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Kommissar Morry - Dunkle Mächte

2017 120 Seiten

Leseprobe

Kommissar Morry - Dunkle Mächte

Cedric Balmore

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

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Kommissar Morry

Dunkle Mächte

Cedric Balmore

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Über den Inhalt des vorliegenden Bandes:

Um ein Gasthaus schleicht ein Mörder. Ein junges Brautpaar fällt ihm zum Opfer, der junge Mann ist Kommissar Morrys jüngster Mitarbeiter. Der örtlich zuständige Polizei-Kommissar verhaftet den Sohn des Gastwirts, der wirklich ein übles Subjekt ist und zu Recht als ein schwarzes Schaf gilt, auf den viele Indizien als den Täter hinweisen. Der Fall scheint geklärt. Doch weitere Verbrechen werden nach der Verhaftung des angeblichen Täters begangen. Als Kommissar Morry aus einem Urlaub zurückkehrt, ist es ihm eine heilige Pflicht, den Mord an seinem jungen Mitarbeiter aufzuklären. Als Kriminal-Reporter verkleidet taucht Morry in der Unterwelt auf, es gelingt ihm mit viel Geschick unter persönlichem Einsatz zu ermitteln, daß der verbrecherische Gastwirtssohn nicht der Mörder ist. Der wahre Täter, von den dunklen Mächten immer wieder zum Verbrechen getrieben, treibt weiterhin unerkannt sein Unwesen. Kriminalkommissar Morry mit seinem sicheren kriminalistischen Instinkt und seinem scharfen Verstand läßt sich durch keine Biedermanns-Maske täuschen. Er findet den Verbrecher, denn er entdeckt die ihn treibenden „Dunklen Mächte".

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Roman

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Es war ein trüber Märzabend. Die Dämmerung mischte sich mit den Nebelschwaden, die wie von Geisterhänden bewegt, auf und nieder wallten. Dicht an den Stamm eines Baumes gepreßt stand ein Mann und beobachtete gespannt das Anwesen, das vor ihm lag. Als hinter einem Fenster Licht aufflammte, straffte sich die Gestalt des Mannes. Der Schatten eines Mädchens wurde hinter der Gardine sichtbar. Patricia, die Tochter des Gastwirtes Richard Withman stand einen Augenblick unschlüssig im Zimmer, dann ging sie zum Fenster und ließ die Jalousie herunter. Der Fremde hinter dem Baum stieß einen unterdrückten Fluch aus. Nur einen Moment zögerte er noch, dann schlich er lautlos an das Haus heran. Jäh blieb er stehen. Sein scharfes Gehör hatte Geräusche vernommen. Das Gesicht des Mannes verzerrte sich, als plötzlich ein Bluthund vor ihm auftauchte. Nur wenige Meter von ihm entfernt blieb das gewaltige Tier mit fletschenden Zähnen stehen. Ein wenig duckte es sich. Ein tiefer, warnender, knurrender Ton drang aus seinem weitgeöffneten Rachen.

„Ruhig, Pluto“, flüsterte der Mann, und sofort kam das Tier zutraulich näher. Die schwere Hand des Mannes streichelte den Kopf der Dogge . . . sie tastete weiter und umspannte plötzlich die Kehle des Hundes.

Das starke Tier ahnte nicht, daß es sein Vertrauen mit dem Leben bezahlen mußte. Mit unheimlicher Kraft krampften sich die Finger des Mannes zusammen . . . wild wehrte sich die Dogge unter dem würgenden Griff . . . aber der Unheimliche verdoppelte nur seine Anstrengungen, bis er spürte, daß der Körper des Tieres erschlaffte.

Hinter einem Strauch verbarg er den Kadaver des Hundes. Nachdem er das erledigt hatte, stand er wenige Sekunden später vor dem Fenster, das . seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Behutsam hob der Unheimliche ein wenig die Jalousie an. Mit verkniffenen Augen spähte er in. das Zimmer. Patricia Withman saß vor einem Spiegel und kämmte sich ihr hellblondes Haar. Plötzlich wurde sie unruhig. Fühlte sie etwa die heißen Blicke des Fremden? Sie starrte in den Spiegel und beobachtete das Fenster. Es war ihr, als bewegte sich die Jalousie. Mit einem jähen Ruck erhob sie sich und ging zum Fenster. Hier blieb sie einige Sekunden lauschend stehen. Patricia Withman kannte keine Furcht. Sie war ein resolutes Mädchen. Entschlossen zog sie die Jalousie hoch, öffnete den Fensterflügel und spähte hinaus. Nichts war zu sehen. Kopfschüttelnd schloß sie das Fenster. Vielleicht hatte sich einer der Gäste einen Scherz erlaubt? Der unheimliche Fremde, der sich blitzschnell zu Boden geworfen hatte, war den Blicken des jungen Mädchens entgangen. Wieder rasselte die Jalousie herunter. Sinnend wandte sich das junge Mädchen dem Frisiertisch zu und beendete seine Toilette. Ein Lächeln verschönte Patricias Gesicht. Sie dachte an Peter Egan, dem ihr Herz gehörte. Ob er heute abend wohl schon kommen würde? Er hatte es ihr fest zugesagt, denn morgen sollte die Verlobung gefeiert werden. Unwillkürlich schloß das schöne Mädchen die Augen, fuhr aber erschrocken herum, als plötzlich die Tür mit einem Ruck aufgestoßen wurde.

„Mach' nicht so ein enttäuschtes Gesicht“, lächelte Richard Withmann und streichelte das Haar seiner Tochter, „ich weiß, daß du deinen Peter erwartet hast, nicht wahr?“

Patricia wurde rot. Frei und offen sah sie ihren Vater an und nickte stumm mit dem Kopf.

„Bist du glücklich, mein Kind?“ fragte Richard Withmann und zog das Mädchen an sich.

Zärtlich schlang Patricia ihre Arme um den Nacken des breitschultrigen Wirtes und flüsterte ihm verschämt ins Ohr: „Und wie, Vater!“

Aufseufzend ließ sich der Mann in einen Sessel fallen. „Ich hätte eine Bitte“, begann er mit schwerer Stimme, „morgen früh will Tante Ella nach London fahren . . .“

Als der Vater schwieg, blickte ihn Patricia forschend an. Verlegen sah der ältere Mann beiseite, dann brachte er stockend hervor: „Ich will John noch einmal helfen, das letzte Mal, wirklich das letzte Mal“, fuhr er zornig auf und ließ seine Faust aufden Tisch fallen.

„Bitte, Vater, rege dich nicht so auf“, flehte das junge Mädchen, „das schadet deiner Gesundheit.“

„Zum Teufel“, knurrte der Wirt, „wie soll das nur weitergehen? Ich arbeite Tag und Nacht, nur um die Schulden des feinen Herrn zu bezahlen. Nein, nein, so geht das nicht weiter! Es ist das letzte Mal, daß ich ihm helfe, in Zukunft soll er allein sehen, wie er weiterkommt.“

Mit einer unwilligen Gebärde riß er seine Brieftasche hervor und zog mit zitternden Fingern einige Scheine heraus. „Das schöne Geld“, stöhnte er, „hundertundzehn Pfund . . . wie lange muß ich dafür arbeiten, und dieser Kerl schämt sich nicht, seinen alten Vater immer wieder um Geld anzugehen.“

Stillschweigend legte Patricia die Scheine in ihr Handtäschchen. Das Gespräch war ihr peinlich. Auch sie hatte für ihren Stiefbruder nichts übrig, sie verachtete ihn sogar, weil er die Gutmütigkeit des Vaters immer wieder ausnützte. In ihre Gedanken hinein erklang die schwere Stimme Richard Withmanns: „Meine Geduld ist erschöpft, Patricia! Ich kann es dir gegenüber nicht verantworten, daß ich diesem Schurken immer wieder geholfen habe. Es ist auch dein Geld, mein Kind, das dieser Halunke vergeudet. Fortan soll er allein sehen, wie er weiterkommt, und wenn er im Zuchthaus endet, mir ist es gleichgültig. Achtundzwanzig Jahre ist der junge Herr, angeblich studiert er Medizin. Wenn du wüßtest, was ich alles über ihn erfahren habe, Patricia, ich darf gar nicht daran denken, sonst läuft mir die Galle über. Und dann schreibt mir dieser Waschlappen laufend Jammerbriefe, er benötigt das Geld dringend für sein Studium, ich weiß ganz genau, daß der Kerl schon vor einem Jahr das Studium auf gegeben hat.“

„Vater!“ rief erschrocken das junge Mädchen aus, „das habe ich ja noch gar nicht gewußt. Ist das auch wirklich wahr?“

„Reden wir nicht mehr darüber“, knurrte der Wirt gereizt, „ich will von dem Rumtreiber nichts mehr hören; heute ist es unwiderruflich das letzte Mal, daß ich ihm Geld zukommen lasse. ,Ehrenschulden'“, höhnte er, „er müsse sich sonst das Leben nehmen, na, geh schon, mein Kind und bringe Tante Ella das Geld, damit sie es John morgen in London übergibt.“

Das Häuschen der Tante lag ein wenig außerhalb der Ortschaft. Patricia hatte sich auf ihr Rad 'geschwungen, da der Nebel sich verflüchtigt hatte. Während der Fahrt beschäftigten sich die Gedanken Patricias mit ihrem Stiefbruder John. Sie nahm sich vor, in den nächsten Tagen nach London zu fahren, um ihm ins Gewissen zu reden. Vielleicht würde es ihr gelingen, John zur Vernunft zu bringen. Ein kleiner Berg zwang sie, das Tempo zu verlangsamen. Hinter dieser Anhöhe wohnte die Tante. Keine zehn Minuten mehr und sie würde ihr Ziel erreicht haben. An beiden Seiten des Weges standen Wacholderbüsche und riesige Eichen, deren blätterloses Geäst sich bizarr von dem hellen Nachthimmel abhob. Das junge Mädchen vernahm nicht daß ein 'Radfahrer sich ihr im schnellen Tempo näherte. In jagender Fahrt kam der Unheimliche angerast, seine Faust hielt einen Holzhammer umspannt. Wie ein Untier hockte er im Sattel. Tief hatte er seinen Hut ins Gesicht gezogen, man sah nur die dämonisch funkelnden Augen, die wie die eines Menschen wirkten, der nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Sein keuchender Atem wurde ihm zum Verräter. Unwillkürlich wandte sich Patricia herum, doch da war es schon zu spät. Mit einem höhnischen Auflachen raste der Unheimliche an ihr vorbei, die hocherhobene Faust mit dem Holzhammer sauste herab und prallte auf den Hinterkopf des jungen Mädchens. Wie von einem Axthieb getroffen, stürzte Patricia zu Boden und war dem Unhold wehrlos ausgeliefert, als dieser die Ohnmächtige hinter einen Wacholderstrauch zerrte. Eine Wolke schob sich vor den Vollmond, düster und verlassen lag die Landschaft da.

