schaute ihm dabei über die Schulter.

„Na, was sagen Sie dazu, Konstabler? Eben meinten Sie ja noch, daß bei uns in Aberdeen nichts los ist Lesen Sie doch mal. Einen größeren Brocken wird auch der Yard in London nicht so rasch finden.“

Konstabler Ossian machte kugelrunde Augen. In der Tat, Sir“, stotterte er aufgeregt. „Das ist ein Ding. Schade, daß ich nicht länger Zeit habe. Würde mich gern ein wenig mit Ihnen unterhalten.“

Er überflog nochmals den Text des Steckbriefes. Fettgedruckte Lettern sprangen ihm in die Augen. „Wegen dreifachen Raubmordes gesucht.“ Und darunter: „Unbekannter Mörder läßt seine Waffe stets am Tatort liegen. Diese Mordwaffe ist ein Dolch mit schmaler, einseitig geschliffener Klinge und breitem, schlangenförmig ziseliertem Metallgriff . . .“

„Wo treibt dieser Mörder sein Unwesen, Sir?“ fragte Konstabler Ossian hastig. „Ich habe bis heute noch nie etwas von ihm gehört.“

„Weil Sie auf Ihren Streifengängen immer träumen“, erwiderte Inspektor Holly mit leichtem Spott. „Wie unsere Spitzel melden, hält sich dieser Schurke in unserer Stadt verborgen. Es scheint zu stimmen. Seine bisherigen Opfer wurden in der nächsten Umgebung Aberdeens gefunden.“

Konstabler Ossian stieß einen sehnsüchtigen Seufzer durch die Zähne. „Das wäre was für mich, Sir“, murmelte er verträumt. „Diese Jagd auf den Mörder möchte ich mitmachen. Haben Sie keine Verwendung für mich?“

Inspektor Holly betrachtete kopfschüttelnd den eifrigen Mann. „Gehen Sie hinunter zum Hafen“, sagte er mit mitleidigem Lächeln. „Kann sein, daß wir den Mörder eines Tages aufstöbern werden. Aber Sie sind es bestimmt nicht, der ihn zur Strecke bringt!“

Konstabler Ossian zog den Kopf zwischen die Schultern und ließ den Spott wortlos über sich ergehen. Dann machte er eine stramme Kehrtwendung und ging durch die nächtlichen Straßen zum Hafen hinunter.

Am Royal-Dock löste er den Posten ab. „Nichts los heute“, meldete ihm der uniformierte Hilfspolizist. „Bei diesem Nebelwetter wagt sich kein Aas auf die Straße. Na, dann viel Vergnügen!“

Konstabler Ossian trat vorschriftsmäßig seine Runde an. Er wanderte die Kaimauer entlang, marschierte an den Trockendocks vorüber und erreichte schließlich die einsame Küste. Hier war nichts zu sehen als weißer Schwemmsand und dazwischen schwarze scharfgezackte Klippen. Der dichte Nebel verhüllte die Sicht. Vom Meer war kaum etwas zu erkennen. Das Rauschen der Brandung klang dumpf und hohl durch die Nacht. Konstabler Ossian zündete sich seufzend eine Zigarette an und ließ sich auf einem Felsbrocken nieder. Das wird eine verdammt langweilige Nacht werden, dachte er schlecht gelaunt. Ich könnte mich genauso gut auf dem Sand schlafen legen. Auch die verwegensten Schmuggler werden heute Nacht zu Hause bleiben. Ich möchte jetzt schon wetten, daß ich nicht einen einzigen Kahn zu Gesicht bekomme. Er starrte in den Nebel hinein, der wie ein filziges Tuch über der endlosen Wasserfläche hing. Das Rauschen der Brandung hörte sich an wie der entfernte Klang dumpfer Trommeln. Die rollenden Wellen krochen fast bis an die Füße des Konstablers heran. Sie kamen stets von neuem und krochen immer wieder zurück.

Nach etwa zwanzig Minuten wurde der Konstabler plötzlich unruhig. Er glaubte zwei Schatten am nachtdunklen Strand zu erkennen. Zwei Schatten, die eng nebeneinander dahin wanderten. Sie gingen so hart am Wasser entlang, daß die Wellen über ihre Schuhe spülen mußten. Von ihren Gestalten war nur wenig zu sehen. Der Nebel verwischte sie zu schemenhaften Wesen. Konstabler Ossian schaltete seine Dienstlampe ein und stürmte mit ein paar langen Sätzen zum Strand hinunter. Der Lichtkegel seiner Lampe erstickte im Dunst. Der Schein reichte keine drei Meter weit. Hilflos schwenkte er die Lampe hin und her.

„Hallo!“ rief er dann laut in die Finsternis. „Hallo, ist da jemand?“

Er bekam keine Antwort. Um ihn war nur das Gurgeln des Wassers. Die Wellen plätscherten kichernd um seine Schuhe.

Kopfschüttelnd wanderte Konstabler Ossian zu den Klippen zurück. In einer solchen Nacht kann man leicht verrückt werden, grübelte er. Man sollte nicht immer die albernen Gespenstergeschichten von ertrunkenen Seeleuten lesen. Gerade bei so einem Nebelwetter sieht man dann die unheimlichsten Dinge. Seine Gedanken stoben jählings durcheinander, als er von der Ostseite der Küste her einen dünnen Hilfeschrei vernahm — einen erstickten, zitternden Todeslaut, der verloren und ausweglos in die Nachtstille drang. Er schwang in einem dünnen Echo über den Strand, dann erstickte ihn das eintönige Murmeln der Brandung. Vielleicht habe ich vorhin doch richtig beobachtet, ging es Konstabler Ossian durch den Kopf. Vielleicht bin ich doch nicht so dämlich, wie Inspektor Holly meint. Er knipste seine Lampe an, entsicherte die Pistole und rannte mit hastigen Sprüngen an den Klippen entlang. Er hatte sich genau die Richtung eingeprägt, aus der der Schrei gekommen war. Er konnte hier gar nicht in die Irre gehen. Links türmten sich die messerscharfen Klippen auf, zur Rechten zog sich die endlose Wasserfläche des Meeres hin. Das Ufer bestand aus einem schmalen, weißlichen Sandstreifen. Nachdem er eine halbe Meile in scharfem Tempo zurückgelegt hatte, blieb Konstabler Ossian keuchend stehen. Seine Augen bohrten sich in das unruhige Gebräu aus Nebel und Wasserdunst. Unruhig und geisterhaft zogen die milchigen Schleier an ihm vorbei. Seine eigene Silhouette wuchs zwischen den grauen Schwaden auf. Groß und schwarz und unheimlich. Sonst war nichts zu sehen. Nirgends ein Mensch. Kein Lebewesen weit und breit.

Hallo!“ rief Konstabler Ossian noch einmal. „Hallo, ist da jemand?“

Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen, dann erfaßte der zitternde Lichtkegel plötzlich ein dunkles Etwas, das keine fünf Schritte entfernt auf dem Schwemmsand lag. Das Licht streifte über ein helles Sommerkleid, das sich flatternd im Nachtwind bewegte. Die Wellen spülten gierig darüber hin. Erschreckt kam Konstabler Ossian näher. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Verblüfft starrte er in ein auf den ersten Blick hübsches Gesicht, das schwere, nasse Flechten umrahmten. Der Wassergischt trug blutigen Schaum, die Brust der Frauensperson war von einer tiefen Wunde aufgerissen. Die Kleidung hing zerfetzt und blutbefleckt an ihr nieder. Das Gesicht war wächsern und leblos. Die Augen starrten gebrochen in den Nebeldunst.

