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Kommissar Morry - Ich habe Angst

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Die ewige Angst macht das Leben Lydia Brandons zur Hölle. Sie ist in Erpresserhänden. Sie muß das tun, was ihre Peiniger befehlen. Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg. Sie findet schließlich einen Freund, der ihr helfen will. Aber er kommt zu spät. Das Leben Lydia Brandons endet auf der Bahnstrecke London — Liverpool.

Eines Tages macht Jack Havard eine seltsame Entdeckung. Er ist Prokurist bei einer Lebensversicherung. Er stellt fest, daß seine Gesellschaft um Millionen betrogen wurde. Immer war es ein älterer Ehemann, der kurz vor seinem Tode noch eine hohe Versicherung abschloß. Die junge Witwe kassierte das Geld und verschwand spurlos aus London.

Zufall? Verbrechen? Freitod?

Das ist die schwierigste Frage, vor die sich Kommissar Morry gestellt sieht. Er muß auf ein gefährliches Spiel eingehen. Fände er nicht zwei treue Verbündete, so würde er zum ersten Mal in seiner Laufbahn scheitern.

Leseprobe

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Inhaltsangabe

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Die ewige Angst macht das Leben Lydia Brandons zur Hölle. Sie ist in Erpresserhänden. Sie muß das tun, was ihre Peiniger befehlen. Verzweifelt sucht sie nach einem Ausweg. Sie findet schließlich einen Freund, der ihr helfen will. Aber er kommt zu spät. Das Leben Lydia Brandons endet auf der Bahnstrecke London — Liverpool.

Eines Tages macht Jack Havard eine seltsame Entdeckung. Er ist Prokurist bei einer Lebensversicherung. Er stellt fest, daß seine Gesellschaft um Millionen betrogen wurde. Immer war es ein älterer Ehemann, der kurz vor seinem Tode noch eine hohe Versicherung abschloß. Die junge Witwe kassierte das Geld und verschwand spurlos aus London.

Zufall? Verbrechen? Freitod?

Das ist die schwierigste Frage, vor die sich Kommissar Morry gestellt sieht. Er muß auf ein gefährliches Spiel eingehen. Fände er nicht zwei treue Verbündete, so würde er zum ersten Mal in seiner Laufbahn scheitern.

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Roman

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Obwohl es schon völlig finster war, wagte Henry Boswell nicht, Licht zu machen. Er kauerte wie ein verstörter Nachtvogel am Fenster und spähte auf die Straße hinunter. Die Jalousie vor ihm bewegte sich ächzend im Herbstwind. Er hob eine Sprosse empor und lugte hindurch. Wie gebannt hefteten sich seine Blicke auf den matt erleuchteten Gehsteig. Zahlreiche Passanten gingen dort auf und ab. Liebespärchen, Lebemänner, Bummler und dazwischen ein paar späte Mädchen. Arbeiter in blauen Kitteln gingen verdrossen zur Nachtschicht. Sonst war nichts Besonderes zu sehen. Aber Henry Boswell sah mehr. Er kannte die beiden Herren, die in dunklen Regenmänteln an der Haltestelle standen und anscheinend auf den nächsten Bus warteten. Sie hielten sich fast immer dort auf. Jeden Abend, jede Nacht. Sie beobachteten sein Haus. Er wußte es. Er spürte es in jedem Nerv. Er fühlte es an seiner Angst, daß von diesen beiden Männern größte Gefahr ausging. Sie sind von der Polizei, dachte Henry Boswell mit hämmernden Pulsen. Sie sollen mich beschatten. Sie haben Befehl erhalten, mich keinen Moment aus den Augen zu lassen. Am Ende aber wird die Verhaftung stehen. Die Verhaftung . . .

Henry Boswell wandte sich zaudernd vom Fenster ab und begann wie ein Nachtgeist durch das finstere Zimmer zu wandern. Er wollte sich zur Ruhe zwingen. Er mußte gerade jetzt seinen klaren Kopf behalten. Aber seine Nerven zitterten noch immer wie überspannte Saiten. In wildem Rhythmus jagte das Blut durch seine Adern. Das Herz schlug geguält und in irrer Hast.

„So geht es nicht weiter", stöhnte Henry Boswell und preßte beide Fäuste an die dröhnenden Schläfen. „Dieses Leben hat allen Sinn verloren. Ich kann kein Auge mehr zutun. Die Angst hetzt mich noch in den Wahnsinn. Ich muß zu einem Ende kommen. So oder so."

Seine Schritte wurden immer schneller. Wie ein verfolgtes Tier hastete er durch den Raum. Immer hin und her. Von der Tür zum Fenster und wieder zurück, bis seine Füße dann jäh und unvermittelt stockten.

Seine Fußsohlen klebten förmlich am Boden fest. Er konnte sich nicht mehr von der Stelle bewegen. Mit fiebernden Pulsen horchte er in den Flur hinaus. Die Glocke hatte angeschlagen. Das helle Bimmeln hing noch immer zitternd in der Luft.

Sie kommen, dachte Henry Boswell in lähmendem Entsetzen. Sie kommen, um mich zu holen. Ich habe es ja gewußt. Seit Tagen weiß ich es schon. Mich kann niemand täuschen. In einer unendlichen Müdigkeit ging Henry Boswell auf die Tür zu. Er hatte kaum die Kraft, die Klinke niederzudrücken. Langsam und unsicher bewegte er sich durch den Korridor. Die gläserne Flurtür lag vor ihm, fahl vom Treppenhaus her beleuchtet. Sie erschien ihm plötzlich wie der Eingang zur Hölle. Er schob die Sperrkette zurück. Er drehte den Schlüssel um und faßte unsicher nach der Klinke.

Es stand niemand draußen. Kein Mensch weit und breit. Das Treppenhaus gähnte leer im Licht der spärlichen Lampen. Henry Boswell glaubte schon, die überreizten Nerven hätten ihm wieder einmal einen Streich gespielt, da sah er ein weißes Etwas zu seinen Füßen liegen. Es war ein Brief. Irgend jemand hatte das Kuvert durch den Türschlitz geschoben und dann geläutet. Ein ganz harmloses Ereignis also. Und dennoch brachte Henry Boswell seine Erregung nicht los. Der weiße Umschlag schwankte in seinen zitternden Händen auf und ab. Eine Adresse war in dem matten Zwielicht nicht zu erkennen. Jetzt endlich knipste Henry Boswell das Licht im Wohnzimmer an. Nervös drehte er das Kuvert hin und her. Es trug wirklich keine Anschrift. Kein Wort stand auf der dünnen Hülle. Und als Henry Boswell dann endlich den Brief aufriß, fiel ihm lediglich eine weiße Karte entgegen.

„Kommissar Morry", stand da in zierlichen Druckbuchstaben zu lesen. „Kriminalkommissar."

Die Rückseite der Karte war mit flüchtigen Schriftzeichen bedeckt. Anscheinend hatte der gefürchtete Kommissar diese Worte selbst geschrieben. Er mußte in größter Eile gewesen sein. Henry Boswell hob die Visitenkarte ganz nahe an seine Augen. Die Schrift flimmerte und zerfloß und tanzte hin und her. „Warum haben Sie kein Vertrauen zur Polizei?" murmelte er mit blutleeren Lippen. „Wir wollen Ihnen doch nur helfen. Kommen Sie morgen zu mir! Morry, Sonderdezernat, Scotland Yard."

„No", keuchte Henry Boswell und zerriß die Karte in winzige Fetzen. „Ich werde nicht kommen. Ich kenne die Tricks der Polizei. Wenn ich erst im Yard bin, werden sie mich gleich dort behalten. Ich würde nie wieder die Freiheit sehen."