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PETER EGAN RÄUSPERTE sich einige Male. Er stand vor der Tür des gefürchtetsten Beamten von Scotland Yard. Seinem Gesicht sah man es an, daß er sich nicht gerade sehr wohl in seiner Haut fühlte. Eine kleine Visitenkarte, in Manneshöhe angbracht, ließ erkennen, daß Kommissar Morry, der bekannte Kriminalist Scotland Yards, hier arbeitete. Wieder räusperte sich Peter Egan. Da ertönte auch schon die sonore Stimme Morrys: „Kommen Sie schon rein. Egan.“

Verlegen betrat der junge Beamte den Raum. Seit einigen Wochen arbeitete er mit Kommissar Morry zusammen, er hatte den verschlossenen Mann schätzen gelernt, er bewunderte ihn sehr. Auch Kommissar Morry war dem jungen Beamten zugetan, auf ihn war Verlaß. Niemals murrte er, wenn es hieß, nächtelang durchzuarbeiten. Immer war Peter Egan von einer gleichbleibenden Freundlichkeit und bemühte sich in jeder Hinsicht, seinem Vorgesetzten gefällig zu sein. Lächelnd blickte Morry auf den jungen Sergeanten, der ihn ein wenig hilflos ansah. Unwillkürlich warf er einen Blick zu der großen Wanduhr, dann schüttelte er den Kopf, deutete auf einen Stuhl und sagte: „In einer Stunde ist erst Dienstschluß, Egan, was also führt Sie zu mir? Nehmen Sie endlich Platz, sonst nehmen Sie mir die Ruhe.“ Umständlich setzte sich der junge Sergeant. „Dürfte ich heute ausnahmsweise“, begann er stotternd, „etwas früher gehen?“

Einen kurzen Blick warf Morry auf Peter Egan. „Ist etwas Besonderes?“ forschte er gespannt.

„Wie man es nimmt, Herr Kommissar“, seufzte der junge Mann, „ich möchte zu meiner Braut.“

„Was sagen Sie da?“ unterbrach ihn Morry kopfschüttelnd, „habe ich richtig gehört: Braut? Seit wann haben Sie denn eine Braut, Sergeant?“

„Braut ist noch zuviel gesagt.“

Spöttisch blitzte es in den Augen Morrys auf. „Also nun einmal langsam, Egan, das ist ja eine reichlich verworrene Angelegenheit, also, haben Sie nun eine Braut oder nicht?“

„Morgen soll die Verlobung gefeiert werden“, kam es entschlossen von den Lippen des jungen Sergeanten, „und darum möchte ich Sie bitten ...“

„Ihnen einen Vorurlaub auf die Seligkeit zu geben, was? Sie sind ja ein ganz hinterhältiger Bursche. Seit Wochen arbeiten wir zusammen und ich erfahre nur so ganz nebenbei, daß Sie sich verloben wollen. Na, meinen Segen haben Sie. Nun verschwinden Sie aber schnellstens, denn sicherlich haben Sie sich mit Ihrer Braut verabredet.“

Mit einem Ruck erhob sich der junge Sergeant. Er sagte: „Ich danke Ihnen, Herr Kommissar.“

Als sich Peter Egan entfernen wollte, hielt ihn Morry noch einmal zurück. „Einen Augenblick, mein Lieber. Sie haben in den letzten Wochen viele Nächte mit mir durchgearbeitet, Sie haben es sich also verdient, einmal eine Woche zu Hause zu bleiben.“

„Kommissar Morry“, stammelte der junge Beamte überglücklich, „das ist sehr liebenswürdig von Ihnen . . .“

„Ach, reden Sie nicht mehr so lange herum und verschwinden Sie endlich, übrigens gebe ich Ihnen noch einen Tip, gewöhnen Sie sich schnellstens Ihr Räuspern ab, sonst haben Sie bei den Gangstern bald den Beinamen ,der räuspernde Sergeant'.“

„Es soll nicht mehr Vorkommen, Herr Kommissar“, entgegnete schuldbewußt Peter Egan, aber kaum hatte er die Worte hervorgebracht, würgte es in seiner Kehle und um zu vermeiden, daß er wieder räusperte, hustete er mehrere Male.

„Der erste Weg zur Besserung“, lächelte ihn Morry freundlich an, „also, in einer Woche sehen wir uns wieder. Ich werde morgen nach Paris fliegen, um einen alten Freund aufzusuchen. Augenblicklich liegt ja nichts weiter vor.“

Damit war das Gespräch für Kommissar Morry beendet. Leise vor sich hinpfeifend schritt Peter Egan durch die Gänge des Gebäudes. Unwillkürlich rieb er sich die Hände, er freute sich auf die kommende Woche. Die Eisenbahnfahrt war für den jungen Mann eine wahre Qual. Um sich abzulenken, holte er zuweilen die Verlobungsringe hervor und betrachtete sie mit glänzenden Augen. Endlich hielt der Zug. Der junge Sergeant stieg schnell aus, eilte durch die Sperre und erreichte nach kurzer Zeit das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters.

„Das ist aber eine Überraschung“, rief Richard Withman erfreut aus und erwiderte den kräftigen Händedruck des jungen Mannes. „Wärest du einige Minuten früher gekommen, mein Junge, dann hättest du Patricia begleiten können. Sie ist schnell mit dem Rad zu ihrer Tante gefahren.“

„Vor wenigen Minuten?“ entgegnete enttäuscht der junge Beamte, „schade, wenn ich das gewußt hätte, wäre ich noch schneller gelaufen. Aber weißt du was, ich fahre Patricia einfach nach, vielleicht hole ich sie noch ein.“

„Nimm das Rad des Hausknechts“, riet ihm Richard Withman, „es steht im Stall.“

Sofort verschwand Peter Egan, kehrte aber nach wenigen Minuten mit einem enttäuschten Gesicht zurück und sagte: „Im Stall steht kein Rad, na, dann muß ich eben zu Fuß gehen.“

Die letzten Worte hatte ein junger Bursche vernommen, der gerade das Gastzimmer betreten hatte. Er war ein ehemaliger Schulkamerad Peter Egans, der den Sergeanten herzlich begrüßte und dann mit einer Handbewegung nach draußen erklärte: „Mein Rad steht vor der Tür, nimm es dir, Peter. Bleib aber nicht zu lange, denn in einer halben Stunde will ich weiter.“

„Ich danke dir, Sam“, entgegnete Peter erfreut, und eilte davon.

Der junge Sergeant trat mächtig in die Pedalen. Er kannte den Weg genau, denn er hatte mit Patricia schon einige Male deren Tante aufgesucht. Nach wenigen Minuten erreichte er die Stelle, wo das junge Mädchen niedergeschlagen worden war. Scharf bremste der junge Mann, als er das Rad Patricias auf dem Weg liegen sah. Verständnislos blickte Peter umher. Patricia mußte doch in der Nähe sein. Plötzlich durchzuckte ihn ein furchtbarer Schreck. War die Geliebte etwa vom Rad gestürzt und hatte sich verletzt? Mehrere Male rief er ihren Namen und lauschte. Unruhe packte ihn, als er keine Antwort erhielt. Das volle Mondlicht lag auf dem Weg und so entdeckte er schon nach wenigen Sekunden eine Schleifspur. Eine unerklärliche Angst befiel Peter Egan. Sein Auge hatte das leuchtende Haar seiner Braut erspäht, sie lag in einem Gebüsch. Er atmete kaum noch, als er das Mädchen entdeckte.

Mit einem Blick sah der Sergeant, was geschehen war. Der große kräftige Mann zitterte. Alles Leid der Welt spiegelte sich in seinen Augen, als er erkannte, daß das heißgeliebte Mädchen ermordet worden war. Stöhnend sank er in die Knie, streichelte behutsam das Gesicht der Toten, wobei er beschwörend ihren Namen stammelte.

Der junge Sergeant hatte vollkommen die Beherrschung verloren, ein Schluchzen schüttelte seinen Körper; seine Augen füllten sich mit Tränen. Ein knackendes Geräusch brachte ihn jäh in die Wirklichkeit zurück. Der Mörder hatte sich hinter ihn geschlichen und ließ den Holzhammer auf ihn herabsausen. Zwar gelang es Peter Egan noch, sich beiseite zu werfen, dennoch traf ihn der Schlag auf der rechten Schulter mit solcher Wucht, daß sein Arm wie gelähmt herabhing. Wie ein Raubtier warf sich der Unheimliche über Peter Egan, schlang seine Hände um den Hals seines neuen Opfers und drückte immer fester zu. Nach einer Weile richtete sich der Mörder auf. Erbarmungslos betrachtete er seine Opfer.