Konstabler Ossian machte noch einen letzten Schritt auf das Opfer zu. Zu seinen Füßen erklang ein spitzer, metallischer Ton. Als er sich niederbückte, blitzte die stählerne Klinge eines Dolches im Schein der Lampe auf. Der Griff bestand aus breitem, schlangenförmig ziseliertem Metall. Die Spitze hatte sich halb in den feuchten Sand gebohrt An der Klinge haftete rötliches Blut. Konstabler Ossian wußte vor Aufregung nicht, was er zuerst tun sollte. Seine Gedanken jagten wie ein aufgescheuchter Mückenschwarm durcheinander. Es waren der Mörder und sein Opfer, die vorhin an mir vorbeiwanderten, schoß es ihm durch den Kopf. Ich hätte ihnen folgen sollen. Vielleicht hätte ich dann das Mädchen noch retten können. Vielleicht säße dann der Mörder jetzt bereits hinter Schloß und Riegel. Und ein gewisser Konstabler Ossian wäre schon morgen Sergeant und müßte in Zukunft nicht mehr auf Streife ziehen. In der nächsten Sekunde allerdings verscheuchte er diese egoistischen Gedanken. Er leuchtete das Gesicht der Toten ab. Es war ein bleiches, ehemals schönes, nun verfallenes Gesicht, in das der gewaltsame Tod unauslöschliche Spuren gegraben hatte. Die junge Dame mochte nach flüchtiger Schätzung etwa fünfundzwanzig Jahre zählen. Sie entstammte sicher einem erstklassigen Hause. Die teure Krokodiltasche, die modischen Schuhe, die blitzenden Ringe an den starren Fingern bestätigten diese Vermutung. Der Inhalt der geöffneten Tasche lag auf dem Boden verstreut. Eine Geldbörse oder lose Geldscheine waren nicht zu sehen.

Konstabler Ossian ließ alles unberührt. Ich muß sofort Inspektor Holly Meldung machen, ermahnte er sich selbst in fieberhafter Erregung. Der Chef wird Augen und Ohren aufsperren. Vielleicht findet er hier eine brauchbare Spur. Auf jeden Fall muß er die Beleidigung zurücknehmen, daß ich nachts auf Streife immer schlafe. Bereits eine knappe halbe Stunde später erstattete Konstabler Ossian im Präsidium mit hochrotem Kopf und flackernder Stimme seine Meldung. Und schon wenige Minuten danach war die Mordkommission am einsamen Oststrand von Aberdeen versammelt.

„Das haben Sie gut gemacht, Ossian“, lobte Inspektor Holly. „Der Mord liegt etwas länger als eine Stunde zurück. Die Spuren sind noch warm. Halten Sie die Daumen, daß wir endlich ein bißchen Glück haben.“

Die Spurensicherer nahmen unverzüglich ihre Arbeit auf. Der Polizeiarzt konnte nichts anderes feststellen, als daß der Tod einwandfrei durch einen brutalen Dolchstich in die Herzgegend hervorgerufen wurde. Aus der Beschaffenheit der Waffe ließ sich folgern, daß man es mit dem unbekannten Mörder zu tun hatte, dessen Steckbrief erst in den heutigen Abendstunden erlassen worden war. Nachdem die Photographen ihre Arbeit beendet hatten, hob Inspektor Holly hastig die Tasche auf. Ihr Inhalt interessierte ihn am meisten. Er hoffte eine Spur zu finden, irgendeine Fährte, die geradeswegs izu dem satanischen Mörder führte. Doch seine Hoffnung sank ziemlich rasch. Alles, was er fand, war kosmetischer Kleinkram, wie ihn jede Frau mit sich herumschleppt: ein Lippenstift, eine Puderdose, ein Manikureetui und ein Fläschchen Parfüm. Dann noch ein Taschentuch, ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug. Aber kein Brief, kein Paß, kein Ausweis. Überhaupt keinerlei Schriftstücke. Auch kein Geld. Nicht die kleinste Münze!

„Raubmord“, murmelte Inspektor Holly leise. „Also auch diesmal Raubmord! Mich wundert nur, daß der Täter die kostbaren Ringe nicht mitgenommen hat. Wahrscheinlich ist er zu vorsichtig. Er will sich mit den Schmuckstücken seiner Opfer nicht belasten und nimmt nur das Bargeld an sich.“

Inspektor Holly wollte die Tasche schon aus der Hand legen, da machte er plötzlich im Innenfutter einen außerordentlich wichtigen Fund. Er entdeckte, halb verborgen zwischen Seide und Wildleder, eine Garderobenmarke der Pinguinbar, eines berüchtigten Hafenlokals, das seit einem halben Jahr seine Pforten am Heston Grove in Aberdeen geöffnet hielt. Die Marke trug das Datum des gestrigen Tages.

„Das ist die Spur, die ich brauche“, rief der Inspektor triumphierend. „Auf einen solchen Fingerzeig habe ich lange gewartet. Kommen Sie, Ossian! Wir wollen das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist. Das hier können die anderen allein erledigen.“

Konstabler Ossian folgte seinem Vorgesetzten mit brennendem Eifer. „Wohin, Sir?“ fragte er gespannt, als sie ein paar Minuten später in den blauen Dienstwagen stiegen. „Sicher fahren wir sofort in die Pinguinbar, nicht wahr?“ „No“, sagte Inspektor Holly trocken und deutete auf die Filmkassette, die er den Photographen abgenommen hatte. „Erst brauchen wir ein Bild der Toten. Wenn wir Glück haben, ist es in zwanzig Minuten fertig.“

Sie bekamen zwei gutgelungene Abzüge bereits nach einer Viertelstunde. Das bleiche Gesicht der Unbekannten wirkte weder entstellt noch verzerrt. Sie sah aus, als ob sie schliefe. Die Beamten im Präsidium hatte ihr die Augen geschlossen und die nassen Haarsträhnen zurückgekämmt. So war ein Bild entstanden, das nirgends Befremden oder gar Entsetzen auslösen konnte.

„All right!“ murmelte Inspektor Holly befriedigt. „Nun fahren wir in die Pinguinbar, Konstabler. Irgend jemand dort wird die Tote sicher kennen. Glauben Sie nicht auch?“

Konstabler Ossian starrte ungeduldig durch die Windschutzscheibe. Ihm war zumute wie einem Spürhund, der endlich auf eine frische Fährte gesetzt ist. In heißer Erregung fieberte er den kommenden Ereignissen entgegen. Nun endlich konnte auch er einmal zeigen, was in ihm steckte! Und er war fest entschlossen, seine ganze Geschicklichkeit und Intelligenz unter Beweis zu stellen. Am Heston Grove, zwischen schwarzen Mauern und farbigen Anschlagsäulen, stellte Inspektor Holly seinen Wagen ab. Zur Linken lag die Pinguinbar. Sie war in einem Gebäude untergebracht, das schon die Zeiten der Stuarts erlebt haben mußte. Die Mauern waren brüchig von Wind und Regen; die Fensterläden hatten längst ihre letzte Farbe verloren. Durch die bunten Vorhänge der zahlreichen Fenster fiel matter Lichtschein. Man hörte gedämpfte Musikklänge und ab und zu das schrille Kichern eines ausgelassenen Frauenzimmers.

„Daß diese Unbekannte kein anderes Lokal gefunden hat“, murmelte Konstabler Ossian kopfschüttelnd. „Ihrer Erscheinung nach hätte sie doch viel eher in das Cafe Bristol gehört. Was hatte sie denn hier zwischen Schleppern und Hafenmädchen zu suchen?“

„Vielleicht wollte sie ‘was erleben“, meinte Inspektor Holly wortkarg. „Manche Frauen glauben ständig, sie würden was versäumen. Und wenn sie dann endlich das große Abenteuer gefunden haben, so erweist es sich als weniger wert, denn der Dreck auf den Straßen.“

Sie traten in das schummerige Lokal und verzogen gequält die Gesichter, als ihnen der Musikautomat die sentimentalsten Schnulzen entgegenplärrte. Über der Theke hing ein ausgestopfter Pinguin, der vor lauter Qualm kaum zu erkennen war. In den Polsternischen drängten sich junge Pärchen und lüsterne Lebemänner. Dazwischen Strichmädchen und Abstauber beiderlei Geschlechts.