Die Angst wurde auf einmal wieder übermächtig in ihm. Sie machte ihn zum Narren. Sie schlug ihn mit Blindheit. Er wußte kaum noch, was er tat. Weg von hier, das war sein einziger Gedanke. Der Tod ist immer noch besser als dieses verfluchte Leben. Es wird sich eine Möglichkeit finden. Der Bahndamm der Northern Railway ist nicht weit entfernt. Alle paar Minuten verkehrt dort ein Zug. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie die Leute immer behaupten. Es wird schnell vorüber sein. Hätte ihm jetzt ein vernünftiger Mensch zur Seite gestanden, so wäre Henry Boswell sicher von seinem törichten Vorhaben abzubringen gewesen. Aber er war ganz allein. Allein in den schweigsamen Zimmern seiner Wohnung. Und nur die Furcht begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Er zog Hut und Mantel an und machte sich zum Weggehen fertig. Alles was er tat, geschah in fiebriger Eile. Er nahm Geld aus einer Kassette. Er

steckte seine Papiere ein. Dann stürmte er wie ein Irrer aus der Wohnung. Er verließ das Haus durch die Hintertür. Er ging durch einen Hof und verdrückte sich scheu in eine enge Seitengasse. Der Weg, den er gehen wollte, lag frei vor ihm. Niemand hielt ihn zurück. Ich muß mir Mut antrinken, sinnierte Henry Boswell mit bleiernden Gedanken. Der Alkohol macht alles viel leichter. Nach zehn Gläsern Schnaps ist auch ein Feigling zum Aeußersten entschlossen. Er trat in die erste beste Kneipe ein. Es war eine Public Bar, die an der Flavis Road in Hollo- way lag. Durch die offene Tür schlugen ihm der Dunst und Schweiß zahlreicher Männer entgegen. Sie drängten sich vor der Theke und nahmen im Stehen ihre Gins und Brandys ein. In der Ecke plärrte ein Musikautomat. Im Raum nebenan klirrten die Billardkugeln. Henry Boswell verkroch sich in einen Winkel und trank dort einen Schnaps um den ändern. Der Ober betrachtete ihn mit schiefen Blicken. „Sind Sie krank, Sir?" fragte er mitleidig. „Sie sehen verdammt käsig aus. Man könnte glauben, Sie hätten monatelang im Hospital gelegen."

„Mir fehlt nichts", murmelte Henry Boswell geistesabwesend. „Lassen Sie mich in Ruhe."

Er bestellte sich eine Schachtel Zigaretten und qualmte sinnlos vor sich hin. In grauen Schwaden umnebelte ihn der Rauch. Ganze Wolken hingen unter der niedrigen Decke. Als er den achten Schnaps bringen mußte, machte der Kellner ein besorgtes Gesicht.

„Sie haben's aber eilig, Sir", murmelte er kopfschüttelnd. „Warum hetzen Sie sich denn so? Wir schließen erst um elf Uhr. Sie haben noch über eine Stunde Zeit."

„Ich glaube, fer hat Grillen im Kopf", mischte sich eine helle Stimme vom Nachbartisch ein. „Wäre vielleicht nicht schwer, sie zu vertreiben. Wie ist's, Sir? Wollen Sie mich nicht zu einem Drink einladen?"

Henry Boswell wandte langsam den Kopf zur Seite. Er sah ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren am nächsten Tisch sitzen. Sie war ein Dämchen, das erkannte man auf den ersten Blick. Aber sie sah nicht schlecht aus. Und sie würde sich für ein paar Schnäpse sicher sehr dankbar zeigen. Frauen von dieser Sorte sagten nie ,nein’ zu einem kleinen Abenteuer.

„Na, wie ist's, Sir?" fragte sie blinzelnd. „Kapieren Sie immer so langsam?"

„Ach was", sagte Henry Boswell mit schwerer Zunge. „Ich habe das alles satt, verstehen Sie?

Wenn ich eine Frau wollte, so wäre ich zu Hause geblieben. Kilda wird jetzt sicher schon in meiner Wohnung sein. Aber davon wissen Sie ja nichts. Es geht Sie auch gar nichts an."

„Na, dann eben nicht", schmollte sie und wandte dem mürrischen Gast die Kehrseite zu.

Kurz vor elf brachte der Ober den zwölften Schnaps und kassierte gleichzeitig.

„Sperrstunde, Sir", brummte er geschäftsmäßig. „Wir schließen."

Herny Boswell erhob sich taumelnd von seinem Stuhl. Er konnte nur noch mit äußerster Mühe gerade auf den Beinen stehen. Der Alkohol umnebelte sein Hirn. Der Ober, die Gäste, die ganze Kneipe verschwammen zu einem trüben Fleck.

„Soll ich eine Taxe rufen, Sir?" rief ihm der Ober nach. Henjry Boswell hörte ihn nicht mehr. Er stand schon draußen. Er hielt sich an der Mauerwand fest. Die Straße schaukelte vor ihm auf und ab. Die Laternen drehten sich wie festlich erleuchtete Karussells. Eine Weile tappte Henry Boswell im Kreise herum, aber dann führte ihn ein seltsamer Instinkt zum Bahngelände hinunter. Er stieg die Stufen hinter einer Brücke hinab und geriet zwischen die blitzenden Schienen. Stumpfsinnig trottete er auf den Schwellen dahin. Eine ziemlich weite Strecke. Blaßgrün und dunkelrot tanzten die Lichter der Signale vor seinen Augen. Hinter der Arsenal Station, wo der Bahndamm nach beiden Seiten in steilen Böschungen abfiel, machte Henry Boswell halt. Hier wollte er warten. Das dichte Gebüsch entzog ihn den neugierigen Blicken der Streckengeher. Er verkroch sich zwischen den Sträuchern und zündete sich eine Zigarette an. Es ist die letzte dachte er. Vielleicht rauche ich sie nicht einmal zu Ende. Der nächste Zug muß jeden Moment kommen. Seine Gedanken wander- ten weiter. Sie liefen schwerfällig im Kreise. Der Alkohol lähmte sie. Das Hirn war leer und träge. Es wird sicher nicht weh tun, dachte er. Es ist nur der erste Schreck. Wenn erst die Räder über die Schienen donnern, ist es schon vorüber. Die Angst wird dann mit einem Schlage aufhören. Es gibt keine Furcht vor der Polizei mehr, vor der Verhaftung, vor dem Gefängnis. Das alles hört dann auf. Er warf jäh und ruckartig die Zigarette fort, als er zwei blinkende Lichter in der Ferne sah. Es waren die Positionslampen einer Lokomotive. Sie kam rasch näher. Unaufhaltsam näher.

Die Schienen begannen leise zu singen. Dumpf klang das schwere Stampfen der Maschine durch die Nacht. In monotonem Singsang dröhnten die Räder. Ein schriller Heulpfiff der Lokomotive gellte auf. In diesem Moment taumelte Henry Boswell aus seinem Versteck auf. Er arbeitete sich die Böschung empor. Er duckte sich über die Schwellen. Jetzt mußte er sich nur noch auf die Schienen niederfallen lassen. Dann war alles getan. Zehn Sekunden noch! Noch fünf. Noch vier, drei, zwei, eine . . .

Die Lokomotive raste auf ihn zu wie ein schwarzes Ungeheuer. Zischender Dampf sprühte nach beiden Seiten. Die riesigen Räder griffen nach ihm wie gierige Arme.

Jetzt, dachte Henry Boswell. Jetzt! Das Donnern der Wagen und das Heulen des Zugwinds machte Henry Boswell verrückt. Eine kreischende Musik dröhnte in seinen Ohren. Ein geisterhafter Spuk narrte seine Augen. Die erleuchtete Zugschlange glitt an ihm vorüber. Zwei rote Schlußlichter baumelten vor seinen Augen. Das Getöse entfernte sich. Es wurde wieder still auf dem Bahndamm.

„Ich bin ein Feigling", stieß Henry Boswell heiser durch die Zähne. „Ich bin zu feige, um den letzten Schritt zu tun. Ich kann das nicht. Und wenn ich bis morgen früh hier stehen bleibe, ich bin nicht fähig dazu." Jetzt erst merkte er, daß er an allen Gliedern zitterte. Dick und klebrig stand der Schweiß auf seinem Gesicht. Sein Atem ging keuchend wie der eines Schwerkranken. Hohlwangig, erschöpft und taumelnd wankte er die Böschung hinunter. Er ging ohne Ziel. Er wußte nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. Sein Hirn konnte auf einmal überhaupt nicht mehr denken. Es versagte restlos den Dienst. Und dann führte ein lächerlicher Zufall Henry Boswell gerade am Gittermast einer Hochspannungsleitung vorbei. Er hob den Kopf und sah die dicken Drähte, die wie scharfe Striche durch den Nachthimmel liefen. Am Mast hing ein gelbes Schild. „Vorsicht! Hochspannung! Lebensgefahr!" stand darauf. Henry Boswell nickte geistesabwesend. Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Sein Weg endete hier. Es war das einzig richtige für ihn. Hier gab es keinen Lärm. Kein speiendes Ungeheuer von einer Lokomotive, kein dröhnendes Räderrollen, keine panische Aufregung. Hier würde alles ganz still verlaufen. Henry Boswell stand da und blickte zu den Drähten empor, in denen leise der Nachtwind sang. Man brauchte nur einen Draht berühren. Dann war es aus. Soviel wußte er. Es würde unheimlich schnell gehen. Er trat ganz dicht an den Mast heran und hängte sich in die Streben. Langsam zog er sich empor. Das scharfe Metall schnitt in seine Hände. Er spürte es nicht. Er kletterte unaufhörlich weiter. Er wollte möglichst rasch zum Ziel kommen.

