Lade Inhalt...

Kommissar Morry - Die Stimme des Terrors

2017 160 Seiten

Leseprobe

Kommissar Morry - Die Stimme des Terrors

Cedric Balmore

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

image
image
image

Kommissar Morry

image

Kommissar Morry ist eine Serie von Kriminalromanen mit allen Zutaten klassischer Detektivgeschichten im englischen Stil. Nebelige Gassen, unheimliche Geschehnisse, skrupellose Mörder und ein Ermittler, der mit Scharfsinn und Beharrlichkeit dem Verbrechen den Kampf angesagt hat. Die Romane erschienen in den 1950er Jahren und spiegeln ihre Zeit wieder.

Verfasst wurden die Kommissar Morry Kriminalromane  von Cedric Balmore (d.i. Hans E. Ködelpeter),  der später auch zahlreiche Romane zu den Serien Jerry Cotton, Kommissar X  und 'Die schwarze Fledermaus beitrug.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

Die Romane erschienen ursprünglich als Leihbücher in den 1950er Jahren.

Die Texte wurden in alter Rechtschreibung belassen.

© by Author / Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de 

image
image
image

Kommissar Morry

Die Stimme des Terrors

(Cedric Balmore)

image

Inspektor Rockwell stand wie erstarrt. Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoß, lautete: Das kann nicht sein, nicht hier, nicht in meiner Wohnung! Aber er wußte, daß er nicht träumte. Er hob die Arme ganz langsam und dachte darüber nach, wem die Stimme gehören mochte... die leise, spöttische Stimme, die ihn dazu aufgefordert hatte, die Hände zu heben und sich nicht umzudrehen.

„Haben Sie Ihre Dienstwaffe bei sich?" erkundigte sich der Mann hinter ihm.

Er wußte, daß ich mich zuerst nach rechts wenden und den Lichtschalter betätigen würde, überlegte Rockwell. Dann sagte er: „Ja."

„Treten Sie mit dem Gesicht zur Wand. Näher — ja, so ist's besser."

„Was hat das zu bedeuten?" fragte Rockwell. Er sprach ruhig, aber er merkte, daß ihn der Ärger zu überwältigen drohte.

„Das werden Sie gleich erfahren."

Die Stimme war dunkel und kultiviert. Es war die Stimme eines selbstbewußten Mannes, der es sehr wohl verstand, seine Worte mit Vorbedacht zu wählen, eine Stimme, die einschmeichelnd, im gegebenen Moment aber sicher auch hart und schneidend sein konnte. Der Inspektor atmete rasch. Es irritierte ihn, daß das Blut in seine Wangen gestiegen war. Er fand es empörend und beschämend zugleich, in der eigenen Wohnung von einem Eindringling in dieser Weise herumkommandiert zu werden. Er war heute etwas später als sonst aus der Dienststelle nach Hause zurückgekehrt, müde und abgespannt von der Arbeit an einem Fall, der ihm schon seit Wochen viel Kopfzerbrechen bereitete, und fest entschlossen, gleich nach dem Abendessen ins Bett zu gehen. Was hatte das Auftauchen des Fremden zu bedeuten?

War es ein Racheakt der Unterwelt? War der Eindringling ein Mann, den er durch seine Ermittlungsarbeit einmal ins Zuchthaus gebracht hatte?

Nein, dachte Rockwell. Ich kenne die Stimme nicht. Er fühlte, wie eine flinke, geschickte Hand in sein Jackett glitt und die Pistole aus dem Schulterhalfter zog. „Gerechter Himmel", sagte der Mann hinter ihm. „Wie kann man nur mit so einer Kanone Spazierengehen."

„Kann ich die Arme runternehmen?" fragte Rockwell brummend.

„Meinetwegen."

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mir eine Zigarette anstecke?"

„Aber nein. Tun Sie sich keinen Zwang an. Schließlich sind Sie hier zu Hause."

Rockwell holte ein Päckchen Chesterfields aus der Tasche und schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Als er die Streichholzschachtel aus der Tasche nahm, mußte er feststellen, daß sie leer war. Er warf sie wütend zur Seite. In diesem Moment erschien eine Hand neben seinem Gesicht; es war eine gepflegte und völlig ringlose Hand, die ein goldenes, brennendes Feuerzeug hielt.

Rockwell nahm sich Feuer und sagte höflich: „Vielen Dank!" Die Hand mit dem Feuerzeug zog sich zurück.

Der Inspektor notierte in Gedanken: Feuerzeug der Marke ,Buton‘ in achtzehnkarätiger Ausführung, Ladenpreis einhundertzweiundzwanzig Dollar. Der Kerl ist entweder reich, oder er hat das Ding geklaut.

„Wenn Sie erlauben, schiebe ich Ihnen einen Stuhl zurecht", meinte der Fremde in seiner spöttischen, leicht unterkühlten Art. „Das wird für Sie bequemer sein..."

„Sie sind rührend um mich besorgt", erklärte Rockwell grimmig, aber er nahm gehorsam Platz, als der Fremde ihm das Sitzmöbel hinschob.

„Sehen Sie sich Ihre Tapete genau an", spöttelte der Unbekannte. „Vielleicht kommt Ihnen dabei die seltene Scheußlichkeit des Musters zum Bewußtsein. Woran liegt es nur, daß Polizisten so selten einen guten Geschmack entwickeln?"

„Sind Sie gekommen, um das zu erfahren?" fragte Rockwell. Er rauchte hastiger als sonst. Das Gefühl, in einer tödlichen Gefahr zu schweben, war längst von ihm gewichen. Er fing an, die Situation auf seine Weise zu genießen. Ihn störte lediglich der Umstand, daß er am nächsten Morgen den Verlust seiner Pistole zu Protokoll geben mußte. Obwohl er an diesen Folgen des Überfalls nichts zu ändern vermochte, betrachtete er ihre Auswirkungen als einen empfindlichen Prestigeverlust. Die jüngeren Kollegen würden schön grinsen, wenn sie hörten, was ihm widerfahren war!

Schließlich war er kein Irgendwer, sondern Lionel Rockwell, Inspektor und Leiter der Mordkommission, ein Mann, dessen Ruf weit über die Grenzen seiner Heimatstadt gedrungen war. Sogar New York hatte sich schon um ihn und seine Dienste bemüht. Rockwell hatte es jedoch vorgezogen, in Memphis zu bleiben. Das war seine Heimat. Es gab viele Dinge, die ihm an Arkansas mißfielen, aber hier in Memphis kannte er jeden Schlupfwinkel, hier stand er mit den Gangstern gewissermaßen auf du und du. Es gab nur wenige Verbrechen, die er nicht binnen kurzer Zeit aufzuklären vermochte. Schon an der Arbeitsmethode seiner „Klienten" erkannte er im allgemeinen, wo er den Hebel ansetzen mußte.

„Wie ich höre, befassen Sie sich mit dem Fall Landville", sagte der Fremde. Zum erstenmal trat in die nonchalante Stimme ein Unterton von Spannung.

Wäre der Inspektor ein Hund gewesen, so hätte er beim Erwähnen dieses Namens gewiß sofort die Ohren hochgestellt. Landville! Das war die leidige Geschichte, die ihn seit über drei Wochen in Atem hielt.

„Haben Sie mir etwas darüber zu berichten?" erkundigte sich Rockwell.

„Ich möchte von Ihnen erfahren, wie weit Sie mit Ihren Ermittlungen gekommen sind."

„Sie machen mir Spaß!" sagte Rockwell. „Glauben Sie allen Ernstes, ich wäre bereit, irgendwelche Dienstgeheimnisse zu verraten?"

„Warum nicht?" fragte der Mann. Wenn er nicht spöttelte, war seine Stimme von einer dunklen, gefährlichen Trägheit. Der Kerl stammt aus den Südstaaten, genau wie ich, dachte Rockwell. Der Inspektor begann in Gedanken ein Bild des unbekannten Eindringlings zu formen — dabei entstand das Konterfei eines etwa dreißigjährigen Mannes mit großen, glühenden Augen und vollen, sinnlichen Lippen, die in den Mundwinkeln spöttisch nach unten gezogen waren. Rockwell interessierte es brennend, festzustellen, ob dieses Produkt seiner Phantasie mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Er nahm sich vor, das unter allen Umständen zu ermitteln.

„Warum nicht?" wiederholte der Fremde. „Vielleicht läßt sich ein Geschäft auf Gegenseitigkeit arrangieren, hm? Sie sagen mir, wen Sie verdächtigen, und ich erkläre Ihnen ein paar Dinge, die Ihnen möglicherweise neu sind."

„Sie sind der Mörder!" sagte Rockwell.

„Bitte?" fragte der Fremde verdutzt.

„Sie haben mich gut verstanden. Sie haben Nathalie Landville getötet, nicht wahr?"

Der Fremde lachte. Es klang bitter und enttäuscht. „Sie wissen also nichts?" sagte er. „Gar nichts?"

Es stimmte. Der Fall Landville war noch so mysteriös und ungeklärt wie am ersten Tag.

„Beruhigen Sie sich", sprach der Fremde gelassen. „Ich bin nicht der Täter."

Rockwell versuchte es noch einmal. „Sie haben es getan", behauptete er. „Sie sind zu mir gekommen, um zu erfahren, wie weit unsere Ermittlungsarbeit gediehen ist. Sie hielten es einfach nicht länger aus. Sie wollten sich Gewißheit verschaffen!"

„Ich war es nicht", sagte der Unbekannte.

„Worum geht es Ihnen?"

„Ich suche den Mörder, genau wie Sie."'

„Sie sind kein Familienmitglied?"

„Nein. Aber ich bin ein Freund der Landvilles — zumindest ein Freund der Verstorbenen. Ich bin daran interessiert, für den Tod der alten Dame Vergeltung zu finden."

„Warum kommen Sie dann nicht mit offenem Visier in mein Büro? Warum dringen Sie unter diesen Umständen wie ein gemeiner Gangster in meine Wohnung ein?"

„Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Ich habe nicht vor, sie jetzt und hier mit Ihnen zu erörtern..."

Rockwell ging in Gedanken rasch den Freundeskreis der Landvilles durch. Die meisten dieser Leute hatte er nach dem Mord an Nathalie Landville eingehend befragt. Niemand war darunter gewesen, der wie der Unbekannte gesprochen hatte.

„Der Fall ist ungewöhnlich kompliziert", meinte Rockwell, der seine Worte sehr genau und vorsichtig wählte. „Nathalie Landville war eine knapp sechzigjährige Witwe, eine allgemein geachtete Dame, die zwar zur Gesellschaft der Stadt gehörte, aber aus Gründen, die ich gut verstehen kann, ein recht isoliertes Leben führte. Man weiß, daß sie von ihren Kindern, der zweiundzwanzigjährigen Jeanette und dem einunddreißigjährigen Roger beerbt wurde. Diese Kinder sind, wenn man so will, die einzigen Nutznießer des Todes von Nathalie Landville. Aber beide befanden sich zur Tatzeit nicht in Memphis..."