„Pfui Teufel“, sagte Konstabler Ossian mit ehrlichem Abscheu. „Hier möchte ich noch nicht ‘mal einen Schoppen trinken.“

„Sie werden es aber doch tun müssen“, brummte Inspektor Holly mit unbewegtem Gesicht. „Los, bestellen Sie schon einen Drink! Die Polizeikasse wird Ihnen die Spesen vergüten.“ Sie bestellten sich einen Manhattan und luden die vollbusige Bedienung zu einem Gläschen ein. Sie redeten mit ihr über das Wetter und die teuren Preise, und schließlich schob Inspektor Holly das Photo einer jungen Dame über den Tisch.

„War ein Gast von Ihnen“, sagte er leichthin. „Sicher kennen Sie das Mädchen?“

Die Bedienung nahm den Abzug in die Hand und legte ihn gleich wieder zur Seite.

„Natürlich“, erwiderte sie ohne jeden Argwohn. „Die Dame ist sogar Stammgast bei uns. Sie war erst heute Abend wieder hier.“

„Heute Abend?“ fragte Konstabler Ossian mit hervorquellenden Augen. „Das ist doch kaum möglich. Wir fanden...“

Inspektor Holly gab ihm einen derben Stoß in die Seite, um sich sofort wieder der Kellnerin zuzuwenden.

„Wie heißt die Dame?“ erkundigte er sich kurz und bündig.

„Nora Tallis“, lächelte die Bedienung. „Ich interessierte mit von allem Anfang an für sie, weil sie so gute Trinkgelder gab. Es tut mir jetzt schon leid, wenn sie wieder abreist. Sie hält sich nur zwei Wochen in Aberdeen auf. Ihre Jacht liegt wegen Motorschadens im Hafen fest.“ Inspektor Holly wechselte einen raschen Blick mit seinem Konstabler. Dann zündete er sich hastig eine Zigarette an.

„Wissen Sie, wo die Dame wohnt?“ forschte er gespannt weiter.

Das Mädchen machte verwunderte Augen. „Auf dem Schiff natürlich, Sir. Wo sollte sie sonst wohnen?“

„Kam sie immer allein hierher?“

Jetzt, zum ersten Male, zögerte die Bedienung unschlüssig. Sie warf einen scheuen Blick durch die rauchige Barstube.

„Reden Sie!“ befahl Inspektor Holly schroff. „Wir sind von der Polizei, falls Sie das noch nicht gemerkt haben sollten. Kam diese Dame immer allein hierher?“

„No, Sir“, gestand die Bedienung stockend. „Ich habe sie ein paarmal mit einem Fremden gesehen. Sonst saß sie immer bei...“

„Bei wem? Reden Sie endlich!“

„Bei Dave Coogan, Sir.“

„Bei Dave Coogan?“ Inspektor Holly wußte sich vor Staunen nicht zu fassen. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Seine Blicke wurden lauernd und wachsam.

„Das ist doch eine Lüge“, stieß er rau hervor. „Dave Coogan ist ein kleiner Schnorrer, der insgesamt acht Jahre wegen Diebstahls und Einbruchs gesessen hat. Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, daß eine Dame wie Nora Tallis sich ausgerechnet in die Gesellschaft dieses Halunken begibt.“

„Es ist aber so, Sir“, stotterte das Mädchen eingeschüchtert. „Was ist denn überhaupt los mit der Dame? Warum nehmen Sie mich so scharf ins Verhör?“

Inspektor Holly ließ die Frage unbeantwortet. Aufmerksam betrachtete er die schäbige Bar.

Der übelste Abschaum des Hafenviertels gab sich hier ein Stelldichein. Alle Leisetreter und Buschklepper, die er schon zwischen den Fingern gehabt hatte, waren in dieser muffigen Bude versammelt.

„Wo ist Dave Coogan?“ fragte er plötzlich. „Haben Sie ihn heute schon gesehen?“

Die Bedienung nickte beklommen. „Ja, Sir. Er sitzt draußen im Nebenzimmer. Soll ich ihn rufen?“

„No, lassen Sie nur“, wehrte Holly ab. „Könnte sein, daß er dann stiften geht. Wir machen ihm lieber selbst einen Besuch.“

Die beiden Beamten tranken ihre Gläser aus und erhoben sich dann gleichzeitig von ihren Plätzen. Schnurstracks steuerten sie auf die Tür des Nebenzimmers zu. Konstabler Ossian drückte energisch die Klinke nieder und warf einen raschen Blick in den engen Nebenraum.

„Da sitzt er ja, Sir“, stieß er grinsend durch die Zähne. „Ich glaube, diese Nacht steht unter einem guten Stern!“

Dave Coogan kauerte schmal und blaß hinter einem langen Tisch. Sein Gesicht war ausgehöhlt und eingefallen. Die kleinen Augen liefen unstet hin und her.

Als er die Beamten entdeckte, raffte er hastig eine Tasche an sich und wollte eiligst das Weite suchen.

Aber Konstabler Ossian streckte schon seine kräftigen Arme dazwischen.

„Nichts da“, sagte er barsch. „Sie bleiben bei uns, Coogan. Haben eine Menge mit Ihnen zu reden.“

Sie führten den zappelnden Burschen in das Privatbüro des Barbesitzers und befahlen ihm, sich auf das Sofa niederzusetzen. Es schien ihnen nicht uninteressant, die Angst und Unruhe des kleinen Gauners zu beobachten.

„Ich denke, Sie sind wieder mal an der Reihe, Coogan“, drohte Inspektor Holly in dienstlicher Strenge. „Geben Sie Ihre Tasche her. Wollen ‘mal sehen, warum Sie sich eben so rasch verdrücken wollten.“

Dave Coogan äugte wie eine gefangene Ratte auf die beiden Männer.

„Ich bin unschuldig“, kreischte er hysterisch. „Ich habe mich seit der Entlassung aus dem Gefängnis tadellos geführt. Ich wollte hier nichts weiter, als in aller Ruhe einen Schnaps trinken.“

Inspektor Holly horchte nicht auf das törichte Gestammel. Er öffnete die Tasche und brachte mit triumphierender Miene eine ganze Serie raffinierter Einbruchswerkzeuge zum Vorschein. Dann klirrte plötzlich ein Dolch auf die Tischplatte nieder. Die einseitig geschliffene Waffe hatte einen breiten, schlangenförmig ziselierten Metallgriff.

„Donnerwetter!“ stammelte Inspektor Holly betroffen. „Das hätte ich denn doch nicht gedacht. Mit einer solchen Waffe wurden bisher schon vier Menschen ermordet. — Woher haben Sie das Ding, Coogan? Wenn Sie mich jetzt belügen, kann Sie keine Macht der Welt mehr vor dem Galgen retten!“

Dave Coogan rutschte gepeinigt auf dem Sofa hin und her. Er war bleich wie ein Leichentuch. Seine Lippen zuckten in nervöser Unruhe. „Ich belüge Sie nicht, Sir“, stöhnte er. „Ich bin wirklich unschuldig. Ich habe die Tasche nur für jemand in Verwahrung genommen. Ich sollte sie diesem Mann übermorgen Abend wieder übergeben.“

Inspektor Holly's Gesicht verzog sich zu einer eisigen Miene. „Ersparen Sie sich doch das alberne Märchen von dem großen Unbekannten, damit haben Sie bei uns kein Glück. Sie sind hinreichend verdächtig, Beihilfe zu vier schurkischen und hinterhältigen Raubmorden geleistet zu haben. — Legen Sie ihm die Handschellen an, Konstabler.“

Dave Coogan winselte wie ein getretener Hund. Er kämpfte verzweifelt um eine letzte Chance.

„Ich rede nicht von einem Unbekannten, Sir“, keuchte er mit brüchiger Stimme. „Der Mann heißt John Griffin und wohnt in einem Bourdinghouse am Western Dock. Ihm gehört die Tasche. Er hat sie mir heute Abend am Osthafen übergeben.“

„Wo?“ fragte Inspektor Holly rasch. Seine Augen suchten Konstabler Ossian. Sekundenlang schauten sie sich stumm an. Inspektor Holly setzte sein scharfes Verhör fort.