Auf halber Höhe hielt er an und blickte nach unten. In der Tiefe lagen braune Äcker und dampfende Wiesen. Das alles sah sehr friedlich aus. Henry Boswell stieg weiter nach oben. Das Singen in den Drähten wurde lauter. Ein seltsames Prickeln war in seinen Händen. Seine Zähne schlugen leise aufeinander. Und dann sah er die Drähte plötzlich ganz nah vor sich. Der Tod lief direkt an seinen Augen vorüber. Das Singen wurde laut wie dröhnende Orgelmusik. Es wird nur den Bruchteil einer Sekunde dauern, tröstete sich Henry Boswell. Diesmal werde ich nicht schlappmachen. Ich muß jetzt handeln, noch in dieser Sekunde, ehe das Hirn wieder anfängt zu denken.

Er hob zaudernd die Hand. Er war noch immer nicht fest entschlossen. Aber nun ließ ihm der Tod keine Wahl mehr. Die Drähte zogen ihn an wie ein starker Magnet. Die Hand schlug an den nächsten Draht und klebte dort fest. Ein schriller Todesschrei brach von den Lippen Henry Boswells. Alle Todesangst, alle Verzweiflung lagen in diesem einzigen Schrei. Noch in der gleichen Sekunde verstummte die gellende Stimme. Henry Boswell spürte, wie eine glühende Flamme in sein Hirn fuhr und alles in ihm zerstörte. Der rasende Schmerz währte nur eine Zehntelsekunde, aber für Henry Boswell dauerte er doch endlos lang. Dann verloren seine baumelnden Füße den Halt und glitten von den Gitterstreben des Mastes ab. Diesmal war die törichte Tat gelungen. Es gab für Henry Boswell keine Gelegenheit mehr, seinen verzweifelten Entschluß zu bereuen.

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Jack Havard war es gewöhnt, pünktlich um sieben Uhr morgens aufzustehen, weil er zu jener Sorte von Menschen gehörte, die den Tagesablauf in aller Ruhe beginnen wollen. Er hatte eine volle Stunde Zeit, bis sein Dienst im Büro begann. Er nahm gemächlich seinen Morgenkaffee ein, las die Zeitung und rauchte eine Zigarette dazu.

Als er auf der letzten Seite angekommen war, streifte er auch noch die Anzeigen mit einem flüchtigen Blick. Die fettgedruckte Offerte eines Reisebüros sprang ihm in die Augen.

„Am schönsten ist der Herbst in Sizilien", las er schmunzelnd. „Vierzehn Tage einschließlich Fahrt und Vollpension nur 32 Pfund. Wir erwarten Ihren Besuch."

Jack Havard faltete die Zeitung zusammen und räumte den Frühstückstisch ab.

„Ich habe noch drei Wochen Urlaub gut", sagte Jack Havard still bei sich. „Warum sollte man nicht einmal nach dem Süden fahren? Meinem Konto bei der Zentral Bank würde es kaum etwas ausmachen. Ich habe genug Geld dort."

In diese frohen Gedanken gellte plötzlich das Läuten der Flurglocke. Laut hallte das schrille Lärmen durch die offene Tür.

„Nanu?" stutzte Jack Havard. „Schon so früher Besuch? Das ist bisher verdammt selten vorgekommen."

Er band sich noch den Schlips um und ging dann rasch hinaus, um die Tür zu öffnen. Interessiert blickte er auf den gutgekleideten Herrn, der lässig vor ihm stand und höflich den Hut lüftete. Sein Gesicht wirkte straff und jugendlich; die klugen Augen blickten zuversichtlich in den Herbstmorgen.

„Kommissar Morry", stellte er sich vor. „Sonderdezernat, Scotland Yard."

Jack Havard trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Obwohl er durchaus kein schlechtes Gewissen hatte, verwirrte ihn der Besuch eines Detektivs in aller Herrgottsfrühe.

„Morry?" murmelte er betroffen. „Moment mal! Den Namen kenne ich doch. Ich habe ihn schon öfter in der Zeitung gelesen."

„Mag sein", lächelte der Kommissar bescheiden. „Ich habe im vergangenen Sommer einen schwierigen Fall gelöst. Die Presse machte viel Aufhebens davon."

Jack Havard blickte auf seine Uhr. Dann zuckte er etwas ratlos mit den Achseln.

„Ich habe im Moment leider nicht viel Zeit", sagte er. „In zehn Minuten beginnt mein Dienst. Wenn Sie mir bitte sagen würden, was Sie . . ."

„Sie werden heute eine Stunde später ins Büro kommen, Mr. Havard", unterbrach ihn der Kommissar. „Sie müssen mich nämlich auf einer wichtigen Fahrt begleiten. Bei Ihrem Chef werde ich Sie persönlich entschuldigen. Machen Sie sich bitte fertig. Ich warte hier auf Sie."

Jack Havard wandte sich wortlos ab und hantierte eine Weile geräuschvoll in seiner Junggesellenwohnung herum. Ein paar Minuten später erschien er wieder an der Tür. Er trug jetzt einen flotten Herbstmantel und eine braungelbe Bürotasche. „Ich bin soweit, Sir", sagte er einsilbig. „Wir können gehen."

Sie gingen schweigsam die Treppe hinunter. Am linken Straßenrand parkte der Dienstwagen des Kommissars. Es war eine blaue Limousine, die hell und neu im Morgenlicht erstrahlte.

„Gratuliere", sagte Jack Havard trocken. „Ich wußte bisher gar nicht, daß die Polizei so moderne Wagen fährt."

„Nicht wahr?" lächelte Kommissar Morry. „Es ist das schönste Auto, das wir im Stall haben. Als ich meine Laufbahn begann, habe ich ganz klein angefangen. Mit einem alten Austin, Baujahr 1928."

Sie nahmen in den eleganten Polstern Platz. Der Kommissar ergriff das Steuer und löste die Bremsen. Der Motor begann leise zu summen. Die Räder rollten über den glatten Asphalt.

Jack Havard nagte an den Lippen. „Wollen Sie nicht endlich verraten, was Sie mit mir Vorhaben, Sir?" fragte er nervös. „Bin ich etwa verhaftet? Wollen Sie mich zu einem Verhör schleppen? Oder liegt eine Verwechslung vor, die mich kostbare Zeit . . .?"

„Sind Sie mit Henry Boswell verwandt?" warf der Kommissar leise ein.

„Ja, Sir!"

„Er ist Ihr Vetter, nicht wahr?"

„Ja, Sir! Der einzige, den ich besitze. Wir sind zusammen aufgewachsen."

„Das weiß ich"; sagte der Kommissar. „Deshalb habe ich Sie ja aufgesucht. Henry Boswell hat sonst keinerlei Angehörige, nicht wahr?"

„Nein, Sir!"

„Auch keine Braut?"

Jack Havard zögerte eine Weile. „Ich glaube, da sind mehrere Bräute, Sir! Henry hat es mit der Treue nie sehr genau genommen."

Als der Kommissar keine Antwort gab, zündete sich Jack Havard mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette an. Mißtrauisch blickte er zu dem berühmten Detektiv hinüber.

„Was ist denn nun eigentlich, Sir?" brach es aus ihm hervor. „Ist Henry etwas passiert? Hat er wieder Dummheiten gemacht?"

„Dummheiten?"

„Na, ich dachte nur, Sir! Henry brachte manchmal Freunde mit, die mir nicht gefielen. Ich glaube, er ließ sich zu weit mit ihnen ein."

„Das dürfte stimmen", erwiderte Morry ernst. „Wir ließen Ihren Vetter seit Wochen beobachten. Ich wollte ihn zu einem Geständnis bringen. Ich schrieb ihm noch vorgestern eine Karte. Aber mein Rat war völlig vergeblich."

„Warum denn, Sir? Was hat er denn getan?"

„Er ist tot."

Die leisen Worte wurden von dem Summen des Motors verschluckt. Aber Jack Havard hatte sie doch gehört. Er wandte bestürzt den Kopf zur Sehe. Sein Gesicht überzog sich mit fahler Blässe.