„Nun seid ihr für immer vereint“, flüsterte er höhnisch, „das war doch euer Wunsch, nicht wahr?“

Bevor er den Ort seiner Untaten verließ, sah er sich noch einmal prüfend um. Er schien zufrieden zu sein, denn ein selbstgefälliges Grinsen umspielte seine Lippen. Als die dröhnenden Schläge einer Kirchenuhr aufklangen, flüsterte er vor sich hin:

„Acht Uhr, es wird langsam Zeit, daß ich verschwinde. Doch so schnell soll man die beiden nicht finden.“

Hastig suchte er einige Äste zusammen und bedeckte damit die Toten. Dann holte er die Räder und trug sie in einen Graben. Nun erst machte er sich davon.

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MIT EINER UNWILLIGEN Gebärde stieß Sam das Bierglas beiseite. „Zum Teufel“, schimpfte er, „wie lange läßt mich Peter denn noch hier warten . . . jetzt ist schon eine Stunde verstrichen, wenn er in seinem Dienst auch so unpünktlich ist, wird er es nicht weit bringen.“

„Warum schimpfst du so, Sam“, winkte Richard Withman beruhigend ab, „die beiden haben sich eine Weile nicht gesehen und da morgen die Verlobung stattfinden soll, haben sie sich bestimmt so einiges zu erzählen.“ Bei diesen Worten zwinkerte er mit den Augen.

„Was geht mich Peters Verlobung an“, maulte der junge Mann, „meine Christine erwartet mich heute Abend und ich komme nun zu spät zu meiner Verabredung, das hat man von seiner Gutmütigkeit.“

„Nanu“, lachte Richard Withman auf, „ich habe ja gar nicht gewußt, daß du so ein Temperament hast, Sam. Doch nun beruhige dich, alter Junge, Peter wird bestimmt gleich kommen. Inzwischen bist du mein Gast, alles, was du trinkst, geht auf meine Rechnung.“

„Das ist ein Angebot“, lachte der junge Mann herzhaft auf, „nun werde ich mich aber schadlos halten.“

Nach einer Weile wurde schließlich auch der alte Withman unruhig.

„Das begreife ich auch nicht“, flüsterte er, „daß die beiden noch immer nicht zurück sind. Wenn Patricia allein wäre, würde ich mir bestimmt Sorgen machen.“

„Mit einem Polizeibeamten an der Seite“, rief schon ein wenig angeheitert Sam aus, „kann ihr nichts passieren.“

Als er keine Antwort erhielt, blickte er verwundert zu dem Wirt hinüber, der wie erstarrt dastand und ungläubig auf einen jungen Mann sah, der mit einem verzerrten Lächeln eintrat.

„Mit meinem Besuch hast du wohl nicht gerechnet, was, Vater?“ sagte John Withman und trat langsam näher.

„Nein, wirklich nicht“, gab Richard Withman ehrlich zurück, „mit dir haben wir bestimmt nicht gerechnet.“

„Ich werde doch am Ehrentag meiner Schwester nicht fehlen“, lachte John Withman auf und reichte über die Theke hinweg seinem Vater die Hand. Prüfend blickte der alte Wirt auf seinen Sohn. „Wie siehst du denn aus?“ sagte er nun kopfschüttelnd, „du hast ja eine frische Schramme auf der Stirn, wo hast du denn diese bekommen?“

„Du wirst lachen“, entgegnete der junge Mann nachlässig, „ich bin vorhin gestolpert und dabei ist es geschehen.“

Richard Withman warf einen Blick zur Uhr, dann sagte er verhalten:

„Eigentlich ist es recht spät.“

Wegwerfend erwiderte der junge Mann: „Ich bin eine Station früher ausgestiegen und zu Fuß weitergegangen. Ich wollte mir ein wenig die Beine vertreten.“

„Bist du äm Grundstück Tante Ellas vorbeigekommen?“ fiel ihm der alte Withman ins Wort.

„Natürlich“, kam es knapp zurück, „aber da kein Licht brannte, bin ich weitergegangen. Außerdem hat ja deine liebe Schwester nicht allzuviel für mich übrig.“

„Und das mit Recht“, knurrte Richard Withman, er beherrschte sich aber, als er den verwunderten Blick Sams auffing.

„Nett, daß du dich auch einmal sehen läßt“, stieß da auch schon der angeheiterte junge Mann hervor, „du bist ja ein mächtig feiner Herr geworden in London, willst mich wohl überhaupt nicht begrüßen, was? Na ja, ein zukünftiger Arzt und ein kleiner Angestellter passen wohl nicht mehr zusammen?“

„Was redest du für dummes Zeug“, unterbrach ihn fast heftig John Withman, „ich habe dich wirklich nicht gesehen, Sam, entschuldige bitte. Also guten Abend, mein Lieber, wie geht es dir?“

„Solange dein Vater mich freihält, kann ich nicht klagen. Meinetwegen brauchen Peter und Patricia nicht so schnell zurückzukommen.“

Jetzt erst kam der alte Withman hinter seinem Schanktisch hervor. Als er seinem Sohn gegenüberstand, kratzte er sich am Hinterkopf und berichtete diesem von seiner Besorgnis.

„Fast zwei Stunden sind die beiden schon fort“, endete er, „nun wird es mir langsam unheimlich.“ „Wenn man verliebt ist“, entgegnete John Withman anzüglich, „dann vergißt man die Zeit. Aber verlaß dich darauf, Vater, vor Mitternacht werden die beiden bestimmt zurückkommen. Um diese Zeit pflegst du ja die Türen abzuriegeln. Vieh leicht wäre das den beiden nicht einmal unangenehm“, fuhr er gemein grinsend fort, „denn in der Scheune läßt es sich auch gut ruhen.“

„Schweig“, schrie gereizt Richard Withman ihn an, und es sah aus, als wolle er ihn ohrfeigen. „Erfreulicherweise gibt es noch Ehrenmänner und zu diesen rechne ich Peter Egan.“

Ein peinliches Schweigen breitete sich aus, in diese Stille hinein fielen zehn dumpfe Schläge der großen Wanduhr.

„Zehn Uhr“, stellte der alte Withman fest und wischte sich über die Stirn.

John Withman hatte sich inzwischen gelangweilt ein Glas mit Bier vollaufen lassen und leerte es in durstigen Zügen.

„Es schmeckt immer noch gut bei dir, Vater“, erklärte er anerkennend und füllte es wieder aufs neue.

„Bist du so abgebrüht“, knurrte der alte Withman verärgert, „merkst du nicht, wie ich mich sorge, aber das kümmert dich offenbar nicht.“

„Ich kann doch nichts dafür, wenn die beiden so lange ausbleiben“, gab John zurück. „Daran bin ich doch schließlich nicht schuld, daß das Liebespaar soviel Freude an der Natur hat. Es ist nebenbei heute eine herrliche Nacht, bestimmt, ich kann sie verstehen.“

Die Augen des Wirtes blitzten auf. Drohend klang seine Stimme, als er warnend sagte: „Hüte deine Zunge, John, damit ich mich nicht vergesse. Es würde mir wahrhaftig keine Freude bereiten, dich rauszuweisen. Noch solch eine dumme Redensart und du wirst dein blaues Wunder erleben. Du kennst mich und weißt daher, daß ich nicht spaße. Wähle in Zukunft deine Worte geschickter.“

„Soll ich etwa das junge Paar suchen?“ erwiderte unwillig John Withman aus, „ich kenne ihre Lieblingsplätze nicht und wüßte daher nicht, wo sie zu finden sind.“

„Da kann ich dir behilflich sein“, lachte Sam Andreas auf, „ich gebe dir einen guten Tip. Nimm Pluto mit.“

„Endlich ein gescheiter Einfall“, rief erleichtert Richard Withman aus. Ein wenig freundlicher bat er seinen Sohn:

„Tu mir den Gefallen, John, und suche die beiden. Sam hat recht, Pluto wird sie schnell finden. Es kann ja auch sein“, gab er zu bedenken, als er das unwillige Gesicht seines Sohnes sah, „daß Patricia vom Rad gestürzt ist.“

„Meinetwegen, Vater, ich werde das Liebespaar suchen gehen. Aber wo ist eigentlich unser Pluto, ich habe ihn noch gar nicht gesehen. Pluto“, rief er mit lauter Stimme, „Pluto, verdammter Kerl, wo steckst du denn eigentlich?“

Er stieß die Tür auf und rief noch einige Male nach draußen. „Jetzt schlägt es aber dreizehn“, rief er auf lachend aus, „die haben sicher Pluto mitgenommen.“

„Irgend etwas muß geschehen“, erklärte mit harter Stimme Richard Withman, „und ich bitte dich, John, mach dich auf den Weg. Nimm meinetwegen Jolly mit.“

Mit einem Fluch auf den Lippen, verließ John Withman das Haus. Er benötigte einige Zeit, bevor er den fest schlafenden Knecht munter bekam. Müde torkelte dieser an seiner Seite dahin und war bestimmt recht verärgert, daß man ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

„Die beiden sind doch keine kleinen Kinder“, murrte er, „hoffentlich bekommen wir nachher von Peter Egan nicht auch noch Vorwürfe?“

„Ist er eigentlich stark?“ fragte John Withman, wobei er einen prüfenden Blick auf die breiten Schultern des Knechtes warf.

„Stärker als ich ist er wohl nicht“, erklärte Jolly abwägend, „aber er kann boxen und versteht auch etwas von Jiu-Jitsu. Als ich einmal aus Spaß mit ihm gerungen habe, hat er mich mindestens fünf Mal auf den Boden gelegt, und ich weiß heute noch nicht, wie er es fertiggebracht hatte, mich umzulegen! Immerhin wiege ich über zwei Zentner. Er ist wirklich ein Teufelskerl, dieser Peter Egan. Der richtige Mann für Ihre Schwester.“

„So, meinst du?“ meinte John Withman, „da kann ich mich also auf meinen Schwager freuen. Am besten ist es, wenn ich mich gut mit ihm stelen werde“, lachte er auf. „Mit einem Kriminalbeamten von Scotland Yard ist ja bekanntlicherweise nicht gut Kirschen essen.“

Nach zwei Stunden kehrten die beiden Männer zurück. Ihre Suche war vergeblich gewesen.