„... außerdem", ergänzte der Fremde spöttisch, „hatten sie keine Ursache, die eigene Mutter zu töten. Nathalie Landville war streng, aber gerecht, und sie billigte Jeanette einen Monatswechsel von genau vierhundert Dollar zu. Roger, der das Vermögen der Landvilles verwaltete, bezog ein ordentliches Gehalt in Höhe von neunhundert Dollar — ebenfalls ein hübscher Batzen Geld. Die alte Dame war im übrigen nicht ganz gesund. Es war damit zu rechnen, daß sie nicht mehr lange leben würde. Warum also hätte man die Entwicklung forcieren sollen?"

„Die Ärzte gaben ihr noch zwei Jahre", bemerkte Rockwell.

„Die beiden Kinder gelten demnach als völlig unschuldig. Aber hätten sie sich nicht hinter dem Mord verbergen können?"

Rockwell schwieg, weil er spürte, daß der Fremde noch mehr zu sagen wünschte. Nach einer kurzen Pause fuhr der Unbekannte mit leicht erhobener Stimme fort: „Aber an diese Möglichkeit dachten Sie nur flüchtig. Hier im Süden läßt man den alteingesessenen Familien gegenüber eine gewisse Pietät walten. Man bringt es nicht übers Herz, jemand zu unterstellen, ein Muttermörder zu sein. Und Sie haben ja einen guten Grund, weder Roger noch Jeanette zu verdächtigen — denn schließlich waren beide zur Tatzeit nicht in Memphis!"

Der Inspektor runzelte die Augenbrauen. Was hatte der offene Hohn in den Worten des Eindringlings zu bedeuten?

„Sie dürfen versichert sein, daß wir diesen Punkt sehr gründlich untersuchten. An den Alibis der beiden gibt es nichts zu rütteln!"

„Ist es nicht merkwürdig, daß Jeanette und Roger, die fast niemals aus dieser Stadt herauskommen, ausgerechnet an jenem Freitag nicht in Memphis waren?"

„Es ist wahrscheinlich, daß der Mörder sich diesen Umstand zunutze machte."

„Lieber Himmel", meinte der Fremde seufzend. „Sie erklären, daß Sie im dunkeln tappen. Zumindest läßt der Umstand, daß Sie sogar mich verdächtigen, und nach so vielen Wochen keine Verhaftung vorgenommen haben, darauf schließen. Ist Ihnen noch niemals der Gedanke gekommen, daß eines der Kinder sich einen Mörder gedungen haben könnte?"

„Sie haben eine rege Phantasie."

„Aber so etwas gibt's doch, nicht wahr?"

„Ich kenne die Landvilles gut", sagte Rockwell. „Das schließt die Kinder mit ein. Es sind normale, aufgeweckte Menschen, nett, höflich und gebildet. Sie hatten nicht den geringsten Anlaß, eine so scheußliche Tat zu begehen."

„Ja, daran kranken Ihre Untersuchungen — am Fehlen eines Motivs, nicht wahr?"

„Bringen Sie mir eine Patentlösung?"

„Wenn ich sie hätte, wäre ich nicht hier. Dann hätte ich bereits auf eigene Faust gehandelt."

Rockwell legte die Stirn in Falten. „Sie stammen nicht aus Memphis, nicht wahr?"

„Sie werden verstehen, daß ich es mir nicht erlauben kann, diese und ähnliche Fragen zu beantworten."

„Roger und Jeanette sind unschuldig!"

„Sie setzen sich in bemerkenswerter Weise für die armen, mutterlosen Wesen ein", spöttelte der Unbekannte. „Sollte das daran liegen, daß die Landvilles zur alten Baumwollaristokratie der Stadt gehören? Es ist anscheinend ein ungeschriebenes Gesetz des Südens, daß man bestimmte Kreise von häßlichen Verdächtigungen frei hält."

„Sie sind ein Narr, wenn Sie das glauben!" sagte Rockwell ärgerlich. „Hier zählt nur eins: das Recht! Es ist die Richtschnur, an die ich mich halte."

„Ich hoffe, das sind keine leeren Worte."

„Ich habe es nicht nötig, mich Ihnen gegenüber zu rechtfertigen!" polterte Rockwell. „Wie sind Sie eigentlich in meine Wohnung gekommen?"

„Durch die Tür. Das Schloß ist miserabel. Wenn man geschickt ist, kann man es leicht mit einer zurechtgebogenen Büroklammer öffnen."

„Fristen Sie mit dieser Art von Geschicklichkeit Ihr Leben?"

„O nein. Das habe ich nicht nötig."

„Ich werde Sie finden, mein Freund", erklärte Rockwell ruhig. „Eines Tages werden Sie mir in die Arme laufen. Dann werden Sie sich vor Gericht wegen Ihres kriminellen Vorgehens zu verantworten haben. Wir sprechen uns wieder!"

„Ich kann Ihren Ärger verstehen", meinte der Fremde gelassen. „Aber morgen oder übermorgen dürfte er sich schon wieder gelegt haben."

Tatsächlich fühlte Rockwell, daß er gar nicht so wütend war, wie er tat. Hatte der Unbekannte nicht erwähnt, im Besitz einiger Informationen zu sein, die die Landvilles betrafen?

„Was wissen Sie über die Familie?" fragte der Inspektor.

„Möglicherweise nicht mehr als Sie", erwiderte der Fremde. „Leider kenne ich den Inhalt der Polizeiakten nicht."

„Wenn es zutrifft, daß Sie an der Ergreifung des Mörders interessiert sind, müssen Sie mir alles sagen, was Sie über die Landvilles in Erfahrung zu bringen vermochten."

„Hm — wußten Sie zum Beispiel, daß die schöne und wohlerzogene Jeanette Landville dazu neigt, Marihuana-Zigaretten zu rauchen?"

„Das ist eine Verleumdung!" entfuhr es Rockwell.

„So?"

„Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, daß es stimmt", meinte der Inspektor. „Jeanette ist ein so junges, natürliches Mädchen! Rauschgiftsüchtige gehören einer anderen Kategorie an. Ich begreife allerdings allmählich, worum es geht. Wahrscheinlich hat Jeanette Sie abblitzen lassen. Nun versuchen Sie sich aus gekränkter Eitelkeit an dem Mädchen und Ihrem Bruder zu rächen. Nur deshalb sind Sie so auffällig bemüht, die beiden zu belasten."

„Es gibt in Memphis einige Lokale, die besonders von den Söhnen und Töchtern der guten Gesellschaft frequentiert werden. Eines dieser Lokale trägt den Namen ,Squash'. Sie dürften es kennen. Wenn man weiß, wen man dort ansprechen muß, ist es nicht schwer, jede gewünschte Menge Marihuana-Zigaretten zu bekommen."

„Ja!"

„Wie steht es mit Roger?"

„Der hat von der unseligen Leidenschaft seiner bezaubernden kleinen Schwester keine Ahnung. Dafür geht er einem anderen Laster nach. Er ist bemüht, seinem besten Freund die Frau wegzunehmen."

„O'Conners?"

„Wie ich sehe, sind Sie wenigstens in diesem Punkt gut informiert", sagte der Fremde.

„Unsinn!" erwiderte der Inspektor. „Das gehört alles zu Ihrer Verleumdungskampagne. Ich nannte den Namen nur deshalb, weil ich natürlich weiß, daß O'Conners Roger Landvilles bester Freund ist. Die O'Conners führen meines Wissens eine glückliche und harmonische Ehe. Natürlich ist Roger häufig bei ihnen. Daraus ableiten zu wollen, daß er O'Conners die Frau wegnehmen möchte, ist einfach absurd. Im übrigen weiß jeder, der sich in den Gesellschaftskreisen dieser Stadt ein wenig auskennt, daß Roger seit Jahren mit Laura Bentwyler verkehrt und sie zu heiraten gedenkt."

„Ich hielt Sie für klüger", sagte der Unbekannte. Es klang fast mitleidig. „Damit hat sich unsere Unterhaltung erledigt. Ich habe keine Lust, meine wertvolle Zeit damit zu vergeuden, einem Inspektor der Kriminalpolizei die Aufklärungen zu verschaffen, die er längst allein ausfindig gemacht haben müßte. Bitte erheben Sie sich!"

Rockwell zögerte. Plötzlich war es wieder da — dieses Gefühl der Furcht und der akuten Gefahr, das ihn in dem Moment überfallen hatte, als er beim Betreten des Zimmers die Stimme des Fremden hinter sich vernommen hatte.

„Los, aufstehen!"

Rockwell gehorchte.

„Gehen Sie voran, in das Bad", befahl der Unbekannte. „Der Raum hat, wie ich mich überzeugen konnte, keine Fenster. Ich werde Sie dort einschließen. Wie ich Sie kenne, werden Sie nicht lange brauchen, um sich zu befreien. Wenn es gar nicht anders geht, bleibt Ihnen die Möglichkeit, die Tür einzutreten. So oder so dürften einige Minuten vergehen — genug Zeit, um meinen Rückzug möglich zu machen."

In diesem Moment wandte sich der Inspektor, auf der Türschwelle stehend, um. Er sah sich einem großen, gut gewachsenen Mann gegenüber, der eine Augenmaske trug, wie sie auf Kostümbällen Verwendung findet.

Der Fremde hatte keine dunklen, sondern sehr helle Augen. Sein Kinn war hart, männlich und fest geformt. Er trug einen Hut, der den Ansatz des dunkelblonden, sehr dichten Haares erkennen ließ. Der Fremde war mit einem gut geschnittenen hellbraunen Sommeranzug und modernen braunen Schuhen bekleidet. Zu dem Anzug trug er eine passende moosgrüne Krawatte. Der Inspektor spürte beim Anblick des maskierten Gesichtes ein Gefühl von Enttäuschung — und im nächsten Moment ein Empfinden von Furcht. Er sah die Faust des Fremden auf sich zuschießen und schaffte es gerade noch, sich abzuducken. Aber schon in der nächsten Sekunde traf ihn ein zweiter Schlag. Rockwell taumelte gegen die Wand. Langsam rutschte er zu Boden.

„Stehen Sie auf!" forderte der Fremde wütend. „Los!"

Langsam kam Rockwell wieder in die Höhe. Er war ziemlich benommen.

„Dafür werden Sie bezahlen müssen!" murmelte er leise. Dann marschierte er, von dem Fremden gefolgt, in das Badezimmer.