„Tot, Sir? Ist das Ihr Ernst?"

„Er liegt im Leichenhaus", murmelte der Kommissar in bedrücktem Tonfall. „Man fand ihn völlig verkohlt neben einem Hochspannungsmast. Die Papiere, die er bei sich trug, waren im Labor nur noch bruchstückhaft zu entziffern. Sie müssen uns also helfen, Mr. Havard! Wir konnten eine Uhr und zwei Ringe sicherstellen. Vielleicht erkennen Sie diese Dinge als das Eigentum Ihres Vetters."

Jack Havard drückte hastig seine Zigarette aus. In seinen Fingern war ein nervöses Zittern. Der sonnige Herbstmorgen war auf einmal mit düsteren Wolken verhangen.

„Was könnte Henry zu dieser Verzweiflungstat getrieben haben, Sir?" fragte er mit schleppender Stimme.

Kommissar Morry hob die Schultern.

„Es wird die Furcht vor der Verhaftung gewesen sein. Eines Tages hätte man ihn sicher festgenommen. Er wollte es nicht anders. Er mußte wissen, daß ihn iein Weg ins Gefängnis führen würde."

Der Wagen glitt lautlos am Holborn Viaduct vorüber und hielt kurze Zeit später vor einem grauen Gebäude an. Es roch aufdringlich nach Lysol und Chlor. Keine Menschenseele ließ sich rings um das Gebäude blicken.

„Nehmen Sie sich zusammen, Mr. Havard", sagte Morry ernst. „Der Anblick wird nicht leicht für Sie sein."

Sie traten in das Leichenschauhaus ein. Ein kalter, modriger Hauch stieg ihnen entgegen. Zu beiden Seiten eines saalartigen Raumes standen verdeckte Bahren. Ein gespenstisches Schweigen lastete über den Toten, deren Leben gewaltsam beendet wurde.

„Hier ist er", sagte Morry tonlos und hielt Vor einem schwarzen Tragegestell an. Er zog das graue Segeltuch zurück. Noch im gleichen Augenblick trat er zur Seite und gab Jack Havard einen Wink.

Es war kein menschliches Antlitz mehr, das unter der Hülle zum Vorschein kam. Entgeistert prallte Jack Havard von der Bahre zurück. Er wagte keinen Blick mehr auf den entstellten Totenschädel. Grauen, Abscheu und Mitleid stritten sich in seiner Brust.

„Wie sollte ich ihn noch erkennen, Sir?" murmelte er gepreßt. „Ich habe keine Ahnung, wer das ist."

Kommissar Morry reichte ihm eine Uhr und zwei Ringe.

„Wie steht es damit? Können Sie sich daran erinnern, daß Ihr Vetter diese Wertstücke im Besitz hatte?"

Jack Havard ließ die Ringe prüfend über seine Handfläche gleiten. Ebenso die Uhr. Er nahm sich viel Zeit. Er wollte nichts Falsches sagen.

„Doch, Sir!" stieß er endlich heiser hervor. „Diese Dinge gehörten meinem Vetter. Ich habe sie oft bei ihm gesehen. Die Steine erkenne ich ganz zuverlässig wieder."

„Also doch", murmelte Kommissar Morry. „Ich wußte es ja. Ich brauchte zwei Stunden, bis ich mir aus den Bruchstücken des Labors einen Namen bilden konnte. Aber dann war ich auch felsenfest überzeugt, daß ich hier Henry Boswell vor mir hatte."

Jack Havard drehte sich hastig um und ging auf den Ausgang zu. Er hielt es einfach nicht länger aus zwischen den schwarzen Särgen. Erleichtert atmete er auf, als er wieder auf der Straße stand.

„Kann ich jetzt gehen?" fragte er.

„Moment! Ich werde sSie zum Büro fahren", sagte Morry. „Ich werde Ihrem Chef sagen, daß Sie uns einen wertvollen Dienst leisteten und nur deshalb eine Stunde versäumten."

Jack Havard winkte ab.

„Ich möchte lieber zu Fuß gehen, Sir. Ich brauche frische Luft."

Er hatte sich schon ein paar Schritte von dem Dienstwagen entfernt, da kehrte er noch einmal zurück.

„Verzeihen Sie, Sir", murmelte er. „Ich habe noch eine Frage an Sie."

„Bitte!"

Jack Havard atmete tief die frische Luft ein und aus. „Es mag sein, daß Henry ein Luftikus und Tunichtgut war", begann er zögernd. „Aber deshalb mußte er ja noch lange kein Verbrecher sein. Könnten Sie mir nicht endlich sagen, was er begangen hat? Warum wurde er beobachtet? Warum machten Sie Jagd auf ihn, Sir? Warum sollte er verhaftet werden?"

Kommissar Morry preßte die Lippen zusammen.

„Ich darf Ihnen über ein schwebendes Verfahren keine Auskunft geben", murmelte er zurückhaltend. „Die Ermittlungen gegen Ihren Vetter waren noch längst nicht abgeschlossen. Wir wissen auch noch nichts über seine Hintermänner. Die Erhebungen gegen sie laufen weiter.

Übrigens habe ich den Fall wegen persönlicher Arbeitsüberlastung an Inspektor Palmer abgegeben. Setzen Sie sich mit ihm in Verbindung, wenn Sie etwas wissen wollen. Vielleicht kann er Ihnen einen kleinen Anhaltspunkt geben."

Eine halbe Stunde später traf Jack Havard in seinem Büro ein. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, schraubte die Füllfeder auf und nahm eine wichtige Akte zur Hand. Aber schon nach kurzer Zeit ließ er die Blätter wieder sinken. Er war heute einfach nicht in der Lage, sein Arbeitspensum zu erfüllen. Ständig mußte er an seinen Vetter Henry Boswell denken. Er sah ihn auf dem Tragegestell liegen, tot, entsetzlich verstümmelt, ein Selbstmörder, der sein Leben auf gräßliche Weise beendet hatte.

Was mag ihn nur zu diesem verzweifelten Schritt getrieben haben, überlegte Jack Havard in düsterem Brüten. Die Angst vor der Verhaftung gewiß! Aber trug nicht auch noch etwas anderes entscheidend zu dieser Tragödie bei? Fühlte er sich von irgendeiner Seite bedroht? Wurde er erpreßt? Zwang man ihn zu Verbrechen, die er nicht mehr mitmachen wollte? Jack Havard konnte keine dieser Fragen beantworten. Henry hatte sich nie offen mit ihm ausgesprochen. Er war mit seinem düsteren Geheimnis in den Tod gegangen. Als die Glocke endlich den Feierabend verkündete, war Jack Havard der erste, der eiligst das Büro verließ. Sonst war er nach dem Dienst immer sofort nach Hause gegangen. Heute dachte er keineswegs daran, dies zu tun.

Er setzte sich in eine kleine Espresso Bar und dachte wieder über das schreckliche Erlebnis der Morgenstunde nach. Ich werde noch in dieser Woche zu Inspektor Palmer gehen, nahm er sich vor. Der Mann muß mir reinen Wein einschenken. Er muß mir sagen, welcher Verbrechen Henry verdächtig war. Die hübsche Bedienung brachte Kaffee und Kuchen. Sie hielt sich ständig in der Nähe auf. Verwundert musterte sie den stummen Gast, der sie an einen Helden der Leinwand erinnerte. Sein Gesicht war männlich und kühn und besaß doch keine zu harten Züge. Die Augen blickten hell und furchtlos. Meist allerdings irrten sie geistesabwesend in die Ferne.

„Haben Sie noch Wünsche, Sir?" fragte die Bedienung mit kokettem Unterton. Sie war Männer wie Jack Havard nicht gewöhnt. In ihrer Espresso Bar verkehrten meist nur Frauen und naschsüchtige Mädchen. Ab und zu war auch einmal ein solider Familienvater dabei. Aber ein Mann wie Jack Havard hatte sich noch nie hierher verirrt.

Wie schade, daß er schon ging, als die Dämmerung hereingebrochen war. Er zahlte, erhob sich und ging der Tür zu.

„Auf Wiedersehen, Sir!" rief ihm die Bedienung eifrig nach. „Beehren Sie uns bald wieder!"