„Beschreiben Sie den Mann“, befahl er streng. „Wie sieht er aus? Woher stammt er?“

Der Gauner machte eine ratlose Handbewegung.

„Ich kann Ihnen nicht viel sagen“, murmelte er mit schrägen Blicken. „Der Mann stammt nicht aus Schottland, Sir. Ich glaube, er ist aus London nach Aberdeen gekommen. Er ist von durchschnittlicher Größe und sieht ganz harmlos und unauffällig aus. Dabei scheint er eine Menge Geld zu haben. Jedenfalls hat er mich für den kleinen Dienst anständig bezahlt.“

„Für welchen Dienst?“ forschte Holly wachsam.

„Das wissen Sie doch, Sir! Ich sollte nur die Tasche für ihn aufheben. Das war alles.“

„Kommen Sie!“ sagte der Inspektor. „Wir wollen uns den Schlupfwinkel dieses Herrn einmal genauer ansehen. Sie werden uns begleiten.“

Dagegen sträubte sich Dave Coogan mit Händen und Füßen. Seine Haare stellten sich steil in die Höhe; klebriger Schweiß rann ihm über das Gesicht. „Das kann ich doch nicht, Sir“, stotterte er furchtsam. „Wenn John Griff in erst merkt, daß ich ihn verzinkt habe, wird er mich noch heute Nacht in die Hölle schicken.“

„Falls er Gelegenheit dazu hat“, meinte Inspektor Holly spöttisch. „Kommen Sie, Coogan! Halten Sie uns nicht länger auf.“

Sie führten den Mann aus der Bar, drängten ihn auf den Rücksitz des Dienstwagens und brausten noch in der gleichen Minute ab. Es war nicht weit zum Western Dock. Der schnelle Wagen schaffte die kurze Strecke in vier Minuten. Dichter Nebel lagerte über dem Hafenviertel. Ruß und Dunst vermischten sich zu einem undurchdringlichen Brodem. Schäbig und verwahrlost tauchte das Bourdinghouse aus den grauen Schwaden. Die schmalen Fenster glotzten fast alle dunkel in die Finsternis. Über dem Eingang brannte eine blaue Lampe.

„Aussteigen!“ befahl Inspektor Holly ungeduldig. „Worauf warten Sie denn noch, Coogan?

Jetzt wird sich beweisen, ob Sie uns die Wahrheit erzählt haben.“

Sie mußten Dave Coogan stoßen, zerren und schieben, bis sie ihn endlich am Portal des schäbigen Hotels hatten. Konstabler Ossian stieß ihn grob zur Empfangsloge hin.

Der Pförtner machte verwunderte Augen. „Was ist denn los?“ fragte er bestürzt. „Was hat denn dieser seltsame Aufzug zu bedeuten?“ „Kriminalpolizei!“ schnarrte der Inspektor kurz. „Ich hoffe, daß Sie uns keine Schwierigkeiten machen werden, lieber Freund. Wohnt bei Ihnen ein gewisser John Griff in?“

Der Portier fuhr nervös in die Höhe. „John Griffin“, sprudelte er hervor, „wohnt seit vier Wochen in unserem Hause. Hat er etwas ausgefressen, Sir? Ich würde ihm sofort jede Schlechtigkeit Zutrauen. Ein Mann, der keine Nacht zu Hause ist und nur tagsüber schläft, ist doch irgendwie verdächtig, nicht wahr?“ Inspektor Holly ließ sich in keine lange Unterhaltung ein. Er legte ein Photo auf den Tisch.

„Diese Dame heißt Nora Tallis“, erläuterte er. „Schauen Sie sich das Bild an. Haben Sie die Frau schon zusammen mit John Griff in gesehen?“

Der Pförtner nahm hastig das Photo in die zitternden Hände. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf das bleiche Antlitz der Toten. „In der Tat, Sir“, stotterte er dann aufgeregt. „Diese Dame hat John Griffin mehrmals auf seinem Zimmer besucht. Ich wunderte mich noch, daß sie sich mit einem solchen Burschen abgab. Sie blieb oft halbe Nächte lang oben bei ihm.“ Erschreckt unterbrach er sich; erst jetzt merkte er, daß er in seinem Eifer, der in Hotels dieser Kategorie ohnehin gefürchteten Polizei dienlich zu sein, zu weit gegangen war. Da kam auch schon die Frage des Inspektors:

„Warum dulden Sie das?“

„Mein Gott, Sir!“ Der Portier wandte sich wie ein Aal. „Natürlich weiß ich, daß das behördlicherseits verboten ist, aber“ — er zuckte mit den Achseln und rieb sich verlegen die Hände — „was sollen wir machen? Wir haben hier ein drittklassiges Haus in einer verrufenen Gegend. Überdies sind wir auf jeden einzelnen Gast angewiesen. Man muß oft beide Augen zudrücken, um den Leuten nicht vor den Kopf zu stoßen.“ Holly verzichtete auf eine Erwiderung zu diesem Thema. Er kannte die Geschäftspraktiken derartiger Etablissements gut genug, um zu wissen, daß sich der Hauptverdienst ihrer Besitzer gerade auf das Zudrücken beider Augen gründete. Leider konnte man ihnen ihr ungesetzliches Tim nur in den seltensten Fällen beweisen. Im Moment jedenfalls beherrschten ihn andere, wichtigere Sorgen. So knurrte er bloß: „Führen Sie uns zum Zimmer John Griffins. Wenn ich Sie recht verstand, ist er doch nicht zu Hause, wie?“

„Stimmt, Sir! Er wird auch heute erst wieder gegen Morgen kommen. Bitte, folgen Sie mir! Es geht drei Treppen hoch.“

Der Portier nahm einen Schlüssel vom Wandbrett und ging langsam voraus. Die Stiege war eng und ausgetreten. Das Geländer ächzte in allen Fugen. Eine nackte Glühbirne erhellte dürftig den beschwerlichen Weg. „Hier ist das Zimmer, Inspektor! Soll ich aufschließen?“

„Natürlich! Aber machen Sie bitte kein Licht! Wir wollen John Griffin nicht vorzeitig warnen. Sie werden mit keiner Silbe unseren Besuch erwähnen, wenn er zurückkommt. Verstanden?“ „All right, Sir“, dienerte der Portier. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Ja. Sperren Sie die Tür von außen ab. Hängen Sie den Schlüssel ans Wandbrett zurück. Das ist alles.“

Während sich der Schlüssel rasselnd im Schloß drehte, ließ Inspektor Holly den dünnen Strahl seiner abgeblendeten Lampe durch das finstere Zimmer wandern.

Er sah ein einfaches Metallbett, einen Diwan, einen kastenförmigen Schrank und einen Tisch mit vier Stühlen. Auf einem schmalen Sims stand eine gerahmte Photographie von Nora Tallis. Verliebt und mit versteckter Leidenschaft blickte sie dem Betrachter entgegen.

„Ich glaube, wir sind auf der richtigen Fährte“, murmelte Inspektor Holly zuversichtlich. „Wenn John Griff in tatsächlich der gesuchte Mörder ist, haben Sie bei uns einen gewaltigen Stein im Brett, Coogan.“

„Was nützt mir das“, ächzte Dave Coogan. „Ich werde den Sonnenaufgang nicht mehr erleben. Ich kenne John Griffin besser als Sie. Er wird einen Zinker nicht schonen. Er wird mich —“

„Schweigen Sie jetzt“, sagte Inspektor Holly gedämpft. „Ich möchte keinen Ton mehr hören. Wenn Sie nicht endlich Ihre Klappe halten, muß ich annehmen, daß Sie John Griff in absichtlich warnen wollen.“

Es wurde still im Zimmer. Der Lichtstrahl der Lampe erlosch. Schwarze Finsternis breitete sich aus. Dann und wann war ein leises Scharren zu vernehmen, wenn Konstabler Ossian ungeduldig auf dem Stuhl rückte. Dazwischen klang der pfeifende Atem Dave Coogans auf. Er schnaufte hastig und unregelmäßig. Eine heiße Angst schien ihm den Brustkorb zusammenzupressen.