*

image

ROGER LANDVILLE STAND am Fenster seines Zimmers und starrte hinaus in den grauen, regenverhangenen Tag. Das Wasser tropfte von den Bäumen, und die schmutzigen Wolkenfetzen spiegelten sich in den zahlreichen Pfützen am Rande der schmalen, mit Kies bestreuten Auffahrt. So kann es nicht weitergehen, sagte er sich. Irgend etwas muß geschehen...

Als sich hinter ihm die Tür öffnete, wandte er sich nicht um. Er war mit den Geräuschen in diesem Haus vertraut genug, um zu wissen, daß Jeanette gekommen war.

Sie trat neben ihn ans Fenster. „Scheußlich", sagte sie. „Und ich war mit Liz zum Golfspielen verabredet!"

„Das redest du dir ein. Sie gehört zu den wenigen Mädchen, die rückhaltlos ehrlich sind."

„Es gibt eine Ehrlichkeit, die aus der Dummheit geboren wird."

Jeanette wandte den Kopf und blickte den Bruder an. Seit ihrer frühesten Kindheit war sie stolz auf ihn — auf seinen schlanken, geraden Wuchs, auf sein markantes, anziehendes Profil, auf seine Art, sich zu geben und zu sprechen — kurzum auf alles, was ihn zu einem der begehrtesten Junggesellen dieser Stadt gemacht hatte. Sie hörte den bohrenden Aerger aus seinen Worten heraus und erkundigte sich: „Was ist denn heute nur los mit dir? Du bist doch sonst nicht vom Wetter beeinflußbar!"

„Ich hasse dieses Haus", sagte er.

Jeanette war so verblüfft, daß sie eine volle Minute brauchte, um sich zu besinnen.

„Hier bist du doch groß geworden — hier hast du deine schönsten Stunden verbracht...“

„Ich werde niemals begreifen, was dich an diesem Mädchen fesselt. Sie ist ausgesprochen dumm."

Es ist doch unser Elternhaus!" meinte sie schließlich.

„Es ist groß, muffig, dunkel und scheußlich", erklärte er. „Ein lauerndes Ungeheuer, das nur darauf wartet, uns zu verschlingen. Ich habe niemals darüber gesprochen, weil ich fühlte, daß ich damit Mama und dich verletzen würde. Aber jetzt muß es einmal heraus. Ich hasse es. Es ist ein Alptraum. Wenn es dir recht ist, möchte ich es verkaufen."

„Verkaufen?" wiederholte Jeanette verwundert. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!"

„Es liegt im vornehmsten Viertel der Stadt. Wir könnten damit ein Vermögen erzielen."

„Wozu? Wir brauchen kein Geld. Mama hat jedem von uns mehr als hunderttausend Dollar hinterlassen."

„Du Schäfchen!" sagte er beinahe mitleidig. „Glaubst du wirklich, daß wir ewig damit auskommen werden? Ich habe mich schon bei einigen namhaften Maklern vorsorglich erkundigt. Für Haus und Grundstück können wir ungefähr eine Viertelmillion Dollar erzielen. Das ist mehr, als wir geerbt haben! Wir könnten uns in irgendeinem modernen Haus eine helle, großzügige Appartementwohnung nehmen — und...“

„Nein!" unterbrach Jeanette ihn entschlossen. „Das kommt nicht in Frage. Ich bin dagegen! So können und dürfen wir nicht handeln. Es wäre nicht in Mamas Sinn." Ihre Stimme wurde unsicher und zögernd, als sie fortfuhr: „Außerdem scheinst du nicht daran zu denken, wie die anderen Leute darauf reagieren würden."

„Die anderen Leute?” fragte er verblüfft. „Was haben die denn damit zu tun?"

„Wir sind in Memphis bekannt", erwiderte sie. „Mamas tragischer Tod ist noch allen in frischer Erinnerung. Es werden sich Menschen finden, die behaupten, wir versuchten den düsteren Schatten des Verbrechens zu entfliehen, die das Haus seit Mamas Tod umgeben. Oder, um es noch deutlicher auszudrücken: Man wird uns unterstellen, das schlechte Gewissen hätte uns aus dem Haus getrieben!"

„Ich verstehe nicht, was du meinst."

Jeanette holte tief Luft. Dann sagte sie sehr rasch und leise: „Heute morgen habe ich drei Briefe bekommen. Alle drei enthielten den gleichen, ungeheuerlichen Vorwurf. Man behauptet, daß wir Mama getötet haben!"

Roger zuckte zusammen. „Das ist doch verrückt!" rief er empört aus. „Hirnverbrannter Unsinn! Wie kannst du dich nur von solchen Schmierereien beeindrucken lassen? Ich bin dafür, daß wir diese Briefe sofort der Polizei übergeben!"

„Das ist nicht möglich."

„Warum?"

„Ich habe sie vernichtet."

„Das war dumm von dir."

„Hätte ich sie einrahmen lassen sollen!" fragte Jeanette wütend.

„Du mußt doch weiterdenken, Jeanette", sagte er. „Was ist, wenn sich die Polizei hinter diesen Briefen verbirgt? Vielleicht will sie herausfinden, wie wir auf die Vorwürfe reagieren?"

„Ich halte es für gänzlich undenkbar, daß sich Inspektor Rockwell zu derartig infamen Methoden herabläßt. Nein — die Briefe beweisen nur, daß sich in unserer Stadt eine Partei gebildet hat, die in uns Mamas Mörder sieht."

„Das kann und will ich nicht glauben!"

„Die Briefe bilden doch den Beweis, Roger! Wir dürfen diesen Menschen und ihren Verleumdungen keine weitere Nahrung geben, indem wir das Haus verkaufen."

„Was wir auch tun oder unterlassen, wird die bösen Zungen nicht davon abhalten, über uns zu reden. Dieses Gerede wird vermutlich solange anhalten, bis die Polizei den Täter gestellt hat."

Jeanette blickte den Bruder an. „Und was ist, wenn sie ihn nicht findet?"

Er zuckte die Schultern. „Das darf uns im Augenblick nicht kümmern. Die Leute, die anonyme Briefe schreiben und häßliche Gerüchte verbreiten, stehen charakterlich so tief unter uns, daß es überflüssig ist, auch nur einen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden!"

„Vielleicht hast du recht."

Sie schwiegen ein paar Sekunden, dann sagte Jeanette: „Warum werden wir verdächtigt? Weil wir uns weitgehend passiv verhalten! Wir überlassen alles der Polizei." Sie schaute den Bruder an und fragte: „Warum unternimmst du nichts, um den Täter zu finden?"

„Ich?"

„Ja, du!" erwiderte Jeanette. „Ich bin davon überzeugt, daß die dummen Redereien nur deshalb entstanden sind, weil man in uns ein paar junge, faule Nichtstuer sieht, denen der Tod der strengen Mutter nicht ganz ungelegen gekommen sein mag. Du bist jung, und du bist ein Mann! Aber du benimmst dich wie ein weiblicher Playboy. Du gehst täglich Tennis oder Golfspielen. Das sehen die Leute nicht gern. Es ist kein Wunder, daß viele sich darüber auf regen."

„Ich kann mich nicht um das kümmern, was die Leute sagen", erklärte er. „Denen kann es niemand recht machen. Wo sollte ich denn beginnen, den Mörder zu suchen? Ich habe keine Lust, mich lächerlich zu machen. Ich bin auch dagegen, der Polizei ins Handwerk zu pfuschen. Rockwell ist ein guter, tüchtiger Beamter. Wenn einer das Verbrechen aufklären kann, so nur er. Im übrigen habe nicht ich die anonymen Briefe empfangen, sondern du! Wie du daraus ersehen kannst, gibt es niemand, der mir aus meiner Haltung einen Vorwurf macht."

Jeanette preßte einen Moment die Stirn gegen das kühle Fensterglas. „Warum mußte Mama sterben?" fragte sie leise. „Warum?"

„Ich weiß es nicht“, entgegnete Roger matt. „Wie oft hast du mir die Frage nach der Ursache des Verbrechens schon gestellt, Jeanette? Drei oder vier Dutzend Male? Ich habe mich das gleiche schon viel häufiger gefragt! Aber ich finde darauf keine Antwort. Mama ist kaum jemals aus dem Haus gegangen. Sie führte ein ruhiges, zurückgezogenes Leben. Sie hatte keine Feinde..."

„Aber auch keine Freunde", warf Jeanette ergänzend ein. „Sie war, das wissen alle, weltfremd und bigott. Es war nicht leicht, mit ihr auszukommen."

„Stimmt genau. Aber sie war auch gerecht, und sie war klug. Es gab keinen Grund, sie umzubringen."

„Ihr wurde nichts gestohlen", sagte Jeanette seufzend. „Nicht einmal das kostbare Brillantarmband, das neben ihr auf dem Nachtschränkchen lag."

„Ich habe mich oft gefragt, weshalb sie es an ihrem Todestag aus der Schmuckschatulle genommen haben mag", meinte Roger nachdenklich.

„Sie liebte ihren Schmuck. Er erinnerte sie an ihre Jugend, und an die Zeit, als Papa noch lebte."

„Wahrscheinlich. Der Täter kann das Armband jedenfalls unmöglich übersehen haben. Manchmal glaube ich, daß es ein Geistesgestörter gewesen sein muß."

„Ich habe schon überlegt, ob es einer der inzwischen entlassenen Hausangestellten gewesen sein könnte. Mama war der Dienerschaft gegenüber immer sehr streng. Ist es nicht denkbar, daß sie einen Angestellten einmal tödlich beleidigt hat, und daß es sich bei dem Mord um einen privaten Racheakt handelt?"

„An diese Möglichkeit habe ich gedacht und sie dem Inspektor gegenüber erwähnt. Er hat in dieser Hinsicht seine Recherchen angestellt. Es ist nichts dabei herausgekommen."

„Wie steht es mit Tom und Kathy?"

„Es ist lächerlich, diese Frage überhaupt anzuschneiden", erwiderte er ärgerlich. „Die beiden stehen seit über fünfzehn Jahren in unseren Diensten. Sie sind treu und ergeben. Außerdem waren sie, wie du weißt, zur Tatzeit nicht im Hause. Kathy war beim Einkäufen, und Tom war beim Arzt. Ihre Alibis stimmen. Mama war ganz allein im Haus."

„Stimmt", sagte Jeanette. „Und das ist es, was zu so vielen Spekulationen Anlaß gibt! Für jeden Außenstehenden muß der Eindruck entstehen, daß alles ganz bewußt in dieser Weise arrangiert wurde, um dem Täter kein Hindernis in den Weg zu legen. Der Mörder traf in einem Augenblick ein, wo sich außer Mama keine Menschenseele im Haus befand. Woher kann er nur gewußt haben, daß die Luft rein ist?"

„Das war sicher ein Zufall."