Jack Havard stand schon draußen auf der Straße. Er überlegte gerade, wohin er nun gehen sollte. Vor einem modernen Kinopalast blieb er stehen und blickte flüchtig auf die grellen Plakate. Der Film interessierte ihn nicht besonders, aber er löste dennoch eine Karte. Ich brauche Zerstreuung, überlegte er. Ich muß auf andere Gedanken kommen. Henry ist tot. Daran läßt sich nichts mehr ändern. Kein Mensch kann "ihm jetzt noch helfen. Die Vorstellung dauerte genau zwei Stunden. Kurz nach neun Uhr stand Jack Havard wieder auf der Straße. Er griff in seine Tasche, um nach ein paar Münzen für den Bus zu suchen. Seine Finger ertasteten dabei den klirrenden Schlüsselbund. Jack Havard nahm die Schlüssel heraus und legte sie auf die geöffnete Handfläche. Er betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Seine Gedanken liefen unruhig hin und her. Der kleine Schlüssel, der genau in der Mitte seines Handtellers lag, öffnete die Tür zur Wohnung Henry Boswells. Früher hatte er ihn öfter gebraucht, wenn er mit Henry gemeinsame Pläne hatte besprechen wollen. In der letzten Zeit allerdings war er kaum noch in die Junggesellenwohnung nach Highbury gekommen. Henry hatte es vorgezogen, seine gefährlichen Wege allein zu gehen.

Ob er nicht wenigstens einen Abschiedsbrief für mich hinterlassen hat, sinnierte Jack Havard. Ein Mensch, der freiwillig aus dem Leben scheidet, schreibt meist noch die Beweggründe für seine Tat und ein paar letzte Grüße nieder. Sicher hat das auch Henry getan. Ich werde sofort nachsehen. Er nahm den nächsten Autobus nach Highbury und stieg an der U-Bahn-Station aus. Es war längst völlig dunkel geworden. Die Straßenbäume rauschten im Herbstwind. Ein scharfer Sprühregen fegte von Norden her. Es war verdammt ungemütlich auf den Straßen. Jack Havard ging rasch auf die Wohnung Henry Boswells zu, die am Highbury Place gelegen war. Die Haustür war schon versperrt. Er drückte auf die Glocke des Hausmeisters. Die Tür öffnete sich mit leisem Summen. Jack Havard stieg vier Treppen empor, nahm wieder den Schlüsselbund aus der Tasche und sperrte auf. Er tat es völlig geräuschlos, als wollte er die Ruhe des Toten nicht stören. Er machte auch kein Licht im Flur. Er stand da und sog die trockene Luft des Korridors in sich ein. Vom Treppenhaus fiel ein mattes Zwielicht durch die verglaste Tür herein. Der matte Dämmerschein genügte Jack Havard, um seinen Weg zu finden. Er tappte leise auf das Wohnzimmer zu. Aber schon im nächsten Moment blieb er ruckartig stehen. Mit einem Schlag wurde ihm bewußt, daß er nicht allein in der Wohnung war. Durch die Tür des Wohnzimmers klangen leise Geräusche. Das Sofa knarrte. Ein Blatt Papier raschelte. Ein unterdrücktes Hüsteln schloß sich an. Dann war wieder Stille. Seltsam, dachte Jack Havard nervös. Sehr merkwürdig. Wer besitzt denn außer mir noch Schlüssel zu dieser Wohnung? Sollte es ein Freund von Henry sein? Oder eine seiner zahlreichen Bräute? Er machte einen raschen Schritt auf die Tür zu, dann riß er sie unvermittelt auf. Hastig trat er über die Schwelle. Das helle Licht der Deckenlampe blendete ihn. Er blinzelte unsicher mit den Augen. Auf dem grünen Polstersofa saß eine junge Dame und blickte ihm forschend entgegen. Sie hatte den Herbstmantel halb geöffnet und eine verführerische Pose eingenommen.

„Ich bin Esther Harras", sagte sie mit betörend dunkler Stimme. „Wir haben uns bisher noch gar nicht getroffen, Mr. Boswell. Seltsam eigentlich, nicht wahr?"

Jack Havard stand da und rührte sich nicht von der Stelle. Sie hält mich für Henry, dachte er blitzschnell. Sie weiß noch gar nicht, daß er tot ist. Sie hat nichts von seinem schrecklichen Ende gehört. Vielleicht plaudert sie etwas aus, das nicht für die Ohren eines Fremden bestimmt ist. Esther Harras nahm eine Zigarette aus ihrer Handtasche, zündete sie an und steckte sie zwischen die roten Lippen. „Alban Lampard schickt mich", fuhr sie dann in gedämpftem Tonfall fort. „Er meint, Sie könnten jetzt wieder eine Aufgabe übernehmen. Die Polizeiposten, die bisher Ihre Wohnung bewachten, wurden zurückgezogen. Wir konnten uns genau davon überzeugen. Es besteht keine Gefahr mehr für Sie, Mr. Boswell!"

Jack Havard sinnierte angestrengt über ihre Worte nach. Sollte er den Irrtum aufklären? Sollte er ihr sagen, daß Henry tot im Leichenschauhaus lag? Oder durfte er es riskieren, das gewagte Spiel mitzumachen? Würde es ihm auf diese Weise gelingen, einen Blick hinter die Kulissen zu tun? War dies ein einmaliger Zufall, der das düstere Geheimnis lüftete, das über dem tragischen Sterben Henrys lag? Er war schon halb entschlossen, die Rolle seines toten Vetters für eine Weile weiterzuspielen, als er fragte: „Was habe ich zu tun?"

Esther Harras kräuselte lächelnd die roten Lippen und zeigte ihre prachtvollen Zähne.

„Sie sollen mich sofort zu Alban Lampard begleiten, Mr. Boswell. Er erwartet Sie in seiner Wohnung. Kommen Sie bitte mit!"

Jack Havard warf einen raschen Blick durch das Zimmer, das er hatte durchsuchen wollen. Für diese Aufgabe blieb auch morgen noch Zeit. Die andere war wichtiger.

„Gut, ich gehe mit Ihnen", sagte er kurz und bündig. Er sah, wie sie sich erhob und ihren Mantel zuknöpfte. Sie tat es mit der Anmut einer gefährlich schönen Katze. Ihr Körper war fabelhaft gewachsen. Sie war beinahe so groß wie er. Während sie zur Tür gingen, kam Jack Havard plötzlich ein völlig neuer Gedanke.

„Wie sind Sie eigentlich in die Wohnung gekommen?" forschte er gespannt.

Wieder zeigte Esther Harras ihr rätselhaftes Lächeln. „Durch die Tür natürlich", sagte sie. „Kilda gab mir den Schlüssel. Sie persönlich konnte heute nicht kommen. Sie ist anderweitig beschäftigt."

Unmittelbar vor der Haustür hatte Esther Harras ihren Wagen abgestellt. Es war ein modernes Coupe mit einem langen Kühler und chromglänzender Haube.

„Steigen Sie doch ein! Worauf warten Sie noch?"

Jack Havard ließ sich nachdenklich auf den Vordersitz nieder. Er war auf einmal gar nicht mehr so begeistert von seinem Entschluß.

Wenn dieses Abenteuer nur nicht schief ging. Alban Lampard, oder wie dieser Bursche hieß, würde doch sofort merken, was hier gespielt wurde. Sicher gehörte er zu jener Sorte von Männern, die sich nicht gerne in die Karten sehen ließen. Die Begegnung mit ihm konnte also verdammt gefährlich werden. Esther Harras ließ den Wagen langsam anrollen, fuhr um die Highbury Fields herum und hielt auf Holloway zu. Am Cattle Market schaltete sie herunter und hielt schließlich an. Hinter den Viehhöfen lagen graue Mietskasernen, die man erst vor wenigen Jahren neu errichtet hatte. Sie wirkten trotzdem düster und unfreundlich. Auf einen dieser mächtigen Blöcke hielt Esther Harras zu. Die Haustür war noch nicht abgeschlossen. Sie traten ein und fuhren mit dem Lift in den vierten Stock empor. Während der ganzen Zeit begegneten sie keinem Menschen. Das riesige Treppenhaus lag völlig schweigsam da. Esther Harras läutete an der Wohnungstür Alban Lampards. Sie drückte viermal kurz auf den Klingelknopf. Anscheinend war dies ein verabredetes Signal. Als hinter der Tür alles still blieb, läutete sie noch einmal. Mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor. Alban Lampard war anscheinend nicht zu Hause.

„Seltsam", sagte sie und nagte verwirrt an den weichen Lippen. „Er hat Sie doch eigens herbestellt. Vielleicht hat er es in der Eile darauf vergessen."