„Ich halte das nicht aus“, flüsterte er zwischen den Zähnen. „Meine Nerven halten das nicht aus, Sir! Ich werde verrückt, wenn nicht endlich etwas geschieht!“

Aber es geschah nichts. Ihre Geduld wurde einer unendlichen Zerreißprobe ausgesetzt. Die Stunden schlichen träge dahin. Sie dehnten sich zu Ewigkeiten.

Immer wieder blickte Konstabler Ossian auf seine Uhr. Nach seiner Schätzung hätte es längst Morgen sein müssen. Aber das Leuchtzifferblatt zeigte erst die dritte Morgenstunde an.

„Jetzt!“ zischte Inspektor Holly plötzlich. „Ich glaube, es ist soweit. Da kommt jemand die Treppe herauf.“

Sie horchten alle drei mit angehaltenem Atem. Deutlich konnten sie das Ächzen der Stufen hören. Das Geländer knackte fast in jeder Sekunde. Leichte Schritte schlichen die Stufen herauf. Zwei, drei Sekunden später scharrte ein Schlüssel am Türbeschlag. Leise drehte er sich im Schloß. Die Tür öffnete sich. Eine Hand tastete über die Mauerwand. Aber noch ehe diese Hand den Lichtschalter fand, knipste Inspektor Holly seine Lampe an. Diesmal war sie nicht abgeblendet. Grell und scharf stach der Lichtkegel in die Finsternis, erhellte eini starres, jäh erbleichtes! Gesicht, spiegelte sich in einem Paar entsetzter Augen.

„Hands up!“ rief Holly schneidend. „Machen Sie keine Dummheiten, Griffin! Nehmen Sie die Hände hoch!“

Die Erstarrung John Griff ins währte nur wenige Bruchteile einer Sekunde. Dann hatte er sich wieder gefaßt. Er setzte alles auf eine Karte. Blitzschnell warf er die Tür hinter sich zu, jagte über den Korridor und stürmte wie ein Irrer die Treppe hinunter. Konstabler Ossian nahm unverzüglich die Verfolgung auf. Drei, vier Schüsse donnerten durch das Stiegenhaus. Laut hallend rollte das Echo durch die stillen Flure.

Aber der Erfolg der ganzen Schießerei blieb gleich Null. Wohl folgte Ossian dem Verbrecher über den winzigen Hof hinaus in das Labyrinth der engen, dunken Gassen, doch bis seine Trillerpfeife die unterwegs befindlichen Streifenbeamten des Reviers zur Verstärkung herbeigerufen hatte, waren die Schritte des Flüchtenden plötzlich verstummt. Irgendein Loch von diesen ineinander verschachtelten Löchern mußte ihn verschluckt haben. Ihn jetzt suchen, ihn hier finden? Aussichtslos!

Entmutigt und niedergeschlagen kehrte der Konstabler in das Hotel zurück.

„Er ist durch die Hintertür entwischt“, berichtete er enttäuscht. „Wir waren zu langsam, Sir! Bei einem solchen Burschen muß man vom ersten Augenblick an den Finger am Abzug der Pistole haben.“

„Was nun?“ ächzte Dave Coogan mit schwankender Stimme. „Was wird mm mit mir geschehen, Inspektor? Ich habe die Pleite geahnt. Von dieser Stunde an bin ich keinen Augenblick mehr meines Lebens sicher.“

„Unsinn!“ sagte Inspektor Holly ärgerlich. „John Griffin hat Sie doch gar nicht erkannt. Er wird keinerlei Verdacht gegen Sie hegen.“

Die Worte waren gut gemeint. Aber Dave Coogan ließ sich nicht trösten. Er jammerte fortwährend vor sich hin. Seine Zähne schlugen wie im Schüttelfrost aufeinander.

„Nun reißen Sie sich doch endlich zusammen“, polterte Inspektor Holly gereizt. „Lassen Sie einmal vernünftig mit sich reden. Wann sollten Sie die Tasche an John Griffin zurückgeben?“

„Übermorgen Abend, Sir. Um acht Uhr!“

„All right! Und wo wollten Sie sich mit John Griffin treffen?“

„In meiner Wohnung am Heston Grove. Sie ist nur ein paar Schritte von der Pinguinbar entfernt.“

„Ich weiß“, murmelte Inspektor Holly geistesabwesend. „Ich kenne die Bude. Sie besteht nur aus zwei Kammern, wie?“

„Ja, Sir! Sie war früher mal eine Garage. Jetzt wohne ich fast acht Jahre ...“

„Wenn Sie nicht gerade im Gefängnis saßen“, fügte Konstabler Ossian grinsend hinzu.

Inspektor Holly schnitt mit einer raschen Handbewegung die Debatte ab. „Wir werden Ihre Behausung von dieser Stunde an keine Sekunde aus den Augen lassen. Sie können sich völlig sicher fühlen. Übermorgen Abend um acht Uhr werden wir zuschlagen. Ich bin überzeugt, daß John Griffin dann endlich in die Falle gehen wird.“

„Ich wollte, Sie hätten recht“, seufzte Dave Coogan in einer düsteren Ahnung.

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Der übernächste Tag war trübe und regnerisch. Es wurde überhaupt nicht richtig hell auf den Straßen. Die grauen Regenschnüre hüllten die Stunden in trostlose Dämmerung. Dave Coogan saß am Fenster seiner muffigen Wohnkammer und starrte beklommen auf die Straße hinaus. Ihm war hundeelend zumute. In jedem Passanten, der draußen auf dem Gehsteig vorüberging, witterte er einen erbarmungslosen Mörder. Bei jedem Schritt, der sich dem Haus näherte, zuckte er erschreckt zusammen. Er befand sich ganz allein in der ehemaligen Garage. Kein Mensch, der ein ermunterndes Wort zu ihm gesprochen hätte. Niemand, der ihm Gesellschaft geleistet hätte. Obwohl er genau wußte, daß sein Haus ständig unter scharfer Kontrolle lag, fühlte er sich nicht getröstet. Er zitterte vor Angst. Seine Nerven waren völlig durcheinander. Sein ganzes Gemüt beugte sich hemmungslos verdüstert unter der Qual der schier endlosen Wartezeit. Dabei brauchte er nur ein Fenster zu öffnen, um sich davon zu überzeugen, daß Inspektor Holly anscheinend ganze Arbeit geleistet hatte. Zwei Detektive verbargen sich unauffällig in einem Obstladen und einem Zeitungsstand. Zwei andere besserten ein Firmenschild auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Inspektor Holly selbst hatte sein Quartier in einer Privatwohnung bezogen, die in unmittelbarer Nähe der ausgebauten Garage lag. So konnte eigentlich nichts schief gehen. Nach menschlichem Ermessen mußte John Griffin völlig ahnungslos in die Falle gehen. Aber merkwürdigerweise wollte Dave Coogan nicht daran glauben. Er hielt John Griffin für unüberwindlich. Ja, er glaubte fast, daß er mit übermenschlichen Kräften ausgestattet sei. Schon, wenn er den gefürchteten Namen leise vor sich hin flüsterte, rannen eisige Schauer über seine Haut. Wenn doch endlich der Abend käme, dachte er zermürbt. Wenn nur diese entsetzliche Stunde schon vorüber wäre. Ich könnte mich dann in eine Kneipe setzen und diese lähmende Angst mit einem Schnaps hinunterspülen. Ich wäre der glücklichste Mensch in ganz Aberdeen, wenn John Griffin bereits hinter Schloß und Riegel säße. Doch das werde ich sicher nie erleben. Über die Dächer der verwahrlosten Straße senkte sich die Dämmerung. Es wurde Abend. Die ersten Laternen flammten auf. Matt spiegelte sich ihr Licht in den großen Wasserpfützen.