„Ein Zufall, der besonders der Polizei zu denken gegeben hat. Ich spürte es an den vielen, bohrenden Fragen, die Lionel Rockwell uns stellte!"

„Es ist klar, daß dieser Umstand der Untersuchungskommission ins Auge fallen mußte, Wir können daran nichts ändern. Wir sind unschuldig. Rockwell weiß das. Warum rollst du die alte Geschichte wieder auf? Dabei werde ich ganz trübsinnig! Dieser graue, regenverhangene Tag und deine deprimierende Fragerei machen mich wirklich krank. Zum Teufel mit den anonymen Briefen! Willst du dir von ein paar gemeinen Schmierfinken die Laune verderben lassen?"

„Die .Geschichte', von der du redest, ist weder alt, noch ist sie erledigt. Sie bestimmt, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, den Rhythmus unseres Lebens. Daran wird sich kaum etwas ändern — es sei denn, der Mörder wird rasch gefunden."

„Du übertreibst. Die Leute werden vergessen, was geschehen ist, und zwar sehr rasch."

„Hoffen wir es."

In diesem Moment rollte ein flacher, roter Sportwagen mit geschlossenem Verdeck die Zufahrt herauf.

„Oh, da kommt Stuart!" rief Jeanette erfreut aus. „Wie schön, daß er mich gerade jetzt besucht! Das ist typisch für ihn. Er ist stets zur rechten Zeit zur Stelle. Als ob er ahnte, wann ich ihn brauche! Seine gute Laune wird uns schnell über den toten Punkt bringen..."

„Was ist denn das?" fragte Roger betroffen. „Was hat das Loch in seiner Windschutzscheibe zu bedeuten?"

„Vielleicht ist ihm ein Stein dagegen geflogen?"

Der Wagen hielt unterhalb des Fensters an der Freitreppe. „Das war kein Stein", sagte Roger grimmig. „Das ist eine Einschußöffnung!"

Der lange, drahtige Stuart Lincoln sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe in die Höhe, um nicht naß zu werden.

„Ich gehe ihm entgegen", sagte Jeanette und verließ das Zimmer. Roger wandte sich vom Fenster ab. Er steckte sich eine Zigarette in Brand und wartete mit zur Seite gelegtem Kopf, bis sich die Tür öffnete und Jeanette mit dem Besucher eintrat.

„Du hattest recht!" sagte das Mädchen atemlos. „Man hat auf Stuart geschossen!"

*

image

WO?" FRAGTE ROGER.

„Heute morgen, als ich losfahren wollte", erwiderte Stuart Lincoln. Er war ein gut aussehender Dreißiger mit einem schmalen, glattrasierten Gesicht und hellblauen Augen. Der weiche, fast feminin anmutende Mund bildete einen seltsamen Kontrast zu dem kantigen, energischen Kinn. Er hatte weiches, blondes Haar. Bekleidet war er mit einer engen, grauen Hose und einer braunen Lederjacke. „Plötzlich knallte es. Irgend etwas flog mir um die Ohren. Im ersten Moment dachte ich, die Scheibe sei infolge eines Spannungsdefektes zersprungen. Aber dann sah ich das Loch. Ich ließ mich instinktiv zu Boden gleiten, um dem Schützen kein Ziel zu bieten. Ich wartete eine Minute. Dann kletterte ich vorsichtig ins Freie. Niemand war zu sehen..."

„Es ist also passiert, als du noch im Garten deines Grundstückes warst?" fragte Roger.

„Ja."

„Hast du die Polizei alarmiert?" wollte Jeanette wissen.

„Zuerst habe ich mich selber sehr gründlich umgeschaut. Leider umsonst. Ich konnte nichts Verdächtiges entdecken. Dann bin ich zur Polizei gefahren."

„Hast du mit Rockwell gesprochen?"

„Später. Erst habe ich mit dem zuständigen Beamten verhandelt. Aber dann unterhielt ich mich noch mit dem Inspektor."

Er erzählte, daß die Kugel nicht gefunden worden sei. Sie habe das Verdeck durchschlagen und sei irgendwo im Gelände gelandet.

„Hat man Spuren anderer Art gefunden?"

„Ja, Fußspuren. Im Garten. Aber der Regen hat die meisten mit Wasser gefüllt, so daß keine exakten Messungen möglich waren. Außerdem konnte die Polizei wegen des Wetters keine Spürhunde einsetzen."

„Kann es sich nicht um eine verirrte Kugel gehandelt haben?" fragte Jeanette. Sie setzte sich und schaute ängstlich zu Stuart in die Höhe. „Eine verirrte Kugel aus dem Gewehr eines Jägers."

„Das hat der Inspektor auch gefragt. Aber dann sagte ich ihm, daß das ziemlich ausgeschlossen sei."

„Ausgeschlossen?" fragte Roger verblüfft. „Du hast mir doch schon oft erklärt, daß dir die Knallerei deines auf Kaninchen schießenden Nachbarn auf die Nerven geht!"

„Mein Nachbar ist schon seit acht Tagen verreist. Aber das ist hier nicht der springende Punkt. Vor vier Tagen erhielt ich einen anonymen Brief. Es gibt keinen Zweifel, daß zwischen dem Anruf und dem Schuß ein Zusammenhang besteht."

„Du hast einen anonymen Anruf bekommen?" fragte Jeanette erstaunt. „Vor vier Tagen. Aber seitdem haben wir uns doch wiederholt gesehen! Warum hast du mir nichts davon erzählt?"

Stuart trat hinter das Mädchen und legte seine kräftigen Hände wie beruhigend auf ihre Schultern. „Ich wollte dich nicht erschrecken", sagte er erklärend. „Außerdem habe ich den Anruf nicht ernst genommen. Die Drohungen, die darin geäußert wurden, klangen so verrückt, daß ich das Ganze für einen schlechten Scherz hielt."

„Womit hat man gedroht?" fragte Roger.

„Für den Fall, daß ich Jeanette zu heiraten gedenke, will man mich töten."

Jeanette fuhr mit dem Kopf herum und starrte zu ihm in die Höhe. „Das ist nicht wahr!"

Beruhigend lächelte Stuart ihr in die Augen. „Für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel, daß es sich um irgendeinen Verrückten handelt."

„Ein Verrückter, der scharf schießt und kein Verbrechen scheut!" sagte Jeanette schwer atmend. „Vielleicht ist es sogar Mamas Mörder! Es hat keinen Zweck, immer nur von Verrückten und Geistesgestörten zu sprechen. Hinter diesen Verbrechern verbirgt sich ein fester Wille, eine tödliche Gefahr!"

„Sagen Sie uns ein wenig mehr über den Anruf, Stuart", bat Roger. „Was hatte der Bursche für eine Stimme? War er nervös oder gelassen? Wie sprach er?"

„Seine Stimme war weich und biegsam — sehr gepflegt, möchte ich behaupten. Er sprach wohlartikuliert und in zusammenhängenden Sätzen. Er stellte keine Fragen, er traf nur Feststellungen. Als ich mich von meinem ersten Erstaunen erholt hatte und etwas entgegnen wollte, hing er auf. Das ist alles. Der Inspektor hat sich jedes Wort des Anrufes notiert — so, wie mir das Gespräch in Erinnerung geblieben ist. Rockwell wollte ebenfalls von mir hören, wie alt der Anrufer wohl gewesen sein mag. Ich neige zu der Ansicht, daß er nicht viel älter als ich sein kann."

„Was sagte er im einzelnen?" erkundigte sich Jeanette.

„Eine Menge Unsinn", meinte Stuart Lincoln zögernd.

„Bitte weiche mir nicht aus!"

„Ich bin dagegen, dir diesen Nonsens zuzumuten", sagte Lincoln. „Es würde dich zu sehr auf regen..."

„Ich muß die Wahrheit erfahren, die volle Wahrheit!"

„Also gut. Der Unbekannte erklärte, daß die Landvilles untergehen müßten, und daß er keinem Menschen gestatten werde, sie vor diesem Untergang zu bewahren. Nathalie Landville, eure Mutter, hätte nur den Anfang gebildet." Der Griff seiner Hände auf Jeanettes Schultern verstärkte sich, als er das Zittern des Mädchenkörpers bemerkte. „Du darfst dieses Geschwafel nicht zu ernst nehmen", tröstete er sie.

„Wie stellst du dir das vor, Stuart — nach allem, was sich bis jetzt ereignet hat?" fragte Jeanette mit bebender Stimme. „Mit Mama ging es los. Heute bist du das Ziel eines Mordanschlages geworden. Und morgen? Da geht es vielleicht schon um Roger und mich!"

„Jeanette hat recht“, meinte Roger stirnrunzelnd. „Hier lauert in der Tat eine tödliche Gefahr"

„Was willst du dagegen unternehmen?" fragte Lincoln. „Solange wir nicht wissen, wer sich hinter den Drohungen verbirgt, sind uns die Hände gebunden. Wir können uns nicht wehren. Das ist eine bittere, aber sehr wahre Erkenntnis. Wir müssen darauf vertrauen, daß es Rockwell und seinen Leuten gelingen wird, den Wahnsinnigen schon bald zu verhaften. Übrigens — der Anrufer machte im Verlauf des Telefongespräches eine höchst sonderbare Bemerkung. Sie läßt einen Schluß auf sein Motiv zu."

Roger und Jeanette blickten Lincoln überrascht an. Roger fragte: „Das sagst du erst jetzt? Sprich, schnell! Wir tappen wegen des Motives schon zu lange im dunkeln..."

„Ich bin nicht sicher, ob ihr mit den Andeutungen etwas beginnen könnt. Er meinte, eure Eltern hätten seine Familie, und damit auch ihn, ruiniert. Er habe davon erst vor kurzem erfahren und halte es für seine Pflicht, dies alle Träger des Namens Landville spüren zu lassen."

„Unsere Eltern sollten jemand ruiniert haben? Das halte ich für ausgeschlossen!" rief Roger.

„Ich kann nur wiederholen, was ich gehört habe."

„Bist du sicher, daß es sich bei dem Anrufer um einen Weißen handelte?" fragte Jeanette.

„O ja, es war ohne Zweifel die Stimme eines Weißen."

„Da fällt mir etwas ein", murmelte Jeanette. „Ich erinnere mich, daß Papa wenige Monate vor seinem Tod einmal zu Mama sagte, daß sie sich all die Jahre hindurch umsonst gesorgt hätte. Die Flüche der Fortcranks hätten sich niemals erfüllt."

„Die Flüche der Fortcranks?" fragte Lincoln. „Was sind das für Leute?"

„Dieses Flaus ist von den Fortcranks erbaut worden", berichtete Roger. „Sie waren völlig verschuldet, als sie gezwungen waren, es zu verkaufen."

„Ich verstehe. Dein Vater hat das Haus demnach von den Fortcranks gekauft..."