Sie drückte auf einen verborgenen Knopf, der sich hinter dem Briefkasten befand. Die Tür öffnete sich mit leisem Summen. Sie konnten eintreten. Es war finster im Flur. Auch im Wohnzimmer brannte kein Licht. Nur der Radioapparat war eingeschaltet. In kaltem Grün leuchtete das magische Auge zu ihnen her. Esther Harras wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. „Alban Lampard hat Sie also doch nicht vergessen. Er hat eine Botschaft hinterlassen. Er macht das immer so, wenn er plötzlich verreisen muß. Aber das wissen Sie ja selbst, Mr. Boswell!"

Sie schaltete den prächtigen Lüster ein, wies Jack Havard einen bequemen Sessel an und hantierte schon in der nächsten Sekunde am Radio herum. Sie drehte den Lautsprecher auf und ließ das Tonband laufen.

„Guten Abend, Mr. Boswell", ertönte es gleich darauf aus dem Apparat. „Leider konnte ich Sie nicht selbst begrüßen. Ich mußte dringend weg. Sie sollen einen kleinen Auftrag übernehmen, Mr. Boswell! Ziemlich harmlose Sache. Wie Sie wissen, haben wir jetzt Lydia Brandon fest in der Hand. Begleiten Sie die junge Dame nach Mala Green. Sie wird im letzten Abteil des Vorortzuges sitzen, der morgen früh um 9.25 Uhr die Victoria Station verläßt. Lassen Sie Lydia Brandon keinen Moment aus den Augen. Sie sind mir dafür verantwortlich, daß die Dame keine Dummheiten macht. Löschen Sie jetzt das Band. Ich wiederhole: Löschen Sie das Band!" Jack Havard hatte rasch sein Notizbuch hervorgezogen, um sich den Namen des Mädchens und die Abfahrtszeit des Zuges aufzuschreiben. Esther Harras sah ihm mit großen Augen zu.

„Was tun Sie denn da, Mr. Boswell?" rief sie erregt. „Sie wissen doch, daß Alban Lampard schriftliche Notizen strengstens verboten hat. Deshalb sollen wir ja auch das Tonband löschen. Es darf kein Wort von unseren neuen Plänen für neugierige Augen sichtbar bleiben."

Sie starrte Jack Havard noch immer vorwurfsvoll und argwöhnisch an. Sie sah, daß er ein Blatt aus seinem Notizbuch riß und es über seinem Feuerzeug verbrannte. Er tat es lässig und schweigsam. Kein Wort kam über seine Lippen. Inzwischen löschte Esther Harras das Band und schaltete den Apparat aus. Dann stand sie da und wußte nicht recht, was sie nun beginnen sollte.

„Wir sind fertig", meinte sie nach längerem Zögern. „Hier gibt es nichts weiter für uns zu tun. Wir können gehen."

Jack Havard tat, als hätte er nicht gehört. Er saß wie festgeleimt in seinem Sessel.

„Gibt es hier nichts zu trinken?" fragte er.

„Aber natürlich, Mr. Boswell! Das wissen Sie doch! Sie sind ja schließlich nicht zum erstenmal hier." Sie nahm eine Flasche aus der Hausbar, füllte ein Glas mit wasserhellem Gin und trug es zu Jack Havard hin. „Hier!" sagte sie mit ihrem betörenden Lächeln. „Bedienen Sie sich! Auf Ihr Wohl!"

„Trinken Sie nicht mit?" fragte Jack Havard. „Wir könnten uns noch ein wenig unterhalten. Ich möchte gern einiges von Ihnen wissen. Wie lange Sie schon bei unserem Verein sind, zum Beispiel. Und was Sie hier zu tun haben."

Er hatte wieder eine Dummheit gemacht. Er sah es sofort. Esther Harras wurde merkwürdig zugeknöpft. Sie ging mit abgewandtem Gesicht an ihm vorüber.

„Sie wurden mir ganz anders geschildert, Mr. Boswell", sagte sie mit seltsam schleppender Stimme. „Alban Lampard meinte, daß Sie verschlossen, wortkarg und ängstlich seien. Ich kann diese Meinung nicht teilen. Ich glaube nicht, daß Sie besonders furchtsam sind. Auch das mit Ihrer Schweigsamkeit dürfte nicht ganz stimmen."

Jack Havard nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas. Ich muß vorsichtiger sein, dachte er. Man merkt sonst sofort, daß ich ein Anfänger bin in diesem Fach. Wenn ich das gewagte Spiel schon mitmache, dann möchte ich es auch gewinnen. Laut sagte er: „Wollen Sie wirklich nicht bleiben? Wir könnten dann zusammen Weggehen."

Aber Esther Harras war auch mit diesem Vorschlag nicht einverstanden. Sie hatte es auf einmal merkwürdig eilig. „Ich habe noch einen dringenden Gang", sagte sie. „Bis zum nächsten Mal also, Mr. Boswell! Verschlafen Sie morgen nicht. Auf Wiedersehen!"

Jack Havard sah ihr nach, wie sie in graziöser und anmutiger Haltung die Wohnung verließ. Er hörte sie die Treppe hinunter gehen. Dann wurde es allmählich still.

Er war ganz allein in der Wohnung Alban Lampards. In einer Wohnung, die sicher viele Geheimnisse barg. Vielleicht war bereits hier das Rätsel zu lösen, dem sein Vetter Henry zum Opfer gefallen war. Man mußte nur alle Räume der Wohnung, den Schreibtisch und sämtliche Schränke untersuchen. Ein Kinderspiel eigentlich. Fragte sich nur, ob jetzt die passende Zeit dafür war. Was geschah, wenn Alban Lampard unerwartet zurückkehrte? Eine solche Ueberraschung konnte verdammt unangenehm werden. Sie konnte unter Umständen sogar den Tod bedeuten. Jack Havard überlegte noch immer hin und her, als plötzlich das Telefon läutete. Der elfenbeinfarbene Kasten stand unmittelbar nebenan auf dem Rauchtisch. Jack Havard brauchte nur die Hand danach auszustrecken. Er spürte, wie es ihm in den Fingern zuckte. Nervös griff er nach dem Hörer. Das Blut strömte rasch und ungestüm zu seinem Herzen, die Pulse hämmerten, in den Schläfen war ein stechendes Klopfen. Sein Hirn schlug Alarm. Vorsicht, mahnten die wirbelnden Gedanken. Vorsicht! Du mußt zumindest deine Stimme verstellen. Sie halten dich ja für Henry Boswell. Du darfst keinen neuen Fehler mehr begehen. Sie sind sonst sofort wie eine Meute gieriger Bluthunde hinter dir her. Er nahm den Hörer ab. Er umkrampfte ihn, daß die Finger weiß wurden. Erregt preßte er die gelbe Muschel ans Ohr.

„Ja?" fragte er heiser, „Wer ist da?"

Eine helle Frauenstimme meldete sich. Es war Kilda Leswin. Jack Havard kannte sie dem Namen nach. Sie hielt sich für die Braut Henry Boswells. Sie wußte anscheinend noch immer nicht, wie oft sie betrogen worden war. Ihre Worte klangen sanft und einschmeichelnd.

„Ich wußte, daß du bei Alban Lampard bist, Henry", plauderte sie. „Er ist verreist, nicht wahr? Du bist allein in seiner Wohnung, stimmt's?"

„Hm", raunte Jack Havard heiser.

„Esther ist also schon weg?"

„Ja, sie ist weg."

„Ich werde dich abholen, Henry", sagte Kilda Leswin nach einem tiefen Atemzug. „Du mußt dich nur fünf Minuten gedulden. Dann werde ich hei dir sein."

Jack Havard legte den Hörer auf und erhob sich ziemlich rasch aus seinem Sessel. Der Boden glühte plötzlich wie feurige Kohlen unter seinen Füßen.

Er mußte weg. Er durfte sich keine Minute länger in diesen Räumen aufhalten. Er hatte ohnehin schon viel zuviel gewagt. Nur dem Zufall hatte er es zu verdanken, daß sein Spiel bisher geglückt war. Er löschte alle Lichter, drückte die Wohnungstür hinter sich zu und fuhr mit dem Lift nach unten. Er gelangte ungesehen aus dem Haus. Auch auf der Straße begegnete ihm niemand. Das erste Abenteuer war glücklich überstanden.

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Am nächsten Morgen stand Jack Havard zeitig auf, nahm ein heißes Bad und kleidete sich sorgfältig an. Er wählte einen unauffälligen grauen Anzug, einen Hut von der gleichen Farbe und ein hellgraues Seidenhemd mit einfarbiger Krawatte.