Noch eine Stunde, grübelte Dave Coogan nervös. Noch sechzig Minuten. Dann wird John Griffin vor diesem Fenster auftauchen. Sicher hat er jetzt bereits meinen Tod beschlossen. Er wird genau wissen, wer ihm die Polizei ins Bourdinghouse schickte.

Ein leises Geräusch in der hinteren Kammer ließ Dave Coogan jäh herumfahren. Aus seinem verzerrten Gesicht wich alle Farbe. Zitternd hielt er sich an der Mauerwand fest.

„Wer ist da?“ rief er furchtsam. „Hallo, ist da jemand?“ Er fühlte sich unfähig, einen Schritt zu tun. Aus weit aufgerissenen Augen stierte er auf die halbgeöffnete Verbindungstür. Er hörte einen tastenden Schritt, ein leises, ersticktes Lachen. Im nächsten Augenblick tauchte das: undurchdringliche Gesicht John Griffins aus dem Dämmerlicht. Zwei kalte, stechende Augen blickten wachsam und lauernd durch das öde Zimmer. Dave Coogan starrte seinen Besucher an, als sähe er ein Gespenst. „Wie sind Sie denn in das Haus gekommen?“ fragte er lallend. „Ich dachte, Sie würden wie immer von der Straße her...“

„Das ging leider nicht“, sagte John Griffin mit harter Stimme. „Auf der Straße hätte mich die Polizei erwartet. Ich sollte ahnungslos in die Falle gehen, nicht wahr? Das war doch Ihre Absicht, wie? Warum hätten Sie sonst die Bobbies zu Hilfe gerufen?“

„Das habe ich nicht getan“, würgte Coogan mühsam hervor. „Ich habe Sie bestimmt nicht verraten. Ich habe keine Silbe von unserer...“

Er brach erschreckt ab. Seine Augen hefteten sich auf John Griff in, der wie ein geschmeidiges Raubtier näher kam. Seine Schritte verursachten nicht das geringste Geräusch. Er ging wie auf Katzenpfoten. Langsam streckte er die Hände vor.

„Ich habe doch nichts getan“, stammelte Dave Coogan in wahnsinniger Angst. „Sie verdächtigen mich zu Unrecht. Hier ist Ihre Tasche. Ich habe sie nicht angerührt.“

Sein Gestammel war völlig sinnlos. Er wußte es. Und dennoch sprudelten seine Worte immer weiter. Er lallte wie ein Irrer. Er war kaum noch bei klarer Besinnung. Seine Gedanken irrten gehetzt auf und ab. Ich muß das Fenster aufreißen, dachte er verzweifelt. Die Polizei ahnt nichts davon, daß ein Mörder bei mir im Zimmer ist. Ich muß sie alarmieren! Ich muß laut um Hilfe schreien! Noch jetzt, in dieser Sekunde, ehe es zu spät ist! Das alles wollte er tun. Aber er kam nicht dazu. Seine Glieder waren wie gelähmt. Sein hilfloses Gestammel riß unvermittelt ab. Er brachte keinen Ton mehr über die Lippen. In panischem Entsetzen spürte er die eiserne Umklammerung zweier harter Hände. Er konnte sich nicht mehr aus dieser Fessel befreien. Er war schon halb ohnmächtig, als ihm ein glühender Stich zwischen die Rippen fuhr. Seine Brust riß auf unter tausendfachen Schmerzen. Wie höllisches Gift fraß sich der tödliche Stich in ihn hinein. Der Tod trat noch in der gleichen Sekunde ein. Für Dave Coogan hatte er keine Schrecken mehr. Die Angst, die Qualen, die Folter waren für immer vorüber. Zwanzig Minuten nach acht Uhr verließ Inspektor Holly seinen Posten und eilte mit hastigen Schritten die Straße hinunter, bis er auf Konstabler Ossian traf.

„Kommen Sie“, raunte er hastig. „Irgend etwas stimmt da nicht. Entweder hat uns Dave Coogan belogen oder John Griff in hat Lunte gerochen. Wir scheinen wieder einmal Pech zu haben.“

Konstabler Ossian nickte mit hölzernem Gesicht. Er schloß sich dem Inspektor an und ging mit ihm auf die ehemalige Garage zu.

Die regennasse Straße lag noch immer leer und einsam. Nirgends war ein verdächtiger Passant zu sehen. Von John Griffin keine Spur. Inspektor Holly schaute mißmutig zu dem Haus Dave Coogans hinüber. „Warum macht er denn kein Licht?“ meinte er kopfschüttelnd. „Es muß doch stockfinster in der Bude sein.“

„Das finde ich auch seltsam“, sagte Konstabler Ossian mißtrauisch. „Bisher schlotterte er vor Angst wie ein altes Weib. Und jetzt auf einmal erträgt er die Finsternis tapfer wie ein bewährter Frontsoldat. Ich sage Ihnen, Sir, da ist irgend etwas faul. Wollen wir nicht mal nachsehen?“

„Ein paar Minuten geben wir noch zu“, entschied Inspektor Holly zögernd. „Wenn wir erst ‘mal in der Wohnung sind, haben wir John Griffin gegenüber keine Chance mehr. Sicher wittert er die Gefahr auf ein paar Meilen Entfernung. Er wird sich aus dem Staub machen, noch ehe wir ihn zu Gesicht bekommen.“

Die Minuten verstrichen. Es geschah nichts. Kein Mensch näherte sich dem einsamen Haus.

„Also los“, raffte sich Inspektor Holly schließlich auf. „Es hat keinen Sinn, noch länger abzuwarten.“

Sie überquerten die Straße und pochten an das Fenster. Die Scheiben klirrten hell und schrill. In der finsteren Stube selbst rührte sich kein Laut. Sie wirkte leer und ausgestorben.

„Nanu?“ murmelte Inspektor Holly verblüfft. „Die Sache wird immer rätselhafter.“

Er hämmerte gegen die Haustür, und als er auch dann noch keine Antwort bekam, brach er kurzentschlossen das morsche Schloß auf. Mit entsicherter Pistole drang er in das finstere Haus ein. Die Tür zur Wohnkammer stand halb offen. Es roch nach Moder und fauligen Kleidern. Dumpf preßte sich die eingeschlossene Luft auf die Lungen.

„Machen Sie doch endlich Licht, Sir“, flüsterte Ossian beklommen. „Hier sieht man ja keine Hand vor den Augen. Es ist finster wie in einem Kuhmagen.“

Der Inspektor suchte mit tastenden Händen nach dem Lichtschalter. Eine Sekunde später wurde es hell. Unter einem grünlichen Lampenschirm flammte die Birne auf. Ihr blasses Licht kroch langsam in die dunklen Ecken.

„Mein Gott, Sir!“ stieß Konstabler Ossian erschüttert hervor. „Wir kommen wieder zu spät. Dieser Satan ist uns stets ein paar Längen voraus.“

„Er verurteilt uns zur Lächerlichkeit“, erwiderte der Vorgesetzte deprimiert. „Er will uns beweisen, daß wir unfähige Dummköpfe sind. Deshalb läßt er auch seine Mordwaffe am Tatort liegen. Hier, sehen Sie sich doch den Dolch an! Es ist immer das gleiche, widerliche Schauspiel.“

Der Konstabler machte ein paar zaudernde Schritte in die Stube hinein. Vor dem verkrümmten Körper Dave Coogans blieb er stehen. Stumm blickte er auf das entstellte Totenantlitz nieder. Er hatte denselben Ausdruck der Todesangst und des eingefrorenen Entsetzens schon einmal gesehen: vor ein paar Tagen, als er Nora Tallis an dem einsamen Strand beim Osthafen auffand. Hier war der gleiche Mörder am Werk gewesen. Die Brust des Toten war in einer einzigen, fürchterlichen Wunde aufgerissen, die Kleidung die Hände, der Hals, das Gesicht blutverkrustet. Die Augen traten leer und tot aus den Höhlen. Ein erbarmungswürdiger Anblick.