„Ganz recht", meinte Roger. „Papa zahlte damals einen sehr anständigen Preis. Ich bin in der Lage, das zu beurteilen, denn ich weiß es aus den Büchern. Ich selber war zum Zeitpunkt der Transaktion erst drei Jahre alt. Und Jeanette war noch nicht einmal geboren."

„Ich habe den Namen Fortcranks noch niemals gehört. Er kann hier in Memphis keine allzu große Bedeutung gehabt haben."

„Die Fortcranks hatten damals eine gutgehende Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Aus Gründen, die ich nicht kenne, ging die Fabrik in Konkurs." Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Du weißt, wie die Grundstückspreise in die Höhe geklettert sind. Damals, als Papa dieses Haus erwarb, zahlte er, der Zeit entsprechend, eine ganze Menge dafür. Aber schon wenige Jahre später waren Haus und Grundstück fast das Dreifache wert. Wie hätte Papa ahnen sollen, daß die Grundstückspreise so kometenhaft anziehen würden? Soweit ich orientiert bin, verbreiteten die Fortcranks damals in der Stadt das häßliche Gerücht, Mama und Papa hätten die Familie ruiniert, indem sie das Grundstück, in sehr genauer Kenntnis der Bodenpreis Entwicklung, für ein Ei und ein Butterbrot erworben hätten. Pure Verleumdung! Übrigens gab den Fortcranks wohl niemand recht. Sie waren hier in Memphis gescheitert. Und nach einem schrecklichen Streit, in dessen Verlauf es zu dem bereits erwähnten Fluch von Seiten der Fortcranks kam, zogen sie in eine andere Stadt. Ich habe niemals wieder etwas von diesen Leuten gehört."

„Wenn ich mich recht erinnere, sind sie damals nach Baltimore gezogen", sagte Jeanette.

„Hatten die Fortcranks einen Sohn?" wollte Lincoln wissen.

„Ja, er war zwei oder drei Jahre älter als ich", sagte Roger.

„Das ist ein Hinweis!" rief Lincoln erregt aus. „Meint ihr nicht, dieser Bursche könnte sich hinter dem Mord an eurer Mutter und an dem Anschlag auf mich verbergen?"

„Hm", machte Roger. „Auf alle Fälle ist es wichtig, den Inspektor zu informieren."

„Das möchte ich vermeiden", sagte Jeanette. „Wenn Fortcrank unschuldig ist, wird er in diesem Vorgehen eine erneute Infamie der Landvilles erblicken. Wäre es nicht besser, Roger, du würdest die Angelegenheit zunächst persönlich untersuchen?"

„Wie stellst du dir das vor?"

„Du mußt eben Detektiv auf eigene Faust spielen!"

„Du meinst, ich sollte die Nase in sein Privatleben stecken? Das ist schwierig und wenig erfolgversprechend. Ich wäre nicht einmal in der Lage, von ihm ein Alibi zu verlangen!" Er schüttelte den Kopf. „Es hat keinen Zweck. Wir müssen die Polizei einschalten."

„Diese Ansicht vertrete ich auch", sagte Stuart Lincoln. „Es wäre töricht, den Inspektor zu umgehen. Ich finde, daß es sich hier um einen sehr wichtigen Hinweis handelt — vielleicht sogar um die erste wertvolle Spur!"

An der Tür klopfte es. Roger rief „Herein!" Unmittelbar darauf betrat Tom, der etwas rundliche farbige Diener, den Raum.

„Inspektor Rockwell ist gekommen", meldete er. „Er wünscht den gnädigen Herrn und das gnädige Fräulein zu sprechen."

„Er kommt zur rechten Zeit", sagte Jeanette und erhob sich. Sie hauchte Stuart Lincoln einen Kuß auf die Wange. „Warte hier auf uns — es wird bestimmt nicht lange dauern!"

*

image

ROCKWELL ERHOB SICH, als die Geschwister den großen, etwas düsteren Salon betraten, und ging ihnen ein paar Schritte entgegen. Er begrüßte zuerst Jeanette und dann Roger. „Wie ich sehe, ist Mr. Lincoln bei Ihnen zu Besuch", meinte er. „Gewiß hat er Ihnen die Geschichte von dem Anruf und dem Anschlag schon erzählt. Was halten Sie davon?"

„Wir haben eine neue Spur entdeckt, Inspektor", sagte Roger eifrig. „Kannten Sie die Fortcranks?"

„Ist das nicht der Name der Leute, die vor dreißig oder vierzig Jahren am Fluß eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen betrieben?" fragte der Inspektor.

„Genau. Dieses Haus hier hat ihnen einmal gehört. Papa kaufte es von ihnen, mußte sich später aber vorwerfen lassen, die Fortcranks übervorteilt zu haben. Es existiert da eine ziemlich häßliche Geschichte von einem Fluch, mit dem die Fortcranks unsere Familie bedachten, bevor sie die Stadt verließen. Kurz und gut: Jeanette und ich mußten daran denken, als Stuart uns die Einzelheiten des Anrufs erzählte."

Rockwell massierte sich mit einer Hand das Kinn. „Hm", machte er. „Die Fortcranks hatten doch einen Sohn, nicht wahr?"

„Eben!" rief Roger erregt. „Er ist nur ein paar Jahre älter als ich — genau in dem Alter, das nach Mr. Lincolns Schätzung der Anrufer haben dürfte!"

„Ich werde der Sache nachgehen!"

„Darf ich Sie bitten, diese Ermittlungen möglichst diskret zu erledigen?" fragte Jeanette. „Die Fortcranks haben im Leben schon viel durchgemacht. Ich möchte nicht, daß sie erneut Gelegenheit finden, die Landvilles zu verfluchen."

„In dieser Angelegenheit können wir uns keine große Rücksichtnahme leisten", meinte Roger, aber der Inspektor versprach dem Mädchen: „Ich werde mich bemühen, die Untersuchungen möglichst behutsam zu führen." Er räusperte sich und fuhr dann fort: „Der Grund meines Besuches gilt freilich einem anderen Anliegen."

„Worum geht es diesmal, Inspektor", fragte Jeanette.

„Noch immer um das gleiche Thema — nämlich um den Mord, der an Ihrer Mutter verübt wurde. Allerdings ist eine neue Variante hinzugekommen. Es gibt einen jungen Mann, der behauptet, ebenfalls den Mörder zu suchen."

„Wer ist das?" fragten die Geschwister wie aus einem Mund.

„Ich wünschte, ich könnte die Frage beantworten", sagte Rockwell. „Vielleicht können Sie mir helfen, den Mann zu ermitteln. Er gibt vor, Nathalie Landville, Ihrer Mutter, so verpflichtet zu sein, daß er jeder Spur folgen müßte..."

Jeanette und Rockwell schauten einander an. Dann schüttelten sie die Köpfe. Roger erklärte: „Mama war eine gute und gerechte Frau — aber ich kenne niemand, der sich in den letzten Jahren mit der Bitte um Hilfe an sie gewandt hätte. Wie sah der Mann aus? Oder haben Sie nur telefonisch mit ihm gesprochen?"

„Nein, ich stand ihm bei mir zu Hause Auge in Auge gegenüber. Er war, obwohl maskiert, darüber sehr ungehalten, denn er hatte mich mit einer Pistole dazu aufgefordert, ihn nicht anzublicken. Seine Stimme kannte ich nicht. Er war groß und schlank, hatte helle Augen und blondes Haar, und eine sehr gewinnende Art, die Worte zu wählen und auszusprechen."

„Die Beschreibung paßt haargenau auf Stuart Lincoln", sagte Roger mit einem matten Lächeln.

„Mr. Lincoln? Den kenne ich. Der hat eine ganz andere Stimme", erklärte der Inspektor.

Jeanette warf dem Bruder einen ärgerlichen Blick zu. „Wie kannst du nur etwas so Unsinniges sagen? Selbst als Scherz finde ich deine Bemerkung höchst unpassend!"

„Es war doch nur ein Scherz", meinte Roger.

„Es gibt keinen Zweifel, daß der Bursche starke Zweifel an Ihrer Unschuld hegt", sagte der Inspektor und blickte erst Jeanette und dann Roger an. „Er bezweifelt zwar nicht die Echtheit Ihres Alibis, aber er hält es für möglich, daß der Mord von Ihnen in Szene gesetzt und von einem Dritten ausgeführt wurde. Er meint, daß gerade der Umstand, daß außer Ihrer Frau Mutter zur Tatzeit kein Hausbewohner in der Nähe war, auf eine Regie der Eingeweihten schließen läßt."

„Dann war der Mann, der Sie gestern überfiel, der Mörder!" sagte Jeanette rasch und mit fester Stimme.

„Warum glauben Sie das?"

„Weil es sich hervorragend in das Gesamtbild einfügt", meinte Jeanette. „Erkennen Sie die Zusammenhänge nicht, Inspektor? Denken Sie an das, was Stuart am Telefon zu hören bekam. Der Mörder hat gesagt, daß es ihm darum ging, die Landvilles zu vernichten. Er hat die Stirn besessen, zu Ihnen zu gehen und uns zu verleumden. Vielleicht hofft er, auf diese Weise zum Ziel zu kommen."

„Du kannst doch nicht einen Augenblick lang glauben, daß der Inspektor dem Unbekannten diese Absurditäten abgenommen hat!" meinte Roger.

„Eines war auffällig", sagte Rockwell. „Der Mann war merkwürdig gut informiert. Übrigens bestritt er, mit dem Mord auch nur das geringste zu tun zu haben...“

„Das war nur ein plumpes Täuschungsmanöver!" warf Jeanette ein.

„Vielleicht haben Sie recht. Immerhin gibt es mir zu denken, daß er Dinge wußte, von denen ich bisher keine Ahnung hatte — falls sie nicht frei erfunden sind. Wenn Sie gestatten, möchte ich mit jedem von Ihnen unter vier Augen darüber sprechen. Wie wäre es, wenn wir den Anfang machten, Miß Jeanette?"

„Aber gern, selbstverständlich!" erwiderte das Mädchen und warf dem Bruder einen hilfesuchenden Blick zu.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten", meinte Roger und drückte ihr ermutigend den Arm. „Du kennst doch den Inspektor. Er weiß, daß du unschuldig bist. Aber es ist seine Pflicht, auch den kleinsten Hinweis zu verfolgen — gleichgültig, woher er kommt. Ich gehe wieder hinauf und leiste deinem geliebten Stuart ein wenig Gesellschaft. Wenn ich gebraucht werde, bin ich sofort zur Stelle."