Mit einer solchen Beschreibung konnte niemand etwas anfangen, wenn es ernst wurde. Es war alles grau an ihm. Er legte sogar seinen Siegelring und seine Armbanduhr ab. Es durfte nichts geben, das ihn später verraten konnte.

Nach dem Morgenkaffee packte er einen Schlafanzug in seine Aktentasche, den Trockenrasierer und ein paar Toilettensachen. Zehn Minuten vor acht Uhr verließ er das Haus.

Von der nächsten Telefonzelle aus rief er seine Dienststelle an. Er ließ den ersten Direktor an den Apparat bitten.

„Ich habe noch drei Wochen Urlaub gut, Sir", rief er gutgelaunt in den Hörer. „Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich diesen Urlaub heute antreten."

„Ach ja", brummte eine gemütliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ich weiß, Mr. Havard! Sie wollen nach dem Süden reisen. Sizilien, nicht wahr?"

„No", sagte Jack Havard trocken. „Ich will nur nach Mala Green."

„Nach Mala Green? Ist das Ihr Ernst, Havard? Dieses Nest ist doch keine Stunde von London entfernt. Was wollen Sie denn dort draußen?"

„Ich erzähle es Ihren später, Sir", sagte Jack Havard ungeduldig. „Sagen Sie mir lieber, ob ich ab sofort in Urlaub gehen kann."

„Genehmigt, Havard. Fahren Sie los. Wünsche Ihnen gute Erholung. Und machen Sie keine dummen Streiche. Es täte mir leid, wenn ich einen meiner tüchtigsten Mitarbeiter verlieren würde."

„Keine Sorge, Sir! Unkraut verdirbt nicht. Ich werde pünktlich nach drei Wochen wieder auf meinem Bürostuhl sitzen. Auf Wiedersehen, Sir!" Jack Havard hängte den Hörer auf die Gabel und verließ nachdenklich die gläserne Zelle. Der Chef hat eigentlich recht, dachte er grübelnd. Ich bin im Begriff, den dümmsten Streich

meines Lebens zu begehen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt? Warum führe ich einen Befehl Alban Lampards aus, der gar nicht mir gegolten hat. Henry kann ich ja doch nicht mehr helfen. Er ist tot. Kein Wunder kann ihn wieder zum Leben erwecken.

Aber dann sagte er sich, daß Henry in seinem Leben nie einen wirklichen Freund besessen hatte außer seinem Vetter. Es mußte doch jemand da sein, der sich auch nach seinem Tode noch um ihn kümmerte. Es war einfach menschliche Pflicht, das Dunkel, das über seinem tragischen Ende lag, zu erhellen. Jack Havard nickte vor sich hin, als wolle er seinen Entschluß noch einmal bekräftigen. Er ging auf die nächste Bus-Haltestelle zu und fuhr zur Victoria Station. Als er durch das Bahnhofsgebäude zum Fahrkartenschalter ging, war es kurz vor neun Uhr. Er hatte also noch über eine halbe Stunde Zeit.

Er schlenderte an den Kiosken vorüber, kaufte sich Obst, Zigaretten und ein paar Sandwiches. Dann trat er an ein Schnellbüfett heran und trank noch eine heiße Hühnerbrühe. Dicht nebenan befand sich eine große elektrische Uhr. Der Minutenzeiger machte in exakten Abständen einen kleinen Sprung. Jack Havard beobachtete ihn mit gespanntem Interesse. Als die Zeiger auf 9.20 Uhr standen, ging er durch die Sperre und begab sich auf Bahnsteig vier, wo der Vorortszug nach Mala Green fahrbereit in der Halle stand. Schnurstracks ging er auf den letzten Wagen zu und trat in das Abteil ein. Hier sollte Lydia Brandon sitzen, dachte er, während er die Coupetür öffnete. Vielleicht ist diese Dame nicht so zugeknöpft wie Esther Harras. Vielleicht kann ich ihr ein wenig die Zunge lösen. Eine offene Beichte könnte mich ein großes Stück vorwärts bringen. Er blickte sich rasch in dem engen Abteil um Zwei dicke, gutmütige Männer hockten in den grünen Kunstlederpolstern und unterhielten sich über das miese Herbstwetter. Neben ihnen kauerte eine schwindsüchtige Person, die wie eine pensionierte Lehrerin aussah. Und ganz links, unmittelbar am Fenster, eine junge Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren. Sie trug ein unauffälliges Reisekostüm, das elegant geschnitten war und sie sehr gut kleidete. Das Gesicht wirkte herb und abweisend, war aber dennoch von eigenwilliger Schönheit. In den dunklen Augen mischten sich Trotz und Traurigkeit, die roten Lippen waren zu einem schmalen Strich verkniffen. Das ist sie, dachte Jack Havard mit einem erleichterten Atemzug. So ungefähr habe ich sie mir vorgestellt. Alban Lampard scheint genau zu wissen, wen er sich für seine Pläne aussucht. Mit dieser Frau hat er sicher einen guten Fang getan. Der Zug setzte sich ratternd in Bewegung. Er war schlecht gefedert wie die meisten Vorortszüge. Kreischend holperte er über die Weichen. Er hielt beinahe an jedem Gartenzaun. Nach jeder halben Meile kam eine Station. In Peckton Grove stiegen die beiden dicken Männer aus. An der übernächsten Haltestelle entfernte sich auch die schwindsüchtige Person mit dünnem Hüsteln. Neue Fahrgäste stiegen nicht zu. Jack Havard war allein mit Lydia Brandon im Coupe. Er rückte ein wenig zur Seite, daß er ihr genau gegenüber saß. Schon nach wenigen Sekunden merkte er, daß sie unter seinen forschenden Blicken unruhig wurde. Sie schlug die Augen nieder und wandte das Gesicht ab. Nervös nestelten ihre Hände an der gelben Ledertasche.

„Sie sind mein Bewacher, nicht wahr?" fragte sie nach einer Weile. Ihr Lächeln war bitter und ihre Worte klangen spröde. „Sie sollen auf mich aufpassen, damit ich mich nicht aus den Maschen des raffiniert gefädelten Netzes befreien kann. Ich weiß es. Man hat mir gesagt, daß Sie mich begleiten werden. Ich kenne sogar Ihren Namen. Sie sind Henry Boswell. Stimmt's?" Jack Havard sagte weder ja noch nein. Er zündete sich hastig eine Zigarette an, um seine Erregung zu verbergen. Ungeduldig fieberte er den nächsten Minuten entgegen.

„Wie lautet Ihr Auftrag?" fragte er mit erzwungener Gleichgültigkeit. Lydia Brandon leierte wie eine folgsame Schülerin die Weisungen herunter, die sie von Alban Lampard empfangen hatte.

„Ich werde mich bei Mr. Norbert Scott vorstellen", murmelte sie mit tonloser Stimme. „Er bewohnt ein einsames Haus an der Parkside in Mala Green und wird dort nur von einer alten Haushälterin betreut."

„Weiter!" ziscftelte Jack Havard, „Sprechen Sie doch weiter!"

„Mr. Scott war früher ein hohes Tier bei der Marine und schreibt jetzt seine Memoiren, wie das neuerdings modern geworden ist. Er sucht eine Sekretärin, die seine Schreibarbeiten erledigt. Um diesen Posten werde ich mich bewerben."

„Gut", sagte Jack Havard. „Sie haben sich alles genau eingeprägt. Wie geht es weiter?"

„Mr. Scott ist siebenundfünfzig Jahre alt. Jedes Kind in Mala Green weiß, daß er hinter allen Schürzen her ist und eine besondere Schwäche für schwarzhaarige Frauen hat. Für Frauen, die bedeutend jünger sind als er. Er marht sich lächerlich mit seiner Leidenschaft. Er will noch einmal heiraten. Und das alles hat Alban Lampard genau ausgeforscht."

„Sie hoffen also, die Stelle zu bekommen."

„Ja", sagte Lydia Brandon herb. „Ich glaube es bestimmt."

„Und dann?" fragte Jack Havard gedehnt. „Was geschieht, wenn Sie Ihre Stelle angetreten haben? Wird es beim Schreiben bleiben? Oder ist da noch etwas anderes, das Sie so nebenbei . . .?"

„Darüber weiß ich nichts", sagte Lydia Brandon scheu. „Weitere Einzelheiten werden mir noch mitgeteilt. Fragen Sie mich bitte nicht weiter aus, Mr. Boswell! Sie quälen mich nur."