Als John Withman merkte, wie aufgeregt sein Vater war, legte er diesem beruhigend die Hand auf die Schulter und erklärte: „Vielleicht sind die beiden heimlich nach London gefahren, Vater, um die Verlobung auf ihre Art zu feiern.“

„Rede nicht so ein dummes Zeug“, herrschte ihn der alte Withman an, „du weißt ganz genau, daß um diese Zeit kein Zug mehr fährt. Außerdem würde Patricia so etwas niemals tun.“

Sam Andreas hatte in der Zwischenzeit das Gasthaus verlassen. Nun standen sich Vater und Sohn allein gegenüber und maßen sich mit feindlichen Blicken. Plötzlich lösten sich die verkrampften Züge John Withmans und mit fast warmer Stimme sagte er: „Vater, ich bin zurückgekommen, weil ich eingesehen habe, daß es mit mir so nicht weiter geht. Ich will bei dir bleiben und bei dir arbeiten. Du mußt mir wieder vertrauen, Vater, ich will wirklich ein anderer Mensch werden.“

Mißtrauisch sah ihn der alte Withman an. „Auf einmal?“ kam es ungläubig von seinen Lippen. „Du willst London wirklich den Rücken kehren? Bei mir arbeiten? Du, John, das nehme ich dir nicht ab. Dann scheint dir das Wasser bis zum Halse zu stehen. Wieviel neue Schulden hast du wieder gemacht, he? Doch merke dir, ich denke nicht mehr daran, dir auch nur noch einen Penny zu geben.“

„Ich habe keine Schulden, Vater“, kam die lakonische Entgegnung, „es ist alles bezahlt und ich stehe als unverschuldeter Mann vor dir.“

Noch immer mißtrauisch fragte der alte Wirt: „Was steckt dahinter, John? So schnell kann sich ein Mensch nicht ändern! Du willst mir doch nicht weismachen wollen, daß du hinter der Theke stehen willst, um Bier auszuschenken. Nein, nein, erzähle mir keine Märchen, bekenne Farbe.“ Plötzlich unterbrach er sich, warf einen verzweifelten Blick zur Uhr und sagte aufgeregt. „Es dämmert ja schon und noch immer sind die beiden nicht zurück.“

Unruhig durchmaß er mit großen Schritten den Raum. Der alte Mann war von einer entsetzlichen Angst befallen. Plötzlich straffte sich sein Körper; entschlossen ergriff er den Telefonhörer. Als sich das Polizeirevier meldete, erklärte er wie verwirrt: „Entschuldige bitte, daß ich dich störe, James, aber ich bin in Sorge um meine Patricia. Sie ist um acht Uhr mit dem Rad zu ihrer Tante gefahren und seitdem nicht zurückgekehrt . . .“

Als er nach einigen Minuten den Hörer wieder auf die Gabel legte atmete er erleichtert auf. Nun warf er seinem Sohn einen durchdringenden Blick zu und sagte zögernd: „John, es muß etwas geschehen sein. Ich habe eine schreckliche Ahnung...“

„Aber Vater“, unterbrach ihn der junge Mann, „schließlich ist doch Peter Egan bei Patricia.“

Die beiden Männer konnten ihr Gespräch nicht fortsetzen, da in diesem Augenblick die Tür aufgestoßen wurde und James Webb den Raum betrat. Er begrüßte den Wirt und sagte: „Nun berichte mir einmal ausführlich, alter Junge, was sich zugetragen hat.“

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, leerte mit einem Zug das Glas Bier, das ihm der Wirt gereicht hatte und lauschte dann aufmerksam dem Bericht Richard Withmans. Danach blickte er sinnend vor sich hin. „Daß die beiden sich im Wald verirrt haben, Richard, das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Peter Egan kennt diese Gegend wie seine eigene Tasche und er würde selbst aus dem dichtesten Wald wieder herausfinden.“ Nun warf er John Withman einen kurzen Blick zu und fragte:

„Ist dir auf dem Weg zu deiner Tante nichts aufgefallen, John?“

„Ich habe nichts Besonderes bemerkt“, entgegnete der junge Mann, es schien ihm peinlich zu sein, von dem Beamten so intensiv gemustert zu werden.

Richard Withman befand sich am Ende seiner Kraft.

„Du mußt etwas unternehmen, Webb“, drängte er, „die Nacht ist gleich vorbei . . .“

James Webb warf einen Blick nach draußen. Verlegen zuckte er mit den Schultern, als er sagte: „Wir müssen noch warten, Richard, bis es hell wird. Es hat noch keinen Sinn, auf die Suche zu gehen.“

Aufseufzend ließ sich der Wirt auf einen Stuhl fallen. Wie erstarrt saß er da und blickte regungslos vor sich hin. Auch John hatte sich niedergesetzt. Schweigend saßen sich die Männer gegenüber. Jedes weitere Wort schien jetzt überflüssig. Kaum begann es zu tagen, erhob sich James Webb. „Jetzt ist es soweit“, erklärte er mit fester Stimme, „wenn ihr wollt, könnt ihr mich begleiten. Sechs Augen sehen mehr als nur zwei.“

Zur Überraschung Richard Withmans zog der Beamte seinen Revolver aus der Tasche und überprüfte ihn. „Was soll das?“ forschte er erregt.

„Man kann nie wissen“, kam die lakonische Entgegnung.

„Wollen wir nicht Jolly noch mitnehmen?“ fragte John.

„Den laß schlafen, mein Junge“, entgegnete ablehnend James Webb, „der würde uns nur im Wege sein.“

Als sie vom Hof gehen wollten, wandte sich plötzlich der Beamte um, eilte auf ein Gebüsch zu und stieß dann einen Ruf der Ueberjaschung aus. Sofort eilten Vater und Sohn dabei.

„Was ist?“ fragte Richard Withman erregt, „hast du etwas entdeckt?“

Stumm deutete James Webb auf den toten Hund, dessen starrer Körper ihn erkennen ließ, daß das gewaltige Tier getötet worden sein mußte.

„Wie entsetzlich“, stammelte erschrocken Richard Withman, „das arme Tier, sicherlich hat man Pluto vergiftet.“

„Vergiftet?“ entgegnete zweifelnd James Webb, beugte sich herunter, schüttelte den Kopf und erklärte, wobei er den Kehlkopf des toten Hundes abtastete, „Pluto ist erwürgt worden, Richard!“

„Das ist doch nicht möglich“, entgegnete der Wirt kopfschüttelnd, „du kennst das Tier und weißt, wie scharf es war. Es würde jeden Fremden zerreißen, der sich ihm genähert hätte.“

„Es muß ja kein Fremder gewesen sein“, gab James Webb mit eigenartiger Betonung zurück.

Fassungslos blickte der stiernackige Wirt auf den toten Hund. Von einer plötzlichen Angst befallen, stieß er James Webb in die Seite und flüsterte erregt: „Nun komm schon, James. Jetzt bange ich wirklich um die beiden.“

Wortlos schritten die Männer dahin. Aus dem Dickicht des Morgennebels löste sich die Sonne. Ihre Pfeile bahnten dem neuen Morgen strahlende Gassen. Ein leiser Wind zerteilte den Nebel, nach wenigen Minuten war er fortgeweht. Auch James Webb war nun von einer merkwürdigen Unruhe gepackt. Kräftig schritt er aus, nichts entging seinen scharfen Blicken, auch nicht die Stelle, wo das junge Mädchen von dem Todeshieb getroffen zu Boden gestürzt war. Es war für James Webb ein leichtes gewesen, die Radspuren bis hierher zu verfolgen, die sich immer wieder deutlich in dem weichen Sand abgezeichnet hatten. Ängstlich beobachteten Vater und Sohn den erfahrenen Beamten. Der betrachtete die Büsche und als er einige abgebrochene Äste wahrnahm, drang er, dichtauf gefolgt von den beiden Männern, in den Wald. Schon nach kurzer Zeit hatte er die Räder entdeckt, die der Mörder in den Graben geworfen hatte.

„Hier ist ein einzelner Mann gegangen“, erklärte er nach einer Weile und warf bei diesen Worten unwillkürlich einen Blick auf die Schuhe John Withmans. Unter diesem Blick errötete der junge Mann. Dann stieß er unwillig aus: „Warum sehen Sie mich eigentlich so seltsam an, Mister Webb?“

„Mir fällt es gerade auf“, erwiderte dieser, „daß Ihr Schuhwerk sehr schmutzig ist. Doch das will wohl weiter nichts besagen.“

Nur ein wenig zog John Withman die Augenbrauen hoch; er fand es unter seiner Würde eine Antwort zu erteilen. „Was hat das zu bedeuten?“ forschte erregt der Wirt, „nun sprich schon, James.“

„Ich bin bis jetzt auch noch nicht klüger als du, alter Freund“, entgegnete der Beamte, „mir ist es einfach unbegreiflich, daß die Räder im Graben liegen. Ich kenne deine Patricia und weiß, wie sorgfältig sie auf ihre Sachen achtet. Auch Peter Egan ist ein sehr korrekter Mensch, also mir ist die ganze Angelegenheit sehr rätselhaft.“

Ein kleiner Bach hemmte ihren Weg. Bis jetzt hatte James Webb Spuren verfolgen können. Nun blickte er hilflos umher. „Jetzt weiß ich nicht weiter“, bekannte er ehrlich, „die Spur verläuft sozusagen im Sande, oder besser ausgedrückt, hier im Wasser. Aber was ist denn das?“ er stellte seinen Kopf schräg und deutete auf einen Fußabdruck, der deutlich sichtbar war. Wieder warf James Webb dem jungen Withman einen eigenartigen Blick zu.