Rockwell wartete, bis der junge Mann das Zimmer verlassen hatte, dann blickte er Jeanette an. Er war immer wieder von ihrer klaren, strahlenden Schönheit tief beeindruckt, ohne recht sagen zu können, was ihm daran am meisten imponierte. Waren es die großen, ausdrucksstarken Augen mit dem violetten Schimmer? War es das weiche, seidig glänzende Blondhaar oder das makellose Gesichtsoval? Oder lag es einfach an dem Zusammenwirken aller Schönheitsfaktoren und an der Tatsache, daß das Mädchen soviel Reinheit ausstrahlte? Fast erschien es ihm unsinnig, jetzt fragen zu müssen: „Trifft es zu, daß Sie gelegentlich Marihuana-Zigaretten rauchen?"

Jeanette schwieg ein paar Sekunden. In dem diffusen Licht, das im Zimmer herrschte, wirkte ihr Gesicht sehr blaß und wie gemeißelt. Dann, sagte sie zögernd: „Das hat der Unbekannte Ihnen also erzählt?"

„Ja, das hat er behauptet. Stimmt es?"

„Ja und nein", antwortete Jeanette. „Als Mama noch lebte, habe ich zuweilen — aus purem Übermut und gewiß auch aus Neugier — einige dieser Zigaretten geraucht. Aber es ist niemals zur Sucht geworden, und ich schwöre Ihnen, daß ich seit Mamas Tod nicht eine einzige dieser Zigaretten angerührt habe."

„Weiß Ihr Bruder etwas davon?"

„N-nein."

„Warum sagen Sie das so zögernd?"

„Er war dabei, als wir in einer sehr ausgelassenen Gesellschaft zum erstenmal diese Zigaretten probierten. Er hat gesehen, daß ich auch ein paar Züge nahm... aber er weiß nicht, daß ich mir später einige dieser Zigaretten gekauft habe.“

„Wie viele Leute haben Kenntnis davon, daß Sie wiederholt diese Zigaretten rauchten?"

„Nun, da wäre zunächst einmal der Mann zu nennen, der sie mir verkaufte..."

„Wer ist das?" unterbrach der Inspektor. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Er war enttäuscht. Vielleicht traf es zu, daß das Mädchen tatsächlich in einem Anflug von Neugier und Übermut gehandelt hatte, aber das Rauchen von Marihuana-Zigaretten paßte einfach nicht zu dem Bild, das er sich von Jeanette Landville gemacht hatte. Daraus ergab sich die Schlußfolgerung, daß er möglicherweise auch in anderen Punkten, die Jeanette betrafen, falsch geurteilt hatte. Der Unbekannte konnte damit den Gewinn einer ganzen Runde für sich verbuchen.

Errötend senkte Jeanette den Kopf. „Darüber möchte ich nicht sprechen. Sie verstehen..."

„Ganz wie Sie wollen. Aber Sie machen es mir sehr schwer, Ihnen zu verzeihen, Miß Jeanette."

„Es war wirklich nur ein dummer Streich von mir", erwiderte das Mädchen hastig. „Ich wollte nicht als Feigling gelten. Deshalb habe ich mitgemacht."

„Ich hoffe, es wird sich nicht wiederholen."

„Das verspreche ich Ihnen."

„Sie sollten mir den Namen des Mannes nennen, der die Zigaretten verkauft. Dieser Mann ist ein Verbrecher, zumindest dient er dem Verbrechen. Er muß unschädlich gemacht werden. Sie irren, wenn Sie meinen, sich aus falsch verstandener Fairneß vor ihn stellen zu müssen."

„Ich will es mir überlegen", murmelte Jeanette, ohne den Inspektor anzublicken.

„Vor allem benötige ich eine Liste mit den Namen der Leute, die Sie beim Kauf oder beim Rauchen der Zigaretten beobachten konnten", meinte Rockwell.

„Soll ich sie gleich anfertigen?"

„Ich hole sie mir heute Abend ab."

„Weiß Mr. Lincoln von Ihrer heimlichen Leidenschaft?"

Jeanette riß die Augen auf. „Stuart? O nein. Ich bin davon überzeugt, daß er meinen Ausrutscher zutiefst mißbilligen würde. Aber ich muß Sie berichtigen, Inspektor. Obwohl das Rauchen der Zigaretten heimlich geschah, ist es falsch, in diesem Zusammenhang von einer ,Leidenschaft' zu sprechen."

„Ich hoffe, Sie haben recht. Sie haben vor, Mr. Lincoln zu heiraten?"

„Ja. Ich liebe ihn. Aber ich fürchte mich plötzlich vor der Eheschließung. Solange der Unbekannte uns bedroht und sogar tätlich angreift, müssen wir den Gedanken an eine Hochzeit fallen lassen."

„Wie denkt Mr. Lincoln darüber?"

„Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Der Anschlag auf sein Leben gibt allem eine neue Perspektive. Was soll nur geschehen, Inspektor? Der Unbekannte hat klipp und klar gesagt, daß er die Landvilles zu vernichten gedenkt. Wissen Sie, was das für Roger und mich bedeutet? Furcht! Angst! Terror! Ich werde keine Minute mehr ruhig schlafen können..."

„Dann hat der Feind Ihrer Familie genau erreicht, was er wollte. Er ist gefährlich, aber gerade darum müssen Sie ihm mit Mut und kühlem Verstand gegenübertreten. Sie dürfen sich von keinen Drohungen ins Bockshorn jagen lassen. So... und nun gehen Sie zu Ihrem Verlobten zurück und bitten Sie Ihren Bruder, sich zu mir zu bemühen."

Jeanette erhob sich und verließ rasch das Zimmer. Rockwell streckte seufzend die Beine aus. Er schaute sich in dem großen, dunklen Salon um. Er kannte diesen Raum gut. Seine Atmosphäre war typisch für den Gesamteindruck, den das Innere des Hauses hinterließ. Lediglich die im allgemeinen jugendfrische Unbekümmertheit der beiden Landvilles vermochte diesen düsteren Rahmen etwas zu erhellen.

Die Tür öffnete sich, und Roger trat ein. „Hier bin ich, Inspektor. Was haben Sie nur mit meiner armen Schwester angestellt? Sie ist ganz verstört?"

„Das wird daran liegen, daß sie wegen des auf Mr. Lincoln verübten Mordanschlages in großer Sorge ist."

„Ich vermute, Sie haben wieder einmal recht." Er nahm Platz und legte ein Bein über das andere. „Nun, Inspektor... worum geht es diesmal?"

„Bei mir ist es immer das gleiche", meinte Rockwell lächelnd. „Ich muß Sie bitten, mir ein paar Fragen zu beantworten... natürlich ganz wahrheitsgemäß!"

„Aber das versteht sich doch von selbst!"

„Im Leben der Menschen gibt es nur sehr wenige Dinge, die sich von selbst verstehen", meinte Rockwell. „Jeder von uns hat einen dunklen Punkt, den er nur ungern zum Gegenstand einer Diskussion macht. Aber kommen wir zur Sache. Wie ist Ihr Verhältnis zu den O'Conners?"

„Oh, es könnte gar nicht besser sein", antwortete Roger ohne Zögern. „Sie wissen wahrscheinlich, daß Patrick mein bester Freund ist.

Er hat, wenn ich so sagen darf, nur einen einzigen Fehler. Er ist verheiratet."

„Sie mögen seine Frau nicht?"

„Aber nein!" lachte Roger. „Ganz im Gegenteil. Aber ich bin Junggeselle geblieben, und naturgemäß ergeben sich daraus gewisse Konsequenzen und Gegensätzlichkeiten. Das hat nichts mit gestörter Freundschaft oder etwas Ähnlichem zu tun... es ist nur so, daß er sich nicht so häufig wie früher mit mir treffen kann. Dafür besuche ich die beiden sehr häufig."

„Kannten Sie die junge Frau schon vor der Ehe?"

„Flüchtig. Sie gehörte nicht zu unserem Kreis, aber ich traf sie gelegentlich auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Dort hat Patrick sie übrigens kennengelernt."

„Sie war vor der Ehe Verkäuferin, nicht wahr?"

„Ja... allerdings in einem sehr exklusiven Juweliergeschäft. Das war der Rahmen, in den sie sich hervorragend einzufügen verstand.

Obwohl Kittys Eltern nur kleine Beamte sind, wirkte sie viel damenhafter als manches Mädchen aus den sogenannten gehobenen Gesellschaftskreisen."

„Wie gefällt sie Ihnen?"

Roger legte die Stirn in Falten. „Ich muß gestehen, daß mich Ihre Fragen in Erstaunen versetzen, Inspektor. Was haben die O'Conners mit dem Fall zu tun?"

„Ich stelle die Fragen nicht ohne Grund. Der Unbekannte, der mich in meiner Wohnung überfiel, wagte zu behaupten, daß Sie sich brennend für Mrs. O'Conners interessieren..."

Roger beugte sich nach vorn. Er holte tief Luft. „Soll das heißen..." begann er.

„Er sagte, daß Sie versuchten, dem besten Freund die Frau auszuspannen", erklärte der Inspektor ruhig.

„Absurd!"

„Sie stellen die Behauptung des Fremden doch hoffentlich nicht deshalb in Abrede, um sich schützend vor Kitty O'Conners stellen zu können?“

„Inspektor, Sie vergessen, daß ich so gut wie verlobt bin!"

Roger Landvilles Entrüstung wirkte nicht echt, aber nach der Enttäuschung, die Rockwell mit Jeanette erlebt hatte, war er keineswegs sicher, ob er dem jungen Mann wirklich glauben durfte.

„Meine Fragen sind an sich kaum von Belang", meinte Rockwell. „Sie stehen in keiner Verbindung mit dem eigentlichen Gegenstand meines Interesses, mit dem Mord. Und ganz sicher wäre es Ihr Privatvergnügen... falls ich mit diesem Ausdruck nicht ein wenig schief liege... der Frau Ihres besten Freundes den Hof zu machen, aber ich muß eben doch bemüht sein, ein möglichst abgerundetes Bild der Gesamtsituation zu erhalten. Und dazu gehören ohne Zweifel die Beziehungen der Beteiligten zu Freunden, Bekannten . .. und auch Gegnern. Ich danke Ihnen für das Gespräch."

Die beiden Männer erhoben sich von ihren Stühlen. Roger brachte den Inspektor bis zur Tür und verabschiedete sich dort von ihm.

„Was wollte er von dir?" fragte Jeanette eifrig, als Roger eine Minute später sein Zimmer betrat. Die Regenwolken waren inzwischen so dicht geworden, daß Jeanette im Zimmer eine Stehlampe angeknipst hatte.

Roger zuckte die Schultern. Er trat an den Tisch und entzündete eine Zigarette. Nachdem er den ersten tiefen Zug genommen hatte, meinte er: „Bis jetzt hatte ich den Eindruck, daß Rockwell ein kluger, zielbewußter Ermittlungsbeamter ist. Ich muß zugeben, daß meine Überzeugung allmählich ins Wanken gerät. Der Unbekannte hat ihm ein paar Flöhe ins Ohr gesetzt. Rockwell wollte wissen, ob es zuträfe, daß ich hinter Patricks Frau her sei."