Sie lehnte sich erschöpft in die Polster zurück und schloß die Augen. Etwas später ließ sie sich von Jack Havard Feuer geben und rauchte in hastigen Zügen eine Zigarette. Wie schön sie ist, dachte Jack Havard bewundernd. Man müßte etwas für sie tun. In den dreckigen Fingern Alban Lampards wird sie bestimmt zugrunde gehen. Genauso wie Henry. Ich werde ihr wohl oder übel die Wahrheit sagen müssen.

„Hören Sie mir gut zu, Miß Brandon", begann er in beschwörendem Tonfall. „Ich will Ihnen jetzt die reine Wahrheit sagen. Ich bin gar nicht Henry Boswell, verstehen Sie? Ich heiße Jack Havard. Ich will mit den dunklen Machenschaften Alban Lampards nichts zu tun haben. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Miß Brandon, dann treten Sie von dem Auftrag schleunigst zurück, ehe es zu spät ist. Lassen Sie sich nicht für irgendeine Gemeinheit mißbrauchen. Verkriechen Sie sich für ein paar Wochen. Ich werde Ihnen gern helfen. Wenn Sie Geld brauchen sollten, so bin ich jederzeit bereit, Ihnen . . ."

„Ach", sagte Lydia Brandon und kräuselte spöttisch die roten Lippen. „Sie wollen mich wohl auf die Probe stellen, wie? Ich soll auf einen faulen Trick hereinfallen, damit Sie sofort zu Alban Lampard gehen können und ..."

„Sind Sie denn nicht bei klarem Verstand?" polterte Jack Havard ärgerlich. „Ich will Sie doch nur vor einer großen Dummheit bewahren, Miß Brandon! Hier, betrachten Sie meine Ausweise! Heiße ich nun Jack Havard oder nicht?"

„Ausweise können gefälscht sein", sagte Lydia Brandon müde. „Alban Lampard versteht sich meisterhaft auf solche Dinge. Damit können Sie mir also nicht imponieren, Mr. Boswell! Ich weiß genau, was ich von Ihnen zu halten habe. Sie sind bestimmt um kein Haar besser als die anderen. "

Jack Havard mußte es vorerst aufgeben, diese törichte Frau zu warnen. Sie lief mit wissenden Augen in ihr Unglück. Sie wollte es nicht anders. Die Angst vor Alban Lampard war anscheinend größer als ihr fraulicher Instinkt. Sie ließ sich weder belehren noch warnen.

„Na schön", sagte Jack Havard, als der Zug in die kleine Station Mala Green einlief. „Eines Tages werden Sie sicher darauf kommen, daß Sie sich viel hätten ersparen können, wenn Sie in dieser Stunde nicht so eigensinnig gewesen wären."

„Ach was", sagte Lydia Brandon verächtlich, während sie sich erhob und ihren Kostümrock glattstrich. Sie knöpfte ihre Jacke zu.

„Ach was", sagte sie noch einmal von oben herab. „Ich kann mir genau vorstellen, was Sie im Schilde führen, Mr. Boswell! Ich soll tagsüber bei Mr. Scott arbeiten und abends für Ihr Privatvergnügen da sein, nicht wahr? So ungefähr haben Sie sich das ausgedacht. Aber daraus wird nichts, verstanden? Ich werde nur das tun, was mir Alban Lampard befiehlt. Ihm muß ich gehorchen. Sie wissen ja, warum."

Sie stiegen aus und gingen durch die Sperre. Als sie ihre Fahrkarten abgaben, blickte ihnen der Schaffner respektvoll nach. Es war selten, daß sich ein so elegantes Paar nach Mala Green verirrte. Es war wirklich ein ziemlich ödes Nest, das die neue Heimat Lydia Brandons werden sollte. Hinter wuchernden Gärten versteckten sich Landsitze und die bescheidenen Villen pensionierter Beamter. Schon nach kurzem tauchte das Haus Norbert Scotts vor ihnen auf. Es war ein weitläufiger grauer Kasten, der düster hinter schwarzen Tannen lag. Lydia Brandon blickte schaudernd auf die altersdunklen Mauern. Ihre Brust hob sich unter einem beklommenen Atemzug. Zaudernd ging sie auf das schmiedeeiserne Gartentor zu. Ängstlich musterte sie die rauschenden Bäume. Jack Havard hielt sich bescheiden im Hintergrund.

„Ich warte dort drüben im Gasthaus auf Sie", raunte er ihr zu. „Wenn Sie Ihre Unterredung mit Mr. Scott beendet haben, so kommen Sie sofort zu mir und erstatten Meldung. Haben Sie verstanden?"

Lydia Brandon nickte nur. Sie hatte bereits das schwere Gartentor geöffnet. Ihre leichten Schuhe knirschten auf dem Kies. Sie ging langsam auf die graue Villa zu.

Erst als sie im Haus verschwunden war, löste sich Jack Havard aus dem Schatten der Gartenhecke und steuerte auf das Gasthaus zu, das schräg gegenüber lag. Es war eine gemütliche Schankstube, in die er da geriet. An den Tischen saßen biedere Fuhrleute, Eisenbahner und Handwerker. Und neben dem geheizten Kachelofen hockten ein paar große Katzen und dösten schläfrig in den Herbstvormittag hinein. Der Wirt hantierte geschäftig an seinem Zapfhahn herum. Jack Havard wählte einen Eckplatz am Fenster, von wo aus er das Anwesen Norbert Scotts gut überblicken konnte. Grübelnd starrte er auf die dunklen Fensterscheiben. Die hohen Tannen ließen nie einen Sonnenstrahl in die Räume des Hauses dringen.

„Schöner Besitz", sagte Jack Havard anerkennend zu dem fetten Wirt, der dienernd einen Krug Bier vor ihn hinstellte. „Wem gehört denn das Haus?"

Der Wirt ließ sich augenblicklich am Tisch nieder und freute sich, einmal gründlich über diesen eingebildeten Marinefritzen herziehen zu können, der mit seinen ewigen Weibergeschichten den ganzen Ort verrückt machte.

„Dieser Kerl hat sich noch nie in meiner Wirtschaft blicken lassen", knurrte der biedere Gastwirt empört. „Er wird keine Zeit dazu haben, denke ich. Man weiß ja, wie er es treibt. Keine Schürze ist vor ihm sicher. Jedes Dienstmädchen ist ihm davongelaufen. Nur eine alte Haushälterin hat es bei ihm ausgehalten."

„Ein seltsamer Mensch", murmelte Jack Havard kopfschüttelnd. „Warum heiratet er denn nicht, wenn er so toll auf Frauen ist? Es wird sich schon eine finden, die dieses prächtige Haus gern mit ihm teilen möchte. Als ehemaliger Admiral dürfte er auch eine ganz schöne Pension beziehen."

„Trotzdem wird keine anbeißen, fürchte ich", brummte der Wirt abfällig. „Er will ja nur junge Dinger um sich haben. Und welches Mädchen, Frage ich Sie, Sir, will schon mit einem alten Knacker wie Norbert Scott Hochzeit feiern? Hier in Mala Green wird er keine finden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort."

Jack Havard trank einen Schluck Bier und bestellte etwas zu essen. Dabei behielt er ständig die graue Villa im Auge. Er beobachtete sie unablässig. Dauernd hatte er das peinigende Gefühl, es müßte etwas Schreckliches passieren. Aber in Wirklichkeit ereignete sich gar nichts. Nach einer Stunde trat Lydia Brandon aus dem Gartentor. Sie ging langsam. Scheu blickte sie nach allen Seiten. Ihr hübsches Gesicht war jetzt noch blasser als zuvor. Zögernd und widerstrebend kam sie auf das Gasthaus zu. Sie blickte argwöhnisch durch die Fenster. Gehemmt und unsicher trat sie nach einer Weile ein. Sie ging auf den hintersten Tisch zu und nahm wortlos neben Jack Havard Platz.

„Was war denn?" fragte er gespannt. „Reden Sie doch! Haben Sie die Stelle bekommen?"

„Ja", sagte Lydia Brandon tonlos. „Natürlich! Ich kann schon heute mit Schreibarbeiten beginnen, wenn ich will."

„Werden Sie das tun?"

„Ja."

Jack Havard blickte gedankenvoll auf sein Bierglas nieder. Er fühlte sich verdammt unbehaglich. Konnte man denn wirklich nichts tun, um diesem törichten Mädchen die Augen zu öffnen?

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738913200
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
kommissar morry angst

Autor

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Titel: Kommissar Morry - Ich habe Angst