„Was haben Sie eigentlich mit mir vor“, herrschte ihn nun John an, „darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich gestern Nacht mehrere Stunden auf Wunsch meines Vaters die beiden gesucht habe? Übrigens war Jolly in meiner Begleitung. . .“

„Auch hier?“ rief ungläubig James Webb aus!

„Hier sind wir nicht gewesen“, gab John Withman kurz zurück, „wir sind nicht vom Wege abgewichen.“

„Irren Sie sich auch nicht?“ lächelte der Beamte fragend.

Als John Withman stutzte, fuhr er drängend fort: „Sehen Sie sich doch diese Spur bitte einmal ganz genau an, John, es ist Ihr Fußabdruck, das habe ich mit einem Blick festgestellt.“

John Withman erbleichte. Er schluckte mehrere Male, bevor er antworten konnte. Plötzlich schlug er sich lachend gegen die Stirn und erklärte im leichten Ton: „Es kann schon möglich sein, daß ich gestern Abend hier vorbeigekommen bin. Ich habe eine Station früher den Zug verlassen, um mir ein wenig die Beine zu vertreten.“

„Und da sind Sie ausgerechnet hier vorbeigekommen“, meinte James Webb. „Das ist natürlich möglich, aber in Anbetracht der Umstände muß ich schon sagen, daß ich das alles recht merkwürdig finde. Warum haben Sie das bisher eigentlich verschwiegen? Solch ein kleiner Spaziergang ist doch eine ganz harmlose Angelegenheit. . . es sei denn“, bewußt schwieg er, beugte sich ein wenig vor, betrachtete aufmerksam die Schuhe des jungen Mannes und fuhr nach kurzem Sinnen fort: „Wir wollen jeden Irrtum ausschalten, John Withman . . . bitte stellen Sie sich einmal neben den Fußabdruck . . .“

„Wie Sie wünschen“, entgegnete aufseufzend John Withman, „ich verstehe zwar nicht, was Sie damit bezwecken, aber bitte, hier haben Sie einen säuberlichen Fußabdruck, und ich muß Ihnen sogar bestätigen, daß es der gleiche zu sein scheint wie der meine!“

„Nur noch eine Frage“, fragte mit einem verbindlichen Lächeln James Webb, „wann ungefähr sind Sie hier vorbeigekommen?“

„Um sieben Uhr habe ich den Zug verlassen , es kann also zwischen halb acht und acht Uhr gewesen sein.“

Nun befanden sich die drei Männer wieder auf dem Weg. Sorgfältig lehnte James Webb die Räder gegen einen Baum, blickte suchend umher und schritt dann wieder in das dichte Gebüsch hinein. Schrittweise bewegte er sich vorwärts. Er war wie ein Suchhund auf der Fährte. Daher entgingen ihm nicht die aufgeschichteten Zweige, unter denen die beiden Toten lagen. Auch der alte Withman schien jetzt zu ahnen, was sie erwartete. Keuchend lehnte er sich gegen einen Baum.

„Helfen Sie mir, junger Mann“, knurrte James Webb und warf die Zweige beiseite.

„Mein Gott“, stöhnte plötzlich Richard Withman auf und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf das Haar seiner Tochter, das von einem Sonnenstrahl getroffen, aufleuchtete. Er wollte schreien, um sich von seiner Qual zu befreien, aber kein Ton kam über seine Lippen, seine Kehle war wie zugeschnürt, er konnte nur röcheln. . . bis er vor dem Körper seines geliebten Kindes in die Knie brach.

„Meine kleine Patricia“, stammelte er immer wieder, „mein armes, armes Kind. . . wer hat dir das angetan . . .“

Stumm und ergriffen stand James Webb da. Zwei junge blühende Menschen lagen vor ihm, von einem Mordbuben ausgelöscht, erbarmungslos getötet.

John Withman hatte sich abgewandt, als könnte er den Anblick nicht ertragen. Seine Gestalt bebte, dann verschwand er hinter einem Baum und erbrach sich.

Mühselig richtete sich der alte Withman wieder auf. In seinen Augen lag eine erschütternde Leere. Plötzlich verfärbte sich sein Gesicht, mit einem Ruck wandte er sich James Webb zu und seine Stimme klang wie eiskalt: „Du mußt die Bestie zur Strecke bringen, James, ich will ihn hängen sehen, ich selbst werde ihm den Strick um den Hals legen.“

„Das verspreche ich dir“, erwiderte, nun auch mit bewegter Stimme James Webb, „ich werde nicht eher ruhen, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe. Doch nun geht schon voraus und benachrichtigt die Mordkommission.“

„Ja, Vater“, stammelte John Withman, „laß uns gehen . . .“

„Mein armes, armes Kind“, flüsterte der Alte mit Tränen in den Augen, dann riß er sich zusammen und in aufrechter Haltung entfernte er sich.

Die Beamten der Mordkommission hatten ihre Routinearbeit beendet Vergeblich hatten sich die Spurensucher bemüht, etwas Handgreifliches zu finden. Ganz offenbar war aber der Mörder sehr vorsichtig zu Werke gegangen. Untersuchungsrichter George Prac trat kopfschüttelnd auf James Webb zu und fragte: „Was halten Sie von der Sache, Inspektor? Aus welchem Grunde mögen wohl diese beiden jungen Menschen ermordet sein?“

„Da zweifeln Sie noch?“ meinte James Webb, der den oft überheblichen Beamten nicht schätzte, „sind Sie noch immer wirklich im Zweifel? Was der Mörder mit der armen Patricia angestellt hat, das werden Sie erkannt haben. Später ist Peter Egan, der sie suchte, von dem Mörder überrascht worden. Außerdem ist Pluto, der Hund des Gastwirts erdrosselt worden. Das Tier mußte den Mann gekannt haben, der sich ihm genähert hat, sonst hätte er ihn angefallen, gibt Ihnen das nicht zu denken?“

„Sie haben also schon Ihre feste Meinung sich gebildet“, erwiderte der Untersuchungsrichter. „Ich verlasse mich auf Sie. Aber vergessen Sie nicht“, warf er ein, „daß ich die Untersuchung leite. Das heißt also, daß Sie verpflichtet sind, mir alle Ihre Ergebnisse jederzeit sofort mitzuteilen.“

Der Richter blickte seinen Untergebenen an. „Wir verstehen uns doch, Inspektor, nicht wahr? Handeln Sie also nicht zu selbständig. Ich glaube, ich habe doch ein wenig mehr Erfahrung als Sie. Mir ist da übrigens der Gedanke gekommen: sollten wir uns ein wenig mit dem Hausknecht Jolly befassen?“

„Wie kommen Sie gerade auf ihn“, entgegnete James Webb und warf dem Untersuchungsrichter einen forschenden Blick zu.

„Das fragen Sie noch?“ meinte der Richter, „wir haben doch sein Rad im Wald gefunden.“

„Das will gar nichts besagen“, entgegnete der Inspektor abschließend, „aber warten wir erst einmal die Verhandlung ab.“

Einen prüfenden Blick warf der Untersuchungsrichter James Webb zu: „Und wen verdächtigen Sie?“

„Noch niemand, alles weitere muß die Verhandlung ergeben“, gab James Webb ausweichend zurück.

Der Inspektor gab nun den Beamten der Mordkommission seine Anweisungen; danach schritt er an der Seite des Untersuchungsrichters dem Gasthaus zu. „Ist es nicht eigentlich unsere Pflicht“, fragte er, „Scotland Yard zu benachrichtigen? Immerhin war Peter Egan Spezialbeamter der Mordkommission, sein Vorgesetzter...“

„Ich weiß, ich weiß“, winkte verärgert George Prac ab, „in den letzten Wochen hat Peter Egan mit Kommissar Moxry zusammen gearbeitet, aber ich übernehme allein die Verantwortung, Inspektor, um so mehr ich davon überzeugt bin, daß wir in einigen Tagen den Fall aufgeklärt haben werden.“ James Webb war stumm an der Seite seines Vorgesetzten dahingeschritten, plötzlich blickte er den anderen scharf an und sagte: „Ich bitte nachher um Ihre Assistenz, wenn ich John Withman vernehme.“

Blitzschnell wandte sich der Untersuchungsrichter dem Inspektor zu und wie ein Peitschenhieb knallte seine Frage auf: „Wissen Sie, was Sie da sagen, Inspektor Webb? Ist es Ihnen eigentlich klar, wen Sie verdächtigen? Ich bitte Sie, begehen Sie keine Dummheit, auf keinen Fall dürfen wir uns eine Blöße geben und uns lächerlich machen.“

„Es kommt mir zwar selbst unwahrscheinlich vor“, entgegnete James Webb aufseufzend, „aber dennoch, eine Vernehmung ist ja schließlich keine Anklage.“

*

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VATER UND SOHN SAßEN sich in der Gaststube wortlos gegenüber. Der alte Withman hatte sein Gesicht in den Händen verborgen und schluchzte haltlos vor sich hin.