„Was denn... hinter Kitty?" fragte Lincoln.

Roger nickte. „Ich brauche euch nicht zu erklären, daß das eine völlig idiotische Unterstellung ist."

Jeanette lachte plötzlich. „Ich muß zugeben, daß du gelegentlich sehr heftig mit ihr flirtest."

„Was hat das schon zu bedeuten?" fragte er mit einer Spur von Ärger in der Stimme. „Das tue ich mit jeder hübschen, gescheiten Frau. Patrick lacht nur darüber. Er fühlt sich geschmeichelt, wenn Kitty bei anderen ankommt. Im übrigen sind die beiden durchaus glücklich..."

„Nein", unterbrach Stuart Lincoln milde. „Das sind sie nicht."

„Wie kannst du so etwas behaupten?" fragte Jeanette, überrascht und offenbar befremdet.

„Ich kenne die Ehe der beiden gut genug, um einigermaßen im Bilde zu sein."

„Stuart hat recht", gab Roger mürrisch zu. „Die beiden haben sich in letzter Zeit etwas auseinander gelebt. Von Scheidung ist zwar keine Rede, aber es ist doch ganz offenkundig, daß einiges nicht mehr stimmt."

„Das ist das erste, was ich höre!" sagte Jeanette.

„Es sind Dinge, die niemand gern an die große Glocke hängt", meinte Roger. „Im übrigen möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, daß ich an der Entfremdung der beiden keinerlei Schuld trage.”

„Das hat ja auch niemand behauptet", sagte Lincoln.

„Doch", meinte Roger. „Der Unbekannte hat es ganz unzweideutig festgestellt."

„Wer kann das nur gewesen sein?” wollte Jeanette wissen. „Es muß sich um einen Mann handeln, der in unseren Kreisen verkehrt, oder zu ihnen Verbindung hat! Wie könnte er sonst über diese Dinge informiert sein?"

„Ich finde, wir entfernen uns im Augenblick von dem Ausgangspunkt unseres Gesprächs", meinte Lincoln.

„O ja, verzeih!" rief Jeanette. „Du mußt schreckliche Minuten erlebt haben!"

„Das ist vergessen. Hier steht nur eins zur Debatte: wollen wir uns von einem Verbrecher Vorschriften machen lassen? Ich bin dagegen! Obwohl es gilt, wachsam zu bleiben, dürfen wir uns nicht seinem Diktat beugen. Ich bin dafür, schnellstmöglich zu heiraten!"

Jeanette lächelte gequält. „Du weißt, daß ich mir nichts anderes wünsche... aber wäre das unter den gegebenen Umständen nicht zu gefährlich?"

„Nein", entgegnete Lincoln. „Ganz im Gegenteil."

„Ich muß bekennen, daß ich Sie nicht verstehe", meinte Roger mit gerunzelten Augenbrauen.

„Der Unbekannte hat angedroht, die Landvilles vernichten zu wollen", erwiderte Stuart Lincoln. „Das bedeutet, daß Jeanette und Sie in Gefahr sind. Ich liebe Jeanette. Ich kann sie besser beschützen, wenn sie immer an meiner Seite ist."

„Das leuchtet mir ein", meinte Roger.

„Es wäre für Jeanette beruhigender, nachts nicht mehr allein schlafen zu müssen."

„Ich habe Angst!" sagte das Mädchen.

Stuart beugte sich vor und nahm ihre Hände behutsam zwischen die seinen. „Ich kann das gut verstehen. In der letzten Zeit ist einfach zuviel auf dich eingestürmt. Aber du wirst deine Angst rasch vergessen, wenn du bei mir bist!"

Jeanette lächelte tapfer und nickte. „Ja, schon... aber wir müssen doch auf die konservativen Kreise der Stadt Rücksicht nehmen! Es würde Anlaß zu Klatschereien geben, wenn wir wenige Wochen nach Mamas Tod heirateten."

„Anstandshalber können wir noch zwei Wochen warten, aber keinen Tag länger..."

„Ich pflichte Stuart bei. Die Leute reden so und so", meinte Roger. „Heiratet schnellstmöglich! Es ist die beste Lösung. Dann kann ich auch das Haus verkaufen..."

„Fängst du schon wieder an?" fragte Jeanette vorwurfsvoll.

„Was erwartest du denn? Soll ich mit der Dienerschaft allein in dem großen, düsteren Kasten hausen? Sei mir nicht böse... aber dazu verspüre ich keine Lust!"

„Ich kann deinen Bruder gut verstehen."

Jeanette seufzte. „Also meinetwegen... nach unserer Hochzeit kannst du das Haus veräußern!"

Cedric blieb stehen. Er sah den Mann, der ihn verfolgte, im Spiegelbild des Schaufensters. Langsam wandte er sich um. Sein Verfolger war ebenfalls stehengeblieben und schaute an der Gebäudefassade in die Höhe. Cedric ging auf ihn zu.

„Wer sind Sie?" fragte er.

„Das wissen Sie doch ganz genau!"

„Ich beobachte Sie bereits seit einer halben Stunde. Warum folgen Sie mir?"

Inspektor Rockwell lächelte dünn. „Das können Sie sich doch gewiß denken... oder?"

„Beantworten Sie meine Frage!" herrschte ihn Cedric Fortcrank an. „Wer sind Sie?"

„Da, überzeugen Sie sich selbst... wenn Sie unbedingt auf eine Fortführung der Komödie bestehen!" Er reichte ihm seinen Ausweis, den der junge Mann nur kurz betrachtete und dann zurückgab. Rockwell schob den Ausweis in die Tasche. „Wir kennen uns doch ganz gut, nicht wahr?"

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen..."

„Aber, aber!" spottete der Inspektor. „Sollten Sie wirklich so vergeßlich sein? Vorgestern Abend haben Sie mich in meiner Wohnung mit einer Pistole überfallen..."

„Das ist das Verrückteste, was ich jemals gehört habe!" erwiderte Fortcrank.

„Alles verrät Sie", meinte Rockwell. „Die Stimme, die Augenfarbe, das Haar, die Figur. Eine Gesichtsmaske ist eine feine Sache, aber sie ist leider nicht in der Lage, alle körperlichen Merkmale zu verdecken."

Die beiden Männer standen inmitten des Fußgängerstroms einer belebten Geschäftsstraße. Hin und wieder wurden sie von vorüberhastenden Passanten angestoßen, die ihnen entweder gleichgültige oder auch ärgerliche Blicke zuwarfen.

„Wir haben uns für eine Unterhaltung nicht gerade den günstigsten Platz ausgesucht", meinte der „Inspektor. „Hätten Sie etwas dagegen, sich mit mir an einem anderen Ort auszusprechen?"

„Soll das heißen, daß ich verhaftet bin?"

„O nein. Ich möchte allerdings nicht völlig ausschließen, daß dieser Fall noch eintreten kann. Sie haben mich mit Ihren Fäusten angegriffen, und das ist eine Sache, die kein Mann so schnell vergißt."

Fortcrank schwieg. Der Inspektor sagte: „Sollten Sie bereit sein, meine Fragen .. . und ich habe davon ein ganzes Bündel. . . bereitwillig und wahrheitsgemäß zu beantworten, werden Sie in mir einen entgegenkommenden Verhandlungspartner finden."

„Einen Häuserblock weiter ist ein Cafe", brummte Fortcrank. „Wenn es Ihnen recht ist, können wir uns dort unterhalten."

„Eine großartige Idee. Ich bin schon ganz müde von der Pflastertreterei. Eine Tasse Kaffee wird mir guttun."

Wenige Minuten später saßen sie in dem wenig belebten Cafe an einem Fensterplatz. Nachdem sie ihre Bestellung beim Ober aufgegeben hatten, zündete sich Fortcrank eine Zigarette an. Rockwell mußte grinsen, als er das goldene „Buton" Feuerzeug in der Hand des jungen Mannes bemerkte.

„Geben Sie endlich zu, in meine Wohnung eingedrungen zu sein?"

„Nein. Ich werde mich hüten, etwas Derartiges einzugestehen!"

„Leugnen hat doch gar keinen Zweck. Sie sind überführt. Oder haben Sie ein Alibi?"

Fortcrank klaubte sich ein Tabakkrümel von der Lippe und betrachtete es so tiefsinnig, als wäre es ein Zahn, den er gerade verloren hatte. Dann schaute er plötzlich den Inspektor an und sagte: „Also gut... ich bin es gewesen!"

„So ist's schon besser", meinte Rockwell zufrieden. „Sie waren es auch, der gestern morgen auf Stuart Lincoln schoß, nicht wahr?"

Cedric Fortcrank machte ein verdutztes Gesicht. „Wer, zum Teufel, ist Stuart Lincoln?"

„Menschenskind, Fortcrank... warum machen Sie nicht gleich reinen Tisch? Sie waren gestern morgen doch in Memphis, nicht wahr?“

„Das ist eine Lüge. Ich war hier in Baltimore. Dafür habe ich sogar ein Alibi."

„Hm", machte Rockwell. „Dann verraten Sie mir doch bitte einmal, wieso ausgerechnet Sie, ein Mitglied der Familie Fortcrank daran interessiert sein könne, für Nathalie Landvilles Tod Vergeltung zu suchen. Wenn ich richtig informiert bin, hat Ihr Vater die Landvilles vor vielen Jahren verflucht..."

„Das ist vergessen."

„Soll ich Ihnen das glauben?"

„Allerdings. Ich kann Ihnen sogar beweisen, warum das längst vergessen ist."

„Ich hoffe, Sie versprechen mir nicht zuviel. Also bitte... ich höre!"

„Es ist eine lange Geschichte."

„Weichen Sie mir nicht mit dummen Bemerkungen aus. Wollen Sie Zeit gewinnen?"

„Aber nein. Sie wissen ja schon das Wesentliche. Zwischen den Familien Fortcrank und Landville bestand lange Zeit eine bittere Feindschaft. Es ging darum, daß mein Vater meinte, von den Landvilles bei einer Grundstückstransaktion betrogen worden zu sein. Ich bin davon überzeugt, daß etwas Wahres daran ist... jedenfalls neigte auch Nathalie Landville zu dieser Ansicht."

„Nathalie Landville?" fragte Rockwell überrascht.

„Ja. Sie hat es nie verwunden, zum Mittelpunkt eines Fluches von alttestamentarischer Härte gemacht worden zu sein... und sie bemühte sich auf ihre Art, das Unrecht, das unserer Familie angetan worden war, wettzumachen."