„Er hat seinen Tod vorausgeahnt“, sagte Konstabler Ossian dumpf. „Er zweifelte von vornherein an unserer Hilfe. Und er hat recht behalten, Sir! Wir reagierten viel langsamer als der Mörder, denn wir konnten dieses neuerliche Verbrechen nicht verhindern.“

Inspektor Holly nickte mit finsterem Gesicht. „Das Schlimmste ist“, meinte er gedehnt, „daß wir nun wieder ganz von vorn anfangen müssen. Wir haben die Fährte verloren, verstehen Sie? Es gibt keinen direkten Weg mehr, der zu John Griffin führt!“

Ossian wiegte sorgenvoll das Haupt.

„Wir werden einen mächtigen Rüffel bekommen, Sir“, erwiderte er niedergeschlagen. „Vorerst ist es aus mit der Beförderung. Ich werde wahrscheinlich noch jahrelang Konstabler bleiben.“

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Am nächsten Vormittag entlud sich tatsächlich ein furchtbares Unwetter über den Köpfen Inspektor Holly's und seines Konstablers. Sie saßen danach mit brennendroten Köpfen im Abteilungsbüro beisammen und brüteten verbissen vor sich hin. Die dicken Akten lagen geschlossen vor ihnen. Sie rührten keinen Finger. Es dünkte ihnen völlig sinnlos, einem Phantom nachzujagen, das nirgends wirklich verwendbare Spuren hinterließ und sich immer wieder in ein Nichts auflöste. Die am Tatort jeweils zurückgelassenen Dolche entstammten vermutlich einem Einbruch in ein Coventryer Metallwaren- und Waffengeschäft, der bis dato noch als ungeklärt galt. Das Aussehen des Mörders? Ja, weder die Beschreibung Coogans noch die Angaben des Portiers hatten etwas Typisches enthalten, und selbst Holly und sein Untergebener mußten sich eingestehen, daß sie sich nicht an Einzelheiten zu erinnern vermochten.

„Wir haben den Mann zwar einmal gesehen“, sagte Konstabler Ossian grübelnd, „aber ich könnte ihn trotzdem nicht beschreiben. Geht es Ihnen auch so, Sir?“

„Genauso“, bestätigte Inspektor Holly verbittert. „Wir wissen von diesem Schurken nichts als den Namen. Und der ist sicher falsch. Kein Mensch weiß, woher John Griff in gekommen ist. Wir haben nicht einmal eine Ahnung, ob er sich noch in Aberdeen aufhält. Ich halte es für wahrscheinlich, daß er sich noch in der Nacht aus dem Staube machte.“

„Ich wollte, es wäre so“, meinte der Konstabler bedrückt. „Dann hätten wir in Zukunft wieder unsere Ruhe. Möchte nicht gern noch einmal ein solches Donnerwetter erleben.“

Sie beurteilten ihre Lage hoffnungslos. Dabei bestand eigentlich gar kein Grund für eine derartige Niedergeschlagenheit. Denn schon die nächste Stunde sollte eine entscheidende Wendung bringen. Sie tauchte in Gestalt eines schmierigen Kaschemmenwirtes namens Samuel Humber auf. Der kleine Mann mit dem narbigen Gesicht und dem struppigen Borstenhaar kam scheu und linkisch in das große Dienstzimmer herein. Die Augen schielten schräg und unstet auf die beiden Beamten.

„Na, das ist aber eine Überraschung“, begrüßte ihn Inspektor Holly spöttisch. „Seit wann kommen Sie denn freiwillig zur Polizei, Mr. Humber? Ist etwas passiert in Ihrem Absteigequartier? Hat eines der billigen Mädchen nicht rechtzeitig seine Miete bezahlt? Oder ist einer der feinen ,Herrn“ mit dem Bettzeug durchgebrannt?“

„Ich weiß“, erwiderte Samuel Huber mit schiefem Lächeln, „mein Haus steht in keinem guten Ruf bei der Polizei. Es stimmt auch, daß die Paare nicht alle verheiratet sind, die bei mir übernachten. Aber was soll man tun, Sir? Es wird eben viel gesündigt in dieser Welt.“

„Kommen Sie zur Sache“, drängte Inspektor Holly ungeduldig. „Was haben Sie vorzubringen?“

Samuel Humber machte erst noch eine lange Kunstpause, bevor er endlich einen Anfang fand.

„Da hat sich ein Mann bei mir eingemietet“, brummelte er, „der mir ziemlich verdächtig erscheint, Sir! Erstens einmal kam er mitten in der Nacht ohne jedes Gepäck, und zweitens zahlte er mir für das schäbigste Zimmer einen unerhörten Preis ...“

„Weiter!“ sagte Inspektor Holly nervös. „Daran ist noch nichts Außergewöhnliches. Wie geht die Sache weiter?“

„Der Mann wollte von mir unbedingt einen abgetragenen Anzug kaufen“, erzählte Samuel Humber trocken weiter. „Ich gab ihm den jämmerlichsten Rupfen, den ich in meinem Hause auftreiben konnte. Auch dafür zahlte er eine unerhörte Summe.“

„Menschenskind, machen Sie doch etwas rascher“, unterbrach ihn Holly. „Man wird ja verrückt bei Ihrem Gefasel. Was geschah nun mit dem Mann?“

„Er verließ mein Hotel im frühen Morgengrauen und ließ seinen eigenen Anzug im Schrank hängen. Natürlich war ich neugierig, Sir! Wollte mal sehen, welch merkwürdigen Gast ich da beherberge. Ich schnüffelte während seiner Abwesenheit das Zimmer durch und fand im Anzug eine Photographie. Es war das Bild jener Dame, das vor ein paar Tagen in allen Zeitungen veröffentlicht wurde. Wenn ich mich recht erinnere, hieß die Frau Nora Tallis. Sie wurde meines Wissens am Strand beim Osthafen ermordet. Das Photo ist...“

„Fanden Sie sonst noch etwas?“

„Ja“, erwiderte Samuel Humber lebhaft. „Ich fand unter dem Bett versteckt eine einfache Ledertasche. Als ich sie öffnete, fielen mir zahlreiche Einbruchswerkzeuge in die Hände. Und ein Dolch, Sir, ein Dolch mit breitem, schlangenförmig ziseliertem Metallgriff . . .“

Inspektor Holly sprang jäh von seinem Stuhl auf.

„Mann Gottes“, rief er mit einem befreiten Atemzug. „Sie schickt uns der Himmel. Wenn nicht alles trügt, ist es John Griffin, den Sie bei sich aufgenommen haben. Sie können eine saftige Prämie einstreichen, wenn Sie Glück haben. Halten Sie die Daumen, daß es diesmal klappt.“

„Was muß ich tun?“ fragte Samuel Humber habgierig.

„Gar nichts“, sagte Inspektor Holly rasch. „Sie tun gar nichts, verstanden? Sie können uns getrost die ganze Arbeit überlassen. In welchem Zimmer haben Sie den Mann untergebracht?“ „Zimmer 24, zweiter Stock.“

„All right, Humber. Sie verraten niemand ein Wort von unserer Unterredung, kapiert? Benehmen Sie sich möglichst unauffällig. Am besten lassen Sie sich heute bei Ihren Gästen überhaupt nicht blicken.“

„Einverstanden“, erklärte der schmierige Kaschemmenwirt. Ich werde mich in eine Kneipe am Hafen setzen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen.“

„Richtig“, bestätigte Inspektor Holly. „Wir werden heute nacht eine Razzia in Ihrem Hause abhalten, wie sie Aberdeen noch niemals gesehen hat. Ich werde sämtliche Ausgänge und Straßen abriegeln lassen. Und wenn ich hundert Männer einsetzen muß. Aber diesmal wird es keine Pleite mehr geben!“

Konstabler Ossian nickte mit glühendem Gesicht.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Sir!“ stieß er eifrig hervor. „Diesmal werden wir John Griffin keine Chance mehr lassen. Er wird noch heute Nacht in unserem Netz zappeln.“

Der Mann, von dem hier so ausführlich die Rede war, trieb sich den ganzen Tag in den engen Gassen des Hafenviertels herum. Erst am Abend kehrte er in das verwahrloste Absteigequartier Samuel Humbers zurück. Er nahm unten seinen Schlüssel in Empfang, kaufte sich eine Flasche Kognak und zog sich dann unauffällig in sein Zimmer zurück. Niemand beachtete ihn. Kein Mensch machte ihn mißtrauisch. Er schöpfte keinerlei Verdacht. Als er eine halbe Stunde in seinem Zimmer gesessen hatte, klopfte es plötzlich. Er hob lauernd den Kopf. Ein gehetzter Zug grub sich um seine Mundwinkel.