John war innerlich aufgewühlt wie noch nie zuvor in seinem Leben. Immer noch spürte er die harten, forschenden Blicke des Polizeibeamten, er ahnte, daß der Mann ihn verdächtigte. Am liebsten wäre er aufgesprungen und davongerannt. Es würde bestimmt nicht mehr lange dauern und James Webb würde ihn zum Verhör holen. Der junge Mann erkannte wie gefährlich die Situation für ihn war. Erschrocken fuhr John aus seinen Gedanken hoch, als die beiden Beamten den Raum betraten. „Gestatten Sie“, sagte mit einer leichten Verbeugung Untersuchungsrichter Prac, „daß wir an Ihrem Tisch Platz nehmen? Ich glaube, wir haben noch einiges zu besprechen. Ich bitte Sie beide, mir bei meiner Arbeit behilflich zu sein. Es liegt ja schließlich auch in Ihrem eigenen Interesse, daß wir des Mörders so schnell wie möglich habhaft werden.“

Die Worte des Untersuchungsrichters rissen Richard Withman in die Wirklichkeit zurück. Natürlich, der Beamte hatte nur zu recht, es galt seine Patricia zu rächen und so richtete er sich mit einem Ruck auf und sagte: „Bitte, fragen Sie, meine Herren, ich bin bereit, Ihnen Rede und Antwort zu stehen.“

Umständlich holte der Untersuchungsrichter aus seiner Aktentasche den Lederbeutel des ermordeten Mädchens hervor, öffnete ihn, sah den alten Wirt forschend an und fragte: „Können Sie mir sagen, Mister Withman, ob die . . . er zögerte einen Augenblick, dann fuhr er mit fester Stimme fort, „ob die Tote Geld bei sich gehabt hat?“

„Ich habe meiner Tochter einhundertundzehn Pfund mitgegeben, diese Summe sollte sie zu meiner Schwester bringen . . . plötzlich schwieg er und blickte verlegen beiseite.

„Warum reden Sie nicht weiter“, drängte George Prac, „je mehr wir erfahren, desto schneller kommen wir mit unserer Arbeit voran. Denken Sie bitte stets daran, daß selbst der kleinste Hinweis von entscheidender Bedeutung für uns sein kann.“

„Dieses Geld“, fuhr Richard Withman stockend fort, „war für meinen Sohn bestimmt.“

„Sooo?“ kam es gedehnt von den Lippen des Untersuchungsrichters, „das hätten Sie ihm doch gestern persönlich geben können.“

„Ich habe nicht gewußt, daß mein Sohn hierher kommen würde“, entgegnete der alte Wirt unwillig, „doch was ist mit dem Geld?“ forschte Richard Withman mit zitternder Stimme.

Mitleidig blickte James Webb den alten Freund an, bevor er mit harter Stimme sagte:

„Man muß es der Toten geraubt haben. Nun aber reiß dich zusammen, mein alter Junge, und blick mich nicht so vorwurfsvoll an, ich meine es doch nur gut mit dir! Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen und müssen jetzt unser ganzes Augenmerk nur darauf richten, den Mörder zur Strecke zu bringen. Jeden Augenblick kann sich dieser Verbrecher ein neues Opfer suchen, also müssen wir ganze und schnelle Arbeit leisten.“

Hilflos zuckte Richard Withman mit den Schultern und flüsterte: „Wie soll ich dir helfen können, James, ich wüßte keinen Menschen, der meiner Patricia etwas Böses gewünscht hätte.“

„Wir Polizeimenschen müssen uns an die Tatsachen halten“, unterbrach ihn der Inspektor. „Patricia ist einem Lustmörder in die Hände gefallen, der sie späterhin auch noch ausgeraubt hat. Übrigens wann und wo hast du deiner Tochter das Geld übergeben, hat dieses jemand beobachten können?“ „Meinst du etwa“, stieß der Wirt angewidert hervor, „daß es einen Menschen geben kann, der wegen dieser Summe ein junges, unschuldiges Mädchen ermordet?“

„Es ist schon um weniger Geld gemordet worden“, warf George Prac ein.

Der alte Withman schien diese Worte nicht gehört zu haben. Er stierte vor sich hin, sicherlich beschäftigten sich seine Gedanken mit seiner über alles geliebten Tochter, die ein so schreckliches Ende gefunden hatte. Nun legte John seinem Vater die Hand auf die Schulter und sagte: „Vater, nimm dich zusammen und antworte dem Inspektor! Wo hast du Patricia das Geld übergeben?“

„In ihrem Zimmer“, kam es tonlos von den Lippen des verzweifelten Mannes.

„Führen Sie mich bitte dorthin“, verlangte James Webb von dem jungen Mann. „Bei dieser Gelegenheit können Sie auch gleich den Hausknecht ins Gastzimmer bestellen, ich habe einige Fragen an ihn zu richten.“

Befremdet blickte John Withman den Inspektor an. „Ist es nicht besser“, wagte er einzuwenden, „wenn . . .“

Aber sofort unterbrach ihn der Beamte und erklärte: „Ich möchte in den nächsten zehn Minuten nicht gestört werden. Sie suchen inzwischen Jolly und sagen ihm, daß er im Gastzimmer auf mich warten soll.“

Nach diesen Worten stieß er die Tür auf, die in Patricias Zimmer führte. Energisch schloß er sie hinter sich. John Withman wandte sich mit finsterem Gesicht ab, begab sich in die Küche und fragte die alte Magd: „Hast du Jolly gesehen?“

„Die arme Patricia“, jammerte die Alte und schlug die Hände vors Gesicht.

„Donnerwetter“, herrschte sie John Withman an, „ich habe dich gefragt, ob du Jolly gesehen hast. Der Inspektor möchte ihn sprechen.“

Gehässig stieß die alte Magd aus: „Ihnen scheint ja der Tod Ihrer Schwester nicht nahe gegangen zu sein, Mister Withman.“

„Schweig, du dumme Trine“, schrie sie John an, „glaubst du etwa, weil du jetzt hier herumflennst, leidest du mehr als ich?“

Einige Male schnappte die alte Magd nach Luft, dann wischte sie sich die Tränen von den Wangen und erwiderte: „Was weiß ich, wo sich Jolly rumtreibt. Vielleicht im Pferdestall, suchen Sie ihn doch. Ich bin genauso klug wie Sie.“

„Du bist ein ungefälliges Frauenzimmer“, schimpfte der junge Mann, „dir scheint es bei uns zu gut zu gehen. Wie sprichst du überhaupt mit mir? In Zukunft soll das anders werden! Von jetzt ab bleibe ich hier im Haus, verstehst du?“

„Dann kann ich ja gleich meine Sachen packen“, stieß die alte Magd gehässig aus. „Sie wären nämlich der letzte, von dem ich mir Vorschriften machen lassen würde. Wer befehlen will, muß erst einmal gelernt haben, zu gehorchen.“

„Hebe dir deine Sprüche für ein anderes Mal auf“, höhnte John Withman und ging davon.

Nirgends war der Hausknecht zu finden. Wo mochte Jolly nur stecken? So kehrte John etwa nach zehn Minuten zurück und mußte es sich gefallen lassen, daß ihn der Untersuchungsrichter in ein förmliches Kreuzverhör nahm. John war es unangenehm, in Gegenwart seines Vaters dem Beamten Rede und Antwort stehen zu müssen, und als George Prac ihn mit immer neuen Fragen bedrängte, stieß er schließlich mit einem heftigen Ruck den Stuhl beiseite und sagte gereizt: „Was erlauben Sie sich eigentlich, Mister Prac?! Ihnen ist es wohl nicht klar, wen Sie vor sich haben. Ihre Fragen sind beleidigend für mich, ich verbiete mir alle weiteren Unterstellungen. Ja, ich habe eine Station vor meinem Reiseziel den Zug verlassen, ich bin zu Fuß hierher gelaufen, aber ich kann wirklich nicht auf die Minute genau angeben, wie lange ich an dem kleinen Bach verweilte.“ Nun lachte er höhnisch auf und spottete. „Sicherlich sind Sie schon zu alt, mein Herr, um die romantischen Gefühle eines jungen Menschen zu verstehen.“

„Warum ereifern Sie sich eigentlich so“, fiel ihm der andere ins Wort, „meine Fragen verfolgen nämlich einen besonderen Zweck. Sie befanden sich in der Nähe der Mordstelle und da wäre es doch immerhin möglich, daß Sie etwas bemerkt hätten.“

Weit beugte sich John Withman vor. Drohend blickte er den Untersuchungsrichter an, dann zischte er: „Die Art, wie Sie die Fragen stellen, gefällt mir nicht.“

„Sie scheinen ein wenig überempfindlich zu sein, junger Mann“, entgegnete ruhigen Tones der Untersuchungsrichter und sah John Withman mit seinen kalten Fischaugen unpersönlich an. „Also fassen wir einmal zusammen, Sie haben nichts gehört und nichts gesehen, ich nehme das also zur Kenntnis. . .“

In diesem Augenblick betrat Inspektor Webb das Gastzimmer. Unwillkürlich warf Richard Withman dem alten Freund einen fragenden Blick zu, den dieser mit einem sanften Lächeln erwiderte.

„Haben Sie etwas entdeckt?“ erklang die kalte Stimme des Untersuchungsrichters, „ich kenne Sie doch, Webb, Sie haben eine Neuigkeit zu berichten, nicht wahr?“

Inspektor Webb hatte seine linke Hand hinter dem Rücken gehalten. Nun holte er sie langsam hervor. Wie erstarrt blickten die drei Männer auf einen großen Holzhammer, den der Inspektor wortlos auf den Tisch legte. „Das ist ganz sicherlich die Mordwaffe“, erklärte er dazu lakonisch, „ich habe sie im Pferdestall gefunden, sie lag hinter der Futterkrippe!“

Schaudernd wandte sich der alte Wirt ab. Er hatte an dem Holz einige Blutspritzer wahrgenommen. Stöhnend fuhr der alte Withman herum. „Mein Holzhammer“, stammelte er und blickte James Webb ungläubig an.