„Auf welche Weise geschah das?"

„Mrs. Landville zahlte uns monatlich eine bestimmte Summe. Das Geld ermöglichte es Mama, mich studieren zu lassen. Sie konnte mit Hilfe der Unterstützung Papa in seinen letzten Lebensjahren auch den ärztlichen Beistand zukommen lassen, den er unbedingt brauchte.Papa hat erst auf dem Sterbebett erfahren, wer seine Wohltäterin war. Nathalie Landville hatte das zur Bedingung gemacht. Sie hat sich wirklich rührend um uns gekümmert. Ich habe wiederholt mit ihr gesprochen und dabei ihre innere Größe erkannt. Obwohl äußerlich streng und kühl, war sie doch eine herzensgute Frau.

Ich weiß, daß sie von ihren Kindern enttäuscht gewesen ist. Weder Roger noch Jeanette haben sich viel um sie gekümmert. Die Verbitterung, die die alternde Frau den Kindern gegenüber empfand, hat sich auf mich übertragen. Das mag der Grund sein, daß ich noch immer glaube, daß die beiden am Tod der Mutter die Schuld tragen ..."

„Eine sehr merkwürdige Geschichte", meinte Rockwell. „Können Sie beweisen, daß Nathalie Landville Ihre Familie finanziell unterstützt hat?"

„Aber ja! Mama hat sämtliche Bankunterlagen aufgehoben. Insgesamt haben wir von Mrs. Landville fast achtzigtausend Dollar erhalten. Die alte Dame stellte die Zahlungen erst ein, als ich ein eigenes Geschäft gegründet hatte und uns selber zu ernähren vermochte."

„Welchen Beruf üben Sie aus?"

Cedric Fortcrank grinste ein wenig. „Sie werden's nicht für möglich halten... aber ich bin Privatdetektiv!"

Rockwell machte ein verdutztes Gesicht. „Das wirft mich um!" sagte er. „Eines verstehe ich nicht. Hatten Sie es wirklich nötig, nach Gangstermanier bei mir einzudringen? Ihnen ist doch hoffentlich klar, daß Sie dabei Ihre Lizenz aufs Spiel setzten? Sie hätten sich die Informationen, die Sie wünschten, doch ganz offiziell besorgen können!"

Fortcrank zuckte die Schultern. „So einfach ist das nun wieder nicht. Ich hätte bei einer solchen Anfrage meinen Namen nennen müssen. Schließlich war zu befürchten, daß bei der Suche nach dem möglichen Täter auch mein Name aktenkundig geworden ist. .. denn schließlich ist die Fehde zwischen unseren beiden Familien in Memphis vielen bekannt. Ich fürchtete, daß man mir allein aus diesem Grund die gewünschten Informationen verweigert hätte."

„Das ist eine sehr lahme Entschuldigung", meinte der Inspektor. „Sie enthebt Sie nicht von der Verantwortung gegenüber Ihrem unqualifizierbaren Auftreten!"

Fortcrank senkte den Blick. „Ich weiß, daß ich mich sehr töricht benommen habe. Im allgemeinen bewahre ich einen kühlen Kopf, aber hier, wo ich persönliche Interessen berührt sah, bin ich von diesem Prinzip abgewichen. Ich wollte die Wahrheit erfahren... koste es, was es wolle!"

„Sie haben damit sich und der Sache, die Sie zu vertreten vorgeben, einen sehr schlechten Dienst erwiesen."

„Ich bedauere das tief und kann nur die Hoffnung aussprechen, daß Sie mir verzeihen werden. In Zukunft werde ich bei der Aufklärung des Falles legal, uneigennützig und nach besten Kräften mitwirken!"

*

image

ROGER LANDVILLE ERWACHTE mitten in der Nacht. Im Zimmer war es stockdunkel. Er war allein mit sich und dem unruhigen Hämmern seines Herzens.

War er wirklich allein? Atmete nicht jemand ganz in seiner Nähe?

„Hallo?" rief er halblaut. Er erschrak vor der eigenen Stimme.

Ich bin von Sinnen, sagte er sich. Wenn wirklich jemand im Zimmer sein sollte, ist er jetzt gewarnt!

Er fühlte sich versucht, die Hand auszustrecken, um die Lampe anzuknipsen, aber er fürchtete sich vor dem, was seine Augen dann erblicken mochten. Langsam wurde er ruhiger. Ich habe schlecht geträumt, dachte er. Dieses verdammte Haus mit seinen unheimlichen Geräuschen, mit seinen knackenden Dielen, seiner knisternden, flüsternden Tapete und dem Heulen im Kamin, geht mir auf die Nerven! Nur drei Zimmer von seinem entfernt hatte man die Mutter erschossen. Er merkte, daß ihm kalter Schweiß auf die Stirn trat. Vom Nachtschränkchen her leuchtete der kleine Reisewecker durch die Dunkelheit. Es war zehn Minuten nach ein Uhr. Plötzlich schrillte das Telefon. Er zuckte nervös zusammen. Was hatte das zu bedeuten? Jetzt um diese Zeit? Er gab sich einen Ruck und knipste das Licht an. Erleichtert atmete er auf, als er niemand im Zimmer sah. Dann griff er nach dem Telefonhörer und meldete sich.

Am anderen Ende der Leitung ertönte das Schluchzen einer Frau. „Bitte, Roger . .. bitte... du mußt sofort kommen!“

Er meinte, Kitty O'Conners Stimme zu erkennen und fragte unsicher: „Bist du's, Kitty?"

„Ja, Liebling. Du mußt mich sofort abholen. Ich halte es einfach nicht länger aus. Er hat mich geschlagen!"

„Patrick? Geschlagen?" entfuhr es ihm verwundert. „Das ist doch nicht möglich!"

„Wir hatten einen Streit. Das übliche, weißt du. Und da konnte ich plötzlich nicht mehr anders. Es kam ganz einfach über mich. Ich mußte ihm erklären, daß ich dich liebe, verstehst du? Es mußte endlich einmal gesagt werden! Und da . . . die Stimme wurde von einem Schluchzen unterbrochen, „hat er mich geschlagen!"

Roger biß sich auf die Lippen. Dieser Skandal hatte ihm gerade noch gefehlt!

„Bist du allein?" fragte er.

„Ja."

„Von wo sprichst du?"

„Von zu Hause."

„Wo ist Patrick?"

„Er ist einfach weggelaufen!"

„Wann?"

„Vor etwa zehn Minuten ..."

„Hat er den Wagen benutzt?"

„Ja."

„Warum rufst du erst jetzt an?"

„Ich... ich hatte nicht die Kraft, sofort mit dir zu sprechen. Ich mußte mich erst einmal ausweinen."

„Hat Patrick gesagt, was er zu tun beabsichtigt?"

„Nein..."

„Komisch", sagte Roger und schaute sich im Zimmer um. „Ich bin wach geworden, weil ich meinte, ein Geräusch gehört zu haben. Mit dem Wagen sind es von eurem Haus zu mir knapp fünf Minuten. Hältst du es für möglich, daß er hier ist?"

„Ich weiß es nicht. Er war ganz außer sich. Du mußt dich vor ihm in acht nehmen, Roger!" sagte sie ängstlich.

„Aber nein", beschwichtigte er sie. „Patrick ist nicht der Typ des rasenden, eifersüchtigen Ehemannes."

„Du hast ihn nicht erlebt! Er benahm sich wie ein Wilder. Ich bin noch völlig benommen. Wir hatten uns im Grunde doch gar nichts mehr zu sagen! Wir waren einander fremd geworden. Wie konnte er da nur so in die Höhe gehen, als ich ihm gestand, dich zu lieben?"

„Du bist ein Schäfchen", meinte Roger und war bemüht, den Ärger in seiner Stimme zu unterdrücken. „Hast du denn gar keine Phantasie? Kein Mann sieht und hört es gern, daß der beste Freund der eigenen Frau den Kopf verdreht!"

„Oh... ich habe mich gewiß schrecklich dumm benommen, aber ich konnte nicht anders! Ich bleibe keine Stunde länger in diesem Haus, Roger. Ich lasse mich von Patrick scheiden. Er hatte kein Recht, mich zu schlagen! Wirst du ... wirst du . .. ich meine, wirst du zu dem stehen, was du mir versprochen hast?"

„Aber klar, Baby! Ich gebe zu, daß ich mir den Verlauf der Dinge anders vorgestellt habe. Dieser plötzliche Bruch beschwört Komplikationen herauf, die mir zum jetzigen Zeitpunkt höchst ungelegen kommen."

„Aber du mußt doch auch an mich denken!"

„Natürlich, Liebling", tröstete er sie, obwohl er ärgerlicher war als zuvor. „Du tust mir schrecklich leid! Es war gemein von ihm, dich zu schlagen."

„Wann werden wir heiraten?"

„Das können wir doch um diese Zeit nicht am Telefon besprechen!" wich er aus. „Du mußt daran denken, was sich vor drei Wochen ereignet hat. Es würde einen Schatten auf den Namen Landville werfen, wenn ich so kurz nach dem tragischen Tod meiner Mutter eine Frau heirate, die einmal mit meinem besten Freund verheiratet war . . .“

„Worauf nimmst du mehr Rücksicht... auf die Leute, die uns nichts angehen, oder auf mich?"

„Das unterliegt doch gar keinem Zweifel, Liebling! Aber du bist jetzt erregt. Du verlangst nach Genugtuung. Das macht dich vielleicht ein wenig unbesonnen und... still!" sagte er plötzlich. „Ich rufe dich in ein paar Minuten wieder an. Ich glaube, es ist jemand an der Tür!"

Als er den Hörer auf die Gabel legte, sah er, wie sich die Türklinke langsam und lautlos nach unten bewegte. Dann ging die Tür auf. In ihrem Rahmen stand Patrick O'Conners. Er trug einen kurzen Trenchcoat, unter dem ziemlich enge, graue Tuchhosen sichtbar wurden. Die braunen Wildlederschuhe waren dreckverkrustet.

Langsam kam er näher. Beide Hände hatte er in die Taschen seines Mantels vergraben.

„Du hast mit ihr gesprochen, nicht wahr?" fragte er, ohne die Stimme zu erheben. Einen Schritt vor dem Bett blieb er stehen. „Gib es zu!"

O'Conners war ein großer, dunkelblonder Mann mit einem kantigen Gesicht und mittelbraunen Augen. „Wie kommst du ins Haus?" fragte Roger.

„Durch die Hintertür. Du hast mir oft genug demonstriert, wie sich der Riegel mit der Klinge eines Taschenmessers zurückschieben läßt."

Details

Seiten
160
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738913163
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377369
Schlagworte
kommissar morry stimme terrors

Autor

Zurück

Titel: Kommissar Morry - Die Stimme des Terrors