„Wer ist da?“ erkundigte er sich heiser.

Ein helles Kichern drang durch die Tür. „Warum wollen Sie unbedingt allein bleiben?“ rief eine Mädchenstimme. „Sie könnten es doch viel unterhaltsamer haben! Machen Sie ‘mal auf!“ John Griffin schlurfte mürrisch zur Tür. Zögernd drehte er den Schlüssel um. Dann spähte er argwöhnisch auf den Flur hinaus. Vor ihm stand ein rothaariges Mädchen mit etwas verlebtem Gesicht und dunkelrot geschminkten Lippen. Die Figur war straff und. fest. Hell leuchtete die Haut aus dem tiefen Ausschnitt des geblümten Hausmantels. Die frechen Augen versprachen ein leichtfertiges Abenteuer.

„Was wollen Sie?“ fragte John Griff in grob. „Ich bin nicht für Besuche eingerichtet.“

„Macht nichts“, zwitscherte das Mädchen. „Im Haus Samuel Humbers muß man auf manchen Komfort verzichten. Aber was besagt das schon? In Ihrem Zimmer ist genügend Platz für mich.“

Sie trat unbekümmert in die ärmliche Kammer ein, ging mit wiegenden Hüften auf den einzigen Sessel zu und ließ sich darin nieder. Im nächsten Moment griff sie nach der Flasche und schenkte sich ein Glas ein. Durstig kippte sie den scharfen Schnaps hinunter.

„Wir sind Zimmernachbarn“, erklärte sie mit kokettem Lächeln. „Ich interessiere mich immer dafür, wer neben mir wohnt. Sie gefallen mir am besten von allen bisherigen Mietern. Das muß ich ganz offen gestehen.“

Sie kauerte sich behaglich in den Sessel zurück, und es machte ihr gar nichts aus, daß ihr halboffener Mantel jeglicher Indiskretion von Seiten des Mannes Vorschub leistete. Hätte sie gewußt, mit wem sie hier zusammensaß, so wäre sie sicher mit hellem Entsetzen aus dem Zimmer gestürzt. Aber sie ahnte nicht, daß es Mörderhände waren, die nach ihr faßten. Sie wußte nicht, daß Blut an diesen Fingern klebte, die über ihre Schultern strichen.

„Haben Sie die Tür abgeschlossen?“ flüsterte sie mit blinzelnden Augen.

„Ich schließe immer ab“, sagte John Griffin einsilbig. „Keine Angst! Uns wird niemand stören!“

Um so mehr erschrak er, als es plötzlich hart an der Tür klopfte. Eine Hand drückte die Klinke nieder.

„Kriminalpolizei!“ schnarrte eine laute Stimme. „Öffnen Sie sofort!“

„Was ist denn?“ fragte das Mädchen zitternd. Sie starrte entgeistert in das Gesicht John Griffins, das sich jäh und auf unheimliche Weise verändert hatte. Jetzt war es das Gesicht eines gehetzten Raubmörders, eines Ausgestoßenen, einer ruhelosen Bestie. Die Augen irrten verzweifelt vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster.

„So machen Sie doch endlich auf“, stammelte das Mädchen. „Was kann uns schon geschehen? Verliebte Pärchen findet die Polizei jede Nacht zu Dutzenden...“

An die Tür krachten laute Schläge.

„Öffnen Sie sofort“, wiederholte die schroffe Stimme. „Wir brechen sonst die Tür auf. Ich zähle bis drei...“

John Griff in war ratlos wie nie zuvor in seinem Leben. Zum ersten Mal schienen ihn die Nerven zu verlassen. Er stand im Begriff, das Spiel aufzugeben. Doch dann raffte er sich mit letzter Energie zusammen. Er hastete ans Fenster, riß die Flügel auf und spähte gehetzt hinunter in die Tiefe. Es ging etwa vierzehn Meter tief hinab. Aller Voraussicht nach würde er sich Hals und Beine brechen. Aber es war die einzige Chance, die ihm noch blieb. Er mußte den Sprung wagen, und wenn er ihn das Leben kostete! Als die Tür krachend nach innen flog, lösten sich John Griffins Hände vom Fenstersims. Sausend pfiff ihm der Wind um die Ohren. Er glaubte, in einen unendlichen Abgrund zu fallen. Die Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Dröhnend hämmerte der Puls in seinen Ohren. Lähmendes Entsetzen breitete sich über seinen ganzen Körper aus. Jetzt erfolgte der furchtbare Aufprall auf das Pflaster. Obwohl der Verbrecher geschmeidig wie eine Katze war, glaubte er alle Knochen gebrochen zu haben. Fast dünkte es ihm unmöglich, sich wieder zu erheben. Stöhnend taumelte er hoch. Fluchend tastete er über die schmerzenden Glieder. Schon peitschte der erste Schuß über ihn hin. Eine Trillerpfeife gellte spitz und schrill; im Nu wurde die Straße lebendig. Aus allen Torbögen stürmten Uniformierte hervor. Ohne jede Warnung eröffneten sie das Feuer. John Griffin kauerte sich zusammen und schlug einen verzweifelten Haken. Die verstauchten Glieder wollten ihm nicht gehorchen. Er kam nur langsam vorwärts. Taumelnd schwankte er auf den Hafen zu. Hart hielt die Furcht sein Herz umkrampft. Es ist aus, dachte er. Ich bin verloren! Diesmal gibt es kein Entrinnen mehr! Er spürte einen dumpfen Schlag am linken Arm und wußte sofort, daß er getroffen worden war. Warm und klebrig lief das Blut über seine Haut. Seine Kräfte schwanden rasch. Er geriet ins Straucheln und drohte zu fallen.

„Hände hoch!“ gellte es hinter ihm. „Bleiben Sie stehen! Sie sehen doch, daß eine weitere Flucht sinnlos ist.“

Ja, John Griff in mußte es einsehen. Trotzdem blieb er nicht stehen. Er wankte weiter. Das Hafenbecken kam in Sicht. Steil fiel die Kaimauer zum Wasser ab. Die schwarzen Fluten raunten dumpf und geheimnisvoll. Sie blinkten düster zu ihm herauf. Ich werde sofort untergehen, wenn ich hineinspringe, warnte ihn seine Vernunft. Ihre Schüsse werden mich wie ein Sieb durchlöchern, sobald ich wieder auftauche. Es ist wirklich alles sinnlos. Die nächste Kugel streifte seine linke Schulter. Er schrie laut auf vor Schmerz und warf die Arme in die Höhe. Dann stürzte er kopfüber in die schmutzige Flut. Er kam nicht mehr zum Vorschein. Inspektor Holly erreichte als erster die Kaimauer. Er ließ starke Scheinwerfer heranschaffen und die Wasserfläche ableuchten. Gespannt wartete er auf das Auftauchen des flüchtigen Mörders. Mindestens zwanzig Pistolen richteten sich auf die öligen Wellen. Zwanzig Zeigefinger lagen am Abzug. Aber John Griffin wurde nicht mehr gesehen. Er blieb verschwunden.

„Diesmal hat es ihn erwischt“, meinte Konstabler Ossian schließlich. „Die Bestie ist ein für allemal erledigt.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913217
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Schlagworte
kommissar morry opfer satans

Autor

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Titel: Kommissar Morry - Opfer des Satans