„Betrachte ihn einmal genauer“, forderte ihn noch einmal der Beamte auf. Ganz langsam drehte sich der Kopf des Verzweifelten. Es kostete ihn sichtlich Mühe, den

Schaft der Mordwaffe zu betrachten. Da zuckten seine Hände hoch, er wollte dem Inspektor das Instrument aus der Hand nehmen, um es genauer zu betrachten. „Hände weg“, schrie da auch schon James Webb, „vielleicht sind noch Fingerabdrücke vorhanden.“

Kopfschüttelnd stammelte der alte Wirt: „Ja, er gehört mir, du hast recht, James, ich habe meinen Namen selbst einmal dort hinein geschnitzt.“

Jetzt erst wurde er sich der Tragweite seiner Worte inne. „Aber James“, stammelte er, „dann muß sich ja der Mörder hier in der Nähe aufgehalten haben.“

„Nicht nur das“, erklärte im ruhigen Ton der Beamte, „er hat vor dem Fenster deiner Tochter gestanden und euch beobachtet. Leider sind die Spuren aber verwischt worden.“

Im wilden Grimm schlug sich der Wirt die Hände vor die Brust und stöhnte: „Wer nur kann mir das angetan haben? Hier . . . mit diesen meinen Händen werde ich den Schurken umbringen. . . bringe ihn mir, James, und ich will dir ein Leben lang dankbar sein.“ Die scharfen Augen des Inspektors schweiften im Zimmer umher. „Wo ist Jolly?“ fragte er John Withman, „ich habe Sie doch gebeten . . .“

Unwillkürlich zuckte der junge Mann zusammen. Jetzt erst wurde es ihm bewußt, daß der Inspektor ihn schon eine Weile siezte und das vertrauliche ,Du' vermied.

„Ich habe ihn nicht gefunden“, entgegnete er und blickte zu seinem Vater hinüber, den wieder die Verzweiflung zu übermannen drohte. Wohlwollend nickte der Untersuchungsrichter seinem Beamten zu. „Machen Sie nur weiter so, ich glaube, ja, beinahe möchte ich sagen, ich bin fest davon überzeugt, daß Sie noch im Laufe des heutigen Tages dem Mörder die Hand auf die Schulter legen werden.“

„Davon bin ich noch nicht überzeugt“, entgegnete Inspektor Webb nachdenklich, „der Mörder ist ein zu ausgekochter Fuchs und es wird gar nicht so einfach sein, ihn zu überführen. Noch tappen wir völlig im dunkeln.“

„Was wollen Sie eigentlich“, fiel ihm der Untersuchungsrichter ins Wort, „wir haben das Mordinstrument, die Räder sind gefunden worden. Übrigens“, wandte er sich dem Hausherrn zu, „das eine gehörte wohl Ihrer Tochter, aber die beiden anderen, die Herrenräder . . .?!“

„Das eine gehört meinem Freund Peter Egans, der es ihm geliehen hat und das andere habe ich im vergangenen Jahr meinem Hausknecht geschenkt“, gab Richard Withman erklärend zurück.

„Ihrem Hausknecht?“ echote George Prac und warf dem Inspektor einen schnellen Blick zu, „das ist ja eigenartig. Vorhin haben Sie das Mordinstrument im Pferdestall gefunden, Inspektor, und nun das Fahrrad.“

Kopfschüttelnd sah Richard Withman den Untersuchungsrichter an. Ein schmerzliches Lächeln huschte über seine Züge, als er hervorbrachte: „Wollen Sie etwa unseren Jolly verdächtigen, Mister Prac? Da sind Sie auf dem falschen Weg, Jolly ist uns treu ergeben.“

„Das können Sie nicht wissen“, kam die bissige Entgegnung.

„Doch, das weiß ich. Ich kenne Jolly schon viele Jahre, Herr Untersuchungsrichter, Jolly ist ein gutmütiger Bursche, der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.“

„Sooo?“ kam es gedehnt von den Lippen des kahlköpfigen Mannes, „einer Fliege vielleicht nicht.“

„Hören Sie schon auf“, empörte sich Richard Withman gegen diese Unterstellung, „und lassen Sie Jolly zufrieden.“

„Für einen Knecht sind einhundertundzehn Pfund ein Vermögen“, gab der Untersuchungsrichter zu bedenken.

„Schweigen Sie endlich“, sagte Richard Withman heftiger als er gewollt hatte, „ich habe sehr oft viel mehr Geld im Hause gehabt. . . Jolly weiß, wo ich es aufbewahre . . . wenn er danach getrachtet hätte, mich zu berauben, hätte er dazu genug Gelegenheit gehabt.“

„Es gehört nun einmal leider zu meinem Beruf“, entgegnete der Untersuchungsrichter, „jeden Menschen verdächtigen zu müssen. Wenn Ihr Knecht ein einwandfreies Alibi hat, ist ja alles in Ordnung. Ich bin gezwungen, jeder Spur nachzugehen und kann dabei keinerlei Rücksicht nehmen. Sie müssen doch zugeben, daß es eigenartig ist, daß Ihr guter Jolly nicht gefunden wird.“

Müde schloß Richard Withman die Augen. „Ich selbst habe ihm gestern den Auftrag gegeben, die Pferde zum Beschlagen zu bringen, er wird sicher bald zurückkommen.“

Plötzlich sprang der Untersuchungsrichter — nachdem er einen Blick auf seine Armbanduhr geworfen hatte — erregt auf, und erklärte hastig: „Donnerwetter, ich muß ja um elf Uhr beim Kriminalrat sein, entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren, ich habe es sehr eilig. Sie, Inspektor, möchte ich bitten, mich nachmittags aufzusuchen, wir können dann alles Nötige miteinander besprechen.“

Schnell verschwand der diensteifrige George Prac. Ein kaum merkbares Lächeln huschte über die Lippen des Inspektors. Er wußte ganz genau, daß der Untersuchungsrichter danach trachtete, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, um mit seiner jungen Frau das Mittagessen gemeinsam einzunehmen.

Die zurückgebliebenen drei Männer atmeten sichtlich befreit auf, und nun, wo die alten Freunde sich allein gegenübersaßen, entstand sofort eine andere Atmosphäre, die der Vertrautheit. „Mein alter Freund“, sagte James Webb und ergriff die Hände des alten Wirtes, „ich verstehe deinen Schmerz ganz und gar.“

„Ich danke dir, James“, flüsterte mit Tränen in den Augen der Wirt und blickte seinen Jugendfreund dankbar an.

Plötzlich drehte sich der Inspektor mit einer jähen Bewegung herum und während er John Withman durchdringend ansah, forderte er mit energischer Stimme: „Sie haben doch sicherlich noch Ihre Fahrkarte . . . darf ich sie einmal sehen?“

Vater und Sohn wußten nicht, daß der Inspektor vorhin die Gelegenheit ergriffen hatte, um sich einige Minuten mit der alten Magd zu unterhalten. Von ihr hatte er so einiges erfahren, das sein Verhalten dem jungen Withman gegenüber entscheidend beeinflußte. Vor allen Dingen hatte die Alte ihm erzählt, daß John im vergangenen Jahr seine Schwester bedrängt habe, um sie zu küssen. Er sollte sich Patricia nach den Angaben der Alten des öfteren genähert haben. Mit zitternden Händen zog der junge Withman seine Brieftasche hervor und als er sie öffnete, konnte er es nicht verhindern, daß ein Bündel Geldnoten zu Boden flatterte. Bevor er sich bücken konnte, hatte sich schon James Webb niedergebeugt, die Scheine an sich genommen und wollte sie gerade dem jungen Mann zurückgeben, als die weit aufgerissenen Augen des alten Wirtes ihn daran hinderten.

„Was ist los, Richard?“ fragte er erregt.

Mit einer jähen Bewegung riß Richard Withman dem Inspektor die Geldscheine aus der Hand, zählte sie durch und dann brüllte er wie ein Tier auf: „Du Hund“, schrie er und schlug wie ein Rasender auf seinen Stiefsohn ein, „du hast Patricia ermordet ... du Schurke ... du elender Lump. . .“

Mit hängenden Armen stand John Withman da. Widerstandslos ließ er alles über sich ergehen. Er blutete schon aus Nase und Mund, aber er wehrte sich nicht.

Inspektor Webb beobachtete alles mit scharfen Augen. Als aber der alte Wirt in seiner hemmungslosen Wut Anstalten traf, die Mordwaffe zu ergreifen, riß ihn der Polizeibeamte mit einer harten Bewegung zurück.

„Bist du wahnsinnig“, schrie er ihn an, „glaubst du Narr etwa, daß John seine Schwester umgebracht hat?“

„Das Geld“, stammelte Richard Withman mit blutunterlaufenen Augen, „es ist das Geld, das Patricia bei sich gehabt hat ... er hat seine eigene Schwester ermordet und“, weiter kam er nicht. Hätte ihn James Webb nicht auf gefangen, wäre er zu Boden gestürzt. Mit hängenden Armen stand John Withman da. Sein Gesicht war von einer fahlen Blässe überzogen, dicke Schweißtropfen perlten von seiner Stirn herab, seine Augen flackerten. Vergeblich bemühte sich James Webb um den bewußtlosen Richard Withman. Mit geschlossenen Augen lag der alte Mann da, er röchelte tief, erst nach Minuten schlug er wieder die Augen auf. Langsam erhob er sich. Sein Gesicht war von Haß und Wut entstellt. Er spie vor seinem Stiefsohn aus. Schweratmend brachte er hervor: „Ich will ihn hängen sehen, diesen Schurken ... ich verfluche den Tag, an dem ich ihm meinen Namen gab. Er hat meine Patricia ermordet . . . nicht nur das . . . James“, wild warf er sich herum und blickte den alten Freund mit lodernden Augen an, „nimm ihn mit, den Halunken . . . sonst vergesse ich mich.“

„Vater“, erklang zum ersten Mal die Stimme des jungen Mannes, „es ist mein eigenes Geld, glaube es mir doch . . . wirklich, ich schwöre bei allem, was mir heilig ist.“

„Schwören willst du auch noch“, höhnte Richard Withman verächtlich, „wie oft hast du mir schon dein Ehrenwort gegeben und wie oft hast du es gebrochen. Vor einem Jahr hast du mir geschworen, ein anständiges Leben zu führen . . . zu arbeiten, damit ich stolz auf dich sein kann. Immer hast du von mir Geld verlangt und jetzt auf einmal bist du ein Krösus . .. hast hundertzehn Pfund in der Tasche . . . Um genau diesen Betrag hast du mich vor einigen Tagen erst angebettelt . . . mußtest angeblich wieder einmal eine Ehrenschuld begleichen . . .ja, ja, jetzt schweigst du . . . Glaube mir, ich werde erst zur Ruhe kommen, wenn ich dich hängen sehe . . . raus mit dir . . .“ Gefährlich funkelten seine Augen, als er zum Schanktisch schwankte und ein großes Bierglas ergriff. Man sah es ihm an, daß er entschlossen war, es auf dem Kopf seines Stiefsohnes zu zertrümmern. Mit einem Sprung stellte sich James Webb zwischen Vater und Sohn. „Er gehört mir“, zischte der Inspektor drohend, „hüte dich, ihm ein Leid anzutun, er steht unter meinem Schutz.“

Die Worte des Inspektors brachten Richard Withman wieder zur Besinnung. Die energischen Blicke des Polizeibeamten ließen ihn zurückweichen . . . wie ein geprügelter Hund verließ er die Gaststube.

Kaum war der Alte verschwunden, schritt James Webb auf John Withman zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte im ruhigen Ton: „Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes, John Withman, und mache Sie darauf aufmerksam, daß jedes Wort, das Sie von jetzt ab sagen, gegen Sie verwandt werden kann.“

Es war die alte Formel, die jeder Verbrecher in England kannte.

Unwillkürlich zuckte John Withman zusammen. „Aber Inspektor“, stammelte er, „ich weiß, es spricht vieles gegen mich ... es sind aber nur unglückselige Zufälle . . . wirklich, es ist mein Geld...“

„Sie haben erst vor einigen Tagen eine größere Summe von Ihrem Vater gefordert“, unterbrach ihn der Inspektor, „wollen Sie das bestreiten?“

„Nein, nein, das stimmt, ich benötigte dringend hundert Pfund . . . Spielschulden ... ich mußte sie zurückzahlen . . .“

„Ich weiß“, sagte James Webb ironisch, „Spielschulden sind bei euch Ehrenschulden, nicht wahr? Doch nun will ich von Ihnen wissen, woher sonst Sie das Geld erhalten haben wollen . . . Überlegen Sie nicht solange . . . raus mit der Sprache . .

„Ich habe es gestern beim Pferderennen gewonnen . . . zweihundertzwanzig Pfund .. . die Hälfte davon habe ich sofort zurückgezahlt und den Rest wollte ich meinem Vater zeigen... Ich bin zurückgekehrt, um ein neues Leben zu beginnen, ich wollte bei meinem Vater bleiben, wollte ihm helfen . . .“ Als er den ungläubigen Blick des Inspektors auffing, schwieg er betroffen. Er erkannte wohl selbst, daß viel dazu gehörte, ihm das zu glauben. Gelassen steckte sich James Webb eine Zigarette an, warf dem jungen Mann einen prüfenden Blick zu und fragte plötzlich mit einer fast wohlwollenden Freundlichkeit: „Es wird für mich nicht schwer sein, Ihre Angaben nachzuprüfen, Mister Withman! Sagen Sie mir doch, an wen hatten Sie Ihre Spielschulden zu bezahlen . . . lassen Sie sich ruhig Zeit und überlegen Sie gründlich, denn wenn Sie mir jetzt falsche Aussagen machen, wird das für Sie recht unangenehme Folgen haben . .. Sie sehen, ich meine es gut mit Ihnen . .. also wie gesagt, lassen Sie sich ruhig Zeit, ich rufe inzwischen das Revier an, damit Sie ein Beamter abholt.“

Gelassen kehrte er dem Verhafteten den Rücken, begab sich zum Telefon, das unweit vom Schanktisch stand und drehte bedächtig die Nummernscheibe. Seine linke Hand umklammerte in der Tasche den Revolver, da er damit rechnen mußte, daß der junge Mann die Flucht ergreifen würde. Er konnte John Withman in einem Spiegel beobachten, der die Querwand hinter den blitzenden Gläsern einnahm. John Withman schien die Umwelt vergessen zu haben. Er stand noch immer auf derselben Stelle. James Webb hatte das Gefühl, daß es hinter der hohen Stirn des jungen Mannes mächtig arbeitete. Das Revier meldete sich. „Bitte“, sagte Webb mit lauter Stimme, „schickt sofort Assistent Rachow hierher . . . ja, ja, so schnell wie möglich ... sagen Sie ihm, es sei dringend . . .Schluß.“

Bei Nennung des Namen Rachow war John Withman zusammengezuckt. Er war ein ehemaliger Freund von ihm, mit dem er einige Semester zusammen studiert hatte.

„So, das wäre erledigt“, mit diesen Worten trat James Webb wieder auf den jungen Mann zu, „nun, mein Lieber, Sie haben ja inzwischen genug Zeit gehabt... also bitte . . .!“

John Withman preßte die Finger so fest ineinander, daß die Gelenke knackten. Langsam hob er den Kopf, blickte aber an Inspektor Webb vorbei, als er flüsternd hervorbrachte: „Ich kann mich auf den Namen nicht besinnen ... wir trafen uns zuweilen im ,Haifisch' und machten dort unsere Spiele . . . wie gesagt, an den einen Gentleman verlor ich diese Summe.“

„Mann“, knurrte gereizt James Webb, „Sie glauben doch nicht etwa, daß ich Ihnen dieses Märchen abnehme?“ Plötzlich schwieg er überrascht, blickte sinnend John Withman an und fragte: „Habe ich richtig gehört? ,Haifisch' . . . aber zum Teufel, das ist ja ein ausgesprochenes Unterweltslokal... was haben Sie dort zu suchen?“

„Ich ging dorthin, weil dort gespielt wird“, kam es kläglich von den Lippen des jungen Mannes.

„Dort verkehren doch nur Verbrecher ... Falschspieler. . . und Sie wollen mir erzählen, daß Sie einem Ihnen angeblich unbekannten Mann die Spielschulden zurückerstattet haben . . . Eine bessere Ausrede hätte Ihnen wirklich einfallen müssen, um mich zu überzeugen, daß Sie unschuldig sind. Also raus mit der Sprache, Mister Withman, wie verhält es sich nun wirklich . .. Sie wollen mich wohl zum Narren halten. Glauben Sie etwa, daß ich nach London fahren werde, um den großen Unbekannten in dem Unterweltlokal ,Haifisch' zu suchen? Wie sieht er denn aus“, höhnte er, „dieser große Unbekannte, he? Sie wissen doch selbst, Mister Withman, daß Ihre Angaben nicht nachzuprüfen sind.“

Als in diesem Augenblick Jim Rachow das Gastzimmer betrat, stieß er mit rauer Stimme hervor: „Sie werden bis zum Prozeß bestimmt einige Monate in Untersuchungshaft bleiben, dort werden Sie genug Gelegenheit haben, sich darauf zu besinnen, wer der Mann ist, dem Sie im ,Haifisch' hundertzehn Pfund gegeben haben. Sicherlich wird es Ihnen noch einfallen.“

„Ich schwöre . . .“ stieß John Withman verzweifelt hervor.

Grimmig winkte Inspektor Webb ab. „Schwören Sie nicht immerzu, Mister Withman, dazu werden Sie später noch genug Gelegenheit haben. An Ihrer Stelle würde ich mich schnellstens um einen tüchtigen Anwalt bemühen. „Vielleicht“, er lächelte hintergründig und ergriff das Geld, „verteidigt Sie einer für diese Summe.“

Verständnislos hatte der junge Kriminalassistent auf den ehemaligen Freund geblickt. Er hatte so einiges von der Unterredung der beiden Männer mitbekommen, konnte sich aber keinen Reim darauf machen und so fuhr er fast erschrocken zusammen, als Inspektor Webb seinen Arm ergriff und ihn dabei bedeutsam ansah. Er folgte seinem Vorgesetzten in eine Ecke des Raumes und hörte stumm zu, als dieser ihm seine Anweisungen gab. Als er jetzt auf John Withman zutrat, verhärtete sich sein Gesicht. Mit schnellen sachkundigen Griffen überprüfte er den Tascheninhalt des ehe=maligen Studiengefährten und erklärte ganz unpersönlich: „Herr Inspektor, er hat keine Waffen bei sich.“

Sorgfältig legte er die aus den Taschen geholten Gegenstände auf den Tisch, es war eine Brieftasche, ein Schlüsselbund, zwei Taschentücher und etwas Kleingeld „Führen Sie den Mann ab“, befahl James Webb, „und vergessen Sie nicht, bevor er in die Zelle geführt wird, Hosenträger und Schnürsenkel abzunehmen.“

Jetzt mußte Jim Rachow etwas tun, was seiner Natur zuwider war. Aber Befehl war Befehl. Entschlossen ergriff er die linke Hand John Withmans und ließ um das Gelenk die eine Hälfte der stählernen Acht einschnappen... Die andere Hälfte legte er um sein eigenes Handgelenk. Jetzt konnte der Mordverdächtige unmöglich entfliehen. Mit gesenktem Kopf verließ John Withman an der Seite des Kriminalassistenten die Gastwirtschaft. Kaum befanden sie sich auf der Straße, flehte John Withman: „Erspare mir diese Schmach, Jim! Lege wenigstens deinen Mantel um unsere Handgelenke...“

Wortlos tat es der junge Kriminalassistent. „Ich danke dir, Jim“, flüsterte John Withman, „du bist ja doch noch der alte, treue Freund.“

„Ich bin an erster Stelle Kriminalbeamter, John“, kam es kalt von den Lippen Jim Rachows, „merke dir das.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913194
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377382
Schlagworte
kommissar morry dunkle mächte

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Titel: Kommissar Morry - Dunkle Mächte